Sekten-Kinder:
"Ich bin in diese Sekte hineingeboren"
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Frankfurter Rundschau, 14.9.96
Freiheit ist etwas Wunderbares.
Wenn Kinder und Jugendliche in Sekten geraten.
Von Doris Weber
Lena (der Name wurde von der Redaktion geändert), wie bist du in
diese Sekte hineingeraten?
Lena: Durch meine Eltern. Sie waren überzeugte Anhänger,
und so bin ich als jüngstes von drei Kindern in diese Sekte hineingeboren.
Ich habe noch einen älteren Bruder und eine ältere Schwester.
Mein Bruder hat Zivildienst gemacht und sich in dieser Zeit von der Sekte
gelöst. Meine Schwester ist mit ihren Kindern immer noch überzeugte
Anhängerin. Meine Eltern sind vor drei Jahren ausgetreten - und ich
auch.
Hast du Kontakt zu deiner Schwester?
Nein, sie will mit uns nichts zu tun haben, das ist für mich sehr
schlimm. Vor allem, wenn ich an ihre Kinder denke, die machen jetzt so
eine schlimme Zeit durch wie ich, als ich noch in der Sekte war. Wie hast
du dich als Kind in dieser Sekte gefühlt?
Unheimlich einsam, von allen ausgestoßen, wie in einem inneren
Käfig gefangen. Ich wollte da raus, aber es war so, als liefe ich
immer gegen eine Wand. Ich kam nie vorwärts. Und weil ich mich nicht
wohl gefühlt habe, hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. Wenn ich
Gedanken hatte, die sich gegen die Sekte richteten, dann liefen mir schlimme
Wellen, Gänsehaut heiß und kalt, den Körper rauf und runter.
Ich habe mich dann selber fertiggemacht, habe mir gesagt: Du bist ein schlechter
Mensch. Ja, ich war zerfressen von Schuldgefühlen, ich habe mich elend
gefühlt, hässlich und ungeliebt.
Du hast dich ja richtig gehasst?
Ja. Denn in der Sekte wird dir immer vermittelt: wenn du dich nicht
wohl fühlst bei uns, dann liegt es nicht an der Sekte und deren Ideen
und Lehren, dann liegt das Problem ganz allein bei dir - du bist schuld,
das wird Dir eingehämmert.
Konntest du denn mit jemandem in dieser Zeit über deine Gefühle
sprechen?
Eigentlich nicht. Ich war ziemlich allein. Ich habe Tagebuch geführt.
Gedichte geschrieben. In meinen Gedichten und Tagebüchern habe ich
meinen Kummer beschrieben. Aber ich war sehr einsam. Und ich habe - wenn
mein Selbsthass zu groß wurde - angefangen, mich selbst zu verstümmeln.
Habe mich verletzt, zum Beispiel an meinen Händen. Aber wo hast du
deine Gefühle der Angst, Verzweiflung und Traurigkeit denn hingesteckt?
Ich habe sie einfach abgestellt. Meine Gefühle habe ich kaltgestellt.
Es ist die einzige Möglichkeit, um zu überleben. Ich wurde kalt,
zynisch und arrogant. Ich habe mich totgestellt in meinen Gefühlen.
Und ich glaube, so machen es die anderen Kinder und Jugendlichen auch,
wenn sie sich eingesperrt fühlen und keinen Ausweg sehen und niemand
ihnen hilft.
Und die Lehrer in der Schule?
Die konnten mir nicht helfen. Im Gegenteil. Sie sagten, man müsse
tolerant sein, jede Glaubensrichtung akzeptieren. Ich sollte noch erzählen,
wie es bei uns in unserer Sekte ist. Und ich habe erzählt,
wie toll ich das finde. Die Sekte und auch die Eltern verlangen von
den Kindern, dass sie nach aussen so tun, als seien sie besonders glücklich
und zufrieden. Sektenkindern wird eingeredet, dass sie besonders auserwählte
Wesen sind, die den einzig richtigen Weg gefunden haben, und alle anderen
Kinder, die nicht zu dieser Sekte gehören, sind zu bedauern. Das wird
dir in der Sekte ja eingehämmert, dass nur die Lehren und die Menschen
innerhalb der Sekte gut und richtig sind - alles andere draußen in
der Welt ist böse und gefährlich. Die Kinder lernen nicht, selbständig
zu denken, sie sind nur abhängig von der Sekte, sie sind mit einer
geistigen Nabelschnur an die Sekte gebunden, und wenn diese Schnur durchgeschnitten
wird, dann sind sie Krüppel. Ohne Sekte können sie nicht leben.
Und so werden sie zu seelenlosen Robotern, die sich für jeden einsetzen,
der sie per Knopfdruck anknipst. Ich weiß es von mir selber: Man
hat ja keine Persönlichkeit, man ist ein Mensch von der Stange. Sektenkinder
werden gleichgeschaltet, wie Bauklötzchen werden sie gleich geformt,
die kannst du dann überall hinbauen, wo du sie hinhaben willst. Sie
sind willige Befehlsempfänger.
Und die Eltern, schauen die einfach dabei zu?
Die Eltern sind ja selber abhängig. Sie sagen, dass dies alles
ja nur zu deinem Besten ist. Dass das so sein muss. Meine Eltern waren
liberal, sie haben mich nicht geschlagen oder von anderen schlagen lassen
- trotzdem ist auch die Unfreiheit, das Gefühl, immer schlecht und
schuldig zu sein wie eine Folter. Ich habe mir oft gewünscht, dass
ich sterbe, damit alles vorbei ist.
Was hast du dir gedacht, wenn du andere Kinder gesehen hast, die nicht
in einer Sekte waren?
So eine Kindheit, wie diese Kinder sie hatten, habe ich mir immer gewünscht.
Vor allem, wenn es auf die Feiertage losging Weihnachten zum Beispiel gab
es in unserer Sekte nicht. Ich habe heimlich Jugendbücher gelesen,
in denen die Kinder Weihnachten feierten. Oder Karneval, wie gerne hätte
ich mich mal verkleidet, wie gerne hätte ich Geburtstag mit anderen
Kindern gefeiert. Und in der Schule musste ich immer spielen und lügen,
sagen, wie gut es mir geht. Dabei ging es mir so elend. Meine Schulkameraden
gingen in Sportvereine, die hatten Kontakte mit anderen Kindern, haben
Hausaufgaben zusammen gemacht. Das gab es bei mir alles nicht. Und ich
erinnere mich, als es mal wieder auf Weihnachten losging, da sah ich, wie
die Leute gegenüber in ihrer Wohnung einen Weihnachtsbaum aufstellten.
Und da habe ich zu meiner Mutter gesagt, ich möchte einmal in meinem
Leben Weihnachten feiern und einen Weihnachtsbaum aufstellen, und da guckte
meine Mutter mich an und sagte: Das wird nie sein.
Aber dann hast du doch noch dein Weihnachtsfest bekommen? Ja. Eines
Tages sind meine Eltern ausgetreten. Mein Vater war schon längere
Zeit etwas misstrauisch. Er sagte immer: Das kann doch nicht sein, dass
alle anderen Menschen nur schlecht sind - und wir die Guten, die Auserwählten.
Und dann verliess mein Bruder die Sekte, als er zum Zivildienst ging. Und
dann sagte auch meine Mutter eines Tages: Ich glaube, es ist richtig für
uns, wenn wir uns lösen. Und so sind wir zusammen da rausgegangen.
Und letztes Jahr war dann für uns richtig Weihnachten.
Wie siehst du das heute?
Manchmal sage ich, es sind verlorene Jahre. Und dann werde ich unheimlich
wütend über das, was mir angetan wurde. Diese Gefangenschaft,
dass ich nicht leben und denken durfte, was ich wollte. Und dann wiederum
überkommt mich ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich spüre
diese Freiheit sprichwörtlich körperlich. Ein Prickeln auf der
Haut - ein Kitzeln im Bauch, dann bin ich einfach nur glücklich.
Wie verarbeitest du diese Jahre?
Zuerst habe ich Erinnerungen gesammelt, Fotos, Gegenstände, die
mich nicht an die Sekte erinnerten. Ich baue mir einen Teil meiner Vergangenheit
auf - in dem die Sekte gar nicht existiert. Ich will das Gefühl haben,
dass ich auch Situationen in meinem Leben hatte, in denen die Sekte keinen
Einfluss auf mein Leben hatte. Das brauche ich ganz einfach. Außerdem
muss ich Freundschaften schließen. Das habe ich ja nie gelernt. Kontakte
knüpfen. Ich habe tolle Kollegen und Kolleginnen, die helfen mir sehr
dabei.
Glaubst du, dass deine Erzählungen auf alle anderen Sekten auch
zutreffen, kann man sagen: So ist es in anderen Sekten auch? Ja, das glaube
ich. Ich glaube, die Grundsätze sind überall gleich. Es gibt
eine Idee, einen oder mehrere Führer - und viele Abhängige, die
diese Ideen glauben und meinen, dadurch ein besonderes Leben zu führen,
mehr und besser zu sein als alle anderen. Und für diesen Glauben,
etwas Besonderes zu sein, zahlen die Menschen einen hohen Preis, sie opfern
ihre Freiheit, Eltern opfern sogar ihre Kinder, sie opfern ihre eigenen
Ideen und Phantasien, und am Ende wagen sie es nicht mehr, sich gegen die
Macht der Sekte oder des Sektenführers aufzulehnen.
Wie war das für dich, als deine Eltern die Sekte verließen?
Ich konnte das Glück nicht fassen. Ich hatte immer gehofft, dass
dieser Augenblick irgendwann kommen möge. Aber ich wagte nicht, meine
Eltern zu sehr zu bedrängen. 0 ja, Freiheit ist etwas Wunderbares.
Denken und sagen was du willst, ohne Angst und Schuldgefühle, ohne
dafür bestraft zu werden, das ist wirklich Leben.