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Der Maharishi-Kult
Norbert Jachertz 1980:
Der Multi im Meditations-Geschäft


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Überblick: Presseartikel:

Sonderdruck aus "medizin heute — Das Gesundheitsmagazin“
31. Jahrgang 1 Heft 2 u. 3 1980 Deutscher Ärzte-Verlag

Überreicht durch "Informationskreis Drogenprobleme eV.“ (Dr. med. Dietrich Kleiner, 1000 Berlin 21).

Der Multi im Meditations-Geschäft
Er begann ganz bescheiden, damals in den fünfziger Jahren in Indien. Sein großer Erfolg kam erst nach dem Sprung in den meditationshungrigen Westen. Die Rede ist von Maharishi MaheshYogi, heute etwa 65 (oder 70?) Jahre alt, der mit seiner TM, der "Transzendentalen Meditation“, Millionen bewegt. Menschen, Mark und Dollar. Mit dem Erfolg wuchs die Kritik..

Bescheidenheit ist nicht die Art des Maharishi. Die goldenen Worte, mit denen er seine gläubigen Jünger und die immer noch ungläubige Welt überschüttet, sind buchstäblich in Gold gedruckt. Beim Durchblättern seiner Mitteilungen bleibt der Goldstaub an den Fingern kleben. Seine Spitzenmanager hat Maharishi Mahesh Yogi zu Ministern ernannt, die Zentrale seines Unternehmens zur "Weltregierung“ aufgewertet, sein privates Forschungsinstitut mit dem Titel "Universität" geschmückt, dessen Mitarbeiter nach seinem Gutdünken zu Professoren gekürt; das ausrangierte Luxushotel KuIm über dem Vierwaldstätter-See hat er zur "Internationalen Residenz“ erhoben.



Maharishi verheisst Paradies auf Erden


Das äußere Brimborium, mit dem der "Große Weise" - so wird "Maharishi“ übersetzt - sich umgibt, ist schon phantastisch genug, phantastischer noch ist seine Botschaft. Maharishi verheißt uns allen nämlicha vollkommene Gesundheit und ein Leben in Glück und weltweitem Frieden. Kurz: das Paradies; und das schon auf dieser Welt, erreichbar in ganz kurzer Zeit. Das Rezept des Maharishi ist schlicht: zweimal täglich 20 Minuten Meditation. Aber die von der richtigen Sorte: Transzendentale Meditation, TM.

Meditation kann eine gute Sache sein. Viele haben das schon erfahren. Noch viel mehr verspüren den Wunsch, es auch einmal damit zu versuchen. Der Markt für Meditation ist da. Manch cleverer Manager hat ihn genutzt. Der größte aber ist Maharishi Mahesh Yogi. Er operiert weltweit, in 110 Ländern hat er über zwei Millionen zahlende Anhänger gefunden - sagt er. Ein Multi im Meditationsgeschäft. Sein Erfolg, die Art, wie er sich und seine Botschaft verkauft, hat ihm aber auch viele Gegner verschafft. Gerade auch in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Diffamierungskampagne sei im Gange, klagen die TM-Manager. Mit Verdächtigungen sind sie nicht zurückhaltend. Dr. Eberhard Baumann von der Schweizer TM-Zentrale macht den CIA verantwortlich. Andere die christlichen Großkirchen, die von diesem allgegenwärtigen Geheimdienst unterwandert seien. Dr. TilIy Holtz von der Frankfurter TM-Vereinigung vermutet hingegen Einflüsse aus dem roten Osten, "die großen Religionen treiben dies Spielchen mit“, und nicht nur die, sondern auch die Bundesregierung und Wissenschaftler, die TM unter die Lupe nahmen.

Was aber ist denn nun TM und wie wird sie verbreitet?

In Seelisberg über dem Vierwaldstätter-See ist die Schweiz so schweizerisch wie man sie sich nur vorstellen kann: Berge und grüne Wiesen, ein blinkender blauer See, glockenklingende Kühe, behäbige Bauernhöfe und solide Gasthäuser. Das Rütli, wo Wilhelm TeIl und seine Mannen sich gegen die Tyrannei verschworen haben, ist gleich in der Nähe. Etwas außerhalb des Ortes liegt das ehemalige Hotel KuIm. Es sieht aus, wie eines der teuren Hotels aus jenen Zeiten, als Tourismus noch etwas Exklusives war. Mitten in dieser schweizerischsten Schweiz hat sich die Zentrale der TM-Bewegung niedergelassen.

Ich parke mein Auto vor dem Eingang: "Willkommen in der internationalen Residenz der Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung“, grüßt freundlich und selbstbewußt ein Plakat. Neben mir steht ein großer Mercedes mit Tessiner Nummer, ein paar Meter weiter ein RolIs Royce mit einem Autokennzeichen aus dem heimischen Kanton Uri. Viele Autos mit deutschen Nummernschildern, solide Mittelklasse. ln die gläsernen Wände des Foyers ist ein anspruchsvolles Wappen eingraviert, mit Krone und Wahlspruch, würdig des englischen Königshauses in der Zeit, als es noch das Empire regierte.



Weltregierung im Land der glücklichen Kühe

Ein junger Mann im korrekten blauen Anzug und mit Nato-Haarschnitt nimmt mich in Empfang, höflich und reserviert. Im Augenblick sei niemand zu sprechen, alle seien bei der Meditation. "Wir haben es nämlich hier mit Meditation zu tun, wissen Sie.“ Genau deshalb war ich hergekommen. Ich werde auf eine



Bildunterschrift:
Aus einem Schweizer Hotel -die Kunde von der weltweiten Erleuchtung
Über dem Vierwaldstätter See, in einem früheren Nobelhotel, hat sich Maharishis "Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung" niedergelassen. Globus und Krone vor dem Eingang künden von dem Anspruch der "Weltregierung“ (Bild rechts außen). Der große Saal Im ersten Stock (rechts) dient nicht nur zu Zusammenkünften der Maharishi-Manager, sondern auch wissenschaftlichen Tagungen.


spätere Stunde vertröstet und rauskomplimentiert.

Später kommt des Maharishi Pressereferent, ein junger Schweizer, Beat Odermacht (31), von Beruf eigentlich Maler und Bildhauer, heute einer der vielen TM-Anhänger, die dem Maharishi gegen Kost und Logis dienen. Er nimmt sich eine Menge Zeit und erzählt, was denn so TM ist. Um es kurz zusammenzufassen: Nach der Lehre des Maharishi entstehen die Gedanken in der Tiefe des Bewußtseins. Das, was wir als Gedanken wahrnehmen, ist nur das, was an die Oberfläche des Bewußteins gelangt. Doch die Gedanken entstehen bereits tief im Unterbewußtsein; wie Blasen, sagt Herr Odermacht: zunächst ganz kleine Bläschen, die werden beim Hochsteigen ins volle Bewußtsein immer größer und schließlich zu der Gedankenblase, die wir im wachen Zustand wahrnehmen. Dieser Wachzustand ist aber nur einer von sieben Zuständen. Da gibt es neben dem Wachen das Träumen, den Tiefschlaf und dann die vierte Bewußtseinsebene. Zu dieser vierten Bewußtseinsebene, die der normale Mensch nicht erlebt, sollen wir mit Hilfe von TM "transzendieren“. Die weiteren drei Bewußtseinsebenen sind gewöhnlichen Meditierenden nicht erreichbar. Nur der Maharishi ist bis zur Stufe sieben vorgedrungen. Das läßt den TM-Leuten jede Äußerung des Maharishi als letztgültige Wahrheit erscheinen. Selbst wenn sie eine Äußerung nicht verstehen oder es kaum glauben mögen: der Maharishi wird schon recht haben.

Unser Beat Odermacht vom "Ministerium für Information und Inspiration der Weltregierung der Erleuchtung“ ist schon ein bißchen mehr als nur ein normaler TM-Jünger: er ist TM-Lehrer und meditiert schon seit sechs Jahren. Auf die vierte Bewußtseinsebene, erläutert er, kann jeder kommen, mit Hilfe einer ganz natürlichen Technik, nämlich TM. Diese Technik brauchen wir nur zweimal täglich je fünfzehn oder zwanzig Minuten anzuwenden, dann erreichen wir geradezu planmäßig den Zustand des "ruhevollen Wachens“.



Das "Mantra“ leitet zu höherem Bewußtsein

Wir merken, wie die "Stresse“ brockenweise von uns abfallen, sich die Verspannungen lösen. Wir empfinden eine vollkommene Harmonie. So Beat Odermacht, er wirkt dabei versonnen und begeistert zugleich. Und er sagt immer wieder, dabei in die Ferne schauend: "Das alles ist sehr interessant“ und nickt, während ich einige Mühe habe, ihn auf so konkrete Fragen, wie die nach Kurs-Dauer und Kosten zurückzuführen.

In der Erläuterung der TM-Theorie ist mein Gewährsmann weitaus ausführlicher als bei den Finanzen. Um genau zu sein: darüber erfahre ich fast gar nichts. Bleiben auch wir einstweilen bei der TM-Lehre: bei TM spielt das "Mantra“ eine entscheidende Rolle. Für den nüchternen, nicht meditierenden Beobachter ist das Mantra eine sinnlose Silbe, bei der nur eines auffällt: die Buchstabenkombination "vibriert“, dank einer bestimmten Lautfolge: eng, aing, aima. Dieses Mantra wird dem angehenden TM-Jünger bei einer Einführungszeremonie von einem TM-Lehrer verliehen. Dabei geht es etwas geheimnisvoll zu bei Kerzenschein und beim Rezitieren einer Litanei in der altindischen Sprache Sanskrit. Dann flüstert der Lehrer dem neuen Jünger das Mantra ins Ohr.



Macht Meditation high wie eine Droge?

Während der Meditation "denkt“ der Meditierende das Mantra. "Denken“ ist hier kein bewußt gesteuerter Ablauf logischer Schritte, sondern gemeint ist ein willenloses Umkreisen des Mantras nach dem Ratschlag: einfach kommen lassen.

Meditierende (ob nach TM oder einer anderen Methode) versichern, daß eine solche Leitsilbe zu ungewohnten Bewußtseinszuständen verhelfen kann. Diese Art der Meditation mit Mantra-Hilfe soll aber nicht ganz ungefährlich sein, sagen Kritiker. Im Meditierenden könne sie HaIluzinationszustände erzeugen, mit denen er möglicherweise nicht fertig werde. Berichte von Meditierenden erinnern an die Erzählungen von Leuten, die mit bewußtseinserweiternden Drogen, wie z. B. LSD, experimentiert haben. Stimmt es deshalb, daß TM zu einem Suchtverhalten führen kann? Seine Gegner behaupten das und ehemalige TM-Leute berichten von Entzugserscheinungen wie bei der Entwöhnung von Drogen.

Beat Odermacht lehnt solche Aussagen ab. Er bezeichnet TM als eine vollkommen natürliche, für jedermann leicht erlernbare Methode, eine Meditationstechnik. Gesundheitsschäden seien ihm nicht bekannt. Später wird mir erklärt, die Kritiker berichteten immer wieder von denselben zwei oder drei Fällen, bei denen eine psychische Entgleisung vorgekommen sei. Wenn man bedenke, daß in der Bevölkerung ohnehin zwei bis drei Prozent psychisch krank seien, dann werde es unter den rund zwei Millionen TM-Praktizierenden ebenfalls auch einige psychisch Kranke geben, rein theoretisch einige Tausend. In Wirklichkeit, so argumentiert die deutsche TM-Zentrale, gebe es nicht einmal diesen geringen Prozentsatz.

Berechnungen und Spekulationen dieser Art sind nicht nachzuprüfen. Repräsentative Untersuchungen gibt es bisher nicht, sondern nur eine Anzahl von Erfahrungsberichten. Die bekannteste Sammlung dieser Art wird von einer Eltern-Initiative, die in Bensheim an der Bergstraße beheimatet ist, verbreitet. Deren Dokumentation von elf Fällen taucht in allen Schriften, die ich nach meinem Besuch in Seelisberg gelesen habe, auf. Zusammenfassend wirft die Eltern-Initative der TM vor, folgende Verhaltensänderungen zu fördern:
 


Allerdings, die Eltern-Initative sieht eine solche Gefährdung nur nach dem Besuch mehrerer TM-Kurse. Der Diplom-Psychologe Albrecht Schöll, der für die Eltern-Initative spricht, hält es durchaus für möglich, daß TM auch als schlichte Entspannungstechnik, ähnlich dem autogenen Training, betrieben werden kann. Die Gefährdung setze erst ein, wenn man tiefer einsteige.

Um ein tieferes Einsteigen wirbt allerdings die TM-Organisation. Sie bietet neben dem Einführungskurs eine Serie von Fortbildungskursen an und schließlich, gleichsam als Oberstufe ihres Programmes, das sogenannte Sidha-Programm. Von diesem wird behauptet, es verhelfe den Meditierenden zum Fliegen. Ich hatte aber in Seelisberg Schwierigkeiton, Fotos vom "Fliegen“ zu bekommen. Einstweilen reichte der Bewußtseinszustand nur für ein rhythmisches Hopsen.



Die TM-Manager fühlen sich verfolgt

Die Realitätsfremde, die Albrecht Schöll und andere bei ausdauernd Meditierenden festgestellt haben, zeigt sich auch bei der TM-Organisation selbst. Schon der Rundumschlag gegen ihre Kritiker, bei dem wahllos Kapitalisten und Kirchen, Kommunisten und alle, "die Wandel nicht wollen, weil sie sich nicht in der Lage sehen mitzuziehen“ (so Jochen Uebel von der deutschen TM-Zentrale in Schledehausen [Anm. vom 2.1.2006: seit 1980 dort nicht mehr tätig] ) geschlagen werden, zeugt nicht von einer klaren Analyse. Vor allem aber zeigt sich Realitätsflucht in der politischen Argumentation der Bewegung. Maharishi möchte nämlich nicht nur einzelne Menschen durch Meditation glücklich machen. Er versucht seit einigen Jahren verstärkt, auch Regierungen zur Anwendung von TM zu bewegen, und verspricht ihnen Erfolge in allen Bereichen des Lebens: von der vollkommenen Gesundheit bis zur Unbesiegbarkeit. Das Erfolgsgeheimnis liege im Maharishi-Effekt. Der sei wissenschaftlich erwiesen, behauptet die "Weltregierung".



Bildunterschrift: Wenn die Stresse wie Brocken abfallen, hopsen die Sidhis


In Seelisberg besuche ich die Dependance der "Maharishi European Research University“, kurz Meru genannt. Ich muß ein wenig warten, ehe mich Beat Odermacht an einen Betreuer von der Meru weiterreichen kann. Derweil sehe ich mich in der Empfangshalle des Zentrums der Weltregierung um. Sie ist, wie alles in Seelisberg, in den Farben Rot und Gold gehalten - tief rote Plüschteppiche, goldfarbene Stühle, geschnitzt im Stil des Gelsenkirchener Barock. Leise diskutierende Gesprächsgruppen, die Frauen, zumeist handelt es sich um junge Mädchen um die Zwanzig, im Sari, die jungen Männer im dunkelblauen Anzug, höhere Chargen in Weiß. Die Gespräche drehen sich ausschließlich um Meditation und Maharishi. Keine Witze, kein Lachen. Meditation ist offenbar eine ernste und - meine Gesprächspartner in Seelisberg mögen mir verzeihen - freudlose Angelegenheit. Immerhin, die Blicke der Mädchen lassen darauf schließen, daß sie noch nicht allem Weltlichen entrückt sind.



Meru - das merkwürdige Forschungsinstitut

Dr. med. Oliver Werner, ein Arzt von 29 Jahren, der seit über neun Jahren meditiert, führt mich in das "Forschungsinstitut“ der Meru. Es besteht aus einerr großen Raum, in dem etwa fünf oder sechs Leute arr Schreibtisch arbeiten, und drei kleinen Nebenräumen. Die wichtigsten technischen Einrichtungen: ein Elektroenzephalograph, ein kleines biochemisches Labor, irgendwo im Hause ein Computer. Die Bezeichnung "Universität“ scheint mir angesichts der bescheidenen äußeren Umstände reichlich hochgegriffen. Aber seien wir nicht kleinlich, zumal Dr. Werner darauf hinweist, daß die Meru einige Außenstellen hat und sich im übrigen auf Gastwissenschaftler und eine Vielzahl von Auftragsforschern stützen kann. Was wird denn nun erforscht? Hauptsächlich untersucht man - nach meinem Eindruck etwas planlos - was im Körper eines Menschen, der meditiert, vor sich geht. Wohlgemerkt des Menschen, der TM meditiert. Denn nur das erforscht man. Gibt es aber nicht jene Veränderungen des Blutdruckes, im EEG, im Hormonspiegel, in der Atemfrequenz, denen in Seelisberg nachgegangen wird, nicht generell bei Meditierenden, ganz egal nach welcher Methode er meditiert? Solche Hinweise auf die Konkurrenz nimmt Dr. Werner ungerührt entgegen und kommt gleich auf seine TM zurück. Die Wissenschaftler der Meru sind nun einmal gläubige Anhänger ihres Maharishi. Werden sie so noch in der Lage sein, auch mit der gehörigen Objektivität zu forschen? Wie etwa verhalten sie sich, wenn die Forschungen Negatives über ihre Methode zu Tage fördern sollten?



Zwei Millionen haben ihre TM-Erfahrungen

Von Dr. Werner habe ich jedenfalls nur Positives erfahren. Weltweit betreiben schon 2 bis 2,5 Millionen Menschen TM (in der Bundesrepublik 70 000 bis 80 000), sagt die Zentrale in Seelisberg. Gezählt sind dabei alle, die einmal eine Einführung mitgemacht haben. Albrecht Schöll von der Elterninitiative schätzt freilich, daß nur 40 bis 50 Prozent der Eingeführten bei der Stange bleiben. Diesen hat Maharishi Großes zugedacht: sie sollen mit dem Maharishi-Effekt die Welt in Bewegung setzen und selbst zu immer höherem Bewußtsein aufsteigen. Dafür haben sie allerdings kräftig zu zahlen.



 

Ein höheres Bewußtsein, innere Harmonie und Gesundheit soll jedermann durch die Transzendentale Meditation (TM) erwerben können — so verspricht Maharishi Mahesh Yogi.
Einige Tausend besonders aktiver und zahlungswilliger TM-Anhänger sind von Maharishi dazu ausersehen, der Welt den Frieden zu bringen; durch den Maharishi-Effekt.

Die "Weltregierung der Erleuchtung“ nennt die Meru großspurig "Universität“. Doch was ich in der "Weltzentrale“ Seelisberg davon sehe, ist ein eher bescheidenes Institut. Dr. Bernd Zeiger, ein Chemiker, stellt dort gerade sozialwissenschaftliche Arbeiten zusammen, mit denen die positiven Auswirlungen transzendentaler Meditation im politisch-sozialen Bereich nachgewiesen werden sollen. Oder: durch Feldforschung soll bewiesen werden, daß es den Maharishi-Effekt gibt. Mit dem hat es folgendes auf sich, erläutert Zeiger: wenn in einem Kollektiv (einer Stadt, einem Land) ein Prozent der Bevölkerung meditiere, dann wirke sich das auf das Zusammenleben des gesamten Kollektivs schlagartig aus: die Kriminalitätsrate gehe zurück, die Unfälle nähmen ab, überhaupt: das soziale Leben werde harmonischer. Das wäre phantastisch, wenn das stimmte, meine ich. Dr. Zeiger ist überzeugt, daß es stimmt. Maharishis Organisation versuche das experimentell nachzuweisen. Tatsächlich gibt es dazu ein abenteuerlich anmutendes Vorhaben, das zum Teil schon in die Tat umgesetzt wurde: der Maharishi belädt ein Flugzeug mit meditierenden Anhängern und fliegt sie in ein Krisengebiet. Dort beginnt Maharishis Stoßtrupp dann kräftig zu meditieren.



Durch die Kraft der Meditation zu weltweitem Frieden

Die Auswirkung, siehe oben: Harmonie breitet sich aus. Angeblich soll das schon in vielen Ländern, selbst in Rhodesien und in Nicaragua funktioniert haben.

Ich bin verblüfft und kann Herrn Dr. Zeiger nur noch viel Glück bei der Auswertung wünschen. Die Spekulation, die dem Maharishi-Effekt zugrunde liegt, lautet, wenn ich Dr. Zeiger richtig verstanden habe, und wenn ich das jetzt einmal ganz primitiv ausdrücken darf, so: Die Meditierenden senden Anstöße in ihre Umgebung aus, gleichsam Wellen oder Elementarteilchen, die ihre Umgebung berühren und zu einem geordneten Zusammenleben führen. Das sei ähnlich, wie der Vorgang, der in den Gehirnen der Meditierenden vor sich gehe, dort führe die Moditation zu einer gleichgerichteten Aktivität in den Gehirnzellen.

Dr. Zeiger gibt allerdings zu, daß man bei den Forschungen über den Maharishi-Effekt noch am Anfang stehe; und er ist damit weitaus ehrlicher als die vollmundige Propaganda. In einer Resolution ,der deutschen TM-Ärzte, die dem Bundesgesundheitsministerium zugeschickt wurde, wird nämlich die höchst spekulative Hypothese schon als erwiesene Tatsache hingestellt: "Die Wirkungen im Bereich großer soziologischer Einheiten sind Ausdruck der inzwischen wohlbegründeton Tatsache, daß der Bereich des Bewußtseins, wie er während der transzendentalen Meditation erfahren wird, etwas sehr viel Tieferliegendes ist als ein lokalisiertos Merkmal einzelner Menschen. Alle Ergebnisse weisen darauf hin, daß es sich tatsächlich um die direkte Erfahrung jenes Bereiches der Natur handelt, der für die gleichzeitige Organisation aller physischen Systeme - der anorganischen, zollulären, individuellen, sozialen und ökologischen - verantwortlich ist.“



Verheissungen, die die Jünger bei der Stange halten

Wenn das stimmte, dann hätte der Maharishi tatsächlich die "Weltformel“ gefunden. Einen Beweis habe ich weder in Seelisberg noch in den TM-Schriften entdecken können. Die TM-Aktivisten, die mit dem Maharishi-Effekt unter Politikern hausieren gehen und die in ihrer Mehrheit sicher guten Glaubens handeln, scheinen mir der Propaganda ihrer eigenen Organisation aufgesessen zu sein. Vielleicht aber glaubt auch die "Weltregierung“ fest an die wunderbare Ein-Prozent-Wirkung? Selbst wenn sie davon nicht überzeugt wäre, sie müßte den Maharishi-Effekt ständig weiter propagieren. Denn er hält die Gläubigen bei der Stange, er verleiht den Anhängern das Sendungsbewußtsein, die Überzeugung, die Welt umkrempeIn zu können. Maharishi braucht seine Gläubigen heute nicht mehr auf ein weit entferntes Ziel, die Bekehrung der gesamten Menschheit zur TM auszurichten. Bei vier Milliarden Menschen könnte selbst der glühendste Verehrer erlahmen.

Nein, nur ein Prozent sind nötig, trösten die TM-Manager; Und nicht einmal die. Denn nachdem sich herausstellte, daß auch die Erweckung von 40 Millionen ihre Schwierigkeiten hat, ist man in Seelisberg auf eine neue Rechnung verfallen: Mit der Sidha-Meditation braucht‘s noch weniger. In einem Brief an die Sidhis heißt es in der von der "Weltregierung“ häufig verwandten schein-logischen Argumentation "Während der Ausübung des TM-Sidhiprogramms nimmt die Kohärenz der Gehirnaktivität spontan zu. Entsprechend dem Prinzip der 'super radiance‘ ist diese Zunahme jedoch um das Quadrat der Ausübenden größer, wenn diese die Flugtechnik gemeinsam ausüben. Dies bedeutet: Wenn sechstausend Sidhas gemeinsam "fliegen“, müßten sie eine Kohärenz erzeugen, wie sie entsteht, wenn 36 Millionen Menschen ihre Flugtechnik allein für sich ausüben. Sechstausend zum Quadrat ist ein Prozent der Weltbevölkerung. Dies ist aufgrund des bereits beschriebenen Maharishi-Effektes der Prozentsatz, der gebraucht wird, um die Trends der Zeit in die Richtung von Frieden, Glück und Fortschritt für die ganze Menschheit zu lenken.“

Maharishi sei Dank! Das Ziel ist nahe, denn die Sidhis, die nötig sind, gibt es schon. Unter den rund 2 Millionen Menschen, die mit TM in Berührung gekommen sind, zählen die 8000 Sidhis und 14 000 TMLehrer zu den Aktiven. Sie glauben fest an die Botschaften aus Seelisberg. Kritiker verdächtigen sie haltlos. Solche gibt es allerdings heute auch in den eigenen Reihen, etwa unter denen, die TM nur als Entspannungstechnik betreiben wollen. Sie fühlen sich durch die Weltbeglückungsstimmung und die großen Worte der Weltregierung irritiert, halten den Maharishi-Effekt für Humbug und stoßen sich an der seit einiger Zeit eingerissenen Geldschneiderei. Darüber soll es in der deutschen TM-Zentrale, so wurde mir von einem Kursteilnehmer, der schon seit vielen Jahren mitmacht, versichert, heftige Auseinandersetzungen gegeben haben. Die Zentrale macht sich um ihr Image unter den seriösen Anhängern inzwischen offenbar auch Sorgen. Nicht zuletzt deshalb hat sie seit kurzem ihre Offentlichkeitsarbeit verstärkt.



Über ihre Finanzen schweigt sich die Weltregierung aus

Die "Deutsche Residenz des Zeitalters der Erleuchtung“ residiert in Bissendorf/Schledehausen bei Osnabrück (mit einigen Unterresidenzen und etwa 130 "Zentren des Zeitalters der Erleuchtung“). Weltweit soll es 1500 Residenzen, verteilt auf 110 Länder geben.

Wer bezahlt Residenzen und Regierung des Maharishi? Das Finanzgebaren ist geheimnisumwittert. Die Gelder dürften im wesentlichen aus den Lehrgangs-gebühren fließen. Die betragen für Deutschland: 400 DM für den siebenstufigen Einführungskurs (jede Stufe nimmt etwa gut eine Stunde in Anspruch); Schüler und Studenten bekommen Ermäßigung. Die Kosten für einen Sidha-Kurs (der stationär absolviert wird) belaufen sich auf etwa 2400 DM (nach anderen Angaben auf über 6000 DM), der angehende TM-Lehrer bezahlt rund 10000 DM (nach anderen Angaben für die Gesamtausbildung 20 000 DM), Gouverneure sollen 70 000 DM aufwenden müssen. Aktive TM-Leute arbeiten außerdem gratis in den Residenzen mit und bekommen dafür Punkte angerechnet, die sie zu Kursbesuchen berechtigen. Außerdem werden - wie aus einem Brief der Frankfurter TM-Filiale hervorgeht - die "lieben Meditierenden“ zu regelmäßigen Spenden angehalten, um ihr Center zu unterhalten. "Auf die viel-gestellte Frage, warum die Zentrale denn die Centermiete nicht übernimmt, ist die Antwort: Maharishi hat sich sehr viel vorgenommen für die ganze Erde, auf der viele Länder sehr arm sind, und er sagt, daß Meditierende stark genug sind, für ihr Center selbst zu sorgen“, heißt es in Frankfurt.



Ist Maharishis Bewegung "Kirche“ oder was sonst?

Die deutsche Zentrale wehrt sich gegen den Vorwurf der Geldschneiderei ("Maharishis Gewissen hat sich in Geld verwandelt“) so: man möge die Kursgebühren mal mit denen aus der Industrie oder dem Tourismus vergleichen. Tatsächlich, für Managementkurse werden durchaus Beträge in dieser Höhe bezahlt (und mehr!); nicht umsonst gilt das Schulungsgeschäft als besonders lukrativ.
Über die Gesamteinnahmen der Organisation ist nichts zu erfahren. Auf meine Frage stoße ich in Seelisberg auf taube Ohren. Vielleicht weiß Maharishis Pressemann aber tatsächlich nicht, was verdient wird. Zu erfahren ist lediglich, daß die Meru (also jene "Universität“ des Maharishi) allein in der Schweiz 1977 rund 16 Millionen Franken umsetzte. Über die weltweiten Einnahmen gibt es lediglich Spekulationen; sie sollen zwischen 80 und 800 Millionen Mark pro Jahr liegen. Und das sagt gar nichts.

Der Mann, der Millionen zu bewegen weiß, Maharishi Mahesh Yogi, kommt aus Indien, ist vermutlich zwischen 60 und 70 Jahre alt und gründete zunächst in Indien seine Bewegung (um 1957), offenbar mit wenig Erfolg. Das große Meditationsgeschäft begann vielmehr 1959/1960, zunächst in den USA. Die ganz großen Erfolge kamen allerdings rund zehn Jahre später, als es allgemein "in“ wurde, zu meditieren. Der Erfolg scheint bis heute anzuhalten.

Der Maharishi bezeichnet seine Lehre als Wissenschaft und seine Organisation als "Movement“ (Bewegung), seine Gegner sehen in TM eine Religion. Darüber wird seit Jahren ein kurioser Streit geführt. Die Bewegung hat tatsächlich einige religiöse Züge, die Organisation mit ihrer Hierarchie erinnert an eine Kirche. Denn selbst wenn die TM-Leute ihre Lehre als Wissenschaft ansehen, ohne Glauben kann man ihr nicht anhängen, dazu ist die Botschaft zu spekulativ. Und Kirche? Da gibt es Anhänger (Meditierende), Priester (TM-Lehrer), Bischöfe (Gouverneure), Kardinäle (Minister der Weltregierung) und einen Papst, den "Großen Weisen“ selbst, der sich gerne als "seine Heiligkeit“ titulieren läßt.

Doch trotz solcher Ähnlichkeiten, mir kommt TM nicht wie eine Religion vor. Dubios erscheint mir die Art, wie das Produkt "Meditation“ vom Maharishi-Konzern vermarktet wird und wie die gläubigen Anhänger bei der Stange gehalten werden. Bei meinem Besuch in Seelisberg und später beim Studium der kiloschweren Prospekte hatte ich immer das Gefühl, so etwas schon einmal erlebt zu haben. Wo - das ist mir jetzt eingefallen: bei Bernie Cornfelds lOS. Bei Bernie am Genfer-See gab es auch diese Mischung aus innerweltlicher Heilsverheißung, modernem Management und Führer-Charisma. Auch bei Bernie wurde nie klar, ob er selbst von allen Versprechungen überzeugt war, ob er sich insgeheim eins grinste oder am Ende seiner eigenen Propaganda glaubte. Für Bernie opferten selbst intelligente Menschen gläubig ihr Geld. Für Maharishi opfern heute ebenfalls intelligente Jünger Geld, ja sogar Gedankenfreiheit. Die lOS ist pleite. Doch TM lebt. Und nicht einmal schlecht.

Norbert Jachertz
 



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