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Robert Jay Lifton 1963 über Gehirnwäsche
Das berühmte Kapitel 22 in deutscher Übersetzung


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AGPF-Materialdienst 3/90 - Anmerkungen der AGPF vom 16.2.90:
Es handelt sich um eine private Übersetzung. Erstaunlicherweise gibt es keine deutsche Ausgabe dieses wohl wichtigsten Buches zum Thema der Beeinflussung Dritter ohne deren Willen.

Nach der Nazi-Zeit wäre es zu erwarten gewesen, daß sich Psychologen mit der Frage befassen, weshalb und wie die Mehrheit eines Volkes zu Mitläufern von Massenmördern werden konnten. Zumal dieses Thema Denken und Gespräche mehrerer Generationen zumindest teilweise beherrscht hat.

Eine Computer-Recherche des DMIDI- DEUTSCHES INSTITUT FÜR MEDIZINISCHE DATERNVERARBEITUNG ergab: So gut wie keine Arbeiten. Die wenigen vom Computer gemeldeten Arbeiten betrafen fast durchweg die Werbung.

Erstaunlicher Fund: Prof. Dr. Kroeber-Riel, Chef des Institutes für Konsumforschung an der Universität Saarbrücken, kommt zu dem Ergebnis: Gegen gestimmte Formen der Werbung kann der Konsument sich nicht wehren. Er nennt dies die emotionale Konditionierung. Und schlägt gesetzliche Schritte vor.

Kroeber-Riel hat sich übrigens nie mit Sekten und Kulten befaßt. Seine Forschungen waren überwiegend Auftragsarbeiten der Wirtschaft.

Die AGPF hat bereits ein Gesetz gegen den Mißbrauch von Verfahren zur Veränderung der Persönlichkeit vorgeschlagen.



Übersetzung aus dem Buch von Robert Jay Lifton:

Thought Reform and the Psychology of Totalism
A Study of "Brainwashing"
1963
 

Kapitel 22:
Ideologischer Totalitarismus

Inhalt:
Milieukontrolle (Milieu Control)
Mystische Manipulation
Forderung nach Reinheit
Der Bekenntniskult
Die "Heilige Wissenschaft"
Sprachliche Beeinflussung
Die personenbeherrschende Doktrin
Die Dispensierung der Existenz



Die Gedankenumbildung (thought reform) besitzt ihre eigene psychologische Triebkraft, eine sich selbst fortsetzende Energie, die nicht immer mit den Interessen der Programmleiter übereinstimmt. Wenn wir die Quellen dieser Triebkraft erforschen, stoßen wir auf einen Komplex von psychologischen Themen, die man dem allgemeinen Oberbegriff "Ideologischer Totalitarismus" unterordnen könnte. Mit diesem unbeholfenen Ausdruck meine ich das Aufeinandertreffen überspannter Ideologien mit gleichermaßen überspannten Charakterzügen einzelner Menschen, eine extremistische Basis für die Begegenung von Menschen und Ideen.

Bei der Erörterung der Tendenzen zum indivuellen Totalitarismus im Rahmen meiner Thematik habe ich betont, daß es sich hierbei um etwas Graduelles handelt und daß die Möglichkeit dieser Form einer emotionalen Alles-oder-Nichts-Haltung in jedem von uns vorhanden ist. In gleicher Weise kann jede Ideologie - d.h. jeder Komplex von gefühlsüberladenen Überzeugungen, hinsichtlich des Menschen und seiner Beziehung zur natürlichen und übernatürlichen Welt, - von ihren Anhängern in eine totalitaristische Richtung gelenkt werden. Aber die Wahrscheinlichkeit, daß dies geschieht, ist am größten bei jenen Ideologien, die von ihrem Inhalt her sehr mitreißerisch sind, unabhängig davon, ob es sich um religiöse, politische oder wissenschaftliche Ideologien handelt. Und dort, wo Totalitarismus herrscht, wird eine Religion, eine politische Bewegung oder sogar eine wissenschaftliche Organisation zu etwas mehr als zu einem exklusiven Kult.

Eine Diskussion über den Schwerpunkt im Umfeld der Gedankenumbildung kann uns so zu einer allgemeineren Betrachtungsweise der Psychologie des menschlichen Glaubensfanatismus führen. Denn ich möchte, um auf der Grundlage dieser Untersuchung der Gedankenumbildung die allen Ausdrucksformen des ideologischen Totalitarismus eigenen Charakteristika herausstellen, einige Kriterien vorschlagen, vor deren Hintergrund jede Art von Umwelt beurteilt werden kann- eine Grundlage zur Beantwortung der immer wiederkehrenden Frage: "Ist dieses nicht einer 'Gehirnwäsche' gleichzusetzen?"
Diese Kriterien bestehen aus acht psychologischen Themen, die im sozialen Umfeld der Gedankenumbildung vorherrschen. Jedes hat eine totalitäre Eigenschaft, jedes hängt von einem gleichermaßen absoluten philosophischen Postulatat ab, und jedes mobilisiert gewisse individuelle Gefühlstendenzen, meist polarisierender Natur. Psychologische Thematik, philosophische Grundprinzipien und polarisierte individuelle Tendenzen  stehen in enger Wechselbeziehung zueinander; sie sind eher Voraussetzung als direkte Ursache füreinander. Kombiniert schaffen sie eine Atmosphäre, die zeitweilig anspornend oder anregend sein kann, die aber gleichzeitig die ernsthafteste Bedrohung für den Menschen darstellt.

Milieukontrolle (Milieu Control)

Das grundlegende Merkmal des Umfelds der  Gedankenumbildung, die psychologische Strömung, von der alles andere abhängt, ist die Kontrolle der menschlichen Kommunikation. Durch diese Milieukontrolle versucht das totalitaristische System nicht nur die Kommunikation des einzelnen mit seiner Außenwelt zu beherrschen (d.h. alles, was er sieht, hört, liest, schreibt, erfährt und ausdrückt), sondern auch - durch eindringen in sein Innenleben - das, was man als Kommunikation mit sich selbst bezeichnen mag. Es schafft eine ungute Atmosphäre,  die unweigerlich an George Orwells "1984" erinnert, jedoch mit einem bedeutsamen Unterschied. Für George Orwell als Mann des Abendlandes stellte sich die Milieukontrolle als eine mechanisch ausgeführte Vision dar, nämlich als ein doppelseitiges Teleauge. Die Chinesen, obwohl sie jegliche ihnen zur Verfügung stehenden mechanischen Mittel verwenden, erreichen eine psychologisch tiefgehendere Kontrolle durch einen menschlichen  Erfassungs- und Übermittlungsapparat. Man darf wohl behaupten, daß das chinesische kommunistische Gefängnis und die revolutionäre Universität einen kollektiven Lebensraum hervorbringen, der so gründlich überwacht wird wie nie zuvor. Die über das breitere soziale Umfeld des kommunistischen Chinas ausgeübte Milieukontrolle steht, obwohl sie weit weniger intensiv ist, in ihrer Kombinatin von Extensität und Tiefe auf ihre Weise ohne ihresgleichen da; sie ist tatsächlich eines der kennzeichnenden Merkmale der chinesischen kommunistischen Praxis.

Eine derartige Milieukontrolle schafft es niemals, absolut zu werden; und ihr eigener menschlicher Apparat kann, wenn  er durch Außeninformationen durchdrungen wird, weitaus "störanfälliger" sein als irgendein mechanischer Apparat. Für die totalitären Verwalter sind derartige Vorkommnisse jedoch nicht mehr als Beweise für "unsachgemäße" Anwendung des Apparates. Denn für sie ist die Milieukontrolle eine gerechte und notwendige Politik, die nicht geheimgehalten werden muß: Die an der Gedankenumbildung Beteiligten mögen zwar im unklaren darüber sein, wer wem was sagt, aber die Tatsache, daß umfassende Informationen über jeden an die Behörden übermittelt werden, ist allseits bekannt. Im Mittelpunkt dieser Selbstrechtfertigung steht ihr Anspruch auf Allwissenheit, ihre Überzeugung, daß die Realität ihr ausschließlicher Besitz ist. Da sie die Wirkung dessen, was sie als notwendige Wahrheit betrachten, erfahren haben (und da sie die Notwendigkeit sehen, jeglichen inneren Zweifel in sich selbst zu zerstreuen) sehen sie es als Pflicht an, eine Umwelt zu schaffen, die nicht mehr und nicht weniger als diese "Wahrheit" enthält. Um die Manipulatoren der menschlichen Seele sein zu können, müssen sie diese zuerst unter volle Beobachtungskontrolle bringen.

Wenn man der Milieukontrolle ausgesetzt ist widerfahren einem auf psychologischer Ebene vielerlei Dinge; am fundamentalsten ist die Störung des Gleichgewichts zwischen dem Eigenleben und der Außenwelt. Das Individuum, das in Richtunmg auf eine Verschmelzung des inneren und äußeren Milieus gedrängt wird, stößt auf eine tiefgreifende Bedrohung seiner persönlichen Selbstständigkeit. Ihm wird die Verbindung von Außeninformationen mit der inneren Reflexion genommen, die erforderlich ist, um die Realitäten der eigenen Umwelt zu  prüfen und einen Maßstab für die eigene, von der Umwelt losgelösten Identität zu bewahren. Stattdessen wird von ihm verlangt, eine absolute Polarisierung des Wirklichen (der vorherrschenden Ideologie) und des Unwirklichen (allem anderen) vorzunehmen. In dem Maße, wie er dieses tut, unterzieht er sich einer "persönlichen Verschließung", die ihn von dem ewigen Kampf des Menschen mit den schwer faßbaren Feinheiten der Wahrheit befreit. Er mag sogar das  Gefühl seiner Umwelt für die Allwissenheit teilen  und das Universum aus "göttlicher Sicht" betrachten; aber er wird wahrscheinlich eher sich selbst vor dem "Gottesauge" der Überwacher seiner Umwelt als Opfer empfinden. An diesem Punkt erliegt er der erstickenden Feindseligkeit, von der wir bereits gesprochen haben, dem unangenehmen  Bewußtwerden, daß sein Streben nach neuen Informationen, unabhängigen Urteilen und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit vereitelt werden. Wenn seine Intelligenz und seine Sensibilität ihn zu den außerhalb des geschlossenen ideologischen Systems liegenden Realitäten führen, so mag er diese als nicht voll legitimiert verwerfen - bis die Milieukontrolle für ihn so weit herabgesetzt wird, daß er diese Realitäten mit anderen teilt. Er wird in jedem Fall in der ständigen Frage des Menschen nach der Wahrheit, dem Guten und dem Sinnvollen in seiner Umwelt und sich selbst behindert.

Mystische Manipulation

Der unweigerlich nächste Schritt nach der Milieukontrolle ist eine weitgehende Manipulation der Persönlichkeit. Diese Manipulation setzt Skrupellosigkeit voraus und bedient sich jeden Mittels zur Steuerung des Milieus, ganz gleich,  wie eigentümlich oder schmerzlich es sein mag. Von oben kommend, versucht sie spezifische Verhaltens- oder Gefühlsmuster in einer Art und Weise hervorzurufen, daß es so aussieht, als ergäben sich diese spontan aus der Umwelt. Dieses Element  der geplanten Spontanität, das von einer angelblich allwissenden Gruppe gelenkt wird, muß für den Manipulierten selbst eine nahezu mystische Eigenschaft annehmen.

Ideologische Totalitaristen betreiben diese Beeinflussung nicht nur mit dem Ziel, ein Gefühl der Macht über andere aufrecht zu erhalten. Sie sind vielmehr durch eine besondere Art von Mystik gedrängt, die nicht nur derartige Manipulationen rechtfertigt, sondern sie auch zwingend vorschreibt. Zu dieser Mystik gehört ein Sinn für den "höheren Zweck", ein Gefühl, "irgendein dringendes Gesetz der sozialen Entwicklung direkt erkannt zu haben" und selbst der Vorkämpfer für diese Entwicklung zu sein. Da sie somit zu Werkzeugen ihrer eigenen Mystik werden, umgeben sie die manipulierenden Institutionen - die Partei, die Regierung, die Organisation - mit einer mystischen Aura. Sie sind die (von der Geschichte, Gott oder irgendeiner übernatürlichen Macht) "Auserwählten", die das "mystische Gebot" ausführen sollen, wobei das Streben danach Rücksichten auf Anstand oder unmittelbares Wohlergehen des Menschen überlagern muß. In gleicher Weise wird jeder Gedanke oder jede Tat, die den höheren Zweck in Frage stellt, angesichts des großen und überragenden Sendungsauftrages als niederen Motiven entspringend als rückständig, selbstsüchtig und unbedeutend abgetan. Dieses selbe mystische Gebot schafft die auffallenden Extreme von Idealismus und Zynismus, die im Zusammenhang mit den Manipulationen eines jeden totalitären Systems auftauchen: selbst das Handeln, das im Extrem zynisch erscheint, kann so ausgelegt werden, als habe es letzten Endes eine Verbindung zum "höheren Zweck".

Auf der Ebene der Einzelperson drehen die psycholgischen Reaktionen auf diese Manipulationen sich und die grundlegende Polarität von Vertrauen und Mißtrauen. Es wird von einem verlangt, diese Manipulationen auf der Basis des absoluten Vertrauens (oder Glaubens) "wie ein Kind in den Armen seiner Mutter", wie pater Luca richtig feststellte, anzunehmen. Wer in diesem Maß Vertrauen einbringt, kann die Manipulation im Rahmen des Idioms der dahinter stehenden Mystik erfahren, d.h. er mag das Mysteriöse daran begrüßen, an dem damit verbundenen Leid Gefallen finden und sie für die Erfüllung des "höheren Zwecks", der als der eingene angesehen wird, für notwendig halten. Aber ein  derartig elementares Vertrauen ist schwer aufrecht zu erhalten; und selbst der Stärkste kann durch konstante Manipulationen verunsichert werden.

Wenn das Vertrauen den Weg für Mißtrauen ebnet (oder wenn Vertrauen niemals bestanden hat), kann der höhere Zweck nicht als adäquater emotionaler Unterbau dienen. Der einzelne reagiert dann auf die Manipulationen durch Entwickung einer - von mir so bezeichneten - "Psychologie des Schachbauern". Da er sich selbst nicht in der Lage sieht, den Kräften zu entrinnen, die mächtiger sind als er selbst, ordnet er alles seiner Anpassung an diese Kräfte unter. Er wird für alle Arten von Andeutungen empfänglich, wird zum Experten darin, den von der Umwelt ausgeübten Druck so aufzufangen, daß seine psychologischen Energien eher mit dem allgemeinen Strom zusammenfließen als sich schmerzlich gegen ihn zu richten. Das setzt voraus, daß er sich aktiv an der Manipulation anderer sowie an dem erforderlichen Teufelskreis von Betrug und Selbstbetrug beteiligt.

Aber wie er auch immer reagieren mag - ob er angesichts der Tatsache, daß er manipuliert wird, erfreut ist, zutiefst betroffen ist oder beide Gefühle gleichzeitig empfindet - ihm wurde die Gelegenheit genommen, seine Fähigkeit zur Selbstdarstellung und zum unabhängigen Handeln auszuüben.

Forderung nach Reinheit

Im Umfeld der Gedankenumbildung, in allen Situationen des ideologischen Totalitarismus, ist die Erfahrungswelt streng in das Reine und Unreine, in das absolut Gute und das absolut Böse aufgeteilt. Das Gute und das Reine sind natürlich jene Ideen, Gefühle und Handlungen, die mit der totalitären Ideologie und Politik vereinbar sind; alles andere muß dem Schlechten und Unreinen zugeschrieben werden. Nichts Menschliches ist gegen die Flut strenger Moralbegriffe immun. Jeder "Makel" und jedes "Gift", die zum bestehenden Stadium des Unreinen beitragen, müssen ergründet und beseitigt werden.

Die dieser Forderung zugrundeliegende philosophische Voraussetzung ist, daß die absolute Reinheit (der "gute Kommunist" oder der ideale kommunistische Staat) erreichbar ist, und daß alles, was jemandem im Rahmen dieser Reinheit angetan wird, höchst moralisch ist. In der eigentlichen Praxis jedoch wird von niemandem (und von keinem Staat) tatsächlich erwartet, eine derartige Perfektion zu erlangen. Ebensowenig kann dieses Paradoxon lediglich als Mittel zur Feststellung eines hohen, für alle erstrebbaren Standards abgetan werden. Die Gedankenumbildung liefert den Beweis für ihre weitaus bösartigeren Folgen: denn durch Abgrenzung und Manipulation der Reinheitskriterien sowie anschließender uneingeschränkter Bekämpfung alles Unreinen schafft der ideologische Totalitarist eine beschränkte Welt von Schuld- und Schamgefühlen. Diese wird verfestigt durch ein Ethos der andauernden Reform, der Forderung, daß jeder ständig und mühsam nach etwas strebt, was nicht nur nicht existiert, sondern faktisch der menschlichen Natur zuwiderläuft.

Auf der Ebene der Beziehung zwischen dem einzelnen und der Umwelt schafft die Forderung nach Reinheit eine Art "Atmosphäre des Schuldgefühls" (guilty milieu) und eine "Atmosphäre des Schamgefühls" (shaming milieu). Da das Unreine im Menschen als sündig und möglicherweise für sich und andere als schädlich betrachtet wird, muß er sich sozusagen auf eine Bestrafung gefaßt machen - was zu einem Schuldgefühl gegenüber seiner Umwelt führt. In gleicher Weise soll er mit Erniedrigung und Ächtung rechnen, wenn er es beim Ausmerzen derartiger Unreinheiten nicht schaftt, die bestehenden Normen zu erfüllen - und somit wird das Schamgefühl gegenüber seiner Umwelt erzeugt. Ferner wird das Gefühl von Scham und Schuld hoch gewertet: es gehört zu den bevorzugten Formen von Kommunikation, zum Gegenstand öffentlichen Wettbewerbs und zur Grundlage für Bande zwischen dem eizelnen und seinen totalitären Anklägern. Man kann versuchen, sie eine Zeitlang vorzutäuschen, aber das Scheinmanöver kann leicht durchschaut werden, und es ist sicherer (laut Miss Darrow), sie echt zu erfahren.

Die Menschen haben eine sehr unterschiedliche Empfindsamkeit für Schuld und Scham (wie meine an der Studie beteiligten Personen verdeutlichen), das jeweils von den in frühen Lebensjahren entwickelten Verhaltensmustern abhängt. Da jedoch Schuld und Scham dem menschlichen Dasein zugrunde liegen, kann dies Abweichung nicht mehr als ein gradueller Unterschied sein. Jeder Mensch wird durch seine tiefverwurzelte Empfindlichkeit gegenüber seinen eigenen Grenzen und seinen unausgeschöpften inneren Möglichkeiten verletzbar; mit anderen Worten, jeder  wird durch seine existentielle Schuld verletzbar. Da die totalitären Ideologien zur letzten Entscheidungsinstanz über Gut und Böse innerhalb ihrer Welt werden, können sie diese universalen Tendenzen in Richtung auf Schuld und Scham als emotionale Hebel für ihre Kontroll- und Manipulationseinflüsse benutzen. Sie werden zu Schiedsrichtern der existentiellen Schuld, zu Mächten, die unbegrenzt mit den Grenzen der anderen verfahren. Und ihre Macht ist nirgendwo augenfälliger als in ihrer Fähigkeit zu "vergeben".

Der einzelne wird somit dazu gebracht, dieselbe totalitäre Polarisierung des Guten und des Bösen bei der Beurteilung seines eigenen Charakters anzwenden: er tendiert dazu, bestimmtem Aspekten seiner selbst eine übermäßige Tugend beizumessen und die persönlichen Eigenschaften anderer sogar noch übermäßiger zu verurteilen - alles entsprechend ihrem ideologischen Stand. Er muß ebenfalls glauben, daß seine eigenen Unreinheiten durch Außeneinflüsse verursacht sind, d.h. von der ewig bedrohlichen Welt jenseits des abgeriegelten totalitaristischen Horizonts. Daher liegt die beste Möglichkeit, sich selbst von einem Teil seiner Last der Schuld zu befreien, darin, diese Außeneinflüsse ständig und feindselig zu denunzieren. Je schuldiger er sich fühlt, um so größer ist sein Haß und um so bedrohlicher erscheinen die Außeneinflüsse.

Somit wird die universale psychologische Tendenz zur "Projektion" genährt und institutionalisiert, was zu Massenhaß, Säuberungen in den Reihen der Ketzer und zu politischen und religiösen heiligen Kriegen führt. Ferner hat jemand, der bereits die totalitäre Polarisierung von Gut und Böse erfahren hat, große Schwierigkeiten, ein ausgewogenes inneres Gespür für die Vielschichtigkeit der menschlichen Moral wiederzuerlangen. Denn, es gibt keine stärkere Fessel als die eines Menschen, dessen gesamtes Schuldpotential - neurotisch und existentiell - zum Eigentum ideologischer Totalitaristen wurde.

Der Bekenntniskult

In enger Verbindung zur Forderung nach absoluter Reinheit steht eine Besessenheit mit persönlichem Bekenntnis. Dieses Bekenntnis geht soweit, daß es den Rahmen seiner normalen, religiösen, legalen und therapeutischen Ausdrucksformen sprengt, und zwar dergestalt, daß es selbst zum Kult wird. Es gibt die Forderung, daß man sich zu Verbrechen bekennt, die man nicht begangen hat, zu einer künstlich erzeugten Sündhaftigkeit, im Namen einer Buße, die willkürlich auferlegt wird. Derartige Forderungen werden nicht nur durch die allgegenwärtigen menschlichen Neigungen zu Schuld und Scham möglich, sondern auch durch die Notwendigkeit, diesen Neigungen Ausdruck zu geben. In totalitären Händen wird das Bekenntnis zum Mittel der Ausbeutung, anstatt für diese Verletzlichkeit Trost anzubieten.

Das totalitaristische Bekenntnis hat eine Reihe besonderer Bedeutungen. Es ist zunächst der Motor für die soeben erörterte Art der persönlichen Läuterung, ein Mittel zur Aufrechterhaltung einer ständigen inneren Befreiung oder eines psychologischen Reinwaschens; diese "Atmosphäre der Läuterung" (purging milieu) verstärkt die Herrschaft des Totalitaristen über die existentielle Schuld. Zweitens ist sie eine Akt symbolischer Selbstaufgabe, der Ausdruck für das Verschmelzen von Individuum und Umwelt. Drittens ist sie ein Mittel zur Aufrechterhaltung eines Ethos der totalen Auslieferung - eine Politik, alles über Lebenserfahrungen, Gedanken und Leidenschaften jedes einzelnen und besonders über jene Elemente, die als abweichlerisch angesehen werden können, öffentlich bekanntzugeben (oder zumindest der Organisation zur Kenntnis bringen).

Die der totalen Auslieferung zugrunde liegende Voraussetzung (neben der Forderung nach Reinheit) ist die Forderung der Umwelt nach totalem Besitz eines jeden einzelen. Privater Besitz des Geistes und seiner Produkte - der Phantasie oder des Gedächtnisses  - wird in hohem Maße unmoralisch. Das begleitende Grundprinzip (oder die vernunftmäßige Erkenntnis) ist uns vertraut (aus der Erfahrung von George Chen); das Milieu hat ein derartig perfektes Stadium der Erleuchtung erreicht, daß jedes individuelle Zurückhalten von Gedanken und Gefühlen anachronistisch wird.

Der Bekenntniskult kann dem einzelnen eine bedeutende psychologische Befriedigung verschaffen durch die ständige Gelegenheit der emotionalen Kartharsis und Erleichterung von unterdrückten Schuldgefühlen, insbesondere insoweit diese mit Tendenzen der Selbstbestrafung verbunden sind, die darauf abzielen, persönliche Entwürdigung als Freude zu empfinden. Außerdem kann das Miterleben der Bekenntnisbegeisterung ein orgiastisches Gefühl des "Einsseins", intensiver Vertrautheit mit den Mitbekennern und des Aufgebens des eigenen Ichs im großen Strom der Bewegung vermitteln. Und ferner besteht ebenfalls - zumindest anfangs - die Möglichkeit der echten Selbstenthüllung und der Selbstbesserung durch die Erkenntnis, daß "das, was exponiert wurde, ist, was ich bin". Aber da totalitärer Druck das Bekenntnis in ständigen Befehlsvollzug umkehrt, überwiegt das Element der theatralischen öffentlichen Zur-Schau-Stellung gegenüber der echten inneren Erfahrung. Jeder ist um die Wirkung seiner persönlichen Darstellung besorgt, und diese Darstellung dient zeitweilig dazu, den Emotionen und Gedanken auszuweichen, die das stärkste Schuldgefühl auslösen - dies bestätigt die Aussage einer von Camus' Figuren, daß "Verfasser von Bekenntnissen gerade schreiben, um Bekenntnisse zu vermeiden, um nichts von dem eigenen Wissen preiszugeben". Die Schwierigkeit liegt natürlich in der unvermeidbaren Verwirrung zwischen der Methode des Darstellers und seiner gesonderten persönlichen Realität, zwischen dem Schauspieler und dem "wahren Ich".

In diesem Sinn wirkt sich der Bekenntniskult genau entgegengesetzt zu seinem Ideal der totalen Auslieferung aus: Anstatt persönliche Geheimnisse auszumerzen, vermehrt und intensiviert er sie. In jeder Situation hat das persönliche Geheimnis zwei bedeutende Elemente: erstens, schuldhafte und beschämende Gedanken, die man unterdrücken möchte, damit sie nicht von anderen erkannt werden, und zweitens Darstellungen von Teilen des eigenen Ichs, die zu wertvoll sind, um ausgedrückt zu werden, außer wenn man allein ist oder in besonderen Liebesbeziehungen steht, die sich um diese gemeinsam erlebte heimliche Welt bilden. Persönliche Geheimnisse werden immer als Gegendruck gegen den inneren Drang zur Selbstdarstellung gewahrt. Die totalitäre Umwelt kommt mit diesem inneren Druck durch ihre eigene Besessenheit über den Ausgelieferten und den Entlarvungsprozeß in Berührung. Als Ergebnis werden alte Geheimnisse wieder aufgefrischt und neue verbreitet; letztere bestehen meistens in Ressentiments oder Zweifeln gegenüber der Bewegung oder beziehen sich auf Aspekte der Identität, die immer noch außerhalb der vorgeschriebenen ideologischen Sphäre existieren. Jeder wird in einen ständigen Konflikt darüber verwickelt, welche Geheimnisse zu wahren und welche preiszugeben sind, und wie weniger bedeutende Geheimnisse zu enthüllen sind, um die wichtigeren zu schützen; seine eigene Abgrenzung zwischen dem Geheimnis und dem Bekannten, zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten wird verwischt. Und aus einem Geheimnis oder einem Komplex von Geheimnissen mag sich (wie wir bei Hu sahen) ein äußerster innerer Kampf zwischen Widerstand und Selbstaufgabe ergeben.

Schließlich macht es der Bekenntniskult unmöglich, ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Wertvorstellung und Unterwürfigkeit zu erlangen. Der begeisterte und agressive Bekenner wird wie Camus' Figur, dessen ständiges Bekenntnis zum Mittel wird, über andere zu urteilen: "(Ich)... praktiziere den Beruf des Büßers, um die Fähigkeit zu erlangen, als Richter zu enden ... je mehr ich mich selbst anklage, um so mehr habe ich das Recht, Dich zu richten". Die Identität des "Richters-Büßers" wird somit zum Mittel, einiges von der Arroganz und von dem Bewußtsein der Allmacht der Umwelt anzunehmen. Aber diese geteilte Allmacht kann den einzelnen auch nicht vor den entgegengesetzten (aber nicht beziehungslosen) Gefühlen der Erniedrigung und Schwäche schützen; Gefühle, die bsonders bei jenen vorherrschen, die mehr Zwangsbüßer als allmächtiger Richter bleiben.

Die "Heilige Wissenschaft"

Das totalitaristische System umgibt ihr fundamentales Dogma mit einer Aura des Geheiligten, indem es dieses Dogma als höchste sittliche Vorstellung für die Ordnung des menschlichen Daseins ausgibt. Dieses Heilige wird in dem (mehr oder weniger ausdrücklichen) Verbot der Infragestellung der Grundvoraussetzung und in der Verehrung deutlich, die für die Urheber des Wortes, die derzeitigen Träger des Wortes und das Wort selbst erforderlich ist. Während das System somit die üblichen Belange der Logik tranzendiert, erhebt es gleichzeitig einen übertriebenen Anspruch auf unanfechtbare Logik, auf eine absolute "wissenschaftliche Präzision". Somit wird die höchste sittliche Vorstellung zur höchsten Wissenschaft; und wer es wagt, diese zu kritisieren oder sogar unausgesprochene Alternativen zu hegen, wird nicht nur unmoralisch und respektlos, sondern auch "unwissenschaftlich". Auf diese Art bestärken die philosophischen Führer des modernen ideologischen Totalitarismus ihre Autorität, indem sie für sich in Anspruch nehmen, das reiche und angesehene Erbe der Naturwissenschenschaft zu vertreten.

Es wird hier nicht so sehr davon ausgegangen, daß der Mensch Gott werden kann, sondern das Denken des Mensczhen göttlich sein kann: Daß es eine absolute Wissenschenschaft der Gedankenwelt (und implizite eine absolute Wissenschaft des Menschen) gibt oder zumindest nahezu erreicht werden kann, daß diese Wissenschaft mit einem in gleicher Weise absoluten Gesamt moralischer Grundsätze verbunden werden kann und daß die daraus resultierende Doktrin für alle Menschen für alle Zeiten wahr ist. Obwohl keine Ideologie in ihren Behauptungen offen so weit geht, sind derartige Annahmen in der totalitaristischen Praxis mitenthalten.

Dem einzelnen kann die totalitäre heilige Wissenschaft viel Bequemlichkeit und Sicherheit bieten. Ihre Anziehungskraft liegt in der scheinbaren Vereinigung der mystischen und logischenErfahrungswelten (in der Psychoanalyse heißt dieses: der primären und sekundären Denkprozesse). Denn im Rahmen der heiligen Wissenschaft ist Raum sowohl für einen sorgfältigen schrittweisen Syllogismus als auch für weitreichende nichtrationale "Erkenntnisse". Da die Unterscheidung zwischen dem Logischen und Mystischen zunächst künstlich und vom Menschen geschaffen ist, kann eine Gelegenheit, sie zu tranzendieren, ein extrem intensives Gefühl der Wahrheit bewirken. Aber diese Haltung des vorbehaltlosen Glaubens - rational und nicht-rational abgeleitet - ist nur schwerlich durchzuhalten, vor allem dann, wenn man entdeckt, daß die Erfahrungswelt nicht annähernd so absolut ist, wie die heilige Wissenschaft es vorgibt.

Die heilige Wissenschaft kann jedoch eine so starke Beherrschung der geistigen Prozesse des einzelnen erreichen, daß er, wenn er sich von Gedanken angezogen fühlt, die der Wissenschaft widersprechen oder sie ignorieren, schuldig oder verängstigt wird. Sein Wissensdrang wird somit gehemmt, da er im Namen der Wissenschaft an einem Engagement für die rezeptive Wahrheitssuche, die die echte wisschenschaftliche Methode kennzeichnet, gehindert wird. Und seine Position ist um so schwieriger, als im totalitaristischen System jede Unterscheidung zwischen dem Heiligen und dem Profanen fehlt: Es gibt keinen Gedanken oder keine Handlung, die nicht mit der heiligen Wissenschaft in Verbindung gebracht werden könnte. Allerdings kann man gewöhnlich Erfahrungsbereiche ermitteln, die außerhalb ihrer unmittelbaren Autorität stehen; aber in Zeiten höchster totalitaristischer Aktivität (wie z.B. während der Gedankenumbildung) werden derartige Bereiche abgeschnitten, und es gibt tatsächlich kein Entkommen vor den ständig drängenden Anordnungen und Forderungen des Systems. Welche Kombination der ständigen Ergebenheit, des inneren Widerstands oder des kompromißbereiten Nebeneinanderbestehens der einzelne gegenüber dieser Mischung von vorgetäuschter Wissenschenschaft und hinterlistiger Religion auch annehmen mag, sie drängt ihn kontinuierlich in eine persönliche Isolierung, drängt ihn eher dazu, Kenntnisse und Erfahrungen, die für einen echten Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und für eine kreative Entwicklung erforderlich sind, zu vermeiden als sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Sprachliche Beeinflussung

Die Sprache des totalitaristischen Sytems ist durch das denkhemmende Klischee charakterisiert. Die weitreichendsten und komplexen Probleme des Menschen werden in kurzen, stark reduzierenden, definitiv klingenden Schalgworten komprimiert, die leicht zu behalten und auszudrücken sind. Diese Phrasen sind Anfang und Ende einer jeden ideologischen Analyse. Z.B. wird in der Gedankenumbildung der Begriff "bürgerliche Mentalität" verwandt, um normalerweise unangenehme Belange, wie das Streben nach individuellem Ausdruck, die Erforschung von Alternativvorstellungen und die Suche nach Perspektive und Ausgewogenheit bei der politischen Beurteilung, zu erfassen und kritisch abzutun. Außer ihrer Funktion als Interpretationsrichtlinien werden diese Klischees zu dem, was Richard Weaver "endgültige Begriffe" genannt hat: Entweder "göttliche Begriffe", die für das absolut Gute stehen, oder "teuflische Begriffe" die stellvertretend für das absolut Böse stehen. In der Gedankenumbildung fallen Begriffe wie "Fortschritt", "progressiv", "Befreiung", "proletarische Standpunkte" und "Dialektik der Geschichte" in die erste Kategorie,Begriffe wie "Kapitalist", "Imperialist", "ausbeutende Klasse" und "bürgerliche (r)" Mentalität, Liberalismus, Moral, Aberglaube und Habgier gehören natürlich zur zweiten Kategorie. Die totalitäre Sprache konzentriet sich stets auf einen allumfassenden, frühzeitig abstrakten, äußerst kategorischen, unbarmherzig verurteilenden Jargon, der für jeden, außer für seine höchst ergebenen Verfechter, tödlich langweilig ist: Lionel Trilling nennt sie "die Sprache des Nicht-Denkens".

Freilich besteht diese Art Sprache bis zu einem gewissen Grad innerhalb jeder kulturellen und organisatorischen Gruppierung und alle Glaubenssysteme hängen davon ab. Sie ist zum Teil ein Ausdruck von Einheit und Exklusivität - wie Edward Sapir es formuliert: "Er spricht wie wir" ist gleichzusetzen mit "Er ist einer von uns". Die einseitige Ausrichtung ist natürlich im ideologischen Totalitarismus noch extremer, da der "Jargon" die beanspruchten Gewißheiten der heiligen Wissenschaft ausdrückt. Ferner geht man von der Voraussetzung aus, daß die Bewegung sich der Sprache - wie aller anderer Produkte des Menschen - bemächtigen und sie beeinflussen kann. Es bestehen keinerlei Bedenken, sie in irgendeiner Weise zu manipulieren oder auszurichten; die einzig gültige Erwägung ist, ob sie der Sprache dienlich ist.

Auf den einzelnen bezogen kann die Sprache des ideologischen Totalitarismus in einem Wort zusammengefaßt werden: Einengung. Er ist sozusagen lingustisch behindert; und da die Sprache von so zentraler Bedeutung für alle menschlichen Erfahrungen ist, werden seine Möglichkeiten des Denkens und Fühlens ungemein begrenzt. Das ist genau das, zu dem Hu meinte: "Wenn man dieselben Wortraster über eine so lange Zeit hinaus verwendet ..., fühlt man sich wie an Ketten gelegt". Eigentlich fühlt sich nicht jeder, der dieser Sprache ausgesetzt ist, an Ketten gelegt, aber Tatsache ist, daß jeder durch diese verbalen Fesseln weitgehend eingeschränkt ist. Wie auch andere Aspekte des Totalitarismus kann diese Steuerung der Sprache ein ursprüngliches Gefühl der Einsicht und Sicherheit vermitteln, dem dann eventuell ein Gefühl von Unbehagen folgt. Dieses Unbehagen kann zum Rückfall in strenge Orthodoxie führen, in der das Individuum den ideologischen Jargon um so lauter herausschreit, um seine Konformität zu bezeugen, sein eigenes Dilemma und seine Verzweiflung zu verbergen und sich selbst vor der Furcht und Schuld zu schützen, die über ihn käme, wenn er versuchte, andere Worte und Phrasen als die vorgegebenen korrekten zu gebrauchen. Oder aber er kann ein komplexes Muster der inneren Spaltung annehmen und pflichtbewußt den erwarteden Klischees in der Öffentlichkeit entsprechen, während er in seinem Privatleben nach sinnvolleren Wegen der Ausdrucksmöglichkeit sucht. In jedem Fall wird sein Vorstellungsvermögen in zunehmendem Maße von seinen wirklichen Lebenserfahrungen losgelöst und kann sogar Gefahr laufen, durch mangelnden Gebrauch zu verkümmern.

Die personenbeherrschende Doktrin

Diese sterile Sprache spiegelt ein anderes charakteristisches Merkmal des ideologischen Tolalitarismus wider: Die Unterordnung der menschlichen Erfahrung unter die Ansprüche der Doktrin. Dieses Primat der Doktrin über die Person wird in dem ständigen Hin und Her zwischen der Erfahrung, d.h. zwischen den echten Gefühlen und der unechten Katalogisierung der Gefühle deutlich. Es gehören zu der eigentümlichen Aura der Halbrealität, mit der sich die totalitaristische Welt zumindest für Außenseiter, umgibt.

Diese Tendenz in der totalitaristischen Betrachtungsweise großer historischer Ereignisse wurde von John K. Fairbank und Mary C. Wright in Verbindung mit dem chinesischen Kommunismus wie folgt beschrieben:
"... schablonenhafte Charaktere wie die der kapitalistischen Imperialisten des Auslandes, feudale und semi-feudale Reaktion zu Hause und die Widerstands- und Befreiungsbewegungen des 'Volkes' setzen ein Moralstück in Szene. Dieses Melodram sieht das chinesiche Volk in Aggression, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Erniedrigung versinken, bis die Rettung schließlich durch den Kommunismus kommt. Massenrevolutionen erfordern einen historischen Mythos als Teil ihrer Schwarz-Weiß-Moral, und dieses ist der ideologische Mythos einer der großen Revolutionen der Weltgeschichte".

Die beseelende Kraft derartiger Mythen kann nicht verneint werden; noch kann man deren schädlichen Einfluß verkennen. Denn wenn sich der Mythos mit der totalitären heiligen Wissenschaft vermischt, kann die sich daraus ergebende "Logik" derartig zwingend und bestimmend sein, daß sie einfach die Realität der individuellen Erfahrung ersetzt. Dementsprechend werden zurückliegende Ereignisse in der Retrospektive verändert, völlig neu gefaßt oder übergangen, damit sie in den Rahmen der doktrinären Logik passen. Diese Veränderung wird vor allem dann bösartig, wenn die Entstellungen dem Gedächtnis des einzelnen so eingeprägt werden, wie dies in den falschen Bekenntnissen der Fall war, die während der Gedankenumbildung aus den Menschen herausgepreßt wurden (am anschaulichsten das von Pater Luca).

Dasselbe doktrinäre Primat herrscht in dem totalitaristischen Versuch vor, Menschen zu ändern: Die Forderung, Charakter und Identität umzuformen, und zwar nicht in Übereinstimmung mit der eigenen Natur oder den eigenen Möglichkeiten, sondern um den starren Konturen des doktrinären Schemas angepaßt zu werden. Das Menschliche wird somit dem Unmenschlichen unterjocht und auf diese Weise stellt der Totalitarist - wie Camus sagt - "eine abstrakte Idee über das Leben des Menschen selbst wenn sie es Geschichte nennen, der sie sich selbst im voraus untergeordnet haben und der sie jeden anderen genauso gut nach willkürlichem Beschluß unterordnen werden".

Das setzt voraus, daß die Doktrin - einschließlich ihrer mythologischen Elemente - unendlich gültiger, wahrer und wirklicher ist als jeder Aspekt des tatsächlichen Charakters oder der Erfahrung des Menschen.  Selbst wenn die Umstände es verlangen, daß eine totalitaristische Bewegung einem Lauf folgt, der in Konflikt mit oder außerhalb der Doktrin steht, gibt es das, was Benjamin Schwartz den "Willen zur Orthodoxie" genannt hat, was eine ausgefeilte Fassade neuer Vernunftserwägungen erfordert, die dazu bestimmt ist, die unbeirrbare Konsequenz der Doktrin und ihre unfehlbare Weitsicht zu beweisen. Die öffentliche Kundgebung dieses Willens zur Orthodoxie wird in der Erklärung der Partei zur "Hundred Flowers Campaign" gesehen. Aber die größere Bedeutung liegt in der versteckteren Äußerungsform, besonders in dem totalitaristischen Schema, das den Menschen ihre doktrinbeherrschte Umformung auferlegt, um die Bestätigung dieser Doktrin zu finden (und erneut ihre eigenen Zweifel darüber zu zerstreuen). Anstatt den Mythos in Übereinstimmung mit der Erfahrung zu modifizieren fordert der Wille zur Orthodoxie, daß die Menschen verändert werden, um den Mythos wieder zu bestätigen. So war ein großer Teil der Gedankenumbildung im Gefängnis darauf angelegt, den Abendländer dem reinen Bild des "bösen Imperialisten" anzupassen, um seine eigene Rolle im kommunistischen Moralstück der chinesischen Geschichte spielen zu können.

Der einzelne, der selbst unter einem solchen von der Doktrin beherrschten Druck der Veränderung steht, wird in einen tiefgreifenden Kampf mit seinem eigenen Integritätssinn verwickelt, ein Kampf, der im Hinblick auf die polarisierten Gefühle der Aufrichtigkeit und Unaufrichtigkeit stattfindet. In einem totalitaristischen System wird absolute "Aufrichtigkeit" verlangt, und das wesentliche Kriterium für diese Aufrichtigkeit des einzelnen scheint der Grad seiner Übereinstimmung mit der Doktrin zu sein - beides im Hinblick auf den Glauben und die Ausrichtung seiner persönlichen Veränderung. Es gibt selbstverständlich immer noch die Möglichkeit, eine Alternativversion von der Aufrichtigkeit (und von der Wirklichkeit) für sich zu behalten, die Fähigkeit, sich eine andere Art von Existenz und eine andere Form von aufrichtigen Engagements vorzustellen (so wie es Grace Wu tat, als sie dachte: "die Welt kann doch nicht so sein"). Diese Alternativvorstellungen hängen ab von Faktoren wie dem Gefestigtsein der früheren Identität, der Durchdringung des Milieus mit Denkvorstellungen von außen und der zurückbehaltenen Fähigkeit zur eventuellen individuellen Erneuerung. Das totalitaristische System begegnet jedoch derartigen "abweichlerischen" Tendenzen mit Anschuldigungen, daß sie gänzlich mit mit persönlichen "Problemen" ("gedanklicher oder ideologischer" Art) zusammenhängen, die auf frühere (bürgerliche) Einflüsse zurückzuführen sind. Das Ergebnis wird weitgehend davon anhängen, inwieweit die Doktrin für den individuellen Gefühlsbereich wirklich relevant ist. Und selbst für diejenigen, für die die Doktrin eine totale Anziehungskraft besitzt, kann das überschwengliche Wohlbefinden, das sie zeitweilig bietet, eher eine "Täuschung des Ganzen" sein als ein Ausdruck der wahren und andauernden Harmonie.

Die Dispensierung der Existenz

Das totalitaristische System zieht eine scharfe Trennungslinie zwischen denjenigen, deren Recht auf Existenz anerkannt werden kann und denjenigen, die ein derartiges Recht nicht besitzen. In der Gedankenumbildung sowie in der chinesischen kommunistischen Praxis im allgemeinen wird die Welt in das "Volk" (definiert als Arbeiterklasse, Bauernklasse, Kleinbürger und nationale Bourgeoisie) und in "Reaktionäre" oder "Lakaien des Imperialismus" (definiert als "Klasse der Grundbesitzer", Klasse der bürokratischen Kapitalisten und KMT-Reaktionäre und ihre Gefolgsleute) unterteilt. Mao Tsetung trifft deutlich die existentielle Unterscheidung zwischen den beiden Gruppen:

"Unter der Führung der Arbeiterklasse und der kommunistischen Partei vereinigen sich diese Klassen (das Volk), um ihren eigenen Staat zu bilden und ihre eigene Regierung zu wählen und so eine Diktatur über die Lakaien des Imperialismus durchzuführen... Diese beiden Aspekte, d.h. Demokratie im Volk und Diktatur über die Reaktionäre verschmelzen miteinander, um die demokratische Diktatur des Volkes zu bilden... für die feindlichen Klassen ist der Staatsapparat das Instrument zur Unterdrückung. Es ist gewalttätig und nicht 'wohltätig'... Unsere Mildtätigkeit gilt nur dem Volk und nicht für reaktionäre Taten der abseits des Volkes stehenden Reaktionäre und reaktionären Klassen".

Da die Reaktionäre abseits des Volkes stehen, sind sie vermutlich "nichtvölkisch", "Nichtvolkszugehörige". Unter den Bedingungen des ideologischen Totalitarismus wurde über Nichtvolkszugehörige, in China und sonstwo, häufig die Todesstrafe verhängt, wobei ihre Vollstrecker dann (laut Camus) sich der "Verbrechen der Logik" schuldig machten. Aber der Prozeß der Gedankenumbildung bietet eine Möglichkeit, die es den "Nichtmenschen" gestattet, sich durch eine Veränderung ihres Verhaltens und ihres persönlichen Charakters zum Volk hinüberzuretten. Bestes Beispiel für ein derartiges Gewähren von Sein und Nichtsein ist in dem Urteil für bestimmte politische Verbrecher zu sehen: Hinrichtung nach zwei Jahren, es sei denn, daß sie innerhalb dieser Zeitspanne einen echten Fortschritt in ihrer Umerziehung nachgewiesen haben.

Angesichts des existentiellen Eingriffs bedeuten die beiden unterschiedlichen Aussprachen des Wortes "people" ("people" und "peepul"), die von der in Kapitel 9 beschriebenen Europäischen Gruppe angenommen wurden, mehr als ein praktisches Manöver. Es ist ein symbolischer Weg, die beladene totalitaristische Sprache zu durchbrechen und das Wort auf seine allgemeine Bedeutung zurückzuführen, wobei dadurch die aufgezwungene Unterscheidung zwischen Menschen und Nichtmenschen, Volk und Nichtvolk durchbrochen wird. Da die betroffenen Abendländer selbst eindeutig Nichtmenschen waren, war dies eine Erfindung, die dem ihnen auferlegten negativen Status entsprang.

Ist es nicht eine Anmaßung des Menschen, sich selbst zum Spender menschlicher Existenz zu erheben? Sicherlich ist darin ein schamloser Ausdruck dessen zu sehen, was die Griechen "Hybris" nannten, d.h. die Arroganz des Menschenm, sich selbst zum Gott zu erheben. Allerdings macht eine Voraussetzung diese Arroganz zwingend: Die Überzeugung, daß es nur einen Weg zur wahren Existenz, nur eine gültige Daseinsform gibt, und daß alle anderen Arten somit zwangsläufig hinfällig und falsch sind. Totalitaristen fühlen sich somit berufen, alle Möglichkeiten der falschen Existenz zu zerstören, um den hehren Plan der wahren Existenz, dem sie sich verschrieben haben, zu fördern. Tatsächlich suggerieren Maos Worte ein, daß die gesamte Gedankenumbildung als Weg angesehen werden kann, angeblich falsche Existenzarten - nicht nur bei den Nichtmenschen, bei denen sie vermutetermaßen ihren Ursprung haben-, sondern auch beim angeblich von ihnen verseuchten legitimierten Volk auszumerzen.

"Die (Aufgabe) des Volksstaates besteht darin, das Volk zu schützen. Nur dort, wo es einen Volksstaat gibt, ist es dem Volk möglich, demokratische Methoden oder allumfassende nationale Maßstäbe anzuwenden, um sich selbst zu erziehen und zu erneuern, sich von dem Einfluß der Reaktionäre im In- und Ausland zu befreien..., die schlechten Gewohnheiten und Denkweisen, die von der alten Gesellschaft übernommen wurden, abzulegen und nicht den von den Reaktionären angegebenen falschen Pfad zu beschreiten , sondern beständig in Richtung auf eine sozialistische und kommunistische Gesellschaft fortzuschreiten und sich zu entwickeln, eine Gesellschaft, die die historische Aufgabe übernommen hat, die Klassen völlig zu beseitigen und auf eine universelle Solidarität zuzugehen".

Für den einzelnen ist der polare emotionale Konflikt eine äußerst existentielle Frage des "Vor-dem-Nichts-Stehens". Er wird vor eine Umkehrung der Erfahrung gestellt, die er für die einzige Möglichkeit ansieht, eine Existenzberechtigung für die Zukunft zu erlangen (wie es Georg Chen tat). Das totalitaristische System - selbst wenn es keinen physischen Mißbrauch betreibt - fördert so in jedem die Angst vor Auslöschung und Vernichtung, ähnlich der fundamentalen Angst, welche von den westlichen Gefangenen empfunden wurde. Ein Mensch kann diese Angst überwinden und (laut Martin Suber) "Bestätigung" finden, nicht in seinen individuellen Beziehungen, sondern nur durch den Ursprung jeglicher Existenz, durch die totalitäre Oranisation. Die Existenz hängt von Glauben (Ich glaube, daher bin ich) und ferner von einem Sinn des totalen Aufgehens in der ideologischen Bewegung ab. Letzlich verbindet und kombiniert man die totalitaristische "Bestätigung" mit den unabhängigen Elementen der persönlichen Identität; aber man ist sich immer bewußt, daß man das Recht auf Existenz verlieren kann, wenn man sich zu lange auf dem "falschen Pfad" begibt.

Je klarer eine Umwelt diese acht psychologischen Themen zum Ausdruck bringt, um so größer ist die Ähnlichkeit mit dem ideologischen Totalitarismus; und je mehr sie derartige totalitäre Mittel zur Veränderung des Menschen gebraucht, um so größer ist ihre Ähnlichkeit mit der Gedankenveränderung (oder der "Gehirnwäsche"). Aber simplifizierte Vergleiche können irreführend sein. Kein System wird jemals den absoluten Totalitarismus erreichen, und viele relativ gemäßigte Systeme weisen einige seiner Anzeichen auf. Darüber hinaus tritt der Totalitarismus eher in periodischen Abständen als kontinuierlich auf: In China z.B. findet er während der Gedankenumbildung seinen stärksten Ausdruck; er wird weniger deutlich während einiger Flauten in der Gedankenumbildung (=Gedankenveränderung), obwohl er niemals ganz verschwindet. Und wie die "Begeisterung", mit der er häufig in Verbindung gebracht wird, eignet sich der Totalitarismus eher dazu, während des Frühstadiums der Massenbewegung präsent zu sein als in den späteren Entwicklungsstufen - das kommunistische China der 50er Jahre war im allgemeinen totalitärer als Sowjetrußland. Aber wenn der Totalitarismus zu irgendeiner Zeit in einer Bewegung zutage getreten ist, besteht immer die Möglichkeit, daß er selbst nach langen Zeiten relativer Mäßigung wieder auftritt.

Dann wieder kommen einige Systeme in gefährliche Nähe des Totalitarismus, halten jedoch gleichzeitig Alternativwege offen; diese Kombination kann außerordentliche Gelegenheiten bieten, intellektuellen und emotionalen Tiefgang zu erreichen. Und selbst das blühendste totalitaristische System kann (mehr oder weniger trotz seiner selbst) eine wertvolle und bereichernde Lebenserfahrung vermitteln, wenn der ihm ausgesetzte Mensch sowohl die Möglichkeit hat, diese extreme Umwelt zu verlassen und die innere Fähigkeit besitzt, den totalitären Druck zu absorbieren und zu verarbeiten (wie es Pater Vechten und Pater Luca taten).

Der ideologische Totalitarismus kann dem Menschen ebenfalls intensives Hochgefühl vermitteln: Ein Gefühl, alles was gewöhnlich und prosaisch ist, zu tranzendieren, sich selbst von dem Ballsat der menschlichen Ambivalenz zu befreien und in die Sphäre der Wahrheit, der Wirklichkeit, des Vertrauens und der Aufrichtigkeit einzutreten, wie er es nie erlebt oder wie er es sich überhaupt nie vorgestellt hat. Aber dieses Hochgefühl, das Ergebnis des äußeren Drucks, der Verzerrung und Bedrohung, birgt in sich ein großes Potential für einen Rückfall und für eine gleichermaßen intensive Opposition gegenüber den Dingen, die eingangs so befreiend erschienen. Derartige auferlegte Hochgefühle, die im Gegensatz zu jenen stehen, welche auf freierer und privaterer Ebene von großen religiösen Führern und Mystikern erzielt wurden, sind im wesentlichen Erfahrungen der persönlichen Abkapselung. Anstatt eine größere Aufnahmefähigkeit und "Weltoffenheit" anzuregen, fördern sie einen Rückfall in eine Art "Geborgenheit" - einen Rückzug in doktrinäre und organisatorische Exklusivität und in emotionale Alles-oder-Nichts-Verhaltensweisen, die (zumindest in diesem Stadium der Geschichte des Menschen) eher für ein Kind als für einen individualisierten Erwachsenen charakteristisch sind.

Und wenn kein Hochgefühl entsteht, vergewaltigt der ideologische Totalitarismus das Potential des Menschen sogar noch stärker: Er ruft destruktive Emotionen hervor, erzeugt intellektuelle und psychologische Beschränkungen und beraubt den Menschen all dessen, was die Feinsinnigkeit und Phantasie ausmacht - unter dem falschen Versprechen, die Unzulänglichkeit und Ambivalenzen zu beseitigen, die zur Definition der Seinslage des Menschen beitragen. Diese Kombination von persönlicher Abkapselung, Selbstzerstörung und Feindseligkeit gegenüber Außenstehenden führt zu gefährlichen Gruppenexzessen, die für den ideologischen Totalitarismus in jeder Form so charakteristisch sind. Ferner mobilisiert sie in jenen angegriffenen Außenseitern extremistische Tendenzen und schafft somit einen Teufelskreis des Totalitarismus.

Woraus geht der ideologische Totalitarismus hervor? Wie entstehen diese extremistischen emotionalen Verhaltensmuster? Diese Fragen werfen das entscheidenste und schwierigste Problem des Menschen auf. Hinter dem ideologischen Totalitarismus steht die ewige Suche des Menschen nach dem allmächtigen Führer - nach der übernatürlichen Kraft, der politischen Partei, dem philosophischen Gedankengut , dem großen Führer oder der präzisen Wissenschaft -, der allen Menschen die totale Solidarität bringt und den Schrecken des Todes und des Nichts beseitigt. Diese Suche ist in den Mythologien, in den Religionen und Geschichten aller Nationen wie auch in jedem Einzelleben offenkundig. Der Grad des persönlichen Totalitarismus hängt weitgehend von Faktoren der eigenen Lebensgeschichte ab: Früher Verlust des Vertrauens, extreme chaotiscthe Umwelt, totale Beherrschung durch einen Elternteil oder einen Elternvertreter, unerträgliche Last der Schuld und ernste Identitätskrisen. Somit kann ein frühes Gefühl der Verwirrung und Zerrüttung oder eine frühe Erfahrung einer ungewöhnlich intensiven Überwachung durch den Familienkreis später eine völlige Intoleranz gegenüber Verwirrung und Zerrüttung und eine Sehnsucht nach Wiedereinsetzung der Milieukontrolle erzeugen. Aber diese Dinge gehören in einem gewissen Umfang zu den Erfahrungen einer jeden Kindheit, und daher ist das Potential für den Totalitarismus ein Kontinuum, dem keiner ganz entgeht und auf das zwei Menschen niemals gleich reagieren.

Es kann sein, daß die Fähigkeit zum Totalitarismus im wesentlichen ein Produkt der Kindheit des Menschen, der längeren Zeitspanne der Hilflosigkeit und Abhänigkeit ist, die jeder von uns durchstehen muß. Das Kleinkind in seinen begrenzten Möglichkeiten hat keine andere Wahl als seine ersten Ernährer - seine Eltern - solange mit einer übertriebenen Allmacht zu versehen, bis es selbst in einem gewissen Rahmen fähig ist, unabhänig zu handeln und zu urteilen. Und selbst wenn es sich zum Kind und Heranwachsenden entwickelt, wird es auch weiterhin nach vielen der Alles-oder-Nichts-Polaritäten des Totalitarismus verlangen, um mit diesen Begriffen seine intellektuelle, emotionale und moralische Welt zu bestimmen.

Unter günstigen Umständen (d.h. falls die Familie und die Kultur eine indivuelle Prägung fördern) können diese Forderungen durch flexiblere und gemäßigtere Tendenzen ersetzt werden, aber sie verschwinden niemals gänzlich.

Während des Erwachsenenlebens nimmt der individuelle Totalitarismus neue Konturen an, da er sich mit neuen ideologischen Interessen verbindet. Er kann Teil der Gestaltung der persönlichen Empfindungen, messianischer Vorstellungen und organisierter Massenbewegungen werden, die ich als ideologischen Totalitarismus beschrieben habe. Wenn dem so ist, können wir ihn nicht einfach als Form des Rückschritts abtun. Er ist das zwar teilweise, aber auch etwas mehr: eine neue Form erwachsener Geborgenheit, die aus der aus der Kindheit  mit hinüber geretteten Suche nach Sicherheit entsteht, aber mit ideellen Eigenschaften und Bestrebungen, die speziell in die Erwachsenenwelt gehören. In Zeiten kultureller Krisen und rascher historischer Umwälzungen verleitet die Suche nach dem allmächtigen Führer den Menschen zu dem Versuch, selbst Führer zu werden.

Der Totalitarismus ist also ein weitverbreitetes Phänomen und nicht der einzige Versuch der Umerziehung. Wir können unsere Kenntnisse über ihn am besten einsetzen, wenn wir seine Kriterien auf familiäre Prozesse in unserer eigenen kulturellen Tradition und in unserem eigenen Land übertragen.

Stand der Übersetzung:: 15.2.90
 
 



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