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Hemminger-Kritik an Theorie und Praxis des Walter Alfred Siebel
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Dr.habil. Hansjörg Hemminger
Stuttgart, 11.Januar 1990
Evangelische Zentralstelle
Für Weltanschauungsfragen
Hölderlinplatz 2 a
7000 Stuttgart 1
STELLUNGNAHME
Zu Theorie und Praxis der Logosophie /
Psychopraxie / Noosomatik / Aufdeckenden Meditation (Lehr- und Methodengebäude
von Walter Alfred Siebel, 2725 Bothel
Grundlage:
1.W.A.Siebel: Umgang, 2.Aufl., Glaser
und Wohlschlegel Bremen 1988
2. W.A.Siebel, T.Winkler: Noosomatik VI.2,
Glaser und Wohlschlegel Bremen 1989
3. W.A.Siebel: Geborgenheit in der Einzigartigkeit,
Sonderdruck. Erscheinen angekündigt in:
Wissenschaft und Logos
2/1989
4. Satzungen der Gesellschaft für
Psychopraxie e.V. (GfP) und der Deutschen Gesellschaft für
Aufdeckende Meditation
e.V.
5. Konzeption des Kinderheims „al tosom“
vom Januar 1989, Geschäftsstelle 2733 Wilstedt
6. Persönliche Berichte und Zeitungsmeldungen
von 1980 bis 1989
Fachliteratur wird im laufenden Text zitiert und im Anhang aufgeführt.
Der folgende Text beschäftigt sich nicht mit der Geschichte der Logosophie / Psychopraxie oder mit der Struktur der von W.A.Siebel gegründeten Organisationen, auch nicht mit der ethischen und juristischen Kritik an seinem Geschäftsgebaren. Die Frage, inwieweit es sich um religiöses Sektierertum handelt, wird ebenfalls nur am Rand berührt. Von daher bleiben die theologischen Schriften Siebels sowie seine kultische Praxis unberücksichtigt. Allerdings wird der Begriff "Sekte“ umgangssprachlich auch für geschlossene, extreme Gemeinschaften mit nichtreligiöser (psychologischer, politischer, esoterischer) Ideologie benutzt. (Schmidtchen, 1987) Insbesondere entstand der Begriff der "Psychosekte“ für eine totalitäre Gemeinschaft mit psychotherapeutischer Utopie. Dieser Begriff wird im folgenden eine Rolle spielen. Die Stellungnahme konzentriert sich dabei auf zwei miteinander verbundene Fragen:
- Wie ist die wissenschaftliche Bedeutung
der Lehre W.A.Siebels einzuschätzen?
- Wie ist die therapeutische Praxis W.A.Siebels
und seiner Anhänger in ihrem weltanschaulichen Kontext einzuschätzen?
I.Vorbemerkungen zum Grenzbereich
Psychotherapie – Weltanschauung – Sektierertum
Die Logosophie bildet bei W.A.Siebel die
erkenntnistheoretisch-psychologische Grundlage einer psychotherapeutischen
Methode (Psychopraxie), die der Autor selbst zur Tiefenpsycho-
logie rechnet (1.S.VI). Diese Zuordnung
ist formal-inhaltlich korrekt. Von Kritikern wird der Logosophie bzw. der
Therapiepraxis Siebels aber vorgehalten, es handle sich um Pseudowissenschaft
bzw. um ein sektiererisches Unternehmen, um eine Psychosekte. Siebel persönlich
wird therapeutischer [Xxxx]ismus vorgehalten. Mit Sicherheit bewegt sich
die Lehre und Praxis W.A.Siebels im Grenzbereich zwischen Psychotherapie
und Weltanschauung, Wissenschaft und Religion. Daher will ich zu diesem
problematischen Grenzbereich sowie zum Erscheinungsbild von Psychosekten
einige Vorbemerkungen machen.
Eine Psychotherapie, die eine Veränderung
des ganzen Menschen mit seinen grundlegenden Lebenszielen anstrebt, muß
den fachwissenschaftlichen Rahmen sprengen, da wissenschaftli-
che Aussagen prinzipiell partikulär
sind. Sinn- und Wertfragen können zum Beispiel nicht wissenschaftlich
beantwortet werden, gehören aber zu einer ganzheitlichen Ausrichtung
und Veränderung des Menschen hinzu. In der therapeutischen Beziehung
wird die Fachpsycholo-
gie also weltanschaulich gedeutet bzw.
in einen weltanschaulichen Rahmen übernommen: Bei einem Existenzanalytiker
in einen existentialphilosophischen Rahmen, in der kirchlichen Seelsorge
in einen christlichen Rahmen, bei materialistischen oder agnostischen Therapeuten
meist in einen liberalen, humanistischen Rahmen.
Mit dem Schritt von der Wissenschaft in
die Praxis ist also – wenn es um den ganzen Menschen geht – ein Rückgriff
auf eigene Werthaltungen des Therapeuten bzw. seiner Schule verbunden.
Dies gilt auch für die Logosophie: W.A.Siebel gibt Werte und Ziele
menschlichen Verhaltens vor und beruft sich dabei auf christliche Quellen
sowie auf sein „Menschsein“ – d.h. auf eine von ihm interpretierte Humanität.
(3) Er bezieht sein Menschenbild im übrigen im Wesentlichen von Viktor
Frankl (s.u.).
Eine solche Therapie läßt sich
seriös handhaben, solange die Beteiligten sich bewußt bleiben,
daß die tragenden Werte und Ziele nur zum kleinen Teil therapeutisch
„technisch“ erreichbar sind. Daher sind begrenzte Therapieziele und eine
nüchterne Einschätzung der eigenen Möglichkeiten ein Kriterium
der Seriosität. Sie hängt im Wesentlichen von der Haltung des
Therapeuten ab, stärker als von seiner psychologischen Schulenzugehörigkeit:
Es gehört zur Aufgabe des Psychotherapeuten, die Spannung zwischen
den (immer fragmentarischen) Fachkenntnissen, der Begrenztheit des Machbaren,
und den existentiellen Zielen (Lebensglück, Lebenssinn, Liebesfähigkeit,
Zukunftshoffnung) zu erkennen und auszuhalten.
Die Seriosität einer Gruppe oder
eines Therapeuten zeigt sich auch daran, daß über die eigenen
weltanschaulichen und ethischen Prämissen Klarheit herrscht, daß
sie von der Fachpsychologie (die innerwissenschaftlich begründet werden
muß) unterschieden werden und offen zur Diskussion stehen. Außerdem
ist es ein wichtiges Kriterium, daß andere Schulen und Therapeuten
mit ihren Möglichkeiten anerkannt werden, daß man nicht glaubt,
alle Probleme selbst lösen oder am besten lösen zu können.
Kann ein Therapeut für seine Methode und für sich selbst Kontraindikationen
angeben? Wofür ist er als Person und Fachmann nicht geeignet, wo sind
andere zuständig? Ein seriöser Therapeut muß hier überzeugend
antworten können.
Die Gefahr jeder „ganzheitlichen“ Therapieform
liegt darin, daß der Therapeut (oder seine Schule) existentielle
Werte und Sinngebungen mit der wissenschaftlichen Psychologie zu einer
Ideologie verbindet, die seinem Denken und Tun eine scheinbar umfassende
Gültigkeit gibt. Wissenschaftliche Behauptungen werden so der Kritik
entzogen und zur Pseudowissenschaft, fachliches Handeln wird als absolut
richtig erlebt. Das Ergebnis ist ein geschlossenes, ideologisches Denk-
und Wertesystem, daß alles, was therapeutisch geschieht, scheinbar
objektiv rechtfertigt und die Grenzen des therapeutisch Machbaren verschwimmen
läßt.
So gut wie jede psychotherapeutische Schule
erfuhr durch einzelne oder viele ihrer Vertreter eine solche Ideologisierung
. (Hemminger 1987) Das bedeutet allerdings noch nicht Sektierer-
ei. Sektierertum entsteht, wen die therapeutische
Wahrheit exklusiv für die eigene Methode oder Gruppierung beansprucht
wird, oder wenn sie gar mit einer Person verbunden wird, die als „einziger
wirklich guter Therapeut“ gilt. Dadurch werden bei den Anhängern utopische
Forderungen geweckt, die (aus ihrer Sicht) nur innerhalb der Gruppe oder
nur durch eine Person des „einzig guten Therapeuten“ erfüllt werden
können. Die Figur des „einzig guten Therapeuten“, des „besten Therapeuten
der Welt“, ist in der Grauzone des Psychotherapie-Marktes nicht selten
anzutreffen.
In einer Psychosekte kommt es dazu, daß
(wie es Schmidtchen formuliert) „die Grenzen der Gruppe und die Grenzen
der Wahrheit zusammenfallen“. Die Gruppe ist für die Anhänger
zum exklusiven Besitzer von Wahrheit und Lebenshoffnung geworden. Es entsteht
die sektentypische, scharfe Grenze zwischen Innen und Außen, wobei
Wahrheit und Heil nur innen zu finden sind. Entsprechend stark wird die
Bindung an die Gruppe, und entsprechend groß sind die Ängste,
mit der Zugehörigkeit alles zu verlieren. Diese Ängste geben
dem Therapeuten die Möglichkeit, die Anhänger durch seine Autorität
und durch Gruppendruck zu manipulieren. Ein ideologischer oder gar ein
sektiererischer Anspruch wird allerdings häufig nicht direkt geäußert,
läßt sich aber an Struktur und Verhalten der Gruppierung ablesen.
Sektiererische Entwicklungen in der Psychotherapie
sind leider nicht allzu selten. So wird die Individualpsychologie nach
Alfred Adler fast immer im üblichen fachlichen Rahmen praktiziert
und ist wenig weltanschaulich festgelegt. (Dies ist wichtig, da sich auch
W.A.Siebel auf eine individualpsychologische Vorbildung beruft.) Trotzdem
gibt es mindestens eine Gruppierung, die die Individualpsychologie zur
Grundlage einer umfassenden Ideologie machte, die sogenannte Züricher
Schule des Friedrich Liebling (Psychostroika 1989). Auch humanistisch-psychologisches
und psychoanalytisches Sektierertum ist in vielfacher Form bekannt und
existiert jeweils neben einer seriösen Praxis der selben Methoden.
(Coert 1986; Hemminger 1989) Es muß nochmals betont werden, daß
therapeutisches Sektierertum nicht eine Sache der psychologischen Schule
ist, sondern der weltanschaulichen Ansprüche von Therapie und Therapeuten.
Diese wiederum sind (außer an den Selbstzeugnissen) nicht an der
Theorie, sondern an der Therapiepraxis abzulesen.
Das Hauptmerkmal sektiererischer Gruppen
ist, wie gesagt, die Abgrenzung gegenüber der Außenwelt. Psychosekten
erreichen die Abgrenzung durch ihren exklusiven, utopischen Machbarkeitsglauben.
Es sollen „innen“ große, umfassende Ziele therapeutisch erreicht
werden, die „außen“ nicht erreichbar sind. Solche utopischen Therapien
zielen im Extrem auf die Schaffung eines „neuen Menschen“, auf die Überwindung
der Übel des Lebens durch die eigene Veränderung. Menschsein
im vollen Sinn wird aus ihrer Sicht erst durch ihre eigene Therapie möglich.
Eine sektiererische Struktur entsteht
in der Regel um eine Führungsperson herum, die anfänglich eine
begrenzte Zahl von Klienten durch Therapie in die geschilderte Abhängigkeit
bringt. Falls die Zahl der Anhänger zunimmt, und die Abhängigkeit
eines größeren Kollektivs erhalten werden muß, entstehen
die sektentypischen Züge des Dogmatismus nach außen und des
starken, hierarchischen Machtgefälles (Totalitarismus) im Innern.
Derartige Gruppen sind z.B. die AAO (Aktionsanalytische Organisation) um
die Führungsfigur Otto Mühl, die DAP (Deutsche Akademie für
Psychoanalyse) um Günter Ammon, die sogenannte „Bauhütte“ sowie
die erwähnte Züricher Schule des Friedrich Liebling u.a. (Informationen
bei der EZW, Stuttgart, sowie bei den Weltanschauungsbeauftragten der Ev.-Luth.
Landeskirche Hannover) Die Vorwürfe gegen W.A.Siebel und seine Organisation
werden u.a. anhand der mit diesen Gruppen gemachten Erfahrungen zu überprüfen
sein.
II. Der wissenschaftliche Anspruch
der Logosophie und Psychopraxis
W.A.Siebel versteht die Logosophie als
eine Richtung der Tiefenpsychologie, und die Psychopraxie als deren praktische
(vor allem therapeutische) Anwendung. Er vertritt ein humanistisches Menschenbild
auf existenzphilosophischer Grundlage. Dabei lehnt er sich stark an Viktor
Frankl an, bringt aber auch seine theologische Vorbildung ein. (1 S. 9-35)
Insbesondere betont er die bewußte und unbewußte Verantwortlichkeit
des Menschen für sein Schicksal . Der Geist, das Bewußtsein
der eigenen Existenz, konstituiert das Menschsein.
Eine Besonderheit ist Siebels Art, Grundeigenschaften
des Menschen mit physiologischen Daten zu verbinden. So soll nach Siebel
die „Primäridentität“ des Menschen mit der Befruchtung der Eizelle
entstehen, sein „Selbst“ mit deren Einnistung, die „Person“ im 6. Schwangerschaftsmonat.
Der Cholesterinspiegel (wo gemessen?) soll in einer direkten Beziehung
zum Verhältnis des Menschen zu sich selbst stehen. (1 S. 72) Alle
Sinneserfahrungen eines Menschenlebens sollen im Gehirn gespeichert sein.
Verfügbar ist aber nur ein Teil, der als Bewußtsein definiert
wird. Alles Übrige ist im Unterbewußtsein enthalten, und zwar
„gespeichert in den Area 47 und 11 des Frontalhirns“. (1 S. 35) Diese Verbindung
philosophischer Anthropologie und naturwissenschaftlicher Daten wirkt aus
naturwissenschaftlicher Sicht sehr eigenartig.
Etwas vertrauter wirkt die zugehörige
Psychologie: Bis zum 8. Lebensjahr wird das Unbewußte mit den entscheidenden
Inhalten gefüllt, die eine unbewußte Lebenseinstellung schaffen.
Diese ist durch „Sperren“ nicht bewußt zugänglich, kann durch
Psychoanalyse aber aufgedeckt werden. Unbewußte Lebenseinstellung
und „Sperren“ bilden das „unterbewußte System“ des Menschen, das
seinen Lebensstil prägt. Hier ist der Einfluß der Individualpsy-
chologie auf Siebels Lehre zu erkennen,
zum Beispiel am Begriff der tendenziösen Apperzeption (Alfred
Adler), den Siebel lediglich ausweitet. (1 S. 36-41) Trotzdem ist seine
Vorstellung vom Unbewußten als Speicher unzugänglicher Sinneserfahrungen
im Frontalhirn fachlich obsolet und könnte in Psychologie und Gehirnforschung
nicht vertreten werden. Sie stammt aus der humanistischen Psychologie der
sechziger und siebziger Jahre. Wie meist, gibt Siebel keine Begründung
für seine Ansicht, eine mögliche Quelle ist Harris (1975).
Für die gesamte Psychologie muß
Siebels Traumatheorie als zentral angesehen werden. (1 S. 83-86 ; 2 S.
7-14) Er nimmt an, daß der Mensch seine wesentlichen seelischen und
geistigen (indirekt auch körperlichen) Eigenschaften durch die frühkindliche
Erfahrung mit seinen nächsten Angehörigen gewinnt. Defizite der
Bezugspersonen werden als todbringend erlebt, und ihnen gegenüber
entwickelt das Kind seinen unbewußten Lebensstil (LS): Die Defizite
werden in unterschiedlicher Weise verinnerlicht, um zu überleben.
Dadurch wird aus dem LS ein „Überlebensstil“ (ÜS), der wie alle
unbewußten Wahrnehmungen im Frontalhirn gespeichert ist. Dies geschieht
um den Preis, den direkten Bezug zur Realität zu verlieren, d.h. „Irrtümer“
aller Art werden unbewußt vorgeformt. Dabei passen die unbewußten
Irrtümer (üblicherweise: neurotische Konflikte) des Kindes nach
dem Schlüssel-Schloß-Prinzip zu denen der Eltern. Der LS der
Eltern bewirkt Fehlwahrnehmungen ihres Kindes, an die sich das Kind wiederum
durch seinen eigenen ÜS anpassen muß. So wird die Irrealität
von Generation zu Generation weitergegeben.
Auch körperliche Krankheiten haben
für Siebel eine prädisponierende Ursache im Lebensstil, bis hin
zu Infektionskrankheiten wie Kinderlähmung. (1 S. 58) D.h. auch sie
hängen von den unbewußten Inhalten ab, die der familiären
„Verwundungsatmosphäre“ entstammen. Damit wird die Logosophie zu einer
Psychosomatik ausgeweitet, der Noosomatik.
Es muß betont werden, daß
Siebels Traumatheorie nicht originell ist, sondern in den Grundzügen
den Vorstellungen vieler Psychoanalytiker sowie anderer Autoren (Arthur
Janov 1975; Thomas Harris 1975; Alice Miller 1979) entspricht. Auch die
Erklärung fast aller körperlicher Erkrankungen als Ausdruck neurotischer
Konflikte wurde von manchen Psychosomatikern in den siebziger Jahren vertreten.
(Ich erinnere an die tiefenpsychologische Deutung von Krebserkrankungen
als Ausdruck unbewußten Selbsthasses, der wiederum Schuld ablehnender
Eltern sei. Diese Deutung wurde durch Zorn 1979 populär.)
Die mangelnde Originalität der Logosophie
wird durch die vielen Wortneuschöpfungen überdeckt, die großenteils
überflüssig sind. Hinzu kommen Abkürzungen, die die Sprache
weiter verdunkeln. So entspricht Siebels „unbewußter Überlebnsstil“
(ÜL) dem, was die herkömmlichen Tiefenpsychologen unter „Abwehr“
verstehen. Die ausgearbeitete Abwehrtheorie z.B. der Psychoanalyse wird
aber von ihm ignoriert. Was Siebel „Lebensstilbilder“ (1 S. 97-106) nennt,
hat große Ähnlichkeiten mit dem „Lebensskript“ der Transaktionsanalytiker.
(Schlegel Bd. 5 1979) Daß er Ideen aus vielen Quellen mischt, ohne
diese Ideen jeweils zu begründen, trägt weiterhin dazu bei, daß
ihre Gängigkeit nicht leicht zu erkennen ist. Das soll nicht heißen,
daß in Siebels Werk keine interessanten Ideen zu finden wären.
Zum Beispiel sind seine Betrachtungen über den sprachlichen Ausdruck
unbewußter Fehlhaltungen recht originell. Diese Ansätze verschwinden
aber weitgehend in einem Gemisch von trivialen, bekannten, umstrittenen
und abseitigen psychologischen Vorstellungen.
Allerdings ist Siebels Traumatheorie im
tiefenpsychologischen Spektrum extrem. Er führt ohne Unterschied jedes
Problem auf frühkindliche Erfahrungen zurück und berücksichtigt
weder Veranlagungen, noch lebensgeschichtliche Zufälle, noch körperliche
Dispositionen, noch generell die Unsicherheit, die solche retrospektiven
Konstruktionen an sich haben. Nicht umsonst ist die heutige Psychoanalyse
sehr vorsichtig damit, Erinnerungen von Analysanden, Deutungen usw. als
biographische Tatsachen zu nehmen. All dies wäre in der tiefenpsychologischen
Literatur zu finden gewesen. (z.B. Schlegel 1972-1979) Außerdem wird
die Rolle der sogenannten primären Bezugspersonen von Siebel auch
aus tiefenpsychologischer Sicht überbewertet. Begriffe wie „schädigender
Elternteil“ (sE) oder Eltern als pseudo-sinngebende Instanz (psI) suggerieren
einen mechanischen Kausalzusammenhang zwischen „Verwundungserfahrungen“
durch die Eltern und späteren Problemen, der allgemein als widerlegt
gilt.
Eine ausführliche Darstellung der
Noosomatik kann hier aus Platzgründen nicht erfolgen. Die neurophysiologischen
Vorstellungen Siebels über die Informationsflüsse im Gehirn oder
über den Zusammenhang Nervensystem-Hormonsystem sind jedoch durchweg
unsinnig (1 S. 184 ff.; Schaubild S. 202) Auch fehlt jeder Versuch einer
Begründung. Eine mögliche Quelle könnte Arthur Janov (1976)
sein, bei dem sich ähnliche Irrtümer finden.
Die Ausführungen Siebels über
die Diagnose von Krankheitsbildern aufgrund biochemischer Befunde (Blutbild)
können von mir mangels klinischer Kenntnisse nicht beurteilt werden.
Es erscheint mir jedoch hochgradig unwahrscheinlich, daß eine Fülle
von Kausalzusammenhän-
gen zwischen biochemischen Laborwerten
und seelischen Problemen, wie sie von Siebel behauptet werden (2), ohne
die umfangreichsten Forschungen gefunden werden könnten. Da Siebel
nicht angibt oder angeben kann, woher er seine Kenntnisse hat, sind sie
wissenschaftlich bedeutungslos. Vermutlich hat der Bremer Psychiater Arnold
Richard recht, wenn er diesen Teil der Noosomatik als „schlicht Unsinn“
bezeichnet. (Weserkurier vom 10.12.89)
Die Lehre W.A.Siebels ist komplex und durch
die zahlreichen Wortschöpfungen nur schwer zu referieren. Daher konnten
nur Beispiele für den Inhalt angeführt werden. Die Bewertung
stützt sich aber auch auf die nicht dargestellten Teile. Zusammenfassend
stelle ich fest:
Es handelt sich im Kern um die tiefenpsychologische
Lehre eines belesenen und sicherlich hochbegabten Außenseiters, der
Anteile der Individualpsychologie, der Logotherapie und anderer Schulen
zu einer extremen Traumatheorie verbindet. Die Traumatheorie wird durch
eine, allerdings völlig obskure, Physiologie zur Psychosomatik ausgeweitet.
Die anthropologi-
sche Grundlegung der Lehre entspricht
gängigen geisteswissenschaftlichen Ansätzen und verrät die
theologische Vorbildung des Verfassers.
Je stärker jedoch naturwissenschaftliche
Aussagen die Lehre bestimmen, desto absurder wird sie. Die „Noosomatik“
kann nicht als ernsthafter psychosomatischer Ansatz akzeptiert werden.
Es fehlt ihr nicht nur jede Begründung, sie läßt auch schwere
Wissensmängel erkennen. Die Psychologie W.A.Siebels muß dagegen
differenzierter bewertet werden. Eine extreme tiefenpsychologische Traumatheorie,
die das Lebensschicksal des Menschen auf unbewußte Erfahrungen der
frühen Kindheit zurückführt, und die daher die eigentliche
Lebenshoffnung in der analytischen Aufdeckung dieser Inhalte sieht, ist
in der Geschichte der Psychotherapie nicht beispiellos. Sie gilt in der
Forschung aber als widerlegt (z.B. Ernst, v. Luckner 1985; Hemminger 1986).
Außerdem hat die Geschichte gezeigt, daß eine extreme Traumatheorie
die Ideologisierung der Tiefenpsychologie fördert, da sie leicht dazu
benutzt werden kann, eine scheinbare Erklärung für alle Eigenschaften
und Erfahrungen eines Menschen zu liefern. Siebel folgt hier der Tradition
der „Psychokultur“ der siebziger Jahre. (Bach, Molter 1976) Durch seine
Begriffswahl und durch die schwer verständliche Sprache wird dies
lediglich nicht sofort erkennbar.
Wesentlich für die Gesamtbeurteilung
ist, daß Siebel sich um die wissenschaftliche Begründung seiner
Lehre nicht bemüht. Ständig trifft man auf psychologische
und physiologische Behauptungen, für die jeder Beleg fehlt, obwohl
es zu ihnen Alternativen gibt, obwohl sie umstritten sind oder gar längst
widerlegt sind. Die Grundfrage der empirischen Wissenschaft ist: „Woher
weiß man das?“ sie wird von Siebel durchgängig unbeantwortet
gelassen.
Zwei Beispiele: Die heutige Lebenslauf-Forschung
würde eine Änderung von Siebels extremer Traumatheorie erzwingen,
würde er sie zur Kenntnis nehmen (Vaillant 1980; Werner 1982). Die
Zwillingsforschung würde die genetische Grundlage vieler Persönlich-
keitsmerkmale belegen und eine neue Dimension
in das Menschenbild einführen. (Zimmer 1989) Für Siebel ist seine
Lehre aber selbstevident; sie bedarf keiner kritischen Begründung.
Von daher ist sie als geschlossenes, pseudowissenschaftliches Denksystem
zu beurteilen, wenn auch in den einzelnen Anteilen in unterschiedlichem
Umfang: Am wenigsten in den geisteswissenschaftlichen Grundlagen, am stärksten
in der psychosomatischen Ausformung. Von einem ernsthaften Beitrag zur
wissenschaftlichen Menschenerkenntnis kann auf keinen Fall gesprochen werden.
Da das geschlossene Denksystem auf alle Lebensbereiche zugreift ,
von den Körpervorgängen bis hin zur Religion, und da in allen
Bereichen die selbe Sicherheit des Wissens behauptet und vorgetäuscht
wird, handelt es sich um eine voll entwickelte, pseudowissenschaftliche
Ideologie.
III. Der therapeutische Anspruch
der Psychopraxie und aufdeckenden Meditation
Die Therapietheorie Siebels (die Überlegungen
zum Ablauf der Therapie) ist im Vergleich zu seiner Psychologie und Psychosomatik
auffallend karg und simpel. Es ist z.B. kaum möglich, sich aus den
Publikationen ein Bild über das tatsächliche Vorgehen in einer
Analyse zu machen. Klar ist nur, daß die Deutung im Mitelpunkt des
Therapiegeschehens steht: Der „unbewußte Lebensstil“ soll dem Menschen
erklärt werden, damit er den bisher unbewußten Einfluß
auf sein Schicksal bewußt, vernünftig und realitätsgerecht
ausüben kann. Und Erklärung bedeutet immer „traumatheoretische
Erklärung“. Es wird den Analysanden gesagt, welche Art „Verwundungsatmosphäre“
ihre Probleme verursachte, und evt. Bis heute weiter verursacht. Danach
werden sie zu Veränderungen angehalten. (1)
Anscheinend ist Siebel der Ansicht, daß
die Erklärung als solche (das Aufdecken unbewußter Inhalte)
wesentliches Instrument therapeutischer Veränderung ist. Es fehlt
bei ihm jede Diskussion der Therapie als Beziehungsgeschehen zwischen Patient
und Therapeut, was bei einer tiefenpsychologischen Lehre immerhin erstaunlich
ist. Denn trotz aller tiefgreifenden Unterschiede zwischen den Schulen
ist sich die fachlich orientierte Tiefenpsychologie (und nicht nur sie)
heute einig, daß der therapeutische Veränderungsprozess als
Beziehungsgesche-
hen verstanden werden muß. (Zimmer
1983)
Ein Beispiel: Es fehlen bei Siebel die
tiefenpsychologisch zentralen Begriffe Übertragung und Gegenübertragung,
Widerstand und freie Assoziation. Diese Begriffe versuchen (ob adäquat
oder nicht, sei hier dahingestellt) die Dynamik der therapeutischen Beziehung
zu erklären. Siebel sieht für solche Überlegungen offenkundig
keinen Bedarf. Folglich ist zu schließen, daß die tatsächliche
therapeutische Beziehung von ihm weitgehend unreflektiert gestaltet wird
und von Einflüssen abhängt, die mit der Lehre wenig, mit den
beteiligten Personen aber sehr viel zu tun haben. Es gibt auch keinen Hinweis
darauf, daß Siebel seine Praxis anhand einer Supervision überprüft
oder anderweitig bemüht ist, sich seine Rolle in der therapeutischen
Kommunikation bewußt zu machen und sie zu reflektieren.
Für die „Aufdeckende Meditation“
gilt diese Kritik übrigens nicht in der gleichen Schärfe. Siebels
Meditationsanleitung ist knapp, aber durchaus bedenkenswert. (1 S. 174-178)
Umso auffälliger ist, daß für die viel wichtigere und tiefgreifendere
Analyse jede Reflexion des Geschehens fehlt. Daher ist es unvermeidlich,
trotz aller Subjektivität persönlicher Berichte die Eindrücke
ehemaliger Anhänger heranziehen.
Nach ihnen spricht siebel in den Analysen
sehr schnell Schwachpunkte des Analysanden an und verblüfft diesen
mit überzeugenden Erklärungen (Deutungen). Ein Kernsatz Siebels
lautet: „Du denkst nicht richtig und du fühlst nicht richtig. Ich
werde die sagen, wie du richtig denken lernst, wie du richtig fühlen
lernst“. Außerdem gebe Siebel Anweisungen zur Neuordnung des Lebens,
häufig in Form von Trennungsvorschlägen. Man solle sich von Ehepartnern,
Eltern, Beruf usw. trennen. Ebenso werde ein weltanschauliches Umdenken
gefordert. Es werde von Siebel umfangreicher Rat in allen Lebensfragen
gegeben.
Auch aggressives Deuten (im englischen
Psycho-Slang „Busting“ genannt) wird beschrieben: „Manche Teilnehmer haute
er in die Pfanne. So eine junge Mutter, der er vorwarf, Gift für ihr
Kind zu sein. Sie trachte ihrem Sohn unbewußt nach dem Leben.“ (Weserkurier
10.12.89; andere Quellen liegen mir vor.)
Es muß nachdrücklich gesagt
werden, daß diese Praxis, sollte sie auch nur annähernd zutref-
fend geschildert sein, sämtlichen
Regeln der heutigen Psychotherapie widerspricht, besonders denen der Tiefenpsychologie.
Weder würden schnell offerierte Deutungen gutgeheißen, noch
eine direkte weltanschauliche Beeinflussung, noch gar ein direktives Eingreifen
in die Lebensgestaltung der Klienten. Eine solche Beziehung folgt nicht
den Regeln einer therapeutischen Beziehung, sondern denen des Belehrens
eines Anhängers durch seinen Meister, im schlimmsten Fall denen der
Indoktrination.
Aggressive Deutungen (Busting) sind aus
totalitären Psychosekten als Machtinstrument des Therapeuten bekannt.
Mit ihnen wird sein Machtanspruch gesichert: Er weiß allein, warum
der Klient „wirklich so ist“, „das wirklich getan hat“ usw. Wer diese Erklärungsmacht
anzweifelt, setzt sich der aggressiven Deutung seiner Zweifel und Bedenken
aus. Ebenso gehört die Trennung der Anhänger von nahestehenden
Menschen zu den Machtinstrumenten fast sämtlicher totalitärer
Gruppen, nicht nur von Psychosekten. Sobald der Anhänger keine menschlichen
Beziehungen außerhalb der Gruppe mehr hat, entfallen wesentliche
Anstöße zum evt. Umdenken. Außerdem verstärkt diese
Isolation die Wirkung der (ständig latent präsenten) Drohung,
aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden und die kollektive Aggressionen
der Anhänger und inzwischen einzigen Bezugspersonen auf sich zu ziehen.
Dieser Gruppendruck führt zu einer, von außen gesehen erstaunlichen,
Manipulierbarkeit der Anhänger.
Als Ziel der Therapie wird von Siebel
das „lieben als selbstverständlicher Umgang“ angegeben. (3) Es bleibt
der Verdacht, daß dieses Ziel nicht mehr ist als eine abstrakte Utopie,
die keine Auswirkungen auf das „therapeutische“ Vorgehen hat. Daher wären
die vorliegenden Erfahrungsberichte sorgfältig auf den Verdacht hin
zu überprüfen, daß das wesentliche Motiv der Therapieangebote
die Gewinnung von Anhängern ist. Außerdem wäre zu prüfen,
ob Siebel imstande ist, seine eigene Rolle im Geschehen in einer für
einen Psychotherapeuten angemessenen Weise zu reflektieren.
Ohne die Klärung dieser Punkte kann
von einer Therapie im üblichen Sinn nicht ausgegangen werden. Sollten
die Strukturen einer Psychosekte vorliegen, muß man umgekehrt befürchten,
daß es zu seelischen Schäden bei den Anhängern kommt. Diese
Schäden sind häufig so lange nicht sichtbar, solange die große
Utopie Lebenshoffnungen liefert. Sie werden aber auch nach dem Scheitern
dieser Hoffnungen und der Lösung von der Sekte virulent und erfordern
nicht selten fachliche Hilfe. Gegebenenfalls wird es von staatlicher und
kirchlicher Seite notwendig sein, sich auf solche Hilfen vorzubereiten.
Hansjörg Hemminger
Anmerkungen:
- George Bach, Haja Molter: Psychoboom,
Düsseldorf/Köln 1976
- Eric Berne: Was sagen Sie, nachdem Sie
„Guten Tag“ gesagt haben?, Reinbek 1975
- Lomin Coert: Der Psychopfad, Zürich
1986
- Cecile Ernst, Nikolaus v.Luckner: Stellt
die Frühkindlichkeit die Weichen?, Stuttgart 1985
- Thomas Harris: Ich bin o.k. Du bist
o.K., Reinbek 1975
- Hansjörg Hemminger: Kindheit als
Schicksal?, TB Reinbek 1986
- dsb.: Psychotherapie -Weg zum Glück?,
München 1987
- ders.: Das therapeutische Reich des
Dr.Ammon, Stuttgart 1989
- Arthur Janov: Das befreite Kind, Frankfurt/M.
1975
- dsb.: Anatomie der Neurose, Frankfurt/.
1976
- Alice Miller: Das Drama des begabten
Kindes, Frankfurt/M. 1979
sowie folgende Bücher
- Psychostroika, eine Selbsthilfegruppe
ehemaliger Anhänger der Züricher Schule, bietet
Seit 1989 die sog. Akte L als Informationsmaterial
an (Postfach 261, 8024 Zürich)
- Leonhard Schlegel: Grundriß der
Tiefenpsychologie 5 Bde. 1972-1979
- Gerhard Schmidtchen: Sekten und Psychokultur,
Freiburg/Brsg. 1987
- Hans Strotzka (Hg.): Psychotherapie:
Grundlagen, Verfahren, Indikationen, 2.Aufl. München 1978
- George Vaillant: Werdegänge, Reinbek
1980
- Emmy Werner, Ruth Smith: Vulnurable
but invincible –a longitudinal study of resilient children and youth, New
York 1982
- Dieter Zimmer: Experimente des Lebens,
Zürich 1989 S. 49-107
- Dirk Zimmer: Die therapeutische Beziehung,
Weinheim 1983
- Fritz Zorn: Mars, TB Frankfurt/M. 1979