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Das Universelle Leben (UL) der Gabriele Wittek:
Der Sekten-Konzern und seine Bio-Sparte
Streit um einen Stand der Kette "Gut zum Leben" in der Markthalle in Stuttgart
aktuell:  Markthallenstreit: Stadt gewinnt in zweiter Instanz
Stadt will umstrittenen Marktstand räumen lassen


Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Impressum  

Hans-Walter Jungen: "Mit 'Gut zum Leben' auf der Biowelle"

Ein Stuttgarter Bürgermeister schon 1995: "Tarnkappen-Unternehmen"
 
 
Hans-Walter Jungen beschrieb 1996 in seinem Buch 
Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management 
detailliert den Sekten-Konzern und seine einzelnen Sparten.
Einzelheiten zum Buch

Buchauszug:
 
Hans-Walter Jungen: Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management  Seite 136


Mit der "Prophetin“ im Bioladen

Mit dem Markenzeichen "Gut zum Leben“ reitet das UL erfolgreich auf der Bio-Welle. Aus eigenen Schriften geht hervor, daß man für das Jahr 1995 allein mit dieser Betriebssparte einen Umsatz von 20 Millionen anpeilte. Die Produkte, die in ganz Deutschland verkauft werden, können allerdings nicht mehr unter dem Begriff "Bioland“ angepriesen werden.



Hans-Walter Jungen: Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management  Seite 137



Man weiß ja um die Probleme der Kontrollierbarkeit des alternativen Anbaus. Der alternative Verband "Bioland“ führt besonders strenge Kontrollen in den Betrieben seiner Mitglieder durch. Bei "Gut zum Leben“ scheint es zu Verhaltensweisen gekommen zu sein, die mit den Richtlinien des "Bioland“-Verbandes nicht mehr zur Deckung gebracht werden konnten. So mußte das "Oko-Test“-Magazin im Juni 1992 formulieren:
"Eine Betriebsbesichtigung brachte dann das Faß zum Uberlaufen. ,Die Gut-zum-Leben-Höfe haben direkt, es war ein Freitagnachmittag, ihre Mitgliedschaft gekündigt und sind uns damit zuvorgekommen. Bioland hätte sonst am Montag die Kündigung abgeschickt‘, sagt Beate Huber von der Bundesgeschäftsstelle des Anbauverbandes.“
Unserer Bürgerinitiative war bekanntgeworden, daß nachts Trucks aus Holland und Italien auf das Gelände "Gut zum Leben“ in Ruppertzaint vorfuhren. Für uns Grund genug für kritische Anfragen, hatten wir doch selbst mit mehreren Mitarbeitem gesehen, daß sich auf dem Gelände die Kisten mit Aufschriften aus Holland und Italien stapelten.

Der stichhaltige Nachweis, daß es sich hier nicht um reine Bio-Ware handelte, gelang uns damals nicht, da wir, als wir die Szenerie fotografisch dokumentieren wollten, die Kisten nicht mehr vor die Linse bekamen: sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Dafür wurde der "Bioland“-Verband damals initiativ und nahm das Unternehmen unter die Lupe.



Hans-Walter Jungen: Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management  Seite 139


In einer Sendung der ARD vom 10. Dezember 1993 hieß es, "Gut zum Leben“ sei aus dem Dachverband "Bioland“ "herausgeflogen“. Begründung des Filmes:
" ...das UL hat Zitronen und Pfirsiche aus dem Ausland als garantiert deutsche Bioprodukte verkauft, hat das 'Bioland‘-Verpackungsmaterial mit Sektenwerbung bedruckt und sich an einige Vorschriften für biologischen Anbau nicht gehalten.“
Der Vorgang "Gut zum Leben" füllt beim bayerischen "Bioland“Landesverband einen ganzen Aktenordner.

Die Käufer von "Gut zum Leben“-Produkten wissen davon wohl nichts. Nach Zeitungsberichten soll die Firma "Gut zum Leben GmbH im Universellen Leben“ bereits mehr als ein Drittel des alternativen Landproduktmarktes in Süddeutschland beherrschen. Die Geschäfte im Bio-Bereich laufen gut. Holzofenbrot, Vollkornkuchen, Lauch- und Zwiebeltorten, frische Obstsäfte und Gemüse gehen gegen gutes Geld appetitlich angerichtet über die Ladentheke - und finanzieren das Wirtschaftsimperium der "Prophetin“ mit. Für die Kunden gibt‘s ihre Botschaft oder Werbung für die Sekte gratis auf dem Einwickelpapier mit. Wer davon noch nicht genug hat, kann sich auch den kostenlosen "Marktboten“ in die Tasche stecken und allerlei Okologisches und Gutes über den Sektenbetrieb lesen. Für die Kinder gibt es eine Ecke, und die Erwachsenen werden zu Besichtigungen des Sektenbetriebs eingeladen. Von einem "Tag der offenen Tür“ auf dem Hof von "Gut zum Leben“ in Arnstein/Ruppertzaint wird berichtet, daß etwa 2000 interessierte Kunden selbst lange Anfahrtswege nicht scheuten, um sich auch über das Leben und Denken der "Christusfreunde“ zu informieren. In einem Zeitungsbericht heißt es dazu: " ... gerade dieser Punkt war Anlaß zu vielen Fragen und Gesprächen; spürten doch viele, daß hier etwas ganz anderes, etwas Neues aufgebaut wird“.

Naturprodukte mit Botschaft. Die Sekte setzt auf den Bio-Begriff als guten Werbeträger, ist er doch mit allen erdenklichen positiven Werten besetzt. Man gibt sich natürlich und umweltschützend. Kommt dann noch die freundliche äußere Gestaltung dazu, fühlen sich viele Menschen angesprochen. "Die haben durchaus Leute aus dem gehobenen Mittelstand als Kunden, die obere Reformhaus-Klientel“, ist die Meinung des Würzburger Pfarrers Martin Wohleber im "Oko-Test“-Magazin zitiert (Juni 1992).

Weil ich schon beim "Oko-Test“-Magazin bin: Das UL war diesem Blatt gegenüber nicht bereit, auf Fragen einzugehen. Man gab sich
- wie immer - verschlossen, obwohl man hier eine Plattform gehabt



Hans-Walter Jungen: Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management  Seite 140


hätte, sich in ein gutes Licht zu setzen. So mußte das Magazin aber schreiben:
"Zu einem Gespräch mit dem OKO-TEST-Magazin oder auch nur zu schriftlichen Antworten auf konkrete Fragen zu Bioanbau und
-handel war das Universelle Leben aber nicht bereit, man sei schon oft genug ,durch diffamierende Außerungen verunglimpft und lächerlich gemacht‘ worden, heißt es in dem Antwortschreiben. Und weiter: ,Wir wünschen keine Berichterstattung über uns.‘ Im Postskriptum warnt der Pressesprecher des Universellen Lebens dann noch: ,Sollten Sie sich anderweitig Informationen über uns beschaffen, müssen Sie damit rechnen, daß sie falsch sind‘.“


Meine Meinung dazu: Nur wer etwas zu verbergen hat, verhält sich so. Auf einem Faltblatt, das die "wittekianischen“ Biohändler an ihren Ständen verteilten, heißt es: "Ein neues Betriebskonzept auf der Grundlage christlicher Ethik und Moral sichert Ihnen eine ehrliche Leistung zu. Fragen Sie mit Recht, wie dies in unserer Zeit möglich ist.“ Der Kunde an der Theke darf fragen, das "Oko-Test“-Magazin nicht? Ein wirklich neues Betriebskonzept!

Nicht aufdringlich, dafür aber vielleicht umso wirkungsvoller wird in den "Gut zum Leben“-Betrieben und Verkaufsstellen auf den ideologischen Hintergrund der angebotenen Waren in Form eines selbstentworfenen "Qualitätssiegels für hochwertige und gesunde Lebensmittel“ mit der Aufschrift "Gut zum Leben - Im Universellen Leben“ hingewiesen. "Die Sache mit dem Gütesiegel ist sehr undurchsichtig“, zitiert die "Stuttgarter Zeitung“ Hartmut König von der Verbraucherzentrale Hessen. "Die Verwendung des Etiketts bezeichne ich als Spiegelfechterei. Es ist nämlich kein zugelassenes Gütezeichen. Aber das, was draufsteht, darf jeder behaupten.“ Da gibt es zwar einen Prüfvermerk einer ANOG-Kontrollstelle, mit dem Waren versehen sind, aber im Vordergrund steht das Phantasiesiegel. Viele Waren tragen auch nur dieses Phantasiesiegel.

Im Verteilen des Marktboten und anderer Schriften will die Sekte keine Werbung sehen. Man missioniere nicht am Stand. Allerdings mußte Dr. Sailer zugeben, daß die Verkäufer am Stand UL-Anhänger sind, was in einigen Städten und bei Betreibem von Markthallen anscheinend zu schweren Bedenken geführt hat.
 

"Wie reagiert die Stadtverwaltung (von Stuttgart, der Verf.)? 'Ich werde die Sache nachhaltig prüfen‘, kündigt Wirtschaftsbürgermeister Blessing auf Anfrage an. 'Wenn es eine Chance gibt‘, wolle er


Hans-Walter Jungen: Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management  Seite 141

sich dafür stark machen, 'daß die Sekte nicht in der Markthalle bleiben darf.‘ Ordnungsbürgermeister Jürgen Beck hält es unterdessen für nötig, daß sich der Gesetzgeber Gedanken macht:  'Überall gibt es Auflagen, die Transparenz verlangen. Da ist es nicht gut, wenn hier Tarnkappen-Unternehmen agieren.‘ "(Filderzeitung, 15.9.95)


Der Hintergrund eines solchen Zeitungsberichtes: Oft wissen Stadtverwaltungen oder Betreibergesellschaften von Marktbetrieben nicht, mit wem sie es eigentlich zu tun bekommen. Sie bekommen eine Anfrage von einem Naturkost-Betrieb, freuen sich, wieder ein Miete oder Gewerbesteuer zahlendes Unternehmen gefunden zu haben, und geben gern die Erlaubnis, ein paar Vollkornsemmeln und sonstige Naturprodukte zu verkaufen. Erst mit der Zeit merkt man, wer hinter dem Gemüse steht. So erging es offenbar auch einem großen Verbrauchermarkt in Nürnberg und der Stadt Nürnberg selbst. Aber anderen hätte es ebenso ergehen können, meint eine Zeitung aus der Region.

Sind die UL-Anhänger mit ihrem Bioständen und ihrem Warenangebot erst einmal auf dem Platz, gibt es oft Zoff mit Kunden. Zum Hanauer Wochenmarkt-Stand des UL berichtet die "Frankfurter Rundschau“ vom 6. April 1994:

"Die Ordnungsverwaltung achtet nach eigenem Bekunden darauf, daß keine Sektenwerbung erfolgt. Doch auf dem Markt war zu hören, daß immer wieder Brot in Werbepapier eingepackt und das Sekten-heft ,Christusstaat‘ unter der Hand weitergegeben werde. Zu den Beschwerdeführerinnen gehört auch FR-Leserin Christel G.: Wenn sich dieser Stand nicht juristisch verhindern lasse, so ihr Ziel, dann sei zumindest die Offentlichkeit über die Hindergründe des ,Universellen Lebens‘ besser zu informieren.“


Auch im Paradiesgarten Münchens, dem bekannten und noblen Viktualienmarkt, bekamen die seltsamen Bio-Heiligen einen Fuß auf den Boden. Man hatte sich bei der Lizenzvergabe nur über ihre finanzielle Solidität erkundigt: Wie nicht anders zu erwarten, waren ihre Referenzen ausgezeichnet. Als dann herauskam, daß "Gut zum Leben“ zum Firmenimperium der Wittek-Sekte gehört, schäumte der CSU-Fraktions-Vize Hans Podiuk: "Die Standl-Lizenz muß rückgängig gemacht werden. Die Stadt sollte einen Musterprozeß anstreben.“ Und der damalige Innen-Staatssekretär Peter Gauweiler setzte noch eins drauf: "Ein haarsträubender Beschluß, diesen Leuten eine Markt-Lizenz zu geben. Vielleicht kriegt jetzt auch noch die Scientology-Sekte einen Stand auf dem Christkindl-Markt.“



Hans-Walter Jungen: Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management  Seite 142

Das UL wußte sich natürlich zu wehren. Man schrieb einen Brief an Herrn Gauweiler, den man gleichzeitig Personen des öffentlichen Lebens und verschiedenen Zeitungen in Durchschriften zukommen ließ. In diesem Brief gab man sich "verwundert“ ob der Worte Gauweilers. Man könne sich "gar nicht vorstellen, daß ein offizieller Vertreter des Freistaats Bayern“ in einer "solch eklatanten Art und Weise das im Grundgesetz und in der Bayerischen Verfassung verankerte Gebot der Gleichbehandlung der Staatsbürger hinsichtlich ihres Glaubens mißachtet haben soll“. Man fragte den Politiker auch, was es das Bayerische Innenministerium angehe, "ob ein Marktstand, eine Bäckerei oder eine Metzgerei von einem katholischen, einem evangelischen oder einem urchristlichen Mitbürger geführt wird“. Ein Argument, das Eindruck schindet: schließlich gibt es in der Tat keinen katholischen, evangelischen oder "urchristlichen“ Sellerie! Aber darum geht es nicht. Es geht meiner Meinung nach um die "urchristlichen“ Machenschaften, die hinter dem Verkauf des "urchristlichen“ Sellerie stecken.

In gewohnter UL-Manier verweist man in dem Brief an Gauweiler schließlich noch darauf, daß Gauweiler anscheinend eine aus unseligen Zeiten wohlbekannte Parole aufleben lassen wolle: "Damals hieß es: 'Kauft nicht bei Juden!‘ Und wie heißt es heute? 'Kauft nicht bei Urchristen!“‘ Man bittet Gauweiler zu guter Letzt, "den Sachverhalt schnellstmöglichst aufzuklären“, um den "Urchristen“ und "allen anderen bayerischen Mitbürgern das Vertrauen in die Verfassungstreue der Bayerischen Staatsregierung wieder zu ermöglichen“.

Das Vertrauen in die Verfassungstreue der Bayerischen Staatsregierung dürfte den "Urchristen“ auch heute noch möglich sein. Bis heute können sie nämlich ihren Sellerie auf dem Viktualienmarkt verkaufen. Der Marktchef hat keine Handhabe für einen "Platzverweis“. Der könne erst erfolgen, wenn die Sektenanhänger außer dem genau festgelegten Sortiment etwa "heilige Bücher“ auslegen würden. Davor aber werden sich die geschäftstüchtigen "Urchristen“ mit ihrem "neuen Betriebskonzept auf der Grundlage christlicher Ethik und Moral“ hüten, weil sonst eine der vielen lukrativen Einnahmequellen ihres ertragreichen Imperiums versiegen könnte. Immer noch vermisse ich in der Angebotspalette übrigens eine Art wittekianisches Grundnahrungsmittel‘ das endlich anzubieten ich dringend anraten möchte, wird es doch in einigen ULSchriften nachhaltig empfohlen: "Äther“ - "die beste, reinste und höchste Nahrung“. "Wohl den Menschen“, heißt es, "die sich schon heute auf diese Quelle nach und nach umstellen können..."


 

Der Rauswurf und die Vorgeschichte: Presse
 
Stuttgarter Zeitung 23.6.01 
Prophetin Gabriele sucht massiv nach neuen Anhängern

Stadträte kritisieren Werbeaktionen der umstrittenen Glaubensgemeinschaft Universelles Leben in der Markthalle Die umstrittene Glaubensgemeinschaft Universelles Leben ist verstärkt auf Mitgliederfang. In der Markthalle verteilen Anhänger Werbebroschüren, im Institut für Auslandsbeziehungen führen sie ihre so genannten Glaubensheilungen vor. Die Stadt schaut zu. 

Von Michael Ohnewald und Nicole Höfle 

Am Naturkoststand der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben in der Markthalle gibt es nicht nur Biogemüse, sondern auch Hochglanzbroschüren, die die Schriften der selbsternannten Prophetin Gabriele Wittek anpreisen. In einer Bundestagsdrucksache von 1995 zum Thema Sekten wird das Universelle Leben "den so genannten Jugendsekten und Psychogruppen zugerechnet''. Die Sektenbeauftragte der SPD im Landtag, Carla Bregenzer, nennt die Gruppe eine totalitäre Organisation, die "der Werteordnung unseres Grundgesetzes zuwiderläuft und für den gläubigen Anhänger Gesundheitsgefahren birgt''. Experten gehen bundesweit von 40000 Anhängern aus. Zu der vor allem in Würzburg und Umgebung aktiven Glaubensgemeinschaft gehören auch zahlreiche Handelsbetriebe. In Stuttgart treffen sich die Anhänger der Prophetin regelmäßig am "Ort urchristlicher Begegnungen'' in der Kronenstraße. 

Auf Einladung des Universellen Lebens haben sich am Mittwochabend rund 50 Zuhörer im Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa) versammelt. Erst bekamen die Besucher eine auf CD aufgenommene Offenbarung der angeblichen Prophetin zu hören, dann wurden ihnen eine Glaubensheilung vorgeführt. Über den Köpfen der zu Heilenden wurden symbolträchtig Hände gefaltet. Dass die Veranstaltung auch der Werbung neuer Anhänger dienen sollte, war offensichtlich: Vor dem Vortragssaal stapelten sich Dutzende von Broschüren und Glaubensheften. 

Allerdings dürfte das die letzte Veranstaltung des Universellen Lebens im Ifa gewesen sein. Der stellvertretende Generaldirektor Udo Rossbach räumte gestern ein, dass dem Institut ein Fehler unterlaufen sei: "Das Universelle Leben ist uns durchgerutscht. Es war nicht klar, wen wir da im Haus haben.'' Vier Veranstaltungen hielt die Glaubensgemeinschaft im Ifa ab, bei zweien war das offizielle Thema der Umgang mit der Tierwelt. 

Auch beim Obstverkauf werben die Glaubensbrüder geschickt für die Schriften ihrer Prophetin von eigenen Gnaden. "Lebe gesund'', heißt das Gütesiegel eines Naturkoststands in der Markthalle. Bereits seit Jahren ist bekannt, dass sich dahinter die umstrittene Glaubensgemeinschaft verbirgt. Wer am Stand einkauft, bekommt schon mal eine 30 Seiten starke Broschüre zugesteckt, in dem Bücher aus einem Verlag namens "Das Wort'' angepriesen werden. Über die angegebene Internetseite kann man sich leicht zur Homepage des Universellen Lebens durchklicken. Dort ist nachzulesen, dass "uns Gabriele, die Prophetin und Botschafterin Gottes in ihren Geistigen Hilfen für den Tag Anregungen, Hinweise und guten Rat'' gibt. Einige diese Geistigen Hilfen gebe es auch als Bücher beim Verlag "Das Wort''. 

Nach Ansicht der Stadträte Andreas Reißig (SPD) und Werner Wölfle (Grüne) handelt es sich "eindeutig um Werbung für das Universelle Leben''. Reißig hat für seine Fraktion einen Antrag angekündigt, der auf eine Kündigung des Verkaufsstands in der Markthalle abzielt. Er beruft sich dabei auf ein Schreiben des ehemaligen Marktamtes vom 17. Juli 1996. Damals hatte Geschäftsführer Lothar Breitkreuz der Glaubensgemeinschaft nach Beschwerden geschrieben, "dass am Verkaufsstand keinerlei Werbung für das Universelle Leben durchgeführt werden darf''. Ansonsten drohe die Kündigung. 

Unterdessen bemüht sich der Standleiter Michael Groß um Schadensbegrenzung. Es gehe in der verteilten Broschüre "sachbezogen um unsere Ware''. Zwar würde im Heft auch für Bücher geworben, "die vom Universellen Leben kommen'', allerdings sei das in seinen Augen "keine direkte Werbung''. Anders sieht es Andreas Reißig. Der Stadtrat fordert Ordnungsbürgermeister Jürgen Beck (CDU) auf, "sich endlich von seinem Schreibtisch zu erheben''. Bei der Sektenbekämpfung habe Beck total versagt. "Wir müssen unsere Möglichkeiten ausschöpfen'' fordert Reißig. Davon aber sei die Stadt weit entfernt. 

Kommentar
Schlafmützig
Die Stadt und die Sekten

Von Michael Ohnewald 

Wo ist Behle? Diese legendäre Frage hat der Fernsehreporter Bruno Moravetz bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid gestellt, als Jochen Behle, der Rekordmeister unter den Skilangläufern, auf sich warten ließ. Wo ist Beck? Diese Frage treibt die SPD im Gemeinderat um. Denn in ihren Augen ist es mit dem Arbeitseifer des Ordnungsbürgermeisters Jürgen Beck (CDU) bei der Bekämpfung von Sekten und Psychogruppen so weit nicht her. Beck steht vor dem Scherbengericht der Genossen. Und die Anklage lautet auf Untätigkeit in einem besonders schweren Fall (siehe Bericht auf Seite 27). 

Tatsächlich lassen Sekten in dieser Stadt immer wieder aufhorchen. So konnte die vom Verfassungsschutz beobachtete Scientology-Organisation ungehindert einen Werbefilm auf der Riesenleinwand am Pragsattel zeigen, und mitten in der Marienstraße nutzen die Hubbard-Jünger neuerdings ein ehemaliges Kino, um ein breites Publikum anzusprechen. Auf den heftigen Protest von Geschäftsleuten, die ihre neuen Nachbarn gar nicht mögen, reagierte das Ordnungsamt schlafmützig. Man will den Fall prüfen. 

Auch das Universelle Leben, eine umstrittene Glaubensgemeinschaft, die nach Ansicht von Sektenexperten noch straffer organisiert ist als Scientology, kann in Stuttgart weit gehend ungehindert die Werbetrommel rühren. Vorträge werden in öffentlichen Institutionen gehalten, Werbebroschüren an einem Naturkoststand in der Markthalle unters staunende Volk gebracht. Offiziell geht es in der Postille zwar um "friedfertigen Landbau'', tatsächlich aber wird auf den letzten Seiten vor allem für Schriften der selbst ernannten Würzburger Prophetin Gabriele Wittek geworben. Und das, obwohl es eindeutig gegen die städtischen Richtlinien verstößt. 

Trotz allem sollte man nicht die Maßstäbe verlieren: die Möglichkeiten der Stadt, gegen zweifelhafte Organisationen vorzugehen, sind begrenzt. Oft fehlt die rechtliche Handhabe, auch der Nachweis von Verstößen gegen gesetzliche Bestimmungen gestaltet sich schwierig. Allerdings gilt in diesem Fall ein geflügeltes Wort aus der Werbebranche: "Wer sich nicht positioniert, der wird positioniert.'' Und Bürgermeister Jürgen Beck, der seine berufliche Laufbahn in der Kommunalpolitik 2006 beenden will, hat sich bisher eben nicht positioniert, wenn es darum ging, die Sekten in die Schranken zu weisen. 

Nicht nur die Genossen im Stadtrat hoffen bisher vergebens auf ein klares Wort des Bürgermeisters, sondern auch die Geschäftsleute in der Marienstraße. Warum wirkt die Stadt nicht auf die Eigentümer der an Scientology vermieteten Kinoräume ein? Wieso duldet sie in der Markthalle die Werbeaktivitäten eines Naturkoststands, hinter dem eine umstrittene Organisation wie das Universelle Leben steckt? Höchste Zeit, dass diese Fragen beantwortet werden. Wo ist Beck?


 
Stuttgarter Nachrichten 30.6.01 

Markthalle: Stadt gerät unter Druck - Sekte soll das Feld räumen 
In der Markthalle wollen Stadträte von SPD und CDU einen Stand loswerden und dringen bei der Stadt auf Kündigung. Beide Fraktionen setzen die Stadt unter Druck. 

VON GERT FACH 

Es geht um den Stand der Erzeugergemeinschaft Gut zum Leben, die Naturkostprodukte anbieten: "Bei dieser Erzeuger- und Vermarktungsorganisation handelt es sich aber nicht um friedfertige Landbauern, sondern um ein Wirtschaftsunternehmen unter dem Dach der sektiererischen Organisation Universelles Leben.'' 

Nach Informationen der Stadträte handelt es sich dabei um Leute, die eine "autoritäre Weltanschauung'' vermitteln, "manipulative Psychomethoden'' anwenden und eine "noch straffere Ausrichtung als die Scientologie-Organisation'' haben. Bisher hatte die Stadt oder ihr Marktbetrieb VMS darin keinen Grund für eine Kündigung gesehen. Die SPD stellte jetzt allerdings fest, dass an dem Stand seit einigen Wochen eine 30 Seiten starke Broschüre verteilt wird und darin Kunden auch Bücher aus dem Verlag Das Wort - Der Universelle Geist/Leben im Geiste Gottes angeboten werden. Dies ist nach Ansicht der Stadträte ein Grund für die Kündigung. CDU-Fraktionschef Michael Föll meint: "Die Bürger müssen darauf vertrauen können, in einem städtischen Gebäude nicht an Sekten zu geraten, die unter irgendwelchen Deckmäntelchen neue Opfer ködern.''


 
Stuttgarter Zeitung 1.8.01 

Stadt verbannt Glaubensgemeinschaft aus der Markthalle 
Vertrag mit dem Naturkoststand Lebe Gesund gekündigt - Anwälte der Sekte aus 
Marktheidenfeld wollen vor Gericht ziehen 

Am Stand der Firma Lebe Gesund in der Markthalle gibt es nicht nur Biobrot, sondern auch Werbeprospekte einer Sekte im Dunstkreis der selbst ernannten Prophetin Gabriele Wittek. Zu dieser Ansicht ist die Stadt gelangt. Jetzt wurde der Firma gekündigt. 

Von Michael Ohnewald 

Morgens um acht gehen am Verkaufsstand 029 in der Markthalle die ersten Bärlauchgläser über die Theke. Die Bioprodukte mit dem Etikett Lebe Gesund stehen bei vielen Stuttgartern ganz oben auf der Einkaufsliste. Wer weiß schon, dass man hier auch in den Genuss von Werbematerial für eine umstrittene Glaubensgemeinschaft namens Universelles Leben kommen kann? Und wer weiß schon, dass im Hauptquartier dieser Sekte im fränkischen Marktheidenfeld eine Prophetin von eigenen Gnaden lebt, deren Anhänger sagen, Jesus Christus selbst spreche aus ihr? Das alles spielt an diesem Morgen in der Markthalle keine Rolle. Die Kundschaft kauft ein - das Bauernbrot spricht für sich. 

Doch am Verkaufsstand 029 könnten schon bald die Lichter ausgehen, denn die Stadt hat jetzt den Vertrag mit der Firma zum Ablauf des nächsten Monats gekündigt. Nach Ansicht von Wirtschaftsbürgermeister Dieter Blessing handelt es sich bei den Gesinnungsgenossen der selbst ernannten Prophetin Gabriele Wittek keineswegs um einen harmlosen Gebetskreis, der sich ein bisschen Taschengeld mit selbst vermarkteten "Produkten ohne Mist und Gülle'' verdient. Blessing spricht vielmehr von Umtrieben einer Sekte und will es nicht länger hinnehmen, dass in der Markthalle "vertragswidrig für das Universelle Leben geworben wird''. 

Obwohl den Marktbetreibern bereits vor fünf Jahren wegen der Werbung für die Glaubensgemeinschaft eine förmliche Abmahnung erteilt worden sei, habe sie jetzt wieder eine Broschüre verteilt, "die inhaltliche Äußerungen über die Sekte Universelles Leben wiedergibt'', sagt Blessing. Vor diesem Hintergrund habe er der im fränkischen Marktheidenfeld angesiedelten Firma schriftlich mitgeteilt, dass sie ihren Stand nach Ablauf der Kündigungsfrist zu räumen habe. Wohl wissend, dass die Glaubensgemeinschaft erfahrene Juristen in ihren Reihen hat, die alle Hände voll mit Prozessen gegen Personen und Institutionen zu tun haben, von denen sich die Wittek-Getreuen verleumdet fühlen. 

In einem Schreiben an die Rathausspitze ist der Anwalt Christian Sailer bereits ziemlich deutlich geworden: "In Stuttgart scheint ein neues Mittelalter ausgebrochen zu sein: Anders ist die Hysterie und verleumderische Hetze nicht mehr zu erklären, mit der die von mir vertretene Firma aus der Markthalle vertrieben werden soll.'' Für den Fall, dass die Stadt seinem Mandanten kündige, werde dies "die Gerichte beschäftigen''. 

Die Anwälte der streitbaren Glaubensgemeinschaft beziehen sich vor Gericht meist auf Artikel 4 des Grundgesetzes, der die Freiheit des Glaubens postuliert. "So weit Mitarbeiter der Firma Lebe Gesund der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben nahe stehen, handelt es sich um deren Privatangelegenheit'', teilen sie der Stadtverwaltung mit. An der Verfassungstreue der Gemeinschaft bestehe kein Zweifel. 

Wie aber soll der Staat mit einer Organisation umgehen, die nach Ansicht der Sektenexpertin und SPD-Landtagsabgeordneten Carla Bregenzer "der Werteordnung unseres Grundgesetzes zuwiderläuft und für den gläubigen Anhänger Gesundheitsgefahren birgt''? Diese Frage hat zumindest Dieter Blessing für sich bereits beantwortet. "Es kann einfach nicht sein, dass man beim Einkaufen von Brot und Gemüse missioniert wird'', sagt der Bürgermeister. In der Praxis geschieht dies freilich über einen Umweg: In den verteilten Broschüren wird nämlich für Bücher aus einem ebenfalls in Marktheidenfeld angesiedelten Verlag geworben. Über die angegebene Internetseite kann man sich im Handumdrehen auf der Homepage des Universellen Lebens durchklicken. 

Diese Art der Werbung ist Michael Fragner bestens bekannt. Drei Jahre lang hat er als evangelischer Pfarrer in einem 450-Seelen-Flecken namens Michelrieth unweit von Marktheidenfeld gearbeitet. Dort leben führende Köpfe der Sekte, die nach Einschätzung von Fragner weltweit rund 10000 Anhänger hat. Die Arbeit des Seelsorgers erwies sich in dem gespaltenen Dorf als schwierig, "denn ungefähr die Hälfte der Dorfbewohner sind Sektenmitglieder''. Der Pfarrer hat den Kampf gegen das Universelle Leben aufgenommen und mit Hilfe von Behörden ein Netzwerk für Aussteiger eingerichtet. 

Nach allem, was er mit der Sekte erlebt hat, ist für ihn eines klar: Hinter den Marktständen, die von der Glaubensgemeinschaft in vielen Städten der Republik betrieben werden, stecke "auch das Ziel der Anwerbung''. Dies hat er aus seinen Gesprächen mit Aussteigern der Sekte geschlossen. Und noch eines hat er dabei erfahren: Für viele Wittek-Gläubige herrschte im Umkreis der Prophetin "ein Klima der Angst und des Terrors''.


 
Stuttgarter Nachrichten 2.8.01 - Titelseite 

Sekten-Verdacht: Firma soll Markthalle verlassen 

Stuttgart (tel) - Wer in der Markthalle die Werbebroschüre der Sekte Universelles Leben auslegt, hat dort nach Auffassung der Stuttgarter Stadtverwaltung nichts zu suchen. Darum hat die Stadt jetzt den Vertrag mit der Firma Lebe gesund auf Ende August gekündigt. Das Unternehmen, das mit Erfolg Bioprodukte verkauft, will aber nicht weichen. Seine Anwälte haben Wirtschaftsbürgermeister Dieter Blessing angekündigt, dass der Betrieb nur nach einer für die Stadt erfolgreichen Räumungsklage eingestellt werde. 



Stuttgarter Nachrichten vom 2.8.01 - Seite 23 

Sektenpropaganda bringt Fass zum Überlaufen 

Broschüre über "Universelles Leben'' ausgelegt: BM Blessing kündigt "Lebe gesund'' in der Markthalle Neben Brot, Gebäck, Obst und Gemüse finden die Kunden an den Ständen der Firma "Lebe Gesund'' in der Markthalle auch Werbematerial über eine Sekte namens "Universelles Leben''. Das brachte für Bürgermeister Dieter Blessing jetzt das Fass zum Überlaufen: Er sprach die Kündigung aus. 

VON HEIDEMARIE A. HECHTEL 

1989 etablierte sich am Stand 029 in der Markthalle die Firma "Gut zum Leben'', die später in "Lebe Gesund Steinmühlen-Brot GmbH'' umbenannt wurde und deren Bioprodukte sich bei den Stuttgarter Kunden bald größter Beliebtheit erfreuten. Auch als durchsickerte, dass das ökologisch unbedenkliche Schrot und Korn, dass Kürbis und Kartoffeln im Dunstkreis einer umstrittenen Glaubensgemeinschaft namens "Universelles Leben'' gediehen, tat das den florierenden Umsätzen keinen Abbruch. Solange die Qualität des Angebots stimme und der Verkauf nicht mit Missionierungsversuchen verbunden werde, so der damalige Marktchef Lothar Breitkreuz, sehe die Stadt keinen Grund für eine Kündigung. Nicht minder erfolgreich vermarktet "Lebe gut'' die Produkte aus fünf landwirtschaftlichen Betrieben in 59 deutschen Kommunen, davon neun in Baden-Württemberg. 

1995 sah sich die Stadt zu einer Abmahnung gezwungen, nachdem die Glaubensanhänger mit Propagandamaterial aus der Deckung gekommen waren. Geworben wurde für die Sekte, die sich im fränkischen Marktheidenfeld um die selbst ernannte Prophetin Gabriele Wittek schart. Laut ihren Anhängern spreche Jesus selbst aus der Frau, die, so ein Sektenexperte, ein "Klima der Angst und des Terrors'' verbreite. 

Dennoch wurde der Mietvertrag mit der Firma "Gut zum Leben'' erst am 4. September 2000 erneuert. Mit der Auflage, dass "keinerlei betriebsfremde Werbung betrieben wird''. Doch genau dagegen wurde nun wieder verstoßen: mit einer Broschüre, in der laut Blessing "inhaltliche Äußerungen über die Sekte Universelles Leben wiedergegeben werden''. Daraufhin teilte er der Firma "Gut zum Leben'' in Marktheidenfeld, Betreiber des Standes "Lebe gut'', mit Datum vom 30. Juli die Kündigung mit, da "es nicht geduldet werden kann, dass im Rahmen eines Verkaufsstandes vertragswidrig eine Sekte präsentiert beziehungsweise für eine solche geworben wird''. "Eine weitere Nutzung des Marktstandes durch die Firma Lebe Gesund GmbH ist daher ab Wirksamkeit der Kündigung nicht mehr möglich'', macht Blessing unmissverständlich klar. 

Zur Genugtuung der SPD-Fraktion im Gemeinderat, die bereits Ende Juni, nachdem das Werbematerial "großflächig an Verbraucher in der Markthalle verteilt worden war'', die sofortige Kündigung des Mietvertrages gefordert hatte. "Dieser Durchbruch freut uns umso mehr, als bereits mehrere Vorstöße in gleicher Richtung in der Vergangenheit gescheitert sind'', lobt SPD-Stadtrat Andreas Reißig den Genossen und Bürgermeister Blessing. Das "Universelle Leben'' zeichne sich, so Reißig, "durch eine autoritäre Weltanschauung, manipulative Psycho-Methoden und eine noch straffere Ausrichtung als die Scientology-Organisation aus'', gegen die, landet Reißig einen Seitenhieb gegen Jürgen Beck, der Ordnungsbürgermeister auch endlich vorgehen sollte. 

Müssen die Kunden jetzt auf die Produkte vom Stand 029 verzichten? Die Anwälte von "Lebe Gesund'' weisen die Kündigung als unbegründet zurück. Der Marktstand werde weiter betrieben und nur einem vollstreckbaren Räumungsurteil weichen. Die Stadt müsse also Räumungsklage erheben.


 
Stuttgarter Nachrichten 3.8.01 

Sekte erstattet Anzeige gegen Föll 

Der Streit um den Marktstand der Firma "Lebe gesund'', die der Sekte "Universelles Leben'' zugeordnet wird und an deren Stand eine Werbebroschüre der Sekte auslag, verschärft sich. Nachdem der in Marktheidenfeld ansässige Rechtsanwalt Christian Sailer nach der Kündigung des Standes durch Wirtschaftsbürgermeister Blessing eine Unterlassungserklärung bis zum kommenden Montag verlangt hat, ging Sailer am Donnerstag auch gegen Michael Föll, Fraktionschef der CDU im Rathaus, vor. Im Amtsblatt vom 19.Juli sei die CDU mit "aggressiven Schimpfworten'' gegen die Glaubensgemeinschaft "Universelles Leben'' zitiert, schrieb Sailer in einer Pressemitteilung. Außerdem habe sie "Universelles Leben'' als skrupellose und verachtenswerte Organisation bezeichnet. Diese Äußerungen stichelten zum Hass gegen Teile der Bevölkerung auf, urteilte Sailer. Daher habe er bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafanzeige wegen Volksverhetzung erstattet. jos 



Stuttgarter Zeitung vom 3.8.01 

Sekte will Marktstand nicht räumen - CDU-Stadtrat Föll angezeigt 

Die Firma Lebe Gesund, die in der Markthalle einen Naturkoststand betreibt, will die von der Stadt ausgesprochene Kündigung nicht hinnehmen. SPD und CDU begrüßen den Rauswurf: Der Stand im Dunstkreis einer Sekte dürfe nicht geduldet werden. 

Von Michael Ohnewald 

Die SPD-Rathausfraktion hat die Stadt wegen der Kündigung des Vertrags mit der Firma Lebe Gesund ausdrücklich gelobt. "Es ist gut, dass das Wirtschaftsreferat die trickreichen Anwerbeversuche dieser Psychosekte nicht durchgehen lässt'', heißt es in einer Mitteilung der Sozialdemokraten. Dies gelte umso mehr, als hinter dem Marktstand eine Sekte namens Universelles Leben stecke, die sich "durch eine autoritäre Weltanschauung, manipulative Psychomethoden und eine noch straffere Ausrichtung als die Scientology-Organisation auszeichnet.'' 

Wie berichtet, betreibt die Firma Lebe Gesund seit vielen Jahren einen florierenden Naturkoststand in der Markthalle. Wiederholt sind dort Broschüren verteilt worden, in denen für Schriften der selbst ernannten Prophetin Gabriele Wittek geworben wird. Dies hat Wirtschaftsbürgermeister Dieter Blessing jetzt zum Anlass genommen, den Mietvertrag für den Stand zu kündigen. 

Erwartungsgemäß haben die Anwälte der umstrittenen Glaubensgemeinschaft schnell reagiert. "Der Marktstand wird weiter betrieben'', kündigen sie in einem zweiseitigen Schreiben an. In das Geschäft seien mehr als 100000 Mark investiert worden. "Sollte die Stadt auf ihrer Kündigung bestehen, müsste sie Räumungsklage erheben'', so die Anwälte, die bereits CDU-Fraktionschef Michael Föll wegen Volksverhetzung angezeigt haben. Die CDU hatte sich auf der Meinungsseite der Fraktionen im Amtsblatt kritisch mit der Sekte auseinander gesetzt und von einer "skrupellosen Organisation'' geschrieben, die "mittels manipulativer Psychomethoden ihre totalitäre Weltanschauung'' vermittle. 

Von den Sektenanwälten freilich lässt sich die Fraktion nicht einschüchtern. "Wir schlafen alle noch ruhig'', sagte gestern die stellvertretende Fraktionschefin Susanne Eisenmann. Es könne nicht angehen, "dass unter dem Deckmantel von Biogemüse für eine Sekte geworben wird''. Insofern unterstütze die CDU den städtischen Kurs und stehe hinter der Kündigung des Marktstands. 

Ähnlich sieht es Andreas Reißig von der SPD. Die Stadt dürfe vor einer gerichtlichen Auseinandersetzung nicht zurückschrecken. "Die immergleichen Anwälte der Organisation argumentieren mal wieder kaum mit juristischem Sachverstand, sondern schlicht mit sektiererischem Schaum vor dem Mund'', so Reißig. Er wünsche sich, dass die Stadt "auch mit gleicher Härte'' die Scientology-Organisation in ihre Schranken weise. Die Sekte rührt seit Wochen die Werbetrommel in der Marienstraße, was vor allem den Geschäftsleuten gar nicht behagt.


 

Am 4.8.2001 wurden in Stuttgart in der Nähe der Markthalle Handzettel folgenden Inhalts verteilt: 

Hexenjagd in der Markthalle 
Es ist wie im Mittelalter: Wer den falschen Glauben hat, wird aus der Stadt vertrieben. So wollen es die Stuttgarter Stadträte, die zur "parteiübergreifenden Ächtung" (CDU) von gesetzestreuen Mitbürgern aufrufen, bloß weil sie der Gemeinschaft der Urchristen im Universellen Leben nahestehen - einer Religionsgemeinschaft, deren Rechtstreue nach dem Urteil von Behörden und Gerichten außer Zweifel steht. Das verfassungsmäßige Grundrecht auf Religionsfreiheit wird in grober Weise mit Füßen getreten. 
Weil die Firma Lebe gesund, die in der Stuttgarter Markthalle ökologische Produkte vertreibt, Mitarbeiter beschäftigt, die sich der Glaubensgemeinschaft verbunden fühlen (etwa zur Hälfte), wurde ihr nun der Standplatz gekündigt. Als lächerlicher Vorwand dient der Umstand, dass in einem 32-seitigen Prospekt über die Produkte des Marktstandes eine Anzeige über einige Bücher mit religiösem Inhalt enthalten war. Seit 12 Jahren sind die Kunden des Marktstandes hoch zufrieden, weshalb die Stadtverwaltung dem Druck von Kirchenfunktionären, den Marktstand wegen der Glaubenszugehörigkeit seiner Mitarbeiter  zu schließen, bisher widerstand. Nun fügt man sich der kirchlichen Kampagne und übernimmt die Schmähreden von Pfarrern, die sich "Sektenbeauftragte" nennen, in Wirklichkeit aber als Verleumdungsbeauftragte tätig sind. In schizophrener Weise beschimpfen sie Andersgläubige als "totalitär", obwohl sie selbst einer totalitären Organisation mit blutiger Vergangenheit angehören. 
Liebe Bürgerinnen und Bürger, lassen Sie es nicht zu, dass ein neues Mittelalter ausbricht und wieder Menschen aus Glaubensgründen Arbeit und Brot verlieren! Sie können uns auch dadurch unterstützen, dass Sie unseren Stand besuchen. Auf der Rückseite finden Sie eine Auswahl unserer Produkte. 
V.i.S.d.P.: Lebe Gesund Steinmühlen GmbH, Walter Weber, Max-Braun-Str. 4, 97828 Marktheidenfeld 

(Anmerkung: Auf der Rückseite des Handzettels war neben dem Angebot auch ein Gutschein für 1 Ciabatta Gratis und 
1 Probier-Tomate) 


 
Stuttgarter Nachrichten 7.8.01 

"Die Kündigung ist moderne Inquisition'' 
"Lebe-Gesund''-Stand will nur einem Räumungsurteil weichen - Rechtsamt prüft 

Auf der Vorderseite wird für Gurken, Tomaten, Ciabatta-Brot und Pesto geworben, auf der Rückseite schwere Geschütze gegen die Stadt aufgefahren: "Hexenjagd in der Markthalle'' steht auf dem Flugblatt, mit dem die Firma "Lebe Gesund Steinmühlen-Brot'' prompt auf die Kündigung ihres Standes in der Markthalle reagiert. 

VON HEIDEMARIE A. HECHTEL 

Nach dem Willen der Stadt muss die Firma "Lebe Gesund'' ihren Stand zum 31. August aufgeben. Denn für Wirtschaftsbürgermeister Dieter Blessing war mit einer Broschüre, die "inhaltliche Äußerungen über die Sekte Universelles Leben' wiedergibt'', das Maß voll. Nachdem bereits 1995 wegen eines einschlägigen Vorfalls - es wurde für eine religiöse Veranstaltung geworben - eine Abmahnung ausgesprochen worden sei, könne nun nicht länger geduldet werden, dass hier vertragswidrig im Rahmen eines Verkaufsstandes eine Sekte präsentiert werde. 

"In der Broschüre wurde nicht für religiöse Belange geworben'', hält der Anwalt der Firma, Christian Sailer, entgegen. Die Broschüre habe neben der Werbung für Produkte lediglich eine Werbung für den Verlag "Das Wort'' und einige Bücher enthalten. Dieser Verlag ist ebenfalls in Marktheidenfeld, dem Sitz von "Universelles Leben'', zu Hause. Sailer hat die Kündigung als unbegründet zurückgewiesen und wissen lassen, dass die Firma nur einem vollstreckbaren Räumungsurteil weichen werde. Dafür müsse die Stadt Räumungsklage erheben. Andernfalls erwarte er bis einschließlich Montag, 6. August, die Zusicherung, dass der Verkauf in keiner Weise behindert werde. 

Die Stadt hat bis gestern nicht auf dieses Ultimatum reagiert. "Das Rechtsamt prüft jetzt die Angelegenheit'', heißt es im Referat von Ordnungsbürgermeister Jürgen Beck, auf dessen Schreibtisch die Sache landete, nachdem Blessing in Urlaub ging. 

Als "moderne Inquisition'' beklagt Michael Groß vom Stand diese Kündigung. Es sei wie im Mittelalter, "wer den falschen Glauben hat, wird aus der Stadt vertrieben''. Sailer bestreitet auch einen direkten Zusammenhang zwischen "Lebe Gesund'' und der Glaubensgemeinschaft: Die Firma sei ein selbstständiges Handelsunternehmen. In deren Namen will er heute am Landgericht Stuttgart per Eilverfahren klären lassen, dass die Kündigung unbegründet sei. 

Auf einem zweiten Kriegsschauplatz streitet Sailer mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Michael Föll, der die Sekte unter anderem als "skrupellose Organisation'' bezeichnete. Nachdem die geforderte Unterlassungserklärung nicht eingegangen sei, werde er die Sache vors Verwaltungsgericht bringen. Vorm Verwaltungsgericht München unterlag bereits 1998 der Freistaat Bayern in gleicher Causa: Die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit musste 1998 eine Broschüre mit ähnlichen Behauptungen einstampfen. Und vor dem Verwaltungsgericht Würzburg erkämpfte "Gut zum Leben naturgemäße Landwirtschaft GmbH & CO.KG'' die Förderung nach dem Kulturlandschaftsprogramm, die ihr bis dahin verweigert worden war.


 
Stuttgarter Zeitung 24.8.01 
Stadt gewinnt erste Runde 
"Lebe Gesund'' erlangt keine einstweilige Verfügung

Wie soll es mit dem Stand Nummer 29 in der Markthalle weitergehen? Stadt und Marktstandbetreiber liegen seit langem im Clinch. Nun sind auch die Gerichte involviert. Die erste Runde im Rechtsstreit um eine Kündigung ging gestern an die Stadt. 

Von Sonnhild Maier 

Der Streit schwelt seit Monaten: Weil die Stadt befürchtet, am Stand der Firma Lebe Gesund Steinmühlen-Brot in der Markthalle werde neben dem Verkauf von Bärlauch und Biobrot auch Werbung für die umstrittene Glaubensgemeinschaft Universelles Leben gemacht, hat Wirtschaftsbürgermeister Dieter Blessing den Marktstandbetreibern zum 31.August gekündigt. Laut SPD-Rathausfraktion, die die Stadt für diese Kündigung lobte, steckt hinter dem Universellen Leben eine Sekte, die sich durch "manipulative Psychomethoden und noch straffere Ausrichtung als die Scientology-Organisation auszeichnet''. 

Der Hintergrund für die Kündigung: in einer Broschüre, die an dem Naturkoststand auslag, sind nicht nur Bioprodukte, sondern auch der Verlag Das Wort beworben worden. Und dort kommt eine selbst ernannte Prophetin aus dem fränkischen Markthaldenfeld zu Wort, aus der nach Meinung ihrer Anhänger Jesus Christus höchstselbst sprechen soll. Wegen ähnlicher Werbung war bereits eine ähnlich benamste Firma, die den Marktstand früher betrieben hatte, im Sommer 1996 von der Stadt abgemahnt worden. 

Doch die Firma Lebe Gesund will den Rauswurf aus der Markthalle nicht klaglos hinnehmen. Die Räumungsklage der Stadt ist inzwischen am Landgericht anhängig. Doch noch bevor ein Termin zur Verhandlung angesetzt werden konnte, befürchteten die Marktstandbetreiber das Schlimmste. Denn der Geschäftsführer der Versorgungsmärkte und Marktveranstaltungen der Stadt (VMS), Wolfgang Thiele, soll dem Anwalt der Standbetreiber am Telefon erklärt haben, seine Mandantschaft habe damit zu rechnen, dass der Marktmeister den Verkauf an dem umstrittenen Stand vom 1. September an unterbinden werde. Und das, so der Anwalt, ohne dass zuvor geklärt worden wäre, ob die Kündigung überhaupt rechtmäßig sei. 

Die Gefahr, vom 1. September an ihre Produkte in der Markthalle nicht mehr verkaufen zu können, wollten die Marktbeschicker durch eine einstweilige Verfügung am Amtsgericht aus der Welt schaffen. Ohne Erfolg. Der Antrag, dessen Ziel es war, mit richterlichem Plazet weiter verkaufen zu können bis der Rechtsstreit in der Hauptsache entschieden ist, wurde abgelehnt. Denn die Richterin, die gestern darüber zu entscheiden hatte, ist voll des Vertrauens in die Rechtstreue der Stadt. Die Gefahr, dass die Stadt ohne rechtlich bindende Entscheidung gegen den Marktbeschicker vorgehe, sehe sie nicht, heißt es in ihrer Entscheidung. 

Fazit: Kündigung hin oder her, man wird wohl auch nach dem 1. September bei Lebe Gesund Steinmühlen-Brot kaufen können. Wie lange noch, das hängt nun von den Richtern am Landgericht ab.


 
Main-Post 4.9.01 

Kündigung nachgeschoben 
UL-Firma darf Brot und Bärlauch vorerst weiter verkaufen

stuttgart (tito) Die Firma Lebe Gesund Steinmühlen-Brot GmbH, die von Anhängern der umstrittenen Glaubensgemeinschaft Universelles Leben (UL) geführt wird, darf mindestens bis 30. September in der Stuttgarter Markthalle Brot und Bärlauch verkaufen. Mit einer zweiten - ordentlichen - Kündigung durch den städtischen Eigenbetrieb Versorgungsmärkte und Marktveranstaltungen (VMS) ist eine außerordentliche Kündigung durch Wirtschaftsbürgermeister Dr. Dieter Blessing zum 31. August hinfällig. 

Blessing hatte der UL-Firma Ende Juli mit der Begründung gekündigt, sie habe mit dem Auslegen der Broschüre "Der friedfertige Landbau" für das UL geworben und damit gegen die Nutzungsbedingungen für die Markthalle verstoßen. 

Die Gefahr, vom 1. September an ihre Produkte nicht mehr in der Markthalle verkaufen zu können, wollte die Firma Lebe Gesund durch eine Einstweilige Verfügung aus der Welt schaffen. Das Amtsgericht gab dem Antrag nicht statt. 

Dennoch wollte die Stadt eine Entscheidung in der Hauptsache nicht abwarten. In den Stuttgarter Nachrichten ist in diesem Zusammenhang von einem juristischen Schnellschuss (Blessings, Anm. d. Red) die Rede. Offensichtlich sei die außerordentliche Kündigung von den falschen Personen mit dem falschen Inhalt und zum falschen Zeitpunkt abgegeben worden, heißt es. 

Am 27. August hat nun VMS-Geschäftsführer Wolfgang Thiele "ordentlich" gekündigt - ohne Begründung. Das UL habe auch dieser Klage widersprochen, heißt es in den Stuttgarter Nachrichten. Jetzt muss das Landgericht Stuttgart entscheiden. 

Nicht der einzige Rechtsstreit. Michael Föll, CDU-Fraktionschef im Stuttgarter Rathaus, hatte im Juli geäußert, hinter dem UL verberge sich eine "skrupellose Organisation", die eine "totalitäre Weltanschauung" vermittle. Das Universelle Leben e.V. hat Föll wegen Volksverhetzung angezeigt. Der bekommt auch Beifall von der SPD-Fraktion, die in dem UL eine Sekte sieht, die sich durch manipulative Psycho-Methoden auszeichne. 

In Süddeutschland gibt es rund 40 Lebe-Gesund-Verkaufsstellen, darunter in Würzburg und Marktheidenfeld, wo das Zentrum des Wirtschaftskonglomerats aus UL-"Christusbetrieben" liegt. 


 
Stuttgarter Zeitung 5.9.01 
Gnadenfrist für Marktstand
Stadt hat erneut gekündigt 

Wer am vergangenen Samstag durch die Markthalle geschlendert ist, konnte es nicht übersehen: Am Stand mit der Nummer 29 ging wie eh und je Naturkost über den Tresen. Dabei hätte der Verkaufsstand eigentlich verwaist sein müssen. 

Von Jörg Nauke 

Der Stuttgarter Wirtschaftsbürgermeister Dieter Blessing (SPD) hatte der Firma Lebe gesund Steinmühlen-Brot GmbH zum 31.August mit der Begründung gekündigt, die Firma mache an ihrem Stand auch Werbung für die umstrittene Glaubensgemeinschaft Universelles Leben. In einer Broschüre, die an dem Naturkoststand auslag, waren nicht nur Bioprodukte, sondern auch der Verlag Das Wort beworben worden. Dieser lässt auch eine selbst ernannte Prophetin aus dem fränkischen Marktheidenfeld zu Wort kommen. 

Der Bürgermeister hat nach der Attacke gegen das Unternehmen viele böse Briefe von Naturkostanhängern erhalten, die sich weniger für die Sektenlehre als für schmackhaften Bärlauch und knuspriges Biobrot interessieren und deshalb gegen die Kündigung protestieren. Im Rathaus ist man dennoch der Ansicht, das Universelle Leben sei eine Sekte, die sich durch manipulative Psychomethoden auszeichne und noch straffer als die Scientologyorganisation ausgerichtet sei. 

Dass der Stand momentan weiterbetrieben werden kann, hält Bürgermeister Blessing nicht für tragisch. Der Rechtsweg sei eben steinig. Nicht sein zuständiger Mitarbeiter Wolfgang Thiele, Leiter des Marktveranstaltungsbetriebs VMS, sondern er selbst in seiner Funktion als Vertreter des Oberbürgermeisters habe vor seinem Urlaub das Kündigungsschreiben verfasst. Im Nachhinein habe sich dann aber herausgestellt, dass die ihm vorliegenden Unterlagen nicht komplett gewesen seien, sodass eine erneute Kündigung, die nun auch die Lagerräume umfasst, notwendig geworden sei. 

Der neue Kündigungstermin sei der 30.September. Da nicht davon auszugehen ist, dass die Firma Lebe gesund ohne vorherige rechtliche Prüfung die Markthalle verlässt, hat die Stadt bereits beim Landgericht Räumungsklage eingereicht. Lebe gesund wiederum hat beim Amtsgericht Stuttgart eine einstweilige Verfügung beantragt, die der Stadt eine Räumung des Standes vor Klärung der Hauptsache untersagen sollte. Diese Angst, offensichtlich geschürt von Thiele, sei freilich unbegründet, meint Blessing. Die Stadt halte sich an Recht und Gesetz. So dachte auch die Richterin, die den Antrag abgelehnt hat. Mittlerweile, so Bürgermeister Blessing, habe die Firma Lebe gesund die Berufung gegen den ablehnenden Bescheid zurückgezogen. Der Beigeordnete ist zuversichtlich, den Prozess zu gewinnen. "Egal wann, Hauptsache, wir kommen damit durch.'' Er weiß aber auch, dass in Bayern in einem vergleichbaren Fall zu Gunsten der Biobrotlieferanten geurteilt wurde.


 
 
Stuttgarter Zeitung vom 23.1.02 


Richter hält Kündigung gegen Lebe Gesund für rechtens
Vorsitzender sieht Markthalle zunächst nicht als öffentliche Einrichtung - Anwalt fühlt sich von der Stadt diskriminiert

Überraschende Wende im Prozess um die Kündigung des Standes von Lebe Gesund: Der neue Richter der 15. Zivilkammer sieht in der Markthalle keine öffentliche Einrichtung. Damit wäre die Kündigung rechtens. Das Urteil wird am Freitag gesprochen.

Von Susanne Janssen 

Zum zweiten Mal saßen sich gestern die Vertreter der Lebe Gesund Steinmühlenbrot GmbH und der Stadt Stuttgart im Gerichtssaal gegenüber. Stein des Anstoßes war die zum 30. September 2001 erfolgte Kündigung der Verkaufsfläche und der Lagerräume in der Markthalle, die die Stadt ausgesprochen hatte, nachdem die Naturkostfirma Broschüren der ihr nahe stehenden Sekte Universelles Leben ausgelegt hatte. Lebe Gesund schien bei der ersten Verhandlung Erfolg beschieden. Doch der neue Richter kam zur vorläufigen Auffassung, dass die Markthalle doch keine öffentliche Einrichtung sei - im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der der Argumentation des Lebe-Gesund-Anwalts Christian Sailer viel abgewinnen konnte. 

Zunächst wurde der Geschäftsführer des städtischen Eigenbetriebs Versorgungsmärkte und Marktveranstaltungen (VMS), Wolfgang Thiele, als Zeuge vernommen. Nach dem Mietvertrag, der zum 1. November 2000 geschlossen worden war, ist eine Kündigung zum Ende des Folgemonats, eine außerordentliche Kündigung in drei bis sechs Monaten möglich. Die Naturkostfirma Lebe Gesund wehrte sich gegen die Kündigung: Zum einen sei diese treuwidrig, da knapp 100 000 Mark in den Stand investiert wurden, zum anderen sei die Markthalle eine öffentliche Einrichtung. Eine Kündigung könne nur per Verwaltungsentscheid erfolgen. 

Thiele erklärte jedoch, für die Markthalle habe es seit dem Beginn im Jahr 1914 nie eine Satzung gegeben. Mit der Gründung des Eigenbetriebs im Jahr 1994 seien die Verträge überprüft worden, was schließlich zur Neufassung der Verträge Ende 2000 und zu "Allgemeinen Vertrags- und Benutzungsbedingungen" (AVBB) geführt habe. 

Den Richter interessierte, wie denn ein Mieterwechsel normalerweise vor sich gehe. "Wer aufgibt, sucht meist einen Nachfolger, der ihm Kühltheken oder ähnliches abkauft", sagte Thiele. Der VMS stimme zu, wenn der Kandidat ins Konzept passe. Auf Nachfrage des Anwalts Sailer räumte Thiele ein, es habe noch nie eine Kündigung gegeben. 

Ohne weitere Beweisaufnahme - auch Lebe Gesund hatte Zeugen mitgebracht - legte der Richter seine Einschätzung dar. "So, wie sich die Lage darstellt, ist die Markthalle keine öffentliche Einrichtung." Es gebe auch keine Anhaltspunkte dafür, dass sie für die "Daseinsfürsorge und -vorsorge" notwendig sei, da das Warenangebot auch in einem Kaufhaus vorhanden sei. Dafür spreche, dass es keine Satzung gebe und die Mieter nicht öffentlich-rechtlich ausgewählt würden. 

Das Argument des Anwalts Sailer, dass es sich bei der Markthalle doch um eine öffentliche Einrichtung handle, auch wenn sie nicht als solche ausgewiesen sei und privatrechtliche Verträge abschließe (Vermutungsregel), ließ er nicht gelten: Entscheidend seien die getroffenen Vereinbarungen. Einzig der Punkt, dass die Kündigung treuwidrig sei, weil die Naturkostfirma knapp 100 000 Mark in den Stand investiert habe, spreche für Lebe Gesund. Er schlage vor, bei einem Vergleich der Firma eine Frist einzuräumen, in der sie ihre Investitionen hereinholen könne. 

Der Anwalt der Lebe Gesund GmbH wies diesen Vorschlag zurück: "Wenn meine Partei den Vergleich annähme, würden wir uns den mittelalterlichen Vorstellungen der Landeshauptstadt unterwerfen." Er beklagte sich, dass der Richter viele Aspekte in der Beweisaufnahme vernachlässigt habe. So hingen überall in der Markthalle Schilder "Versorgungsmärkte und Marktveranstaltungen". Der Besucher müsse denken, er besuche eine Veranstaltung der Stadt Stuttgart. "Diese Kündigung hat exorbitant diskriminierenden Charakter", erklärte er. Eigenbetriebe müssten den Grundsatz der Gleichbehandlung einhalten. Nur weil sie einen Glauben hätten, der den Kirchen nicht passe, könne man ihnen nicht willkürlich kündigen. Das verstoße gegen die Anti-Diskriminierungs-Richtlinien der Europäischen Union, die formell erst 2003 in Kraft treten, aber möglichst jetzt schon angewendet werden sollen. Dabei müsse die Stadt den Beweis antreten, dass ihre Kündigung nicht diskriminierend sei. 

Für die Stadt stellte der Anwalt Roger Bohn den Hilfsantrag, der Lebe Gesund zum 31. März zu kündigen. Der Richter muss nun am Freitag um 8 Uhr ein Urteil verkünden. 


Sekte beruft sich auf Staatsministerium

Zum unserem Bericht "Sektenbeobachter warnen vor Universellem Leben" (StZ vom 12. Dezember 2001) sind uns zwei Stellungnahmen übermittelt worden. 

Der Verein Universelles Leben e. V. mit Sitz in Würzburg stellt darin fest, dass das Bayerische Staatsministerium des Inneren mit Schreiben vom 9. März 1998 (Aktenzeichen IF-0091.14-1) erklärt habe, dass beim Universellen Leben bisher keine Anhaltspunkte für politisch motivierte Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung festgestellt worden seien. Daran habe sich nichts geändert. Die Lehre des Universellen Lebens entbinde auch heute "niemanden von der Einhaltung der weltlichen Gesetze". 

Die Firma Lebe Gesund Steinmühlen-Brot GmbH legt Wert auf die Feststellung, dass es keine Absprachen über das Auslegen von Prospekten in der Stuttgarter Markthalle gegeben habe, gegen die sie wiederholte Male verstoßen hätte. Sie sei einmal aufgefordert worden, die Broschüre nicht mehr auszulegen, und habe dies daraufhin sofort unterlassen. Es sei auch nicht richtig, dass wegen solcher Verstöße gekündigt worden sei. Diese Kündigung sei durch eine ordentliche Kündigung ersetzt worden, die ohne Angaben von Gründen ausgesprochen worden sei. Wert legt die Firma schließlich auf die Feststellung, dass der durchschnittliche Lohn der Mitarbeiter bei Lebe Gesund über 4 000 Mark betrage.StZ


 
Stuttgarter Nachrichten (u.a.) vom 26.1.02 


"Lebe gesund" fliegt aus der Markthalle 
Gericht: Umstrittene Gemeinschaft muss ihren Stand räumen 

Stuttgart - Die umstrittene Erzeugergemeinschaft "Lebe gesund" muss nach einem Gerichtsbeschluss ihren Stand in der Stuttgarter Markthalle räumen. Bis zum 31. März soll die Gemeinschaft, die zur Sekte "Universelles Leben" (UL) gehört, ihren Platz räumen, entschieden die Richter nach einer Mitteilung vom Freitag. 

Die Erzeugergemeinschaft hatte in der Markthalle entgegen den vertraglichen Bedingungen wiederholt Werbebroschüren für die Mitte der 80er Jahre gegründete UL (Marktheidenfeld bei Würzburg) verteilt. 

Nach Angaben der sektenpolitischen Sprecherin der SPD- Landtagsfraktion, Carla Bregenzer, betreibt "Lebe gesund" bereits seit Jahren in Stuttgart und anderen baden-württembergischen Städten Marktstände. Diese habe teilweise andere Namen wie beispielsweise "Gut zum Leben". Unter dem Deckmantel der Werbung für landwirtschaftliche Produkte sei für die Veröffentlichungen der selbst ernannten Endzeitprophetin Gabriele Wittek geworben worden. Die Marktstände dienten als "Einstiegshilfe" in eine Organisation mit totalitären Zügen, kritisierte Bregenzer. 


 
 
 
 
Sindelfinger Zeitung 25.5.2002 

Markthallenstreit: Stadt gewinnt in zweiter Instanz
Kündigung von Lebe Gesund ist laut OLG rechtens

 Die Stadt hat sich auch in zweiter Instanz gegen Lebe Gesund durchgesetzt. Die Firma muss ihren Stand in der Markthalle räumen. Die Rechtsmittel sind aber noch nicht ausgeschöpft.

 VON GEORGE STAVRAKIS

 ¸¸Ich bin sehr zufrieden'', sagt Anwalt Roger Bohn, der die Stadt in dem Rechtsstreit vertritt. Auch der 5. Zivilsenat des Oberlandesgerichts (OLG) hat darauf erkannt, dass die Kündigung des Lebe-Gesund-Standes rechtens war, und somit die Berufung der Firma gegen das gleich lautende Urteil des Landgerichts zurückgewiesen.

 Die Tage, an denen die Firma Bärlauch, Biogemüse, Obst und Vollkornbrot in der Markthalle verkaufen kann, sind gezählt. Nach dem jetzigen Urteil ist ein Sofortvollzug möglich. Theoretisch könne nächste Woche der Gerichtsvollzieher anrücken und den Stand räumen, so Bohn. Allerdings sei das wenig wahrscheinlich. ¸¸Ich rechne damit, dass der Stand bis Jahresende frei ist'', so der Anwalt der Stadt.

 Der 5. Zivilsenat hat keine Revision gegen sein Urteil zugelassen, da es sich um einen nicht übertragbaren Einzelfall handle. Allerdings ist damit zu rechnen, dass Lebe Gesund eine Nichtzulassungsklage beim Bundesgerichtshof einreicht. Fruchtet dies nicht, bleibt der Gang vors Bundesverfassungsgericht und schließlich vor den Europäischen Gerichtshof. Aufschiebende Wirkung haben diese Mittel nicht. Gegen eine Sicherheitsleistung von 25 000 Euro könnte die Stadt umgehend räumen lassen. Das OLG bestätigte die Auffassung des Landgerichts, dass die Markthalle keine öffentliche Einrichtung sei, sondern von der Stadt wie eine private Einrichtung genutzt werde. Deshalb greife die baden-württembergische Gemeindeordnung nicht, nach der eine Kündigung erheblich schwieriger gewesen wäre.

 Auch die Argumentation der Lebe-Gesund-Leute, man habe ihnen mündlich einen längerfristigen Mietvertrag in Aussicht gestellt, woraufhin man 50 000 Euro investiert habe, sei ohne Belang, so die Richter. Im Mietvertrag gebe es feste Kündigungsfristen, die von beiden Seiten ohne Angabe von Gründen in Anspruch genommen werden könnten. Zudem habe sich die Investition durch den Gewinn der Firma von rund 240 000 Euro allein im Jahr 2001 in der Markthalle amortisiert.

 Der Streit hatte sich an Broschüren entzündet, die Lebe Gesund vergangenes Jahr in der Markthalle verteilte. In den Heften wurde für die umstrittene Glaubensgemeinschaft Universelles Leben (UL) geworben. Daraufhin kündigte die Stadt den Verkaufsstand zum Ende September 2001, was heftige Attacken von Christian Sailer zur Folge hatte, der Lebe Gesund anwaltlich vertritt und zugleich als UL-Sprecher auftritt. Sailer sprach von Diskriminierung, Verletzung des Schutzes der Religionsfreiheit und mittelalterlichen Methoden.

 ¸¸Die Glaubensfreiheit wird durch die Kündigung nicht eingeschränkt'', entschied jetzt das OLG.


 
 
 
Sindelfinger Zeitung 1.8.02


Stadt will umstrittenen Marktstand räumen lassen
Räumungstitel gegen Lebe Gesund soll bis September vollstreckt werden - Zustimmung von SPD und CDU 
Nach langem, erfolgreichem Rechtsstreit macht die Stadt nun Ernst: Der Öko-Stand der Firma Lebe Gesund in der Markthalle soll bis Ende September geräumt werden. Die Firma, die im Einflussbereich der umstrittenen Glaubensgemeinschaft Universelles Leben agiert, kündigt Widerstand an. 

Von unserem Reporter MICHAEL ISENBERG 

"Ich wünsche Ihnen, dass Sie in der Markthalle bleiben dürfen.'' Die Hoffnung, die eine Kundin in einem Büchlein äußert, das am Marktstand ausliegt, könnte sich bald zerschlagen: Die Stadt will den in ihren Augen unliebsamen Lebe-Gesund-Betrieb nicht länger in der Markthalle dulden. 

¸¸Seit dem Urteil des Oberlandesgerichtes Stuttgart vom 24. Mai 2002 haben wir einen vollstreckbaren Räumungstitel'', bestätigt Rechtsreferent Alfons Schwedler gegenüber unserer Zeitung. ¸¸Bis Ende September soll der Titel durch den Gerichtsvollzieher vollstreckt werden.'' Von der Vorstellung, dass es dabei womöglich zu einer handfesten Auseinandersetzung um den Stand kommen könnte, will sich Schwedler nicht abschrecken lassen. ¸¸Falls es nötig sein sollte, kommt der Gerichtsvollzieher mit der Polizei. Die Räumung muss klappen!'' 

Von einem publizitätsträchtigen Showdown in der Markthalle mag Christian Sailer nichts wissen. Der Anwalt des Lebe-Gesund-Standes kündigt einmal mehr juristische Gegenwehr an. ¸¸Wir werden beim Bundesgerichtshof einen Vollstreckungsschutzantrag stellen. Und ich bin guter Hoffnung, dass wir uns vor Gericht durchsetzen werden.'' 

In Sailers Augen geht die Kündigung durch den städtischen Eigenbetrieb Versorgungsmärkte und Marktveranstaltungen (VMS) auf die ¸¸Einflussnahme der Kirchen'' zurück und ist deshalb ¸¸willkürlich''. Sollte der Bio-Stand wider Erwarten dennoch aus der Markthalle weichen müssen, stünden der Vorwurf der Geschäftsschädigung sowie Ansprüche auf Schadenersatz im Raum. Den Standort Stuttgart, so Sailer, werde man ¸¸mit Sicherheit nicht verlassen''. 

Hintergrund des langwierigen Rechtsstreits durch mehrere Instanzen - die erste Kündigung wurde bereits zum 31. August 2001 ausgesprochen - ist die mit zahlreichen Indizien darstellbare enge Verflechtung zwischen den bundesweit über 50 Lebe-Gesund- und Gut-zum- Leben-Verkaufsstellen und der Organisation Universelles Leben (UL) der selbst ernannten Prophetin Gabriele Wittek. Anwalt Sailer etwa vertritt nicht nur die Bio-Firmen, die so genannten ¸¸Güter Neu-Jerusalem'', sondern ist auch Sprecher des UL. Nur in der Papierform haben die beiden Konglomerate nichts miteinander zu tun. 

In dem Antrag der SPD-Fraktion im Gemeinderat, der seinerzeit den Anstoß für die Kündigung des Marktstandes gab, heißt es unter anderem: ¸¸Bei der Erzeuger- und Vermarktungsorganisation Gut zum Leben handelt es sich um ein Wirtschaftsunternehmen unter dem Dach der sektiererischen Organisation Universelles Leben. Die Gruppe zeichnet sich durch eine autoritäre Weltanschauung und manipulative Psychomethoden aus.'' Politiker, Behörden und Sektenbeauftragte kritisieren UL seit vielen Jahren. 

SPD-Stadtrat Andreas Reißig wertet die angekündigte Räumung des Marktstandes als Erfolg. ¸¸Vom UL geht ein Gefährdungspotenzial aus. Es ist vorbildlich, wenn die Stadt mit der Kündigung ihre Verantwortung wahrnimmt.'' CDU-Fraktionschef Michael Föll, der von UL-Anwalt zweimal erfolglos juristisch attackiert wurde, begrüßt die Entwicklung ebenfalls. ¸¸Ich lag mit meiner Einschätzung dieser Sekte richtig!''


 
 
Die Rheinpfalz 6.3.02


"Lebe Gesund"-Laden steht "Universelles Leben" nahe
Neues Öko-Geschäft im City-Center laut Unternehmen jedoch von Sekte unabhängig - Gericht: UL teils totalitäre Gemeinschaft 
Von unserem Redakteur: Thomas Brückelmeier

Der neue Öko-Laden "Lebe Gesund" im City-Center wird von dem gleichnamigen Unternehmen betrieben, dessen Personal teilweise aus Anhängern der Sekte Universelles Leben (UL) besteht. Wie eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage mitteilte, arbeitet die Kette - es gibt mehrere Lebe-Gesund-Läden in Deutschland sowie Stände auf Wochenmärkten - jedoch "wirtschaftlich und juristisch völlig unabhängig". Laut einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts lasse sich aus den UL-Schriften folgern, dass die Gemeinschaft teils totalitäre Züge trägt und sie "Anspruch auf Arbeitskraft und finanzielle Mittel ihrer Anhänger erhebt". Das Mainzer Sozialministerium hat 1994 vor der Sekte gewarnt. Der Sektenbeauftragte der katholischen Kirche im Bistum Speyer, Christoph Bussen, steht ihr äußerst kritisch gegenüber. 

Brot, Gemüse, Obst, Säfte, Aufstriche, Gebäck, jedoch keine tierischen Produkte. Das Angebot des neuen "Lebe Gesund"-Ladens im City-Center unterscheidet sich kaum von einem anderen ökologisch orientierten Geschäft. Alles ist sauber und ansprechend dekoriert. Das Personal trägt als einheitliche Kleidung gelben Kittel. Für den normalen Verbraucher deutet nichts auf die enge Beziehung zum Universellen Leben hin. Eine gläubige Orientierung ergibt sich aus dem Stempel "Lebe Gesund - Güter Neu-Jerusalem", den die Waren tragen. 

Auch eine Hochglanz-Broschüre mit dem Titel "Der friedfertige Landbau", die ausliegt, verweist nicht auf UL. Der Inhalt beschränkt sich auf die ökologischen Grundlagen, nach denen angebaut werde sowie auf die Aufzählung übriger Läden, die es beispielsweise noch in Frankfurt, Nürnberg und Würzburg gibt. Auf den hinteren Seiten findet sich - nicht als UL-Material gekennzeichnet - Werbung für die Bücher "Die Bergpredigt" und "Das ist mein Wort - Das Evangelium Jesu". Diese können bestellt werden beim Verlag "Das Wort GmbH - Der universelle Geist, Leben im Geiste Gottes" mit Sitz in Marktheidenfeld bei Würzburg. In Würzburg ist auch die Zentrale von Universelles Leben (ehemals "Heimholungswerk Jesu Christi"). 

Gegründet wurde die Gemeinschaft 1984 von Gabriele Wittek, eine ehemalige Kontoristin, die sich seit Ende der 70er Jahre Prophetin Gottes nennt und als dessen Medium agiert. Nach dem bevorstehenden Ende der Welt würden nur die UL-Anhänger überleben, verkündete sie. Die Gruppierung errichtete laut einer Mitteilung des Berliner Senats ein eigenes Erziehungs- und Schulsystem. "Kinder von Anhängern wachsen in so genannten Vater-Mutter-Häusern auf", heißt es darin. Vom Kleinkindalter bis in das Erwachsenenalter solle die "Intensivschule des Geistes Gottes" wirken und keine andere Orientierung zulassen. "Eltern sollten sich nicht an ihr Kind binden", so der Senat weiter. 

In den so genannten "Christusbetrieben" sorgten "Harmoniegespräche" dreimal täglich für "geistige Ausrichtung" im betrieblichen und privaten Bereich, deren Folge unter anderem eine gegenseitige Kontrolle als Mittel zur Durchsetzung des Harmoniediktats sei, besagt die Senatsmitteilung. Das Harmonie-Ideal könne für den Einzelnen bedeuten, "wesentliche Teile der Persönlichkeit aufzugeben". Die Feindbilder sind nach dem Senat vielfältig, zitiert wird aus einer UL-Schrift: "Der Klerus ist der Hetzer, der Staat und Teile des Volkes sind die Verhetzten, die Richter die Angepaßten, die Journalisten und Reporter die Ausführenden."

"Wir sind Anhänger"

"Wir sind Anhänger des Universellen Lebens", bekannte eine der Verkäuferinnen im Laden im City-Center auf Anfrage. Die Produkte, die im Laden verkauft werden, würden strengsten ökologischen Kontrollen unterliegen, was der Öko-Verband ANOG überwache. Sie selbst sei Urchristin und wie ihre Kollegen aus der Amtskirche ausgetreten. "Mit deren mörderischen Geschichte wollen wir nichts zu tun haben", sagte sie. Der Laden stehe in keiner direkten Verbindung zum Universellen Leben. Auch seien nicht alle Beschäftigte Mitglied bei UL. Identische Aussagen kamen gestern auf Anfrage auch von Silke Dziallas, bei der "Lebe Gesund Steinmühlen-Brot GmbH" für Werbung zuständig.

Dietmar Umstätter, der für die Kindermann-Gruppe das Frankenthaler City-Center vermietet, reagierte völlig überrascht. "Das ist das erste Mal, dass ich so etwas höre", sagte er zu der ideologischen Ausrichtung von "Lebe Gesund". Es handele sich um ein renommiertes Unternehmen mit Filialen in Großstädten.

Laut Ordnungsamtsleiter Karl Metzdorf sei Universelles Leben vor einigen Jahren bereits mit einem Ökowaren-Stand auf dem Wochenmarkt vertreten gewesen. Der Stadt sei es gelungen, diesen Vertrag ohne Widerspruch zu kündigen. Stände mit Beziehungen zu Sekten seien nicht erwünscht. Auch in Stuttgart muss nach Kündigung und Gerichtsbeschluss "Lebe Gesund" seinen Stand in der Markthalle zum 31. März 2002 räumen. 

In einer Drucksache der Mainzer Landesregierung mit dem Titel "Sekten und ihre Unterorganisationen" von 1995 wird die UL-Anhängerzahl bundesweit auf 40.000 und für Rheinland-Pfalz auf 200 geschätzt. Die Mitglieder seien im so genannten Christusstaat "streng reglementiert und hierarchisch organisiert". Die Kritik an UL beziehe sich in erster Linie "auf die rigide Struktur, den Absolutheitsanspruch, die Methoden und die die Mitglieder vereinnahmenden Regeln innerhalb der Organisation, die Heilungsmethoden und den Umgang mit Kritikern und Andersdenken". Diese würden vom Universellen Leben mitunter als "Rufmörder" bezeichnet. Gegen eine Warnung vor der Sekte durch den Mainzer Sozial- und Familienminister sei diese bis vors Bundesverfassungsgericht juristisch vorgegangen, jedoch ohne Erfolg.

"Meiner persönlichen Ansicht nach ist Universelles Leben sehr problematisch", so Bussen. Oberflächlich betrachtet beschäftige sich UL mit religiösen und aktuellen Umweltthemen, was für gutgläubige Menschen Anreiz sein könne. "Doch diese Themen werden anders gefüllt und haben mit Christentum nichts mehr zu tun", so Bussen. Als Beispiel für abstruse Denkweisen bei UL nannte der Sektenbeauftragte eine Vortragsveranstaltung über Reinkarnation in Ludwigshafen, bei der ein ranghoher Vertreter von UL auf Nachfrage eine Mitverantwortung der Juden an ihrer Vernichtung durch die Nazis zugewiesen habe.

Laut einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts München aus 1998 sieht das zentrale UL-Regelwerk, die so genannte Gemeindeordnung, "für den Einzelnen in Teilbereichen keinen Spielraum mehr für seine persönliche Entfaltung vor". Diese weitgehende Vereinnahmung der Person stehe nicht im Einklang mit dem Menschenbild des Grundgesetzes. UL engagiere sich wirtschaftlich und politisch. Zwar sei die Glaubensgemeinschaft selbst weder Inhaberin noch Gesellschafterin eines Gewebebetriebes, die wirtschaftliche Betätigung der Mitglieder und anderer Anhänger in den Christusbetrieben "ist ihr aber zuzurechnen, da sich die Gemeinschaft für diese Betriebe als verantwortlich und weisungsbefugt zeigt". 

Ein zentraler Bestandteil der Heilslehre sei das selbstlose Leben in der Gemeinschaft. "Persönliches Eigentum wird als eine Belastung auf dem Weg zu Gott bewertet", so das Gericht. Daher sei es gerechtfertigt zu sagen, "dass die Gemeinschaft Anspruch auf Arbeitskraft und finanzielle Mittel ihrer Anhänger erhebt". Die Münchener Richter sahen auch eine hierarchische Gliederung gegeben. Aus den Schriften des Universellen Lebens lasse sich folgern, "dass die Glaubensgemeinschaft in einzelnen Bereichen totalitäre Züge trägt". 


 
 



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