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Psychiatrische Stellungnahme zu den Theorien des
Walter Alfred Siebel


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Zentral-Krankenhaus-Bremen Ost
Klinik für Psychiatrie
Medizinischer Bereich
Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie
Chefarzt: Dr. A. Richard
Züricher Str. 40
28325 Bremen
28.August 1996

Stellungnahme zur Theorie (Noosomatik) von Herrn Siebel

Zusammenfassend handelt es sich um einen Unsinn der sich zusammensetzt aus Übernahme und Verfälschung von bestimmten theoretischen Modellen, von eigenen Umbenennungen und Umdeutungen bzw. daraus resultierenden Schlußfolgerungen, welche einfach falsch sind.

Dazu einige Beispiele:

In Bd. 1 der Noosomatik (erschienen 1990) heißt es auf Seite 31: nach der Geburt wird der Übergang von perinataler zu postnataler Zeit dadurch bestimmt, daß in ihm die Differenzierung des Ich beim Menschen beginnt. Dieser Übergang findet nach herrschender Meinung statt zwischen dem 6. Und 8. Lebensmonat nach der Geburt. Wir sprechen von Ichung; ausgehend von der allgemein bekannten Tatsache, daß eine weitere Differenzierung der sog. Ich-Funktionen nach der Geburt zunimmt, ist die Aussage einfach falsch, daß diese nach „herrschender Meinung“ zu dem von Herrn Siebel genannten Zeitraum stattfindet.

Es ist völlig unklar, was Herr Siebel unter dem Begriff Ich versteht. Der Ich-Begriff wird von Freud in seinen ersten Arbeiten benutzt, wird später unterschiedlich definiert. Freud definierte das Ich nicht als die Gesamtheit des Individuums, sondern als ein Teil davon. In die Instanz des Ichs ordnet er später Funktionen und Vorgänge ein, die er dann in mehrere Systeme aufteilt: in das Bewußtsein, in einem unbewußten Teil des Ich, schließlich in die sog. Ich-Funktionen (Realitätsprüfung, Kontrolle der Motilität und Wahrnehmung, rationales Denken etc.). In der Folgezeithat dieser Ich-Begriff in der psychoanalytischen Theorie verschiedene Umwandlungen und Veränderungen erfahren, u.a. durch die Ich-Psychologie, Sozialpsychologie, Kinderpsychologie etc.. Nach M. Balint findet eine bestimmte Differenzierung zwischen dem 6. Und 8. Lebensmonat statt, jedoch anders als Herr Siebel dieses formuliert. Damit diese Verfälschung nicht zu deutlich wird, formuliert er seinen neuen Begriff „Ichung“. Es handelt sich hierbei um eine Neuschöpfung, welche im gesamten Gebäudekomplex von Herrn Siebel immer wieder angetroffen werden kann. Aber er bleibt nicht bestehen. Daß es nach Freud weitere Entwicklungen in der Psychoanalyse gegeben hat, ist ihm ebenso bekannt geworden wie einem nicht namentllich genannten cand.med., der in dem Info-WAS vom 30.01.1996 auf grundsätzliche Merkmale der Entwicklungspsychologie hinweist, die additiv zusammengefaßt wurden, ohne daß sie in Zusammenhang gebracht werden können mit der Noosomatik. Die Verfälschungen gehen aber weiter: auf Seite 34 des Bd. 1 der Noosomatik (erschienen 1990) definiert Herr Siebel: Realitätsprüfung betrifft das verarbeitende Verstehen des Effektes mit Umgangserfahrungen. Lt. La Plance: (in dem Vokabular der Psychoanalyse) wird die Realitätsprüfung definiert als ein „Von Freud postulierter Vorgang, der es dem Subjekt ermöglicht, die aus der Außenwelt stammenden Reize von den inneren zu unterscheiden und einer möglichen Verwechslung zwischen dem, was das Subjekt als Wahrnehmung wahrnimmt und dem, was es sich lediglich vorstellt, zuvorzukommen, einer Verwechslung, die der Halluzination zugrunde liegt. Es sollte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß der Begriff „Realitätsprüfung“ in der Psychoanalyse ebenfalls Veränderungen erfahren hat.

Auf Seite  101 (Bd. 1 der Noosomatik von 1990) heißt es: es ist zu beobachten, daß jene Anteile des Gehirns, die den Geist ausmachen, erst nach der Geburt aktiviert werden. Jene Gehirnanteile stellen einen „Zellhaufen“ dar, der erst durch Außenimpulse für die geistigen Tätigkeiten aktiviert und strukturiert wird. Daß diese Theorie überholt ist, wird von ihm selbst korrigiert in seiner Info-WAS für die Presse vom 30.01.1996, in der es richtig heißt: der Säugling erscheint heute vielmehr als aktives, kompetentes und interagierendes Wesen usw. usw.. Was mit Geist eigentlich gemeint ist, bleibt unklar, wahrscheinlich ist die Psyche gemeint, die ihre ersten Erfahrungen macht in dieser praetraumatischen Phase (wie er es nennt), „in der der Mensch sich für eine Sinnerfahrung öffnet.“ Dann heißt es weiter: diese Öffnung für Sinnerfahrung wird zum Sein des Menschen; insofern braucht er auch seine Existenzberechtigung nicht nachzuweisen; der Sinn wiederfährt ihm, wird ihm geschenkt, ohne daß dafür etwas geleistet werden muß. Es handelt sich hierbei wohl eher um eine theologische Abhandlung als um eine in sich logische psychologische Argumentation.

Auf Seite 40 heißt es u.a.: Der Mensch wird nicht mit der Möglichkeit geboren, krank zu werden. Eine solche Behauptung setzt voraus, daß Gott eine Welt geschaffen hat, die sich selbst zerstören muß. Krankheiten sind vielmehr Signale von bedrohten vitalen Möglichkeiten und Symptome der Fähigkeit des Menschen, gesund sein zu können. Hierbei könnte es sich um eine theologische Aussage handeln, nicht aber um eine wissenschaftlich begründete psychologische Argumentation. Freud sprach von grundlegenden Kränkungen, die der Menschheit zugefügt worden war, u.a. durch die dritte, die existentielle, daß „der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist“. Dieses kann verstanden werdenals grundsätzliche menschliche Unfähigkeit, sich ein Leben lang gesund zu erhalten, was man darunter immer versteht, nach Freud die Fähigkeit „zu lieben und zu arbeiten“. Es wird aber noch schlimmer: auf Seite 42 heißt es: sollte der Kranke jedoch um die Zusammenhänge gewußt haben und wider besseres Wissen sich der kränkenden Gefahr ausgesetzt haben, ist die auftretende Krankheit Folge seines absichtsvollen Spiels mit der Gesundheit. Nach dem Motto „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ dürfte nach dieser Aussage jeder Patient in der Lage sein, durch ausreichendes eigenes Wissen sich die Gesundheit nicht nur zu erhalten, sondern auch zu verbessern. In diesem Zusammenhang kann auf die Psychosomatik hingewiesen werden, in der sich trotz Wissens um Ursachen körperliche Symptome einstellen, welche vom Patienten selbst nicht korrigiert werden können, sondern einer intensiven Psychotherapie bedürfen.

Das dieses nicht ganz stimmig ist, weiß auch Herr Siebel, auf Seite 45 schreibt er von einer „Verrätselung, die theologische Gedankensprünge erforderlich macht, die dann auch gemacht werden“.

Abstrus und völlig unlogisch ist seine „Logik des Brustschmerzes“, Presse-Info-WAS vom 30.01.1996 Seite 27 durch seine Formulierungen „Brustschmerzen sind angemessene Antworten der Heilungstendenz auf gegenwärtige rechtswidrige patrarchalische Angriffe auf das weibliche Prinzip eines Menschen weiblichen Geschlechts...; man könne hinweisen auf die Arbeiten von Horst Eberhard Richter über die Herzneurose –eine Untersuchung, die Eingang gefunden hat in die bestehende psychosomatische Medizin“. Ähnlich abstrus und irrational sind seine Beiträge zum Singultus und zum Rheuma (Seite 27 und 28). Ersteres wird abgeleitet durch „Pervertierung des weiblichen Prinzips“, letzteres eine Vater-Verwundungsatmosphäre („VA“) – Gedanken, denen Herr Siebel immer wieder lange und häufig nachhängt.

Ob seine Aussage „im internationalen Vergleich ist die deutsche Beschäftigung für Herzensangelegenheiten (Kardiologie) auch eine romantische Angelegenheit“ (Presse-Info-WAS Seite 37) eine beleidigende Formulierung für die Kardiologie darstellt, vermag ich nicht zu beurteilen, glaube es nicht, weist eher auf eine niveaulose Aussage hin. Richtig lustig wird es bei seiner Formulierung von Syndromen (Seite 38) damit diese nicht allein sind, werden sie zusammengefaßt als Syndrom-Familien.

Leider gibt es für diese unsinnigen Theorien einen Markt, der finanziell ausgenutzt werden kann, aber auch eine deutliche Gefährdung für die Gesundheit oder Gesundung bedeuten kann. Auf diese Gefahrenmoment muß ausdrücklich hingewiesen werden.

Bremen, der 28.August 1996

Dr. med. Richard
-Klinikdirektor-
 
 
 
 



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