Margaret Thaler Singer:
Der Ausstieg aus der Sekte
Aus: Psychologie Heute August 1979
| Inhalt dieser Seite: | Zum Thema auch: | In anderen Websites: |
|
Der Ausstieg aus der Sekte
Aus: Psychologie Heute August 1979
In eine Sekte einzutreten ist relativ einfach: Man läßt
sich anwerben und unterwirft sich den Regeln der Gruppe oder des "Führers“.
Wie aber kommt man wieder heraus? Und vor allem: Mit welchen sozialen und
psychologischen Problemen haben die "Aussteiger“ zu kämpfen, wenn
sie aus der ekstatischen "heilen“ Welt in die Wirklichkeit zurückkehren?
Im Lauf der letzten zwei Jahre habe ich mit meiner Kollegin, der Psychologin Jesse Miller von der University of California in Berkley Diskussionsgruppen eingerichtet, an denen bisher etwa 100 Personen teilgenommen haben. Es sind überswiegend junge Leute, die gewöhnlich aus Familien der Mittel- und Oberschicht kommen, ein Durchschnittsalter von 23 Jahren haben und zwei oder mehrere Jahre auf dem College gewesen sind. Nur wenige von ihnen sind Gefolgsleute irgendeines unbekannten "Messias“ gewesen, die meisten gehörten dem halben Dutzend der größten, meist gut durchstrukturierten bekannten Gruppen an.
Im Mittelpunkt unserer Gesprächsgruppen steht die Diskussion und
gegenseitige Information. Wir betreiben weder eine hektische "Entprogrammierung"
noch bieten wir Gruppentherapie an. Unsere Erwartung geht eher dahin, von
den Teilnehmern der Gruppe zu lernen und ihnen ihre psychische Not dadurch
zu erleichtern, daß wir ihnen den Zusammenhang und Zusammenhalt liefern,
in dem sie sich gegenseitig unterstützen können. Auch hoffen
wir, ihnen zu helfen, indem wir ihnen einige unserer Kenntnisse des Prozesses,
dem sie ausgesetzt waren, vermitteln und erklären. Das betrifft besonders
die Mechanismen der Verhaltensänderung, die es ehemaligen Sektenanhängern
schwermachen, sich an das Leben "draußen“ nach dem "Aussteigen“ anzupassen.
Mein Arbeitsschwerpunkt liegt dabei auf dem Gebiet der Zwangsüberredung,
der sogenannten "Gehirnwäsche“. Jesse Miller beschäftigt sich
mit den Methoden, Trance-Zustände herzustellen.
Wie kommt ein ganz normales junges Mädchen oder ein junger Mann zu einer solchen Sekte? Nach ihren eigenen Berichten schlossen sich viele der Gruppe in einer Krisensituation an, in der sie etwa depressiv oder verwirrt waren, ihnen das Leben sinnlos vorkam. Die Sekte versprach - und lieferte auch für einige - eine Lösung für in diesem Alter häufig anzutreffende Entwicklungskrisen. Sekten bieten fertige Freundschaften, fertige Entscheidungen über Karriere, Sex und Ehe und umreißen einen klaren "Sinn des Lebens“. Dafür erwarten sie dann totalen Gehorsam gegenüber ihren Geboten.
Wodurch erhalten die Sekten die Ergebenheit ihrer Anhänger aufrecht? Zum einen durch das Argumentationssystem ihrer Ideologie, zum andern durch sozialen und psychologischen Druck. Zum dritten durch Praktiken, die - bewußt oder unbewußt - auf Konditionierungstechniken hinauslaufen, durch die sie die Aufmerksamkeit und Kritikfähigkeit einschränken, persönlichen Beziehungen Grenzen setzen und logisches Denken abwerten. Anhänger und Ausgestiegene bechreiben, wie sie ständig ermahnt wurden und üben mußten, einen ekstatischen religiösen Zustand zur Bewußtseinsänderung zu erreichen und dahin zu gelangen, automatisch jedem Gebot zu gehorchen. Stundenlang wird gebetet, gesungen oder meditiert (in einer bestimmten Zen-Sekte zum Beispiel mehrere Male jährlich 21 Stunden lang an 21 aufeinanderfolgenden Tagen), manchmal gibt es Vorträge, die sich über einen Tag und eine Nacht hinziehen.
Während der Zeit in der Sekte werden die Mitglieder völlig von ihrer Familie und von Kontakten zur Außenwelt ferngehalten; die "nicht konvertierte“ Außenwelt wird moralisch hart verurteilt, das Sexualverhalten eingeschränkt. Alles zielt darauf ab, die Bindung der Anhänger an die Ziele der Sekte - in den meisten Fällen auch an einen mächtigen religiösen Führer - zu stärken. Einige Aussteiger waren glücklich während ihrer Mitgliedschaft in der Sekte, befriedigt, ihr gequältes Selbst in ein selbstloses Ganzes zu tauchen. Waren sie erst einmal dem Gruppenideal verpflichtet, dann begrüßten sie die Unterweisungsprozeduren, die sie an die Gruppe banden und die mit der Zeit alle anderen Bindungen oder Informationen ausschlossen.
Allmählich jedoch fühlten sich einige unserer Gruppenmitglieder vom Leben in der Sekte enttäuscht, stellten fest, daß sie sich den Anforderungen nicht unterwerfen konnten oder waren verbittert über die Widersprüchlichkeiten zwischen Theorie und Praxis. Einige dieser jungen Leute hatten die Gruppe allein oder mit Hilfe von Familienmitgliedern oder Freunden verlassen, die sie von irgendwelchen Orten außerhalb der Sektenhauptquartiere abholten. 75 Prozent unserer Teilnehmcr an den Diskussionsgruppen hatten jedoch ihre Sekte nicht völlig aus eigenem Willen verlasscn: In den meisten Fällen war von den Gerichten eine Vollmacht ausgestellt worden, eine Art Vormundschaft über den jungen Erwachsenen, die es ermöglichte, den Betreffenden zwangsweise aus der Sekte herauszuholen. Einige Sekten widersetzten sich dem energisch, manchmal entfernten sie sogar bestimmte Mitglieder aus dem betreffenden Bundesstaat, andere nahmen dies stillschweigend hin.
Viele unserer Gruppenteilnehmer sagten uns, daß sie dankbar waren
für das Eingreifen von außen und bereits auf Rettung gehofft
hatten. Sie selbst hätten sich nämlich machtlos gefühlt,
ihrem eigenen Verlangen zu folgen und die Sekte zu verlassen, aufgrund
des enormen psychologischen und sozialen Drucks der anderen Sektenmitglieder
und des Führers. Versuchten sie es doch einmal, dann hatten sie einerseits
Schuldgefühle ("ich lasse die anderen im Stich“) und andererseits
Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, vor einer "Exkommunikation“. Außerdem
waren sie sich nicht sicher, ob es ihnen gelingen würdc, sich in der
Welt "draußen“ wieder zurechtzufinden. In einer Welt, die sie so
lange verachtet hatten.
Es ist oft so, daß das Leben in einer geschlossenen Gemeinschaft so verschieden ist von dem sonstigen alltäglichen Leben, daß den Betroffenen die Umstellung ähnlich schwerfällt wie zum Beispiel einem Häftling nach der Entlassung aus dem Gefängnis. Oft wird behauptet, daß Leute, die sich Sekten anschließen, bereits gestört seien und daß die nach dem Ausstieg aus der Sekte auftretenden Probleme praktisch die aufgeschobenen von "vorher“ wären.
Auf der anderen Seite scheinen einige Phänomene bei früheren Sektenmitgliedern spezifisch zu sein:
Die Mehrzahl der ehemaligen Sektenmitglieder, die uns aufsuchten, hatten
zu dem einen oder anderen Zeitpunkt ein paar oder sogar alle der nachfolgend
aufgeführten Schwierigkeiten. Alle haben uns erzählt, daß
sie zwischen sechs und acht Monaten brauchten, um ihr Leben wieder so zu
ordnen, wie es sorher war und ihre eigenen Fähigkeiten wiederzuentdecken.
| Eine Literaturempfehlung
So unterschiedlich vom äußeren Erscheinungbild her die sogenannten "Jugendsekten“ auch sein mögen, sie haben einige grundlegende Gemeinsamkeiten, so etwa
Im Februar 1978 gab eszum ersten Mal in der Bundesrepublik eine wissenschaftliche Tagung zum Thema "Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Jugendreligionen“, die gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Bundeskonferenz für Eniehungsberatung durchgeführt wurde. Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen - Theologen, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychologen, Soziologen und Sozialpädagogcn sowie Vertreter von Elterninitiativen versuchten aus ihrer Sicht eine Einschätzung der Jugendsekten zu geben und überlegten gemeinsam, wie den Betroffenen geholfen werden kann, den "Weg zurück“ zu finden. Die wichtigsten Beiträge dieser Tagung sind jetzt unter dem Titel "Neue Jugendreligionen“ (Herausgeber: Manfred Miiller-Küppers und Friedrich Specht) im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erschienen. Sie können dieses Buch über unseren Leserdienst bestellen. |
Die Aussteiger müssen aber auch mit einer Vielfalt von Verlusten
fertig werden. In unseren Gruppen kommt oft zum Ausdruck, daß sie
die verlorenen Jahre bedauern, die sie abseits der "Hauptstraße“
des täglichen Lebens verbrachten. Sie bereuen es, anderen Gleichaltrigen
nicht ebenbürtig zu sein, nicht eine ebensolche Karriere gemacht oder
das Leben genossen zu haben. Meist bekommen sie dann das Gefühl, ihre
"Unschuld“ und ihre Selbstachtung verloren zu haben.
Sofort nach dem Ausstieg aus der Sekte suchen manche einen Ausgleich für die verlorene Zeit in wahren Orgien von Alkohol, Freundschaften und sexuellen Abenteuern. Dies wiederum ruft oft übermäßig Schuld- und Schamgefühle hervor, wenn sie die Verbote ihrer Sekte mit ihrer neuen Freiheit vergleichen. Valerie, eine 26jährige frühere Lehrerin, erzählte: "Gleich als ich herauskam, ging ich mit jedem Mann aus, der Interesse an mir zeigte - irgendwelche Typen, Freaks - ich war sogar mal mit einem Drogen-Dealer zusammen, bis ich auf der Autobahn seinen Wagen zu Schrott fuhr. Ich war vorher nie so gewesen.“
Andere geraten einfach in Panik und versuchen, ganz zu vermeiden, Leute zu sehen. Einer bemerkte: "Ich hatte ziemlich viele sexuelle Erfahrungen, bevor ich der Sekte beitrat. Und jetzt ist es als wäre ich vollkommen unerfahren; ich bin gehemmter als ich es früher in der Schule war. Ich fühle mich schon sexuell schuldig, wenn ich nur daran denke, ein Mädchen um eine Verabredung zu bitten. Die haben mir wirklich eingeredet, Sex sei schlecht!"
Umgekehrt gab es einige Gruppenteilnehmer, die in "ihrer“ Sekte zu sexuellen
Orgien gezwungen wurden. Eine Frau beschrieb den Sektenführer folgendermaßen:
"Er benutzte Orgien, um unseren Widerstand zu brechen. Wenn jemand keinen
Gruppensex mochte, dann sagte er, derjenige hätte einen psychologischen
Komplex, den man beseitigen müsse, denn er hindere uns alle daran,
zu schmelzen und uns zu vereinigen.“
Viele, die das einmal mitgemacht haben, stellen nach dem Verlassen der Sekte fest, daß eine Reihe von Bedingungen - etwa Streß, ein Konflikt, ein depressives Tief, bestimmte bedeutungsvolle Worte oder Ideen - dazu führen können, daß sie in den tranceähnlichen Zustand zurückkehren, der ihnen von den Sektentagen her bekannt ist. Sie erzählen, daß sie dann in die vertraute, unerschütterliche Lethargie fallen und HaIluzinationen haben, als hörten sie noch die Ermahnungen des Sektensprechers. Diese Empfindungen des "Abgleitens“ - ganz ähnlich wie die flashbacks (Rückhlenden) von Drogenabhängigen - erscheinen am häufigsten unmittelbar nach dem Verlassen der Gruppe, bei einer Reihe von Leuten jedoch noch Wochen oder Monate später. Ein junger Mann namens Ira hatte vor seinem Sektenbeitnitt sein Diplom in Betriebswirtschaft gemacht. Nach zwei Jahren täglicher und nächtlicher Berieselung durch Kopfhörer und Tonbänder arbeitet er jetzt in einer Fabrik - "bis ich meinen Kopf wieder hin kriege!“ Er hat Angst verrückt zu werden, "Wochen. nachdem ich die Sekte verlassen hatte, meinte ich, plötzlich den Sektenführer sagen zu hören: 'Du wirst immer wieder zurückkommen. Du gehörst zu uns. Du kannst Dich niemals von uns trennen.‘ Ich vergaß dann immer, wo ich gerade war, daß ich jetzt nicht mehr in der Sekte war. Einmal bekam ich solche Angst, daß ich mich selbst ins Gesicht schlug, um diese Stimme zu unterbrechen.“
Jack, früher Physiologie-Student im Hauptstudium, hatte mehrere Jahre einer Sekte angehört. Er erzählt: "Ich ging an meine Universität zurück, um mit meinem Doktorvater zu sprechen. Während unseres Gesprächs schrieb er seine Gedanken an die Tafel. Plötzlich gab er mir die Kreide und sagte: 'Umreißen Sie einige Ihrer Gedanken‘. Er wollte, daß ich kurz meine Pläne darlegte. Ich ging zur Tafel und zog einen Kreis um die Worte des Professors. Ich hatte wie ein kleines Kind reagiert. Seine Worte hatte ich als wörtliche Befehle aufgefaßt: Ich zog eine Linie um die an die Tafel geschriebenen Ideen. Als ich sah, was ich getan hatte, war ich plötzlich verlegen. lch war auf einmal geistig weggetreten, und so etwas passiert mir immer noch gelegentlich.“
Während unserer Gruppendiskussionen stellen wir oft fest, daß einige "abgleiten“, wenn wir uns nicht um einen Konzentrationpunkt bemühen. Verfällt einer der Teilnehmer in ausschweifende Schilderungen im abstrakten Sektenjargon, dann kann das bei den andern zu einer Art Ansteckung führen. Sie erklären, diese Situation gleiche dem Zustand, in den sie wällrend der Meditationen oder Vorträge gefallen waren, es verwirre sie. Sie haben Angst davor, wahnsinnig zu werden und das "Gleiten“ niemals mehr unter Kontrolle zu bekommen. Man kann solche brisanten Situationen allerdings vermeiden, indem man sich an konkrete Themen hält und sein Gegenüber direkt anspricht.
Für viele ist es eine große Erleichterung zu erfahren, daß
andere dieselben Rückblenden erleben, daß sie kontrolliert werden
können und daß dieser Zustand schließlich verschwinden
wird. Übrigens sind diejenigen, die noch nach langer Zeit "abgleiten“
- das kann bis zu zwei Jahren nach Austritt aus der Sekte dauern - gewöhnlich
dieselben, die vor dem Eintritt in die Sekte unter schweren Depressionen,
extremer Unentschlossenheit und anderen Störungen gelitten hatten.
Jack, der Physiologie-Student, beschreibt es so: "Ich merke seit einiger Zeit, daß etwas anfängt zurückzukommen. Eines Tages fiel mir auf, daß es mein Denken ist, das sich allmählich erweitert. Ich kann wieder komplizierte Zusammenhänge erkennen. Die Gruppe hatte mich langsam, Schritt für Schritt, von allem abgeschnitten außer dem simpelsten Schwarz-weiß-Denken. Man wird am logischen Denken gehindert, indem sie einem immer wieder sagen: 'zweifle nicht, sei nicht negativ!‘. Und nach kurzer Zeit denkt man nur noch arglos in Begriffen von ja/nein - richtig/falsch.“
Viele aus den Sekten Ausgestiegene. wie Ira, der Fabrikarbeiter oder Jack, jetzt Krankenpfleger, müssen einfache Arbeiten annehmen, bis sie wieder ihre früheren geistigen Fähigkeiten zurückgewinnen.
Viele berichten, daß sie auch jetzt noch fast alles, was sie hören, akzeptieren, so als ob die Fähigkeiten des Abwägens und der Kritik aus ihrem Leben vor der Sekte außer Kraft gesetzt worden sind. Sie können nicht zuhören und nicht urteilen; sie hören, glauben und gehorchen. Einfache Äußerungen von Freunden. Bekannten und Mitarbeitern werden als Befehle aufgefaßt, auch wenn man keine Lust hat, das zu tun, was von einem erwartet wird, oder es sogar verabscheut. Eine Frau stand beispielssveise mitten in der Nacht auf und tat das, wozu sie ein Freund am Telefon aufgefordert hatte: "Ich lieh mir den Wagen meines Vaters, um ungefähr 65 Meilen auf‘s Land hinauszufahren. Das alles, um diesem Jungen, den ich ein einziges Mal in einem Kaffee getroffen hatte, gestohlene Ware transportieren zu helfen. Nur weil er auf eine derart starke und autoritäre Art zu mir am Telefon gesprochen hatte. lch kann es gar nicht fassen, wie sehr ich noch gehorche!“
Immer wenn dieses Verhalten in unseren Gruppensitzungen auftaucht, diskutieren wir über den ausdrücklichen Befehl der verschiedenen Sekten, ihre Lehre oder Regeln nicht in Frage zu stellen. Wir versuchen zu begreifen, welche Auswirkungen ein monate- oder jahrelanges Leben in solchen Befehls- und Gehorsams-Situationen auf die einzelnen gehabt hat. Einige Leute, die in besonders autoritären Sekten gewesen waren, beschrieben, wie sie gedrängt wurden "den Verstand zu übergeben ... zu akzeptieren ... zu schmelzen ... zu gleiten ... Frage jetzt nichts, später wirst Du verstehen.“ Es wird nicht geduldet, daß jemand widerspricht oder ein Gegenargument hat: "Sei nicht negativ, widersetze Dich nicht, ergib Dich!“
Joan war vor ihrem Beitritt zur Sekte eine politisch wache Studentin gewesen: "Auf der Uni gehörte ich zur radikalen Feministinnen-Gruppe. Außerdem war ich politisch radikal. Ich habe versucht, das System zu stürzen. In drei Monaten hatte die Gruppe mich total umgekrempelt, und ich gehorchte jedem. Immer noch habe ich die Tendenz, jedem zu gehorchen, der sagt ,Mach mal, hoI mir, geh dahin oder dorthin' ".
Ginny war - nach den Worten ihrer Familie - "ausgesprochen eigenwillig. Es war unmöglich, sie zu irgend etwas zu zwingen, was sie nicht tun wollte.“
Jetzt klagt sie: "JederTyp, der von mir irgend etwas verlangt, da fühle
ich mich gezwungen ja zu sagen; ich habe das Gefühl, ich müßte
mich für sie opfern; genau das habe ich ja vier Jahre in der Gruppe
gemacht.“
Eine Ursache für die Angst der Aussteiger ist oft die Erinnerug daran, wie sehr sie erniedrigt wurden, wenn sie einmal nicht gehorchten.
Kathy, die über fünf Jahre in einer Sekte war, sagt: "Einige der älteren Mitglieder könnten mich immer noch erreichen und mich fertigmachen - wie damals, als ich deprimiert war und nicht sammeln gehen oder neue Mitglieder werben konnte. Ich war schwach und kraftlos. Sie holten mich zum Führer und der schrie mich an: 'Du rebellierst zu sehr! Ich werde Deinen Geist brechen! Du hast einen zu starken WilIen!‘, und sie zwangen mich, zu ihren Füßen zu kriechen. Ich flippe noch immer aus, wenn ich mich daran erinnere, wie sie mich an dem Tag an den Rand des Selbstmords getrieben haben! Noch lange Zeit später konnte ich nichts anderes tun, als beim Kochen helfen. Ich kann mich kaum an Einzelheiten erinnern - es war wie ein böser Traum.“
Insgesamt jedoch scheint es, daß die Mehrzahl der religiösen Sekten mehr Energie darauf verwendet, neue Mitglieder anzuwerben, als alte zurückzuholen. Und trotzdem, sogar nach dem Verschwinden der anfänglichen Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, machen sich die Aussteiger immer noch Sorgen darüber, wie sie sich bei nicht zu vermeidenden zufälligen Begegnungen mit ihren alten "Brüdern“ und "Schwestern" auf der Straße verhalten sollen. Sie rechnen damit, daß bei ihnen alte Schuldgefühle über das Aussteigen hochkommen und daß die anderen ihr jetziges Leben verdammen werden. Besonders große Angst haben diejenigen, die einen Ehemann oder eine Frau in der Sekte zurückließen. Jeder Versuch, Kontakt herzustellen, kann dazu führen, daß die Verbindung vollkommen abbricht. Oft gibt es langwierige und schmerzhafte Rechtsstreitigkeiten um die Erziehungsgewalt über die Kinder oder die Vormundschaft zwischen ehemaligen und zurückgebliebenen Sektenmitgliedem.
Sogar Reporter, die als Scheininteressenten für einige Tage zu
einer Sekte gingen, um eine Geschichte zu bekommen, fühlten ein ungeheures
Mitleid für die echten Mitglieder, die sie in der Sekte zurückließen.
Einer von ihnen, Dana Gosney, schrieb, daß er nach seiner Ankündigung,
er werde jetzt die Sekte verlassen, dreieinhalb Stunden brauchte,um sich
aus der Gruppe zu entfernen: Man verweigerte ihm die Erlaubnis zu gehen,
bat ihn inständig dazubleiben, erzählte ihm, das Telefon sei
kaputt, um zu verhindern, daß ihn jemand abholte. "Schießlich“,
sagt er, "hatte ich zwei Schritte hinter dem Ausgang das Gefühl zu
fallen und wollte mich festhalten. Die ganze Zeit schon war mir schlecht
gewesen, mußte ich mich übergeben. Dann fing ich an, völlig
unkontrolliert zu weinen. Ich weinte um die, die ich zurückgeIassen
hatte.“
In der Tat wollen Zurückgekehrte oft über positive Aspekte ihrer Sektenerlebnisse sprechen. Aber im allgemeinen haben sie das Gerühl, daß andere von ihnen nur Negatives hören wollen - sogar in unseren Gruppen. Aber es gab ja tatsächlich einiges Positive: Die Freude, sich für etwas zu engagieren, auf ein Ideal hin zu arbeiten, einfach zu leben, enge Freundschaften zu schließen oder sogar Liebesaffären zu haben. Zum Beispiel auch die Tatsache, daß das Sektenleben sie lehrte, anderen Menschen mit größerer Offenheit und Wärme zu begegnen, als sie das vor ihren Sektentagen je konnten. Einer rief aus: "Wie kann ich Euch nur klarmachen, wie großartig das war, was mit mir geschah - daß ich mich seither nicht mehr davor fürchte, zurückgestoßen zu werden?! So lange ich in der Kirche war und den Straßenverkauf mitmachte, wurde ich von tausenden von Leuten, denen ich mich näherte, abgelehnt - und ich lernte, es zu akzeptieren. Vor der Zeit in der Sekte hatte ich einen wirklichen Horror davor, auf irgendeine Weise abgelehnt zu werden!“
"Warum bist Du da bloß hingegangen?“ Diese Frage ist für die meisten schwer zu beantworten. Man muß die Raffinesse der Werbeprozeduren beschreiben und die Art der Überredung und Unterweisung. Am schwierigsten ist noch zu erklären, warum es so unmöglich scheint, einfach von einer Sekte wieder wegzugehen.
"Die Leute können einfach nicht verstehen, was die Gruppe einem
in den Kopf setzt“, sagt ein Ex-Mitglied, "wie sie mit Schuldgefühlen
und Nöten spielen! Gegen eine verschlossene Tür kann man anrennen,
kann sie aufbrechen, wenn man wütend ist, aber geistige Ketten sind
schwer zu sprengen! Das schwierigste, was ich in meinem Leben je gemacht
habe, war aus der Gruppe auszutreten und die wirklich schweren Fesseln
meines Geistes loszuwerden!“
Ein zusätzliches Problem besteht in dem veränderten Umgang
mit Geld. Viele Sektenmitglieder bekommen täglich beim Sammeln für
die Sekte auf den Straßen mehr Geld zusammen, als sie jemals in irgendeinem
Job am Tag verdienen könnten. Die meisten Sekten schreiben ihren Mitgliedern
vor, täglich 100 bis 150 Dollar zu verdienen. Besonders geschickte
und engagierte Sammler sagen, sie könnten täglich bis zu 1500
Dollar auftreiben. Vor Gericht gab einmal jemand an, er habe in drei Jahren
eine Viertelmillion Dollar durch Blumen- und Süßigkeitenverkauf
und Betteln eingenommen.
Es zeigt sich aus unserer Arbeit, daß Therapeuten - auch Freunde und Familienangehörige -, die dem Aussteiger helfen wollen, zumindest eine gewisse Kenntnis des Inhalts eines Sektenprogramms haben müssen, um zu begreifen, was das Ex-Mitglied eigentlich zu beschreiben versucht. Auch ist es wichtig, ob man in der Lage ist zu erklären, wie die Techniken zur Verhaltensänderung funktionieren. Ein ehemaliges Sektenmitglied konsultierte einen Therapeuten, ging dann aber nach zwei Sitzungen nicht mehr hin, weil der Therapeut "reagierte, als ob ich mir das alles ausgedacht hätte oder als ob ich verrückt wäre, er wußte offensichtlich nur noch nicht, welches von beiden zutraf. Dabei hab ich ihm nur geschildert, wie es in der 'Familie' war."
Viele Therapeuten versuchen, den Erfahrungsschatz der Sektenmitglieder zu übergehen, um sich auf langfristige Persönlichkeitsmerkmale zu konzentrieren. Aber wenn er (oder sie) nichts von den Erfahrungen weiß oder verstehen kann, die ein ehemahiges Sektenmitglied quälen, dann ist der Therapeut unserer Meinung nach unfähig, wirklich mit seinem Klienten zu diskutieren oder den Vorgang auch nur annähernd zu begreifen.
Wer das Sektenerlebnis verallgemeinert betrachtet, kann zu der falschen Annahme kommen, die jeweilige Person hätte eine spontane religiöse Bekehrung erlebt. Dabei wurde er aber außer acht lassen, welche intellektuellen Werbetaktiken und intensiven Beeinflussungsprozeduren von den Sekten angewandt werden, um Mitglieder anzuziehen und zu behalten. Auf diese Weise kann dann der Fehlschluß entstehen, die Verhaltensweisen des ehemaligen Sektenmitglieds seien Symptome eines seit langer Zeit feststehenden psychopathologischen Zustandes.
Viele Aussteiger fürchten, niemals mehr "normal“ leben zu kömincn.
Daher ist es oft sehr wichtig und ermutigend für sie zu erfahreim,
daß die meisten der anderen Betroffenen aus den Diskussionsgruppen
sich schließlich wieder völlig im Besitz ihrer geistigen und
körperlichen Fähigkeiten fühlen und wieder unabhängig
werden. Solche Erfahrungen sollten von Leuten, die mit solchen Gruppen
in Zukunft arbeiten wollen, auf jeden Fall berücksichtigt werden.
Margaret Thaler Singer ist Professorin für
Psychiatrie an der University of CaIifornia in San Francisco und
im Fachbereich Psychologie der University of California in Berkeley.
Sie tritt oft als Gutachterin vor Gericht auf, wenn Eltern versuchen, ihre
Kinder aus einer Sekte herauszubekommen. In den letzten Jahren hat sie
mehrere Wissenschaftspreise bekommen, unter anderem vom National Institute
of Mental HeaIth. Außerdem ist sie Präsidentin der American
Psychosomatic Society.