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"Die merkwürdigen Bundesgenossen der Kulte"

Zum Tod von Louis J. West sein Vortrag gehalten in Bonn 1981:
Die Kulte als Problem der öffentlichen Gesundheit


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Impressum

Auf dem Foto:

John Clark und
Louis West

bei einem Kongress in Bonn im November 1981



(Anmerkung: West beschreibt hier die Situation von 1981 in den USA. Selbstverständlich haben sich dort wie hier Änderungen ergeben).


Buchauszug. Gescannt von Ingo Heinemann 12.1.99


Dr. Louis Jolyon West Anfang Januar 1999 im Alter von 74 gestorben.
Er war Professor und Direktor des Neuropsychiatrischen Instituts der Universität von Kalifornien, Los Angeles.
1981 hat er bei einem Kongress der AGPF den Vortrag gehalten.


Louis J. West *
* Professor und Chairman der Abteilung für Psychiatrie und Verhaltensforschung, Direktor des Neuropsychiatrischen Instituts der Universität von Kalifornien, Los Angeles.

Die Kulte als Problem der öffentlichen Gesundheit
(Cults: A Publik Health Approach)



Bezüglich der Organisationen, die als Kulte bezeichnet werden, besonders derer, für die das Wort "religiös" gebraucht wird, gibt es in der Öffentlichkeit zwei sehr verschiedene Vorstellungen. Die erste könnte man als "utopisch" beschreiben. Dies Wort vermittelt den Eindruck, daß es sich bei den Kulten um die Entstehung gesunder geistiger Gruppierungen handelt, gewissermaßen das Aufblühen neuer Religionen. Es schwebt uns dabei das Bild von Pilgergemeinschaften vor, die auf der Suche nach Wahrheit, innerer Erfüllung oder dem Sinn des Lebens eine Gruppe verwandter Seelen unter der gütigen Führung eines göttlich inspirierten Propheten, Gurus, Meisters oder pater familias gefunden haben; sie sind jetzt damit beschäftigt, für immer nur noch glücklich zu leben. Nur gelegentlich wird ihre Glückseligkeit etwas getrübt durch Erinnerungen an die arme, dem Untergang geweihte Welt, die sie zurückließen, oder die unbefugte Einmischung unerleuchteter, irregeleiteter Familienmitglieder und ihrer ungeheuerlichen Agenten, Deprogrammierer genannt. Glücklicherweise genügen der Reichtum und die Stärke des Kultes gewöhnlich, um die Komplotte dieser Außenseiter zunichte zu machen, da gegen ihre Anschläge die Gemeinschaft verwandter Seelen und ganze Batterien teuerer Anwälte aufgeboten werden können -selbstverständlich auch die Gesetze des Landes, die im allgemeinen die Interessen der Kulte schützen.
Die andere, diesem Bild diametral entgegengesetzte Vorstellung könnte man mit "höllisch" bezeichnen. Sie beschwört den Geist Dantes und seiner dem 14. Jahrhundert entstammenden Vision der Hölle. Wir sehen einen Ort, wo Männer, Frauen und Kinder an einen satanischen Meister gefesselt sind. Sie vertrauten in glücklicheren Zeiten auf ihn, glaubten seinen Versprechungen, aber versinken nun allmählich, kaum sichtbar, tiefer und tiefer in seinen Machtbereich und liefern ihren Besitz, ihre Kinder, ihren Körper, ja selbst ihre Seelen seinen dunklen geheimnisvollen Zielen aus. Mit Dante folgen wir ihnen an einen fernen Ort, wo Seufzer, Klagen und Wehgeschrei durch den sternlosen Äther hallen, so daß wir zunächst einmal weinen müssen. Wir hören, um in Dantes Sprache zu reden, ,,Worte des Schmerzes, Stimmen des Ärgers, laut und heiser (und mit ihnen das Klatschen von Händen), einen Tumult, der für ewig durch die Luft wirbelt, wie Sand im Wirbelwind". Über die Schreie der Verdammten würden wir vielleicht den Ruf eines Kindes hören: "Ich würde für Dich sterben, Vater". Dies waren tatsächlich die auf Tonband zu hörenden Worte eines Kindes in Jonestown, unmittelbar bevor es das Gift nahm: ein Echo aus dem Inferno eines 20. Jahrhunderts.

Ich habe das Kultphänomen in Amerika verfolgt, seit 1950 die "Dianetik" auftrat, ursprünglich als psychotherapeutischer Kult, der später zur Kirche der "Scientology" wurde. Meine momentanen Studien sind aber das Ergebnis von Nachforschungen auf verschiedenen Gebieten. Eine Untersuchung befaßte sich mit Hypnose und Bewußtseinsspaltung, die zweite mit sog. Gehirnwäsche und den Methoden, die im Koreanischen Krieg von Kommunisten bei gefangenen Soldaten der Streitkräfte der Vereinten Nationen angewandt wurden. Viele dieser Gefangenen verhielten sich unter dem Einfluß der im Lager angewandten Methoden unehrenhaft oder sagten sogar in einer Weise aus, die als Verrat angesehen wurde: Der Ausdruck "Gehirnwäsche" für die Form der Beeinflussung unter Zwang trifft für vieles gar nicht zu, und es war ein Teil meiner damaligen Aufgabe, zu untersuchen und genau zu analysieren, was in diesen Befragungen im Gefangenenlager durchgesickert war, was zu falschen "Bekenntnissen" über Bakterien- Kriegführung und anderen merkwürdigen Verhaltensweisen geführt hatte.
Meine dritte Aufgabe war die Untersuchung von Halluzinationen und die Wirkung halluzinogener Drogen. Die Ermittlungen über Halluzinationen führten zur Beschäftigung mit den Hippies, die zur Entspannung solche Drogen in großen Mengen zu sich nahmen, besonders in Kalifornien in den späten 60er Jahren (Anm. 1). Aus der Hippie-Bewegung gingen zahlreiche Kommunen hervor. Einige davon entwickelten sich zu Kulten. In einem anderen Aufsatz über die "Gegenkultur", den ich 1968 schrieb, sagte ich voraus, daß wir in den 70er Jahren eine starke Zunahme von Aktivitäten religiöser Kulte erleben werden, weil Drogengenuß zu schädlich sei, deshalb neue Formen religiöser Organisationen
 
 

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entstehen würden, um die Sehnsüchte der Enttäuschten aufzufangen. Ich habe seit 1966 einige Fälle verfolgt, erst in der Haight-Ashbury Umgebung, dann in ländlichen Kommunen und schließlich bei der Gefolgschaft Sun Myung Moons, L. Ron Hubbards, Maharaj Jis und Rajneeshs.

Mein Bild von den Kulten hat weder etwas mit Utopie noch mit Höllenvorstellungen zu tun. Ich hoffe, daß es objektiv und wissenschaftlich ist. Aber um objektiv zu bleiben, mußte ich die ganze Erfahrung, die ich in mehr als 33jähriger medizinischer und psychiatrischer Praxis gesammelt hatte, aufbieten. Ich möchte von vornherein klarstellen, daß es viele alte und neue religiöse Sekten gibt, die ich nicht als Kulte bezeichnen würde. Kulte werden am besten aufgrund ihrer autoritären Struktur identifiziert, nicht aufgrund des freundlichen Bildes, das sie nach außen bieten; sie sind zu erkennen an ihren Wertmaßstäben, die sich weitgehend gründen auf Macht, Geld und die uneingeschränkte Autorität des Führers anstatt auf menschliche Belange, wahre Wohltätigkeit und geistige Bereicherung der Anhänger; sie sind zu erkennen an ihrer Geheimnistuerei, ihren eifersüchtig bewachten Grenzen und ihren strengen Regeln im bezug auf Auskunfterteilung - was für gewöhnlich in scharfem Gegensatz steht zur Vorspiegelung von Offenheit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.

Die meisten Kulte haben zweifellos weder mit Utopie noch mit Hölle etwas zu tun. Vielleicht sind sogar die meisten verhältnismäßig harmlos. Aber bei allen besteht die Möglichkeit, tödliche Formen anzunehmen wie beim People's Temple; viele, die im Augenblick harmlos erscheinen, fügen ihren Mitgliedern und deren Familien bereits ernstliche Schäden zu, Schäden, über die die breite Öffentlichkeit nichts weiß.

Um es ganz objektiv zu formulieren, von der Perspektive der öffentlichen Gesundheit aus gesehen haben wir es im Augenblick mit einer Epidemie von Schäden durch Kulteinwirkung zu tun. Die Zahl der Kulte in den USA wird auf etwa 2.500 geschätzt, die meisten sind religiös, und sie sind natürlich nicht alle gleich.

Einige sind sehr klein, haben vielleicht nur 15, 30, 50 Mitglieder. An anderer Stelle (Anm. 2) habe ich diese Kulte von Kommunen unterschieden, deren es auch noch viele gibt. Nach meiner persönlichen Auffassung unterscheiden sich Kulte und Kommunen im wesentlichen in dreierlei Hinsicht:

1) Die Kulte haben fast immer einen starken charismatischen Führer, der eine Machtposition einnimmt; die Kommunen dagegen nicht.
2) Bei den Kulten ist anzunehmen, daß sie ein Manifest haben - ein Buch, eine Lehre, einen Kodex - der je nach Interpretation des Führers das Verhalten der Mitglieder durch verschiedene Regeln und Vorschriften bestimmt; in Kommunen findet man eher mystische Abhandlungen, Traktate über Astrologie und Ähnliches.
3) Die Kulte sind scharf umgrenzt durch Vorschriften, die klar definieren, wer hineingehört, wer nicht, und wer hinein- oder hinausgehen darf; Kommunen sind dagegen im allgemeinen offen für jeden, der kommen oder gehen will (oft von einem Schauplatz zum anderen).

Viele Kulte stellen eine beträchtliche Bedrohung der persönlichen Freiheit und des Wohlergehens ihrer Mitglieder dar. Diese Bedrohungen werden jedoch trotz aller Beweise für die im Namen der Religion verübten Vergehen beträchtlich heruntergespielt, vertuscht und verheimlicht. Die Möglichkeit dazu - die unsere Gesellschaft, zum mindesten in den Vereinigten Staaten, bietet - ist ein Teil der Voraussetzungen für die Ausbreitung dieser Epidemie.

Viele Informationen hat man erhalten durch Skandale in Zusammenhang mit Kulten - durch Aussteiger, Familien, Verwandte und Freunde von Opfern der Kulte, ferner durch direkte Untersuchungen. Es ist jedoch sehr schwierig, stichhaltige Tatsachen durch direkte Ermittlungen zu erhalten, weil die Kulte systematisch die Öffentlichkeit täuschen. Sie halten Material, das informieren könnte, zurück, verfolgen Kritiker, schüchtern ihre Mitglieder ein und beherrschen sie völlig; all dies, um einen freien Informationsfluß zu verhindern.

Manchmal bin ich verblüfft, wenn ich höre, wie ein Soziologe von einem Kult berichtet, den er besucht hat und wo er sah, daß die Mitglieder sehr glücklich und zufrieden waren. Es ist schwer zu glauben, daß eine solche Naivität bei wissenschaftlich geschulten Menschen möglich ist oder daß die Besucher nicht erkennen können, was hinter dem, was ihnen vorgeführt wurde, steckt. Ehemalige Kultmitglieder waren mutig genug zu sagen: "Aber begreifen Sie doch, ich war dort. Ich nahm an dieser Täuschung teil! Das Ganze war nur eine Schau, die wir inszenierten, um Außenseiter zu täuschen!" Der gutgläubige Soziologe erwidert höflich: "Sie sind kein guter Berichterstatter, weil Sie als früheres Mitglied voreingenommen sind. Selbst wenn Sie sechs oder sieben Jahre in der Kultgemeinschaft lebten, die bloße Tatsache, daß Sie ausgetreten sind, beweist, daß Sie voreingenommen sind. Deshalb ist Ihre Aussage wertlos".

Es ist schwer, wissenschaftlich zu arbeiten in einem Bereich, wo direkter Zugang und unmittelbare Beobachtung verboten sind. Auch so genügt das, was man jetzt weiß, um jeden vernünftigen Menschen zu überzeugen, daß das Kultphänomen ein wichtiges soziales Problem ist. Es gibt viele Menschen, die als Ergebnis ihrer Kultzugehörigkeit starben oder im Sterben liegen, die krank sind, gestört oder in ihrer Entwicklung gehemmt; sie werden ausgebeutet und mißbraucht; ihre Gesundheit leidet; man verlangt von ihnen, Unrecht zu tun, das vom Lügen ("himmlische Täuschung") bis zum Mord reicht. Ihr Leben und ihre Familien werden zerstört. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Lage ständig verschlimmert. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen betroffen sind. Ich habe Schätzungen gesehen, nach denen 2 bis 3 Millionen Amerikaner Kulten angehören. Aber selbst wenn man annimmt, daß es nur eine halbe Million ist! Wenn man annimmt, daß eine halbe Million Menschen in den Vereinigten Staaten eine mysteriöse Infektion haben, die beträchtliches Leiden verursacht, an der sogar einige sterben, und die eine ständig zunehmende Zahl von Menschen befällt. Würden wir hier nicht von einer Epidemie sprechen? Ich behaupte, ja!

Trotz solcher Beweise werden die Kulte jedoch von vielen verteidigt. Solche Menschen und Organisationen tragen zweifellos zu dem äußeren Ansehen von Respektabilität bei, hinter dem sich seltsame und häßliche Dinge abspielen. Einige dieser Verteidiger scheinen Romantiker zu sein. Sie projizieren in die Kulte einige ihrer Hoffnungen auf religiöse Reform hinein, auf geistige Wiedergeburt, Ablehnung des Materialismus, ja sogar die Hoffnung, den Gefahren des Atomzeitalters zu entgehen. Andere nehmen eine scheinbar pragmatischere Position ein, in dem sie alles Unrecht, das in den Kulten geschieht, abtun und darauf hinweisen, daß alles, was dagegen getan wird, die von der amerikanischen Verfassung garantierte Religionsfreiheit verletze.

Einige Verteidiger scheinen von charismatischen Kultführern und deren Vertretern mit Erfolg getäuscht worden zu sein. Viele Politiker gehören zu dieser Kategorie, merkwürdigerweise vielfach, nachdem der Kult geholfen hat, ihre Wahlkampagne zu finanzieren. Einige erklären, wie schon gesagt, daß sie einen Kult besucht haben und von dem, was sie sahen, beeindruckt waren. Andere sagen, daß sie jemanden kannten, der früher Drogen nahm, jetzt aber einem religiösen Kult angehört und gesund und glücklich ist. Dann gibt es auch noch die vielen Lehnstuhlphilosophen, von denen einige als Wissenschaftler oder Sozialhistoriker gelten, die die verhängnisvollen Wirkungen dieser Organisationen nie gesehen haben, die sich aber langatmig und mit penibler Sorgfalt über die Bedeutung der Kulte, etwa als "interessantes, neues Ferment in unserer heutigen Gesellschaft" auslassen.

An anderer Stelle habe ich die Anwerbemethoden der Sekten, das, was bei ihnen durchsickert, und die Methoden der Behandlung von Aussteigern erörtert (Anm. 3). An dieser Stelle würde ich gerne etwas mehr über die merkwürdigen Bundesgenossen der Kulte in den Vereinigten Staaten sagen, weil diese die Voraussetzung dafür schaffen, daß dieses Phänomen sich halten und weiterhin entwickeln kann. Da sind zunächst die Psychiater und Verhaltensforscher. Die meisten von ihnen wissen über Sektenprobleme direkt sehr wenig. Sie neigen dazu, anzunehmen, daß diejenigen, die in einen Kult eintreten, aus drei Gründen hineingeraten sein können: um Schwierigkeiten einer problematischen Familie zu entgehen, um Hilfestellung bei der Bewältigung der eigenen psychopathologischen Störungen zu erhalten oder sogar um eine Oase des Friedens in einer von Streß und Gewalt heimgesuchten Gesellschaft zu finden. Es ist leicht, solche Theorien aufzustellen, wenn man nicht durch die Kenntnis von Tatsachen belastet ist. Einige Kollegen scheinen aufrichtig zu glauben, daß sogar die sonderbarsten Kulte irgend einem guten Zweck dienen können, etwa als therapeutische Gruppen oder als Zuflucht für neurotische oder schizoide junge Menschen. Wenn man diejenigen, die sich Kulten anschließen, so charakterisiert, dann betreibt man in Wirklichkeit etwas, was ,,Die-Schuld-beim-Opfer-Suchen" genannt wird. Wenn man für die Erklärung eines Verbrechens in erster Linie das Opfer heranzieht, braucht man denjenigen, der es verübt, nicht unter die Lupe zu nehmen. Was diese Kollegen außer acht lassen, ist die Macht der Methoden, die von den Sekten erfolgreich angewandt werden, um normale junge Menschen anzuwerben, sie in der Kultgemeinschaft zu halten und zu beherrschen. Man könnte fast den Ausdruck ,,versklaven" verwenden, weil für diese Art der Ausbeutung und Beherrschung in unserer Gesellschaft keine genauere Analogie zu finden ist.

Es gibt Leute, die abstreiten, daß es solche Praktiken gibt, sogar jetzt noch, wo umfangreiches Material vorhanden ist, das die Möglichkeit beweist, daß Menschen freiwillig ein Leben in Knechtschaft oder Sklaverei wählen: nicht unbedingt durch Hypnose (obwohl solche Methoden angewandt wurden); nicht notwendigerweise durch physischen Zwang (obwohl auch dieses Mittel angewandt wurde); nicht unbedingt durch Bombardieren mit Liebesbezeugungen oder durch monoton sich wiederholende Aufgaben oder irgendeine der anderen bekannten Methoden der Sekten (obwohl von all diesem Gebrauch gemacht wird); sondern durch alle möglichen Methoden, denen gemeinsam ist, daß sie Information so manipulieren, daß sie das Verhalten der Mitglieder beherrschen können. Aber meine naiven Kollegen tun diese Tatsachen immer wieder mit bloßem Achselzucken ab, ganz gleich ob es sich um Überredung unter Zwang oder Gruppendynamik handelt oder ganz allgemein um die Macht situationsangepaßter Methoden zur Beeinflussung von Stimmung, Denken, Wahrnehmung und Verhalten. Sie nehmen die Tatsache einfach nicht zur Kenntnis - bis eines ihrer eigenen Kinder im Netz eines Kults gefangen ist. Dann ändern sich, wie ich beobachtet habe, ihre Ansichten sofort.

Die anderen seltsamen Bundesgenossen sind die Nachrichtenmedien. Auf Mißstände in den Sekten wird nur gelegentlich eingegangen. Nur bei schrecklichen Skandalen machen die Zeitungen Wirbel. Der Tod von 913 Menschen in Guyana, so etwas ist wirklich berichtenswert! Auch wenn jemand im Briefkasten eine Klapperschlange findet: das ist eine Sensation! Sonst erscheint in den Nachrichten nichts. Vor kurzem folterten und mordeten Angehörige eines Kults ein 1 7jähriges Mitglied, weil sie das Mädchen für eine Denunziantin hielten; darüber hat kaum jemand etwas gehört; die Medien nahmen davon praktisch keine Notiz.

Im Fernsehen und Radio wird sehr wenig über Religion berichtet, es sei denn über Persönlichkeiten wie den Papst. Was in den Zeitungen auf den Seiten für religiöse Nachrichten steht, ist im Grunde zu vergleichen mit Nachrichten aus dem gesellschaftlichen Leben; es sind keine Nachrichten, sondern ist im allgemeinen das, was religiöse Gruppen die Zeitungen zu drucken bitten. Im großen ganzen sind Medien Geschäftsunternehmen. Sie wollen Organisationen nicht verärgern, an deren Werbung sie verdienen oder die ihnen eine große Zahl Subskribenten verschaffen. Fernsehdirektoren und Nachrichtenredakteure können durch Androhung von Prozessen eingeschüchtert werden. Es ist vorgekommen, daß Bücher, die Sekten bloßstellen, nie veröffentlicht wurden oder von einem Verleger, der Angst bekam, zurückgezogen wurden, nachdem der Verkauf bereits begonnen hatte. Es gibt Beispiele dafür, daß TV- oder Radio-Programme über Sekten, die gemacht wurden, nie freigegeben wurden, weil sich Sektenmitglieder beschwert hatten, als sie von der bevorstehenden negativen Publizität hörten.

Der dritte Kreis seltsamer Bundesgenossen kommt aus der Regierung und der Justiz. Ohne auf Details einzugehen, lassen Sie mich nur einfach sagen, daß die Parlamente und Gerichte der Vereinigten Staaten sich weiterhin wenig um die Kulte kümmern, und ich habe nicht bemerkt, daß die Situation in Europa viel besser ist. Wenn die Gesetzgeber oder Personen, die für die Durchführung der Gesetze verantwortlich sind, versucht haben, etwas zu tun, mußten sie für ihre Karriere, ja ihre persönliche Sicherheit fürchten. Ein Generalstaatsanwalt in Kalifornien versuchte kürzlich, Nachforschungen über die Scientology-Kirche einzuleiten. Die Kirche setzte prompt eine Operation ,,Snapper" in Gang, eine Hetzkampagne mit zahlreichen falschen Behauptungen gegen ihn; eine Frau wurde sogar veranlaßt, ihn fälschlicherweise zu beschuldigen, daß er der Vater ihres ungeborenen Kindes sei. Ein Mitglieder des amerikanischen Kongresses, der mit Kulten hinreichend befaßt war, um in einem besonderen Fall die Situation persönlich zu untersuchen, zahlte mit der höchsten Sühne, dem Tod. Das war Leo Ryan aus Kalifornien, der in Guyana von Mitgliedern der People's Temple-Sekte erschossen wurde.

Eine vierte Kategorie von Bundesgenossen der amerikanischen Kulte sind die Kreise, die für die Freiheiten der Bürger eintreten. Die American Civil Liberties Union (Vereinigung zur Aufrechterhaltung der bürgerlichen Freiheiten) ist eine schon lange bestehende, idealistische Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, immer die Rechte des Einzelnen gegen die Macht der Gruppen zu schützen, besonders wo eine solche Macht durch die Regierung vertreten wird. Aber hier ist einiges vorgekommen, was seltsam ist. Wir erleben, daß die ACLU sich auf die Seite der Kulte stellt, offenbar weil man ihr ein vollkommen falsches Bild andrehte. Diese stellt die armen, aufstrebenden neuen Religionen, die nur Gott suchen, als Opferlamm eines reichen, gutorganisierten Konsortiums mächtiger traditioneller Religionen, reaktionärer Elternorganisationen und schikanöser Regierungsstellen dar. Das steht in scharfem Gegensatz zu der Wirklichkeit, die ich jahrelang beobachtet habe. Es sind nicht die zerbrochenen Familien, sondern vielmehr die Kulte, die die Macht, das Geld, die Anwälte, die Organisation und den Rekord in der Kunst der Einschüchterung haben. Die reichen, mächtigen Kirchen und die Justizbehörden haben im allgemeinen dazu beigetragen, die Kulte zu schützen, anstatt sie anzugreifen. Tatsächlich sind Opfer nicht die Kultführer, sondern die ausgebeuteten Anhänger, die früheren Mitglieder, die Schaden genommen haben, die Familien, die ein Kind verloren haben. Diese Menschen sind verstreut, gering an Zahl und Vertretung nach außen, kämpfend um die Befreiung derer, die sie lieben und die in einer unheimlichen Knechtschaft gefangen bleiben. Natürlich mag es sich bei all dem weniger, als es schien, um fehlgeleiteten Idealismus auf Seiten der Vertreter der Bürgerfreiheit handeln. So erfuhr ich z. B. kürzlich, daß ein prominentes Vorstandsmitglied der ACLU, ein Anwalt, der den Kampf um den Schutz der Kulte führte, privat (für beträchtliche Honorare) die Hare Krishna-Gruppe vertrat und vielleicht ebenso andere Kulte. In anderem Zusammenhang würde dies als Interessenkonflikt bezeichnet werden.

Der fünfte und seltsamste Bundesgenosse der Kulte ist die Gemeinschaft der etablierten Religionen. In Amerika haben sie wiederholt gemeinsame Sache mit den Kulten gemacht, und zwar immer, wenn Gesetze eingebracht und diskutiert wurden, die die Sekten einer öffentlichen Prüfung oder Kontrolle, besonders was ihr Eigentum und Finanzgebaren anbelangt, unterzogen hätten. Es ist mir peinlich, andeuten zu müssen, daß viele religiöse Führer sehr ähnlich sein können wie Ärzte, die privat die Nichtfachleute oder Quacksalber kritisieren, sich jedoch öffentlich nicht gegen sie stellen. Doch die organisierten Religionen sind sogar noch weiter gegangen in ihrer Haltung gegenüber den Kulten; sie haben aktiv gemeinsame Sache mit ihnen gemacht oder sie öffentlich in einer Reihe von schwerwiegenden Fällen unterstützt. Ich nenne ein Beispiel: Innerhalb einiger Monate nach dem Massaker in Jonestown wurde ein neues Gesetz über öffentliche Ermittlungen gegen Religionen in Kalifornien (wo die meisten Opfer des ,,People's Temple" gelebt hatten) verabschiedet. Dieses Gesetz wurde mit großer Unterstützung nicht nur der mächtigen Sekten, sondern auch der meisten größeren Organisationen im Staat verabschiedet. Das neue Gesetz hat die Durchführung jeglicher Art von Ermittlungen über das, was innerhalb einer Organisation, die sich als religiös bezeichnet, vorgeht, noch erschwert. Wenn das Gesetz vorher in Kraft gewesen wäre, hätte Jim Jones nicht aus den Staaten nach Guyana zu fliehen brauchen: Dann hätten wir das Massaker von Jonestown in Kalifornien anstatt in Südamerika haben können.

Als ich versuchte, dieser merkwürdigen Gemeinsamkeit zwischen den Sekten und den angesehenen, traditionellen Religionsgemeinschaften auf den Grund zu gehen, hat ein höchst beunruhigender Gedanke mich in steigendem Maße belastet, daß nämlich Geld als mysteriöser Faktor eine Rolle spielen könne. Könnte es sein, daß die Kirchen solche Angst haben, daß ihre Steuerfreiheit bedroht oder Einsicht in die Art und Weise, wie die Kollekten der Gläubigen verwendet werden, verlangt wird, daß sie lieber gemeinsame Sache mit Schurken und Dieben machen?

Es kann sein, daß sich die Dinge auf diesem Gebiet bessern. So haben z. B. die Geistlichen, die kürzlich an einer Versammlung röm.-kath. Bischöfe in den Vereinigten Staaten teilnahmen, vorgeschlagen, die Geldangelegenheiten aller römisch-katholischen Kirchen in den Vereinigten Staaten zur Überprüfung freizugeben. Wenn diese Forderung auch auf die Sekten angewendet würde, würde sich ihre Lage völlig verändern. Es könnten alle möglichen Aktivitäten ans Licht kommen, von bloßen Korruptionsfällen bis zu schweren Verbrechen, und das würde ihren wahren Charakter als Gruppen, die von einflußreichen Eliten begünstigt werden, enthüllen, ein Bild, das weit entfernt ist von den unschuldigen Religionen, als die sie sich ausgeben.

Lassen Sie mich jetzt auf das Sektenwesen als Epidemie zurückkommen und eine neue Möglichkeit vorschlagen, die Öffentlichkeit zu schützen, ein Schutz, von dem ich am meisten verstehe: Ein medizinisches oder öffentliches Gesundheitsmodell. Im öffentlichen Gesundheitswesen sprechen wir von drei Arten der Vorbeugung: einer primären, sekundären und tertiären Vorbeugung. Die primäre Vorbeugung schaltet die Ursachen einer Krankheit oder ungesunder Verhältnisse aus. Die sekundäre Vorbeugung schreitet ein; sie verhindert die Verschlimmerung der unerwünschten Zustände. Der dritte Schritt sucht den Schaden zu beheben und die Opfer vor weiteren Schäden zu bewahren.

Der offensichtlich wesentlichste Einzelfaktor, der unsere Epidemie vergrößert, ist der Protektionismus unter dem Aushängeschild Freiheit:
Religionsfreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Freiheit von Regierungseinmischung. Ich habe Definitionen verwendet, die die Unterscheidung von Kulten gegenüber echten religiösen Sekten verbürgen. Doch anstelle einer Diskussion über Sprachbedeutung möchte ich mich lieber fragen - innerhalb des medizinischen Modells -, wie man bösartige Zellen im menschlichen Körper von gesunden zum Zwecke der Behandlung unterscheiden kann. Eine gute Methode zur Krebsheilung besteht darin, eine Medizin zu finden, welche die bösartigen Zellen tötet, die gesunden aber nicht angreift. Was wäre die Wirkung eines Vorhabens oder einer Verfahrensweise, die - von der Gesellschaft auf Organisationen, die sich religiös nennen, angewandt - keine ungünstige Wirkung auf echte Religionen hätte, die aber für die falschen, nämlich die Kulte, tödlich wäre? Wie könnte eine solche ,,Sozialmedizin" verschrieben werden?

Bei der Betrachtung dieses Problems scheint es mir, daß auf der anderen Seite der Freiheitsmünze ,,Verantwortung" steht. Freiheit ohne Verantwortung schlägt rasch in Chaos, Anarchie um; und die größte Bedrohung der Freiheit, die Herrschaft des Pöbels, endet in neuer Tyrannei. Angenommen, wir definieren die Verantwortung als den Punkt bei allen Zellen, wo sich das Molekül ,,soziale Ausrichtung" anbinden soll:
Bösartige Zellen (Scheinreligionen) würden dies nicht überstehen; gesunde Zellen (glaubwürdige Religionen und gemeinnützige Organisationen) würden nicht geschädigt. Sie würden sogar gedeihen, weil sie Teil eines gesünderen Gesamtkörpers oder politischen Körpers wären.

Aber bevor wir uns besonderen öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen (der Vorbeugung) zuwenden, müssen wir die Verantwortung der Gesellschaft hervorheben, Untersuchungen des Problems zu unterstützen. Wir müssen bessere Möglichkeiten haben, diese Epidemie ebenso wie die Wirkungen der Maßnahmen, die wir dagegen ergreifen, ständig zu beobachten und zu kontrollieren. Die Gesellschaft sollte in diese Untersuchung investieren. Ich habe Untersuchungen auf diesem Gebiet durchgeführt und habe anderen geholfen, das gleiche zu tun, doch nie mit irgendwelcher öffentlichen Unterstützung oder mit Regierungsgeldern. Einige Unterstützung kam von privaten Geldgebern oder von Familien-Initiativen. Einige Forscher haben ihre Arbeit aus eigener Tasche bezahlt. Tatsächlich ist die Gesellschaft überhaupt noch nicht auf die Idee gekommen, man müsse solche Untersuchungen betreiben, obwohl Untersuchungszentren wie Pilze überall hervorschießen würden, wenn wir eine infektiöse Krankheitsepidemie hätten, die auch nur den Bruchteil der tödlichen Gefahr dieser Epidemie aufwiese.
 
 

Die verschiedenen Stadien der Vorbeugung

1. Primäre Vorbeugung

Für jede der drei Vorbeugungsphasen gibt es vier Methoden: Ich beginne mit der primären Phase, weil sie die wichtigste ist. Bei der Sekten-Plage bedeutet primäre Vorbeugung die Stärkung der Gesellschaft gegen sie.
 

A. Erkennung

Das wichtigste im Rahmen der Erstvorbeugung ist das Erkennen der Natur und des Ausmaßes des Problems. Dies kann nur dadurch erreicht werden, daß man die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit weckt. In Deutschland tun Sie das auf dieser Veranstaltung. In USA jedoch haben wir noch nicht einmal den Anfang zu dem, was Sie hier tun, gemacht, und selbst hier tun Sie noch nicht genug.
 

B. Religiöse Programme, die Jugend anzusprechen

Viele der anerkannten Religionsgemeinschaften sind bequem und selbstzufrieden geworden und beschäftigen sich vor allem mit der materiellen Situation der Kirche, anstatt tatkräftig den Idealismus der Jugend anzusprechen. Ich bin kein Verfechter des Religionsunterrichts in den Schulen. Es sollte die Verantwortung der Kirchen selbst sein, der Jugend die Werte der Religion zu vermitteln und ihnen wirkliche Religionsgemeinschaft zu geben. Solche Erfahrungen werden die Jugendlichen ohne Zweifel weniger anfällig gegenüber unechten, nur oberflächlich ansprechenden Alternativen - Kulten - machen, die sich als Religion ausgeben.
 

C. Die Wiederherstellung traditioneller Familienwerte

Es stimmt, daß Familien in Not sind. Man kann nicht einfach sagen, die Lösung des ganzen Sektenproblems bestehe einfach darin, bei den Familien anzusetzen. Im Rahmen der Erstvorbeugungsmaßnahmen gibt es aber vieles, womit man den Familien helfen könnte. Die Regierungen könnten z. B. einmal sehr genau einige Themen ins Auge fassen wie Steueranreize, welche mehr der Erhaltung als der Auflösung von Familien dienen. Es gibt in den USA (vielleicht auch in Deutschland) viele soziale Faktoren, die sich gegen Familienzusammenhalt zu stellen scheinen. Und Sekten sind nicht die alleinige Folge solcher Desintegration. Die zunehmende Gewalttätigkeit, der Drogenmißbrauch, Verbrechen und sonstige Straftaten lassen sich auf Schwächen in der Familie zurückführen. Wir müssen unter allen Umständen die Werte einer gesunden Familie stärken und wieder herstellen.
 

D. Überblick über die Risikofaktoren

Wie überblicken wir die Risikofaktoren als Teil einer Erstvorbeugung auf dem Gebiet des Gesundheitswesens? Wir kontrollieren! Wie wissen wir, ob es gefahrlos ist, in einem Restaurant zu essen, so daß wir nicht vergiftet werden? Ein dazu ausgebildeter Kontrolleur nimmt das Essen unter die Lupe! Das tun wir, weil es die Gesellschaft verlangt. In der Tat sind die Kontrollen über viele Organisationen oder Einzelpersonen, die vorgeblich für das körperliche und geistige Wohl der Bürger sorgen, gesetzlich verankert. Das ist erst Vorbeugung auf dem Gebiete des öffentlichen Gesundheitswesens. Sogar Privatkrankenhäuser müssen regelmäßig kontrolliert werden. Ich kenne keine verantwortungsbewußte religiöse Vereinigung, die auch nur die geringste Einwendung gegen vergleichbare Kontrollen machen würde. Die Kulte allerdings würden solchen Überwachungen weniger standhalten können und ihnen widerstehen.

Ich fasse zusammen: Erstvorbeugung in diesem Modell umfaßt Erkennung, religiöses Ansprechen, Wiederherstellung der Familienwerte und Überblick über Risikofaktoren.
 
 

II. Sekundäre Vorbeugung

Die im Folgenden besprochenen Vorbeugungsmaßnahmen befassen sich mit Forderungen, die meines Erachtens den Kulten ohne weiteres von der Gesellschaft unmittelbar auferlegt werden können. Diese notwendigen Maßnahmen werden auf lange Sicht wie ein Antibiotikum wirken: nämlich eine spezifische Wirkung auslösen auf das Gefährliche oder Kranke, dabei aber die Gesundheit dessen, was wir schützen wollen, bewahren.
 

A. Offenlegung

Dies bedeutet, daß jede Organisation, die behauptet, Dienste irgendwelcher Art, auch auf geistigem Gebiet, anzubieten, gesetzlich verpflichtet wird, im Vorhinein alles, was in der Teilnahme oder Mitgliedschaft eingeschlossen ist, offenzulegen. In der Medizin nennen wir das: Einverständnis aufgrund voller Information. Solch ein Vorgehen könnte sehr wohl zur Forderung für jede Organisation (wie z. B. eine religiöse Gruppe) erhoben werden, die Sondervorteile im öffentlichen Leben, in bezug auf Steuern oder irgendetwas anderes erwartet. Es sollte der Nachweis verlangt werden, daß die Offenlegung stattgefunden hat, bevor die Mitgliedschaft angeboten oder vollzogen wurde. Wir wissen, wie schwer es ist, Jesuit zu werden. Ich versichere Ihnen, daß es ebenso schwer ist, Jude zu werden oder ein Mitglied der Episkopalkirche. Es ist jedoch gar nicht schwierig, Moonie zu werden. Das geschieht gewöhnlich, bevor der Kandidat auch nur ahnt, wie es zustande kam. Die meisten echten Religionsgemeinschaften, die den Menschen geistige Erfüllung versprechen, versichern sich vorher, daß diese genau wissen, was von ihnen verlangt werden wird, welche Verantwortung sie haben werden. Nicht so die Kulte!
Es ist interessant, daß viele Kulte ihre Segnungen als gesundheitsfördernd ausgeben. Ich bestehe lediglich darauf, daß die Kultwerber ebenso wie die Ärzte alle Risiken für die Gesundheit, die ein Verfahren - oder die Mitgliedschaft - mit sich bringen kann, erklären müssen, wenn sie versprechen, sie würden den Betreffenden gesünder machen. Bei einer solchen Grundsatzregelung müßte der fröhliche, lächelnde, sauber wirkende junge Mensch (oft vom anderen Geschlecht), der auf der Straße auf Sie zukommt, mit der Frage: Würden Sie gern zu mir kommen und Freunde treffen mit gleichen Interessen, wie Sie und ich sie haben? dem Angesprochenen ein Blatt geben auf dem steht: ,,Dies ist eine Einladung zum Besuch und zum Beitritt in die Vereinigungskirche. Wenn Sie eintreten, wird folgendes von Ihnen verlangt..." Unter anderem schließt die Liste ein: Zölibat bis drei Jahre nach der Eheschließung mit einem Partner (vielleicht einem völlig fremden), der von Sun Myung Moon bestimmt worden ist.
 

B. Finanzgebaren

Dies bedeutet Rechenschaft über eingegangene Gelder ablegen. Die Kirchen verwenden ihre Geldspenden für karitative Zwecke - für die Verbesserung der Lebensweise und des Wohlergehens ihrer Mitglieder, der Gemeinde, für echte Liebeswerke usw. Es gibt keinen Grund für Angst vor dem Rechenschaftsbericht über diese Ausgaben. Ich kenne viele verantwortungsbewußte Amtsträger in der Geistlichkeit, die seit Jahren sagen, die Kirchen sollten für alle jene Aspekte ihrer Arbeit, die nicht streng karitativ sind, Steuern zahlen. Wenn eine Kirche ein Gebäude besitzt und dafür Feuerwehr und Polizeischutz und andere von der Steuer getragene Dienste genießt, warum sollte diese Kirche nicht mit Hilfe ihres Einkommens ihren Anteil an den Kosten bezahlen? Ausgaben für karitative Zwecke sollten gewiß steuerfrei sein. Wenn es jedoch das Ziel der Kirche ist, ihrem Führer eine Yacht, Juwelen oder eine Flotte von Rolls-Royce-Wagen zu kaufen, dann hat die Gesellschaft das Recht, dies zu wissen, und dann sollte Rechenschaft darüber abgelegt werden.
 
 

C. Entfernung aus dem gefährdeten Milieu

Hier handelt es sich um die wichtige, aber delikate Frage der Loslösung eines Mitglieds aus der Sektengemeinschaft für die Dauer einer objektiven Überprüfung. Wenn man diesen Vorschlag betrachtet, als wäre er eine Maßnahme der Gesundheitsbehörde, dann bedeutet sie keine Bedrohung der echten Religionen. Mit einfachen Worten: Sollte eine vertrauenswürdige Person oder Gruppe (z. B. ein Verwandter oder eine Familie) Grund haben, um die Gesundheit oder das Wohlergehen eines Sektenmitglieds (bzw. eines Kirchenmitglieds) besorgt zu sein, dann könnte das Mitglied aus der Organisation für kurze Zeit herausgeholt werden, um eine Prüfung der jeweiligen Situation durch eine objektive Instanz, wie ~. B. ein Gericht, zu ermöglichen. Dieser Eingriff brauchte nicht unbedingt die Form einer Vormundschaft anzunehmen, die den Beweis erfordert, daß das Sektenmitglied unzurechnungsfähig ist. Notwendig wäre lediglich, vernünftige Gründe für die Sorge um seine physische und psychische Gesundheit vorzubringen. Welche Gefahr würde das für eine lutherische Kirche bedeuten? Nehmen wir an, ein Jugendlicher wäre bei Einkehrveranstaltungen der episkopalen oder katholischen Kirche und seine Eltern dächten: ,,Wir sorgen uns um ihn, wir möchten ihn zurück haben". Glauben Sie, die Kirche würde den Eltern die Auskunft verweigern, wo ihr Kind sich befindet, oder sich weigern, das Kind heimzuschicken? Die Gesellschaft muß zur Kenntnis nehmen, daß es jetzt Organisationen und Umstände gibt, in denen der einzelne Mensch durch Gruppen gefährdet ist. Deshalb muß die Gesellschaft die Verantwortung für den Schutz der so Gefährdeten übernehmen, indem sie sie aus der fragwürdigen Situation herausholt, bis Sicherheit - und wirkliche Entscheidungsfreiheit - garantiert ist.
 

D. Wiedergutmachung

Dies ist vielleicht das allerwirksamste Vorgehen. Es greift auf die Verbraucherschutzmethoden zurück und geht so vor sich: Wenn ich nach Verlassen einer Organisation, der ich bisher angehört habe, merke, daß ich als Folge der Mitgliedschaft geschädigt wurde, dann sollte ich das Recht haben, die Organisation wegen der erlittenen Schädigung zu verklagen. Um Rückvergütung zu erreichen, müßte ich Beweise vorbringen. Die Beweisführung erfordert Nachforschungen, Zeugen und Gerichtsverfahren. Nehmen wir nun an, jemand habe sich entschlossen, die römisch-katholische Kirche zu verklagen, weil er vom vielen Knien Beschwerden bekommen habe. Die Schädigung kann nicht eingeklagt werden, da der Betreffende Kissen hätte benutzen können oder weil die Kirche ihn nicht ausgeschlossen oder bestraft hätte, wenn er nicht gekniet hätte. Nehmen wir jedoch an, jemand würde die Vereinigungskirche anklagen, weil sie einen nicht vertretbaren Einfluß (,,undue influence", ein Grundsatz, den es im amerikanischen Recht bereits gibt) auf sein Leben ausgeübt hat, was Verlust des Einkommens, Eigentums, der Stellung oder Gesundheit zur Folge hatte, wenn er außerdem vorträgt, daß bei diesem Einfluß Täuschung im Spiel war und er nicht vorher volle Information erhielt, auf die seine Zustimmung aufgebaut werden konnte, dann könnte eine solche Rechtslage sehr wohl zur Wiedergutmachung aufgrund des Zivilrechts führen. Genau an dem Tag, an dem die erste Gerichtsklage dieser Art zu einem Schadenersatz von Seiten der Kulte führte, würde die Epidemie der destruktiven Kulte in der westlichen Welt nachzulassen beginnen. Innerhalb eines Jahrzehnts würde sie weitgehend verschwunden sein.
 

III. Tertiäre Vorbeugung

Tertiäre Vorbeugung ist eigentlich Nachsorge, die eintritt, nachdem der Schaden bereits geschehen ist.
 

A. Entsiegelung

Die Teilnahme an der Herausführung von Menschen aus den Kulten ist ein Weg zur Gesundung früherer Opfer. Die Rettung von Menschen aus der Gewalt der Kulte ist jedoch mit Risiken verbunden. Dies bringt mich zu der Frage des ,,deprogramming". Ich trete nicht für Entführungen ein. Ich frage mich - und Sie -, was ist schief gelaufen in einer Gesellschaft, in der Eltern ihre eigenen Kinder entführen müssen, aus dem verzweifelten Wunsch heraus, sie zu retten? Viele Familien - normale gesunde Familien - sind in ihrer Verzweiflung bis zu dem Punkt getrieben worden, ihre eigenen Kinder mit Gewalt aus den Kulten zu holen und sie zu einer intensiven Diskussion über die Praktiken der Kulte und harte Tatsachen über deren Führung zu zwingen. Ungefähr 90% derer, die auf diese Weise zurückgeholt worden sind, gehen nicht mehr zu den Kulten zurück, obwohl sie es gewöhnlich nach ein paar Tagen oder Wochen könnten. Etwa 10% gehen zurück. Wenn sie es tun, werden sie oft von den Kulten dazu veranlaßt, ihre Familie einzuschüchtern oder sie sogar vor Gericht zu bringen. Eine Reihe von Eltern in den USA ist als Folge solcher Rettungsversuche der Kindesentführung (kidnapping) beschuldigt worden. Sie werden jedoch fast nie verurteilt. Wenn es um die Frage nach der kriminellen Absicht geht, weisen die Geschworenen die Anklage auf Entführung zurück. Trotzdem bleiben die Verfahrenskosten, die Aufregung der Rettungsaktion und die fürchterlichen Störaktionen, die die Familien anschließend oft durchzumachen haben. Ohne Zweifel sollten wir mehr tun und früher handeln, um solche Rettungsaktionen und zwanghaften Deprogrammierungen unnötig zu machen.
 

B. Rehabilitierungsberatung

In den Vereinigten Staaten ist die Rehabilitierungsberatung (manchmal auch ,,freiwilliges deprogramming" genannt) von Leuten, welche die Kulte verlassen, eine sehr wirksame legale Behandlungsweise. Die meisten dieser Personen wurden aus dem Kult nicht mit Gewalt herausgeholt, sondern haben sich irgendwie selbst abgesetzt oder wurden von der Gruppe hinausgeworfen, besonders wenn sie krank wurden. Die ganze Frage der Rehabilitation sollte ein Gewissensanliegen der Gesellschaft sein. Wie steht es um all die Kultmitglieder, die keine Familien hilfsbereit zur Seite haben? Wie steht es um diejenigen, deren Familien nicht wohlhabend genug sind, um die Kosten der Beratung zu bezahlen? Hier stoßen wir auf Vernachlässigung des sozialen Verantwortungsbewußtseins. Das Problem ist da, die Hilfesuchenden sind ebenfalls da. Rehabilitationsberatung sollte als ein erster Schritt der tertiären Vorbeugung vorgesehen werden.
 

C. Die Wiederherstellung der Beziehungen

Dies bedeutet Zusammenarbeit mit den wichtigen Personen, die im Leben des in die Gesellschaft zurückkehrenden Menschen von Bedeutung sind. Eine der wenigen Stellen, die solche Hilfe in den USA wirklich vermitteln, ist die Kultklinik in Los Angeles. Ich habe keine offizielle Verbindung mit ihr, habe sie jedoch besucht und gute Erfolge gesehen. Die Kultklinik nimmt sich in praktischer Weise der Familien an. Sie ist behilflich, Möglichkeiten der Verbindung mit den Angehörigen in der Sekte aufrechtzuhalten, und leitet die emotionalen Aspekte des Problems in die richtigen Bahnen. Damit wird die Wiederherstellung der Beziehungen möglich, wenn der Betreffende am Ende wieder in die Familie zurückkehrt. Eine Darstellung, die die ausgezeichnete Arbeit der Klinik beschreibt, von M. Addis und M. Lightman, Pionieren dieser Klinik, erscheint an anderer Stelle in diesem Buch.
 

D. Rehabilitation

Dies ist ein langer und zeitraubender Prozeß. Sie werden von den psychischen Leiden von Menschen, die aus Kulten kommen, gehört haben. Ich habe das Problem an anderer Stelle dargestellt (Anm. 4). Nach meiner ungefähren Schätzung (die ich nicht nur aufgrund von Beobachtungen von Sektenmitgliedern machte, sondern auch von Rückkehrern aus Kriegsgefangenenlagern und bei anderen ähnlichen Formen der Gefangenschaft) ist ungefähr ein Drittel offensichtlich psychisch krank. Es dauert wahrscheinlich drei Monate, bis sie für eine Behandlung, die der normalen Psychotherapie ähnlich ist, offen sind. Davor erscheint die Methode der Gruppentherapie, wie sie Singer (Anm. 5) anwendet, die wirksamste zu sein.

Einige dieser Menschen brauchen ein Jahr und mehr, um wieder voll eingegliedert zu werden, wie es Goldberg und Goldberg (Anm. 6) beschreiben. Die Gesellschaft muß bereit sein, Rehabilitationsprogramme für Menschen zur Verfügung zu stellen, die eine Rückkehr zum normalen und sinnvollen Leben suchen. Wenn das glückt, dann werden die Steuern, die später von diesen wieder eingegliederten Menschen bezahlt werden, die Kosten aufwiegen. Im anderen Falle können sie seelisch verkümmern, zu öffentlichen Fürsorgefällen werden, wenn nicht noch Schlimmeres geschieht. Eine anständige und aufgeklärte Gesellschaft kann es sich nicht leisten, es an einer solchen Fürsorge fehlen zu lassen.

Ich bin vor allem Arzt. Ich betrachte das Kultproblem wie eine Krankheit. Wenn Menschen elend werden und sterben, nennt man das Krankheit. Viele Menschen in den Kulten sind krank, einige sterben. Es bedarf einer öffentlichen Gesundheitsstrategie. Ich hoffe von Herzen, daß eine solche Strategie - vielleicht ähnlich der hier aufgezeigten - bald in die Praxis umgesetzt wird. Unermeßliches Leiden könnte damit verhütet werden.
 
 
 

Anm. 1 Allen, JR., & West, L. J. Flight from violence: Hippies and the green rebellion. American Journal of Psychiauy, 1968, 125(3), 364-370.

Anm. 2 West, L J., & Singer, M. T. Cults, quacks, and nonprofessional psychotherapies. In R. 1. Kaplan, AM. Freedman & B. C. Sadock (Eds.), Comprehensive Textbook ofPsychiatry III. Maryland: The Williams & Wilkins Company, 1980.
Anm. 3 West, L.J.' & Singer, M.T. Op. dt.
Anm. 4 West, L.J., & Singer, M.T. Op. cii.
Anm. 5 Singer, M.T. Coming out of the cults. Psychology' Today, 1979, January, pp. 72-82.
Anm. 6 Goldberg, L., & Goldberg, W., Group work with former cultists. Journal of ihe National Association of Social Workers, 1982, 27(2), 165-170.
 
 
 



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