Margaret Singer:
Coercive Persuasion
und die Probleme der "Ex-Cult Members“
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Diese Seite enthält einen Buchauszug aus:
"Neue Jugendreligionen“ Vorträge und Berichte einer Fachtagung über "Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Jugendreligionen“ am 23./24. Februar 1978 in der Medizinischen Hochschule Hannover Herausgegeben von Manfred Müller-Küppers und Friedrich Specht Verlag für Medizinische Psychologie im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen Inhalt
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* Dr. Margaret Singer ist Professor an der Universität von Berkeley.
Sie befaßt sich eingehend mit den Problemen der destruktiven
Sekten.
Übersetzung eines Statements von Margaret Singer über Coercive
Persuasion und die Probleme der "Ex-Cult-Members“, Berkeley, Kalifornien,
21. Mai 1978.
Ich habe fast 300 Ex-Cult Members interviewt, vorwiegend von der Unification
Church. Sie sind zwischen 16 und 42 Jahre alt und haben zum Teil einer
Vielzahl von Kulten angehört. Es gibt etwa neun verschiedene Kultarten:
Kulte, die in der Nähe des Christentums angesiedelt sind wie die Unification
Church und die Children of God; Kulte, die auf dem Hinduismus basieren;
Kulte, die in der Nähe der chinesisch-japanischen Religion angesiedelt
sind; Kulte, die dem okkulten Mystizismus und der Magie verhaftet sind;
Rassenkulte wie z. B. die Black Moslems. Überdies gibt es Kulte der
Fliegenden Untertasse und des Äußeren Weltraums sowie psychologische
und politische Kulte wie die Symbionese Liberation Army (SLA), die Patricia
Hearst entführte.
Sie sehen also, daß es eine Unzahl von Kulten gibt. Wahrscheinlich
sollten wir von Kulten und kultähnlichen Gruppen sprechen. Ein Kult
muß einen selbstproklamierten Messias oder messianischen Führer
haben, der sagt, daß er seine Herrschaftsmacht von einer Quelle jenseits
der Menschheit erhielt, von einer übermenschlichen Quelle. Außerdem
muß er ein lebender Mensch sein. Die großen Religionen dagegen
besitzen keinen lebenden selbsternannten Messias. Das zweite Kriterium
eines Kultes ist das zweierlei Maß seiner Ethik, seiner Moralphilosophie
—einmal die Ethik innerhalb der Gruppe, die vorschreibt: ihr sollt nicht
lügen, ihr sollt nicht stehlen, innerhalb des Kultes sollt ihr immer
ehrlich sein; zum anderen die Ethik außerhalb der Gruppe, die besagt:
Für die Außenwelt aber dürft ihr ein anderes ethisches
Maß anlegen, ihr dürft lügen, stehlen, täuschen oder
sonstwie Menschen betrügen, die dem Kult nicht angehören. Drittens
scheint es bei allen Kulten ausschließlich
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darum zu gehen, Mitglieder zu werben und Gelder zu beschaffen — im
Gegensatz zu anderen religiösen Gruppen, die altruistische Arbeit
für die Menschheit leisten.
Einige Kulte erfüllen diese drei Kriterien nicht ganz. Darum möchte
ich einige dieser Kulte kultähnliche Gruppen nennen. Generell aber
bestimmen diese drei Hauptcharakteristiken das Wesen eines Kults oder einer
kultähnlichen Gruppe. Die Kulte selbst unterschieden sich in ihrer
Fähigkeit, ihrer ausgeklügelten Art, Mitglieder anzuwerben. Die
Unification Church weist das ausgeklügelteste Rekrutierungs- und Indoktrinierungsprogramm
auf.
Das Material, das ich jetzt sichte, stammt von einem District Court
der Vereinigten Staaten. Ich gerate damit also nicht in rechtliche bzw.
juristische Verantwortung. Anhörungen in Vormundschaftsverfahren haben
ergeben, daß die Rekrutierungstechniken der Moonies sehr "sophisticated“
sind. Sie werben ihre Mitglieder in Teams an, und zwar auf der Basis der
unterschiedlichen Geschlechter, d.h. zwei Frauen treten auf der Straße
an einen Mann heran und kommen ihm so nahe, daß sie ihm direkt in
die Augen sehen können, um so seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Dann
beginnen sie mit dem "love bombing“, laden ihn nach Hause zum Essen ein.
Dabei leiten sie — zumindest in USA — ihre Einladung meist damit ein, daß
sie der betreffenden Person erklären, sie gehörten "Creative
Community Project“ oder "New Education Development System“ oder gar "Awareness
Training“ an, seien CARP
oder HARP — Mitglieder. Mit anderen Worten, sie haben sehr viele verschiedene
Namen für ihre Gruppen, die alle nur Frontgruppen für die Unification
Church sind. Wenn also junge Menschen zum Essen eingeladen werden, glauben
sie, sie würden ein Gruppenleben kennenlernen. Sie werden aufs Land
eingeladen, und wenn sie zusagen, werden sie zu einem dreitägigen
Indoktrinierungsprogramm gefahren. Anschließend werden sie gebeten,
doch für ein einwöchiges Indoktrinierungsprogramm zu bleiben,
dann für eine 21 -tägiges. Wenn sie tatsächlich so lange
bleiben, sind sie so weit indoktriniert, daß sie auf die Straße
geschickt werden können, um Geld zu sammeln und neue Mitglieder anzuwerben.
Nach einem Monat oder etwas mehr als einem Monat sind sie also so weit
— dank der Techniken, die jahrhundertealten Manövern gleichen, welche
von Menschen gegenüber anderen Menschen in der ganzen Geschichte der
Menschheit angewandt wurden, welche aber sehr vervollkommnet wurden von
den kommunistischen Festland-Chinesen und den Nordkoreanern, um bei Einzelpersonen
und Gruppen Verhaltensveränderungen zu bewirken. Es sind jahrhundertealte
Standard-
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Techniken, für die man keinen Wissenschaftler im weißen
Kittel braucht. Der erste Schritt besteht darin, die betreffenden Personen
zu isolieren, indem sie buchstäblich in ein Haus transportiert werden,
wo sie keinen Zugang zu ihren bisherigen gesellschaftlichen Bindungen haben.
Hier werden die Leute auch nach Boonville, Camp K oder nach Südkalifornien
verfrachtet, wo die Moonies eine Ranch in den Bergen haben, zu der sie
die Leute bringen. In New York und Pennsylvania zum Beispiel werden sie
nach Barrytown gebracht.
Der Grund, warum die Leute "abtransportiert“ werden: Wenn man ihr Verhalten
und ihre Haltung schnell verändern will, geht es um eine Art praktische
Psychologie. Sie müssen von allen sozialen Stützen, ihrem sozialen
Hintergrund abgeschnitten werden, von ihren Familien, ihrer vertrauten
Umgebung, ihren Freunden, ihren Arbeitsplätzen, ihrer Schule und in
eine neue Umgebung gebracht werden. Um nun das Verhalten entsprechend steuern
und beeinflussen zu können (behaviour processing), wie es einige Kulte
machen, ist eine absolute Informationskontrolle notwendig, d.h. eine Kontrolle
der Post, der Telefonanrufe, von Rundfunk und Fernsehen, der Besucher etc.
Die Leute, die so die Indoktrinierung betreiben, gewinnen völlige
Kontrolle über alle möglichen eingehenden Informationen. Dabei
bedienen sie sich sehr subtiler Verfahren. Wenn z. B. junge Leute telefonieren
und ihre Eltern oder Freunde anrufen wollen und ihre Münzen in den
Apparat werfen, ist der Apparat in diesen Lagern zufällig immer kaputt.
Jeder Zugang zu vergangenen Bindungen wird also völlig abgeschnitten.
Da die Leute nun sofort einem intensiven Wachprogramm unterworfen werden,
haben sie bald ein solches Schlafdefizit, daß ihr kritisches Urteilsvermögen
getrübt wird. Überdies werden die Neuen auf eine proteinarme
Kost gesetzt, was zu den verschiedensten Verdauungsstörungen führt,
so daß ihnen sehr unwohl ist. Ihnen aber wird erklärt, dies
sei auf ihr eigenes böses und satanisches Wesen zurückzuführen.
Die meisten jungen Leute sind nicht genügend darüber unterrichtet,
daß eine plötzliche proteinarme Kost zu diesen Beschwerden führt.
Wenn jemand Vegetaner wird, aus eigenem freien Willen, informiert er sich
für gewöhnlich erst einmal, wie er am besten ein ausgewogenes
Maß an Proteinen zu sich nehmen kann. Echte Vegetarier bekommen also
genügend Proteine auch ohne Fleisch, Fisch oder Geflügel und
leiden nicht an diesen Verdauungsschwierigkeiten. Die jungen Leute also,
die in diese Gruppen gehen, haben einen starken Schlaf- und Proteinmangel.
Wenn man zunächst bei den Moonies zum Essen eingeladen wird (so
berichten die jungen Leute, die dort waren), sitzt zu beiden Seiten des
Ga106
stes immer ein Moony. Man ist nie allein und kann auch nie mit einem
anderen neuen "Rekruten“, einem anderen Neuling frei sprechen. Sie haben
von Anfang an mit dem Programm begonnen, den Neuling davon abzuhalten,
über das, was er tut, nachzudenken. Sie wollen verhindern, daß
irgendjemand den neuen "Kandidaten“ in seinen Zweifeln oder seiner negativen
Haltung, die er als Neuling zweifellos hat, unterstützt. Wenn die
Neuen also ins Ausbildungslager kommen, wird jede negative Einstellung
unterdrückt. Es wird ihnen unmittelbar erklärt, daß "negativity“
in Gruppen nicht ausgedrückt wird. Wenn sie Fragen oder negative Eindrücke
haben, sollten sie sich an bestimmte, meist upper-level-Personen wenden.
Auf diese Weise erkennt der Neuling nicht, daß auch andere ihre Zweifel
haben. Er oder sie blickt nur im Kreise herum und gewinnt den Eindruck,
daß alle dafür sind, weil die Moonies jedes negative Gefühl
unterdrückt haben, durch Lehre und durch die Art, wie sie die Neulinge
mit ihren eigenen Leuten umgeben.
Dann fesseln sie die ganze Aufmerksamkeit der Neulinge durch Spiele,
Vorträge, Singen. Mit anderen Worten, sie beschäftigen die Leute
so sehr, daß sie gar nicht zum Nachdenken kommen. Auf diese Weise
versetzen sie die Leute fast in eine Art Trancezustand. Die meisten Menschen
sind sich ja gar nicht bewußt, daß Menschen hypnotisiert und
in Trancezustände versetzt werden können auf sehr einfache und
subtile Art und Weise, ohne daß es dazu spektakulärer Vorankündigung
bedarf, wie etwa durch einen Hypnotiseur auf der Bühne, der seine
Uhr abnimmt, sie im Kreise schwingt und sein Publikum auffordert, ihn genau
zu beobachten. Es gibt sehr viele subtile Verfahren, die Aufmerksamkeit
anderer zu fesseln und sie zu veranlassen, sich auf irgendetwas stark zu
konzentrieren, z. B. auf einen Vortrag oder auf das Singen. Durch unmittelbare
wiederholte Suggestion kann ihre Aufmerksamkeit gefesselt werden, und alle
Nebenassoziationen können unterdrückt werden, so daß die
jungen Menschen auf sehr faszinierende Art in Trance versetzt werden. Auf
diese Weise werden die jungen Leute in einen veränderten Bewußtseinszustand
versetzt, so daß sie allmählich in ihrem eigenen Denken und
Nachdenken immer beschränkter werden, d.h. selbst immer weniger nachdenken.
Es ist noch ihre Kleidung zu erwähnen. Wenn man jemanden wirklich
verändern möchte, muß man auch sein Äußeres
verändern. Sie veranlassen die jungen Leute daher, sich die Haare
schneiden zulassen, sie geben ihnen neue Kleidung und auch neue Namen,
all das als Teil ihrer neuen Identität. Sie geben ihnen Kosenamen.
Sie machen das auf sehr subtile Weise. Wenn jemand kommt und sagt, er heiß
Jonathan, wird er fortan
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Jeremiah genannt. Heißt jemand Jeremy, wird er in Joshua umbenannt.
Sie ändern die Namen also gern in biblische Namen um. Wenn jemand
z.B. Norbert heißt, wird er womöglich Noah genannt. Heißt
jemand Susan, wird der Name in Sarah umgeändert. Es ist also eine
Verlagerung auf mehr biblische Namen, jedoch in Form eines Kosenamens und
ohne große Zeremonie wie in den Hindukulten.
Innerhalb der Unification Church und einiger anderer Sekten wird reichlich
Gebrauch gemacht vom Zufall, von der Koinzidenz in dem Sinne, daß
erklärt wird: Weil die betreffende Person nach einem religiösen
Erlebnis suchte oder nach einem größeren religiösen Inhalt
ihres Lebens, ist sie uns begegnet. Was also reiner Zufall gewesen wäre,
wird von diesen Sekten als eine besondere göttliche Verbindung oder
Vorsehung hingestellt. Sie benutzen alle möglichen kleinen Zufälle,
um den Eindruck zu erwecken, daß die Tatsache ihrer Begegnung weit
mehr vorherbestimmt ist, als allgemein vielleicht angenommen wird.
Alle alten Bindungen werden am Ende als satanisch bezeichnet. Die Beziehungen
zu Eltern, Freunden usw. sollten daher abgebrochen werden, weil sie böse
sind. Das Endergebnis dieses Bearbeitungsprozesses ist dann, daß
die Leute sich wegen ihrer Vergangenheit zutiefst schuldig fühlen.
Jede Labilität, jede Abweichung, wie z. B. das Rauchen von Marihuana
oder ein gelegentlicher LSD-Trip, wird den Neulingen als sehr, sehr böse
vorgehalten. Und da die meisten jungen Leute nicht wissen, was Massenerhebungen
über die Zahl derjenigen aussagen, die Marihuana geraucht haben, wird
in ihnen das Gefühl erweckt, daß ihr kleiner ,Ausrutscher‘,
ihr geringer Gebrauch von Marihuana bereits schwerer Drogenmißbrauch
war. So wird ihnen suggeriert, daß sie in ihrer Vergangenheit sehr
böse waren. Schuldgefühle werden also massenhaft produziert.
Überdies wird in ihnen das Schuldgefühl geweckt, daß, wenn
sie die Gruppe verlassen, alle Vorfahren und alle Nachfahren verdammt sein
werden. So entwickeln die Neulinge also sehr große Angst-und Schuldgefühle.
In der Gruppe erhalten sie eine Menge an Zuneigung, Gruppenzuneigung.
Sie sind "love-bound“, wie die Moonies es nennen, auf dem Wege zur Liebe.
Es wird ihnen erklärt, sie seien liebenswert usw. Und das ist natürlich
sehr wirksam. Die meisten Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe,
sind Mitglieder geworden zu einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem sie sehr
deprimiert waren und sehr einsam. Dann kommen die Moonies‘ laden sie zu
sich nach Hause ein, geben ihn Halt und verzärteln sie und sagen ihnen,
sie würden geliebt. Das weckt in ihnen dann das Gefühl, gut zu
sein. Gleichzeitig wird in ihnen ein Schuld- und Angstgefühl
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geweckt und manipuliert, um sie davon zu überzeugen, daß
sie nur erlöst werden können, wenn sie in der Gruppe bleiben.
Abgesehen davon, daß sie traurig und deprimiert sind, haben viele
junge Menschen große Sexualkonflikte. Wie sollen sie sich mit dem
Partner oder der Partnerin verabreden, sollen sie Geschlechtsverkehr haben,
sollen sie heiraten? Wenn sie dann den Kulten beitreten, ist jeder Sex
gestorben. Bei den Moonies z. B. gibt es nur brüderlich-schwesterliche
Liebe und Kontakte. Wenn sie tatsächlich rechtschaffene, gerechte
Moonies sind, so die Parole, werden sie am Ende eine gesegnete Ehe führen.
Hier in der kalifornischen Bay Area gibt es etwa 300 Moonies, aber nur
sechs Ehepaare. Die Möglichkeiten, je zu heiraten, sind sehr gering.
Vor einigen Monaten heirateten 1800 Leute in Korea, z. T., um Pässe
zu bekommen. Nach den Informationen, die ich von früheren Moonies
erhalten habe, scheint es nicht allzu viele "gesegnete“ Ehen zu geben.
Die anderen Kulte sind nicht ganz so gut organisiert und nicht ganz
so "sophisticated“, die Art der Monopolisierung aber ist die gleiche. Ich
habe mit Leuten aus einigen Kulten gesprochen, in denen die Kultführer
die Leute veranlaßten, mit Kopfhörern die Bandaufnahmen der
Indoktrinierungsvorträge immer wieder anzuhören. In einigen Kulten
müssen die Leute sogar mit Kopffiörern ins Bett gehen und werden
während des ganzen Schlafes mit Bandaufnahmen berieselt. Inhaltlich
unterscheiden sich die Kulte zwar sehr, in allem anderen aber weisen sie
große Ähnlichkeiten auf, vor allem was die psychologische Manipulation
anlangt, die Leute von ihrer Vergangenheit zu isolieren, ihr Verhalten
zu ändern, ihre Vergangenheit zu vergessen und aufzugeben und bei
der Gruppe zu bleiben.
Was nun die Rehabilitation anlangt, so habe ich von vielen Leuten gehört,
die einem Kult angehörten, daß sie nicht hätten aussteigen
können, selbst wenn sie es gewollt hätten, wenn nicht jemand
gekommen wäre und sie geholt hätte. Sie hätten es nicht
gekonnt wegen des Schuldkomplexes und weil sie in die Aktivitäten
des Kults so verstrickt waren, daß sie sich kaum daraus befreien
konnten. In den Vereinigten Staaten kommt es daher oft vor, daß die
Eltern kommen, mit den Kindern sprechen und sie buchstäblich herauszulocken
versuchen. Sie bringen sie nach Möglichkeit mit früheren Kultmitgliedern
zusammen, die ihnen dann berichten, was der Kult ihnen an Informationen
vorenthalten hat, und die ihnen auch Informationen zukommen lassen, wie
die Verhaltensveränderungen vom Kult bewirkt wurden. Es handelt sich
hier um eine Art "Entprogrammierung“, d.h. um Informationen über den
Kult109
führer, die Verwendung der gesammelten Gelder und über die
Verhaltensänderungen, mit anderen Worten um das sog. "de-program“.
Die Rückkehr ins normale Leben, die Rehabilitation, vollzieht sich
viel leichter, wenn die Jugendlichen sogenannte , ,de- programmers“ oder
"re-entry councillors“ treffen, d.h. Leute, die sie über den Kult
aufklären und sie beim Wiedereintritt, bei der Rückkehr ins normale
Leben beraten. Ohne diese Informationen ist es für die Leute sehr
schwer, nicht zum Kult zurückzukehren, weil ihnen selbst nicht ganz
klar ist, was eigentlich mit ihnen geschah. Oft hören sie so etwas
wie eine Stimme der Halluzination, die sie bedrängt, bei der Gruppe
zu bleiben, weil sie es so oft gehört haben in den Indoktrinierungsprogrammen
und ihnen diese Botschaften. in den Kulten immer wieder eingebleut werden:
Bleibt hier, es ist der redlichste, rechtschaffenste, gerechteste Lebensweg
usw. Ich meine also, daß diejenigen, die mit den "de-programmers“
oder "reentry councillors“ sprechen, am schnellsten und leichtesten wieder
ins normale Leben zurückfinden. Dabei habe ich den Eindruck, daß
die meisten jungen Leute, die einen Kult verlassen, in dem sie über
ein Jahr Mitglied waren, etwa einen Monat Ruhe brauchen, nur um sich wieder
an gutes Essen, Schlaf usw. zu gewöhnen und genügend Zeit zu
haben, über die Kulte mehr zu lesen, und ganz einfach frei zu sein
und geschützt zu werden gegen neue Kontakte des Kults, der sie zurückgewinnen
möchte. Nach diesen drei oder vier Wochen der Ruhe, Ernährung
und Information dauert es noch 8 bis 18 Monate, bis die Leute, die über
ein Jahr einem Kult angehört haben, ihre Geisteshaltung zurückgewinnen.
Damit aber meine ich nicht, daß diese Leute psychisch verrückt
sind oder dergleichen. Die meisten sind normal nach amerikanischen psychologischen
und psychiatrischen Maßstäben. Nur anhand von Berichten der
Eltern und guter Freunde über das frühere Wesen der Betreffenden
läßt sich sagen, wie sehr ihr Intellekt eingeengt wurde. Die
meisten von ihnen beginnen während des ersten Monats nach Verlassen
des Kults zu erkennen, wieviel mehr sie denken und nachdenken. Dann werden
sie sich bewußt, wie träge und inaktiv ihr Geist im Denken war.
Ich habe mit vielen Ehemaligen hier in der Bay Area Kontakt. Das Erstaunliche
ist immer wieder, daß viele noch ein oder zwei Jahre nach ihrem Austritt
über ihr Leben und ihre Fortschritte verblüfft sind, darüber,
daß ihr Geist neu erwacht ist und sie im Leben wieder Fuß gefaßt
haben. Doch es dauert eben 8 bis 18 Monate, bis sie geistig wieder voll
funktionsfähig sind. Und das ist in der Tat schon faszinierend. Es
sind sehr viele junge Leute zu mir gekommen, um sich von mir Rat zu holen,
weil sie unter verschiedenen Formen der Einsamkeit und sehr unterschiedlichen
Problemen litten.
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Eine der Elterngruppen fragte mich, ob ich mit einem Kollegen eine
Gruppentherapie machen könne. Wir haben darauffiin eine Gruppenarbeit
entwickelt, die wir "Diskussionsgruppe“ nennen. Jeden Freitagabend treffen
wir uns für zwei Stunden, von 19 bis 21 Uhr. Das Programm erstreckt
sich über drei Wochen. Dann lassen wir einen Freitag aus und treffen
uns anschließend für weitere drei Wochen, danach für anschließende
drei Wochen. Wir kommen also neunmal zusammen und haben so Gelegenheit,
viele Themen zu behandeln, die sich in unseren Einzelgesprächen und
unserer Einzeltherapie als gemeinsame Probleme herausgestellt haben.
1. Das erste Problem junger Leute, die einen Kult oder eine Sekte verlassen
haben, ist die Einsamkeit. Während ihrer Zeit in der Sekte war ihr
ganzer Tag ausgefüllt mit anderen Kultmitgliedern, oder sie waren
draußen auf der Straße, um Geld zu sammeln oder neue Mitglieder
anzuwerben.
2. Sie haben ungeheure Schwierigkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen,
weil alle Entscheidungen für sie getroffen wurden, als sie noch der
Sekte angehörten. Sie brauchen sogar schon Hilfe bei so einfachen
Dingen wie dem Kauf eines Weckers, um morgens rechtzeitig aufzustehen.
3. Ein weiteres Problem ist das Eintreten in verschiedene Bewußtseins-stadien,
wie sie es während ihrer Zeit im Kult erlebten. Ich habe mit Leuten
gesprochen, die Sekten angehörten, die sehr viel Meditationsübungen
machten. Einige Gruppen lassen ihre Mitglieder 21 Stunden am Tag meditieren,
21 Tage hintereinander. Das wirkt sich auf die Geistesverfassung der Leute
natürlich erschreckend aus, weil sie lernen, wie sie einfach dazusitzen
und zu versuchen haben, ihren Geist zu ,entleeren‘, d.h. jeden anderen
Gedanken auszuschalten, und das 21 Stunden am Tag, 21 Tage lang.
4. Das vierte Problem: die Depression. Ihre alte Depression, die sie
hatten, als sie in den Kult eintraten, kommt fast mit Sicherheit zurück,
wenn sie wieder austreten. Überdies haben sie Freunde verloren, die
sie wirklich gern hatten und die dem Kult angehörten. Außerdem
haben sie das Gefühl, ihre Unschuld verloren zu haben. Sie traten
in den Kult ein, voller ehrfürchtigem Staunen, mit großäugiger
Naivität gleichsam, und dann stellen sie fest, daß sie getäuscht
und hereingelegt wurden. So breitet sich in ihnen ein Gefühl der Trauer
aus, ihre eigene Unschuld verloren zu haben und skeptischer und zynischer
geworden zu sein als ursprünglich.
5. Außerdem haben diese Jugendlichen Schuldgefühle, weil
die meisten Kulte sie eingesetzt haben, Mitglieder anzuwerben und Geld
zu sam111
mein, auf eben nicht ganz ehrliche Weise. Um Geld zu bekommen oder
auch um Mitglieder anzuwerben, erzählen sie den Leuten Geschichten,
die nicht immer wahr sind.
6. Das sechste Problem: die Angst vor dem Kult. Die Sekten unterscheiden
sich in dem Ausmaß der Belästigung oder der Anstrengungen, die
Leute zurückzugewinnen. Einige der jungen Leute waren in kleinen,
sehr furchterregenden Kulten und haben buchstäblich Angst. In einigen
der größeren Sekten werden gewisse Mythen erzählt, daß,
wenn die Leute austreten, Gott sie mit dem Tode bestrafen wird oder der
Kult sie töten wird usw.
7. Es bestehen alle möglichen Verpflichtungsgefühle gegenüber
den Leuten, die sie im Kult zurückließen. In einigen Sekten
z.B. treten die Leute als Ehepaare ein. Dann kann es vorkommen, daß
z.B. die Frau sich immer stärker bewußt wird, was hier eigentlich
gespielt wird, und austreten möchte, in der Sekte aber noch Mann und
Kinder hat. Andererseits fühlen sie sich auch den Mitgliedern verpflichtet,
die sie selbst angeworben haben und die noch im Kult geblieben sind. Dann
fragen sie sich, ob sie nicht zurückgehen und diese Leute auch herausholen
sollten. 8. Bei unserer Gruppentherapie stoßen wir immer wieder auf
die Frage, was tun und sagen, wenn man Freunden begegnet, die der Sekte
noch angehören.
9. Ein weiteres Problem: Wie soll man mit der ständigen Wachsamkeit
der Eltern und Freunde fertig werden. Wir nennen das den "flsh-bowl effect“‘
den Aquariumeffekt, wo jeder die herumschwimmenden Goldfische bestaunt.
Viele ehemalige Kultmitglieder haben ganz einfach das Gefühl, ständig
von ihren Familien auf Anzeichen hin beobachtet zu werden, daß sie
vielleicht weglaufen und zum Kult zurückkehren könnten. Ich nenne
es daher den "Aquariumeffekt“, weil in einem Aquarium die Fische, wohin
sie auch schwimmen, überall beobachtet werden.
10. Die ehemaligen Sektenmitglieder möchten über die positiven
Aspekte der Sekten sprechen. Ihre Familien und Freunde aber wollen von
den positiven Seiten nichts wissen. In unserer Gruppe gebe ich diesen Leuten
also Gelgenheit, darüber zu sprechen. Mitunter kann es vorkommen,
daß sehr schüchterne Menschen gerade in diesen Sekten gelernt
haben, Beziehungen zu andern Menschen anzuknüpfen und Freunde zu gewinnen.
Darin werten sie den Kult natürlich positiv. Oder sie möchten
über Liebe und Zuneigung zu Einzelpersonen sprechen, denen sie im
Kult begegneten. Aber wie gesagt, ihre Familien und Freunde wollen von
diesen Aspekten nichts hören. So sprechen wir in unseren Gruppen darüber.
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11. Besondere Schwierigkeiten erwachsen aus der Frage: Wie soll man
Leuten, die man neu kennenlernt, erklären, daß man einer Sekte
überhaupt beitrat! Wie kann man es Menschen, die nie einem Kult angehörten,
überhaupt sagen, ohne sein Innerstes zu offenbaren? Oft kommt es vor,
daß die Leute sagen: Wie kann ein so intelligenter Mensch nur einem
verdammten Kult beitreten? Es ist ein echtes Problem. Ich erkläre
diesen Ex-Mitgliedern dann, daß selbst die Jury das Verhalten von
Pauy Hearst während ihrer Zeit bei der SLA nicht verstand, obwohlA.
Bailey mit einer ganzen Batterie von Experten versuchte, in Kürze
zu vermitteln, wie Überredung durch Zwang, die oft so genannte "Gehirnwäsche“
fünktioniert. In unserer Gruppentherapie sprechen wir darüber,
daß das Wort "brainwashing“ (Gehirnwäsche) ein Begriff ist,
der die Menschen bezweifeln läßt, daß eine solche Kontrolle
über eine andere Person möglich ist. Dann erkläre ich ihnen,
wie Bob Lifton in seinem Werk, daß der Begriff "brainwashing“ eine
Art schlechte Übersetzung der chinesischen Worte für "thought
reform“, (Gedankenreform) ist. "Thought“
Gedanke, Denken, wurde mit "brain“ Gehirn, übersetzt, "reform“
mit "washing“ = Wäsche. Begriffe wie "mmd control“ und "brainwashing“
werden daher als lächerlich abgetan, weil die Leute nicht begreifen,
daß so etwas wie "coercive persuasion“, d.h. Überredung durch
Zwang
— so nennen wir, die wir uns mit diesen Beeinflussungsprozessen befassen,
was in den Sekten vorgeht — überhaupt möglich ist. Wir nennen
es lieber "coercive persuasion“, weil diese Bezeichnung weniger dramatisch
ist als "brainwashing“, überdies glaubwürdiger. Als ich noch
für die Army arbeitete, meinten die Soldaten immer, die Kugeln würden
nie sie, sondern immer nur andere treffen. Ebenso glauben Leute, mit denen
ich über "coercive persuasion“ oder "brainwashing“ spreche, daß
immer nur simple Gemüter überredet werden können, sie selbst
aber nie. Jeder fühlt sich unverwundbar, und doch sind wir alle sehr
verwundbar und können überredet und unter Zwang gesetzt zu werden.
12. Die Menschen, die eine Sekte verlassen, werden sich überbewußt
aller Sünden in der Welt und aller Unzulänglichkeiten ihrer Familien
und der Welt. Sie müssen dann dahin gebracht werden, sich damit abzufinden,
daß sie selbst und keiner von uns vollkommen ist und daß wir
mit dieser Tatsache leben müssen.
13. Ein weiterer Problembereich: Die jungen Menschen möchten altruistisch
sein, aber sie möchten der Menschheit helfen können, ohne von
einem anderen Kult getäuscht zu werden. Und sie wissen nicht, wie
sie es anstellen sollen.
14. Die Ex-Mitglieder haben Wut auf die Sekte. Nachdem sie erkannt
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haben, was ihnen geschah‘ haben die meisten von ihnen das Gefühl,
mißbraucht worden zu sein. Oft sind die Betroffenen daher sehr verärgert
über die verlorenen Jahre ihres Lebens, die sie dem Kult widmeten.
Sehr tragische Fälle dabei sind Frauen, die seit Jahren Kulten angehörten‘
Ende dreißig sind und dann bei ihrem Austritt erkennen müssen,
daß sie die Chance, zu heiraten und Kinder zu haben, praktisch vertan
haben. Sie können womöglich noch heiraten, sind aber nach ihrer
Meinung zu alt, um noch Kinder zu bekommen. Manche Frauen in dieser Situation
ziehen es daher vor, in der Sekte zu bleiben, weil sie eben den richtigen
Zeitpunkt verpaßt haben, zu heiraten und Kinder zu kriegen. Sie sehen
für sich kaum eine andere Chance.
15. Viele junge Menschen, die aus einer Sekte austreten, haben familiäre
und persönliche Schwierigkeiten. Sie brauchen große Hilfe, ihre
familiären Probleme zu lösen. Ich spreche daher viel mit den
Eltern und den Jugendlichen und versuche, sie auf lange Sicht zu beraten.
16. Wenn man aus einer Sekte oder einem Kult austritt, gehört
man nicht mehr zu den Auserwählten, der Elite, sondern ist ganz einfach
ein Mensch unter vielen. Das ist natürlich ein merkwürdiges Gefühl,
nachdem man einmal zu den Auserwählten gehört hat.
17. Eines der größten Probleme ist die gleichsam beschnittene
geistige Aktivität, die Eindämmung des Denkens.
18. Es ist gefragt worden, ob viele Menschen aus eigener freier Entscheidung
austreten. Nur etwa 10 Prozent der 300 von mir interviewten Ex-Mitglieder
traten m. E. aus eigenem Willen aus. Es waren meist Leute, die in der Sektenhierarchie
aufgestiegen waren und Kenntnis erhalten hatten, wohin das Geld ging. Es
war also eine Art Zynismus, basierend auf Wissen, der ihnen half, den Kult
zu verlassen. Für diese Leute, die aus eigenem freien Willen austreten,
ist es von ungeheurer Wichtigkeit, mit Leuten, die selbst einst einer Sekte
angehörten, in Kontakt zu treten und Informationen von ihnen zu erhalten,
um so die Vergangenheit zu bewältigen und zu begreifen, warum es fünktionierte
usw.
Diejenigen, die behaupten, "deprogrammiert“ worden zu sein, und in
die Sekte zurückkehrten, sind praktisch nicht völlig deprogrammiert
worden, das heißt, sie hatten nicht genügend Zeit, Informationen
einzuholen, oder die Deprogrammierer erkannten nicht, daß die Leute
nach außen zwar sehr freundlich waren, in Wirklichkeit aber mit ihrer
Vergangenheit noch nicht ganz gebrochen hatten. Der Deprogrammierer geht
dann nach Hause, die jungen Menschen aber haben immer noch Probleme und
Fragen und wissen nicht, mit wem sie darüber reden können. So
kehren sie zum Kult zurück.
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Zu den Zurückkehrenden gehören auch jene Leute, die ungeheure
psychologische Probleme hatten, bevor sie der Sekte beitraten, und ein
beinahe erfolgloses Leben in der Gesellschaft hatten. Der Kult schenkte
ihnen dann ein Leben in der Gemeinschaft, das sie sich selbst vorher nie
schaffen konnten. Diese Leute wissen, wie sehr der Kult sie loben wird,
wenn sie zurückkehren. Einige Kulte überhäufen die Leute
mit Lob und Anerkennung, die vermutlich mit Deprogrammierern Kontakt hatten
und dennoch zuruckkamen. Es gibt also einen Kreis sehr unglücklicher,
psychologisch gestörter Leute, die zurückkommen zu den Kulten,
einfach, um gelobt zu werden. Es ist eine sehr interessante Untergruppe.
Man triffi sie hier oft. Sie erzählen dann anderen ehemaligen Mitgliedern,
daß sie zwar gern austreten würden, aber keinen Ersatz finden
für das, was ihnen die Sekte bietet.
Es ist schwer, über die Anzahl der Zurückkehrenden umfassendes
statistisches Material vorzulegen. Einige Beobachter schätzen‘ daß
nur 5 Prozent zurückgehen. Nach den Beobachtungen der 300 Jugendlichen,
mit denen ich gesprochen habe, gehen nur sehr wenige von denen zurück,
die wirklich eine gute Unterstützung fanden, guten Kontakt zu ihren
Deprogrammierern hatten, welche sehr ruhig und freundlich waren undihnen
genügend Zeitwidmeten—in der Tat, esistsehrzeitraubend —, und die
auch bei ihren Eltern Unterstützung fanden. Ich bin absolut nicht
der Meinung, daß den Eltern die Schuld zu geben ist, daß es
schlechte Eltern sind, deren Kinder Sekten beitreten. Die Moonies z. B.
nehmen Kontakt zu sehr netten Kindern auf, sie weisen ihre Mitglieder an,
nur gute Leute anzuwerben, d.h. nur solche, die so gut sind wie sie selbst
oder möglichst noch besser. Schlechte Leute dagegen sollen sie nicht
mitbringen. In den Vereinigten Staaten werden hauptsächlich Jugendliche
aus der Mittelschicht oder der gehobenen Schicht angeworben. Dagegen werden
von den Sekten nur sehr wenige Jugendliche aus den unteren Schichten angeworben,
denn sie sind, wie es in USA heißt, "street-smart“, d.h. es sind
gewiefte Burschen, die sehr wohl wissen, daß sie nicht umsonst zum
Essen eingeladen werden, daß sie nichts umsonst erhalten, sondern
immer eine Gegenleistung erbringen müssen. Einige Sekten allerdings
versuchen jetzt, einsame ältere Frauen anzuwerben, die etwa zu den
Schwarzen zählen oder sonst einer Minderheit angehören. Ebenso
werden Anstrengungen gemacht, alte Menschen anzuwerben, die ebenfalls allein
sind, die aber ein gewisses Vermögen in die Sekten einbringen. Im
großen und ganzen aber sind die Sekten daran interessiert, junge
Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren anzuwerben. Auf das in Diskussionen
oft geäußerte Argument, daß die Schuld dafür,
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daß junge Menschen sich den Kulten anschließen, bei den
Eltern, bei der Familie liegen muß, ist meine Antwort, daß
ich dem absolut nicht zustimme. Es gibt zwar einen gewissen Prozentsatz
von Leuten, die Sekten beitraten, weil sie ungeheure Probleme mit ihren
Eltern hatten. Die große Mehrheit der Jugendlichen aber, die in Sekten
eintraten, wurde von sehr "sophisticated“ Mitgliedern angeworben. Sie waren
einsam, sie hatten Liebesaffären gehabt; oder sie standen praktisch
dazwischen, sie befanden sich gleichsam in einer Übergangssituation
— zwischen zwei Liebesaffären, zwischen zwei Arbeitsplätzen,
zwischen Oberschule und College usw. Sie waren ganz einfach in einer Phase
der Depression, sie waren über etwas in ihrem Leben deprimiert, als
die Sekten ihnen eine Art vorgefertigte Freundschaft anboten und sie von
ihren Eltern trennten. Die Jugendlichen selbst aber verließen ihre
Eltern nicht etwa, weil sie ungeheure Konflikte mit ihnen hatten. Das war
keineswegs der Fall. Bei uns in den USA behaupten viele, die Jugendlichen
würden sich nicht den Sekten anschließen, wenn ihre Eltern nicht
schlicht Ungeheuer wären. Darauf kann ich dann nur antworten, daß
das keineswegs der Fall ist.
Seit einigen Jahren (ich glaube, seit der Nachkriegszeit) wollten die
Eltern bei uns in den Vereinigten Staaten ihren Kindern nichts von dem
Bösen in der Welt erzählen. Sie hatten nach dem Kriege nur den
Wunsch, ihre Kinder glücklich zu machen, ihnen eine bessere Welt zu
präsentieren. Die Armen weisen ihre Kinder an, sich von anderen Leuten
kein Geld, keine Kleidung usw. abnehmen zu lassen. Die Reichen wiederum
halten ihre Kinder an, sich vor Kidnappern zu hüten und vor Leuten,
die ihnen ihr Geld abnehmen oder in ihren Häusern einbrechen wollen.
Die Eltern der Mittelschicht dagegen, vor allem die der Nachkriegszeit,
haben ihren Kindern nicht gesagt, daß es in der Welt auch Böses
gibt, eben weil sie ihre Kinder glücklich sehen wollten, ihnen eine
bessere und glücklichere Welt zeigen wollten. Sie haben ihre Kinder
also nicht genügend aufgeklärt. Hier in Berkeley z. B. habe ich
meinen Kindern gesagt, daß es auf der Straße schlechte Menschen
gibt und sie vorsichtig sein müssen. Dennoch sind meine Kinder sehr
glücklich. Meine Eltern z. B. und frühere Generationen überhaupt
hatten ein sehr fröhliches Leben mit ihren Kindern, obwohl sie ihnen
sagten, daß es auf der Erde gute und schlechte Menschen gibt, und
sie die Kinder anhielten, sich auf ihr eigenes gesundes Urteil zu verlassen
und sich nicht hereinlegen zu lassen oder hereinzufallen auf jede noch
so schöne Geschichte, die ihnen erzählt wird. Insofern bin ich
durchaus der Meinung, daß die Eltern versagt haben, weil sie ihre
Kinder nicht aufgeklärt haben und
116
gewarnt haben vor Leuten, die klug und schön daherreden und die
Kinder manipulieren wollen. Das aber ist das einzige, was ich den Eltern
an-lasten würde.
Ein Ziel, das junge Menschen oft zu suchen scheinen, ist der Wunsch
nach einem totalen Engagement für einen anderen Menschen, d.h. einen
Menschen zu finden, für den sie sich voll und ganz einsetzen und von
dem sie sich voll und ganz geliebt fühlen, der sich ebenso vollkommen
für sie einsetzt. Stattdessen nun finden sie die ganz gewöhnlichen
Höhen und Tiefen der verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen
und begegnen in der Phase ihres Suchens mithin großen Enttäuschungen,
in jener Phase des Suchens, welche die meisten jungen Menschen durchmachen
müssen, wenn sie nicht gerade das Glück haben, in jungen Jahren
eine Art Seelengefährten zu finden.
Wenn wir als Eltern, Lehrer usw. uns realistischer äußern
würden, wenn Presse, Funk und Fernsehen realistischer wären und
darauf hinwiesen, daß viele Menschen viele verschiedene Freundschaften
durchlaufen müssen, um einen Menschen zu finden, mit dem sie leben
können für den Rest ihres Lebens oder für große Strecken
ihres Lebens, und daß die Suche für sehr viele Menschen große
Enttäuschungen mit sich bringen kann, könnte den jungen Menschen
klargemacht werden, daß sie nicht allein auf der einsamen Suche nach
einem Partner sind. In unserem Fernsehen, unseren Filmen und Romanen aber
wird weitgehend der Eindruck erweckt, daß alle anderen außer
uns den vollkommenen Partner gefunden haben. Vor allem im Film wird den
jungen Menschen eine merkwürdige Vorstellung davon vermittelt, wie
der gewöhnliche Sterbliche lebt. Wir als Eltern, meine ich, solten
da mehr helfen — durch ruhige Diskussionen über die privaten Realitäten,
die Wirklichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen.
Nun zu der Frage, wie nach meiner Meinung eine Rehabilitationsorganisation
aufgebaut werden sollte. Wir müssen Leute finden wie Joe Alexander
und seine Frau, die ganz einfach ideal sind. Sie wissen, wie man ein Rehabiitationszentrum
leitet. Ich meine, daß einige Jugendliche für eine gewisse Zeit,
einen Monat etwa, bei Menschen verbringen müssen, die wie das Ehepaar
Alexander alles verstehen. Wenn diese jungen Menschen dann nach einem Monat
oder zwei nach Hause zurückkehren wollen oder in die Schule zurück
wollen oder was auch immer, was sie und ihre Eltern sich überlegt
haben, so sollten sie das machen. Ich habe festgestellt, daß gewisse
Eltern oder Elterugruppen zuweilen die Tatsache unterschätzen, daß
die meisten Jugendlichen, die aus einer Sekte ausgetreten sind, nach einer
gewissen Zeit unabhängig und selbständig
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sein wollen, frei von der elterlichen Kontrolle. Die meisten ehemaligen
Sektenmitglieder, die in einem Rehabilitationszentrum und ihrer Familie
Hilfe und Unterstützung finden, ordnen sich nach einer gewissen Zeit
wieder in die Gesellschaft ein und fassen allmählich wieder Fuß.
Aber eine kleine Zahl, etwa ein Drittel, der Leute, die aus einer Sekte
austreten (ungefähr ein Drittel der Jugendlichen, mit denen ich mich
befaßt habe), sind psychologisch ein wenig verwirrt, ohne nun etwa
geisteskrank zu sein oder ein psychiatrisch diagnostizierbares Leiden zu
haben. Sie brauchen vielleicht mehr Zeit — nicht unbedingt in Kontakten
mit Psychiatern oder Psychologen, denn diese verstehen von Sekten nichts,
aber in Kontakten mit anderen überzeugten Ex-Mitgliedern und mit verständigen
Eltern. Der Durchschnittspsychologe oder -psychiater aber kann ihnen überhaupt
nicht helfen, weil er diese jungen Menschen zwangsläufig auf schreckliche
Neurosen hin behandelt, die sie überhaupt nicht haben. Ich habe mit
sehr vielen Psychologen und Psychiatern gesprochen und ihnen zu erklären
versucht, daß sie überhaupt nicht wissen, was in den Sekten
eigentlich vorgeht, was mit den jungen Menschen dort passiert, daß
sie keine Ahnung haben von "thought reform“ und "behaviour modification“
(Verhaltensänderung), mithin auch nicht von den Problemen, die sich
für diese Menschen beim Austritt aus der Sekte ergeben. In den Rehabilitationszentren
dagegen sitzen Leute, die berufs-mäßig etwas von der Problematik
verstehen und sich für die psychologischen und sozialen Prozesse interessieren.
Sie können den Ex-Mitgliedern besser helfen.
Psychologen und Psychiater tun Kulte oder Sekten gern ab als ein echtes
religiöses Bekehrungserlebnis, das der einzelne ersehnt, ohne den
Beeinflussungszwang und die "sophisticated“ Anwerbemethoden zu erkennen,
d.h. sie sehen diese Seite überhaupt nicht. Überdies halten sie
das Sekten- und Kultwesen für eine ganz normale, vorübergehende
Modeerscheinung, vergleichbar dem Mittelalter, wo die Menschen ins Kloster
gmgen. Drittens meinen die Psychologen und Psychiater, die Kult-oder Sektenmitgliedschaft
sei Ausdruck einer psychischen Pathologie junger Menschen. Dieser Ansicht
kann ich mich absolut nicht anschließen. Das andere große Problem
ist, daß die Berufspsychologen und -psychiater nur eine Therapieform
haben, die sie an allen Patienten ausprobieren.
Ich möchte noch darauf hinweisen, daß es in der ganzen Geschichte
der
Menschheit immer Kulte bzw. Sekten gegeben hat. Die Zeiten, in denen
Kulte entstehen, sind immer Zeiten gewesen, in denen es einen Bruch
in
118
der Gesellschaftsstruktur gab. Am Ende der Französischen Revolution
z. B. schossen überall in Europa Kulte und Sekten wie Pilze aus der
Erde, weil es einen Bruch in den Gesellschaftsstrukturen gab. Zur Zeit
der Industriellen Revolution in England, als alle jungen Menschen vom Land
in die Städte strömten, wo die großen Webereien in Betrieb
gesetzt wurden, entstanden ebenfalls viele Kulte. Bei uns in den Vereinigten
Staaten, als der große Zug von Ost nach West begann, entwickelten
sich ebenso viele Kulte und Sekten angesichts des Bruchs in der Gesellschaft.
In jüngster Zeit haben m. E. hauptsächlich drei Dinge dazu beigetragen,
daß so viele Kulte und Sekten entstanden: Ende der sechziger Jahre
hatten wir in den USA viele Ausschreitungen junger Menschen auf den Straßen,
es war die Zeit der Hippie-Bewegung und vieler ähnlicher Bewegungen.
Als diese Woge verebbte, entstand die Kultbewegung, die wiederum auf einen
Bruch der Gesellschaftsstruktur zurückzuführen ist. Zweitens
entwickelte sich ein starkes Gefühl der Entfremdung; die Menschen
fühlten sich einsam. Angesichts der starken Industrialisierung der
Vereinigten Staaten ist die Mobilität sehr groß. Die Menschen
brechen aus ihren alten Bindungen aus, ziehen in die Industriezentren und
fühlen sich entfremdet — nicht nur wegen des Bruchs der Gesellschaftsstrukturen,
sondern auch wegen der starken Mobilität der Bevölkerung. Drittens
ist die humanitäre Bewegung zu nennen. Die Bewegung der Bewußtseinserweiterung,
des Eigenbewußtseins bzw. der Selbsterkenntnis wurde so populär
unter den Intellektuellen, daß uns allen erklärt wurde, innere
Einkehr würde die Welt ganz einfach verändern. Das ist eine Erscheinung,
ein Geschehen, das alle Jahrhunderte durchzieht. Die Menschen glaubten
ganz einfach, daß alle möglichen phantastischen neuen Welten
entstehen würden — ganz einfach durch Meditation, Introspektion und
innere Einkehr. Ich glaube, diese drei Dinge — der Zerfall der Gesellschaftsstrukturen,
das Gefühl der Entfremdung und die Anregung zu innerer Einkehr und
Meditation — haben entscheidend zum Entstehen der Kulte und Sekten beigetragen,
und zwar zu diesem besonderen Zeitpunkt.
Bei uns in den Vereinigten Staaten ist der Hindu- und Meditationstrend
meines Erachtens zurückgegangen, während sich immer mehr christlich
orientierte Kulte und Sekten entwickelt haben. Darüber aber liegen
mir keine zuverlässigen Statistiken vor, um das zu beweisen. Wir haben
eine zunehmende Verbreitung des Evangelical und Charismatic Movement in
den USA, das Charismatic Movement z. B. innerhalb der katholischen Kirche.
Die Leute bleiben in der Gruppe, unterliegen aber anderen Prozessen, d.h.
einer weitaus sozialeren, individuelleren Teilnahme in Form
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von Singen, Sprechen usw. Hinzu kommt, daß es eine Bewegung auf
freiwilliger Basis ist. Die Leute treten der Baptist Church z. B. freiwillig
bei. Ebenso gehen sie zu der Unitarian Church und zu der jüdischen
Gemeinde, der katholischen Gruppe usw. Nach meiner persönlichen Überzeugung
tun sie es freiwillig.
Wir haben über spezifische Ereignisse vor der Reformation gesprochen.
Damals z. B. gab es Sekten wie die Flagellanten und andere Gruppen. Luther
war keineswegs der erste. Jan Hus in der Tschechoslowakei versuchte bereits,
die katholische Kirche zu reformieren. Seine Anhänger bildeten so
etwas wie einen Kult oder eine Sekte. Er wurde verbrannt. Bei uns in den
USA kritisieren viele Menschen die katholische, die jüdische und die
protestantische Kirche, weil sie angeblich nicht energisch und kraftvoll
genug sind, den gegenwärtigen Bedürfnissen gerecht zu werden,
vor allem den Bedürfnissen junger Menschen. Es mag also eine Parallele
zum Katholizismus der Zeit unmittelbar vor Luther bestehen. Die Reformation
vollzog ja gewisse Veränderungen, sie mag vielleicht in etwa vergleichbar
sein mit dem, was hier in den Sekten geschieht. Vielleicht hätten
die Klagen über unsere offiziell anerkannten Kirchen mehr! beachtet
werden sollen. Vielleicht geschieht etwas ähnliches in einigen der
Evangelical Movements und in einigen der Charismatic Movements innerhalb
der katholischen, jüdischen und protestantischen Kirche.