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Ein Bericht über den TM-Maharishi-Kult
Elmar Krumbholz:
Zerstörte Illusionen


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Dieser Bericht wurde digitalisiert (gescannt) und html-isiert von Ingo Heinemann. Bitte wenden Sie sich wegen etwaiger Unklarheiten an mich. Die Arbeit ist noch nicht ganz fertiggestellt. Insbesondere fehlen noch Korrekturen.
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Elmar Krumbholz
Zerstörte Illusionen

Erfahrungen mit der Transzendentalen Meditation des Maharishi Mahesh Yogi
1983 Interessengemeinschaft Jugendschutz e.V.
Verein zum Schutz seelisch gefährdeter junger Menschen, Bensheim

INHALT
1. Einleitung 5
2. Ist TM weltanschaulich neutral? 7
3. Die Lehre des Vedanta 9
4. Auswirkungen der Vedanta-Lehre in der TM-Bewegung . . .  10
5. Meine Kritik am Guru-Prinzip der TM-Bewegung 13
6. Kritik an Vedanta 19
7. Die Technik der Transzendentalen Meditation 24
8. Anmerkungen zur TM-Ethik 27
9. Über die "individuelle“ Auswahl der TM-Mantren 29
10. Maharishis Streß-Theorie
11. Das mechanisch-materialistische Menschenbild der TM-Bewegung 35
12. Faschistoide Tendenzen 38
13. Gründe für die rasche Ausbreitung von Maharishis Lehre 42
14. Zur Bewertung von Meditationserfahrungen 47
15. TM-Lügen 50
16. Meine Einführung in TM bis zur Ausbildung als Initiator .  56
17. Der Kössenkurs 57
18. Die Initiatorenausbildung auf Mallorca 59
19. Wie es einigen TM-Lehrern ergangen ist 63
20. Meine Tätigkeit als Initiator und Weltplancenterleiter .  65
21. Der ATR-Kurs in La Antilla 67
22. Der SCI-Kurs in Semmering 70
23. Große Pläne 74
24. Der Gouverneurskurs in Biarritz 78
25. Mein Aufenthalt in Maharishis Schweizer Residenz . . .  84
26. Mein Abgang von der MERU 94
27. Anmerkungen zur Siddhi-Meditation 97
28. Der endgültige Bruch mit Maharishi 102
29. Rückblick 105
Dokumentation 111
Die Initiationszeremonie
Das Mantra
Checking



1. Einleitung

Seit rund 20 Jahren verbreitet der Inder Maharishi Mahesh Yogi die Transzendentale Meditation (TM) im Westen. Es gelang ihm, ein weltweites Netz von Meditationszentren aufzubauen und TM in allen westlichen Ländern bekannt zu machen. In Deutschland gibt es kaum noch eine größere Stadt, wo nicht regelmäßig Einführungsvorträge in die TM stattfinden. Es wurden sogar an einigen Universitäten Vorlesungen in der sog. "Wissenschaft der Schöpferischen Intelligenz“ abgehalten, einer Art von TM-Ideologie.

Nach Maharishis Versprechungen, müßte TM das ideale Mittel sein, um alle Probleme in der ganzen Welt und auch im Leben jedes einzelnen Menschen zu lösen. So versprach er den Teilnehmern an einem seiner zahlreichen Kurse, die er zur Vertiefung in seine Lehre abhält: "Ihr seid hier auf diesem Kurs, um anschließend im Leben überhaupt keine Probleme mehr zu haben.“ Ein anderes Mal behauptet er: "Aufgrund unserer so weit fortgeschrittenen Techniken sind wir in der Lage, jedes Problem in jedem Land der Welt zu jeder Zeit voll und ganz in den Griff zu bekommen.“ Neuerdings will er die Meditierenden sogar unbesiegbar und unsterblich machen. So gründete er im Rahmen seiner "Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung“ u.a. auch ein "Ministerium für Gesundheit und Unsterblichkeit“ und verlieh "Glocken der Unbesiegbarkeit“. In der TM-Broschüre "Verwirklichung der Idealen Gesellschaft“ verspricht er: "Frieden und Harmonie für alle kommenden Generationen sind das Geschenk der Weltregierung.“

Dabei wird TM nicht nur als das seit Menschengedenken wirkungsvollste Mittel zur Lösung aller Probleme angepriesen, sondern mit TM ginge alles zudem ganz schnell und ohne Anstrengung, ganz automatisch. So lautet ein wichtiger TM-Grundsatz beispielsweise: "Tue weniger und erreiche mehr.“ Auch beansprucht Maharishi, seine Bewegung beinhalte die absolute Wahrheit. In seiner Schrift "Heilige Tradition“ teilt er mit, alle Religionen und Sekten seien gleichsam nur die Zweige am Baume der Wahrheit. Die TM-Tradition dagegen sei der Stamm des Wahrheitsbaums. Er bezeichnet sich selbst und seine "Gouverneure“ als die Begründer des "Zeitalters der Erleuchtung“. Andere Wege geistiger Entwicklung und Religionen vergleicht er mit Lastwagen auf holperiger Landstraße, während TM der Jet zur Erleuchtung und Selbstverwirklichung und zu Gott sei.



Elmar Krumbholz: Zerstörte Illusionen, 1983  Seite 6

In den letzten Jahren geriet Maharishi jedoch zunehmend ins Zwielicht, sogar in Verruf. Ein wesentlicher Grund dafür sind seine Meditationskurse, auf denen man für tausende von Mark angeblich zusätzlich zur Gott- und Selbstverwirklichung auch noch übernatürliche Kräfte erlangt, wie z.B. das Fliegen aus reiner Geisteskraft heraus (Levitation) Es wird behauptet, er maße sich eine gottähnliche Position an, mache unter Ausnutzung religiöser Ideale seine Schüler völlig von sich abhängig und untergrabe ihr ethisches Bewußtsein. Sie würden auch zunehmend weltfremd und seien immer weniger in der Lage, den normalen Anforderungen des Lebens nachzukommen. Selbst von gesundheitlichen Schäden durch TM wurde berichtet

Ich selbst war einmal voll und ganz von Maharishi und seinen Lehren überzeugt, praktizierte TM 15 Jahre lang und war in seiner Organisation Initiator (TM-Lehrer) , Gouverneur, Weltplancenterleiter und schließlich sogar Professor an der von ihm gegründeten Maharishi European Research University (Meru) in Weggis/Schweiz. Meine Erfahrungen mit TM und der TM-Bewegung entsprachen jedoch nicht den Versprechungen Maharishis, so daß ich mich schließlich wieder von ihm abwandte. Ähnlich erging es im Laufe der Zeit noch vielen anderen Meditanten. Ich halte es für sinnvoll, wenn sich zu diesem in der Öffentlichkeit so lebhaft diskutierten Thema TM auch jemand zu Worte meldet, der diese Verhältnisse aus eigener Anschauung kennt. Vielleicht kann mein Beitrag auch bei der Auseinandersetzung mit anderen ähnlichen Gruppen nützlich sein.

Für eine echte geistig fundierte Auseinandersetzung mit diesem Thema und namentlich auch für das Gespräch mit den Meditanten ist es unumgänglich, ihre Weltanschauung zu verstehen. Deshalb beginne ich mit einem "theoretischen“ Teil. Danach werde ich eingehend meine konkreten Erfahrungen mit der Meditation und der TM-Organisation darstellen. Vor allem der Schilderung des Alltags in Maharishis unmittelbarer Umgebung in seinem Hauptsitz Seelisberg möchte ich breiten Raum widmen. Wenn TM wirklich die behaupteten positiven Auswirkungen hat, so müßte sich das in Seelisberg unter all den TM-Lehrern, Gouverneuren und den sog. "Siddhas“ am deutlichsten zeigen. Haben jedoch die Kritiker recht, so müßte es in Maharishis Umgebung alles andere als ideal zugehen. Wir werden deutlich sehen, wie die Wirklichkeit dort ist. Doch zunächst zum weltanschaulichen Hintergrund der TM.



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2. Ist TM weltanschaulich neutral?

TM wird in der Öffentlichkeit mit der Behauptung verbreitet, es handle sich hier um eine weltanschaulich und religiös ungebundene Meditationstechnik. Sie sei rein wissenschaftlich orientiert und deshalb objektiv. Maharishi verdankt seinen recht großen Erfolg u.a. dieser Aussage.

In Wirklichkeit weiß jeder TM-Lehrer, der in seinen Informationsvorträgen dem ahnungslosen Publikum diese Behauptung vorsetzt, daß sie falsch ist. Denn in dem Sanskrit-Text der vor jeder TM-Einführung abgehaltenen traditionellen indischen Puja-Zeremonie wird den Meistern und Gottheiten der Hindu-Tradition gehuldigt. Sie werden zur Teilnahme an der Initiation (Einweihung in die Meditation) eingeladen. Das vom Einzuführenden mitzubringende Obst wird ihnen symbolisch zum Essen angeboten. So wird u.a. von Gott Narayana, vom 10-tus-geborenen Schöpfergott Brahms, von Shiva und von dem großen Vertreter der indischen Vedanta-Lehre, Shankara, gesprochen. Doch das wird dem TM-Aspiranten weder vor noch nach seiner Einweihung gesagt. Es heißt stattdessen nur ausweichend, man drücke durch die Puja den Lehrern des großen, hinter der TM stehenden Wissens seine Dankbarkeit aus. Da die wenigsten Zeitgenossen Sanskrit verstehen, können sie natürlich auch während dieser Text bei der Initiation gesungen wird seine tatsächliche wesentlich umfassendere Bedeutung nicht erkennen. Sie sind ahnungslose Teilnehmer einer Anbetungszeremonie.

Und das Mantra, die dem Aspiranten am Ende der Puja genannte Meditationssilbe, ist in der Regel ein Göttername. So ist das TM-Mantra SHYAMA z.B. ein in Indien geläufiger Name für die sehr hohe Hindu-Gottheit Krishna. In der Tantra-Literatur wird das TM-Mantra AIM als Name genannt, unter dem die indische Weisheitsgöttin Sarasvati angerufen werden soll: "AI bedeutet Sarasvati. Bindu (Anm. d. Verf.: das M) bedeutet Vertreiber von Sorge. Damit soll Vani oder Sarasvati angebetet werden.“ (Nach Sir John Woodroffe, "The Garland of Letters, S. 263). Ähnlich werden in diesem Buch, das sich gar nicht auf TM bezieht, auch einige andere bei TM verwendete Mantren beschrieben. Vollends deutlich wird der wahre Gehalt der TM-Mantren, wenn man weiß, daß das in vielen von ihnen enthaltene Sanskrit-Wort NAMAH die Bedeutung hat: "Ich verneige mich vor ... (Name der Gottheit)“.



Elmar Krumbholz: Zerstörte Illusionen, 1983  Seite 8

Doch die Bedeutung der TM-Mantren kennen nicht einmal die Initiatoren selbst, obschon sie diese bei jeder Einweihung vergeben. Sie ist streng geheim. Maharishi erklärt, die TM-Mantren hätten gar keine Bedeutung, sie seien bloße Schwingungsimpulse, die auf rein physikalischer Grundlage wohltuend auf das Nervensystem einwirkten. Wer TM ausübt, ruft tatsächlich, ohne es zu wissen, Hindu-Götter an. Wer hier im Westen ließe sich wohl in TM einweihen, wenn er das im voraus wüßte! Vermutlich die wenigsten!

So bringt Maharishi seine Lehre wie ein Trojanisches Pferd in den Westen. Er hängt ihr einen pseudowissenschaftlichen Deckmantel um, so daß der Laie nicht auf den ersten Blick erkennen kann, daß es sich hier um eine besondere Spielart des Hinduismus handelt. Hier zeigt sich bereits eine für ihn und seine Anhänger charakteristische Eigenart: Sie huldigen dem wenig ethischen Grundsatz "der Zweck heiligt die Mittel“. Sie verbreiten TM mit unlauteren Mitteln und schrecken dabei auch vor offensichtlicher Unwahrhaftigkeit nicht zurück. Wohlgemerkt, ich kritisiere an dieser Stelle überhaupt nicht, daß hier hinduistische Lehren, insbesondere die des Vedanta, verbreitet werden. Jeder Mensch hat die Freiheit und das Recht auf eine ihm gemäße Religion und Weltanschauung. Doch hier wird dem Meditanten der wahre Hintergrund dessen, worauf er sich mit TM einläßt, verschwiegen. Er wird mit der angeblichen Wissenschaftlichkeit der TM getäuscht. Wer sich in TM einführen läßt, wächst dann ganz allmählich auch in Maharishis Weltanschauung hinein. Er identifiziert sich schließlich mit ihr, da sie in allen fortführenden Meditationskursen sowie in Maharishis Büchern verbreitet wird. Insbesondere sei hier auf seine "Wissenschaft vom Sein und die Kunst des Lebens“ und auf seinen Kommentar zur Bhagavad Gita verwiesen. (Diese Schriften werden in den TM-Centern verkauft.)

0er Eintritt in die TM ist wie das Besteigen eines Bootes. Ich meine, jemand der ein Boot besteigt und sich ihm anvertraut, hat das Recht zu wissen, wohin die Fahrt geht und ob die Richtung seinen Intentionen überhaupt entspricht. Aus diesem Grund, werde ich zunächst über die Weltanschauung der TM berichten.



Elmar Krumbholz: Zerstörte Illusionen, 1983  Seite 9

3. Die Lehre des Vedanta

Guru Dev, Maharishis Lehrer und Meister, war Shankaracharya (Vorsteher) von Jotir Math. Dieses Kloster war von dem großen indischen Vedantisten Shankara als Stützpunkt für seine Lehren aufgebaut worden. Maharishi selbst bekennt sich auch den Initiatoren gegenüber häufig zur Vedanta-Lehre und verbreitet sie unter seinen Anhängern. Deshalb möchte ich versuchen, diese Lehre in geraffter Form darzustellen. Wenn Maharishi auch manche Hindu-Lehren in seiner TM-Bewegung etwas entstellt hat, so kann man doch vieles in der TM auf diesem Hintergrund besser einordnen und verstehen.

Der Kernpunkt der Vedanta-Lehre des Hinduismus ist die All-Einheitslehre (Advaita). Die vielgestaltige und in stetem Wandel begriffene Schöpfung wird hier aufgefaßt wie die wellenbewegte Oberfläche des Meeres mit ihren vielen Formen und Gestalten. Dennoch gibt es im Meer nur eine einzige Realität, nur eine einzige Substanz, nämlich das Wasser. In Analogie zu diesem Bild werden die vielgestaltigen Erscheinungen der Wirklichkeit als "Relativität“, d.h. als unterschiedliche Erscheinungsformen eines einheitlichen allem zugrunde liegenden Seins aufgefaßt, das von Maharishi " Sein“ oder "Absolutes“ genannt wird. Dieses allem zugrunde liegende Sein wird im Gegensatz zur materialistischen Weltanschauung nicht als bewußtlose Energie oder bewußtlose Materie gesehen. Es ist reines, unendliches, jenseits der Begriffe von Zeit und Raum stehendes Bewußtsein, jenseits aller Dualität, frei von der Trennung zwischen Subjekt und Objekt. Transzendenz ist die Verschmelzung des individuellen Bewußtseins mit diesem Sein, das Zurückkehren der Welle zum Meer.

Die Seins-Erfahrung ist ein Zustand der Glückseligkeit. Das ist es, was TM eigentlich verspricht: ein Leben in Glückseligkeit durch Verwirklichung des Seins-Zustandes im Bewußtsein. Da das Sein das wahre Selbst des Menschen ist, wird auch von Selbstverwirklichung gesprochen. Charakteristisch für die hinduistische Form der All-Einheitslehre ist ihre strikte Verknüpfung mit der Maya-Lehre.

Maya bedeutet Illusion. Der Hinduismus betrachtet die gesamte vielgestaltige Schöpfung einschließlich der Materie in Raum und Zeit und unsere individuelle Existenz darin als eine Art von unwirklichem Traum. In diesem Traum befangen zu sein, führt zur Trennung vom glückseligen und im Sein gegründeten Einheitsbewußtsein. Daraus erwächst alles Leid des



Elmar Krumbholz: Zerstörte Illusionen, 1983  Seite 10

Lebens. Aus dieser negativen Weltbetrachtung folgt die Tendenz zur Weltflucht, zum Asketismus und Mönchstum. Da die Welt mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen letztlich nur eine leidvolle Täuschung ist, zieht man sich aus ihr und der ebenfalls zum Bereich der Maya gehörenden menschlichen Gesellschaft zurück. Es gilt, die Bindung an die Schöpfung und auch die eigene individuelle Existenz zu überwinden. Nicht die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit, sondern ihre Auslöschung, das Zurückkehren der Welle zum Meer, wird als Ziel der menschlichen Entwicklung gesehen. Der erleuchtete Meister, der diesen Zustand verwirklicht hat, ist zum Repräsentanten der letzten und höchsten Wirklichkeit geworden. Anders ausgedrückt ist er eins mit Gott geworden. Deshalb hat der Guru im Hinduismus schrankenlose Autorität. Der Schüler ordnet sich ihm bedingungslos unter.

4. Auswirkungen der Vedanta-Lehre in der TM-Bewegung

Wer der hinduistischen Vedanta-Lehre nahe steht, muß auf die Dauer zwangsläufig das Interesse am Leben und Handeln in der Welt und an der eigenen Individualität verlieren, weil die individuelle Existenz in der Schöpfung als leidvoll und illusorisch gilt. Dazu ein Zitat aus Maharishis Kommentar zur Bhagavad Gita, einer der populärsten heiligen Schriften Indiens (Kap. 2, Vers 44): "In Vers 43 hat der Herr den Geist beschrieben, der in der Herrschaft des Handelns befangen ist. Gefesselt durch die blumenreiche Sprache, die das Lob des Handelns kündet, wird dieser Geist in vielfältige lebhafte Tätigkeit verstrickt. Solch immer aktiver Geist bleibt natürlich außerhalb des Bereichs des entschlossenen Intellektes. Weltliche Freuden und die Auffassung, Fortschritt sei durch Anstrengung und Handeln zu erreichen, halten den Geist in äußeren Tätigkeiten beschäftigt. Es ist für einen solchen Geist sehr schwierig, sich von selbst dem entschlossenen Zustand zu nähern. Tätigsein beschäftigt den Geist vielfältig, und das ist dem Vorgang des Sichsammelns, der zum entschlossenen Zustand des Geistes führt, genau entgegengesetzt.“

Zwar gibt es andererseits Maharishis Ausspruch, das absolute Sein müsse durch Handeln stabilisiert werden, aber er begreift das Handeln nicht als Wert an sich auf dem Wege der Entwicklung und Erkenntnis. Entwicklung ist nach Maharishi eigentlich nur das Einfließenlassen des Absoluten Seins



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durch TM, und das Handeln soll lediglich das so durch Meditation eingeflossene Sein stabilisieren. Was für eine Tätigkeit man zu dem Zweck ausübt, ist unwesentlich. Einem solchen Handeln liegt nicht das Interesse an der Welt zugrunde, sondern lediglich der Wunsch, sich möglichst dauerhaft von aller Bindung an die Welt zu befreien.

Statt die Selbstverwirklichung auch durch das Handeln in der Welt und durch die mannigfaltigen Erfahrungen in ihr zu suchen, gilt es nach Maharishi, sich vom Handeln (im folgenden Zitat aus seiner "Wissenschaft vom Sein ..." Karma genannt) zu befreien und von der Welt keine tiefen Eindrücke mehr zu empfangen: "Sein ist absolute Existenz, während Karma das Instrument ist, durch das der Kreislauf der Entstehung, Entwicklung und Auflösung ständig in Bewegung gehalten wird... Kein Karma kann je den Zustand des Seins erlangen. Im Prozeß des Karma muß sich die ganze Schöpfung ständig durch den ewigen Kreislauf von Geburt und Tod, von Entstehung, Entwicklung und Auflösung bewegen. Da Karma dem Zustand des Seins entgegengesetzt ist, wird jeder Prozeß, der Karma beendet, in den Zustand des Seins münden... Das Leben des Einzelnen jedoch, das sich im Rad des Karma bewegt, bleibt ständig im Bereich der relativen Existenz und entbehrt deshalb den Glanz des Seins... Wenn es eine Möglichkeit gäbe, dem Griff des Karma zu entrinnen, so wäre das ein Weg, den Zustand des ewigen Seins zu erlangen“ (S.51).

Es ist nur konsequent, daß entsprechend dieser Geisteshaltung viele Schüler Maharishis, vor allem Initiatoren, ihre Ausbildung in Schule und Studium oder ihren Beruf abbrechen, um sich stattdessen einem rein geistigen Leben zu widmen, in dem sie ungebunden von anderen Verpflichtungen sich voll Maharishi und der Meditation hingeben können. Sei es, daß sie als "Fulltimer“ (hauptberuflich) ein TM-Center leiten, sei es, daß sie auf Reisen gehen, um TM zu verbreiten, monatelange Meditationskurse mitmachen oder, was besonders begehrt ist, direkt in den TM-Zentralen in Seelisberg oder Schledehausen für ihren Meister arbeiten. In einem solchen Leben können und wollen sie jeden Tag stundenlang meditieren, was ja in einem normalen Berufs- und Familienleben nicht möglich wäre. Für die neuerdings angebotenen Dreijahreskurse werden sogar nur solche Männer und Frauen als Teilnehmer angenommen, die frei von jeder Bindung an Familie und Beruf sind und Maharishi anschließend voll und ganz zur Verfügung stehen.



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Besonders Konsequente führen aus diesen Gründen ein Mönchsleben. Sie glauben, man könne als Mönch die höchsten Bewußtseinsebenen viel rascher verwirklichen als in einem "Hausvaterleben“. So nennt TM das Leben in einer Familie. Es gibt etliche Äußerungen Maharishis, die diese Ansicht unterstützen. So sagte er in einem Vortrag, dessen Tonbandaufzeichnung auf einem von mir in Frankreich besuchten Fortgeschrittenenkurs abgespielt wurde: "Wer schwach ist, geht gemeinsam mit einem Partner durchs Leben. Wer stark ist, geht allein durchs Leben.“ In der jedem TM-Lehrer ausgehändigten "Heiligen Tradition“ berichtet er ausführlich, wie Shankara einen Hausvater dazu überredete, seine Familie zu verlassen, um Mönch zu werden. Erst danach habe dieser ehemalige Hausvater das Einheitsbewußtsein realisiert. In Reinweiler installierte er sogar eine große Druckerei, die zugleich eine Art Kloster ist. Kein Hausvater darf sie betreten, geschweige denn eine Frau.

Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang auch der in der TM-Bewegung sehr verehrte und als Vorbild hingestellte Meister Maharishis, Guru Dev, der Frauen grundsätzlich den Zutritt zu seinem Ashram (Klosteransiedlung) verbot. In seiner Biografie werden seine Empfindungen beschrieben, als seine Eltern ihn verheiraten wollten: "Heirat und das damit verbundene weltliche Leben bedrängten ihn. Es war eine große Krise für jemanden, der so jung an Jahren, aber im Intellekt weit entwickelt war. Auf der Stelle mußte er zwischen einem Leben voll sinnlicher Genüsse, Bequemlichkeit, Luxus, Befriedigung normaler menschlicher Wünsche und einem Leben der Askese, Verneinung, Entsagung, gegründet in der Beständigkeit der Wahrheit wählen, das Frieden, Gleichmut und Erlösung von Begierden verspricht. Der Weg war gewählt, die Entscheidung gefällt. Der junge Asket in Kashi, der allen weltlichen Begierden entsagte, ging am nächsten Tag hinaus auf eine einsame Reise“ (Verlag Luise Koch, Braunschweig, "Shri Guru Deva - eine kleine Biographie in Anekdoten“, S.15).

An anderer Stelle desselben Buches steigert sich die Favorisierung des Mönchsweges bis hin zur Mißachtung der Frau: "Ich verbrachte neun Monate in innigem Kontakt mit Euch Frauen. Wie schäbig wurde ich behandelt! Ich hing kopfüber in einsamer Haft in einer dunklen, feuchten, trüben Zelle - ich werde die Zeit nie vergessen. Das ist der Grund, warum ich den Wunsch nach Eurer Gesellschaft verloren habe.“ Offensichtlich bezieht sich Guru Dev dabei auf die Zeit der



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Schwangerschaft. In ähnlichem Sinne verkündete Maharishi laut Aussagen eines Seelisberger TM-Mönchs: "Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Der Mann ist die Krone der Menschheit. Der Mönch ist die Krone aller Männer.“

In Seelisberg ereignete es sich, daß eine Initiatorin, die sehr viel für die TM-Bewegung getan hatte, von einem Initiator schwanger wurde. Die beiden wagten es nicht, allein über die Möglichkeit einer Heirat zu entscheiden, sondern überließen diese so wesentliche persönliche Entscheidung ihrem Guru. Maharishi sagte daraufhin zu dem Mann: "Du hast ein wundervolles geistiges Potential, das Du als Mönch in meiner Umgebung voll verwirklichen solltest." Der Frau dagegen, die ihm seit langer Zeit voller Ergebung diente, befahl er: "Geh weg von Seelisberg und verdiene in Deutschland Geld für Dein Kind.“ Außerdem verbot er ihr, jemals wieder ein TM-Center zu betreten. Ein Mitglied der Seelisberger Mönchsgruppe äußerte mir gegenüber seine volle Zustimmung zu Maharishis Verhalten in dieser Angelegenheit: "Das kommt davon!“ Da es sich bei den beiden um prominente TM-Repräsentanten handelte, erregte dieser Vorfall unter den Meditanten großes Aufsehen. Aufgrund der Bitten anderer gab Maharishi nach einiger Zeit schließlich doch noch seine Zustimmung zur Eheschließung, so daß die beiden heiraten konnten.

Diese Episode macht auch deutlich, wie in der TM-Bewegung das Dogma oft einen höheren Rang einnimmt als die konkrete Menschlichkeit. Die Qualitäten des Herzens und der gesunde Menschenverstand verlieren demgegenüber an Bedeutung. Die völlige Unterordnung unter den Guru, wie sie hier zum Ausdruck kommt, ist typisch für den Hinduismus. Darauf möchte ich im folgenden noch detaillierter eingehen.

5. Meine Kritik am Guru-Prinzip der TM-Bewegung

Maharishi selbst sagt über die Schüler-Meister-Beziehung: "Im Zustand der Unterwerfung legen Herz und Geist ihre eigene Art zu fühlen und zu denken ab; sie werden frei von allem, was ihre Fähigkeiten verdeckt und werden voll aufnahmefähig für den Erleuchteten, der die Verkörperung der Erkenntnis ist. Unterwerfung ist ein Mittel, durch das der Wahrheitssucher ganz von selbst seine begrenzte Individualität und alle Widerstände verliert, die ihn davon abhalten, sich dem kosmischen Sein zu öffnen. Der Wahrheitsuchende muß sich dem Erleuchteten unterwerfen und nicht nur eine Haltung



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der Unterwerfung unter das kosmische Sein haben... 'Dienen‘ bedeutet Handeln in Übereinstimmung mit den Wünschen des Meisters. Dienstbereitschaft hat wenig zu tun mit dem Wesen der Arbeit selbst, sie kümmert sich in erster Linie um die Erfüllung der Wünsche des Meisters. Ist dieser zufrieden, ist die Dienstleistung erfolgreich... Wenn der Meister mitten in der Arbeit verlangt, daß sie aufgegeben wird, so wird der Erfolg der Dienstleistung Gehorsam verlangen... Paßt sich der unwissende Geist des Wahrheitssuchers dem an, was der erleuchtete kosmische Geist des Meisters entweder schätzt oder nicht wünscht, dann erreicht er allmählich den gleichen Zustand“ (Kommentar zur Bhagavad Gita, Kap. 2, Vers 7).

Deutlich kommt dieser Geist der bedingungslosen Unterordnung unter den Guru bis hin zur völligen Aufgabe der eigenen Individualität in der bereits erwähnten Biografie Guru Devs zum Ausdruck: "Der Schüler löschte seine persönlichen Wünsche vollständig aus und vertraute sich gänzlich dem Meister an. Er konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die geäußerten und ungeäußerten Bedürfnisse des Meisters und war immer wach, seine Aufgabe zu erfüllen, ihm zu dienen. Seine Gedenken sind nicht seine eigenen: sie sind die Reflexionen der Gedanken des Guru. Seine Empfindungen sind die Empfindungen des Guru. Seine ganze Persönlichkeit ist nichts weiter als eine Kopie der Persönlichkeit des Guru. Nachdem er sich auf diese Weise vollständig dem Guru zu Füßen gelegt hat, wird der Shishya (Anm. d. Autors: der Schüler) ein würdiger Anwärter auf das umfassende Wissen des Guru, auf die vollständige Erfahrung, auf die Glückseligkeit seines Seins."

Auf einem Initiatoren-Ausbildungskurs in Mallorca sagte uns Maharishi: "Der beste Entwicklungsweg ist der des Mönchs, der sein Ich völlig aufgibt, um ganz im Selbst des Meisters aufzugehen. Das Denken des Schülers sollte nur noch entsprechend dem Denken des Meisters schwingen. Die Schüler sind dazu da, dem Meister die Steine aus dem Weg zu räumen.“

So gilt es unter vielen TM-Lehrern als Maxime, nur noch ein Lautsprecher oder ein Computer Maharishis zu sein, d.h. ohne selbständiges Denken in der Art eines Automaten nur noch den Anweisungen Maharishis zu folgen. Was die TM-Lehrer beim sog. Checking (Meditationsüberprüfung) und bei den Initiationen sagen, muß genau den von Maharishi vorformulierten und auswendig gelernten Texten entsprechen, bis aufs Wort genau. Auch in Kleidung und Haartracht soll ein Initiator nicht seinem eigenen individuellen Geschmack folgen, sondern



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sich auch hier nach Maharishi richten. Er soll auch keine Bücher anderer spiritueller Meister lesen, sondern sich aus Devotion Maharishi gegenüber auf dessen Bücher bzw. Lehren beschränken. Ein Freund von mir wurde u.a. deswegen nicht zur Initiatorenausbildung zugelassen, weil er das Buch eines anderen indischen Gurus gelesen hatte. Wir befanden uns in einem geistigen Getto.

Auf diese Weise geht bei etlichen Mitgliedern der TM-Bewegung Persönlichkeit und individuelles Profil verloren. Daß in der TM-Bewegung kein Wert auf die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit gelegt wird, ja diese sogar gebremst wird, entspricht der allgemeinen Geringschätzung des Vedanta dem manifestierten individuellen Leben gegenüber, das ja als Maya bzw. Täuschung betrachtet wird. Tatsächlich fallen vielen Besuchern Seelisbergs die ausdruckslos-einförmigen Gestalten und Gesichter der dort schon lange ansässigen Meditanten auf, als ob diese nur noch Marionetten wären. Maharishi begründete die seiner Meinung nach erforderliche Gleichschaltung seiner Schüler mit dem folgenden bildhaften Vergleich: "Wenn tausend Soldaten durcheinanderlaufen, ist der Effekt gleich Null. Wenn sie aber im Gleichschritt marschieren, erzittert die ganze Erde.“ Er wünscht in der Tat bei seinen engsten Schülern kein eigenständiges Denken. Wer beispielsweise in Schledehausen oder Seelisberg durch Kritik an den oftmals wahrhaftig kritikwürdigen Gegebenheiten in der TM-Bewegung auffällt, hat gute Chancen, der nächsten Säuberungsaktion zum Opfer zu fallen und dort seine Zelte abbrechen zu müssen. Die geforderte Unterordnung und Gleichschaltung wird von Maharishi auch mit dem aus der Wissenschaft entlehnten Ausdruck "Kohärenz“ bezeichnet (kohärente, d.h. im Gleichtakt funktionierende Gehirnzellen!).

Wie weit bei manch einem Schüler Maharishis bereits das eigenständige Denken ausgeschaltet ist, zeigte sich mir auch in der Diskussion mit einem Siddha über die enorm hohen Preise der TM-Kurse. Als er kein vernünftiges Argument zur Rechtfertigung dieser Preispolitik mehr fand, wußte er nur noch folgendes zu sagen: "Dein Fehler liegt darin, daß du auf der Ebene des von der westlichen Wissenschaft geprägten logischen Denkens und des dadurch entwickelten gesunden Menschenverstandes argumentierst. Auf unserer immer noch niedrigen Bewußtseinsebene können wir die Beweggründe eines Erleuchteten gar nicht beurteilen und verstehen. Da Maharishi ein Erleuchteter ist, muß er ja zwangsläufig immer recht haben. Der Fehler kann also nur in unserem eigenen Denken liegen.



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Wir müssen vom gesunden Menschenverstand frei werden und lernen, ganz auf der Ebene des Meisters zu denken.“

Mitunter nimmt der Glaube an den Meister schon regelrecht absurde Züge an. Als Maharishi sich auf dem Mallorca-Kurs beim Singen der Puja verhaspelte, sagte anschließend ein Jurastudent zu mir: "Da Maharishi ein Erleuchteter ist, kann es gar nicht sein, daß er sich verhaspelt oder verspricht. Bestimmt liegt ein tieferer Sinn in dem, was er da tat. Wir sind wegen unserer niedrigen Wahrnehmungsebene nur nicht in der Lage, das zu verstehen.“ Als auf einem Gouverneurskurs die Mandeln ausgingen, glaubte eine Kursteilnehmerin, Maharishi, der gerade an einem ganz anderen Ort weilte, habe auf telepatischem Wege erkannt, daß es für die Entwicklung der Kursteilnehmer besser sei, jetzt keine Mandeln mehr zu essen. Er habe deshalb das Schicksal telepatisch so gelenkt, daß gerade in dem Moment die Mandeln ausgingen.

Die Autorität des Gurus ist so groß, daß sie praktisch die Autorität Gottes in den Schatten stellt. So erzählte Maharishi die Episode über einen Schüler, der nicht wußte, ob er sich im Zweifelsfall eher nach dem Meister oder nach Gott richten sollte. Ihm wurde geraten, sich lieber nach dem Meister zu richten! Maharishi bezeichnete es als wenig sinnvoll, vor der Erlangung des Gottesbewußtsein zu Gott zu beten, da man erst danach zu einem echten Kontakt mit Gott fähig sei. Vorher solle der Guru der eigentliche Bezugspunkt sein. Da seine Schüler noch weit vom Gottesbewußtsein entfernt sind, ist es demnach ganz klar, an wem sie sich orientieren sollen! Er stellte sich sogar über die Wahrheit, als er uns in Kössen/Tirol sagte: "Selbst die Lüge eines Erleuchteten bedeutet für die Unwissenden eine Erleuchtung.“ Dem entspricht die immer wieder anzutreffende Unwahrhaftigkeit der TM-Bewegung.

Sein Autoritätsanspruch ist so groß, daß sich ihm sogar die nichtmeditierende Bevölkerung am liebsten unterordnen soll. Er sagte in Mallorca: "Der Vorteil der diktatorisch regierten Ostblockländer für uns liegt darin, daß wir dort nicht so mühsam wie im Westen jeden Menschen einzeln überzeugen müssen. Es genügt, die Regierung zu überzeugen. Die erläßt dann ein Gesetz, daß die ganze Bevölkerung in TM einzuführen ist.“

Ähnlich klingt, was Jerry Jarvis, ein leitender amerikanischer TM-Repräsentant, äußerte: "... genauso wie es jedermann verboten ist, seinen Mist auf die Straße hinauszuwerfen, weil er damit die anderen Menschen belästigt, ebenso



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sollte es verboten sein, daß die Menschen ihre Spannungen an der Gesellschaft auslassen. Deshalb sollte es ein Gesetz geben, nach dem jedermann TM zu praktizieren hat.“ Maharishi selbst führte zum gleichen Thema aus: "Es ist nur ein Gesetz nötig, das alle Regierungen erlassen müssen, und dann wird jedermann von sich aus gesetzestreu sein. Dieses Gesetz würde die Kenntnis der "Wissenschaft der kreativen Intelligenz“ und die zweimal täglich zu praktizierende Transzendentale Meditation vorschreiben. Mit diesem Gesetz würde der Zweck aller Gesetze voll erfüllt sein“ (Beides zitiert nach Spiritual Counterfeits Project, inc. 1976, "Who is this man and what does he want?“)

Der Massenmord, den der als Messias verehrte Sektenführer Jones in Guyana an seinen Anhängern verübte, trug wesentlich dazu bei, die breite Öffentlichkeit auf das Guru-Problem aufmerksam zu machen. Jones hatte den absoluten Glauben seiner Anhänger schändlich mißbraucht. Kritikloser Gehorsam lädt zum Mißbrauch ein. Auch in Indien, dem Heimatland vieler Gurus, ist das bekannt, und es gibt sogar etliche Gurus, die ihre Schüler vor solchen Gefahren warnen: "Einige von diesen Betrügern geben sich sogar als Avatare (Verkörperungen Gottes) oder als Mutter des Universums (Schöpferin) oder ähnliches aus... Das ist Blasphemie, die unwissende Leute für eine Weile erfolgreich täuschen kann“ (Swami Narayananda, "A practical guide to Samadhi“, S.84).
"Die Erfahrungen der Yogis sind höchst komplex, und deshalb üben ihre Beschreibungen eine unwiderstehliche Faszination aus. Aber tatsächlich sind sie sich nicht einmal der Herrschaft bewußt, die die Unwissenheit über sie hat... Einige von ihnen sind sogar noch ehrgeiziger. Sie hoffen, sie können nach Erlangung dieser Kräfte (Anm. d. Autors: gemeint sind die übernatürlichen Siddhi-Kräfte, die auch in der TM-Bewegung sehr populär sind) , was sie fälschlicherweise als Hingabe (Anm. d. Autors: an Gott) bezeichnen, Kontrolle über die Welt erlangen und sie dann über alle Erkenntnis hinaus verändern, um einen greifbaren Himmel auf Erden zu errichten. Die Heiligen sind frei von solchen Ambitionen“ (T.N. Venkataraman, "Maha Yoga“, S. 39). Sind nicht Maharishis Ambitionen recht ähnlich wie die hier vom Ramana Maharishi-Schüler Venkataraman erläuterten?

Sogar der ehemalige indische Staatspräsident Desai, selbst ein orthodoxer Hindu, warnte in einer Ansprache vom 7.6.77:
"Im Westen erwacht heutzutage stark das Interesse an Yoga und spirituellen Dingen. Es gibt viele Ashrams und Lehrer,



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die machtvollen Einfluß auf die Geister vieler Menschen haben. Aber die Motive hinter diesen Bewegungen sind nicht immer die besten... Sehr wichtig ist die Reinheit der Motive.“ Sich einem Guru total auszuliefern ist demnach ein großes Risiko. Wer weiß denn mit Sicherheit, ob der, den man als Guru verehrt, wirklich ein unfehlbarer, gottgesandter und völlig selbstverwirklichter Mensch ist! Muß nicht auch bedenklich stimmen, daß ein erstaunlich hoher Prozentsatz der bekannten Gurus auch noch für sich das Avatartum beansprucht (Avatar = unmittelbare Verkörperung Gottes)? Und ist es nicht erstaunlich, in wie vielen wesentlichen Punkten sich die Aussagen und Lehren der angeblich unfehlbaren Gurus widersprechen?

Der Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan lehrte, daß kein Mensch ganz vollkommen sein kann, auch nicht ein Meister. Nur Gott allein sei vollkommen. Er sagte auch: "Sobald ihr ans Tor Gottes, welches euer Herz ist, anklopfet, so kommt euch die Antwort von dort, und es ist eine Antwort, die viel richtiger ist als jede, die irgendein anderer Mensch zu geben vermag. Niemand kann von unserem eigenen Leben, unseren Angelegenheiten, Zielen und Beweggründen besser unterrichtet sein als wir selbst! Daher kann uns niemand besser raten als wir selbst es können. Die Menschen können dies Geheimnis nicht verstehen und sie werden nach und nach von den Ratschlägen anderer ganz abhängig... Indem sich die Menschen so aufeinander stützen, schließen sie sich von ihrem wahren Berater - von der inneren Führung (Anm. d. Autors: von der Stimme Gottes) - ab.“ Hier macht sich der Mensch nicht von einem für göttlich gehaltenen Meister abhängig, sondern er horcht auf die Stimme Gottes in seinem eigenen Herzen bzw. Gewissen.

Selbst in der Hindu-Tradition gibt es neben den vielen Stimmen, die bedingungslose Unterordnung unter den Guru fordern, heilige Schriften, die stattdessen eigenständiges vernünftiges Denken lehren: "Sogar das Shastra (Anm. d. Autors: Verhaltensregel) , das aus rein menschlicher Autorität hervorging, sollte akzeptiert werden, wenn es vernünftig ist. Alles andere (das unvernünftig ist) sollte selbst dann, wenn es das Wort eines Rishi ist, abgelehnt werden von jemandem, der der Vernunft folgt. Dagegen sollte das Wort eines kleinen Jungen angenommen werden, wenn es vernünftig ist. Alles Unvernünftige aber soll zurückgewiesen werden und als so wertlos wie eine Schneide aus Gras betrachtet werden, selbst dann, wenn es der Lotus-Geborene (Brahma) selbst geäußert hat‘ (Yoga-Vasistha 2, 18, 2 - 3, zitiert nach



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Sir John Woodroffe, "The Garland of Letters“, S. 288).

Der Sufi-Meister Pir Villayat Khan fordert in Zusammenhang mit seiner Kritik am indischen Guru-Prinzip, man solle stets seinem eigenen Gewissen folgen, auch dem Guru gegenüber. Seine Kritik am Guru-Prinzip betrifft nicht nur den "falschen“ Meister, der fälschlicherweise allwissend zu sein glaubt oder behauptet und seine an ihn glaubenden Schüler in die Irre führt. Sie betrifft sogar den wissenden Guru, der wirklich weiß, was für den Schüler objektiv gesehen gut wäre und der es ihm auch sagt. Denn, so Pir Villayat, wir müssen unsere eigenen Erfahrungen machen und dadurch selbst zur Einsicht dessen gelangen, was richtig ist. Notfalls ist es demnach auch besser, aus eigenen Fehlern zu lernen als in totaler Unterordnung dem objektiv gesehen richtigen Rat oder Befehl eines Gurus zu folgen. Der Guru würde in dem Falle den Schüler der Möglichkeit berauben, das Richtige selbst zu erkennen und dadurch innerlich zu wachsen. Eine ähnlich große Achtung vor der individuellen Freiheit hatte auch R. Steiner ("Philosophie der Freiheit“, Verlag Freies Geistesleben)

Ähnlich, wie mich meine im Endeffekt negativen TM-Erfahrungen zu einer kritischen Sicht des hinduistische Guru-Begriffs hinführten, gelangte ich dadurch auch zur Abkehr von Shankaras mit der Maya-Lehre verknüpften Auffassung von Vedanta.


6. Kritik an Vedanta

Als ich nach meinem TM-Austritt in einem Brief an einen mir befreundet gewesenen Meru-Professor Kritik an Maharishis Lehren übte, antwortete er mir: "Aber was willst Du denn, Maharishi lehrt doch nur reines Vedanta!“ Maharishis Anhängern hat sich die Vedanta-Lehre in einem solchen Maße als der "Weisheit letzter Schluß“ eingeprägt, daß sie ihnen sogar schon als Beweis für die Richtigkeit seiner Lehren gilt. Doch ist sie wirklich ein so unumstößliches Fundament allen Strebens nach Erkenntnis und Selbstverwirklichung? Gibt es nicht zu denken, daß beispielsweise der große Denker des neuzeitlichen Indien, Aurobindo, hierüber völlig anderer Meinung ist!

Von grundlegender Bedeutung ist Aurobindos Abkehr von der altindischen Maya-Lehre. Statt in der Schöpfung eine



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verhängnisvolle Illusion zu sehen, erkennt er sie als göttliche Manifestation an. Nicht die Loslösung von der Welt, sondern ihre Vergeistigung ist sein Ziel: "Vor allem aber, die Ansicht von der Welt, die wir uns gebildet haben, verbietet uns, der Existenz in der Welt zu entsagen, solange wir für Gott und Menschen bei der Ausgestaltung ihrer Absichten mit der Welt etwas bedeuten können. Wir sehen die Welt nicht als eine Erfindung des Teufels, als eine Selbstbetörung der Seele, sondern als eine Manifestation Gottes, wenngleich sie erst noch eine teilweise, weil progressive und in der Evolution begriffene Manifestation ist. Dem Leben zu entsagen kann darum für uns nicht das Ziel des Lebens sein, noch Verwerfung das Ziel, für das die Welt geschaffen war“ (S. 30).

Aurobindos positive Weltsicht, die nicht Weltflucht sondern eine Hinwendung zur Welt im Sinne hat, resultiert auch aus der recht verstandenen Einheitslehre. Denn wenn die Schöpfung eine Manifestation des göttlichen Seins ist, so muß sie auch dessen Qualitäten widerspiegeln: "Der wahre Monismus, der wahre Advaita ist der, der alle Dinge als das eine Brahma erkennt und nicht versucht, eine Existenz in zwei Wesenheiten zu zerspalten, die nicht miteinander bestehen können, in eine ewige Wahrheit und eine ewige Lüge, in Brahma und Nicht-Brahma, in Selbst und Nicht-Selbst, in reales und nicht-reales Selbst, das obgleich nicht real, doch fortgesetzte Täuschung ist. Wenn es wahr ist, daß das Selbst allein existiert, dann muß es ebenso wahr sein, daß alles Existierende das Selbst ist" (S. 28).

Entsprechend seiner positiven Einstellung zur Schöpfung bekennt sich Aurobindo natürlich auch zur Individualität und Freiheit des Menschen und zum individuellen Gewissen: "Es (das Individuum) ist nicht nur ein Glied einer menschlichen Warenladung, eines Bienenstocks oder Ameisenhügels, es ist etwas in sich selbst, eine Seele, ein Wesen, das sein eigenes individuelles Gesetz ebenso zu erfüllen hat wie seinen natürlichen oder ihm zugeordneten Anteil an der Wahrheit und dem Gesetz der kollektiven Existenz. Es verlangt Freiheit, Raum und Initiative für seine Seele, für seine Natur, für jenes mächtige und gewaltige Etwas,.., einen individuellen Willen und ein individuelles Gewissen fordert es" (S. 32). "Die Freiheit aber, die der kämpfende menschliche Geist für das Individuum fordert, ist keine rein egoistische Herausforderung und Revolte, wie egoistisch oder einseitig übertrieben und falsch angewandt sie manchmal auch vorstoßen mag, diese Freiheit ist der göttliche Instinkt im Menschen,



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das Gesetz seines Selbst, sein Anspruch auf Raum und damit auf die grundlegende Bedingung für seine natürliche Selbstentfaltung... Keine Lebensordnung, keine soziale Klasse, kein soziales Ideal, keine Nation, keine Zivilisation, kein Bekenntnis, keine ethische, soziale oder religiöse heilige Schrift kann das Recht haben, ihm für alle Zeit zu erklären: auf diese meine Weise und so weit sollst du handeln und wachsen, und auf keine andere Weise soll dir zu wachsen erlaubt sein“ (S. 35).

Aurobindo charakterisiert das orthodox-hinduistische Denken folgendermaßen: "Es konzipiert eine impersonale Existenz als die ursprüngliche und ewige Wahrheit. Personalität ist nur eine Illusion oder höchstens ein Vorstellungsgebilde des menschlichen Geistes. Jedoch, der Weg der Frömmigkeit und Hingabe wird unmöglich, wenn das Personsein Gottes nicht als eine Realität verstanden werden kann, als eine reale Realität und nicht als illusionäre Hypostase. Es gibt keine Liebe ohne einen Liebenden und ohne einen anderen, der geliebt wird. Wenn unser Person-Sein eine Illusion ist und das Person-Sein, zu dem unsere Anbetung aufsteigt, nur ein anfänglicher illusionärer Aspekt ist, und wenn wir das wirklich glauben, dann sind Liebe und Anbetung notwendig gemordet...“ (S. 36). Möglicherweise liefert hier Aurobindo einen Schlüssel für das Verständnis des auffallenden Mangels an seelischer Wärme, Brüderlichkeit und Liebe in der TM-Bewegung. Denn wo das Person-Sein nicht geschätzt wird, weder beim Menschen noch bei Gott, da findet nach Aurobindo die Liebe keinen guten Nährboden. In gewisser Weise entspricht die TM-Weltanschauung einem seelenlosen Materialismus, nur daß der Ausdruck "Materie“ durch "Absolutes Sein“ ersetzt wird. In beiden Fällen hat die Persönlichkeit des Menschen keine letzte Realität, keinen endgültigen metaphysischen Wert. Für die TM-Anhänger ist das "Sein“ ebenso etwas Unpersönliches wie es für die Materialisten die Materie ist. Auf diese Parallelen werde ich in Kap. 11 noch näher eingehen.

Die Fortentwicklung von Aurobindos Denken gegenüber dem alten Hinduismus war eine mutige Loslösung von der traditionellen indischen Vedanta-Lehre: "Ein allgemeiner Aufschrei wird gegen die unverzeihliche Anmaßung losbrechen, ein Wissen zu beanspruchen, das die alten Weisen und Heiligen nicht gehabt haben, und gegen das Vorgeben, über sie hinauszugehen ...  Schließlich aber ist Gott unendlich, und das Aufrollen der Wahrheit mag auch ein unendlicher Prozeß sein oder wenigstens, wenn nicht ganz das, doch Raum haben für neue



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Entdeckungen und neue Aussagen, ja sogar für Neu-Errungenes“ (S.24).

Ausdrücklich distanziert er sich auch von Shankara, in dessen Namen jeder TM-Meditierende seine Einweihung erhält: "Shankaras weltloses, inaktives Selbst und seine Maya der vielen Namen und Formen sind ebenso getrennte und nicht zu versöhnende Wesenheiten. Ihr starrer Antagonismus kann nur so zu einem Ende kommen, daß sich die vielfältige Illusion in der einen Wahrheit einer ewigen Stille auflöst“ (S. 26). Damit hat Aurobindo auch eine wesentlich positivere Einstellung zum Handeln als Maharishi: "Die wahre Konsequenz aber auf die die Seele aus ist, ist ein Wachstum in der Manifestation ihres Seins, eine Ausweitung ihrer Reichweite und Macht zu handeln, ihr Erfassen der Freude des Seins, ihre Freude an Schöpfung und Selbstschöpfung, und das nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern gleicherweise in Bezug auf die anderen, mit denen ihr größeres Werden und ihre größere Freude eins sind (S. 55). All diese Zitate stammen aus: "Der integrale Yoga“, Rowohlts Klassiker Nr. 24.

Im letzten Zitat zeigt sich Aurobindos Wertschätzung der menschlichen Gemeinschaft gegenüber dem bloßen Einsiedlerleben, wie es für den hinduistischen Mönchsweg typisch ist. Es scheint mir charakteristisch zu sein, daß Maharishi und Guru Dev Mönche waren und viele Jahre ihres Lebens in völliger Einsamkeit verbrachten, ohne die Gemeinschaft mit anderen Menschen, während Aurobindo eine Lebensgefährtin hatte.

Ähnlich unterscheidet sich vom altindischen Denken auch die Sufi-Bewegung. Im Vorwort zu "Vadan“ von Hazrat Inayat Khan heißt es: "Die Weisen des Orients halten die Schöpfung für den Traum Brahmas. Haztat Inayat Khan, der Verfasser dieses Buches, erkennt in ihr die Musik des Schöpfers, eine Symphonie Gottes, die in der ganzen Natur erklingt und sich durch sie offenbart. Wie das Weltall aus dieser Musik Gottes hervorgegangen ist, so ist sie auch der Born, dem alle Regungen des tiefsten Herzens entspringen.“ Louis Hoyak sagt in seinem Buch über den Sufismus "Die Botschaft von Inayat Khan“: Dasjenige, wodurch der Sufi sich vom Yogin unterscheidet, ist seine Ausdehnung, und es sind dies die zwei Seiten der Reise (Anm. d. Autors: gemeint ist die Lebensreise), welche durch die zwei Linien des Kreuzes versinnbildlicht sind, die senkrechte und die waagerechte. Die senkrechte Linie bedeutet einen gradlinigen Fortschritt im Innern von Nasut und Diabrut, die eigene Innenwelt, das eigene Innere selbst erlebend, die waagerechte Linie bezeichnet Ausdehnung. Der Sufi



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sucht also im Verlauf seines Fortschrittes sich zu entfalten, denn es ist die Weite der Seele, welche die Aufnahme aller Erlebnisse ermöglicht, und wodurch sie schließlich gottesbewßt und allumfassend wird. Der Mensch, der, sei er noch so durchgeistigt, sich von allen Menschen absondert, wird in Malakut, in der höheren Sphäre, nicht frei sein. Es wird ihn eine Wand umgeben, welche die Genien und sogar die Engel des Engelshimmel von ihm fernhalten wird, und so wird seine Reise einseitig. Deswegen lehrt der Sufismus nicht nur Konzentration und Meditation, die einem gestatten, einseitige Fortschritte zu machen, sondern er lehrt die Liebe zu Gott, die Ausdehnung bedeutet, er lehrt allen Wesen das Herz zu erschließen, was der Weg Christi und das Zeichen des Kreuzes ist. ("Der Seele Woher und Wohin, S. 55-56). Mit diesen Worten spricht sich Inayat Khan gegen eine rein introvertierte Lebensführung aus. Deshalb entspricht der Sufismus einer Kulturperiode, in der das soziale Gefühl lebendig ist. Das Verlangen nach höherer Besinnung artet hier nicht in ein egoistisches oder zum wenigsten egozentrisches Heiligkeitsstreben aus.

Die genannten Sufi-Meister, Elazrat Inayat Khan und sein Sohn Pir Villayat Khan, waren (bzw. sind) entsprechend dieser Einstellung zum Leben verheiratet und bezeichnen, was in der TM-Bewegung undenkbar wäre, die Frau sogar als die Stufe, die zum Altare Gottes führt. Sie betonen im Unterschied zum Hinduismus sehr den Wert der individuellen Persönlichkeit, auf deren Entfaltung - z.B. durch Kunst, Musik und menschliche Beziehungen - sie großen Wert legen. Die Schöpfung ist für sie die bedeutendste Heilige Schrift, ein Buch, in dem sich Gott offenbart und in dem er erkannt werden kann. Sie betrachten den Samadhi-Zustand der indischen Yogis (bei TM Transzendenz genannt) als den Ausgangszustand der Welt, der aber nicht das Ziel der Entwicklung sei. Für die Verwirklichung des Entwicklungszieles sei die Zuwendung zur Schöpfung unerläßlich. (In dem Zusammenhang möchte ich den TM-Anhängern auch sehr empfehlen, sich mit R. Steiners Schrift "Die Bhagavad Gita und die Paulus-Briefe“ auseinanderzusetzen.)

Durch meine Abkehr von TM und Maharishis Vedanta-Lehre habe ich wieder eine völlig neue Perspektive des Lebens gewonnen: ich bin für Welt und Menschen offener geworden und empfinde das durchaus als eine Erweiterung und Weiterentwicklung meines Bewußtseins. Nach dieser Diskussion über den weltanschaulichen Hintergrund der TM möchte ich nun auf die Technik der Transzendentalen Meditation eingehen.



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7. Die Technik der Transzendentalen Meditation

Viele praktische Einzelheiten der TM-Technik, so die Liste der Mantren, die genauen Kriterien zu ihrer "individuellen“ Auswahl, der Text der Puja und der Checking-Punkte wurden bereits in von ehemaligen Initiatoren verfaßten Büchern publiziert. Ich verweise in dem Zusammenhang besonders auf "Transcendental Misconceptions“, Scott, Beta Books und "Transzendentale Meditation und wohin sie führt“ von Therese Schulte, Verlag Freies Geistesleben. "Die Macht der süßen Worte“ von Mildenberger/Schöll wurde unter Mitarbeit eines ehemaligen TM-Initiators verfaßt. Deshalb kann ich mich in diesem Kapitel auf das Grundsätzliche beschränken und verweise die an weiteren Einzelheiten Interessierten auf die genannten Arbeiten. Es dürfte auch interessant sein, meine Ausführungen mit denen der o.g. Autoren zu vergleichen. Trotz der individuellen Unterschiede in der Behandlung des Themas besteht grundsätzlich ein hohes Maß an Übereinstimmung.

Das Prinzip der Transzendentalen Meditation, nämlich die gedankliche Wiederholung eines Meditationslautes, eines sog. Mantras, ist uralt. Mantras sind Laute, deren Denken, Singen oder Sprechen auf gleichsam magische Weise eine bestimmte Wirkung erzielen soll, die von der Bedeutung des jeweiligen Mantras abhängt. Sie entstammen in der Regel sehr alten Sprachen wie dem Sanskrit oder den semitischen Sprachen und können nur unter Verlust ihrer magischen Wirkung in eine andere Sprache übersetzt werden. Dahinter steht die Vorstellung, daß die Worte oder Laute in den alten Sprachen in einer unmittelbaren und quasi naturgesetzlichen Beziehung zum Begriffsinhalt stehen. Sie beinhalten gewissermaßen das Objekt. Ähnlich wie die Urmenschen in ihren Höhlenmalereien durch das Abbild eines Tieres das Tier selbst beschworen und sich verfügbar machten, soll auch durch den Laut des Mantras eine Wirkung erzielt werden. Ich erinnere hier an das Märchen vom Rumpelstielzchen, in dem die im Namen liegende Macht zum Ausdruck kommt. Ich gebrauche den Begriff Magie hier in einem wertfreien Sinne. Man mag z.B. auch an die Magie der Musik denken, deren akustische Schwingungen uns in einen anderen Bewußtseinszustand versetzen können, wie Trauer, Freude oder Leidenschaft. In Analogie dazu kann man sich die Wirkung des Mantras denken.



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Mantren werden oft im religiösen Bereich verwendet und sollen den Geist des Menschen in Kontakt mit der Ebene des Göttlichen bringen. Es verwundert nicht, daß dafür vielfach Götternamen bzw. Namen des einen Gottes verwendet werden, so z.B. auch bei dem indischen Mantra OH NAMAH SHIVAYA. Es drückt Hingabe an die sehr hohe Hindu-Gottheit Shiva aus, was sich eindeutig aus der Bedeutung des Sanskrit-Wortes na- mah ("ich verneige mich vor“) ergibt. Mantren können jedoch entsprechend der Hindu-Tradition auch eine negative Wirkung haben. So erwähnt Yogananda in seiner "Autobiografie eines Yogi“ (Barth-Verlag), daß die Dämonen der Unterwelt mit Hilfe von Mantren gegeneinander kämpfen. Und Swami Narayananda schreibt in "A Practical Guide to Samadhi“, daß ein falsch ausgewähltes Mantra einen Menschen völlig zerstören kann. Auch heißt es, daß selbst ein Mantra von an sich positiver Bedeutung eine verhängnisvolle negative Wirkung haben kann, wenn seine Kraft für die Verwirklichung egoistischer Ziele mißbraucht wird.

Trotz der angedeuteten weiten Verbreitung von Mantren behauptet Maharishi mit einem gewissen Recht, TM sei einzigartig. Obgleich es sich bei den von ihm verwendeten Mantren um der indischen Tradition entnommene Götternamen handelt (vgl. Kap. 2) , unterscheidet sich TM davon in mehreren Punkten wesentlich. So behauptet er beispielsweise, seine Mantren seien rein physikalisch wirkende Schwingungsimpulse ohne jede konkrete Bedeutung. Wie ich bereits zeigte, ist diese Behauptung eine bewußte Irreführung der Öffentlichkeit. Tatsache ist jedoch, daß die TM-Ausübenden gar nicht wissen, daß sie mit Götternamen meditieren und deshalb bei der Meditation auch keine Hingabe an Gott haben, wie sie in Indien weit verbreitet ist. Dort denkt man bei der Wiederholung des Mantras nämlich zumeist an seine Bedeutung. Stattdessen denkt der TM-Ausübende in der Meditation das Mantra fortwährend auf rein mechanisch-automatische Weise, ohne dabei an irgend etwas zu denken. Falls von alleine Gedanken kommen, soll er sie nicht weiter beachten und mit dem Mantra fortfahren. Im Unterschied zur indischen Tradition soll er sich nicht darauf konzentrieren, keine Gedanken zu haben. TM ist auf diese Weise eine recht lasche Angelegenheit, in der die Persönlichkeit des Ausübenden nicht weiter bemüht wird.

Maharishi selbst nennt TM den "mechanischen“ Weg zu Gott: "Die Bewegung des Geistes nach innen bringt ihn auf mechanische Weise in einen Zustand der vollen Erleuchtung. Dieser nach innen gerichtete mechanische Wahrnehmungsvorgang



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(Anm. d. Verf.: das innere Hören bzw. Denken des Mantras) versetzt das Nervensystem auf natürliche Weise in einen Zustand ruhevoller Wachheit, und dies ist der mechanische Weg zur Gottverwirklichung“ (aus: MMY, "Die Wissenschaft vom Sein ...", S. 338). Während der TM wird das Mantra automatisch immer verschwommener und leiser gedacht, bis es eventuell schließlich von alleine ganz verklungen ist. Nach Maharishi ist die treibende Kraft hinter dieser "Verfeinerung“ des Mantras und parallel dazu des Geistes dessen natürliches Streben nach Glückseligkeit. Da das Denken der feineren Ebenen des Mantras (wo man es nur noch ganz leise und verschwommen wahrnimmt) dem Geist immer mehr Glückseligkeit gibt, so wird behauptet, denkt er es automatisch immer feiner und verschwommener, bis es eventuell schließlich ganz aufhört. Dieser ichlose Zustand ohne Mantra und ohne Gedanken, bei dem der Geist - obgleich ohne Objekt - doch hellwach ist, wird von Maharishi als Transzendenz oder Sein bezeichnet.

Er nennt es eine außerordentliche Errungenschaft der TM, daß sie im Unterschied zur hinduistischen Yoga-Praxis völlig ohne Anstrengung wie von selbst abläuft. Das TM-Motto lautet: "Nimm es leicht“ oder "Nimm es wie es kommt“. Dies gilt übrigens nicht nur für die Meditation selbst, sondern auch für das ganze Leben des Meditanten. Konzentration und Anstrengung gelten als schädlich, da sie Streß verursachen und dadurch der weiteren Verfeinerung des Nervensystems und Bewußtseins und somit der ganzen Evolution entgegenwirkten. Viele Wege geistiger Entwicklung beruhen im Unterschied dazu auf einer Anspannung der inneren Kräfte des Menschen. Dadurch soll der Mensch Herrschaft und Meisterschaft über sich gewinnen und damit zugleich auch über seine äußeren Lebensumstände. Ahnlich wie der Körper durch die Anspannung seiner Muskeln erstarkt, soll bei diesen anderen geistigen Wegen (Yoga, Sufismus, AnTMroposophie u.a.) die Persönlichkeit des Menschen durch die Anspannung der inneren Kräfte und des Willens erstarken. Demnach müßte besonders extensive Ausübung der TM eher zu einer Erschlaffung der Persönlichkeit führen. In der Tat kann man diesen Eindruck oft gewinnen.

Entsprechend dem Prinzip der völligen Mühelosigkeit und der rein mechanischen Entwicklung , ohne daß die Persönlichkeit selbst bewußt Willensimpulse setzt, gibt es bei TM auch kein ethisches Bemühen im üblichen Sinne.



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8. Anmerkungen zur TM-Ethik

Maharishi selbst sagt zu diesem TMema: "Die Religion schreibt vor, daß man gut und rein ist, und dann werden die Himmelstore für Dich geöffnet sein. Sei gut, tue Gutes, und dadurch wirst du Gott verwirklichen. So wird das Gutsein als Straße zu Gott angesehen. Nun, dies ist völlig falsch. Denn nur, nachdem man Gott verwirklicht hat, kann man gut sein. Gottverwirklichung ist leichter, gut sein jedoch ist sehr schwierig... Das bedeutet: gutes Leben ist die Wirkung, Gottverwirklichung ist die Ursache... Erstrangig ist Meditation und klare Seinserfahrung in der Heditation“ ("Meditations of Maharishi Mahesh Yogi“, Bantam books, S. 58). "So ist die Bedeutung dieses Verses klar. Manche wenden ihre Sinne nach innen durch die Ausübung der Transzendentalen Meditation. Sie schaffen also eine Situation, in der ihre Sinne von selbst alle auf das Sein zulaufen und erfüllen dadurch automatisch den Zweck aller Beherrschung. Andere meditieren nicht, halten aber ihre Sinne durch rechtes Handeln im Zaum; sie erlauben ihren Sinnen nicht, verbotene Dinge zu erfahren, folgen damit ebenfalls dem Pfad des Jagya und entwickeln sich, um zum Höchsten zu gelangen. Dies ist ein langwieriger und schwieriger Vorgang; schwierig, weil die Voraussetzung für rechtes Handeln reines Bewußtsein ist. Rechtes Handeln ohne geeignete Grundlage ist schwer, wenn nicht unmöglich. Durch Transzendentale Meditation ist es jedoch leicht, reines Bewußtsein zu erlangen und dadurch automatisch zum rechten Handeln zu gelangen... Gemeinhin sieht man die Ausübung von Selbstbeherrschung als Vorbedingung an, um Erleuchtung zu erlangen. Dies steht im klaren Gegensatz zur Belehrung des Herrn, die besonders betont, daß Selbstbeherrschung das Ergebnis des Zustandes der Erleuchtung ist“ (Kommentar zur Bhagavad Gite, Vers 26 und 27).

Er lehrt also, man brauche sich nicht anzustrengen, um gut zu sein und zu Gott zu gelangen. Er schreckt seine Anhänger sogar von diesem Weg ab, indem er ihn als fast aussichtslos schwierig bezeichnet. Er meint, durch Ausübung der TM, die ja mühelos ist, werde man ganz automatisch gut werden und dann auch ganz anstrengungslos gut handeln. Man brauche sich dabei nicht um Selbstbeherrschung zu bemühen, die sei ebenfalls eine automatische Folge von TM. Diese Lehren sind zumindest originell, wenn nicht sogar einzigartig. Das Christentum, bei dem die Erlösung durch das Kreuz eine wesentliche Rolle spielt, kennt diese Anschauungen nicht. Doch behauptet Maharishi ja, sofern er sich überhaupt über Christus



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äußert, dieser habe am Kreuz überhaupt nicht gelitten, da ein Gottesbewußter immer in der Glückseligkeit des Seins verankert sei. Maharishi sagt, dank TM sei das Leid im Leben jedes Menschen überflüssig geworden. Er hält auch nichts davon, daß man sich durch Leid entwickelt. Ein Baum müsse nicht zunächst durch ein Krüppelstadium hindurchgehen, um schließlich groß und stark zu werden. Der indischen Yoga-Kultur, die auf Askese, Konzentration und Anstrengung beruht, sind diese Anschauungen ebenfalls fremd, und Maharishi wird deshalb oft von seinen eigenen Landsleuten kritisiert. Der Sufi Hazrat Inayat Khan warnte sogar ausdrücklich davor, Mantren ohne gleichzeitige ethische Unterweisung zu vergeben bzw. anzuwenden, da dies zum Mißbrauch der durch das Mantra erhaltenen Macht führen könne. Die Konsequenzen davon seien ähnlich fatal, wie wenn man einem kleinen Kind ein scharfes Schwert in die Hand gäbe. Man dürfe nicht das eigentliche Ziel, nämlich Gott, aus den Augen verlieren.

Es entspricht der wissenschaftlichen Denkweise, die Richtigkeit einer Theorie anhand eines Experimentes bzw. anhand der praktischen Erfahrung zu überprüfen. Eine Theorie, wie auch die Ethik-Theorie Maharishis, mag logisch in sich geschlossen sein, aber wenn sie auf falschen Voraussetzungen beruht, so führt sie dennoch zu Resultaten, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Ich meine, daß die tatsächliche Entwicklung der Meditanten Maharishis Thesen schon längst widerlegt hat. Um das zu belegen, werde ich nach diesem mehr theoretisch gehaltenen Teil ausführlich meine konkreten Erfahrungen mit der TM-Bewegung schildern. Das menschliche und ethische Verhalten ihrer Mitglieder kann gewiß nicht als vorbildlich gelten. Hier nur ein Beispiel: Unter Berufung auf die oben geschilderten Gedanken Maharishis vernachlässigte ein Gouverneurs-Ehepaar in der Siddhi-Akademie Lindenthal im Allgäu seine beiden Kinder im Alter von rund drei Jahren. Um sich ausgiebig der Meditation widmen zu können, ließen sie ihre Kinder weitgehend allein. Da diesen die elterliche Liebe fehlte, traten bei ihnen Verhaltensstörungen (Autismus) auf. Als ein Psychologe die Eltern darauf aufmerksam machte, erwiderten sie: "Maharishi hat uns gesagt, wir sollten der Verwirklichung des Seins die erste Priorität im Leben geben. Erst wenn man erleuchtet sei, könne man anderen Menschen wirklich etwas geben.“ Gefragt, warum sie denn dann überhaupt Kinder hätten, antworteten sie: damals, als sie die Kinder zeugten, seien sie noch nicht so weit entwickelt gewesen wie heute. Als eines der Kinder sich beim Hinfallen eine stark blutende Wunde holte, meinte der Vater,



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von Kursteilnehmern darauf angesprochen, das sei halt das Karma (d.h. das selbstverschuldete Schicksal) des Jungen.

Ich will beileibe nicht behaupten, alle TM-Eltern verhielten sich so, aber ein ausgesprochener Einzelfall ist es auch nicht. Schlimm daran finde ich, daß das geschilderte Fehlverhalten tatsächlich eine Folge von Maharishis Lehren war. Uns sagte er auf dem ersten Kurs in Kössen/Tirol, karitative Nächstenliebe sei im Grunde Zeitvergeudung, da man der leidenden Menschheit undendlich viel mehr Gutes tue, wenn man meditiere und TM verbreite. Selbst in die entferntesten Welten unseres Universums sende man durch TM harmonische und lebensfördernde Impulse. Diejenigen, die die TM verbreiten, seien die besten Geister unserer Zeit. Selbst die Engel des Himmels würden einen Initiator darum beneiden, daß dieser durch Verbreitung der TM soviel Gutes tun könne. Für die überzeugten TM-Anhänger ist Ethik im üblichen Sinne unökonomisch, da gutes Handeln im Unterschied zur Meditation keine Stresse löse und deshalb auch nicht zur Selbstverwirklichung führe. Das durch gutes Handeln verursachte Karma kann nach ihrer Überzeugung nur für eine begrenzte Zeit in die Himmelswelten führen, danach aber werde man auf dieser leidvollen Erde wiedergeboren. Wer das Sein realisiert hat, brauche dagegen nach dem Ablegen der körperlichen Hüllen nicht wieder auf die Erde zurück, sondern könne sich ewiger Glückseligkeit erfreuen. Ein wesentliches Motiv der Initiatoren bei der Verbreitung der TM ist es, dadurch jenen Zustand der Selbstverwirklichung viel rascher als ein gewöhnlicher Meditant zu erlangen, denn das stellt Maharishi seinen eifrigen Mitarbeitern in Aussicht.

Entsprechend der Priorität, die die TM gegenüber ethischen Grundsätzen einnimmt, verdrehen Maharishi und seine Anhänger oftmals die Wahrheit, wenn es darum geht, TM zu verbreiten. So auch, wenn in den Einführungsvorträgen immer wieder behauptet wird, der Einzuführende erhalte ein Mantra, das seiner individuellen Persönlichkeit genau entspreche.



9. Über die "individuelle“ Auswahl der TM-Mantren

Maharishi macht ein großes Geheimnis daraus, nach welchen Kriterien für jeden Einzuführenden ein bestimmtes Mantra ausgewählt wird. Er behauptet, der Initiator würde durch die bei der Einweihung ausgeübte Puja-Zeremonie in einen höheren Bewußtseinszustand gelangen, in dem er das individuelle



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Wesen des Aspiranten genau erkenne. Nach dem Ende der Puja übergebe der Initiator dann das der Individualität des Aspiranten genau entsprechende Mantra. Dazu bedürfe es einer langen Ausbildung. Maharishi äußert darüber folgendes (wobei er statt Mantra Laut oder Gedanke sagt) "Die Individuen unterscheiden sich in ihren Schwingungseigenschaften, die ihre individuelle Persönlichkeit ausmachen. Deshalb ist die Auswahl eines Gedankens, der für eine bestimmte Persönlichkeit der richtige ist, höchst wichtig für die Übung der Transzendentalen Meditation. Da nun jeder Mensch andere Schwingungseigenschaften hat, ist es umso schwieriger, den richtigen Schwingungstyp oder die geeignete Gedankenart auszuwählen.“ ("Die Wissenschaft vom Sein... ", S. 62). "Um die Bestimmung des richtigen Wortes für jedes Individuum zu ermöglichen, sind Lehrer in der Kunst der Auswahl eines Lautes oder Wortes, die den besonderen Eigenschaften des Individuums entsprechen, ausgebildet worden. Diese ausgebildeten Meditationslehrer gibt es in fast jedem Land der Welt und in den Centern der SRM (Spiritual Regeneration Movement) " (S. 63).

Als ich selbst einen Meditationslehrer-Ausbildungskurs besuchte, war ich sehr gespannt auf das geheimnisvolle Wissen, das es mir ermöglichen würde, das individuelle Wesen jedes Menschen, seine "Schwingungsstruktur“, genau zu erfassen. Tatsächlich nannte mir Maharishi am Ende des dreimonatigen Kurses innerhalb weniger Minuten lediglich 8 Mantren, die ich entsprechend dem Alter und Geschlecht des Einzuführenden zu vergeben hatte. Es verhält sich also gar nicht so, daß der Initiator während der Puja quasi hellseherisch das Wesen des Aspiranten erkennt. Tatsächlich läßt er einfach vor der Initiation einen Fragebogen ausfüllen, auf dem sich neben vielen Fragen, die mit der Einführung nichts zu tun haben, auch ganz am Rande und unauffällig die Frage nach dem Alter befindet. Schon vor der Puja liest sich der Initiator diesen Bogen durch und wählt dann das der jeweiligen Altersstufe entsprechende Mantra aus. Alle Männer zwischen 15 und 30 haben von mir entsprechend Maharishis Anweisungen dasselbe Mantra bekommen. Da kann von einer individuellen Auswahl durch Erkenntnis der Schwingungseigenschaften des Individuums nicht mehr die Rede sein.

Heutzutage werden die Mantren sogar nur noch nach dem Alter vergeben. Auch hat ein heutiger Initiator z.T. ganz andere Mantren als die Absolventen der frühen Initiatorenkurse. Demnach könnte es geschehen, daß jemand von zwei Initiatoren ganz verschiedene Mantren für seine Meditation zuerteilt



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bekäme. Dadurch wird die Behauptung, die Mantren würden genau dem individuellen Wesen des Einzuführenden entsprechend ausgewählt, vollends ad absurdurn geführt.

Da das Mantra gar nicht genau dem Wesen des Initianten entspricht, ist auch Maharishis Behauptung falsch, bei TM handele es sich um eine völlig natürliche Meditation, in der der menschliche Geist lediglich durch das Mantra die Gelegenheit erhalte, seinem ihm innewohnenden Streben nach Glück und Selbstverwirklichung zu folgen. Da das Mantra weder ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Bewußtseins ist noch ein Abbild des individuellen Wesens darstellt, ist es folglich zunächst einmal ein von außen in den Menschen hineinverpflanzter Fremdkörper, durch den das menschliche Wesen verändert werden soll. Maharishi selbst führte in seiner frühen Schrift "Deep Meditation“ aus, daß die Schwingung des Mantras der individuellen Schwingung des menschlichen Geistes überlagert werde, um die Schwingung des Individuums in Harmonie mit der kosmischen Schwingung zu bringen. Und Swami Narayananda schreibt, der menschliche Geist nehme die Form der Mantra-Gottheit (deren Name das Mantra ist) an. Demnach hat das Mantra eine die Persönlichkeit des Meditanten verändernde Wirkung. Da der Eingeführte darüber nicht aufgeklärt wird, da er nicht einmal die Bedeutung seines Mantras kennt, muß von einer Manipulation des Bewußtseins der Meditanten durch Maharishi gesprochen werden.

Hinzu kommt, daß nach den esoterischen Lehren das Mantra nicht nur aus sich selbst heraus eine Wirkung auf das Bewußtsein ausübt, sondern zugleich eine Art von Botschafter oder Träger für die Absichten des Gurus bzw. für sein Bewußtsein darstellt. Die Wirkung des Mantras hängt auch von dem ab, was der Guru auf geistigem Wege in das Mantra hineingelegt hat. Durch das Mantra tritt gewissermaßen der Guru selbst in die Meditierenden ein. Wer TM ausübt, wird sich demnach so verändern, wie Maharishi es wünscht. Zumindest dürfte ein Impuls in der Richtung bestehen.

Zusätzlich soll der Initiant durch die Ausübung der Puja-Zeremonie bei der Einweihung an die "Heilige Tradition“ der Meister angeschlossen werden, auf die das Wissen um TM zurückgeht. Vor der Einweihung wird aber die Puja lediglich als ein Ausdruck der Dankbarkeit dargestellt. So gibt es Vielfältige geistige Bindungen des TM-Anhängers an Maharishi. Deshalb scheinen mir viele Meditanten in einer Illusion zu leben, wenn sie zwar all das Negative um Maharishi herum sehen, aber dennoch in aller Seelenruhe mit TM fortfahren.



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Sie erklären, mit der TM-Bewegung wollten sie nichts zu tun haben, aber TM könne man doch trotzdem ausüben.

TM ist also alles andere als bloß - wie behauptet wird - eine Art von Katalysator, der es lediglich dem Individuum erlaubt, leichter seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen. Vielmehr unterliegt der Meditant einer Fülle geistiger Einflüsse, die für ihn völlig unüberschaubar sind und über deren Vorhandensein er mit der Behauptung, TM sei ja lediglich eine einfache und mühelose Entspannungstechnik, hinweggetäuscht wird; ganz abgesehen einmal von den weltanschaulichen Einflüssen, die ja auch über das hinausgehen, was zunächst als eine rein wissenschaftliche Methode dargestellt wird. Ich halte es für verantwortungslos und unehrlich, so vorzugehen, wie Maharishi es tut.

Anders verhält es sich bei den mantrischen Sprüchen R. Steiners, wo man sich bei der Meditation auf einen bestimmten Sinnspruch konzentriert, etwa auf ein Bibelwort oder: "In der reinen Liebe zu allen Wesen erstrahlt die Göttlichkeit meiner Seele“ (Auszug aus einem Meditationsspruch von R. Steiner) Dabei durchschaut der Meditant viel eher, welchen geistigen Einflüssen er sich während der Meditation aussetzt. Um eine wirklich natürliche und von äußeren Einflüssen freie Meditation scheint es sich mir vor allem bei der bloßen Stille-Meditation zu handeln, bei der man lediglich in die Stille des eigenen Wesens eintaucht. Man ist dabei - möglichst ohne Gedanken zu haben - innerlich wach, man läßt das Bewußtsein lediglich in sich selbst ruhen (vgl. Paul Brunton, "Der Weg nach innen“, Barth-Verlag; Yoga-Schule Haich/Yesudian, Zürich).

Da nach Ansicht vieler geistiger Lehrer die Meditation mit einem falschen Mantra negative Auswirkungen haben kann, ist die Mantra-Meditation immer eine Vertrauenssache und dabei ist die Frage entscheidend wichtig: Wohin komme ich, wenn ich mich dir anvertraue? Ein weiterer für das Verständnis der TM wichtiger Begriff ist der der Streßlösung.
 



10. Maharishis Streß-Theorie

Maharishi versteht unter Streß die durch einen zu starken Eindruck hervorgerufene Verspannung des Nervensystems. Wenn z.B. ein Lichtblitz zu stark für die Sehnerven ist, so brennen sie gewissermaßen durch, verändern sich chemisch oder



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verändern ihre physikalische Struktur. Das gleiche gilt auch für zu starke psychische Eindrücke (beispielsweise ein großes Leid). Auch dadurch wird im Nervensystem ein bleibender Eindruck, eine bleibende Verformung hervorgerufen. Diese Stresse,  die ja Deformationen des Nervensystems sind, behindern es in seiner einwandfreien Funktion und machen dadurch auch unser Bewußtsein enger, dunkler und leidvoller. Um Stresse zu lösen, sei nach Maharishi nur tiefe Ruhe nötig. Das beste Mittel, dem Nervensystem tiefe Ruhe zu geben, sei TM.

In der Tat kann man durch TM in einen tiefen Ruhezustand gelangen, wie dies auch bei anderen Entspannungs- und Meditationsübungen der Fall ist. Das läßt sich auch objektiv durch die Verringerung der Stoftwechselrate und der Atemtätigkeit während der Meditation nachweisen (siehe z.B. die Dissertation von Robert K. Wallace, Los Angeles). Diese und andere wissenschaftliche Untersuchungen werden von Maharishi und den TM-Lehrern gern angeführt, um die gute Wirkung von TM zu beweisen. Es läßt sich dadurch in der Tat die recht große Wirksamkeit von TM nachweisen. Wie sich aber TM auf die Dauer gesehen auf die Persönlichkeit insgesamt auswirkt, das kann aus solchen physiologischen Veränderungen sicherlich nicht entnommen werden. Im übrigen gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen, die auf psychische und neurotische Schäden als Folge von TM hinweisen. In dem bereits genannten Buch von Scott werden solche Arbeiten zitiert. Auch ist zu bedenken, daß die psychologischen und medizinischen Untersuchungen über TM in der Regel im Auftrage Maharishis und von Meditanten ausgeführt wurden, was sicherlich seinen Einfluß auf die Ergebnisse hat. In einem späteren Kapitel werde ich sogar einen Fall schildern, in dem Maharishi selbst auf der Manipulation eines Meßergebnisses zugunsten der TM bestanden hat. Daß für ihn die Wissenschaft nur ein Propagandainstrument ist, kann aus seiner folgenden Äußerung entnommen werden: "Wäre diese Zeit von Philosophie und Religion bestimmt, so würden wir TM mit den Begriffen von Philosophie und Religion verbreiten. Da diese Zeit aber stattdessen von der Wissenschaft bestimmt wird, verbreiten wir TM in der Ausdrucksweise der Wissenschaft.“

Wenn sich durch negative Eindrücke hervorgerufene Verspannungen bzw. Stresse lösen, so treten nach Maharishi negative Stimmungen im Bewußtsein auf. Auf ähnliches weisen auch andere Gurus hin, in Hinblick auf ihre eigenen Meditationsarten. Dies bietet Maharishi und seinen Anhängern die



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willkommene Handhabe, um alle negativen Begleiterscheinungen der TM als Ausdruck von Streßlösung zu interpretieren, sie also letztlich positiv zu sehen und als Bestätigung für TM zu empfinden. Durch diese Betrachtungsweise wird oftmals voll den Meditanten die Wahrheit völlig auf den Kopf gestellt. Als ich z.B im Gespräch mit Meditanten darauf hinwies, daß es mir gegen Ende meiner TM-Zeit sehr schlecht ging, ich mich aber nach dem Aufhören damit wieder viel besser zu fühlen begann, sahen sie das sogar als Beweis dafür an, daß TM mir gut getan hätte. Wegen ihrer reinigenden Wirkung hätten sich bei mir viele negative Stresse gelöst, weswegen ich mich schlecht fühlte. Als ich mit TM aufhörte, fand dieser Reinigungs- und Gesundungsprozeß ein jähes Ende, so daß ich mich nur deshalb besser fühlte, weil ich mich in Wirklichkeit wieder zurückentwickelte.

Selbst wenn ein Initiator in einer Nervenheilanstalt landet, was gelegentlich vorkommt, deutet man dies in TM-Kreisen als einen großen Entwicklungssprung nach vorn. Auch das - vor allem in Seelisberg, ausgerechnet in Maharishis naher Umgebung - häufig zu beobachtende schlechte menschliche Verhalten seiner Anhänger wird positiv als Anzeichen für die guten Wirkungen von TM gewertet. Aber könnte das nicht auch darauf hindeuten, daß sich TM sowohl in gesundheitlicher als auch in charakterlicher Hinsicht schlecht auswirkt? Aufgrund der geschilderten Denkweise der Meditanten gestalten sich Diskussionen mit ihnen äußerst schwierig. Was auch immer man gegen TM ins Feld führen mag, es wird entweder abgestritten, oder im Sinne der TM positiv interpretiert.

Da die Meditanten das A und 0 der Evolution in der Streßlösung sehen und diese ein rein mechanischer Vorgang ist, hervorgerufen durch den tiefen Ruhezustand bzw. durch die während der Meditation verminderte Stoffwechselrate, begreifen sie ihre Entwicklung weitgehend als einen mechanischen Vorgang. Statt mit dem Bewußtsein zu arbeiten, wie es der fromme Gläubige oder auch der Psychoanalytiker tut, der Stresse und verdrängte Konflikte durch Bewußtwerden zu lösen versucht, glauben sie an einen rein mechanischen Weg zu Gott und zur Selbstverwirklichung. Im nächsten Kapitel gehe ich auf das mechanische Weltbild der TM-Bewegung noch näher ein.



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11. Das mechanisch-materialistische Menschenbild der TM-Bewegung

Ebenso wie die ganze TM-Technik wird auch Streßlösung als rein mechanischer und automatischer Vorgang begriffen. TM senkt den Stoffwechsel, und durch die damit verbundene tiefe Ruhe lösen sich die Verspannungen. Das ist alles. Maharishi wendet sich ausdrücklich gegen die auf bewußter Problemanalyse beruhenden Methoden der Psychoanalyse. Wenn man einmal etwas Falsches oder Böses getan hat, soll man nach seiner Ansicht nicht weiter darüber nachdenken.

Das ist überflüssig, da ja TM alles ganz automatisch und unbewußt wieder ins rechte Lot bringt. Selbst die Entwicklung bis hin zum Gottes- und Einheitsbewußtsein schilderte er uns in Kössen als einen rein mechanischen Vorgang. Je mehr Stresse man löst, um so höher entwickelt man sich, und wenn die Stresse auf den feinsten Ebenen gelöst wurden, befinde man sich im höchsten Bewußtseinszustand. Gottverwirklichung also als Folge der durch TM gesenkten Stoffwechselrate!

In der TM-Bewegung wird der Mensch in der Hauptsache nicht als ein geistig-seelisches Individuum aufgefaßt, sondern als ein Automat, der durch bloße technische Manipulation unbewußt zu lenken ist. Das drückt sich natürlich auch in der Sprache der Meditanten aus, die diese Geisteshaltung enthüllt. Es fällt auf, daß sie kaum das Wort "Seele" gebrauchen, das doch sonst von religiösen und esoterischen Gruppen häufig verwendet wird. Maharishi und seine Anhänger ersetzen es weitgehend durch den Begriff "Nervensystem“. So wird nicht von einem Menschen mit entwickelter Seele gesprochen, sondern stattdessen von einem hochentwickelten, gereinigten und streßfreien Nervensystem. Daß in der TM-Bewegung nicht ein persönlicher Gott sondern ein unpersönliches Sein als die letzte und höchste Realität angesehen wird, auf diese Parallele zum Materialismus hatte ich bereits im Vedanta-Kapitel hingewiesen. Im gleichen Sinne übersetzt Maharishi das Wort Deva in den Veden mit "Impuls Schöpferischer Intelligenz“, während allgemein darunter ein beseeltes, engelartiges Wesen verstanden wird. Das Wort "Meditation“ wird von seinen Anhängern zumeist durch "Technik“ oder "Programm“ ersetzt, so als geschehe die Entwicklung wie das Ablaufen eines Computerprogramms.

Wovor man heute noch in unserer Gesellschaft allgemein zurückschreckt, nämlich jedem Bundesbürger eine Computernummer zuzugeordnen, das wurde in der TM-Bewegung schon vor mehreren Jahren eingeführt. Ich meine damit die sog. "Weltnummern“



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bzw. die "Nummern des Zeitalters der Erleuchtung“, die Maharishi damals seinen Initiatoren und Gouverneuren zuordnete. Nicht die Namen sondern die Nummern der Kursteinehmer erschienen in den Tabellen, in denen die Meditationserfahrungen einzutragen waren. Ich war selbst Zeuge, wie Maharishi im Seelisberger Computer nachschauen ließ, um den Bewußtseinsstand eines Anwärters auf einen bestimmten Posten zu erfahren.

Ähnlich, wie es heute ein verbreiteter Trend ist, an die Lösung von Problemen - auch psychischer Natur - durch das Einnehmen von Pillen zu glauben, die man für viel Geld in der Apotheke kauft, gehen auch viele Schüler Maharishis an ihre Probleme heran. Statt sich konkret um die Lösung der Probleme zu bemühen und sich mit ihnen bewußt auseinanderzusetzen, glauben sie, ihre Probleme durch das mechanische Denken des Mantras lösen zu können. Insbesondere meinen sie, sich die Erleuchtung durch den Besuch teurer Meditationskurse, auf denen die neuesten Meditationstechniken vergeben werden, für viel Geld erkaufen zu können. Das ist im Grunde ein materialistisches Denken, auch wenn es hier um das Gottesbewußtsein geht.

Maharishis Anhänger meinen, sie könnten sich das Himmelreich in kürzester Zeit und ohne große Hühe durch einen bloßen Trick erobern: durch das richtige Mantra, den richtigen Meister oder die richtige Meditationstechnik. Die richtige Technik schafft, wozu Ethik nicht in der Lage wäre. Jemand, der nicht zur Elite der in die richtige Technik Eingeweihten gehört, schafft es selbst mit noch soviel gutem Willen einfach nicht. Doch, auch er kann es schaffen, aber erst nachdem er sich (nach der Wiedergeburtslehre) viele Male auf der Erde inkarniert hat. Wie Maharishi uns erzählte, stellt sich nämlich nach vielen Millionen Jahren des Lebens auf dieser Erde das Verdauungssystem so um, daß dadurch die Stresse gelöst werden. Auch der lange Entwicklungsweg ohne TM beruhe also auf einem mechanisch-chemischen Prozeß.

Diese Mentalität wird im folgenden Zitat recht gut charakterisiert und zugleich verworfen: "Man kann diesen Weg nicht abkürzen. Es gibt keine einfache Gebetsformel, keine psychedelische Drogenerfahrung, keine geistige Gymnastik, die diesen Weg ersetzen können... Es ist nicht die Erkenntnis, die auf die Seele wirkt, sondern der Gebrauch, den man davon macht bei den Gelegenheiten, die das tägliche Leben bietet. Nicht auf das, was jemand weiß, nicht auf das, was er zu glauben bekennt, kommt es an, sondern allein darauf, was er



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tut und wie er handelt“ (Lytle W. Robinson,“Rückschau und Prophezeiungen“, Goldmann, S. 256).

Daß in der TM-Bewegung auf äußere Effekte wie die übernatürlichen Siddhi-Kräfte soviel Wert gelegt wird, im Unterschied zu fast allen anderen geistigen Wegen, paßt in diesen Zusammenhang ebenso wie die Tatsache, daß diese "Flugkurse“ unverschämt teuer waren. Die Menschenwürde wird oft mit Füßen getreten, da die Seele nicht gesehen wird. So entwickeln sich besonders in Maharishis Hochburg Seelisberg etliche der dort anwesenden Meditanten zu seelenlosen und gedankenlosen Funktionären, die durch ihre Arroganz unangenehm auffallen. Auch Maharishi selbst behandelt seine Mitarbeiter eher wie Rädchen in einer Maschinerie, die er mitunter von heute auf morgen auswechselt, ohne dem Betreffenden auch nur einen Grund dafür zu nennen und ohne noch nach seinem weiteren Schicksal zu fragen. Er scheint seine Schüler vorwiegend als Werkzeuge zu betrachten, die ihm helfen, seine Pläne zu verwirklichen.

Dazu eine Episode, die mir jemand erzählte, der in Indien an einem Initiatorenkurs teilnahm. Er hatte einen Wortwechsel mit einem der einfachen indischen Arbeiter, die damals noch am Aufbau von Maharishis Akademie in Rishikesh arbeiteten. Anschließend beschwerte er sich bei Maharishi über diesen Arbeiter. Der entließ den Arbeiter sofort und sprach die Empfehlung aus: "Wenn so etwas nochmal vorkommt, dann wirf einfach mit Steinen nach dem Arbeiter. Diese Arbeiter sind noch gar keine richtigen Menschen.“ Der Initiator rechtfertigte mir gegenüber Maharishis damaliges Verhalten damit, daß die einfachen Menschen in dieser Gegend Indiens die Nachkommen jener homosexuellen Soldaten seien, die Alexander der Große in Indien zurückließ.

Es paßt in den Zusammenhang dieser autoritären Bewegung, in der die individuelle Seele so wenig gilt, daß hier nicht nur quasi-materialistische sondern sogar faschistoide Tendenzen auftreten. Darauf deuten vor allem Informationen hin, die ich bei meinem Aufenthalt an der Meru in Weggis/Schweiz erhielt.



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12. Faschistoide Tendenzen

Die Unterhaltung mit meinem Begleiter während einer langen Bahnfahrt zur Meru nach Weggis sollte zu weiteren interessanten Aufschlüssen über die Denk- und Gefühlswelt meines damaligen Meisters führen. Wie es genau kam, weiß ich nicht mehr, aber auf einmal waren wir mitten in einem Gespräch über Parallelen zwischen dem Dritten Reich Hitlers und der TM-Bewegung. Er hatte gehört, Maharishi habe sich positiv über Hitler geäußert. Er wußte nur nicht genau, ob Maharishi gesagt habe: "Hitler war der beste deutsche Führer“ oder nur: "Hitler war der stärkste deutsche Führer.“

Auf folgende Weise erhielt ich einige Wochen später eine Bestätigung für diese Äußerungen Haharishis: Als ich Weggis vorübergehend verließ, bat ich den Meister um das Geld für eine Bahnkarte. Er wollte jedoch dieses Geld einsparen und verwies mich stattdessen an einen altgedienten Initiator, der in der ganzen deutschen TM-Bewegung bekannt ist, und der gerade in dieser Nacht mit seinem Auto nach Deutschland zurückfuhr. Maharishi nannte ihn sogar bei seinem Namen. Während der langen Fahrt kam mir der Gedanke, diesen Initiator nach Maharishis angeblichen Äußerungen über Hitler zu fragen. Da dieser Initiator von Anfang an bei TM dabei gewesen war, wußte er sehr gut über die TM-Bewegung Bescheid, auch über die Dinge hinter den Kulissen. Es war mir als Maharishis Schüler natürlich nicht gleichgültig, ob mein Meister wirklich gut über Hitler dachte, einen Mann, der sehr viel Leid über die Welt gebracht hatte.

In der Tat wußte der Initator Bescheid, ja er war sogar persönlich anwesend, als jene Äußerungen während des zweiten Kurses in Kössen/Tirol in kleinem Kreise fielen. Er sagte mir sinngemäß: "Maharishi hatte eine Besprechung mit der deutschen Gruppe. Dabei ging es um die Frage, wie das deutsche Volk am besten zu erziehen sei. Maharishi vertrat die Ansicht, die Deutschen seien das schöpferischste Volk der Welt, das sich am besten durch die Verfeinerung der Arbeit entwickeln würde. In dem Zusammenhang sagte er, Hitler sei der beste deutsche Führer gewesen. Als jemand den Einwand vorbrachte, Hitler habe doch so viele Menschen umgebracht, antwortete Maharishi, das sei nicht weiter schlimm, denn jeder große Führer müsse einige schädliche Elemente beseitigen.“ Jener Initiator fand nichts an diesen Äußerungen Maharishis auszusetzen. Er war einer der wenigen in der deutschen TM-Bewegung, die stets treu zum WYMS-Leiter "Peter Hitler“ gestanden hatten, und man siedelte ihn allgemein



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beim "braunen Flügel“ der deutschen TM-Organisation an. Über "Peter Hitler“ werde ich in einem späteren Kapitel noch ausführlich berichten.

Man wird den obigen Bericht vom Kössen-Kurs nicht mit der Behauptung abtun können, er sei der Phantasie eines TM-Feindes entsprungen. Übrigens fiel dieser Anhänger autoritärer Strukturen später selbst den autoritären Strukturen in der TM-Bewegung zum Opfer. Er lebte lange Zeit über in der deutschen TM-Zentrale in Schledehausen, bis er sich eines Tages zusammen mit einigen anderen Gouverneuren bei Maharishi über den deutschen TM-Leiter Dr. H. Röder beschwerte; mit der Begründung, dieser richte die deutsche TM-Bewegung zugrunde. Unter der Führung Dr. Röders, der in Schledehausen nach seinen Informationen wegen seines autoritären Verhaltens sehr unbeliebt war, hatte sich die TM in Deutschland nämlich sehr zurückentwickelt. Man bat Maharishi um die Ablösung Dr. Röders. Doch Maharishi duldet zumeist keine Kritik. Alle Gouverneure, die sich beschwert hatten, mußten Schledehausen verlassen, darunter eben auch sein Gewährsmann. Weggesäubert wurde wegen seines kritischen Denkens übrigens auch der Verfasser der TM-Verteidigungsschrift gegen die Bundesregierung. Anhänger autoritärer Strukturen fallen denselben Strukturen leicht zum Opfer.

Es lassen sich in der Tat einige Parallelen zwischen Maharishi und Hitler anführen, die verständlich machen, warum sich Maharishi dem ehemaligen deutschen Führer innerlich verbunden fühlen kann. Bei beiden handelte es sich um starke autoritäre Führerpersönlichkeiten, die absolute Unterordnung unter ihren Willen verlangten. Das Führerprinzip Hitlers entspricht im Grunde dem Guru-Prinzip Maharishis. Beide hatten starke missionarische Tendenzen, sie wollten die Welt verändern. Beide hatten einen Sinn für das Gigantische. Hitler wollte die Geschichte Deutschlands für tausend Jahre bestimmen, Maharishi möchte das Schicksal der Welt für tausende von Generationen prägen.

Maharishi liebt ohne Zweifel einen durch große Dimensionen geprägten Baustil. So sollte ein für Weggis geplantes Gebäude seiner Meru-Universität riesig lang werden. Es sollte die gesamte Szenerie von Weggis beherrschen. Die Gemeinde lehnte das jedoch ab und verlangte eine Unterteilung in mehrere kleinere Einheiten. Maharishi wollte jedoch keinen Kompromiß eingehen. Das Gebäude konnte nicht errichtet werden.



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Eine weitere Parallele besteht im Rassendenken. "Reinerhaltung des Blutes ist die Grundlage für ein langes Leben des Stammes und der Gemeinschaft. Und diese Reinhaltung hängt von dem Festhalten an alten Familientraditionen ab“ (Kommentar zur Bhagavad Gita, Kap. 1, Vers 42) . "Deshalb hat man das Kastensystem in Indien: diese Kaste wird diese Arbeit tun und jene Kaste wird jene Arbeit tun... Die Menschen haben die Größe und Feinheit dieser Arbeitsteilung in der Gesellschaft vergessen und beginnen alles zu verwischen. Das ist einfach Unwissenheit über die verschiedenen besonderen Entwicklungszustände der Leute“ ("Meditations of Maharishi Mahesh Yogi“, S. 46). Könnte nicht der Inhalt des ersten Zitates auch wörtlich aus dem 3. Reich stammen? Ihm geht es nicht um die Entwicklung des Einzelmenschen, sondern das Individuum soll sich dem vom Führer befehligten Ganzen unterordnen, wie eine Ameise dem Ameisenstaat. Der einzelne ist nichts weiter als ein Werkzeug in der Hand des Führers, der es nach eigenem Ermessen in seine Organisation eingliedert.

Nach anderen Berichten hat Maharishi sogar die Vernichtung der Juden im 3. Reich gerechtfertigt, mit der Begründung, Hitler habe sie lediglich für ihr schlechtes Karma (ihre schlechten Taten in früheren Existenzen auf der Erde) bestraft. Ja, ein Meditant behauptete mir gegenüber sogar, Hitler sei inzwischen wiedergeboren worden und würde jetzt als TM-Gouverneur für Maharishi arbeiten. Hitler sei also im Grunde gar kein schlechter Mann. Das hatte dieser Meditant aus TM-Kreisen erfahren.

Maharishi lehrt, daß sich die Menschen durch alle aufeinanderfolgenden Erdenleben hindurch grundsätzlich voneinander unterscheiden. Diejenigen, die von einer Kuh abstammen, werden Brahmanen und haben in allen Inkarnationen ein höher entwickeltes Nervensystem als die Anhänger der niederen Kasten, die von anderen Tieren abstammen (z.B. Elefant, Hund). Es entspricht dieser Grundeinstellung zum Menschen, daß er in seiner eigenen Bewegung vielfältige hierarchische Gliederungen und Trennungen zwischen seinen Schülern eingeführt hat, die das Bewußtsein seiner Anhänger stark prägen.

So wurde mir aus einer TM-Akademie berichtet, daß die dortigen Gouverneure die aus "gewöhnlichen“ Meditanten bestehenden Kursteilnehmer mieden, so wie in Indien die Nähe zur untersten Schicht, den "Unberührbaren“, gemieden wird. Beispielsweise durfte kein gewöhnlicher Meditant am Mittagstisch der Gouverneure sitzen, die befürchteten, sie könnten durch den Kontakt mit den einfachen Meditanten zu viel Energie



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verlieren. Es ist demnach kein Wunder, daß es in der TM-Bewegung an Brüderlichkeit mangelt. Das Kastensystem widerspricht völlig dem christlichen Grundsatz der Brüderlichkeit und Nächstenliebe. Christus hatte sich nicht vor dem Umgang mit Zöllnern gefürchtet.

Die Glorifizierung von Macht und Größe und der Mangel an Brüderlichkeit führen auch bei TM zur Verachtung der Schwachen, ebenso wie unter Hitler:
"Es gibt keinen Platz und es wird nie einen geben für den Schwachen. Der Starke wird führen, und wenn der Schwache nicht folgen will, gibt es keinen Platz für ihn. Dort, wo das Licht dominiert, ist kein Platz für Finsternis. Im Zeitalter der Erleuchtung gibt es keinen Platz für unwissende Leute. Der Unwissende wird durch einige wenige umherziehende Leute erleuchtet werden. Die Natur wird nicht zulassen, daß die Unwissenheit überlebt. Sie kann es gar nicht. Die Nichtexistenz des Schwachen ist immer das Gesetz der Natur gewesen“ (Inauguration of the Dawn of the Age of Enlightenment, MIU-Press, S. 47).
Zugleich macht dieses Zitat das in Anmaßung übergehende Elite-Bewußtsein bei TM deutlich. Man fühlt sich an den Begriff des "lebensunwerten“ Lebens erinnert, das auszumerzen sei.

Die Betonung einer eigenen Ideologie und die Einschränkung der Freiheit des Denkens gibt es bei TM ebenso wie unter Hitler. Ein TM-Anhänger soll nicht die Bücher anderer spin- tueller Bewegungen bzw. anderer Meister lesen. Mir wurde sogar ein Fall bekannt, wo jemand, der in seinem eigenen kleinen Verlag Bücher aus anderen geistigen Bewegungen heraus- brachte, praktisch aus der TM-Organisation ausgeschlossen wurde, und selbst seine Frau durfte aus diesem Grunde lange Zeit über nicht mehr an TM-Kursen teilnehmen, obgleich sie selbst durchaus loyal zur TM stand. Ein Bekannter, der ein Buch eines anderen indischen Gurus gelesen hatte, wurde u.a. aus diesem Grunde vom Besuch eines Initiatorenkurses ausgeschlossen. Eine solche erschreckende geistige Enge findet sich bei vielen autoritären Regimes.

Sicherlich ist Maharishi kein Freund der Demokratie. Er soll gesagt haben, es sei der Vorteil diktatorisch regierter Länder, daß dort die Kinder immer zu ein und demselben Herrscher aufschauen könnten. Dadurch könnten sich die Fähigkeiten des Herzens viel besser entwickeln als in den Demokratien, wo alle paar Jahre jemand anders an der Spitze des Staates steht. Ich hatte bereits in einem früheren Kapitel darauf hingewiesen, daß er das demokratische Prinzip grundsätzlich als Hindernis bei der Verbreitung der TM ansieht,



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weil man dann mühsam jeden einzelnen überzeugen muß.

Aber warum konnte Maharishi trotzdem in so kurzer Zeit in der ganzen Welt so erstaunlich viele Anhänger finden? Im folgenden Kapitel möchte ich zu erklären versuchen, was so viele zu ihm hingezogen hat.
 
 

13. Gründe für die rasche Ausbreitung von Maharishis Lehre

Um das Phänomen TM besser verstehen zu können, ist es erforderlich, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was viele Menschen öei TM so sehr anzieht, daß sich diese Meditatioris- form so rasch ausbreiten konnte. Ich fühlte mich selbst einmal sehr zu TM hingezogen und kenne auch die Motive von ire- ditierenden Freunden. Zunächst möchte ich auf die allgemeineren Gründe eingehen, die ebenso für den Erfolg anderer sog. Jugendreligionen gültig sind, vor allem aus dem Osten kommende Meditationsformen.

Bei Meditanten, die zum eigentlichen harten und aktiven Kern der TM-Bewegung zählen, spielen weltanschauliche Motive eine große Rolle. Deswegen habe ich in den vorangegangenen Kapiteln der Darstellung der TMeoretischen Aspekte von Maharis- his Lehre einen recht breiten Raum gewidmet. Wer für die Me- ditierenden ein ernst zu nehmender Gesprächspartner sein will und ihre Gründe kennenlernen möchte, muß sich mit ihren weltanschaulichen Motiven auseinandersetzen.

Es gibt heute, vor allem auch in der jüngeren Generation, viele, die sich nach einer einheitlichen und umfassenden Weitsicht sehnen, die nicht nur auf dem Glauben beruht, sondern Erfahrung und Denken einschließt. Sie möchten sich nicht von den Dogmen der bei uns vorhandenen Konfessionen einschränken lassen und empfinden deren Abgrenzungen voneinander und Streitigkeiten miteinander als kleinkariert. Sie möchten stattdessen vorurteilslos nach einer umfassenderen Wahrheit suchen. Ihr Erkenntnisstreben ist durch einen ganz allgemein gefaßten und vagen Glauben an Gott nicht zu befriedigen. Sie suchen nach recht detaillierten und konkreten, auf Erfahrung und Denken beruhenden Erkenntnissen, ähri- lich wie es die Wissenschaft tut. Erkenntnisse, die jedoch nicht nur wie in der Wissenschaft üblich dieses oder jenes Spezialgebiet betreffen, sondern die Grundlagen des Lebens berühren.



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Ein Teil der Jugend hat sicr~ in dieser geistigen Situation
dem Materialismus und Marxismus zugewendet; ein kleinerer Teil wendet sich aus dein Bestreben heraus, die letzten Wahrheiten des Lebens zu erkennen, einer Vielzahl von spirituel- len Gruppen zu, die im Unterschied zum Materialismus nicht das Prinzip der Materie sondern das des Geistes als dominierend in der Welt und im Menschen betrachten. Für sie ist nicht die Materie sondern der Geist die Grundlage, von der das ganze Leben und alle Existenz ihren Ausgang nahmen und auf der sie beruhen. Dazu gehören die aus Indien stammenden Lehren, die besonders auch wissenschaftlich gebildete Menschen ansprechen, weil sie analog zur Wissenschaft strukturiert sind. Sie beruhen auf dem Prinzip der reproduzierbaren Erfahrung, hier allerdings nicht der Erfahrung der äußeren Wirklichkeit durch die Äußeren Sinne des Menschen, sondern der Erfahrung der seelisch-geistigen Wirklichkeit durch Versenkung in das eigene Innere mit Hilfe von Yoga- und Medita- tionsübungen. Dadurch möchten viele Wahrheibssuchec zum Grund aller Dinge und zur Selbstverwirklichung gelangen.

Aus den so gewonnenen inneren Erfahrungen wird ein sehr umfassendes und detailliertes Weltbild und Gedankensystemn abgeleitet, das nahezu alle großen Fragen des Menschen nach dem "Woher“ und "Wohin“ beantwortet. Das Faszinierende daran ist, daß es sich dabei nicht nur um rein philosophisch-gedankliche Spekulationen oder um TMeologische Dogmen handelt, sondern daß für den Meditierenderx seine Weltanschauung prinzipiell empirisch nachvollzie‘nbar ist, also in seinem eigenen tieferen Wesen gründet. Er findet sozusagen einen "Claubensbeweis

In dem Zusammenhang ist auch das Gruppenerlebnis von Bedeutung, das den lebendigen geistigen Austausch mit Gleichgesinnten ermöglicht und auch der Selbstbestätigung dient. Die wöchentlichen TM-Centerabende, Meditationskurse und sonstigen Centeraktivitäten ermöglichen dies, Die TM-Bewegung ist wie eine große Familie, in der der geistig Suchende der anonymen und materialistischen Umwelt gegenüber Geborgenheit findet und wo er glaubt sein zu können, was er im Grunde seiner Seele ist und sein möchte. Nach kurzer Zeit besteht dann zumeist der ganze Freundeskreis nur noch aus TM-Anhän- gern. Es ist auch ein erhebendes Gefühl, gemeinsam zu glauben, man gehöre zur Geisteselite der Menschheit, zu dem kleinen Kreis derjenigen, die den geheimen Pfad zu Glück und Erkenntnis gefunden haben und nun die übrige Menschheit aufzuklären und zu missionieren suchen. Solch ein Elitebewut3t-



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sein wirkt natürlich sehr verbindend, es zieht den einzelnen stark zu seiner Gruppe hin.

Die Sicherheit und Geborgenheit, die man nicht mehr oei den Eltern findet, sucht man nun bei einem gottgesandten Guru, der einen durch das Dickicht des Lebens hindurch dem hohen und ohne ihn nur schwer erreichbaren Ziele zuführt. Indem man ihm und seiner Sache dient, hat man endlich ein Ideal gefunden, für das es sich zu leben und zu arbeiten lohnt, durch das das eigene Leben schon jetzt einen höheren Sinn und eine höhere Aufgabe gefunden hat. Diesen Lebenssinn und inneren Frieden konnten die Meditanten in ihrer seelenlosen, kalten, materialistisch und technokratisch geprägten, kon- sumorientierten Umwelt nicht finden. Sie wollen gemeinsam mit ihrer Gruppe ein alternatives Leben führen.

Bei anderen wiederum, die nicht oder noch nicht religiös-weltanschaulich ausgerichtet sind, spielt das Streben nach innerer Ruhe, Entspannung und Befreiung von Stress und Nervosität die ausschlaggebende Rolle. Sie fühlen sich im Grunde in der Gesellschaft zu Hause und suchen lediglich nach mehr Energie, Tatkraft und Zufriedenheit, um den ständig wachsenden Anforderungen des Lebens in Gesellschaft und Beruf besser begegnen zu können. Diese hören jedoch sehr oft bald nach der Einführung wieder mit der Ausübung der TM auf, weil TM in der Regel nach kurzen faszinierenden Anfangser- folgen nichts mehr zu bringen scheint. Solche "Durststrek- ken‘, in denen keinerlei angenehme Wirkungen der Meditation mehr zu spüren sind, schrecken lediglich diejenigen nicht ab, die ein tieferes Interesse an der Sache haben, an die sie glauben, und das sind fast ausschließlich die weltanschaulich überzeugten. So ist es recht geschickt, daß Haha- rishi auf den TMeoretischen Unterbau der Transzendentalen Meditation so viel Wert legt und ihn in seinen Büchern und Kursen fortwährend noch weiter ausbaut, obgleich in den Ein- führungsvorträgen TM als weltanschaulich ungebundene Energie- und Entspannungstechnik dargestellt wird. Eine sofortige Konfrontation mit der Weltanschauung bereits vor dem Erlernen der TM würden dagegen sicherlich viele abschrecken.

Wenn auch die intensiven Anfangserfahrun-en mit der Medita- tion nicht jeden auf Dauer bei der Stange zu halten vermögen, so spielen sie aber dennoch eine große Rolle. An diese Stelle möchte ich nur andeuten, daß die meisten kurz nach der Einführung tatsächlich sehr tiefe Erfahrungen von höheren Dimensionen des Bewußtseins - Glück, Entspannung und Energiegewinn - machen. Bei manchen schlägt die TM-Einfüh-



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rung geradezu wie eine Bombe ein. Solche Bewußtseinserfah- rungen. Kennen sich von den Nichtmeditanten wohl arc ehesten diejonieen mit einer Drogen-Vergangenheit vorstellen. Es dürfte deshalb kein Zufall sein, daß sich unter den Teilnehmern reiner Einführungskurse relativ viele junge Leute mit Drogenerfahrung befanden. Sie hatten vorher durch Drogen das zu verwirklichen versucht, was ihnen nun bei TM versprochen wurde. Sie glaubten, durch TM ihre Bewußtseinsgrenzen auf eine weniger gefährliche Weise sprengen zu können als mit Drogen. Die intensiven Anfangserfahrungen mit der Meditation wirken natdrlich sehr überzeugend. Von nun an besteht ein hohes Maß an innerer Bereitschaft, alles zu glauben, was Ha- harishi verspricht und sich auch engagiert für seine Sache einzusetzen. Ohne diese vielen unentgeltlich und mit großer innerer Überzeugung arbeitenden Helfer hätte sich TM nicht so rasch ausbreiten können. Da sie selbst ganz aufrichtig von Maharishis Lehren überzeugt sind, wirken sie auch sehr überzeugend auf die Menschen ihrer Umgebung und bringen durch ihre Propaganda viele zur TM.

Schließlich war für Maharishis Erfolg auch der günstige Zeitpunkt sehr von Bedeutung, zu dem er in den Westen kam. Wie die Drogenwelle und die damalige Hippie-Bewegung zeigt, strebte die Jugend bereits nach neuen Ufern, auch ohne ihn. Er konnte die bereits vorhandenen Bedürfnisse dieser Jugendlichen zu seiner eigenen Bewegung hin kanalisieren. Er war der erste, der eine rasch und intensiv wirkende Heditations- form für breite Bevölkerungskreise zugänglich machte. Als wenige Jahre später die große Guru-Welle auf den Westen zu- rollte, hatte Haharishi bereits sein Schäfchen ins Trockene gebracht. Die anderen Gurus mußten sich zumeist mit der nur langsam anwachsenden Anzahl derjenigen zufriedengeben, die von TM absprangen. Auch heute noch rekrutieren sich die Schüler anderer spiritueller Bewegungen zu einem großen Teil aus ehemaligen TM-Anhängern. TM war einmal das einzige große Sammelbecken für alle an Meditation Interessierten, so daß Haharishi in den Anfangejahren seiner Aktivitäten im Westen kräftig "absahnen“ konnte. Heute sieht die Lage für ihn nicht mehr so günstig aus, sein Meditationamonopol besteht nicht mehr.

Wesentlich für das Entstehen einer breiten TM-Hassenbasis war auch, daß Maharishi, vor allem am Anfang, keine hohen Anforderungen an den einzelnen stellte. Die MeTMode ist denkbar einfach und leicht und schnell zu erlernen. Sie war am Anfang auch noch für wenig Geld zu haben. Er stellte an



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seine Anhänger zunächst viel geringere Anforderungen als andere Gurus. Es bestand völlige Glauhensfreiheit, da die TM-Weltanschauung bei der Einführung nicht mit übernommen zu werden brauchte. Vegetarisches Essen oder sexuelle EnTMaltsamkeit wurden zunächst ebensowenig verlangt wie Askese oder Weltflucht. Im Gegenteil sollte durch TM die Freude auch am weltlichen Leben noch gesteigert werden, wie z.B. die Freude an einem neuen Auto. Dem Geschäftsmann wurde versprochen, er würde dank TM noch reicher werden. Nur 20 Minuten Heditation morgens und abends sollten dafür ausreichen. Auch die wissenschaftlich aufgezogene Werbung für die Meditation entsprach den Bedürfnissen und Wünschen großer Bevölkerungsteile. Den dauerhaften Weltfrieden versprach er seinen Anhängern ebenso wie Gesundheit, ein langes Leben und ewige Glückseligkeit im Jenseits.

TM wurde ganz bewußt unter dem Motto verbreitet, jedem als Folge des Meditierens genau das zu versprechen, was er sich sowieso schon immer gewünscht hatte, was auch immer es war, und zwar mit geringstem persönlichen Einsatz. Wer sehnt sich nicht gelegentlich nach solcher Art von Schlaraffenland, wo einem die fertig gebratenen Tauben nur so in den Mund flie- genl Erst als er bereits eine große Schar von treuen Anhängern gefunden hatte, die bereit waren, ihm durch dick und dünn zu folgen, schraubte er die Anforderungen in jeder Hinsicht drastisch hinauf. Die Kurspreise wurden enorm erhöht, die Heditationszeiten ebenfalls. Vegetarisches Essen, EnTMaltsamkeit gegenüber Sex, Alkohol und Nikotin sowie die Bereitschaft, für den Meister Studium, Beruf und überhaupt das weltliche Leben aufzugeben, gehören heute ebenfalls zum Idealbild des Initiators. Andere Gurus sind zumeist ehrlicher und konfrontieren die Interessenten gleich von Anfang an mit solchen Anforderungen.

Haharishi ging geschickter und pragmatischer vor als andere Gurus. Das liegt in seiner Persönlichkeit begründet, die mir zu solcher Art von Erfolg geradezu prädestiniert scheint. Er hat ausgesprochene Manager-Qualitäten, ist sehr ehrgeizig, intelligent und energisch und setzt sich, wenn sein Erfolg es erfordert, leicht über Skrupel hinweg. Er vernachlässigt weder den finanziellen noch den organisatorischen Bereich. Auch muß man ihm psychologische Fähigkeiten zugestehen. Viele Gurus und Meister sind eher feingeistige Persönlichkeiten, denen solche für den breiten Erfolg nötige Hanagergua- litäten mehr oder weniger abgehen.



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Geschickt weist Haharisni auf die tatsächlich vorhandenen Mißstände und Nöte vieler Menschen in unserer Zeit hin und stellt fest, daß es in der Vergangenheit kein leichtes Mittel zur Lösung aller Menschheitsprobleme gab. In Zusammenhang mit diesem nicht bestreitbaren Sachverhalt empfiehlt er den zahlreichen vom Leben Enttäuschten, es doch einmal mit einem ganz neuartigen Weg, nämlich mit TM, auszuprobieren. Weiterhin ist es ein großes Plus für ihn, daß er stets auf seinen ehemaligen Meister, Guru 0ev, verweisen kann, denn dieser war eine sehr angesehene Persönlichkeit des indischen Geisteslebens.

Für mich selbst waren es nicht zuletzt die faszinierenden ersten Heditationserfahrungen, die mich lange Jahre über treu zur TM stehen ließen. Leider erkannte ich erst zu spät und nach vielen Enttäuschungen, daß solche vorübergehenden intensiven inneren Eindrücke und Wirkungen auf das Bewußtsein letztlich nicht viel zu sagen haben und durchaus kein Beweis dafür sind, daß es sich bei Maharishi um einen guten geistigen Lehrer und bei TM um eine gute Sache handelt. Nach meinen Erfahrungen ist das Gegenteil der Fall. Deshalb möchte ich im folgenden Kapitel kritisch auf die Aussagekraft solcher Bewußtseinserfahrungen eingehen.
 
 

14. Zur Bewertung von Heditationserfahrungen

Anfang der siebziger Jahre konnte die "Divine Light“-Sekte des Guru Maharaj Ji einen großen Einbruch in die TM-Reihen erzielen. Die Teilnehmerzahl an meinen Marburger TM-Centera- benden ging dadurch schlagartig von etwa 10 auf 2 zurück, so daß ich als TM-Lehrer praktisch wieder von vorne anfangen mußte. Die Meditanten hatten gemerkt, daß die großen Versprechungen Maharishis in Wirklichkeit nicht in Erfülluna rängen, trotz der guten Anfangserfahrungen. Statt nun aber ihre Ansprüche auf ein bescheideneres Haß zu reduzieren, liefen sie einfach zum nächsten Propheten über, der mindestens genausoviel versprach wie Maharishi.

Ein Meditant, der in seiner Entwicklung bereits eine marxistische und eine LSD-Phase durchlaufen hatte und bei der Verbreitung der TM einer meiner einsatzbereitesten Helfer gewesen war, ~ußerte sich besonders begeistert über seinen neuen geistigen Weg. Er berichtete, er habe bei meiner neuen Einweihung ein helles Licht gesehen, so stark, als habe er



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mitten in der Sonne gestanden. Seine Erfahrungen bei der TM-Initiation seien im Vergleich dazu nichts gewesen.

Tatsächlich machte er in den ersten Tagen nach seiner neuen Einweihung einen recht überzeugenden Eindruck. Er kam mir irgendwie größer vor, sein Gesicht war voller und leuchtete, seine Augen strahlten. Er hatte wirklich eine deutlich spürbare Ausstrahlung. Doch bald darauf machte er einen schlechteren Eindruck als je zuvor. Er sah sehr blaß und elend aus. Wann und wo auch immer man ihn traf, er konnte nur noch über seinen neuen Guru stammeln, den er für die höchste Verkörperung Gottes hielt, und war fortwährend am Missionieren, freilich mit wenig Erfolg. Diese Phase hielt etwa zwei Jahre lang an. Ich hatte ihn bereits innerlich aufgegeben. Nach Ablauf dieser Zeit traf ihn mein Freund auf der Straße und berichtete ganz überrascht, der D. mache plötzlich wieder einen recht ausgeglichenen Eindruck, sehe wieder normal aus und man könne wieder vernünftig mit ihm reden. Was war geschehen? War nun doch endlich dank Divine Light sein großer Durchbruch zur Erleuchtung erfolgt? Er berichtete dem Freund, er habe nun ganz aufgehört zu meditieren und fände, daß indische Wege geistiger Entwicklung fdr den Westen nicht geeignet seien. Stattdessen beschäftigte er sich nun mit AnTMroposophie.

Für die Umwelt sind solche Verhältnisse offenbar viel leichter zu durchschauen als für den Betroffenen selbst. Wir bemerkten schon seit langem, wie mitgenommen er aussah, und daß er oftmals gar nicht mehr klar denken und sprechen konnte, wie es häufig bei Drogenabhängigen zu bemerken ist. Allein daraus konnten wir schon schließen, daß ihm sein geistiger Weg offenbar nicht gut tat. Während die Umwelt ihr Urteil auf die äußere Erscheinung gründet, sind für den Betroffenen selbst seine inneren Erfahrungen maßgebend, die ja sehr faszinierend sein können. Er kennt seine äußere Erscheinung nicht, die Umwelt dagegen kennt seine inneren Erfahrungen nicht. Das erschwert natürlich die Kommunikation zwischen dem äußeren Beobachter und dem Betroffenen. Ähnlich erlebte ich auch in der TM-Bewegung immer wieder Gouverneure oder Siddhas, die auf ihre Heditationstechniken und den Meister schworen, aber nach außen hin wenig überzeugend wirkten. Kann man den Wert eines geistigen Weges nach irgendwelchen vorübergehenden inneren Sensationen und Extasen beurteilen? Auch der Drogenweg führt zu starken inneren Erfahrungen, zerstört den Menschen aber auf Dauer.



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Ich meine, daß bestimmte geistige Übungen das Nervensystem ähnlich stimulieren können, wie es durch den chemischen Einfluß von Drogen geschieht, mit ähnlichen positiven und negativen Begleiterscheinungen. Sowohl für TM wie für den Drogenweg ist es charakteristisch, daß auf rein mechanische bzw. chemische Weise, unter Ausschluß des bewußten Willens, Bewußtsein und Persönlichkeit verändert werden.

Interessant ist es in diesem Zusammenhang, auf das in uralten indischen heiligen Schriften besungene Soma hinzuweisen. Soma wird offenbar aus Pflanzen extrahiert. Die in den Veden selbst beschriebenen Auswirkungen der Einnahme von Soma sind, zumindest äußerlich betrachtet, den Drogenwirkungen sehr ähnlich, so daß es von vielen Forschern tatsächlich als eine Droge angesehen wird. Haharishi sagt, das Soma könne auch vom menschlichen Körper selbst produziert werden. Das ist u.a. der Zweck der Siddhi-Heditation. Auch wird in dieser Absicht auf TM-Kursen oft das sog. Soma-Handala aus dem Rig-Veda vorgelesen. Dabei treten mitunter rauschartige ekstatische Zustände auf, die von den Heditierenden als So- rca-Rausch bezeichnet werden. Gleichzeitig wird Soma als GotTMeit aufgefaßt.

Um einen Eindruck von diesen Texten zu geben, möchte ich einige Verse daraus zitieren:
"Im lieblichen Strome, oh Soma, läutere dich als den Göttern angehöriger Stier! in des Schafes Schweifhaaren, uns zuge- tan.
Heran laß strömen, oh Indu, diesen Rauschtrank Indra (ist es selber) denkend / heran zu unseren kräftigen Rennern. Diesen vorzüglichen Rauschtrank strömen lassend fließ in die Seie! heran fließen lassend Kraft und Ruhm.“
"Ihn entsenden die Unvermählten, sie blasen den glucksenden Schlauch! das dreifache, treffliche Maddhu.
Ringsherum kochen ihn die Kühe, die Milchkühe, den jungen! den Soma, daß ihn Indra trinke.
Im Rausch von diesen tötet Indra alle Vrtra,/ der Held und schenkt Reichtümer.“
(Rig-Veda, Handala IX. 6.5, Pavamana Soma und IX. 1.1)

Den Heditanten wird empfohlen, diese Texte auch zu Hause zu lesen, Tag für Tag. Es ist typisch für den mehr magisch-unbewußten TM-Weg, daß Haharishi für den Sinn dieser dunklen Verse im allgemeinen keine Erklärung gibt; man soll sie einfach so in sich aufnehmen. Folgendes Zitat gibt wohl Aufschluß darüber, was er durch das Vorlesen aus diesen Schrif-



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ten bezweckt: "Wir tun hier etwas entsprechend den vedischen Riten, besondere Gesänge, die eine Wirkung in einer anderen Welt auslösen, die die Aufmerksamkeit jener dort lebenden höheren Wesen oder Götter anziehen. Das ganze Wissen der Mantren oder Hymnen der Veden soll die Verbindung des Menschen mit den höheren Wesen in verschiedenen Ebenen der Schöpfung bewirken“ ("Meditations of Maharishi f4ahesh Yogi“, Bantam Books, 5.17) . Demnach möchte Maharishi durch das Re- zitieren solcher Texte offenbar geistige Kräfte anrufen, wohl damit sie ihs helfen. Deutlicher als mit diesem Zitat kann seine Behauptung, TM sei eine religiös und weltanschaulich neutrale, rein wissenschaftlich gehaltene Technik, kaum widerlegt werden. So kommt auf die Meditanten auf ihrem langen TM-Weg vieles zu, wovon sie sich am Anfang noch nichts träumen ließen und was sie am Anfang vielleicht scharf abgelehnt hätten.

Wesentlicher als ungewöhnliche innere Erfahrungen scheint mir die charakterlich-eTMische Entwicklung der Mcditanten zu sein. Und gerade auf diesem Gebiet begegnete mir in der TM-Bewegung vieles Fragwürdige. Die Begriffe "Wahrheit“ und "Liebe“, die von Maharisni und den Meditanten oft angeführt werden, haben bei ihnen einen anderen Inhalt als in der herkömmlichen ETMik, wie sie z.B. das Christentum oder der Buddhismus lehren.
 



15. TM-Lügen

Wie schon ausgeführt, wird in der TM-Bewegung die Wahrheit dem Erfolg untergeordnet. Offensichtlich liegt ein fundamentaler Widerspruch vor zwischen dem Anspruch der TM und ihrem tatsächlichen Wesen. Da Gott die Wahrheit ist, sollte man von einem göttlichen Propheten ein besonders hohes Maß an Wahrhaftigkeit erwarten. In der Bibel heißt es in dem Zusammenhang: "Ihr seid Kinder des Teufels, der ist Euer Vater... und hat niemals auf der Seite der Wahrheit gestanden, weil es für ihn keine Wahrheit gibt. Wenn er lügt, so entspricht das seinem Wesen; denn er ist ein Lügner, und alle Lüge stammt von ihm“ (J0 8,44> . "Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind! An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Hat 7,15/16). Doch Maharishi geht recht großzügig mit der Wahrheit um. So wie er bereit ist, seine Anhänger in Bezug auf die wahre Bedeutung der Mantren und deren Auswahl



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zu täuschen, so will er sie vielleicht überhaupt mit TM täuschen. Daß TM zur Gottverwirklichung führt, ist m.E. nur eine Lüge, hinter der vielleicht andere Absichten verborgen liegen. Sein Ausspruch: "Selbst die Lüge eines Weisen bedeutet für die Unwissenden eine Erleuchtung‘, sollte zu denken geben.

Man trifft diese Unaufrichtigkeit auch bei anderen "Jugend- religionen“. Bei den "Kindern Gottes“ gibt es sogar einen terminus technicus dafür: man bezeichnet dort das Lügen des i‘leisters bzw. für dessen Sache als "heavenly deception“ (Himmlische Täuschung) . Das TM-Werbematerial enTMält viele falsche Versprechungen. So wird in der TM-Schrift "Verwirklichung der idealen Gesellschaft“ auf 5.4 das stilisierte Bild eines Jünglings mit der goldfarbenen Aufschrift "Sidd- ha“ auf der Brust gezeigt, der im Lotussitz hoch über einer Stadt schwebt. Die Bäume, Häuser, Kirchtürme usw. unter ihm sind nur noch ganz klein zu sehen. Das suggeriert, man könne mit Hilfe der teuren Siddhi-Kurse lernen, wie ein Flugzeug zu fliegen. Und in einem Mitteilungsblatt der TM-Akademie Urach heißt es unter der Überschrift "Großes Flugfest in Ur- ach“: "Am Samstag ist Vollmond und Mariä Himmelfahrt, schon vom Namen her also ein wahrhaft erhebendes Datum für ein Flugfest.“ Wenn man als unwissender Zeitgenosse diese Zeilen liest, so könnte man im ersten Moment glauben, es werde ein Segelfliegertreffen oder eine motorflugsportliche Veranstaltung angekündigt. Tatsächlich aber hüpfen die Siddhas auch heute, nach mehrjähriger Übung, bei ihren sog. Flugübungen nur rund einen halben Meter hoch in die Luft.

Der TM-Gouverneur R. Seemann berichtet in einem bislang un- veröffentlichten Manuskript über folgenden Vorfall: Ein Ne- ru-Wissenschaftler zeigte Maharishi eine neuerstellte wissenschaftliche Grafik, anhand derer die überragende Leistungsfähigkeit von TM bewiesen werden sollte. Doch t4aharis- hi war die sowieso schon für TM sprechende Kurve noch nicht steil genug. Er verlangte, sie ohne Rücksicht auf die Tatsachen noch etwas höher zu zeichnen. Der Meru-ProfessOr meinte zunächst, das ginge doch nicht, da ein solches Vorgehen seinem Wissenschaftsverständnis zuwiderlief. Aber schließlich fügte er sich dem wiederholt geäußerten Wunsch des Meisters. Das Beispiel verdeutlicht den Geist der Unterordnung, in dem Maharishi seine Schüler erzieht. Sie sollen sich weder nach der äußeren Wirklichkeit richten noch nach ihrem eigenen Erkennen sondern allein nach dem Guru. So wird dieser zum Gott eines künstlichen Kosmos, der mit der tatsächlichen Welt und



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Wirklichkeit nicht viel gemein hat. So kann der Meister für den Gottaucher zum Götzen werden.

Ich diskutierte einmal mit einem Initiator, einem Physiker, über die Unwahrhaftigkeit, die sich überall in der TM-Bewe- gung zeigt. Seine ausweichende Antwort war: "Du sprichst von Wahrheit. Zur Zeit beschäftige ich mich mit InformationsTMeorie, und dort ist es nicht gelungen, einen befriedigenden Iriformationsbegriff unabhängig vom Empfänger zu definieren. Meine Einstellung, daß Maharishi meist in Möglichkeiten und nicht in Fakten denkt, kennst du ja.“ Mir scheint diese Antwort typisch für das Dilemma zu sein, in dem sich die eigentlich vor> ihrer Natur her integren Persönlichkeiten bei TM vielfach befinden. Er selbst würde nie lügen, aber da die LLige einfach ein Faktum in der TM-Beweguriy ist, er sich aber nicht von TM lösen möchte, muß er die TM-LUgen irgendwie rechtfertigen und tut das auf seine Art und Weise mit Hilfe der InformationsTMeorie. So wird in der TM-Beweguny hohe Intelligenz sehr oft als Mittel zur Verschleierung mißbraucht, ja sogar als Mittel zur Selbsttäuschung. Wahrheit wird auf diese Weise für Maharishis Schüler zu etwas höchst Relati- vern.

Der Philosoph Aurobindo sagt zur Wahrheitssuche: "Gewiß wird vorn spirituelleri Suchenden nicht verlangt, daß er alles und jedes für wahr halten muß. Eine solche wirte und schwachsinnige Gläubigkeit wäre nicht nur unintellektuell, sondern im höchsten Grade unspirituell. In jedem Augenblick des spin- tuellen Lebens muß man, bis man völlig in das höhere Licht gelangt ist, auf seiner Hut und fähig sein, spirituelle Wahrheit von ihrer pseudo-spirituellen Nachahmung oder von ihrem vom Mental oder vom vitalen Begehren dafür unterge- schobenen Ersatz zu unterscheiden. Die Macht, zwischen den Wahrheiten des Göttlichen Wesens und den Lügen des Asura (dämonische Mächte) zu unterscheiden, ist eine entscheidende Notwendigkeit für den Yoga... Eine wahilose Urteilslosigkeit mentalen Fürwahrhaltens wird weder von einer Spiritualität noch vorn Yoga gelehrt; der Glaube, von dem er spricht, ist kein grobes mentales Fürwahrhalten, sondern das Vertrauen der Seele auf das lenkende Licht im Innern, ein Vertrauen, das bleiben muß, bis das Licht es hinüberführt in das Wissen“ (Kumar Roy und Indira Devi, "Der Weg der großen Yogis, S. 16 1/162)

Der hier von Aurobindo geforderte Wille, zwischen Wahr und Unwahr zu unterscheiden, ist bei vielen Schülern Maharishis nicht mehr vorhanden. An die Stelle der Unterordnung unter



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die göttliche Wahrheit tritt bei ihnen die Unterordnung unter den "göttlichen“ Meister. Statt Widersprüchen in der TM-Bewegung auf den Grund zu gehen, bemühen sie sich, alles positiv zu verstehen, notfalls zu vertuschen, manchmal mit der Begründung, Unterschiede wie der zwischen Licht und Dunkel und zwischen Wahr und Unwahr öesttinden sowieso nur auf der Ebene der Relativität, auf der sich nur die Unwissenden befänden. Auf der Ebene der Einheit, zu der man durch TM ja gelange, gäbe es keine Unterschiede mehr. Wozu also sich mit den Unterschieden auf der Ebene der Relativität herumschlagen? Das kann einen doch nur von seiner hohen Bewut3tseinse- bene herunterziehen!

Omar Khajjams Wort: "Nur eines Haares Breite trenrxet Trug von Wahrheit“ scheint mir ein Licht auf die Lage bei TM zu werfen. Viele Lehren Maharishis entsprechen weitgehend denen von allgemein als heilig oder erleuchtet angesehenen Meistern und Propheten, so daß sich mit Leichtigkeit viele Argumente zu seiner Rechtfertigung finden lassen. Seine Lehren scheinen wahr zu sein, sind aber nur fast wahr. Kehrt man seinen gesunden Menschenverstand und seine Wahrheitsliebe nicht völlig unter den Teppich, so lassen sich leicht Abweichungen finden, eben jene Haares Breite. Wie das Beispiel des "InforrnationsTMeoretikers“ zeigt, verschließen aber vie- le Meditanten lieber ihre Augen vor jenem kleinen Spalt zwischen Wahr und Unwahr. Sie wollen sich nicht in ihren Illusionen stören lassen.

Zu den TM-Lügen gehören auch die vielen dort geläufiaen, irreführenden Titel und Ehrenzeichen, denen keine entsprechende Realität gegenübersteht. So spricht Maharishi viel von seiner "Weitregierung des Zeitalters der Erleuchtung“ und verleiht massenhaft Minister- und Gouverneurstitel. Gouver- neur oder sogar Exeoutiv-Gouverrieur wird man bei ihm einfach durch den Besuch eines langen und teuren Kurses. In der TM-Bewegung sollen diese Titel eine Anhebung des Selbstbewußtseins bewirken, sind aber reine Selbsttäuschung. Durch die Verleihung von Professorentiteln an die Lehrer seiner Meru-Universität, die in keinem ordentlichen Verfahren habi- litiert wurden, soll ein wissenschaftliches Niveau vorge- täuscht werden, das nicht existiert. Auch die Bezeichnung "Universität“ fur seine lediglich aus wenigen Hotelzimmern bestehende Meru scheint mir reichlich hochgegriffen zu sein.



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Ähnlich verhält es sich mit spirituellen Titeln, wie dem Titel "Siddha“, der wörtlich "erleuchtetes, vollkommenes Wesen“ bedeutet und in der indischen Tradition für Heilige verwendet wird. Dementsprechend finden sich in den TM-Wer- beschriften auch viele Fotos von TM-Siddhas, die um den Kopf herum einen Heiligenschein zeigen. Wie dieser Heiligenachein bei den fotografischen Aufnahmen entsteht, das schildere ich später noch im Erleönisteil. Siddha wird man bei Maharishi ganz einfach durch das Absolvieren eines 4000 bis 6000 DM teuren Siddhi-Kurses. So einfach ist hier der Weg zur Heiligkeit! So ist vieles in der TM-Bewegung nichts weiter als ein Gaukelspiel, eine reine Hochstapelei. Leider verlieren dabei die Anhänger oft den festen Boden der Realität unter den Füßen. Sie beginnen, an eine den Titeln entsprechende Wirklichkeit zu glauben, die es aber bei TM gar nicht gibt.

Wie sehr das Verleihen von Titeln zu den autoritären Strukturen der TM-Bewegung beiträgt, ist aus folgendem Beispiel ersichtlich: Eine Heditierende erzählte mir, ihre Initiato- rin sei in letzter Zeit mit einem etwas verhärmten Gesicht herumgelaufen und habe ihr schließlich folgenden Grund genannt: "Seit neuestem gibt es in meinem Weltplancenter einige Gouverneure. Früher erledigten wir alle Centerarbeiten gemeinsam, aber seit sie vom Siddhi-Kurs zurück sind, wollen sie nur noch durch ihr Bewußtsein regieren. Sie beschränken sich jetzt darauf, uns anderen Initiatoren Anweisungen zu geben, und wir sollen nun alle praktischen Arbeiten alleine machen.“ Ob Haharishi Titel verleiht, weil er für die Herrschaft in seinem TM-Imperium auf autoritäre Strukturen angewiesen ist?

Unwahrhaftig ist auch die Art und Weise, wie man sich bei TM mit der Kritik von "ausgetretenen“ ehemaligen Anhängern auseinandersetzt. Ein in der TM-Bewegung sehr bekannter Arzt, der auch auf Haharishis Video-Bändern zu sehen ist, sprang -kurz nachdem er Gouverneur geworden war - von TM ab. Daraufhin wurde das Gerücht in Umlauf gesetzt, er habe kurz danach seinen Schritt bereut und Haharishi um Vergebung gebeten, aber der habe ihn nicht mehr haben wollen. Als ich ihn auf dem Eckankar-Europakongress in Aachen wiedersah, lachte er nur über diese Gerüchte, die ihm bereits zu Ohren gekommen waren, Würde die TM-Bewegung über die besseren Argumente verfügen, so würde sie die Kritik entweder ignorieren oder argumentieren, anstatt über die "Verräter“ falsche Gerüchte zu verbreiten.



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Das über jenen ehemaligen TM-Arzt ausgestreute Gerücht ist höchst raffiniert, da es zugleich die Erklärung dafür beinhaltet, warum er denn nie wieder bei TM gesehen wurde, obschon er doch seinen Austritt angeblich bereute: Haharishi wollte ihn nicht mehr annehmen. Solche falschen Gerüchte müssen wohl ausgegeben werden, um andere unsichere Kandidaten vom gleichen Schritt abzuschrecken. Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, es ginge den "Abtrünnigen“ gut und sie seien froh und glücklich über ihren Austritt. Nach den TM-Dogmen müßte nämlich jeder "Abtrünnige“ sofort alle "Unterstützung durch die Natur“ verlieren unö es müßte ihm sehr schlecht ergehen. Ginge es ihm dennoch gut, so würde der Glaube an TM und Maharishi ins Wanken geraten.

über mich wurden nach meinem TM-Austritt ebenfalls unwahre Behauptungen verbreitet. Um mich unglaubwürdig zu machen, wurde beispielsweise von der TM-Bewegung über mich öffentlich ausgesagt, ich sei in Wirklichkeit nie Heru-Professor gewesen. Eben jener Geoffrey Clemments, der dies öffentlich bezeugte, hatte mir während meines AufenTMaltes an der Heru in seiner Eigenschaft als Heru-Leiter sogar schriftlich be- stätigt, daß ich Mitglied der Heru-Fakultät war. Ich bin nicht nur im Besitz dieser schriftlichen, mit Heru-Siegel versehenen Urkunde, sondern habe auch noch ein Briefcouvert aus Schledehausen, dessen Adress-Aufkleber für mich die Anrede "Prof. Dr. ..." enthält.

Auch versuchte die TM-Bewegung mich durch Drohungen von der Publikation dieses Hanuskriptes abzuschrecken: "Wir werden nun gegen unsere Gegner vorgehen. Da Sie aber im Unterschied zu unseren Hauptfeinden in Bensheim ein spiritueller Mensch sind, haben wir Sie gern und wollen Ihnen das gern ersparen. Deshalb sehen Sie bitte freiwillig von der Veröffentlichung ab.“ Angeblich wurden bereits Heditationstechniken gegen den Papst entwickelt, der als besonders großer Feind der TM-Bewegung angesehen wird. Ein ehemaliger TM-Freund drohte mir sogar an, ich würde nun in meiner Entwicklung für viele aufeinanderfolgende Erdenleben stark abfallen. Das entspricht in der TM-Bewegung in etwa den Höllengualen, die die mittelalterliche Kirche den Ketzern in Aussicht stellte. Die geistige Verwirrung unter den TM-Anhängern ist so groß, daß man mir vorwarf, mein aufklärendes Buch würde in die Freiheit der Heditanten eingreifen und sie auf ihrem geistigen Weg hindern. Die TM-Bewegung nimmt sich die Freiheit heraus, die Unwahrheit zu sagen. Wer aber unliebsame Wahrheiten ausspricht, wird als Sünder angesehen. Es heißt sogar, daß



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Selbstmord besser wäre als ein Abfall von TM und daß sich jeder Verräter besser eine Kugel durch den Kopf schießen sollte.

Die in den vorangegangenen Kapiteln dargestellten Gedanken sind Ausdruck der geistigen Verarbeitung meiner Erfahrungen mit TM und der TM-Bewegungen. Ich denke, daß durch die nun folgende Schilderung meiner Erlebnisse meine jetzige Einstellung noch begreiflicher wird. In gewissem Sinne hoffe ich, meine Erfahrungen für andere mitgemacht zu haben und für viele andere zu sprechen, wenn ich sie hier publiziere.
 

16. Meine Einführung in TM bis zur Ausbildung als Initiator

Heine Einführung in TM geschah auf etwas unorTModoxe Art und Weise 1962, noch vor meinem Abitur. Heine Mutter schickte mich wegen meiner Nervosität zu einem Arzt, der mir nach einer Routineuntersuchung sagte, ich solle am Nachmittag wiederkommen. Ich glaubte, es würde dann noch eine besondere medizinische Behandlung stattfinden. Auf der anderen Seite des Schreibtisches saß am Nachmittag jedoch nicht der Arzt selbst sondern eine ältere Dame, die mir erzählte, sie wolle mir eine Entspannungsübung geben. Nach wenigen einleitenden Worten nannte sie mir über den Schreibtisch hinweg das Hant- ra und ließ es mich wiederholen. Die eigentlich obligatorische Puja-Zeremonie führte sie grundsätzlich nicht aus und wurde deshalb bald darauf von Haharishi aus seiner Bewegung ausgeschlossen. Während der Initiation spürte ich keinerlei Wirkung, aber als ich das Heditieren zu Hause nochmal ausprobierte, waren meine Erfahrunoen überraschend stark. Ein Strom von Energie, Freude und Entspannung ging durch mich hindurch. Von da an meditierte ich regelmäßig.

Heine Erfahrungen in den ersten Wochen waren sehr gut. Ohne jemals etwas von Transzendenz oder Absolutem Sein gehört zu haben, erreichte ich diesen Zustand in der Anfangszeit häufig. Dabei ging mein Atem fast auf Null herunter. Das Hantra und alle anderen Gedanken waren von alleine aus meinem Bewußtsein verschwunden. Hein Bewußtsein war jedoch hell wach, ja es war geradezu so, als ob im Vergleich dazu mein ganzes übriges Leben wie ein dumpfer Traum gewesen wäre, aus dem ich nun erwachte. Das Bewußtsein weitete sich über die engen Grenzen des Körpers ninaus aus, es war grenzenlos und voller Seligkeit. Ich hatte ein Gefühl der Befreieung von aller



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Bindung und Begrenzung durch den Körper. Auch nach der Medi- tation, während des Tages, fühlte ich mich glücklich und energievoll. Mitunter wurüe ich während der Meditation von einem Gefühl der Liebe durchströmt und fühlte mich wie ein riesengroder Buddha, der über die Welt blickt.

Bald verschob sich allerdings die Qualität der Glückserfah- rung. Das Gefühl von Liebe schwand und ich fühlte nur noch mich selbst und mein eigenes Glück. Das war wie eine Einengung des Bewußtseins. Es war eine Art von höchst subtilem Egoismus. Dann hatte ich eines Nachts einen äußerst intensiven und wachen Traum, so wie ich ihn sonst nie erfahren hatte. Ich möchte ihn hier gern schildern, da viele Psychologen meinen, Träume seien der Ausdruck einer vom Unterbewußtsein erfaßten Realität. Der Traum begann damit, daß ich wieder meditierte. Ich hatte dabei wieder jenes einengende, egoistische Glücksgefühl. Da merkte ich, daß ich auf dem Schoß einer schwarzen Gestalt saß, in die ich hineinzusinken begann. Dabei wurde ich immer kleiner, während die Gestalt dazu hämisch lachte. Ich wurde immer kleiner und konnte kurz vor meiner völligen Auslöschung gerade noch um Hilfe rufen. Da erwachte ich.

Einige Wochen nach meiner TM-Einweihung hörten auf einmal alle positiven Wirkungen, die ich bislang deutlich erfahren hatte, schlagartig auf. Ich hatte sogar jahrelang starke Depressionen, in einem Ausmaß wie nie zuvor. Je schlechter es mir ging, umso mehr wurde für mich TM zur einzigen Hoffnung, die ich noch für mich sah, da ich auf eine Wiederholung jener großartigen Anfangserfahrungen hoffte. Deshalb entschloß ich mich schließlich, an einem Initiatoren-Ausbildungskurs teilzunehmen. Ich glaubte, dadurch würde ich die gewünschten geistigen Fortschritte machen und aus meinen Depressionen und meiner Schwäche wieder herauskommen.
 



17. Der Kössenkurs

Der erste Teil der Initiatorenausbildung fand in dem kleinen Alpendorf Kämmen/Tirol statt. Wir wohnten für nur wenige Schillinge pro Tag in privaten Pensionen und trafen uns mehrmals täglich in der großen Genzlandhalle zu den oft über eine Stunde dauernden Vorträgen Maharishis. Damals ging in der TM-Bewegung alles noch recht frei, locker und zwanglos zu, und die Kurse waren auch noch recht billig. Es gab noch nicht den heutigen Zwang zu Schlips und Anzug. Wenn man



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keine Lust zur Lecture hatte, ging man stattdessen einfach spazieren.

Ein gewisses Maß an Starrheit trat jedoch auch damals schon in Erscheinung. Türsteher hatten aufzupassen, daß nur Medi- tanten mit dem nach Bezahlung der Kuregebühren überreichten Ticket den Raum betraten. Wenn ein Kursteilnehmer das Ticket vergessen hatte, durfte er selbst dann nicht eingelassen werden, wenn die Türsteher ihn persönlich kannten und oenau wußten, daß er ein Ticket gekauft hatte, das wegen des darauf vermerkten Namens nicht übertragbar war. Die Einhaltung formaler Vorschriften spielt in der TM-Bewegung oftmals eine größere Rolle als vernünftiges Denken. Offenbar machen ihre autoritären Strukturen das erforderlich. Im übrigen zeigt sich darin, daß nur Heditanten eingelassen wurden, die Geheimniskrämerei, die bei TM eine viel größere Rolle spielt als bei anderen Heistern.

Haharishi saß während seiner Vorträge im Lotussitz auf einem mit weißen Tüchern belegten Sofa, um ihn herum häuften sich Blumen. Die TM-Lehrer, vom gemeinen Volk der Heditanten deswegen beneidet, durften unmittelbar neben ihm auf der Empore sitzen. Er sprach zumeist ohne viel Abwechslung immer wieder über die gleichen TMemen, nämlich über das Absolute Sein, über die verschiedenen Bewußtseinszustände wie das Kosmische Bewußtsein oder das Gottesbewußtsein sowie über Stresslö- sung. Die Frage eines Reporters, ob er sich im Gottesbewußt- sein befinde, bejahte er.

Diese Ideen faszinierten mich. Ich sog sie auf wie die Wüste das Wasser. Nach einer solchen größeren Dimension des Lebens im Geistigen suchte ich einfach. Für mich war Haharishi der Prophet dieses nicht alltäglichen Wissens, und ich schätzte ihn deswegen sehr. Allerdings kamen mir wie auch anderen Kursteilnehmern seine Vorträge bald recht langweilig vor, weil er wirklich immer wieder dasselbe sagte. Durch die ständige Wiederholung derselben Begriffe prägten sich diese jedoch den wegen ihrer Langeweile unkonzentrierten Zuhörern sehr tief ein. Haharishi war recht schlagfertig und verstand es, wesentliche und tiefe Zusammenhänge in wenigen Worten treffend zu erläutern, oft unter Verwendung bildhafter Vergleiche. Dennoch wirkten seine Reden auf mich oft auch ein wenig strohern-intellektuell. Sein ständiges Lächeln kam mir mitunter etwas schauspielerhaft vor.



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Typisch für Haharishi war, daß er sich zumeist nicht an festgesetzte Termine hielt. Oft kam er mit großer Verspä-

tung. Er tat es mit großer Selbstverständlichkeit, immer souverän. Offensichtlich sachte es ihm nichts aus, tausend Leute auf sich warten zu lassen. Immer wieder betonte er die absolute und einmalige Größe der TM. über andere große Geister wie Ghandi, ßuddha, Ramana ?4aharishi, Krishnamurti oder die Sufis sprach er dagegen recht abwertend, ähnlich auch über Christus. So erschien er uns bald mit Abstand als der Allergrößte der Weltgeschichte.

Eines Tages hielt in Kössen ein englischer Atomphysiker einen Vortrag über die drei Quarks, aus denen sich viele Physiker die Materie aufgebaut denken. Haharishi war hellauf begeistert und sagte, die drei Quarks entsprächen völlig den drei Gunas, aus denen der Hinduismus das Weltall ableitet. Heute kennt man allerdings schon fünf oder sechs Quarks.
 



18. Die Initiatorenausbildung auf Mallorca

Auch auf dem darauf folgenden eigentlichen TM-Lehrer-Ausbildungskurs auf der Insel Mallorca sahen wir den Meister fast jeden Tag. Seine Vorträge dort waren denen in Kössen sehr ähnlich. Da ich mir vorgestellt hatte, wir würden nun durch ihn in neues tiefes Wissen eingeweiht werden, etwa wie man die individuelle Schwingung eines Menschen erkennen kann und wie die Hantren im Detail wirken, war ich ein wenig enttäuscht. Jeden Tag meditierte ich acht "Runden“. Jede Runde bestand aus 30 Minuten Heditation und 15 Minuten Yoga Asa- nas. Das sind körperliche Übungen, die man mit unseren Gym- nastikübungen vergleichen kann. In der übrigen Zeit hatten wir viel auswendig zu lernen und zu üben: die Puja-Zeremonie mit ihrem Sanskrittext samt dessen deutscher Bedeutung, die Initiationsschritte und die Checkingpunkte. "Checking“ ist die von Haharishi entwickelte Anweisuno zur Heditationsü- berprüfung. Sie umfaßt zahlreiche vorformulierte und suggestive Fragen an den Heditanten.

Besonders breiten Raum nahm das Schreiben und Einüben von Einführungsvorträgen ein. Dabei hatten wir Maharishis Gedanken recht genau mit unseren eigenen Worten wiederzugeben. Die von ihm selbst ausgearbeiteten Vorträge, mit denen die öffentlichkeit von TM überzeugt werden sollte, waren recht logisch aufgebaut und in die folgenden vier Hauptabschnitte eingeteilt:



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Entfaltung des geistigen Potentials,
Gesundheit,
soziales Verhalten und
Wel tf r ieden.

Der Gedankengang darin war, grob skizziert, folgender:
Durch die Verfeinerung der Mantra-Schwingung während der Me- ditation gelangt man schließlich zu einer sehr feinen Emene, der all unsere Gedanken entspringen, die also der Queligrund aller menschlichen Kreativität ist. Da TM zur Ebene dieser schöpferischen Intelligenz hinführt, wird ourch sie das geistige Potential voll entfaltet.

Die meisten Krankheiten sind psychosomatischer Natur, d.h. durch Stress verursacht. Da TM dem Nervensystem tiefe Ruhe gibt und dadurch Stress löst, ist sie das Mittel, um alle Krankheiten an der Wurzel zu beseitigen.

Schlechtes menschliches Verhalten liegt ebenfalls in Stress begründet. Wer TM ausübt, reinigt sein Nervensystem ständig von Stress. Weil dadurch die Blockaden für die von Natur aus im Menschen an sich vorhandene Liebe entfallen, kann diese nun frei fließen.

Ist jeder einzelne voller Liebe und frei von Stress, so ist auch automatisch die ganze Menschheit voller Liebe. Eine Menschheit voller Liebe führt keine Kriege mehr.

Auf diese rhetorische Ausbildung legte Maharishi großen
Wert. Sie bildete eine wesentliche Grundlage für die rasche
Ausbreitung der TM.

Unter den Kursteilnehmern befand sich auch ein sehr enTMu- siastischer junger Initiator, der den Plan hatte, in seiner norddeutschen Heimatstadt ein luxuriöses TM-Center aufzubauen. Er wollte nicht klein und Dillig anfangen, es sollte vielmehr von Anfang an ein repräsentatives Center werden. Da Maharishi in einem persönlichen Gespräch seine Pläne gebilligt hatte, glaubte er, nun könne nichts mehr schief gehen. Wenn ein Erleuchteter, ein Allwissender, zu einer Sache "ja“ sagt, so wird das von den Meditierenden als eine amsolute Erfolgsgarantie angesehen. Der Initiator gab mir seine Adresse, fügte jedoch gleich hinzu, er werde als Manager seines großen Centers so viel zu tun haben, daß er keine Zeit haben werde, auf meinen Brief zu antworten. Ich solle ihn deshalb lieber anrufen. Mir kam das alles ein wenig über-



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spannt und riskant vor, denn woher sollte das Geld für solch ein repräsentatives Center kommen! Ich war gespannt, was aus seinen großen Plänen werden wurue.

Nach einigen Jahren erfuhL ~ch es: Er hatte für den Aufbau des Centers viele tausende von Mark Schulden aufgenommen. Es handelte sich um ein schön gelegenes Haus mit recht gutem Möbiliar. Da sich jedoch nicht, wie er felsenfest geglaubt hatte, die erhofften Menschenmassen einführen ließen, kam nicht das nötige Geld zur Rückzahlung der Schulden ein. Um sich seinen Gläubigern zu entziehen, tauchte er schließlich im Untergrund unter.

Dieses Beismiel ist recht typisch und aufschlußreich. Es zeigt, mit welchem EnTMusiasmus und welchem hohen Maß an persönlicher Opferbereitschaft Maharishis Schüler für seine Sache eintreten. Er nutzt diese Opferbereitschaft für die Verwirklichung seiner großen Pläne voll aus und verdankt ihr weitgehend seine Erfolge. Geraten seine Schüler dabei jedoch in Not, so hilft er ihnen nicht. Er bejahte zwar den geschilderten Center-Plan, kam aber hinterher nicht für die dadurch entstandenen Schulden auf. Dadurch wurde die Existenz dieses jungen Initiators weitgehend ruiniert. Statt zur erhofften Selbstverwirklichung zu führen, endete der absolute Glaube an Maharishi in einer schweren Krise.

Auf dem Kurs war auch ein Bekannter von mir, der unbedingt Mönch werden wollte, obgleich er sein ganzes Leben lang immer von einer Freundin zur nächsten gegangen war. Als er Ma- harishi um die Mönchseinweihung bat (Mönche meditieren mit anderen Mantren als Hausväter), wurde ihm das Mönchsgelübde genannt, in dem u.a. auch ewiger und absoluter Gehorsam dem Meister gegenüber verlangt wird. Da bekam mein Freund Angst vor der eigenen Courage und erwiderte, er sei sich noch nicht völlig sicher, ob Maharishi wirklich für alle Zeiten der richtige Meister für ihn sei. An Maharishis Blick war Betroffenheit abzulesen, aber sonst ließ, er sich weiter nichts anmerken. Doch wenige Tage darauf wurde mein Freund aufgefordert, den Kurs zu verlassen.

Das Beispiel zeigt, daß Maharishi von seinen Schülern schrankenlos als Meister anerkannt werden möchte. Darauf deutet auch folgende Episode hin: Er empfing in Seelisberg mit allen Ehren den indischen Gur‘i Muktananda und empfahl seinen SchUlen sogar, sich Muktanandas Segen zu holen. Anschließend verließen ihn viele seiner Schüler und gingen zu Muktananda über. Nachdem Maharishi das erfahren hatte,



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verbot er seinen Anhängern, zu Muktananda zu gehen und ließ sogar die vom Empfang Muktanandas angefertigten Video-Bänäer vernichten.

Jeden Abend nach dem Vortrag promenierten die Kursteilnenrner mit gefalteten Händen, gesenktem Haupt und Oberkörper an ihm vorbei und überreichten ihm Blumen. Wenn er sie dabei an- blickte oder sogar anlächelte, so war das für sie die größte Erfüllung. Ich glaube, daß solche äußeren Gesten eine tief- gehende psychologische Wirkung haben.

Wenn mich auch die Kursroutirie bald zu langweilen begann und meine Meditationen ebenfalls zu keinen besonderen Erfahrungen fdhrten, so spürte ich doch, daß ich neue Energie gewonnen hatte. Dennoch konnte ich das Ende des Kurses kaum abwarten. In den letzten Kurstagen beinächtigte sich der Teilnehmer eine Art von fieberhafter Spannung, weil sich nun bald entscheiden mußte, ob Maharishi sie wirklich zu Initiatoten machen würde.

Maharishi heizte diese Spannung noch zusätzlich an. So ins- zenierte er gegen Kursende folgendes Schauspiel: Er bat alle, die sehr gute Eiriführungsvorträge verfaßt hatten, sich von ihren Sitzen zu erheben. Er ließ ihre Namen aufschreiben. In gleicher Weise ließ er dann die Namen derjenigen fesTMalten, die keine sehr guten Vorträge geschrieben hatten. Zum Schluß mußten sich alle diejenigen erheben, die weder nach der ersten noch nach der zweiten Frage aufgestanden waren. Wir waren recht ängstlich, was das wohl zu bedeuten hatte. Wollte er etwa nur diejenigen zu TM-Lehrern machen, die sehr gute Einführungsvorüräge entworfen hatten? Oder wollte er diejenigen ausschließen, die weder nach der ersten noch nach der zweiten Frage den Mut gehabt hatten, sich zu melden? Später fanden wir diese Zettel mit den Namen in einem Papierkorb wieder. Maharishi hatte sie sich überhaupt nicht angesehen und kam nie wieder auf diese Aktion zu sprechen. Es war ein reiner Theaterdonner, ein bloßes Spiel Ma- harishis mit den Kursteilnehmern.

Es gab dann noch viele Prüfungen, in denen wir die auswendig gelernten Texte aufzusageri hatten bzw. in der richtigen DurchfLihrung der Puja und des Checkirigs überprüft wurden. Schließlich mußten wir noch unter Vorlage unserer Personalausweise und in Gegenwart eines spanischen Notars eine Erklärung unterschreiben, in der wir uns verpflichteten, Maha- rishi und seiner Lehre treu zu bleiben, sie geheim zu halten und insbesondere TM nicht außerhalb des Ranmens seiner Orga-



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nisation zu verbreiten. Als ein Kursteilnehmer fragte, ob wir eine Kopie der von uns unterschriebenen Erklärung bekommen könnten, verneinte er das.

Erst am letzten Tage vor der Abreise übergab uns Maharisbi in kleinen Gruppen die Mantreri und nannte uns die Auswahl- kriterien. Er schrieb das auf einen kleinen Merkzettel auf, den wir sp~ter zerreißen und ins Meer oder in einen Fluß werfen sollten. In einem vorangegarxyenen Kapitel habe ich dieses ein wenig banale Wissen bereits geschildert. Ich wunderte mich etwas über die Kriterien zur Hantravergabe, die ja lediglich in Alter und Geschlecht des Einzuführenden bestanden, nahm es dann aber einfach hin. Mahacishi gab keinerlei Begründung für diese Kriterien. Er untersagte uns, mit anderen Menschen über die Mantren und die Kriterien zu sprechen, auch nicht mit anderen Initiatoren oder anderen Kursteilnehmern. Dazu gab es auch nicht viel Gelegenheit, da die Abreise nun unmittelbar bevorstand. Diejenigen, die von Maharishi zu Initiatoren gemacht wurden, und das waren die meisten, empfanden dies als eine besondere Auszeichnung. Wir waren ja praktisch zu Priestern geweiht worden, dazu berufen, einen ganz besonderen Beitrag zur Erlösung der Menschheit zu leisten.
 



19. Wie es einigen TM-Lehrerri ergangen ist

Mir selbst ging es nach diesem Kurs recht gut, aber über einen anderen deutschen Teilnehmer des Mallorca-Kurses hörte ich kurze Zeit darauf, er sei nervlich schwer erkrankt. Er sei einige Zeit nach seinem AufenTMalt dort in die Bremer TM-Akademie gegangen, wo er viel meditierte. Eines Tages sei er voll angezogen in den Goldfischteich der Akademie gesprungen und habe überhaupt lauter dumme Sachen gemacht. Einige Zeit später traf ich ihn während eines Kurses in Frankreich. Er erledigte im Kurshotel Küchenarbeiten und erzählte mir, wegen seiner Krankheit könne er weder sein MaTMematik- Studium fortsetzen noch als Initiator arbeiten. Später wurde mir berichtet, er rufe alle paar Wochen mal in der Bremer TM-Akadernie an und behaupte, er sei nun kosmisch bewußt. Der ehemalige MaTMematikstudent klebt heute Etiketten.

Im Laufe der Zeit erfuhr ich noch von mehreren solcher Päl-
le. Eine nette junge TM-Lehrerin, die ich bereits seit dem
Fertilizer-Kurs in Fuschl mit Sattyanand kannte, wurde allem
Anschein nach eine TM-Nonne und lebte von da an ständig in



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Maharishis Umgebung. Ihr Studium gab sie auf. Im Laufe der Zeit wurde sie dann in ihrem Verhalten immer eigenartiger, verhielt mich so, als sei sie besser als andere Meditieren- de, als sei sie schon heilig. So habe sie beispielsweise mit Selbstverständlichkeit für sich das beste Zimmer beansprucht, als es um die Verteilung von Zimmern ging. Schließlich wurde sie immer störrischer und befolgte nicht einmal mehr die Anweisungen Maharishis. Sie war aus dem Grunde in Maharishis Umgebung zu keiner Arbeit mehr zu gebrauchen und wurde deshalb in die deutsche TM-Zentrale versetzt, wo sie das Telefon bediente. Dann wurde sie in eine Nervenklinik eingeliefer~?

Schließlich lernte ich einen Initiator kennen, der schon während seiner Pubertät leichte schizophrene Anfälle gehabt hatte. Er erhoffte sich von TM eine völlige Heilung. Seine Anfälle traten jedoch gerade auf Meditationskursen erneut und stärker als je zuvor auf. Er sagte, er sei sich dann immer ganz genial vorgekomm~~ und habe sich klasse gefühlt. Schließlich sah er seine letzte Hoffnung in der Teilnahme an einem Siddhi-Kurs, wozu ihm jedoch das nötige Geld fehlte. Er hoffte, eine Hellseherin könne ihm Wege aufzeigen, wie er das Geld für die Kursgebühren beschaffen könnte. Die Hellse- herin riet ihm jedoch von TM ganz ab. Ihren Ratschlägen folgend gab er TM auf, verzichtete auf seine Arbeitslosenhilfe und wurde Hilfsarbeiter in einer Bau chule. Die körperliche Arbeit in frischer Luft tat ihm offenbar wesentlich besser als vorher die TM. Sein Gesicht bekam Farbe, er wirkte stärker und männlicher. Seine zuvor ein wenig verguollen~~ Augen, mit denen er niemanden so richtig hatte ansehen können, wurden wieder klar.

Leider fand dieser TM-Lehrer, mit dem ich befreundet war, trotz seiner anfänglichen guten Fortschritte ein trauriges
Ende: Rund ein Jahr, nachdem er sich von Haharishi gelöst hatte, wurde er in einem Wald erfroren aufgefund~~, nur mit einem Mantel bekleidet.

Ein anderer Initiator aus Norddeutschland war hauptberuflich Lehrer in einer Sonderschule. Nach der Rückkehr von einem Meditationskurs sagte er seinen Schülern:“Ab heute braucht ihr keine Hausaufgaben mehr zu machen. Von nun an beschäfti.. gen wir uns nur noch mit der "Wissenschaft von der schöpferischen ~ Lehre). Kurze Zeit darauf wurde er in eine Nervenheilanstalt eingeliefer~~ Mir wurde berichtet, seitdem leBe er von einer Rente und Spreche kaum noch.



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In Abwandlung des makabren Spruches "Operation gelungen, Patient tot“ könnte man, auf TM-Verhältnisse übertragen, auch sagen:“pati~0~ kosmisch bewußt, aber in der Nervenklinik. Man muß Haharishi wohl vorwerfen, daß er sich um die un- glücklichen Meditationsopfer nicht weiter kümmert, selbst wenn sich diese hilfesuchend an ihn wenden wollen. Zumeist werden sie nicht einmal zu ihm vorgelass~0, Ist das echte Liebe eines Meisters zum Schüler? Kann man sich einem solchen Meister anvertrauen?

Auf einem TM-Symposion in Hamburg stellte ihm ein kritischer Initiator, der selost um seine Gesundheit fürct-itere, in aller Öffentlichkeit die Frage, wieso es denn unter den TM-Lehrern so viele Schizophrene gäbe und was man dagegen tun könne. Maharisni fegte diese Frage einfach mit der Behauptung vom Tisch, durch TM würde man nicht krank, die Leute müßten etwas anderes gemacht haben. Der Meister war sichtlich verärgert darüber, daß jemand die Offenheit besessen hatte, ihm vor so vielen Menschen diese peinliche Frage zu stellen. Anschließend verlangten die TM-Dberen von jenem kritischen Initiator, er Solle auf einen längeren Rundenkurs gehen, um dort zu entstressen. Das ist typisch dafür, wie die Meditanten an viele Probleme herangehen: Die Probleme werden einfach mit der banalen Behauptung ignoriere, es handele sich nur um Stresslösung.
 



20. Meine Tätigkeit als Initiator und Weltplancenterleiter

Nach dem Initiatorenkurs fühlte ich mich viel besser als zuvor. Insbesondere waren meine Depressionen wie weggebla~~~ und ich hatte auch mehr Energie zum Arbeiten. Umso begeisterter und überzeugter ging ich - gleichzeitig mit meiner Diplom- und Doktorarbeit - daran, an meinem Studienort Marburg ein TM-Center aufzubauen, womit ich recht erfolgreich war. Ich brachte ca. 250 Menschen zur TM.

Obgleich ich zu der Zeit mit der Meditation selbst völlig zufrieden war, wurde ich doch durch einige Skandale in der TM-Bewegung schwer erschüttert. In der damals noch in Frankfurt ansässigen deutschen TM-Zentrale verschwand eine größere Geldsumme. Zwei miteinander rivalisierende Parteien innerhalb der TM-Bewegung bezichtigten einander, das Geld auf die Seite geschafft zu heben. Schließlich wurde der damalige organimatorim~~~ TM-Leiter amtsenTMoben und bekam sogar



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Hausverbot für die Zentrale. Es hieß, daß man ihm dennoch längere Zeit über sein Gehalt weiterzahlte, weil er damit drohte, andernfalls in der Öffentlichkeit die Machenschaften der TM-Organisation an die große Glocke zu hängen. Es war für mich schwer verständlich, wieso sich ausgerechnet bei TM solche Dinge ereigneten, wo doch dort immer so viel von Wahrheit, Liebe und idealem sozialen Verhalten die Rede war. Ich schrieb deswegen damals sogar einen Protestbrief an die TM-Zentrale, der jedoch nicht beantwortet wurde.

Mein Vorgehen Dei der Verbreitung der TM war wie folgt: Ich gründete den lokalen Verein der SIMS <Internationale Studentische Meditationsgesellschaft) und mietete bei der Universität Hörsäle für meine Vorträge. Den Inhalt des ersten Ein- führungsvortrags, für den ich durch Zeitungsannoncen, Flug- blatter und Plakate warb, schilderte ich bereits in einem vorangegangenen Kapitel. Im Anschluß daran fand ein zweiter Vortrag statt, in dem auf die intimeren Dinge hingewiesen wurde wie die Puja-Zeremonie, für die der Aspirant Blumen, ein neues weißes Taschentuch und Obst mitzubringen hatte. Dies erregte stets einigen Unwillen, ebenso natürlich die Tatsache, daß die Leute schon vor der Einführung die Kursge- bühren zu bezahlen hatten <damals 108 DM für Studenten, für Normalverdiener rund 200 DM) . Sie mußten gewissermaßen die Katze im Sack kaufen.

Der Einführungskurs erstreckte sich über vier aufeinanderfolgende Abende, während derer sowohl das für die Ausübung der TM nötige praktische Wissen (Hantra, Heditationstechnik> als auch bereits die wesentlichen weltanschaulichen Grundlagen vermittelt wurden. Ich führte die Kurse zunächst in Privatwohnungen durch, später konnten wir es uns leisten, zu dem Zweck ein Haus anzumieten, in welchem dann auch die wöchentlichen Centerabende mit Gruppenmeditation stattfanden. Letztere hatte ich anfangs in von der Kirche kostenlos zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten durchgeführt. Einen bestimmten Teil des durch die Einführungen einkommenden Geldes <etwa die Hälfte) hatte ich an die deutsche TM-Zentrale zu überweisen, über den Rest konnte ich selbst verfügen. Diese Finanzordnung verleitete einige Initiatoren dazu, von Stadt zu Stadt zu reisen und überall schnell ein paar Leute einzuführen, um die sie sich dann, nachdem sie das Geld einkassiert hatten, nicht mehr groß kümmerten. Einige brachten es fertig, auf die Weise viel Geld zu verdienen. Man konnte den Eindruck gewinnen, daß es ihnen mehr um das Geld als um die Eingeführten ging. Sie wurden als "Fließbandinitiatoren“



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bezeichnet. Bei mir reichte das Geld jedoch kaum zur Deckung der Unkosten aus.

sine große Rolle spielten für mich wie für jeden TM-Lehrer die von Maharishi durchgeführte Fortgeschrittenenkurse <ATR) , auf denen das weltanschauliche Wissen vertieft und auch viel meditiert <"gerundet“) wurde. Mein erster Fortgeschrittenenkurs fand in La Antilim/Spanien statt.



21. Der ATR-Kurs in La Antilla

Der ATR-Kurs in La Antilla/Spanien gab mir weitere Einblicke in das Wesen Haharishis und seiner Lehre, auch über das "Runden“ und seine Vorträge hinaus. Als Initiator hatte ich nun Zugang zu manchen Informationen, die mir früher nicht bekannt geworden wären. So hatte ich die Gelegenheit, an einigen seiner Arbeitsbesprechungen teilzunehmen.

Er entwickelte damals den Plan, im Kurpark jeder Stadt ein TM-Center zu errichten, und das auch noch auf Kosten der Stadtverwaltung! Die Zustimmung der Bürgermeister glaubte er dadurch zu erhalten, daß er auf den Dächern der Heditations- center Blumen anpflanzen lassen wollte, wodurch sie seiner Meinung nach zu einem Schmuckstück des ganzen Kurparks, wenn nicht sogar der ganzen Stadt, werden würden. Für diese noch gar nicht existierenden Gebäude wurde bereits ein origineller Name erfunden: sie wurden "mountains of flowers“ <Blu- menberge), genannt. Als es darum ging, einen Kostenvoranschlag für solch ein Projekt zu machen, kam zunächst eine sehr hohe Summe heraus. Da meldete sich jemand mit dem Einwand, jeder Bürgermeister und jede Regierung würden sofort von einer so hohen Zahl abgeschreckt und die Zustimmung bzw. die Finanzierung verweigern. Daraufhin setzte Haharishi den Kostenvoranschlag ganz willkürlich auf einen wesentlich niedrigeren Betrag fest. Nun kam der Einwand, die Summe sei jetzt so niedrig, daß man sich damit unglaubwürdig mache. Man traf sich schließlich irgendwo in der Mitte.

Dieses Beispiel macht die Mischung von Unseriosität, Naivität und Pragmatismus deutlich, die für Maharishi und seine Bewegung so typisch ist. Vielleicht führt die ständige medi- tative Versenkung in das eigene Innere schließlich dazu, daß man den Sinn für die äußere Wirklichkeit verliert, die nicht im gleichen Maße dem Gesetz des eigenen Willens folgt wie die subjektive Innenwelt. Mir scheint, Maharishi setzt sich gern über die äußere Wirklichkeit und ihre Gesetze hinweg,



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weil sie nach seiner Philosophie ja sowieso nur eine Illusion ist und weil er glaubt, mit dem geistigen Urgrund allen Seins eins zu sein. Ähnlich ist äicherlict-, das vielfach un- realistische Verhalten seiner Anhänger, z.B. in Hinblick auf Geld und Beruf, zu verstehen. In der TM-Bewegung werden gern Luftschlöser gebaut, doch in der Regel scheitern all diese gigantischen Pläne.

Noch ein weiteres Mal wurde ich auf diesem Kurs mit der bei TM üblichen Unseriosität und Unehrlichkeit im finanziellen Bereich konfrontiert. Wir hatten zusätzlich zu den eigentlichen Kurskosten eine Schadenskaution bezahlen müssen, in Höhe von rund 100 DM. Man sagte uns, diese Kaution solle einbehalten werden, falls wir als Folge der Meditation in einen Zustand der Unzurechnungsfähigkeit <Streßlösung) geraten und die Zimmereinrichtung demolieren würden. Falls das Zimmer am Ende des Kurses unzerstört zurückgegeben würde, bekämen wir die Kaution zurück. Ich und die weitaus meisten Kursteilneh- mer hatten nichts zerstört, aber die 100 DM sahen wir nie wieder. Als ich deswegen extra nach Seelisberg schrieb, erhielt ich keine Antwort. Bei rund 1000 Kursteilnehmern hatte die TM-Bewegung so eine illegale Zusatzeinnahme in Höhe von rund 100 000 DM, immerhin eine ganz beachtliche Summe. Andere wurden deswegen als Betrüger angesehen und gerichtlich belangt werden, doch Haharishi kann sich seinen Schülern gegenüber einfach alles erlauben.

Noch einen charakteristischen Vorfall möchte ich aus La An- tilla berichten: Eines Tages, als dort ein neuer Initiatoren-Ausbildungskurs begann, wurden alle Teilnehmer des ATR-Kurses <"advanced training rounding“) aufgefordert, ihre Sachen zu packen und in einen anderen Ort der Umgebung umzu- ziehen. Offenbar wurden unsere Zimmer in Antilla für die Neuankömmlinge benötigt. Doch zwei Tage später befahl Haha- rishi uns, erneut umzuziehen, zurück nach La Antilla. So hatten wir viel von unserer teuer bezahlten Kurszeit verloren, viel Arbeit gehabt, und das offensichtlich ganz sinnlos!

Dazu die Stellungnahme eines anderen Ku st~Pilnehmers: "Es ist für die Entwicklung immer das Beste, das zu tun, was der Meister verlangt. Ich habe in den letzten drei Tagen genau das getan, was Maharishi verlangte, also habe ich mich dadurch optimal weiterentwickelt. Und was will ich mehr? Nur aus dem Grunde bin ich ja auf diesen Kurs gekommen! Auf meinem Indienkurs war es sogar so, daß Maharishi uns nachts um 3 Uhr aus den Betten holte, obgleich das Flugzeug erst am



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nächsten Vormittag losging. All die Stunden über bis zum Abflug warteten wir in der Halle des Hauses, ohne daß etwas geschah und ohne daß uns ein Grund genannt wurde.“

Die soeben geschilderten Vorfälle sind recht typisch für Ha- harishis Verhalten dem Schüler gegenüber und entspricht völlig seinem Zitat aus der Bhagavad Gita, mit dem ich das Kapitel über das Guru-Prinzip eingeleitet habe. Der Schüler soll dazu gebracht werden, sich nur noch am Meister zu orientieren, ganz unabhängig davon, ob er einen Sinn darin erkennen kann oder nicht. Das ist eigentlich genau das Gegenteil von unserer westlichen Erziehung, die den Menschen zur Selbständigkeit hinführen möchte. Unsere Psychologen fordern die Eltern dazu auf, den Kindern nicht einfach zu sagen:“Tu das“ oder "Laß das“, sondern ihnen auch zu erklären, warum sie das tun oder lassen sollen, auch wenn die Erklärung sehr vereinfacht und der Ebene des Kindes angepaßt ist. Sie verfolgen damit die Absicht, das Kind zum Handeln aus eigener Einsicht heraus zu erziehen. Nachdem es den Sinn der Handlung erkannt hat, kommt der Impuls dazu aus ihm selbst und nicht mehr nur vom Erzieher. Es soll nicht bloß gehorchen und sich unterordnen. Aber eben das paßt nicht in das Konzept einer autoritären Gruppe wie der TM-Bewegung.

Es kommt oft vor, daß Maharishi ohne erkennbaren Grund etwas von seinen Schülern verlangt, ohne daß er eine Begründung geben würde. Ich glaube, daß gerade die Ausführung völlig sinnloser Befehle eine psychologisch hoch wirksame Gehor- samsübung darstellt. Dadurch wird der Eigenwille des Schülers gebrochen, er gwöhnt sich daran, wie eine Harionette in den Händen des Meisters zu funktionieren, ohne überhaupt noch nachzudenken oder selbst eine Entscheidung zu treffen. Ein solcher Schüler ist im Grunde aus Gottes Universum ausgetreten. Er orientiert sich weder an der äußeren Wirklichkeit noch an seinem eigenen Inneren. Für ihn hat die Welt aufgehört, Lehrmeister zu sein, er lebt nu nnch im Universum seines Meisters. So entfremdet Maharishi seine Schüler systematisch vom eigentlichen "Sein“, wie es in der Welt und im eigenen Inneren des Schülers in Erscheinung tritt. Mit der Behauptung, er repräsentiere das Sein, setzt er sich im Grunde an dessen Stelle, ja sogar an die Stelle Gottes.

Um eine solche Gehorsamsübung auf breitester Ebene mag es sich auch bei dem Befehl an jeden Gouverneur oder Siddha handeln, jeden Monat einen Erfahrunosbericht <über die Auswirkungen der Heditation) an Maharishi zu schicken, unter Angabe des Titels "An seine Heiligkeit Maharishi Mahesh Yogi"



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auf dem Briefcouvert. Viele empfinden es als lästig und sinnlos, das jeden Monat wieder zu tun, obgleich kaum Neues zu berichten ist. ADer sie müssen es tun, weil sie sonst von der Teilnahme an weiteren Kursen ausgeschlossen werden.

Sehr aufschlußreich finde ich auch, was ich auf dem SCI-Kurs <"Science of Creative Intelligence‘) in Semmering bei Wien erlebte.
 



22. Der SCI-Kurs in Semmering

Ein anderer Kurs, den ich besuchte, war einer der berüchtigten SCI-Kurse in Semmering bei Wien. Der recht teure Kurs wurde mit einem blau gedruckten Prospekt offeriert, in dem unser Kurshotel als eines der besten österreichischen Hotels dargestellt wurde. Tatsächlich handelte es sich jedoch um einen alten Kasten, der kurz darauf versteigert wurde. Die Decke meines Zimmers war mit großen braunen Wasserflecken verziert, teilweise fiel der Putz von den Wänden.

Außerdem hieß es im Prospekt:‘Der Kurs steht unter der persönlichen Leitung von Maharishi.“ Deswegen besuchten ihn einige, die lediglich gern den Meister sehen wollten; um dann enttäuscht festzustellen, daß er nicht da war und daß seine Anwesenheit auch nie geplant war. Der Kursleiter begründete später den wohl bewußt irreführenden Satz des Prospektes damit, daß alle TM-Kurse von Maharishi ausgearbeitet wurden und deshalb unter seiner persönlichen Leitung stünden, auch wenn er gar nicht persönlich anwesend wäre. Vermutlich sollte durch diese irreführenden Behauptungen des Prospektes die Zahl der Kursteilnehmer erhöht werden. Denn das brachte Geld ein und vermehrte Macht und Einfluß unseres Kursleiters in der TM-Bewegung.

Diejenigen Kursteilnehmer, die mit langen Haaren oder Bart erschienen, wurden vor die Alternative gestellt, den Kurs sofort wieder zu verlassen oder zum Friseur zu gehen. Einige zogen ersteres vor. Da dieser Kurs die Voraussetzung für die Zulassung zum Initiatorenausbildungskurs war, bedeutete das, daß die Leute mit Bart und langen Haaren keine TM-Lehrer werden konnten.

Im Kurshotel waren drei Speisesäle eingerichtet worden: einer für Leute mit Schlips und Anzug, einer für Kursteilneh- mer "ohne“ und ein recht schäbiger für das ebenfalls aus Me-



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ditanten bestehende Personal. Diejenigen "ohne“ durften nicht einmal den direkten Zugang zu ihrem Speisesaal benutzen, weil der durch den Speisesaal 1. Klasse führte. Damit ier dort zusammen mit wenigen Getreuen speisende Kurmleiter nicht durch den Anblick von Leuten ohne Anzug belästigt wurde, mußten letztere auch noch einen großen Umweg machen, wenn sie zum Essen gingen. Es mangelt in der TM nicht nur an Freiheit, sondern auch noch an Gleichheit und Brüderlichkeit. Nicht umsonst ist ja Maharishi auch ein Verfechter des indischen Kastensystems.

Die Kursleitung ließ sogar, vermutlich für viel Geld, extra einen Herrn aus Wien kommen, der uns über das feine Benehmen, vor allem bei Tisch, aufklären sollte, wann Messer und Gabel überkreuzt zu liegen haben, wann parallel zueinander usw. Derselbe Kurmleiter, der auf feines Benehmen, zumindest im äußeren Erscheinungsbild, soviel Wert legte, brach übrigens kurze Zeit später im Rahmen eines Machtkampfes zwischen zwei rivalisierenden TM-Gruppen zusammen mit einigen seiner Anhänger in das Berliner TM-Center ein. Nach der sich daraus entwickelnden Schlägerei mußten mehrere Meditanten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Das alles ist typisch für die große Divergenz zwischen äußerem Schein und innerem Sein in der TM-Bewegung. Dbgleich sie im Namen des Seins auftritt, sogar gleich im Namen des Absoluten Seins, ist bei ihr doch vieles nur äußerer Schein, dem keine innere Substanz entspricht. Das fanden auch die meisten Kursteilnehmer lächerlich: Als ich eines morgens nichtsahnend mit meiner dicken blauen Daunenjacke in die kalte Vortragshalle trat, applaudierten die Kursteilnehmer lauthals. Ich war recht verlegen, weil ich nicht wußte, warum sie mich so empfingen. Sie hatten geglaubt, ich habe mit meiner dicken blauen Daunenjacke, in der ich wie das Reifen- männchen von Michelin aussah, gegen den Besuch jenes feinen Herrn aus Wien demonstrieren wollen, der natürlich auch über die feine Kleidung doziert hatte. Ich war jedoch völlig unschuldig und trug die Daunenjacke nur wegen des schlecht geheizten Raumes. Auf dem Kurs befand sich auch ein Grafiker, der die Aufgabe hatte, für die WYMS ("World Youth Meditation Society“) ein Wappen zu entwerfen. Unser Kuraleiter hatte von Maharishi die Aufuabe bekommen, diese neue TM-Unterorga- nisation, die vor allem ein Sammelbecken für die Schüler werden sollte, zu gründen. Dieses Wappen verzierte später alle WYMS-Briefe. Es wirkte so großartig wie ein Botschaftswappen.



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Unser Kursleiter imitierte sein Vorbild Maharishi übrigens auch darin, daß er zu den Videotape-Vorträgen oft viel zu spät erschien und die Kursteilnehiner untätig in der Vor- tragshalle auf sich warten ließ. Das vor allem dann, wenn es sich um den Vormittags-Vortrag handelte und er abends noch lange wach gewesen war. Er fiel durch seine Arroganz, auch älteren Kursteilnehmern gegenüber, unangenehm auf, besaß ein starkes Machtoewuf3tsein und litt zugleich unter einer Art von Verfolgungswahn. Es war sein großer Wunschtraum, seine WY?4S möge eines Tages die größte deutsche TM-t3nteroryanisa- tion werden und die anderen Organisationen wie die SIMS und die SRM (Spiritual Regeneration Movement> praktisch auf- schlucken. Ja, er hoffte sogar, auf internationaler Ebene auftreten zu können. Es ist klar, daß er deshalb unter den Anhängern der anderen TM-Organisationeri viele Feinae besaß. Er hatte Angst vor seinen Geqnern und erzählte uns mit TMeatralischer Gestik, viele Leute in der TM-Beweyung würden ihn nur deshalb umarmen, um ihm dabei gleichzeitig von hinten das Messer in den Rücken zu stoßen. Während er das erzählte, war er ganz blaß, seine Augen waren irgendwie verdreht, als ob er krank wäre. Sein Größenwahn schien Verfolgungswahn nach sich zu ziehen.

Sein Spitzname war "Peter Hitler“. Die Meditanten glaubten auf dem Hintergrund der indischen Wiedergeburtslehre, er habe schon eimal im Dritten Reich gelebt und sei damals SS-Führer gewesen. Von seinen jugendlichen Anhängern, die ihm blindlings ergeben waren, nahmen viele an, daß sie einmal Hitlerjungen gewesen wären. Natürlich wundern sich in der TM-Bewegung viele, warum Maharishi gerade einen solchen Mann, der heute in Seelisbery lebt, mit so hohen Ämtern betraut. Einige meinen, Maharishi wolle ihn in der TM-Bewegung gewissermaßen neutralisieren. Wenn er draußen in der Welt leben würde, würde er vermutlich ähnlich viel Unheil anrichten wie einst Hitler. Mir cersänlich scheint es jedoch plausibler zu sein, daß dieser Mann einfach optimal in das autoritäre Konzept Maharishis hineinpaßt. Peter Hitlers Anhänger glaubten denn auch, er sei der treueste Gefolgsmann Maharis- his in der yanzen TM-Bewegung.

Doch wurde aus seinen großen Plänen nichts. Wegen seines autoritären und ehrgeizigen Verhaltens machte sich dieser Mann, über den sich viele schon erfolglos bei Maharishi beschwert hatten, so unbeliebt, daß immer weniger Leute seine Kurse besuchten. Deshalb ging die WYMS schließlich finanziell bankrott. Auch klappte es offenbar nicht so gut mit



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der finanziellen Unterstützung durch die Behörden, wie er es sich erhofft hatte. Er hatte in die Satzung der WYMS lauter förderungswürdige Zielsetzungen eintragen lassen, aber als ich mit dieser Satzung und den Unterschriften der Gründungs- mitglieder zum Marburger Jugendamt ging, war der Erfolg gleich Null. Man nahm dort unseren Antrag zwar entgegen, aber mit der fadenscheinigen Begründung, der zuständige Ausschuß müsse sich erst noch konstituieren, behandelte man ihn nie. Auch nach rund einem Jahr erhielten wir die Auskunft, der Ausschuß sei noch nicht gebildet worden. Wir brauchten nicht mehr extra anzufragen, man würde uns zur gegebenen Zeit automatisch benachrichtigen. Doch das geschah nie. Auf die Weise ließ man unseren Antrag einfach unter den Tisch fallen, ohne ihn jemals abzulehnen.

Der Bankrott der WYMS erregte unter den Meditierenden nur wenig Mitleid, hatte aber recht nachteilige Folgen für das aus Meditanten bestehende Kurspersonal, das z.B. die Küchen- arbeiten verrichtete. Sie arbeiteten zwar unentgeltlich, sollten dafür aber einen Nachlaß auf die Kosten der von ihnen beabschtigten Teilnahme an einem Initiatorenkurs bekommen. Doch weil die WYMS kein Geld mehr hatte, gingen sie leer aus. Sicherlich ist dies unfair, wenn man bedenkt, daß Maharishi gewiß genug Geld gehabt hätte, um ihnen den unentgeltlichen Kursbesuch zu ermöglichen. Doch er geht im allgemeinen mit seinen Schülern nicht sehr zimperlich um, und Geld zählt für ihn.

Das mußte auch Prof. Max Flisher erfahren, ein echter ehema- liger Literaturprofessor aus London, nicht nur ein Meru-Pro- fessor. Er leitete in La Antilla die Intiatorenausbildurig und besuchte uns einige Tage in Semmering, um dort Vorträge zu halten. Da es sich bei ihm um einen wirklich gebildeten und sympaTMischen Mann handelte, war er bei den Meditanteri sehr beliebt. Doch als er krank wurde und eine Operation nötig hatte, weigerte Maharishi sich, diesem Mann, der unentgeltlich und hauptberuflich für ihn arbeitete, das dafür nötige Geld zu geben. Prof. Flisher zog daraus die Konsequenz, TM den Rücken zu kehren. Ich hörte, er habe sogar auf dem Bildschirm des Fernsehens in England gegen TM ausgesagt.

Doch floß auch auf diesem in vieler Hinsicht so unerfreulichen Kurs mir und den übrigen Kursteilnehmern viel Energie zu, so daß wir entspannt und energiegeladen wieder zurückkehrten. Viele glauben aus solchen Gründen trotz aller negativen Begleiterscheinungen an TM. Sie glauben, diese Energie könne nur von Gott kommen.



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23. Große Pläne

über den in Spanien entwickelten Plan Maharishis mit den "Blumenbergen“ hatte ich schon berichtet; es blieb beim Plan. Er entwickelte noch viele solcher Pläne, die jedem normal denkenden Menschen und selbst manchem Meditanten verrückt vorkommen mußten und ebenfalls scheiterten. So plante er beispielsweise ein Akademiebauprojekt, das kurz darauf in seiner Bewegung viel Staub aufwirbelte. Er beauftragte alle Centerleiter (alle!), zum besten Architekten ihrer Stadt zu gehen und einen Plan für den Bau einer lokalen Meditationsa- kademie entwerfen zu lassen. Dann sollten sie zur besten Bank ihrer Stadt gehen, den nötigen Kredit aufnehmen und mit dem Bau beginnen. Ganz einfach! Er verpflichtete jeden Centerleiter, monatlich einen Bericht nach Seelisberg zu schicken und darin zu schildern, was bislang für das Projekt unternommen wurde und über dessen Erfolg. Es hieß: "Wenn Sie auf Ihre Berichte hin keine Antwort bekommen, so bedeutet das, daß Maharishi mit Ihrer Arbeit einverstanden ist und Sie an dem Projekt weiterarbeiten sollen.“

Einige Initiatoren gingen tatsächlich auf diese jedem gesunden Menschenverstand völlig widersprechenden Pläne ein. Beispielsweise wurde mir aus dem Weltplancenter Hannover berichtet, daß die dortigen TM-Lehrer einen Kredit in Höhe von rund 10 000 DM aufnahmen und für dieses Geld von einem Architekten Pläne ausarbeiten ließen. Gebaut wurde jedoch keine einzige Akademie. Alle ins Auge gefaßten Bauvorhaben lehnte Maharishi mit der Begründung ab, sie seien zu teuer. Die Hannoveraner TM-Lehrer mußten noch lange ihren Kredit abzahlen. All ihre Arbeit war nutzlos gewesen.

Eine der größten Aktionen war die sog. "1-Prozent-Aktion“. ErnsTMaft wurde als erreichbares Ziel propagiert, die Anzahl der Meditierenden in Deutschland und anderen Ländern bis Ende des Jahres auf 1% der Bevölkerung ansteigen zu lassen. Da sich in Deutschland - und im Ausland sah es nicht viel anders aus - innerhalb von 15 Jahren nur rund 0,05 Prozent hatten einführen lassen, war ich mehr als skeptisch.
Die linientreuen Leute glaubten jedoch daran, weil ihrer Meinung nach ein Erleuchteter immer Erfolg haben mußte. Das unrealistische Ziel wurde jedoch trotz allen Propagandarum- mels auch nicht annähernd erreicht.

Ein weiterer gigantischer Plan war der Weltplan. Alle TM-Centren wurden in Weltplancenter umbenannt, und die ganze Welt wurde auf der Landkarte in Weltplancenter eingeteilt,



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auch Länder wie China oder Rußland, in denen die Verbreitung der TM verboten ist. Es wurden geradezu astronomisch hohe Einführungszahlen prophezeit, und zwar bis zum Ende des Jahres. Tatsächlich tat sich so gut wie gar nichts. Ich glaube, die Einführungszahlen gingen in Deutschland im Jahr von Ma- harishis Weltplan sogar leicht zurück. Als am Ende des Jahres der Mißerfolg deutlich sichtbar wurde, ließ sich der schlaue Maharishi folgendes einfallen: Es hieß auf einmal, das Jahr des Weltplans sei erst das Jahr des Planens gewesen. Nun wurde das nächste Jahr zum Jahr der Erfüllung des Weltplans propagiert. Aber auch im Jahr der Erfüllung des Weltplans wurde der Weltplan nicht annähernd erfüllt.

Das nächste von Maharishi propagierte Windei war das Zeitalter der Erleuchtung. Nun wurde jedes TM-Center erneut umbe- nannt, und zwar in "Center des Zeitalters der Erleuchtung“. Dieses Zeitalter der Erleuchtung existiert bislang lediglich auf tonnenweise goldgedrucktem Papier, das die TM-Druckerei in Rheinweiler fortwährend ausspuckt. Von dieser Zeit an sollte jeder Initiator in seinem Ort in regelmäßigen Abständen öffentliche Feste veranstalten, bei denen unter anderem Kinder mit goldgefärbten Eiern unter einem goldenen Torbogen Eierlaufen veranstalten sollten. Doch auch damit scheint sich nicht viel getan zu haben.

Die TM-Bewegung sieht jedoch schon viele positive Veränderungen in der Welt, seitdem Maharishi mit der Verbreitung der Siddhi-Meditation das Zeitalter der Erleuchtung proklamierte. In einer TM-Schrift heißt es dazu sogar unter der Überschrift "Verbesserte Lebensqualität“: "Die Weltgetrei- deernte wird im Wirtschaftsjahr 77/78 etwa 1,097 Milliarden Tonnen erreichen und damit nur knapp unter der Rekordernte des Vorjahres liegen (1,105 Milliarden) ... Aufgrund der Branntweinsteuererhöhung ist in den ersten sechs Monaten dieses Jahres der Konsum von Spirituosen um ca. 20% zurückgegangen“ ("Verwirklichung der Idealen Gesellschaft“, Me- ru-Press, S.35/37)

In einem Mitteilungsblatt der TM-Akademie t3rach werden ebenfalls große Erfolge der Siddhi-Meditation für das Weltbe- wußtsein dargestellt: "Im Weltbewußtsein ist der Grad an Sattva, d.h. an positiven, entwicklungsförderlichen Tendenzen durch die vereinten Bemühungen der Siddhas und Meditie- renden, auf den vielen Kursen und Weltfriedensversammlungen in aller Welt, so stark angestiegen, daß die Situation heutzutage ganz anders - besser - geworden ist als noch vor zwei Jahren, so daß wir um den Frieden in der Welt nicht mehr



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bangen müssen!“
Auch daß es zwischen Ägypten und Israel zu einem Friedensschluß kam, wird auf die Verbreitung der Siddhi-Medita- tion zurückgeführt. Daß es im Unterschied dazu jedoch in Persien und anderen Ländern Krisen gibt, ist in den Augen der Meditanten kein Widerspruch zu den von Maharishi angeführten positiven Auswirkungen der Siddhi-Meditation, sondern wird von ihnen gerade umgekehrt als eine weitere Bestätigung aufgefaßt: In Persien gäbe es noch zu wenige Siddhas, so daß dort noch nicht genügend starke entwicklungsfördernde Tendenzen auftreten konnten.

Wenn sich die Krisensituation in der Welt allgemein wieder einmal zuspitzt, also nicht nur in einem Lande wie Persien, wo es "noch nicht genug Siddhas“ gibt, sieht Maharishi darin ebensowenig einen Widerspruch, sondern führt auch das auf die positiven Auswirku- en der Siddhi-Techniken zurück. Er erklärte sinngemäß: "Wenn das Licht stärker wird, beginnen die Kräfte des Dunkels umso erbitterter Widerstand zu leisten. Daß es jetzt in der Welt so schlecht aussieht, zeigt also nur an, wie enorm der reinigende Einfluß der Siddhas auf die Weltatmosphäre ist. Die TM reinigt die Welt von Staub. Dabei wird der Staub natürlich aufgewirbelt, so daß es nun so trüb aussieht.“

Das zeigt, daß die Meditanten für alles eine positive Erklärung haben, ganz unabhängig davon, wie auch immer die Fakten sind. Da für sie TM a priori die höchste Realität repräsentiert, fassen sie grundsätzlich alles nur als eine Bestäti- guno für den Meister auf. Der Glaube an seine Sache nimmt in ihrem Bewußtsein einen höheren Rang ein als die Wirklichkeit mit ihren Tatsachen. Deshalb ist es so gut wie unmöglich, ihnen das Gegenteil nahe zu bringen. Maharishi erzieht seine Anhänger in dieser Weise ganz bewußt zum "positiven“ Denken. Sie sollen alles positiv sehen und über Negatives gar nicht sprechen.

Auch viele andere Meister lehren das positive Denken, da negative Denkinhalte auf das Bewußtsein eine negative Wirkung ausüben können. Sicherlich liegt darin eine große Wahrheit. Mir scheint Maharishi jedoch diese und auch andere anerkannte Wahrheiten und Weisheiten systematisch zu mißbrauchen, wenn er beispielsweise mit der Lehre des positiven Denkens seine Anhänger unfähig zu eigenständigem kritischen Denken macht und ihnen ihr gesundes Urteilsvermögen von Grund auf zerstört. Auch hier zeigt sich, daß sich Wahrheit und Trug



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nur um eines Haares Breite voneinander unterscheiden. Jede Weisheit kann in ihr Gegenteil umgekehrt werden, wenn man sie in einen falschen Zusammenhang stellt, aber sie sieht dann immer noch einer Weisheit täuschend ähnlich. Nicht von ungefähr war nach der biblischen Lehre Luzifer der schönste aller Engel.

Maharishis luftige Pläne wurden von den Meditierenden jedesmal voller EnTMusiasmus bejubelt, so als stünde der Himmel auf Erden unmittelbar bevor. Man erwartete die baldige weltweite Anerkennung der TM, die nun für Tausende von Generationen das Schicksal der Welt bestimmen würde. Doch begannen gerade mit der Einführung der Siddhi-Meditation und ihren angeblich so lichtvollen Auswirkungen die Einführungszahlen drastisch zu sinken. Das hätte Maharishis Anhängern eigentlich Anlaß für eine Überprüfung ihres blinden Glaubens sein mus sen.

Zum Teil war es auch so: Etliche Meditanten, einschließlich Initiatoren, Gouverneuren und selbst persönliche Sekretäre Maharisnis wendeten sich von dessen geistigem Weg ab. Schon mit der Proklamierung des "Zeitalters der Erleuchtung“ durch Maharishi hatten sich die TM-Reihen in einem Ausmaß wie nie zuvor zu lichten begonnen. Viele, die im "positiven Denken“ völlig befangen, kamen jedoch gar nicht dazu, über das völlige Scheitern der großartigen Pläne ihres unfehlbaren Meisters nachzudenken, weil sie bereits den nächsten gigantischen Plan Maharishis bejubelten, der ihr Denken voll in Anspruch nahm, Ich habe diesen offensichtlichen Unsinn gleich vielen anderen TM-Lehrern von Anfang an nicht mitgemacht. Ich hatte mit meinem Studium und mit den üblichen Center-Aktivitäten schon genug zu tun.

Nach Abschluß meines Chemiestudiums mit der Promotion war meine eigene Verfassung alles andere als erfreulich. Und das trotz all meines Einsatzes für TM! So geriet mein naiver Glaube an Maharishi erstmals ins Wanken. Um meine Schwierigkeiten möglichst rasch zu überwinden, entschloß ich mich, anstatt nach dem Studium gleich ins Berufsleben einzutreten, erst einen sechsmonatigen Gouverneurskurs in Biarritz/Frankreich mitzumachen. Dadurch würden sich, so hoffte ich, die Stresse wieder lösen und ich würde auch wieder mehr Unterstützung durch die Natur haben.



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Später erwies sich das leider als eine Illusion. Aber solche
Gedanken kamen mir gar nicht, als ich meine Koffer nach
Biarritz packte.
 



24. Der Gouverneurskurs in Biarritz

Als ich in Biarritz eintraf, stellte sich heraus, daß der Kurs erst einige Tage später beginnen würde, als man mir noch unmittelbar vor meiner Abreise in Deutschland gesagt hatte. Solche Pannen sind in der T4-Organisation recht häufig. Einerseits ärgert man sich darüber, andererseits aber gewöhnt man sich im Laufe der Zeit auch daran. Es kam sogar vor, daß Leute zu einem für Frankreich angekündigten Initiatoren-Ausbildungskurs reisten. Dort angekommen, teilte man ihnen mit, man wüßte nichts von einem solchen Kurs in Frankreich. Der Kurs finde in der Schweiz statt. Als sie - ihr Geld ging allmählich zur Neige - in die Schweiz gefahren waren, schickte man sie jedoch wieder nach Frankreich zurück, wo der Kurs doch stattfand. Auch die Korrespondenz mit der TM-ßewegung war schwierig. Man erhielt auf seine Briefe hin oft keine Antwort.

So boten mir die ersten Tage in Biarritz Gelegenheit, erneut über die TM-Bewegung nachzudenken und über die in TM-Kreisen so oft behandelte persönliche Weiterentwicklung zu diskutieren. Schon immer hatte ich mich über ihren steten Schlendrian und ihre offensichtliche Unfähigkeit in vieler Hinsicht gewundert. Eigentlich widersprach das doch total den Wer- beschriften Maharishis, in denen behauptet wurde, durch TM würden Ordnung, Kreativität, Intelligenz und Tatkraft gesteigert. Es laufen jedoch viele Geschichten um, die eher das genaue Gegenteil oeweisen.

In Biarritz traf ich noch die Teilnehmer des vorhergehenden Gouverneurskurses. Es wunderte sich, daß sie eigentlich recht mittelmäßig wirkten, kaum anders, als irgendjemand auf der Straße, nur vielleicht etwas blasser im Gesicht. Das wunderte mich deshalb, weil diese Gouverneurskurse als Er- leuchtungakurse angepriesen worden waren. Den Teilnehmern des vorangegangenen Kurses hatte der Meister sogar versprochen, sie würden bis zum Ende des Kurses das Kosmische Bewußtsein erlangt haben oder aber innerhalb der ersten Monate danach sich bis zu diesem Stadium entwickeln. Auch hieß es, sie würden nun alle klar transzendieren. Mir wurde sogar



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über einen Teilnehmer berichtet, dem Maharishi definitiv be- stätigt hatte, er sei fest im Kosmischen Bewußtsein veran- ?ert und befinde sich nun auf dem Wege zum Gottesbewußtsein. Diejenigen, die diesen Mann kannten, berichteten mir, man würde ihm seinen hohen Bewußtseinsstand überhaupt nicht anmerken. Er sähe aus und verhalte sich wie irgendjemand sonst auch.
Dagegen sind die TM-Anhänger der Meinung, daß z.B. GoeTMe oder Mozart gar nicht besonders hoch entwickelt waren. Da GoeTMe und Mozart nie TM ausüöten und folglich auch nie rranszendierten, konnten sie ihre Stresse nicht abbauen und sich somit auch nicht zum Kosmischen Bewußtsein hin entwik- keln. Ihre hervorragenden Leistungen, die ja bislang trotz Transzendenz kein Meditant auch nur annähernd aufzuweisen hat, wurden als "Spezialentwicklungen“ abgetan. Sie hätten zwar auf der Ebene der Relativität eine ganz spezielle Begabung kultiviert, aber sie seien vom Absoluten noch weit entfernt gewesen und deshalb nur wenig entwickelt.

Als ich in einer Diskussion in Biarritz den Einwand machte, es müsse sich doch irgendwie nach außen hin bemerkbar machen, wenn jemand das höchste Ziel der menschlichen Entwicklung erreicht habe, er müsse dann doch Glück ausstrahlen, leuchtende Augen haben oder im Leben etwas Besonderes leisten, wurde mir geantwortet, ich habe völlig falsche Vorstellung vom Zustand der Erleuchtung. Weder am Aussehen noch an seinen Handlungen würde sich ein Erleuchteter von anderen Menschen unterscheiden. Maharishi selbst hatte dagegen einmal gesagt, ein Erleuchteter zeige ein ideales menschliches Verhalten. Doch zeigt sich das bei den Gouverneuren? Icn konnte dergleichen nicht feststellen! Der Entwicklungsbe- griff der TM-Bewegung ist für einen normal denkenden Menschen völlig verdreht.

Es scheint mir ein entscheidender Fehler zu sein, daß die Meditanten gewisse ungewöhnliche ßewußtseinserfahrungen zum alles entscheidenden Kriterium machen. Sie sehen die Entwicklung "auf der Ebene der Relativität“, d.h. in der vielgestaltigen Wirklichkeit, als nebensächlich an und finden sich darum in der Welt nicht mehr zurecht. So wirkt sich bei ihnen die indische Maya-Lehre aus!

Andererseits wird auch behauptet, die Entwicklung verlaufe eben nicht so schnell. Aber wird denn nicht gerade behauptet, mit TM erfolge die Entwicklung rasend schnell, und sind nicht 15 oder 20 Jahre Meditation schon eine recht lange



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Zeit! Nach alledem kann man also die Wirklichkeit der TM nicht nach irgend etwas Überprüfbares und Erkennbaren beurteilen. So bleibt nur noch übrig, das TM-Dogma zu akzeptieren, aber darüber läßt sich nicht mehr auf der Ebene des gesunden Menschenverstandes diskutieren. Wie abhängig die Ne- ditanten innerlich geworden sind, zeigte sich recht extrem an der Äußerung einer norddeutschen TM-Lehrerin: "Wenn Haha- rishi ein KZ bauen würde, so würde ich mich ihm sofort als KZ-wächter zur Verfügung stellen.“

Auf dem Gouverneurskurs in Biarritz sahen wir Maharishi im Unterschied zu den Kursen in Mallorca und La Antilla nur alle paar Wochen persönlich, sonst lediglich auf dem Bildschirm über Video-Bänder. Wenn er uns besuchte, gab es jedesmal eine kindliche Hochstimmung, als käme der Weihnachtsmann.

Viele Vido-E3änder behandelten TMemen aus den Veden oder Parallelen zwischen TM und wissenschaftlicher Erkenntnis. Andere, üoer die absolute TMeorie des Managements, mit denen Maharishi Wirtschaftskreise zu gewinnen suchte, waren bei uns nicht sehr beliebt. Die Wissenschaftsbänder behandelten zumeist Analogien zwischen dem Vakuumzustand der Quanten- feldTMeorie in der Physik und dem Absoluten Sein. Auf die Weise sollte wohl die Wissenschaftlichkeit der TM unterstrichen werden. Vermutlich war es den meisten Heditanten, die sich von all den wissenschaftlichen Begriffen beeindrucken ließen, nicht klar, daß es sich dabei letztlich nur um bildhafte Vergleiche handelte, nicht aber um eine wissenschaftliche Erkenntnis im eigentlichen Sinne.

Vollends fragwürdig wird diese Art von Wissenschaftlichkeit, wenn es unter der Überschrift "Verleihung der Glocke der Un- besiegbarkeit“ in einer TM-Schrift heißt: "Wissenschaftler an der Maharishi Kuropean Research University haben bewiesen, daß die Zahl der Menschen mit kohärentern Bewußtsein, die notwendig ist, um Kohärenz im nationalen Bewußtsein zu entwickeln, gleich der Quadratwurzel der Bevölkerung des Landes ist“ ("Verwirklichung der Idealen Gesellschaft“, S.140)

Ein Laie läßt sich vielleicht von solchen Ausdrücken wie "Kohärenz“ und "Quadratwurzel“ blenden, aber einem Wissenschaftler können sich nur die Haare sträuben, wenn er die Behauptung liest, das sei wissenschaftlich bewiesen. Bier zeigt sich deutlich, wie sich die Meru-Wissenschaftler unter Verleugnung der Wissenschaft zu bloßen Handlangern Maharis-



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his machen, zu bloßen Marionetten, wie seine übrigen Schüler auch. Früher hatte man noch propagiert, zur Entwicklung der Kohärenz müsse wenigstens 1% der Bevölkerung in TM eingeführt werden, also ein erheblich größerer Anteil. Doch da sicn dieses Ziel als unrealistisch herausgestellt hat, ist man offensichtlich bescheidener geworden. Man fand auch eine Begründung: die Siddhi-Meditation wirke so stark, daß viel weniger Siddhas als gewöhnliche Meditanten benötigt würden, um die gleichen Wirkungen in der Gesellschaft zu erzielen.

Später gab es auf unserem Gouverneurskurs keine video-tapes mehr. Stattdessen wurde aus den indischen heiligen Schriften vorgelesen, wie den Upanishaden, dem Shrimad Bhagavatam, den Yoga Sutras des Patanjali oder dem Rig Veda. Da wir diese Lesungen wegen der oftmals dunklen und unverständlichen Texte recht langweilig fanden, baten wir Maharishi, uns stattdessen wieder Bänder zur Verfügung zu stellen. Doch er lehnte ab und meinte, wir sollten uns einfach den Schwingungen der heiligen Schriften hingeben.

In den Yoga Sutras des Patanjali wird vor allem die Erlangung übernatürlicher Kräfte beschrieben: Sich-unsichtbar-machen, Hellsichtigkeit, Durch-Wände-hindurchgehen, Fliegen, Das-ganze-Universum-zerstören, Ein-Universum-neu-erschaffen usw. Zur rascheren Entwicklung dieser Kräfte, so hieß es, sollten wir unseren Geist viel mit diesem TMema beschäftigen. Das geschah innerhalb kleiner Arbeitsgruppen, in denen wir z.B. über Parallelen zwischen übernatürlichen Kräften und wissenschaftlichen Begriffen nachzudenken hatten. Tatsächlich machten dann viele in der Meditation die Erfahrung, sie könnten fliegen oder ein neues Weltall erschaffen; oder aber, sie waren hungrig, und sofort war Essen da. Das waren jedoch alles nur Erfahrungen im Bewußtsein, in der Einbildung also. Später, so hieß es, sollten sich diese Fähigkeiten auch in der äußeren Wirklichkeit einstellen. Insbesondere das Fliegen wird von den Siddhas Tag für Tag versucht, bislang aber ohne Erfolg.

Einer der Kursteilnehmer, ein Mitglied meiner Arbeitsgruppe, war in seiner Entwicklung besonders weit fortgeschritten. Er verfügte bereits nach wenigen Wochen über sämtliche Sidd- hi-Kräfte und hatte außerdem Brahman-Erfahrungen. Maharishi lobte ihn deswegen. In unserer Arbeitsgruppe fiel er allerdings durch sein rücksichtsloses und ausgesprochen egozentrisches Verhalten auf. Als wir uns während der Gruppenar- beit seinen Ansichten nicht anschlossen, war er beleidigt, trat aus der Gruppe aus und arbeitete als Einzelgänger. Das



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rief bei mir erneut Zweifel an den TM-Entwicklungskriterien hervor. Wie kann jemand, der hoch entwickelt ist, dermaßen egozentrisch sein! Um sich noch rascher zu entwickel, begann er schließlich extrem zu fasten und sah bald wie ein lebender Leichnam aus. Fastenkureri gehörten zur Kurscoutine. Nach der Beendigung unseres halbjährigen Kurses lieb er sich von einer Bank Geld, um auch noch einen Verlänyerungskurs mitmachen zu können.

Je nach unseren Meditationserfabrungen wurden wir, was wiederum an das indische Kastensystem erinnert, in Gruppen eingeteilt. Die Gruppenzugehörjykeit wurde durch ein yoldfarbe-. nes Ansteckzeichen mit einem daranhängenderi farbigen Stof- fähnchen nach außen hin deutlich gemacht. Auf der Goldpla- kette war zu lesen: ~Begründer des Zeitalters der Erleuchtung“. Die Farbe des Fähnchens richtete sich nach dem Be- wußtseinsstand. Da ich mich auf der zweitletzten Bewußt- seinsebene befand ("unklares Transzendieren“) , hatte ich eine Plakette mit einem roten Fähnchen. Die meisten Kursteil- nehmer waren weitaus höher entwickelt als ich und durften mit goldenen oder weißen Fähnchen herumlaufen.

Tatsächlich kreuzten gegen Kursende fast alle Teilnehmer auf der Liste der Meditationserfahrungen die Spalte ~k1ares Transzendieren“ an. Dieser nur scheinbar große Erfolg wurde lediglich durch eine neue Definition des Begriffes Transzendenz erreicht. Zuvor hatte es geheißen, Transzendenz sei der Zustand ohne Mantra und ohne Gedanken, Jetzt sagte I4aharis- hi, wohl um die Erfolgsbillanz des Kurses zu verbessern, ein Zustand der Ruhe mit Gedanken sei Transzendenz auf dem Wege zum Kosmischen Bewußtsein. Fast jeder empfindet während des Meditierens Ruhe und hat gleichzeitig Gedanken, gleich um welche Meditationsart auch immer es sich handeln möge. So ist es nicht verwunderlich, daß auf diesem Kurs fast alle klar zu trariszendieren begannen.

Gegen Ende des Kurses wurden die Gouverneure in besonderer Weise fotografiert. Sie hatten sich, einer nach dem anderen, vor ein goldfarbenes Tuch zu setzen, mit dem Rücken zum Tuch. Von der Rückseite des Tuches her wurde der Strahl eines Scheinwerfers auf die Stelle des Tuches gerichtet, vor der sich der Kopf des Gouverneurs befand. Auf dem Foto sah es dann so aus, als habe der Kopf des Gouverneurs einen Hei- ligenschein.

Gegen Ende des Kurses hatte ich mich erholt und fühlte mich wieder etwas besser, hatte aber andererseits das Gefühl,



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nicht mehr ganz ich selbst zu sein. Ich natte das deutliche Gefühl, daß das ständige Denken des Mantras während der Me- ditation mich nicht zu mir selbst hinfäbrte, sondern mich im Gegenteil von der Besinnung auf den eigentlichen Kern meines Wesens ablenkte. Ich empfand das Mantra wie einen Fremdkörper in meinem Bewußtsein, etwas, das im Grunde nichts mit mir zu tun hat. Da ich jedoch intellektuell immer noch von TM Uberzeugt war, führte ich das auf tief in mir eingewur- zelte Stresse zurück und fuhr mit der Meditatiori fort.

Bis zum Kurseride hatte ich eine Entscheidung über meine weitere Zukunft zu treffen. Sollte ich nach dem Ablauf des Kurses wieder nach Deutschland zurückkehren und berufsLätiy werden oder sollte ich nach Seelisberg gehen, um dort in Ma- harishis Umgebung zu leben und seiner Sache hauptberuflich zu dienen? Da ich promoviert hatte, bestand für mich die Möglichkeit, l4eru-Professoc zu werden und kostenlos in See- lisberg leben zu können, Viele beneideteri mich darum, weil sie meinten, in der Umgebung des Meisters könne man sich be- sonders gut entwickeln, weil man sich dann ständig in seinem Kraftfeld befinde. Auch hatte man in Seelisberg natürlich viel mehr Zeit zum Meditiereri als in einem normalen Berufsleben "im Feld“, wie der TM-Ausdruck für das Leben in der Welt lautet. Da ich glaubte, TM sei der schnellste Weg zu Gott und da Gott das Wichtigste im Leben ist, entschied ich mich konsequenterweise schließlich für den Weg nach Seelis- berg. Aber in mir selost war ein merkwürdiger Zwiespalt. Irgendwie sträubte sich nein Inneres dagegen, an die Meru zu gehen und ich bekam Herzklopfen, wenn ich daran dachte.

Zu dieser inneren Unsicherheit, die trotz meiner intellektuellen Überzeugungen einfach da war, trugen auch die Berichte einiger Leute bei, die ich auf dem Kurs wiedertrat, und die bereits seit Jahren bei Maharishi waren, darunter auch ein TM-Arzt und ein Yleru-Professor. Sie klagten über den Mangel an sinnvoller Aktivität in Maharishis Umgebung und meinten, unter solchen Umständen würde man sich dort gar nicht so gut entwickeln, wie die Meditanten immer glaubten. Tatsächlich sahen meine Bekannten gar nicht so strahlend aus, wie das nach meiner Überzeugung nach mehrjährigem Auf- enTMalt beim Meister eigentlich hätte der Fall sein sollen. Sie wirkten nicht sonderlich glücklich. Der TM-Arzt behandelte die enysten Mitarbeiter Maharishis und meinte, man könne oft nur mit den Ohren schlackern, was diese noch für Probleme hätten. Ein begeisterter 7CM-Mönch klagte über seinen Mangel an Liebe Maharishi gegenüber. Obwohl er und alle



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anderen in Maharishis Urngeöung genau wüßten, wie wichtig die Liebe zum Meister sei, gäbe es doch kaum jemanden, der diese Liebe wirklich aus vollem Herzen hätte.

Während der letzten Kurstage kam ein Minister von Maharishis Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung zu uns und verkündete, daß diejenigen, deren Bewußtseinsstand es erlaubte (zumindest klare Ritam-Erfanrung wurde gefordert) , gern nach Seelisberg oder Weggis kommen könnten, um dort für den Meister zu arbeiten. Es gab dafür drei Ränge: Diejenigen, die für Maharishi arbeiten durften, ohne etwas dafür zu bezahlen, wurden Direktoren genannt. Diejenigen, die für diese Gunst 50 DM pro Tag bezahlten, erhielten dagegen Minister- rang. Dann gab es auch noch eine Zwischenstufe für etwa 25 DM pro Tag. Man sagte uns, diejenigen, die genug Geld hätten, sollten unbedingt Minister werden, denn Maharishis Aufmerksamkeit würde auf den Ministern viel mehr ruhen als auf den Direktoren, die lediglich ihre Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung stellten. Das bedeutete, daß sich die Leute mit Geld, die Minister, schneller würden entwickeln können. Erinnert diese Geldmoral nicht an den Ablaßhandel im Mittelalter, als der Mönch Tetzel versprach: "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“!

Allem zum Trotz fragte ich aber bei nächster Gelegenheit Ma- harishi, ob ich an die tieru gehen könne. Er erlaubte das und gab mir auch schon ein TMema, über das ich dort arbeiten sollte, nämlich über die Zusammenhänge zwischen Laut und Bedeutung in den vedischen Hymnen. Nach den Ansichten der Esoteriker hat die Chemie nämlich sehr viel mit Sprache und Musik zu tun, und deswegen hielt Maharishi mich wohl für dieses TMema besonders geeignet. Er sagte, er wolle eng mit mir zusammenarbeiten. So reiste ich denn in Begleitung eines anderen Initiators in die Schweiz.
 



25. Mein Aufenthalt in Maharishis Schweizer Residenz

Die Meru (Maharishi European Research University) in Weggis liegt nur wenige Kilometer von Seelisberg, Maharishis Schweizer Residenz, entfernt. Die beiden kleinen Drte mit nur wenigen hundert Einwohnern liegen wunderschön am Ufer des Vierwaldstädter Sees, umgeben von Bergen. Der Wohnsitz des Meisters befindet sich in einem alten Hotel, das er vor einigen Jahren aufkaufte. In ihm befindet sich auch der prunkvoll ausgestattete Parlamentssaal seiner "Weltregierung



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des Zeitalters der Erleuchtung“. Das Gebäude wird von einer vergoldeten Kuppel gekrönt; mir wurde berichtet, auch die Wasserhähne bei dem Meister seien vergoldet. Ganz in der Nähe liegt die aus der Schweizer Geschichte bekannte Rüt- 1 i-Wiese.

Bei meiner Ankunft in der Schweiz war die Meru noch in einem angemieteten Hotel in Weggis untergebracht. Da der Gouver- neurskurs für DM 10.000 all mein Geld verschlungen hatte, mußte ich mich als erstes um Geld bemühen. Der Meru-Leiter Geoffrey Clemments telefonierte deshalb mit der für die Finanzen zuständigen Dame. Die meinte aber, ich könne das mir als Meru-Professor zustehende Taschengeld erst bekommen, nachdem Maharishi mir mein zukünftiges Arbeitsgebiet als Me- ru-Professor erläutert hätte. So saß ich nun jeden Tag in der Vorhalle des Hotels "Seeblick“ und wartete darauf, daß rlaharsihi vorbeikam. Jedesmal, wenn ich ihn um die nähere Erläuterung meines zukünftigen Arbeitsgebietes bat, sagte er "heute abend“ oder "morgen“. Das sagte er volle sechs Wochen lang, so lange wie ich mich überhaupt an der Meru aufhielt. Ich benötigte aber dringend Geld, um mir zum Beispiel meinen Anzug reinigen zu lassen oder für dienstliche Fahrten nach Seelisberg.

Auf meine Bitte hin rief deshalb der Meru-Leiter erneut bei der Finanzdame an. Doch es stellte sich heraus, daß diese für einige Wochen auf einen Meditationskurs gefahren und deshalb unerreichbar war. Auch hatte sie keinen für meine Angelegenheit autorisierten Stellvertreter. Weil mir andere Meru-ProfessOren erzählten, sie erhielten Geld von der MIU ("Maharishi International University“) aus den USA, schrieb ich dorTMin, erhielt aber nie eine Antwort.

Da ich mich inzwischen langweilte und den Wunsch nach produktiver Tätigkeit hatte, machte ich Maharishi den Vorschlag, einen Vortrag über aie Beziehung zwischen der "Wissenschaft der Schöpferischen Intelligenz“ und Chemie auszuarbeiten. Er stimmte zu. Ich arbeitete nun voller Begeisterung über meine erste vom Meister persönlich erhaltene Aufgabe einen Vortrag aus, in dem ich die Strukturen der menschlichen Gesellschaft mit den Strukturen molekularer Atomverüände verglich. Da ich mich mit dem Gedanken trug, der Seelisberger Mönchagruppe beizutreten, um mich auf dem schnellsten Wege entwickeln zu können, setzte ich die Mönche mit den Edelgasen der Chemie gleich, die sich ja auch nie mit anderen Atomen verbinden, sondern immer frei bleiben und deshalb als besonders edel gelten. Ehepaare setzte ich mit



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zweimtomigen Molekülen gleich. Zweiatomige Moleküle entstehen durch die Verbindung von zwei Atomen, und sind nur noch schwer voneinander zu trennen. Ihre Bewegungsfreiheit ist dann stark eingeschränkt. Ich ging bis tief in die chemische BindungsTMeorie, setzte die beiden möglichen Spinrichtungen des Bindungselektrons mit dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht gleich und versuchte mich in allerlei Analogien.

Nun wollte ich natürlich meinen Vortrag vor Maharishi halten. Danach sollte ich, so versprach mir Haharishis Sekretär Claas, sofort mein Geld bekommen. Ich fertigte noch auf großen Kartonbögen farbige Zeichnungen an, um meinen Vortrag damit zu illustrieren und anschaulicher zu machen. Die mit viel Mühe hergestellten Zeichnungen bewahrte ich in Maharis- his Arbeitsraum auf, damit sie sofort greifbar wären, sobald der Meister plötzlich Zeit für mich haben würde. Doch wiederum verschob Maharishi den Termin von einem Tag auf den nächsten, so daß ich den Vortrag nicht halten konnte und folglich auch kein Geld bekam.

Eines Abends, als ich zum Essen ging, sah ich mehrere große Lastwagen vor dem Meru-Hotel "Seeblick“ stehen. Maharishi hatte eine seiner berühmten Blitzaktionen gestartet. Die ganze Meru sollte von Weggis nach Seelisberg umziehen, damit der Gouverneurskurs von Seelisberg nach Weggis verlegt werden konnte. Um die Mittagszeit hatte ich noch nichts davon geahnt. Ständig schleppten die Heditanten Umzugsgut aus dem Hotel heraus und warfen es in die Fahrzeuge. Inmitten dieser Umzugshektik kam mir auf einmal der Gedanke: "Meine Zeichnungen!“. Aber es war schon zu spät. Sie waren weg. Als ich sie in Seelisberg suchte, fand ich dort in den von der TM gemieteten Hotels zwar große Haufen mit Umzugsgut, in denen ich lange herumstocherte, aber meine Zeichnungen fand ich nicht.

Mir blieb nur der Trost, daß ich nicht der einzige Leidtragende des Umzugs war. Einer der WYMS-Boys, die stets den Dienst an der Rezeption versahen, klagte mir sein Leid: Nach dem Waschen seiner Unterwäsche habe er diese in einer Plastiktüte an der Rezeption abgestellt. Jetzt war seine Unterwäsche genauso spurlos verschwunden wie meine Zeichnungen, so daß der Armste keine Unterhosen mehr anzuziehen hatte! Die mußte wohl auch irgendjemand auf einen der Lastwagen geworfen haben.
So hatte ich meine Zeichnungen neu zu erstellen. Als ich im Zeichenbüro um die Überlassung des dafür benötigten Mate-



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riale hat, erklärte man mir, das sei beim Umzug verloren gegangen. Inzwischen hatte mir meine Mutter auf meine Bitten hin ein wenig Geld geschickt, von dem ich mir die Sachen selber kaufen konnte. Aber auch, nachdem ich die Zeichnungen ein zweites Mal angefertigt hatte, nahm sich Maharishi keine Zeit für mich. Um es vorweg zu nehmen: auch diese neu gefertigten Zeichnungen verschwanden schließlich spurlos, und den Vortrag habe ich nie an der Heru halten können.

Nun wollte ich wenigstens das von meiner Mutter geliehene Geld von der TM-Organisation zurückerstattet haben. Meine Meru-Kollegen warnten mich gleich, das würde viel Zeit und Arbeit kosten, so daß sich der Aufwand nicht lohnen würde. Aber da ich einerseits genug Zeit und keine Arbeit und andererseits kein Geld hatte, versuchte ich es trotzdem. Es handelte sich um rund 60 DM. Ich fuhr nach Seelisberg und suchte das dortige Finanzbüro auf. Da der zuständige Mann sehr viel meditierte oder aus sonstigen Gründen verhindert war, dauerte es ein bis zwei Tage, bis ich schließlich mit ihm reden konnte. Er sagte, er wolle meine Sache dem dafür zuständigen "Executivbüro für das Zeitalter der Erleuchtung“ -oder wie auch immer sich das Gremium nannte - unterbreiten. Anschließend würde er mir einen Zettel ins Brieffach legen. Nachdem ich vergeblich zwei Tage lang auf diesen Zettel gewartet hatte, ging ich noch einmal zu ihm. Er eröffnete mir, das Gremium habe meinen Antrag abgelehnt, denn das Zeichen- material hätte ich nicht selber kaufen, sondern mir vom Zei- chenbüro aushändigen lassen sollen. Meine Fahrten seien überflüssig gewesen, und für die Reinigung meines Anzugs müsse ich selbst aufkommen.

Ich wies schüchtern darauf hin, daß ich ja zunächst beim Zeichenbüro vorgesprochen hatte, und woher ich denn das Geld für die Reinigung meines Anzugs nehmen solle, da ich doch von der Heru keinerlei Einkommen bezog und auch sonst mittellos sei. Er schien die Stichhaltigkeit dieser Argumente nicht recht einzusehen. Um mich endlich loszuwerden, sagte er dann aber, er wolle die Angelegenheit nochmal dem Ausschuß unterbreiten. Da mein Vertrauen in dieses Gremium jedoch bereits erschüttert war, fragte ich kurz darauf sogar Maharishi persönlich, ob er mir die Reinigung meines Anzugs bezahlen wolle. Tatsächlich genehmigte er dies, aber bis zu meiner bald darauf erfolgenden Abreise aus der Schweiz kam es nicht mehr zur Auszahlung.



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Ich war schließlich über diese jedem gesunden Menschenverstand widersprechende Behandlung sauer. So viel Unfähigkeit und Unfreundlichkeit wie im Herrschaftsbereich der Meltre- gierung des Zeitalters der Erleuchtung hatte ich noch nirgendwo vorgefunden. Man hatte mich wie einen Bettler behandelt. Ich hatte meinen Beruf als Chemiker aufgegeben, in welchem ich nach meiner Promotion "Mit Auszeichnung“ sicherlich viel hätte verdienen können. Und hier mußte ich um den kleinen Betrag von 60 DM betteln, obgleich doch Haharishi über riesige Summen verfügte.

Nach meiner Ankunft an der Meru hatte ich zwar ein Zimmer zugewiesen bekommen, doch alle paar Tage mußte ich umziehen, ähnlich wie auch die anderen Mitarbeiter Maharishis. Oft, wenn ich abends um 11 Uhr in mein Hotel kam, hing dort ein Zettel der Heru, auf dem ich aufgefordert wurde, mein Zimmer bis zum nächsten Morgen um 10 Uhr zu räumen. Dann mußten wir stundenlang an der Rezeption des Hotels Seeblicks warten, bis uns das zuständige Office das nächste Zimmer zuwies. Es lohnte sich schließlich gar nicht mehr, die Sachen aus dem Koffer zu packen.
Einmal versprach man mir, man wolle mir als Meru-Professor ein besseres Zimmer geben. Eine Direktorin bot an, mir mit ihrem Auto beim Umzug behilflich zu sein. Übrigens wollte sie auch gerade umziehen. Auch ihr hatte man ein besserem Zimmer versprochen. Bald stellte sich jedoch heraus, daß ihr "besseres“ Zimmer dasjenige war, aus dem ich gerade ausziehen wollte; und mein "besseres“ Zimmer war ihr schlechtes, aus dem sie unbedingt rauswollte. Unter diesen Umständen ersparten wir uns den Umzug. Der nächste würde sowieso nicht lange auf sich warten lassen.

Schließlich war ich dieses Leben leid, in dem weder eine me- ditative Selbstbesinnung noch eine konstruktive Tätigkeit möglich waren. Maharishis Sekretär genehmigte mir als Me- ru-Professor auf meinen Antrag hin ausnahmsweise ein ruhiges Privatzimmer, doch jetzt ergab sich wieder ein neues Problem. Die Hauswirtin bestand darauf, die Miete im voraus zu bekommen, da die Meru die einheimischen Hausbesitzer oft lange auf ihr Geld warten ließ. Aber die Meru beharrte darauf, die Miete erst nachträglich gegen Rechnung zu begleichen. Fast wäre deshalb die Sache ganz gescheitert. Aber da kam mir eine Idee: Von dem von meiner Mutter geliehenen Geld wollte ich die Miete für 14 Tage vorstrecken, dann sollte es von der Heru rückerstattet werden, so daß ich wieder Geld für die nächste Zahlung an meine Hauswirtin hatte.



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Während dieser Verhandlungen rief ich von der Rezeption des Hotels Seeblick aus meine Zimmerwirtin an, um ihr den Stand der Dinge mitzuteilen. Ich erwähnte, daß ich gerade wieder mal ohne Zimmer sei. Hein letztes Hotelzimmer hätte ich am Morgen um 10 uhr verlassen müssen. Ich erläuterte ihr diese Lage, um ihr Mitgefühl zu gewinnen. Nach dem Ende des offen an der Rezeption geführten Gespräches trat ein Gouverneur auf mich zu, der mich dabei belauscht hatte. Er machte mir heftige Vorwürfe, da ich der Frau meine Lage so offen geschildert hatte. Er meinte, auf diese Meise würde doch die einheimische Bevölkerung einen schlechten Eindruck von Haha- rishi Dekommen. Man könne ja geradezu meinen, ich stünde auf der Gegenseite. Er tat nichts für eine Verbesserung der Lage, sondern nahm es mir übel, daß ich die Tatsachen wahrheitsgemäß geschildert hatte.

Ich bekam mein Privatzimmer. Nach einiger Zeit bestimmte Mm- harisahi jedoch für die Meru-Professoren das Hotel Belvedere in Weggis, das ganz nette Räume hatte. Wir Meru-Professoren sollten uns dort die besten Räume aussuchen, und die bisher dort Wohnenden sollten gehen. Doch derjenige, der das von mir ausgesuchte Zimmer bewohnte, weigerte sich, es zu verlassen, wohl wissend, wie schlecht ansonsten die Zimmer waren. Er kümmerte sich auch nicht um Haharishis Weisung, sondern entgegnete einfach, ihm hätte Maharishi das ja nicht gesagt. Der für die Zimmervermittlung zuständige Manager, der mich nicht leiden konnte, gab dem anderen recht. Doch inzwischen hatte ich die Nase voll und wollte mir nicht mehr alles gefallen lassen. Nachdem ich mich erfolgreich an Haha- rishis Sekretär gewendet hatte, konnte ich einziehen.

So verging meine Zeit in Seelisberg unter vielen Frustratio- nen, für die ich hier nur einige wenige Beispiele anführe. Ich mußte mich ständig mit Banalitäten herumschlagen. Anderen erging es nicht viel besser. Ein Mädchen, das - natürlich ohne jedes Entgelt - voller Hingabe in der Küche arbeitete, mußte ähnliche Kämpfe wie ich durchstehen, als sie Geld für den Zahnarzt brauchte. Sie glaubte, ich als Me- ru-Professor könne ihr dabei behilflich sein, doch mußte ich sie leider enttäuschen.

Es ist jedoch nicht immer reine Hingabe, die Meditanten nach Seelisberg führt. Ein junger Mann sagte mir, in Seelisberg hätte man doch sein Auskommen, ohne dafür soviel arbeiten zu müssen wie daheim. Auch kannte ich einen französischen Me- ru-Professor, der dort noch nie irgend etwas getan hatte.



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Das einzige, was man von ihm hörte, war, daß er beim Mittagessen immer begeistert über das gute Essen an der Meru sprach. Das Essen war m.E. auch das Beste in Maharishis Umgebung.

Während ich in den ersten Tagen meines AufenTMaltes an der Meru im Hotel Seeblick saß und auf eine Gelegenheit wartete, Maharishi anzusprechen, hatte ich reichlich Gelegenheit, die Szenerie dort zu beobachten. Viele Meditanten saßen dort ohne konkreten Anlaß herum. Sie wollten lediglich für kurze Augenblicke Maharishi sehen, wenn er aus dem Fahrstuhl trat, um in seinen Arbeitsraum zu gehen. Dann sprangen sie sofort auf und bildeten eine Menschengasse, durch die er hindurch- ging und ihm angebotene Blumen in Empfang nahm. Etliche saßen dort tagelang herum und taten in der ganzen Zeit nichts anderes. Viele dieser Meditanten machten einen recht stumpfsinnigen Eindruck.

Dabei erlebte ich eines Tages, wie eine junge Berlinerin auf ihn zustürzte: "Maharishi, ich habe Blutkrebs, was soll ich tun?“ Er: "Dann meditiere so viel als möglich.“ Sie: "Kann ich auf einen deiner Kurse gehen?“ Er: "Meditiere lieber bei dir zu Hause, das ist billiger als der Besuch von Kursen.“ Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ging in den Fahrstuhl, ohne dem todkranken Mädchen noch einen Blick zuzuwer- fen, das seine letzte Hoffnung in ihn gesetzt hatte.

Gleich in meinen ersten Meru-Tagen ließ ich mir das in vielen Propagandaschriften abgebildetes EEG-Labor mit seinem Computer zeigen. Hier wurden die Gehirnströme von Meditanten gemessen und aufgezeichnet. Man fand heraus, daß sich während der Meditation das Gehirnwellenmuster deutlich verändert. Ich machte den EEG-Forschern den Vorschlag, sie sollten doch mehr in die Tiefe gehen und versuchen im einzelnen zu klären, warum und auf welche Weise TM ganz bestimmte Veränderungen der Gehirnatröme verursache. Sie antworteten mir, sie hätten das Maharishi auch schon vorgeschlagen, aber der sei daran völlig desinteressiert. Ihm genüge es, durch die Gehirnströme nachzuweisen, daß TM überhaupt objektiv eine Wirkung hat. Das reiche für die Zwecke der Werbung aus; ein über die Propaganda hinausgehendes wissenschaftliches Interesse hatte er offenbar nicht.

In der lediglich aus einigen Buchregalen bestehenden BiblioTMek der Meru sah ich eines Tages einige Schreibtische, auf denen goldgedruckte Schilder mit den Namen der verschiedenen Meru-Professoren lagen. Der Meru-Leiter Geoffrey dem-



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ments erklärte mir hierzu, ich könne ruhig in meinem Zimmer arbeiten, die Schreibtische seien hier nur zur Show für die Besucher der Meru aufgestellt, denen man ja schließlich etwas vorweisen müsse.

Als Fakultätsmitglied durfte ich an allen Arbeitabesprechun- gen des Meisters teilnehmen. Er hatte wirklich eine enorme Energie und arDeitete vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Offensichtlich delegierte er kaum irgendwelche Entscheidungsbefugnisse, sondern wollte über alles informiert werden und behielt sich selbst über Kleinigkeiten die letzte Entscheidung vor. So durften Werbebroschüren und Plakate nur gedruckt werden, nachdem er sie gesehen und befürwortet hatte; selbst über den Zeilenabstand oder über die Farbe der Plakate diskutierte er oft lange mit seinen Mitarbeitern. Er gab die Anweisung, daß alle Plakate sein Bild zu tragen hatten, da sie nur dann wirkungsvoll seien.

Maharishi liebte technische Spielereien mit modernem Gerät. Die in seinen Studios aufgestellten Farbfernsehkameras sollen zu den teuersten der Welt gehören. Bei besonders wichtigen Anlässen ließ er seine Ansprachen nicht nur durch die Fernsehkameras sondern zugleich auch noch durch Filmkameras aufzeichenen. Dann gab es immer Kuchen, den er selbst jedoch grundsätzlich nie aß.

Ein wichtiger Anlaß war u.a.die Gründung der "Internationalen Universität für das Zeitalter der Erleuchtung“. Der Meister hielt eine feierliche Gründungsrede, das war allerdings alles, und damit war die Universität gegründet. Real existierten weder Grund und Boden noch Baupläne oder ein Lehrkörper. Später hörte ich nie wieder etwas davon.

Eines Tages war ich dabei, als sich Maharishi über einen Mitarbeiter ärgerte, der wohl aufgrund eines Mißverständnisses etwas nicht rechtzeitig erledigt hatte. Er sagte dazu:
"Richte ihm aus, daß er das schleunigst erledigen soll. Sonst wird mein Ärger auf ihm ruhen, und das würde für seine Entwicklung nicht gut sein.“ Als sich seine Mitarbeiter be- klagten, sie kämen durch die ständigen Umzüge und die dadurch bewirkten chaotischen Umstände nicht zum effektiven Arbeiten, erwiderte er: "Wir wollen uns nicht in der Relativität festsetzen. Deshalb wollen wir ständig in Bewegung bleiben.“

Einmal leitete er eine Konferenz mit mehreren TM-Wissen- schaftlern. Er forderte von ihnen Beispiele, in denen sich



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die materielle Natur analog zur menschlichen Entscheidungsfreiheit verhält. Doch solcbe Beispiele ließen sich nicht finden. Man merkte es ?labarishi an, daß er deswegen unzufrieden war. Gegen Abend desselben Tages sprach er an einem anderen Ort mit Kursteilnehinern und erklärte ihnen voller Begeisterung: "Ihr solltet Euch alle einmal das Videoband anschauen, das ich heute mit den Wissenschaftlern gemacht habe. Die haben ganz wunderbare Beispiele aus der Natur für die Spontaneität der menschlichen Entscheidung genannt.“ Ich war frappiert, wie kühl er in dem Moment genau die Unwahrheit sagte.

Auch lud er Generäle nach Seelisberg ein und versprach ihnen die tiribesiegbarkeit ihrec Armeen mit Hilfe von T!4. Einige Bürgermeister lud er ein zur Verleihung des Titels "Erster Bürgermeister des Zeitalters der Erleuchtung“ und überreichte ihnen goldgedruckte Urkunden. In seinem Nachrichtendienst meldete er: "Die Weitregierurig nimmt die Herausforderung an, die durch das Scheitern der OHO-Abrüstungskonferenz entstanden ist.“ So ist er auch auf politischer Ebene aktiv und versucht Einfluß auf die Regierungen zu gewinnen.

Eines Tages entwickelte Maharishi vor seinen Mitarbeitern seine Idee, sog. "Committees of Vigilance“ zu gründen (Wach- sarnkeitskomitees) Diese sollten die TM-Lehrer überwachen und überprüfen. Falls ein TM-Lehrer die Reinheit von Haha- rishis Lehren verletzte, sollte er sofort angezeigt werden. Tatsächlich gibt es in der TM-Bewegung seit einigen Jahren eine regelrechte Gesinnunysschnüffelei. Will beispielsweise jemand einen Initiatoren-Ausbildunys- oder Siddhi-Kurs besuchen, so wird der Betreffende zu einem Gespräch vorgeladen, in dem geklärt wird, ob er sich schon mit anderen geistigen Lehren befaßt hat. Ist dies der Fall, so wird er dazu zur Rede gestellt und ggf. nicht zum Kurs zugelassen, Die Beschäftigung mit PsychoTMerapie, anTMroposophischer Heilpäda- gogik oder Zen-Buddhismus gilt als Sünde. So zeigt sich immer väeder, daß viele negative Tendenzen und Intoleranz der TM-Bewegung von Maharishi selbst initiiert werden, da er al- le Fäden fest in der Hand hält. Es ist eine Illusion, wenn viele Meditanten glauben, Maharishi und seine Lehre seien rein, alles Negative würde nur durch die Leute in sefrier Utn- gebung veranlaßt, Maharishi wüßte gar nicht, was um ihn herum alles getrieben wird. Mit solchen unzutreffenden Ausreden und Erklärungen streuen sich viele Meditanten selbst Sand in die Augen, weil sie sich vor einer klaren Entscheidung drük- ken wollen.



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während meines AufenTMaltes in Seelisberg erfuhr ich auch, daß die Ehen unter seinen dortigen Mitarbeitern in erstaun- lich vielen Fällen entweder auseirianderbrechen oder aber nur noch formal bestehen, ohne daß sich die Partner noch etwas z~ sagen hätten. Die Meditanterl erklären das durch die rasend schnelle Entwicklung mit TM. Dadurch würde das Karma so schnell abgetragen bzw. man würde sich so schnell entwickeln, daß sich Eheleute auch schnell auseirianderent- wickelten. Auch außerhalb Seelisbergs gehen auffallend viele TM-Ehen auseinander, auch dann, wenn beide Partner meditie- ren. Dies steht in auffallendem Kontrast zu Maharishis Kohärenz-TMeorie, nach der TM zu einem geordneten und harmonischen Miteinander fähren müßte. Meine Erklärung für dieses Phänomen ist, daß TM den Menschen egozentrisch macht und ihn alle Lebenswerte außerhalb des engen Rahmens der Meditation mißachten läßt. Dadurch wird er unfähig zu einer tiefen und dauerhaften menschlichen Beziehung.

Nach sechs Wochen Seelisberg fand ich mich total unerfüllt und hatte ein starkes Gefühl von Selbstentfremdung. Die Umgebung entsprach einfach nicht meinem Wesen. In mir wuchs ein starkes Bedürfnis, in aller Ruhe in mich zu gehen und über meine Seelisbetget Erfahrungen sowie über die weitere Gestaltung meiner Zukunft nachzudenken. Ich entschloß mich, zu dem Zweck in die Einsamkeit Nordnorwegens zu gehen, wo ich in einer mitten in der Wildnis gelegenen ehemaligen HolzfällerhUtte wohnen konnte, Ohne Maharishi etwas von diesen Plänen zu erzählen, aber mit seiner Zustimmung, verließ ich deshalb Seelisberg zu einem Urlaub. Es war abgemacht, daß ich an die Meru zurückkehren konnte. So ließ ich all meine Sachen und auch einen Koffer mit wichtigen Unterlagen in meinem Zimmer im Hotel Belvedere zurück.

Sobald job Seelisberg verlassen hatte, fühlte ich mich wie von einer Zentnerlast befreit, als sei ich aus einem brodelnden Kessel entronnen. Allmählich entwickelte sich in mir wieder das Gefühl, ich selbst zu sein und nicht nur eine persönlichkeitsioSe Ameise im Gekribbel Seelisbergs. Als ich in Norwegen an der HolzfälleTMUtte angekommen ein Schloß reparieren mußte, merkte ich, wie schön selbst die geringste schöpferische und produktive Arbeit ist und wie sehr mir das in Seelisberg gefehlt hatte. Die Harmonie der Natur trug viel zum wiederfinden meines Selbst bei. Das Baden jeden Morgen im kalten Fluß vor der Hütte stärkte meine Willens- kräfte; und dadurch, daß ich dort oben mein Schicksal ganz allein zu gestalten hatte, ohne Einmischung oder Hilfe von



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außen, ganz aus mir selbst heraus, wurde mein Freiheitebe- wußtsein gestärkt.

Dennoch plagten mich Gewissensbisse Maharishi gegenüber, weil ich es wagte, an seiner Sache und Person zu zweifeln. Ich wunderte mich, wie freundlich die einfachen Bauern dort oben waren. Sie luden mich ein, bei ihnen zu übernachten, wenn ich nach einem langen Tagesmarsch in der nächsten Ortschaft eintraf, um mir dort alle paar Wochen neue Lebensmittel zu kaufen. Der Lebensmittelhändler bot mir sogar von sich aus an, mir Geld zu leihen, als meine Finanzen allmählich zur Neige gingen. Er fragte mich nicht einmal nach meiner Adresse oder nach meinem Personalausweis. Das natürliche und sympaTMische Wesen der Leute dort und ihre hilfsbereite Art standen in einem auffälligen Kontrast zu meinen Seelis- berger Erfahrungen. Wie war es nur möglich, daß Nichtmedi- tierende so viel liebenswürdiger und netter sein konnten als jene "hochentwickelten“ Gouverneure und Initiatoren in See- lisberg? Schließlich aber überwog doch die Erinnerung an meine faszinierenden Anfangserfahrungen mit TM und ich entschloß mich, meine Entwicklung in Seelisberg fortzusetzen. Ich vertraute darauf, daß ich im Leben geführt würde und die Schicksalsumstände mir den richtigen Weg weisen würden. Ich wollte noch einmal versuchen, fortzuführen, was vor Jahren so verheißungsvoll begonnen hatte.
 



26. Mein Abgang von der Meru

Nach einem halben Jahr Norwegen kam ich Weihnachten 1976 wieder in Seelisberg an. Meine Koffer, in denen sich auch mein Anzug befand, den ich während der Bahnfahrt hatte schonen wollen, ließ ich auf dem Bahnhof in Luzern. Ich wollte mir zuerst ein Zimmer geben lassen und dann meine sechs schweren Koffer gleich dorTMin transportieren. Meine Reise hatte auch dem Zweck gedient, meine wissenschaftlichen Bücher und anderes persönliches Eigentum, welches ich für einen längeren AufenTMalt bei Maharishi benötigte, aus Deutschland zu holen. Geoffrey Clemments, der mir gut bekannte Meru-Leiter, ein promovierter Physiker, tat sehr erstaunt, als er mich auf einmal wiedermah.

Bevor er mir ein Zimmer geben könne, empfing er mich, müsse er erst Maharishi fragen, ob ich wieder an die Meru zurückkehren dürfe. Ich wunderte mich darüber, weil ich ja vor meiner Abreise mit Maharishi die Vereinbarung getroffen hat-



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te, wieder zur Meru zurückzukehren, und davon wußte dem- mente dohl auch. Er sagte mir, Mahsrishi befinde sich gerade im Nachbarort Hertenstein "in silence“(Schweigezeit>. Es könne deshalb mehrere Tage dauern, bis man ihn wegen meines Falles fragen könne. Bis zu seiner Zustimmung solle ich mich privat in einem Hotel einguartieren. Auf meine Entgegnung, daß ich nur noch 10 DM in der Tasche hätte und mich doch nicht einfach draußen in den Schnee legen könne blieb er völlig ungerührt: "Das ist Deine Sache, das geht mich nichts an. Wir können es uns nicht erlauben, in Seelisberg jeden zu beherbergen.“

Mich erstaunte seine Kälte, da wir immer miteinander auf Du und Du gestanden hatten. Wir waren zwar nicht die allereng- sten Freunde gewesen, hatten aber immer ein ganz normales freundschaftliches Verhältnis gehabt. Wildfremde Bauern in Norwegen hatten mir ohne weiteres Unterkunft und Essen angeboten, ohne etwas dafür zu verlangen, und hier wurde ich von meinen eigenen Leuten so schäbig behandelt, als sei ich ein unwillkommener Bettler! Zum Schluß erklärte er: "Mit Deinem Bart darfst Du auf keinen Fall in den Speisesaal. Besorge dir sofort einen Rasierapparat und einen Anzug.“

Erstmals in meinem Leben trug ich einen Bart, der mir in Norwegen gewachsen war. Ich war aber sofort bereit, ihn mir abzurasieren und lieh mir einen Rasierapparat aus. Doch wo auch immer ich ihn in eine Steckdose stöpselte und mit dem Rasieren begann, wurde ich kurz darauf vertrieben. Hier dürfe ich nicht rasieren, hieß es, ich solle woanders hingehen. Endlich öffnete ich auf der Suche nach einer Steckdose eine Bürotür, hinter der überraschenderweise eine ältere TM-Leh- rerin auftauchte, die ich von früher her kannte. Als ich ihr mein Leid klagte, schmuggelte sie mir erst einmal etwas zu essen und zu trinken aus dem Speisesaal. Ich hatte seit 15 oder 20 Stunden weder gegessen noch getrunken. Schließlich machte sie mich auch noch auf eine kleine fensterlose und ungeheizte Gerümpelkammer unmittelbar unter dem Dach des Hauses aufmerksam, in der ich heimlich für die nächsten Tage unterkam und wo ich auch den Weihnachtsabend verbrachte. Es war eines der denkwürdigsten Weihnachtsfeste meines Lebens!

Leider entdeckte mich dort oben Maharishis Sekretär Niel. Er sagte, ich müsse dort unbedingt ausziehen, das sei ja ein ganz unwürdiger Platz. Er erklärte sich auf meine Bitte hin bereit, mit Geoffrey wegen eines anderen Zimmers zu sprechen. Als ich ihn wenig später wiedertraf, meinte er, man habe Maharishi immer noch nicht telefonisch erreichen kön-



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nen. Auch Niel besorgte mir kein anderes Zimmer. Er war recht arrogant und spielte seine Machtposition mir gegenüber voll aus. Vor allem kritisierte er mich, weil ich keinen Anzug anhatte. Ich bat ihn um menschliches Verständnis für meine besondere Lage. Hein Anzug befinde sich noch in meinem Gepäck auf dem Luzerner Bahnhof. Er entgegnete: "Ich habe überhaupt kein menschliches Verständnis. Du kennst doch Ha- harishis Kleidungsvorschriften. Fahr sofort nach Luzern und hole Deine Koffer. Du willst ein Doktor sein? Ohne Anzug siehst Du gar nicht so aus.“

Dieses Verhalten der TM-Oberen mir gegenüber war übrigens kein Einzelfall. Einige Zeit später erzählte mir ein langjähriger Initiator, daß er während eines Siddhi-Kurses abends in Blue Jeans in die Post ging und dabei von der Kursleiterin ertappt wurde, die ihn sofort vom Kurs verwies. Das dafür bezahlte Geld bekam er jedoch erst zurück, nachdem er mit dem Rechtsanwalt gedroht hatte.

Es dauerte lange, bis ich einen Meditanten fand, der mir mit seinem Auto beim Transport meiner Koffer nach Seelisberg behilflich war. Doch noch am selben Tag, als ich sie gerade mit einiger Mühe herbeigeschafft hatte, stürzte der Me- ru-Leiter voller Schadenfreude auf mich zu und teilte mir Haharishis Entscheidung mit, ich solle Seelisberg sofort verlassen. Man nannte mir keinen Grund dafür. Erst auf meine ausdrückliche Frage hin erhielt ich die Auskunft, es gäbe schon genug Heru-Professoren. Doch dies war offensichtlich nicht der wahre Grund. Kurze Zeit darauf suchte die Heru nämlich per Inserat in einer TM-Zeitschrift einen Chemiker. Ich vermute, Haharishi hatte erkannt, daß ich nicht in der Lage war, mich ihm bedingungslos unterzuordnen. Deshalb wollte er mich nicht in seiner Bewegung haben. Meditanten mit eigenständigem Denken fallen auch heute noch den ab und zu in Seelisberg und Schledehausen stattfindenden Säuberungsaktionen zum Opfer. So hatten mir die Schicksalsumstän- de schneller als erwartet einen Weg gewiesen. Seelisberg war wirklich nicht der richtige Ort für mich!

Nun fuhr ich nach Weggis ins Belvedere, um meinen dort vor meiner Abreise nach Norwegen zurückgelassenen Koffer abzuholen. Doch er war nicht mehr da. Man hatte ihn, als das Hotel für einen Kurs benötigt wurde, zugleich mit anderen dort la- gernden Gepäckstücken in eine Scheune nach Seelimberg gebracht. Dort lag auf einem großen Haufen allerhand Eigentum von Heditanten. Da offenbar schon viele auf der Suche nach ihren Sachen in diesem meterhohen Haufen gewühlt hatten, wa-



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ren viele Kartons zerrissen und der frühere Inhalt zerstreut. Trotz langen Suchens konnte ich meinen Koffer dort nicht finden. Als ich Maharishis Mitarbeiter fragte, warum sie denn nicht einfach die anhand von Kofferanhängern kenntlichen Eigentümer anschreiben würden, meinte er, das sei doch viel zu viel Arbeit. So ließ man es lieber zu, daß vielen Meditanten wertvolles Eigentum verloren ging. Darüber beklagten sich bei mir auch andere Schüler Maharishis, deren Koffer selbst aus verschlossenen und extra dafür eingerichteten Kofferräumen spurlos verschwunden waren und nie wieder auftauchten.

Am nächsten Tag fuhr ich über Luzern in den Schwarzwald, wo ich, völlig mittellos, Arbeit in einem Sägewerk annahm.
 



27. Anmerkungen zur Siddhi-Meditation

Beim Transport meines Gepäcks zum Luzerner Bahnhof hatte mir ein bei Haharishi für Gemüsetransporte zuständiger Meditant geholfen. Während der Fahrt in seinem Gemüsewagen berichtete er mir Erstaunliches: Er bekam in letzter Zeit häufig den Auftrag, außer Gemüse auch Schaumgummimatten in die Kursho- tele zu bringen. Man sagte ihm, damit würden die Räume der Teilnehmer ausgelegt, die neuerdings lernen würden, aus reiner Geisteskraft heraus zu fliegen. Der Schaumstoff sollte eine weiche Landung ermöglichen, nachdem sie genug im Zimmer herumgeflogen waren. Er höre in den Kurshotels oft dumpfe Aufprallgeräusche und glaube, die rührten vom Aufprall der Siddhas an die Zimmerdecke her, wenn sie zu hoch flögen. Ich war voller Ehrfurcht, als ich das hörte. Ich hatte bislang geglaubt, nur auserwählte Heilige verfügten über Wunderkräf- te wie die Levitation. Das war endlich einmal etwas anderes als immer nur das Gerede von Streßlösung und Transzendenz, das war endlich mal ein ganz greifbarer Erfolg der Hedita- tion!

Wenig später hatte ich dann Gelegenheit, mit einem Siddha in einem Raum zusammen zu meditieren. Als ich plötzlich durch dumpfe Aufprallgeräusche aus der Stille meiner Heditation herausgerissen wurde, erkannte ich jedoch, daß sie lediglich vom Aufprall auf den Fußboden des Raums herrührten. Was da vor sich ging, hatte ganz und gar nichts mir dem sanften Schweben eines Siddha im Lotussitz zu tun, wie es auf den TM-Propagandafotos zu sehen ist, Vielmehr hüpfte der Siddha in meinem Zimmer lediglich wie ein Frosch. Seine ruckartigen



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Sätze führten ihn nicht bis hinauf zur Zimmerdecke sondern nur in eine Höhe von etwa einem halben Meter. Auch ging er nicht im Lotussitz in die Luft, sondern seine Füße berührten die meiste Zeit den Boden. Alles machte den Eindruck eines normalen Hüpfens, wenngleich es mich verwunderte, wie ruckartig und wie hoch diese Sprünge aus dem Schneidersitz heraus erfolgten. Wenn ich nicht gewußt hätte, daß der Betreffende gerade sein TM-Flugprogramm absolvierte, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, sein Hüpfen als Fliegen zu be- zeichnen.

Dieses "Fliegen“ sah tatsächlich genauso aus, wie die Stern- reporter es später in Seelisberg fotografierten. Die Frage ist nur, wie die TM-Fotos von im Lotussitz schwebenden Sidd- has zustandekamen, denn mir berichteten Siddhas, die bereits am sog. Gruppenfliegen in der Schweiz teilnahmen, sie hätten noch nie jemanden echt fliegen sehen, geschweige denn daß sie selbst es könnten. Die Erklärung dafür liegt vielleicht in dem, was mir ein Bekannter berichtete: Er hatte bei einem Besuch seines Sohnes in Seelisberg aus Versehen einen falschen Raum unter dem Dach eines Maharishi-Hotels betreten und befand sich plötzlich in einem Fotolabor. Dort fiel sein Blick auf das deutlich retuschierte Foto einer fliegenden Frau. Nur weil er als Christ nicht stehlen wollte - er hat nie TM ausgeübt - ließ er dieses Beweisstück liegen. Wie schon das vorher von mir angeführte Beispiel der gefälschten TM-Heßkurve zeigt, ist Haharishi nicht gerade zimperlich, wenn es um Beweise für TM geht.

Eigenartig finde ich es, daß die Siddhas während ihrer Flug- übungen unbewußt Schreie ausstoßen, und zwar mitunter so laut, daß deswegen sogar die Seelisberger Polizei in ein Kurshotel kam. Aufgrund meiner Gespräche mit Siddhas glaube ich persönlich nicht, daß ihr Hüpfen in erster Linie auf den bewußten Vorsatz zum Springen zurückzuführen ist, wie das bei einem Sportler der Fall ist. Heine eigenen Beobachtungen deuten vielmehr darauf hin, daß durch Anwendung der Hedita- tionstechniken Schreie und spontane Huskelreflexe ausgelöst werden, die zu den ruckartigen Beinbewegungen und damit zum Hüpfen führen.

Die Siddhi-Meditationstechnik scheint auf jeden Fall sehr wirkungsvoll zu sein, so einfach sie auch ist. 0er Siddha denkt einfach gegen Ende der Heditation, nachdem er mit dem Mantra aufgehört hat, wiederholt einen Satz aus den Yoga Sutras des Patanjali (Deutsche Übersetzung im Bauer-Verlag, mit einem Kommentar von Swami Vivekananda, "Raja Yoga“):



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"Beziehung zwischen Raumelement und Körper und die Aufmerksamkeit auf die Leichtigkeit von Watte lenken.“ Diese Medi- tabion gibt den Anstoß. Ein Siddha berichtete mir, er habe sich während seiner 4editation als Feuerkugel durch den Raum fliegen sehen. Aber haben nicht Drogen-Konsumenten ganz ähnliche innere Erfahrungen? Nach meinen Beobachtungen, und ich kenne auch heute noch etliche Siddhas und Gouverneure, tritt jedoch im konkreten Wesen und Leben der TM-Siddnas keine An- derung zum Guten ein. Sie zeigen im Gegenteil in verstärktem Ausmaße die typischen Verhaltensweisen der Meditanten, wie ich sie bereits schilderte.

Gouverneure der inzwischen aufgelösten TM-Akademie Linden- berg/Allgäu luden einen bekannten Berliner Künstler - einen Meditanten - zu einem Vortrag ein. Da er mit langen Haaren erschien, verlangte man von ihm, er solle zunächst zum Friseur gehen. Als er sich weigerte, schickte man ihn wieder nach Hause, ohne daß er den Vortrag gehalten hätte. Ebenfalls dort wurde ein alter und sehr angesehener Initiator mit der Begründung des Hauses verwiesen, er sei ja gar kein Siddha.

Die Gouverneure dort (und auch z.T. in anderen Akademien) hatten ein stattliches Monatseinkommen von netto rund 10 000 OH, für das sie nicht einmal Steuern zahlten. Die einfachen Kursteilnehmer wurden dagegen finanziell regelrecht ausge- blutet. Sie verschuldeten sich oft hoch, um die Kurskosten von 100 bis 130 DM pro Tag bezahlen zu können. Ein Sidd- hi-Kurs kostete damals rund 6000 OH. Die hohen Preise wurden mit dem Argument verteidigt, die Kurse seien unbezahlbar wertvoll. Wenn sich jemand darüber beklage, so zeige sich darin nur Geldstreß und materialistisches Denken. Maharishi selbst soll gesagt haben, die Siddhi-Kurse mit ihren starken Techniken seien nur für die am höchsten entwickelten Hedi- tanten gedacht, und am höchsten entwickelt seien diejenigen, die die Fähigkeit besäßen, das viele Geld ranzuschaffen. Schließlich hörte ich selbst von Siddhi-Lehrern noch folgendes Argument: Diejenigen, die am Anfang zu TM stießen, hätten das Verdienst gehabt, den Wert von TM bereits so früh erkannt zu haben. Wegen dieses Verdienstes hätten sie nicht so viel dafür bezahlen müssen. Heute sei TM schon so be- kannt, daß es kein Verdienst mehr sei, zu Haharishi zu stoßen. Als Ausgleich dafür müßten die Leute heute für TM viel mehr bezahlen als früher.



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Die geistige Arroganz der Gouverneure ist nicht zu überbieten, so äußerten sie sich über Buddha und Christus mit dem Hinweis, Buddhas Weg führe ja nur bis zum Kosmischen Bewußtsein, und das Versagen Christi dokumentiere sich in seiner Kreuzigung. Auch habe Christus, anders als Maharishi, es nicht fertig gebracht, Initiatoren auszubilden, die der Nachwelt das Wissen um die Meditation hätte erhalten können.
 

Für die Teilnahme an den Siddhi-Kursen wurden regelrechte Werbekampagnen in den lokalen TM-Centern durchgeführt. Es gab einzelne Propagandisten, die zu dem Zweck von Center zu Center reisten und die Sensationelust der Meditanten mit Wunderstories anfachten. Sie erzählten von Kursteilnehmern die sich unsichtbar machten und nur an ihrer Armbandur erkannt werden konnten, die sie aus Versehen vergessen hätten zu entmaterialisieren Plötzlich sei eine Armbanduhr im Zimmer erschienen, deren Träger unsichtbar gewesen sei. Selbst Stühle seien unsichtbar gemacht worden, über die dann die ahnungslosen Kursteilnehmer zum großen Gaudi der Qouverneure gestolpert seien. Kursteilnehmer seien ganz unbewußt während der Meditation durch Wände geflogen und hätten sich plötzlich im Treppenhaus wiedergefunden.

Den Meditanten, deren spirituelle Gier auf solche Weise entfacht worden war, erklärte man sodann, sie sollten doch für die Teilnahme an so einem Kurs bei einer Bank einen Kredit aufnehmen. Sie würden nach dem Kurs soviel Unterstützung durch die Natur haben, daß sie plötzlich auf wunderbare Weise zu viel Geld gelangten, wie z.B. durch eine unvorhergese. hene Erbschaft. Davon könnten sie dann ihren Kredit leicht wieder zurückzahlen. Soweit ich die Fälle in meinem Bekanntenkreis verfolgen konnte, bestand diese Unterstützung durch die Natur in der Regel darin, daß schließlich die Eltern für die Schulden ihrer zahlungsunfähigen und oft auch noch ar- beitsunwilligen Kinder aufkommen mußten. Manchmal hatten zuvor die unter Psychischen Druck gesetzten Eltern eine Bürg- schaftserklärung unterschrieben, manchmal wurde die vorzeitige Auszahlung der Erbschaft verlangt. Maharishi selbst soll geäußert haben, für die Finanzierung eines Siddhi-Kur- ses sei jedes Mittel außer Bankraub recht.

Skrupellos macht Maharishi Geld zu einem wesentlichen Kriterium für die spirituelle Entwicklung. Seine Schüler macht er glauben, die Siddhi-Kurse seien eine ganz wesentliche Beschleunigung auf dem Weg zu Gott. Wer das nötige Geld besaß, konnte demnach durch Teilnahme an einem solchen Kurs leich-



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ter "Gott realisieren‘. Da Gott das höchste Ziel ist, waren seine Schüler bereit, für die Teilnahme an einem Siddhi-Kurs jedes Opfer zu bringen. Muß man nicht bereit sein - so die Logik - für Gott alles herzugeben, und sind nicht diejenigen Materialisten, denen Geld wichtiger ist als Gott? So hat Ma- harishi den Glauben seiner Schüler an seine Sache infam mißbraucht.

Siddhi-Techniken sind in Indien schon seit langem bekannt, gelten jedoch bei den anerkannten Meistern lediglich als Abwege geistiger Entwicklung: Indem sie diese .. .Siddhis.
genannten Kräfte gewinnen, hoffen sie, sich im Universum eines viel glorreicheren Zustandes zu erfreuen. Diese Siddhis werden durch verschiedene okkulte Praktiken gewonnen. Einige geben sogar vor, sie durch . "Erkenntnis des Selbst.., zu erlangen, aber wie sie hoffen können, richtige Erkenntnis zu erlangen, während sie diesen selbstsüchtigen Ambitionen frö- nen, ist schwer zu verstehen. Physische Unsterblichkeit und sogar die Herrschaft über die ganze Schöpfung werden von einigen erstrebt. Diese Menschen scheinen zu meinen, daß Gott in seiner Regierung über das Universum erfolglos war und daß sie selbst die Arbeit viel besser tun können, nachdem sie zunächst die nötige Gleichheit mit Gott erlangt und ihn dann sogar übertroffen haben. Sie versprechen der Welt im Großen, daß sie einen Himmel auf Erden errichten werden, sobald ihre Zeit gekommen ist..

Die Siddhi-Techniken werden an die Meditanten sinngemäß in folgender Form vergeben:
"Nach der Meditation, wenn Du noch in der Stille bist, setzt Du in diesen Bereich einen Impuls, der in einer halben Minute zweimal wiederholt wird. Danach gehst Du wieddr in die Stille (nach jedem Impuls) , d.h. Du gehst auf Dein Selbst zurück und beginnst von dort jeweils den Impuls wieder zu setzen. Mit dem Impuls wird keine Vorstellung verbunden. Wenn Gedanken kommen, gehe wieder in die Stille zurück. Und wenn wir mal so einen Impuls auslassen, so macht das auch nichts.
Impulse: Freundlichkeit-Güte-Glückseligkeit-Kraft des Elefanten; Bronchen-Halsgrube-Nabel-Inneres; Licht-Sonne-Mond- Polarstern.
Unterscheidung zwischen Intellekt und reinem Bewußtsein; Unterscheidung zwischen reinem Bewußtsein und Intuition; Unterscheidung zwischen reinem Bewußtsein und göttlichem Hören; Unterscheidung zwischen reinem Bewußtsein und göttlichem Fühlen; Unterscheidung zwischen reinem Bewußtsein und



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göttlichem Sehen; Unterscheidung zwischen reinem Bewu(3tsein und göttlichem Schmecken; Unterscheidung zwischen reinem Bewußtsein und göttlichem Riechen.
Eigene Körperform denken. Aufheben der Wahrnehmung. Absondern des Sehvermögens. Gefestigte Unterscheidung zwischen Intellekt und reinem Bewußtsein, Allmacht und Aliwissenheit.
 

Raurnelement im Grooen; Raumelement wesentliche Merkmale;
Raumelement im Feinen; Raumelemerit innere Natur; Raumelernent
Zielvorstellung; dieselben 5 Sachen mit: Luftelemerit, Feuer- element Wasserelement, Erdelement.

Flugsutra: Beziehung zwischen Raumelemerit und Körper und die Aufmerksamkeit auf die Leichtigkeit von Watte lenken.

Maharishis TM- und Siddhi-Rummel ist im höchsten Maße verwerflich. Er wirbt dem Naiven und Unwissenden gegenüber zunächst mit einer "einfachen Entspannungstechnik“. Diejenigen, die sein Angebot aufgreifen, zieht er systematisch immer tiefer in die TM hinein und beutet sie dabei finanziell aus. Die Siddhi-Kurse sind der vorläufige Höhepunkt. Letzt- lich dient alles nur der Verwirklichung seines "Weltplans“.
 
 



28. Der endgültige Bruch mit Maharishi

Nach meinem Fortgang aus Seelisberg befand ich mich in einer recht schwierigen Lage. Ich hatte mein Leben auf die TM gegründet und war nach meinem Studium statt in meinen Beruf zu Maharishi yegangen. Es erwies sich als sehr schwer, nach meinem Meru-Abenteuer wieder im Berufsleben Fuß zu fassen, weil sich inzwischen die Arbeitsmnarktiage für Chemiker verschlechtert hatte und mein Lebenslauf nun eine "Lücke“ aufwies. So blieb mir vorerst nichts weiter übrig als meine körperlich anstrengende und wenig bezahlte Hilfsarbeitertä- tigkeit in einem Sägewerk im Schwarzwald fortzusetzen.

Doch noch schwerwiegender für meinen damaligen psychischen Zustand war, daß die Werte, auf die sich mein Leben bislang gründete, ins Wanken gerieten. Sinn und Innalt meines Lebens waren für mich seit rund 15 Jahren untrennbar mit TM verbunden. All die Demütigungen, denen ich in Seelisberg ausgesetzt gewesen war, hatte ich geduldig und gutwillig über mich ergehen lassen und hielt sie für eine Art von Demuts-



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prQ~fung. Erst als mich Maharishi einfach auf die Straße gesetzt hatte, begann ich klarer zu sehen.

Meine harte Sägewerkstätigkeit erwies sich in mancher Hinsicht als genau das Richtige für mich. Die körperliche Arbeit in der frischen Winterluft und das Leben in einem kleinen Schwarzwalddorf mitten in der Natur taten mir gut und stabilisierten meine durch lange Ausübung der TM geschwächten und serisibilisierten Nerven. Auch war es einfach gut, unter Leuten zu leben, die noch nicht einmal das Wort Meäi- tation gehört hatten. Die Realität dort war genau umgekehrt wie es Maharishis Propaganda glauben machen will. In Seelis- berg, wo viele Menschen meditierten, fand ich sehr viel Lieblosigkeit, menschliche Gleichgültigkeit und organisatorisches Chaos. Die Menschen im Sägewerk dagegen, die noch nie meditiert hatten, wirkten nicht nur kerniger, sondern auch natürlicher, charaktervoller und hilfsbereiter.

Irgendwann platzte mir während der Arbeit der Reißverschluß meines Anoraks auf. Sofort bot mir ein Arbeiter an: "Meine Frau ist gelernte Näherin, gib mir den Anorak doch mal mit nach Hause.“ Anschließend wollte er nicht einmal Geld für den eingenähterx Reißverschluß haben! Solch eine Hilfsbereitschaft war in Seelisberg so gut wie undenkbar. Trotzdem meditierte ich weiterhin. Meine Bindung daran war einfach noch viel zu stark. Auch wollte ich grundsätzlich nicht aus einem momentanen Gefühl der Enttäuschung heraus eine so wichtige und weitreichende Entscheidung treffen wie die, einen 15 Jahre lang ausgeübten geistigen Weg, der praktisch meine Re- ligion war, zu verlassen.

Doch allmählich begann sich das trügerische Begriffsnetz Ma- barishis zu lösen, das mich so lange umspannt hatte. Auch ich hatte als Meditarit alles durch die Brille der TM-Weltan- schauung gesehen. In einer solchen Lage ist es sehr schwer, das Leben wieder in seiner Unmittelbarkeit zu erfassen und entsprechend zu leben. Das machten mir auch viele Diskussionen deutlich, die ich seitdem mit Meditanten führte. Bei der Abstreifung dieser Fesseln half mir sehr die Auseinandersetzung mit anderen geistigen Lehrern.

Die Meditanteri glauben, Maharishis Lehren seien die Quintessenz dessen, was alle anderen angesehenen Gurus und Meister einschließlich Jesus Christus auch lehren, mit dem Unterschied, daß sie selbst dank Maharishis genialer Techniken die von allen Heiligen und Propheten dargelegten Ziele viel leichter erreichen können. Obwohl z.B. die AnTMroposophen zu



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den schärfsten TM-Gegnern zählen und ihr Meister, R. Steiner, deutliche Trennungsstriche gegenüber dem Hinduismus gezogen hat, treffe ich immer wieder auf Meditanten, die Steiner für einen Vorreiter Maharishis halten. Das, was ihnen an detaillierter und konkreter intellektueller Auseinandersetzung mit der Welt bei Maharishi fehlt, das holen sie sich einfach bei Steiner und glauben sogar, bei ihm eine Bestätigung für Maharishi zu finden. So inkonsequent und unklar ist das Denken der Meditanten durch den Einfluß ihres Meisters geworden. Dazu trägt die Maya- und All-Einheitslehre bei, die alle Unterschiede zu Bedeutungslosigkeiten zerrinnen läßt. Es fehlt auch der Wille zur Auseinandersetzung. Ist der Wille zur Auseinandersetzung einmal gefaßt, so fallen die großen Unterschiede z.B. von Steiners zu Maharishis Lehren auf. Sie entsprachen meinen Lebensvorstellungen einfach mehr als die TM-Lehren. Das gab mir Mut und Selbstvertrauen, geistig freier zu werden und mich wieder mehr auf meine eigenen Erkenntnisse zu verlassen. Maharishi weiß wohl, warum er seinen Schülern die Auseinandersetzung mit anderen geistigen Lehren untersagt!

Natürlich beruht die Bindung an TM auch noch auf der Gewöhnung von Geist und Körper. Hört man dann plötzlich auf zu meditieren, entsteht ein Gefühl des Vakuums. In dieser Lage erweist es sich als günstig, zu einer anderen, natürlicheren Art von Meditation überzugehen, wie beispielsweise der bloßen Wahrnehmung der inneren Stille. Es kann sogar gefährlich sein, sie plötzlich ersatzlos zu streichen. Dies erinnert an die nach dem Absetzen von Drogen, Nikotin oder Alkohol auftretenden Entzugserscheinungen. Deshalb ist es für Maharishi leicht, seinen unsicheren Anhängern den sog. "acid test“ (Säuretest) zu empfehlen. Demnach sollen sie ruhig einmal mit TM aufhören. Dann fühlen sie sich schlechter, bekommen vielleicht Kopfschmerzen, und glauben nun umso mehr an die wohltuende Wirkung von TM. Doch beruht dies m.E. auf dem gleichen Trugschluß, wie wenn sich ein Drogenkonsument nach dem Absetzen der Drogen schlechter fühlt als zuvor und daraus folgert, die Drogen täten ihm gut.

Der Verzicht auf TM bedeutet jedoch keineswegs ein Dpfer. TM führt das Bewußtsein wie eine Droge in scheinbar lichtvolle geistige Weiten, nach denen sich im Grunde seiner Seele jeder Mensch sehnt. Dieses an sich natürliche Bestreben kann den Menschen jedoch, wie das Beispiel der Drogen deutlich macht, auch auf Abwege führen, die ihn schließlich ganz zerstören. Derjenige, der der Versuchung erliegt, einen allzu



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bequemen und scheinbar schnellen Weg zu jenen geistigen Weiten zu betreten, geht oftmals -trotz aller faszinierender Anfangserfahrungen- einen sehlimmen Irrweg, gleich dem durstigen Sucher in der Wüste, der einer Fata Morgana folgt. Er gleicht dem Bettler im Märchen, dem vorübergehend die Königskrone aufgesetzt wird. In Wirklichkeit wird er dadurch gar kein König, auch wenn er sich zunächst in dieser Illusion recht wohl fühlt. Irgendwann kommt sein Irrtum deutlich an den Tag, und dann hat der Suchende nichts gefunden, sondern nur verloren. Ich glaube, daß TM dem Menschen die individuelle eigene Seele nimmt.

Mi‘- ing es in den letzten Monaten seiner TM-Ausübung sehr schlecht. Ich fühlte mich in mein Inneres wie in einen dunklen Kerker eingeschlossen, so als ob mich eine Wand von meiner Umwelt trennen würde. Ich fand kaum noch eine Beziehung zu dem, was draußen war. Das fiel mir in besonders er- schreckendem Maße auf, wenn ich sit anderen Leuten redete. Es war, als ob ich allein wäre, als sei der Gesprächspartner nur ein Schatten in einem Traum. Es war, als ob sich ein Teil meines Wesens aus mir zurückgezogen hätte. Ich erinnerte mich wieder an den von mir bereits geschilderten Traum, den ich kurz nach meiner TM-Einführung hatte. Auch jetzt hatte ich manchmal Angst davor, quasi in einen dunklen Abgrund zu stürzen und darin zu versinken. Eine Ex-Meditantin berichtete mir Ähnliches von sich selbst. Sie gab TM auf, weil sie das Gefühl hatte, sie wäre sonst in ein schwarzes Loch gefallen.
 



29. Rückblick

Seit meinem Austritt aus Maharishis Bewegung sind bereits mehrere Jahre vergangen. In dieser Zeit habe ich inneren Abstand zu meiner TM-Ver gangenheit gefunden. Doch habe ich die vorliegende Arbeit nicht aus der Position eines innerlich unbeteiligten Wissenschaftlers verfassen können, sondern ich schrieb sie als jemand, der an TM unmittelbar beteiligt war, der an sie glaubte, an ihrer Verbreitung mitarbeitete und schließlich von ihr sehr enttäuscht wurde. Eine solche Darstellung mit all ihrem Für und Wider mag auf den ersten Blick zuweilen verwirren. Ich glaube aber, daß eine umfassende Darlegung und Erörterung der schillernden TM-Wirklich- keit ganz zwangsläufig so ist.



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Die TM-Bewegung hat viele ehrgeizige Ziele und propagiert viele zum Teil allgemein anerkannte Ideale. Sie möchte die ganze Welt verändern und - nach den Ideen ihres Gründers und Leiters Maharishi, der von den TM-Anhängern als der neue Messias betrachtet wird - zum Besseren hin umgestalten. Die Menschheit soll durch TM für alle Zeiten von allen Leiden und Problemen befreit werden.

Nach meinen Erfahrungen steht jedoch die konkrete Wirklichkeit der TM in einem krassen Gegensatz zu diesen humanitären Zielen. Vor allem in den Zentren von Maharishis Organisation ist oft ein erschreckendes Maß an Lieblosigkeit und arrogantem Machtbewußtsein anzutreffen. Die TM-Bewegung ist hinsichtlich dieses Widerspruchs durchaus kein Einzelfall. Es gab und gibt viele politische oder religiöse Gruppen, die versprechen, die Menschheit mit ihren jeweiligen Programmen einer glücklichen Zukunft entgegenzuführen. In Ihren Taten ordnen jedoch diese Bewegungen oftmals die Qualitäten des Herzens und die konkrete Menschlichkeit ihren ehrgeizigen Zielen und Dogmen unter. Das Resultat davon ist in der Regel, daß das Leid der Menschheit nur noch vermehrt wird, allen propagierten Idealen und Lippenbekenntnissen zum Trotz. Nach meinen Erkenntnissen gilt das auch für TM. Auch Hahari- shi folgt dem Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heiligt. Auch in seiner Bewegung spielen eTMische Prinzipien, wie z.B. das der Wahrhaftigkeit, nur eine untergeordnete Rolle. Gegenüber dem Guru und seinen Lehren sind im Bewußtsein der Meditanten alle anderen Werte nur zweitrangig.

Maharishis Schüler sollen ihre individuelle Persönlichkeit den Zielen der Bewegung unterordnen, sie praktisch aufgeben. Das Wort des Führers bzw. Gurus gilt als Evangelium, an dem nicht zu rütteln ist und dem sich jeder unterordnen sollte. Auf diese Weise wurden in der TM-Bewegung bereits viele zu unmündige Menschen, deren Fähigkeit zu eigenständigem Denken und Fühlen weitgehend verkümmert ist. Sie wurden zu blassen und seelenlosen Funktionären.

Im Bewußtsein der TM-Anhänger spielen Maharishis Dogmen eine größere Rolle als die konkret erfahrbare Wirklichkeit der Welt. Seine Anhänger verlieren immer mehr die Fähigkeit, in der Unmittelbarkeit des Lebens zu stehen. Sie können die Welt nur noch durch die TM-Brille sehen, nicht so, wie sie wirklich ist. Zu dieser Entfremdung von der Realität des Lebens trägt bei ihnen die aus dem Hinduismus stammende Maya-Lehre wesentlich bei, nach der die mit den Sinnen wahr-



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nehmbare vielgestaltige Wirklichkeit nur einen illusorischen Charakter hat und praktisch wertlos ist. Dementsprechend ha- b4n Haharishis Schüler oft große Schwierigkeiten, mit dem Leben außerhalb der TM zurechtzukommen. Sooar schwere nerv- liche Erkrankungen traten bei TM-Anhängern auf.

Im Vergleich zu diesen negativen Aspekten scheinen mir die anziehenden Seiten bei TM, z.B. die zeitweilig auftretenden Erfahrungen von Glückseligkeit, Entspannung oder Energiege- winn, unbedeutend zu sein. Diese scheinbar positiven Wirkungen treten nach meiner Erfahrung stets nur vorübergehend auf. Illusionen unterscheiden sich ja gerade dadurch von der Realität, daß sie stets wieder wie Seifenblasen zerplatzen. Die tatsächliche Entwicklung der Meditanten unterscheidet sich auf die Dauer gesehen sehr von den PropaqandaTMesen. Sie haben - ganz im Gegensatz zu Maharishis Versprechungen -zumeist auch eine Menge weltlicher von Problemen, sei es in finanzieller oder beruflicher Hinsicht oder in der Partnerschaft. Die von Maharishi geweckten großen Hoffnungen auf eine mühelos mögliche Glückseligkeit gehen bei ihnen jedenfalls ganz und gar nicht in Erfüllung.

Oft tritt in ihrer Entwicklung von Charakter und Persönlichkeit eine Stagnation ein, wenn nicht gar eine Regression. TM ist bei vielen besonders eifrigen Gefolgsleuten Maharishis, die sich für Gottes auserwählte Lieblinge halten, vor allem ein intensiver Ego-Trip, durch den das Bewußtsein eher verengt als ausgeweitet wird. Das ist eine Fehlentwicklung, zu der die indische All-Einheits-Lehre leicht führen kann, wenn sie falsch angewendet wird. Sie bringt den Menschen dazu, Gott in sich selbst zu suchen. Wenn dies nicht einhergeht mit einer konsequenten eTMischen Erziehung und der Abkehr von aller egoistischen Selbstsucht, dann führt der ständige Blick in das eigene Innere - bei gleichzeitiger Geringschätzung der Außenwelt - leicht zu IntrovertierTMeit und Egozen- trik. Dann identifiziert der Schüler sein Ego mit Gott und kennt nur noch Selbstliebe bzw. Liebe zu seinem begrenzten persönlichen Ego. Das macht sein Herz kalt. Da es bei TM keine bewußte eTMische Erziehung gibt, ist hier die Gefahr einer solchen Fehlentwicklung natürlich besonders groß. In der stets großprotzigen TM-Bewegung mangelt es dementsprechend an Brüderlichkeit, Demut, Bescheidenheit und Einfachheit, wie sie von Christus und vielen großen geistigen Lehrern gefordert und vorgelebt wurden.



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Maharishis Lehre, man könne durch TM alles ohne Disziplin, Konzentration und Anstrengung erreichen, läßt vielfach die jflllenskräfte seiner Schüler erlahmen. Statt zu arbeiten me- ditieren sie lieber. Da sich so aber nicht alle Probleme des Lebens lösen lassen, leiden sie unter dem Gegensatz der durch Maharishi hochgespannten Erwartungen und ihren tatsächlichen sehr begrenzten Möglichkeiten. Es fällt ihnen schwer, im Leben konkret etwas zu leisten und zu erreichen. Es ist eine große Illusion zu meinen, man könne ohne Arbeit an sich selbst oder an der Welt dauerhafte Erfolge erzielen. Das gilt nach Ansicht det meisten geistigen Lehrer auch für Fortschritte in der Meditation. Während sie auch in der Me- ditation Konzentration lehren, also intensive innere Arbeit der Seele, propagiert Haharishi eine mechanisch wirkende Me- ditationstechnik, die keinen Willenseinsatz oder bewußte religiöse Hingabe erfordert.

Ich verkenne nicht, daß auf viele Schüler Maharishis das von mir gezeichnete, negative Bild nicht oder nur in geringem Maße zutrifft. Doch nach meinen Erfahrungen handelt es sich dabei eher um Menschen in der Peripherie der TM-Bewegung. Dagegen finden sich in ihren Zentren wie Seelisberg oder unter ihren hochrangigen Funktionären erstaunlich viele, die dem von mir gezeichneten Bild weitgehend entsprechen. Die TM-Bewegung ist nicht nach ihren netten Außenseitern zu beurteilen, die sich vielfach auch gar nicht strikt an Haha- rishis Lehren und Anweisungen halten, sondern nach den Leuten im Kern der Bewegung. Der harte Kern der Bewegung, vor allem Maharishi selbst, bestimmt über den zu steuernden Kurs.

Gewiß ist Toleranz nötig, wenn es um die religiösen Praktiken und den Glauben Andersdenkender geht, sollen nicht Disharmonie und Unterdrückung in der Menschheit noch weiter zunehmen. Doch ist es leider eine unbestreitbare Tatsache, daß manche "geistige“ Gruppen und deren Führer die Grenzen dessen, was ohne Widerrede zu tolerieren ist, überschreiten. Ein besonders krasses Beispiel der letzten Zeit war die Guymna-Sekte, deren als Messias verehrter Meister viele seiner ihm bis zuletzt mit Hingabe dienenden Schüler in den Tod trieb. Diese Erfahrung macht klar, daß Kritik an einem geistigen System und dessen Guru durchaus legitim sein kann. Es gibt viele spirituelle Meister, sowohl aus dem Westen als aus dem Osten, die vor geistigen Irrwegen und deren Propheten warnen.



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Wo Licht ist, ist auch Schatten. Dort, wo von Gott oder sehr hohen Idealen die Rede ist, finden sich neben den echten auch viele falsche Propheten, die den Glauben vieler Menschen an diese Ideale mißbrauchen und sie in die Irre führen. Da sie wie wirkliche Propheten von Gott reden, ist oft zunächst nicht zu erkennen, daß sie ihre Anhänger tatsächlich auf Abwege bringen. Auf diese große Gefahr weist auch Christus hin: Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind! An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ <Hat 7, 15/16> . Hier weist Christus zugleich darauf hin, wie die falschen von den echten Propheten zu unter%heiden sind, nämlich an den Wirkungen, die sie schließlich hervorbringen; dagegen nicht so leicht an ihren Worten oder Lehren, die genauso fromm zu sein scheinen wie die der echten Propheten. Falsche Propheten sind auch diejenigen, die in Selbstüber- schätzung meinen, im Auftrag Gottes zu handeln, tatsächlich aber unwissend sind. Sie wollen vielleicnt niemanden in die Irre führen, tun es aber in ihrer Unwissenheit trotzdem. Die gutgemeinte Ansicht vieler Meditanten, Kritik an geistigen Wegen und deren Lehrern sei grundsätzlich falsch, da doch letztlich alle geistigen Wege zu Gott hinführen, ist sehr naiv.

Heiner Meinung nach handelt es sich bei TM um ein Degenera- tionsprodukt des Hinduismus und ich weiß mich mit meiner TM- Kritik in guter Gesellschaft mit angesehenen geistigen Lehrern. Aber auch viele prominente TM-Repräsentanten kamen zu ähnlichen Erkenntnissen wie ich und verließen Maharishis Organisation.
Mein Wissen um die TM empfinde ich als eine Verpflichtung. Ich habe hier meine Eindrücke und Erkenntnisse niedergeschrieben, um anderen Suchenden zu helfen. Ich möchte ihnen Fehler ersparen, die ich selbst aufgrund meiner Unerfahrenheit beging. Auch möchte ich dam Leser Anregungen bei der Bildung seiner eigenen Meinung geben. Vielleicht können meine Ausführungen den Meditanten manches bewußter machen, was bereits unbewußt in ihnen selbst vorhanden ist.

Um das Wesen der TM deutlich zu machen, habe ich oft die negativen Auswirkungen auf ihre Anhänger geschildert. Das geschah, um die Sache zu charakterisieren, nicht um die Medi- tanten zu diskriminieren. Im Gerienteil: ich empfinde ihre ursprünglichen Absichten und Motive auch heute noch als gut und achte sie. In unserer weitgehend von wirtschaft] ichen



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und technischen Kriterien bestimmten Zeit möchten sie sich wieder mehr auf die inneren bzw. seelisch-geistigen Lebenswerte besinnen und suchen nach einem höheren Lebenssinn, der über den Horizont einer Konsumgesellschaft hinausreicht. Deshalb wende ich mich auch gegen eine unterschiedslose Diskriminierung aller geistigen Bewegungen und Meditations- formen und trete für eine verständnisbereite Einstellung gegenüber den geistigen Suchern ein. Es ist menschlich, daß wir oft erst aus Fehlern lernen. Ich teile die kritische aber zugleich vorurteilslose und lernbereite Offenheit, wie sie in dem Bibelwort zum Ausdruck kommt: "Prüfet alles, was gut ist, behaltet.“
Viele Probleme, die ich hier ansprach, werden in Übereinstimmung mit meinen Überzeugungen in den folgenden Sätzen zum Ausdruck gebracht, die ein westlicher "Meister“ bereits um 1940 herum in den USA aussprach, die mir aber aktueller denn je zu sein scheinen:
"Du weißt, daß unsere innere Entwicklung nichts mit Firlefanz, Blendwerk oder Wichtigtuerei zu tun hat, auch nicht mit Wahrsagen oder mit Wundertum. Das Grundgesetz jeder seelischen Entwickling und geistigen Entfaltung ist Rücksicht und Hochachtung vor dem freien Willen des Nächsten und daher auch Vermeidung jeder Beeindruckung von außen her, was einer geistigen Vergewaltigung gleichkäme. Und das ist eine der schwersten Sünden, die ein "Eingeweihter““ begehen könnte. Jede Entwicklung und Entfaltung muß beim Menschen von innen heraus erfolgen und nicht durch Wahrsagen und Wundertun.... Du möchtest wissen, was ich von den vielen sogenannten indischen "Heiligen“ halte, die besonders in den USA herumreisen und Vorträge halten ... Imitations-“Heilige“ können leicht an ihrem Auftreten erkannt werden. Sie sind fast immer arrogant <sie wissen angeblich alles) , zwingend (Kurse kosten soundso viel) , anmaßend (sie geben Zertifikate für "Vo1len dung“ aus) , herausfordernd (sie geben fast nie etwas frei) und eingebildet (sie bekleiden sich mit indischen Turbanen, um mehr Eindruck zu machen) . Doch ich fälle kein Urteil über sie, sondern gebe nur bekannt, woran man Echtes von Unechtem erkennen kann. An denen, die zu solchen Indern laufen, liegt es selbst, dann das Echte vom Talmi zu unterscheiden. Wir Menschen sind hier auf Erden, um selbst entscheiden zu lernen. Wie könnte ich mir da wohl anmaßen, für die andern zu entscheiden, indem ich ihnen sage, der oder jener ist falsch. Ich habe kein Recht, irgendeinen meiner Brüder zu verurteilen...



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Niemals falle es irgend jemandem ein, etwa zu mir zu beten als zu einem Vermittler zu Gott! So etwas gibt es nicht! Zu Gott muß jeder allein beten und kommen ... ,Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst‘ <Mitteilungen eines Eremiten, Mangalam-Verlag S.Schang, 5.157ff).
 
 
 
 

DOKUMENTATION

Die Initiationszeremonie

Die Zeremonie, die bei der Einführung in die Meditationspraxis vollzogen wird und während der der TM-Neuling sein Mantra erhält, wird nach außen in allen Verlautbarungen offensichtlich so weit wie möglich heruntergespielt. Andererseits ist sie aber ebenso offensichtlich ein unaufgebbares Stück der TM-Praxis. Zunächst jedoch sei hier ein Auszug aus der hymnischen Anrufung, die der TM-Lehrer während der Puja spricht, auf Sanskrit und Deutsch wiedergegeben.

(Anmerkung: Es handelt sich um Teil um indische Texte. Auf die Wiedergabe wurde deshalb verzichtet).
 
 
 
 



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1. Version dieser Seite installiert am 25.10.1999





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