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AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit e.V., Bonn

Klaus Thomas: Hypnose und destruktive Kulte 1984


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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/thomas1.htm Zuletzt bearbeitet am 28.8.2001
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Auszug aus der AGPF-Broschüre:

FAMILIE UND DESTRUKTIVE KULTE:
MENSCHENWÜRDE, RECHT UND FREIHEIT
Dokumentation der Referate des europäischen
AGPF - Kongresses vom 28. bis 30.9.1984 in Bonn

INHALTSVERZEICHNIS

(in der Reihenfolge der Referate)

Eckart Flöther: Begrüßung
Richard J. Cottrell: Der Cottrell - Report
Gottfried Kuenzlen: New Age - Die Missionierung des Westens aus dem Osten
Hansjörg Hemminger:  Familie als Schicksal?
Klaus Thomas: Hypnose und destruktive Kulte
E. Flöther und F.W. Haack: Ausblick auf die Sektenscene der nächsten Jahre
Wolfgang  Götzer: Jugendreligionen - Die Antwort der Politik auf eine Herausforderung
 

Kongreß und Dokumentation gefördert durch das Bundesministerium für Jugend,  Familie und Gesundheit.


Klaus Thomas:

HYPNOSE UND DESTRUKTIVE KULTE -

Mißbrauch hypnotischer Techniken in den Jugendsekten
und die Bedeutung heilender Hypnose
bei der Therapie ihrer Geschädigten.



Inhalt:

I. Einleitung

a. Das jüngste Beispiel aus der ärztlichen Praxis
b. Zur Geschichte der Hypnose
II. Frühe Versuche gewaltsamer Persönlichkeitsveränderungen im Vorfeld der Hypnose
a. Die Gehirnwäsche nach HUNTER und LIFTON
b. Die physiologischen Forschungen von PAWLOW und SARGANT
c. Die Schilderungen von ORWELL, HUXLEY und Dries van COILLIE
d. Beziehungen zwischen diesem "hypnoiden" Vorgehen und den destruktiver Kulten
III.  Was ist Hypnose?
a.  Zur Geschichte des Hypnoseverständnisses
b.  Das Wesen der Hypnose
c.  Die Hypnose als "außerwacher Bewußtseinszustand" nach K. Thomas
d.  Erste vorläufige Kennzeichnung des Wesens der Hypnose
IV.  Der Mißbrauch hypnotischer Techniken
a.  Der seit langem geübte Mißbrauch zu Bühnensensationen, zu Gewinn- und Ruhmsucht
b.  Der vorwiegend seit kurzem geübte Mißbrauch zu Verbrechen
c.  Moderne amerikanische und russische Forschungen über Verbrechen in Hypnose
d.  Zur Technik des Hypnotisierens gegen den Willen der Versuchsperson
V. Die häufigsten Methoden zum absichtlichen oder unabsichtlichen Hypnotisieren in den destruktiven Kulten
a. Die mittelbaren und vorbereitenden Methoden
b. Die mediativen Methoden
VI. Die Bedeutung heilender Hypnose bei der Therapie von Sektengeschädigten
a. Die grundsätzliche Möglichkeit,  hypnotisch vorzubeugen und zu heilen
b. Die fragwürdigen Methoden des "Deprogramming"
c. Die "Blitzhypnosen" des sogenannten "Snapping"
d. Die Bedeutung eines echten Glaubens beim Vorbeugen und Heilen
e. Echte Meditation als Mitte des Lebens
Auszug aus dem Schrifttumsverzeichnis zu Hypnose, Brainwashing, Deprogramming


I. Einleitung

a. Das jüngste Beispiel aus der ärztlichen Praxis

Wenige Tage vor meiner Abreise zu diesem Kongreß meldete sich ein 39-jähriger Lehrer, der seit etwa fünf Jahren an einem Ekzem litt. Es erwies sich bei mehreren Klinikaufenthalten und in ständiger fachärztlicher Behandlung als unbeeinflußbar. Die Hautärzte hatten ihm deshalb zu psychotherapeutischer Behandlung geraten. Im Laufe seines Berichtes sagte er u.a.:

"Von 1979 bis 1982 war ich bei den Bhagwan-Jüngern. Seitdem lebe ich in ständiger seelischer Spannung und seitdem habe ich auch das Ekzem. Zwar habe ich mich mit unendlicher Mühe nach drei und einem halben Jahr aus dieser Gruppe freigekämpft; ich fühle mich aber noch immer von ihnen programmiert, ich sehe alles wie durch eine fremde Brille und stehe immer noch unter einem Zwang in meinem Handeln, den ich nicht beschreiben, aber auch nicht durchbrechen kann.
Nachdem ich die ersten Monate bei dieser Gemeinschaft war, bin ich völlig zusammengebrochen, mußte ständig weinen und wollte mir das Leben nehmen. Meine Ängste wurden unerträglich und einmal mußte ich deshalb mit der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht werden."
Da ich den Patienten erst einmal gesehen habe,  ließen sich noch keine Einzelheiten der Vorgeschichte erheben, zumal erst eine genaue körperliche Untersuchung erfolgen mußte (deren Einzelheiten ebenso zu weit führen mußten wie die geplante Psychotherapie). Die hypnotische Behandlung wird zunächst vorgesehen mit der Formel
"Von innen her wir neu erbaut, ganz ruhig die gesunde Haut."
"Haut ist und bleibt ganz ruhig, kühl und reizfrei."
Aus den Einzelheiten der Lebensgeschichte und der krankmachenden Einflüsse werden sich dann die weiteren Aufgaben ergeben.



b. Zur Geschichte der Hypnose

Die wissenschaftliche Hypnoseforschung erlebte einen ersten Höhepunkt vor der letzten Jahrhundertwende; seit 30 Jahren hat sie vorwiegend in den angelsächsischen Ländern in zahlreichen Einzelbereichen der Medizin und Psychologie wesentliche Erkenntnisse über die Möglichkeiten vermittelt, Menschen tiefgreifend zu beeinflussen und zu steuern. In Deutschland beginnen diese Forschungen erst jetzt bekannt zu werden. Deshalb werden auch die ernsten Probleme der destruktiven Kulte bisher kaum aus der Sicht der modernen Hypnoseforschung gesehen. Das soll hier geschehen.



II. Frühe Versuche gewaltsamer Persönlichkeitsveränderungen im Vorfeld der Hypnose

a. Die Gehirnwäsche nach HUNTER und LIFTON
 

In dem verbreiteten volkstümlichen Mißverständnis wird die Hypnose weithin gleichgesetzt mit jenen verhängnisvollen Bühnen- und Unterhaltungsdarbietungen, bei denen ein jeweils begrenzter Teil von Zuschauern (3 - 4 %) auf plumpe Suggestionen mit zwanghaften,  bühnenwirksamen Handlungen antwortet. Diese Zerrform der "somnambulen" Hypnose hat fast nichts gemein mit jenen psychologischer Forschungen zum Erkennen und Erinnern verdrängter Erlebnisinhalte, zu Sinnestäuschungen, zum Unterdrücken, Steigern oder Verändern von Wahrnehmungen und vor allem nicht mit dem Hauptbereich der Hypnose, dem heilenden Beeinflussen zahlreicher Krankheitsabläufe, der weitgehenden Muskelentspannungen und der Steuerung des vegetativen Nervensystems mit all seinen Aufgaben und Funktionen im Gesamtorganismus.

Die verbreiteten Bühnenhypnosen jedoch bieten bereits ein ernstes Beispiel für den möglichen Mißbrauch der Hypnose. Bei den Methoden der Gehirnwäsche (HUNTER,  1956 und LIFTON - thought reform - 1957) wurden sie systematisch angewendet,  nachdem in früheren Jahrhunderten und Jahrzehnten die Erfahrungen mit der Folter bei den Hexenprozessen bis zu den Konzentrationslagern und vielen anderen Verhören von Gefangenen Erfahrungswerte ergeben hatten, wie menschliche Persönlichkeiten zerbrochen werden konnten.

Eine zweite Quelle von Erkenntnissen ober das wirksame künstliche Beeinflussen und Steuern von Menschen erstreckt sich von den totalitären politischen Systemen des Nationalsozialismus und kommunistischen Gewaltherrschaften bis hin zu einer raffinierten Werbung.



b. Die physiologischen Forschungen von PAWLOW und SARGANT

Der russische Physiologe Iwan Petrowitsch PAWLOW (1849 - 1936) trug entscheidende wissenschaftliche Erkenntnisse zur Veränderung des Gehirns, seiner Empfindungen und Leitungen bei, als er zunächst das Gehirn von Hunden mit Spannungen bis zur Grenze des Unerträglichen reizte.  (Er steigerte elektrische Spannungen bis zum Schock,  verlängerte die Wartezeit zwischen Reiz und Fütterung,  verwirrte die Hunde durch fortgesetzte unregelmäßige positive und negative Signale und schwächte sie körperlich u.a. durch künstliche Magen- und Darmstörungen.)

Ein PAWLOW- Schüler,  RIKMAN, wandte 1924 gleichzeitig ungewöhnlich intensive Reize bei besonders gehemmter Hunden an:

Von ihren Reaktionsweisen her ließen sich stark erregbare, lebhafte, ruhige und unerschütterliche sowie schwache Hemmungstypen erkennen und unterscheiden.

Den Forschungen von SARGANT (1957) blieb es vorbehalten, nicht nur die physiologischen Auswirkungen solcher Reize auf den Gesinnungswandel eines Menschen genau zu erforschen, sondern auch Parallelen zu ziehen zu gewaltsamen religiösen Bekehrungsversuchen, wie sie sich aus früherer Zeit z.B. von John WESLEY geschildert finden. Eine wichtige Voraussetzung für das Wandeln einer Persönlichkeit ist das Erzeugen von echten oder unechten Schuldgefühlen, durch die das Selbstwertgefühl zerbrochen wird.

SARGANT konnte nachweisen, daß Mut und Willenskraft keineswegs ausreichen, um der Hirnwäsche zu entgehen. Er betont die Ähnlichkeit zu hypnotischen Zuständen, ohne nachher darauf einzugehen. Weiterhin schildert er die "Bekehrung" Deutschlands zum Nationalsozialismus als eine Art hysterischer und hypnotischer Suggestion, wo  ich zum Trieb der Nachahmung auch der der "Willenlosigkeit gesellt, wie bei den ersten geistigen Regungen des Kindes (a.a.O., S.154).

Bei diesen und anderen Bemühungen wurden und werden hypnotische Techniken eingesetzt,  vielfach ohne Wissen um die Eigenart der Hypnose und ohne Kenntnis ihrer Wirkungen. Zu diesen Techniken gehören:

Nach neueren Untersuchungen soll der Rhythmus deshalb und dann um so nachhaltiger wirken, als er mit der Folge der Hirnwellen im Einklang steht.



c. Die Schilderungen von ORWELL, HUXLEY und Dries van COILLIE

Sollte hier die gesamte Geschichte gewaltsamer Persönlichkeitsveränderungen dargestellt werden, so müßte auf Jost A.M. MEERLOO "Technik des Menticide" ebenso hingewiesen werden wie auf George ORWELLs utopischen Roman "1984" (englische Originalausgabe 1949),  in dem u.a. die psychische Wirkung des Hassens und der Begriffsverwirrungen geschildert wird:

Aldous HUXLEY hatte schon 1932 in seinem Buch "Brave New World" die Wirkungen einer gewaltsamen Erziehung und Kontrolle sowie einer Glücksdroge "Soma" und das nächtliche Lernen durch Tonträger während des Schlafes geschildert.

In weiteren wesentlichen Werken von J.A.C. BROWN - "Techniques of Persuasion",  "From Propaganda to Brainwashing" (1963/65) - sowie von Dries van COILLIE - "Der begeisterte Selbstmord, im Gefängnis unter Mao Tse-Tung" - werden die Methoden von Wachsuggestionen, aber auch die Grundgesetze für die Gehirnwäsche mitgeteilt, zu denen (auch nach LIFTON) das Ausmerzen bestehender Bindungen ebenso gehört wie das Eingliedern in eine feste, große Gemeinschaft, das Erzeugen emotioneller Konflikte und die völlige Unterwerfung unter die neue Autorität. Das Erzeugen von Ängsten vor dem Ausgestoßenwerden, völlige Isolierung bis hin zur physischen Vernichtung gehören zu den Methoden des Brainwashing.



d. Beziehungen zwischen diesem "hypnoiden" Vorgehen und den destruktiver Kulten

In dieser Arbeit muß dahingestellt bleiben, wie weit die jeweils Verantwortlichen der destruktiver Kulte die genannten Arbeiten über die Gehirnwäsche kennen und ihre Methoden bewußt darauf aufbauen oder ob sie aus ihrer Praxis das Wirken dieser Methoden erfuhren. Jedenfalls beschreiten auch die destruktiver Kulte zielstrebig die Wege dieser Gehirnwäsche.

Auch die destruktiver Kulte ändern durch pausenlose Propaganda die Wahrnehmungen der Sinne und deuten sie um.
Sie unterdrücken frühere Erinnerungen.
Sie schwächen systematisch die körperliche Leistungsfähigkeit durch Hunger oder einseitige Ernährung.

Sie verändern besonders die noch bildsamen jungen Menschen, indem sie sich an die zentralen religiösen Persönlichkeitsbereiche wenden.

Dabei dient auch hier das Züchten von Schuldgefühlen einer schließlich unerträglichen Angst und einem Anlehnungsbedürfnis, das scheinbar nur die neue Gemeinschaft befriedigen kann.



III. Was ist Hypnose?

a.  Zur Geschichte des Hypnoseverständnisses

Wollen wir das Wesen der destruktiver Kulte von der Hypnose her verstehen, so ist zunächst die Frage zu beantworten, was Hypnose sei.

Das Wort Hypnose bezeichnet sowohl den Vorgang als auch die Methoden, mit denen ein besonderer Ruhezustand eingeleitet wird.  Es benennt aber auch den Zustand dieser Ruhe,
die Wissenschaft ihrer Erforschung,
ihre praktische Anwendung zur Therapie,
leider aber auch ihren Mißbrauch zur Sensationsschau.

Vielfach wird Hypnose mit Suggestion gleichgesetzt, obwohl die Suggestion auch im normal-wachen Bewußtseinszustand erfolgen kann, ein Merkmal der Hypnose dagegen ist der besondere "außerwache Zustand".

Ein weiteres Wesenskennzeichen der Hypnose ist die enge Aufmerksamkeit und die Bindung an den Hypnotisierenden, die zumeist als "Rapport" bezeichnet wird.

Vor 200 Jahren haben die bahnbrechenden Entdeckungen MESMERs den Ruhezustand irrig als Magnetismus bezeichnet; denn erst 1843 entwickelte James BRAID die naturwissenschaftliche Lehre der "Neurypnosis",  in der er das Wort "Hypnose", also Nervenschlaf, prägte. Später wollte er es durch die Bezeichnung "Monoideismus" ersetzt wissen, also einer Einengung des Bewußtseins, doch hatte sich das Wort Hypnose schon durchgesetzt.

In Paris lehrte ab 1887 Jean Mane CHARCOT, Chefarzt an der Salpetriere: Hypnose ist ein Symptom der Hysterie. Doch schon Sigmund FREUD als einer seiner Schüler erkannte die wesentlichen Wirkungen der Hypnose auf die "nervösen" Krankheiten, die heute als psychosomatisch bezeichnet werden, bevor er dann seine Lehre von der Psychoanalyse entwickelte.

Besonders in Nancy schufen BERNHEIM, LIEBEAULT, LIEGEOIS wissenschaftliche Lehren der Hypnose mit ihren körperlich - physiologischen Veränderungen im Organismus, während W. WUNDT der Frage - Hypnose und Suggestion (1892)- nachging.

In Zürich erforschte Auguste FOREL die neurologischen Probleme der Hypnose, die später besonders Oskar VOGT beschäftigten.

In den Vereinigten Staaten sah der erst kürzlich verstorbene Milton H. ERICKSON das Wesen der Hypnose in dem Konzentrationszustand, den er "awareness" nannte.

Im Laufe der Geschichte wurden die aus ihrer Zeit verständlichen Irrtümer der Hypnose überwunden: Hypnose ist nicht eine Trennung von Leib und Seele, wie der bedeutende Abbe FARIA vermutet hatte. Sie ist nicht die hellseherische Fähigkeit des Somnambulismus, wie PUYSEGUR es annahm und vor allem hat sie nichts mit Dämonie zu tun, wie eine pietistische Tradition und manche Katholiken noch heute aus religiösen Gründen annehmen.

Wenn auch PAWLOWs Lehren viel zum Verständnis der Hypnose beigetragen haben, so läßt sie sich doch nicht als einfaches Konditionieren verstehen.

Bald nach der letzten Jahrhundertwende geriet die Hypnose weithin in Vergessenheit; weil dann eine ihrer Hauptwirkungen, die Schmerzfreiheit bei Operationen, sich durch das Chloroform, von J. SIMPSON 1B49 entdeckt, besser herbeiführen ließ. In der Psychotherapie gewann FREUDs Lehre von der Psychoanalyse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Übergewicht.

Ein Hauptverdienst in der Geschichte der Medizin seit I.H. SCHULTZ (l884 - 1970) ist es, daß er mit dem Autogenen Training eine Brücke errichtet hat zwischen Grunderkenntnissen der Hypnosewissenschaft zum Ausgang des 19. Jahrhunderts und der modernen "Ganzheitsmedizin" der Gegenwart.  I. H. SCHULTZ wollte die Selbsthypnose des Autogenen Trainings parallel und gleichberechtigt zur sogenannten Fremd- und Heterohypnose eingesetzt wissen, doch wurde er einseitig nur durch das Autogene Training bekannt.
 


b.  Das Wesen der Hypnose

Sicher ist die Hypnose ein besonderen körperlichen und seelischer Ruhezustand,  in dem besonders Einflüsse und Vorsätze von dem Hypnotisierenden auf den Hypnotisierten als "Suggestionen" übergehen. Viele Arten von Sinneswahrnehmungen, heute meist als "input" bezeichnet, bewirken durch häufiges Wiederholen eine feste. glaubensartige Überzeugung, so daß KROGER in seinem heute maßgebenden Monumentalwerk irrig die Hypnose mit einer religiösen Glaubensüberzeugung gleichsetzt.
 

I.H. SCHULTZ betonte bei der Hypnose die Umschaltvorgänge im Gehirn, bei denen als Folge gleichmäßiger Sinnesreize zahlreiche Wahrnehmungen ausgeschaltet werden und vegetative, sonst automatische Vorgänge in den Bereich der eigenen Steuerung gebracht werden. Daher lassen sich ungewöhnliche Körperleistungen (z.B. kataleptische Starre) ebenso erreichen wie seelische Fähigkeiten sich stärken (z.B. Erinnerungsvermögen).

Zahlreiche Forscher sehen die Änderung des Bewußtseinszustandes als ausschlaggebend an.



c.  Die Hypnose als "außerwacher Bewußtseinszustand" nach K. Thomas

Bewußtseinsstufen des innerweltlichen Erlebens


In dem rechten Bereich der oben schematisch angedeuteten Bewußtseinsstufen wären die Schaltvorgänge der Hypnose zu denken. An dieser Stelle sollen die ausführlichen Begründungen aus meinem Werk "Meditation" (1973) nicht wiederholt werden. Jedoch ist hervorzuheben:

Erstmals geben umfassende Hirnstromuntersuchungen am Physiologischen Institut der Universität Erlangen mit einer zehntausendfachen Vergrößerung der Bilder Grund zu der Annahme, daß sich diese außerwachen Zustande auch physiologisch klar zu erkennen geben.



d.  Erste vorläufige Kennzeichnung des Wesens der Hypnose

Die wechselvolle Geschichte der Hypnose, die beobachteten Tatsachen und die unvermeidlichen Irrtümer rechtfertigen einen ersten Versuch, die ungemein vielfältigen und vielschichtigen Vorgange beim Hypnotisieren und in dem Zustand der Hypnose zu kennzeichnen:

Wir verstehen unter der Hypnose physiologisch einen Zustand tiefen Ruhe und weitgehender Entspannung (gelegentlich auch außerordentlicher Muskelanspannung), die als Folge gleichmäßiger Sinnesreize eintreten und mit eingeschränkter Wahrnehmungsfähigkeit einhergehen.

Psychologisch steht ein "außerwacher" Bewußtseinszustand im Vordergrund, der in enger Verbindung mit dem Hypnotisierenden ("Rapport') meist dessen Anregungen ("Suggestionen") in Vorstellungen,  Empfindungen oder Taten umsetzt und dabei außergewöhnliche Leistungen und heilende Einwirkungen ermöglicht.

(Der häufige Mißbrauch der Hypnose zur Bühnendarstellung oder gar der seltene zu Verbrechen bleibt bei dieser Kennzeichnung außer acht.)



IV.  Der Mißbrauch hypnotischer Techniken

a.  Der seit langem geübte Mißbrauch zu Bühnensensationen, zu Gewinn- und Ruhmsucht
 

Bühnenhypnotiseure waren erwähnt; sie entwürdigen ihre "Versuchspersonen" zu Schauobjekten, lassen sie als willenlose Werkzeuge erscheinen, üben unzulässigen Zwang aus, geben vor, Krankheiten heilen zu können, von denen sie ohnehin nichts verstehen. Nicht selten fügen sie unmittelbare Schäden zu, wenn sie sich etwa auf den starren Körper eines kataleptisch starren Hypnotisierten stellen und dabei Verletzungen der inneren Organe hervorrufen.

Da sie fast nie den hypnotischen Zustand ausreichend zurücknehmen, sind gelegentlich gefährliche Dämmerzustände die Folge (Dr. P. G. WESTON berichtete kürzlich auf einem Hypnosekongreß nach einer einzigen Bühnenhypnose drei Todesfälle).

In nahezu sämtlichen wissenschaftlichen Werken über Hypnose finden sich Beispiele von gefährlichen Hypnosen zusammengestellt;  I.H. SCHULTZ schrieb 1921 ein Werk "Gesundheitsschäden durch Hypnose". Auch zahlreiche eigene Beobachtungen bestätigen den Rückschluß:

In der Hand der dafür (sorgfältig) ausgebildeten Ärzte ist Hypnose sicher eine wirksame und unschädliche Heilmethode, dem Messer des Chirurgen vergleichbar. Nicht wenige geltungsbedürftige Gaukler und gewinnsüchtige Scharlatane aber bringen die Hypnose in Verruf.



b.  Der vorwiegend seit kurzem geübte Mißbrauch zu Verbrechen

Die weitaus meisten wissenschaftlichen Werke zur Hypnose vertreten die Überzeugung:  Ein Mißbrauch der Hypnose zur Anstiftung oder Duldung von Verbrechen sei unmöglich; denn der Hypnotisierte würde sofort erwachen, wenn an ihn ein Ansinnen gestellt wurde, das seinem "Über- Ich",  seinem Gewissen, widerspricht. Wenn dies bei Versuchssituationen dennoch geschieht, dann sind sich zutiefst die scheinbar Stehlenden oder Schießenden bewußt, daß es sich in Wahrheit um eine ungefährliche Versuchssituation handelt.

Schon frühere umfassende Forschungen haben betont und belegt:  Verbrechen in Hypnose sind möglich: J. LIEGEOIS (1884), Giles de la TOURETTE (1887), Auguste FOREL (1892). Auch später hatten um 1950 mehrere Bücher diese Ansicht mit Beispielen begründet: A. MEARES (1950),  van PELT (1950), Lewis A. WOLBERG (etwa 1950),  K. SCHMITZ (1951),  H. HAMMERSCHLAG (1954), A. STOKVIS (1959).  Bis in die Gegenwart vertreten namhafte Forscher diese Überzeugung:  L. MAYER (1980), der soeben verstorbene Prof. Dr. Georg FAIRFULL SMITH (persönliche Mitteilung).

Ich selbst konnte im Rahmen eines nicht veröffentlichten Gerichtsgutachtens rund 25 rechtskräftige Verurteilungen wegen verschiedener Verbrechen in Hypnose, meist, aber nicht nur,  Notzuchthandlungen, zusammenstellen. Einige dieser Prozesse gingen in die wissenschaftliche Geschichte ein:
CZYNSKI (1894), NEUKDMM (1894), NIELSEN (1954) o.a.



c. Moderne amerikanische und russische Forschungen über Verbrechen in Hypnose

Schon 1897 hatte auf einem Kongreß in Moskau ROWLAND betont:

"Nur ganz wenige Menschen wären bereit, unter hypnotischem Einfluß den geliebten Hund zu erschießen. Würde ihnen jedoch eine hypnotische Halluzination eingegeben, sie würden den Hund als einen Fuchs oder gar ein wildes Tier ansehen, dann wären viele bereit zu schießen."
W. R. WELLS beschreibt ausführlich, wie er einen ehrenhaften Studenten hypnotisch veranlaßte, eine Dollarnote zu stehlen, dies aber zu vergessen. Überzeugend beteuerte der Student seine Unschuld trotz aller Zeugenaussagen,  bis - wiederum hypnotisch - die Erinnerungslücke beseitigt war. Dann gab er das Geld zurück.

WELLS betont einen wichtigen Unterschied:  Die falsche Aussage "Dies ist Ihr Mantel" wird nur wenige in der Hypnose veranlassen, ihn anzuziehen und ihn mitzunehmen. Der Auftrag dagegen "Sie halten diesen Mantel für Ihren eigenen!" (also eine posthypnotische Illusion geben statt einer Lüge) - das pflegt zu gelingen.

JAMES hatte einst betont und wurde später oft zitiert: Wer in der Hypnose mit einem Dolch aus Pappe zusticht oder mit einer ungeladenen Pistole schießt, der weiß zutiefst doch um die ungefährliche Versuchssituation. WELLS aber betont: Wer in der Hypnose einen wirklichen Dolch anzusehen lernt als wäre er aus Pappe,  und einen geladenen Revolver als wäre er ohne Munition, der könnte einen Mord begehen.

Durchaus in entsprechender Weise wird in den destruktiven Kulten nicht etwa gefordert "Du läßt deine Familie im Stich'",  sondern "Hier ist deine Familie!",  "Dein Guru ist dein Vater!".

Kurz nach den Ereignissen von Pearl Harbor alarmierte der Chefpsychologe der Colgate University die Fachwelt, den CIA und das Pentagon mit einer Entdeckung, die für die folgenden 25 Jahre nur wenigen Eingeweihten bekannt werden sollte und als "höchst geheim" eingestuft wurde. Er faßte sie in den Satz zusammen:

"I can hypnotize a man - without his knowledge or consent - into committing treason against the United States."
Das bedeutet also:  (Fast) jeder kann ohne seine Zustimmung, ja, sogar gegen seinen Willen, durch Hypnose zu jedem Verbrechen angestiftet werden, - meist sogar, ohne daß er es weiß.  Diese Erkenntnis war vor den Attentaten auf die Kennedys, auf Martin Luther King gewonnen (BOWART schreibt sie eindeutig solchen Hypnosen zu).

Grundlegende Erkenntnisse dafür worden von Walter BOWART (1978) in seinem Buch "Operation Mind Control" geschrieben.  Er beschreibt vor allem den Mißbrauch der Hypnose für die moderne Spionage.

(Dieses Buch war in europäischen Bibliotheken nicht zu erhalten, durch die dankenswerte Vermittlung von Prof. Dr. FAIRFULL SMITH wurde es jedoch dem I.H. SCHULTZ - Institut zur Verfügung gestellt und findet sich hier fotokopiert.)
 

Im Mai 1960 wurde der US-amerikanische Aufklärungspilot Francis Gary POWERS über der Sowjetunion abgeschossen und nach längerer Haft in einem Schauprozeß vorgestellt. In diesem Prozeß bat POWERS das russische Volk so demütig um Verzeihung und zeigte eine so unterwürfige, teilnahmslose Haltung, daß Fachleute darin das Ergebnis einer wesentlich verfeinerten hypnotischen Gehirnwäsche sahen, die als "powerize" in den amerikanischen Sprachgebrauch einging. (BOWART S.71)
Nicht mehr Hunger und Folter, pausenlose Propaganda und Nachtverhöre kennzeichnen die neue Art der Einflußnahme, nicht einmal Drogen stehen im Vordergrund, sondern eine technisch verfeinerte auf den ärztlichen Erkenntnissen aufbauende Hypnose der "Seelenkontrolle", die die Amerikaner "mind control" nennen.

Wenn die Aussage immer gelten mag: Niemand läßt sich bewegen, seinen Freund zu töten, so gilt solche Haltung schon dann nicht mehr, wenn er überzeugt sein muß: dieser Mensch wird mich töten, wenn ich ihn nicht umbringe. Nennen wir es Notwehr oder mit dem englischen Fachausdruck die "kill-or-be-killed"-Situation, eben in der Hypnose läßt sich die feste Überzeugung setzen: Dieser Mensch trachtet Dir nach dem Leben, und er wird dich töten, wenn du ihm nicht zuvorkommst.

Nach EASTABROOKS ist jeder fünfte Mensch in hohem Grade für solche hypnotischen Eingebungen empfänglich - und damit durchaus für Verbrechen in Hypnose zu mißbrauchen - die Hälfte aller Menschen spricht einigermaßen auf vergleichbare Eingebungen an. Er antwortet eindeutig: Wenn die richtigen Techniken angewandt werden, so laßt sich die Hälfte aller Menschen auch gegen den eigenen Willen hypnotisieren.

Freilich bevorzugt EASTABROOKS den Ausdruck "ohne Zustimmung" statt gegen den Willen", weil meist unbemerkte Hypnosemethoden bei kriminellen Auftragen - zumindest beim ersten Mal - angewandt werden.
 


d.  Zur Technik des Hypnotisierens gegen den Willen der Versuchsperson

Grundsätzlich stehen vier verschiedene Wege zur Verfügung, um einen Menschen unbemerkt oder gar gegen seinen Willen zu hypnotisieren.

1. Im Rahmen einer ärztlichen Untersuchung kann das Gespräch auf das Thema Entspannung gebracht werden oder zum Messen des Blutdrucks fordert der Arzt zu besonderer Entspannung auf, dann zu tiefer Ruhe und zum Schlafen. Damit ist eine Hypnose bereits eingeleitet.

2. Wer einem Schlafenden leise hypnotisierende Formeln ins Ohr spricht, kann ihn vom Schlaf in die Hypnose überleiten.

3. Eine Spritze Narkoanalysedrogen (Paraldehyd, Sodiom Pentotal oder Sodiom Amytal) führt zu einem schlafähnlichen Dämmerzustand, aus dem mit entsprechenden Formeln der Übergang in die Hypnose zuverlässig gelingt.

4. In einer groben Methode wird ein Elektroschock gesetzt, der bei vielen ebenfalls einen Dämmerzustand und vor allem einen wesentlich geschwächten Widerstand gegen hypnotische Formeln zur Folge hat.

Mit jeder dieser vier Techniken verbunden wird der posthypnotische Auftrag, die Einleitung zur Hypnose (meist auch deren Inhalt) zu vergessen und nur die posthypnotischen Aufträge zuverlässig auszuführen. Außerdem läßt sich eine jeweils folgende Hypnose ohnehin leichter und schneller einleiten, zusätzlich können aber auch bestimmte Reizsignale mitgeteilt werden, durch die der einmal Hypnotisierte wiederum in den hypnotischen Zustand gebracht wird.

1932 erschien in englischer Sprache ein Bericht von A.R. LURIA vom Staatlichen Institut für experimentelle Psychologie in Moskau, in dem entscheidende Worte lauten:

"Wir suggerierten einer Versuchsperson in ausreichend tiefer Hypnose eine - meist sehr unangenehme - Situation, in der sie eine Rolle spielte, die mit ihren sonstigen Gewohnheiten und Verhalten nicht vereinbar war. Auf diese Weise riefen wir einen akuten heftigen affektiven Spannungszustand hervor. Nach dem Erwachen zeigte die Versuchsperson einen affektiv stark "geladenen" Zustand, dessen Grunde der Versuchsperson unbekannt waren." (aus dem Englischen übersetzt aus dem Buch von BOWART, a.a.O., S.68)
BOWART zitiert auch Arbeiten aus der UdSSR, die bis 1923 zurückreichen. Danach lassen sich in unschuldigen Versuchspersonen intensive Schuldgefühle hypnotisch erzeugen, so daß sie sogar Verbrechen gestehen, die sie nicht begangen haben.

In der politischen Praxis werden diese unerträglichen Schuldgefühle mit ihren Ängsten so aufgelöst, daß die Selbstbekenntnisse des Schuldigen ihm durch eine Art von Vergebung dadurch genommen werden, daß er wieder in die "Gemeinschaft" der Partei aufgenommen wird.

Auch die destruktiven Kulte setzen äußerst strenge Regeln und Gebote und erzeugen auf zahlreichen Wegen, offenbar auch hypnotisch, Schuldgefühle und Ängste, die mit vielfach harten Strafen geahndet werden und die "Sünder" zu noch willfährigeren Dienern der jeweiligen Sektenführer machen.



V. Die häufigsten Methoden zum absichtlichen oder unabsichtlichen Hypnotisieren in den destruktiven Kulten

a. Die mittelbaren und vorbereitenden Methoden

Ein hypnotischer Umschaltungszustand wird oft herbeigeführt, darauf war schon hingewiesen, durch intensive und immer wiederholte Anwendung von Bildern, Symbolen, Musik (z.B. das Chanten bei der Hare-Krishna-Sekte), durch ständig wiederholte Schlagwörter, durch Tanzen und rhythmische Bewegungen. Wer solche Reize gar bis zur Ermüdung und Übermüdung fortsetzt und gehen sie gar mit Mangelernährung einher, so werden Wille und Fähigkeit zum inneren Widerstand gebrochen wie bei den Hunden PAWLOWs.

Die "Außenreizverarmung" mit dem Abschirmen von anderen Umweltreizen und dem ausschließlichen Hinwenden zur Person des Hypnotisierenden gehört seit den lagen von James BRAID (1843) zum Wesen der Hypnose, die er "Monoideismus" nannte. Eben solche einseitige überwertige Idee von dem übermächtigen Guru oder Sektenführer und seiner alleingültigen Lehre beherrscht die destruktiven Kulte.

Einige Gelehrte sehen in diesem Zusammenhang als Hauptmerkmal der Hypnose den "Rapport", die einseitige und ausschließliche Bindung zwischen Hypnotisiertem und Hypnosearzt, der bei ärztlicher Hypnose verantwortungsbewußt und zielstrebig auf die Heilungsvorgänge gerichtet und dann gelöst wird. Bei den Jugendsekten aber wird eben diese Bindung meist im Sinne von Macht- und Geldgier mißbraucht.

Bei der ärztlichen Hypnose wird zum Aufdecken früherer, (meist "unbewußter") seelischer Schäden oder zur beschleunigten Heilung chirurgischer Verletzungen und sonstiger Rehabilitationen behutsam eine "Altersregression" durchgeführt, d.h. die Hypnotisierten fühlen und erleben sich wie Jugendliche oder Kinder z.Z. ihrer seelischen Verletzung (die sie dann erkennen) oder sie kennen sich leichter so bewegen wie zu der Zeit vor dem Unfall. Bei den Jugendsekten werden dagegen - offenbar hypnotisch - kindhafte Verhaltensweisen gezüchtet, damit die Opfer unselbständiger, fügsamer und abhängiger werden.



b. Die mediativen Methoden
 

Einige Jugendsekten arbeiten systematisch mit einem unmittelbaren Hypnotisieren, das sie als Meditation bezeichnen. Echte Meditation als Folge eines vertieften Gebetes bindet aber an höchste religiöse Werte und führt zu einem "außerwach" physiologischen Versenkungszustand, der geistliche Wahrheiten bildhaft erleben läßt und sich harmonisierend auf den Gesamtorganismus auswirkt. Die sogenannte Meditation bei einigen Jugendsekten dagegen führt zu einem außerwach-pathologischen Bewußtseinszustand, der erhöhte seelische Spannungen hervorruft,
 


Bewußtseinsstufen des überweltlichen Erlebens

(Für Einzelheiten der Unterschiede zwischen heilender, echter Meditation und krankmachenden, "pathogenen" Zuständen von Pseudomeditation, wie sie bei den Jugendsekten herrschen, ist auf des Buch zu verweisen:  K. THOMAS:
"Meditation in Forschung und Erfahrung,  in weltweiter Beobachtung und praktischer Anleitung", J.  F. Steinkopf Verlag, Georg Thieme Verlag Stuttgart,  1973)
 

Insgesamt also sehe ich das Vorgehen der destruktiven Kulte als einen gefährlichen,  krankmachenden und gelegentlich sogar verbrecherischen Mißbrauch der Hypnose an.



VI. Die Bedeutung heilender Hypnose bei der Therapie von Sektengeschädigten

a. Die grundsätzliche Möglichkeit,  hypnotisch vorzubeugen und zu heilen

Eingangs ist klar zu bekennen: eine zuverlässige,  gar einfache Methode, die Angehörigen von Jugendsekten aus ihrer verhängnisvollen Bindung zu lösen, ist mir nicht bekannt, und auch die folgenden Hinweise wollen nicht als eine "Patentlösung" verstanden werden. Wohl aber ergeben sich gültige Schlußfolgerungen aus der Erkenntnis vom hypnotischen Charakter der Jugendsekten-Einflüsse.

Gegen schädliche oder gar verbrecherische Hypnoseeinflüsse schützt am besten eine heilsame Hypnose,  auch in Form der Selbsthypnose

Die British Medical Association hat schon seit über 15 Jahren nicht nur allen Ärzten empfohlen (und allen Zahnärzten zur Pflicht gemacht),  für ihre Therapie hypnotische Methoden einzusetzen, sie hat auch bestimmt, daß jede Hypnose mit dem Satz enden muß: "Only a doctor or a dentist and only by your consent will ever be able to hypnotize you." Ohne die Kenntnis dieser Vorschrift habe ich in Deutschland seit 10 Jahren jede Hypnose und jede Übung der Selbsthypnose, des Autogenen Trainings, mit dem Satz geschlossen:  "Nur ein Arzt wird sie je hypnotisieren konnen'"

Solch ein posthypnotischer Auftrag wirkt, wie ich mehrfach beobachten konnte, jeder Bühnenhypnose entgegen und schließt ihre Schäden aus.

Leider liegen mir keine persönlichen Erfahrungen vor, doch bin ich nach vier Jahrzehnten täglicher Erfahrung mit Hypnose und Autogenem Training überzeugt: wer das Autogene Training beherrscht, könnte sich selbst vor den Einflussen der Jugendsekten wesentlich wirksamer schützen.  Eine umfassende Wissensvermittlung über die Gefahren ist zusätzlich wünschenswert,  kann aber den vorbeugenden selbsthypnotischen Einfluß nicht ersetzen.



b. Die fragwürdigen Methoden des "Deprogramming"

Dr. med. John G. CLARK, ein amerikanischer Psychiater, hat 1976 in einer Arbeit die schizophrenen Zustände, die bei 15 von 27 Mitgliedern von ihm gefunden worden waren, mit einer "Besessenheit" verglichen und durchschnittlich mehrere Tage einer Art "resozialisierenden Exorzismus" beschrieben, den ich lieber ohne religibse Ausdrücke als hypnotische Behandlung gekennzeichnet sähe.

Ein ernstes Problem wirft dabei die Methode von Ted PATRICK auf, der uber sein "Deprogramming" in der Zeitschrift "Playboy" vom März 1979 berichtet. Er teilt mit, er habe seit 1971 fast l.600 Anhänger der fünf großen, internationalen Jugendsekten "deprogrammiert" und damit "befreit" aus ihren lebensgefährdenden Bindungen, während seine Gegner ihn gerade der "Freiheitsberaubung" bezichtigen, wegen derer er mehrfach von Gerichten verurteilt,  aber auch freigesprochen wurde.

PATRICK rechtfertigt sich, nicht er habe die Jugendlichen "gekidnapt", sondern die Sekten. Er spricht von einer Gewalt-Hypnose, der die Anhänger dieser Gemeinschaften ausgesetzt sind bis hin zum Selbstmord und nennt dabei ausdrücklich die Anhänger von Jim JONES,  12 Tage vor deren Massenselbstmord in Guyana.

Er schildert die Hypnosen der Sekten als "Faszinations-Hypnosen",  bei denen das Anblicken der Augen des Gegenüber als Mittel zum Herbeiführen eines Zustandes der Willenlosigkeit bei den Opfern angewendet wird (so wie dies auch bei ärztlichen Hypnosen eingesetzt wird).

Darüber hinaus benutzen, so PATPICK, viele Gruppen die charismatische Technik des Zungenredens, um einen hypnotischen Zustand herbeizuführen. Diese Frage verdient eine umfassende Untersuchung von wissenschaftlicher Religions- Psychopathologie her, würde jedoch an dieser Stelle zu weit führen.

PATRICK schildert Einzelheiten, wie er durch beständiges,  eindringliches Fragen die (nicht selten gewaltsam entführten) Jugendlichen wieder zum Denken zwingt. Er sieht ihnen in die Augen, erkennt an der Eigenart des Blickes den "trance-"artigen Zustand,  in den sie immer wieder zurücksinken und sucht, dies mit Weckreizen zu verhindern.

Insgesamt kommt Ted PATRJCK das Verdienst zu, daß er die zentrale Bedeutung der Hypnose bei dem Vorgehen der Jugendsekten erkannt hat und eine gute Methode des Aufhebens der Hypnose beherrscht. Wenn er dabei so viele hundert Jugendliche vor seelischer Vernichtung bewahrt hat, so ist dies ein Verdienst, das ihm selbst das gute Gewissen und die innere Ermächtigung gibt, bei dem praktischen Vorgehen auch Gewalt anzuwenden und geltende Gesetze zu brechen. An dieser Stelle mag ich persönlich ihm nicht zu folgen, sondern sähe lieber alle Anstrengungen darauf gerichtet,  daß legale Entmündigungsverfahren die Voraussetzungen dafür schaffen müßten für eine wirkliche Befreiung.

PATRICK setzt, soweit sich aus dem zitierten Gespräch erkennen läßt, nur die wirksamen Wege ein, die krankmachende Hypnose wieder aufzuheben. Für mindestens so wichtig halte ich jedoch das möglichst schon vorbeugende, mindestens aber nach einer "Rettung" einsetzende Vermitteln eines echten Lebenshaltes,  der auch fur die Zukunft vor solchen Hypnosemethoden schützt.

Niemals kann der gute Zweck die Mittel des Unrechts heiligen. Gefordert freilich ist der - noch immer zu mühselige und langsame - Weg, durch den Gesetzgeber die Möglichkeiten zum Schutz der Jugend auch in diesem Bereich zu ermöglichen.

Seit einigen Monaten begleite ich die Bestrebungen von Eltern und z.T. auch von Behörden in Dusseldorf wie in München, die sich um eine entsprechende Entmündigung bemühen wegen der offenkundigen Schäden für Heranwachsende, die von destruktiven Kulten wie in einer Gefangenschaft gehalten werden.



c. Die "Blitzhypnosen" des sogenannten "Snapping"

Offenkundig gibt es Sonderformen einer schnellen Hypnose-Einleitung. Milton H. ERICKSON beherrschte sie mit einmaliger Meisterschaft; er nannte sie "Überrumpelungshypnosen" und konnte durch einen Verblüffungseffekt viele seiner Versuchspersonen in Sekunderschnelle in eine relativ tiefe Hypnose versetzen. In seinen Büchern hat er sie geschildert, und manche seiner amerikanischen Schüler haben sich in dieser Technik versucht.

Dr. MÜEZZINOGLU (Istanbul) hat auf dem IV. Europäischen Kongreß für Ärztliche Hypnose diese Techniken in Innsbruck gezeigt. Zahlreiche Bühnenhypnotiseure wenden sie an. Auch bei dem Gewinnen von Anhängern für die Jugendsekten werden solche Methoden offenbar eingesetzt.  Die wissenschaftliche Erforschung der Schaltvorgänge imGehirn, durch die ein so schnelles Wechseln in einen anderen Bewußtseinszustand (oft mit Hife des Gleichgewichtssinnes) erfolgt, erlaubt im Augenblick noch keine gültige Erklärung.



d. Die Bedeutung eines echten Glaubens beim Vorbeugen und Heilen
 

Nicht zufallig suchen die destruktiver Kulte junge Menschen anzusprechen und zu gewinnen von den religiosen Fragen her, z.B. nach dem Sinn des Lebens. Mir personlich erscheint es dann nicht ausreichend, nur aud die etablierten Kirchen zu verweisen und gar mit dem erhobenen Zeigefinger zu mahnen:  "Hättet ihr Euch nur an die Kirche gehalten, dann wäret ihr nicht solchen selbsternannten Propheten oder Götzen zum Opfer gefallen

Nicht einmal wohlmeinende Bemühungen scheinen mir ausreichend, allein durch neue kirchliche Jugendgruppen oder durch die ungemein vedienstvollen evangelischen wie katholischen Beratungsstellen Aufklärungs-, Trost-,  Seelsorgedienst anzubieten.

An erster Stelle muß wohl die Selbstkritik stehen: Wo bieten denn die Kirchen den jungen Menschen einen so gewinnenden und überzeugenden Einsatz, eine von tiefer Erfahrung getragene und mit echter Begeisterung erfülllte, zugleich aber auch nüchterne Frömmigkeit, einen  "ansteckenden Glauben"?

Der große Chirurg August BIER schrieb in seinem Buch "Die Seele": "Wichtiger als alle ansteckenden Krankheiten ist eine arsteckeckende Gesundheit!"

Solange wir nicht einen solchen lodernden Glauben der Tat vorweisen können, bleiben andere Bemühungen Stückwerk.

Zwei Grundbedürfnisse befriedigen die destruktiven Kulte, wenn auch auf eine überaus gefährliche Weise: Sie tragen dem Streben nach Verinnerlichung Rechnung,  sie führen die jungen Menschen durch ihre Art der sogenannten Meditation zu anderen Bewußtseinszuständen und Erlebnistiefen, die sie über den Alltag hinausheben. Zum anderen stellen sie ihnen Aufgaben, die den Einsatz des ganzen Menschen erfordern.

Mit dieser Feststellung will ich nichts weniger als das zerstörerische Treiben der Jugendsekten gut heißen. Jede Hilfe aber, die wir den Jungen Menschen schuldig sind, darf die Richtung von innen nicht vernachlässigen.

Wir leben in einer Zeit des weltanschaulichen Behaviorismus, der meint, es ließe sich alles lernen und "machen", Verhaltensforschung und Verhaltenstherapie sind daher auch in Psychologie und Medizin zu Modeströmungen geworden. Weit wichtiger aber scheint mir,  nach der Haltung junger Menschen zu fragen und ihnen darin Vorbild zu werden. Die Haltung echter Werterkenntnis, Wertordnung und Werteverwirklichung ist wichtiger als nur ein äußerlich angepaßtes Verhalten, zumal wenn es sich heute wie zu meiner Jugend nur an die Haltung der Mehrzahl anlehnt.

Vor allem aber wichtig und bewahrend wäre ein innerster Halt, der auf der Grundlage echter Erziehung und eigener Erfahrung sich gründet,auf die höchsten und bleibenden Werte, ein Halt, der um Gut und Böse, um Ichsucht und "Wirhaftigkeit" (KÜNKEL), um Recht und Unrecht, um Gott und die Welt, um Tod und Leben weiß und von diesem Wissen her einen unerschütterlichen Glauben aufbaut.

Ein solcher Glaubenshalt bietet den sichersten Schutz, die "fest Burg", die für Angriffe auch einer gefährdenden Hypnose einen undurchdringlichen Wall errichtet.

Über die Selbststeuerung und Autogenes Training, über die Therapie der Hypnose hinaus sehe ich in solchem Halt die Aufgabe der Bewahrung und Heilung, die wir den jungen Menschen schuldig sind.



e. Echte Meditation als Mitte des Lebens
 

Einige Jugendsekten nennen ihre gefährlichen Hypnosen "Meditation" und verbrämen sie mit vermeintlichen oder wirklichen religiösen Andachtsformen hinduistischer oder buddhistischer Prägung. Sinnlose Silben werden als Mantras gemurmelt und sollen das Bewußtsein auslöschen und oder die Sinne benebeln. Viele junge Menschen sind dann von dem Erleben eines an deren, eines außerwachen Bewußtseinszustandes und seiner Wirkungen aul das  Nervensystem tief beeindruckt und davon befangen.

Doch diese angeblichen Meditationsübungen stellen ja keine Form wahrer Anbetung dar, sondern eben eine Pseudo-Hypnose, die umso bedenklicher wirkt, als die Voraussetzungen all unseres Denkens (nach KANT), nämlich die Kategorien von Raum und Zeit,  bei diesen Übungen verschwimmen und schließlich verschwinden.

Damit verliert der Mensch seinen inneren Halt und die Orientierungsfähigkeit. Er wird entweder zu einem willfährigen Werkzeug denen, derer, die ihn nunmehr steuern für ihre eigensüchtigen Zwecke oder aber er "verliert den Verstand",  zeigt Zeichen einer Schizophrenie, wie ich sie immer wieder bei solchen Jugendlichen erlebte.

Die erste Orientierungsfrage des Psychiaters lautet häufig:  "Wissen sie, wo sie sich hier befinden? Wissen sie, welchen Tag wir heute schreiben?"

Nur eine einzige Religion und eine einzige Weise des Meditierens kenne ich, bei der wir sicher ohne innere Gefährdung die Einordnung in das Koordinatenkreuz von Raum und Zeit, von Wissenschaft und Geschichte, von Nüchtemheit und Wahrheit behalten, dann nämlich, wenn die Meditationen ausgerichtet sind auf das gleiche Kreuz, in dem sich für mich Jesu Christi mit dem Koordinatenkreuz der Naturwissenschaft verbinden.

Jesus Christus war eine geschichtliche Gestalt, wie wir heute wissen, tatsächlich im Jahre Null und in Bethlehem geboren und dreißig Jahre später in Jerusalem, dem gleichen Jerusalem von heute, hingerichtet. Wer beim Meditieren seine Gedanken und Sinne auf ihn richtet, bleibt zugleich fest in dieser Welt und lernt die Weisheiten und Klarheiten aus einer anderen Welt schauen.

Für mich lautet eine der vielen Antworten auf die Frage, warum so viele Jugendliche zu Pseudo-Hypnosen ihre Zuflucht nehmen, weil sie keine echte christliche Meditation kennenlernen! Solche Meditation würde den gleichen außerwachen heilenden Bewußtseinszustand vermitteln wie die Hypnose, aber auf einer tieferen Ebene zugleich den Halt vermitteln und die Bindung an echte, bleibende Werte.
 

Nicht also billige Patentlösungen anzubieten fühle ich mich imstande, wohl aber aus Erfahrungen von gangbaren Wegen zu berichten. Wir können weder der innerweltlichen Hypnosewissenschaft ausweichen noch den überweltlichen religiösen Fragen und Wahrheiten.



Auszug aus dem Schrifttumsverzeichnis zu Hypnose, Brainwashing, Deprogramming:

BERNHEIM, H.:  Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und Psychotherapie, Leipzig, 1892 (übersetzt von  S. FREUD)
BOWART, W.: Operation Mind Control, 1978
BRAID, J.: Neurypnologie, London, 1843
BROWN, J. A. C.: Techniques of Persuasion,  Penguin Books,  l963/65
CHERTOK, L.: Hypnose, Kindler Verlag, München, 1973
CLARK, J.: Investigating the effects of some religious cults on the health welfare of their converts, Arlington, TX: National Ad Hoc Committee Engaged in Free Minds.  (pamphlet),  1976
van COILLIE, D.: Der begeisterte Selbstmord. Im Gefängnis unter Mao Tse-Tung, Auer Verlag,  Donauwörth, o.J., (1967)
ERICKSON, M. H.: Advanced Techniques of Hypnosis (ed. by J. HALEY), Grune & Stratton, New York, 1967
HAMMERSCHLAG, H. E.: Verbrechen in Hypnose, München,  1954
HUNTER,  E.: Brainwashing. Farrar, Straus and Cudahy, New York, 1956
HUXLEY, A.: Brave New World,  Penguin Bock,  London,  1932
KROGER, W. S.: Clinical and Experimental Hypnosis, Lippincott Comp.,  Philadelphia/Toronto, 2. Aufl.  1977
LIEBEAULT, A.: Kriminelle hypnotische Suggestionen, Gründe und Tatsachen, welche für dieselben sprechen, Zeitschrift fur Hypnotismus,  III,  193 - 205, 225 - 229 (1895)
ders. Du sommeil et des etats analogues,  1866
LIEGEOIS, J.: Die hypnotische Suggestion in ihrer Beziehung zum Civil- und Strafrecht,  1884
LIFTON, R.J.: Thought Reform and the Psychology of Totalism - A Study of  Brainwashing in China, Pelican Book No. A 919,  USA,  1961
MAYER, L.: Das Verbrechen in Hypnose und seine Aufklärungsmethoden, München, 1937
van PELT, S.J.: Hypnotism and the Power within,  Skeffington & Son Ltd.,  London,  1950
SARGANT, W.: Der Kampf um die Seele - Eine Physiologie der Konversionen,  R.  Piper Verlag, München,  1958
SCHULTZ, I.H.: Hypnose - Technik, Gustav Fischer Verlag,  Stuttgart,  7. Aufl.  1979
ders. Gesundheitsschädigungen nach Hypnose, 1.-2. Aufl., Marhold, Halle/Saale - Berlin,  1922 - 1954
SHUPE, A.D./ SPIELMANN, R./ STIGALL, S.: Deprogramming - The New Exorcism,  American Behavioral Scientist,  Vol.  20,  No. 6.  July August 1977
STOKVIS, B.: Lehrbuch der Hypnose, S. Karger, Basel, 2. Aufl. 1965
THOMAS, K.: Die künstlich gesteuerte Seele,  Enke Verlag, Stuttgart, 1970
ders. Meditation,  Steinkopf Verlag und Thierne Verlag, Stuttgart, 1973
WOLBERG, L. R.: Hypnoanalysis, Grune & Stratton, New York, 2nd ed. 1945
WUNDT, W.: Hypnotismus und Suggestion, Leipzig, 2. Aufl. 1911