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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/dokumentation78.htm  Zuletzt bearbeitet am 30.11.2007
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Dokumentation
über die Auswirkung der Jugendreligionen
auf Jugendliche in Einzelfällen
AGPF 1978


Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
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Die Bundesregierung hat die Berichte zum Anlaß für öffentliche Warnungen genommen.
Der Maharishi-Kult hat dagegen vergeblich geklagt: Der TM-Prozess
Diese Bericht sind hier (bisher) nicht enthalten, weil damals für das Buch aus Platzgründen eine Auswahl getroffen werden mußte.



Diese Seite enthält einen Buchauszug aus:
 

"Neue Jugendreligionen“
Vorträge und Berichte einer Fachtagung über "Probleme im Zusammenhang mit den 
sogenannten Jugendreligionen“ am 23./24. Februar 1978 in der Medizinischen Hochschule Hannover 
Herausgegeben von 
Manfred Müller-Küppers und Friedrich Specht 
Verlag für Medizinische Psychologie 
im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen 

Inhalt
Hans Löffelmann: Neue Sekten: Problem und Aufgabe für den  Jugendschutz 
Klaus Karbe: Jugendsekten: Eine Herausforderung für Wissenschaft und Gesellschaft 
H.-Diether Reimer: Die sogenannten "neuen Jugendreligionen“ aus der Sicht der "Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“‘ Stuttgart 
Wanda von Baeyer-Katte: Konstante Reaktionsmuster im Aufbau moderner Kulte 
Robert J. Lifton: Religiöse Kulte und Totalitarismus [siehe auch Lifton 1963]
John G. Clark: Der künstlich gesteuerte Wahnsinn
Margaret Singer: Coercive Persuasion und die Probleme der "Ex-Cult Members“ 

Dokumentation über die Auswirkung der Jugendreligionen auf Jugendliche in Einzelfällen 
Gerd Wartenberg: Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Jugendreligionen 
Anhang:
I. Überblick über die wesentlichen Gruppierungen, die sich besonders an Jugendliche wenden 
II. Anschriften von Beratungs- und Informationsstellen 
III. Literaturempfehlungen - Anschauungsmaterial - Arbeitshilfen

Dokumentation über die Auswirkung der Jugendreligionen auf Jugendliche in Einzelfällen

Vorgelegt für die Fachtagung "Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Jugendreligionen“ in Hannover am 23. und 24. Februar 1978 von der "Aktion für geistige und psychische Freiheit - Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen"



10 Berichte aus dem Bereich der "Vereinigungskirche“ (Mun-Sekte)


Bericht 1 (vom 6. Februar 1978)

Unser Sohn M., 1955 geboren, ist groß, von schlanker Gestalt, sensibel und musisch veranlagt. Im Alter von 16 Jahren stellten sich Probleme ein: Müdigkeit, Konzentrationsmangel, Unlust, Schwierigkeiten mit den Eltern. Sein Hobby Musik bleibt, M. beschäftigt sich mit religiösen Dingen und sucht mit seinem Freund des öfteren eine Teestube auf. Der Abgang vom Gymnasium trifft ihn tief, es folgten Ziellosigkeit, Aufnahme der Optikerlehre im väterlichen Betrieb, aber ohne Lust und Liebe zum Beruf, Reise nach Amerika zu Freunden. In Los Angeles wird M. von einem Mitglied der Unification Church angesprochen und verweilt drei Monate, Juli, August und September 1975, im Trainingscenter von Pasadena. Wir unternehmen alles nur menschenmögliche, um unseren Sohn zur Rückkehr zu bewegen. Drei mit unserem Sohn geführte Telefongespräche erschüttern uns zutiefst. Er wirkt wie ein gebrochener Mensch, bricht in Weinkrämpfe aus und stammelt zum Teil nur noch Worte heraus.
Wahrscheinlich ist es durch einen Brief des Münchner Zentrumsleiters möglich gewesen, daß wie unseren Sohn M. Ende September 1975 wieder bei uns begrüßen konnten. Er war uns gegenüber sehr lieb, sang unentwegt seine Lieder, begleitete sich mit der Gitarre und bemühte sich, uns von der neuen Lehre zu überzeugen. Als ich, nachdem ich zwei Tage in der Regelsmühle zu Gast war und den Schwindel mit eigenen Augen durchschaut hatte, ihn vom Gegenteil zu überzeu

* Im folgenden handelt es sich um Auszüge (Berichte ehemaliger Sekten-Mitglieder, bzw. von betroffenen Eltern) aus der o. g. Dokumentation.
 

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 gen versuchte, begab er sich in die Isolation. Jeder Versuch der Aufklärung verpuffte bei ihm ohne Diskussion.
Nach bestandener Gehilfenprüfung im Januar 1977 übersiedelt er nach Berlin und arbeitet dort. Am 14. März 1977 telefoniere ich mit meinem Sohn, der sich in der Wohnung meines Schwagers aufhält. Sein Zustand erinnert mich sofort an unsere Gespräche, die wir während seines Aufenthaltes in Pasadena geführt hatten. Sein Gespräch aus Berlin hatte folgenden Wortlaut: "Vati, ich habe ein schreckliches Erlebnis gehabt. Ich habe die Nacht bis zum frühen Morgen nicht geschlafen. Ich kann nicht mehr in die Wohnung zurück. Komme mit dem nächsten Flugzeug nach Berlin und hole mich ab!“ Als ich dann fragte, was eigentlich passiert sei, antwortete M.: "Ich kann und darf nicht darüber sprechen“. Zuhause angekommen, sagte M., er hätte in den Morgenstunden in der Wohnung Angstzustände bekommen und aus dem Fenster geschrien: "Ich bin ein Schwein!“
Später ist er in Hochstimmung, redet wie nie zuvor und sagt unter anderem:
"Wenn ich in der Nacht wieder schreien sollte, dann macht eine Faust und schlagt sie mir ins Gesicht, dann ist alles vorbei!“ Am anderen Tag redet er noch freier, läßt sich auch ausfragen: Er sieht die Sterne rot, hat Halluzinationen. Er wüßte jetzt über alles genau Bescheid, spricht von 15 Generationen, die von Satan besessen sind, weshalb er sich auch mit keinem Mädchen einlassen würde. Sein Hauptthema kreist jedenfalls fast ausschließlich um Mun. Ich spreche ihn auf Rauschgift an, worauf er mir erklärt, mit 16/17 Jahren mal etwas probiert zu haben, daß er dann aber nichts mehr damit zu tun hatte. Ich bat, daß er sich erinnern sollte, was in Berlin geschehen wäre, was das schreckliche Erlebnis gewesen sei. Er sagte, darüber könne er nicht sprechen. Ich bin mir bis heute nicht ganz darüber im Klaren, ob es einen Hintergrund in Berlin gab oder nicht.
Abermals redete ich auf ihn ein und wollte wissen, was er eigentlich empfindet, weil er uns völlig verändert vorkommt. Er sagte darauf wörtlich: "In meinem Kopf geht irgend etwas vor, ich kann nicht sagen was, aber es hängt mit der Vereinigungskirche in Amerika zusammen. Bitte, laß uns morgen einen Arzt aufsuchen, aber es muß ein ganz guter Arzt sein.“ Ich fragte, ob er nicht doch etwas eingenommen hätte, wovon er vielleicht nicht wüßte? Er erwiderte darauf, daß er mit vielen netten Leuten zusammen gewesen ist, ob ihm vielleicht jemand etwas in den Tee getan hätte? Am nächsten Tag ist M. zur Mittagszeit sehr erregt. Es ging ums Mittagessen, welches noch nicht bereit stand. Als ich ein paar beruhigende Worte zu ihm sagen wollte, sollten meine Frau und ich den Höhepunkt seiner Anfälle erleben. M. starrte mich an und schrie: "Ich habe die Lüge in dir erkannt, spuck mir ins Gesicht, spuck doch, warum spuckst du denn nicht? Ja, du bist ein feiges Schwein! Spuck, ich befehle es dir!“ Ich bin im Moment völlig geschockt gewesen und wußte selbst nicht, wie ich richtig reagieren sollte. Ich spie

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ihn an, symbolisch an, worauf er brüllte: "Ja, du bist ein Schwein, ein gemeines Schwein!“ Meine Frau und ich beförderten ihn - er war sehr schwach - auf einen Sessel, wo er mit heiserer Stimme weiterschrie: "Sag, ich bin ein Schwein!“ Wir taten dies fast willenlos im Chor. Dann änderte er den Text und schrie: "Du bist nicht mein Vater, ihr seid nicht meine Eltern, mein wahrer Vater ist Mun, mein wahrer Vater ist Mun!“ Dann bäumte er sich auf, verzog sein Gesicht zu einer schrecklichen Fratze, starrte mich ganz nah an und schrie abermals: "Schau mich an, schau tief in meine Augen, versuche keine Gegenhypnose, Gegenhypnose nützt dir nichts!“ Dies geschah alles in einem befehlsartigen Ton und mit mehrmaliger Wiederholung. Zum Schluß schrie er: "Ich bin nicht euer Sohn, ihr habt mich nur aus Lust gezeugt!“ Der Notarzt traf ein, M. war völlig erschöpft und sprach mit ruhiger Stimme: "Wir sind alle tot, es sind nur unsere Hüllen, fühlt euer Herz, es schlägt nicht mehr.“
Danach war er drei Monate in der Nervenklinik. Die behandelnden Ärzte bestätigen, daß der Krankheitsverlauf für sie anders ist als sonst üblich, messen aber der Sektenzugehörigkeit keine Bedeutung bei. Während der Drogenbehandlung sprach M. ausschließlich von Mun und der Vereinigungskirche. Die Tauben auf dem Hof kamen von Mun, kleine Kinder, die er sah, waren kleine Koreaner. Er sprach oft vom Weltuntergang und sagte einmal, als er auf meine Frage betreffs Mun einging, daß das sein Hauptproblem sei, und er nicht davon loskäme. Es ist inzwischen ein Dreivierteljahr vergangen. Seitdem er die Klinik verlassen hat, nimmt M. keine Medikamente. Es hat sich zwar sein Gesundheitszustand ganz allmählich etwas gebessert, aber er weiß nichts mit sich anzufangen, schaut kein Mädchen an, und man kommt nicht mit ihm ins Gespräch. Er ist nicht bereit, einen Psychiater oder Psychotherapeuten aufzusuchen. Den stärksten Kontakt hat er mit seiner Mutter und möchte, daß sie mit in seinem Zimmer schläft. Die Diagnose der Psychiater in München lautet "Schizophrenie“.
 

Bericht 2 (vom 31. Januar 1978)

Unser Sohn sollte sich Ende Oktober 1975 an der Uni in München für das Studium der Musikwissenschaften immatrikulieren, fiel aber dort auf dem Weg vom Bahnhof zu seinem Zimmer gleich am ersten Tag den Werbern der Vereinigungskirche (VK) in die Hände; er war zunächst zwölf Tage verschwunden. Wir Eltern stöberten ihn in der Regelmühle/Mittelfranken, dem "Trainingszentrum“ der VK, wieder auf. Bereits hier war eine erstaunliche Wesensveränderung feststellbar. Erschreckend der so schnell angenommene Gesichtsausdruck eines sendungsbewußten Fanatikers, und wie schnell er sich die ständig hergesagten Formulierungen der Sekte zu eigen gemacht hatte!

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Er, der noch vor wenigen Tagen glaubte, ohne Musik nicht existieren zu können, fand das alles angesichts der "neuen großen Aufgaben“ nicht mehr wichtig. Er gab sich heiter und gelöst wie nie zuvor. Die neuen Glückseligkeitsverheißungen hielten in ihm eine seltsame Euphorie wach und ließen ihn überzeugt sein, daß er mit 3-4 Stunden Nachtschlaf auskomme und daß er mit Gottes Hilfe auf Erden alles erreichen könne, wenn er nur fest genug daran glaube.
Nach München zurückgekehrt, brach er sein Studium im Januar 1976 vorzeitig ab und siedelte ins VK-Zentrum über; missionierte dann später in einer anderen Universitätsstadt (Heidelberg); im September 1976 ging er für etwa drei Wochen in die USA zur Vorbereitung und Durchführung einer Mun-Massenkundgebung am 18. September 1976 anläßlich der 200-Jahrfeier Amerikas (Washington Monument). Hier scheint ihm zum ersten Mal die Erkenntnis gedämmert zu haben, daß seine vorwiegend religiös-geistige Auslegung der Mun-Prinzipien von den Mun-Geschwistern nicht geteilt wurde. Offenbar verursachte dies einen stärkeren seelischen Einbruch, dem er nach Rückkehr ins Zentrum Heidelberg durch Fasten zu begegnen suchte. Denn es war ihm gesagt worden: "Wenn du Probleme hast, faste! Gott wird sie lösen!“ Er löste sie nicht, so sehr unser Sohn das Fasten auch steigerte. Im Gegenteil scheint sich mit der körperlichen auch seine psychische Verfassung zunehmend verschlechtert zu haben. Man schickte ihn, der in diesem Zustand als Missionar nicht mehr glaubwürdig war, an kurzfristig wechselnde Arbeitsplätze. Sein Verdienst ging ans VK-Zentrum. Schließlich sagte man ihm, er solle jetzt sein Studium fortsetzen, und schickte ihn nach Hause.
Einige Tage vor Weihnachten 1976 stand er nach einem Jahr Abwesenheit wieder vor unserer Tür. Er erklärte uns, er wolle studieren, und versicherte immer wieder, jetzt würde alles wieder gut. Sein Anblick war erbarmungswürdig: körperlich total abgemagert, hohle Augen, weit herausstehende Rippen. Der Arzt bescheinigte ihm eine Hungerleber, wenn auch sonst keine weiteren Schäden im organischen Bereich. Schlimmer jedoch war sein seelischer Zustand: Er zerfleischte sich mit den unsinnigsten Vorwürfen und Selbstanklagen. Er betrachtete sich als Versager, der die "Göttlichen Prinzipien“ nicht richtig verstanden, der nicht die Kraft gehabt habe, vorbildlich nach ihnen zu leben, der sich immer nur dem stärkeren Willen anderer unterordne usw. Er machte einen völlig verstörten Eindruck, ging ruhelos umher ohne die geringste Fähigkeit, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Zusammenbrüche unter Weinkrämpfen wechselten mit zuversichtlicheren Stimmungen und dem selbstsuggestiven, stereotypen:
"Es wird alles wieder gut, Gott führt mich den richtigen Weg“. Der völligen Verunsicherung entsprach ein gesteigertes Kommunikationsbedürfnis mit Gesprächspartnern, die ihn in seinen Ansichten bestärken sollten. Er selbst blieb allen vorsichtigen Versuchen, seinen Realitätssinn zu entwickeln, unzugänglich.

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Seine Gedanken pendelten zwischen Mun-Lehre, Satansfurcht und seinem angeblichen Versagen. Es war das erschütternde Bild eines unfertigen, glaubensbereiten Jugendlichen, dessen Identität und Selbstwertgefühl völlig aus den Angeln gehoben war durch eine Lehre, deren pseudoreligiöse Glückseligkeitsverheißungen ihm jeden Bezug zur rauhen Wirklichkeit verstellten. Jede Schuld oder Mitverantwortung der VK an seinem Zustand wies unser Sohn leidenschaftlich zurück: Er habe aus eigenem Antrieb wochenlang gefastet, niemand habe ihn dazu veranlaßt, er habe zu wenig geglaubt, gebetet, durch sein Versagen würde nun auch seine (natürliche) Familie dem Satan verfallen. So ging das immer im Kreis, ein wahrer Teufelskreis, dessen Sog alle Rettungsversuche der Eltern, Pfarrer und vieler wohlmeindender Freunde abblockte.
Das Aussehen unseres Sohnes schien sich seiner psychischen Rückentwicklung angepaßt zu haben. Man hatte nicht das Gefühl, einen 21-jährigen, eher einen 15-jährigen vor sich zu haben. Auf dieser Stufe bewegten sich auch die Gespräche mit ihm, begrenzt auf seinen eigenen, schmalspurigen Problemkreis. Anderes erfaßte er kaum, gegen Unliebsames sperrte er sich oder verdrängte es. So behauptete er z.B. eigensinnig, sein Zustand sei erst nach der Heimkehr ins Elternhaus so schlimm geworden.
Zwiespältig war seine Einstellung zur ärztlichen Behandlung. Einerseits wollte er von seinem krankhaften Konzentrationsverlust geheilt werden und verlangte in Tiefpunkten seines wechselnden Stimmungszustandes selbst nach einem Nervenarzt. Gleichzeitig versuchte er aber - wohl aus Angst, man könne ihn von der Heilslehre der VK trennen - vielleicht unbewußt, die Diagnose des Arztes in eine falsche Richtung zu lenken. Wiederholte therapeutische Gespräche mit Ärzten und Pfarrern seines Vertrauens stießen leider nicht bis zur Ursache des Problems vor und blieben daher letztlich wirkungslos. Trotzdem deuteten wir ein allmähliches Abebben der Stimmungsextreme als Zeichen der Besserung. Allerdings beschäftigte er sich auch wieder mehr mit den Mun-Prinzipien, die er sich immer wieder zu verschaffen wußte.
Wir sahen es zu dieser Zeit als glücklichen Zustand an, daß es uns gelungen war, unseren Sohn nach bestandener Aufnahmeprüfung an einer Kirchenmusikschule unterzubringen. Die Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Bereits nach einem Semester schickte man ihn weg und machte die Wiederaufnahme des Studiums von der "Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses über die psychische Befähigung“ hierzu abhängig. Zudem hatte er sich das Mißfallen von Schule und Kirchenleitung zugezogen, weil er - ungeachtet unserer Bitten und Beschwörungen
- wieder Kontakt mit den Mun-Leuten aufgenommen und Mun-Missionare in die Schule eingeschleust hatte. Ab Juli1977 wieder zu Hause, war sein Zustand ein völlig anderer als im Frühjahr. Er war heiter und keineswegs niedergeschlagen ob seines neuerlichen Mißerfolges, den er als Erfolg wertete, weil Gott ihn

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geführt habe und man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Er zeigte keinerlei Einsichtsfähigkeit mehr in seine Lage, hielt eine geregelte Berufsausbildung für unnötig. Er tyrannisierte uns mit der fixen Idee, die Familie aus den Klauen des Satans erretten und den Göttlichen Prinzipien Muns zuführen zu müssen. Während sein Realitätssinn auf einem Minimum angelangt war, entwickelte er einen utopischen religiösen Mystizismus, der keine eigene Verantwortung kannte und alles Geschehen als Gottes Fügung betrachtete. Eine bedeutende Rollte spielten dabei gewisse, den Mun-Prinzipien entnommene "magische Zahlen“, die er ständig in sein Verhalten einbezog. Er sah sich als außergewöhnlichen Menschen, dem Gott einen besonders schweren Weg zu gehen gewiesen habe, und behauptete, mit diesem und den Geistern Verstorbener unmittelbaren Kontakt zuhaben. Jede ärztliche Behandlung oder Einnahme von Medikamenten lehnte unser Sohn strikt ab.
Hoffend, daß er durch eigene negative Erfahrung langsam zur Wirklichkeit zurückfinden möge, versuchten wir jede Art Zwang möglichst zu vermeiden. Ein zufälliger Brief, den er als Wink Gottes betrachtete, veranlaßte ihn, sich gegen unseren Willen in eine Stadt im Schwarzwald abzusetzen, um sich dort um die Aufnahme an der Musikhochschule zu bemühen. Er glaubte damit den Beweis anzutreten, daß alle, die ihn für krank hielten, unrecht hätten. Als dies nicht gelang, die Sparbücher abgeräumt und der Verdienst einer kurzfristigen Arbeit (Tiefbau) verbraucht waren, kehrte er einen Tag vor dem Heiligen Abend 1977 nach Hause zurück. Er hatte uns wissen lassen, daß er nach Weihnachten ins Zentrum Camberg fahren wolle, um den Gottestag (Neujahr) mit den "Geschwistern“ zu feiern. Daraufhin ersuchten wir den Leiter des Zentrums Camberg unter Darlegung der Sachlage dringend, R. den Besuch zu untersagen. Durch ein Frankfurter Mitglied hat Camberg ihm dann auch tatsächlich unter Hinweis auf seinen psychischen Zustand von einem Besuch abgeraten. Am Vormittag des 24. Dezember 1977 geriet unser Sohn über eine unbedeutende Kleinigkeit derart in Erregung, daß er zwei Glastüren unserer Wohnung gewaltsam einschlug und im Krankenhaus genäht werden mußte. Seinem wirren Redefluß war zu entnehmen, daß Gott von der Gesellschaft Opfer fordere und er sich als eine Art Rächer Gottes ausersehen fühlte, der die Menschen für ihren Unglauben zu bestrafen habe. Noch am gleichen Tag fuhr ihn sein älterer Bruder nach Camberg ins VK-Zentrum. Es war der letzte verzweifelte Versuch, eine fällige Zwangseinweisung in eine Nervenklinik durch sein - bisher verweigertes
- Einverständnis zu einer psychiatrischen Behandlung zu umgehen. Das Unternehmen erbrachte tatsächlich die zwei erhofften Ergebnisse:
(1) Die mehrfache Versicherung aus dem Munde der VK-Spitzenfunktionäre, daß man an unserem Sohn in seinem derzeitigen Zustand nicht interessiert sei. Gerade dies wollte unser Sohn nie wahrhaben. Er hörte es nunmehr aus erster

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Quelle, und es wurde noch deutlich unterstrichen durch seine und seines Bruders totale Abschirmung von den übrigen zur Weihnachtszeit in Camberg versammelten Munies.
(2) Die wiederholte und auf ausdrücklichen Wunsch des Bruders zuletzt noch schriftlich gegebene Aufforderung durch die VK-Vertreter, sich in nervenärztliche Behandlung zu begeben. Nur ihren Weisungen war er bereit zu gehorchen. Wirklich zeigte sich unser Sohn daraufhin damit einverstanden, daß ihn sein Bruder auf der Rückfahrt von Camberg im Nervenkrankenhaus ablieferte.
R. war bis zu seinem Eintritt in die VK ein Junge wie andere auch, der L. abgesehen vielleicht von einer gewissen Labilität - nichts Außergewöhnliches erkennen ließ, der neben verschiedenen Orgelprüfungen und einem 3. Preis in der bekannten Würzburger Veranstaltung "Jugend musiziert“ ein recht ordentliches Abitur schaffte. Das zeitliche Zusammenfallen seiner seelisch-geistigen Rückentwicklung mit der Mitgliedschaft bei der VK ist auffallend und sicher nicht rein zufällig.
 

Bericht 3 (vom 29. Januar 1978)

Ich möchte in kurzen Stichworten schildern, wie es meiner Tochter G. ergangen ist: Sie war im 2. Semester an der Universität Freiburg, als sie angeworben wurde, und anschließend bis 1976 vier Jahre bei der Vereinigungskirche. Am 11. Juli 1976 rief G. von 5. aus an und sprach die kurzen Worte: "Ich möchte sofort von
5. abgeholt werden.“ In späteren Gesprächen mit ihr stellte ich fest, daß sie nicht mehr die Leistungen bei der VK gebracht hatte und daraufhin von M. nach 5. versetzt wurde. Dort wurde sie anscheinend von den Gruppenmitgliedern links liegengelassen. Am 4. Tag wurde sie nach B. zu einer Großfamilie gebracht, 8 Tage bei der Familie, dann auf Arbeitsuche, 6 Tage in einem Hotel gearbeitet, am 7. Tag Anruf: "Holt mich ab!“ Zu Hause keine Ruhe. Bei Berührung sprang sie auf die Seite. Am. 2. August 1976 besorgte ich ihr ein Zimmer im Mädchenheini St. Innere Trennung von den Eltern. Sie war inzwischen bei einem Psychiater in Behandlung, wo sie zuerst Gespräche ablehnte. Bei meinen Gesprächen kamen öfter von ihr die Worte: "Darüber spreche ich nicht.“ Zwischenzeitlich arbeitete sie in meinem Geschäft. Sie wollte immer wieder nach K. oder 5. ins Zentrum fahren. Im Geschäft war sie mit der Kundschaft kaum gesprächsbereit, ging während der Zeit in ihr Zimmer und knüpfte an einem Teppich, fand also keine Ruhe.
Von meinem und ihrem Hausarzt ist G. ausgerissen und nach K. ins Zentrum gefahren. Dort wurde sie sofort wieder weggeschickt. Sie fuhr mit der Eisenbahn zurück und ging vom Bahnhof aus nachts direkt zum Arzt. Der Arzt brachte sie

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selbst ins Heim St. zurück. Nach 2 Tagen kam sie zu uns und zog in ihr Zimmer ein. Tätigkeit im Geschäft. Am 6. September 1976 stand ein Wohnwagen 70 m vom Haus aus. G. rief mich ans Fenster: "Papa, schau drüben steht der Wohnwagen der Schwestern und Brüder!“ Tags darauf waren wir bereits um 5.00 Uhr auf und wollten mit ihr auf den Markt. G. wurde müde und sagte, sie lege sich nochmals hin. Um 8.30 Uhr war ihr nicht gut. Sie ging spazieren, brach unterwegs zusammen und wurde bewußtlos ins Krankenhaus gebracht, am anderen Tage in die Psychiatrische Klinik eingeliefert, wo sie 8 Wochen blieb. Nach Entlassung war sie im Geschäft mit etwas mehr Elan dabei, aber die Gedanken an die VK wurde sie nicht los, hörte innere Stimmen und immer wieder rufen: "Komm!“ und sagte, sie müßte der inneren Stimme folgen. Deshalb ist sie auch eine ganze Nacht im Freien umhergewandelt, sprach ab und zu von Aus-dem-Leben-Scheiden, damit sie zu den Schwestern und Brüdern kommt. Eine Woche vor Pfingsten 1977 nahm sie auch Schlaftabletten. Morgens fand ich sie bewußtlos im Bett liegen. Die Tür mußte aufgebrochen werden. Drei Tage lag sie bewußtlos auf der Intensivstation. Von dort kam sie in die Psychiatrie. Später wurde G. in einer Klinik aufgenommen, wo sie bis heute noch ist.
 

Bericht 4 (vom 12. Februar 1978)

Unsere Tochter A.‘ 1954 geboren, ist das mittlere von drei Geschwistern. Als Kind war sie einfach zu lenken‘ war fröhlich und kontaktfreudig, in der Schule eine durchschnittliche Schülerin, aber bei den Lehrern beliebt. In der Pubertät schloß sie sich einer "Clique“ nicht unsympathischer Jugendlicher an. Als wir Eltern merkten, daß die Clique Haschisch und LSD-Tabletten nahm, löste A. 1972 allmählich die Verbindung zu ihr. A. war Jahre hindurch mit einem Jungen befreundet, doch blieb ihre Liebe zu ihm unbefriedigt. Nach der Zeit in der Clique zeigte A. religiöse Neigungen ("Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit“). Nach dem Abitur 1974 machte A. zunächst zwei Sozialpraktika und begann dann ein Studium der Kunstgeschichte, und zwar mit Fleiß und Passion, wie es schien. Nach dem 2. Semester, im Frühjahr 1976, machte sie eine Reise nach Rom, wo sie wohl eine Art Schlüsselerlebnis Kunst/Religion erwartete. Nach ihrer Rückkehr zum Studienort betete sie in der Kirche, Gott möge ihr den rechten Weg weisen, und lief anschließend den Werbern der Vereinigungskirche (Mun-Sekte) in die Arme. Vom Schulungszentrum Camberg zurückgekehrt, exmatrikulierte sie sich, gab ihr Studentenzimmer auf, zog in das Mun-Zentrum und teilte uns Eltern ihren Entschluß mit. Ihre Kommilitonen und ihr Professor, der sie sehr schätzte, bemühten sich sofort um sie. Auch wir Eltern informierten uns unverzüglich über die Mun-Sekte. Ich reiste nach 14 Tagen - Mitte Mai

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1976 - mit zwei Theologen hin. Vergeblich versuchten wir, A. von der Torheit ihrer Entscheidung zu überzeugen. Bei energischerem und nicht nur argumentativen Vorgehen wäre A. zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch beeinflußbar gewesen. Sie besuchte uns Wochen danach zweimal kurz, wirkte auf uns verhärteter und psychisch verunsichert. Von Mai bis Oktober hatte sie keinerlei Missionserfolge gehabt. Sie wurde in eine andere Stadt versetzt. Dort hat sie sich freiwillig-unfreiwillig dazu gemeldet, für die Gruppe Geld als Zimmermädchen in einem Hotel zu verdienen. Ohne dringliche Aufforderung kam sie von dort Anfang November 1976 zum 80. Geburtstag ihrer Großmutter. Sie bemühte sich, weich und liebenswürdig zu erscheinen, hielt aber diese ihr von der Sekte aufgenötigte Haltung nicht lange durch, wurde trotz großen Wohlwollens der ganzen anderen Familie hektisch, betete fanatisch, wirkte unglücklich, zeigte deutlich Notsignale. In der folgenden Nacht beschlossen wir Eltern, A. einem Psychiater vorzustellen. Wir bekamen auch kurzfristig einen Termin. Die Ärztin unterhielt sich mehrere Stunden mit uns allen und riet uns dann, A., wenn möglich, nicht zur Mun-Sekte zurückzulassen, da mit weiterer Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit gerechnet werden müsse. In den folgenden Wochen versuchten wir Eltern mit Verwandten und Freunden der Familie, A. auf den Boden der Realität zu lotsen. Manchmal schien es, als sei A. wie früher, dann wieder verhärteten sich - manchmal ohne erkennbaren Anlaß - Augen, Gesichtsausdruck und Körperhaltung. Sie machte zwei Fluchtversuche, die dramatisch verliefen. Selbst sich unglücklich fühlend, willigte sie ein, für eine Woche in eine Klinik zu gehen und sich dort untersuchen zu lassen. Dort beschaffte sie sich Geld und fuhr zur Mun-Sekte. Wir ließen die Mun-Sekte wissen, daß es sich bei A. um einen psychiatrischen Fall handele und daß sie nun die weitere Verantwortung übernehmen müßten. Daraufhin brachte der Zentrumsleiter A. nach Hause zurück, nicht ohne ihr Verhaltensregeln mit auf den Weg zu geben und ihr deutlich zu machen, daß das Opfer ihres Lebens auf dem Spiel stehe, wenn sie Mun verraten würde. A. lebte nun wie eine Fremde in unserer Familie, saß auf gepackten Koffern, anscheinend entschlossen, sich von uns ganz unabhängig zu machen, selbst Geld zu verdienen und ihr Studium fortzusetzen, wozu sie aber weder physisch noch psychisch in der Lage war. Zu Ende des Jahres 1976 wollte A. ihren Entschluß in die Tat umsetzen, aber ihre Geschwister hielten sie gewaltsam zurück. A. riß sich los, zertrat die Glastür und verletzte sich am Bein. Sie wurde im Krankenhaus, wo sie einige Tage blieb, genäht. Dieser Schock hatte wohltuende Wirkung für alle, denn fortan nahm sie wieder mehr am Familienleben teil, half der Mutter im Haushalt und im Schulunterricht. Auffallend war die geringe Leistungs- und Konzentrationskraft. Im März 1977 bekam A. nach einer schweren Grippe Halluzinationen. Sie erhielt den Befehl, sich für ihre leibliche Familie - Vorfahren wie Nachkommen - zu opfern und sich bestimmten Prüfun129
gen zu unterziehen. Dabei wurde sie einmal von der Polizei, die der Meinung war, A. stünde unter Drogeneinwirkung - tatsächlich wirkte sie zeitweise so - in der Stadt aufgetan und nach Hause gebracht. Dies war der Beginn eines Umbruchs. A. hatte sich durch die fehlgeschlagenen Selbstprüfungen Blößen für intensivste Gespräche gegeben. 14 Tage lang sprachen wir Tag und Nacht stundenlang mit A. In einem dramatischen Prozeß, der insbesondere die Kräfte meiner Frau bis auf das Äußerste anspannte, brach A. geistig um, d.h. sie fand allmählich in unsere Wirklichkeit zurück. Diese Phase war mit grausigen Halluzinationen und Träumen voller Mun-Symbole begleitet. Am Ende des Prozesses empfanden wir alle uns als leere Hülsen. Da wir wußten, daß sich anschließend gefährliche Depressionen einstellen konnten, begab sich A. freiwillig in eine Klinik, wo sie mit Antipsychotika behandelt wurde. 14 Tage später erlitt sie einen Schock, der sich letztlich als heilsam erwies. Der Versuch, sich mit einem Mofa in die "geistige Welt“ zu befördern, endete mit einem Sturz und einer Gehirnerschütterung. Seitdem sind keine Halluzinationen mehr aufgetreten, aber depressive Stimmungen. Diese konnten weniger durch Antipsychotika (im Gegenteil!), sondern durch einen verständigen Gesprächstherapeuten gemildert werden. Am Ende der etwa vierwöchigen intensiven Therapie konnten auch die letzten Tabletten abgesetzt werden. Zwar gab es in der Folgezeit noch einige depressive Stimmungen, diese konnten aber durch Gespräche -auch in der Familie - aufgelöst werden. Seit November 1977 studiert A. an einer Pädagogischen Hochschule. Seit Weihnachten hat sie nur noch kaum merkliche Stimmungsschwankungen gehabt. A. betrachtet heute alle Verhältnisse ganz realistisch und sogar nüchtern. Sie wirkt reif, wenn auch ein wenig zaghaft. Im vergangenen Jahr hat A. alle Phasen ihrer Entwicklung vom Kleinkind bis zum Erwachsenen neu durchlaufen müssen. Alles verläuft so, wie Dr. Clark es in seinem Bericht beschreibt. Wir sind daher voller Hoffnung, daß alles wieder ganz in Ordnung kommt.
 

Bericht 5 (vom 12. Februar 1978)
 

Unsere Tochter war ein normal-begabtes Kind, sehr musisch veranlagt, spielte gern Querflöte und war zeichnerisch sehr gut begabt. Nach dem Abitur wollte sie Kunst studieren. Sie war sehr kritisch, nahm alles sehr scharf unter die Lupe, sah überall mehr das Negative und suchte nach positiven Idealen. In dieser Phase war sie sehr leicht ansprechbar und labil. Sie ist nun seit Sommer 1975 bei der VK. Ihre Kontakte dorthin hat sie uns vor dem Abitur verheimlicht, und wir schoben ihre Launenhaftigkeit (zeitweise überschwengliche Liebe, zeitweise eisige Kälte) auf die Vorabiturszeit. Nach dem Abitur fuhr sie mit einem Bekannten nach Camberg, "um mal eine Woche auszuspannen“ und dort mit "ökume130
nisch denkender Jugend“ zusammenzutreffen; mehr wußten und ahnten wir nicht. Lügen war sonst nicht ihre Sache (das kann sie aber jetzt sehr gut!). Statt einer Woche blieb sie zwei Wochen, und als sie zurückkam, war eine Wand zwischen uns und ihr! Wir hatten uns inzwischen erkundigt, was da in Camberg tagte, und wir versuchten, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Das war nicht möglich. Sie konnte keinerlei Kritik gegen Mun und seine Lehre vertragen. Wir waren die Verhetzten! Sie aber hatte die Lehre kritiklos und kritikunfähig angenommen! Bei jedem Gesprächsversuch ging sie entweder aus dem Zimmer, mit hartem, verstocktem Gesicht, oder sie antwortete mit spürbar eingepaukten Phrasen:
"Ihr könnt mich nicht umstimmen. Ich bin großjährig und gehe meinen Weg und habe ihn nun endlich gefunden und bleibe dabei und setze mich dafür ein! Habt Vertrauen! Eines Tages werdet ihr es auch erkennen!“ Bei einem Streitgespräch zwischen meinem Mann, unserem Sohn, einem unserer Schwiegersöhne, unserer Tochter und deren "Schlepper“ blieb sie völlig still. Der junge Mann übernahm das Reden, und als meine Familie ihn hinauswarf (er hatte die Tochter abholen wollen), verabschiedeten sie sich mit einem langen Händedruck und Blick, wie Verliebte. Ich war an dem Tag nicht zu Hause und habe die Szene nicht miterlebt, bin aber überzeugt, daß sie in ihn verliebt war. Auf diesem Wege hatte er sie gefangen, denn ihr fehlte einfach ein Freund. Noch am gleichen Abend fuhr sie mit Freunden nach Köln. Mein Mann hatte sie um zwei Wochen Abstand gebeten. Nach zehn Tagen kam sie aber schon zurück, eisig und unerschütterlich, und fuhr nach Camberg. Weihnachten kam sie wieder, mimte die strahlend Glückliche, aber man spürte die Maske zu deutlich. Die Tage waren voller Spannung, und unsere musische Tochter gab zu, daß sie, wenn man es von ihr verlange, auch die Handgranate nehmen würde. Ihre Briefe waren unregelmäßig, selten und aussagelos und zunehmend voller Fehler. Im Sommer 1976 besuchte uns Ehepaar Seel von der VK, und mein Mann sagte ihnen u.a.: "Sagen Sie Ihrem Paul Werner, er solle darauf achten, daß die jungen Leute, wenn sie schon nicht studieren dürfen, wenigstens nicht ihr Niveau verlieren“ - und bezog sich auf die Rechtschreibung. Lange kam kein Brief, doch seitdem sind selten Fehler drin. Von ihrer Kunst merkt man nicht mehr viel. Sie ist infantil geworden: Blümchen eines 6-jährigen Kindes malt sie auf Briefe und Couverts. Ihre Querflöte hat sie mitgenommen, und kam damit in die Band, die vor den letzten Wahlen durch die Lande zog. Ein Mensch, der gute Musik liebt, spielt nun billigste Unterhaltungsmusik. Allerdings gab sie einmal zu, daß sie das nicht sonderlich erfreue, aber "um der Sache willen“ und: "Später spielen wir auch andere Sachen, wenn wir mal mehr drin sind!“ Eine ihrer immer wiederkehrenden Redewendungen war: "Habt Vertrauen!“ Auf briefliche konkrete Fragen zur Mun-Lehre kamen nie Antworten. - Als wir sie im Frühjahr 1977 in Ulm besuchten, und abends nach dem Essen in einem Lokal mein Mann ihr einiges zu sagen wagte, stand sie

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auf und erklärte: "Wenn du so weiterredest, gehe ich!“ Seitdem provozieren wir sie nun nicht mehr. Jetzt mimt sie restlos glücklich und froh, auch als sie an Weihnachten hier war. Wir mieden Streitgespräche. Eine Stunde aber habe ich allein mit ihr gesprochen. Thema: Dritter Weltkrieg und Mun als Messias. Sie blieb - wie auch ich - ruhig dabei, aber die Antworten auf alle Argumente meinerseits waren immer wieder die gleichen, auswendig gelernten Antworten, kein eigenständiges Denken. Um sie nicht zu verlieren, d.h. den mühsam wiedergefundenen Kontakt nicht zu gefährden, gab ich nicht allzuviel kontra. Aber alles sind Phrasen, viel Gerede um große Dinge, die ganze Menschheit - aber nichts von dem Nächstliegenden oder gar der Familie, der Arbeit im Kleinen. Dabei merkt sie gar nicht, wie dumm dieses Geschwätz ist und wie sehr es ihrem früheren Denken entgegensteht. Ihre Redewendungen sind sehr überschwenglich, hochtrabend. So hat sie immer gleich "sehr tiefe“ Gespräche und "tiefe Gotteserlebnisse“. Ich glaube allerdings, daß sie selbst es so empfindet, da sie sich einfach wohl gegenseitig in solche Dinge hineinsteigern. Abhandengekommen ist ihr aber das feine Gefühl beim Musizieren (sie spielt nicht mehr schön, aber laut), ist ihr zeichnerisches Talent (zumindest in den Kostproben, die sie uns liefert), ihre Fähigkeit. sachlich und objektiv zu denken und zu sprechen.
 

Bericht 6 (vom 13. Februar 1978)

Unser Sohn studierte an einer Universität in Baden/Württemberg Sprachen. Nach dem zweiten Semester blieb er dort, um den Führerschein zu machen. Da fast alle Freunde weg waren, war er für die Anwerbung der "Missionare“ der Mun-Sekte sehr empfänglich. Er ging öfters in das Zentrum und diskutierte mit ihnen und war auch einige Male an den Wochenenden in Camberg/Taunus. Dort ließ er sich überreden, einen einwöchigen Trainingskurs mitzumachen, dabei wich schon nach drei Tagen (wie er später erzählte) seine anfängliche Skepsis einer Begeisterung, die zum Eintritt in diese Vereinigung führte. Uns stellte er vor 11/2 Jahren bei seinem letzten Besuch vor die vollendete Tatsache: Aufgabe des Studiums, als "Missionar“ auf die Straße zu gehen und nur für die Ziele der VK zu leben. Hin und wieder einen Job als Hilfsarbeiter, um grad noch das Existenzminimum zu haben, das genügt. Wir waren entsetzt. Schon allein seine Argumente: "Ich hab den Sinn meines Lebens gefunden, ein anerkannter Beruf ist nicht wichtig, Sprachen kann ich dort besser lernen, sogar studieren und überhaupt, in einigen Jahren besteht die Welt nicht mehr!“ Lauter sinnloses Zeug. Er kam uns vor wie programmiert, immer Wiederholungen, gegen die man einfach nicht aufkommen konnte. Er, der sich vorher nie um Politik gekümmert hatte, entwickelte plötzlich einen Haß gegen den Kommunismus - wenn wir auch nicht

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ergründen konnten, warum. Alle unsere Vorhaltungen und logischen Folgerungen nahm er einfach nicht zur Kenntnis. Nach seinen Worten müssen Hunderttausende bereit sein, für diese Sache zu sterben. Er blieb nur zwei Tage und nahm alle seine Kleidung mit. Anschließend informierten wir uns erst, was hinter der VK steckt. Unser Sohn blieb noch einige Monate in seiner Universitätsstadt und missionierte auf der Straße. Hin und wieder schrieb er oder rief an. Seine Briefe zeigen ein Niveau, das weit unter seinem Bildungsstand liegt. Einmal versuchten wir ihn herauszuholen. Wir wollten ihn dem Einfluß dieser Leute entziehen, damit er wieder zu sich selbst findet. Aber das schlug fehl, da er ein Zentrum verständigte und ihn einige VK-Mitglieder unter Polizeischutz wieder zurückbrachten. Das fand unser Sohn richtig, obwohl unser Familienleben bestimmt nicht von der Polizei diktiert wurde. Einige ehemalige Kommilitonen und auch unsere anderen Kinder bemühten sich sehr um ihn und versuchten, ihm immer wieder anhand von Erfahrungen und Berichten klar zu machen, was hinter der VK steckt. Plötzlich, von einem auf den anderen Tag, war er weg. Angeblich "freiwillig“. Er ging in eine süddeutsche Kleinstadt, um mit noch einem jungen Mann ein neues Zentrum aufzubauen. Anscheinend schlug das fehl, denn kurze Zeit danach war er wieder in einem großen Zentrum und wurde, wie wir aus seinen Briefen und Anrufen merkten, weiter geschult. Uns gegenüber zeigt er sich immer verschlossener und aggressiver. Die Verbindung besteht eigentlich nur von unserer Seite, denn wir wollen doch den Kontakt nicht ganz verlieren, und wenn es nur deshalb ist, damit wir wissen, wo er ist. Da wir mit seinem momentanen Leben nicht einverstanden sind, auch nicht nur zum Schein, sieht er in uns seine ärgsten Feinde. Einmal besuchte ich, seine Mutter, ihn. Wir hatten uns acht Monate nicht mehr gesehen. Da hatte ich das Gefühl, einer Attrappe gegenüber zu stehen. Das war er einfach nicht mehr. Er hatte seinen Fasttag‘ er, der vorher nie eine Mahlzeit ausgelassen hatte, im Gegenteil. Seine Kleidung war sehr konservativ, sogar mit Krawatte, das haßte er vorher. Diese Äußerlichkeiten waren nicht so schlimm, wenn nicht diese vorprogrammierten Reden gewesen wären. Es ging immer auf Missionieren hinaus, ohne auf kritische Aspekte einzugehen. Es ist so, daß man praktisch seine Antworten und Redewendungen schon vorher weiß, da sie sich immer wieder gleichen. Von seinem vorher so gesunden Humor war nichts mehr da. Seine Flexibilität und sein Realitätsgefühl sind ihm völlig abhanden gekommen. Am Boden zerstört, verließ ich ihn. Vor seiner VK-Arbeit war er ein begeisterter und guter Sportler, dafür zeigte er kaum noch Interesse. Alle seine früheren Freunde hat er aufgegeben, mit der Begründung, es bringt nichts, es wäre nicht die richtige Gesellschaft gewesen. (Wir kannten sie alle, es waren in jeder Beziehung nette, junge Leute). Seinen Geschwistern gegenüber verhält er sich sehr reserviert, nur seine jüngste Schwester, mit der er auch vorher ein besonders herzliches Verhältnis hatte, bekommt öfters Post von ihm. Aber

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wie man aus den Briefen merkt und auch an der Aufforderung, daß sie ihn öfters besuchen solle, geht es nur darum, daß er sie für die VK gewinnen will. Sein Horizont ist derart beengt, daß er außer der VK nichts mehr sieht.
 

Bericht 7 (ohne Datum)

1971 wurde meine 17-jährige Tochter in einer Fußgängerzone angesprochen und zu einem "christlichen Vortrag“ eingeladen. Sie ging hin und begeisterte sich für diese Sache. Mir und meinem damals noch lebenden Mann kam die Sache weniger christlich vor, da sie völlig verändert war. Sie wollte unbedingt ausziehen und bei diesen Leuten wohnen. Zuerst führten wir die Veränderung auf die Einnahme von Drogen zurück und ließen unseren Hausarzt kommen. Der Befund war negativ. Da wir uns ihren Wünschen widersetzten, wohnte sie zwar bei uns, aß und sprach aber nicht mehr mit uns, und das ein halbes Jahr lang, bis sie 18 Jahre wurde. Es lag lediglich jeden Tag ein Zettel auf dem Tisch mit der Forderung, sie ausziehen zu lassen. Einmal sperrten wir sie regelrecht ein, damit sie nicht, wie jeden Abend, zur VK könne. Es nützte nichts. Sie sprang aus dem Fenster auf die darunter liegende Garage, und da sie von dort aus nun doch nicht auf die Straße konnte, blieb sie bei eisiger Kälte stundenlang draußen. Und nicht einmal da, als wir es endlich merkten und sie mit einer Leiter in die Wohnung brachten, sprach sie mit uns oder nahm ein heißes Getränk oder sonstwas an, nur weil wir ihren Wünschen nicht nachgaben. Das Jugendamt unterstützte unsere Tochter, da es angeblich eine gute, christliche Sache sei und die Kinder ab 14 Jahren Religionsfreiheit hätten. Mit 18 Jahren konnten wir sie nicht mehr halten, sie zog aus. Sie gab auch ihren Beruf als Bankangestellte auf. Nun zog sie von einer deutschen Stadt in die andere und missionierte nur noch auf der Straße. 1974 starb mein Mann. Meine Tochter war in seiner Sterbestunde da, es berührte sie nicht. Ich war dabei, und trotzdem hörte nur meine Tochter, wie mein Mann angeblich sagte, ob sie das Haus wolle. Es waren immerhin noch vier jüngere Geschwister da. Sie fuhr sofort wieder weg, und drei Wochen später kam die Forderung über Rechtsanwälte auf ihr Erbteil. Ich mußte nicht die gesamte geforderte Summe zahlen, aber trotzdem einen ganz schönen Teil.
Seit drei Jahren ist meine Tochter nun in Afrika, hin und wieder kommt Post, was aber eher als ein Lebenszeichen zu werten ist. Vor einem Jahr war sie für fünf Wochen hier. Erst dachte ich, sie bliebe ganz und hätte endlich eingesehen, daß sie sechs verlorene Jahre hinter sich hat. Es mußte aber lediglich ein Visum erneuert werden, außerdem war eine Untersuchung im Hamburger Tropeninstitut fällig. Für diese fünf Wochen bekam sie nur einen Scheck von DM 100,--. Für alle anderen Kosten mußte ich aufkommen. Sie sah doch, daß sie nicht einmal

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mit der entsprechenden Kleidung, die sie hier in unserem Klima brauchte, ausgestattet war. Einige Male sprach sie wohl davon, sich in ihrem Beruf wieder Arbeit zu suchen, aber anscheinend war es ihr doch nicht so ernst damit, denn sie flog wieder nach Afrika. Sie wird wohl nur dann wieder kommen, wenn das Visum erneuert werden muß.
 

Bericht 8 (Bericht einer Ehemaligen ohne Datum)

Ich bin 25 Jahre alt. Zwei Wochen lang war ich regelmäßiger Gast der Vereinigungskirche in Köln und habe zwei Wochen dort gelebt, davon eine Woche in Camberg. Ich habe Abitur und eine Ausbildung als Erzieherin. Im Moment studiere ich Sozialpädagogik.
Im Juli 1977 wurde ich von zwei netten jungen Mädchen in Köln auf der Schildergasse angesprochen. Sie unterhielten sich mit mir über meine Arbeit, über mein Leben in Köln und luden mich ins Kölner Zentrum ein. Sie sagten, sie wären eine internationale Jugendgruppe, die an Gott glaube und etwas Wunderbares gefunden habe, das sie zusammenhalte, und dieses Wunderbare wollten sie allen Leuten weitererzählen. Der Name Vereinigungskirche war mir kein Begriff, deshalb ging ich am Nachmittag hin. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen, man unterhielt sich lange mit mir über den Sinn des Lebens, welche Bedeutung Gott in meinem Leben spielen würde u.ä. Im Gespräch merkte ich, daß wir ähnliche Ansichten hatten, und ich war froh, daß ich eine Gruppe gefunden hatte, in der ich mich akzeptiert fühlte. Am Abend wurde ein Vortrag gehalten über den ersten Teil der Prinzipien. Ich glaubte an Gott, aber ich wußte zu wenig über die Aussagen des Christentums, deshalb war ich so begeistert von dem, was dort erzählt wurde. Alles erschien mir auf einmal so klar, so logisch, es konnte gar nicht anders sein. Dort war jemand, der mir in meinem verwirrten Suchen ganz klar sagte, so und so ist die Sache. Am nächsten Tag wurde ich zu einem Ausflug eingeladen und hörte dort zum ersten Mal den Namen San Myung Mun und daß er allem Anschein nach der wiedergekehrte Messias sei. Meine anfänglichen Zweifel wurden bald beseitigt, obwohl ich bei dem Gedanken, daß er der Messias sein könnte, keinerlei Empfindungen hatte, was sich auch in den Wochen danach nicht änderte. Aber ich war von all dem anderen so begeistert, daß ich nach einer gewissen Zeit auch das geschluckt hätte. Zwei Wochen lang ging ich jeden Abend ins Kölner Zentrum, fuhr auch mit in die Zentren von Düsseldorf und Bonn. Danach bin ich ins Zentrum gezogen, gab meine Wohnung auf und war nahe daran, auch die Studienplatzzusage ablaufen zu lassen. Eine Woche habe ich noch gearbeitet, bin dann mit auf die Straße gegangen, um zu missionieren. Eine Woche später hieß es, ich solle nach Camberg fahren, um dort an einem

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Wochenkurs teilzunehmen. Als ich zurückkam, kam mir unsere Arbeit noch viel bedeutender vor. Ich war total umgedreht, war nur noch da, um für die Vereinigungskirche zu arbeiten.
Zwei Tage nach der Rückkehr aus Camberg fuhr ich zu einer Freundin. Sie hatte sich in der Zwischenzeit informiert und war froh, mich überhaupt noch lebend anzutreffen. Ich war so begeistert von der VK, daß es mir weh tat, daß sie meinen Schritt nicht akzeptierte. Ich willigte jedoch in ihre Bitte ein, ein paar Tage bei ihr zu bleiben und mir die Sache noch einmal genau zu überlegen. In diesen Tagen gab sie mir Zeitungsartikel und Schriften über die VK. Alles, was dort stand, konnte ich nicht akzeptieren, weil ich es ganz anders erlebt hatte. Trotzdem holte ich alle meine Sachen aus Angst aus dem Zentrum heraus. Ich lehnte die VK auch weiterhin nicht ab, nur kam ich immer mehr zu der Überzeugung, daß diese Lebensweise mir nicht entsprach. In den nächsten Monaten war es sehr schwer. Ich ging weiterhin regelmäßig hin, las Kritiken, war hin- und hergerissen. Von seiten der VK wurde jetzt Druck ausgeübt. Sie besuchten mich immer öfter und drängten darauf, daß ich mich doch bald entscheiden möchte. Als ich diesen Druck spürte, zog ich mich immer mehr zurück. Inzwischen bin ich in der Lage, die Göttlichen Prinzipien mit dem Christentum zu vergleichen, und weiß jetzt, welch Schindluder unter dem Deckmantel der Religion getrieben wird.
 

Bericht 9 (vom 17. Februar 1978)

M., 1951 geboren, ist das zweitälteste von vier Kindern. Sie war immer ein ängstliches, anlehnungsbedürftiges Kind, voller Komplexe und Minderwertigkeitsgefühle. Sie litt sehr darunter, daß sie weniger begabt war als ihre Geschwister. Trotz Ehrgeiz und Fleiß konnte sie nicht die von ihr erhofften Erfolge erzielen. Die Familie versuchte vergeblich, M‘s Überbewertung des Intellekts abzubauen. Als sie 15 Jahre alt war, starb ihr Vater, der sich ihr stets liebevoll zugewandt hatte. Der Tod war für die ganze Familie, aber besonders für M.‘ ein großes Unglück. Um M. von dem ständigen Schuldruck zu befreien, schloß sie die Schule mit der mittleren Reife ab. Es folgten fünf Jahre, die ihr Anregungen und Erfolge brachten und so ihr Selbstgefühl stärkten: Sprachstudium in Oxford, in der Schweiz und in Köln, Dolmetscherin bei der Münchner Olympiade, Hotelfachschule in Deutschland; im Herbst 1972 Besuch einer Handelsschule in München. Hier befand sich M. zum ersten Mal nicht in einer festgefügten Gemeinschaft, sondern hatte ein Zimmer bei weitläufigen Verwandten. Sie fühlte sich einsam. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß sie bis dahin noch keine Liebesbeziehung gehabt hatte und diesem Problem mit größter Scheu gegenüberstand. Ihre Sehnsucht nach jungen Menschen, nach einem Lebensziel, war groß. An einem Sonn136
tag im Januar 1973 ging sie in die Kirche - die Religion war ihr immer wichtig gewesen - und flehte Gott um Hilfe an, da sie am Tag zuvor ein für sie erschreckendes Erlebnis gehabt hatte. Vor der Kirche wurde sie von einer jungen Frau der Mun-Sekte angesprochen, ob sie nicht einmal zu ihnen kommen möchte. M. war zuvor einige Male von jungen Munis angesprochen worden (inzwischen ist bekannt‘ daß sie schon längere Zeit von ihnen beobachtet worden war). Sie ging mit, blieb nachts im "Zentrum“ und erschien bereits am nächsten Morgen in Begleitung ihrer Anwerberin und Zentrumsleiterin in ihrer Wohnung, um mit allen ihren Sachen ins "neue Zentrum“ zu ziehen. Sie hinterließ keine Adresse. Freunde, die sie an diesem Tag sahen, berichteten übereinstimmend: M. sieht sehr schlecht und um Jahre gealtert aus. Bislang hatte ein lebhafter Telefonkontakt zwischen M. und ihrer Mutter stattgefunden. Nach Eintritt ins "Zentrum“ wurde noch zweimal telefoniert, wobei sie sehr gehemmt wirkte. Ein Telefongespräch wurde sogar unterbrochen, obwohl die Mutter wiederholt betonte, daß sie nichts gegen den Sektenaufenthalt einzuwenden hätte. Nach nochmaligem Anruf hieß es, M. sei nicht dort. Danach war sie "verschwunden“. Eine dreiwöchige Suchaktion der Familie, bei der man sich bewußt nicht an die Sekte wandte, blieb erfolglos. Wenige Tage später rief M. aus Norddeutschland an und sprach gekünstelt lieb mit ihrer Mutter. Auf die Frage nach ihrer Adresse gab sie diese nur zögernd an. Sie brauchte ihren Paß und ihr Sparbuch. Ihre Mutter schlug ihr vor, doch zu kommen und die Dinge selber zu holen. M. antwortete unklar und ausweichend. Die Familie beschloß, M. heimzuholen, da man inzwischen sehr Negatives über die Sekte gehört hatte. Zwei Monate nach ihrem Sekteneintritt stand M. am Nachmittag an der Hauptstraße einer norddeutschen Stadt und "missionierte“ - ein armseliges Häufchen Mensch mit verschleierten, kranken Augen. Sie wirkte sehr verängstigt. Wie es gelang, M. zu bewegen, die Straße zu verlassen und ins Auto zu steigen, soll hier ausgeklammert bleiben. Tatsache war, daß sie sich abends wieder zu Hause befand. Nun reagierte sie böse und verstockt, zugleich weltentrückt und abweisend. Sie sagte immer nur: "Ich muß zurück, ihr könnt mich hier nicht halten!“ Gespräche über ihr bisheriges Leben in der Sekte lehnte sie mit den Worten ab: "Das hat alles keinen Sinn, ihr würdet mich doch nicht verstehen, ich will meinen eigenen Weg gehen!“ Freunde der Familie und die sie früher behandelnde Ärztin waren entsetzt über ihr Aussehen und ihr merkwürdiges Verhalten. Sie war nicht wiederzuerkennen, hier war ein völlig veränderter Mensch, der einem Angst einflößte. So sah also ein sensibles, junges Mädchen nach zweimonatlichem Aufenthalt in der Mun-Sekte aus. M. war jetzt 22 Jahre alt, ein boshaft programmierter Roboter. Sie mußte pausenlos überwacht werden, da man ihre Flucht fürchtete. Die Familie war verzweifelt. Einer in der Mun-Sekte sehr erfahrenen Person gelang es dann bereits nach zwei Tagen, M. aus ihrer "Sektenverhexung“ zu lösen. Das bedeutete keineswegs,

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daß sie schon normalisiert war, aber es war eine Öffnung erfolgt, sie wurde gesprächsbereit. Es folgte eine mühselige‘ dreimonatige "Aufbauarbeit“: endlose Gespräche, die sich aber selten auf einer rationalen Ebene bewegten, sondern nur die Gefühlssphäre ansprachen. Tag und Nacht wurde sie mit Liebe und Zuwendung umgeben. Die Gespräche ergaben, daß sie in den letzten zwei Monaten keine eigenen menschlichen Probleme aufarbeiten konnte und jetzt dem Leben vollkommen hilflos gegenüberstand. Sie war zwischen den widersprüchlichsten Gefühlen hin- und hergerissen: Angst, Trauer, Scham, Enttäuschung, totale Mutlosigkeit und Sehnsucht nach den Geschwistern“ in der Sekte; sie nannte sie jetzt die armen Verführten und drängte ihre Mutter, doch Aufklärungsarbeit zu leisten. Es beschäftigte und bedrückte sie sehr, daß vielleicht durch ihr Missionieren einige junge Leute in die Sekte eingetreten sein könnten. Sie fühlte sich aber außerstande, hier Hilfe zu leisten. M. erzählte, daß sie schon nach sechs Wochen Sektenaufenthalt sehr beunruhigende Unwirklichkeitsgefühle gehabt hatte. Ihre Worte: "Ich sah die Außenwelt wie durch eine Glasscheibe und suchte dann Schutz bei meinen ,Geschwistern‘“. Als sie mit dem Leiter, Paul Werner, darüber sprach‘ war sein Rat, sie solle sich doch erst einmal von der Sekte absetzen, sich ein Zimmer nehmen und sich stabilisieren. Was für ein liebloser Rat! Natürlich tat sie das nicht, sondern "kuschte“. Nachträglich wurde uns klar, daß sich hier eine psychologische Störung anbahnte.
M‘s Stabilisierung verlief weiterhin positiv. Schon nach drei Monaten machte sie eine längere Ferienreise mit einer Gruppe Jugendlicher und kehrte vergnügt zurück. Sie entschied sich nochmals für eine Ausbildung und blieb im Elternhaus, bis sie jetzt einen besonders netten, jungen Mann geheiratet hat, mit dem sie sehr glücklich ist.
 

Bericht 10 (vom 17. Februar 1978)

Unsere Tochter besuchte das Gymnasium in Frankfurt. Die Vorbereitungen für das Abitur wurden so ernst genommen, daß der Kontakt zum Bekanntenkreis Gleichaltriger darunter litt. Sie steckte zu diesem Zeitpunkt in einer echten Krise. Eines Tages wurde sie auf der Zeil, Hauptgeschäftsstraße und Fußgängerzone in Frankfurt, von einem Mädchen angesprochen. Dieses behauptete, einer internationalen Jugendgruppe anzugehören, und lud unsere Tochter zu einem Gespräch in das "Jugendzentrum“ (Hochstraße) ein. Diese Besuche häuften sich, und eines Tages ließ uns unsere Tochter wissen, daß sie über das Wochenende in die Nähe von Camberg fahren würde, wo sie eine Möglichkeit finde, mit Jugendlichen aus anderen Ländern zu sprechen. Wir hatten den Eindruck, daß der Umgang mit Gleichaltrigen ihr wieder die vorher vermißte Zufriedenheit

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und Ausgeglichenheit gegeben hat. Dennoch fuhren wir unsere Tochter nach Beuerbach, dem Zentrum der sogenannten Jugendorganisation, um uns auch im nahegelegenen Dorf zu erkundigen. Die dort erhaltene Auskunft war nicht gerade erbauend. Einer der Befragten sagte: "Ja, die jungen Leute in dieser Mühle haben etwas mit der Religion zu tun, sie sind ein bißchen weltfremd, aber harmlos.“
Nach einigen Wochen stellten wir fest, daß unsere Tochter entgegen dem gewohnten Verhalten den Wunsch hatte, von zu Hause fortzukommen. Sie begründete den Wunsch, in München zu studieren, daß man dort mehr Ruhe dazu hätte, was in Frankfurt durch die Aktivitäten linker Gruppen nie der Fall sein könne. Wir bekamen mit unserer Tochter Streit, als sie zwei Monate vor Semesterbeginn schon nach München wollte. Schließlich erreichten wir, daß sie erst Ende September nach München ging. Wir brachten sie in das Studentenheim in die Aventinstraße, das sich Monate später als Jugendzentrum der Vereinigungskirche in München herausstellte. Von der Jugendgruppe, zu der sich unsere Tochter hingezogen fühlte, wußten wir nur, daß es sich um eine aktive Jugendbewegung handelt, die gegen kommunistische Ideologien arbeitet. Uns wurde in der Aventinstraße ein Zimmer gezeigt, in dem unsere Tochter wohnen würde. Ebenfalls viel später stellten wir fest, daß dieses Zimmer der Betraum war und die jungen Leute in ihren Schlafsäcken im Untergeschoß untergebracht waren. Wir waren beruhigt, als wir in Telefonaten nach 19.00 Uhr unsere Tochter regelmäßig erreichen konnten; das war für diese Zeit wichtig, da unsere Tochter noch nicht 18 Jahre alt war. Zum Weihnachtsfest 1975 war sie erstmals nicht zu Hause, und wir machten uns Gedanken darüber, daß sie sich immer mehr von uns und ihren Bekannten löste. Am 16. Januar 1976 teilte sie uns mit - sie war inzwischen 18 Jahre alt geworden und durch das am 1. Januar 1976 in Kraft getretene Gesetz volljährig -, daß sie das Studium in München unterbrochen habe, um Studenten in einer anderen Universitätsstadt zu helfen.
Anfang Februar wurde meine Frau auf einen Artikel in der TV aufmerksam, in dem die Herren Hauth und Oesterle über die Vereinigungskirche schrieben. Beim Aufzählen der Merkmale, die bei den von der Sekte Vereinnahmten festgestellt wurden, konnten wir eine fast ausnahmslose Übereinstimmung zu der bei unserer Tochter bemerkten Veränderung erkennen. Am nächsten Tag suchten wir das Amts- und Vormundschaftsgericht auf und setzten uns auch mit dem bischöflichen Ordinariat in Frankfurt in Verbindung. Das Ergebnis war für uns enttäuschend. Übereinstimmend mußten wir uns sagen lassen: "Ihre Tochter ist 18 Jahre alt, es gibt deshalb keine Handhabe, etwas Legales zu tun, wenn sie nicht aus eigenem Entschluß der Sekte den Rücken kehrt.“ Erst ein Besuch bei Herrn Pfarrer Oesterle ließ uns erkennen, wohin unsere Tochter gelangt war. Einen Tag nach diesem Gespräch riefen wir unsere Tochter an, um ihr mitzutei139
len, daß wir sie am nächsten Tag besuchen wollten. Sie bedauerte, uns nicht empfangen zu können, da sie sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg nach Camberg befinde. Stolz erzählte sie uns, daß sie auserwählt sei, als Missionarin nach Mittelamerika zu gehen. Diese Mitteilung gab uns den Entschluß, aktiv zu werden, denn eine solche Entscheidung konnte unmöglich, ohne Einfluß von anderen, von ihr stammen. Unsere Tochter hätten wir bestimmt nicht mehr wiedergesehen, hätte sie nicht ihren Reisepaß von zu Hause holen müssen.
Völlig überraschend und ohne Voranmeldung kam sie zwei Tage nach diesem Telefonat nach Hause. Vor dem Haus warteten Mitglieder in einem VW-Bus. Beim ersten Anblick stellten wir nur eine organische Erkrankung fest, sie hatte über 40 Pfund Übergewicht. Stunden später erkannten wir, daß sie psychisch krank war und keine normale Einstellung zur Umwelt hatte. Erst jetzt begann für uns die schwerste Zeit, denn obwohl sie die getroffenen Maßnahmen verstand, kam sie von ihrer Einstellung nicht los. Wir hatten den Eindruck gewonnen, daß sich ein Rauschgiftsüchtiger oder ein Alkoholiker nicht anders verhalten kann. Dazu kam noch die unbeschreibbare Angst vor Geistern. In den sehr eingehend geführten Gesprächen habe wir festgestellt, daß dieser Sekte alle Mittel, beginnend vom Rhythmus des Tagesprogrammes über die Ernährung bis zur Nennung von Beispielen, die sich auf parapsychologische Ergebnisse bezogen, recht waren‘ um auf die Mitglieder Einfluß zu nehmen. Unsere Tochter hatten wir als willenloses Element wiederbekommen.
Eine langsame Besserung mit Rückschlägen folgte in den anschließenden Monaten. Danach war ein Bronchialkatarrh zu behandeln, den der Arzt auf psychische Belastungen zurückführte. Sie nahm das Studium wieder auf und mußte sich wegen Konzentrationsschwierigkeiten wieder in ärztliche Behandlung begeben. Unsere Tochter hat ihre körperliche Gesundheit durch sportliches Training und ihr Normalgewicht wiedererlangt. Herrn Professor Baumann, dem beratenden Psychologen an der Hochschule, war es möglich, das seelische Gleichgewicht wieder herzustellen, was mit der Wiedererlangung der Konzentrationsfähigkeit gleichzusetzen war. Für unsere Familie bedeutete die Rückführung unserer Tochter in das normale Leben zwei Jahre Mühen und Verzweiflung. Das schönste Geschenk dafür waren die Worte unserer Tochter: "Ich bin so froh und danke euch dafür‘ was ihr alles für mich getan habt.“
Anschließend soll noch gesagt werden, daß der Vorwand, in München zu studieren, nichts anderes war, als den Kontakt zum Elternhaus zu lösen, um eine massivere Einflußnahme auf unsere Tochter ausüben zu können. Bei Durchsicht des Studienbuches stellten wir fest, daß sie eine einzige Vorlesung an der Münchner Universität besuchte. Der Wechsel in eine andere Universitätsstadt diente dazu, Mitglieder für die Sekte zu werben. Sie hat an dem neuen Ort nicht eine einzige Vorlesung besucht. Nach dem Willen der Sekte hat sie das Studium abgebro140
chen. Nachdem wir durch diesen traurigen Vorfall in unserer Familie Einblick in die Praktiken der Vereinigungskirche bekommen konnten, stellen wir fest, daß die jungen Leute unter irreführenden Voraussetzungen in das Team der Vereinigungskirche gelockt werden. Sollte trotz Zeitmangel den Betroffenen zu einem späteren Zeitpunkt auffallen, daß auf die Versprechungen nicht eingegangen wird, dann ist es meistens schon zu spät, um sich aus eigener Kraft wieder zu lösen. Weil wir feststellen mußten, wozu Einflußnahmen der Sekten, in unserem Falle speziell der Vereinigungskirche, führen, wollen wir mit dieser Schilderung anderen helfen, ihre Kinder vor diesen Rattenfängern zu bewahren.
 

24 Berichte aus dem Bereich der "Kinder Gottes“

Zusammenfassende Auswertung der Einzelberichte
 

Es liegen 24 Berichte aus dem Bereich der "Kinder Gottes“ vor. Zwei Berichte beinhalten Aussagen über zwei weitere Personen. Die Berichte wurden teils von Eltern, teils von ehemaligen Mitgliedern der Sekte verfaßt. Die Berichte sind nicht unter Vorgabe von dritter Seite verfaßt worden, insbesondere sind sie nicht unter besonderer Beachtung psychischer Kriterien geschrieben worden. Dennoch hat die Prüfung folgendes ergeben:
(1) Getrübte familiäre Verhältnisse, speziell das Verhältnis der betroffenen Jugendlichen zu ihren Eltern, scheinen in der Regel nicht auslösender Grund für den Eintritt bei den "Kindern Gottes“ gewesen zu sein. Nur ein Bericht erwähnt ein schlechtes Verhältnis zum Elternhaus. 10 Berichte erwähnen ausdrücklich ein gutes Verhältnis.
(2) Die Berichte zeigen eine starke Übereinstimmung darin, daß bereits nach kurzer Sektenzugehörigkeit psychische Veränderungen bei den Jugendlichen eintraten (26 Fälle). Daß bei Eintritt in die Sekte bereits psychische Anomalien, z.B. eine besondere Labilität, vorhanden gewesen wären, wird in keinem der Berichte erwähnt. Offenbar wurden Anomalien, wenn solche vorhanden waren, nicht erkannt.
(3) In 14 Berichten wird erwähnt, daß die "Kinder Gottes“ spezielle psychische Techniken bei der Behandlung der Jugendlichen angewendet haben.
(4) Über bemerkenswerte psychische Symptome nach Ausscheiden aus der Sekte und im Rehabilitierungsprozeß wird in 11 Fällen berichtet. Hierbei ist zu beachten, daß 14 der 24 Berichte über Jugendliche handeln, die die Sekte verlassen haben.
(5) Selbstmordabsichten von ausgeschiedenen Mitgliedern wurden dreimal erwähnt.

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(6) Für drei der Jugendlichen war die Behandlung in einer psychiatrischen Klinik erforderlich.
(7) Zwei der Jugendlichen sind "Katakomben“, d.h. sie sind noch nicht volljährig und können der Sekte nicht als "Vollzeitjünger“ beitreten. Bei ihnen ist bereits eine derart starke Persönlichkeitsveränderung eingetreten, daß die Eltern keinen Einfluß mehr ausüben können.
(8) Drogenvermutung wird einmal erwähnt (Bericht 20), Erscheinungen wie Drogen einmal (Bericht 18), Trancezustand, aber kaum Drogeneinwirkung einmal (Bericht 3).
 

Einzelberichte
 

Bericht 1 (ohne Datum)
 

Unsere Tochter A. hat sich 1977 der Jugendsekte "Kinder Gottes“ angeschlossen. Sie wurde in wenigen Stunden von zwei Mitgliedern der Kolonie Bremen zu einem Leben für Jesus bekehrt. Sie kündigte ihre Ausbildung als Schwesternschülerin fristlos, um - wie sie angab - bei den "Kindern Gottes“ mit Vorschulkindern zu arbeiten. Wir, die Geschwister und Freunde besuchten A. in den ersten zwei Wochen in der Kolonie in Bremen, Am Dobben 7. Es war uns nicht möglich, mit A. alleine zu sprechen, sie wurde von den Sektenmitgliedern abgeschirmt. Wir hatten den Eindruck, daß A. nicht Herr ihrer Entschlüsse war. Erstaunlich war ihre Äußerung, sie habe Angst, in die "alte Welt“ zurückzukehren. Sie war nie ein ängstlicher Mensch (Segelfliegerin) gewesen. A. übereignete den "Kindern Gottes“ ihre gesamte Habe und ihre Ersparnisse. Bereits einige Tage nach ihrem Eintritt missionierte und bettelte sie auf den Straßen. Beunruhigt durch eine unwahrscheinliche Persönlichkeitsveränderung unserer Tochter, fingen wir an, uns für die Hintergründe dieser Organisation zu interessieren. Von nun an wurde unsere Tochter vor uns versteckt gehalten. Sie rief uns anfangs einige Male an, wollte uns aber ihren Aufenthaltsort nicht nennen. Auch dieses erschien uns unverständlich, da wir ein sehr gutes Verhältnis zu A. hatten. Schließlich kamen unsere Briefe als unzustellbar zurück, obwohl A.‘ wie sich aus einem späteren kurzen Kontakt mit ihr ergab, auf Post von uns wartete. Wir ließen sie polizeilich suchen. Man leugnete, unsere Tochter zu kennen, um bei einer späteren Vernehmung zuzugeben, sie sei doch in der Kolonie gewesen. Nach einigen Monaten ohne Nachricht erreichte uns ein Brief aus der Schweiz. A. bat um Nachricht von uns, der Briefumschlag war von fremder Hand geschrieben und ohne Absender. Wir haben A. in der Schweiz gesucht und in Bern mit dem zuständigen Koloniehirten auf der Straße gefunden. Sie erklärte sich bereit, mit uns

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nach Hause zu fahren. Offensichtlich wurde sie von dem Koloniehirten, dem sie nach den Gesetzen der "Kinder Gottes“ bedingungslosen Gehorsam schuldet, zur Flucht vor uns veranlaßt. Wir suchten am nächsten Morgen die Kolonie bei Bern auf. Die Frau des Koloniehirten bestritt, unsere Tochter zu kennen, obwohl A. nachweislich einige Wochen in der Kolonie mit dieser Familie gelebt hat. Wieder waren wir einige Monate ohne Nachricht, als uns innerhalb von drei Wochen sechs sehr liebevolle Briefe per Eilpost aus Italien erreichten. Auch mit ihrem Freund nahm A. wieder Kontakt auf, der genau so plötzlich wieder abbrach. Auf unsere Frage, wie es um die den "Kindern Gottes“ nachgesagte Prostitution für Jesus stehe, gab sie uns einen sehr ausführlichen Bericht über das "flirty fishing“. Sie bestätigte uns, daß sie mit den Männern, die "Gottes Liebe“ brauchten, schlafen geht, um sie zu bekehren. Sie erklärte uns ebenfalls, warum nur Einflußreiche und Geldleute auf diese Weise bekehrt werden.
A. konnte bis zu ihrem Beitritt zu den "Kindern Gottes“ logisch und kritisch denken; besorgt fragen wir uns, was mit dem Mädchen inzwischen geschehen ist, weil sie nicht merkt, daß sie sich in einer multinationalen Organisation für Prostitution und Bettelei befindet. Seit Mitte Juli sind wir wieder ohne Nachricht. Im Zusammenhang mit unserer Klage gegen den eingetragenen Verein "Kinder Gottes“ in Köln erklärte dessen 1. Vorsitzender Wolfgang Schmidt beim Landgericht in Essen, der Verein "Kinder Gottes“ sei lediglich eine Dachorganisation, die sich mit der Herstellung und dem Verteilen von Informationsschriften befaßt. Er sei weder für die jungen Leute in den Kolonien weisungsbefugt noch unterliegen diese der Finanzhoheit des Vereins. Anscheinend entzieht sich dieser Verein jeglicher Verantwortung gegenüber jungen Menschen, die für diese Organisation vollzeitig beschäftigt werden, indem sie missionieren und beim Betteln eine Quote erfüllen müssen. Die Frage, ob unsere Tochter in der Organisation sozial- und krankheitsversichert sei, wurde uns wie folgt beantwortet:
"Eine Krankenversicherung ist nicht erforderlich, da Jesus unsere Tochter schützt. Bei den "Kindern Gottes“ ist noch nie jemand krank gewesen, auch hat es nie einen Unfall gegeben. Gott schützt seine Kinder.“ Mit diesen Erklärungen können wir uns nicht zufrieden geben, zumal wir Unterlagen haben, in denen Mose David Anweisungen gibt, wie man seelisch und körperlich Kranke "rausbetet“, um sie dem System (d. h. unserem Gesellschaftssystem) mit seinen karitativen Einrichtungen zu überlassen.
Zusammenfassend sehen wir den Beitritt unserer Tochter zu den "Kindern Gottes“ wie folgt: A. hat ihre Ausbildung fristlos gekündigt, sie hat all ihre Habe den "Kindern Gottes“ übereignet. Sie geht ohne soziale Absicherung für diesen Verein einer Vollzeitbeschäftigung nach. Ihre guten Bindungen zu Elternhaus, Geschwistern und Freunden sind systematisch zerstört. Selbstbewußtsein und Selbstachtung hat man ihr genommen. Verstrickt in ein Netz von Lügen und Be143
trug wird sie in der Welt umhergeschickt, um unter Einsatz ihrer körperlichen und seelischen Kräfte Geld für die Sektenbosse zu machen.
Von all unseren Bemühungen, unsere Tochter aus den Fängen dieser Organisation zu befreien, zu berichten, wäre sicher zu umfangreich. Hilfe von der Behörde haben wir bislang nicht erfahren. Finanziell sind wir nach fast einjährigen Bemühungen überfordert. Seelisch sind wir am Rande unserer Kraft, und wir bitten dringend, auch im Namen aller Eltern mit gleichem Schicksal, um Hilfe.
 

Bericht 2 (vom 20. November 1977>

Nach normalem Schulverlauf in Deutschland besuchte meine Tochter während der letzten Jahre eine Schule in Frankreich und machte dort im Sommer 1976 ihr französisches Abitur (baccalaureat) sowie das deutsche Zusatzabitur. Alter: 17 Jahre. Ab WS 1976 erhielt sie einen Studienplatz in Frankfurt. Im Februar 1977 muß sie dann hier in Wiesbaden mit den sogenannten "Kindern Gottes“ zusammengetroffen ein. Wie sich später herausstellte, muß sie 14 Tage als "Katakombe“ geführt worden sein. Nur wenige Tage nach der Vollendung des 18. Lebensjahres erschien sie in Begleitung eines "Hirten“ und erklärte: "Wir haben entschieden, daß ich nur noch für Jesus arbeite und lebe.“ Aus den darauf folgenden Fragen und Antworten ergab sich dabei der ganze Umfang dieser Entscheidung (wobei wir damals als Eltern außer dem Namen nichts von der Gruppierung "K.G.“ wußten):
- Sofortiger Abbruch des Studiums und Verzicht darauf für alle Zeiten
- Sofortiger Verzicht auf die Wahrnehmung eines Studentenjobs an einem Tag pro Woche
- Sofortige Aufgabe der Erteilung französischen Nachhilfeunterrichts von je zwei Stunden wöchentlich
- Sofortiger Umzug aus der elterlichen Wohnung in die "Kolonie“ der "KG.“
- Sofortige Auflösung persönlicher Bankguthaben und Aushändigung an die

Eine elterliche Einflußnahme dahingehend, diese Schritte nicht zu vollziehen, sondern zu überdenken, wurde mit Bibelzitaten und Hinweisen auf den Propheten "Mo“ abgewiesen. Aus dem Gespräch ging jedoch bereits deutlich hervor, daß die angeführten Bibelstellen falsch bzw. einseitig interpretiert wurden nach dem Motto: "Hier die Auserwählten und Jünger Mos, dort die Talmenschen, Systemiten bzw. Verlorenen.“
Nach dem Auszug unserer Tochter bemühten wir uns, Informationen über die "K.G.“ zu erhalten. Nach drei Tagen hatten wir erste, sehr zu denken gebende Hinweise von anderen Eltern und der Kriminalpolizei. Parallel hierzu mußten

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wir bereits eine völlige Veränderung in der bisherigen Haltung unserer Tochter
feststellen:
- Ein ernsthafter Bekehrungsversuch gegenüber der Mutter (per Telefon)
- Schriftliche Mitteilungen über das neue Glück durch den totalen Einsatz für Jesus und die täglich "geretteten Seelen“
Unterstützt durch den intensiven Rat anderer Eltern und auch von kirchlicher Seite liefen von diesem Augenblick an unsere Bemühungen auf das Ziel hinaus, unsere Tochter unter allen Umständen aus den Händen dieser "Sekte“ zu befreien. Nach allen Auskünften war hierbei eine Unterstützung durch die Polizei nicht zu erwarten.
Es war uns gelungen, unsere Tochter nach einwöchiger Abwesenheit zum sonntäglichen Mittagessen einzuladen. Dank der Beratung hatten wir uns auf die Begegnung sorgfältig vorbereitet:
- Keinerlei Kritik an der bisherigen Handlungsweise oder den "K.G.“
- Zunächst keinerlei Hinweis auf die von uns gehegten Absichten
? - Fertig gepackte Koffer im Auto für die Tochter und zwei weitere Familienangehörige, da man uns geraten hatte, den geographischen Einflußbereich der "K.G.“ zu verlassen
- Erkundigung nach Abfahrt- und Abflugzeiten der entsprechenden Verkehrsmittel
- Fernmündliche Vorbereitungen am geplanten Aufnahmeort
- Schnellste Beschaffung entsprechender Mittel für Reise und einen mehrwöchigen Aufenthalt
Waren äußerlich kaum Änderungen an unserer Tochter zu bemerken, so mußten wir im Verlauf des Gesprächs sehr bald feststellen, daß bereits nach diesen wenigen Tagen eine völlige Umkehrung ihrer bisherigen Ansichten, ihrer Weltanschauung, ihrer Handlungsweisen etc, eingetreten war. Zwar war uns der Begriff und das Faktum der Gehirnwäsche bekannt, jetzt mußten wir jedoch zum ersten Mal selbst erleben, was Gehirnwäsche tatsächlich bedeutet. Eine geistige Identität mit der früheren Persönlichkeit war nicht mehr gegeben.
Eine ausführliche Darstellung der Unterredung, vor allem der Entwicklung zu dem von uns geplanten Ziel, soll hier nicht gegeben werden. Erwähnt sei lediglich, daß sich alles auf der geistig-intellektuellen Ebene abspielte. Entscheidende Einwirkungen von außen waren je ein sehr langes Ferngespräch mit einem Vertreter der kirchlichen Seite und einer früheren Freundin. Ergebnis aller Bemühungen war schließlich der Antritt der geplanten Reise (ins Ausland), wobei die "K.G.“ bereits nach etwa zehn Tagen an dem fremden Aufenthaltsort erschienen. Weitere Zwischenetappen mit permanenten Bemühungen (Eltern, Freunde, ehemalige Lehrer, Geistliche beider Konfessionen, die von der Schulzeit her bekannt waren) seien nur am Rande erwähnt. Es erfolgte Wiederauf145
nahme des Studiums zum Sommersemester, jedoch anschließend Eintritt in eine kirchlich-soziale Einrichtung für voraussichtlich ein Jahr. Aus einem kürzlich von meiner Tochter an mich gerichteten Brief geht (nach nunmehr bereits achtmonatiger Abwesenheit von den "K.G.“ und einem erneuten Kontaktversuch von jener Seite) hervor, daß eine völlige geistige Trennung und eine auf eigener Erkenntnis beruhende Überwindung noch immer nicht vollzogen ist. Und das nach lediglich vierzehntägiger Zugehörigkeit als "Katakombe“ und siebentägiger voller Integration.
 

Bericht 3 (vom 18. November 1977)

Seit mehr als 2 1/2 Jahren bemühe ich mich - leider vergebens -, unsere Tochter aus der Sekte zu befreien, in die sie urplötzlich 1975 (ohne jeden Grund) verschwand. Sie verließ Familie, Freundin und die ihr anvertrauten Kinder im Heim, für die sie sich bis dahin sehr verantwortlich fühlte. Sie arbeitete als Erzieherin im Anerkennungsjahr.
In aller Dringlichkeit möchte ich Sie bitten, auf keinen Fall familiäre Gründe als Ursache zugrunde zu legen. Das ist leider die allgemeine Meinung. Aber damit macht man es sich zu leicht, und es ist außerdem gefährlich, weil die Angelegenheit nämlich so der Gleichgültigkeit verfällt. Gerade das könnte auch dem Staat in ferner Zukunft zum Problem werden, nämlich dann, wenn er für die geschädigten Anhänger zu sorgen hat.
Das Verhältnis zu unserer Tochter war bis dahin ein ausnehmend gutes. Sie war ein sehr aufgeschlossenes, intelligentes, äußerst kreativ schaffendes, aber auch sensibles junges Mädchen und durchaus in der Lage, Situationen zu erfassen, zu beurteilen und zu kritisieren. Nach vier Tagen ihrer Sektenzugehörigkeit sahen wir sie in einem Zustand geistiger und körperlicher Erschöpfung wieder. Sie befand sich in Begleitung zweier Sektenmitglieder - vollkommen geistesabwesend, in sich zusammengekauert, kaum fähig, sich eigenständig aufrecht halten zu können - weinend und Unverständliches lallend. Ein Trancezustand‘ aber wohl kaum Drogeneinwirkung. Wir mußten ohnmächtig zusehen, wie unsere Tochter ihrem sicheren psychischen und physischen Ruin entgegenschritt.
Ordnungs- und Kriminalpolizei waren ihrerseits (1975) machtlos einzuschreiten, da unsere Tochter gerade volljährig geworden war. Spätere Eingaben an die Petitionsausschüsse des Landes und Bundes wurden lakonisch abgetan mit dem Bedauern des Nichtzuständigseins ("kirchliche Angelegenheit“)! Schreiben an diverse Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen brachten statt Hilfe nur Mitgefühl. Das nützt natürlich keinem. Seit 1976 ist unsere Tochter innerhalb der Gruppe verheiratet und hat ein 6 Monate altes Mädchen. Ihr Ehepartner war

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wiederholt in nervenklinischer Behandlung, zuletzt Ende April, Anfang Mai. Beide sind ohne Beruf und festen Wohnsitz, ohne Kranken- und Altersversorgung, das Kind wird später ohne elementarste Schulausbildung sein. Die Kinder werden ausschließlich innerhalb der Gruppe "ausgebildet“, auf geistig niederem Niveau gehalten und vor Behörden versteckt, um keine andere Chance zu haben, als für die undurchsichtigen Ziele der sogenannten "Kinder Gottes - Gruppe“ betteln zu gehen. Durch die Heirat sind wir, als Eltern, nach dem Gesetz nicht mehr kompetent, für unsere Tochter behördlicherseits etwas zu erreichen. Sie ist ihrem sicheren späteren Siechtum erbarmungslos ausgeliefert. Ich bitte Sie, in aller Inständigkeit: Tun Sie bitte etwas!
Inzwischen sind es Tausende von Jugendlichen, die der Sekte, den falschen Propheten, zum Opfer gefallen sind und sich aus eigener Kraft nicht mehr daraus befreien können. Am Ende steht der geistige und körperliche Verfall. Hier tut Eile Not!
 

Bericht 4 (Bericht einer Ehemaligen vom 16. Juni 1977)

Mitte Oktober 1975 Ii7lachte ich mit meiner Klasse vom Abendgymnasium eine Abiturabschlußfahrt nach Rom. Bereits am ersten Abend lernte ich einen jungen Amerikaner kennen, der mir über sein Leben in einer christlichen Gemeinschaft erzählte. Zwei Tage später nahm er mich auf meine Anfrage hin in diese Gemeinschaft mit. Nachdem ich zwei Abende dort verbracht hatte und auch merken ließ, daß es mir bei ihnen sehr gefällt, wurde ich gebeten, für immer bei ihnen zu bleiben. Ich bat um eine Nacht Bedenkzeit und ging zurück in mein Hotel. Innerlich war ich sehr aufgewühlt und fühlte mich hin und her gerissen. Bei ihnen zu bleiben, bedeutete für mich: Gib alles auf, was du bist und hast und warst und sein könntest. Brich deine Schule ab, verlaß deine Eltern, verlaß alles, denn nur so kannst du Jesus nachfolgen. Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich in großer Unruhe und Unentschlossenheit. Gegen Abend sammelte ich schriftlich Argumente, um zu begründen, warum ich nicht bleiben wollte. Mose David und seine eigenartigen Briefe spielten hier eine große Rolle: ich wollte weder ihn noch seine Briefe akzeptieren.
Sämtlichen Argumenten wurde von Seiten der "Kinder Gottes“ ein Bibelvers entgegengesetzt, der sie total entkräftete und mich als selbstsüchtigen, liebesunfähigen und gottlosen Sünder bloßstellte. Auf diese Weise wurde drei Stunden lang intensiv auf mich eingeredet. Letzten Endes schlief ich bei ihnen ein. Am nächsten Morgen wurde sofort mit meinem Training begonnen. Bibel und Mo-Briefe wurden mir vorgelesen und als Antwort auf alle meine Fragen benutzt. Viel Zeit zum Fragen wurde mir sowieso nicht gelassen. Nach zwei Tagen

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provisorischen Lebens in ihrer Diskothek wurde ich in eines ihrer Häuser gebracht. Mittlerweile hatte ich wie alle anderen einen neuen Namen angenommen. Ich hieß nun Eve la Chercheuse. In der 5-Zimmer-Wohnung wurde ich mehr oder weniger acht Tage lang festgehalten, d.h. es wurde mir nicht mehr erlaubt, nach draußen zu gehen. Stattdessen wurde ich von morgens früh bis spät nachts mit allen möglichen Arbeiten beschäftigt. Zeit zum Nachdenken und Reflektieren war nicht dabei. Außerdem wurde ich nie alleine gelassen. Ständig war jemand in meiner Nähe. Sogar ins Badezimmer konnte ich selten alleine gehen. Nach acht Tagen ging ich mit zum Litnessen, d.h. Mo-Briefe auf der Straße gegen Spenden verteilen. Zuerst weigerte ich mich, "betteln“ zu gehen; nach entsprechender Bearbeitung mit Bibel und Mo-Briefen ließ meine Sturheit nach. Nach etwa zehn Tagen wurde mir mit einem Male bewußt, daß an meiner Persönlichkeit gearbeitet wird. Ich ahnte, daß ich in Gefahr war, alles, was mich ausmachte, zu verlieren. Meine Persönlichkeit, meine Freiheit, meinen Stolz, mein Selbstbewußtsein, mein "Ich“. Heimweh kam auf. Ich bestand darauf, mit meinen Eltern zu telefonieren, wobei mir auffiel, daß die "Kinder Gottes“ sehr plump versuchten, dies zu verhindern. Meine Mutter sagte mir am Telefon, daß sie mir Telegramme und Einschreiben geschrieben habe. Ich hatte keine Post bekommen. Ich faßte den Entschluß zu gehen, was mir sehr schwer gemacht wurde. Am nächsten Morgen wurde ich ohne Geld und ohne Sprachkenntnisse, also vollkommen mittellos, auf die Straße gesetzt. Sie behielten meine Kleider und meine Gitarre. Ich mußte sie ihnen "schenken“.
 

Bericht 5 (Bericht einer Ehemaligen, ohne Datum)

Am 27. Dezember 1975 wurde ich in Essen von einem Mädchen der "Kinder Gottes“ angesprochen. Ich war fasziniert von ihrer liebevollen Ausstrahlung. Sie bot mir an, mit mir zu beten. Nach kurzem Zögern willigte ich ein, wir reichten uns die Hände, schlossen die Augen, und ich sprach ihr nach: "Bitte Jesus, komm in mein Herz, vergib mir meine Sünden und gib mir deinen Heiligen Geist.“ Ich öffnete die Augen und fühlte mich irgendwie glücklich. Das Mädchen, sie war hochschwanger, gab mir einen Kuß auf die Wange und sagte: "Du bist ein Kind Gottes, wir lieben dich, besuch uns doch mal.“ Am folgenden Sonntag ging ich in die Kolonie in der Werderstraße 27. Das Mädchen lebte dort mit ihrem Mann zusammen in einer 5-Zimmer-Kellerwohnung. Sie erzählten mir, daß sie nicht arbeiteten. Gott würde für ihre Bedürfnisse sorgen und Menschen zu ihnen führen, die ihnen Lebensmittel und Kleidung schenkten. Wir lasen in der Bibel, besonders die Stellen, wo über die Bedingungen der Nachfolge Jesu gesprochen wird: "Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert“,

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oder: "Wer nicht verläßt Vater und Mutter um meinetwillen, kann nicht mein Jünger sein“, oder: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“. Man erzählte mir weiter, daß die "Kinder Gottes“ eine Revolution für Jesus machten, eine Revolution der Liebe, und daß man da nicht viel brauche, ein wenig Geld und ein paar Kleidungsstücke. "Gott hat dich berufen, ein Kind Gottes zu werden und Jesus nachzufolgen. Viele sind berufen, doch wenige sind auserwählt. Gott kann keine Zögerer gebrauchen.“ Am Abend kamen, wie ich später erfuhr, zwei hohe Führungspersönlichkeiten der "Kinder Gottes“. In einem langen Gespräch kamen wir überein, daß unsere Gesellschaft krank und kaputt sei, es sich nicht lohne, für Geld zu leben, und daß die Wissenschaft einen Anspruch erhebt, der nur Gott allein gebührt. Ich glaubte, endlich eine Gruppe gefunden zu haben, die die Probleme dieser Zeit erkannt hat und weiß, was der eigentliche Sinn des Lebens ist, und danach lebt und versucht, den Menschen durch das Wort Gottes zu helfen. Ich hatte es schon lange satt gehabt, jeden Tag ins Büro zu gehen und acht Stunden zu arbeiten. Mit meinen Eltern verstand ich mich auch nicht besonders, und ich wollte von zu Hause weg. Die Liebe zu einem Mädchen war gescheitert. Ich war hoffnungslos gewesen, aber nun hatte ich wieder Mut bekommen. Noch zögerte ich, der Gruppe beizutreten, aber vom 31. Dezember zum 1. Januar des neuen Jahres hatte ich mich entschieden dazubleiben. Am 2. Januar kündigte ich meine Arbeitsstelle und begann meine Sparbücher aufzulösen und das Geld den "Kindern Gottes“ zu überweisen. Mir wurde immer wieder gesagt, Gott könne nur solche Leute gebrauchen, die allem absagten und im Glauben auf Gott vertrauten. Ananias und Saphira, Mitglieder der Urgemeinde, mußten sterben, weil sie einen Teil ihres Geldes zurückbehalten hatten. Ich mußte jeden Tag zwei Bibelverse auswendig lernen, in der Bibel lesen und vor allen Dingen mußte ich mindestens zwei Mo-Briefe lesen. Mo-Briefe sind von Mose David, dem Begründer der "Kinder Gottes“ und Propheten Gottes, herausgebrachte Schriftstücke. Außerdem mußte ich bis zu acht Stunden auf die Straße gehen und diese Mo-Briefe verteilen und dafür Geld verlangen. Der Tag war total ausgefüllt, ich war nie mehr richtig allein, ich hatte keine Zeit mehr nachzudenken über das, was ich machte und ob es wirklich Arbeit für Jesus war. Ich kam mir irgendwie schlecht vor, Leute auf der Straße um Geld anzubetteln für eine Jugendarbeit, die nicht stattfand, denn das Geld wurde abends vom Kolonieleiter eingesammelt und dann weggebracht. Es waren noch andere Dinge, die Zweifel in mir aufkommen ließen. Ich versuchte, darüber zu reden, aber mir wurde gesagt, Zweifel seien mangelnder Glaube und Versuchungen des Teufels. Ich sollte darüber beten, Gott würde mir helfen. Ich hatte Angst, die Liebe Gottes zu verlieren. Ich wollte zweimal die "Kinder Gottes“ verlassen, aber der Kolonieleiter schaffte es beide Male durch ein langes Gespräch, mich davon abzuhalten. Bei diesen Gelegenheiten merkte ich ganz deutlich, daß ich in mein bisheriges Leben

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nicht mehr zurückkehren konnte. Ich hatte es aufgegeben, weil ich es in dieser Form nicht mehr ertragen konnte, und war immer mehr bereit, die Ideologie der "Kinder Gottes“ zu übernehmen, mich anzupassen und willenlos zu werden. Am letzten Abend vor meiner Abreise nach Hamburg in eine Schulungskolonie traf ich bei meinen Eltern mit zwei ehemaligen "Kindern Gottes“ zusammen, die mir Hintergründe über diese Gruppe und Mose David aufzeigten. Diese Tatsachen und der Umstand, daß meine Eltern psychisch und physisch am Ende waren, veranlaßten mich, dem einen Mädchen zu ihren Eltern zu folgen, wo ich eine Atmosphäre vorfand, in der ich meine persönlichen Probleme und meine Ängste und Zweifel bewältigen konnte.
Aufgrund meiner jetzigen Erfahrungen kann ich folgendes über die "Kinder Gottes“ sagen: Die "Kinder Gottes“ sind eine Sekte, basierend auf einer verfälschten, für ihre Zwecke ausgerichteten Aussage der Heiligen Schrift. Ihr Ziel ist es, Jugendliche, die an den Erscheinungsformen unserer Gesellschaft müde und krank geworden sind, mit der Verheißung auf ein sinnvolles, glückliches, unbeschwertes, christliches Leben und durch zweckorientierte Liebe und Zuneigung psychisch abhängig zu machen, um sie für die Machenschaften Mose Davids zu mißbrauchen. Er sympathisiert mit Ghaddafi, und es wird vermutet, daß er ihn mit den von den Jugendlichen eingebrachten Geldern unterstützt.
 

Bericht 6 (vom 14. November 1977)
 

Ich beziehe mich auf den Artikel in der Welt Nr. 44 vom 30. Oktober 1977 und teile Ihnen mit, daß auch unser Sohn im Mai 1975 ganz plötzlich sich der Gemeinschaft "Kinder Gottes“ angeschlossen hat. Über Nacht holte er mit einem anderen "Jünger“ seine Koffer mit Kleidungsstücken und allem, was er tragen konnte. Als mein Mann morgens mit dem ersten Frühzug zur Arbeit fuhr, saß mein Sohn mit diesem "Petrus“ ebenfalls im Zug, völlig verändert und verklärt. Er hatte uns weder nachts benachrichtigt noch sich von uns verabschiedet. Einige Tage später kam ein Anruf aus Krefeld, worin er uns mitteilte, daß er jetzt in der "Familie“ Kinder Gottes sei, es ginge ihm gut, und wir brauchten uns keine Sorgen zu machen. Damals wohnte er in Krefeld, Talring, bei einer Frau von Manteufel. Mittlerweile hat er seine Kolonien sehr oft gewechselt, aber ich glaube, es gibt keine Stadt, in die wir ihm nicht nachgereist sind, um von ihm Einzelheiten zu erfahren. Meistens lebt er in Norddeutschland: Hamburg, Kiel, Lübeck, Oldenburg usw. Am vergangenen Freitag rief er von Wolfsburg/Braunschweig aus an. Das Gespräch sagte, wie stets, nichts. Es entstehen Leeren, als wenn er mich zum Reden herausfordern möchte. Seine Antworten sind karg. Er will uns nur zu verstehen geben, daß es ihm gut geht. Besucht hat er uns kurz, nachdem er von zu

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Hause fort war, mit einer Schwester namens "Paloma“. Er holte sein Sparkassenguthaben ab und seine anderen zurückgebliebenen Sachen wie Fotoausrüstung usw. Seine Stereo-Anlage haben wir ihm abgekauft, weil wir sie ihm erhalten wollten. Jedenfalls stand für uns fest, es ging immer um Geld für diesen Mose David. Wenn wir ihn besuchten, stand er mit seiner Gitarre auf der Straße und sang, ein anderer teilte Mo-Lektüre aus und sammelte. Allein war er nie, immer war einer der "Jünger“ oder eine der "Schwestern“ in seiner Nähe, und wir bezahlten auch für ihn die Mahlzeiten. Damals wußten mein Mann und ich noch nicht, was das für eine Gemeinschaft war: "Kinder Gottes“. Wir dachten nur, er tut nichts Böses, und er wird sich schon wieder zurechtfinden. Aber wir haben uns verrechnet. Immer mehr entfremdet er sich uns. Zwar ruft er alle paar Wochen an, aber als Kontakt kann man es nicht bezeichnen. Selbst wenn wir ihn besuchen, geht das Gespräch von uns aus. Seine Art und Weise ist, wie immer, sehr lieb. Er war von Kind an nie böse, er hat uns immer Freude gemacht, und wir hatten keine Sorgen und Probleme mit ihm. Sechs Wochen vor dem Abitur verließ er als Klassenbester sein Elternhaus. Das Lernen fiel ihm sehr leicht. Seinen Vorgesetzten und Mitschülern gegenüber war er auch angenehm und hilfsbereit. Was soll man nur tun? Es gibt so viele Eltern in der gleichen verzweifelten Lage. Die Familienbande sind fast völlig abgebrochen. Mein Sohn war Weihnachten zuletzt zu Hause. Wie er mir am Telefon sagte, will er zu Weihnachten wieder kommen.
Die "Kinder Gottes“ bekommen weder Taschengeld, noch sind sie kranken- und rentenversichert. Sie wollen sich selbst pflegen und erhalten. Vom System wollen sie nichts wissen, es nur finanziell ausnutzen. Es müßte nach unserer Meinung eine Stelle geben, die diese netten jungen Menschen erfaßt und sie wieder auf eigene Füße stellt. Die Kinder sind meistens sehr intelligent und machen einen lieben und netten Eindruck. Gar nicht zu verstehen ist, daß unsere Kirchen dagegen nichts unternehmen. Die Bibel wird von den "Kindern Gottes“ so ausgelegt, wie Mose David es diktiert.
Vielleicht können Sie uns helfen? Ich habe im Jahre 1975 schon viele Stellen der Regierung angeschrieben, stets mit der gleichen Antwort, daß es sich ja um "Volljährige“ handele und man ihnen kriminelle Handlungen nicht nachweisen könne. Ist es richtig, daß man Kinder mit 18 volljährig macht? Gerade Jungen sind doch in diesem Alter noch oft in der Pubertät. Wieviel Sorgen machen sich die betroffenen Eltern!
 
 
 
 
 

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Bericht 7 (vom 17. Oktober 1977)

Meine Tochter B. war dieses Jahr Mitglied der Sekte, die sich "Kinder Gottes“ nennt. Während dieser Zeit ist sie in vier verschiedenen Orten gewesen (Kassel, Bielefeld, Bonn und Wuppertal). Ihre Post erhielt sie über die Postfach-Nr. 103604 in Kassel. Einen von mir per Einschreiben an sie abgesandten Brief erhielt ich zurück mit dem Vermerk: "Lagerfrist abgelaufen, nicht abgefordert“. Wir konnten feststellen, daß die Post kontrolliert und z.T. nicht ausgehändigt worden ist. Zwei Briefe meines Sohnes hat B. nicht erhalten. Ferner wurde sie gezwungen, an die Schulleitung zu schreiben und den Abbruch ihrer Berufsausbildung mitzuteilen. Nach Rückkehr hat es noch einige Mühen und Schwierigkeiten bereitet, bis sie die Genehmigung zur Wiederaufnahme der unterbrochenen Ausbildung erwirkte.
Die Sektenmitglieder verbringen die meiste Zeit mit dem Verteilen und Verkaufen der sog. Mo-Briefe. Sie dürfen nicht allein rausgehen, sind immer zu zweit. Abends mußte B. sich besonders hübsch machen und dann mit einigen Sektenmitgliedern in Restaurants und Bars singen und betteln. Meine Tochter hat festgestellt, daß Telefongespräche auf einem Band aufgenommen worden sind und so später abgehört werden konnten. Ihr sind durch Zufall Mo-Briefe in die Hand geraten, die quasi zur Prostitution auffordern. Zwei Tage vor ihrer Flucht war ihr eröffnet worden, daß sie für eine besondere Aufgabe vorgesehen sei. Worin diese Aufgabe bestehen sollte, kann man unschwer erraten.
 

Bericht 8 (vom 29. Oktober 1977)

Etwa Ende . . . wollte meine Tochter A.‘ wie sie mir später erzählt hat, von ihrem damaligen Wohnort Bremen zu ihrer Schwester fahren, um sich mit ihr über persönliche Probleme (Aufgabe einer Wohngemeinschaft, die nicht klappte u.a.) zu beraten. Sie war vermutlich in niedergeschlagener oder enttäuschter Stimmung, als sie auf dem Bremer Hauptbahnhof Angehörige der Sekte "Kinder Gottes“ traf, die sie mit ihrer teilnehmend-herzlichen Ausstrahlung beeindruckten und mit zu sich in ihre Bremer Kolonie nahmen. Dort hatte A. den Eindruck, eine harmonische Lebens- und Glaubensgemeinschaft kennenzulernen, wie sie etwa ihren Vorstellungen des Zusammenlebens entsprach. Jedenfalls wurde sie innerhalb weniger Tage - vielleicht auch nur Stunden - veranlaßt, ihren Arbeitsplatz aufzugeben, ihre persönliche Habe im Wert von einigen tausend Mark, ein Sparguthaben und darüber hinaus zukünftiges Eigentum oder Erbe den "Kindern Gottes“ schriftlich zu vermachen und in die Sekte einzutreten. Um sie dem Einfluß ihrer bisherigen Wohngenossen zu entziehen, wurde sie sofort in die

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"Kinder Gottes Kolonie“ Hamburg-Norderstedt gebracht, von wo aus sie uns anrief, um uns von ihrem Entschluß in Kenntnis zu setzen. Am Telefon machten ihre Stimme und Ausdrucksweise einen veränderten Eindruck auf mich. Mein Mann und ich fuhren sofort am nächsten Tag nach Norderstedt, wo wir uns zunächst auf dem Polizeirevier nach den "Kindern Gottes“ und ihrer Anschrift erkundigten. Wir hörten zu unserer Erleichterung, daß polizeilich gegen die Sekte oder ihre Mitglieder nichts vorlag. Dann führen wir zu der angegebenen Anschrift, einem Grundstück außerhalb des Ortes. Im dazugehörigen Garten entdeckte ich bei meiner Suche nach dem Zugang zum Haus eine Gruppe junger Leute am Boden hockend, betend oder meditierend (es war der 1. März und sehr stürmisch und kalt). Nach einiger Zeit erhob sich einer aus der Gruppe, kam auf mich zu und fragte mich sehr freundlich nach meinen Wünschen. Als er hörte, wer ich war, bat er mich ins Haus in eine Art Tages- oder Gemeinschaftsraum mit Möbeln, die ihre Herkunft vom Sperrmüll nicht verleugneten. Der Raum war einigermaßen sauber. Der junge Mann stellte sich als Petrus vor. Als ich ihm aber sagte, mein Respekt vor der Gestalt des Apostels mache es mir unmöglich, ihn so anzureden, nannte er mir seinen bürgerlichen Namen. Herr Freitag machte mich mit seiner dazugekommenen Frau, einer Amerikanerin, und seinen drei kleinen Kindern bekannt. Auf meine Bitte, A. zu sehen und zu sprechen, erklärte er, diese sei heute noch einmal zurück nach Bremen, um dort ihre Angelegenheiten zu ordnen. Er gab mir dann freundlich Auskünfte über die "Kinder Gottes“ und ihre Lebensweise nach den Grundsätzen der Bibel und ihren Einsatz für Jugendliche und Gefangene in Not überall in der Welt. Auf meine Einwände, daß man als arbeitender Mensch mehr finanzielle Möglichkeiten habe‘ um anderen in der Not zu helfen, wendete er ein‘ mit einem Berufsalltag wäre man zu belastet, um sich mit ganzer Kraft für andere einsetzen zu können. Meinem Argument, daß die Sektenmitglieder nicht sozial- und krankenversichert seien und daher selbst leicht in Not geraten könnten, begegnete er damit, daß Gott in der Not helfen werde. Da wir A. nicht sehen und sprechen konnten, verabschiedeten wir uns, nachdem Herr Freitag uns versichert hatte, A. könne uns in einigen Wochen besuchen. Anfang April kam dann unsere Tochter für ein Wochenende nach Hause. Ich kleidete sie neu ein, weil sie nichts mehr besaß als das, was sie auf dem Leibe trug. Da sie zur Rückkehr nicht zu überreden war, verabredeten wir, daß ich sie jeden Sonntagmittag anriefe, um zu hören, wie es ihr gehe. Bis Ostern 1977, also ein volles Jahr, verfuhr ich so, und sie besuchte uns in Abständen von sechs bis acht Wochen aus Norderstedt, im Sommer aus Berlin und im Herbst und Winter aus Köln. Sie freute sich sehr, wenn ich ihr das Notwendigste an Kleidungsstücken, Wäsche und Toilettenartikeln kaufte.
Meine Hoffnung ging dahin, daß bei ihr eines Tages die Einsicht kommen und sie in ein normales Leben mit Ausbildung und Beruf - von uns aus herzlich gern in

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einer christlich-caritativen Gemeinschaft - zurückkehren werde. Anfang 1977 wurde ich von Freunden auf sehr negative Artikel über die "Kinder Gottes“ in Zeitschriften und Zeitungen aufmerksam gemacht, denen ich zunächst keinen Glauben schenkte. Erst die Erlebnisse und Informationen von Frau Nußbaum ließen mich zu der Ansicht kommen, daß es den Sektenführern nur darum gehen konnte, junge Menschen auf die übelste Weise für sich zu mißbrauchen und sich zu bereichern. Als A. uns Ostern 1977 besuchte, sprach ich mit ihr sehr ernst über meine Informationen und bat sie, die Sekte zu verlassen. Sie erklärte alles für Verleumdung und reiste wieder ab, nun wieder nach Norderstedt.
Seit wir der Sekte ablehnend gegenüberstehen, kommt A. nicht mehr nach Hause. Sie wünscht keine Anrufe mehr in der Kolonie, ruft selber aber in unregelmäßigen Abständen an oder schreibt auch gelegentlich. Daher fuhr ich am 12. Oktober zu einem Treffen mit ihr nach Hamburg. Ich wollte sie mit Kleidung versorgen und die Gelegenheit nutzen, um mich mit ihr auszusprechen. Bei diesem Zusammentreffen stellte ich deutliche Anzeichen psychischer Störungen fest. Unsere Tochter, die in der Schule durch besondere Veranlagung zum logischen Denken aufgefallen war, ist heute dazu nicht mehr imstande. Bei ihrem letzten Besuch zu Ostern erklärte sie beispielsweise noch‘ wenn sich die Meldungen bezüglich der Prostitution junger Mädchen für die Sekte als wahr herausstellen würden, werde sie die Sekte verlassen. Als ich ihr bei dem genannten Treffen Beweise für diese Meldungen anbot, erklärte sie, wenn ein Mädchen seinen Körper für Gott auf diese Weise opfern wolle, sei es richtig. Inzwischen steht sie so stark unter den absurden Anschauungen und verfälschten Moralbegriffen des Sektenbosses David Berg, genannt Mose David, daß es sehr schwer sein wird, sie wieder zu normalem Denken und in ein geordnetes Leben zurückzuführen.
 

Bericht 9 (Bericht an den Niedersächsischen Landtagspräsidenten vom 29. Oktober 1977)

Ich benötige dringend Ihre Unterstützung und Hilfe für mein Kind. Meine Tochter wurde mit 15 Jahren von Mitgliedern dieser Sekte in der Bahnhofstraße in Hannover angesprochen und in die z.Zt. noch bestehende "Kolonie“ eingeladen. Ich ließ meine Tochter hingehen, da ich annehmen mußte, daß es sich um eine christliche Vereinigung handelt. Nach kurzer Zeit ging aber in meiner Tochter solch eine Bewußtseinsveränderung vor, so daß sie ein völlig anderes Wesen wurde. Mit Erschrecken mußte ich feststellen, daß sie durch ewiges Bibelverslesen einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, so daß sie heute so weit ist, für diese Sekte ihr Leben zu lassen (was von dieser auch erwartet wird). Ich sehe im Aufbau und Endziel dieser Sekte große Parallelen zur Terroristenvereinigung. Au-

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ßerdem werden die Kinder zur Prostitution und Revolution (alles für Jesus) erzogen. Um meine Tochter aus dem Einflußbereich der Sektenmitglieder fernzuhalten - sie betteln täglich in der Innenstadt von Hannover - sind wir extra außerhalb Hannovers gezogen und haben sie in ein anderes Gymnasium umgeschult. Alle unsere bisherigen Maßnahmen haben aber nicht genutzt.
Ich bitte Sie daher, sehr geehrter Herr Landtagspräsident, unternehmen Sie etwas, ehe noch mehr Jugendliche in eine falsche, gefährliche Bahn gebracht werden.
 

Bericht 10 (vom 10. November 1977)

Nach etwa sechswöchigem Kontakt mit den "Kindern Gottes“ war meine damals 21-jährige Tochter R. im Juli 1976 in das Gemeinschaftshaus in Norderstedt gezogen. Durch einen unfreiwillig hinterlassenen Mo-Brief mit der Norderstedter Adresse und Telefonnummer konnte ich mich sofort mit den "Kindern Gottes“ und meiner Tochter in Verbindung setzen. Unser Pastor sorgte für Informationsmaterial und ging auch zu dieser Gruppe, um mit ihnen zu diskutieren. Nach meinem zweiten vergeblichen Besuch in Norderstedt stellte ich alle Wertsachen aus R‘s Zimmer sicher, ich brachte alles von ihrem Studienort nach Hamburg. Am gleichen Tag waren die "K.G.“ dort und wollten die Sachen holen. Die Sachen waren nicht mehr da, und R. wurde um Mitternacht von Jeremias und einem anderen Jungen mit einem Lieferwagen zu mir nach Hause gebracht. R. war nicht wie sonst immer. Sie lächelte zu allem freundlich und sagte immer "ja“. Sie betete mit uns: "Danke, Jesus, danke, Jesus“. Sie telefonierte täglich bis zu dreimal mit ihren "Freunden“ und schrieb ihnen Briefe, die auch beantwortet wurden. Gott hatte ihr durch die "Kinder Gottes“ gesagt, daß sie weiterstudieren soll! Nach Wochen, in denen R. mit Pfarrern, Lehrern, Freunden, die sie eigentlich bekehren wollte, immer wieder gesprochen hatte, kam endlich R‘s Kritikfähigkeit zurück. Allerdings ist sie jetzt noch in einer psychotherapeutischen Gruppenbehandlung.
Ich begrüße jede Aktion, die Unbeteiligten Kenntnis über diese Gruppe verschafft, und wünsche daher, daß es schnellstens unterbunden wird, junge Menschen im Namen Gottes und Jesu für bereichernde Zwecke einzelner zu mißbrauchen.
 

Bericht 11 (vom 9. November 1977)

Unsere Tochter 5. ist etwa im Februar 1976 auf die Sekte der "Kinder Gottes“ gestoßen. Sie brachte aus der Stadt, wo einer aus der Sekte gesammelt hatte, ei155
nen Prospekt mit nach Hause, mit einer Telefonnummer versehen. Sie rief die "Kinder Gottes“ an und stellte somit den ersten Kontakt her. Seinerzeit hatte die Sekte ihre Wohnung (Kolonie) in der Großen oder Kleinen Pfahlstraße. 5. besuchte die Sekte im Anfang meistens sonnabends oder sonntags, also einmal in der Woche. Eines Tages meinte sie, die Leutchen fänden ihre Räume so kahl, sie möchte mal einen Blumentopf mitbringen. Ich begann unsere Tochter über diese Leute auszuhorchen, und je mehr sie berichtete, desto größer wurde mein Mißtrauen. Schon die Art, wie sich die Leute von unserer Tochter "Sachen“ beschafften, mißfiel uns sehr. Inzwischen siedelte die Sekte in die Drostestraße über. Unsere Tochter berichtete uns, es erfolge die Umsiedlung der Kinder wegen, die das "Ehepaar“ hätte, und weil die Frau wieder schwanger sei, aber auch der übrigen Mitglieder wegen, die dann günstiger untergebracht wären. Der Einfluß der Sekte machte sich insofern bemerkbar, daß unsere Tochter plötzlich nur noch zum Schlafen zu Hause war, die Schule besuchte und die übrige Zeit bei der Sekte verbrachte. Selbst die Hauptmahlzeiten, mittags und abends, nahm sie nicht bei uns ein. Gegen unsere Argumente brachte sie vor, daß sie dort ihre englischen Sprachkenntnisse verbessern könnte. Sie war vollkommen verwandelt! Auf alle Hinweise oder Anweisungen von uns entgegnete sie nur noch mit Bibelsprüchen, die sie inzwischen ständig auswendig gelernt hatte. Die Schule (Schulaufgaben) vernachlässigte sie. Uns riß dann eines Tages der Geduldsfaden, und wir ließen uns etwa vierzehn Tage die Zehn Gebote vorlesen, bis sie sie auswendig konnte. Danach änderte sich die Situation. Man ließ sie nur noch zweimal die Woche kommen, bis wir unserer Tochter den Besuch der Sekte vollkommen untersagten. Wir stellten aber leider fest, daß sie heimlich Kontakt mit der Sekte pflegte. Nachdem die Kriminalpolizei die Sekte und ihre Machenschaften überprüfte, verschwand die Kolonie aus der Drostestraße. Uns bleibt jetzt die Angst, daß unsere Tochter nach Vollendung des 18. Lebensjahres (1978) sich ganz der Sekte widmen wird.
 

Bericht 12 (Bericht ohne Datum)

Emmanuel Kitchere Gray, sudanesischer Staatsbürger, war 9 Monate lang als Mitglied bei den "Kindern Gottes“. Nachdem er die Gruppe verlassen hatte, kam Emmanuel Kitchere Gray zu mir (Inge Mamay). Ich bat ihn um einen Bericht und legte ihm zur Orientierung sechs Fragen vor. Emmanuel Kitchere Gray spricht kein Deutsch. Er schrieb seinen Bericht englisch. Die wahrheits- und sinngemäße Übersetzung ist verbürgt.
1. Was hast Du seit Deinem Eintritt bei den "Kindern Gottes“ getan?
Ich bin bei den "Kindern Gottes“ am 5. September 1975 als Mitglied eingetre156
ten. Von dieser Zeit an arbeitete ich in zwei Ländern, nämlich Malta, wo ich auch eingetreten bin, und Italien. Dort habe ich die meiste Zeit gearbeitet. Meine Hauptaufgabe bestand darin, auf die Straße und auf öffentliche Plätze zu gehen, um Geld zu erbetteln. In Malta habe ich 2 1/2 maltesische Pfund am Tag gemacht. In Italien hatte jedes Mitglied einen Durchschnitt von 120.000 italienischen Lire am Tag. Ich habe überall mit sehr vielen Leuten über Jesus gesprochen. Unglücklicherweise durften wir nur über bestimmte Stellen des Evangeliums sprechen.
2. Wie und warum bist Du den "Kindern Gottes“ beigetreten?
Ich wollte nach Deutschland gehen, um dort zu studieren. In Ägypten traf ich einen maltesischen Freund, der mich zu einem Besuch nach Malta einlud. Dort traf ich die "Kinder Gottes“. Sie erzählten mir über die Liebe Gottes und wie sehr wir der gegenseitigen Liebe bedürfen. Die zwei Mitglieder, die ich getroffen hatte, waren wirklich nett, und weil das, was sie mir erzählten, wahr ist, entschloß ich mich, den "Kindern Gottes“ beizutreten. Um Mitglied bei den "Kindern Gottes“ zu werden, mußt du zuerst Jesus in dein Herz holen, indem du folgendes Gebet sprichst: "Jesus, komm in mein Herz, mach mich zu einem neuen Geschöpf, gib mir das ewige Leben und erfülle mich mit deinem Geist.“ Du sollst das sagen, während du die Augen geschlossen hältst. Nach diesem Gebet erzählen sie dir, daß du nun ein neues Geschöpf bist. Darum mußt du deinen ganzen Besitz aufgeben, dein Geld, deine Habseligkeiten. Sie sind fähig, dir sogar deine Zertifikate zu zerstören. Mit anderen Worten, alles, was du hast, muß weggenommen werden. Du mußt sogar einen neuen Namen annehmen, so daß, wenn deine Familie versucht, dich zu erreichen, sie nicht deinen Namen kennen, und du nicht ans Weggehen denken kannst. Von dieser Zeit an bist du ein neugeborenes Baby. Darum mußt du den Befehlen von älteren Mitgliedern gehorchen. Du mußt eine Menge Mo-Briefe lesen, du mußt eine Menge Verse auswendig lernen, und zwar aus einer bestimmten Art von Bibel, nämlich der King James-Version, und du darfst nie etwas tun, ohne vorher gefragt zu haben. Deine Briefe werden durch einen Hirten versendet, und der muß sie lesen, um zu wissen, daß du wirklich bei den "Kindern Gottes“ bleiben willst.
3. Wie war der normale Tagesablauf?
Wir mußten um 7.00 Uhr mit einem kurzen Gebet aufstehen: "Thank you Jesus, thank you Lord.“ Einige von uns hatten Frühstück zu machen, während die anderen etwa 30 Minuten lang die Räume säuberten. Von 8.00 bis 8.30 Uhr hatten wir Frühstück, nach dem wir meistens Mo-Briefe lasen. Aber generell sollten wir um 9.30 Uhr auf der Straße sein, um Geld zu betteln bis 13.30 Uhr. Das sind vier Stunden. In fast allen europäischen Städten gibt es Mensen. Um zu essen, mußten wir dorthin gehen. Um 14.00 Uhr gingen wir gewöhnlich zurück ins Haus, um Mo-Briefe und die Bibel zu lesen. Wenn neue Mitglieder da waren, die Babys

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genannt werden, sollten sie Unterricht über die Doktrin der "Kinder Gottes“ haben. Um 16.00 Uhr, wenn die Straßen wieder voller Menschen sind, mußten wir wieder für vier Stunden raus. Es kommt darauf an, ob du dein Quote erfüllt hast. Gewöhnlich sollten alle wieder um 20.00 Uhr zu Hause sein. Das Wichtigste nun ist, einen Tagesreport zu schreiben. Man muß aufschreiben:
(1) Wieviele Mo-Briefe hast du rausgegeben?
(2) Wieviel Geld hast du gemacht?
(3) Wieviel Geld hast du ausgegeben?
(4) Wofür?
Du mußt alles Geld, was du gemacht hast, dem Kolonie-Hirten übergeben. Das kann vor oder nach dem Essen geschehen, aber auf jeden Fall, bevor du ins Bett gehst. Während des Essens muß jeder seine Tageserlebnisse den anderen mitteilen. Danach müssen die Babys Mo-Briefe lesen oder ins Bett gehen, während die LT‘s ihre Berichte an die Distrikt-Hirten gaben, meistens durch ein Telefongespräch, und sie füllen die notwendigen Bericht-Blätter aus.
Die "Kinder Gottes“ sind eine höchst gefährliche Organisation. Sie bringen den Mitgliedern bei,
(1) nicht ihren Eltern zu gehorchen,
(2) nicht der Regierung zu gehorchen, sondern nur Mose David, der sagt, daß er Gottes Prophet sei.
Den "Kindern Gottes“ wird beigebracht, wie man Leute belügen kann, um ihr Geld zu bekommen. Sie machen den Katholiken glaubhaft weis, sie seien Katholiken, und den Protestanten, sie seien Protestanten, den Anhängern des Islam, sie seine Muslime, den Kapitalisten, sie seien Kapitalisten, den Kommunisten, sie seien Kommunisten, mit anderen Worten, sie sind mit jedem gut Freund, der Geld für Mose David gibt. Sie sagen niemals die Wahrheit.
Die Organisation trägt eine Menge dazu bei, die Zukunft von den jungen Leuten zu zerstören, die Mitglieder sind. Weil sie ständig von einem Platz zum anderen reisen, wird es sehr schwer für sie, wieder rauszukommen, weil ihnen niemals genug Geld gegeben wird. Das Schlimmste ist: Wenn sie wissen, daß du den Regeln nicht gehorchst, werfen sie dich ohne einen Pfennig Geld raus. Weil Mose David weiß, daß besonders die Vereinigten Staaten ihn suchen, tut er alles, was er kann, um die USA zu zerstören. Aus diesem Grund arbeitet er für den Beginn des dritten Weltkrieges, weil, wie er sagt, 1988 das Ende der Welt komme.
4. Warum hast Du sie wieder verlassen?
Ich kam nicht nach Europa, um herumzutrödeln, sondern um zu studieren. Nur weil ich dachte, ich könnte lernen, wie man Gott liebt und die Menschen, verschwendete ich meine Zeit für Mose David. Aber, als ich dahinterkam, daß wir nur Geldmacher sind, und als Inge Mamay mir schrieb, daß sie an meiner Seite wäre, wann immer ich Hilfe nötig hätte, dachte ich, daß das meine einzige

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Chance wäre, weil sie auch bei den "Kindern Gottes“ gewesen war und mich verstehen konnte.
5. Was kann man tun, um die Aktivitäten der "Kinder Gottes“ einzuschränken?
Es ist sehr schwierig, das Treiben der "Kinder Gottes“ zu stoppen, weil sie ständig von einem Land ins andere wandern, und am schwierigsten, die Mitglieder zu identifizieren, weil sie ständig ihre Namen ändern. Die einzige Möglichkeit, etwas zu tun, besteht darin‘ mit Ex-Mitgliedern zu arbeiten, weil sie sich gegenseitig besser verstehen als die Eltern. Als Beispiel: Ich konnte nur Inge Mamay trauen, weil ich sicher war‘ niemand kann mich außer ihr verstehen, und das trifft auf alle Ehemaligen der Organisation zu. Wenn die Mitglieder, weil sie sowohl ihren Eltern als auch der Regierung gegenüber ungehorsam waren, erkennen, daß sie ihr Leben schon so sehr verschwendet haben, werden sie eher weiter für Mose David arbeiten, als in den gewöhnlichen Trott ihres Lebens zurückkommen.
Vor allem lernen sie, wie man in kurzer Zeit sehr viel Geld machen kann, so daß sie diese Gewöhnung an viel Geld nicht schnell aufgeben können, es sei denn, ihre Eltern und die Regierung helfen ihnen. Ich würde sagen‘ daß es die Pflicht aller friedliebenden Leute sein sollte, alles, was sie vermögen, zu tun, um diesen jungen Menschen zu helfen, die unglücklicherweise unter dem Einfluß Mose Davids stehen. Die gefährlichste Sache ist, daß Mose David jeden Tag reicher und reicher wird. Er weiß, daß viele Eltern und Regierungen ihn nicht mögen. Er wird vorbereitet sein, in Zukunft viele Leute zu zerstören.
6. Welche speziellen interessanten Dinge kannst Du mir über die "Kinder Gottes“ erzählen?
Folgendermaßen ist das Ganze organisiert: Die "Kinder Gottes“ sollten weniger als zwölf Leute in einer Kolonie sein, die durch einen Kolonie-Hirten geleitet wird. Drei Kolonien werden von einem Distrikt-Hirten überwacht. Seine Pflicht ist es, die Berichte der drei Kolonien zu lesen. Er besucht die Kolonien so oft wie möglich und hat nichts weiter zutun, als diese zu kontrollieren. Die Distrikt-Hirten werden von einem Bischof überwacht. Die Bischöfe haben eine Menge Verantwortung: Sie müssen alle die Kolonien und Distrikte besuchen. Sie reisen daher ständig von einem Land oder einem Distrikt zum anderen. Die Bischöfe werden überwacht von einem Premier-Minister. Davon gibt es heute fünf. Es gibt ein Nord-Europa Premier-Ministerium, Süd-Europa und Afrika, Nord-Amerika und Asien Premier-Ministerium. Die Erzbischöfe der Premier-Ministerien sind Teile des Rates. Sie werden überwacht von den "KingCounselers“. Das sind nur zwei Leute. Es sind die Kinder des Mose David. Mose David ist der absolute Herrscher, dem ohne Frage zu gehorchen ist. Seine Frau, Mutter Eva, schreibt auch Briefe. Tochter Faith kümmert sich mehr um die diplomatische Korrespondenz.

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Bericht 13 (ohne Datum)

Unsere Tochter war Lehrerin in Berlin. Sie hatte sämtliche Prüfungen reibungslos absolviert und schon im März 1974 ihre 2. Dienstprüfung abgelegt. 1976 wurde sie von den "Kindern Gottes“ "bekehrt“. Sie ist das zweite von fünf Kindern. Unser zweiter Sohn besuchte unsere Tochter über das Wochenende des 1. Mai und kam am 2. Mai abends mit dieser Neuigkeit nach Hause zurück. Wir konnten mit dieser Bekehrung zunächst nichts anfangen und wollten Gewißheit haben, aber die telefonische Verbindung kam nicht zustande, auch am nächsten Tag nicht, so daß wir am 4. Mai nach Berlin flogen. Wir versuchten zunächst, den Rektor der Grundschule zu erreichen, der bereits ihre schriftliche Kündigung vorliegen hatte. Auch das Schuloberamt konnte nicht weiterhelfen. Wir fanden die Kolonie heraus, in der sie sich seit dem 2. Mai aufhielt, und verschafften uns auch Einlaß. Normalerweise hätte sich unsere Tochter geweigert, in solcher Behausung sich aufzuhalten, aber nun war alles möglich. Wir beschworen sie und baten sie, ihren Dienst weiter auszuüben, aber es war fruchtlos. Auf unsere Darstellung, daß sie nicht mehr kranken- und altersversichert sei, erwiderte sie:
"Das ist nicht mehr nötig, denn Jesus sorgt nun für mich.“ Sie hatte bereits ihre gesamte Wohnungseinrichtung, das Auto und sämtliche persönlichen Dinge wie Bücher, Radio, Fernseher, Wäsche und Möbel den "Kindern Gottes“ übertragen.
Die Verbindung zwischen ihr und uns besteht darin, daß sie uns anfangs in Abständen von vier bis sechs Wochen, jetzt in Abständen von drei bis vier Wochen schreibt. Wir schreiben regelmäßig, doch scheint es, als ob nicht alle Briefe ankommen. Ihr jetziger Name ist ... Ihren jeweiligen Aufenthaltsort hält sie streng geheim. Auch ein anfänglich avisierter Besuch erfolgte noch nicht. Telefonieren können wir gleichfalls nicht mit ihr. Es ist uns unverständlich, wie es zu dieser Reaktion kommen konnte. Die Verbindung zu uns Eltern und Geschwistern war ausgesprochen gut. Nicht nur sämtliche Ferien verbrachte sie bei uns - bis auf eine Sommerreise -, sondern sie hatte immer das Bedürfnis, uns auch zwischendurch zu besuchen. Eine religiöse Bindung lag gleichfalls nicht vor. Sie wußte nach 4 Jahren Berlin-Aufenthalt nicht, zu welcher Kirchengemeinde sie gehörte. Durch die hiesige Kriminalpolizei konnten wir erfahren, daß sie am 9. Januar 1976 den ersten Kontakt mit den "Kindern Gottes“ hatte. Sie erwähnte jedoch nichts während ihres Aufenthaltes daheim. Die hiesige Polizeidienststelle wurde um Amtshilfeersuchen gebeten, weil bei einer Razzia in Norderstedt u.a. auch die Karteikarte unserer Tochter gefunden wurde. Wir erteilten uneingeschränkt Auskunft über das uns Bekannte.
 
 

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Bericht 14 (vom Herbst 1977)

Meine Tochter, jetzt 19 Jahre, war bei den "Kindern Gottes“. Zunächst stand ich den Jugendsekten - "Kinder Gottes“ etc. - positiv gegenüber. Inzwischen bin ich aber anderer Ansicht. Unsere Tochter hatte Kontakt zu den "Kindern Gottes“, als sie etwa vier Monate in einem Kinderheim war, wo sie ein Praktikum machte. Ob sie vorher schon in ..., wo sie zwei Jahre an der Fachschule für Sozialarbeit studierte und nebenbei das Fachabitur machte, mit einer Jugendgruppe zusammengekommen war, kann ich nicht sagen.
Zum Wochenende kam G. immer nach Hause. Sie hatte seit einigen Jahren einen Freund, mit dem sie täglich Bibelsprüche las. Plötzlich wollte sie von ihm nichts mehr wissen. Sie erzählte uns von einer kurzfristigen Heirat zweier Sektenmitglieder.
Vor etwa einem Jahr brach meine Tochter in der Sekte körperlich und seelisch zusammen. Vom Krankenhaus ... wurde sie nach ... überwiesen, von dort nach
und dann in das Landeskrankenhaus ... Sie hatte Wahnvorstellungen, Depressionen und äußerte Selbstmordgedanken. Während und nach ihrer Krankheit wollte sie verschiedene Sektenmitglieder sprechen. Meine Frau hat allen verboten, unsere Tochter anzurufen oder sie im Krankenhaus zu besuchen. Einer der Ärzte schloß nicht aus, daß sie unter Hypnose stünde, nachdem wir ihm von den "Kindern Gottes“ erzählt hatten.
Nun ist unsere Tochter wieder seit mehreren Monaten zu Hause, allerdings noch krank geschrieben. Sie wird aber, wie der Oberarzt uns mitteilte, wieder arbeiten können. Inzwischen hat sie sich gut erholt, lacht wieder und hilft meiner Frau im Haushalt (fünf Kinder). Es stellt sich das Problem, daß sie noch nicht wieder eine Arbeitsstelle hat. Ihr fehlen noch acht Monate am Praktikum, bis sie ihre Ausbildung als Kindergärtnerin abgeschlossen hat.
 

Bericht 15 (vom 17. November 1977)

Unser Sohn G. studierte 1976 im dritten Semester Sozialarbeit. Etwa Anfang Mai fiel mir sein verändertes Verhalten bei seinen Wochenendbesuchen auf Wahrscheinlich hatte sich die Sekte "Kinder Gottes“ schon mit ihm in Verbindung gesetzt. Himmelfahrt kam er nicht mehr nach Hause. Unserem ältesten Sohn W. teilte er mit, er sei bei den "Kindern Gottes“ und nenne sich... Wir waren völlig verzweifelt. W. fuhr nach ... und kam erschüttert über G‘s verändertes Wesen zurück. G. wurde nach Braunschweig gebracht, die Adresse teilte er W. mit. Die Bindung an zu Hause war doch noch sehr stark. W. holte ihn dann aus der Kolonie heraus. G. hatte sich stark verändert. Er ging z.B., ohne sich umzu161
sehen, über die Straße. "Gott schützt mich, mir passiert nichts“, sagte er. Schon aus diesen Äußerungen kann man sehen, wie groß die psychische Beeinflussung durch die Sekte ist.
Fräulein Inge Mamay kam W. zur Hilfe, und es gelang, G. mit nach Altenberg zu nehmen. Die Sektenmitglieder versuchten, ihn noch zu beeinflussen, als er schon im Wagen saß. Bis September blieb er in Altenberg, ging dann zur Sekte zurück. Im Oktober vorigen Jahres (1976) kam er nach Hause. Seit der Zeit sitzt er hier zu Hause rum, liest nur die Bibel, hat sich völlig verändert. Ein Gespräch mit ihm ist nicht möglich. Die Sekte "Kinder Gottes“ hat ihn das ganze Jahr nicht in Ruhe gelassen. Zwei Briefe eines Micha do Alexander beweisen es. G. sollte einen gewissen H., der in Altenberg war, dazu bewegen, in die Sekte zurückzugehen. Inzwischen war G. schon wieder bei der Sekte, ist jetzt aber wieder zu Hause. Wie ich ihm helfen soll, weiß ich nicht. Die Hoffnung, daß er sein Studium noch mal aufnimmt, habe ich aufgegeben. Es ist eben niemand da, der konkret helfen kann. Dies ist nur ein ganz kurzer Bericht. Ich bin bereit, alles genauer zu schildern.
 

Bericht 16 (ohne Datum)

Unser Sohn befindet sich seit ... bei der Sekte "Kinder Gottes“. Nach Besuch der Realschule hat er seine Lehrzeit als Chemie-Laborant nach 3 1/2 Jahren mit "gut“ bestanden. Dann studierte er in Hagen/Westf. 2 1/2 Jahre Sozialwesen. Zwischendurch leistete er seine Dienstzeit bei der Bundeswehr. Sein Studium hat er leider vorzeitig abgebrochen. Mit seiner persönlichen Habe im Werte von ca. DM 10.000,-- ist er dann zu den "Kindern Gottes“ gegangen. Wir Eltern hatten damals keine Ahnung von dem Tun und Wirken dieser Sekte. Seit dieser Zeit treibt er sich bettelnd auf den Straßen im norddeutschen Raum herum. Seine jetzige Anschrift lautet: ...
 

Bericht 17 (vom 27. November 1977)

Etwa Mitte 1976 bekam unser Sohn, damals 18 Jahre alt, zum ersten Mal Kontakt mit der Sekte "Kinder Gottes“. Innerhalb kurzer Zeit wurde unser Sohn dazu gebracht, seinen Beruf - er stand zwei Monate vor der Prüfung, hat also keinen Abschluß - und sein Elternhaus aufzugeben. Nach Aussagen ehemaliger Sektenmitglieder wurden sie dort in den ersten Wochen einer Gehirnwäsche unterzogen. Sie geben dabei ihr eigenes "Ich“ vollends auf. Ihre Persönlichkeit wird völlig verändert. Sie leben in Kolonien mit unterschiedlicher Personenzahl.

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Ihren Unterhalt verdienen sie durch Betteln. Sie bieten Mo-Briefe an und bitten um eine Spende für Jugendreligion oder Hungernde. Diese Sammlung entspricht nicht den Tatsachen. Die Gelder werden an österreichische Banken oder schweizerische Nummern-Konten überwiesen. Es handelt sich hier um einen glatten Sammelbetrug.
Ihr Sektenführer, unter dem Namen Mose David bekannt, dem diese Sammelgelder zufließen, lebt in Saus und Braus. Er wird von dem New Yorker Generalstaatsanwalt wegen verschiedener schwerwiegender Delikte gesucht und ist seitdem auf Flucht. Die Sektenmitglieder gehen keiner Arbeit mehr nach, sind weder in einer Kranken- noch in einer Sozialversicherung abgesichert. Was geschieht, wenn diese Kinder eines Tages körperlich und seelisch zerbrochen nach Hause zurückkommen? Es muß unbedingt von seiten des Staates etwas geschehen, daß sich diese Sekte nicht noch mehr ausbreitet und zu einer noch größeren Gefahr für unsere Kinder wird.
 

Bericht 18 (vom 25. November 1977)

Meine Tochter C. besuchte das Gymnasium. Sie war dort in den letzten Jahren Klassensprecherin; aber auch das Verhältnis zum Elternhaus war sehr gut. Noch nach den Sommerferien 1975 - sie war mit uns zusammen in Urlaub - erklärte sie, daß sie nunmehr mit voller Kraft für das Abitur arbeiten wolle. Sie hatte weder schulische, noch sonstige Probleme. Dies bestätigte sie uns auch noch hinterher.
Bei unseren Kindern - wir haben noch einen fünf Jahre älteren Sohn - war es üblich, daß sie sich "abmeldeten“ oder schriftlich hinterließen, wo sie sind und wann sie wieder nach Hause kommen. "Verzögerungen“ wurden telefonisch durchgegeben.
Am... 1975 hinterließ C. einen Zettel: "Ich komme mit dem Bus um 19.00 Uhr, spätestens um 21.00 Uhr, nach Hause.“ Als sie um 23.00 Uhr- mit dem letzten Bus -immer noch nicht kam, fuhren meine Frau und ich los, um sie zu suchen, ob sie eventuell auch diesen Bus verpaßt hatte. Gegen 23.30 Uhr - meine Frau und ich waren noch unterwegs - rief sie zu Hause an und teilte meinem Sohn mit, daß sie nicht mehr nach Hause zurückkommen werde und auch ihre Schulausbildung nicht mehr fortsetzen wolle, sondern ein neues Leben begonnen hätte. Sie beabsichtige, uns am nächsten Tag aufzusuchen und alles zu erzählen.
Am nächsten Tag erschien sie in Begleitung eines jungen Mannes, der sich als Wolfgang Peter Schmidt, Kinder-Gottes-Name: Amos Stern, geboren am 18. November 1950, angeblich wohnhaft in Mainz, Weichselstr. 57, vorstellte. Meine Tochter schien in höheren Regionen zu schweben. Sie hatte glänzende

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Augen und stammelte auf Fragen Bibelsprüche als Antwort. Wir zogen deshalb zu diesem Gespräch unseren Gemeindepastor hinzu. Dieser sprach etwa eine Stunde allein mit meiner Tochter und "Amos“. Anschließend unterhielten wir uns noch mit unserer Tochter. Bei diesen Gesprächen hatten wir den Eindruck, und den hatte der Pastor auch, daß unsere Tochter nicht vollständig Herr ihrer Sinne war. Ich, bzw. wir hatten den Eindruck‘ daß sie sich in einer Art Trancezustand befand. Darin wurden wir noch bestärkt dadurch, daß "Amos~~ ständig versuchte, mit meiner Tochter zu flüstern. Hierdurch gewannen wir die Überzeugung, daß "Amos“, alias Schmidt, auf unsere Tochter einwirkte. Sie benahm sich ganz anders, als wir sie bisher kannten. Es verstärkte sich der Eindruck, daß unsere Tochter entweder unter Hypnose- oder Drogeneinwirkung stand. Ergebnis dieser Unterredung - negativ. Meine Tochter kehrte nicht ins Elternhaus zurück. Sie nahm etwas Kleidung und ihr erspartes Taschengeld (etwa DM 150‘-) mit und zog in die Kolonie der "Kinder Gottes“.
Wie wir nachträglich erfahren haben‘ waren die "Kinder Gottes‘~ erst seit 14 Tagen in ... Meine Tochter hatte sie mehrmals auf der Straße getroffen, war zweimal mit in deren Wohnung und kam vom dritten Besuch nicht mehr nach Hause. Entgegen der sonstigen Gepflogenheit hatte sie in der Familie nichts von der Bekanntschaft mit dieser Gruppe erzählt. Lediglich ihren Schulkameradinnen deutete sie an, daß sie eine "gute Gruppe~‘ getroffen hätte‘ die sie interessiere und der sie sich später vielleicht einmal anschließen werde. Zunächst wolle sie jedoch erst ihr Abitur machen. Etwa eine Woche nach dem Verlassen des Elternhauses kam sie erneut in Begleitung eines jungen Mannes, diesmal namens "Noah“‘ sowie mit einem kleinen Lkw und wollte ihre gesamte Zimmereinrichtung mitnehmen. Dies konnte ich vereiteln. In der Folgezeit besuchten wir unsere Tochter öfter in der Kolonie. Wir konnten sie jedoch nie richtig allein sprechen. Sie stand immer unter "Bewachung“. Offensichtlich wollte sie auch nicht mit uns allein sprechen, denn wir bekamen mehrmals zu hören: "Ihr seid ja tot!". Sie schien sich immer noch in einem tranceähnlichen Zustand zu befinden. Leider hatten wir noch nie etwas von den "Kindern Gottes“ gehört. Auch konnten wir nirgends eine Auskunft erhalten. Erst nach etwa vier Wochen erhielt unser Gemeindepastor eine erste Kurzinformation über diese sogenannte "Jugendreligion“ von der Ev. Landeskirche in Hannover. Diese war aber eher harmlos‘ nur:
Mit den evangelisch-christlichen Grundsätzen sei die Gruppe nicht vereinbar. Am ... kam meine Tochter nach Hamburg-Norderstedt‘ Grüner Weg 69, wie wir heute wissen, in die Ausbildungskolonie. Auch dort besuchten wir sie. Äußerlich machte sie jetzt wieder einen normalen Eindruck, war jedoch nicht gewillt, ins Elternhaus zurückzukehren. Der dortige Kolonieleiter war ein Gerhard Hilgert, geb. 10. Januar 1950 in Cuxhaven, Deckname: "Habakuk~‘. Am...
- ich vermute nach Abschluß ihrer Ausbildung - kam meine Tochter nach Berlin

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und lebte in der Kolonie Großbeerenstr. 78. Über Weihnachten besuchte sie uns. Sie kam jetzt ohne "Begleitung“. Ich hielt ihr bei diesem Besuch das von mir inzwischen gesammelte Material über die "Sekte“ vor, u.a. den Bericht des Kriminalbeamten Meyer aus Berlin. Meine Tochter war trotzdem nicht umzustimmen. Am ... kam sie dann nach Bremen, Am Dobben 7. Von dort besuchte sie uns in der ersten Hälfte des Jahres 1976 mehrmals. Meistens holte ich sie ab. Zu einem dieser Besuche hatte ich Herrn Pfarrer Hauth aus Witten sowie zwei ehemalige Mitglieder eingeladen, um meine Tochter über die Hintergründe der "Sekte“ aufzuklären und sie umzustimmen. Diese Versuche schlugen auch fehl. Meine Tochter hinterließ jedesmal den Eindruck, daß sie unter Psycho-Druck und Angst steht und nicht mehr frei über ihren Willen verfügt. Die Konsultation eines Arztes lehnte sie jedoch ab.
Diese Bemühungen und unser Drängen führten schließlich dazu, daß meine Tochter wenigstens eine Entscheidung in Aussicht stellte. Meiner Frau teilte sie mit, daß sie einen Brief für uns hinterlassen habe, den wir aber erst nach dem 4. Juli 1976 öffnen sollten. Mit diesem Datum hatte es folgende Bewandtnis:
"Mose David“, das Oberhaupt der "Sekte“, hatte prophezeit, daß an diesem Tag
- dem amerikanischen Unabhängigkeitstag - die USA untergehen würde (siehe Mo-Brief GP-Nr. 339). Meine Tochter wollte diesen Tag abwarten, um sich zu entscheiden. Sollte sich nichts ereignen, wollte sie die Konsequenzen ziehen. Als sich am 4. Juli 1976 tatsächlich nichts ereignete, rief ich meine Tochter in der Bremer Kolonie an. Ich bot ihr an, sie jetzt aufgrund ihrer angedeuteten Konsequenz nach Hause zu holen. Ich sollte jedoch noch nicht kommen, da sie sich noch nicht entschlossen habe. Während des Gesprächs hatte ich den Eindruck, daß jemand mithörte. Ich beendete das Gespräch mit dem Hinweis, ich würde dann wieder anrufen. Als ich am darauffolgenden Abend wieder anrief, wurde mir eröffnet, daß ... (der Deckname meiner Tochter) bereits in den frühen Morgenstunden nach Paris gefahren sei, um dort zu bleiben. Mein Gesprächspartner war ein junger Mann namens "Jesaja“, der sich als Kolonieleiter ausgab. Seinen bürgerlichen Namen wollte er mir nicht nennen. Ich bekam auch keine Hinweise über die Beweggründe meiner Tochter. Bei allen früheren Umzügen hatte sie uns das immer vorher mitgeteilt. Ihr jetziges Verhalten war uns daher unverständlich, zumal sie ja in Aussicht stellte, ihre Konsequenzen aus der nicht eingetroffenen Voraussage "Mose Davids“ zu ziehen. Mir wurde bewußt, daß meine Tochter in "Sicherheit“ gebracht worden war. Ich erstattete deshalb Strafanzeige wegen Freiheitsberaubung gegen den Bremer Kolonieleiter "Jesaja“. Es handelt sich dabei um den Schweizer Staatsangehörigen E. Steiner. Dieses Verfahren wurde inzwischen vorläufig eingestellt, weil "Jesa ja“ nicht auffindbar ist. Meine Tochter schrieb dann auch von Paris unter einer Postfach-Nummer, über die Beweggründe der eiligen Abreise aus Bremen jedoch kein Wort. Anfang Ja-

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nuar 1977 teilte sie uns dann plötzlich ihre genaue Adresse in Paris mit. Ich vermute, auf Anraten der Anführer wegen der Nachforschungen der Polizei. Sie stellte auch in Aussicht, uns Ostern 1977 zu besuchen. Ich schickte ihr eine Fahrkarte. Am 4. April 1977 kam sie dann auch, allerdings drei Tage später als angekündigt, weil angeblich der Anführer verreist war.
Inzwischen hatte ich durch Gerichtsbeschluß die vorläufige Vormundschaft über meine Tochter erlangt. Als ich ihr dieses eröffnete, nahm sie es ganz gefaßt auf. Ich bekam sogar den Eindruck, als wenn sie froh war, daß sie diese Entscheidung nicht zu treffen brauchte. Auch danach traten keine Schwierigkeiten mit ihr auf. Sie war jedoch von der Ideologie der "Kinder Gottes“ noch voll besessen und noch nicht bereit, bzw. in der Lage‘ eine normale Tätigkeit aufzunehmen, obwohl sich einige junge Leute sehr um sie bemühten und viel mit ihr diskutierten. Die Behandlung eines Arztes lehnte sie weiterhin ab. Uns war klar, daß wir sehr viel Geduld aufbringen mußten.
Nach etwa drei Monaten war meine Tochter wieder verschwunden, ohne etwas zu hinterlassen. Nach den bisherigen Recherchen wurde sie am frühen Nachmittag des 27. Juni 1977, während meine Frau und ich außer Haus waren, von einem Göttinger Pkw abgeholt. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Aktion vorbereitet war und meine Tochter freiwillig mitgegangen ist. Inzwischen meldete sie sich brieflich, jedoch ohne Ortsangabe und Datum. Die Briefe sind in Paris abgestempelt, und als Absender ist eine Pariser Postfachadresse angegeben. Nach den gesammelten Erfahrungen mit den "Kindern Gottes“ ist es daher nicht sicher, daß sich meine Tochter auch in Paris aufhält. Die Fahndung von Kripo und Interpol verlief bisher ergebnislos.
Meine Tochter äußerte sich nie konkret zu Fragen über Organisation, Aufbau, Methoden‘ Sinn, Geld und Zweck der "Kinder Gottes“, sondern wich dann immer auf Bibelstellen aus. So konnte ich auch nicht ergründen, warum sie im Sommer 1976 ganz plötzlich nach Paris gefahren war und von ihrem Vorsatz, die Konsequenzen zu ziehen‘ abwich. Nur einmal bestätigte sie mir, daß ihr gesamter Sinneswandel sowie ihre Persönlichkeitsveränderung auf eine Art Gehirnwäsche in der Anfangszeit zurückzuführen seien.
 

Bericht 19 (vom 20. November 1977)

Am 1. September 1974 siedelte unsere Tochter C. zu den "Kindern Gottes“ über. Wir wußten nichts von ihrem Vorhaben, sondern erfuhren es einige Wochen später durch einen Brief von ihr. Sie teilte uns darin mit, daß sie seit dem 1. September 1974 in Essen in einer großen Familie bei den "Kindern Gottes“ wohne. Sie sei sehr glücklich und habe Gott gefunden. Sie sei von einem Fami166
lienmitglied auf der Straße in Hannover angesprochen worden und habe mit ihm ein längeres Gespräch geführt. Mit der Zeit wäre ihr klar geworden, daß sie nicht mehr in dieser Leistungsgesellschaft, sondern nur noch zusammen mit den "Kindern Gottes“ für Gott leben könnte. Sie habe deshalb aus ihrem früheren Leben aussteigen müssen, um neu zu beginnen.
Unsere Tochter war Gymnastiklehrerin an einem Mädchengymnasium in Hannover und hatte gerade ihr Probejahr beendet. Wir waren vor den Kopf geschlagen. C. hatte alle Zelte hinter sich abgebrochen: Ihren Beruf‘ ihre Eltern, ihre Geschwister und ihren Freundeskreis. Unsere Bemühungen, durch Briefe und persönliche Gespräche mit ihr, den Weg zurückzufinden‘ waren vergeblich. Sie betonte immer wieder, sie wolle nicht mehr zurück, und wäre sehr, sehr glücklich. Damals wußten wir leider noch nichts von der Gefährlichkeit dieser Sekte. Inzwischen haben wir viel Schlimmes erfahren. Aufgeschreckt wurden wir durch einen Bericht im Stern-Magazin Nr. 32, auf den uns eine frühere Freundin von C. aufmerksam machte. Wir waren entsetzt über den Bericht, der die Schandtaten dieses Sektenführers "Mose David“ aufdeckte, der unerfahrene, junge Menschen unter falschen Voraussetzungen in eine religiöse Jugendgemeinschaft lockt und sie dann schamlos ausnützt.
Unsere Tochter lebt seit Mai vorigen Jahres nicht mehr in Deutschland. Post kommt aus Italien, Spanien und Portugal. Daß wir sie noch einmal zurückbekommen‘ glauben wir fast nicht mehr. Es ist für uns nicht faßbar‘ daß ein Mädchen wie C. auf solch einen Menschen hereinfallen konnte. Wir führten ein gutes Familienleben. Wir sind der Meinung, daß sich unsere Regierung mehr für die Machenschaften dieser "Kinder Gottes“ und ihres Führers "Moses David“ interessieren sollte, damit nicht noch mehr junge Menschen in ihr Unglück rennen.
 

Bericht 20 (Brief an das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Düsseldorf)

Unsere Tochter L. geriet Ende 1975 in Düsseldorf in die Fänge der sogenannten "Kinder Gottes“. Sie war plötzlich verwandelt, ganz anders. Am ... wurde sie von einem Rainer Rongards aus dem Hause geholt.
Mit gerichtlicher Hilfe war es uns am ... möglich, unsere Tochter an der Rückkehr in die Kolonie der "Kinder Gottes“ zu hindern. Am ... kam L. völlig überraschend zu Besuch in ihr Elternhaus, nachdem wir volle sechs Monate ihren Aufenthaltsort nicht wußten. Unsere Tochter hatte einen völlig veränderten Gesichtsausdruck, ihr Wesen, ihre Stimme und ihre Sprechweise waren völlig verändert. Die folgenden Wochen und Monate waren für uns hart und furchtbar‘ furchtbar auch für unsere Tochter, wie wir heute wissen. Unsere Tochter litt er-

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heblich an Entzugserscheinungen; leider ist uns dies erst in jüngster Zeit bewußt geworden.
Das Geschehen sogenannter "Kinder Gottes“ ist den Behörden und der Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt. Es ist daher erklärlich, daß Behörden und Ärzten bisher eine illegale Behandlung vermutlich mit Halluzinogenen nicht auffiel. Viele uns bekannte Einzelfälle lassen jedoch auf eine Drogenanwendung schließen.
Die Profis innerhalb der Gruppe "Kinder Gottes“ arbeiten mit allen Mitteln, international. Es ist zu befürchten, daß die Ordnungsorgane unseres Staates den Methoden der Gruppe zunächst nicht gewachsen sind. Viele uns bekannte Einzelheiten sprechen dafür. Die ersten sog. Mo-Briefe erschienen in Essen Mitte 1970. Wieso verfügt man heute, März 1977, erst über so relativ geringe Erkenntnisse? Wie groß ist die Zahl der Opfer, wieviele Millionen DM wurden illegal außer Landes geschafft? Wer hilft den Opfern?? In der Bundesrepublik werden jährlich ca. 50.000 junge Leute (fünfzigtausend) vom Sektengeschehen betroffen, was man "Neue Jugendreligionen“ nennt. Soll man dieses Geschehen als unbedeutend bezeichnen? Es ist doch sehr beklemmend zu sehen, wie das religiöse Empfinden junger Menschen als Deckmantel für Großbetrügereien benutzt wird und das übersteigerte Glücksempfinden und Jesus-Erleben höchstwahrscheinlich auf Drogen beruht. Viele Befragungen haben ergeben, daß die Opfer von der vermuteten Verabreichung der Mittel nichts wissen. Meskalin z.B. wird in wässriger Lösung, farblos, angeboten. Eine unbemerkte Verabreichung ist mühelos durchführbar. Der Verein "Kinder Gottes e.V.“ ist in Essen unter VR 2192 eingetragen. Dem Verein wurde am 18.7.1972 vom Finanzamt Essen die Gemeinnützigkeit zuerkannt. Wie sollen bei diesen Voraussetzungen junge Menschen erkennen, daß sie hier eine sehr brutale Falle erwartet? Wer hat hier nun die Haftung für das Geschehen zu übernehmen? Wer trägt die zum Teil nicht unerheblichen Vermögens- und Verdienstverluste? Wer kümmert sich um mögliche Gehirnschäden? Viele Opfer haben Gedächtnislücken! Wer übernimmt die Kosten für die Rehabilitierung der jungen Leute? Die Opfer brauchen Monate und Jahre, um das Geschehen zu begreifen und wieder normale Menschen zu werden.
 

Bericht 21 (Bericht eines Ehemaligen)

Im Sommer 1977 trampte ich zusammen mit meinem Freund P. durch die Türkei und den Nahen Osten, danach gelangten wir Anfang September mit dem letzten Geld bis nach Athen. Wir hielten uns noch ein paar Tage über Wasser und kamen dann zufällig an einem Haus vorbei, aus dem gerade ein Junge kam, den wir am

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Tag zuvor in einer Gasse flüchtig gesehen hatten, als er mit einem anderen Gitarre spielte. Er lud uns gleich zum Essen ein. Außer ihm wohnten noch drei andere Jungen in dem Haus (Kolonie). Beim Essen erzählten sie uns, sie seien "Kinder Gottes“, würden nach der Bibel leben, für die Liebe und Nachfolge Jesu. Sie sangen Lieder und spielten uns "antisystemitische“ Sketche vor, lasen mit uns die Bibel und Mo-Briefe. Wir waren so beeindruckt, daß wir gleich dablieben. Schon am zweiten Tag begann für uns der normale Tagesablauf:
9.00 Uhr: Aufstehen, gemeinsames Bibellesen
10.00 Uhr: Einkaufen, Frühstück bereiten, Essen, Abwaschen
11.00 Uhr: Mo-Briefe lesen, nach Satzkarte zwei aus dem Zusammenhang gerissene Bibelverse täglich auswendig lernen, stille Zeit
14.00 Uhr: Kochen, Mittagessen, Abwaschen
15.00 Uhr: Mo-Briefe und Bibel lesen, evtl. Mittagsschlaf
17.00 Uhr: Zu zweit in die Straßen gehen, Mo-Briefe verteilen, singen, betteln und bezeugen
Die Rückkehr lag zwischen 1.00 und 2.00 Uhr morgens. Der Stundenplan wurde allerdings nicht immer genau eingehalten, da es in Griechenland keine so straffe Organisation gibt wie in Deutschland, z.B. ist kein Mindestbetrag festgesetzt, den man täglich erbetteln soll, sondern jeder muß soviel ranschaffen, wie er kann. Nach drei Tagen wurde uns ein Zettel vorgelegt, der in fünffacher Ausführung, jeweils mit Paßbild, auszufüllen und zu unterschreiben war.
Folgende Angaben waren zu machen: Name, Alter, Beruf, künstlerische Talente, Impfungen, Krankheiten, sämtliches Eigentum, Adresse der Eltern. Die Unterschrift sollte die Übergabe des Eigentums bestätigen, daß man keine Schulden hat und nicht auf Fahndungslisten steht. Außerdem muß der Name desjenigen, der das neue Mitglied geworben hat, aufgeführt werden. Ich unterschrieb diesen Zettel sofort, P. war jedoch nicht bereit dazu und verabschiedete sich kurz danach. Ich blieb und bekam einen biblischen Namen, um mein bisheriges Leben vollends aufzugeben. Nach weiteren fünf Tagen wurde ich in eine andere Kolonie gebracht. Kurz darauf bekam ich Angina und erhielt wegen der Ansteckungsgefahr ein eigenes Zimmer, was sonst nur Ehepaaren oder Hirten zusteht. Die Krankheit dauerte eine Woche. Wir suchten verschiedene Ärzte auf, die mich kostenlos behandelten. In Athen leben 100 Sektenmitglieder in 10 Kolonien, davon 20 Kinder, die in einer Schulkolonie betreut und unterrichtet werden. Es sind Leute aus 11 Ländern, die harmonisch zusammenleben und bei denen ich kein einziges Mal Streit erlebt habe. Ich wurde nie alleingelassen, hatte auch nicht das Bedürfnis, denn die Gruppe beeinflußte mich so stark, daß ich von der Notwendigkeit sämtlicher Anordnungen überzeugt war. Ich fühlte mich sehr wohl in der Sekte.
Nachdem ich Ende September von P. gewaltsam rausgeholt worden war, dauerte

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es einige Zeit, bis ich mich von Mo‘s Gedankengut lösen konnte und mich durch eine Information davon überzeugen ließ, daß die "Kinder Gottes“ kriminell sind.
 

Bericht 22 (ohne Datum)

Meine Tochter, sechstes von neun Kindern, mittlere Reife, damals gerade Praktikum im Kindergarten begonnen und mit einem Platz an der Fachoberschule, Ziel sozialer Beruf, verließ am Abend des ... das Haus, um, wie sie ihren Geschwistern sagte, nach ... zu fahren. Gegen 23.00 Uhr rief sie meinen Sohn an -ich war zu der Zeit für einige Tage verreist - und sagte ihm, daß sie bei den "Kindern Gottes“ bleibe und ihre Ausbildung nicht mehr weiter mache. Am ... kam sie mit einem amerikanischen Ehepaar und am nächsten Tag mit einem anderen Amerikaner, um ihre persönlichen Sachen zu holen und das Ausbildungsverhältnis zu lösen. Meine Tochter wirkte ganz verärgert, war keinem Argument zugänglich, weder von mir noch anderen, die ich einschaltete. Diese Sekte war mir bis dahin vollkommen unbekannt. In den wenigen Wochen bis zur Volljährigkeit meiner Tochter gelang es mir nicht, Näheres zu erfahren, und die Möglichkeit eines Eingreifens war vertan. In der Zwischenzeit habe ich Kontakt zu anderen betroffenen Eltern bekommen, viele persönliche Erfahrungen machen können und viel Schriftmaterial aus ganz verschiedenen Richtungen gesammelt, weiß nun, wie gefährlich diese Sache für junge Menschen ist. Ich habe mich bereits an viele Stellen um Hilfe gewandt, habe immer wieder versucht, in Briefen und bei den wenigen persönlichen Kontakten, die ich mit meiner Tochter hatte, sie von dem Wahn abzubringen. Alles ist vergebens. Die Sorgen belasten mich zusehends, und mein Gesundheitszustand ist in letzter Zeit schlecht geworden. Ich stelle öfters fest, daß ich für meine jüngeren Kinder, die 12, 14 und 17 Jahre alt sind, nicht mehr voll da sein kann - mein Mann starb vor zehn Jahren. In meiner Not bin ich vor einigen Wochen beim Amtsgericht gewesen, um mich nach einer Entmündigung zu erkundigen. Wie ich erfuhr, ist auch dieser Weg einer Lösung sehr schwer, zumal mir nicht klar ist, wie es dann weiter gehen soll. Ich komme mir als Mutter vollkommen hilf- und rechtlos vor. Wenn ich meinen Kindern die Ausbildung verweigern wollte, ihnen so ein primitives Leben wie bei. dieser Sekte zumuten würde, sie zum Betteln, ganz zu schweigen von anderen Dingen, anhalten würde, sie ohne Versicherungsschutz lassen würde, wäre ich schon längst und zu Recht zur Verantwortung gezogen worden. Andererseits bin ich mir darüber im klaren, daß die Behörden mich schnell finden werden, wenn es um die Unterhaltspflicht bei einem möglichen Notfall meiner Tochter ginge. Meiner Meinung nach ist es höchste Zeit, daß die Behörden und eventuell der

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Bundestag eingreifen, die entsprechenden Bestimmungen ändern oder erlassen, damit diesen Sekten das Handwerk gelegt wird und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
 

Bericht 23 (Bericht einer Ehemaligen ohne Datum)

Ich war neun Wochen Mitglied der Sekte "Kinder Gottes“ und kam, wie ich es bezeichnen kann, als seelisches Wrack heraus. Der Beweis liegt darin, daß ich sechs Monate nicht arbeiten konnte, da ich unter Depressionen litt und überhaupt nicht mehr daran gewöhnt war, einen normalen Arbeitstag zu schaffen. Nach dem Austritt bin ich ständig in ärztlicher Behandlung und kann nur sagen, daß ich nach neun Wochen Beruf wieder krank geschrieben wurde. Den Zustand kann man nur als überdimensional nervös bezeichnen. Dies ging soweit, daß ich über einige Muskeln keine Kontrolle mehr hatte. Zusätzlich hatte ich wahnsinnige Kopfschmerzen. Allgemein konnte ich kaum wieder in der realen Welt zurechtkommen; zu erklären ist es nur so, daß ich nie mehr daran gedacht hatte, Probleme oder normale Dinge, die auf jeden zukommen, selber zu lösen. Der Zustand im ganzen hält nun schon acht Monate an, und es war oft eine Qual, überhaupt wieder Fuß zu fassen. Selbst der Arzt riet mir zu einer langwierigen Therapie, um wieder gesund zu werden. Leider bin ich heute noch nicht wieder fähig, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich kann nur bestätigen, daß es enorm viel kostet, sich nach dem Austritt aus der Sekte wieder zurecht zu finden.
 

Bericht 24 (Brief einer Ehemaligen vom 28. Januar 1975)

Schon lange wollte ich Dir schreiben. Doch hat mich irgendwas davon abgehalten. Ich muß ehrlich sagen, ich wollte Dir nicht nur so ein paar oberflächliche Zeilen schreiben. Schreibe ich Dir aber aus dem Herzen heraus, so könnte es sein, daß es Dein Verhältnis mit den "Kindern Gottes“ trübte. Darum habe ich so lange gewartet. Doch habe ich oft an Dich gedacht. Ich habe dreimal an ... geschrieben, sie antwortet leider nicht. Es tut mir sehr leid, weil ich sie lieb habe. Oft frage ich mich, ob die Familie überhaupt noch bei Dir wohnt. Doch nun will ich Dir erst einmal von uns erzählen. Nun weiß ich ja nicht, was sie Dir erzählt haben, warum ich weg bin und wohin. Oft wird es verschwiegen in der Familie, wenn jemand weggeht. Kurz danach, als Du Deinen Besuch zu Deinem Sohn angetreten hattest, sagte mir ..., daß ich nicht mehr in Deinem Hause tätig sein könne, wir müßten alle mehr auf der Straße predigen, mit anderen Worten Geld besorgen. Ich wehrte mich sehr dagegen, da ich wußte, daß Dir das gar nicht ge171
fallen würde und ich außerdem in der Küche und im Haus viel nützlicher war. Ich hatte eine große Auseinandersetzung mit ..., ich war am Ende damals. Sie wollten mich nicht mal zu meinem Sohn lassen, bevor ich nicht eingesehen hatte, daß es Gottes Wille sei, auf die Straße zu gehen, jeden Tag sechs Stunden. Ich mußte klein beigeben, ich war ihnen ja ausgeliefert. Damals, als Du anriefst, ob alles in Ordnung sei, stand immer jemand daneben. So konnte ich Dir nicht die Wahrheit sagen. Ich fühlte mich schäbig. Kurz bevor Du zurück kamst, wollten sie, daß ich mitten in der Nacht nach Düsseldorf auf eine "Glaubensreise“ gehe. Wieder weg, irgendwo anders hin, getrennt von ... Ich habe am Telefon gesagt, daß ich nicht den Glauben dazu habe und daß ich mich umbringen werde, wenn er mich jetzt nicht hier ließe. Ich war kurz davor, mir das Leben zu nehmen. Ich konnte Dir damals nicht die Wahrheit sagen, ich mußte Dir das glückliche "Kind Gottes“ vorspielen, es blieb mir ja nichts anderes übrig. Ich hatte doch nichts mehr. Wo sollte ich hingehen ohne Geld, und dann warnte man mich noch, das Gericht Gottes kommt über mich, wenn ich nicht den Willen Gottes tue. Ich war in einer verzweifelten Lage, und wäre nicht mein Sohn gewesen, so hätte ich Schluß mit mir gemacht. Am nächsten Tag sagte mir dann   daß ich erstmal die Familie verlassen müsse, da ich nicht den Regeln gehorcht hätte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu meiner Mutter zu gehen. Das war das Schlimmste für mich, wo sie doch so dagegen gewesen war, daß ich der Familie beigetreten bin. Und nun stand ich vor der Tür, vollkommen kaputt und zertreten, ein Häufchen Elend, das das Gericht Gottes über sich erwartete. Oh, ich bin so froh, daß dies nun überstanden ist! Ich habe mich inzwischen wieder gefaßt, meine Mutter hat mir sehr geholfen. wieder auf die Beine zu kommen. Alte Freunde haben mich finanziell unterstützt, so daß ich wieder mit meiner alten Tätigkeit beginnen konnte. Ich habe ein kleines, altes Häuschen mit Garten in einem winzigen Dorf in der Nähe meiner Mutter gemietet. Ich fange wieder an zu leben, ich genieße die Sonne, ich habe nun ein ganz anderes Verhältnis zu Jesus. Ich sehe nun, daß das Joch nicht so schwer ist, daß ich selbst Schuld dran war, daß es so lange unerträglich wurde. Ich habe einen "ehemaligen“ Bruder getroffen, der auch aus der Familie gegangen ist, weil es ihm dort nicht gefallen hat. Er war auch völlig verstört und wußte nicht, was er tun sollte. Ich glaube, daß uns Gott zusammengeführt hat, um uns gegenseitig zu helfen. Wir leben jetzt zusammen hier, ganz bescheiden aber glücklich. Das Kind ist auch ganz glücklich, wieder den ganzen Tag draußen spielen zu können. Er hat schon eine kleine spanische Freundin und spricht kaum noch von seinen Freunden auf der Farm. Das hat mich sehr gewundert, ich dachte, er würde sich nach ihnen sehnen. So, nun habe ich Dir mein ganzes Herz ausgeschüttet, damit Du verstehst, was da vorgegangen ist. Die Familie wird natürlich sagen, ich würde dem Teufel folgen usw. Auf jeden Fall bin ich kein Heuchler mehr, niemand mehr, der nicht seine eigene Meinung sagen darf. Nur

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immer alles sagen, was Mo sagt. Mich hat eines Abends die Wut gepackt, und ich habe alle meine Mo-Briefe verbrannt. Das tat gut. Ich lese nur noch die Bibel, sie gibt mir mehr Trost und Wahrheit.
Ich hoffe nur, daß Dich dieser Brief überhaupt erreicht, sicherer ist, ihn per Einschreiben zu schicken. Noch zum Schluß. Ich bat ... , meinen Koffer und die zurückgelassenen Kleider per Schiffsfracht nachzuschicken. Ich habe kaum Kleider für   auch fehlen mir Decken. Falls die Sachen noch in Deinem Haus sind, könntest Du mir den Gefallen tun, und mir die Sachen nachschicken, am besten unfrei, damit Du nicht noch Unkosten hast. Bitte, schreibe mir wieder, ja? Alles Liebe für Dich!

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