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Fiat Lux und Uriella:
Urteil Schweizerisches Bundesgericht 4C.175/2002

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Schweizerisches Bundesgericht

          4C.175/2001/rnd
 
 
                        I.  Z I V I L A B T E I L U N G
                        *******************************
 
                                 3. April 2002
 
 
          Es wirken mit: Bundesrichterinnen und Bundesrichter Walter,
          Präsident, Corboz, Klett, Rottenberg Liatowitsch, Nyffeler
          und Gerichtsschreiber Huguenin.
 
                                   ---------
 
                                   In Sachen
 
 
          Erika  B e r t s c h i n g e r  Eicke, Rötschwil 420,
          9103 Schwellbrunn, Beklagte und Berufungsklägerin,
 
 
                                     gegen
 
 
          X.________, Klägerin und Berufungsbeklagte, vertreten durch
          Rechtsanwältin Patricia Jucker, Wiesliacher 11, 8053 Zürich,
 
 
 
 
                                   betreffend
                                   Darlehen,
 
          hat sich ergeben:
 
 
               A.- Erika Bertschinger Eicke, die sich Uriella nennt
          und unter diesem Namen in der Öffentlichkeit bekannt gewor-
          den ist, betätigt sich seit 1971 als Geistheilerin. 1980
          gründete sie die Vereinigung "Fiat Lux", der sie noch heute
          vorsteht. Nach ihren Angaben ist "Fiat Lux" eine klösterli-
          che Ordensgemeinschaft mit sehr strengen Regeln. Die von der
          Vereinigung befolgte Lehre umfasst religiöse, spirituelle
          und esoterische Elemente. Als einzige Vermittlerin der Lehre
          gilt Uriella, die sich als Sprachrohr Gottes bezeichnet.
          Wichtige Inhalte der Lehre sind apokalyptische Vorstellungen
          und die Hoffnung der Rettung im Fall der Apokalypse. Die
          Vereinigung erhebt keine Mitgliederbeiträge, sondern finan-
          ziert sich aus freiwilligen Spenden und Einnahmen aus dem
          Verkauf von Heilmitteln.
 
                  X.________ kam 1981 im Zusammenhang mit der Krebs-
          erkrankung ihres Sohnes in Kontakt mit Uriella. Sie nahm in
          der Folge an den Aktivitäten von "Fiat Lux" teil und wurde
          Ende 1986 auch formell Mitglied der Vereinigung. Nach der
          Trennung von ihrem ersten Ehemann zog sie 1994 in ein ei-
          genes Haus in Egg im Kanton Zürich, wo sich eines der Zent-
          ren von "Fiat Lux" befindet.
 
                  X.________ gewährte Uriella im Zeitraum zwischen
          Dezember 1994 bis August 1996 sieben zinslose Darlehen im
          Gesamtbetrag von Fr. 625'000.--. Für die Darlehen wurden
          unterschiedliche Laufzeiten vereinbart, die zwischen 10 und
          22 Jahren betragen, womit sie vom Jahr 2006 bis ins Jahr
          2017 zur Rückzahlung fällig geworden wären.
 
 
 
               B.- Am 15. Mai 1997 erklärten X.________ und ihr zwei-
          ter Ehemann, der ebenfalls Mitglied von "Fiat Lux" war,
          brieflich den Austritt aus der Vereinigung. Im September des
          gleichen Jahres gelangte X.________ an Uriella mit dem Ersu-
          chen, die Darlehenskonditionen durch eine Rückzahlungsver-
          einbarung in dem Sinne abzuändern, dass die Laufzeiten ver-
          kürzt würden. Damit wäre ein erstes Darlehen im Betrag von
          Fr. 100'000.-- am 27. August 1997 zur Rückzahlung fällig
          geworden. Nachdem das Ersuchen der Darlehensgeberin ohne
          Antwort geblieben war, betrieb sie Uriella mit Zahlungsbe-
          fehl vom 13. Mai 1998 für den Betrag von Fr. 625'000.--
          nebst 5 % Zins seit 1. August 1995, worauf die Betriebene
          Rechtsvorschlag erhob.
 
 
               C.- Im November 1998 reichte X.________ Klage gegen
          Erika Bertschinger Eicke ein mit dem Begehren, die Beklagte
          zur Zahlung von Fr. 625'000.-- nebst 5 % Zins seit 1. August
          1996 sowie den Betreibungskosten und den Kosten des Vermitt-
          lungsverfahrens zu verpflichten. Die Klägerin beantragte zu-
          dem, den Rechtsvorschlag in der Betreibung Nr. 98/5,588 des
          Betreibungsamtes Herisau aufzuheben. Mit Urteilen vom
          10. April und 15. Mai 2000 verpflichtete das Kantonsgericht
          von Appenzell Ausserrhoden die Beklagte zur Zahlung von
          Fr. 625'000.-- nebst 5 % Zins seit 26. Juni 1998. Das Begeh-
          ren um Aufhebung des Rechtsvorschlages wurde dagegen abge-
          wiesen.
 
                  Auf Appellation der Beklagten und Anschlussappella-
          tion der Klägerin entschied das Obergericht von Appenzell
          Ausserrhoden mit Urteil vom 22. Mai 2001 gleich wie das Kan-
          tonsgericht. Beide Gerichte kamen zum Ergebnis, dass die
          Klägerin die Darlehensverträge aus wichtigem Grund vorzeitig
          kündigen durfte.
 
 
 
               D.- Die Beklagte beantragt dem Bundesgericht mit ihrer
          Berufung, das Urteil des Obergerichts aufzuheben und die
          Klage abzuweisen. Die Klägerin schliesst auf Abweisung der
          Berufung, soweit auf sie einzutreten sei, und Bestätigung
          des angefochtenen Urteils.
 
 
 
                      Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
 
 
               1.- Nach Erhalt der Berufungsantwort stellte die Be-
          klagte mit Eingabe vom 14. Februar 2002 das Gesuch, es sei
          ihr ausnahmsweise die Einreichung einer Replik zu gestatten.
          Zur Begründung brachte sie vor, die Berufungsantwort enthal-
          te nebst Ausführungen zum Sachverhalt neue Tatsachenbehaup-
          tungen und Beweisanträge sowie rechtliche Wertungen, die von
          ihr bestritten würden.
 
                  Die Beklagte beruft sich in diesem Zusammenhang auf
          Art. 62 Abs. 4 OG. Diese Bestimmung betrifft indessen den
          Fall, dass im Berufungsverfahren eine mündliche Parteiver-
          handlung durchgeführt wird (vgl. Art. 62 Abs. 1 OG und die
          Marginalie von Art. 62 OG). Der vorliegende Fall wird jedoch
          im schriftlichen Verfahren nach Art. 36b OG entschieden,
          weshalb Art. 62 OG nicht zur Anwendung kommt. Massgebend ist
          vielmehr Art. 59 OG, wonach die Regel gilt, dass ein einzi-
          ger Schriftenwechsel stattfindet (Art. 59 Abs. 4 zweiter
          Satz). Ein weiterer Schriftenwechsel kann angeordnet werden,
          wenn es für den Entscheid des Bundesgerichts über die Beru-
          fung und eine allfällige Anschlussberufung unerlässlich er-
          scheint, dass eine Partei die Möglichkeit erhält, zu den
          Vorbringen der anderen Partei Stellung zu nehmen (vgl.
          Poudret, Commentaire de la loi fédérale d'organisation judi-
          ciaire, N. 2.6 zu Art. 59 OG). Ein solcher Fall liegt hier
          nicht vor. Für beide Seiten gilt das Verbot neuer tatsächli-
 
          cher Vorbringen und neuer Anträge (Art. 55 Abs. 1 lit. c und
          Art. 59 Abs. 3 OG). Soweit in der Berufungsschrift oder der
          Berufungsantwort neue Vorbringen enthalten sind, werden die-
          se vom Bundesgericht nicht berücksichtigt, weshalb kein An-
          lass besteht, den Parteien in einem weiteren Schriftenwech-
          sel die Möglichkeit zur Stellungnahme einzuräumen. Soweit es
          schliesslich um im Berufungsverfahren überprüfbare Rechtsan-
          wendung der Vorinstanz geht, gilt der Grundsatz, dass das
          Bundesgericht Rechtsfragen von sich aus entscheidet (Art. 63
          Abs. 3 OG), unabhängig von allfälligen Vorbringen der Par-
          teien. Es besteht somit auch unter diesem Gesichtspunkt kein
          Anlass für einen weiteren Schriftenwechsel, weshalb das Ge-
          such der Beklagten abzuweisen ist.
 
 
               2.- Im Berufungsverfahren hat das Bundesgericht seiner
          Entscheidung die tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz
          zugrunde zu legen, es sei denn, sie beruhten auf einem of-
          fensichtlichen Versehen, seien unter Verletzung bundesrecht-
          licher Beweisvorschriften zustande gekommen oder bedürften
          der Ergänzung, weil die Vorinstanz in fehlerhafter Rechtsan-
          wendung einen gesetzlichen Tatbestand nicht oder nicht hin-
          reichend geklärt hat, obgleich ihr entscheidwesentliche Be-
          hauptungen und Beweisangebote dazu prozesskonform unterbrei-
          tet worden waren (Art. 63 Abs. 2 und Art. 64 Abs. 1 OG; BGE
          115 II 484 E. 2a). Werden solche Ausnahmen geltend gemacht,
          hat die Partei, die den Sachverhalt berichtigt oder ergänzt
          wissen will, darüber genaue Angaben mit Aktenhinweisen zu
          machen (Art. 55 Abs. 1 lit. d OG). Eine Ergänzung setzt zu-
          dem voraus, dass entsprechende Sachbehauptungen bereits im
          kantonalen Verfahren prozesskonform aufgestellt, von der
          Vorinstanz aber zu Unrecht für unerheblich gehalten oder
          übersehen worden sind, was wiederum näher anzugeben ist.
          Ohne diese Angaben gelten Vorbringen, welche über die tat-
          sächlichen Feststellungen im angefochtenen Urteil hinausge-
          hen, als neu und sind damit unzulässig (Art. 55 Abs. 1 lit.
 
          c OG). Eine blosse Kritik an der Beweiswürdigung der Vorin-
          stanz ist, soweit nicht Vorschriften des Bundesrechts hin-
          sichtlich der Beweiswürdigung in Frage stehen, von der Beru-
          fung ausgeschlossen (BGE 122 III 219 E. 3c S. 223 mit Hin-
          weisen).
 
                  Was die Beklagte in der Berufungsschrift zum vorin-
          stanzlich festgestellten Sachverhalt vorbringt, widerspricht
          weitgehend den erwähnten Regeln und ist deshalb nicht zu hö-
          ren. Soweit die Beklagte eine Ergänzung des Sachverhalts in
          Bezug auf die Gründe verlangt, welche die Klägerin zum Aus-
          tritt aus "Fiat Lux" veranlasst haben, besteht kein Anlass
          für eine solche Massnahme, da der von den kantonalen Gerich-
          ten festgestellte Sachverhalt für eine Überprüfung der An-
          wendung des Bundesrechts durch diese ausreicht (vgl. hinten
          E. 4).
 
 
               3.- Für gesetzlich geregelte Dauerschuldverhältnisse
          bestehen regelmässig Vorschriften, die ihre vorzeitige Auf-
          lösung aus wichtigem Grund vorsehen (vgl. neben Art. 337 OR
          zum Beispiel Art. 266g, 418r und 527 OR). Die Lehre geht da-
          von aus, dass diese Vorschriften Ausdruck eines allgemeinen
          Prinzips sind, das grundsätzlich für alle Dauerverträge gilt
          (Eugen Bucher, Berner Kommentar, N. 200 zu Art. 27 ZGB;
          Kramer, Berner Kommentar, Allgemeine Einleitung in das
          schweizerische OR, N. 164; Ivan Cherpillod, La fin des con-
          trats de durée, S. 123 ff.; Peter Gauch, System der Beendi-
          gung von Dauerverträgen, S. 186 ff.; Benedikt Maurenbrecher,
          Das verzinsliche Darlehen im schweizerischen Recht, Dogma-
          tische Grundlagen und praktische Konsequenzen, Diss. Bern
          1995, S. 236 ff.). Die Rechtsprechung des Bundesgerichts
          stimmt damit überein (vgl. zum Grundsatz BGE 122 III 262
          E. 2a/aa S. 265). Das Bundesgericht hat die Auflösbarkeit
          aus wichtigem Grund in verschiedenen Entscheiden auf Verträ-
          ge ausgedehnt, für die eine entsprechende gesetzliche Rege-
 
          lung fehlt (Alleinvertretungsvertrag: BGE 99 II 308 E. 5a
          S. 310; Lizenzvertrag: BGE 96 II 154 E. 2; 92 II 299 E. 3b).
 
                    a) In der Lehre ist umstritten, ob auch der Darle-
          hensvertrag zu den Dauerschuldverhältnissen gehört, die aus
          wichtigem Grund vorzeitig aufgelöst werden können. Mehrheit-
          lich wird dies bejaht (Schärer, Basler Kommentar, 2. Aufl.,
          N. 25 zu Art. 318 OR; Kramer, a.a.O., N. 164; Gauch, a.a.O.,
          S. 186 ff.; Maurenbrecher, a.a.O., S. 237 f.; Joachim
          Gruber, Die Kündigung des Darlehensvertrages aus wichtigem
          Grund. Ein Vorschlag für die Entwicklung des schweizerischen
          Rechts in Anlehnung an ausländische Rechtsordnungen, SJZ
          92/1996, S. 26 ff.; vgl. dazu Urs Bertschinger, Die Kündi-
          gung des verzinslichen Darlehensvertrages aus wichtigem
          Grund, insbesondere bei Verschlechterung der Finanzlage des
          Borgers. Eine Entgegnung zum Aufsatz von Regierungsrat
          Joachim Gruber, SJZ Nr. 2, 92 (1996), Seite 26 ff., SJZ
          92/1996, S. 471 ff.). Die ablehnenden Autoren begründen ihre
          Meinung damit, es liege kein Dauerschuldverhältnis vor und
          die Möglichkeit der Auflösung aus wichtigem Grund lasse sich
          nicht mit der wirtschaftlichen Funktion des Darlehensver-
          trags vereinen (Christ, SPR, Bd. VII/2, Der Darlehensver-
          trag, S. 257 f.; Eugen Bucher, Obligationenrecht Besonderer
          Teil, 3. Aufl., Zürich 1988, S. 197, und Berner Kommentar,
          N. 342 zu Art. 27 ZGB).
 
                  b) Dauerschuldverhältnisse werden dadurch charakte-
          risiert, dass der Umfang der Gesamtleistung von der Länge
          der Zeit abhängt, während der die Leistungen fortgesetzt
          werden sollen (Larenz, Lehrbuch des Schuldrechts, Band I,
          Allgemeiner Teil, 14. Auflage, München 1987, § 2 VI S. 29
          f.; Gauch/Schluep/Schmid, Schweiz. Obligationenrecht Allg.
          Teil, Band I, 7. Auflage, Zürich 1998, Rz. 94 f.; Kramer,
          a.a.O., N. 159 f.; Alfred Koller, Schweiz. Obligationen-
          recht, Allg. Teil, Band I, Bern 1996, Rz. 113). Massgebend
 
          ist die vertragstypische Hauptleistung, die beim Darlehens-
          vertrag über Geld vom Darlehensgeber erbracht wird und in
          der Verschaffung sowie Überlassung einer Geldsumme an den
          Darlehensnehmer während eines gewissen Zeitraumes besteht
          (Oetker, Das Dauerschuldverhältnis und seine Beendigung,
          Bestandsaufnahme und kritische Würdigung einer tradierten
          Figur der Schuldrechtsdogmatik, Tübingen 1994, S. 105 ff.,
          148 ff.).
 
                  Auf dieser theoretischen Grundlage ist der Darle-
          hensvertrag unabhängig davon als Dauerschuldverhältnis zu
          betrachten, ob der Borger einen Zins schuldet oder dem Dar-
          lehensgeber keine Gegenleistung in Geld erbringen muss. Ob
          Zins geschuldet wird oder nicht, ist dagegen von massgeben-
          der Bedeutung in Bezug auf die wirtschaftliche Funktion des
          Darlehensvertrages, seine Erscheinungsform und den Entscheid
          darüber, was als wichtiger Grund für die vorzeitige Auflö-
          sung zu betrachten ist. Wird Zins geschuldet, bestehen inso-
          weit gegenläufige Interessen der Vertragsparteien. Zinslose
          Darlehen werden dagegen in der Regel aus Gründen gewährt,
          welche den gemeinsamen Interessen der Vertragsparteien ent-
          sprechen. Die wirtschaftliche Funktion des Vertrages unter-
          scheidet sich hier grundlegend von jener, die beispielsweise
          bei einem hochverzinslichen Kleinkredit gegeben ist. Zinslo-
          se Darlehen mit Laufzeiten von zehn und mehr Jahren nähern
          sich von ihrer Funktion her einer Schenkung und werden denn
          auch unter vergleichbaren Umständen und aus vergleichbaren
          Motiven vereinbart. Der Darlehensgeber bzw. die Darlehensge-
          berin gewährt das Darlehen in solchen Fällen darum, weil
          hinsichtlich der Verwendung des Geldes eine Interessenge-
          meinschaft besteht, der eine enge soziale - meist verwandt-
          schaftliche - Beziehung zugrunde liegt.
 
                  Nicht zu folgen ist jedenfalls der Meinung von
          Christ (a.a.O., S. 258), das Darlehen werde im Gegensatz zu
          den Leistungen des Vermieters oder des Verleihers nicht
 
          intuitu personae zur Nutzung gegeben. Bei allen wirtschaft-
          lichen Erscheinungsformen des Darlehens spielen die persön-
          lichen Umstände des Darlehensnehmers bzw. die Beziehungen
          zwischen diesem und dem Darlehensgeber durchaus eine Rolle
          für den Entscheid darüber, ob und unter welchen Bedingungen
          das Darlehen gewährt wird (ebenso Gruber, a.a.O., S. 27).
          Das gilt in besonderem Masse für das zinslose Darlehen, wie
          bereits festgehalten worden ist.
 
                  c) In BGE 100 II 345 ff. hat das Bundesgericht ver-
          neint, dass die Veränderung der Verhältnisse des Borgers -
          Scheidung von der Tochter des Darlehensgebers und Ver-
          schlechterung der wirtschaftlichen Lage - bei einem auf Le-
          benszeit des Borgers gewährten verzinslichen Darlehen ein
          Grund für die vorzeitige Kündigung des Vertragsverhältnisses
          bilde. Angedeutet wurde jedoch, dass die Rechtslage im Fall
          eines zinslosen Darlehens anders beurteilt werden könnte
          (E. 2a). Zudem wurde die Frage vorwiegend unter dem Ge-
          sichtspunkt des Rechtsmissbrauchsverbot (Art. 2 Abs. 2 ZGB)
          erörtert (E. 2b). Nach heutigem Verständnis steht dagegen
          bei der vorzeitigen Kündigung von Dauerschuldverhältnissen
          aus wichtigem Grund der Schutz der Persönlichkeit im Sinne
          von Art. 27 ZGB im Vordergrund. Die betreffende Partei soll
          sich von der Vertragsbindung befreien können, weil eine
          Fortführung des Vertragsverhältnisses eine unzumutbare Ein-
          schränkung ihrer Persönlichkeitsrechte bedeuten würde
          (Oetker, a.a.O., S. 268 f.). Darin kann im Übrigen auch die
          Abgrenzung zum Anwendungsbereich der clausula rebus sic
          stantibus gesehen werden (dazu Bucher, Berner Kommentar,
          N. 201 zu Art. 27 ZGB). Die clausula setzt Veränderungen der
          äusseren Umstände voraus, von denen alle Vertragsparteien
          gleichermassen betroffen sind, und die zu einer gravierenden
          Äquivalenzstörung geführt haben (zu Letzterem BGE 127 III
          300 E. 5b). Im Gegensatz dazu hat die Kündigung aus wichti-
          gem Grund keine Äquivalenzstörung zur Voraussetzung. Im Vor-
          dergrund steht vielmehr die Frage, ob das Gebundensein an
 
          den Vertrag für die Partei wegen veränderter Umstände ganz
          allgemein unzumutbar geworden ist, also nicht nur unter
          wirtschaftlichen, sondern auch unter anderen die Persönlich-
          keit berührenden Gesichtspunkten. Diese Abgrenzungsfrage
          braucht hier indessen mangels Erheblichkeit nicht weiter er-
          örtert zu werden.
 
 
               4.- Ob im Einzelfall ein wichtiger Grund vorliegt, ent-
          scheidet das Gericht nach seinem Ermessen (Art. 4 ZGB). Es
          geht dabei um eine Billigkeitsentscheidung, die auf objekti-
          ver Interessenabwägung unter Beachtung der Umstände des be-
          urteilten Falles beruht (Gauch, a.a.O., S. 175; Meier-Hayoz,
          Berner Kommentar, N. 46 ff. zu Art. 4 ZGB; Dürr, Zürcher
          Kommentar, N. 58 ff. zu Art. 4 ZGB; Mayer-Maly, Basler Kom-
          mentar, N. 22 und 25 zu Art. 4 ZGB). Ermessensentscheide
          dieser Art überprüft das Bundesgericht an sich frei; es übt
          dabei aber Zurückhaltung und greift nur ein, wenn die kanto-
          nale Instanz von dem ihr zustehenden Ermessen einen falschen
          Gebrauch gemacht hat, das heisst wenn sie grundlos von in
          Lehre und Rechtsprechung anerkannten Grundsätzen abgegangen
          ist, wenn sie Gesichtspunkte berücksichtigt hat, die keine
          Rolle hätten spielen dürfen, oder wenn sie umgekehrt rechts-
          erhebliche Umstände ausser Acht gelassen hat. Aufzuheben und
          zu korrigieren sind ausserdem Ermessensentscheide, die sich
          als im Ergebnis offensichtlich unbillig, als in stossender
          Weise ungerecht erweisen (BGE 127 III 351 E. 4a S. 354; 126
          III 223 E. 4a S. 227 f.).
 
                  Für ein Eingreifen des Bundesgerichts in den vorin-
          stanzlichen Ermessensentscheid besteht kein Anlass, da keine
          der aufgezählten Voraussetzungen gegeben sind. Die kantona-
          len Gerichte haben zutreffend berücksichtigt, dass die Klä-
          gerin die zinslosen Darlehen unter besonderen Umständen ge-
          währt hat, die mit dem Austritt der Klägerin aus "Fiat Lux"
          dahingefallen sind. Nach den verbindlichen tatsächlichen
 
          Feststellungen des Obergerichts, das sich jenen der ersten
          Instanz angeschlossen hat, war die Klägerin in den Jahren
          1994 bis 1996, als die Darlehensverträge abgeschlossen wur-
          den, ein bedeutendes Mitglied von "Fiat Lux", das in einer
          privilegierten Beziehung zur Vorsteherin der Gemeinschaft,
          der Beklagten, und deren Ehemann stand. In den Urteilen der
          kantonalen Gerichte wird festgehalten, zwischen der Klägerin
          und der Beklagten habe ein engfreundschaftliches Vertrauens-
          verhältnis bestanden, was sich insbesondere darin manifes-
          tiert habe, dass die Beklagte und deren Ehemann 1997 Trau-
          zeugen an der Hochzeit der Klägerin gewesen seien. Sodann
          wird auf die lange Dauer der persönlichen Bekanntschaft hin-
          gewiesen, die auf die Zeit kurz nach der Gründung der Ge-
          meinschaft "Fiat Lux" im Jahre 1980 zurückgeht. Im Weitern
          wird festgestellt, die Beklagte habe als Sprachrohr Gottes
          der Klägerin Botschaften von Jesus Christus übermittelt.
          Dieser Umstand führte zusammen mit der Einbindung in die
          Gemeinschaft "Fiat Lux", bei der es sich nach den Angaben
          der Beklagten um eine klösterliche Ordensgemeinschaft mit
          sehr strengen Regeln handelt, zu einer geistigen und wohl
          auch psychischen Dominanz der Beklagten gegenüber der Klä-
          gerin. Zu berücksichtigen ist zudem, dass das verliehene
          Geld nach dem Willen der Darlehensgeberin den Interessen der
          Gemeinschaft "Fiat Lux" und nicht den persönlichen Interes-
          sen der Borgerin dienen sollte. Von Bedeutung ist schliess-
          lich, dass die Klägerin darauf vertrauen durfte, durch die
          Zugehörigkeit zu "Fiat Lux" in gewissem Ausmass für die Zu-
          kunft wirtschaftlich abgesichert zu sein. Mit dem Ausschei-
          den aus "Fiat Lux" ist diese Sicherheit nicht mehr vorhanden
          und die heute über sechzigjährige Klägerin ist darauf ange-
          wiesen, dass sie sich aus eigenen Mitteln für das Alter ab-
          sichern kann. Dazu kommt, dass die erwähnte Interessenge-
          meinschaft hinsichtlich der Verwendung des verliehenen Gel-
          des nicht mehr besteht und insoweit die Grundlage der Darle-
          hensverträge weggefallen ist. Das Ausscheiden der Klägerin
          aus der Gemeinschaft "Fiat Lux" hat dazu geführt, dass ihr
 
          die Bindung an die Darlehensverträge wegen übermässiger Ein-
          schränkung ihrer Persönlichkeitsrechte nicht mehr zuzumuten
          ist. Zum einen besteht angesichts der langen Laufzeiten der
          zinslosen Darlehen von zehn bis zweiundzwanzig Jahren ein
          Übermass in wirtschaftlicher Hinsicht, da die Klägerin im
          Zeitpunkt der Rückzahlung einen massiven Wertverlust ihres
          Geldes in Kauf nehmen müsste, wogegen die Beklagte während
          der Laufzeit der Darlehen über das Geld hätte gewinnbringend
          verfügen können. Zum andern liegt auch eine übermässige, un-
          zumutbare Einschränkung des persönlichkeitsrechtlichen
          Selbstbestimmungsrechts der Klägerin vor, da sie mit dem
          ausgeliehenen Geld eine Gemeinschaft unterstützen muss, de-
          ren Interessen und Ziele sie nicht mehr teilt und auf die
          sie auch keinen Einfluss mehr ausüben kann.
 
                  Die Vorinstanz hat sich somit bei ihrem Ermes-
          sensentscheid von zutreffenden Gesichtspunkten leiten lassen
          und alle rechtserheblichen Umstände berücksichtigt. Das gilt
          entgegen der Kritik der Beklagten auch insoweit, als dem an-
          gefochtenen Urteil im Ergebnis die Auffassung zugrunde
          liegt, die Motive der Klägerin für den Austritt aus der
          Gemeinschaft "Fiat Lux" brauchten nicht abgeklärt zu werden.
          Die erste Instanz hat diese Frage unter dem Gesichtspunkt
          eines Verschuldens der Klägerin geprüft und ein solches
          verneint, weil der Austritt aus der Gemeinschaft als Akt des
          Selbstschutzes zu verstehen sei. Der Austritt kann der
          Klägerin indessen so oder anders nicht als Verschulden
          vorgeworfen werden. Aus dem im Gebiet des Privatrechts
          gesetzlich gewährleisteten Schutz der Persönlichkeit durch
          Art. 27 ZGB ergibt sich nämlich, dass die Klägerin frei
          darüber entscheiden konnte, ob sie weiterhin einer
          Gemeinschaft angehören wollte, bei der es sich nach den
          Angaben der Beklagten um eine klösterliche
          Ordensgemeinschaft mit sehr strengen Regeln handelt. Jedem
          Mitglied einer solchen Gemeinschaft steht kraft seiner
          Persönlichkeit die freie Wahl zu, ob es in der Gemeinschaft
          bleiben oder diese verlassen will. Der
 
          Entscheid, aus der Gemeinschaft auszutreten, darf dem Mit-
          glied in keinem Zusammenhang als Verschulden vorgeworfen
          werden. Welches die Beweggründe der Klägerin für den Aus-
          tritt aus "Fiat Lux" waren, ist somit rechtlich unerheblich
          und brauchte von den kantonalen Gerichten nicht beweismässig
          abgeklärt zu werden. Die Rüge der Beklagten, die Vorinstanz
          habe ihr in diesen Zusammenhang das Beweisrecht verweigert
          und damit Art. 8 ZGB verletzt, erweist sich damit als unbe-
          gründet (vgl. BGE 122 III 219 E. 3c S. 223).
 
 
               5.- Die Beklagte wendet sich schliesslich gegen die
          Auffassung der Vorinstanz, dass die Klägerin mit der Zustel-
          lung des Zahlungsbefehls vom 13. Mai 1998 die vorzeitige
          Kündigung der Darlehensverträge erklärt habe.
 
                  a) Bei der Erklärung, einen Vertrag wegen eines
          wichtigen Grundes vorzeitig zu kündigen, handelt es sich um
          die Ausübung eines Gestaltungsrechts durch empfangsbedürfti-
          ge Willenserklärung (Gauch/Schluep/Schmid, Schweiz. Obliga-
          tionenrecht, Allg. Teil, Bd. I, 7. Aufl., Rz. 194). Die Er-
          klärung ist grundsätzlich an keine Form gebunden und inhalt-
          lich ausreichend, wenn daraus für den Empfänger erkennbar
          hervorgeht, dass der Erklärende den Vertrag vorzeitig been-
          den will. Falls wie im vorliegenden Fall keine gegenteilige
          gesetzliche Regelung gilt, brauchen die wichtigen Gründe
          nicht genannt zu werden.
 
                  Mit dem Zahlungsbefehl vom 13. Mai 1998 ist die Be-
          klagte von der Klägerin aufgefordert worden, den Betrag von
          Fr. 625'000.-- nebst 5 % Zins seit 1. August 1995 zu zahlen.
          Als Grund der Forderung wurden die sieben zwischen 1994 und
          1996 gewährten Darlehen genannt mit der Bemerkung: "vorzei-
          tige Rückforderung gestützt auf Art. 23 ff., Art. 28 und
          Art. 29 OR". Das reicht als Kündigungserklärung aus. Die
 
          Klägerin hat damit der Beklagten für diese erkennbar zu ver-
          stehen gegeben, dass sie die Darlehensverträge vorzeitig be-
          enden wolle. Aus dem Hinweis auf die Gesetzartikel über die
          Vertragsanfechtung wegen Willensmängeln vermag die Beklagte
          nichts für ihren Standpunkt herzuleiten. Gibt eine Vertrags-
          partei eine solche Anfechtungserklärung ab, kann daraus ge-
          schlossen werden, dass sie das Vertragsverhältnis als - vor-
          zeitig - beendet betrachtet. Das stimmt aber im Ergebnis mit
          der Kündigungserklärung aus wichtigem Grunde überein.
 
                  b) Beide kantonalen Gerichte sind zum Ergebnis ge-
          langt, die sieben Darlehensverträge hätten unter Einhaltung
          der sechswöchigen Kündigungfrist von Art. 318 OR auf den
          25. Juni 1998 aufgelöst werden können. Zur Frage der Anwend-
          barkeit von Art. 318 OR äussert sich die Beklagte in der Be-
          rufungsschrift mit keinem Wort, weshalb insoweit eine Über-
          prüfung des angefochtenen Urteils entfällt (BGE 116 II 745
          E. 3 mit Hinweisen).
 
 
               6.- Aus diesen Gründen ist die Berufung abzuweisen, so-
          weit auf sie eingetreten werden kann, und das angefochtene
          Urteil zu bestätigen.
 
                  Bei diesem Ausgang des Verfahrens kann das Bundes-
          gericht den Kostenspruch der Vorinstanz im Rahmen des Beru-
          fungsverfahrens nicht überprüfen bzw. ändern (BGE 114 II 144
          E. 4). Die diesbezüglichen Vorbringen der Beklagten sind
          nicht zu hören.
 
                  Die Gerichtsgebühr ist der Beklagten aufzuerlegen
          (Art. 156 Abs. 1 OG). Diese hat die Klägerin für das bundes-
          gerichtliche Verfahren zu entschädigen (Art. 159 Abs. 1 und
          2 OG).
 
 
 
                       Demnach erkennt das Bundesgericht:
 
 
               1.- Das Gesuch der Beklagten um Gewährung einer Replik
          wird abgewiesen.
 
               2.- Die Berufung wird abgewiesen, soweit auf sie einge-
          treten werden kann, und das Urteil des Obergerichts von
          Appenzell Ausserrhoden vom 22. Mai 2001 wird bestätigt.
 
               3.- Die Gerichtsgebühr von Fr. 9'000.-- wird der Be-
          klagten auferlegt.
 
               4.- Die Beklagte hat die Klägerin für das bundesge-
          richtliche Verfahren mit Fr. 10'000.-- zu entschädigen.
 
               5.- Dieses Urteil wird den Parteien und dem Obergericht
          von Appenzell Ausserrhoden schriftlich mitgeteilt.
 
                                 ______________
 
          Lausanne, 3. April 2002
 
                         Im Namen der I. Zivilabteilung
                       des SCHWEIZERISCHEN BUNDESGERICHTS
                                 Der Präsident:
 
 
 
                             Der Gerichtsschreiber:





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