www.AGPF.de
Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt
AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit e.V., Bonn

Marvin F. Galper:
Indoktrinationsmethoden der Vereinigungskirche


 
Zur Homepage Zur Inhaltsseite
Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/galper77.htm Zuletzt aktualisiert am 28.8.2001

Zum Thema auch:



Ein weiterer Artikel von Galper:
Extremistische Religiöse Kulte und verändertes Bewußtsein
in:  Destruktive Kulte, Herausgeber: Karbe und Müller-Küppers
Verlag für Medizinische Psychologie Vandenhoeck 1983



Dr.Phil. Marvin F. Galper:
Indoktrinationsmethoden der Vereinigungskirche

Ausarbeitung zur Jahresversammlung der California State Psychological Association, Los Angeles, California

13.3.1977

Das Auftauchen von Jugendsekten in Amerika und ihre Ausbreitung im vergangenen Jahrzehnt ist zum Thema einer erheblichen öffentlichen Kontroverse geworden. Die Vereinigungskirche, die Hare Krishna Gruppe und die Kinder Gottes gehören zu den bekanntesten dieser Organisationen. Ich selbst verfüge über weitreichende Erfahrungen in der psychotherapeutischen Behandlung von jugendlichen Sektierern. Unter der allgemeinen Bevölkerung haben Tatsachenberichte aus Elternzusammenkünften und psychotherapeutischen Sitzungen auf das Vorhandensein bestimmter stereotyper Verhaltens weisen hingedeutet. Als auffälligstes Merkmal dieses gesamten Persönlichkeitsbildes haben sich anhaltende Trance oder ein veränderter Bewusstseinsstatus herausgestellt. Aus meiner klinischen Sicht habe ich den Eindruck gewonnen, dass der letztgenannte psychologische Zustand sich als eine unmittelbare Folge der sozialen Einflussnahme ergeben hat, der die Patienten innerhalb des Sektenmilieus ausgesetzt waren.
 

Von Bedeutung ist in dieser Hinsicht das von Schein (1961) ausgearbeitete theoretische System, das Veränderungen in individuellen Bezugsfeld erklärt, die innerhalb eines relativ geschlossenen Gesellschaftssystems entstehen. In seiner Studie über die Techniken der Gehirnwäsche von chinesischen Kommunisten entwickelte Schein das Konzept der Zwangsüberzeugung. Nach seiner Ansicht verursacht die Zwangsüberzeugung Veränderungen in der persönlichen Orientierung über die drei aufeinanderfolgenden Phasen des (a) Aufhebens, (b) Veränderns und (c) Wiedereingebens von Wertvorstellungen und Wahrnehmungen. Schein sieht viele Parallelen zu den chinesischen Methoden der Zwangsüberzeuqung in nicht-kommunistischen Institutionsstrukturen. Shors Konzept (1959) der allgemeinen Wirklichkeitsorientierung ist ebenfalls von theoretischer Relevanz für die Ergebnisse dieser Studie. Dieses Konzept ist definiert als "der normale Bewusstseinsstatus, der charakterisiert wird durch die Mobilisierung eines aufqebauten Bezugsrahmens im Unterbewussten, welcher alle Erfahrungen unterstützt, interpretiert und ihnen eine Bedeutung zuweist."  Nach Shor kann jeder Status, in dem die allgemeine Realitätsorientierung zu einem relativ unfunktionellen Bewusstsein verblasst ist, als Trancezustand bezeichnet werden. Aus den Angaben, die sich in dieser Studie ergaben, geht hervor, dass eindeutige Unterschiede innerhalb der einzelnen Sekten bestehen (a) hinsichtlich der Intensität der angewandten sozialen Einflusstechniken und (b) hinsichtlich des Ausmasses der Trennung, die zwischen dem Sektenmitglied und seiner früher begründeten Matrix sozialer Grundwerte herbeigeführt wird. Nach den Aussagen von Patienten sind die Indoktrinationsmethoden der Vereinigungskirche eindeutig denjenigen Sekten mit einer hohen Intensität der Einflusstechniken und einer starken Abtrennung zuzuschreiben.
 

In diesem Bericht werden die Ergebnisse einer Reihe von Einzelbefragungen dargelegt, die an 30 Patienten zwischen 19 und 26 Jahren durchgeführt wurden, die ehemalige Mitglieder der Vereinigungskirche waren. Die Befragung konzentrierte sich auf die persönlichen Indoktrinationserfahrungen dieser Personen. Diese Studie ist somit eine erste Untersuchung der Auswirkungen von Techniken der Zwangsüberzeugung der Vereinigungskirche auf einzelne Persönlichkeitsfunktionen
 

Die Mitgliederanwerbung der Vereinigungskirche wird von eingeführten Kirchenmitgliedern übernommen, die sich in der Gesellschaft nach in Frage kommenden jungen Erwachsenen umsehen und mit ihnen in Verbindung treten. Der erste Kontakt kommt meist auf der Strasse oder einem Universitätsgelände zustande. Das potentielle Neumitglied wird zu einem Abendessen in einem der städtischen Wohnzentren der Vereininungskirche geladen. Bei Abschluss des Abendessens in diesem Zentrum wird es dazu eingeladen, an einer Wochenendzusammenkunft in einem abgelegenen ländlichen Rahmen teilzunehmen. In Kalifornien werden insbesondere die New Ideal City Ranch in Mendocino County und Camp Modundar in den Bergen von San Bernadino als solche Einrichtungen auf dem Lande benutzt. Zum Abschluss eines solchen Wochenendes werden die Neuangeworbenen aufgefordert, noch für eine einwöchige Schulung im Camp zu bleiben. Zur Zeit stehen uns keine effektiven statistischen Angaben darüber zur Verfügung, welcher Prozentsatz der Wochenendbesucher zu dieser zusätzlichen Indoktrinationswoche im Camp verbleibt. Teilnehmer der Studie haben jedoch inoffizielle Schätzungen abgegeben, die bei durchschnittlich 80 - 95 % liegen. Diese Gruppe von Patienten schätzte auch, dass etwa 90 - 95 % derer, die an der Schulungswoche teilnehmen, in der Folge volle Mitglieder der Vereinigungskirche werden.
 

Die Teilnehmer an der Studie erfuhren nach der Indoktrination eine radikale Veränderung in der ideologischen Einstellung und Lebensweise. Ein immer wiederkehrendes Merkmal war die Ablehnung früherer Ausbildungs- und Berufsziele. Die soziale Isolation von unserem Gesellschaftsleben, die in dem Camp eingeleitet wurde, wurde später in einer Reihe von ländlichen Wohnzentren der Vereinigungskirche in einer abgesonderten Lebensweise institutionalisiert. Psychische und physische Energien wurden ausschliesslich in die Sektenideologie und ihre Studie und Nachfolge investiert. Die Tätigkeiten richteten sich in der Hauptsache auf die Anwerbung neuer Mitglieder und das Geldsammeln in öffentlichen Einrichtungen. Unter der Gruppe der befragten Sektenmitglieder fiel besonders eine ausserordentliche Verengung und Verinnerlichung im phänomenologischen Umfeld des Bewussten auf. Unterschiedlich starke Schwierigkeiten in der Anpassung an neuartige Situationen beweisen ein Zurückgehen der Denkbeweglichkeit. Weiterhin war auch eine Verengung und Abstumpfung in bezug auf bewusst erlebte Gefühlsregungen offensichtlich.
 

Mitglieder der Vereinigungskirche werden in ihrem Umgang mit der allgemeinen Öffentlichkeit von dem internationalen Leitsatz der "Himmlischen Irreführung" geleitet. Dieses Konzept basiert auf der Anschauung, dass die Gesellschaft als solche in der Macht des Satans steht und daher irregeführt ist. Folglich  muss Gott auf Täuschungen zurückgreifen, um Seelen für seine "Perfekte Familie“ zu gewinnen, die mit der Vereinigungskirche gleichbedeutend angesehen wird. Eine Betrachtung der sozialen Beeinflussungstechniken, die im Zusammenhang mit dem Konzept der Himmlischen Irreführung angewandt werden, weist darauf hin, dass die Indoktrination in einem Rahmen massiver psychologischer Manipulation stattfindet. Das Zurückhalten essentieller Realitätsdaten erscheint als ein Hauptfaktor in diesem Prozess. Mitglieder der Vereinigungskirche sind dem Ziel verpflichtet, die totale Konversion der von ihnen angeworbenen potentiellen Neumitglieder zu erreichen. Dieses Ziel bleibt jedoch in den Interaktionen mit Neumitgliedern bei der ersten Begegnung auf der Strasse, später im städtischen Zentrum der Sekte und sogar noch im Camp oder der Farm auf dem Land eine verborgene Zweckbestimmung. Die in Betracht gezogene Person erhält einen geringen Teil an echten Realitätsinformationen. Im allgemeinen ist sie sich bis zum Ende des Wochenendes im Camp nicht darüber bewusst, dass sie an den Schulungsaktivitäten einer agresslv bekehrenden religiösen Organisation teilnimmt. Es werden ihr keine klaren verstandes- oder verhaltensmässigen Optionen zum bewussten Überdenken und Abwägen angeboten. Diese Strategie der Organisation reduziert in erheblichem Masse die Möglichkeit des Neumitglieds, sich für ein Zurückziehen aus der Kultumgebung zu entscheiden.
 

Der Neuling, der die Einladung zum Abendessen in einem städtischen Wohnzentrum annimmt, findet sich in einer grossen und recht angenehmen häuslichen Einrichtung. Jeder an der Aussenfassade des Gebäudes noch an den Innenwänden der Wohnung finden sich Hinweise, die das Zentrum als zur Vereinigungskirche gehörend kennzeichnen. Die Mitglieder der Kirche verhalten sich gegenüber dem betreffenden Neuling in einer besonders warmen und anteilnehmenden Weise und  vermitteln den falschen Eindruck, dass ihre Motivierung in erster Linie sozial ist. Der Inhalt ihrer verbalen Kommunikation ist dazu angetan, bei dem potentiellen Neumitglied geistige Assoziationen mit familiären vertrauten Erinnerungen hervorzurufen. Unterbewusstes Heraufbeschwören von Vorstellungen, die mit vertrauensbeladenen Kindheitserfahrungan zusammenhängen, führen dazu, die üblicherweise in unbekannten sozialen Einrichtungen herrschende Wachsamkeit des Geistes abzuschwächen. Im Washington Street-Zentrum in San Francisco werden Neulinge nach dem Abendessen mit einer Dia-Vorführung des Schulungscamps Booneville konfrontiert. Diese Anlage ist eine der grössten Indoktrinationseiririchtungen der Vereinigungskirche. Sie wird den Gästen als "unsere Farm“ beschrieben. Die vorgeführten Dias zeigen Unterhaltungsaktivitäten wie gemeinsames Singen oder Volleyballspielen. Der dadurch hervorgerufene allgemeine Eindruck ist der eines Erholungscamps, in dem sich eine Gruppe aussergewöhnlich gefühlsbetonter und liebevoller Erwachsener mit grossem Gemeinschaftssinn zusammenfindet. Zum Abschluss des Abends im Zentrum wird der Gruppe der potentiellen Neumitglieder nahegelegt, das Wochenende auf "der Farm“ zu verbringen.
 

Angaben aus der Studie weisen darauf hin, dass für diese Patienten das Eintauchen in dieses intensive Campprogramm zu einem Verblassen des allgemeinen Realitätssinns führte. In ihrer Untersuchung indirekter Suggestion in klinischer Hypnose stellen Erickson und Rossi (1977) fest, dass eine Verengung des Aufmerksamkeitsfeldes ein labiles Gleichgewicht im Bewusstsein des Individuums erzeugt. Sie bemerkten, dass in dieser psychischen Situation normale bewusste Neigungen (Einstellungen) relativ einfach "abgeschwächt“ und umgangen werden können. In seiner Analyse der hypnotischen Beziehung behauptet Haley (1958), dass Tranceverhalten stattfindet, wenn der Hypnotiseur die Beziehung kontrolliert, und dass der Hypnotisierte die Beziehung nicht klar definieren kann. In den Beschreibungen des Camp-Milieus, die uns von Teilnehmern der Studie gegeben wurden, tauchen die obengenannten wechselwirkenden Merkmale in zentraler Bedeutung auf. Auf der Farm befindet sich der Neuling in geographischer und psychologischer Einkapselung, welche die Entwicklung eines anhaltenden hypnotischen Trancezustandes zu begünstigen scheint. Der Neuling versinkt in einem permanenten Kreislauf speziell ausgerichteter und gefühlsbeladener Gruppenaktivitäten. Er erfährt eine markante Verengung und Verinnerlichung der Schärfe seiner bewussten Aufmerksamkeit. Ein hoher Grad an Gefühlserregung wird erzeugt und erhalten. Das gut ausgearbeitete Programm erlaubt keine Musse oder private Zeit zu persönliches Nachdenken. Somit hat der Neuling minimale Gelegenheit, seine Erfahrungen im Sinne seines bislang aufgebauten Bezugsrahmens auszuwerten oder einzuordnen. Diese Schwierigkeit wird durch die geographische Trennung von seiner vertrauten Umwelt und der Matrix seiner Beziehungen noch erhöht. Eine erhöhte Beeinfiussbarkeit entsteht und erfährt während der Indoktrination eine schrittweise Intensivierung.
 

Das Bild einer harmonischen und liebevollen Familie, das im städtischen Zentrum eingeführt wurde, wird jetzt stark verbal sowie durch die wiederholte Zurschaustellung scheinbar nicht diskriminierender Gefühle verstärkt. Damit in Einklang stehendes häufig angesetztes Gruppensingen fördert die Entwicklung einer aussergewöhnlich schnellen und starken emotionellen Bindung zwischen dem Neumitglied und seiner neu gefundenen "Familie". Die Herbeiführung des Trancezustandes und die damit einhergehende Herabsetzung des persönlichen Urteilsvemögens führt zu einer grösseren Anfälligkeit für primitive Wünsche in Psyche der Neulinge. Gleichzeitig betont das Schulungspersonal des Camps immer wieder das Einheitskonzept der Vereinigungskirche Es wird die Illusion gefördert, dass die totale Befriedigung von Bedürfnissen der Gefühlswelt und der Sicherheit innerhalb des "Farmmilieus" tatsächlich erreicbar ist. Angaben aus der Tiefenbefragung in dieser Studie offenbaren, dass die Betonung der Einheitsparole alte Wünsche nach zwischenmenschlichem Zusammenschluss oder Vereinigung in der untersuchten Patientengruppe heraufbeschwörte und intensivierte.

Die befragten Patienten berichteten, dass zum Abschluss des Wochenendes ein beträchtliches Mass an ideologischer und verhaltensmässiger Übereinstimmung bei der Mehrzahl der Neulinge erreicht ist. Es scheint, dass im Vorbewussten das Ziel der Anpassung der Neumitglieder sehr bestärkt wurde durch die furchtbeladene Vorstellung, dass die Ablehnung durch diese neue "Familie“ zum Verlust der vorgenannten illusionierten Befriedigung führen würde.
 

Im Verlauf des Wochenendes und der anschliessenden Indoktrinationswoche wurden der Gruppe der Neumitglieder indirekte Suggestionen übermittelt. Suggestionen werden in Abständen übermittelt und von den Unterwiesenen an der Bewusstseinsschwelle wahrgenommen. Verinnerlichte Suggestionen verbinden und vereinigen sich in der Psyche des Neumitglieds mit einem kumulativen Effekt der Realitätsumstrukturierung. In der Mehrzahl der Fälle resultierte der Einfluss der massiven Zwangsüberzeugung im Aufbau eines gänzlich neuen Bezugsrahmens innerhalb der kurzen Zeit eines derartigen Wochenenderlebnisses. Man beobachtet eine erheblich veränderte Betrachtung des eigenen Ichs, der äusseren Umgebung und der Beziehung des Einzelnen zur äusseren Umgebung.
 

Bei Abschluss einer Indoktrinationswoche waren die behandelten Patienten fest mit der Anschauung verwurzelt, dass Sun Myung Moon der Messias ist, dass ihre Familie und die Gesellschaft als solche vom Satan beherrscht ist und dass geistiges Wachtum ausschliesslich den Mitgliedern der Vereinigungskirche möglich ist. Diese Personen gaben ihre früheren Ausbildungs- und Berufsziele auf. Danach gaben sie sich mit aussegewöhnlicher Intensität der Anwerbung von Neumitgliedern und dem Geldeintreiben für die Vereinigungskirche hin.
 

Zusammenfassung
 

Dieser Bericht stellt einen ersten Forschungsversuch dar, die Indoktrinationsmethoden der Vereinigungskirche zu skizzieren. Diese Methoden werden als konkretisierte Techniken der Zwangsüberzeugung betrachtet, die in einer relativ kurzen Zeitspanne radikale Wahrnehmungs- und Verhaltenveränderungen auslösen können. Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass das psychologiche Klima in diesen abgelegenen Schulungszentren dem Entstehen eines hypnotischen Trancezustandes stark zuträglich ist. Die Ergebnisse sind relevant aus der breiten sozio-psychologischen Sicht sozialer Anpassungseinfiüsse einer institutionellen Einrichtung. Die gewonnen Ergebnisse beziehen sich ausserdem auf Betrachtungen situativer und interpsychischer Faktoren in der Herbeiführung veränderter Bewusstseinszustände.
 
 

References

Erickson, M.H., Rossi, E.L., and Rossi, S.I. Hypnotic Realities:  The Induction of Clinical Hypnosis and Forms of Indirect Suggestion.
NY: John Wiley and Sons, 1977.

Haley, J. An interactional explanation of hypnosis. American Journal of Clinical Hypnosis, 1958, 1, 41-57.

Schein, E.H. Coercive Persuasion. NY: W. W. Norton and Company, 1961.

Shor, R. E. Hypnosis and the concept of the generalized reality orientation. American Journal of Psychotherapv, 1959, 13, 582-602.
 



1. Version dieser Seite installiert am


Impressum:
Verantwortlich für Inhalt und Gestaltung:
Ingo Heinemann
D-53579 Erpel Grabenstrasse 1
Tel. 02644-98013-0
Fax 02644-98013-1
Email: Ingo.Heinemann@t-online.de

Diese Website wurde eröffnet im September 1998