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"Das Opfer ist schuld":
Schuldzuweisungen an Sekten-Opfer


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Impressum

Die Welt war 1978 über den Tod von über 900 Menschen in Jonestown in Guyana geschockt.
So sehr, daß von einer ordnungsgemäßen Berichterstattung kaum die Rede sein konnte.
Offenbar konnten sich die meisten Berichterstatter nicht vorstellen,
daß dort über 900 Menschen - die meisten Amerikaner - ermordet worden sind.
Also wurde der Massenmord zum Massenselbstmord umgedeutet.
Damit wurden die Opfer zu Tätern deklariert.
Von den Kindern war keine Rede.
276 tote Kinder beweisen: Es war Massenmord, nicht Massenselbstmord.
Dazu auch: Der Massenmord von Jonestown 1978


Margaret Singer (Seite 54) schreibt über die "Schuldzuweisung an das Opfer":

Das Opfer ist schuld.
...
Die Schuldzuweisung an das Opfer ist eine nahezu überall anzutreffende Reaktion, wenn anderen Unglück zustößt. So wird Frauen, die vergewaltigt werden, oft die Schuld zugeschoben. Warum, so fragen die Leute, hat sie auch ein kurzes Kleid getragen, war nach zehn Uhr abends auf der Straße oder befand sich in einem Stadtteil, in den sie nicht hätte gehen sollen? Die Vergewaltigung ist ihre Schuld. Die gleiche Einstellung wird oft auch Opfern von Raubüberfällen entgegengebracht: "Warum trägt er auch einen feinen Anzug in dieser Gegend?! Eltern, die das lesen, dürften unschwer erkennen, wie oft sie ein Kind dafür ausschimpfen, daß ihm ein Mißgeschick zugestoßen ist, und gewiß ist ihnen das Gleiche geschehen, als sie selbst jung waren. Welcher Ehemann hat nicht schon einmal etwas von der Art gesagt wie: "Wenn du nicht injenen Stadtteil gefahren wärst, dann hättest du keinen Nagel im Reifen. Und welche Mutter oder Frau hat nicht schon gesagt: "Wenn du eine Jacke getragen hättest, dann hättest du jetzt keinen Schnupfen.
Ahnlich ergeht es einem Menschen, der Mitglied einer Sekte geworden ist: Die Gesellschaft neigt zu der Ansicht, mit ihm stimme etwas nicht. Es muß eine Persönlichkeitsstörung vorliegen, sonst wäre er oder sie einer solchen Gruppe nicht beigetreten. Da die Offentlichkeit Sektenmitglieder für dumm, verrückt und willens-schwach hält, ist die Reaktion so gut wie immer: "Es ist seine oder ihre Schuld. Er hat bekommen, was er gesucht hat. In unserer Gesellschaft ist es verpönt, Opfer von Betrug, gezielter Beeinflussung undTäuschung zu werden; daß diesesTabu durchbrochen wird, setzt das Opfer einer Sekte noch größerer Verachtung aus.
Wir neigen außerdem dazu, die Schuld bei den Familien und Verwandten zu suchen; ausgesprochen oder unausgesprochen nehmen wir an, daß sie irgendwie versagt haben, ansonsten wäre ihr Kind gewiß niemals Mitglied einer Sekte geworden. Bei einem Vortrag, den ich in London hielt, kam eine Frau zu mir und sagte:
"Wir Eltern werden so hingestellt, als wären wir diejenigen, die die Kinder mißbrauchen und bedrohen.
Die Tendenz, den Opfern die Schuld zuzuweisen, hindert sowohl Laien wie Wissenschaftler daran zu erkennen, daß die meisten Menschen, die in eine Sekte geraten, auf eine Art und Weise zum Opfer werden, die noch nicht hinreichend verstanden wird. Wenn ein Mann im Dschungel am Flußufer entlang geht und von einem Krokodil ins Bein gebissen wird, dann wird man dem bedauernswerten Opfer vorwerfen, daß er so nah am Wasser gegangen sei, daß ihm das Reptil etwas habe antun können.Wenige werden sich die Zeit nehmen nachzudenken und herauszufinden, daß das Krokodil ihm aufgelauert hat und er keine Ahnung hatte, wie nah die Gefahr war. So geht es auch der alten Dame, die von einem Schwindler um ihr Geld geprellt wird und der dann die Freunde sagen, es sei ihre Schuld, wenn sie so vertrauensselig sei. Nicht anders ist es, wenn jemand in die Fänge einer Sekte gerät. Der Person wird unterstellt, sie sei auf der Suche gewesen, sei leichtgläubig und befinde sich auf geistigen Abwegen. Die Aktionen der Sekte werden bei dieser Einschätzung außer acht gelassen."


Soweit Prof. Dr. Margart Singer aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung.
Das gilt keineswegs nur für die USA.
Das gilt auch für Deutschland.

Ein ehemaliger Scientology-Anhänger berichtet:
 

Friedrich Schuch: Dressur zum Selbstmord, Seite 77f
Werkmappe Nr. 73 / 1995
Referat für Weltanschauungsfragen, A-1010 Wien, Stephansplatz 6
Deutschland: Erzbischöfliches Seelsorgeamt Freiburg
Postfach 449 - 79004 Freiburg Fax 0761/5144/102

"Ich hatte bei der Beratungsstelle einige Gespräche mit einer Psychologin. Diese war anscheinend mit meinen Antworten zufrieden, weil ich der Organisation den Rücken gekehrt hatte. Es wurde mit mir aber nicht über die Doktrin selber diskutiert, über deren Hinterlist und Betrug. Niemand klärte mich sachkundig über deren Lügengebäude auf niemand setzte sich mit mir darüber auseinander. Dabei war mir doch die Doktrin das Wichtigste im Leben gewesen, und deswegen blieb dieser in meinem Kopf eingepflanzte Bereich ziemlich unberührt. Vielleicht dachte man, wenn man mir die Machenschaften der Organisation verständlich macht, dann würde in mir auch das Lügengebäude der Doktrin zusammenbrechen. Dies war aber nicht der Fall. Erst als ich viel später nach meinem Selbstmordversuch meine eigenen Schlussfolgerungen zog und die dunklen Zusammenhänge erkannte, dann erst brach das ganze Gerüst zusammen.

Bei der erwähnten Beratung, meine ich, hat niemand meine tiefe Indoktrinierung erkannt. Auf keinen Fall bestreite ich den guten Willen der Beratungsstelle: sie versuchte nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen, aber die unzureichenden Kenntnisse über die Doktrin erlaubten keine bessere Hilfestellung. Sicherlich bin ich in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Es wäre daher sehr wichtig, dass sich die Psychologie und Psychiatrie mit der Doktrin von Scientology gründlich befassen, damit die Gefahr besser erkannt wird und den Opfern besser geholfen werden kann.

Nach der Beratung wurden meine Familie und ich unserem Schicksal überlassen. Niemand beschäftigte sich weiterhin mit meiner Indoktrinierung, nachdem fälschlicherweise angenommen wurde, sie sei aufgelöst. Das Leid meiner Frau ging jedoch weiter. Durch meine Indoktrinierung muss ich sie für eine feindliche und "unterdrückerische" Person gehalten haben, weil sie mich aus Scientology herausgeholt hatte. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich dies bewusst tat, aber ganz bestimmt war dies unbewusst der Fall.

Vier Monate danach waren wir erneut bei dieser Beratungsstelle und mein wahres Problem blieb weiterhin unerkannt. Im Gespräch mit der Psychologin wurde meine Indoktrinierung nur am Rande gestreift. Hingegen wurden die großen Probleme in unserer Ehe behandelt (ich war sehr kalt zu meiner Frau geworden) und auf unsere unterschiedlichen Persönlichkeiten zurückgeführt. Die Psychologin hatte sogar Verständnis für meinen Scheidungswunsch. Es war unfassbar; eine Ehe, die vor meiner Mitgliedschaft bei Scientology fast vierzehn Jahre sehr gut funktioniert und dann noch weitere vier Jahre Indoktrinierung überstanden hatte. Niemand glaubte ernsthaft meiner Frau, wenn sie von der Hölle erzählte, die sie durchmachte, Die Verwandten und Bekannten glaubten, sie sei nervös und daherüberempfindlich und hysterisch und sie würde Probleme sehen, die es gar nicht gebe. Dabei musste sie mit einem Partner zurechtkommen, der oberflächlich unschuldig und freundlich tat, aber im Unterbewusstsein feindlich gesinnt war. Selbst die Beratungsstelle wusste keinen besseren Rat, als meiner Frau zu sagen, sie solle doch endlich meine ehemalige Mitgliedschaft bei Scientology vergessen und eine dicke geistige Betonplatte darüber legen. Aber wie sollte sie vergessen können, wenn ich tagtäglich filigransten Psycho-Terror machte?

Meine Frau suchte auch bei anderen Beratungsstellen um Rat, aber auch dort wurde die Tragik der Situation nicht erkannt. Einige dieser Stellen waren mehr auf die familiären Probleme oder auf rechtliche Fragen spezialisiert. Nirgendwo kannte man die Doktrin von Scientology ausreichend genug, um auch deren Effekte zu erkennen und hierüber zu beraten. Somit waren wir weiterhin unserem Schicksal ohne geeignete Hilfe überlassen. Meine Frau wurde immer mehr von den Problemen erdrückt. Auch unser Sohn hatte unter der Situation zu leiden. Ein halbes Jahr nach meinem ersten "Ausstiegsgespräch" wurde ich gekündigt. Ich sei zu konfus geworden. Als dies geschah, brachen für unseren Sohn die Zukunftspläne zusammen, weil er vorgehabt hatte, nach seiner Ausbildung mit mir zusammenzuarbeiten.
Die Doktrinierung tickte in meinem Kopf wie eine Zeitbombe.

Ziemlich auf den Tag genau, ein Jahr nach meinem ersten Ausstiegsgespräch, unternahm ich meinen Selbstmordversuch. Die Zeitbombe war explodiert, meine geistige Verwirrung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Trotz allen guten Willens der helfenden Personen hatte sich meine Indoktrinierung an allem unerkannt vorbeigeschlichen. Dass sie aber noch da war, wird bewiesen durch meinen Selbstmordversuch und durch meine Phantasien im Delirium und Koma. Nach dem Selbstmordversuch musste ich einen Monat auf der Intensivstation bleiben und danach 18 Monate im Krankenhaus verbringen.

Heute, einige Jahre danach, sitze ich im Rollstuhl. Durch meine eigenen Zukunftspläne und die meiner Familie wurden dicke Striche gezogen. Sehr viel Leid wurde uns zugefügt und alles nur, weil ich falschen Versprechungen glaubte und geistig versklavt wurde.



Singer: Sekten - Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können. Auer, Heidelberg, 1997


 
 



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