www.AGPF.de 
Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt 
AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit 
Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V. 
Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/VPM-Michaelis.htm  Zuletzt bearbeitet am 11.8.2010 
Beratung | Impressum | Zur Homepage | Inhaltsseite | Begriff Sekte | AGPF-Spendenkonto
  
 
 
Wolfgang Michaelis
Der Wissenschaftsanspruch des VPM: Schein und Sein
Der Begriff "Wissenschaft" wird gern gebraucht.
Nicht immer zu Recht.
 
 
Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Inhalt [Links in eckigen Klammern beinhalten keine Zwischentitel, sondern Textstellen] 

 

Der Begriff "Wissenschaft" wird gern gebraucht. Nicht immer zu Recht. Das gilt keineswegs nur für Sekten. Zum Beispiel benutzt der REMID e.V. den Wissenschaftsbegriff exzessiv, dazu:

Deshalb hier ein Artikel, der sich mit dem Wissenschaftsbegriff allgemein, in der Psycholgie und mit dem Wissenschaftsanspruch des VPM befaßt.
 
 
 
Erstveröffentlichung in: Ingolf Efler/Holger Reile (Hg.) 
VPM  Die Psychosekte 
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1995 
Wiedergabe mit Genehmigung des Autors. 

Über den Autor heißt es im Buch: 
Wolfgang Michaelis, Jahrgang 1939, Studium zuerst der Klassischen Altertumswissenschaften und Philosophie, dann der Psychologie; nach praktischer Berufstätigkeit seit 1970 an der Universität tätig, seit 1981 Professor für Psychologie in Augsburg, ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und der Föderation deutscher Psychologenvereinigungen“. 
 
 



Michaelis in Efler/Holger Reile (Hg.) Seite 73

Wolfgang Michaelis

Der Wissenschaftsanspruch des VPM: Schein und Sein

"Der VPM ist ein psychologisch orientierter, interdisziplinär arbeitender wissenschaftlicher Fachverein, und genau das ist es, was seine ideologiebesessenen Gegner stört: Sein konsequent wissenschaftlich, empirisch-pragmatisch begründeter Standpunkt" (VPM, 1993, 481).[Anm. 1] Seines "Einsatz(es) für werterhaltende und wissenschaftsorientierte Positionen wegen werde er diffamiert von «den Drogenlegalisierern, den politischen homosexuellen Protagonisten... und den gestaltideologischen Schulreformern ..." (ebd., 480). Hat man schon immer gewußt, was von Junkies und "international vernetzten Drogenlegalisierer(n)" (ebd., 21), von Schwulen, von Schulzerstörem, von "Exponenten neulinker Strategie" (ebd., 253) und "neomarxistischen Kampf-Doktrinen" (ebd., 479) zu erwarten ist, so ist man doch schockiert über die offenbare Wiederkehr mittelalterlicher Verhältnisse mit einer "pogromartig(en)" Verfolgung (ebd., 475) der durch den VPM konsequent hochgehaltenen Wissenschaftlichkeit seitens bestimmter Kirchenkreise ("Weihrauchkommunisten", "Genossen im Talar" [ebd., 467]) beiderlei Konfession sowie durch das "im gesamten deutschsprachigen Raum aufgespannte Netzwerk der 'Sektenbeauftragten' " (ebd., 467).

Vollends die Sprache verschlägt es dem Leser, wenn er erfährt, daß sogar das Erziehungsministerium (in der Schweiz "Direktion" genannt) des Kantons Zürich sich nicht entblödet, die Hetzkampagne in den Schulen kräftig zu schüren; daß "linke Strategen" sich nicht scheuen, die Psychotherapie und Psychologie "für ideologische Ziele zu instrumentalisieren und... zu missbrauchen" (ebd., 249). Doch mögen auch viele Wackere "zu Feinden gestempelt und ausgeschaltet" (ebd., 249) werden, "damit Marxisten ihren ideologischen Machtansprüchen genügen können" (ebd., 249), "noch ist es offen,



Michaelis in Efler/Holger Reile (Hg.) Seite 74


ob die Desinformation und der fanatische Totalitarismus neulinker Strategen und ihrer Claqueure endgültig die Macht übernehmen. Noch ist es nicht zu spät..." (ebd., 475), noch ist die "Menschheit" (ja doch, die Menschheit! [ebd., 96]) nicht verloren, solange es das aufrechte Fähnlein des VPM gibt, das "nach international anerkannten wissenschaftlichen Methoden (...) arbeitet und forscht" (ebd., 77), daher denn auch über "gesichertes Wissen" (ebd., 58) und "sichere theoretische Grundlagen" (ebd., 64) verfügt, die ihm gegen alle Anfeindungen, "persönlichen Brotneid und fachlichen Kleinmut" (ebd., 249) die Bearbeitung selbst "schwierigster Fragen" (ebd., 65) erlauben. Wer möchte nicht der erste sein, diesen noblen und unerschrockenen Idealisten im Kampf gegen das Böse der Welt die Hand zu reichen!

Welche Ernüchterung, wenn die durch Märtyrerbeigaben pathetisch überhöhte Larve Neu-St.-Georgs fällt - es bleibt fast nichts als eine beispiellose Selbstüberschätzung: Weder betreibt der VPM Wissenschaft, noch orientiert er sich stärker an ihr als Lieschen oder Otto Normalmensch, weder hat der VPM besonders viel mit Psychologie als einer wissenschaftlichen Disziplin zu tun, noch ist seine fachliche Leiterin Annemarie Buchholz-Kaiser in Psychologie, Psychotherapie oder Pädagogik kompetent, wenn man übliche Maßstäbe anlegt. Bezweifelt werden muß auch, ob überhaupt eine nennenswerte Zahl von VPM-Mitgliedern in der Lage ist, professionell zu beraten und zu therapieren. Ob der VPM die anderslautenden Behauptungen in Selbstverblendung aufstellt oder mit Täuschungsabsicht, sei dahingestellt.



Was macht wissenschaftliche Psychologie aus?


Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch zu nehmen bedeutet in den empirischen Wissenschaften, und nicht nur in der Psychologie, dreierlei:
(1) Sich bei beruflichem oder privatem Handeln an Ergebnissen der Wissenschaft orientieren. Das wird von jedem erwartet, dem das Privileg einer akademischen Ausbildung zuteil geworden ist; es ist die niedrigste Stufe eines wissenschaftsgeleiteren Handelns.
(2) Sich im Fragen, Denken und Handeln den methodologischen (erkenntnisund wissenschaftstheoretischen) und ethischen Standards der Wissenschaft verpflichten. Eine solche Disziplin werden nur wenige auf-


Michaelis in Efler/Holger Reile (Hg.) Seite 75


bringen, wahrscheinlich nur die Wissenschaftler selbst, und auch sie häufig nur dann, wenn sie in ihrer beruflichen Sphäre handeln; andernfalls würden sie als lebensuntüchtig gelten.
(3) Wissenschaft betreiben, das ist:
(a) Erkenntnisse gewinnen und überprüfen (Forschung),
(b) Erkenntnisse anderen zugänglich (Kollegen) oder
(c) begreiflich machen (dem beruflichen Anwender sowie dem Bildungs-"Verbraucher").
Der VPM nimmt explizit für sich alle Stufen in Anspruch - letztere in allen drei Varianten.


Wissenschaft von gestern


Ob der VPM seinem Wissenschaftlichkeirsanspruch gerecht wird, soll in einigen ausgewählten Punkten geprüft werden. Ich beginne mit der Ausrichtung des Handelns an wissenschaftlichen Ergebnissen. Nach dem ersten Anschein erreicht der VPM diese niedrigste Stufe, die es ihm gestatten würde, sich zwar nicht unter die Wissenschaftler, aber doch wenigstens unter die "Akademiker" zu reihen - allein, der Schein trügt. Zwar zitiert der VPM in seinen Schriften Autoren, die der Wissenschaftssphäre zugerechnet werden, aber er beschränkt sich auf ganz wenige Autoren (gesammelt in VPM, 1993, 98/99, verstreut über den ganzen Text in VPM, 1990, 1991 b), die in der Mehrzahl aus dem Umkreis der wissenschaftlich umstrittenen Psychoanalyse/Tiefenpsychologie stammen (am deutlichsten in Kaiser, 1981 und VPM, 1990), bis auf ganz wenige Ausnahmen alt, uralt oder bereits tot sind, deren Resultate zwar zu ihrer Zeit neu und befruchtend waren, inzwischen aber, weil überholt, mehrfach weiterentwikkelt wurden oder sogar fossil sind - wiederum mit geringen Ausnahmen.

Wissenschaft zeichnet sich durch Dynamik aus. Der VPM stützt sich am Ende des 20. Jahrhunderts im wesentlichen immer noch auf Gedanken, die an dessen Anfang entstanden (vgl. Kaiser, 1981). Die Rückständigkeit und intellektuelle Abgeschlossenheit ist zeitweise in der Gruppe selbst ein Thema gewesen und darf als einer der wesentlichen Gründe für die Abspaltung des VPM von den "Lieblingen" im Jahre 1986 angesehen werden. Die Töchter und Erben Lieblings, selbst psychotherapeutisch tätig, hatten nach dessen Tod 1982 ein Dreiergremium zur Weiterführung der Arbeit ihres Vaters eingesetzt: A. Cho, E. Frei, Annemarie Kaiser. Während die ersten beiden mit



Michaelis in Efler/Holger Reile (Hg.) Seite 76


aktiver Unterstützung der Erbinnen die Gruppe für Weiterentwicklungen in der analytischen Psychotherapie öffneten, blockte Frau Kaiser ab. Darin folgte ihr der Großteil der Gruppe, vermutlich aus Angst vor dem Wagnis des Neuen. W. Spiel, ein international renommierter lndividualpsychologe, der an den Öffnungsbemühungen beteiligt war, schrieb ihr daraufhin einen kritischen Brief, der an vernichtender Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt (vgl. Sorg, 1991; Stamm, 1993).

Die Psychologie als noch junge Wissenschaft kann nur wenige Ergebnisse vorweisen, die über Jahrzehnte ihre Gültigkeit behielten; dazu gehören Gesetze der Psychophysik, der Wahrnehmung, die Kurven mechanischen Lernens und Vergessens, einige Gesetze der Konditionierung und die Gestaltgesetze, allesamt Resultate aus dem "harten", rein naturwissenschaftlichen Sektor des Faches. Entwaffnend, wie in dieser wissenschaftsgeschichtlichen Situation der VPM seine Abstinenz gegen wenigstens 99,99 % der Ergebnisse auch neuester psychologischer Forschung begründet: Es handelt sich um "Modeströmungen" (VPM, 1993, 241), um die man sich "selbstredend" nicht schert. Wir werden sehen, wie der VPM zu diesem nicht von den leisesten Zweifeln geplagten Urteil gelangt.



Die Unfehlbarkeit des VPM


Beispielhaft für die zweite Stufe des Wissenschaftsanspruchs: Wie weit hält sich der VPM an methodologische Spielregeln? Hier kann die Erstantwort einfacher ausfallen: Es gelingt nicht einmal, auch nur den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu erwecken.

Erkenntnisgewinn ist kein exklusives Geschäft der Wissenschaft, zu Erkenntnissen kann jedes denkende Wesen kommen, in einer rudimentären Form vielleicht- jeder lernfähige biologische Organismus. Wäre es anders, würden wir den Tag nicht meistern. Die Gültigkeit solch pragmatischer Alltagserkenntnis darf kurzlebig sein, ohne an Nützlichkeit zu verlieren. Ziel wissenschaftlicher Forschung hingegen ist immer Erkenntnis mit längerer Gültigkeitsdauer und von möglichst hoher Einfachheit, d.h. möglichst genereller Verwendbarkeit. In einer kurzen Periode der Wissenschaftsgeschichte und allein in polemischer Reaktion gegen die Dogmen der katholischen Kirche hat man die Forderung aufgestellt, Wissenschaft müsse und könne



Michaelis in Efler/Holger Reile (Hg.) Seite 77


unwiderrufliche und ewig gültige Gesetze finden. Dies - so wurde bald klar - ist selbst ein Dogma, unhaltbar.

Wissenschaft hat sich, um ihrem Ziel der langfristigen und generellen Gültigkeit näherzukommen, immer um spezifische Methoden des Erkenntnisgewinns bemüht, die logische und empirische Fallen (denen ein Laie unweigerlich aufsitzt) so gering wie möglich halten. Der daraus erwachsende Methodenkanon wurde im Laufe der Zeit so komplex und raffiniert, daß sich zu Beginn unseres Jahrhunderts die Hoffnung fast zur Gewißheit verdichtete, Wissenschaft könne von laienhaften Erkenntnisbemühungen schon durch die Verwendung "wissenschaftlicher Methoden" sauber getrennt werden. Auch das erwies sich als voreiliger Schluß: Was damals als wissenschaftliche Methode gelten durfte, belächeln wir heute, so wie man in wiederum 100 Jahren unsere Bemühungen höchst amüsant finden wird. Nicht einmal mehr methodologische Basisregeln sind unumstritten, da wir bereits dank superschneller Rechner über Erkenntnismerhoden mit weniger unerwünschten Nebenwirkungen verfügen.

Tiefgreifende Skepsis hat sich breitgemacht gegenüber der Möglichkeit, überhaupt zu langfristig gültigem Wissen zu kommen; jede zunächst als epochal empfundene Erkenntnis eröffnet neue, sich immer riesiger ausnehmende Räume des Nichtwissens. Das ist jedem bewußt, der die am weitesten entwickelte Wissenschaft, die Physik, im Auge hat. Der Wahrheitsanspruch hat sich aus der Wissenschaft längst verabschiedet und Hilfsbegriffen wie "noch nicht widerlegt", "durch Daten gestützt", "derzeit nützlich", "anregend zu weiterem Fragen" Platz gemacht. Nur ein einziges methodisches Prinzip steht (derzeit) noch unerschütterlich: Zweifel, Zweifel, Zweifel an jedem Ergebnis der Forschung, mit der praktischen Anweisung des immerwährenden Fragens.

Wie anders dagegen der VPM: Ein mittelalterlich-dogmarisch anmutender Begriff von "Wahrheit", "sicherem Wissen" und "absoluter Gewißheit", gepaart mit der ungebrochenen Empfehlung (VPM, 1990, 5) methodologischer Basisregeln, die die Psychologie zur radikalen Abgrenzung von der Philosophie vor 5 (!) Generationen aus der Physik entlehnt hat - als ob es zumindest die letzten 100 Jahre der Wissenschaftsentwicklung nicht gegeben hätte.

Doch halt - an einer raren Stelle gibt der VPM zu erkennen, daß er



Michaelis in Efler/Holger Reile (Hg.) Seite 78


die Weiterentwicklung nicht ganz verschlafen hat: mit einem Hinweis (VPM, 1990, 6) auf den Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend. Aber in der gewohnten Weise wird klargestellt, was von solchen, nicht den eigenen entsprechenden Positionen zu halten ist: "Ratiofaschismus" (ebd.) ist das, und der das sagt, kann nur ein "Modephilosoph" (ebd.) sein, ein Verdikt, das wir oben schon bei der Ablehnung nicht genehmer Inhalte der Wissenschaft kennengelernt haben.

Hier spätestens wird dem aufmerksamen Leser klar: Der VPM verhält sich just so, wie Sir Karl Popper, einer der renommiertesten Wissenschaftsphilosophen dieses Jahrhunderts, es als typisch für Gruppen angesehen hat, die sich einem Dogma oder einer Ideologie verschrieben haben (Popper, 1958). Diese Vorgehensweise ist als Immunisierung bekannt und gilt als größte Sünde wider den Geist der Wissenschaft: Unwillkommene Inhalte sind zum Kehricht geworden unter der Begründung, daß sie der Überprüfung nicht standhalten. Zur Überprüfung werden nur Methoden zugelassen, die geeignet sind, die abgelehnten Inhalte zu verwerfen und die favorisierten Inhalte zu bestätigen. Ein endloser Kreislauf, der erwünschte "Wahrheit" garantiert.

Der abgeschmackte Begriff einer unantastbaren Wahrheit zieht sich durch alle Schriften des VPM hindurch. Hier nur wenige charakteristische Passagen. Zustimmend wird eine Position vom Anfang des 20. Jahrhunderts zitiert (VPM, 1990, 6): "Der VPM ist sich mit Freud einig, '...dass Geist und Seele (...) in genau der nämlichen Weise Objekte der wissenschaftlichen Forschung (sind) wie irgendwelche menschenfremden Dinge'." Und dann das Diktum des VPM (ebd.):
"Die Richtigkeit psychologischer Befunde lässt ebenso wenig Vieldeutigkeit zu wie die Richtigkeit des Fallgesetzes. Es gibt keine 'Toleranz' zu sagen, der Stein könne unter den gegebenen Naturbedingungen auch einmal nach oben fallen. Das empirische Erfassen und Beschreiben der Realität, beispielsweise der Natur des Menschen, ist eine sachliche Feststellung und liegt somit auf einer anderen Ebene als die Frage der Toleranz. Dagegen muss Toleranz gelten gegenüber der Meinung (letzte Hervorhebung W. M.) eines anderen Menschen, gegenüber seiner Weltanschauung."

Da der VPM in einsamer Größe so ganz klar unterscheiden kann, was wahr ist ("empirisch erfaßte und beschriebene Realität" = wahrgenommene Welt) und was nur für wahr gehalten wird ("Weltanschauung" = wahrgenommene Welt),



Michaelis in Efler/Holger Reile (Hg.) Seite 79


und nicht "wahrnimmt", daß er nur einem Sprachspiel aufsitzt und sich auf einen Pakt mit dem Ontologismus eingelassen hat, kann er auch frohgemut zur praktischen Tat schreiten (VPM, 1991,390): "Der Mensch ist heute erklärbar geworden. Die Erkenntnisse zur Lösung der Lebensfragen sind vorhanden, und der, der möchte, kann sie sich für sein eigenes Leben nutzbar machen." Ebenso wenig von Skrupeln heimgesucht, kann er lästigen Fragern, auch solchen, die nur um Erläuterung bitten, den Dialog verweigern. [Anm. 2] Es kann nur Zeitverschwendung sein, sich immer wieder mit Unwissenden herumzuplagen, die zu borniert sind, die Wahrheit des VPM zu übernehmen. Als einziger im Besitz unhinterfragbarer Wahrheit hat der VPM guten Grund, allzu hartnäckige Kritiker "einzuklagen"; wer uneinsichtig ist, muß fühlen.



Vom gewitzten Schneiderlein VPM:
Therapie = Forschung = Therapie


Unter der Überschrift "Erkenntnisgewinnung in der Tiefenpsychologie" (der sich der VPM mit Fug zurechnet) erwarten wir Auskünfte zur Methodik. Was erfahren wir (VPM, 1990, 7): "Freud erkannte..., dass wissenschaftliches psychologisches Denken ständig bemüht ist, aus den Beobachtungen und Schlüssen des psychologischen Forschers individuelle Faktoren und affektive Beimischungen sorgfältig fernzuhalten." Diese Absichtserklärung könnte jeder Forscher als - wenn auch nur minimale - Anfangsbedingung für Erkenntnisbemühungen unterschreiben, sie ist erkennbar trivial. Weiter: "In diesem Sinne fordert der VPM mit Toman für den angehenden Psychotherapeuten 'die Verbesserung der Fähigkeit zuzuhören (...). Der angehende Psychotherapeut soll seine eigenen Übertragungsbereitschaften zunehmend besser kontrollieren können'." Hier wird der Leser unruhig, aber dann auch stutzig: Da ist gar nicht die Rede von Forschung, sondern von psychotherapeutischer Praxis. Sollte in der Begriffswelt des VPM etwa gelten: Praxis Forschung und Forschung = Praxis? Wir übrigen Forscher, die wir gelernt haben, daß beides peinlich auseinanderzuhalten ist, weil unterschiedliche Methodologien gelten; die wir uns sogar innerhalb der Forschung mit mehreren Phasen je unterschiedlicher methodischer Regeln herumplagen, wir sind hoffnungslos im Nachteil, weil das nur unsere


Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 80


"Meinung" ist. Wie könnten wir zweifeln an der "empirisch erfaßten und beobachteten Realität", der Wahrheit des VPM, die er sogar handhabt, wenn er in einem Geniestreich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt.

Unsere Geduld wird doch belohnt, im nächsten Satz erfahren wir, wie man als Duplex- oder Zwitterwesen die "richtigen" von den "falschen" Beobachtungen unterscheiden kann: Man muß "ständig an seinem Charakter arbeite(n)". Aber das ist nicht so einfach; will man ein guter "Theraforschpeut" werden, braucht man die Weiterbildung im VPM: "In diesem Sinne besteht der Kern der psychologischen Arbeit des VPM aus der in allen Einzel- und Gruppensitzungen sowie der Supervision geleisteten ständigen Bearbeitung dieser 'individuellen Faktoren und affektiven Beimischungen', die die objektive Wahrnehmung des psychologischen Forschers (Hervorhebung W. M.) beeinträchtigen und die auch den Ausgangspunkt aller seelischen Störungen bilden. Immer steht in jeder Sitzung das individuelle zwischenmenschliche Erleben und Fehlerleben im Mittelpunkt. Schade nur, daß wir noch immer nicht erfahren, wie da "bearbeitet" wird. Aber dann bräuchten wir den VPM nicht mehr. Und immerhin haben wir weiteren "Erkenntnis"-Gewinn aus diesen luziden Ausführungen: Da die wenigsten unter uns Forscher im Sinne des VPM sein dürften, müssen wir damit rechnen, daß wir alle seelisch gestört sind. Ein Grund mehr, Hilfe beim VPM zu suchen.



Wahrheit kann man im VPM "erleben"

Mit der Verbesserung der Fähigkeit zuzuhören, der ständigen Arbeit am eigenen Charakter, der "Bearbeitung" zwischenmenschlichen Erlebens in der Supervision (durch Frau Kaiser, wie immer wieder betont wird) ist das Arsenal der Erkenntnismethoden des VPM nicht erschöpft. Die Trumpfkarte soll zuletzt ausgespielt werden. Wie angedeutet, werden die meisten Erkenntnisse außerhalb eines schmalen, vom VPM favorisierten Sektors der Tiefenpsychologie als Modeströmung abqualifiziert (VPM 1993, 241). Das Ausleseprinzip: "Erkenntnisse, die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhielten, wurden einbezogen." So weit, so akzeptabel, doch die dann vorgestellte Methode der "wissenschaftlichen Überprüfung" ist in ihrer kühnen Simplizitär kaum zu überbieten:



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 81


"Die Besucher der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle erlebten, dass sie kompetente psychologische Hilfe erhielten und eine qualifizierte psychologische und psychotherapeutische Ausbildung absolvieren konnten" (Hervorhebung W. M.). Wozu die Mühen von Generationen hochqualifizierter Wissenschaftstheoretiker, Methodologen und Mathematiker, die noch längst nicht zu einem Ende gekommen sind, wenn Wissenschaft so einfach sein kann!



Persönliche Entwicklung als Forschungsertrag

Zu prüfen bleibt als drittes und Filetstück des Wissenschaftlichkeitsanspruchs die unmittelbaren (Produktion) und mittelbaren (Austausch und Weitergabe) Handlungen zur Erzielung von Erkenntnis, geläufiger unter dem Begriffsduo Forschung und Lehre.

Trägt der VPM zur Erkenntnismehrung bei? Im Alltagssinne sicherlich, so wie jeder von uns. Legt man die Meßlatte der Wissenschaft an, lautet die Antwort: Nein, mit geringen Ausnahmen. Allerdings muß die Gültigkeit der Antwort möglicherweise eingeschränkt werden: Nein, soweit er das in seinen Schriften und sonstigen Verlaurbarungen erkennen läßt. Es besteht die Möglichkeit, daß der VPM mit bisher nicht offengelegten wissenschaftlichen Methoden zum Erkenntnisfortschritt beigetragen und diesen Beitrag der Öffentlichkeit vorenthalten hat. Nach der Masse des Schrifttums, das der VPM im eigenen Haus (Selbstverlag) publiziert, ist die angedeutete Möglichkeit jedoch eher fiktiv (allenfalls vorstellbar) als hypothetisch (unter Anhaltspunkten vermutbar).

Die negative Antwort ergibt sich allein schon aus dem oben beschriebenen Vakuum im Gebrauch wissenschaftlich akzeptierter Methoden. Die meisten der genannten Methoden (Fähigkeit zuzuhören, Arbeit am eigenen Charakter, "Bearbeitung" zwischenmenschlichen Erlebens) werden vom VPM irrtümlicherweise der Forschung zugeordnet; sie gehören teils zur Psychodiagnostik (Erhebung des aktuellen psychischen Status eines Individuums oder einer Gruppe), bezeichnen aber überwiegend praktisch-berufliche Grundvoraussetzungen und praxisbegleitende Reflexionskontrollen. Die einzig als Forschungsmethode genannte Vorgehensweise zur Prüfung von Mutmaßungen (behauptete Erkenntnisse), das Erfolgserlebnis der beim VPM Hilfe und Ausbildung Suchenden,



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 82


ist in all seiner Fehlerhaftigkeit für den individuellen Alltagsgebrauch zwar hinnehmbar, gilt in der auf allgemeine Gültigkeit zielenden Wissenschaft aber seit 2½ Jahrtausenden (!) als obsolet.

Nicht nur über die zureichenden Erkenntnis-Methoden, auch über Inhalt und Ziel der Forschung hat der VPM andere Vorstellungen als die Gemeinschaft der Forscher: "Dr. Buchholz-Kaiser hat sich in jahrelanger Forschungarbeit das Einfühlungsvermögen und das Verständnis erworben, um einen Menschen als individuelle Persönlichkeit in seiner momentanen Gefühlsdisposition zu erfassen. Viele Ratsuchende haben in ihrer großen Not das wohltuende Erlebnis gemacht, bei Frau Buchholz-Kaiser auf einen Menschen zu treffen, der sie versteht und der ihnen hilft..." (VPM, 1991 a, 390). In dieser bizarren semantischen Verballhornung, in der die persönliche Fortbildung zwecks Aneignung beruflicher Grundfähigkeiten mit dem Gewinn universaler Erkenntnis gleichgesetzt wird, scheint ein kardinales Mißverständnis auf, das viele zunächst als absurd empfundene Aussagen ins rechte Licht rückt: Erkenntnisgewinn ist dem VPM offensichtlich nur oder primär eine personbezogene Dimension, in der sich die individuelle Veränderung der Welt-Anschauung wandelt; Zweck der Forschung a la VPM ist persönliche Entwicklung, ihr Endpunkt der "fertige" Mensch, nicht das abstrakte Wissen über die Welt. In dieser egozentrischen Sicht muß der Wahrheitsbegriff zwangsläufig so mutieren, wie es oben dargestellt wurde.



Neue Dimensionen der Wissenschaft: Eigenlob und Fremdverriß

Zum Prädikat "unwissenschaftlich" gelangt auch, wer die Schriften des VPM nach den tatsächlichen Inhalten mustert. Sie enthalten zu 96-99% (Schätzung) Ausführungen, die mit wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn nicht das geringste zu tun haben, sondern in der Mehrzahl Pamphlete, Werbeschriften, Aufklärungs- und Erbauungstraktate darstellen, nach Machart und Diktion für den Nicht-VPM-Anhänger kaum erträglich. [Anm. 3] Im einzelnen sind es: Transkripte aus Therapiesitzungen; Erlebnisberichte von Kurs- und Therapie-Teilnehmern; Tätigkeits- und Rechenschaftsberichte einzelner Arbeitsgruppen (Schule, Kindergarten); Erlebnisberichte und Bewertungen aus praktischen Bereichen (vor allem Schule); Forderungen und Programme (wiederum mit dem Schwerpunkt Schule);



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 83


Aufklärungstexte (Aids, Drogen) mit einseitig repressiver Orientierung; Beschimpfung von Gegnern (individuell und pauschal, darunter: Neulinke, Alt-68er, Marxisten, international vernetzte Drogenliberalisierer, verantwortungslose Journaille, Volksverhetzung, stalinistische/Gestapo-Methoden, Grundrechtsverletzung, Menschenrechtsverletzung); Szenarien zur Errettung der Welt und der Menschheit; Darstellung, Anpreisung und Rechtfertigung der eigenen Aktivitäten; Lobpreisungen, Dank- und Ergebenheitsadressen an die Gruppenleiter Liebling und Buchholz-Kaiser.

Einige Kostproben aus dem letztgenannten Bereich geben einen konkreten Eindruck: "Es ist das unauslöschliche Verdienst von Herrn Liebling (...). Die Arbeit von Herrn Liebling ist die große Tat eines wirklichen Humanisten, dessen Gruppe in der Fachwelt einzigartig sind (...). Nur Friedrich Liebling mit seinem grossen Wissen und seiner mitmenschlichen Persönlichkeit konnte dies verwirklichen" (VPM, 1991 a, 317). "Es war eine einzigartige Tat von Herrn Liebling und seiner Mitarbeiterin, Frau Dr. Buchholz-Kaiser, uns aus dieser Unwissenheit (...) herauszuholen. Es wird niemals gelingen, diese Arbeit zu zerstören, wie es mit diesem Schandwerk von Sorg versucht wird" (ebd., 318). "Für Dr. Buchholz-Kaiser war und ist das Wohl der Kinder, Jugendlichen und Eltern immer von zentraler Bedeutung. (...) Geht es um eine psychologische Einschätzung, um das Wohl einer Familie, nimmt sie sich stets Zeit und leitet uns mit ihrem grossen Wissen und ihrer menschlich anteilnehmenden Persönlichkeit an" (ebd., 319). "In Frau Dr. Buchholz-Kaiser haben wir die beste Lehrerin gefunden" (ebd., 321).

Dem Bereich Forschung und Lehre kann man nur wenige Ausnahmen zuschlagen: die 1976 vorgelegte Doktorarbeit der fachlichen Leiterin (Kaiser, 1981); geringe Teile der schmalen Schrift "Zu Theorie und Tätigkeit des VPM" (VPM, 1990); große Teile eines Kapitels aus dem Buch "Der VPM - was er wirklich ist" (VPM, 1991 a), das als Sonderdruck - sogar mit eigener ISBN-Nummer, so wichtig war es dem VPM! - veröffentlicht wurde (VPM, 1991 b); sowie einige Passagen aus weiteren kleinen Texten und Vorträgen. Wo Substanz, analytische Ansätze und wissenschaftliche Diktion erkennbar sind, ist immer ein direkter Bezug zur Dissertation von Frau Kaiser gegeben.



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 84

In der Regel handelt es sich um nicht mehr als geringfügig aktualisierte und sprachlich den Zeitläuften angepaßte Ausschnitte aus dieser akademischen Übung. Insofern - aber nur in Relation zur wissenschaftlichen Leere (nicht Lehre!) aller übrigen Äußerungen - erscheint auch ihre Stellung als Leiterin durchaus gerechtfertigt; daß sie dennoch nicht im geringsten für die fachliche Leitung ausgewiesen ist, wird noch zu erläutern sein.



Eine Magna Mater ohne fachliche Kompetenz

Es bleibt ein letztes Merkmal für Teilhabe am Bereich Forschung: die Ausbildung als Weitergabe von Erkenntnissen zur praktischen Verwendung. Neben Psychotherapie (inklusive Beratung) gehört die Vermittlung von Kenntnissen zur privaten oder beruflichen Verwendung zu den Schwerpunkten der Aktivitäten des VPM (1991 c, 1993). Die Wahl der verschiedenen Vereins- und Selbstverlags-Namen (zu Lebzeiten Lieblings: Lehr- und Beratungsstelle, in der Vereinsnachfolge wie auch in den Verlagen: Menschenkenntnis [Anm. 4]) steht dafür als Motto. Die Verpflanzung von Kenntnissen sowohl in individuelle Köpfe (Therapie und Persönlichkeitsformung) wie auch in die Kultur der Menschheit (Mission) darf als Kern und tief wurzelnde Triebfeder der VPM-Bewegung gelten. Insoweit lehrt und bildet der VPM ohne Zweifel aus.

Dennoch kann mitnichten von wissenschaftlicher Ausbildung oder an Forschung gekoppelter Lehre die Rede sein: Der VPM agiert privat; er ist weder staatlich beauftragt noch öffentlich anerkannt. Er wehrt sich auch vehement (VPM, 1993, 55) gegen jedwede andere unabhängige Kontrollinstanz, so daß Fehler und Einseitigkeiten in der Auswahl von Wissen und in der didaktischen Handhabung nicht sichtbar und erst recht nicht korrigiert werden können. Von daher ist gegen den VPM immer wieder der Vorwurf dogmatischer Abgeschlossenheit erhoben worden, wie sie für Sekten typisch und auch in Kirchenkreisen anzutreffen ist.

Die fachliche Leiterin hat weder ein Examen in Psychologie noch in Psychotherapie, noch in Pädagogik vorzuweisen. Sie ist also für Inhalte, die sie zu lehren beansprucht und über die sie sogar Aufsicht führt, nach üblichen Maßstäben inkompetent. Laut Selbstauskunft in ihrer Doktorarbeit hat sie ein Examen in Allgemeiner Geschichte an der Universität Zürich abgelegt.



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 85

Sie hat im Rahmen des Geschichtsstudiums gemäß Vorschrift in zwei Nebenfächern Vorlesungen gehört: Philosophie und Psychologie, in beiden Fächern nur bei einem einzigen Lehrer. Es ist im Bereich der Psychologie unüblich, die immer nur in geringem Umfang mögliche Wahrnehmung des Nebenfaches als Kompetenznachweis zur Berufsausübung heranzuziehen.

Sie hat nach dem Geschichtsexamen bei einem Philosophen zum Dr. phil. promoviert. Ihre Behauptung, daß sie am "Lehrstuhl für Anthropologische Psychologie" der Universität Zürich (so VPM, 1993, 65) promoviert hätte, kann nicht zutreffend sein, weil dort nach Auskunft des Rektorats ein solcher Lehrstuhl nicht existierte. Nebensächlich, aber ebensowenig haltbar ist es, daß ihre Dissertation 1976 veröffentlicht worden sei (VPM, 1991 a, 241). Weder ist die Jahresangabe korrekt, noch handelte es sich um eine Veröffentlichung: Die Schrift ist gemäß den Prüfungsbestimmungen als akademische Übungsarbeit im Jahre 1977 bei der "Zentralstelle der Studentenschaft Zürich - awd" vervielfältigt worden (Kaiser, 1977). Sie ist erst 1981, fünf Jahre nach dem genannten Zeitpunkt, unter einem anderen Titel im Liebling-Selbstverlag veröffentlicht worden (Kaiser, 1981), ergänzt durch ein Vorwort, acht Anmerkungen und ein für wissenschaftliche Publikationen übliches Register. Thema und Inhalt ihrer Dissertation galten nicht der sich seit Mitte des 19.Jahrhunderts an der Naturwissenschaft orientierenden Psychologie, sondern dem erst spät (Anfang des 20.Jahrhunderts) entstandenen und philosophisch-hermeneutisch ausgerichteten Gebiet der Tiefenpsychologie. Insofern ist auch der geänderte Titel irreführend.

Die fachliche Leiterin ist im landläufigen Sinne nicht für die Praxis der Lehre und Menschenführung qualifiziert. Hätte sie eine Assistenzzeit an einer Hochschule, die als Ausweis für die Lehrqualifikation gilt, wäre das bekannt, da die VPM-Schriften mit der Aufzählung von Qualifikationen ihrer Leiterin nicht geizen. Es fehlt auch der Qualifikationsnachweis für die psychotherapeutische und beratende Praxis. Zwar hat sie sich schon 1960, vier Jahre vor ihrer Matura, dem Kreis um Liebling angeschlossen und dort eine «umfassende Ausbildung erhalten, aber was für eine: "Kernstück der Ausbildung bei Friedrich Liebling stellt (...) die Charakteranalyse (...) dar. (...) Dr. Buchholz-Kaiser besitzt in hohem Masse die Fähigkeit



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 86


jeder großen Therapeutenpersönlichkeit, sich als Mitmensch in echter Anteilnahme in individuelle Lebensläufe, Problemstellungen und Situationen einzufühlen. Ihre aktive Teilnahme (...) im engen Austausch mit Friedrich Liebling, verbunden mit theoretischer Schulung, ergeben einen Fundus an Wissen und therapeutischer Kompetenz, der sie ihrerseits befähigt, andere Menschen tiefenpsychologisches Fühlen und Denken zu lehren und therapeutisch anzuleiten“ (VPM, 1991 a, 239).

Hier schließt sich der Kreis der behaupteten, aber niemals belegten Kompetenz: Liebling, erster Meister, war Autodidakt und hat niemals eine Universität besucht, geschweige denn ein Studium abgeschlossen, kam aber vermutlich während seiner Wiener Residenzzeit ab 1913 mit den - rein privaten - Zirkeln der Psychoanalyse in Berührung (Sorg, 1991; Stamm, 1993). Frau Buchholz-Kaiser, in 22jährigem Schüler-Meister-Verhältnis charakteranalytisch so präpariert, daß sie ab 1982 die Nachfolgeschaft beanspruchen und ab 1986 als zweite Meisterin auftreten kann, setzt die Tradition der Weitergabe zweifelhaften und veralteten Wissens in unkontrollierter, durch geregelte und zugängliche Lehrpläne nicht beschwerter Weise fort und läßt ihren Schülern "eine mehrjährige theoretische und praktische 'Postgraduiertenausbildung' sowie eine sorgfältige Charakterschulung" (VPM, 1993, 78) angedeihen. Wie das alles, was selbst Universitäten nur in Postgraduierten-Verbundsystemen (Beteiligung mehrerer Hochschulen) schaffen, bewältigt werden kann, haben wir bereits erfahren: durch Supervision. 0 glückliches Zürich, wie leer müssen deine Hochschulen sein, wenn Ausbildung so billig geleistet werden kann.



Die kalte Schulter der Wissenschafts- und Fachverbände

Nachdem sich gezeigt hat, daß der VPM sehr weit von allen üblichen Kriterien der Wissenschaft entfernt ist, soll noch ein Hilfskriterium herangezogen werden, das eine letzte Chance einräumt: die Zugehörigkeit zu Fachverbänden und Wissenschaftsvereinigungen. Diese Meßlatte geht davon aus, daß Fachvertreter und Wissenschaftler nicht frei davon sind, sich dogmatisch zu gebärden oder aus persönlichen Motiven abwertend über bestimmte Arten der Fachvertretung und Wissenschaft zu urteilen. In einer Wissenschaft hat immer der



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 87


"Hauptstrom" (mainstream) das Heft in der Hand, andere Richtungen und "Schulen“ existieren geduldet oder belächelt am Rande. Im Bewußtsein der Möglichkeit solcher Voreingenommenheit werden in die Verbände auf Antrag alle Personen aufgenommen, die die fachlichen bzw. wissenschaftlichen Voraussetzungen in minimaler Weise erfüllen.

Die Fachverbände für Psychologie setzen zur Aufnahme nichts weiter voraus als ein anerkanntes Fachexamen an einer Universität: in der Schweiz das Lizentiat, in Deutschland das Diplom in Psychologie. Die länderübergreifende Wissenschaftsvereinigung der deutschsprachigen Psychologen (Deutschland, Österreich, Schweiz und weitere Länder), die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPS), nimmt jeden auf, der darüber hinaus in minimaler Weise belegen kann, daß er wissenschaftlich ausgewiesen ist: durch Promotion und zwei wissenschaftliche Veröffentlichungen. Fachverbände vertreten entsprechend alle fachberuflich Tätigen, Wissenschaftsvereinigungen nur diejenigen in Forschung und Lehre.

Kann sich der VPM wenigstens unter diesem Hilfskriterium den Mantel der Wissenschaftlichkeit umhängen? Es ist nicht bekannt, daß die fachliche Leiterin oder eine dem VPM nahestehende Person Mitglied der Wissenschaftsvereinigung DGPS ist. Einige wenige VPM-Anhänger, jedoch nicht die fachliche Leiterin, sind Mitglied in Berufsverbänden (Fachverbänden), nämlich dem Berufsverband deutscher Psychologen (BDP), der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie (SGP) und der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP). Die Fachverbände mit VPM-Anhängern sind auf deutliche Distanz zum VPM gegangen. Die wiederholte Kritik des BDP war so vehement, daß der VPM sie in gewohnter Weise zum Anlaß mehrerer gerichtlicher Klagen nahm, die in allen Punkten - bis auf ein Detail - auch im Einspruchsverfahren abgewiesen wurden.

Im BDP wird seit geraumer Zeit überlegt, ob VPM-Anhänger ausgeschlossen oder zumindest keine Anhänger neu aufgenommen werden sollen. Da der BDP 20 000 Mitglieder zählt und in eine große Zahl von Regionalverbänden und Sektionen untergliedert ist, wird sich der Willensbildungsprozeß noch eine Weile hinziehen. Der FSP, der Dachverband von 27 Schweizer Fach- und Kantonalverbänden, hat diesen Schritt bereits im September 1993 vollzogen.



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 88

Doch nicht nur die wissenschaftlich ausgerichteten Verbände, sondern auch die praxisorientierten Vereinigungen wie der Schweizerische Berufsverband für angewandte Psychologie (SBAP) und sogar die nächsten "Verwandten" der Liebling/VPM-Bewegung weisen die kalte Schulter: Auch das Alfred-Adler-Institut in Zürich hat schon vor längerer Zeit einen Abgrenzungsbeschluß gefaßt.

Am Ende ist festzustellen, daß der VPM nicht nur keinem der abgestuften Wissenschaftskriterien auch nur annähernd genügt, sondern sich die gewünschte Reputation auch nicht ersatzweise von der Wissenschaftsvereinigung der Psychologie, ja nicht einmal von den allen Psychologen offenen Fachverbänden "leihen" kann.



Wissenschaftsanspruch als Tarnung für eine Psychogruppe?

Die vorliegenden Informationen reichen nicht aus, um entscheiden zu können, welcher psychischen Befindlichkeit die geradezu groteske Rückständigkeit - vor allem im methodologischen Bereich - geschuldet ist: Ist der VPM ein Entwicklungsgehemmter, der gerade aus dem Dornröschenschlaf erwacht? Was über die Spätberufung der fachlichen Leiterin Buchholz-Kaiser bekannt ist (zunächst kaufmännischer Beruf, mit 25 Jahren Zugangsberechtigung zur Hochschule, mit 33 Jahren Examen in Geschichte - für damalige Verhältnisse eine "ewige" Studentin, mit 38 Jahren Abschluß der Promotion), spricht für diese am wenigsten anstößige These, zumal die Spätentwicklung der Gruppenführung Tradition hat: Gründer und Vorgänger Liebling, ein Autodidakt, berief sich selbst zur Psychologie erst, als er bereits im 7. Lebensjahrzehnt fortgeschritten war. Ist es die inhaltliche Verfangenheit in eine Gedankenwelt, die im wesentlichen vom Anfang dieses Jahrhunderts datiert (vgl. VPM, 1991 b) und schon damals den wissenschaftlichen Anschluß verpaßt hatte? Für weniger wahrscheinlich halte ich eine dritte These, die jedoch von Mitgliedern des VPM, die sich inzwischen distanziert haben, nicht ausgeschlossen und durch manche Ausführungen in der Klage des VPM gegen die Bundesregierung [Anm. 5]  gestützt wird: Wissenschaftlichkeit werde aus überwiegend opportunistischen Erwägungen in Anspruch genommen, um die Gruppe unter Berufung auf das Grundgesetz unangreifbar gegen äußere Kritik zu machen. Auch das enorme Auseinanderklaffen zwischen Wort und Tat spricht eher für die These.



Michaelis in Efler/Reile (Hg.) Seite 89

Allerdings relativiert sich diese Beobachtung, da Lippenbekenntnisse beim VPM durchgängig anzutreffen sind (am deutlichsten bei der Aufforderung zur Sachlichkeit und Aggressionsabstinenz).
 



Anmerkungen


Anm. 1   Der Text VPM 1993 ist dessen jüngste geschlossene Selbstdarstellung, auf die, wo immer möglich, zurückgegriffen wird. Ähnliche Formulierungen finden sich in diversen älteren Texten, u. a. in der durch Gerichtsbeschluß mit Vertriebsverbot belegten Schrift VPM 1991 a.
Anm. 2   Dies ist die Quintessenz aus Interviews mit Dutzenden von Personen, die ausgiebigen Kontakt mit dem VPM hatten.
Anm. 3   Ich habe diesen Text im Stil bewußt den Schriften des VPM angenähert, um dem unerfahrenen Leser eine Demonstration zu geben. Ich verhehle nicht, daß es mir - gleichzeitig an einem langen sachtrockenen Gutachten über den VPM für die Bundesregierung arbeitend - ein Bedürfnis war, auch dem VPM selbst einmal vor Augen zu führen, wie seine Schriften auf Andersgläubige wirken.
Anm. 4   Dies ist auch der Titel einer 1927 von Alfred Adler vorgelegten Schrift mit missionarischen Untertönen.
Anm. 5   Vgl. die beiden Schriftsätze des Anwaltes Scholler (1993, 1994), der im Auftrag des VPM Klage gegen die Bundesregierung auf Unterlassung der Erwähnung des VPM in einer "Sekten"-Warnbroschüre erhoben hat. In der Klage war als Rechtfertigung der von der Bundesregierung beanstandeten Verhaltensweisen des VPM zunächst das Grundrecht der Religionsfreiheit in Anspruch genommen worden, erst später das ebenfalls im Grundgesetz verankerte Recht auf Wissenschaftsfreiheit.



Quellen


Kaiser, A. (1977). Das Gemeinschaftsgefühl bei Alfred Adler. Ein Vergleich mit Befunden aus Entwicklungspsychologie, Psychopathologie und Neopsychoanalyse. Zürich: Universität, Philosophische Fakultät 1 (Dissertation).

Kaiser, A. (1981). Das Gemeinschaftsgefühl - Entstehung und Bedeutung für die menschliche Entwicklung. Eine Darstellung wichtiger Befunde aus der modernen Psychologie. Zürich: Verlag Psychologische Menschenkenntnis (Geringfügig ergänzter Druck der Dissertation von 1977).

Popper, K. (1958). Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. II, Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. Bern: Francke.

Scholler, H. (1993). Klageschrift vom 26.Juli an das Verwaltungsgericht Köln von acht Vereinen, Gesellschaften und Arbeitskreisen des VPM gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Scholler, H. (1994). Schriftsatz vom 29. April an das Oberverwaltungsgericht Münster in Sachen VPM gegen die Bundesregierung Deutschland.

Sorg, E. (1991). Lieblingsgeschichten. Die "Zürcher Schule" oder Innenansichten eines Psycho- Unternehmens. Zürich: ABC-Weltwoche-Verlag.

Stamm, H. (1993). VPM - die Seelenfalle. "Psychologische Menschenkenntnis" als Heilsprogramm. Zürich: Werd-Verlag.

VPM (Hg.) (1990). Zu Theorie und Tätigkeit des VPM. Zürich: Verlag Menschenkenntnis.

VPM (Hg.) (1991 a). Der VPM, was er wirklich ist. Tatsachen, Hintergründe, Analysen. Zürich: Verlag Menschenkenntnis.

VPM (Hg.) (1991 b). Theoretische Grundlagen zur psychologischen Tätigkeit im VPM. Zürich: Verlag Menschenkenntnis. (Leicht veränderter Separatdruck aus VPM 1991 a, S.24—74.)

VPM (Hg.) (1991 c). 1. Internationales Symposium gegen Drogen in der Schweiz. Wege zu einer drogen freien Gesellschaft und Pathophysiologie der Rauschgifte. Zürich: Verlag Menschenkenntnis.

VPM (Hg.) (1993). Gestatten... VPM. Zürich: Verlag Menschenkenntnis.
 
 
 



Impressum:
 


1. Version dieser Seite installiert am 2.10.2005





Die Website www.AGPF.de wurde eröffnet im September 1998