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Margaret Thaler Singer:
Der Ausstieg aus der Sekte
Aus: Psychologie Heute August 1979


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Der Ausstieg aus der Sekte
Aus: Psychologie Heute August 1979

In eine Sekte einzutreten ist relativ einfach: Man läßt sich anwerben und unterwirft sich den Regeln der Gruppe oder des "Führers“. Wie aber kommt man wieder heraus? Und vor allem: Mit welchen sozialen und psychologischen Problemen haben die "Aussteiger“ zu kämpfen, wenn sie aus der ekstatischen "heilen“ Welt in die Wirklichkeit zurückkehren?



Margaret Thaler Singer [zur Autorin unten]


Für den Begriff "Sekte“ gibt es noch keinen einheitlichen Sprachgebrauch. Manche Leute bezeichnen alle die Gemeinschaften als Sekten, die auch nur ein wenig abseits der traditionellen Religion stehen. Andere beziehen diesen Begriff nur auf Gruppen, die sich mit nicht-westlicher Philosophie beschäftigen oder auf eine Gruppenstruktur, die gekennzeichnet ist durch starke Abhängigkeit zwischen den Anhängern und einer grundlegenden Idee oder dem Sektenführer. Mit Angehörigen der letztgenannten Gemeinschaften habe ich mich beschäftigt; dazu gehören die "Kinder Gottes“, die "Vereinigungskirche des Sun Myung Mun“, die "Krishna-Bewußtseins-Bewegung“, die "Mission des göttlichen Lichts“ und die "Scientology Kirche“.

Im Lauf der letzten zwei Jahre habe ich mit meiner Kollegin, der Psychologin Jesse Miller von der University of California in Berkley Diskussionsgruppen eingerichtet, an denen bisher etwa 100 Personen teilgenommen haben. Es sind überswiegend junge Leute, die gewöhnlich aus Familien der Mittel- und Oberschicht kommen, ein Durchschnittsalter von 23 Jahren haben und zwei oder mehrere Jahre auf dem College gewesen sind. Nur wenige von ihnen sind Gefolgsleute irgendeines unbekannten "Messias“ gewesen, die meisten gehörten dem halben Dutzend der größten, meist gut durchstrukturierten bekannten Gruppen an.

Im Mittelpunkt unserer Gesprächsgruppen steht die Diskussion und gegenseitige Information. Wir betreiben weder eine hektische "Entprogrammierung" noch bieten wir Gruppentherapie an. Unsere Erwartung geht eher dahin, von den Teilnehmern der Gruppe zu lernen und ihnen ihre psychische Not dadurch zu erleichtern, daß wir ihnen den Zusammenhang und Zusammenhalt liefern, in dem sie sich gegenseitig unterstützen können. Auch hoffen wir, ihnen zu helfen, indem wir ihnen einige unserer Kenntnisse des Prozesses, dem sie ausgesetzt waren, vermitteln und erklären. Das betrifft besonders die Mechanismen der Verhaltensänderung, die es ehemaligen Sektenanhängern schwermachen, sich an das Leben "draußen“ nach dem "Aussteigen“ anzupassen. Mein Arbeitsschwerpunkt liegt dabei auf dem Gebiet der Zwangsüberredung, der sogenannten "Gehirnwäsche“. Jesse Miller beschäftigt sich mit den Methoden, Trance-Zustände herzustellen.



Aufbau der Sekte


Man kann durchaus behaupten, daß einige Sektengruppen bestimmte Ähnlichkeiten aufweisen mit besonders fanatischen - aber etablierten - religiösen Traditionen, oder auch mit utopischen Gemeinschaften der Vergangenheit. Diese Gruppen sind keineswegs identisch, und was für die eine gilt, braucht für die andere noch lange nicht zuzutreffen. Doch ich war sehr beeindruckt, als ich im Laufe der letzten vier Jahre fast 300 Personen, die noch oder nicht mehr einer Sekte angehörten intcrviewte, wie ähnlich ihre Berichte waren. So enthalten offensichtlich die Werbe- und Umtterweisungspraktiken dieser Sekten besonders ausgeklügelte Techniken zur Verhaltensänderung. Auch ist mir durch diese Interviews klargeworden, welche Schwierigkeiten ehemalige Sektenmitglieder haben, wenn sie sich an das "Leben draußen“ wieder gewöhnen wollen oder müssen.

Wie kommt ein ganz normales junges Mädchen oder ein junger Mann zu einer solchen Sekte? Nach ihren eigenen Berichten schlossen sich viele der Gruppe in einer Krisensituation an, in der sie etwa depressiv oder verwirrt waren, ihnen das Leben sinnlos vorkam. Die Sekte versprach - und lieferte auch für einige - eine Lösung für in diesem Alter häufig anzutreffende Entwicklungskrisen. Sekten bieten fertige Freundschaften, fertige Entscheidungen über Karriere, Sex und Ehe und umreißen einen klaren "Sinn des Lebens“. Dafür erwarten sie dann totalen Gehorsam gegenüber ihren Geboten.

Wodurch erhalten die Sekten die Ergebenheit ihrer Anhänger aufrecht? Zum einen durch das Argumentationssystem ihrer Ideologie, zum andern durch sozialen und psychologischen Druck. Zum dritten durch Praktiken, die - bewußt oder unbewußt - auf Konditionierungstechniken hinauslaufen, durch die sie die Aufmerksamkeit und Kritikfähigkeit einschränken, persönlichen Beziehungen Grenzen setzen und logisches Denken abwerten. Anhänger und Ausgestiegene bechreiben, wie sie ständig ermahnt wurden und üben mußten, einen ekstatischen religiösen Zustand zur Bewußtseinsänderung zu erreichen und dahin zu gelangen, automatisch jedem Gebot zu gehorchen. Stundenlang wird gebetet, gesungen oder  meditiert (in einer bestimmten Zen-Sekte zum Beispiel mehrere Male jährlich 21 Stunden lang an 21 aufeinanderfolgenden Tagen), manchmal gibt es Vorträge, die sich über einen Tag und eine Nacht hinziehen.


In der Sekte gab es ein
Vierundzwanzig-Stunden-Ritual
aus Arbeit und Gebeten.
Nach dem Ausstieg kehrt
oft ein Gefühl der Sinnlosigkeit zurück

Glück und Zweifel

Während der Zeit in der Sekte werden die Mitglieder völlig von ihrer Familie und von Kontakten zur Außenwelt ferngehalten; die "nicht konvertierte“ Außenwelt wird moralisch hart verurteilt, das Sexualverhalten eingeschränkt. Alles zielt darauf ab, die Bindung der Anhänger an die Ziele der Sekte - in den meisten Fällen auch an einen mächtigen religiösen Führer - zu stärken. Einige Aussteiger waren glücklich während ihrer Mitgliedschaft in der Sekte, befriedigt, ihr gequältes Selbst in ein selbstloses Ganzes zu tauchen. Waren sie erst einmal dem Gruppenideal verpflichtet, dann begrüßten sie die Unterweisungsprozeduren, die sie an die Gruppe banden und die mit der Zeit alle anderen Bindungen oder Informationen ausschlossen.

Allmählich jedoch fühlten sich einige unserer Gruppenmitglieder vom Leben in der Sekte enttäuscht, stellten fest, daß sie sich den Anforderungen nicht unterwerfen konnten oder waren verbittert über die Widersprüchlichkeiten zwischen Theorie und Praxis. Einige dieser jungen Leute hatten die Gruppe allein oder mit Hilfe von Familienmitgliedern oder Freunden verlassen, die sie von irgendwelchen Orten außerhalb der Sektenhauptquartiere abholten. 75 Prozent unserer Teilnehmcr an den Diskussionsgruppen hatten jedoch ihre Sekte nicht völlig aus eigenem Willen verlasscn: In den meisten Fällen war von den Gerichten eine Vollmacht ausgestellt worden, eine Art Vormundschaft über den jungen Erwachsenen, die es ermöglichte, den Betreffenden zwangsweise aus der Sekte herauszuholen. Einige Sekten widersetzten sich dem energisch, manchmal entfernten sie sogar bestimmte Mitglieder aus dem betreffenden Bundesstaat, andere nahmen dies stillschweigend hin.

Viele unserer Gruppenteilnehmer sagten uns, daß sie dankbar waren für das Eingreifen von außen und bereits auf Rettung gehofft hatten. Sie selbst hätten sich nämlich machtlos gefühlt, ihrem eigenen Verlangen zu folgen und die Sekte zu verlassen, aufgrund des enormen psychologischen und sozialen Drucks der anderen Sektenmitglieder und des Führers. Versuchten sie es doch einmal, dann hatten sie einerseits Schuldgefühle ("ich lasse die anderen im Stich“) und andererseits Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, vor einer "Exkommunikation“. Außerdem waren sie sich nicht sicher, ob es ihnen gelingen würdc, sich in der Welt "draußen“ wieder zurechtzufinden. In einer Welt, die sie so lange verachtet hatten.



Probleme nach dem Ausstieg


Dann haben sie andere Sektenaussteiger getroffen, mit denen sie sich über gemeinsame Erfahrungen unterhalten konnten. Sie erfuhren, daß auch die anderen unzufrieden gewesen waren mit ihrer Situation in der Sekte, erhielten von ihnen politische und wirtschaftliche Informationen über die Aktivitäten der Sekten. lnformnationen, die ihnen teilweise völlig neu waren. Und sie lernten, daß auch die anderen ähnliche Reaktionen auf die Praktiken der Sekte gezeigt hatten. Auf jeden Fall waren die Tage nach dem Ausstieg aus der Sekte - ob dieser nun freiwillig geschah oder nicht - eine Möglichkeit, alles noch einmal zu überdenken oder es erst einmal wegzuschieben, auf sich beruhen zu lassen und auf jeden Fall alte Freunde und Bekannte wiederzusehen - vor allem aber Abstand zu ihren Gefühlen zu bekommen. Nur wenige kehrten nach der Zeit zu Hause wieder zur Sekte zurück, die Mehrzahl hat sich entschlossen, ihr weiteres Leben außerhalb irgendeiner Sekte zu führen.

Es ist oft so, daß das Leben in einer geschlossenen Gemeinschaft so verschieden ist von dem sonstigen alltäglichen Leben, daß den Betroffenen die Umstellung ähnlich schwerfällt wie zum Beispiel einem Häftling nach der Entlassung aus dem Gefängnis. Oft wird behauptet, daß Leute, die sich Sekten anschließen, bereits gestört seien und daß die nach dem Ausstieg aus der Sekte auftretenden Probleme praktisch die aufgeschobenen von "vorher“ wären.

Auf der anderen Seite scheinen einige Phänomene bei früheren Sektenmitgliedern spezifisch zu sein:

Die Mehrzahl der ehemaligen Sektenmitglieder, die uns aufsuchten, hatten zu dem einen oder anderen Zeitpunkt ein paar oder sogar alle der nachfolgend aufgeführten Schwierigkeiten. Alle haben uns erzählt, daß sie zwischen sechs und acht Monaten brauchten, um ihr Leben wieder so zu ordnen, wie es sorher war und ihre eigenen Fähigkeiten wiederzuentdecken.
 
Eine Literaturempfehlung

So unterschiedlich vom äußeren Erscheinungbild her die sogenannten "Jugendsekten“ auch sein mögen, sie haben einige grundlegende Gemeinsamkeiten, so etwa

  • eine patriarchalische Führerfigur. die blinde Unterwerfung und gehorsame Befolgung aller ihrer Gebote verlangt;
  • ein strenges Reglement, das den Sektenangehörigen genau vorschreibt, wann und was sie zu arbeiten haben, wann sie welche Gebete, Gesänge oder Meditationen absolvieren müssen, und so weiter;
  • ein Elitehewußtsein; wer dieser Sekte angehört, ist auserwählt, gottnah, ein "besserer Mensch“.
Alle diese Merkmale sind nicht dazu angetan, die Entwicklung der überwiegend jungen Leute - die sich vom Leben in der Sekte die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens erhoffen - ein Stück weiterzubringen. Im Gegenteil: Sie tragen (manchmal sogar iireversible) geistige und seelische Schäden davon.

Im Februar 1978 gab eszum ersten Mal in der Bundesrepublik eine wissenschaftliche Tagung zum Thema "Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Jugendreligionen“, die gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Bundeskonferenz für Eniehungsberatung durchgeführt wurde. Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen - Theologen, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychologen, Soziologen und Sozialpädagogcn sowie Vertreter von Elterninitiativen versuchten aus ihrer Sicht eine Einschätzung der Jugendsekten zu geben und überlegten gemeinsam, wie den Betroffenen geholfen werden kann, den "Weg zurück“ zu finden. Die wichtigsten Beiträge dieser Tagung sind jetzt unter dem Titel "Neue Jugendreligionen“ (Herausgeber: Manfred Miiller-Küppers und Friedrich Specht) im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erschienen. Sie können dieses Buch über unseren Leserdienst bestellen.



Depressionen


Durch ein 24-Stunden-System von kultischen Ritualen, Arbeit, Gottesdienst und Gemeinschaftsleben bieten die Sekten ihren Mitgliedern das Gefühl, "sinnvoll" zu leben. Nach dem Verlassen der Sekte werden die meisten wieder von einem Gefühl absoluter Sinnlosigkeit befallen. Zudem müssen sie sich mit all den persönlichen Problemen und Beziehungen auseinandersetzen, die zum Zeitpunkt ihres Eintritts in diese Sekt bestanden und meist auch in der Zwischenzeit nicht gelöst worden sind.

Die Aussteiger müssen aber auch mit einer Vielfalt von Verlusten fertig werden. In unseren Gruppen kommt oft zum Ausdruck, daß sie die verlorenen Jahre bedauern, die sie abseits der "Hauptstraße“ des täglichen Lebens verbrachten. Sie bereuen es, anderen Gleichaltrigen nicht ebenbürtig zu sein, nicht eine ebensolche Karriere gemacht oder das Leben genossen zu haben. Meist bekommen sie dann das Gefühl, ihre "Unschuld“ und ihre Selbstachtung verloren zu haben.



Einsamkeit


Eine Sekte zu verlassen bedeutet auch, viele Freunde, eine Gemeinschaft mit kollektiven Interessen, die Vertrautheit und Intimität gemeinsames Erlebens hinter sich zu lassen. Es bedeutet auch, sich neue Freunde in einer verständnislosen oder als argwöhnisch wahrgenommenen Welt suchen zu müssen. Vor dem Sektenbeitritt hatten sich viele unserer Gruppenmitglieder mit sexuellen, partnerschaftlichen oder Eheproblemen auseinandergesetzt. Die Sekten reduzieren diese Art von Problemen, indem sexuelle Kontakte und das Eingehen von privaten Beziehungen eingeschränkt werden, offenbar um die Mitglieder auf "die Arbeit des Meisters“ zu konzentrieren. Sogar Eheschließungen, falls erlaubt, sind den Sektenregeln unterworfen. Da Sexualität stark kontrolliert wird, bieten Freundschaften manchen Leuten eine besonders große Sicherheit: Sich nach bestimmten Regem nur brüderlich oder schwesterlich zu lieben, kann einem jungen Erwachsenen, der mit Sexualität und Liebe große Probleme hat, einiges an Entlastung geben.

Sofort nach dem Ausstieg aus der Sekte suchen manche einen Ausgleich für die verlorene Zeit in wahren Orgien von Alkohol, Freundschaften und sexuellen Abenteuern. Dies wiederum ruft oft übermäßig Schuld- und Schamgefühle hervor, wenn sie die Verbote ihrer Sekte mit ihrer neuen Freiheit vergleichen. Valerie, eine 26jährige frühere Lehrerin, erzählte: "Gleich als ich herauskam, ging ich mit jedem Mann aus, der Interesse an mir zeigte - irgendwelche Typen, Freaks - ich war sogar mal mit einem Drogen-Dealer zusammen, bis ich auf der Autobahn seinen Wagen zu Schrott fuhr. Ich war vorher nie so gewesen.“


Ehemalige Sektenmitglieder stellen fest,
daß Streß oder Depressionen sie wieder in trance-ähnliche
Zustände zurückwerfen können


Zu einem Bild:
Ekstase - das "eins werden mit Dir selbst, mit Gott, mit Deinen Brüdern und Schwestern“ - ein im normalen Alltag nie gekanntes Glücksgefühl, das ist es, was viele in den Sekten suchen und auch finden. Kehren sie aber in die Wirklichkeit zurück, so wird ihnen dieses "Abgleiten" noch oft zu schaffen machen.

Andere geraten einfach in Panik und versuchen, ganz zu vermeiden, Leute zu sehen. Einer bemerkte: "Ich hatte ziemlich viele sexuelle Erfahrungen, bevor ich der Sekte beitrat. Und jetzt ist es als wäre ich vollkommen unerfahren; ich bin gehemmter als ich es früher in der Schule war. Ich fühle mich schon sexuell schuldig, wenn ich nur daran denke, ein Mädchen um eine Verabredung zu bitten. Die haben mir wirklich eingeredet, Sex sei schlecht!"

Umgekehrt gab es einige Gruppenteilnehmer, die in "ihrer“ Sekte zu sexuellen Orgien gezwungen wurden. Eine Frau beschrieb den Sektenführer folgendermaßen: "Er benutzte Orgien, um unseren Widerstand zu brechen. Wenn jemand keinen Gruppensex mochte, dann sagte er, derjenige hätte einen psychologischen Komplex, den man beseitigen müsse, denn er hindere uns alle daran, zu schmelzen und uns zu vereinigen.“



Unentschlossenheit


Einige Sekten schreiben buchstäblich jede einzelneTätigkeit des Tages vor: Was und wann zu essen ist, welche Kleidung man tragen muß, was bei Tag und was bei Nacht zu tun ist; das Duschen, die Reinigungsprozeduren; die Schlafpositionen. Der Verlust einer Lebensform, in der alles geplant ist, schafft eine "Zukunftsleere", wie einige unserer Gruppenmitglieder es ausdrücken, eine Leere, in der sie plötzlich ganz allein dastehen uind ihre Zukunft planen und leben müssen. Jemand sagte: "Freiheit ist großartig, aber viel Arbeit.“ Einige Leute können keinen einzigen durchdachten Plan für sich selbst aufstellen, oh es sich dabei um Jobsuche, die Schule oder das soziale Leben handelt. Manche müssen geradezu gezwungen werden, sich einen Wecker und einen Notizblock anzuschaffen, um überhaupt aufstehen und irgendwelche belanglosen Alltagsverrichtunpen tun zu können. Eine Frau, die unfähig war, eine Arbeitsstelle zu behalten oder sich auch nur um ihre Wohnung zu kümmern, seitdem sie aus der Sekte ausgetreten war, meinte: "Ich komm‘ in die Wohnung und kann mich nicht entscheiden, was ich tun soll - putzen, das Bett machen, kochen, schlafen oder was sonst. Ich kann mich für nichts entscheiden und so gehe ich schlafen. Ich weiß nicht einmal, was ich kochen soll. Die Gruppe belohnte mich immer mit Bonbons und Zucker, wenn ich tüchtig war, und jetzt ruiniere ich meine Zähne. weil ich nur Süßigkeiten und Kuchen esse.“

Sie akzeptieren fast alles,
was man ihnen sagt;
einfache Bemerkungen werden als Befehle aufgefaßt


Abgesehen von den Schwierigkeiten, zu Entscheidungen zut kommen, scheinen diese Probleme nicht unbedingt auf spezieIle Verhaltensänderungs-Techniken dieser Sekten zurückzuführen zu sein. Anders ist es jedoch mit den beiden folgenden Punkten:


Veränderter Bewußtseinszustand


Von dem Zeitpunkt an, zu dem Interessenten ins Domizil der Sekte eingeladen werden - zum "Ashram“, "unserem Landhaus“, der "Familie“, dem "Center“ - ebenso wie nach der Aufnahme, werden sie in einen Zyklus langer, sich wiederholender Vorträge eingespannt. Diese bestehen aus hvpnotischen Metaphern und ekstatischen Gedanken, stundenlangem Singen in halbwachem Zustand, die Aufmerksamkeit fesselnden Liedern und Spielen, und nicht zuletzt aus Meditationen. Mehrere Gruppen pflegen ihre Mitglieder mit Kopfhörern ins Bett zu schicken, damit sie auch während des Schlafens noch Predigten hören, nachdem bereits stundenlang Ermahnungen des Sektenführers auf Tonbändern in wachem Zustand angehört worden waren. All dies sind Praktiken, die einen veränderten Bewußtseinszustand, nämlich Ekstase und Beeinflußbarkeit, erzeugen.

Viele, die das einmal mitgemacht haben, stellen nach dem Verlassen der Sekte fest, daß eine Reihe von Bedingungen - etwa Streß, ein Konflikt, ein depressives Tief, bestimmte bedeutungsvolle Worte oder Ideen - dazu führen können, daß sie in den tranceähnlichen Zustand zurückkehren, der ihnen von den Sektentagen her bekannt ist. Sie erzählen, daß sie dann in die vertraute, unerschütterliche Lethargie fallen und HaIluzinationen haben, als hörten sie noch die Ermahnungen des Sektensprechers. Diese Empfindungen des "Abgleitens“ - ganz ähnlich wie die flashbacks (Rückhlenden) von Drogenabhängigen - erscheinen am häufigsten unmittelbar nach dem Verlassen der Gruppe, bei einer Reihe von Leuten jedoch noch Wochen oder Monate später. Ein junger Mann namens Ira hatte vor seinem Sektenbeitnitt sein Diplom in Betriebswirtschaft gemacht. Nach zwei Jahren täglicher und nächtlicher Berieselung durch Kopfhörer und Tonbänder arbeitet er jetzt in einer Fabrik - "bis ich meinen Kopf wieder hin kriege!“ Er hat Angst verrückt zu werden, "Wochen. nachdem ich die Sekte verlassen hatte, meinte ich, plötzlich den Sektenführer sagen zu hören: 'Du wirst immer wieder zurückkommen. Du gehörst zu uns. Du kannst Dich niemals von uns trennen.‘ Ich vergaß dann immer, wo ich gerade war, daß ich jetzt nicht mehr in der Sekte war. Einmal bekam ich solche Angst, daß ich mich selbst ins Gesicht schlug, um diese Stimme zu unterbrechen.“

Jack, früher Physiologie-Student im Hauptstudium, hatte mehrere Jahre einer Sekte angehört. Er erzählt: "Ich ging an meine Universität zurück, um mit meinem Doktorvater zu sprechen. Während unseres Gesprächs schrieb er seine Gedanken an die Tafel. Plötzlich gab er mir die Kreide und sagte: 'Umreißen Sie einige Ihrer Gedanken‘. Er wollte, daß ich kurz meine Pläne darlegte. Ich ging zur Tafel und zog einen Kreis um die Worte des Professors. Ich hatte wie ein kleines Kind reagiert. Seine Worte hatte ich als wörtliche Befehle aufgefaßt: Ich zog eine Linie um die an die Tafel geschriebenen Ideen. Als ich sah, was ich getan hatte, war ich plötzlich verlegen. lch war auf einmal geistig weggetreten, und so etwas passiert mir immer noch gelegentlich.“

Während unserer Gruppendiskussionen stellen wir oft fest, daß einige "abgleiten“, wenn wir uns nicht um einen Konzentrationpunkt bemühen. Verfällt einer der Teilnehmer in ausschweifende Schilderungen im abstrakten Sektenjargon, dann kann das bei den andern zu einer Art Ansteckung führen. Sie erklären, diese Situation gleiche dem Zustand, in den sie wällrend der Meditationen oder Vorträge gefallen waren, es verwirre sie. Sie haben Angst davor, wahnsinnig zu werden und das "Gleiten“ niemals mehr unter Kontrolle zu bekommen. Man kann solche brisanten Situationen allerdings vermeiden, indem man sich an konkrete Themen hält und sein Gegenüber direkt anspricht.

Für viele ist es eine große Erleichterung zu erfahren, daß andere dieselben Rückblenden erleben, daß sie kontrolliert werden können und daß dieser Zustand schließlich verschwinden wird. Übrigens sind diejenigen, die noch nach langer Zeit "abgleiten“ - das kann bis zu zwei Jahren nach Austritt aus der Sekte dauern - gewöhnlich dieselben, die vor dem Eintritt in die Sekte unter schweren Depressionen, extremer Unentschlossenheit und anderen Störungen gelitten hatten.



Nicht mehr denken können


Die meisten Sektenaussteiger sind weder dumm noch ausgesprochen verwirrt. Trotzdem berichten sie von bestimmten Wahrnehmungsstörungen und Veränderungcn des Denkens, die einige Zeit brauchen, um zu verschwinden.

Jack, der Physiologie-Student, beschreibt es so: "Ich merke seit einiger Zeit, daß etwas anfängt zurückzukommen. Eines Tages fiel mir auf, daß es mein Denken ist, das sich allmählich erweitert. Ich kann wieder komplizierte Zusammenhänge erkennen. Die Gruppe hatte mich langsam, Schritt für Schritt, von allem abgeschnitten außer dem simpelsten Schwarz-weiß-Denken. Man wird am logischen Denken gehindert, indem sie einem immer wieder sagen: 'zweifle nicht, sei nicht negativ!‘. Und nach kurzer Zeit denkt man nur noch arglos in Begriffen von ja/nein - richtig/falsch.“

Viele aus den Sekten Ausgestiegene. wie Ira, der Fabrikarbeiter oder Jack, jetzt Krankenpfleger, müssen einfache Arbeiten annehmen, bis sie wieder ihre früheren geistigen Fähigkeiten zurückgewinnen.

Viele berichten, daß sie auch jetzt noch fast alles, was sie hören, akzeptieren, so als ob die Fähigkeiten des Abwägens und der Kritik aus ihrem Leben vor der Sekte außer Kraft gesetzt worden sind. Sie können nicht zuhören und nicht urteilen; sie hören, glauben und gehorchen. Einfache Äußerungen von Freunden. Bekannten und Mitarbeitern werden als Befehle aufgefaßt, auch wenn man keine Lust hat, das zu tun, was von einem erwartet wird, oder es sogar verabscheut. Eine Frau stand beispielssveise mitten in der Nacht auf und tat das, wozu sie ein Freund am Telefon aufgefordert hatte: "Ich lieh mir den Wagen meines Vaters, um ungefähr 65 Meilen auf‘s Land hinauszufahren. Das alles, um diesem Jungen, den ich ein einziges Mal in einem Kaffee getroffen hatte, gestohlene Ware transportieren zu helfen. Nur weil er auf eine derart starke und autoritäre Art zu mir am Telefon gesprochen hatte. lch kann es gar nicht fassen, wie sehr ich noch gehorche!“

Immer wenn dieses Verhalten in unseren Gruppensitzungen auftaucht, diskutieren wir über den ausdrücklichen Befehl der verschiedenen Sekten, ihre Lehre oder Regeln nicht in Frage zu stellen. Wir versuchen zu begreifen, welche Auswirkungen ein monate- oder jahrelanges Leben in solchen Befehls- und Gehorsams-Situationen auf die einzelnen gehabt hat. Einige Leute, die in besonders autoritären Sekten gewesen waren, beschrieben, wie sie gedrängt wurden "den Verstand zu übergeben ... zu akzeptieren ... zu schmelzen ... zu gleiten ... Frage jetzt nichts, später wirst Du verstehen.“ Es wird nicht geduldet, daß jemand widerspricht oder ein Gegenargument hat: "Sei nicht negativ, widersetze Dich nicht, ergib Dich!“


Aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen
der Sekte ändern viele "Aussteiger“ ihre
Telefonnummer, Adresse oder sogar ihren Namen

Joan war vor ihrem Beitritt zur Sekte eine politisch wache Studentin gewesen: "Auf der Uni gehörte ich zur radikalen Feministinnen-Gruppe. Außerdem war ich politisch radikal. Ich habe versucht, das System zu stürzen. In drei Monaten hatte die Gruppe mich total umgekrempelt, und ich gehorchte jedem. Immer noch habe ich die Tendenz, jedem zu gehorchen, der sagt ,Mach mal, hoI mir, geh dahin oder dorthin' ".

Ginny war - nach den Worten ihrer Familie - "ausgesprochen eigenwillig. Es war unmöglich, sie zu irgend etwas zu zwingen, was sie nicht tun wollte.“

Jetzt klagt sie: "JederTyp, der von mir irgend etwas verlangt, da fühle ich mich gezwungen ja zu sagen; ich habe das Gefühl, ich müßte mich für sie opfern; genau das habe ich ja vier Jahre in der Gruppe gemacht.“



Angst vor der Sekte


Die meisten Sekten setzen alles dran, um zu verhindern, daß ihre Mitglieder aussteigen. Einige, die es doch geschafft haben, erzählen, wie sie gewarnt worden sind vor der ewigen Verdammnis für sich selbst, ihre Vorfahren und ihre Kinder. Da viele Sektenaussteiger einen Rest an Glauben an die Sekte zurückbehalten, kann dies allein schon eine schreckliche Last sein. Berichten zufolge reichen die Bemühungen ausgetretene Mitglieder wieder in die Sekte zurückzubringen, von relativ harmlosen Belästigungen bis hin zu Gewalttätigkeiten. Viele ehemalige Sektenangehörige und ihre Familien lassen ihre Adressen aus den Telefonbüchern streichen, einige ziehen an neue, nur Eingeweihten bekannte, Adressen, andere ändern sogar ihren Namen und leben an weit entfernten Orten.

Eine Ursache für die Angst der Aussteiger ist oft die Erinnerug daran, wie sehr sie erniedrigt wurden, wenn sie einmal nicht gehorchten.

Kathy, die über fünf Jahre in einer Sekte war, sagt: "Einige der älteren Mitglieder könnten mich immer noch erreichen und mich fertigmachen - wie damals, als ich deprimiert war und nicht sammeln gehen oder neue Mitglieder werben konnte. Ich war schwach und kraftlos. Sie holten mich zum Führer und der schrie mich an: 'Du rebellierst zu sehr! Ich werde Deinen Geist brechen! Du hast einen zu starken WilIen!‘, und sie zwangen mich, zu ihren Füßen zu kriechen. Ich flippe noch immer aus, wenn ich mich daran erinnere, wie sie mich an dem Tag an den Rand des Selbstmords getrieben haben! Noch lange Zeit später konnte ich nichts anderes tun, als beim Kochen helfen. Ich kann mich kaum an Einzelheiten erinnern - es war wie ein böser Traum.“

Insgesamt jedoch scheint es, daß die Mehrzahl der religiösen Sekten mehr Energie darauf verwendet, neue Mitglieder anzuwerben, als alte zurückzuholen. Und trotzdem, sogar nach dem Verschwinden der anfänglichen Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, machen sich die Aussteiger immer noch Sorgen darüber, wie sie sich bei nicht zu vermeidenden zufälligen Begegnungen mit ihren alten "Brüdern“ und "Schwestern" auf der Straße verhalten sollen. Sie rechnen damit, daß bei ihnen alte Schuldgefühle über das Aussteigen hochkommen und daß die anderen ihr jetziges Leben verdammen werden. Besonders große Angst haben diejenigen, die einen Ehemann oder eine Frau in der Sekte zurückließen. Jeder Versuch, Kontakt herzustellen, kann dazu führen, daß die Verbindung vollkommen abbricht. Oft gibt es langwierige und schmerzhafte Rechtsstreitigkeiten um die Erziehungsgewalt über die Kinder oder die Vormundschaft zwischen ehemaligen und zurückgebliebenen Sektenmitgliedem.

Sogar Reporter, die als Scheininteressenten für einige Tage zu einer Sekte gingen, um eine Geschichte zu bekommen, fühlten ein ungeheures Mitleid für die echten Mitglieder, die sie in der Sekte zurückließen. Einer von ihnen, Dana Gosney, schrieb, daß er nach seiner Ankündigung, er werde jetzt die Sekte verlassen, dreieinhalb Stunden brauchte,um sich aus der Gruppe zu entfernen: Man verweigerte ihm die Erlaubnis zu gehen, bat ihn inständig dazubleiben, erzählte ihm, das Telefon sei kaputt, um zu verhindern, daß ihn jemand abholte. "Schießlich“, sagt er, "hatte ich zwei Schritte hinter dem Ausgang das Gefühl zu fallen und wollte mich festhalten. Die ganze Zeit schon war mir schlecht gewesen, mußte ich mich übergeben. Dann fing ich an, völlig unkontrolliert zu weinen. Ich weinte um die, die ich zurückgeIassen hatte.“



Der Aquarium-Effekt


Ein besonders schwieriges Problem ehemaliger Sektenmitglieder ist die Tatsache, daß Familie und Freunde ständig in AIarmbereitschaft sind bei dem kleinsten Hinweis darauf, daß die Schwierigkeiten im täglichen Leben den Betreffenden in die Sekte zurücktreiben könnten. Schon Erscheinungen wie Tagträume, geistige Abwesenheit, ein zeitweise veränderter Bewußtseinszustand und ein Gespräch über die Sektentage mit einer leicht positiven Tendenz kann Alarm in der Familie eines früheren Sektenmitglieds auslösen. Oft merken das die Ex-Mitglieder genau, aber weder die eine noch die andere Seite weiß, wie man darüber offen reden könnte.

In der Tat wollen Zurückgekehrte oft über positive Aspekte ihrer Sektenerlebnisse sprechen. Aber im allgemeinen haben sie das Gerühl, daß andere von ihnen nur Negatives hören wollen - sogar in unseren Gruppen. Aber es gab ja tatsächlich einiges Positive: Die Freude, sich für etwas zu engagieren, auf ein Ideal hin zu arbeiten, einfach zu leben, enge Freundschaften zu schließen oder sogar Liebesaffären zu haben. Zum Beispiel auch die Tatsache, daß das Sektenleben sie lehrte, anderen Menschen mit größerer Offenheit und Wärme zu begegnen, als sie das vor ihren Sektentagen je konnten. Einer rief aus: "Wie kann ich Euch nur klarmachen, wie großartig das war, was mit mir geschah - daß ich mich seither nicht mehr davor fürchte, zurückgestoßen zu werden?! So lange ich in der Kirche war und den Straßenverkauf mitmachte, wurde ich von tausenden von Leuten, denen ich mich näherte, abgelehnt - und ich lernte, es zu akzeptieren. Vor der Zeit in der Sekte hatte ich einen wirklichen Horror davor, auf irgendeine Weise abgelehnt zu werden!“

"Warum bist Du da bloß hingegangen?“ Diese Frage ist für die meisten schwer zu beantworten. Man muß die Raffinesse der Werbeprozeduren beschreiben und die Art der Überredung und Unterweisung. Am schwierigsten ist noch zu erklären, warum es so unmöglich scheint, einfach von einer Sekte wieder wegzugehen.

"Die Leute können einfach nicht verstehen, was die Gruppe einem in den Kopf setzt“, sagt ein Ex-Mitglied, "wie sie mit Schuldgefühlen und Nöten spielen! Gegen eine verschlossene Tür kann man anrennen, kann sie aufbrechen, wenn man wütend ist, aber geistige Ketten sind schwer zu sprengen! Das schwierigste, was ich in meinem Leben je gemacht habe, war aus der Gruppe auszutreten und die wirklich schweren Fesseln meines Geistes loszuwerden!“



Schuld


Nach unseren Informationen ist die bewußte Täuschung ein bedeutender Bestandteil der Sektenaktivitäten, besonders im Bereich des Sammelns von Beiträgen und des Anwerbens neuer Mitglieder. Die Unehrlichkeit wird offensichtlich dadurch gerechtfertigt, es geschehe alles zum Wohl der Sekte oder der angeworbenen Personen. Ein Mädchen erzählte uns, sie hätte Post von und an Interessenten zensiert, Telefonanrufe zurückgehalten, Eltern angelogen und ihnen gesagt, sie wüßte nicht, wo ihre Kinder seien. Und sie hätte Spender heim Sammeln auf der Straße angelogen. "Da ist etwas in mir, das um jeden Preis überleben, das leben will, das geben, das ehrlich sein will", bemerkte sie. "Und ich war nicht ehrlich, als ich in der Gruppe war. Wie haben sie das bloß geschafft, mir einzureden, daß das aIles richtig war! Ich habe eigentlich nie geglaubt, daß das alles mit rechten Dingen zuging, aber sie sagten immer, es sei o.k., weil wir eben so wenig Zeit hätten zur Rettung der Welt!"


Verworrener AItruismus


Viele dieser jungen Leute wollen nach dem Austritt aus der Sekte Wege finden, Nächstenliebe zu praktizieren, ohne wieder eine Schachfigur in einer anderen manipulierenden Gruppe zu werden. Einige fürchten, sie seien "groupies" geworden, die sich wehrlos in eine kontrollierende Organisation verstricken ließen. Und doch haben sie das Bedürfnis, sich zu engagieren, sich gemeinsam mit anderen für ein "gutes“ Ziel einzusetzen. Aber die Wahl fällt schwer angesichts der vielen sozialen, religiösen, philantropischen, "dem Volke“ oder "dem Menschen dienen“-wollenden Organisationen, die auch noch untereinander konkurrieren. Unsere Diskussionsgruppe neigt dazu, den Betreffenden vor dem Beitritt irgendeiner neuen "Gruppe für innere Erleuchtung zu warnen“. Statt dessen schlagen wir meist soziale, schul- oder arbeitsbezogene Aktivitäten vor.

Ein zusätzliches Problem besteht in dem veränderten Umgang mit Geld. Viele Sektenmitglieder bekommen täglich beim Sammeln für die Sekte auf den Straßen mehr Geld zusammen, als sie jemals in irgendeinem Job am Tag verdienen könnten. Die meisten Sekten schreiben ihren Mitgliedern vor, täglich 100 bis 150 Dollar zu verdienen. Besonders geschickte und engagierte Sammler sagen, sie könnten täglich bis zu 1500 Dollar auftreiben. Vor Gericht gab einmal jemand an, er habe in drei Jahren eine Viertelmillion Dollar durch Blumen- und Süßigkeitenverkauf und Betteln eingenommen.



Elitedenken


"Sie bringen Dich so weit, daß Du glaubst, nur sie allein wissen, wie die Welt zu retten sei!“, erinnert sich ein Mitglied. "Du glaubst, Du gehörst zur Vorhut der Geschichte ... Du wurdest aus der anonymen Masse auserwählt, dem Messias beizustehen ... als Erwählter stehst Du außerhalb des Gesetzes ... schließlich glaubst Du selbst in aller Demut und Ekstase, Du bist für Gott, die Geschichte und die Zukunft wertvoller als andere Menschen.“ Offensichtlich ist eine der bittersten Ernüchterungen beim Austritt atus der Sekte, daß auch das Gefühl auserwählt zu sein, Mitglied einer Elite zu sein, aufhört.

Es zeigt sich aus unserer Arbeit, daß Therapeuten - auch Freunde und Familienangehörige -, die dem Aussteiger helfen wollen, zumindest eine gewisse Kenntnis des Inhalts eines Sektenprogramms haben müssen, um zu begreifen, was das Ex-Mitglied eigentlich zu beschreiben versucht. Auch ist es wichtig, ob man in der Lage ist zu erklären, wie die Techniken zur Verhaltensänderung funktionieren. Ein ehemaliges Sektenmitglied konsultierte einen Therapeuten, ging dann aber nach zwei Sitzungen nicht mehr hin, weil der Therapeut "reagierte, als ob ich mir das alles ausgedacht hätte oder als ob ich verrückt wäre, er wußte offensichtlich nur noch nicht, welches von beiden zutraf. Dabei hab ich ihm nur geschildert, wie es in der 'Familie' war."

Viele Therapeuten versuchen, den Erfahrungsschatz der Sektenmitglieder zu übergehen, um sich auf langfristige Persönlichkeitsmerkmale zu konzentrieren. Aber wenn er (oder sie) nichts von den Erfahrungen weiß oder verstehen kann, die ein ehemahiges Sektenmitglied quälen, dann ist der Therapeut unserer Meinung nach unfähig, wirklich mit seinem Klienten zu diskutieren oder den Vorgang auch nur annähernd zu begreifen.

Wer das Sektenerlebnis verallgemeinert betrachtet, kann zu der falschen Annahme kommen, die jeweilige Person hätte eine spontane religiöse Bekehrung erlebt. Dabei wurde er aber außer acht lassen, welche intellektuellen Werbetaktiken und intensiven Beeinflussungsprozeduren von den Sekten angewandt werden, um Mitglieder anzuziehen und zu behalten. Auf diese Weise kann dann der Fehlschluß entstehen, die Verhaltensweisen des ehemaligen Sektenmitglieds seien Symptome eines seit langer Zeit feststehenden psychopathologischen Zustandes.

Viele Aussteiger fürchten, niemals mehr "normal“ leben zu kömincn. Daher ist es oft sehr wichtig und ermutigend für sie zu erfahreim, daß die meisten der anderen Betroffenen aus den Diskussionsgruppen sich schließlich wieder völlig im Besitz ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten fühlen und wieder unabhängig werden. Solche Erfahrungen sollten von Leuten, die mit solchen Gruppen in Zukunft arbeiten wollen, auf jeden Fall berücksichtigt werden.


Margaret Thaler Singer ist Professorin für Psychiatrie an der University of CaIifornia in San Francisco und im Fachbereich Psychologie der University of California in Berkeley. Sie tritt oft als Gutachterin vor Gericht auf, wenn Eltern versuchen, ihre Kinder aus einer Sekte herauszubekommen. In den letzten Jahren hat sie mehrere Wissenschaftspreise bekommen, unter anderem vom National Institute of Mental HeaIth. Außerdem ist sie Präsidentin der American Psychosomatic Society.
 



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