Marvin F. Galper:
Indoktrinationsmethoden der Vereinigungskirche
| Zur Homepage | Zur Inhaltsseite | |
| Adresse dieser Seite: | http://www.AGPF.de/galper77.htm | Zuletzt aktualisiert am 28.8.2001 |
Zum Thema auch:
Ausarbeitung zur Jahresversammlung der California State Psychological Association, Los Angeles, California
13.3.1977
Das Auftauchen von Jugendsekten in Amerika und ihre Ausbreitung im vergangenen
Jahrzehnt ist zum Thema einer erheblichen öffentlichen Kontroverse
geworden. Die Vereinigungskirche, die Hare Krishna Gruppe und die Kinder
Gottes gehören zu den bekanntesten dieser Organisationen. Ich selbst
verfüge über weitreichende Erfahrungen in der psychotherapeutischen
Behandlung von jugendlichen Sektierern. Unter der allgemeinen Bevölkerung
haben Tatsachenberichte aus Elternzusammenkünften und psychotherapeutischen
Sitzungen auf das Vorhandensein bestimmter stereotyper Verhaltens weisen
hingedeutet. Als auffälligstes Merkmal dieses gesamten Persönlichkeitsbildes
haben sich anhaltende Trance oder ein veränderter Bewusstseinsstatus
herausgestellt. Aus meiner klinischen Sicht habe ich den Eindruck gewonnen,
dass der letztgenannte psychologische Zustand sich als eine unmittelbare
Folge der sozialen Einflussnahme ergeben hat, der die Patienten innerhalb
des Sektenmilieus ausgesetzt waren.
Von Bedeutung ist in dieser Hinsicht das von Schein (1961) ausgearbeitete
theoretische System, das Veränderungen in individuellen Bezugsfeld
erklärt, die innerhalb eines relativ geschlossenen Gesellschaftssystems
entstehen. In seiner Studie über die Techniken der Gehirnwäsche
von chinesischen Kommunisten entwickelte Schein das Konzept der Zwangsüberzeugung.
Nach seiner Ansicht verursacht die Zwangsüberzeugung Veränderungen
in der persönlichen Orientierung über die drei aufeinanderfolgenden
Phasen des (a) Aufhebens, (b) Veränderns und (c) Wiedereingebens von
Wertvorstellungen und Wahrnehmungen. Schein sieht viele Parallelen zu den
chinesischen Methoden der Zwangsüberzeuqung in nicht-kommunistischen
Institutionsstrukturen. Shors Konzept (1959) der allgemeinen Wirklichkeitsorientierung
ist ebenfalls von theoretischer Relevanz für die Ergebnisse dieser
Studie. Dieses Konzept ist definiert als "der normale Bewusstseinsstatus,
der charakterisiert wird durch die Mobilisierung eines aufqebauten Bezugsrahmens
im Unterbewussten, welcher alle Erfahrungen unterstützt, interpretiert
und ihnen eine Bedeutung zuweist." Nach Shor kann jeder Status, in
dem die allgemeine Realitätsorientierung zu einem relativ unfunktionellen
Bewusstsein verblasst ist, als Trancezustand bezeichnet werden. Aus den
Angaben, die sich in dieser Studie ergaben, geht hervor, dass eindeutige
Unterschiede innerhalb der einzelnen Sekten bestehen (a) hinsichtlich der
Intensität der angewandten sozialen Einflusstechniken und (b) hinsichtlich
des Ausmasses der Trennung, die zwischen dem Sektenmitglied und seiner
früher begründeten Matrix sozialer Grundwerte herbeigeführt
wird. Nach den Aussagen von Patienten sind die Indoktrinationsmethoden
der Vereinigungskirche eindeutig denjenigen Sekten mit einer hohen Intensität
der Einflusstechniken und einer starken Abtrennung zuzuschreiben.
In diesem Bericht werden die Ergebnisse einer Reihe von Einzelbefragungen
dargelegt, die an 30 Patienten zwischen 19 und 26 Jahren durchgeführt
wurden, die ehemalige Mitglieder der Vereinigungskirche waren. Die Befragung
konzentrierte sich auf die persönlichen Indoktrinationserfahrungen
dieser Personen. Diese Studie ist somit eine erste Untersuchung der Auswirkungen
von Techniken der Zwangsüberzeugung der Vereinigungskirche auf einzelne
Persönlichkeitsfunktionen
Die Mitgliederanwerbung der Vereinigungskirche wird von eingeführten
Kirchenmitgliedern übernommen, die sich in der Gesellschaft nach in
Frage kommenden jungen Erwachsenen umsehen und mit ihnen in Verbindung
treten. Der erste Kontakt kommt meist auf der Strasse oder einem Universitätsgelände
zustande. Das potentielle Neumitglied wird zu einem Abendessen in einem
der städtischen Wohnzentren der Vereininungskirche geladen. Bei Abschluss
des Abendessens in diesem Zentrum wird es dazu eingeladen, an einer Wochenendzusammenkunft
in einem abgelegenen ländlichen Rahmen teilzunehmen. In Kalifornien
werden insbesondere die New Ideal City Ranch in Mendocino County und Camp
Modundar in den Bergen von San Bernadino als solche Einrichtungen auf dem
Lande benutzt. Zum Abschluss eines solchen Wochenendes werden die Neuangeworbenen
aufgefordert, noch für eine einwöchige Schulung im Camp zu bleiben.
Zur Zeit stehen uns keine effektiven statistischen Angaben darüber
zur Verfügung, welcher Prozentsatz der Wochenendbesucher zu dieser
zusätzlichen Indoktrinationswoche im Camp verbleibt. Teilnehmer der
Studie haben jedoch inoffizielle Schätzungen abgegeben, die bei durchschnittlich
80 - 95 % liegen. Diese Gruppe von Patienten schätzte auch, dass etwa
90 - 95 % derer, die an der Schulungswoche teilnehmen, in der Folge volle
Mitglieder der Vereinigungskirche werden.
Die Teilnehmer an der Studie erfuhren nach der Indoktrination eine radikale
Veränderung in der ideologischen Einstellung und Lebensweise. Ein
immer wiederkehrendes Merkmal war die Ablehnung früherer Ausbildungs-
und Berufsziele. Die soziale Isolation von unserem Gesellschaftsleben,
die in dem Camp eingeleitet wurde, wurde später in einer Reihe von
ländlichen Wohnzentren der Vereinigungskirche in einer abgesonderten
Lebensweise institutionalisiert. Psychische und physische Energien wurden
ausschliesslich in die Sektenideologie und ihre Studie und Nachfolge investiert.
Die Tätigkeiten richteten sich in der Hauptsache auf die Anwerbung
neuer Mitglieder und das Geldsammeln in öffentlichen Einrichtungen.
Unter der Gruppe der befragten Sektenmitglieder fiel besonders eine ausserordentliche
Verengung und Verinnerlichung im phänomenologischen Umfeld des Bewussten
auf. Unterschiedlich starke Schwierigkeiten in der Anpassung an neuartige
Situationen beweisen ein Zurückgehen der Denkbeweglichkeit. Weiterhin
war auch eine Verengung und Abstumpfung in bezug auf bewusst erlebte Gefühlsregungen
offensichtlich.
Mitglieder der Vereinigungskirche werden in ihrem Umgang mit der allgemeinen
Öffentlichkeit von dem internationalen Leitsatz der "Himmlischen Irreführung"
geleitet. Dieses Konzept basiert auf der Anschauung, dass die Gesellschaft
als solche in der Macht des Satans steht und daher irregeführt ist.
Folglich muss Gott auf Täuschungen zurückgreifen, um Seelen
für seine "Perfekte Familie“ zu gewinnen, die mit der Vereinigungskirche
gleichbedeutend angesehen wird. Eine Betrachtung der sozialen Beeinflussungstechniken,
die im Zusammenhang mit dem Konzept der Himmlischen Irreführung angewandt
werden, weist darauf hin, dass die Indoktrination in einem Rahmen massiver
psychologischer Manipulation stattfindet. Das Zurückhalten essentieller
Realitätsdaten erscheint als ein Hauptfaktor in diesem Prozess. Mitglieder
der Vereinigungskirche sind dem Ziel verpflichtet, die totale Konversion
der von ihnen angeworbenen potentiellen Neumitglieder zu erreichen. Dieses
Ziel bleibt jedoch in den Interaktionen mit Neumitgliedern bei der ersten
Begegnung auf der Strasse, später im städtischen Zentrum der
Sekte und sogar noch im Camp oder der Farm auf dem Land eine verborgene
Zweckbestimmung. Die in Betracht gezogene Person erhält einen geringen
Teil an echten Realitätsinformationen. Im allgemeinen ist sie sich
bis zum Ende des Wochenendes im Camp nicht darüber bewusst, dass sie
an den Schulungsaktivitäten einer agresslv bekehrenden religiösen
Organisation teilnimmt. Es werden ihr keine klaren verstandes- oder verhaltensmässigen
Optionen zum bewussten Überdenken und Abwägen angeboten. Diese
Strategie der Organisation reduziert in erheblichem Masse die Möglichkeit
des Neumitglieds, sich für ein Zurückziehen aus der Kultumgebung
zu entscheiden.
Der Neuling, der die Einladung zum Abendessen in einem städtischen
Wohnzentrum annimmt, findet sich in einer grossen und recht angenehmen
häuslichen Einrichtung. Jeder an der Aussenfassade des Gebäudes
noch an den Innenwänden der Wohnung finden sich Hinweise, die das
Zentrum als zur Vereinigungskirche gehörend kennzeichnen. Die Mitglieder
der Kirche verhalten sich gegenüber dem betreffenden Neuling in einer
besonders warmen und anteilnehmenden Weise und vermitteln den falschen
Eindruck, dass ihre Motivierung in erster Linie sozial ist. Der Inhalt
ihrer verbalen Kommunikation ist dazu angetan, bei dem potentiellen Neumitglied
geistige Assoziationen mit familiären vertrauten Erinnerungen hervorzurufen.
Unterbewusstes Heraufbeschwören von Vorstellungen, die mit vertrauensbeladenen
Kindheitserfahrungan zusammenhängen, führen dazu, die üblicherweise
in unbekannten sozialen Einrichtungen herrschende Wachsamkeit des Geistes
abzuschwächen. Im Washington Street-Zentrum in San Francisco werden
Neulinge nach dem Abendessen mit einer Dia-Vorführung des Schulungscamps
Booneville konfrontiert. Diese Anlage ist eine der grössten Indoktrinationseiririchtungen
der Vereinigungskirche. Sie wird den Gästen als "unsere Farm“ beschrieben.
Die vorgeführten Dias zeigen Unterhaltungsaktivitäten wie gemeinsames
Singen oder Volleyballspielen. Der dadurch hervorgerufene allgemeine Eindruck
ist der eines Erholungscamps, in dem sich eine Gruppe aussergewöhnlich
gefühlsbetonter und liebevoller Erwachsener mit grossem Gemeinschaftssinn
zusammenfindet. Zum Abschluss des Abends im Zentrum wird der Gruppe der
potentiellen Neumitglieder nahegelegt, das Wochenende auf "der Farm“ zu
verbringen.
Angaben aus der Studie weisen darauf hin, dass für diese Patienten
das Eintauchen in dieses intensive Campprogramm zu einem Verblassen des
allgemeinen Realitätssinns führte. In ihrer Untersuchung indirekter
Suggestion in klinischer Hypnose stellen Erickson und Rossi (1977) fest,
dass eine Verengung des Aufmerksamkeitsfeldes ein labiles Gleichgewicht
im Bewusstsein des Individuums erzeugt. Sie bemerkten, dass in dieser psychischen
Situation normale bewusste Neigungen (Einstellungen) relativ einfach "abgeschwächt“
und umgangen werden können. In seiner Analyse der hypnotischen Beziehung
behauptet Haley (1958), dass Tranceverhalten stattfindet, wenn der Hypnotiseur
die Beziehung kontrolliert, und dass der Hypnotisierte die Beziehung nicht
klar definieren kann. In den Beschreibungen des Camp-Milieus, die uns von
Teilnehmern der Studie gegeben wurden, tauchen die obengenannten wechselwirkenden
Merkmale in zentraler Bedeutung auf. Auf der Farm befindet sich der Neuling
in geographischer und psychologischer Einkapselung, welche die Entwicklung
eines anhaltenden hypnotischen Trancezustandes zu begünstigen scheint.
Der Neuling versinkt in einem permanenten Kreislauf speziell ausgerichteter
und gefühlsbeladener Gruppenaktivitäten. Er erfährt eine
markante Verengung und Verinnerlichung der Schärfe seiner bewussten
Aufmerksamkeit. Ein hoher Grad an Gefühlserregung wird erzeugt und
erhalten. Das gut ausgearbeitete Programm erlaubt keine Musse oder private
Zeit zu persönliches Nachdenken. Somit hat der Neuling minimale Gelegenheit,
seine Erfahrungen im Sinne seines bislang aufgebauten Bezugsrahmens auszuwerten
oder einzuordnen. Diese Schwierigkeit wird durch die geographische Trennung
von seiner vertrauten Umwelt und der Matrix seiner Beziehungen noch erhöht.
Eine erhöhte Beeinfiussbarkeit entsteht und erfährt während
der Indoktrination eine schrittweise Intensivierung.
Das Bild einer harmonischen und liebevollen Familie, das im städtischen Zentrum eingeführt wurde, wird jetzt stark verbal sowie durch die wiederholte Zurschaustellung scheinbar nicht diskriminierender Gefühle verstärkt. Damit in Einklang stehendes häufig angesetztes Gruppensingen fördert die Entwicklung einer aussergewöhnlich schnellen und starken emotionellen Bindung zwischen dem Neumitglied und seiner neu gefundenen "Familie". Die Herbeiführung des Trancezustandes und die damit einhergehende Herabsetzung des persönlichen Urteilsvemögens führt zu einer grösseren Anfälligkeit für primitive Wünsche in Psyche der Neulinge. Gleichzeitig betont das Schulungspersonal des Camps immer wieder das Einheitskonzept der Vereinigungskirche Es wird die Illusion gefördert, dass die totale Befriedigung von Bedürfnissen der Gefühlswelt und der Sicherheit innerhalb des "Farmmilieus" tatsächlich erreicbar ist. Angaben aus der Tiefenbefragung in dieser Studie offenbaren, dass die Betonung der Einheitsparole alte Wünsche nach zwischenmenschlichem Zusammenschluss oder Vereinigung in der untersuchten Patientengruppe heraufbeschwörte und intensivierte.
Die befragten Patienten berichteten, dass zum Abschluss des Wochenendes
ein beträchtliches Mass an ideologischer und verhaltensmässiger
Übereinstimmung bei der Mehrzahl der Neulinge erreicht ist. Es scheint,
dass im Vorbewussten das Ziel der Anpassung der Neumitglieder sehr bestärkt
wurde durch die furchtbeladene Vorstellung, dass die Ablehnung durch diese
neue "Familie“ zum Verlust der vorgenannten illusionierten Befriedigung
führen würde.
Im Verlauf des Wochenendes und der anschliessenden Indoktrinationswoche
wurden der Gruppe der Neumitglieder indirekte Suggestionen übermittelt.
Suggestionen werden in Abständen übermittelt und von den Unterwiesenen
an der Bewusstseinsschwelle wahrgenommen. Verinnerlichte Suggestionen verbinden
und vereinigen sich in der Psyche des Neumitglieds mit einem kumulativen
Effekt der Realitätsumstrukturierung. In der Mehrzahl der Fälle
resultierte der Einfluss der massiven Zwangsüberzeugung im Aufbau
eines gänzlich neuen Bezugsrahmens innerhalb der kurzen Zeit eines
derartigen Wochenenderlebnisses. Man beobachtet eine erheblich veränderte
Betrachtung des eigenen Ichs, der äusseren Umgebung und der Beziehung
des Einzelnen zur äusseren Umgebung.
Bei Abschluss einer Indoktrinationswoche waren die behandelten Patienten
fest mit der Anschauung verwurzelt, dass Sun Myung Moon der Messias ist,
dass ihre Familie und die Gesellschaft als solche vom Satan beherrscht
ist und dass geistiges Wachtum ausschliesslich den Mitgliedern der Vereinigungskirche
möglich ist. Diese Personen gaben ihre früheren Ausbildungs-
und Berufsziele auf. Danach gaben sie sich mit aussegewöhnlicher Intensität
der Anwerbung von Neumitgliedern und dem Geldeintreiben für die Vereinigungskirche
hin.
Zusammenfassung
Dieser Bericht stellt einen ersten Forschungsversuch dar, die Indoktrinationsmethoden
der Vereinigungskirche zu skizzieren. Diese Methoden werden als konkretisierte
Techniken der Zwangsüberzeugung betrachtet, die in einer relativ kurzen
Zeitspanne radikale Wahrnehmungs- und Verhaltenveränderungen auslösen
können. Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass das psychologiche
Klima in diesen abgelegenen Schulungszentren dem Entstehen eines hypnotischen
Trancezustandes stark zuträglich ist. Die Ergebnisse sind relevant
aus der breiten sozio-psychologischen Sicht sozialer Anpassungseinfiüsse
einer institutionellen Einrichtung. Die gewonnen Ergebnisse beziehen sich
ausserdem auf Betrachtungen situativer und interpsychischer Faktoren in
der Herbeiführung veränderter Bewusstseinszustände.
References
Erickson, M.H., Rossi, E.L., and Rossi, S.I. Hypnotic Realities:
The Induction of Clinical Hypnosis and Forms of Indirect Suggestion.
NY: John Wiley and Sons, 1977.
Haley, J. An interactional explanation of hypnosis. American Journal of Clinical Hypnosis, 1958, 1, 41-57.
Schein, E.H. Coercive Persuasion. NY: W. W. Norton and Company, 1961.
Shor, R. E. Hypnosis and the concept of the generalized reality orientation.
American Journal of Psychotherapv, 1959, 13, 582-602.
Diese Website wurde eröffnet im September 1998