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Die Wiener Studie:
Stellungnahmen und Folgen
 
 
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Rechts der Text der Ttielseite der Studie. 
Demnach wurde die Studie 1981 erstellt. 
1982 wurde sie vom Bundesministerium Familie an einen kleinen Kreis verteilt. 
Die Studie wurde  nie veröffentlicht.
Herbert Berger  Peter C. Hexel 
"URSACHEN UND WIRKUNGEN GESELLSCHAFTLICHER VERWEIGERUNG JUNGER MENSCHEN UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DER "JUGENDRELIGIONEN'" 
Band I 
Eine Grundlagenstudie aus der Sicht der betroffenen jugendlichen Mitglieder, deren Eltern und Freunde sowie ehemaliger Mitglieder 
untersucht bei 
    Ananda Marga 
    Divine Light Mission 
    Scientology 
    Vereinigungskirche
unter Mitarbeit von 
Waltraud Frotzler 
Werner L. Laudenbach 
Wien 1981 
Diese Studie ist Hauptbestandteil eines internationalen Forschungsprojekts. 
Durchgeführt vom European Centre for Social Weifare and Research Vienna, Austria 
Ermöglicht durch die Unterstützung des Bundesministeriums für Dugend, Familie und Gesundheit, Bonn, Bundesrepublik Deutschland
 
 

Das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit hatte die Studie ausdrücklich als vertraulich bezeichnet und gebeten, von Veröffentlichungen abzusehen.
Dennoch wird die Studie immer mal wieder zitiert. Nachprüfen kann das kaum jemand, denn es wurden damals (1982) nur wenige handverlesene Exemplare verbreitet. Deshalb hier enige Stimmen zu dieser Studie.

Die Moon-Sekte zitiert die Studie mehrfach in ihrer Broschüre

Staatliche Diskriminierung einer religiösen Minderheit
http://www.euro-tongil.org/german/de/Broschüre.htm
Diese Broschüre vom Juli 1997 (aus dem Internet geladen am 1.10.2000) war eine Entgegnung auf die Broschüre des Bundesverwaltungsamtes über "Die Mun-Bewegung", dazu: http://www.AGPF.de/moon1.htm
 
 



Ingo Heinemann 26.4.82:

Kritische Anmerkungen zur Wiener Studie über "Neue Religiöse Bewegungen"

Als PDF http://www.AGPF.de/Wiener-Studie-ABI-26.4.82.pdf
 


Die Studie wurde vom Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit finanziert. Im Begleitschreiben des BMJFG v. 6.4.82 heißt es, "einige der Ergebnisse stehen im Widerspruch zu bisherigen Erkenntnissen zu diesem Thema".

Damit dürfte das BMJFG im wesentlichen die folgenden Aussagen meinen:

1. Das Phänomen der Jugendreligionen werde weit überschätzt
2. Die Reaktionen gegen die Jugendreligionen sei überzogen
3. Die Sekten bedienten sich keiner krimineller Praktiken
4. Die Mitgliedschaft rufe keine psychopathologischen Syndrome hervor.
Aus diesen Aussagen werden dann noch einige Vermutungen und Unterstellungen abgeleitet, so aus der Aussage der überzogenen Reaktion (S.14) auf S. 15 die in Frageform gekleidete Unterstellung:

"Liegt hier gar eine Ablenkung von anderen, weitaus schwerwiegenderen Problemen vor?"

Eine derartige These wurde bisher nur von den Sekten selbst vertreten.

Also wird man nachprüfbare Beweise naturwissenschaftlicher, empirischer oder juristischer Art erwarten können.

Wie unten gezeigt wird, fehlt es jedoch an solchen Beweisen.

Es handelt sich somit um freie Meinungsäußerungen der Autoren, welche von der Studie nicht gedeckt sind und die teilweise sogar durch die Studie selbst widerlegt werden.
 

Dieser Mangel war vorprogrammiert, da die Studie auf die Auswertung vielerorts vorhandenen Materials und insbesondere auf Informationsgespräche mit Experten "aus budgetären Gründen" (S.20) verzichtet und sich fast ausschließlich der Methoden der Meinungsforschung bedient hat, wobei wiederum auf deren wichtigste Grundlage, die Repräsentativität,ebenfalls verzichtet wurde (S.22), mit der
Behauptung, es sei "eine strenge Repräsentativität auch nicht notwendig". Eine Begründung dafür fehlt.
 

II. Einige Einzelbeispiele

II.1 Phänomen weit überschätzt (S. 368)

Gemessen woran? "Gemessen an der öffentlichen Aufmerksamkeit" (S.368). Woran diese gemessen wird, bleibt allerdings im Dunkeln: es gibt keine Angaben über die Zahl der ausgewerteten Veröffentlichungen zu diesem Thema, obwohl diese in jedem besseren Archiv nachprüfbar wäre.

II.2 Reaktion überzogen (S. 14)

Begründet wird diese Einschätzung damit, daß es sich angeblich um Gruppen handelt, die "quantitativ eher unbedeutend" seien, wobei es sich um ein Problem handelt, welches "nur einen verschwindenden Prozentsatz der Jugendlichen beschäftigt".

Wie kommt die Studie zu dieser Einschätzung? Zahlenangaben finden sich an dieser Stelle nicht. Möglicherweise schlägt hier die außerordentlich geringe Zahl der Befragten durch: nur insgesamt 34 Mitglieder und Ehemalige.

An anderer Stelle (S. 368) heißt es jedoch: "Die quantitative Bedeutung der untersuchten Organisationen ist gering". Hier finden sich Zahlenangaben: diese stützen sich jedoch auf die Angaben der untersuchten Organisationen. So gibt Scientology 30.000 Mitglieder an: eine Zahl, die schon 1975 vor Gericht genannt wurde. Seither hat Scientology nach eigenen Angaben ständig expandiert. Die ABI hat 1979 die Zahl der Mitglieder mit ca. 150.000 beziffert (Die Scientology-Sekte ... S. 37). Die Schätzung hat die ABI später mehrfach untermauert, insbesondere präzisiert, daß mit dem Wort "Mitglieder" nicht Mitglieder im vereinsrechtlichen Sinne handelt, denn davon verfügt jeder Scientology-Verein über kaum mehr als 10, sondern um "Anhänger" . So in der ABI-Dokumentation

 "Die Scientoloay-Sekte ist ein weltweiter Konzern zur Vermarktung des Copyrights des Gründers",
dort wird die Zahl der Anhänger in der Bundesrepublik auf heute ca. 200.000 bis 300.000 geschätzt, verteilt auf 16 Scientology-Organisationen.

Dort befinden auch auch Angaben über die geschätzten Umsätze: In der Bundesrepublik ca. 50 Millionen und weltweit über 1 Milliarde DM.

Beide Schätzungen - Zahl der Anhänger und Umsätze - beruhen auf unterschiedlichen Quellen und stimmen erstaunlich überein. Die Quellen dieser Schätzungen sind nachprüfbar. Deshalb wurden diese Schätzungen von Scientology auch nie ausdrücklich bestritten.

Vielerorts haben bereits 50% der Schüler der Oberstufe Kontakt mit Scientology gehabt: durch einfache Umfrage nachprüfbar.

Sicher steht es den Verfassern der Studie frei, die ABI-Zahlen zu bezweifeln. Dann hätten aber diese Zweifel begründet werden oder aber der ABI Gelegenheit gegeben werden müssen, die Grundlagen ihrer Schätzungen offenzulegen. Letzteres wäre selbstverständlich geschehen.
 

II.3 Keine kriminellen Praktiken (S. 15)
 

Nicht nur die in Literatur und Materialien an zahllosen Stellen vorhandenen Hinweise wurden ignoriert, sondern auch Hinweise in der Studie selbst, auf

Diese Hinweise ergaben sich aus einer Gruppe von nur 10 ehemaligen Scientologen!

Selbst ohne Berücksichtigung anderer Quellen hätte man daraus den Schluß ziehen können, daß kriminelle Praktiken nicht unerheblichen Ausmaßes nicht ausgeschlossen werden können: geradezu diffamierend ist jedoch der Schluß, die Kritiker würden das Phänomen "kriminalisieren" (S. 15).
 

II.4 Keine psychopathologischen Syndrome (S. 193 und S. 151)
 

Auch diese Behauptung läßt sich mit der Studie selbst widerlegen. So berichten ehemalige Scientologen, man könne "letztlich selber Gott werden" (S. 281), und: "Pharaonin war ich, eingemauert worden, gehängt bin ich worden, auf dem Schafott gestorben bin ich" (S. 275).
Ein Scientology-Anhänger berichtet, "er könne auch radioaktiver Strahlung weitgehend widerstehen und für andere diese Fähigkeit in einem eventuellen Atomkrieg auch einsetzen" (S. 271). Auch an anderen Stellen finden sich Hinweise auf Verfolgungswahn und suggestive Zustände: sicherlich nicht genug zum Beweis dafür, daß Sekten psychosomatische Syndrome produzieren.

Die Studie stellt im Gegenteil fest: "Psychisch labile Personen erfahren häufig durch den Anschluß an NRB eine gewisse Stabilisierung". Der Beweis dafür: "So konnten viele eine frühere Drogenabhängigkeit überwinden" (S. 369).

Wie viele? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang Drogenabhängigkeit? Die Scientology-Sekte zählt bereits Aspirin zu den Drogen und fast jeder Scientologe absolviert den "Drogen-Rundown", um sich von seiner vermeintlichen Drogenabhängigkeit zu befreien.

Tatsächlich lassen sich zahlreiche Hinweise darauf finden, daß die Mitgliedschaft bei Sekten psychopathologische Syndrome hervorrufen kann. Teilweise lassen sich diese bereits aus der sekteneigenen Literatur entnehmen ("Exterior gehen"), ganz sicher aber läßt sich diese These durch Gespräche mit Ehemaligen erhärten, die sich in stationärer oder ambulanter psychiatrischer Behandlung befinden.
 
 

III. Kritik an Kritikern
wird an vielen Stellen der Studie ausdrücklich oder sinngemäß geübt, denn sie sind es schließlich, die all diese Behauptungen aufstellen, welche die Studie nicht bestätigt fand. So wollten manche (welche?) Experten angeblich "nicht glauben, daß es einem unabhängigen Forscherteam gestattet wurde, diese Forschertätigkeit durchzuführen."

Vom Ergebnis her betrachtet, möchten wir vermuten, daß diese Experten wohl eher Zweifel daran hatten, daß die Autoren in der Lage sein würden, die dort vorzufindenden Phänomene richtig einzuordnen.

Als in höchstem Maße diffamierend muß die Unterstellung angesehen werden, die Kritiker - wer denn sonst? - wollten von anderen, weit schwerwiegenderen Problemen ablenken (S. 15 oben).

So ist nicht weiter verwunderlich, daß den Experten zwischen den Zeilen vorgeworfen wird, daß sie "klar orientierten Interessensrichtungen wie Elterninitiativen oder großkirchlichen Organisationen beziehungsweise dem psychiatrischen Bereich" (S.1) entstammen - auch dies ein Vorwurf, der bisher nur von den Sekten erhoben wurde.

Die Schlußfolgerung entbehrt nicht einer gewissen Logik:
Die Beratung soll in Zukunft nicht mehr durch diese Experten erfolgen, sondern durch Personen erfolgen, die "kein persönliches Engagement in einer religiösen Gemeinschaft oder in einer gegen NRB gerichteten Organisation" (S. 365) verfügen und diese sollen diese Arbeit "zusätzlich zu ihrem alltäglichen Tätigkeitsbereich" (S. 365 - Hervorhebung im Original) bewältigen und "nicht hauptamtlich in ,Sektenfragen‘ tätig sein" (dto).
Von dieser raren Spezies von Beratern würde "in jeder größeren Stadt der BRD eine" genügen, freilich muß deren "finanzielle und organisatorische Unabhängigkeit ... gewährleistet sein".

Als Ausbilder für diese Personen bietet sich das Europäische Zentrum selbst an (S. 366), welches im übrigen auch "Spezialstudien zu den einzelnen Gruppen" (S. 370) vorschlägt.
 
 

IV. Die Wirkung der Wiener Studie
zeichnet sich schon jetzt ab:
zugleich mit der Studie selbst ging der ABI der Informationsbrief Vereinigungskirche aktuell v. April 82 zu. Darin heißt es erwartungsgemäß: "Die Reaktion der Gesellschaft auf die NRB ist überzogen" (S. 4).

Und dies, obwohl das Bundesministerium die Studie ausdrücklich als vertraulich bezeichnet und gebeten hat, von Veröffentlichungen abzusehen.

Ingo Heinemann 26.4.82

(damals tätgi für die ABI -Aktion Bildungsinformation e.V. in Stuttgart)
 
 
 
 

Stellungnahme der AGPF vom  29.4.1982

Als PDF unter  http://www.AGPF.de/Wiener-Studie-AGPF-29.4.82.pdf


VORLÄUFIGE STELLUNGNAHME
der Arbeitsgerneinschaft der Elterninitiativen e.V. zur Grundlagenstudie "Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher Verweigerung junger Menschen unter besonderer Berücksichtigung der 'Jugendreligionen‘“ ("Wiener Gutachten“)

I.
 

Die Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen e.V. hat in das "Wiener Gutachten“ - was die Hilfe für junge Menschen und die Aufklärung der Öffentlichkeit betrifft - positive, vielleicht zu hohe Erwartungen gesetzt. Sie sieht sich in ihren Hoffnungen enttäuscht.

Diese Enttäuschung gilt zunächst der Form, in der das Gutachten der Öffentlichkeit übergeben worden ist. Gutachten dieser Art pflegen vom Auftraggeber veröffentlicht zu werden, zumal dann, wenn der Auftragnehmer für die Erarbeitung und als Honorar erhebliche öffentliche Mittel erhält. Das ist allgemeine und auf grundsätzlichen Überlegungen beruhende Praxis. Die Gründe dafür sind nicht nur formeller Natur.

Denn der Veröffentlichuhg durch den Auftraggeber gehen regelmäßig Qualitätsprüfungen, kritische Erörterungen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer und damit auch sorgfältige redaktionelle Bearbeitungen voraus. Daß die Verfasser sich dieser Aufgabe entzogen und dringend notwendige Nachbesserungen unterblieben sind, mindert die Qualität des vorgelegten Gutachtens ganz erheblich.

Die die üblichen Formen mißachtende Veröffentlichung des Manuskripts hat außerdem dazu geführt, daß für die erste kritische Nachprüfung viel zu wenig Zeit zur Verfügung gestanden hat.

Es ist zu hoffen, daß die Bundesregierung von ihrem Recht als Auftraggeber Gebrauch macht und vor der Drucklegung auf einer Nachbesserung besteht.
 

II.
 

Zu beanstanden ist zunächst die Tatsache, daß das Gutachten auf eine wissenschaftlich unqualifizierte Basis gestellt wurde, die zwischen den Zeilen des gesamten Gutachtens flimmert, in den Schlußbemerkungen (S. 371 ff) aber auch ausdrücklich umrissen wird; so in dem Bekenntnis der Verfasser, "die Überwindung des irrationalen kapitalistischen Produktions- und Verteilungssystems, in dem wir (d.h. die Gutachter) die eigentliche Ursache für Massenelend und die Bedrohung des Friedens, ja des Lebens überhaupt sehen, ist unserer Ansicht nach die große und entscheidende Aufgabe.“ Diese "Proklamation“ - deren Erkenntnisgehalt sich weder inhaltlich noch methodisch aus dem behandelten Stoff ableiten läßt, soll dann auch die Schlußthese des Gutachtens stützen: "Wir sind im Gegenteil der Meinung, daß sie (dh. die neuen Kulte) das Protestpotential vieler Suchender und Unangepaßter fehlleiten und damit objektiv gesehen einen Beitrag zur Stabilität der Verhältnisse leisten, gegen die sie polemisieren.“ Das Gutachten lehnt also die von ihm untersuchten Gruppen letztlich nur deshalb ab, weil sie einen Beitrag zur "Stabilisierung der Verhältnisse leisten". Das ist absurd.
 

III.
 

Tatsächlich enthält diese abschließende These die ideologische Motivation des Gutachtens: sie mindert nicht nur die methodische Sauberkeit der Darstellung, sondern auch ihren Horizont.

1. Die Horizontverengung zeigt sich schon in dem Versuch, die Untersuchung auf die Jugendlichen in der Bundesrepublik zu beschränken.

Eine solche Begrenzung ist berechtigt, wenn dabei die Tatsache berücksichtigt wird, daß sämtliche "neuen religiösen Bewegungen“, von denen das Gutachten handelt, internationale Organisationen sind, die auf Deutschland übergegriffen haben. Das ist keinesfalls nur deshalb von Bedeutung, weil zahlreiche deutsche Jugendliche im Ausland angeworben wurden, sondern vor allem, weil ihre Tätigkeit, ihre Wirkung auf Jugendliche und ihre Struktur sich in keinem einzigen Fall aus der soziokulturellen Lage in der Bundesrepublik erklären lassen. Vielmehr spricht alles dafür, daß die Problematik bei amerikanischen Jugendlichen die gleiche wie in Europa ist. Die amerikanischen Erfahrungen hätten deshalb berücksichtigt werden müssen.

Für die Situation der Jugendlichen, die von den Sekten hörig gemacht worden sind, ist es entscheidend, daß ihre Motivation zum großen Teil nichts mit den Beweggründen der Sekteninhaber zu tun haben. Sie sind gar nicht, wie das Gutachten meint, "Mitglieder“, d.h. Subjekte einer Gruppe, wie beispielsweise die Mitglieder einer "alternativen“ Gruppe, sondern bloße Objekte von Manipulatoren, die sich einer ausgeklügelten Psychotechnik bedienen. Hierhin gehört auch das Mißverständnis, die deutschen "Großkirchen“ seien ursächlich für die Sektenmalaise. Denn in den USA gibt es diese ehemaligen Staatskirchen nicht: Amerika ist das Land der Freikirchen.

Die Gliederung der Organisationen nach "Weltflucht“, "Weltveränderung“ und "Weltintegration“ bringt keinerlei Erkenntnisse. Wohl aber die Analyse ihrer Herkunft oder auch die Unterscheidung von straff organisierten Gruppen und solchen, die, wie die Baghwan-Gruppe, keinerlei Organisationszwang ausüben und ihre Anhänger informell erfassen, indem sie sie therapiesüchtig machen. Hier wäre ein mit historischen Daten ausgestatteter sozio-kultureller Abriß notwendig gewesen.

2. Auch die methodische Aufarbeitung des Phänomens kann wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen.
 

So verständlich es ist, daß die geringe Zahl der erfaßten Fälle die Anwendung statistischer Methoden nicht erlaubt, so zwingend ist dann die Konsequenz, die einzelnen Fälle konkret darzustellen, mit dem sozio-kulturellen Profil der jeweiligen Familie und des befragten Jugendlichen. Statt dessen begnügt sich die Darstellung mit Zitaten, die keinen einzigen Fall wirklich identifizieren.

Die Aufgliederung der Zitate nach Stichworten wie "Klärung des Alten Testaments“, "Enttäuscht von der Kirche“, "Soziales Motiv“, "Gottesbild“ (z.B. S. 70, 71) ergibt weder einen Beweis über die Qualität sogenannter "Tiefeninterviews“ und anderer Befragungen, noch liefert sie ein Bild der befragten jugendlichen Persönlichkeiten.
 

IV.

Da in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit eine eingehende und alle Details des Gutachtens erfassende Würdigung nicht möglich war, sei die Aufmerksamkeit auf einige typische Fehlleistungen gelenkt:
 

1. Auf S. 27 stellen die Verfasser die Frage: "Warum kommt es heute überhaupt zum Entstehen von NRB?“ Es müßte wissenschaftlich selbstverständlich sein, eine solche Frage zunächst mit der Darstellung der Entwicklung der infrage stehenden Gruppen zu beantworten. Statt dessen finden die Verfasser die Antwort im Fehlen eines "in sich geschlossenen, in sich logisch aufgebauten Systems von Erklärungshilfen für die Wirklichkeit“ etc., etc. (S. 28/29). Wo, wann und wie ein solches "Sinnsystem“ in unserem Zeitalter existiert und funktioniert haben soll, ist unerfindlich. Hier wird deutlich, daß die bereits zitierte Schlußthese des Gutachtens (S. 372, 373), d.h. eine mißlungene "Systemkritik des Kapitalismus“ den Hintergrund dieser sich wissenschaftlich abstützenden Wertsoziologie bildet.

2. Geradezu unglaublich unwissenschaftlich und "selbstgestrickt“ muten die Ausführungen zu These 5 a (S. 57 ff) an, wie hier an zwei Textbeispielen dargelegt werden soll:

a) Die Interpretation von "Geschichtsverständnis“ als der "Geschichte der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes der Einheit des Menschen mit Gott...“;
b) die Interpretation der Erlösung durch den Kreuzestod Christi: "Der Gedanke an einen Gott, der erst durch das Blut seines eigenen Sohnes versöhnt werden kann, ist religiös sensiblen Menschen heute unerträglich“.
Auch wenn die Verfasser dieses abstruse Gerede ein "vulgarisiertes Verständnis“ nennen, so zeugt die Art und Weise, wie sie es kolportieren, von erstaunlicher Unkenntnis oder, um es ungeschminkt zu sagen, von blanker Unbildung.

V.

Die Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen e.V. bittet deshalb dringend darum, wenigstens solche blamablen, mißverständlichen und naiv ideologische Fehlzeichnungen durch Nachbesserung bzw. Ergänzungen aus dem Gutachten zu entfernen, bevor es in Druck geht.

Sie stellt den Antrag, die Veranstaltung einer von an der Untersuchung nicht beteiligten Wissenschaftlern besetzten Konferenz zu ermöglichen, um die methodischen und sachlichen Fragen, die sich aus dem Gutachten ergeben, zu klären, um damit dem Auftraggeber wie den betroffenen Jugendlichen und Eltern eine wissenschaftlich saubere Einsicht in die Probleme der neuen Kulte zu ermöglichen.

Dieses kurzfristig anberaumte Symposium am 29. und 30. April 1982 - das lediglich als eine Präsentation der Studie angesehen werden kann - kann diesem Anspruch nicht gerecht werden.
 
 
 

Christoph Minhoff Bayernkurier 24.7.82

Der Artikel als PDF: http://www.AGPF.de/Wiener-Studie-1982-Minhoff.pdf

SEKTENSTUDIE
Ein ominöses Papier
Viel Geld für wenig Wissenschaft

Wem es bis heute noch unbekannt geblieben sein sollte, der kann es jetzt schwarz auf weiß nachlesen: Nicht die Jugendsekten sind eine Gefahr für den Menschen, sondern unser "Irrationales kapitalistisches Produktions- und Verteilungssystem“. Man wird es kaum für möglich halten, dieses Zitat stammt aus einem vom Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit finanzierten Bericht über Jugendsekten, der "Wiener Studie“. Diese Ohrfeige für Staat und Steuerzahler hat sich das Ministerium 2,1 Millionen Schilling (300 000 DM) kosten lassen.

Aber nicht nur diese merkwürdige "Erkenntnis“ enthält die vom Europäischen Zentrum Wien erstellte Studie, sondern weitere unliebsame Überraschungen, was zu Recht bei Elterninitiativen, Sektenexperten und Kirchen Empörung und Protest hervorgerufen hat. In einem Begleitschreiben des Bundesministeriums heißt es: "Einige der Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den bisherigen Erkenntnissen zu diesem Thema!“ Zu einer deutlichen Distanzierung konnte man sich scheinbar nicht entschließen.

Diese "neuen Erkenntnisse“ dürften vor allem folgende Aussagen der Studie sein:
1. Das Phänomen der‘ Jugendreligion werde weit überschätzt;
2. die Reaktionen gegen die Jugendreligionen seien überzogen;
3. die Sekten bedienten sich keiner kriminellen Praktiken;
4. die Mitgliedschaft rufe keine psychopathologischen Syndrome hervor.
 

Starke Worte

Genau diese Thesen sind bisher hauptsächlich von den. Sekten selbst vertreten worden. Dies läßt den Verdacht aufkeimen, daß die in der Studie als "Partner“ bezeichneten "Neuen religiösen Bewegungen“ nicht das Angriffsziel der "wissenschaftlichen Untersucher“ sein sollten. Ganz unverblümt teilen die Herausgeber der Studie mit: "Man kann sogar so weit gehen zu behaupten, daß die Irrationalität der angesprochenen religiösen Systeme harmlos ist im Vergleich zur Irrationalität dessen, was die Mehrheit der Menschen als gegebene Ordnung akzeptiert und wofür sie ihren täglichen Arbeitseinsatz zu leisten gezwungen ist.“ Zu diesen Aussagen gesellen sich Unterstellungen und Vermutungen gegen Staat, Kirche, Sektenexperten und betroffene Eltern.

Daß man von einer Studie, die mit 300 000 DM aus dem Steuertopf finanziert wurde, angesichts solcher Behauptungen einen wissenschaftlichen Beweis erwarten darf, sollte sich von selbst verstehen. Es ist nicht schwer zu erraten, daß die Studie diesen Beweis schuldig bleibt. Öffentliche Gelder wurden hier offensichlich verschwendet, wobei obendrein marxistlsch gefärbte Meinungsäußerungen einen unangemessenen Stellenwert erhalten.

Erstaunlich ist, daß ein Großteil der Thesen durch die Studie selbst wiederlegt wird. Dies scheint das Ministerium genausowenig zu stören, wie es die Verfasser der Studie nicht für nötig hielten - man spricht von "budgetären Gründen“ - vielerorts vorhandenes Material auszuwerten und besonders auf lnformationsgespräche mit Sektenexperten zu verzichten.

Wie die Autoren zu der Feststellung kommen, daß die Gruppen "quantitativ eher unbedeutend sind“, und somit die Reaktionen von Betroffenen, Experten und Kirchen überzogen seien, kann man nur aus der geringen Zahl der Befragten herleiten. Nach Angaben der "Aktion Bildungsinformation“ (ABI) belaufen sich die Schätzungen allein schon bei "Anhängern“ der Scientology-Church auf 300 000, verteilt auf 16 Scientology-Organisationen. Diese Schätzung wurde vorn den Scientologen bisher nicht bestritten.

Befremden muß auch die Feststellung der Wiener Studie, daß es keine kriminellen Praktiken bei Jugendsekten gibt. Die Studie selbst zeigt bei einer Reihe von Interviews mit ehemaligen Sektenmitgliedern Beispiele für Lohnwucher, Freiheitsberaubung, Nötigung, Betrug und sogar Morddrohungen auf. Geradezu grotesk ist die Feststellung, bei den "Tiefeninterviews“ seien keine pathologischen Syndrome in der psychischen Struktur der Mitglieder festgestellt worden. Verfolgungswahn und suggestive Zustände aber lassen sich bei vielen Interviewpartnern der Verfasser eindeutig belegen. Erstaunlich, daß es die Wissenschaftler nicht für nötig hielten, Ehemalige, die sich nach ihrer Mitgliedschaft in einer Jugendsekte in stationäre oder ambulante psychiatrische Behandlung begeben mußten, über die "Seelenwäsche" zu befragen, die in den Sekten vorgenommen wird.

Reaklionen der Jugendsekten sind erwartungsgemäß nicht lange ausgeblieben. Scientology jubelte in einer Presseerklärung: "Sekten und neue Jugendreligionen - keine Gefahr für geistige Gesundheit.“  Die Vereinigungskirche (Mun-Sekte) stellte befriedigt in ihrem Informationsbrief fest: "Die Reaktion der Gesellschaft auf die neuen religiöscn Bewegungen ist überzogen.“

Man kann nur hoffen. daß der Anfrage dcr CDU-Bundestagsabgeordneten Irmgard Karwatzki eine Distanzierung der Bundesregierung von diesem vom Bundeministeriurn für Jugend, Familie und Gesundheit finanzierten "Papier“ erfolgt. Ohnehin wird wohl der Bundesrechnungshof feststellen müssen, ob die "Wiener Studie“ einer Überprüfung standhält.

CHRISTOPH MINHOFF
 
 
 



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