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AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989

 
Inhalt dieser Seite: Zum Thema in dieser Website: In anderen Websites:
Seite 1 SCIENTOLOGY-SEKTE: STADT MÜNCHEN GIBT NACH 
Seite 2  SCIENTOLOGY-SEKTE: IDEALVEREINE ODER WIRTSCHAFTSBETRIEBE? 
Seite 3 SCIENTOLOGY-SEKTE IN SPANIEN: ANKLAGE 
Seite 4 FORTSETZUNG: ANKLAGE GEGEN SCIENTOLOGEN IN SPANIEN 
Seite 5 MOON-SEKTE: WERBUNG, KOMMERZ, POLITIK 
Seite 6 MOON-SEKTE: VORSICHT: POLITISCHE GEISTERFAHRER 
Seite 7 BUNDESREGIERUNG: "GESETZE KÖNNEN GERECHTFERTIGT SEIN" 
Seite 8 Schlothauer: DIE AA-KOMMUNE, AAO, FRIEDRICHSHOF, DIE MÜHL'S 
Seite 9 FORTSETZUNG:DIE AA-KOMMUNE, AAO, FRIEDRICHSHOF, DIE MÜHL'S 
Seite 10 PSYCHOSTROIKA UND DIE LIEBLINGE 
Seite 11 MAHARISHI-KULT: VERFASSUNGSBESCHWERDE ZURÜCKGEWIESEN 
Seite 12 MAHARISHI-KULT: "DIE GOLDENE PARTEI" 
Seite 13  MAHARISHI-KULT: "AYURVEDA"-KLINIK ENDET IN PLEITE 
Seite 14 BHAGWAN-KULT: "ELTERNINITIATIVE" GEGRÜNDET 
 BHAGWAN BESTÄTIGT: ITALIENER VERSCHWINDEN IN POONA 
Seite 15 GRASS-SEKTE: 
 POLITSEKTEN-INHABER NIMMT KLAGE ZURÜCK 
Seite 16 GRASS-SEKTE: FORTSETZUNG 
Seite 17 BUCHBESPRECHUNG: 
 Gerke  über: Albert Cornelius Scheffler: »Jugendsekten« in Deutschland 
Seite 18  Fortsetzung Buchbesprechung 

 
AGPF AKTUELL 
INFORMATIONSDIENST FÜR DIE MITGLIEDER DER AGPF - AKTION FÜR GEISTIGE UND PSYCHISCHE FREIHEIT e.V., BONN  
IMPRESSUM: Herausgeber: AGPF. Eigendruck im Selbstverlag. Erscheinungsweise: Vierteljährlich. 
Verantwortlich: AGPF-Geschäftsführer Ingo Heinemann.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 1

SCIENTOLOGY-SEKTE:  STADT MÜNCHEN GIBT NACH

1983 hatte das Kreisverwaltungsreferat der Landeshauptstadt München (damaliger Leiter: Peter Gauweiler) der Scientology-Zentrale die Rechtsfähigkeit entzogen und ihr kurz darauf wegen zahlreicher Gesetzesverstöße ein Gewerbeverbot erteilt. Seither wird prozessiert. In der Zwischenzeit nahm die Sekte organisatorische Veränderungen vor. Die NEW ERA GMBH wurde gegründet, die angeblich den Buchvertrieb übernahm. Aber das Gewerbeverbot traf auch sie. Wohl deshalb wurde deren Sitz nach Hessen verlegt (vgl. AGPF AKTUELL II/87). Die Scientology Kirche Bayern e.V. wurde gegründet und übernahm die Funktionen der zeitweilig aus dem Vereinsregister gestrichenen Scientology Kirche Deutschland. In erster Instanz folgte das Verwaltungsgericht den Argumenten der Behörde und bestätigte die Verfügung der Behörde (VG München M 1392 VII 84 vom 25.7.1984). Die organisatorischen und wohl auch noch andere Maßnahmen haben das Gericht der zweiten Instanz offenbar davon überzeugt, daß der verbleibende Rest der Organisation tatsächlich ein Idealverein ist. Nach dem einzigen bisher vorliegenden Zeitungs-bericht (AZ v. 21.7.89) haben die Richter angeblich kein Hehl daraus gemacht, daß sie gegebenenfalls gegen die Stadt München entscheiden würden, da sich die Sachlage geändert habe: "Daraufhin zog die Stadt den Bescheid zurück; die Kosten teilen sich die Parteien".



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 2


 

 SCIENTOLOGY-SEKTE:  IDEALVEREINE ODER WIRTSCHAFTSBETRIEBE?

Prof. Roman Herzog, schon damals renommierter Verfassungsrechtler, Kommentator des Grundgesetzes und heute Präsident des Bundesverfas-sungsgerichtes, warnte schon 1971, bei dieser Frage allein auf das Selbstverständnis der betreffenden Organisation abzustellen:"Man braucht sich nur vorzustellen, was geschehen kann, wenn eine 'Religionsgesellschaft' beliebige wirtschaftliche oder politische Betätigungen in ihrem Selbstverständnis mit dem Attribut des 'Religiösen' versieht und für sie dann ... auch noch den Schutz des Artikel 4 in Anspruch nimmt".
Prof. Ferdinand Kopp, Verwaltungsrechtler aus Passau hingegen: "Vor allem aber sind die Gerichte auch bei der Beurteilung der Aktivitäten einer Religionsgemeinschaft als Religionsausübung grundsätzlich an das Selbstverständnis dieser Religionsgemeinschaft gebunden".

Sein Artikel in der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW 89, 2497) ist eine Entgegnung auf einen Artikel (NJW 88,2574) des Handels-rechtlers Prof. Karsten Schmidt aus Hamburg, der einen Beschluß des Landgerichts Hamburg hart kritisierte, durch welchen einem Sciento-logy-Verein die Eintragung ins Vereinsregister ermöglicht wurde. Das Gericht hatte gemeint, wenn in der Satzung des Vereins stehe, der Verein verbreite eine Religion, dann sei das nicht weiter zu überprüfen.

Prof. Karsten Schmidt verlangt demgegenüber "volle Nachprüfung der Wirtschaftstätigkeit bei religiösen und weltanschaulichen Vereinen". Überwiege die wirtschaftliche Tätigkeit, dürfe kein Verein ins Vereinsregister eingetragen werden. Derselben Meinung war schon das Oberlandesgericht Düsseldorf (NJW 83, 2574) und verweigerte die Eintragung. Zu diesem Urteil meint Kopp, das Gericht habe "allerdings auf der Grundlage eines offenbar unzulänglichen, im Beschwerdeverfahren nicht mehr ergänzbaren Sachvortrages" geurteilt. Mit dieser Argumentation hat die Scientology-Sekte stets versucht, das Urteil zu relativieren. Und da Kopp auch schon als Gutachter in Sachen Scientology tätig war, hat er deren Argumente offenbar übernommen.

Prof. Ferdinand Kopp :"Tatsächlich aber gibt es, soweit ersichtlich ist, auch unter den sogenannten Jugendreligionen jedenfalls in Deutschland keine Religionsgemeinschaften oder Weltanschauungsge-meinschaften, die sich nur als solche bezeichnen, ohne es in Wirklichkeit zu sein oder die zugleich auch wirtschaftliche Unter-nehmen wären".

In der dazugehörigen Fußnote 21 fehlt ein Hinweis auf das OLG Düsseldorf. Tatsache ist jedoch und jeder kann das im Urteil nachlesen: Kaum ein Gericht hatte je derartig viele Unterlagen der Scientology-Sekte auf dem Tisch, wie das OLG Düsseldorf. Einschließ-lich professoraler Gutachten.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 3

SCIENTOLOGY-SEKTE IN SPANIEN:   ANKLAGE

Aus EL PAIS vom 13. Juli 1989:

Richter Vazquez Honrubia übergibt den Fall dem obersten Gerichtshof

DIE SCIENTOLOGY-KIRCHE WIRD BESCHULDIGT DAS PARLAMENT IRREGEFÜHRT  UND 250 MILLIONEN PESETEN UNTERSCHLAGEN ZU HABEN

Jose Maria Vazquez Honrubia, Untersuchungsrichter der 21. Kammer von Madrid, übergab gestern den Fall gegen die Leiter der Scientology-Sekte dem obersten Gerichtshof, da Indizien zum Vorschein gekommen sind, Verbrechen gegen hohe Institutionen des Staates, Unterschla-gung von Vermögen einer großen Anzahl von Personen und Arzneimittel-betrug in mehreren Regionen begangen zu haben. Der richterliche Bericht führt dreizehn vermutliche Verbrechen der Sekte an und schätzt den vermutlich entstandenen Schaden sowohl für Einzelperso-nen als auch für den Staat auf 250 Millionen Peseten (ca. 3,5 Millionen DM). Es liegen fast einhundert Anzeigen vor. Der Bericht von Vazquez Honrubia führt folgende dreizehn Verbrechen an, derer die Sekte verdächtigt wird: Hochstapelei in mehreren Fällen, Fälschungen, illegale Gründungen von Unterrichtsinstituten, Amtsan-maßung, Vortäuschen von Straftaten, falsche Anklagen, Steuerverge-hen, Verbrechen gegen die Freiheit und mangelnde Sicherheit am Arbeitsplatz, sowie Nötigung und Drohungen, Geheimnisverrat, Irre-führung des Parlaments und Bildung einer illegalen Vereinigung.

Die richterliche Untersuchung beschreibt die Scientologykirche, deren internationaler Leiter Heber Jentzsch ist, und deren angeglie-derte und untergeordnete Gesellschaften - Dianetik, Narconon, Droga-non, New Era, Zentrum für Persönlichkeitsverbesserung, Stiftung "Weg des Glücklichseins" etc.- als einen "multinationalen Konzern, der sich dem Verkauf von Gütern und Diensten, Kursen und Vortragsreihen widmet, die die physische und geistige Gesundheit versprechen, basierend auf vollkommen unwissenschaftlichen Theorien, um von den Anhängern wachsende Geldsummen zu erhalten, bis zu siebzehn Milli-onen Peseten (ca. 272.000.-DM)." Die Sekte verweigert die Rückgabe der Gesamtsumme, wenn die Betroffenen den Betrug bemerken. "Zum Anwerben des Bürgers, der sich den Scientology-Zentren nähert, benutzen sie die sogenannten Persönlichkeitstests, den einzigen Gratisdienst, den die Organisation anbietet." Gemäß der offiziellen Kammer der Psychologen "enthalten diese Tests nicht einmal die minimalsten Voraussetzungen, die derartige Versuche enthalten soll-ten, sie werden nicht von Fachleuten durchgeführt und sind ein Betrug." "Wenn einmal der erste Test erfolgt ist, erhält der Schüler eine erste Lösung durch einen Kurs zum Preis von etwa 4000 Peseten (ca. 65.- DM), aber danach überzeugt man den Schüler, daß das nur der erste Schritt sei, um den Weg des Glücklichseins zu erreichen."
 

FORTSETZUNG: ANKLAGE GEGEN SCIENTOLGEN IN SPANIEN

Kurse ohne Grenzen

Die Kurszahl ist gemäß dem Gerichtsbericht so unbegrenzt wie das Wissen der Sekte. Der Preis dieser Glücksdosen bedeutet für den Schüler eine Ausgabe vom etwa zwanzig Millionen Peseten (ca. 320.000.- DM) und das, ohne zu den höchsten Stufen zu gelangen. Der Bericht klagt eine "massive Verabreichung chemischer Substanzen durch die Organisation" an, ohne daß diese "Reinigung" des Patienten/Schülers unter irgendeiner ärztlichen Kontrolle ausgeführt wurde. Zwei Kläger sagen aus, daß sie nach dieser Behandlung ein Diabetes-Koma erlitten. Einer mußte in die Klinik von Mostoles eingeliefert werden, der andere hatte bis letzten Juni Depressionen und Obsessionen bezüglich der erhaltenen Behandlung. Darüberhinaus erlitten etwa zwanzig Personen psychische Störungen nach ihrem Erlebnis mit Scientology und befinden sich in Behandlung.

Das Kernstück des scientologischen Verfahrens ist das E-Meter, ein Apparat, dem die Sekte zuschreibt, das Negative aus dem Gehirn zu vertreiben, das aber von Ingenieuren als ein bloßes Gerät zur Messung des elektrischen Widerstandes der Haut beschrieben wird. Sein wirklicher Wert beträgt nach Expertenmeinung höchstens 130.000 Peseten (ca 2.000.- DM). Scientology hat es einigen Schülern für 1.200.000 Peseten (ca. 20.000,- DM) verkauft. Während der Sitzungen mit diesem Apparat befragt der Auditor seinen Schüler über seine "intimsten und geheimsten Erfahrungen", diese Enthüllungen werden schriftlich festgehalten und  zu den persönlichen Berichten gefügt, die "detaillierte Beschreibungen über Sexualleben und mögliche kriminelle Handlungen" enthalten. Scientology wurde zweimal die Eintragung als religiöse Gemeinschaft durch das Justizministerium versagt. Das Gesundheitsministerium ist der Ansicht, daß deren Praktiken und Aktivitäten die öffentliche Gesundheit negativ beein-flussen. Bei der Registrierung im Innenministerium präsentieren sich die verschiedenen Filialen mit einem "gemeinnützigen und erzieherischen Ziel" und schließen jede politische und kommerzielle Aktivität aus, was jedoch in starkem Widerspruch zu den Erklärungen der Betroffenen und den beschlagnahmten Akten steht, in denen gerade die Finanzen den breitesten Raum einnehmen.

Die Höhe der hinterzogenen Steuer der durchsuchten Zentren betrug zwischen 1985 und 1988 fast zweihundert Millionen Peseten (ca. 3,2 Millionen DM). Man hat auch Geldüberweisungen zu Banken in Luxem-burg, der Schweiz und Dänemark festgestellt. Die Inspektoren des Arbeitsministeriums haben Akten beschlagnahmt wegen Verletzung der Arbeitsgesetze und Betrug der Sozialversicherung in Höhe von über 77 Millionen Peseten (ca. 1,2 Millionen DM) und die Zahl der geschädig-ten Mitarbeiter wird auf 176 geschätzt. Insgesamt haben 95 Personen gegen die Organisation ausgesagt und Schäden in Höhe von über 74 Millionen Peseten (ca. 1,18 Millionen DM) geltend gemacht.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 5

MOON-SEKTE: WERBUNG, KOMMERZ, POLITIK

MOON-SEKTE WIRBT MIT SELIGGESPROCHENEM JESUITENPATER

Anhänger der Moon-Sekte haben in der Münchner Fußgängerzone Passanten angesprochen, direkt vor der Bürgersaalkirche. In dieser befindet sich das Grab des Jesuitenpaters Rupert Mayer, der 1987 seligggesprochen wurde. Die Moon-Anhänger verteilen Bücher, aber auch Karten mit den Adressen der Moon-Sekte. Der Rektor der Bürgersaalkirche, Pater Richard von Aretin, hat deshalb eine Warntafel am Eingang angebracht, mit der er auf die Aktivitäten der Sekte hinweist. Seiner Meinung nach widerspricht die Werbeaktion nicht nur der Heiligkeit des Ortes, sondern stehe auch im Gegensatz zu den Anliegen des Seliggesprochenen, der "jede Form von Sektiererei aufs schärfste verurteilt hat".

AUTOFABRIK IN DER VOLKSREPUBLIK CHINA GEPLANT

Die Firma TONGIL ist auch in der Bundesrepublik tätig (vgl. AGPF AKTUELL 3/87) und hat die Firmen Wanderer-Werke, Heyligenstaedt und Honsberg gekauft. Jetzt will sie in China für fast 500 Millionen DM eine Autofabrik bauen, in der ab 1991 jährlich 300.000 Autos gebaut werden sollen. "Unklar bleibt", so die "Welt am Sonntag" vom 15. 10.89, "wo die Moon-Sekte die Technologie für eine PKW-Produktion kaufen will". Das dürfte so schwer nicht sein. Offenbar bemüht sich der Sektenkonzern weiter um den Ankauf von Firmen in der Bundes-republik. Auf Industriemessen werden üblicherweise Waren gekauft. Der Moon-Konzern soll angeblich versucht haben, ausstellende Firmen zu kaufen, zu deutlich überhöhten Preisen.

POLITIK

Erst in den USA und später auch in Europa hat Moon ein dichtes Geflecht von Beziehungen zu Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aufgebaut. Dabei dienen offenbar Kontakte aus dem Bereich der Wissenschaft als Eintrittskarte in diejenigen von Wirtschaft und Politik (vgl. auch AGPF AKTUELL II/89: INTERNATIONAL SECURITY COUNCIL IN BONN). Diese ISC-Tagung war auch der Anlaß für einen mehrseitigen Bericht im SPIEGEL (16.10.89). Demnach war auch der damalige Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium und heutige Generalsekretär der CDU, Lothar Rühl,  Mun-Gast, wußte allerdings "überhaupt nicht, wer das war". DER SPIEGEL: "Rühl brachte das Thema ins Kabinett: 'Da war man erstaunt, daß die sich hinter solchen Fassaden verstecken'. Ein Beschluß wurde gefaßt, den 'ISC auf eine Art Warnliste zu setzen, daß die Mun-Sekte dahinter-steht'" . Die Liste sei jedoch nie verfaßt worden, so der SPIEGEL. Der SPIEGEL nennt einige weitere Mun-Gäste: Den früheren FDP-Sicherheitsexperten Wolfram Dorn, den CSU-Europarlamentarier Otto von Habsburg, dessen Parteifreund Hans Graf Huyn und den General a.D. Günther Kießling. Auch Karl Friedrich von Weizsäcker, der Bruder des Bundespräsidenten, sei gratis in Washington gewesen, Horst Eberhard Richter  in Miami, Heinz Maier-Leibniz , der Sozial-wissenschaftler Hans Mathias Kepplinger  und die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann in Seoul.



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 6

MOON-SEKTE:

VORSICHT: POLITISCHE GEISTERFAHRER

Diesen Titel hat ein Artikel im "NATO-Brief" 3/88 entnommen, der der AGPF zugesandt wurde. Anlaß: Der Artikel in AGPF AKTUELL II/89 über die Tagung des INTERNATIONAL SECURITY COUNCIL in Bonn. Als politische Geisterfahrer nannte der NATO-Brief schon 1988 nament-lich: den ehemaligen holländischen NATO-Generalsekretöär Joseph Luns, der auch 1989 in Bonn wieder dabei war, den deutschen General a.D. Jürgen Bennecke, den amerikanischen Politik-Professor Eugene Rostow, den Bundestagsabgeordneten Dr. Friedmann und den General a.D. Dr. Kießling. Die NATO-Brief-Redaktion "hofft, mit dieser Schilderung einen Beitrag zur politischen 'Verkehrssicherheit' geleistet zu haben".

Studenten der Universität Kiel nannten der AGPF einen weiteren Geisterfahrer: Prof. Dr. Werner Kaltefleiter, Leiter des Instituts für politische Wissenschaften, des Instituts für Sicherheitspolitik und der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle.

Kaltefleiter hat schon 1985 an einer Tagung des INTERNATIONAL SECURITY COUNCIL in Paris teilgenommen, zusammen mit seiner Assi-stentin Dr. Ulrike Schumacher. Deren Karriere nach Barschels Tod war sogar der Kieler Rundschau (20.7.88) einen Kommenmtar wert: Sie wurde flugs zur Akademischen Direktorin auf Lebenszeit ernannt. Die Studenten: "Andere Wissenschaftler, so um die 20 Jahre älter, sogar habilitiert, erhalten weniger - oder werden gar entlassen". Qualifi-ziert hatte sie sich offenbar in Barschels Pressestelle, während der Sitzungen des Untersuchungsausschusses, der  Barschels Machenschaf-ten untersuchen sollte. Presseberichten zufolge (insbesondere SZ v. 4.11.87) war sie maßgeblich an der Verteidigung von Barschels Lügengebäude beteiligt (Vgl. auch AGPF AKTUELL II/89: "Barschel war Maharishi-Anhänger").

Dr. Ulrike Schumacher hatte schon 1987 eine sog. "Berlin Declara-tion" des ISC unterzeichnet, die allerdings nur in der Washington Times veröffentlicht wurde. Und die gehört bekanntlich zum Moon-Konzern (vgl. AGPF AKTUELL I/87 S.2). Damals war sie "Referentin für Außen- und verteidigungspolitik an der Landesvertretung Schleswig-Holstein beim Bund". Kein anderes Bundesland beschäftigt Referenten mit einem solchen Auftrag. Die "Kieler Rundschau": "Eine klassische Länderaufgabe, nicht wahr?"



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 7

BUNDESREGIERUNG:

"GESETZE KÖNNEN GERECHTFERTIGT SEIN"

Zum zweiten Mal hat der Bundestagsabgeordnete Dr. Daniels (DIE GRÜNEN) eine sog. Kleine Anfrage an die Bundesregierung gerichtet, die sich mit den sog. Jugendrelionen befaßt. Dr. Daniels hatte schon am 20.8.1984 gefordert, Krishnas "im Bundestag sprechen zu lassen", so berichtete die Zeitschrift des Krishna-Kultes im September 1984.

Das Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (BMJFFG) bestätigte, ein verfassungsrechtliches Gutachten in Auftrag gegeben und bereits im April 1988 erhalten zu haben. Dies sei jedoch nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Der Hintergrund, der in der Antwort unerwähnt bleibt: Damals hatten sowohl diverse Kulte, als auch der Bundesrechungshof die Zuständigkeit der Bundesregierung und insbesondere des BMJFFG bezweifelt. In einer solchen Situation ist es ein üblicher Vorgang, zum Zweck der Meinungsbildung Gutachten einzuholen, insbesondere dann, wenn es sich um völlig neue Gebiete handelt. Inzwischen hat jedoch das Bundesverwaltungsgericht ent-schieden: Die Bundesregierung und insbesondere das BMJFFG ist zuständig (vgl. IDK I/89: "Der Staat darf warnen"). Das Urteil kann bei der AGPF unter dem Stichwort AGPF-Materialdienst 13/89 angefor-dert werden. Das BMJFFG benutzt die Anfrage, ein kleines Detail aus diesem Gutachten zu veröffentlichen: Demnach könne es auch gerecht-fertigt sein, durch Gesetze Regelungen mit Auswirkungen auf Religion und Weltanschauung zu treffen. Die AGPF hatte 1987 im Gespräch mit der damaligen Gesundheitsministerin Süßmuth ein Gesetz gegen den Mißbrauch persönlichkeitsverändernder Verfahren gefordert.

Auch könnten, so die Antwort weiter, "Informationen von öffentlichem Interesse zusammengestellt und veröffentlicht sowie bei begründetem Anlaß auch Warnungen ausgesprochen" werden, so das Gutachten wie im übrigen sinngemäß auch das erwähnte Urteil des Bundesverwaltungs-gerichtes.

Tatsächlich hatte der Bhagwan-Kult der AGPF gerichtlich verbieten lassen wollen, aus öffentlichen Handels- und Vereinsregistern Informationen über Vereine und Firmen des Bhagwan-Imperiums zu sammeln, welches sich damals ganz ungeniert als Wirtschaftskonzern darstellte. Im Verlauf des gegen die Bundesregierung gerichteten Verfahrens - die AGPF wird aus dem Bundeshaushalt finanziert - hat der Kult diesen absurden Anspruch von sich aus aufgegeben.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 8

Andreas Schlothauer*:

 DIE AA-KOMMUNE, AAO, FRIEDRICHSHOF, DIE MÜHL'S

In der ersten Hälfte der 70er Jahre entstand in Wien um den damals fast 50jährigen Wiener Aktionisten Otto Mühl eine Kommune mit freier Sexualität und Gemeinschafseigentum. Etwa 30 Wiener Twens bekannten sich zur Kommuneideologie und zum totalen Konsum- und Kultur-verzicht, äußeres Zeichen war die AA-Glatze. Sie nannten sich, abgeleitet von der gemeinsam praktizierten Therapie (Aktionsanalyse), 'aktionsanalytische Kommune' oder AA-Kommune. Ab 1975 wurden Kommunekurse abgehalten, bis Ende 1977 hatte sich die Kommune auf über 600 Mitglieder vergrößert, mit Stadtkommunen in Österreich, Deutschland, Schweiz, Frankreich, Holland und Skandina-vien. Man nannte sich nun Aktions-Analytische-Organisation (AAO). Die assoziierten Kommunen wurden ab 1977 durch, vom Friedrichshof entsandte, Gruppenleiter ideologisch fest in die AAO eingebunden. Alle 3-4 Monate wurden diese Statthalter abgelöst.

1977 wurde in allen deutschsprachigen Ländern, in Frankreich und Skandinavien die Presse auf die skurrilen Kommunen aufmerksam, denn die AA-Ideologie wurde aggressiv verbreitet, man wollte Massen-bewegung werden, höchstes Ziel war die 'WCO - die Welt-Kommune-Organisation' Gekämpft wurde gegen die "Kleinfamilie (KF)" und die, "sexuell verkrüppelnde Zweierbeziehung". Durch die gemeisame Thera-pie sollte die "kleinfamliäre Schädigung" herausgebrüllt; Ekel und Hass, Depression und Inzestwünsche mußten auf dem Weg zum "neuen Menschen überwunden und ausgelebt" werden.  Die Ordnung innerhalb der Kommunen wurde durch hierarchische Durchnumerierung - vom Ersten bis zum Letzten - erzwungen. Maßstab für den Hierarchieplatz war das wage definierte AA-Bewußtsein. Mühl verbreitete eine sehr merkwür-dige Weltrettungstheorie. Durch globale freie Sexualität sollte der bevorstehende Weltuntergang verhindert werden. Wer in die AAO eintrat, gehörte zur Elite. Alle persönlichen Probleme kamen aus der Kindheit, zur Bewältigung sollten Vater und Mutter gemordet und vergewaltigt werden.

Der wirtschaftliche Bankrott und die öffentliche Kritik waren die Auslöser, ab 1978 direktes öffentliches Auftreten zu vermeiden. Die Stadtgruppen erhielten mehr Autonomie, Privateigentum wurde wieder eingeführt, viele begannen zu studieren oder setzten die abgebro-chene  Ausbildung fort. Neue Mitglieder wurden äußerst behutsam durch gemeinnützige Vereine geworben, die vorgaben Stadtteil- bzw. Kulturarbeit zu leisten. Ab 1981 drängte Mühl auf intensivere Anwerbung. Mühl am Friedrichshof und einige seiner Gruppenlei-ter(innen) in den Stadtkommunen verbreiteten wieder aggressiv die Kommuneideologie. Des öfteren wurden Kursteilnehmer gegen ihren Willen mit Essensresten, Joghurt und Getränken überschüttet, wenn sie das von Mühl geforderte Unterwerfungsritual nicht mitmachten. In cholerischen  Anfällen schlug Mühl schon mal zu. Die verschleierten Rekrutierungsversuche neuer Kommunarden ließ die Öffentlichkeit wieder aktiv werden.
 

FORTSETZUNG: DIE AA-KOMMUNE, AAO, FRIEDRICHSHOF, DIE MÜHL'S

Die Autonomie der Stadtkommunen wurde ab 1981 zögernd eingeschränkt, Mühl wurde "alles zu demokratisch und liberal". Mit der öffentlichen Kritik in Deutschland 1982/83 wurde die Werbung neuer Mitglieder ab Mitte 1983 eingestellt, die Mühl-Kommune sollte sich durch die "Kinderproduktion" auf natürlichem Wege fortpflanzen. Das Privat-eigentum wurde wieder zu Gemeinschaftseigentum. Die freie Berufs- und Ausbildungswahl ist ab 1985 verboten. Alle Mitglieder der Stadtkommune müssen als Verkäufer arbeiten. Ein starres System der gegenseitigen Kontrolle wurde aufgebaut. Die Mühl's schlossen sich nach außen ab, eine extrem geschlossene Gemeinschaft entstand.

Zweierbeziehungen sind streng verboten; Ehen sind reine Steuer-ersparnis-Gemeinschaften; Otto Mühl hat diktatorische Vollmachten in jedem Bereich; sexueller Mißbrauch  von Jugendlichen durch Mühl und seine Frau; private Treffen mit Freunden oder Familienangehörigen müssen angemeldet und genehmigt werden;  Übernachtung bei den Eltern oder Freunden ist undenkbar; Besuche selbst bei todkranken oder gar sterbenden Eltern und Familienangehörigen werden willkürlich von Mühl verboten oder großherzig erlaubt; Briefe werden fallweise geöffnet; von den Mitgliedern Blanko-Vollmachten eingefordert, die auch nach ihrem Ausscheiden aus der Gemeinschaft einbehalten und benützt werden, Tagebücher und private Papiere werden kontrolliert und beim Auszug nicht ausgehändigt, etwa die Hälfte der scheidenden Kommunarden mußte bei Nacht und Nebel fliehen usw.

Warum bleiben trotzdem so viele? Mühl weiß es (Zitate aus Tonband-Mitschnitten von 1985): "Der Mensch ist ein Tier, und das erste, was er will, ist soziale Anerkennung. Lebensglück ergibt sich aus der Anerkennung im sozialen Kollektiv."  Die Anerkennung kontrolliert Mühl. Wer in seiner Nähe sein darf, der wird von den anderen respektiert. Wer von Mühl selbst unterstützt wird, der kann sich seines sozialen Aufstiegs in der Kommune sicher sein. Und Mühl ist sich seines Systems so sicher, daß er ganz öffentlich erklärt:

"Die Erwachsenen betrachte ich nur als Futter für die Kinder. Mein Plan wäre, hier 5.000 Kinder, und die Erwachsenen verzichten aufs Glück und schaffen nur noch Geld heran, damit man das hier aufbauen kann. Es geht nur darum, sich zu ändern. Über Nacht hast du keine Zweierbeziehung mehr, keine privaten Gefühle, alles baust du ab, aufs Geld bist du nicht mehr fixiert. Du dienst nur einer Sache: Projekt dritte Generation. Die Kinder der dritten Generation, die besser sind als alle miteinander, Menschen, die überhaupt noch nie da waren. Für so etwas zu arbeiten ist ein deratiger Glücksfall. Es mobilisert derartig viele Energie bei dem, der es erkennt und Glücksgefühle und Rausch, daß man sofort ein positiver Mensch ist".
 

* Der Autor ist Mitbegründer und Geschäftsführer des AGPF-Mitgliedsvereines Delphin e.V., in dem ehemalige Mühl-Anhänger organisiert sind.
 Anschrift: Richardisweg 17 - 8011 Forstinning
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 10

PSYCHOSTROIKA UND DIE LIEBLINGE

"Lieblinge" werden die Anhänger des Friedrich Liebling genannt, des Gründers der "Züricher Schule". "Psychostroika" nennt sich eine Arbeitsgemeinschaft, die sich kritisch mit deren Wirken befaßt. Psychostroika führt den Untertitel "Arbeitsgemeinschaft für Offenheit im Wirken der Zürcher Schule Friedrich Lieblings".
Psychostroika nennt die Zürcher Schule eine totalitäre Psychosekte:

"Wir sind Angehörige von Mitgliedern der Sekte, ehemalige Mitglieder oder anders Betroffene aus allen Schichten und daher politisch und konfessionell unabhängig. Wir wollen einerseits über die tatsächlichen Aktivitäten der Zürcher-Schule informieren, andererseits den ausgestiegenen Sektenmitgliedern  Hilfe auf ihrem schweren Weg zurück zur Selbstständigkeit und Gesellschaft vermitteln (über 500 haben es schon erfolgreich geschafft)".

Wohl noch niemals hat eine Betroffenen-Organisation recht kurz nach ihrer Gründung (Anfang 89) eine derart vollständige Dokumentation eines Kultes fertiggestellt, wie in diesem Fall: Zwei Pressedokumentationen, teilweise mit umfangreichen Listen. Die Nr. I: "Lieblinge unterwandern im Namen der UNO Zürichs Drogenpolitik". Nr. II: "Die Machtpolitik mit der AIDS-Angst". Beide können unter dem Stichwort AGPF MATERIALDIENST 16/89 bei der AGPF angefordert werden.

Die Laufbahn des Friedrich Liebling ist entfernt vergleichbar der des Dr. Ammon und seiner DAP (vgl. AGPF AKTUELL II/89 S. 18). Er glaubte, er sei der einzige "auf der ganzen Welt ... der sich der Sache der Tiefenpsychologie angenommen hat". So 1967. Dagobert Onigkeit, Gründer der Psychostroika: "Mit Besorgnis betrachten wir die opportunistische 180 0 - Wende der Zürcher-Schule vom Linksextremismus zum Rechts-Konservativismus".
 
 
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 11

MAHARISHI-KULT:

 VERFASSUNGSBESCHWERDE ZURÜCKGEWIESEN

Der Maharishi-Kult hat einen spektakulären Prozeß gegen die Bundesrepublik Deutschland verloren (vgl. IDK II/89) und dann auch noch die Öffentlichkeit über Einzelheiten der Verfahrens getäuscht (vgl. IDK III/89). Nicht nur die Öffentlichkeit, auch die Anhänger des Gurus: In der "TM-Zeitung" vom Juli 89 wurde behauptet, man wolle "sich jedoch mit diesem Unrecht nicht weiter gerichtlich auseinandersetzen", also keine Verfassungsbeschwerde einlegen. Tatsächlich hat der Kult sehr wohl Verfassungsbeschwerde eingelegt. Vertreten wurde er dabei durch Prof. Dr. Kopp aus Passau, der schon als Gutachter in Sachen Scientology hervorgetreten ist (vgl. oben S. 2). Die 1. Kammer des Ersten Senates des Bundesverfassungsgerichtes hat diese Verfassungsbeschwerde am 15.8.1989 "nicht zur Entscheidung angenommen, weil sie teils unzulässig ist, teils aus anderen Gründen keine hinreichende Aussicht auf Erfolg hat" (AZ: 1 BvR 881/89). Begründung: die TM-Bewegung müsse es sich gefallen lassen, als "Jugendsekte" oder "Jugendreligion" bezeichnet zu werden:

"Dies gilt auch dann, wenn, wie die Beschwerdeführer geltend  machen, die Qualifizierung als 'Jugendsekte' oder  'Jugendreligion' jedenfalls in den Augen der von der Bundes-regierung angesprochenen Öffentlichkeit den Vorwurf der  Verführung, Gefährdung und Ausbeutung Jugendlicher beinhaltet".

Das Gericht äußert sich auch zur Zuständigkeit der Bundesregierung und des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Demnach hat die Bundesregierung sehr wohl die Befugnis,

"gegenüber der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen sowie Empfehlungen oder Warnungen auszusprechen. Einer besonderen gesetzlichen Grundlage bedarf es hierfür nicht ...".

Damit ist endgültig klargestellt, was eigentlich immer klar war: Daß nämlich eine Regierung keineswegs nur auf Grund eines Gesetzes handeln darf. Sonst wäre es ihr auch schlicht unmöglich, vor einer neuen Gefahr zu warnen, und sei diese auch noch so groß, bevor nicht der Bundestag ein entsprechendes Gesetz verabschiedet hätte. Und das dauert meist lange. Immer wieder behaupten Kulte auch, die Regierung dürfe nur dann warnen, wenn eine Gefahr wissenschaftlich erwiesen sei. Dazu das Gericht:

"Insbesondere folgt auch aus dem hohen Rang des Grundrechts der Glaubens- und Gewissebnsfreiheit nicht, daß die Bundesregierung  ihr Tätigwerden von dem Ergebnis abschließender und unanfechtba-rer wissenschaftlicher Untersuchungen zum Gefahrenpotential der sogenannten 'Neuen Jugendreligionen/Jugendsekten' hätte abhängig machen müssen".

Der Beschluß kann bei der AGPF unter dem Stichwort AGPF MATERIALDIENST 14/89 angefordert werden. Darin enthalten ist auch ein Abdruck des Urteils des Bundesverwaltungsgerichtes.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 12

MAHARISHI-KULT:

 "DIE GOLDENE PARTEI"

Die AGPF berichtete schon am 1.7.1984 (IDK I/84): "Maharishi-Kult gründet politische Partei". Dem Deutschen Bundestag hingegen berichtete die Partei in ihrem Rechenschaftsbericht für 1985 (Drucksache 10/6803): "Die Partei wurde am 1. Mai 1985 gemäß dem gültigen Parteiengesetz ordnungsgemäß gegründet. Landesverbände existierten noch nicht".

Schon im ersten Jahr ihrer "ordnungsgemäßen" Existenz konnte die Partei 3,3 Millionen Einnahmen verbuchen, darunter immerhin über eine halbe Million DM an Spenden und eine viertel Million DM an Krediten. Die "Geschäftsstellenausstattung" schlug mit fast einer halben Million DM zu Buche.

Wichtigster Posten: "...von den Mitgliedern ... unentgeltlich zur Verfügung gestellten Sach-, Werk- und Dienstleistungen in Höhe von 2 500 151,- DM".

Dieser Posten fehlt im Bericht für 1986. Dementsprechend niedriger sind die Gesamteinnahmen ausgefallen: "Nur" noch 650.000.- DM. (Die Republikaner haben 1985 Einnahmen von etwa 250.000.- DM ausgewiesen). Die "Geldbestände" hingegen haben sich innerhalb eines Jahres fast verzehnfacht: Von 17 000.- DM auf 150 000,- DM. (Bei den Republikanern 1985 etwas über 25.000.-).

Der Bericht für 1986 (Drucksache 11/977) trägt die neue Überschrift Bundespartei. Der Vermerk aus dem Vorjahr ("Landesverbände existieren noch nicht") fehlt. Demnach wurden zwischenzeitlich Landesverbände gegründet.

Adresse laut Bericht '85: Postfach 102049 in Heidelberg. Dahinter steckte eine konspirative Villa in Schönau, ohne jedes Schild an der Tür. Die Staatsanwaltschaft hat dennoch hingefunden und zweimal Hausdurchsuchung durchgeführt. Im Bericht '86 fehlt jede Anschrift. Zwischenzeitlich wurde die Villa nämlich aufgegeben.

Ohnehin hatte die Partei ihren Sitz nach der Satzung woanders: "Der natürliche Sitz der Partei ist das deutsche Volksbewußtsein". Nicht ohne Grund wurde der heimliche Parteichef Peter Hübner schon in seiner Zeit bei Maharishi von anderen Maharishi-Verehrern als Peter Hitler bezeichnet.

"Der juristische Sitz der Partei ist am ständigen Sitzungsort des Deutschen Bundestages", so die 140-seitige Satzung weiter. In Bonn aber hatte die Partei bisher weder Büro, noch Telephon. Tatsächlich war sie stets nur Untermieter bei der "Deutschen Kulturstiftung". Die aber hat heute ihren Sitz in 3501 Edermunde bei Kassel, tel. 05603/5693, Telex 5603811 = DEKUS, BTX 05603/5694. Auch dort hat die Staatsanwaltschaft schon durchsucht.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 13

 MAHARISHI-KULT:

 VERSUCH MIT "AYURVEDA"-KLINIK ENDET IN PLEITE

In Bad Bergzabern in der Pfalz hatten die New-Age-Protagonisten Schütze und Sommer (Namen geändert) die Kurbetriebe "Am Wonneberg" übernommen und hatten bereits begonnen, TM-Praktiken einzuführen (Vgl. AGPF AKTUELL II/89: "TM, AYURVEDA, UNH, BEP, OPTIMISTEN-CLUB, NEW AGE: DIE: DIE FIRMA SCHÜTZE UND SOMMER"). "Optimisten"-Manager Schütze pries selbst seine langjährigen Erfahrungen "in der Sozial- und Wohlfahrtsszene, ... zum Teil als Treuhänder und 'Krisenmanagement'".

Es fehlte jedoch noch die Konzession zum Betrieb der Klinik, und die Behörde hatte in diesem Zusammenhang zu prüfen, ob die Betreiber ausreichend zuverlässig für den Betrieb einer Klinik sind. Die AGPF hatte in diesem Zusammenmhang die Frage gestellt, ob jemand, der mit dem Programm des Maharishi einen "super human" schaffen will, nicht eine Gefahr für die Gesundheit der Patienten sein kann. Inzwischen hatte sich jedoch auch herausgestellt, daß Schützes Erfolgsbilanz stark geschönt war. Monika Lauer berichtet in der Rheinpfalz  (11.8.89), daß Schütze in Hannover  in den Raschplatz-Skandal verwickelt war, in Hildesheim in die Kosmotel-Pleite und daß sein Sanierungsversuch als Geschäftsführer das Parkwohnstiftes in Bad Kissingen nach kurzer Zeit endete.

Inzwischen hat Schütze die Eröffnung des Konkursverfahrens beim Landgericht Landau beantragt.

Für das Staatsbad Bad Bergzabern könnte sich das als Glücksfall erweisen. Denn die Kurbetriebe am Wonneberg sind dessen einzige Klinik und deshalb für die Stadt von sehr großer Bedeutung. Ein seriöser Interessent ist seinerzeit von Schütze und Sommer überboten worden, die indessen noch keine Mark des Kaufpreises  von 7,5 Millionen bezahlt haben. Dieser Interessent ist bereit, die Klinik zu übernehmen.

Schütze und Sommer bedürfen jedoch weiterhin der Aufmerksamkeit. Denn sie betreiben nach wie vor die oberste Repräsentanz des obskuren Ament-Konzerns. Derzeit ist die Firma Cosmotronics auf dem Vormarsch: "Machen sie Ihren Computer zu Gold" wird in einer Anzeige in der Zeitschrift PSYCHOLOGIE HEUTE versprochen. Anschrift: "COSMOTRONICS c/o BEP, Dörther Weg 14, D-5449 Leiningen-/Lamscheid. Leiningen im Hunsrück ist der Sitz der Firma bep-Verlag GmbH, Tel. 06746/8219. BEP steht für Bewußtseins Erweiterungs Programm. Dieses "Programm" wurde durch ein sog. Schneeballsystem vertrieben und es wurden zahlreiche Kunden dabei geschädigt. Das Landgericht Frankfurt (2/6 O 834/85): "Es stellt eine Variante des Schneeball-systems dar, dem die Marktvereengung durch progressive Kundenwerbung immanent ist, so daß zu einem unüberschaubaren Zeitpunkt der Zusammenbruch dieses Vertriebssystems erfolgen muß". Die Werbung ist deshalb unzulässig, die Verträge sind nichtig.

Es spricht einiges dafür, daß die Firma Cosmotronics ähnlich vorgeht.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 14

BHAGWAN-KULT:  "ELTERNINITIATIVE" GEGRÜNDET

"Der Verein Rajneesh Eltern-Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Regierung und die Pressevertreter zu einer öffentlichen Debatte herauszufordern, nachdem in den letzten zehn Jahren in der öffentlichen Diskussion die von den Kirchen gesteuerten 'Eltern-Initiativen' dominiert haben".

"'Diese sogenannten Eltern-Initiativen haben großen Schaden angerichtet', sagt Ma Prem Paritosh Lore, die Botschafterin Osho Rajneeshs1für Deutschland, 'und gerade diese Leute haben die Öffentlichkeit erreicht'". So ein Bericht in der Rajneesh Times vom 15.7.89. Ma Prem Paritosh Lore hat schon häufig in der Rajneesh Times Erwähnung gefunden. Einmal, weil sie -heute 64- früher stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift BRIGITTE war. Zum anderen, weil sie eine erwachsene Tochter hat, die ebenfalls Bhagwan-Anhängerin ist.

"Die Rajneesh Elterninitiative hat bereits die Bundesregierung aufgefordert, sie anzuhören, ohne allerdings bisher eine Antwort erhalten zu haben".

 BHAGWAN BESTÄTIGT: ITALIENER VERSCHWINDEN IN POONA

"Im vergangenen Jahr erschien in Italiens zweitgrößter Tageszeitung, Corriere della Sera, ein Artikel, in dem Mailand zum 'Mekka der Gurus und Heiligen' erklärt wurde. Ein Untertitel verkündete besorgt: 'Zu viele junge Leute verschwinden im Nichts'. Der Artikel vermittelte die interessante Information, daß 'Tausende junger Mailänder, die meisten von ihnen Universitätsstudenten aus gutem Hause, jedes Jahr parareligiösen Bewegungen beitreten und einige von ihnen im Nichts verschwinden'  . Die Zahl der Italiener, die auf diese weise verschwänden, wurde mit 1.800 angegeben.

Eine Übersetzung dieses Artikel wurde kürzlich Osho1 vorgelesen, und er kommentierte: 'Ihr braucht nicht nach euren jungen Leuten zu suchen, die im Nichts verschwinden - sie sind hier in Poona'.

In der Tat ergab eine kurze Überprüfung der Verschwundenen, daß Osho2 mit seiner Behauptung recht hatte."

Aus: Rajneesh Time 1.9.89

 1) Rajneesh Chandra Mohan will seit einiger Zeit nicht mehr Bhagwan genannt werden, sondern Osho Rajneesh
 2) Wenig später wollte Bhagwan auch seinen Namen Rajneesh nicht mehr hören, der vom gesamten Kult als Markenzeichen verwendet wurde. Zahlreiche Firmen und Vereine mußten in aller Schnelle umbenannt werden. Aus RMC = Rajneesh Meditations Center worde zum Beispiel OMC.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 15

GRASS-SEKTE:

 POLITSEKTEN-INHABER KLAGT UND NIMMT KLAGE ZURÜCK

Alois Grass, Inhaber des "Missionswerkes Der Weg zu Jesus" (vgl. AGPF AKTUELL II/88 und III/88), hat vor Gericht Klage erhoben gegen Adelgunde Mertensacker. Grass verlangte, frau Mertensacker solle es unterlassen, zu behaupten, 1. Das Missionswerk 'Der Weg zu Jesus' sei eine Politsekte, 2. Das Missionswerk 'Der Weg zu Jesus' sei eine Jugendsekte und 3. Grass sei ein Betrüger, der sich des Meineids, der Urkundenfälschung, des Diebstahls und der Verletzung des Poast- und Briefgeheimnisses schuldig gemacht hat. Letzteres hatte Frau Mertensacker allerdings nie behauptet. Sie hatte sich vielmehr als Bundesvorsitzende der Partei Christliche Mitte an die Mitglieder gewandt, in dem Frau Mertensacker davor warnt, daß die Partei-mitglieder "geradewegs in die Fänge der äußerst gefährlichen Polit-sekte 'der Weg zu Jesus' geführt" werden sollten: "Die beiden Sektengründer, Rüdiger Gensing und Aloys Grass, bilden zusammen mit anderen Betrügern, die sich des Meineids, der Urkundenfälschung, des Diebstahls und der Verletzung des Post- und Briefgeheimnisses schuldig gemacht haben,  den sog. Bundesvorstand der Deutschen Zentrumspartei".

Anfang der 80ger Jahre war Adelgunde Mertensacker Bundesvorsitzende der Deutschen Zentrumspartei. Grass und Gensing versuchten, Parteiämter zu erringen, wurden jedoch nicht gewählt. Damals war der Sektenhintergrund der beiden in der Partei noch nicht bekannt. Anfang 1986 fand ein Seminar in der sekteneigenen "Burg Steineck" statt. Teilnehmer hauptsächlich leitende Mitglieder der Partei. Offenbar diente die Veranstaltung Grass für seinen parteiinternen Wahlkampf. Adelgunde Mertensacker aber erkannte bei dieser Veranstaltung, daß sie es mit Sektierern zu tun hatte, welche die Partei übernehmen wollten. Der Bundesvorstand der Partei beschloß am 7.3.1986 das Ruhen aller Parteiämter der Herren Grass und Gensing.

Grass' Tätigkeit als Politiker ist der Öffentlichkeit heute noch genauso unbekannt, wie bis vor garnicht langer Zeit seine Tätigkeit als Inhaber des Missionswerkes. Frau Mertensacker hat später die Zentrumspartei verlassen, "auf Grund erheblicher interner Meinungsverschiedenheiten, die sich u.a. auch auf Grund ihrer Warnung vor den Sektenmitgliedern ergaben", so Schriftsatz vom 6.10.89 an das LG Münster AZ 15 O 349/89. Sie gründete ihre eigene Partei, Grass aber machte Karriere in der Zentrumspartei, stieg in den Bundesvorstand auf.

Offenbar versucht Grass inzwischen, Mitglieder der Zentrumspartei für das ihm gehörige Missionswerk zu gewinnen. Umgekehrt ließ er seine als Schwestern verkleideten Werbedamen -das "Missionswerk" ist eine GmbH, also ein Wirtschaftsunternehmen, welches Grass gehört-, nicht nur auf dem CDU-Parteitag in Bremen auftreten, sondern auch von Haus zu Haus gehen, um Unterschriften für die Zulassung der Zentrumspartei zur Europawahl zu sammeln, so besagter Schriftsatz an das Gericht.
 
 

FORTSETZUNG GRASS-SEKTE:

 POLITSEKTEN-INHABER KLAGT UND NIMMT KLAGE ZURÜCK
 

Der Schriftsatz weiter:

"Ein weiteres politisches Tätigkeitsfeld hat das Missionswerk des Klägers durch die, zumindest geistige Beteiligung an dem Arbeitskreis Christlicher Publizisten aufgetan. Zusammen mit dem Geschäftsführer des ACP, Herrn Heinz Matthias, vermarktet das Missionswerk des Klägers (also des Aloys Grass, Anm. der AGPF)   führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zur politischen und propagandistischen Aufwertung seines Missionswerkes. Der Arbeitskreis christlicher Publizisten tritt an die  Politiker heran, mit der bewußten Täuschung über die Hintergründe und Mitglieder des Arbeitskreises. Es wird bewußt versucht, die Namensähnlichkeit mit dem bereits lange und honorig arbeitenden Arbeitskreis Katholischer Publizisten auszunutzen. Es werden von dem ACP Politiker zu Gesprächen mit dem Kläger (also Aloys Grass, AGPF) eingeladen und diese Auftritte  dann politisch und als Werbung für das Missionswerk ausgebeutet.  Als Beispiel fügen wir zunächst Zeitungsausrisse des ACP-Informationsdienstes über einen Besuch des Bundesministers Blüm  ... bei".

Wohl auf Grund dieses Schriftsatzes hat Grass seine Klage zurück-genommen. Ob wirklich bewußte Täuschung vorgenommen wurde, vermag die AGPF nicht nachzuprüfen. Aber ähnlich formulierte die "Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln" v. 25.11.88:

"Verwechslungsgefahr. Offenbar hat es Sekten-Chef Grass geschickt verstanden, mit seinem "Arbeitskreis christlicher  Publizisten e.V."  ("ACP") Verwirrung zu stiften. ... Die "ACP"  hat jedoch nichts mit der AKP, der Arbeitsgemeinschaft  katholischer Publizisten zu tun, in der seit 40 Jahren die Interessen der Katholischen Presse wahrgenommen werden".

Grass hat in seiner Werbung die Rechtsform des eingetragenen Vereins vorgetäuscht und auf angebliche Gemeinnützigkeit hingewiesen, die es zu diesem Zeitpunkt nicht gab. Die AGPF hat darauf am 15.6.1988 hingewiesen. In aller Stille hat Grass offenbar deshalb nach diesem Hinweis durch die AGPF einen Verein gegründet, weitab vom Hauptsitz seiner Missionsfirma. Name: "Missionswerk 'Der Weg zu Jesus' e.V.", eingetragen beim Amtsgericht  2942 Jever unter der Registernummer VR 395. Sitz des Vereins: Das "Haus Eckstein" in 2941 Schortens. Es ist nicht auszuschließen, daß dieser Verein jetzt Spendenquittungen für Spenden ausstellt, die in Wahrheit der Missions-GmbH zufließen. Dann zahlt der Steuerzahler unfreiwillig mit.
 



AGPF AKTUELL III/89 vom 17.11.1989 Seite 17

BUCHBESPRECHUNG

PROF. PETER R. GERKE* ÜBER:

 Albert Cornelius Scheffler:
 »Jugendsekten« in Deutschland
 Öffentliche Meinung und Wirklichkeit
 Eine religionswissenschaftliche Untersuchung
 Europäische Hochschulschriften Peter Lang Verlag Frankfurt

Diese Dissertation aus dem Jahre 1988, Universität Marburg, stellt eine religionswissenschaftliche Untersuchung an über "öffentliche Meinung und Wirklichkeit". Sie besteht aus den Teilen

 I. "Jugendsekten" in der öffentlichen Meinung (48 S.)
 II. Die Gemeinschaften (39 S.)
 III. Gründe für den Gegensatz zwischen öffentlicher Meinung und Wirklichkeit (28 S.)
 IV. Historische Kritik und neue Religionen (8 S.)

Den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erfüllt vermutlich Teil II. Hierbei handelt es sich um eine einigermaßen sachliche Untersuchung der historischen und weltanschaulichen Hintergründe, von Glaubens-inhalten, von religiösen Gemeinsamkeiten und Unterschieden der bekanntesten Sekten. Der solche Information suchende Laie hätte sich diesen Abschnitt noch ausführlicher gewünscht. Zur wissenschaft-lichen Relevanz kann der Rezensent allerdings keine Aussage machen, da er kein Religionswissenschaftler ist.

Leider hält der Autor wissenschaftliches Niveau nicht in den Abschnitten I. und III. aufrecht. Teil I. artet in Polemik gegen "Sektenexperten" und Medienschelte aus. Begleitet werden diese von der Behauptung, die Sekten seien in Deutschland bedeutungslos geworden. Der Autor verweist dabei auf eine gewisse Zurückhaltung von "Sektenexperten" und AGPF, ihm Auskünfte zu erteilen. Der Rezensent möchte über die Gründe hierfür keine Mutmaßungen anstellen, kann jedoch versichern, selbst niemals derartige Erfahrungen gemacht zu haben. Die nach wissenschaftlichen (also objektiven) Grundsätzen erarbeitete sog. Schmidtchen-Studie ("Sekten und Psychokultur", Herder-Verlag, ISBN 3-451-21105-x, vgl. IDK III/87) kommt übrigens hinsichtlich der Sektenbedeutung in Deutschland zu ganz anderen Ergebnissen als der Autor.

Ihm gelegene Literatur macht sich der Autor kritiklos zu eigen, wenn er z.B. (auf S. 53) aufgrund allein von Aussagen von Moon-Sekte und Scientology zu dem Schluß kommt: "Es kann daher von Elterninitiativen im Sinne einer Vereinigung von betroffenen Eltern und deren Interessenvertretung angesichts eines konkreten Notstandes nicht gesprochen werden."

   *)  Prof. GGerke ist Vorsitzender des Vorstandes der AGPF
 

FORTSETZUNG BUCHBESPRECHUNG

In Teil III. geht der Autor zunächst auf die in der Tat nicht sehr glückliche Begriffswelt ein (Jugendsekten, Jugendreligionen usw.). Auch hier wird Gelegenheit zur Polemik (z.B. S. 160) nicht ausgelassen. Unglaublich pauschal werden ehemalige Sektenangehörige diffamiert, die in ihren Aussagen "fast ausschließlich ... mit ihrer Vergangenheit abrechnen und dabei vieles in ein für sie günstiges Licht rücken". In der Analyse des "Verhaltens der Gegner"  stützt sich der Autor allein auf die sachlich umstrittene "Wiener Studie". Zu Gunsten der Sekten wird u.a. angeführt (S. 175): "So wurden sie (Anm.: die Sekten) z.B. zur Sicherstellung der Sozialversicherung bei ihren Mitgliedern veranlaßt."  Er gibt jedoch nicht an, bei welchen Sekten diese Veranlassung zur Ausführung kam; ein Beispiel für geschickte Desinformation. In die gleiche Rubrik fällt das in einer allgemeinen Aussage versteckte Postulat: "Typisch für das im Vergleich zu den Gegnern geringe Fehlverhalten der Gemeinschaften..." . Diese und ähnliche Formulierungen zeigen einen bestürzenden Mangel an wissenschaftlicher Objektivität.

Im letzten Teil IV. ringt sich der Autor tatsächlich zu einer Kritik an den Jugendsekten durch. Allerdings wird diese nur an den weltanschaulichen Lehrinhalten der Sekten geübt, welche religionsgeschichtliche Wissenschaftlichkeit vermissen lassen.

Zusammenfassend: Der Autor macht in seinem Buch von der Polemik, die er den Sektenexperten vorwirft, selbst reichlich Gebrauch. Daß er damit den Anforderungen einer wissenschaftlichen Dissertation genü-gen konnte, ist natürlich die Entscheidung der zuständigen Fakultät in Marburg. Ich möchte dem Autor nicht wünschen, daß er selbst die leidvollen Erfahrungen vieler Sektenmitglieder und deren Angehöriger einmal durchleben muß. Von unerträglicher Arroganz aber zeugt es, wenn der Autor etwa zu dem Bericht des "sogenannten" Sekten-Info Essen über dessen hilfreiche Tätigkeit feststellt (S. 160): " ... ist ein solcher 'Bericht'  ... zu keiner auch nur einigermaßen sachlichen Information tauglich."  Wünschen möchte ich diesem "sogenannten" Wissenschaftler aber, daß ihm irgendwann einmal die Erkenntnis dämmert, daß es hier nicht um Wissenschaft sondern um Menschlichkeit geht.
 
   



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