| Bernhard Brünjes:
FENG SHUI
Im Achimer Kreisblatt (einer Regionalzeitung)
vom 3.November 2001 war folgender Artikel zu lesen:
“Verdenerin in Malaysia besonders
erfolgreich
Feng Shui-Beraterin Oliva Maitra mit
Meisterdiplom / Bester Notenabschluss
VERDEN • Wer klassisches Feng Shui verstehen
und richtig anwenden will, muss die über Jahrhunderte in China entwickelten
Formeln erlernen, verstehen und vor allem anwenden können. Um sich
diese alte Wissenschaft anzueignen, ist es notwendig, chinesische Schriftzeichen
zu lernen, deren Kultur zu begreifen sowie eine Meisterprüfung abzulegen.
Wie jüngst Oliva Maitra, die als
Beraterin seit März 2000 den klassischen Weg des Feng Shui eingeschlagen
und jetzt in Malaysia mit der erfolgreich abgelegten Meisterprüfung
gekrönt hat.
Nach zwei Feng Shui-Beraterausbildungen
in Berlin und Köln musste sie während des neuntägigen Intensivseminars
erst weitere wichtige Formeln erlernen, um zum erweiterten Prüfungsmodul
bei einem der fünf Weltbesten noch lebenden Feng Shui-Großmeistern
in Malaysia zugelassen zu werden. Deshalb ist der Stolz besonders groß,
dass die gelernte Tischlerin und Innenarchitektin als jüngste Schülerin
unter 47 Teilnehmern aus 16 Ländern (und als einzige aus Norddeutschland)
das „Diploma of Feng Shui Mastery“ mit dem besten Notenabschluss aller
Absolventen erhalten konnte.
Im Gegensatz zu den so genannten „Delfinberatern“,
die zum Beispiel Delfine in eine bestimmte Ecke des Raumes drapieren und
damit Millionärsfreuden versprechen, läuft die Beratung nach
dem klassischen Feng Shui auf einer sehr persönlichen Ebene ab. Hier
wird der Mensch mit seiner Umgebung und dem gesamten Grundstück eines
Hauses einbezogen. Die erlernten Fähigkeiten versetzen den Feng Shui-Meister
in die Lage, verantwortungsvoll mit dem Wissen über die Persönlichkeit
des Kunden umzugehen und so die positiven Umstände zu schaffen, um
beispielsweise Häuser in Glück bringende Richtungen auszuloten
oder Einrichtungsmerkmale zu gestalten.
In Vorträgen, Workshops und Schulungen
will die frischgebackene Feng Shui-Meisterin Oliva Maitra vor dem Hintergrund
ihrer mehrjährigen vielfältigen Beratungserfahrung den Kunden
mit Feng Shui bei der Gestaltung des Lebensumfeldes helfen, damit „Chi“,
die Lebensenergie, gut fließen und positiv wirken kann.
Auch in anderen Gazetten taucht immer
wieder der Begriff Feng Shui auf.
„Im Bann des Drachen-Atems
Immer mehr Deutsche begeistern sich für
die Chinesische Wohnphilosophie Feng Shui. Nach deren Regeln werden Wohnungen
umgestaltet, Häuser gebaut, Firmen eingerichtet. Erklärtes Ziel:
Mehr Glück und Reichtum in allen Lebensbereichen.“
„Akupunktur für Räume
Günstiges Chi oder ungünstiges
Sha Chi – beim Leiten des Energieflusses gilt: Ist der Raum gesund, freut
sich der Mensch.
Feng Shui will die Menschen lehren, in
ihrer Lebens- und Wohnumgebung Glück, Wohlstand und Harmonie zu aktivieren.“
„Fernöstliche Harmonie
Anhänger des Feng Shui können
Haus oder Garten nach den Grundsätzen dieser über 5000 Jahre
alten chinesischen Lehre bauen lassen. Die Feng Shui Factory, ein Team
von Beratern, Innen- und Landschaftsarchitekten bietet ihre Dienste an.
Die ganzheitliche Lebenskunde Feng Shui
soll die Energie im Haus durch richtige Platzierung von Aquarien, Pflanzen
oder Lampen erhöhen und elektromagnetische Felder vermeiden helfen….Abgerechnet
werden die Leistungen nach der Honorarordnung für Architekten.“
„Erstes Feng Shui-Baugebiet
Niederbayrischer Ort berücksichtigt
Prinzipien chinesischer Lebenskunde
…Rathauschef Müller ließ
… das Baugebiet Massing-West auf Erdstrahlen und Wasseradern untersuchen.
Das Ergebnis: Eine 20 Meter breite „Störader“ wurde gefunden, die
diagonal durch das Gebiet fließt. Außerdem wurden ein „absoluter
Energiepunkt“ und ein „Nullpunkt“ entdeckt. „Auf dem Energiepunkt hätte
man früher wahrscheinlich eine Kirche gebaut“, glaubt Müller.
Die Bewohner dürfen sich heute auf eine Grünanlage freuen. Den
„Nullpunkt“ verwandelten die Planer in einen Teich, auf dem im Winter die
Kinder Schlittschuh laufen können.
Über die „Störader“ legten die
Architekten eine Straße, die von zwei anderen Straßen umkreist
wird. „So konnten keine geraden Straßen mehr entstehen“, erklärt
Müller die Ideen der fernöstlichen Philosophie.
…In Massing steht nun auch die Planung
eines Gewerbegebietes bevor – und auch dort wird Feng Shui berücksichtigt.“
Meines Erachtens bedarf es unbedingt
einer Definition des Feng Shui.
Die chinesische Lehre vom Feng Shui (übersetzt
mit Wind und Wasser) behauptet, dass man durch eine geeignete Platzierung
von Häusern und Gräbern in der richtigen Umgebung positive Energie
aufnehmen und Wohlstand, Glück und Zufriedenheit erlangen kann.
Durch starke lokale Variationen der Lehre
erscheint die Theorie uneinheitlich und teilweise widersprüchlich.
In der chinesischen Gesellschaft hat Feng
Shui u.a. die soziale Funktion, Konkurrenz und Konflikte auszudrücken
sowie soziale Ungleichheit und persönlichen Misserfolg durch externe
und unpersönliche Kräfte zu erklären bzw. zu legitimieren.
Die Wurzeln des Feng Shui liegen in der
chinesischen Ahnenverehrung und den damit zusammenhängenden Begräbnisritualen.
In China ist bis heute das „richtige“ Bestatten der Verstorbenen absolute
Voraussetzung für „gutes Feng Shui“ der Nachfahren.
Um Glück und Erfolg zu erlangen,
ist die Gunst der Ahnen von großer Wichtigkeit, denn die Verstorbenen
wirken auf das Schicksal der Lebenden ein.
Um hier den größten Effekt
zu erzielen, wird ein Geomant (s. Glossar) bemüht, der das geeignete
Grab am geeigneten Platz in einer geeigneten Ausrichtung ermittelt.
Bei Konfliktfällen kam es regelmäßig
vor, dass eine Partei die Ahnengräber der Gegenpartei aufspürte
und verwüstete, um so dauerhaftes Unglück über den Gegner
zu bringen.
In der chinesischen Ethik werden die Interessen
der Familie, der Gemeinschaft, über die Interessen des Einzelnen gestellt.
Im Feng Shui werden dagegen die Interessen des Einzelnen höher gewichtet.
Insoweit gilt Feng Shui als amoralisch.
Z.Zt. gilt es als opportun, sich mit allerlei
Übersinnlichem zu umgeben.
Es ist deshalb geradezu zwangsläufig,
dass seit einigen Jahren in Europa und Amerika zunehmend so genannte Feng
Shui-Experten ihre Dienste anbieten. Den Kunden werden vielfältige
Versprechungen gemacht. Die Verbesserung des Wohnumfeldes ist häufig
nur der Anfang. Es wird meistens versucht, die Verknüpfung dieser
asiatischen Lehre mit tradierten westlichen esoterischen Prinzipien zu
verknüpfen. Dabei werden jedoch klassische chinesische Vorstellungen
– sofern sie mit westlichem Denken oder dem westlichem Kulturkreis in Konflikt
geraten – einfach ignoriert.
Bei der Betrachtung der Rezeption des Feng
Shui im Westen fällt als erstes auf, dass der wesentliche Punkt des
in China praktizierten Feng Shui hierzulande völlig ignoriert wird:
es ist die Bedeutung der Ahnen.
Dass verstorbene Vorfahren Einfluss haben,
ist nicht kompatibel mit westlichen Vorstellungen. Demzufolge lässt
man einen Kernpunkt des Feng Shui in modernen westlichen Gesellschaften
einfach unter den Tisch fallen.
Auf den chinesischen religiösen Kontext
wird von Feng Shui-Ratgebern in einigen anekdotischen Bemerkungen eingegangen,
jedoch wird überwiegend vermittelt, dass es sich beim Feng Shui um
eine zu lernende „Technologie“ handelt, als deren Ergebnis Glück und
Reichtum verheißungsvoll gepriesen wird.
Gravierende Unterschiede zwischen fernöstlicher
und westlicher Tradition werden nicht für bedeutsam gehalten. Die
in der abendländischen Esoterik so beliebten Kristalle werden sorglos
als Feng Shui-Zubehör eingesetzt obwohl diese Mineralien im chinesischen
Kontext wegen ihrer scharfkantigen Struktur eher eine bedrohliche Bedeutung
haben. Elektrosmog und Erdstrahlen aus westlich esoterischen Vorstellungen
ergänzen die abendländische Fung Shui-Lehre.
Feng Shui wird auch als „ganzheitliches
System“ in Harmonie mit der Umwelt angepriesen. „Wenn man sich im Einklang
mit den kraftvollen Wirkungsweisen von Natur und Kosmos befindet, werden
Gesundheit, Wohlstand und Geisteskräfte davon profitieren.“ (S.Rossbach,
Feng Shui – Die chinesische Kunst des gesunden Wohnens)
Viele Feng Shui-Anhänger glauben,
dass sie an praktiziertem Umweltschutz teilnehmen. Das ist aber ein weit
verbreitetes Missverständnis. Es lassen sich in der Feng Shui-Lehre
keine Regeln finden, die auf einen besonders schonenden Umgang mit natürlichen
Ressourcen schließen lassen.
Das Bestechende an der Feng Shui-Lehre
scheint die Behauptung zu sein, dass etwas angeboten wird, was ganz exakt
und individuell für den konkreten Nutzer gestaltet wird und dann noch
als quasi Ausdruck einer höheren, kosmischen Ordnung verkauft wird.
Wer diesen Anspruch erfüllen zu können
vorgibt, wird mit Sicherheit sich mit wunderbaren Versprechungen in den
Bereich der offensichtlichen Täuschung und Irreführung begeben.
Die Theorie des Feng Shui klingt verlockend
und es ist verständlich, dass sich viele Menschen von ihr blenden
lassen.
Nach der Feng Shui-Lehre muss nicht ich
mich ändern, sondern ich muss meine Umgebung ändern. Veränderungen
an uns selbst und unserem Verhalten sind meistens mühsam, manchmal
schmerzhaft und immer langwierig. Dank Feng Shui ist damit jetzt Schluss.
Man flüchtet sich in die Überzeugung,
dass sich mystische Erkentnisse mit den physikalischen Gesetzen erklären
lassen. Die physikalische Energie setzt der Esoteriker mit der spirituellen
Energie gleich.
Das die „esoterische Energie“ nicht mit
physikalischen Gesetzen erklärt werden kann, zeigt sich spätestens
dann, wenn die „esoterische Energie“ in eine „gute“ sprich positive und
in eine „schlechte“ sprich negative Energie eingeteilt wird.
Als Ergebnis bleibt festzuhalten:
Die Beschäftigung mit esoterischen
Phänomenen bewirkt nicht selten einen übersteigerten Glaube an
extreme übersinnliche Ideen. Eine Persönlichkeitsentwicklung
kann negativ beeinflusst werden und sich auf den Alltag auswirken.
Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn esoterische
Therapien und Rituale zur Bewältigung scheinbarer Probleme angewendet
werden.
Mystische und magische Kräfte lassen
sich oft nicht kontrollieren. Von daher besteht die Gefahr, dass die Beschäftigung
mit fragwürdigen, übersinnlichen Phänomenen die persönlichen
Probleme verschärft.
Wer übersinnliche Ideen und Heilsvorstellungen
überbewertet, muss sich vor einer Verblendung hüten, die zur
Entfremdung vom Alltag, zu Realitätsverlusten und Wahrnehmungsverschiebungen
führen können.
Am besten heilt man Gefahren, die man zuvor
seiner Klientel eingeredet hat
oder
die esoterischen Geister, die man rief,
wird man nicht immer los!
Glossar:
Geomantie, Geomant
„…Auf die Existenz geomantischer Energielinien
(leylines), die die Erde in der Art eines Meridiansystems umgeben sollen,
gibt es keinerlei Hinweis. Der weitverbreiteten „Gaia-Hypothese“ des britischen
Chemikers James E.Lovelock, derzufolge diese Energielinien ein Netz „pulsierender
Adern“ darstellten, von denen der „lebendige und atmende Organismus Erde“
überzogen sei, kommt allenfalls allegorische Bedeutung zu; desgleichen
den vielfach kolportierten Behauptungen über die Existenz besonderer
„Kraftplätze“….Der von Geomanten angeführte „Beleg“ ist die
radiästhetische „Vermessung“ solcher Orte, zu denen auch Dome, Wallfahrtskirchen
und Klosteranlagen zählen, mit Wünschelrute oder Pendel.“
Quellennachweis
Gereon Hoffman
Feng Shui – Entstehung und Entwicklung
geomantischer Überzeugungen in China
Skeptiker – Zeitschrift für Wissenschaft
und kritisches Denken 4/98
Gerd Aldinger
Feng Shui in modernen westlichen Gesellschaften
Skeptiker – Zeitschrift für Wissenschaft
und kritisches Denken 4/98
Hugo Stamm
Achtung Esoterik – Zwischen Spiritualität
und Verführung
Pendo Verlag AG, Zürich
Colin Goldner
Die Psycho-Szene
Alibri Verlag, Aschaffenburg
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