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Wolf Wimmer:
Parapsychologie, Wissenschaft und Rechtsordnung
 
 
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Bücher
Otto Prokop + Wolf Wimmer:  
Der moderne Okkultismus.  
Parapsychologie und Paramedizin. Magie und Wissenschaft im 20. Jahrhundert.  
1976
Otto Prokop + Wolf Wimmer 
Wünschelrute, Erdstrahlen, Radiästhesie 
Die okkulten Strahlenfühligkeitslehren im Lichte der Wissenschaft, 1955 
2., völlig neu bearbeitete Auflage 1977
 
 
 

Wolf Wimmer:
Parapsychologie, Wissenschaft und Rechtsordnung, 1979
Der Artikel ist zwar in einer juristischen Fachzeitschrift erschienen. Er ist jedoch von allgemeiner Bedeutung und Lesbarkeit und sollte vermutlich die Juristen in dieses Gebiet einführen.

I. Vorbemerkung
II. Methodische Mängel parapsychologischer Forschungen
III. Die Beweislast für parapsychische Tatsachen
IV. Ergebnis: Wertlosigkeit parapsychologischer Aussagen für die Rechtsordnung

NJW 1979, Heft 12, 587

Vorsitzender Richter am LG Dr. Wolf Wimmer, Mannheim

Parapsychologie, Wissenschaft und Rechtsordnung

I. Vorbemerkung

Die weltweite Skepsis der Wissenschaft gegenüber der sogenannten Parapsychologie, deren Vertreter übersinnliche ("paranormale“) Kräfte auf dieser Erde bewiesen haben wollen, hat inzwischen auch in einem höchstrichterlichen Urteil ihren Niederschlag gefunden. In einem Mordprozeß, zu dem die Leiche fehlte, hatte die Verteidigung beantragt, den Verbleib des Opfers durch eine "Hellseherin“ ermitteln zu lassen und zum Beweis, daß solches möglich sei, einen "Parapsychologen“ als Sachverständigen zu hören. Die ablehnende Entscheidung des Schwurgerichts hat der BGH bestätigt und zur Begründung auf die wissenschaftliche Kritik verwiesen, wonach "die Ergebnisse der Parapsychologie nicht als naturwissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse anerkannt werden können“ und deshalb in foro "parapsychologische Sachverständige als völlig ungeeignete Beweismittel angesehen“ werden müssen (Fußnote 1).

Damit folgt die Rechtsprechung den seit eh und je erhobenen naturwissenschaftlichen Bedenken, denen zufolge entgegen den irreführenden Darstellungen von parapsychologischer Seite (Fußnote 2) keine Rede davon sein kann "Hellsehen“, , "Gedankenübertragung“, "Zweites Gesicht“, "Spukerscheinungen“, "Schwarze Magie“ und ähnliche "okkulte Phänomene“ seien bewiesene Tatsachen und keine Märchen. Zugleich wird durch die Ablehnung des "parapsychologischen Sachverständigenbeweises“ der Anspruch der vorgeblich "neuen Wissenschaft“ auf Beachtung durch die Rechtsordnung (Fußnote 3) abgewehrt.

II. Methodische Mängel parapsychologischer Forschungen

Das Verdikt kommt nicht aus heiterem Himmel. Sein Grund liegt nicht, wie die Getroffenen klagen, in weltanschaulicher Opposition böser Skeptiker dagegen, daß überhaupt nach Okkultem geforscht wird, sondern in der Art und Weise, wie dies geschieht. Es sind die durchweg anzutreffenden methodischen Mängel, die den Stein des Anstoßes bilden und immer wieder zeigen, daß Parapsychologie keineswegs die exakte Wissenschaft ist, als die sie sich geriert. Diese Schattenseite der Angelegenheit wurde bisher zu wenig beachtet. Ihre Aufhellung erscheint um so notwendiger, als parapsychologische Verlautbarungen nach wie vor die gebotene Auseinandersetzung mit den vernichtenden Einwänden der Kritiker vermissen lassen und so für das informationswillige Publikum ein falsches, weil unvollständiges Bild zeichnen.

Irreführend ist es bereits, wenn behauptet wird, übersinnliche Phänomene seien mit Laboratoriumsmethoden als existent erwiesen worden (Fußnote 4). Dies trifft keineswegs zu. Vielmehr steht längst fest, daß alle sogenannten Massenexperimente gescheitert sind (Fußnote 5). Die von europäischen Parapsychologen noch immer ins Feld geführten , "Pionierversuche“ Rhines in USA, die durch Raten von Spielkarten die Existenz magischer Kräfte "medial begabter“ Personen beweisen sollten ("Psi“) (Fußnote 6), wurden schon 1957 von Gardner unangefochten als Beispiele für "Schrullen und Irrtümer im Namen der Naturwissenschaft“ angeführt, neben Hohlwelttheorie, Lysenkoismus, Pyramidenaberglaube, Anti-Schwerkraft-Pillen, Nieder-mit-Einstein-Fanatikern und ähnlichen Bizarrerien (Fußnote 7). Nachdem bekannt geworden war, daß Rhine nur die der "paranormalen“ These günstigen Ergebnisse veröffentlicht hatte, die negativen hingegen in "inoffiziellen Protokollblättern“ abgelegt worden waren, war der Vorwurf des Wissenschaftsbetrugs nicht mehr auszuräumen. Sein designierter Nachfolger Levy wurde schließlich auf frischer Tat ertappt, als er "Psi" bei Ratten ganz eigenhändig-heimlich konstruierte. Heute wird das Rhinesche "Laboratorium“ nicht mehr im Rahmen der Universität geführt.

Ähnlich steht es mit den einschlägigen "Reihenversuchen“ in anderen Ländern. Bis heute liegt kein einziger schlüssiger Experimentalbeweis für "Psi“ vor. Die positiven Berichte übergehen stets den grundstürzenden mathematischen Einwand des Mißbrauchs der Statistik - die Anwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung ("überzufällige Signifikanzen“) ist ohne Sinn, wenn es, wie hier jedes Mal, an deren Grundvoraussetzung fehlt, nämlich an der Gewährleistung gleicher Chancen für jeden Versuch (Fußnote 8). Daß solche von vornherein zwecklose Veranstaltungen gleichwohl immer wieder durchgeführt werden, erscheint zwar psychopathologisch verstehbar (Fußnote 9), für Wissenschaft und Alltag aber bleibt das alles irrelevant - nicht verifizierbare Theorien sind bekanntlich wertlos.

Jeglichen Beweiswerts ermangeln auch die "qualitativen Untersuchungen“ einzelner Fälle, in denen dann regelmäßig einem "Medium“ der Besitz zaubrisch-okkulter Fähigkeiten zuerkannt wird (Fußnote 10). Hier scheitert der naturwissenschaftliche Entdeckeranspruch bereits an der fehlenden Wiederholbarkeit der Demonstration unter gleichen Bedingungen, so daß die erforderliche Nachprüfbarkeit durch unabhängige Forscher nicht gegeben ist (Fußnote 11) und allgemeingültige Aussagen, die eine wissenschaftliche Vorhersage gestatten, gar nicht möglich sind (Fußnote 12). So wird die auf den ersten Blick verwunderliche Tatsache verständlich, daß die Wissenschaft in aller Welt indifferent verharrt, während ständig Hellsehern, Wahrsagern, Telepathen, Wunderheilern, Spukmedien, Entstrahlern, Rutengängern, ja Besessenen und Hexenmeistern und sogar Tieren weltbildstürzende übernatürliche Kräfte attestiert wurden(Fußnote 13). Dabei hätte es solchen "Paragnosten“ doch eigentlich ein leichtes sein müssen, durch "außersinnliche Wahrnehmung“ das große Los in Lotto und Toto zu gewinnen bzw. durch  "psychokinetische Fernbewegung“ die Roulettekugeln der Spielbanken für sich ins richtige Feld zu dirigieren. Doch hat man bislang von einem solchen "echten“ Zauberkünstler so wenig gesehen wie von dem sagenhaften Vogel Phönix. Vielmehr vergeht regelmäßig nur kurze Zeit, bis näher zusehende Kriminalisten die angeblich übersinnlichen Phänomene als ganz irdische Betrügetei und Taschenspielkunst entschleiern. Noch frisch im Gedächtnis ist der Fall des Bühnenmagiers Uri Geller, dem Parapsychologen wunderbare Biegekräfte, Hell- und Fernsicht, telepathische Spukauslösung u. a. mehr bescheinigten, bis schließlich seine Tricks ans Licht kamen (Fußnote 14).

Die hier zutage tretende auffällige Diskrepanz zwischen den Ergebnissen der Parapsychologie und der Realität - die, wie schon die ältere Literatur zeigt (Fußnote 15), die gesamte Geschichte des Okkultismus durchzieht - hat von jeher das Staunen unvoreingenommener Betrachter hervorgerufen. Jaspers sah die Ursache in der "ständigen Verwechslung von spontanem physiologischpsychologischem Geschehen und Artefakten durch Situation und Beobachter“ (Fußnote 16). In der Tat erscheint es dem Betrachter unfaßbar, wie lax hier die "Versuchskontrollen“ gehandhabt zu werden pflegen - sogar auf dringend nötige Leibesvisitationen wird zumeist verzichtet, was dann beispielsweise zur Folge hatte, daß ein Hobbymanipulator seinen "Experimentator“ jahrelang an "Gedankenfotografie“ glauben machte (Fußnote 17). Besser wäre es gewesen, den zuständigen Fachmann, nämlich den professionellen Artisten, zuzuziehen. Da dieser jedoch gläubigen Okkultisten als "böswilliger Entlarver“ verhaßt ist, bittet man ihn erst gar nicht zur Stelle. Ist er ausnahmsweise einmal anwesend und deckt den Schwindel auf, bleibt dies in den parapsychologischen Fallbeschreibungen zumeist verschwiegen - dabei handelt es sich gerade um das entscheidende beweisvernichtende Faktum. So beschrieb Bender den erwähnten "Gedankenfotografen“ noch 1976 als erwiesenen Fall von "Psychokinese“, d.h. Hexerei, ohne zu erwähnen, daß der Zauberer bereits 1973 gegenüber einem Varieteillusionisten ein Betrugsgeständnis abgelegt hat (Fußnote 18).

Derlei Auslassungen, die wir allenthalben in den Erfolgsberichten der Parapsychologen antreffen, sind dem Aberglaubenskenner nichts Neues. Schon vor 50 Jahren zeigte Lehmann auf, wie in den okkultistischen Erzählungen die Begebenheiten "ihr übernatürliches Gepräge dadurch erhalten, daß gerade die Umstände, die den Schlüssel zu einer natürlichen Erklärung geben. fortgelassen sind“ (Fußnote 19).

Materialselektionen dieser Art gehören bekanntlich zu den unverzeihlichen Todsünden in der Wissenschaft. In dem hier in Rede stehenden Bereich verletzen sie zudem ein unabdingbares methodisches Grundprinzip aller Naturwissenschaften: das Verbot, unbekannte Ursachen zu postulieren, solange nicht sämtliche bekannten ausgeschlossen sind (Fußnote 20). Bevor ich annehme, daß eine Kaffeetasse durch überirdischen "Spuk“ aus dem Küchenschrank fällt, muß ich prüfen, ob nicht der Lausbub von nebenan mir einen ganz irdischen Streich gespielt hat (Fußnote 21). Anders würden wir in die Denkweise zauber- und gespensterwahnerfüllter Zeitalter zurückverfallen, die hinter jedem nicht sofort durchschaubaren Gauklertrick echte Hexerei witterte. Da nun einmal die Bedingungen, welche das Zustandekommen "paranormaler Erscheinungen“ ermöglichen sollen, genau die gleichen sind, die auch die betrügerische Vortäuschung benötigt, ist vor der Annahme jener zunächst diese zu eliminieren.

Selbstverständlich sind damit die natürlichen Erklärungsmöglichkeiten noch keineswegs erschöpft. Zahlreiche dem Skeptiker bekannte Ursachen für "Psi“ scheinen für Parapsychologen nicht zu existieren. Ihr Studium erfordert allerdings ein wenig Mühe, da die Materie in der Literatur verstreut liegt. Für eilige Adepten seien sie hier einmal kurz zusammengestellt: Betrug, Falschaussage, Märchenerzählung, Training, fehlerhafte Beobachtungen, Erinnerungstäuschungen, Amnesie, Erfüllungserwartungen, Halluzinationen, Illusionen, Träume, gleichförmige seelische Abläufe, unbewußte Bewegungen, Vergiftungen, abnorme Körperempfindungen, Suggestion, Hysterie, Psychopathie, Neurosen, endogene Psychosen, Schwachsinn, Zufall (Fußnote 22).

All dies ist also zu prüfen, bevor eine Erscheinung aus der "anderen Welt“ festgestellt wird. Dagegen hilft auch keine Berufung auf "angesehene Beobachter“, die früher Ähnliches bezeugt hätten (Fußnote 23).

Bei näherer Prüfung stellt sich nämlich stets heraus, daß es sich auch hier wieder um Personen handelt, deren "Untersuchungen“ die erwähnte naturwissenschaftliche Grundregel außer acht ließen  (Fußnote 24). In Wahrheit liegt hier denn auch ein rein theologisches Argument vor. Schon die geistlichen Verfasser des Malleus maleficarum "bewiesen“ die Existenz von "Hexen“ durch Verweis auf "hervorragende Gelehrte“ - Professoren, die ihrerseits beispielsweise daran glaubten, daß Frauen sich in Katzen und Mäuse verwandeln könnten (Fußnote 25). Solche Autoritäten gewinnen auch nicht dadurch Überzeugungskraft, daß sie akademische Ordinariate innehaben, wie Gefolgsleute in naiver Weise immer wieder vorbringen. Märchen und Sagen werden schließlich nicht deswegen wahr, weil sie auf Universitätskathedern erzählt werden. Und wenn die Welt voller Parapsychologen wäre, die alle "gleichförmig“ von "Psi“ als bewiesenen Tatsachen berichteten, so wäre ihnen noch immer die berühmte Frage des Thomasius entgegenzuhalten: "Was würde man von tausend miteinander übereinstimmenden Aussagen halten, daß eine Hexe im Himmel gewesen sei, mit St. Petrus getanzt und mit seinem Jagdhund geschlafen habe?“ (Fußnote 26).

Mit anderen Worten: Mit Behauptungen dieser Art sind empirische Beweise nicht zu ersetzen. Das Kriterium naturwissenschaftlicher Forschung ist nun einmal die Verifizierung von Hypothesen in wiederholbaren Experimenten und nicht die unkritische Nacherzählung von Berichten, die ihrerseits erst einer Glaubwürdigkeitsprüfung bedürfen.

III. Die Beweislast für parapsychische Tatsachen

Es ist nun interessant und bedarf nicht nur für Kulturkuriosa-Sammler der Hervorhebung, daß man auf parapsychologischer Seite offenbar glaubt, die schwerwiegenden methodischen Einwände der Kritiker lediglich mit persönlichen Diffamierungsversuchen überspielen zu können. Skeptiker sind danach angeblich "ideologisch verhärtet“, haben "Vorurteile“, fürchten sich vor "Dämonen“, huldigen dem "Atheismus“, dem "Materialismus“, ja dem "Leninismus“ (Fußnote 27). Damit wird zwar eine alte Tradition politisch-religiöser Falschbezichtigung fortgesetzt - schon die spätmittelalterlichen Hexeninquisitoren versuchten, unbequeme Zweifler mit der Atheismus-Beschuldigung mundtot zu machen (Fußnote 28) -, doch beweist dies allein noch kein neues Phänomen. Man stelle sich vor, Galilei hätte für seine Entdeckungen keinen anderen Beweis vorgebracht als die Behauptung, wer ihm nicht aufs Wort glaube, sei sicherlich Mohammedaner.

Die Denunziationen beweisen allerdings eines: Noch immer möchten Parapsychologen ihre Beweislast auf uns Skeptiker abschieben. Daß dies zu absurden Folgen führen müßte, ist evident. Wir müßten dann letztlich ja auch der Aufforderung nachkommen, gefälligst zu beweisen, daß Rübezahl und Rumpelstilzchen nicht existieren. Wenn man bedenkt, wieviele unsinnige Behauptungen täglich auf der ganzen Welt aufgestellt werden, wird man die Bedeutung der Regel ermessen. Eben deshalb sind wir keineswegs genötigt, okkultistische "Ergebnisse“ sofort als existent hinzunehmen, solange sie nicht falsifiziert sind (Fußnote 29). Vielmehr gilt noch immer Hellwigs Urteil: "Die Beweislast für die parapsychischen Tatsachen trifft die Okkultisten." (Fußnote 30). Deshalb ist es ja auch nicht Sache des Skeptikers, in concreto den Betrug des Mediums zu beweisen, vielmehr hat der Parapsychologe zu beweisen, daß Betrug ausgeschlossen ist. Schon jener bekannte Okkultforscher mußte sich dies entgegenhalten lassen, der einen Wachsabdruck vom Gesäß eines Jahrmarktgauklers als Geistergesicht vorstellte und, als Zweifler Bedenken anzumelden wagten, kurzerhand von ihnen den Gegenbeweis verlangte (Fußnote 31).

Kein Wunder, daß spätestens hier teilnehmende Beobachter zu fragen beginnen, ob nicht vielleicht doch diejenigen recht haben, die schon seit geraumer Zeit die Ansicht vertreten, es habe hier auch der Psychiater ein Wörtlein mitzureden (Fußnote 32). Immerhin hat schon Kant auf enge Beziehungen zwischen Okkultismus und geistiger Störung aufmerksam gemacht, als er urteilte, es könne "die anschauende Kenntnis der anderen Welt allhier nur erlangt werden, indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen man für die gegenwärtige nötig hat“ (Fußnote 33). Denn wie ist es sonst zu verstehen, wenn, wie hier ständig, Wahnideen und abnorme seelische Erlebnisse als naturwissenschaftliche Forschungshypothesen genommen werden? Bereits der geistesgesunde Laie wird beispielsweise die "Beobachtung“ eines Zeugen, es seien Nägel durch feste Wände geflogen, ohne Löcher zu hinterlassen, richtig einstufen; nicht so der Parapsychologe (Fußnote 34). Und daß "gleichförmige Berichte“ von "Bilokationen“, vermöge deren ein und derselbe Mensch gleichzeitig an zwei Orten weilen könne, auf einfachen Halluzinationen der Körpersinne beruhen, sollte seit Bayle zumindest zur gelehrten Allgemeinbildung gehören - Parapsychologen aber "prüfen“, ob solches realiter möglich sei (Fußnote 35).

Hier zeigt sich, wie notwendig es ist, ständig auch öffentlich darauf hinzuweisen, daß der vom Okkultismus so gröblich mißbrauchte Begriff der wissenschaftlichen Hypothese streng außerhalb des psychopathologischen Bereichs zu verbleiben hat, wollen wir nicht Gefahr laufen, daß schließlich alles und jedes Hirngespinst zur "Forschungsaufgabe“ erhoben wird. Solche "Untersuchungen“ enden ja regelmäßig sehr schnell in den bekannten mittelalterlichen Scheinproblemen:

Ob Raben und Käuzehen Tod ankünden? (Fußnote 36)
Ob Vampire uns von ferne Kräfte entziehen können? (Fußnote 37)
Ob eine Arme Seele aus dem Fegefeuer ihre Hand in ein Meßbuch einbrennen kann? (Fußnote 38)
Ob der Teufel einen Pferde- oder Bocksfuß hat? (Fußnote 39)
Ob ich mich vorübergehend in einen Bären verwandeln kann? (Fußnote 40)
Ob Hexen auf Ofengabeln durch die Luft fliegen können? (Fußnote 41)
 

IV. Ergebnis:
Wertlosigkeit parapsychologischer Aussagen für die Rechtsordnung

Nach allem ist die Feststellung des BGH wohlbegründet, daß "die hier in Rede stehenden Kräfte nicht beweisbar sind, sondern lediglich dem Glauben oder Aberglauben, der Vorstellung oder dem Wahne angehören“ (Fußnote 42). Parapsychologische Aussagen können daher die Rechtsordnung nicht tangieren. Der Richter darf sie so wenig beachten wie die Behauptung, die Sonne gehe morgens im Westen auf, der Himalaya bestehe aus Sahnepudding und die Apfel fielen nicht von den Bäumen, sondern umgekehrt. Das Gegenteil steht nun einmal fest. Anders wäre schließlich jeder gesicherten Erkenntnis und damit auch unserem gesamten, auf den Regeln der Naturwissenschaft basierenden Gemeinschaftslehen der Boden entzogen.

Wie wichtig es ist, daß abergläubische Schauermärchen und Wahnvorstellungen nicht mit Wissenschaft verwechselt werden, lehrt gerade das Beispiel des Okkultismus. Allen Ernstes sahen Parapsychologen bereits mögliche "mediale Begabung“ bei Hexenbannern und wehklagten, unsere Justiz wolle gefährlichen "Schadzauber“ nicht zur Kenntnis nehmen (Fußnote 43). Wir erinnern uns: Die gleichen Vorstellungen wurden schon einmal als für alle verbindlich erklärt, worauf bekanntlich jahrhundertelang die Schreie der wegen "Schadzaubers“ verurteilten Frauen von rauchenden Scheiterhaufen gellten. Diese Vergangenheit der "Wissenschaft vom Okkulten“ sollte uns Warnung genug sein. Vestigia terrent.
 



1) BGH, NJW 1978, 1207.
2) Einzelheiten bei Wimmer, NJW 1976, 1131 ff.
3) Zuletzt vorgebracht von Bender, NJW 1977, 1091. [Anm. AGPF: Rechtsanwalt Prof. Dr. Bernd Bender, Freiburg, Bruder von Hans Bender]
4) Bender (o. Fußn. 3).
5) Für das Folgende s. Prokop-Wimmer, Der moderne Okkultismus, S. 119ff. mw. Nachw.
6) Vgl. etwa Bender, Parapsychologie, ihre Ergebnisse und Probleme, 3. Aufl. (1976), S.34ff. [Anm. AGPF: Professor Hans Bender, Leiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie, Freiburg]
7) Gardner, Fads and Fallacies in the Name of Science, S. 299ff
8) Tornier, Der "RhineFall“ der Parapsychologen, S. 4. A. M. Büchel, Ztschr. f. Parapsychol. 1976, 171 f., der jedoch einem Zirkelschluß erliegt, vgl. Tornier, in: Mise, Mathematical Theory of Probability and Statisties, S. 98ff.
9) Das abnorme Bedeutungsbewußtsein Abergläubischer unterlegt auch dem reinen Zufall noch einen Sinn (Zucker, Psychologie des Aberglaubens, S. 235; Levy-Bruhl, La mentalite primitive, S. 33).
10) Vgl. die Darstellungen in Ztschr. f. Parapsychol., passim.
11) Bochenski, Wissenschaftstheoretische Probleme der Parapsychologie, Berner Vortrag v. 15.11.1978.
12) Schlegel, Steckbrief der Wissenschaft, S. 89ff.
13) Neuere Fälle bei Wimmer, Ztschr. f. Volkskunde 1975, 181 ff.
14) Randi, The Magic of Uri GeIler (1975).
15) Vgl. Lehmann, Aberglaube und Zauberei, 3. Aufl. (1925); Dessoir, Hrsg., Der physikalische Mediumismus, 1925; Bruhn, Gelehrte in Hypnose, 1926; Hellwig, Okkultismus und Wissenschaft, 1926; Dessoir, Vom Jenseits der Seele, 6. Aufl. (1931).
16) Jaspers, Allgemeine Psychoparhologie, 8. Aufl. (1965), S. 617f. ("Pseudowissenschaft“).
17) Prokop-Wimmer (o. Fußn. 5), S. 99ff.
18) Bender (o. Fußn. 6), S. 110.
19) Lehmann (o. Fußn. 15), S.332‘ 461f.
20) Galilei, bei Drake, Discoveries and Opinions of Galilei, S. 272.
21) Umgekehrt im Ergebnis [Anm. AGPF: Hans] Bender, Neue Entwicklungen in der Spukforschung, Ztschr. f. Parapsychol. 1970, 1ff.
22) So. Fu8n. 15 m. w. Nachw. - Erste Argumente finden sich bereits bei den frühen Hexenwahngegnern und den barocken Aufklärern, vgl. Weyer, Von Teuffelsgespenst, Zauberern und Gifftbereytern, Schwartzkünstlern, Hexen und Unholden, 1586; v. Spee, Cautio Criminalis‘ 1631; Thomasius, De erimine Magiae‘ 1704.
23) Vgl. [Anm. AGPF: Hans] Bender, Unser sechster Sinn, S. 103; ähnlich [Anm. AGPF: Bernd] Bender (o. Fußn. 3), S. 1090.
24) Tabellarische Nachweise bei Prokop-Wimmer (o. Fußn. 5), S. 149ff., 165ff.
25) S. Sprenger-Institoris, Der Hexenhammer, 1487, 4. dt. Aufl. II (1974), S. 31 (Nider).
26) Zit. nach Simson, Einer gegen alle, S. 64.
27) [Anm. AGPF: Hans] Bender, Ztschr. f. Parapsychol. 1959/60, 5; ders. (o. Fußn. 6), S. 92f.; Bauer-Mischo, Ztschr. f. Parapsychol. 1970, 259; [Anm. AGPF: Bernd] Bender (o. Fußn. 3), S. 1090.
28) Vgl. statt aller Bodin, Vom aussgelasnen wütigen Teuffelsheer, 1. dt. Aufl. (1591), S.279 (gegen Weyer).
29) So aber ausdrücklich [Anm. AGPF: Bernd] Bender (o. Fußn. 3).
30) Hellwig (o. Fußn. 15), S. 7.
31) V. Klinckowstroem, in: Dessoir (o. Fußn. 15), S. 409.
32) Zucker (o. FulIn. 9), S. 294ff.; Prokop, Medizinischer Okkultismus, 4. Aufl. (1977), S. 273ff.
33) Kant, Träume eines Geistersehers, in: Vermischte Schriften, S. 123.
34) Bender (0. FuIln. 21), S.7,9, 15ff. ("Durchdringung der Materie“).
35) Vgl. Lübke, Ztschr. f. Parapsychol. 1973, S. 235f.; Tart, in: Mitchell, Psychic Exploration, S. 115ff. ("Out of the Body Experiences“). -Die Kriminalistik müßte folglich auf Alibibeweise verzichten, wobei allenfalls zu fragen wäre, ob dann der "Doppelgänger" bestraft werden kann?
36) Rudolph, Parapsychologie und Sinnfrage des Lebens, S. 10.
37) Tenhaeff, Außergewöhnliche Heilkräfte, S. 63f.
38) Bender, bei Grabinski, Beweise aus dem Jenseits, S. 153.
39) Rudolph, Schweiz. Arch. f. Volkskunde 1976, 40f.
40) Sannwald, Ztschr. 1. Parapsychol. 1965, 19f.
41) Duerr, Ztschr. f. Parapsychol. 1978, 75ff.
42) 0. Fußn. 1; im Ergebnis ebenso Groß-Geerds, Hdb. der Kriminalistik 1, 10. Aufl. (1977), S. 701; Geerds, in: Festschr. f. Würtenberger, 1977, S.356.
43) Bender, zit. bei Schöck, Hexenglaube in der Gegenwart, S. 199; Rudolph, Die geheimnisvollen Ärzte, S. 167ff.; ders., Ztschr. f. Volkskunde 1976, 75f.
 



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