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Die Bedeutung dieses Buches reicht weit
über die geschilderten aktuellen Ereignisse hinaus.
Das Buch enthält das Psychogramm
eines Sektenführers.
Woher kommen die Zitate?
"Ist Otto in Laune, dürfen 50, 60,
70 Leute im Halbkreis vor ihm um den Tisch stehend, beim Essen zuschauen.
Die Struktur bestimmt, wer vorne stehen darf, auf Zehenspitzen in den letzten
Reihen mühen sich die Unteren ab, wenigstens Gesprächsfetzen
mitzukriegen. Und sonst ist schon alles am nächsten Tag in der
im hochtechnisierten Büro erstellten Doku nachzulesen - via Telefax
natürlich auch in den bundesdeutschen Filialen." Schlothauer Seite
115:
Stand der Korrektur des OCR-Textes: 16.5.2009
Die Namen wurden 2009 weitgehend abgekürzt,
da sie für das Verständnis des Textes heute keine Rolle mehr
spielen. An einigen Stellen wurden Streichungen aus persönlichkeitsrechtlichen
Gründen vorgenommen. Die Auslassungen sind jeweils erwähnt.
Bei Nachfragen insbesondere wegen sinnentstellender
Fehler wenden Sie sich bitte an Ingo.Heinemann@t-online.de
Andreas Schlothauer
DIE DIKTATUR DER FREIEN
SEXUALITÄT
AAO, Mühl-Kommune,
Friedrichshof
Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik
Band 55
Herausgegeben vom Verein Kritische Sozialwissenschaft
und Politische Bildung
Verlag für Gesellschaftskritik, 1992
Druck gefördert
durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung in Wien
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
ISBN 3-85115-157-7 NE:GT
Umschlagentwurf: Katharina Uschan
ISBN 3-85115-157-7
© 1992. Verlag für Gesellschaftskritik
Ges-m.b.H. & CO.KG
A-1070 Wien, Kaiserstraße 91
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 7
Einleitung 11
1970-1975: Von der Hippie-Subkultur zur Aktions-Analytischen Kommune (AA-Kommune) 13
Von der Absteige zur Hippie-Wohngemeinschaft (1970-1971) 131975-1978: Von der AA-Kommune bis zum Scheitern der Aktions-Analytischen Organisation (AAO) 33
Von der Hippie-Wohngemeinschaft zur AA-Kommune (1972-1973) 14
Die AA-Kommune am Friedrichshof (1974) 22
Exkurs: Die "AA-Parabel" - Landkarte fürs Psycholabyrinth 27
Von der AA-Kommune zur AAO (1975) 331978-1984: Demokratisierung einer 'Sekte'? 71
Ausbreitung der AAO (1976) 41
Zentralismus und Massenbewegung (1977) 51
Mütter und Kinder (1974-1978) 63
Exkurs: Die Lehre - "AAO und Kleinfamiliengesellschaft (KFG)" 66
Auflösung der AAO und Privateigentum (1978-1982) 711984-1990: Verirrungen in einer geschlossenen Gemeinschaft 95
Rückkehr zu Zentralismus und Gemeinschaftseigentum (1981-1984) 74
"Bewußtseinsverbreitung" - ein letzter Versuch (1981-1984) 79
Meine Ablösung und mein Ausstieg (1981-1985) 86
Alltag in der Kommune (1984-1990) 951988-1991: Ein aussichtsloser Versuch? Eltern und Ehemalige gegen Mühl 135
Projekt "Dritte Generation" - "Kinderproduktion" und Aufzucht des "neuen Menschen" 102
Hierarchie und Intrige - der Terror der offenen Konkurrenz 114
Auszug 126
Österreichische Politiker, Medien und Behörden für Otto Mühl 135
Eltern, Ehemalige und Medien gegen Otto Mühl 142
Die Wende, das Ende: Mühl-Kommune - Mühl ohne Kommune? (Februar - Juli 1990) 156
Die Auflösung der Kommunen 170
Der Friedrichshof, 'Sekten' und das Prinzip Gehorsam 177
Soziologische Thesen zur historischen Entwicklung von AAO / Mühl-Kommune / Friedrichshof 178
'Sekten' und Gesellschaft - Wer toleriert wen nicht? 192
Das Prinzip 'Gehorsam' 199
Was ging schief? Verlorene Jahre? - Ein persönliches Resümee 208
Vorwort
"Alle philosophischen, utopischen Versuche, die ideale Gesellschaft zu konstruieren bleiben unrealisierbar, die Wirklichkeit bleibt ausgeschlossen und kann nur durch Gewalt ins System gepresst werden. Es entstehen gesellschaftliche Mißgeburten." Otto Mühl 1977 [AAN77/7, S. 14]
Was ich auf den folgenden Seiten beschreibe, habe ich nicht nur als Beobachter betrachtet, sondern phasenweise teilnehmend miterlebt. 17jährig war ich 1976 Gründungsmitglied der Münchner Kommune, Ende 1984 verließ ich diese wieder. Vom Jahreswechsel 1987/88 bis zum Jahreswechsel 1990/91 trug ich nicht unwesentlich dazu bei, daß das "Jahrtausendexperiment" Otto Mühls endgültig beendet wurde.
Die wissenschaftliche Analyse der Geschehnisse in der Kommune im Vergleich zu meinen persönlichen Erlebnissen - basierend auf Tagebuchaufzeichnungen und Notizen -, erlebte ich nicht als Widerspruch, sondern als wertvolle Ergänzung. Meine Diplomarbeit schrieb ich 1983 über historische Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, insbesondere die Kibbutzbewegung. Diese historische Einordnung unseres eigenen kommunitären Lebens in einen größeren Rahmen konkretisierte einige Zweifel und relativierte die ideologische Enge, in welcher sich die Führungsspitze um Otto Mühl damals zunehmend verfing. In meiner Ablösungsphase aus der Kommune 1983/84 beschäftigte ich mich intensiv mit Max Weber und Wissenschaftstheoretikern wie Wittgenstein, Popper und Feyerabend. Ich habe deren Ausführungen, so verschieden sie teilweise sind, immer als Aufforderung zum verantwortlichen Handeln des Wissenschaftlers verstanden. Der Anspruch auf analytische Neutralität und Wertfreiheit rechtfertigt keinesfalls eine wissenschaftliche Haltung kühl-distanzierter Katalogisierung von Gewalt, Elend und Unrecht. Die künstliche Distanz zur Welt, die mit Objektivität und Wertfreiheit begründet wird, ist häufig nur Teil der trügerischen Arroganz des Wissenschaftlers. Mein Wissenschaftsverständnis schließt den 'Selbstversuch' des Forschers ein, das bedeutet das Teilnehmen und Handeln im beobachteten Kontext.
Aus soziologischer
Sicht ist die Kommune um Otto Mühl ein einzigartiges Forschungsobjekt.
Nicht nur wegen der Gruppenprozesse, sondern vor allem wegen der lückenlosen
Dokumentation des Geschehens. In den 70er Jahren wurde eine schriftliche
Gruppenchronik geführt, in den 80er Jahren wurden fast alle Ereignisse
am Friedrichshof mit Audio- und Videokassetten aufgezeichnet und anschließend
schriftlich festgehalten. Ab 1983/84 standen und hingen in allen wichtigen
Räumen Mühls - selbst im Klo - und im Selbstdarstellungsraum
Mikrophone, jedes Wort Mühls blieb erhalten, meist filmten auch Kameras
das Geschehen. In dieser Hinsicht war der Friedrichshof ein großangelegtes
Forschungsprojekt, von dem alle, die sich
für die Entstehung von totalitären Gruppen interessieren, profitieren können. Beim Schreiben ist es mir oft so vorgekommen, als ob lebendige Erinnerungen und Bilder durch das geschriebene Wort merkwürdig erstarren würden. Es schien mir oft unmöglich, Tausende von Tagen und Stunden auf einer begrenzten Zahl von Seiten abzulegen, wobei sich neben meine Gedanken noch die Erinnerungen von vielen anderen ehemaligen Mitgliedern setzten und über 10.000 Seiten schriftliche Dokumentation berücksichtigt wurden. Um einen möglichst authentischen Eindruck der Friedrichshof-Dokumentation zu vermitteln, wurde die Schreibweise der entsprechenden Zitate unkorrigiert übernommen.
Den Anspruch, die angenehmen Erlebnisse in der Kommune zu schildern, hatte ich von Anfang an nicht, obwohl all die Jahre erst mit dieser Seite des Lebens verstehbar sind. Es wäre unmenschlich, wäre nicht auch in den Kommunen gelacht worden, hätte es keine Liebe, Zuneigung und Solidarität gegeben. Auch das Gefühl der Sicherheit und Stärke einer engen Gemeinschaft zu erleben war eine große persönliche Bereicherung für die meisten KommunardInnen. Wer entsprechendes Interesse mitbrachte, profitierte von der Lebenserfahrung und Bildung einiger älterer KommunardInnen. Die vielen, unterschiedlichsten Charaktertypen konnten unter Umständen dazu beitragen, die eigene Menschenkenntnis auszubilden. Vertreter von teilweise mehr als acht Nationen erzeugten einen Internationalismus, der sich auch nach dem Verlassen der Kommune positiv bemerkbar machen kann. Wer hat schon Freunde in Frankreich, Portugal, Holland, Norwegen, Schweden, Dänemark, der Schweiz, den USA und Österreich? Von diesen positiven Aspekten unseres kommunitären 'Jugend'-Experimentes soll hier nicht die Rede sein, denn durch die immer absolutere Diktatur Mühls erstarrten diese wie unter einem Leichentuch.
Dieses Buch entstand in zwei intensiven
Arbeitsphasen: Januar bis Mai 1989 und Juli bis September 1991. In der
ersten Fassung 1989 schrieb ich über den Zweck des Buches:
"Dieses Buch besteht zu einem hohen Prozentsatz aus Zitaten von Mühl, denn es ist meine Absicht, die öffentliche Selbstdarstellung der Mühls durch die internen Äußerungen und Gespräche zu konterkarieren. Sie präsentieren sich als demokratische, soziale Gemeinschaft mit gleichberechtigten, freien, künstlerisch aktiven Mitgliedern und großem wirtschaftlichem Erfolg. Mühl als Erster unter Gleichen. Das Gegenteil ist wahr. Die Verstellung der Mühls ist total und überzeugt leider österreichische Politiker und Behörden, der 'Heiligenschein' der Kommune bzw. Otto Mühls, scheint unverrückbar."
dieses Buches vor allem darum, den Machtmißbrauch in der Kommune zu dokumentieren, so geht es mir in der endgültig vorliegenden Fassung darum, diesen Machtmißbrauch hinsichtlich seiner Ursachen zu analysieren. Nicht nur in der Kommune war mit Macht, Kontrolle, Unterordnung die Korruption von eigener Verantwortung, Selbstbestimmung und freiem Handeln verbunden. Gehorsam als Prinzip ist auch in unserer heutigen Gesellschaft allzusehr verbreitet.
Die Folgen? Vielleicht wäre unsere
Welt heute weniger gefährdet und zerstört, wenn das Prinzip Gehorsam
auf breiter Basis weitaus geächteter, Widerspruch geachteter wäre,
als dies bisher der Fall ist.
Das Friedrichshofer Vaterunser
Es lebe das Ganze
Ich widerstehe der Versuchung gegen das
Ganze zu sündigen,
Sowohl in der Sexualität, als auch
im Besitz,
Sowohl auch in meinem Denken und Handeln,
Alles was ich tue, ist auf das Ganze gerichtet.
Ich werde mein Programm, was ich von fremden,
ethischen Menschen
Aufgeprägt bekam, auflösen
Und in ein soziales Programm im Sinne
des Ganzen
umfunktionieren.
Ich denke, arbeite, handle und fühle
nur für das Ganze,
Ohne das Ganze bin ich ein nichts.
Otto Mühl
[G 14.2.85]
Einleitung
"Otto Mühl verstand es mit geradezu teuflischem Instinkt, die Ideen der Generation von 1968 mit mehr oder weniger pseudopsychologischen Theorien zu verbrämen, um auf dieser ideologischen Basis ein strenges Sexkloster zu errichten, in dem er die Rolle des Abtes und Obergockels übernahm." (Der Vater eines Kommunarden)Die Gemeinschaft um Mühl hatte schon mehrere Namen: AA-Kommune, Mühl-Kommune, AAO, Friedrichshof-Gruppen. Seit 1978 wurde ein gemeinsamer Name vermieden, da der Zusammenhang zwischen den Stadtkommunen und dem Friedrichshof geleugnet wurde. Im internen Sprachgebrauch wurde von "der Gruppe" gesprochen. Der Mitgliederstand in allen Gruppen war nie höher als 600 Personen. Etwa 2.000 Männer und Frauen lebten zwischen 1971 und 1991 mehrere Monate oder Jahre in einer der Kommunen. Wahrscheinlich mehr als 10.000 Interessierte haben von 1974-1983 den Friedrichshof als Kursteilnehmer besucht. Trotzdem war es eine gesellschaftlich unbedeutende, geschlossene Gesellschaft ohne politische oder andere Macht, abgesehen von ideologisch beeinflußten Splittergruppen wie 'Bauhütte' bzw. 'Projekt Meiga' (Dieter Duhm), La Lix, IGEL (B.R.), MRI (F.H.) und die 'Spuren'-Gruppe in Berlin. Doch immer wieder haben die Mühls die öffentliche Stellungnahme herausgefordert.
Warum? Wegen der 'freien Sexualität' und den sexuellen Ausschweifungen ihres Führers? Wegen des autoritären Auftretens und des überheblich zur Schau gestellten Anspruchs, die Welt zu erretten? Wegen der teilweise totalen Kontrolle der Mitglieder? Es sind wohl diese Gründe und das Wissen, daß aus solch kleinen fanatischen Gemeinschaften überschnell eine gesellschaftliche Bewegung entstehen kann. Es ist nur allzu richtig, wenn die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit noch so kleinen ideologischen Grüppchen geführt wird. Meist werden diese Gruppierungen als 'Sekte' bezeichnet, um die Abspaltung von einer allgemeinen, gesellschaftlichen Grundströmung zu markieren. 'Sekte' genannt zu werden ist anrüchig, peinlich, die so Bezeichneten winden sich unter der Last des Namens. Die negativen Effekte dieser allzu schnellen und bereitwilligen Stigmatisierung sind jedoch vielfältig:
In dieser Arbeit sollen folgende Fragen
beantwortet werden:
1970-1975: Von der Hippie-Subkultur zur Aktions-Analytischen Kommune (AA-Kommune)
Von der Absteige zur Hippie-Wohngemeinschaft (1970-1971)
Der im Gefolge der Künstler Günther
Brus und Hermann Nitsch als einer der Wiener Aktionisten in den 60er Jahren
bekannt gewordene Otto Mühl stürzte 1970 in eine schwere Krise,
als seine Frau F. ihn nach sechsjähriger Ehe mit ihrem gemeinsamen
Sohn verließ. Der damals 45 Jahre alte Mühl schrieb rückblickend
1973 bzw. 1977 über diese Zeit:
"Alles, was ich angestrebt und erreicht hatte, war zusammengebrochen oder hatte sich als sinnlos erwiesen, trotz Kunst, trotz Psychoanalyse, trotz Ehe. Ich war am Nullpunkt angelangt." [OM77, S. 178] "Von einer Gründung der AA-Kommune kann gar keine Rede sein, denn als ich 1970 im Sommer einige Leute bat, in meine 120qm große Wohnung einzuziehen, hatte ich nicht gewußt, daß sich daraus die AA entwickeln würde. Ich wußte damals nur, nachdem meine 6jährige Ehe zu Ende war und ich allein in der Wohnung saß, daß ich gegen meine Depressionen und gegen mein Alleinsein etwas unternehmen müßte." [AAM76, S. 5] "Nachdem ich einen Augenblick überlegt hatte, ob ich nicht meine Wohnung vermieten sollte, um als vagabundierender Künstler herumzuziehen, entschied ich mich dafür einige Freunde zu mir einzuladen, um eine Wohngemeinschaft zu gründen. Aber alle meine Freunde lehnten ab, sie hatten Angst vor einem solchen Unternehmen und noch mehr vor mir." [OM77, S. 180] "So schlecht war mein Ruf. Viele nahe und entfernte Bekannte mißtrauten mir, sie könnten von mir zu irgendeinem Zweck, über den sie selbst nicht Bescheid wüßten, mißbraucht werden. Sie hatten Angst unter meinen Einfluß zu kommen. Diese Angst war nicht unbegründet. Ich hatte schon damals eine starke Ausstrahlung. " [OM73, S. 9] (In weiten Teilen der damaligen linken und alternativen Szene war Mühl als autoritär und 'faschistoid' verschrien. [S])Anfangs vier, später sieben 'Ausgeflippte' nutzten die billige Wohnmöglichkeit. Die Wohnung entwickelte sich zum Müllplatz, zur Gelegenheitsabsteige mit chaotischsten Wohn- und Schlafverhältnissen. Dort trafen sich Säufer, Fixer, Dealer; es wurden bis in die Morgendämmerung Alkohol und andere Drogen konsumiert. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, Mühl kannte die Besucher oft selber nicht. Ab und zu kam es zu Schlägereien.
"Die ersten Leute, die zu mir in die Wohnung zogen, waren Leute, die eine Unterkunft brauchten, die zum Teil erhalten werden wollten, sonst interessierte sie nichts. Sie waren unfähig zum leben, zu arbeiten, sich selbst zu erhalten. Ich wohnte plötzlich mit Menschen zusammen, die dringend einer Resozialisierung bedurften. Meine Wohnung wurde zu einem Heim von Obdachlosen, und ich ließ mich durch sie tyrannisieren. Ich befand mich am Nullpunkt meiner Entwicklung in einem Haufen asozialer, herabgekommener Existenzen am Rande der Gesellschaft. Es gab kein gemeinsames Leben. Die Kontinuität der Wohngemeinschaft war nur durch die
Wohnung gegeben. Bis auf wenige war die Gruppe eine Durchzugsgruppe, ich selbst zog nicht aus, weil mir zu dieser Zeit noch die Wohnung gehörte. Im Sommer 1970 befanden sich 7 Leute in der Wohnung, nächstes Frühjahr 1971 war die Gemeinschaft auf drei Personen geschrumpft." [OM77, S. 180]Von der Hippie-Wohngemeinschaft zur AA-Kommune (1972-1973)
Eine wichtige Stütze Mühls in
dieser Zeit war sein Freund aus Aktionistenzeiten H. S. Dieser war neben
seinen künstlerischen Ambitionen auch mehrere Jahre in der Wiener
linken Studentenszene aktiv gewesen und hatte bereits Ende der 60er Jahre
eine Kommune gegründet. Durch ihn kam Mühl mit einem Kreis junger
Studentinnen und Arbeiterinnen in Kontakt, die teilweise schon länger
in Wohngemeinschaften oder Kommunen lebten. Man traf sich im Cafe Savoy,
kannte sich seit Jahren und hatte gemeinsame Ideen von Kommune, Zusammenleben
und gelockerter Sexualität. Einige von ihnen zogen Ende 1971/Anfang
1972 in die Wohnung Otto Mühls in der Praterstraße. Etliche
Mitglieder dieser Kommune- und Wohngemeinschaftsszene waren damals bei
dem Therapeuten J.D. in Gesprächsanalyse. Dieser war - wenigstens
zeitweise - ein geistiges und intellektuelles Zentrum dieser Szene. Mühl
war in dieser Clique lediglich ein durch seine aktionistische Vergangenheit
interessanter Mitläufer [S]. So lud Mühl J.D., den er aus der
Zeit seiner eigenen Gesprächsanalyse Anfang der 60er Jahre gut kannte,
ein: er sollte Gruppenanalyse machen. Aber D. war bereits am ausflippen.
In einer anderen Kommune führte er ebenfalls Gruppensitzungen durch,
die jedoch immer verheerendere Auswirkungen hatten. Mühl beschreibt
die damalige Situation:
"T. warf er hinaus, weil sie M. liebte, den er selbst für sich haben wollte. Mit M. hatte er eine analytische LSD-Sitzung. Ich mußte ihm neun Trips geben, denn 'M. gab seinen Widerstand nicht auf und dadurch konnte ich selbst nicht zu meinem Höhepunkt gelangen', erzählte mir D. Abgesehen, daß es unter Umständen tödlich ist, jemandem neun Trips zu geben, vermute ich, daß es darum ging, M., der die Homosexualität D.s abwehrte, gefügig zu machen. Unglücklicherweise hatte er eine ähnliche Sitzung mit H., M.s langjähriger Freundin. Diese Trip-Analyse endete blutig. H. drehte durch und schlug D. den Kopf - bezeichnenderweise mit einer Buddhastatue - blutig. Sie bemalte mit seinem Blut die Wände, der Hauswart wurde zu Hilfe gerufen, D. konnte die entfesselte H., die sich die Kleider vom Leib gerissen hatte, nicht bändigen. Der Polizei, die gleich darauf kam und den verstört aus den Türen blickenden Hausbewohnern rief sie zu: 'Ihr Idioten, für 30 Schilling könnt ihr euch dasselbe Vergnügen leisten.' H. kam für einige Wochen ins Irrenhaus, D. konnte sich herausreden. D. nahm damals mehrere Trips in der Woche, er glaubte, dadurch seine Selbstanalyse weiter treiben zu können. Einmal hat er dann einen Trip genommen, der ihn total verwirrte. Als später seine Analysanten kamen, konnte er keine Analyse
mehr machen, er erzählte ihnen, er habe nun tatsächlich herausgefunden, daß es Satan gebe." [OM73, S. 13] (Wenige Monate später zog sich J.D. in ein Bauernhaus im Waldviertel zurück. Dort, wie ab und zu an anderen Orten, veranstaltet er seitdem Satanische Messen mit viel nacktem Fleisch und Blut.)Schon bald darauf erklärte Mühl, daß er von nun an selbst Analysen geben würde. Angeregt durch Wilhelm Reich begann er mit sogenannten "Sprechstunden". Diese waren nichts anderes als Mühls stümperhafte Umsetzung seiner eigenen abgebrochenen Psychoanalyse, gemischt mit halbverdauten Reichschen Theorien [A]. Der Analysand erzählte und Mühl saß mehr oder weniger geduldig, hörte zu und stellte Fragen. Dem Aktionisten und notorischen Monologisierer Mühl fiel dies unglaublich schwer, wie er später berichtete [Brief Susi 1973]. Mühl schrieb:
"Als ich 1972 die Charakteranalyse las, ich lag vor dem Einschlafen auf dem Hochbett in der Gruppe, neben meiner Freundin, wir hatten damals noch Zweierbeziehungen, wurde ich derart elektrisiert davon, daß ich spontan zu meiner Freundin sagte, ich werde in unserer Gruppe die Charakteranalyse einführen. In unserer Gruppe war die bewußtseinsbildende Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit allerdings höchst notwendig geworden, sollte sie nicht zerfallen." [AAN76/3, S. 3]Mit seinem feinen Instinkt für Macht ahnte Mühl wohl auch die Möglichkeit der Dominanz, die durch das 'Analysand-Therapeut'-Verhältnis entsteht. Seine nicht besonders herausragende Stellung in der Kommune- und Wohngemeinschaftsszene wurde dadurch erheblich verbessert, die AnalysandInnen lieferten sich in den "Sprechstunden", aber mehr noch in der späteren Aktionsanalyse (AA) ihrem (Möchtegern-)'Therapeuten' Mühl aus. Gerade durch diese starken gemeinsamen Erfahrungen der 'Therapie' und der daraus entstehenden Unterordnung im Kommunealltag unter die Persönlichkeit Otto Mühls wuchs das Gemeinschaftsgefühl der KommunardInnen in der Praterstraße. Da kaum einer von ihnen irgendeiner Verpflichtung wie Arbeit, Studium etc. nachging, verbrachten sie viel Zeit miteinander. Geregelte Tätigkeiten wurden auch durch den wachsenden Drogenkonsum (Haschisch) immer problematischer. Mühl schrieb 1976 über diese Jahre:
"Wir waren eine typische Kommune dieser Zeit. Es war schöpferisch und chaotisch, wir lebten wie die Kinder." [AAM76, S. 5]
"Wir nähten unsere Kleider selbst, sogar Pelze für den Winter, auch Schuhe begannen wir uns selber zu machen. Wir trugen lange Haare, bald darauf auch Bart. Wir sahen verwegen aus. Wir tanzten sehr viel, allerdings nach der Stereoanlage. Aber eines Tages wurde auch diese eleminiert. Alle begannen zu malen, an den Zimmerwänden. Alles was wir taten war dem Zufall überlassen. Die Sexualität, anfangs noch Zweierbeziehungen, begann chaotisch zu werden, die Partner wechselten, Tragödien, Eifersuchtsanfälle erschütterten unsere Horde." [AAN77/7, S. 2]
Im Sommer 1972 realisierten die KommunardInnen einen ihrer Träume. Sie wollten die teure Stadt verlassen und das billige Leben auf dem Lande genießen: von der Stadt- zur Landkommune. Das entsprach einem damals in der Hippy- und Drogenszene weit verbreiteten Trend. Das Leben auf dem Lande war 'in'. Durch einen alten Freund erfuhr Mühl von einem verfallenen Hof im Burgenland - dem Friedrichshof. Einige KommunardInnen besichtigten die Ruine und waren fasziniert. Vor allem Mühl zog es wieder dorthin, wo schon seine Wiege gestanden hatte und seine Mutter damals lebte, in die Nähe von Gols am Neusiedler See. Die KommunardInnen begannen, von der neuen Idee begeistert, ihre letzten Ersparnisse zusammenzukratzen, und pumpten Eltern und Verwandte gnadenlos an. Einige wenige arbeiteten, einige Frauen gingen in Berlin auf den Strich, um ihren Anteil für den gemeinsamen Hauskauf aufzubringen [A]. Noch im Sommer wurde für 220.000 Schilling (umgerechnet 32.000 DM [ca. 15.000 Euro]) der Friedrichshof gekauft. Ein abgewracktes, einstöckiges Schulhaus, ein total verfallener Getreidespeicher und etwas Grund dazu. Acht Kilometer im Umkreis gab es keine menschliche Siedlung, nur endlose Getreidefelder im Sommer und aufgerissene Erde im Winter. Es gab keinen Strom, keine Kanalisation und kein Wasser. Diese abgerissene Ruinenlandschaft war für die stolzen KommunardInnen und frischgebackenen Grund- und Hausbesitzerinnen "unser Landsitz bei Gols im Burgenland". Anfangs lebten dort vier Kommunarden und betreuten eine Ziege. Ab und zu kamen am Wochenende andere Kommunemitglieder aus Wien.
Da unter seinen 'Analysanden' auch die weiblichen Kommunemitglieder waren, wurde es für Mühl immer schwerer, zwischen therapeutischer Pflicht und leiblichem Vergnügen zu unterscheiden. ("Die Analysen waren anerkanntes Ficken." [G 12.8.82]) Da sowohl er als auch die anderen KommunardInnen noch in Zweierbeziehungen sexuell voneinander geschieden waren, Seitensprünge immer häufiger wurden, die Eifersuchtsszenen zunahmen, war auch die Sexualität ein zentrales Diskussionsthema. Nicht nur die Kommunen in Wien, auch viele Wohngemeinschaften, Kommunen, die Sexpool-Bewegung und andere Teile der aufkeimenden Alternativszene der 70er Jahre beschäftigten sich intensiv mit der Zweierbeziehung, der Familie und der als überholt empfundenen gesellschaftlichen Sexualmoral.
Der konkrete Anlaß für Mühl,
1973 die "freie Sexualität" auszurufen, war, daß seine damalige
Freundin "von seiner alles dominierenden Art" genug hatte. Mühl schrieb
einige Jahre später:
"Als ich im Mai 1973 von einein Aufenthalt in den USA zurückkehrte, hatte sich meine Freundin von mir getrennt, sie verließ die Gruppe, um weiter zu studieren. Ich war sehr von ihrem Entschluß betroffen, spürte aber die emotionelle Möglichkeit für die freie Sexualität in der Gruppe. Ich sagte damals, daß ich keine Zweierbeziehung mehr eingehen werde." [AAM76, S. 6]
Seit damals steht für Mühl fest: "Ich denke, wer eine Zweierbeziehung hat oder haben will, ist von vornherein schwer geschädigt." [Brief Susi 1973] Erneut war Mühl dabei gescheitert, eine dauerhafte Beziehung zu einer Frau aufzubauen. Inzwischen fast 50jährig muß ihm dies wie ein Schock in die nicht mehr ganz frischen Lenden gefahren sein [A]. Was lag zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse näher als die oft diskutierte Ausrufung einer "freien Sexualität", die Auflösung der Zweierbeziehung? Obwohl er sich als 'Therapeut' - und wegen der mit den Analysen verbundenen sexuellen Freiheiten - der Bereitschaft seiner Analysandinnen ziemlich sicher sein konnte, empfand Otto Mühl diesen endgültigen Schritt als großes persönliches Wagnis. Jedoch, die meisten KommunardInnen und Analysandinnen waren bereit zu diesem radikalen Schritt. Radikal vor allem für jene, die eine Zweierbeziehung hatten. Der überwiegende Teil der KommunardInnen erlebte diese öffentliche Legalisierung des, bisher heimlich als Seitensprung vollzogenen, Partnerwechsels als Befreiung. Waren doch jahrelange Beziehungen vorhanden, wodurch die freie Sexualität vielen bisher unterdrückten Wünschen und Phantasien entgegenkam. Mühl selbst lief zu Hochform auf. Der Sexualathlet brach einen persönlichen Rekord nach dem anderen, er rühmte sich, bis zu acht Mal am Tage verkehrt zu haben [S]. Der Einfluß Mühls unter den KommunardInnen war damals bereits so groß, daß diejenigen Kommunemitglieder, welche diesen Schritt der Ächtung von Zweierbeziehungen nicht mitmachen wollten, von Mühl zum Verlassen der Kommune gedrängt wurden. Der Schritt in die 'freie Sexualität' war so nicht nur die Verwirklichung einer jahrelang diskutierten Idee bzw. eines 'Traumes', sondern auch die Unterwerfung unter den Führungsanspruch Mühls, der mehr und mehr bestimmte, unter welchen Bedingungen die von der Zweierbeziehung 'befreite' Sexualität zu vollziehen sei.
Wer diesen Schritt
nicht als Befreiung und Bereicherung empfand, der war bei der Bewältigung
seiner emotionalen Schwierigkeiten verstärkt auf die "Analysebox"
angewiesen. (Um den Nachbarn das Analysegeschrei zu ersparen, war eine
schallisolierte Holzbox installiert worden.) Die im Kommunealltag nun gehäuft
auftauchenden Probleme - wie Eifersucht, Trennungsschmerzen - wurden als
"infantile Schädigung" gedeutet, die jeder in den Analysen bearbeiten
mußte. Aber auch wer depressiv war, sich über die Unordnung
aufregte, Mitkommunardinnen anschrie oder sich aus irgendeinem anderen
Grund psychisch lädiert fühlte, verschwand möglichst bald
mit seinem 'Therapeuten' in der "Analysebox". Vor allem Kritik an Mühl
und seinen Methoden galt als hochgradig "psychopathisch" und behandlungsbedürftig
[S]. Die Bearbeitung aller zwischenmenschlichen Spannungen und persönlichen
Schwierigkeiten war aus dem Alltag in die Analyse verpflanzt worden. Da
mit der freien Sexualität einerseits die Spannungen stiegen, andererseits
der Gruppendruck durch Mühls größere Dominanz zunahm und
Mühl mehr praktisch veranlagt war, Theorie und Sprache ihm
nie so sehr gelegen hatten, war aus der
"Sprechstunde" die "Aktionsanalyse" (AA) geworden: "Atmen, Schreien, körperliche
Behandlung, Erbrechen, Weinen, Tuttel-geben wurden wichtiger als das Sprechen."
[AAM76, S. 5] Mühl schilderte diese Entwicklung zwei Jahre später
so:
"Wir führen in unserer Kommune seit zwei Jahren Einzel- und Gruppenanalysen durch. Anfänglich ausschließlich verbal, später mit mehr aktionistischen Elementen, seit einem halben Jahr aber nur mehr Körperbehandlung mit Darstellungscharakter. Die durch die Körperbehandlung hervorgerufenen Erregungszustände werden dargestellt durch Schreien, Jammern, Weinen, Brüllen, Stöhnen, Grimassieren, Gebärdensprache des Körpers etc. Der Behandelte gerät in ekstatische Zustände, und dies ermöglicht ein emotionelles Durchleben frühester Geschehnisse der Kindheit bis zum Geburtserlebnis hinunter. Im Prinzip geht es um die Selbstdarstellung der eigenen Krankheit." [AAN74/3; AAM76, S. 40]So waren aus "Reichschen Körperpanzer(knacker)-Theorien Mühlsche Drück- und Hauaktionen" geworden [A]. Der Mittelschullehrer und Aktionist Otto Mühl mußte das Knacken des Reichschen Körperpanzers so richtig unter seinen Fingern spüren. Nicht die differenzierte Äußerung und Beschreibung von Gefühlen, nein das Hervorbrechen der Gefühle aus der finsteren Kindheit bis zum Erbrechen des letzten Essens war sein Ziel. Einmal in Gang gesetzt, war Mühl nicht zu stoppen. Seine Lieblingsthemen der Aktionistenzeit tauchten nach und nach auf: "scheißen, pissen, kotzen, ficken". Statt seine analen Zwangszustände und Ekelphantasien wegzutherapieren, machte Mühl aus seiner eigenen Kaputtheit das Entwicklungsziel seiner Kommune [A]. Das Brechen gesellschaftlicher Tabus in diesem Bereich wurde in der Aktionsanalyse angestrebt, denn dadurch wurde die Schädigung beseitigt. Mühl:
"Ist der Behandelte in der Selbstdarstellung durch Verzweiflung und Hass hindurchgegangen, erfolgt eine selbstständig gewordene Bewegung des Körpers, die vom Behandelten bewußt erlebt wird, aber nicht mehr kontrolliert werden kann. Diese Phase der Selbstdarstellung kündigt sich durch Husten und übermäßige Speichelproduktion an. Große Mengen von Schleim werden ausgespien, zum Schluß erfolgt ein ruckartiges Zucken der Bauchdecke, alle Muskeln geben nach, die Panzerung, die Dauerkontraktion ganzer Körperpartien, wird zerrissen. Der Behandelte erbricht, das Erbrechen empfindet der Behandelte als 'gelungen', er fühlt sich aufgelockert. Er beginnt nachher wie ein Baby zu schreien, aber wie ein fröhliches Baby." [AAN74/1; AAM76 S. 23]In einem Brief an eine Bekannte empfahl Mühl 1973:
"Gegen deine Zustände würde ich dir folgendes raten, laß dich von irgendjemandem durchkneten, durchmassieren und er soll nicht vergessen dir auch auf deinen Arsch zu schlagen, er soll dir mit beiden Fäusten in den Magen drücken, so fest bis du zu schreien beginnst und dann soll er dir ein paar kräftige Ohrfeigen geben. Und du wirst sehen, nachdem du durchgedreht hast, vielleicht erbrichst du auch und du würdest damit zumindest einen Teil deiner Krankheit ausspeien, alle deine Widerstände, die dich ja hindern gesund zu werden, würden mit der Zeit verschwinden und zum Schluß
lallst du wie ein kleines Baby, nimmst die dargereichte Brust, deine Heilung hat begonnen. Wir könnten dich jetzt mit unserer neuen Methode sehr schnell gesund machen." [Brief Susi 1973]In der sogenannten "Watschenanalyse" mußte sich der Analysand auf die eigenen Hände setzen, damit Mühl und seine 'Therapeuten'schülerinnen ihn durch heftige Schläge ins Gesicht in die Kindheit treiben konnten. Dabei lief nicht immer alles nach Wunsch. Manch Patient war nicht willig. Mühl drückte besessen auf Brustkorb bzw. Magen und schlug ins Gesicht. Da es verboten war, sich gegen den Therapeuten zu empören, ließen die gequälten Patienten ihre Wut in die einzig erlaubte Richtung - Schreien und die "Darstellung in der Luft" - ab. Zog Mühl die Hände zurück, stoppte der Analysefluß. Mühl verallgemeinerte diese bittere Erfahrung:
"Der Kleinfamilienmensch kann nur atmen, schreien, wenn ihm der Selbstdarstellungsleiter die Hand auf den Brustkorb legt und leicht durch Druck mithilft. D. schrie und jammerte, er schien außer sich zu sein. Sobald ich jedoch meine Hand von ihm wegnahm, richtete er sich aus dem Liegen halb auf, stützte seinen Kopf mit der Hand; mich blickte ein Beamter an. Er konnte nichts von selber tun." [AAN74/3; AAM76, S. 40]So mancher Analysand hatte infolge aktionsanalytischer Sitzungen neben psychischen Beulen auch noch blaue Flecken. Der 'Therapeuten'- und Aktionistenschüler Mühls, H. S., glaubte im fanatischen Wahn, den imaginären Körperpanzer durch aufrechtes Stehen auf dem Brustkorb des Analysanden knacken zu müssen. Das einzige, was brach, war eine Rippe [S]. Bei all dem wurde nicht, wie im Exorzismus längst vergangener Zeiten, der Teufel ausgetrieben. Durch den aktionsanalytischen Exorzismus sollte der "kleinfamiliäre Wichte!" entweichen.
Stolz verkündete Mühl das Ergebnis dieser tollen Therapie. "Wer sich einer Aktionsanalyse unterzieht, wird in kurzer Zeit unfähig, seine bürgerliche Berufsrolle weiterzuspielen." Der Patient trat damit in die Fußstapfen seines 'Therapeuten'. In Mühls Augen war diese bei ihm erworbene Unfähigkeit natürlich ein Fortschritt. Denn: "Persönliche Entwicklung ist überhaupt nur in einer sozial funktionierenden Gruppe möglich. Der Mensch, der allein oder in kleinfamilienhafter Struktur lebt, verkümmert und erstickt. Der Körper des Kleinfamilienmenschen ist kitzlig oder vollkommen unempfindlich, er ist tot." [AAN74/1; AAM76, S. 24] Erst durch die Aktionsanalyse wurde der Kleinfamilienmensch wieder lebendig und konnte der AA-Kommune eingegliedert werden.
Hatte Mühls
Auseinandersetzung mit der Gesellschaft in der Aktionistenzeit zu wüsten
Zock-Manifesten der Beschimpfung geführt - Zock war der Name einer
von Mühl herausgegebenen Aktionismuszeitung -, so hatte er nunmehr
seine Alternative gefunden. Zu allem, was in der Kleinfamilie schlecht
war, existierte jetzt als positives Gegenstück die Kommune. Der faule
Kern der Kleinfamilie und Wurzel aller Übel war die Zweierbeziehung
und die dabei "eingeschränkte" Sexualität.
Es galt, dieses "kleinfamiliäre" Grundübel der "frühkindlichen
Fixierung" an die Eltern durch Aktionsanalyse in jedem Kommunarden auszumerzen.
Rückblickend schreibt Mühl 1974:
"Es ist nun fast ein Jahr her, daß wir in den Gruppen die Zweierbeziehung aufgelöst haben, und es ist so als ob wir einen Alptraum losgeworden wären. Die Kleinfamilie basiert auf der Zweierbeziehung und eingeschränkter Sexualität. Die Zweierbeziehung widerspricht den sexuellen Bedürfnissen des menschlichen Körpers. Die Zweierbeziehung widerspricht dem kommunikativen, sozialen Zusammenleben in der Gruppe. Wer sich von seinem Partner trennt, hat noch lange nicht die Zweierbeziehung aufgelöst. Er muß gleichzeitig die Fixierung an Mama und Papa auflösen und dies ist nur innerhalb einer Gruppe und nur mit Hilfe der Aktionsanalyse möglich." [AAM76, S. 236]Als sich die freie Sexualität 1973 durchgesetzt hatte, erschien bald auch das Privateigentum unsinnig. Da der Großteil der KommunardInnen ohnehin nur wenig besaß, war dieser Schritt für die meisten weitaus weniger existen-tiell als der Verzicht auf die Zweierbeziehung. Nach dem Motto: 'Wenn ich schon meinen Partner mit euch teile, könnt ihr meine Unterhosen und Socken von mir aus auch anziehen.' Da nun einmal revolutionäre Stimmung herrschte, war die Aufgabe privaten Besitzes nur noch ein kleiner weiterer Schritt, sich von der umgebenden "KF (Kleinfamilie) und KFG (Kleinfamiliengesellschaft)" abzusetzen. Wenn schon die Zweierbeziehung eine frühkindliche Besitzfixierung und Schädigung war, um wieviel mehr mußte es die Fixierung auf Eigentum und Besitz sein.
Damit die neue Gesinnung und die aufkeimende Zusammengehörigkeit auch äußerlich deutlich werde, beschlossen die KommunardInnen im August 1973, den letzten Rest Kleinfamilie an sich zu beseitigen. Die langen Haare und der Bartwuchs wurden als "Charakterpanzer" entlarvt, die Haare wurden geschoren, die "AA-Glatze" war kreiert. Auch im Haar lauerte der böse Geist der KF-Schädigung; sie wollten mit dem "langhaarigen Gesindel" nichts mehr zu tun haben. Mühl:
"In Diskussionen wurde das lange Haar bei Frauen als Träger der Kleinfamilienerotik entlarvt. In der Erotik erblickten viele eine sublime Sexualverdrängung."Außerdem:
"Wir merkten eines Tages, daß das, wofür die langen Haare standen, vorbei war. Langes Haar tragen hat einmal geheißen, die Kleinfamilienberufsrolle ablehnen, keinen Beruf haben, frei sein."Und eine Kommunardin:
"Ich will .mich nicht durch meine Haartracht von den anderen unterscheiden ... ich will mich durch Bewußtsein und Ausbildung all meiner schöpferischen Potenz unterscheiden, aber nicht durch Mode." [AAM76, S. 268-71]
Die Kommunemitglieder lebten in totalem
Konsum- und Kulturverzicht. Keine Cremes, Parfüms, modische Kleider
und Frisuren, keine Restaurant-, Theater-, Kino-, Konzertbesuche, keine
Bücher, Ausstellungen etc. Sie waren aufs äußerste von
sich und ihrem neuen Leben überzeugt. Wahllos rüpelten sie Freunde,
Verwandte und flüchtige Bekannte in breitem Wiener Slang an:
Kommunemanifest
"Da die Kommune die Bedürfnisse des Menschen in einem viel größeren Maße befriedigt, als dies in der Kleinfamiliengesellschaft möglich ist, ist die Kommune geeignet, zu einer echten Massenbewegung zu werden. Die Aufgabe einer nach Kommunen gegliederten Gesellschaft: die existentiellen und materiellen Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Der Anspruch der Kommunegesellschaft ist global. Die Unterteilung des Erdballes durch Staatsgrenzen findet in ihr keinen Platz. Staatsgrenzen sind die vergrößerten Gartenzäune des besitzfixierten Kleinfamilienmenschen. Die Kommune lehnt jede Art von Aggression und Gewaltanwendung ab. In der Kommunegesellschaft herrscht freie Sexualität. Die Zweierbeziehung, eine Schädigung des Kleinfamilienmenschen, existiert nicht. In einer gut funktionierenden Kommune gibt es keine Eifersucht, da alle die Möglichkeit zur sexuellen Befriedigung haben.
Privateigentum und privater Besitz von Geld sind mit den sozialen und lebensbejahenden Prinzipien der Kommune unvereinbar. Kinder, die in der Kommune geboren werden, werden von der Kommune erhalten, ebenso die Mutter. Kinder wachsen in der Kommune ohne Sexualunterdrückung auf.
Die Kommune versteht sich gegenwärtig als therapeutische Gruppe mit der Aufgabe, die durch die Kleinfamilienerziehung geschädigten Gruppenmitglieder wieder gesund zu machen, ihnen die soziale Kommunikation mit anderen zu ermöglichen. Die Kindergärten, Kinderheime, die Schulen der Kleinfamiliengesellschaft sind der Entwicklung eines psychisch gesunden Menschen abträglich.
Die Ausbreitung der Kommunen ... dient dem Zweck, auf gewaltlosem, evolutionärem Weg die Kleinfamilie als Träger einer gesellschaftlichen Ordnung abzulösen und die Kleinfamiliengesellschaft in eine Kommunegesellschaft überzufuhren. Asozialität, Kriminalität, Geisteskrankheiten sind Produkte, die sich ausschließlich aus der gesellschaftlichen Struktur der Kleinfamiliengesellschaft ergeben.
Da in der Kommunegesellsehaft weder Kommunikations- noch Sexualnot herrscht und alle realen Bedürfnissen des Menschen befriedigt werden, kann die Kommune
gesellschaft auf die meisten Industriezweige der Kleinfamiliengesellschaft verzichten." [AAM76, S. 19/20 + AAN 74/1]
Die AA-Kommune am Friedrichshof (1974)
Im Frühjahr 1974 begann eine erste Gruppe von 15 KommunardInnen mit dem Ausbau des Friedrichshofes. Erst jetzt lösten sich die drei Wiener Kommunen endgültig auf und vereinigten sich auch räumlich zu einer Großkommune mit 30 Mitgliedern. In Wien blieb Mühls ehemalige Wohnung in der Praterstraße als Stützpunkt der Kommune - und als Mühls private Rückversicherung für den nicht unwahrscheinlichen Fall des Scheiterns der Landkommune [S] - erhalten.
Bis 1974 hatte jeder Kommunarde für
sich seinen Lebensunterhalt bestritten. Die meisten bezogen Ausbildungsbeihilfen,
Arbeitslosen- oder Sozialhilfe, wurden von gutgläubigen Eltern für
die heimlich abgebrochene Ausbildung unterstützt oder jobbten hin
und wieder. Im Zuge der ideologischen Aufbruchsstimmung mit Aktionsanalyse,
freier Sexualität, Gemeinschaftseigentum und der gemeinsamen Investition
in ihren "Landsitz" wurden regelmäßig fließende Einkünfte
benötigt. Vor allem, um den Friedrichshof bewohnbar zu machen und
die dort arbeitenden Kommunemitglieder zu versorgen. Voll Stolz verkündete
Mühl zwei Jahre später:
verkauften in Wien und Neusiedl Jeanswaren, Second-Hand-Klamotten und Ramsch. Von den 30 KommunardInnen hatte kaum eine(r) berufliche Erfahrung. Für die meisten war schwere körperliche Arbeit neu und durch den regelmäßigen Cannabis-Genuß zusätzlich erschwert. Entsprechend war die Arbeitsmoral, die Arbeit schleppte sich voran [S,T,R]. Die ersten zwei Jahre war fast kein Betrieb angemeldet. Niemand war sozialversichert, es wurden keine Steuern bezahlt, es gab keine Unfallversicherung und keine Rentenzahlungen, eine Buchhaltung existierte nicht [O]. Alle Einnahmen flossen in die gemeinsame "Kommunekasse" - meist ein Pappkarton oder eine Blechdose, aus der sich jeder bedienen konnte. Diese Art von "gemeinsamer Arbeit" war nur durch die Überführung des wenigen vorhandenen Vermögens in die Kommunekasse, die staatlichen Beihilfen, die Unterstützung der Eltern, die unterschlagene Zukunftsvorsorge und die Mißachtung aller ökonomischen Verpflichtungen eines Betriebes gegenüber seinen Arbeitnehmern, den Berufsverbänden und dem Staat möglich. Doch dies alles zählte für den Kommunethoretiker Mühl nicht, er sah nur: "Niemand arbeitet mehr für Lohn oder in einer Berufsrolle, alle arbeiten innerhalb der Gruppe." [AAN76/2, S. 15]
Die chaotischen Wohnverhältnisse am Friedrichshof veränderten sich 1974 kaum. Auf knapp 100 Qadratmeter hausten oft bis zu 40 KommunardInnen und Gäste. Aus einer Dusche tröpfelte das Wasser, das WC - ohne Tür - war ständig besetzt und des öfteren verstopft, worauf ein bereitstehender Eimer gefüllt wurde. Die KommunardInnen nächtigten auf einer schlecht zu lüftenden Hochbettfläche. Matratze neben Matratze, nichts verhüllte die sexuellen Aktivitäten der KommunardInnen. Im Winter war es feucht und bitterkalt, im Sommer heiß bis zum Ersticken. Die Luft abgestanden, vermischt mit dem Geruch von Schweiß, Toilettenduft, Essensgerüchen und dem Dampf von 40 rammelnden KommunardInnen. Nachts, wenn alle nebeneinander tief und ruhig schlafend atmeten, der eine oder die andere schnarchte, war das leise Trappeln und Scharren von kleinen Ratten- und Mäusefüßen unüberhörbar [S,T].
Das Essen war oft unappetitlich und karg. Die KommunardInnen torkelten meist erst mittags vom Hochbett herunter. Bei etwas Kaffee kreiste zunächst die Wasserpfeife, der restliche Tag schleppte sich dahin zwischen Essen, aktionsanalytischem 'Druckablassen', mutlosen Ansätzen zu arbeiten und der ständigen Suche nach dem nächsten Joint. Wer etwas zu rauchen hatte, wurde zum Anziehungspunkt. Und da Mühl immer ein paar Gramm in der Tasche hatte, war er nur noch selten allein. Allmählich bildete sich ein fester Zirkel von Privilegierten um Mühl. Des öfteren fuhren sie nach Wien, um den miserablen Friedrichshofer Verhältnissen zu entkommen und in Otto Mühls alter Wohnung in der Praterstraße auszuspannen. "Aus der Kommunekasse wurde ordentlich eingekauft, gekocht, geraucht und den endlosen Monologen Mühls gelauscht". Mühl und sein Therapeutenzirkel
- ca. sechs bis acht Personen - arbeiteten nahezu nichts, "aber sie hatten überall etwas mitzureden" [S]
Im Juni 1974 besuchte ein befreundeter
Ethnologe die Kommune und zeigte einen Film über einen afrikanischen
Stamm, dessen geisteskranke oder hysterische Frauen bzw. Männer in
Anwesenheit des ganzen Stammes unter Trommeln und Tanzen ihren Gefühlsüberdruck
herausschleuderten. Diese archaische Sitte wurde wie eine Offenbarung angenommen,
da man sich ohnehin mit 'Stämmen' identifizieren konnte. Fortan wurde
die Aktionsanalyse auch vor der gesamten Kommune unter Trommeln und Schreien
der Zuschauer durchgeführt, während sich der 'Patient' in der
Mitte schreiend, brüllend und kotzend wand und Otto Mühl vom
Klavier aus therapeutisch kommentierte und leitete. Aus der Aktionsanalyse
wurde die "Selbstdarstellung vor der versammelten Kommune", und das von
nun an Abend für Abend. Mühl:
In diesem Sommer entstand am Friedrichshof ein Film über die Aktivitäten der Gruppe - "Kirschen in Papas Garten" Überwiegend nackt räkelten
sich die KommunardInnen - meist in Gruppen
agierend - am Klavier, während der Selbstdarstellung oder der Aktionsanalyse.
Bei einem Vortrag im Münchner Arri-Kino wurde dieser Film erstmals
vorgeführt. Ein Zuschauer urteilte damals:
Mitten in dieses räumliche und psychische Chaos wurden zwischen Juni 1974 und Februar 1975 vier Kinder am Friedrichshof geboren ([Namen]). Die Schwangerschaft wie auch die Geburt war für die meisten KommunardInnen ein wichtiges Ereignis, auch die ersten Wochen nach der Geburt wurde der kommuneeigene Nachwuchs - die Väter konnten nur vermutet werden - häufig bewundert. Den krassen Gegensatz zur "heiligen KF-Schwangerschaft" hatten die AA-Frauen nach Mühlscher Ideologie zu demonstrieren, indem sie selbst im hochschwangeren Stadium schwere körperliche Arbeit verrichten und auch bei Aktionsanalysen bzw. Selbstdarstellungen kaum Rücksicht auf ihren Zustand nehmen sollten. Bei der Geburt sollte das Kind unter Schreien und Brüllen herausgedrückt werden. Die Hebamme war einigermaßen schockiert. In einem zehn Quadratmeter großen Zimmer waren zwischen zehn und 15 Zuschauer anwesend, es wurde fotografiert und gefilmt. Nach der Geburt begann für die Mütter ein neuer Alltag mit anderen Sorgen. Die Säuglinge lebten mit 30-40
Erwachsenen eng zusammengedrängt auf
einer Fläche von 100 Quadratmeter. Sie schliefen nachts neben ihren
Müttern und den ständig wechselnden Kommunemännern auf dem
gemeinsamen Hochbett. Das bisherige Kommuneleben war in vielerlei Hinsicht
- fehlender Platz, unregelmäßige Ernährung, Tagesablauf,
Drogenkonsum etc. - erschwerend, um kindlichen Bedürfnissen voll gerecht
werden zu können. Hinzu kam, daß Mühl nicht viel mit kleinen
Kindern anfangen konnte. Die nötige Sensibilität, dauerhaft auf
deren Bedürfnisse einzugehen, fehlte ihm. So war die Rolle einer Mutter
innerhalb der Kommune, trotz aller ideologischer Absichtserklärungen
in den kommuneigenen Schriften, eher eine undankbare Aufgabe [T].
Exkurs: Die "AA-Parabel" - Landkarte fürs Psycholabyrinth
Der "große Therapeut Otto Mühl"
- er reihte sich freiwillig neben S. Freud und W. Reich ein [AAN77/2, S.
14] - entwickelte eine bizarre psychologische "Theorie der Aktionsanalyse",
letztlich eine Übertragung des uralten 'Himmel und Hölle'-Paradigmas.
Die linke Seite der Parabel entsprach der "schädigenden Kindheit in
der Kleinfamilie (cisnatal)", die rechte Seite der positiven, real existierenden
Utopie des AA-Kommuneparadieses ("transnatal"). Das "positive Liebesbedürfnis"
war das Geheimnis, das tief in allen Menschen begraben liegt. Gleich daneben
verschüttet liegt unser aller "Inzestwunsch" und dann bricht flackernd
und zuckend im "Geburtserlebnis" der "Kleinfamilienmensch" in uns zusammen.
Mühl:
"Die Aktionsanalytische Parabel zeigt die emotionellen Stufen, die der Selbstdarsteller im ganzen vom Anfang bis zum Ende der Aktionsanalyse durchläuft.
Körperliche Abwehr
... bedeutet zunächst Unempfindlichkeit des Körpers gegen die Berührungen des
Selbstdarstellungsleiters.
... ist identisch mit aggressivem Verhalten.
... ist als Widerstand gegen die Aktionsanalyse aufzufassen.
Emotionelle Abwehr
Auf dieser Stufe sagt der Kleinfamilienmensch vor allem nein. Er atmet verkrampft
und stockend. Er würgt das Atmen immer wieder ab. Er befindet sich in äußerster
Spannung, ohne sie darstellen zu können.
Aggressiver Ekel
Die durch den Selbstdarstellungsleiter in Bewegung gesetzten Emotionen bewirken
körperliche Reaktionen. Es kommt zum Erbrechen. Durch das Erbrechen kann der
Selbstdarsteller bereits sehr tief in seine Kindheit hinuntergelangen.
Depressives Weinen
Der Darsteller kann seine Emotionen nicht mehr kontrollieren. Er ist tieferschüttert.
Er sieht sich als Geschädigter. Er beginnt zu weinen.
Infantiler Hass
Den infantilen Hass zu zeigen, ist für den Kleinfamilienmenschen noch mehr verboten als das Weinen. Die Darstellung des infantilen Hasses gipfelt im Urmord. Es kommt zur blindwütigen Zerstückelung des Vaters und der Mutter. ("Ernst erledigte seinen Vater mit Kinnhaken, zertrümmerte ihm den Schädel mit einem Hammer, spaltete diesen mit einer Hacke, schnitt ihm mit einem Messer die Gurgel durch, indem er den Kopf seines Vaters weit zurückbog, hackte ihm alle Gliedmaßen ab, schnitt ihm den Schwanz ab, die große Zehe steckte er sich als Souvenir in die Hosentasche. Richard pfählte seine Mutter; sein Vater, an einen Baum gebunden, mußte zusehen. Schließlich machte er alles rückgängig und begann mit der Mutter zu ficken." [AAN74/3;
AAM76, S. 35-52])
Aggressives Liebesbedürfnis
Das Kind kommt gesund und ungestört zur Welt. Das Kind darf nicht durch einschränkende Verbote, Bevormundung, Überforderung, mit den Bedürfnissen des Kindes unvereinbaren Ordnurigsansprüchen... an seinem psychophysischem Wachstum gehindert werden. Die schwerste Beeinträchtigung des Kindes erfolgt durch die Unterdrückung, Verheimlichung seiner Sexualität.
Geburtserlebnis
Die Bauchdecke beginnt zu flackern, die Stimme, hoch und dünn, ist in ein quakendes Keuchen übergegangen. Der Darsteller hat die Beine angezogen, ein zappelndes, quakendes Baby. Er beginnt mit dem Mund zu saugen. Gleichzeitig macht er lustvolle Beckenbewegungen. Nach dem Geburtserlebnis sieht der Darsteller die Umwelt zum ersten Male unverzerrt, ohne Projektion.
Positives Liebesbedürfnis
Das positive Liebesbedürfnis ist ein Geheimnis, daß jeder Kleinfamilienmensch tief in sich begraben mit sich herumschleppt. Das positive Liebesbedürfnis ist das zentrale Bedürfnis des Menschen.
Überwindung der Eltern
Das Erkennen der Schädigung der Eltern, die Einsicht der eigenen Schädigung durch
die Eltern ist die Voraussetzung für die Überwindung der Eltern.
Entdeckung der Sexualität
Für viele ist es schwierig, diese positiven Körpergefühle anzuerkennen. In der Aktionsanalyse wird die positive Berührung über den ganzen Körper ausgedehnt.
Durchbrechung der Inzestschranke
In der Aktionsanalyse zeigt es sich, daß es keine KF-Tochter, keinen KF-Sohn gibt, die nicht mit dem Vater oder Mutter hätten ficken wollen. Inzestwünsche sind das Produkt der durch Sexualunterdrückung irregeleiteten Sexualität des Kleinfamilienmenschen.
Genitale Identität
Durch die Auflösung der Inzestschranke ist der Weg frei zur Orgasmusfähigkeit. Ein Zittern geht durch den Körper, es kommt zu einer energetischen Entladung, die nichts anderes ist als eine Auflösung aller psychophysischen Spannungspotenziale. Die Herstellung der Einheit von Hirn und Körper, die Versöhnung aller Zellen des Körpers. Wie das Geburtserlebnis ist der psychophysische Orgasmus eine Verjüngung, eine echte Wiedergeburt, ein schöpferisches Ereignis.
Soziale IdentitätZumindest die linke Seite der Parabel leuchtete den meisten KommunardInnen und Gästen ohne weiteres ein. So wurden "emotionale Abwehr", "aggressiver Ekel", "depressives Weinen" und "infantiler Haß" in sogenannten "Gruppenselbstdarstellungen" regelrecht trainiert. Die Gemeinde der Selbstdarstellungswilligen legte sich dicht gedrängt auf den Boden. Im Chor parabelten zehn bis 30 weitgeöffnete Mäuler und wild um sich schlagende Körper. Es kam schon mal vor, daß ein allzu eifriger Nachbar im infantilen Haß - bei geschlossenen Augen - seinen ebenfalls in der Parabel versunkenen Kollegen in die Seite traf. Bisweilen spritzte das Ergebnis des aggressiven Ekels auch nicht nur in die Schüssel [A], Euphorisch berichtet 1976 die Selbstdarstellungsleiterin T. S. - damals Erste Frau (zur Hierarchie vgl. das entsprechende Kapitel S. 114ff) - von einer derartigen Massenselbstdarstellung:
Wer genitale und soziale Identität gewinnen will, muß sein Eigentum an Menschen und Dingen aufgeben. Er wird dafür Bewußtsein eintauschen. Bewußtsein bedeutet, daß ich alle Menschen in meiner Existenz einschließe, genital und sozial." [AAN75/1;
AAM76, S. 52-66]
"Die SD beginnt mit der Darstellung der körperlichen Abwehr. Ich fordere die Teilnehmer auf, sich zu verkrampfen, den ganzen Körper, Arme, Beine, Bauch, Gesicht, Grimassen schneiden, die Aggressionen nicht sofort herauslassen, sondern zurückhalten und dann herausquetschen, absichtlich ganz gepresst, sich am Boden winden. Manche kommen bei dieser Übung bereits in den aggressiven Ekel, sie spreizen die Finger von sich weg, das ganze Gesicht zieht sich zusammen, die ersten müssen sich schon übergeben. Ich fordere jetzt alle auf, die Aggressionen herauszuschreien mit erhobenen Armen, viele können das gar nicht, sie haben Angst, ausgeliefert zu sein. Das Schreien wird immer lauter, ich kann nur mehr mimische Anweisungen geben, meine Stimme ist in diesem Inferno nicht mehr zu hören. Alle 15 Teilnehmer der Gruppenselbstdarstellung stellen die emotionelle Abwehr und den
aggressiven Ekel dar. Manche kommen schon tiefer in die Darstellung hinein, sie beginnen zu weinen, legen sich auf den Boden, bei vielen bricht bereits der infantile Hass durch. Es sind 30 Minuten vergangen, ich gehe zu jedem einzelnen und ermutige, weiterzumachen. Das Schreien ist übergegangen in Weinen, Wimmern, in die Darstellung des aggressiven Liebesbedürfnisses. Es liegen jetzt alle am Boden, der ärgste Druck ist abgelassen." [AAN 3/76, S. 25-26]Während die Gäste - nach herrschender Meinung der Friedrichshofer - meist nur zur Darstellung der "emotionellen Abwehr", des "aggressiven Ekels" und bestenfalls des "depressiven Weinens" fähig waren, war die Darstellung des "infantilen Hasses" bereits ein großer Beweis von "Bewußtsein". Nur wer entsprechende "Krankheitseinsicht" auch im Alltag zeigte, war fähig, "so tief in die eigene Kindheit" einzutauchen. Die Entdeckerin des "infantilen Hasses" bzw. des "Urmordes" war die damals 24jährige Claudia W. im Jahre 1974. Otto Mühl erzählt:
"Als Claudia in die Kommune kam, litt sie unter starken Spannungen, die oft zu schweren Depressionen führten. Sie kam sich wie ein 'Dreckhaufen' vor, fühlte sich mißachtet, sie fühlte sich minderwertig, sie wollte keine Frau sein. Sie lag mit Weinkrämpfen im Bett, sie konnte nicht aufstehen, sie war arbeitsunfähig. Claudia war bezeichnenderweise die erste, die den Urmord in die Selbstdarstellung einführte. 'Ich will auch ein Mensch sein', schrie sie, richtete sich aus dem Liegen auf. Ihr Körper zitterte vor Wut und Erregung. Sie griff, auf dem Bett kniend, den Oberkörper aufgerichtet, nach vorne, spreizte die Finger und bekam offensichtlich den Vater am Halse zu fassen. 'Du alte Drecksau', brüllte sie. Dabei krampfte sie langsam ihre Finger zusammen, warf ihn tot zu Boden und schlug wie besinnungslos auf ihn ein. 'Du altes geiles Schwein.' Sie trampelte mit den Füßen auf ihm herum. Ich war aufs äußerste erstaunt und fasziniert. Ich hatte noch nie eine Darstellung von solcher Kraft und Gewalt erlebt. Gleichzeitig war ich über dieses Ereignis sehr erschüttert. Ich hatte Tränen in den Augen." [AAN74/3; AAM76, S. 42]Claudia setzte ihre Analysen - häufig auch ohne ihren 'Therapeuten' - fort. Es gelang ihr, immer "mehr emotionale und körperliche Schranken zu überwinden". 1974 beschrieb sie eine Analyse:
"In dem Moment reckte es mich so, daß ich kotzte und gleichzeitig dünn in die Hose schiß. Zuerst hatte ich das befreiende Gefühl, Dreck loszukriegen, dann war mir die Scheiße in der Hose peinlich. Ich schiß noch in die Schüssel, unter viel Angst und Geilheit, legte Papier drüber, daß es keiner sehen konnte, der reinkam, kotzte wieder die ganze Mutterablehnung heraus, legte mich hin und schrie." [AAM76, S. 87]Nicht nur in der Analysebox bzw. in der Selbstdarstellung, sondern auch im Alltag war die Parabel 1974-1977 ein wichtiger Maßstab der persönlichen "Entwicklung". Vor allem die Mitglieder der neu gegründeten Kommunen eiferten ihren Vorbildern am Friedrichshof eifrig nach. Eine Kommunardin schrieb 1975:
"Ich habe das Gefühl, daß ich weiterkomme, meine schlimmste körperliche Schädigung ist im Moment mein Hals, der ist also derartig steif, ja und ich konnte früher
nicht kotzen, bei den Selbstdarstellungen früher ging es nur, wenn ich mir meine Finger in den Hals steckte. Wenn ich jetzt eine Selbstdarstellung mache, geht es so, wenn ich daliege und atme, da kommt es mir einfach hoch. Wenn ich die Atmung verstärke und die Zunge weit raus nach unten strecke, dann quill ich über, es brodelt aus mir raus, sie, meine Mutter. Auch im Alltagsleben beginnt bei mir der aggressive Ekel durchzubrechen. Fast nach jedem Essen wird mir schlecht, mir ist fast dauernd schlecht, ich merke auch, wie ich mich krank mache. Und überhaupt bin ich körperlich bewußter geworden." [AAN75/6, S. 9]Otto Mühl selbst begab sich zum damaligen Zeitpunkt selten in die Selbstdarstellungsmitte, auch die Aktionsanalyse war ihm als Akteur fremd. Meist saß er außerhalb der im Kreis sitzenden KommunardInnen am Klavier und leitete mit klugen Kommentaren die Selbstdarstellung. Die Blöße, im "Schrei- und Kotzkrampf" in der Mitte zu versagen, gab er sich nicht [S]. Durch seine "jahrelange Selbsttherapie als Aktionist" war er bereits "gesünder" als die anderen KommunardInnen. Denn
"... je mehr Spannungsdruck da ist, desto tiefer muß notgedrungen die Selbstdarstellung ausfallen. Großer Druck entspricht der Erlebnistiefe. Wer tiefe Gefühle hat, ist schwer geschädigt. Wer es jedoch als Erwachsener schafft, ständig seine Energien positiv und umfassend abzugeben, braucht kein Geburtserlebnis. Der gesunde Mensch ist fähig, seine Energie ununterbrochen in Arbeit und Kommunikation mit anderen Menschen abzugeben." [AAN77/3, S. 38]
1975-1978: Von der AA-Kommune bis zum Scheitern der Aktions-Analytischen Organisation (AAO)
Von der AA-Kommune zur AAO (1975)
Was als "Intensivkurs" 1974 begonnen hatte, setzte sich nun als "Kommunelehrgang" fort. In aller Eile wurde im Frühjahr 1975 der ehemalige Getreidespeicher - genannt "Schüttkasten" - bewohnbar gemacht. Dort entstanden der zukünftige Selbstdarstellungsraum und die Schlafräume für die "Kursbesucher". Die Gästeunterkunft bestand aus einer Fläche von 50 Quadratmeter asphaltiertem Boden und zwei, drei ausgedienten Bundeswehrschränken - Kommunestandard. Kein Bild, keine Blumen, kein Teppich, nicht einmal Matratzen. 'Toiletten' gab es im Freien, bzw. wer die Landschaft nicht verschandeln wollte, der benutzte das Klo der Kommune. Dies war für einen "abgepanzerten KF-Menschen" nicht ganz einfach: Keine Tür, meist im leicht gezwungenen Gespräch mit anderen wartenden Notdurft-suchenden, war der "Bewußtseinsunterschied" zu den locker ihr täglich(-öffentlich)es Geschäft verrichtenden KommunardInnen besonders deutlich.
Trotz der katastrophalen Unterkünfte
kamen viele Interessierte und blieben für die Dauer ihres "Kommunelehrgangs"
oder länger. Etwa 450 Therapie und/oder alternatives Leben suchende
Twens - teilweise sogar Teens - teilten im Sommer und Herbst 1975 den Alltag
der AA-KommunardInnen. Ziel der Kommunelehrgänge war laut AA-Nachrichten
"die Bewußtseinserweiterung, die Bewußtseinsveränderung des Kleinfamilienmenschen. Was erreicht werden soll, ist die Entwicklung des AA-Bewußtseins, das zum Leben in einer Gruppe mit freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum fähig macht." [AAN75/6, S.31]Etliche Teilnehmer der Lehrgänge bzw. "Gäste" verließen nach wenigen Tagen - bzw. auch Stunden - manchmal enttäuscht, manchmal erzürnt, manchmal erschrocken den Friedrichshof. Wer blieb, mußte seine Psyche in Aktionsanalyse und Selbstdarstellung entblößen, in "dargestellter" bestialischer Wut Vater und Mutter ermorden, den sexuellen Ekel sowie Zweierbeziehungsfrustrationen in die überall bereitstehenden Schüsseln ergießen und die sexuelle Freiheit durch einen 'Striptease' vor der Kommune demonstrieren. Viele genossen die Pionierstimmung, die gemeinschaftliche Aufbauarbeit und die gemeinsamen Nächte auf dem Matratzenlager. Mühl schrieb Ende des Jahres begeistert:
"Im Sommer 75 machten an die 500 Gäste und Kommunarden im Schüttkasten ihre Selbstdarstellungen. Es war ein großes nicht abreißendes Fest der Bewußtseinsveränderung. Hunderte schnitten sich die Haare als Symbol des Abschiedes vom Kleinfamiliendenken." [AAN75/6, S. 26]
Der Vater eines Kommunarden, der im Winter
1975 den Friedrichshof besuchte, schildert die damaligen Verhältnisse
und die "Bewußtseinsveränderung" seines Sohnes:
"Als wir in Eis und Schnee 1975 im Hauptquartier der Kommune eintrafen, die damals nur aus einem verkommenen Bauernhof und einem Schuttkasten mit Schweinestall bestand, hatte Otto Mühl für meine Frau das blumige Kompliment 'Du, mit deinen von Geilheit triefenden Augen, gäbest für uns die beste Puffmutter ab', während ich von einer Kommunardin mit den Worten 'Hast du keine Lust auf junges Gemüse' in einer gewissen Körpergegend betastet wurde. Ein gewisser O. kniete vor meiner Frau nieder, fuhr ihr unter dem Rock, mit der Hand einen Oberschenkel hinauf und leckte ihr das Gesicht ab Anschließend wurde ein großes 'happening' der zu jener Zeit kahlköpfigen Bande veranstaltet, das mit einem wilden Trommelkonzert eingeleitet wurde. Vorher hatten wir bereits Wandtafeln entnommen, daß die Kleinfamilie (KF) das größte aller Übel sei. Auch hatten wir gehört, daß der Haß gegen die Eltern, die für das gestörte Verhalten der Kommunarden verantwortlich seien, geschürt werden müsse und zwar bis zum symbolischen Vater und Muttermord.
Nach einer langen musikalischen Trommeleinleitung wurde unser Sohn aufgefordert, in die Mitte des Kreises zu treten und 'es seinen Eltern zu zeigen'. Obwohl er zunächst nicht wollte, waren doch das Geschrei der Kommunarden und die autoritäre Stimme Mühls stärker als seine Hemmungen. Nach monatelanger Gehirnwäsche versetzte sich Werner in eine Art Trance-Zustand, wahrend dessen er sich den Pullover vom Leib riß und in Schweiß ausbrach. Er beschimpfte uns höhnisch und wild und rief mir schließlich zu: 'Ich fick dich in den Arsch, du schwules Schwein', während meine Frau mit den Worten 'Ich fick dich in den Arsch, du Sau!'' bedacht wurde. Während mir vor Schreck die Pfeife aus dem Mund fiel, brach meine Frau in einen Weinkrampf aus, der von starkem Kniezittern begleitet wurde Die Glatzköpfigen aber klatschten begeistert und riefen im Chor 'Bravo, bravo'.
Um dem happening' einen versöhnlichen Ausgang zu geben, wurde W. schließlich aufgefordert, seine Eltern zu umarmen, was er auch tat.T. S. trocknete meiner Frau mit ihrem schmutzigen Hemd, das aus ihrer Hose heraushing, die Tränen ab und erklärte, daß sie sich solche Eltern wie wir wünsche, die den Mut aufbrächten, sich der Kommune zu stellen. Ihr Vater, das Schwein, sei niemals in die Kommune gekommen. Die Nacht verbrachten wir auf Brettern im Schweinestall, da wir im Schneesturm über den verwehten Feldweg steckengeblieben waren. Am nächsten Morgen vor unserer Rückfahrt ließ man uns keinen Moment mit unserem Sohn allein. Das 'happening' hatte uns gezeigt, daß er völlig unter dem Bann Mühls stand. Nach seinem großen Auftritt trottete er wie ein verlorenes Schaf hinter den anderen her und wagte es nicht, sich uns zuzuwenden " [STA88] (Auch wenn der Vater die eigenen Erlebnisse ironisch distanziert zu schildern vermag, so waren solche Erfahrungen für alle Eltern meist äußerst tragisch.)
Kommunen zu einer Groß-Kommune mit 60 Mitgliedern in Berlin. Die frischgebackenen KommunardInnen 'überwanden' ihre "Kleinfamilienvergangenheit": Sie verließen ihre Zweierbeziehungen, brachen Studium bzw. Schule ab und gebärdeten sich im Kontakt mit Eltern, Verwandten, Freunden und Kollegen "aktionistisch" oder "selbstdarstellerisch", wie sie es am Friedrichshof gelernt hatten.
Die Entstehung der Kommunen war stets gleich.
Eine bestehende Wohngemeinschaft oder ein alternatives Kollektiv erweiterten
sich um kennengelernte Kommunelehrgangsteilnehmer und Freunde. Ein Kommunarde
berichtet:
"Dies ist erstmal noch die alte Wohngemeinschaft, die geschlossen den ersten Kommunelehrgang am Friedrichshof besuchte. Die Gruppe wird ständig größer, bis wir ca. 15 Leute in der 5-Zimmer Wohnung sind. Wir richten uns einen Selbstdarstellungsraum ein - mit Schallisolierung - und führen jeden Abend SD durch. Es fiel uns nicht schwer auf Zweierbeziehungen, Außenbeziehungen, Berufsleben und Privatbesitz zu verzichten, denn es gab etwas Lohnenswerteres zu bekommen, die AA Lebenspraxis. Das Einhalten der AA-Pnnzipien habe ich von vornherein gefordert. Alle stimmten zu und diese klaren Voraussetzungen waren eine große Erleichterung für uns." [AAN75/6 S. 4+7]Der Abschied von der ("Kleinfamilien-") Vergangenheit wirkte häufig wie mit dem Brecheisen erzwungen. Der Schlafraum bestand nur aus Matratzen und Betten, der Selbstdarstellungsraum aus Sitzgelegenheiten und Kotzschüsseln, der Eßraum aus Tisch und Stühlen, bestenfalls klebten einige AA-Poster an den verlassenen Wänden: funktionale Einrichtung, nur ja kein Beiwerk, keine Zierde. Die Kühle der Ideologie zeigte sich auch in der kahlen Raumgestaltung Eine Kommunardin damals:
"Mein Zimmer hing voll mit Ernnerungsstücken, Bildern von Freunden, Teppichen aus Indien, romantischen Gedichten, ich lebte in einer Traumwelt. Jetzt werden nur noch Sachen gekauft, die für die Kommune notwendig sind. Früher hatte jeder sein eigenes Zimmer, einen eigenen Schrank und eigene Kleider. Jetzt sind alle Zimmer und Schränke nach funktionalen Gesichtspunkten eingerichtet und jeder kann alles benutzen. Wir wollen uns nicht mehr modisch unterscheiden durch Haartracht oder Kleider. Die Zimmer brauchen nicht mehr schön auszusehen, es kommt drauf an, daß möglichst viele zusammen schlafen können." [AAN75/6 S 8]
"In der Kommune kommt alles ans Licht. Durch die Analysen, Selbstdarstellungen und durch die freie Sexualität sind wir inzwischen so weit gekommen, daß sich eigentlich keiner mehr hinter seinen alten Masken und Rollen verstecken kann. Wer das selber noch nicht gemerkt hat... wird in den Selbstdarstellungen von der Gruppe entlarvt." [AAN75/6, S. 5]Es kam darauf an, jegliche "Ersatzbefriedigung" zu vermeiden, nur Arbeit, Therapie und Geschlechtsverkehr waren gestattet. Schon bald war der Verzicht auf alles "kleinfamiliäre, bürgerliche" zur täglichen Selbstverständlichkeit geworden.
"Wir haben uns am Anfang strenge Regeln gesetzt, indem wir auf Ersatzbefriedigungen verzichten - Kino, Fernsehen, Theaterbesuche, Kneipen etc. - die von einigen Kommunarden als Zwang empfunden oder als zu künstlich und aufgesetzt kritisiert wurden. Heute empfindet das niemand mehr als Zwang, keiner hat noch Lust, alleine wegzugehen, und bei den meisten Kommunarden sind auch die Existenzängste verschwunden." [AAN75/6, S. 5]Trotz (oder gerade wegen?) dieser Reinigung des Alltags von Ersatzbefriedigungen und der Einhaltung der Kommuneregeln litten viele KommunardInnen unter Depressionen, Streitereien häuften sich, die sexuelle Potenz brach angesichts der 'befreiten' Sexualität zusammen. Eine Kommunardin schilderte die Situation in den AA-Nachrichten:
"Unsere Krankheit wird uns mehr und mehr bewußt. Eifersucht, Konkurrenz, Depressionen und Aggressionen machen uns zu schaffen. Wir reden fast nur mehr von unserer Krankheit. Einzel- und Gruppenselbstdarstellungen sind sehr wichtig. Es gibt starke Spannungen zwischen Männern und Frauen. Viele werden sogar impotent." [AAN75/6 S. 11]Angesichts der von Zweierbeziehung und Liebe 'befreiten' Sexualität war es nur verständlich, daß vielen neu einziehenden, ja selbst langjährigen Kommunarden oftmals das an der entsprechenden Stelle nötige Blut für den erfolgreichen Vollzug des Koitus fehlte. Bei den Frauen war das Versagen zwar nicht so offensichtlich feststellbar, das 'Augen zu'-Prinzip wurde aber auch von ihnen verzweifelt oft angewandt. Zwar bedurfte es jetzt nur noch der Frage: "Gem'ma budern?" (AA-Wienerisch) oder manchmal nur einer Handbewegung, um einen Geschlechtspartner fürs Bett zu gewinnen, im Bett selbst erwies sich der Anspruch, "mit allen gleich guten sexuellen Kontakt zu haben", jedoch häufig als Weichmacher der männlichen Potenz. Ein Frankfurter Kommunarde beschrieb 1975 seine Erfahrungen:
"Dufte finde ich es natürlich, jede Nacht mit einer neuen Frau ins Bett zu steigen, ohne langes 'drum-herum-Gerede'. Das ging früher nie, sondern man mußte sich erst 'kennenlernen' durch ein Gespräch, durch lange Diskussionen bei einer Tasse Tee oder bei einem Spaziergang in der Natur. Die Folge der freien Sexualität war, daß ich total impotent wurde. Das erste Mal, als ich mit einer Frau aus der Frankfurter Gruppe ficken wollte, rührte sich bei mir nichts. Totaler Schweißausbruch, dann totale Gelassenheit. Noch maß ich meiner kleinen Schwäche keine besondere Bedeutung zu, doch die nächsten Nächte zeigten, daß es kein einmaliger Vorgang war. Nacht für
Nacht war ich total lustlos, wollte nur schlafen und mußte mich zu jeder Berührung zwingen. Ich wurde mir langsam über meinen Frauenhass klar und langsam kam auch die Geilheit zurück. Es begann damit, daß ich mich in U. verliebte und unter dem Deckmantel der Liebe mal wieder so richtig abspritzte. Jedoch merkte ich bald: je mehr ich mich in U. verliebte, desto mehr schloß ich die anderen Frauen aus. U. ist genau mein Typ. Bei ihr brauche ich keine Angst zu haben, ich liebe ihren Körper usw. Naja, widerwillig wurde mir emotional klar, daß auch die Verliebtheit eine verschleierte Form des Frauenhasses ist." [AAN75/6, S. 8]Zwar war mit der Ächtung der Zweierbeziehung und der gemeinsamen Sexualität sowohl die Suche nach sexuellen Partnern unnötig geworden als auch die Beziehungsbrisanz entschärft. Gleichzeitig wurden mit diesem Schritt jedoch Verliebtsein, Leidenschaft, Schwärmerei etc. als irrational eingestuft, ja als Krankheitssymptome verdammt. Der Arzt und Psychiater Jerome Liss bemerkte nach einem Besuch am Friedrichshof:
"Ich war am Friedrichshof überrascht, weniger offene, körperliche Zärtlichkeit zu finden als ich erwartet hatte. Man sieht, wie sich ab und zu zwei umarmen und 'ausgreifen', aber ich habe nie gesehen, daß diese Gewohnheit auch in der Gruppenöffentlichkeit aufrecht erhalten wurde." [PC77, S. 95]Schuld an der Impotenz vieler neuer Kommunarden gegenüber den Wiener KommunardInnen war teilweise auch das Bild der weiblichen Sexualität, welches Mühl propagierte und welches den KommunardInnen am Friedrichshof durch den häufigen Verkehr mit diesem bereits in Fleisch und Blut übergegangen war. 1975 beschrieb die damalige Erste Frau, was als "geil" betrachtet wurde:
"Wir werden nicht der Frau zuliebe auf den kräftigen Männerschwanz für unser kräftiges, geiles, saftiges Loch verzichten, wir wollen ihn nicht haben, aber wir brauchen ihn. Das müssen wir uns merken! Er soll ihn uns hineinstecken, wir wollen den kräftigen Körper des Mannes spüren, und wir werden weit unsere Beine auseinander spreizen und ihn uns gierig hineinhauen lassen. Ja so wild sind wir. Ja, wir wollen ihn empfangen, ihn in uns hineinsaugen und ihn nach Herzenslust mit unserem konvulsisch zuckenden Schlauch kneten, bis wir von Sinnen kommen. Und er soll in unserer Umarmung, indem er fest seinen Körper an uns presst, spüren, daß er eins mit uns sein darf." [FF76/1, S. 12]Das Sexualverhalten der Friedrichshofer Frauen war nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis entsprechend offensiv bis aggressiv und wirkte auf manchen unbescholtenen Kleinfamilienmann wie ein sexueller Genickschuß. Man sieht, der Anspruch, "zu allen gleich guten sexuellen Kontakt" herzustellen und dauerhaft zu installieren, war für viele durch die damit einhergehende 'Befreiung' von Liebe und Zärtlichkeit ein neuartiger Zwang.
Damit Sexualität wie die täglichen Mahlzeiten zur Verfügung stehen konnte, war es außerdem notwendig, daß sich niemand in der Kommune über längere Zeit hin der freien Sexualität entzog. Wer über mehrere Tage sexuell abstinent bleiben wollte, sich mehreren Geschlechtspartnern verweigerte, der wurde zum Gruppenproblem. Da "Geilheit" den Menschen kennzeichnete
und diese nur durch die Kleinfamilienerziehung
unterdrückt war, erschien jedes Gruppenmitglied, das längere
Zeit keine Lust hatte, als krank. Der Soziologe Patrick Schneider meinte
dazu:
"Nicht die dadurch entstehende Gruppensituation wird zum Problem gemacht, sondern dem Außenseiter wird nahegelegt, sich dem heilenden Bad einer Selbstdarstellung zu unterziehen. Die daraus resultierende Erschöpfung löst auch meist den Wunsch aus, Anlehnung zu suchen, und integriert auf diese Weise den Abtrünnigen wieder in die sexuelle Gemeinschaft." [PC77, S 30]Der starke Leidensdruck, den fast alle KommunardInnen anfangs empfanden und der bei vielen zu existentiellen Krisen führte, wurde als notwendiger Schritt auf dem Weg zur Gesundung angesehen. Das Leid ("Krankheitseinsicht") war Teil des Reinigungsprozesses und in der Gegenwart zu bezahlender Preis für die zukünftige Erleuchtung der "sozialen und genitalen Identität". Gemäß dem alten Grundsatz: "Wo lange gelitten wird, muß das Glück nachher am größten sein." Da die AA-Prinzipien des Kommunelebens nicht kritisiert und höchstens durch Mühl selbst verändert werden konnten, die Vergangenheit dagegen allen Müll und Frust aufnehmen durfte, wurden auch die gegenwärtigen, erst durch den Kommunealltag und die räumliche Enge entstehenden Ängste und Frustrationen der KommunardInnen in die Kindheit umgeleitet. Trotz aller Bekenntnisse zur "gemeinsamen Lebenspraxis" und der sehr hohen Leidensbereitschaft wurden doch viele KommunardInnen immer wieder von nagenden Zweifeln und Ängsten heimgesucht. Die Selbstdarstellung und die freie Sexualität wurden als Pflicht erlebt, die absolviert wurde, um dem Gruppendruck zu entgehen. Aber die meisten wollten ihr heiliges Ideal - das Gruppenleben - verwirklichen. Alle emotionalen Schmerzen, die instinktive Ablehnung ideologischer Starre und die logischen Denkfehler wurden für dieses eine Ziel hingenommen Ein Kommunarde schrieb:
"Das Schwierigste bei der Selbstdarstellung ist zu begreifen, daß ich sie brauche, und daß sie gut für mich ist. Die ganze Zeit über, ist mir klar. Selbstdarstellung ist ein gutes Mittel um gesund zu werden. Ich habe Angst, will meine alte Rolle weiterspielen und das kommt bei der Selbstdarstellung heraus. Ich habe Angst vor dem Selbstdarstellungsabend und Angst vor jeder Kommunikation. Wie die freie Sexualität, ist auch die Selbstdarstellung wie Hausaufgaben machen. In dem Gefühl, daß irgendjemand von mir verlangt, daß ich zeige, daß ich lernen will, trete ich widerwillig an, weil ich vermeiden will, daß ich Angstgefühle kriege, meine Pflicht nicht erfüllt zu haben. Bei der Weise wie wir zusammen leben, wirken sich alle Depressionen, Gefühle und Probleme des einzelnen sofort belastend auf die Gruppe aus. Wir machen Aktionsanalyse oder Selbstdarstellung und zwingen uns zu positivem Verhalten im Alltag, weil wir uns als Gruppe gut fühlen und diese Gruppe erhalten wollen. Wir haben ein Ziel und einen Grund für den wir uns ändern, die Gruppe, das befriedigende soziale Leben " [AAN7S/6, S 10]
etwas Geld in die chronisch schwache Gemeinschaftskasse
floß, sie wurden dadurch in ihrer Überzeugung bestärkt,
das Patentrezept einer neuen Kommunegesellschaft gefunden zu haben. Sie
waren die Pioniere einer "WorId-Commune-Organization (WCO)" mit Otto Mühl
an der Spitze und den KommunardInnen der ersten Stunde als FürstInnen
der schönen neuen Welt. Voller Sendungsbewußtsein suchten sie
nach neuen Möglichkeiten, den "KF-Menschen" ihre Kommuneideale nahezubringen
Es wurde ein "Außenarbeitskomitee", auch "Bewußtseins- Verbreitungs-Arbeitsgruppe
(BV-AG)" genannt, gebildet, der AA-Verlag gegründet, Vortragsreisen
("Tourneen") initiiert etc. In den AA-Nachrichten wurde gemeldet:
"So waren wir im September auf der Frankfurter Buchmesse gewesen und haben als neues Element in unserer Außenarbeit mit Vorträgen und Selbstdarstellungen vor Publikum begonnen und unseren Film gezeigt. Zwei Vortragsreisen unternahmen wir im Herbst. Durch diese Reisen und die AA-Nachnchten wurde die AA Kommune international ein Begriff." [AAN75/6, S 26]Wer sich näher für die AA-Kommune interessierte, wurde zu Therapie-Wochenenden - sogenannten "SD-Marathons" - eingeladen. Die "Marathongäste" nahmen für zwei bis drei Tage am Leben der jeweiligen AA-Kommune teil. Offen erklärtes Ziel war es, die Gäste zur Buchung eines Kurses am Friedrichshof zu bewegen und neue Mitstreiter zu gewinnen.
Sicher waren die exotischen Weltverbesserer
mit ihren Latzhosen, der "AA-Glatze", ihren fanatisch vorgetragenen Kommuneidealen
und den auf totale Geilheit geeichten Verhaltensmustern aufsehenerregend.
Ein Teil der links-alternativen Jugend war von ihrem Auftreten begeistert
oder beeindruckt. Der weit größere Teil war jedoch von dem dogmatischen
Auftreten und der offensiven Werbung neuer KommunardInnen abgestossen.
Viele, die durch die Abwanderung eines Freundes, einer Genossin etc. betroffen
waren, schlossen sich zusammen. Mit Flugblättern, Streitschriften
und Aktionen reagierten Mitglieder von Frauen- und Männergruppen,
linken Splittergruppen aller Art, Psychogruppen, Kooperativen. Bei den
Vorträgen flogen des öfteren Eier, Tomaten, Erdnußtüten
etc. So wurde in den AA-Nachrichten berichtet:
"Claudia begann über die Unterdrückung der Frau in der Kleinfamiliengesellschaft zu reden, plötzlich brachen einige Frauenrechtlerinnen ein und sangen mit hoher krächzender Stimmer über die homosexuellen Frauen, dann schmissen sie Stinkbomben, der üble Gestank von Buttersäure durchdrang den Hörsaal " [AAN75/6, S.16] Mancher ließ sich auch zur körperlichen Gegenwehr provozieren: "Bernd sprach den Zeitungsleser an, er redete ungeschickterweise von dessen Aggressionen ... worauf der aufsprang, Bernd eine scharfe Watschen gab und ihn laut brüllend als Faschisten beschimpfte " [AAN76/2, S.17]
waren begeistert: "Was für eine Werbung!" So würden sie noch viel mehr Menschen erreichen, mehr Gäste, Kurseinnahmen, mehr Kommunen. Die "Bewußtseinsarbeit" würde die körperliche Arbeit in Tischlerei, Transport usw. ablösen, alle würden "Bewußtseinsverbreiter" werden ... Sie waren fest davon überzeugt, daß eine Berichterstattung in jedem Fall positiv ausfallen mußte. Der viel geschmähte Aktionist Mühl war stolz, der oft provozierten österreichischen Öffentlichkeit sein neues "Kunstwerk" präsentieren zu können. Vom ewigen 'Wichtel'-Provokateur zum Schöpfer einer zukunftsträchtigen Kommune. Endlich würde ihm die so oft versagte Anerkennung zuteil werden, die lang ersehnte gesellschaftliche Karriere konnte beginnen.
Als der Film am 13. November 1975 gesendet
wurde, war Mühl gerade auf "Tournee" durch Deutschland. Die KommunardInnen
am Friedrichshof fanden den Film anfangs ganz gelungen, obwohl sie "als
psychopathische Aussenseiter, die trotz freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum
das Lachen verlernt haben" [AAN76/1, S.18] geschildert wurden. Das Erwachen
kam erst, als die Presse und die Fernsehzuschauer mit Empörung reagierten:
"Sauerei im Burgenland!" Die Folgen waren:
Mühl war durch die negative Reaktion
der Öffentlichkeit gekränkt, lapidar stellte er fest, "daß
diese Angriffe aus der Gesellschaft notwendigerweise einmal kommen mußten."
[AAM76, S. 56] In einer eigens einberufenen Pressekonferenz wurde u.a.
bemängelt, daß die Namensvergabe durch die Presse - nämlich
'Mühl-' oder 'Otto Mühl-Kommune' - falsch sei. Da Mühl in
seiner weiteren Analyse zu dem Schluß kam, daß an all den Aufregungen
mit Presse und Behörden vor allem der Begriff 'Kommune' Schuld sei,
wurde in den AA-Nachrichten eine Namensänderung erörtert. Mühl:
"Um den negativen Projektionen mit dem der Begriff der Kommune beladen ist zu entgehen und weil wir außerdem glauben, daß die Zeit für Kommunen endgültig vorbei ist, vermeiden wir diesen Namen. Wir heißen ab jetzt nicht mehr AA-Kommune, sondern die AA, wir sprechen im Gegensatz zur Kleinfamiliengesellschaft KFG von der AA-Gesellschaft bzw. AAO... Die AA-Kommune Friedrichshof wurde inzwischen zum europäischen AA-Zentrum." [AAN76/1, S. 2]Nach all diesen Aufregungen in November brannte zu allem Überfluß ein Monat danach im Erdgeschoß des Schüttkastens der Stall aus, Kinder von Gästen hatten gezündelt. 80 Ferkel und 2 Kühe verkohlten in den Flammen. Trotz dieses Schicksalsschlages und der kritischen Reaktion der breiten Öffentlichkeit ging die AA-Kommune - vielmehr jetzt AAO (Aktions-Analytische Organisation) - gestärkt in das nächste Jahr. Immerhin waren etwa 450 Gäste am Friedrichshof gewesen, einige von ihnen waren am Friedrichshof eingezogen, und zwei neue Kommunen mit insgesamt knapp 100 KommunardInnen waren in Genf und Berlin entstanden. Ende 1975 "umfaßt die AAO über 150 Mitglieder zusammen mit den AA-Gruppen Wien, Berlin und Genf." [AAN76/1, S. 25]
Ausbreitung der AAO (1976)
"Im Jänner 1976 findet am Friedrichshof
der erste Internationale Kommunekongreß (Wien, Berlin, Genf) statt.
Wir begründen das Internationale Gemeinschaftseigentum zwischen allen
AA-Gruppen." [AAM76, S. 7] Das "internationale Gemeinschaftseigentum" war
ein Glücksfall für die Friedrichshofer Kommune, denn der totale
Bankrott stand kurz bevor. Die Erlöse aus dem Verkauf des Privateigentums
der KommunardInnen waren verbraucht, die Gelder von Eltern und Staat flossen
spärlicher, die Einkünfte der wenigen in Wien arbeitenden KommunardInnen
reichten nicht aus. Der Ausbau des Friedrichshofes verschluckte viel Geld,
es gab niemanden, der die Finanzen der Gruppe im Griff hatte.
Das "internationale Gemeinschaftseigentum" bedeutete, daß die Berliner und Genfer KommunardInnen ihr Vermögen und ihre überzähligen Einkünfte aus monatlicher Arbeit an die Friedrichshofer Kommune überweisen sollten. Dort sollte ein "gemeinsames Kurszentrum" entstehen, von
dem schließlich jeder Kommunarde durch regelmäßige Aufenthalte profitieren wurde Besonders willig waren die Abgesandten der Kommunen nicht, und so benötigte es stundenlanger Überredungsarbeit durch Mühl. Am Ende hatte er es geschafft, zögernd stimmten die Vertreter der Berliner und der Genfer Kommune der Gründung des "internationalen Gemeinschaftseigentums" zu. Dieses wurde natürlich nicht von den neu hinzugestoßenen KommunardInnen, sondern von der unangefochten akzeptierten Zentrale organisiert. Und so floß neues Geld in die leeren Kassen der Friedrichshofer Kommune, Abrechnungen über die Verwendung der Gelder gab es bedingt durch kaufmännische Unfähigkeit nicht.
1976 schlossen sich mehrfach ganze Kollektive
beinahe vollzählig der AAO an: die 'Bremer Kooperative', das Redaktionskollektiv
der 'Kieler Fresse', die 'Nürnberger Nachbarschaftshilfe', die 'Moos-Kommune',
der 'Hamburger Schwarzmarkt'. Provozierend bezeichnete sich die AAO als
die "zur Zeit größte Kollektivorganisation der Welt". Die Mitgliederzahl
in den lose assoziierten Kommunen, deren Zusammenleben ähnlich wie
in der Friedrichshofer Kommune organisiert war, wuchs auf knapp 500. Die
meisten kamen aus Wohngemeinschaften, Kommunen und Koops, also aus der
Linken- und Alternativszene. Ein Mitglied des Bremer Kollektivs schilderte
seine Motive für die Übernahme der AA-Prinzipien:
"Wir, die Bremer Kooperative, haben uns als Avantgarde der Spontibewegung verstanden, unser Ausgangspunkt war, die alternativen Vorstellungen von sozialistischen Modellen in die Gegenwart umzusetzen und damit eine lebende positive Negation der herrschenden Verhältnisse zu erreichen. Wir waren in ganz Deutschland als eines jener sozialistischen Handwerkskollektive bekannt, die versuchten, kollektive Lebenspraxis mit subjektiver Entwicklung zu verbinden. Wir hatten zwar den Anspruch, etwas gemeinsam zu machen, aber unsere Kommunikationsform unterschied sich kaum von der anderer Leute. Die Einzigen, die irgendwie noch die Gemüter erregten, waren die von der AAO. Es bildeten sich Fraktionen in der Koop: die einen sahen in der AAO ihr Ziel, sie sagten, daß es so nicht mehr weiterging, sie nicht länger ihre Sexualität verkümmern lassen wollten " [AAN77/1, S 12f ]Auch bei den anderen 1976 entstandenen Kommunen, die entsprechend den AA-Prinzipien mit freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum etc. lebten, war die Situation ähnlich. Eine Mischung aus persönlicher Krise, Idealen und der Hoffnung auf eine stabile, dauerhafte Gemeinschaft führte sie in die AAO. Das wußte auch Mühl:
"Viele kommen in einer Zweierbeziehungskrise, nach einer gescheiterten Ehe, oder es kommen solche, die sich mit ihren Kindern nicht mehr zurechtfinden." [AAN77/1, S 22] "Die Kooperativen kommen in die AAO, weil sie gespürt haben, daß sie ihre alternative Lebenspraxis nicht verwirklichen können, daß bei der Praktizierung Probleme auftauchen, die nirgends anders, als in der AAO gelöst worden sind. Bei der AAO sieht man schon jetzt, daß sie sehr lange bestehen wird. Also eine echte Alternative fürs ganze Leben und nicht nur für die Sturm- und Drangzeit." [AAN77/3, S 18]
Selbst einen der 'großen' Theoretiker der damaligen undogmatischen Linken - Dieter Duhm - trieb es vorübergehend in die AAO. "Es war eine tiefe Krisensituation, die mich im Nov. 76 zur AA-Kommune Friedrichshof führte. In dieser Krise erlebte ich die AA fast wie eine Offenbarung."[PC77, S 16]
Die Orientierungsphase, in der sich die meisten befanden, bevor sie sich für eine Kommune entsprechend der AA-Prinzipien entschieden, war für einen weit größeren Teil der jugendlichen Aufbruchsgeneration Mitte der 70er Jahre kennzeichnend. Der prozentuelle Anteil dieser suchenden Jugend, die sich für die AAO bzw. das Kommuneleben interessierten, war gering. Noch weitaus geringer war der Anteil der etwa vier- bis fünftausend Friedrichshof-Gäste oder Marathonteilnehmer in den Jahren 1975 bis 1977, die sich für das Kommuneleben entschieden.
Um die Zufälligkeit einer solchen
Entscheidung zu verdeutlichen, im folgenden die Schilderung meines eigenen
Weges in die AAO (basierend auf meinen Tagebuchaufzeichnungen). Nur wenige
Monate nach der offiziellen Gründung der AAO kam ich mit meinem Freundeskreis
erstmals April 1976 in Kontakt mit der AA-Ideologie. Von heute aus beurteilt
war der Einstieg damals für mich wie für viele andere meines
Alters in den Jahren 1976/77 keine primäre Entscheidung für die
AA-Kommune des Otto Mühl, vielmehr waren es unsere eigenen Träume,
Ideale und Wünsche, die wir dort verwirklicht glaubten. Wir wollten
die Wegbereiter einer neuen Gesellschaft sein, unseren zukünftigen
eigenen Kindern ein besseres, schöneres Leben verschaffen. Wir waren
von unseren Idealen begeistert, mit uns und der bestehenden Welt beinahe
zwanghaft unzufrieden.
Ich war damals 17 Jahre alt. Unsere Jugendclique, entstanden aus dem Konfirmandenunterricht - etwa 20 Jungen und Mädchen -, brach in diesen Jahren auseinander. Damit ging viel an Geborgenheit und Sicherheit verloren. Hinzu kamen Schwierigkeiten mit dem Einstieg in die Liebe und mit der alles dominierenden Sexualität. Es war eine Zeit persönlicher Krisen in einer Welt, die mit dem Ausbruch aus der Familie wenig neue Orientierung bot. Die Sinnlosigkeit des Daseins, die politische Resignation der 68er Generation, die Brüchigkeit und Unbeständigkeit der Wohngemeinschaftsszene, mißglückte Drogenerfahrungen, all dies hatte einen Teil unserer Clique mit der Therapie- und Psychoszene in näheren Kontakt gebracht. Je mehr ich von Arthur Janov ('Urschrei'), Wilhelm Reich, Freud, Dieter Duhm ('Angst im Kapitalismus') las, desto mehr 'wußte' ich, daß dieses diffuse, brennende Gefühl - zwischen einsam und rastlos - in mir 'aus der Kindheit kommen mußte'. Diese gemeinsame 'Erkenntnis' erzeugte erneut eine tiefe Verbundenheit in dem 'therapiebewegten' Teil unserer Clique. Unsere Therapie-Wochenenden, die wir - meist sechs bis acht Jugendliche - 'urschreiend' und heulend in den elterlichen Wohnungen veranstalteten, waren für Eltern wie Nachbarn gleichermaßen beunruhigend, skuril oder schockierend. Ein paar von uns, die bereits 18 Jahre alt waren, gründeten 1975 eine Wohngemeinschaft. Ich wollte ebenfalls, sobald ich 18 würde, mit ihnen zusammenziehen. Als wir Ostern 1976 von einem gemeinsam verbrachten Urlaub zurückkehrten, lernten zwei Mädchen unserer Clique im Englischen Garten den Ulli kennen. Was
dieser uns erzählte, schien all unsere jahrelang keimenden Jugendträume wahr werden zu lassen Da gab es in der Nähe von Wien - am Friedrichshof im Burgenland - tatsächlich eine Kommune mit über 50 Mitgliedern, die bereits 'seit 1970' existierte, mit 'Gemeinschaftseigentum' und 'freier Sexualität'. Und die Therapie ('Aktionsanalyse und Selbstdarstellung'), die von ihnen erfunden worden war, könnte uns innerhalb von ein bis zwei Jahren 'gesund' machen, wir würden 'neue Menschen' sein. (Daß derjenige, der uns so euphorisch vom Friedrichshof erzählte, dort selbst nach wenigen Wochen Aufenthalt in einem Anfall panischer Angst nachts geflohen war, war zwar merkwürdig, verschwand aber hinter unseren neu entflammten Hoffnungen nach einer dauerhaften Lebensgemeinschaft). Was mir zusätzlich imponierte war, daß mit dem Ulli der bisher in unserer Clique eher tabuisierte Bereich der Sexualität deutlich in den Vordergrund trat. Schon nach wenigen Wochen war er mit fast allen Mädchen im Bett gewesen.
Im Mai 1976 wurde aus der vierköpfigen Wohngemeinschaft eine kleine Kommune mit zwölf Mitgliedern. Wir teilten die Vier-Zimmer-Wohnung funktional auf - Schlafraum, Eßraum, Arbeitszimmer, Aufenthaltsraum - und schnitten uns gegenseitig die langen Haare ab. Als wir im Sommer 1976 ein Haus auf dem Lande fanden, wuchs unsere Kommune - inzwischen Moos Kommune - rasch auf 30 Personen an. Ohne die AA-Kommune besucht zu haben, ahmten wir das, was wir vom Friedrichshof hörten und in den AA Nachrichten lasen, nach. Ich schrieb damals: 'Wir hatten vor allen Dingen Spaß daran zusammenzuwohnen, alles gemeinsam zu machen. Mit unserer Arbeitssituation sah es allerdings immer sehr schlecht aus, schon morgens fing es an, daß die Hälfte nicht aufstehen wollte, beim Frühstück alle um einen großen Tisch herumsaßen und vor sich hin muffelten. Manchmal überkam uns das Gefühl, daß wir uns mit völlig sinnlosen Dingen beschäftigten. Arbeiten wie Haus aufräumen, Wäsche waschen, kochen und abwaschen zogen sich oft über den ganzen Tag, weil mehr geschimpft und rumgesessen, als gearbeitet wurde' [AAN76/6, S 19]. Trotzdem fühlten wir uns mit unseren Knobelbechern, Stoppelhaaren, Latzhosen und den zwei verschiedenen Socken als Elite der linken Avantgarde.
Mein erster Aufenthalt am 'AA Bewußtseinszentrum' Friedrichshof im Juli/August 1976 wurde zum persönlichen Desaster. Schon unsere Ankunft war beeindruckend schaurig. Wir kamen nachts in tiefer Dunkelheit nach einer fast halbstündigen Irrfahrt über staubige Schotterwege durch die einsame, baumarme Parndorfer Ebene an einem schlecht beleuchteten Ort an. In den AA-Nachrichten als Landsitz angepriesen, entpuppte sich das Ganze als zwei heruntergekommene alte Gebäude und viel Baustelle. Durch die Nacht klang dumpfes Trommeln und nicht näher bestimmbares Heulen und Schreien, das oberste Stockwerk des dreistöckigen Gebäudes ('Schüttkasten') war erleuchtet, schattenhafte Gestalten bewegten sich skurril hinter zwei größeren, leicht verdreckten Fenstern. Beim Betreten des Treppenhauses wurde die dumpfe Geräuschkulisse zur Wirklichkeit, Wortfetzen fielen die steilen Holzstufen herunter: '... bring dich um', tierisches, aber verkrampftes Schreien und würgendes Rucken wechselten mit dumpfem Trommeln und lautem Gejohle. Angst und Neugier verlangsamten den Anstieg, ohne ihn einmal ganz zu stoppen. Angelangt im obersten Stockwerk versperrte eine Holztür mit Plastikfenstern die Sicht. Beim Öffnen drang verbrauchte Luft - der intensive Geruch von Schweiß und Erbrochenem - tief in die verschreckten Nasengänge ein. Ein Haufen kurzgeschorener Männer und Frauen brüllte fanatisch Beifall zu den halbwahnsinnigen Verrenkungen einer bis auf die schlabberige Unterhose nackten jungen Frau in ihrer Mitte. Die Kleider des Publikums
Der tägliche Lebenskomfort war weniger als primitiv. Die etwa 40-50 AA-KommunardInnen hatten nicht einmal 100 Quadratmeter Wohnraum, eine Dusche, ein Klo ohne Tür - gegenüber der Küche. Die über 100 Kursgäste nächtigten in zwei großen Schlafsälen, Waschraum und Toiletten waren nicht vorhanden. Statt dessen war hastig eine Holzbaracke zurechtgezimmert worden. Dort war ein zwei Meter langer Waschtrog installiert. Ein bankähnliches Gebilde aus ungehobeltem Bauholz mit vier nebeneinander liegenden Löchern war der Ort, an dem die Lockerheit des Schließmuskels zu demonstrieren. Wem das Klopapier nicht reichte, dem wurde es von seinem Nachbarn gereicht, schließlich kannte der AA-Mensch keine Hemmungen. Ich schon, also zog es mich in die - zum Glück reichlich vorhandene - Natur.
Otto Mühl und seine Bewußtseinselite waren stets unnahbar fern. Selbst wenn man ihnen nach dem Aufstehen ca. ab 12 Uhr - wir 'Gäste' wurden um 7 Uhr zum Arbeiten geweckt - begegnete, demonstrierten sie die 'Distanz des bewußten AA-Menschen zum unbewußten Kleinfamilientrottel'. Nur wer in den nachmittags stattfindenen Kursen oder in der allabendlichen Selbstdarstellung 'mit seiner Schädigung herauskam', 'Krankheitseinsicht zeigte' etc., der stieg in der allgemeinen Achtung. Für die meisten wuchsen die Ansprüche ins Unermeßliche, während sich ihre alltägliche Rolle auf die Bewunderung der 'Bewußtseinselite' und Beifall klatschen beschränkte. Ohne daß ich es damals gedanklich nachvollziehen konnte, empfand ich es als erheblichen Unterschied, mit vertrauten Freunden in einem großen Raum zu schlafen und zusammen zu leben oder mit Dutzenden unbekannter Kursgäste. Aufgrund der miserablen Lebensverhältnisse und der rüden Umgangsformen hatte ich nach einer Woche dermaßen Spannungen und Heimweh, daß ich heimlich vorzeitig nach Hause fuhr. Zwar verursachten die Erlebnisse am Friedrichshof in mir ein tiefsitzendes,
Am Friedrichshof waren der einzelne und
seine Bedürfnisse nicht viel wert. Die Kommune, die Gemeinschaft,
die Gruppe hatte immer recht und das alleinige Sprachrohr dieser Einrichtung
war Otto Mühl. Im Zweifelsfall wußte er, was 'gut' für
die Kommune war und folglich 'gut' für den jeweiligen Kommunarden
sein mußte. Wie konnte ein "geschädigter, kaputter Kleinfamilientrottel"
wissen, was für seine Entwicklung 'gut' ist. Auf die Spitze getriebene
therapeutische Unterwerfung, der totale Gehorsam von morgens bis abends,
natürlich "alles nur als Spiel". Mühl: "Denn wer ablehnend und
aggressiv zu Männern oder Frauen ist, wird, da er als einzelner für
die Gruppe nicht so wichtig ist, sich selber ändern müssen."
[AAN76/4, S 9] Vor allem in den "Selbstdarstellungskursen" wurde der rechte
Gehorsam gegenüber den Friedrichshof-KommunardInnen geübt. Mühl:
"Um eine maximale Darstellung zu erreichen, sollen die Selbstdarsteller
den Anweisungen des SD-Leiters folgen. Wer dies nicht zu Wege bringt, für
den sind Selbstdarstellungen ohne Erfolg und sinnlos." [AAN76/4, S 29]
Jede Diskussion wurde "selbstdarstellerisch" zurückgewiesen, statt
dessen gab es Darstellung der Parabel. Natürlich in der Luft. Dann
würde die Fata Morgana vergangener Zeiten schon auftauchen. Mühl:
"Selbstdarstellung ist als eine Oper aufzufassen, in der es keine Diskussionen gibt, Versuche auf verbale Art Probleme zu lösen, werden abgelehnt. Aggressionen können verbal ausgesprochen werden, aber auch diese sind als Selbstdarstellung zu bringen und nicht als direkte Angriffe gegen irgend jemanden. Aus diesem Grunde
werden Aggressionsdarstellungen körperlich und stimmlich dargestellt und in die Luft gerichtet. Der Gegner wird sich imaginativ einstellen und sich als Vater oder Mutter entlarven." [AAN76/4, S 28]Mit mehr oder weniger großem Geschick richtete der "Selbstdarstellungsleiter" den Druck der Gruppe durch seine Kommentare und Deutungen auf den Unglücksvogel in der Mitte. Ein Betroffener:
So waren die meisten einziehenden KommunardInnen
zwischen verleugneten Bedürfnissen und dem Gehorsam gegenüber
Mühl und den leitenden KommunardInnen hilflos eingezwängt. Sie
fühlten sich allein gelassen, bekämpften sich verbissen, um in
der Hierarchie aufzusteigen, und hatten Schwierigkeiten, das "sexuelle
Paradies" zu genießen, "Fehlleistungen" bei der Arbeit häuften
sich und vieles mehr. Mit einem Satz, das Leid vieler neuer Gruppenmitglieder
war groß. Ein Teil verließ noch während der halbjährigen
Probezeit die AAO. Irgendwann fiel dies auch Otto Mühl auf. Am Friedrichshof
wurden "Wohngruppen" gebildet, um den dort eingezogenen Neu-KommunardInnen
etwas mehr Sicherheit zu bieten. Mühl:
"Für neu Einziehende ist es oft schwer, den Kontakt herzustellen, der zwischen AAs, die schon lange zusammenleben besteht. Die Anfangsprobleme sind Konkurrenz, mangelndes soziales Verhalten der einzelnen, Aufbau einer gemeinsamen Kommunikation." [AAN76/6, S 24/28] Auch im sexuellen Kontakt haben viele Schwierigkeiten, die die AAs durch langjährige und intensive Beziehungen in der freien Sexualität bereits überwunden haben." [AAN76/S, S 20f ]
Mitglied alle Schuld zugeschoben - "er
hat es nicht geschafft" -, die Kommune selbst war perfekt. Mühl:
"Wir sprachen über die Leute, denen es schlecht geht in der AAO, die nicht glücklich sind und wir legten ihnen nahe, nach einer Probezeit auszuziehen. Denn wir sind ein noch unbewiesenes Experiment, ein Schiff auf Entdeckungsfahrt und wir können nur die besten und ausdauerndsten Matrosen brauchen. Für manche Geschädigte ist es sicher besser in der Oberflächlichkeit der Kleinfamiliengesellschaft zu leben, sich abzulenken und die schwere Schädigung nicht gar zu hart zu spüren." [AAN76/5, S. 9]Diese Aufforderung zum Verlassen der Kommune bewirkte (beabsichtigt oder unbeabsichtigt?) das Gegenteil. Jeder Zweifelnde wollte natürlich ein "ausdauernder Matrose" sein und weiterhin zur Elite gehören. Dadurch, daß Mühl das Verlassen der Kommune immer als persönliches Scheitern erscheinen ließ, wurde der Ehrgeiz angestachelt und die Leidensbereitschaft vergrößert.
Obwohl die Berichterstattung in den Medien 1975 alles andere als Werbung gewesen war, floß der Strom der Besucher gemächlich zunehmend weiter. Allerdings nahmen diese seit 1976 nicht mehr an "Kommunelehrgängen" teil, sondern an "Selbstdarstellungs- oder Bewußtseinskursen". Die Gäste beteiligten sich am Tagesablauf der (hierarchieniederen) KommunardInnen, der gegenüber 1974/75 wesentlich geregelter war: "Um 8 Uhr morgens beginnt die materielle Arbeit, daran beteiligt sich die gesamte Gruppe samt den Kursteilnehmern, um 14 Uhr ist Mittagessen, und danach beginnt für alle die Bewußtseinsarbeit, die bis 21 Uhr dauert." [AAM76, S. 7] Die "Bewußtseinsentwicklung" war rasant, jeder Tag brachte etwas Neues, wer sich nicht mitentwickelte, fiel durch den Rost der sozialen Anerkennung. In dieser Zeit setzte vehement der 'Entwicklungsstreß' ein, der das Kommuneleben von nun an beherrschte. Je größer Mühls Einfluß wurde, desto stärker steigerte sich diese Entwicklungsbesessenheit, denn es galt, etwas Unerreichbares zu erreichen - so zu werden wie Otto Mühl. Wer Erfolg in der Kommune haben - "in der Hierarchie aufsteigen" - wollte, mußte sich an Otto Mühl orientieren. Gefragt war kein billiges Plagiat, sondern eine gelungene Mischung aus Unterwerfung ("Schüler") und Persönlichkeit. Ob diese Mischung gelang, beurteilte letztendlich allein der Meister persönlich. Zwar bestimmte offiziell die Gruppe mehrmals monatlich durch Wahlen den Platz in der Hierarchie, doch was nützte eine demokratische Wahl, wenn einige hingeworfene Worte von Mühl das Wahlergebnis stürzen konnten und die Masse bei der Mißachtung ihrer eigenen Wahl auch noch begeistert Beifall johlte.
Die Hierarchie machte aus den KommunardInnen - und alten FreundInnen - KonkurrentInnen, denn wer hinaufsteigen und somit in Mühls Nähe sein wollte, der mußte notwendigerweise andere hinter sich lassen. Den meisten gelang es nicht, in diese 'Höhen' zu gelangen. Sie verfolgten die "Bewußtseinsentwicklung" einiger KommunardInnen aus der Distanz und
fühlten sich mehr und mehr benachteiligt. So entstanden im Winter und Frühjahr "... die Bewußtseinsgruppen der FF, PROPOT und MISTASCH, die regelmäßig Bewußtseinssitzungen zur Aufarbeitung ihrer Erziehungsschädigung veranstalten." [AAM76, S. 7]
Was verbarg sich hinter diesen Kürzeln?
Anfang 1976 organisierten sich die KommunardInnen ("FF=FrauenForderung")
spontan, um die männliche Dominanz im Arbeitsalltag aufzubrechen.
Es wurde ihnen bewußt, "daß die ganze AA bisher mehr oder weniger
von Männern gemacht, geleitet und gelenkt wurde, die Frauen hatten
bisher zur Entwicklung und Verbreitung der AA nicht wesentlich beigetragen."
[FF74/1, S.4] Außerdem sollte die typische Frauenschädigung
behandelt werden:
"Unser Ziel ist es, die typische Frauenkrankheit treue Geliebte und dienende Gattin eines Mannes sein zu wollen, zu überwinden und Bewußtsein von der gesellschaftlichen Rolle der Frau und den Möglichkeiten für ihre Befreiung zu entwickeln und zu verbreiten." [FF76/1, S. l]Dieser Kampf der Kommunefrauen dominierte in immer stärkerem Maß die Selbstdarstellung und den Alltag, die Männer gerieten ins Hintertreffen und gründeten die "MM = MännerMinderwertigkeit". Im Sommer 1976 entstand als weitere "Bewußtseinsarbeitsgruppe" die PROPOT (PROletarische POTenz). Wieder wurde der kleinfamiliären Schädigung nachgespürt, diesmal der Arbeiterschädigung. Ein Kommunarde schrieb in den AA-Nachrichten:
"Wir, das sind die Arbeiter in der AAO, spürten, daß es eine spezielle Arbeiterschädigung gibt, die uns allen gemeinsam ist. Diese Schädigung hat ihren Ursprung in der unterdrückten Rolle unserer Eltern als Arbeiter in der Kleinfamiliengesellschaft." [AAN76/3, S. 19]So wie die MM die Gegenbewegung zur FF gewesen war, entstand nun als Reaktion auf die PROPOT die MISTASCH (MIttelSTAndsSCHädigung). Eine Kommunardin: "Es wird über die Schädigung des Mittelstandes gesprochen. Die Bravheit, Angepaßtheit, die Unfähigkeit, Aggressionen darzustellen, die Emotionslosigkeit, das Warten, bis man aufgerufen wird." [AAN76/3, S. 16f.]
All diesen Bewußtseinsarbeitsgruppen war gemeinsam, daß sie den Kommunarden bzw. die Komunardin und nicht die Kommune bessern wollten. Nicht die Verhältnisse in der Kommune waren es, die es zu ändern galt, nein, die Schädigung des einzelnen hatte wieder zugeschlagen. Immer noch zu viel KF-Mensch und zu wenig AA-Mensch. Das Ergebnis all dieser Aufstände war immer die Erkenntnis: "Du mußt dich halt mehr entwickeln. Mach mehr SD und Analyse etc." [G] Ein Teufelskreis, der entweder zum Verlassen der Kommune oder in die Analysebox bzw. Selbstdarstellungsmitte führte. Diese "Bewußtseinsgruppen" waren daher ein Versuch der im hierarchischen Wettkampf Benachteiligten, ihren Unmut gemeinsam zu äußern und
aus der anonymen Masse herauszutreten.
Am deutlichsten wurde dies bei der sogenannten "Arbeiterrevolution" im
August 1976. Einer der Anführer beschrieb den Anfang dieses Aufstandes
gegen die Hierarchie:
"Als Otto bei der Jause vorbeikam und mich fragte, eher um einen Spaß zu machen, ob ich nicht Gewerkschaftsführer werden wollte, begann es in mir zu zünden. Jetzt ist die Stunde gekommen, dachte ich mir ... beim Mittagessen sah ich noch diese Wartenden und da begriff ich endlich, worum es ging: jeder von uns konnte dieser Unbekannte sein, diese Gestalt im Hintergrund, die keiner kennt. Die Weichen waren gestellt, alle Voraussetzungen waren gegeben, man brauchte nur noch zuzugreifen. Also griff ich zum Mikrophon und rief durch: hier spricht die Arbeitergewerkschaft! Alle Arbeiter treffen sich sofort im Neubau zur Arbeitervollversammlung. Doch mir kamen immer wieder Zweifel, werden sie kommen, werden sie wirklich den Augenblick erfassen? Und wirklich, plötzlich strömten die Arbeiter nur so herein, gleich war eine besondere Stimmung, es kribbelte in jedem. Am Anfang dachte ich mir, Besonnenheit, Besonnenheit, ja keine Aufruhr, wir wollen ja schön unsere Forderungen vorbringen usw. Aber sofort, wie ich dieser revolutionären Stimmung gewahr wurde, ließ ich mich von diesem emotionellen Sog mitreißen". [Blec82, S. 28]Das Ergebnis dieser revolutionären Stimmung war eindeutige Kritik an den 'Bewußtseinskommissarinnen' um Otto Mühl. Die Führungsclique traf sich täglich im "Entenhaus", einem kleinen Häuschen neben dem Schüttkasten. Angeblich wurden Artikel für die AA-Nachrichten geschrieben, tatsächlich wurde viel gequatscht und - was die wenigsten wußten - große Mengen Haschisch konsumiert. Außerdem waren viele KommunardInnen nicht damit einverstanden, daß die 'Bewußtseinselite' erst mittags aufstand, nie regelmäßig mitarbeitete und trotzdem arrogant alles bestimmen wollte. An Otto Mühl traute sich niemand mit seiner Kritik heran, dafür sollten andere "Köpfe rollen", vor allem aber der Entenhausener Sumpf trockengelegt werden. Auch dieser revolutionärste aller Aufstände endete dank Mühlschem Geschick in Selbstbezichtigungen [R]. Die Friedrichshofer Revolutionäre schrieben bekehrt an ihre Kollegen in Nürnberg:
"Die echte Revolution kennt keine Gewalt. Sie bedeutet vielmehr langwierige Kleinarbeit an sich selber und an der Gestaltung der Realität. Unsere Revolution braucht keine Opfer, wir haben nur Sieger. Die Revolution muß geil sein und Spaß machen, sonst ist sie keine." [Blec82, S. 30]So wurde jede kollektive Unmutsäußerung gegen die durch die Hierarchie gerechtfertigten "Bewußtseinsklassen" mit dem Rückverweis auf die individuelle Schädigung und deren Bearbeitung beendet. Jede echte gemeinsame Aktion, die irgendetwas in der Kommune grundlegend geändert hätte, konnte nie aus einem dieser Zusammenschlüsse kommen. Der unausgesprochene Instanzenweg führte in dieser Hinsicht einzig und allein über Otto Mühl.
Im Dezember 1976 fand der "Zweite internationale AA-Kongreß" statt. Die in diesem Jahr neu entstandenen Kommunen schlossen sich, ohne zu
wissen, worauf sie sich einließen,
dem "internationalen Gemeinschaftseigentum" an. Die AA-Nachrichten meldeten:
"Das bedeutet eine internationale Zusammenarbeit in allen Bereichen, in
der Ökonomie, wie in der Bewußtseinsarbeit." [AAN77/1, S. 24]
Verwaltet wurde das Gemeinschaftseigentum von den "internationalen Organisatoren"
("IOB = Internationales Organisations-Büro"). Diese waren "die AAs
mit dem höchsten sozialen und schöpferischen Bewußtsein."
[AAN77/2, S.35] Die Wahl derselben durch die Delegierten der Stadtkommunen
glich einer ZK-Abstimmung. Die Friedrichshofer Kandidaten stellten sich
vor. Da es keine Gegenkandidaten gab, wurde die Wahl einstimmig angenommen.
Die Delegierten der Kommunen willigten fröhlich in Mühls Vorschlag
ein, daß alle Kommunen in Zukunft von erfahrenen FriedrichshoferInnen
geleitet werden sollten. Die Statthalter Mühls - die "GruppenleiterInnen"
- schwärmten ab jetzt aus. Die 1976 entstandenen Kommunen hatten,
ohne es recht wahrzunehmen, ihre wirtschaftliche und soziale Autonomie
geopfert.
Zentralismus
und Massenbewegung (1977)
1977 existierten Kommunen mit je 15-40
KommunardInnen in Berlin, Heidelberg, München, Kiel, Hamburg, Bremen,
Nürnberg, Düsseldorf, Zürich, Genf, Paris, Lyon, Montpellier,
Nancy, Toulouse, Oslo, Stockholm und Amsterdam. Entsprechend der neuen
zentralistischen AA-Ideologie, daß die einzelnen Kommunen nicht so
bedeutend seien, sondern nur die gesamte "Bewegung" (AAO) zähle, begann
sich ein beziehungsfeindliches Personalkarussell zu drehen. In den AA-Nachrichten
stand:
"Viele Leute ziehen jetzt überhaupt in andere AA-Gruppen und die einzelnen Altgruppen werden aufgelöst, auch die Nationalitäten werden vermischt... Das hat den Vorteil, daß sich die lokalen und nationalen Gruppenabgrenzungen in der AAO auflösen, denn in der AAO gibt es weder Einzelgruppen noch nationale Grenzen." [AAN77/2, S. 22]In der allgemein einsetzenden (AA-)ideologischen Hysterie wurden die bestehenden Gruppen zerbrochen, alte Beziehungen und Freundschaften auseinandergerissen und KommunardInnen auch gegen ihren Willen "verschickt". Wer meuterte, wurde strafversetzt nach Oslo - 'Norge sibirsk' - oder verließ die AAO. Was dies für den einzelnen bedeuten konnte, sei erneut an meinem Beispiel verdeutlicht (basierend auf meinen Tagebuchaufzeichnungen).
Von morgens bis abends wurde gearbeitet, dann Selbstdarstellung, dann kollektive Matratzenakrobatik. Jede kulturelle und künstlerische Tätigkeit war verpönt. Kein Kino, Theater, Cafe, Konzert etc. Kein Lesen, kein Studium, keine Musik, höchstens die Niederschrift der eigenen Schädigung und begeisterter Ovationen auf AAO, Selbstdarstellung, Gemeinschaftseigentum, Freie Sexualität usw. war gestattet. Alle
Bücher, Platten und 'kleinfamiliärer Kitsch' mußten verkauft werden. Woran mein Herz besonders hing, hinterließ ich meinen Eltern oder meinen Brüdern Die alten Freunde und Beziehungen durfte man höchstens zu 'Gästeabenden' in die Kommune einladen, dort sollten diese zum Einzug bekehrt werden. In viel zu kleinen Häusern lebten zusammengepfercht zwischen 15 und 60 KommunardInnen. So standen bei spielsweise in München etwa 160 Quadratmeter Wohnfläche in einem Hinterhofhaus für 40-60 KommunardInnen zur Verfügung. Die Sonne fand selten den Weg durch die Fenster. In einem großen Raum wurde gegessen, im zweiten Raum traf man sich zur abendlichen Selbstdarstellung, im dritten Raum wurde geschlafen. Außerdem eine kleine Küche, ein weiteres winziges Zimmer und eine miserable Dusche. Ein Leben wie in der Massentierhaltung, Privatsphäre existierte nicht mehr. Stand ich abends vor dem eisernen Tor, welches die Einfahrt zu unserem Hinterhof versperrte, so hatte ich oft das Gefühl, daß ich in eine schreckliche Kaserne oder ins Gefängnis zurückkehrte. Manchmal wäre ich am liebsten weggelaufen. Aber das ging ja nicht, meine besten Freunde waren mit mir in die AAO gegangen, mein Bruder, meine Freundin. Die einen waren jetzt am Friedrichshof, andere in Hamburg oder in Nürnberg. Nur durchhalten, bald würde alles besser werden. Ich glaubte fest daran, daß nach der Hölle der 'AA-Bewußtseinsentwicklung' eine Art neuen Lebens beginnen würde. Einige ältere Kommunemitglieder mit mehr Lebenserfahrung verließen nach wenigen Monaten gemeinsam die Münchner AAO, meine heimliche Geliebte ging wenige Wochen später. Manchmal litt ich so, daß ich ans aufgeben, ja an Selbstmord dachte. Über ein Jahr war es im wesentlichen die Hoffnung, die mich zurückhielt und mich davon abhielt, in totaler Verzweiflung zu versinken. Während alle in den gemeinsamen Betrieben arbeiteten, war ich der einzige, der 'außerhalb' arbeitete. Ich machte Abitur, war einsam und fühlte mich ausgeschlossen.
Als stählernes Disziplimerungsinstrument stand die allgegenwärtige 'Hierarchie' über uns, die totale Durchnummerierung vom ersten bis zum letzten. Je weiter unten man eingestuft wurde, desto schrecklicher war es. Auf den Letzten durfte jeder herumtrampeln. Schlimm waren die Selbstzweifel und der Verlust an Selbstvertrauen. Die Anerkennung der anderen und die Bestätigung des Gruppenleiters wurden gerade für die, welche den Boden verloren, zum sehnsüchtigsten Ziel. Man/frau versuchte alles, um m der Hierarchie wieder hinaufzuklettern. Man trat entschieden gegen 'alten Beziehungsschleim' an, kritisierte noch erbarmungsloser, sprang abends panisch-hektisch in die Mitte der Kommune, um eine 'emotionelle Selbstdarstellung abzureißen' und 'puderte' mehrmals täglich, denn 'über die Geilheit entwickelte man sich'. Wir waren alle sehr mit uns und unserem - teilweise erst durch das (AA-)ideologische Zusammenleben erzeugten - psychischen Elend beschäftigt. Ich führte alles auf mein Versagen zurück und versuchte, mir krampfhaft 'Krankheitseinsicht' einzubläuen, denn das war der Weg, gesund zu werden. Alles Elend kam aus der Kindheit. Die Probleme mußten durch den Abstieg in die Vergangenheit bewältigt werden. Dadurch wurde sich der gordische Knoten der Gegenwart von selbst lösen. Es war ein Teufelskreis. Die Gegenwart mit ihren Problemen war nur noch durch den Rückschritt in die Vergangenheit lösbar.
Trotz leidvollem Alltag blieben die meisten von uns. Wir waren fest entschlossen, die Schrecken der Kindheit wieder zu erleben und dadurch zu verarbeiten. Wir wollten psychisch gesunde, nicht neurotische Menschen werden, geläutert: der ganz andere, der neue Mensch war unser Entwicklungsziel. Menschen mit Gefühlen inmitten einer unpersönlichen, karrierefixierten, kühl-technisierten Krawatten- und Anzugswelt
Wir waren Fanatiker, fanatisch gegen uns selbst. Wir glaubten, unsere Krankheit, unsere Schädigung zu bekämpfen, statt dessen lebten wir gegen unsere Bedürfnisse. Wir glaubten, die kommende Elite der Menschheit zu sein. Unser seelischer Urwald erschien uns als das größte Abenteuer, das uns das Leben bieten konnte. Und dies alles unter Anleitung erfahrener KommunardInnen, durch jahrelange Kommunepraxis geschult. Übertherapeuten und ideale Eltern für eine zweite Erziehung zum 'gesunden, neuen Menschen'. Allerdings: Nur die vollkommene Unterwerfung und kritikloser Gehorsam konnten die Gesundung garantieren. 'Sie haben immer Recht, denn ich bin ja nur ein 'schwer geschädigtes Bubi' und mit der Aufarbeitung meiner eigenen Kindheit beschäftigt'. Der ganze Tag wurde zur Therapie. Kritik an den AA-Menschen war unmöglich, dazu mußte ich erstmal sämtliche Stufen durchlaufen, die sie bereits hinter sich hatten. Und ganz oben, nur verklärt, verschwommen wahrnehmbar, die Verkörperung des 'neuen geilen, kreativen, lockeren' Menschen - Otto Mühl. Bestaunt, bewundert, vielleicht sogar von einigen geliebt, aber auf jeden Fall von allen gefürchtet.Die Herrscherrolle Mühls wurde Anfang des Jahres 1977 in die bislang nur lose Iiierten Kommunen in Gestalt der "Gruppenleiter" injiziert, um die Gruppen enger an die Friedrichshofer Zentrale anzubinden. Sie wurden in den AA-Nachrichten beschrieben als eine "Art Lehrer, die in den Gruppen die Selbstdarstellungsabende leiten, Leute ausbilden für die Einzelselbstdarstellung. Sie kennen sich auch in der Wirtschafts- und Arbeitsorganisation aus." [AAN77/1, S 24] Tatsächlich übernahmen die "Bewußtseinsverbreiter" in allmächtiger Funktion die "Leitung der Kommunikation und der Ökonomie". Per Definition wußten sie alles und konnten sie alles, denn sie waren diejenigen Menschen mit "dem höchsten sozialen und schöpferischen Bewußtsein". Es gab wenige, die nicht unter ihnen litten, viele waren zutiefst verunsichert. Selbst etliche GruppenleiterInnen waren durch die neue Rolle als allseits kompetenter und allmächtiger Führer hoffnungslos überfordert. Sensiblere Leiterinnen zerbrachen allem schon an diesem Anspruch. Ein ehemaliger Kommunarde: "Nur die selbstherrlichen, unter Minderwertigkeitsgefühlen leidenden Naturen oder die bis an die Grenzen dummen Trampel konnten diesen Absolutheitsanspruch über längere Zeit durchhalten." [M] Das Eingeständnis von Schwäche war nicht möglich, so regierten viele mit übertriebener Härte oder erkrankten ernsthaft.
Der Anlaß, diese kleinen, totalitären
Herrscher in den Kommunen zu installieren, war das "Versagen" des - nicht
vom Friedrichshof stammenden - Leiters der Berliner Kommune gewesen. Mühl
folgerte, daß
"bis jetzt keine Gruppe, die neu gegründet wulde, fähig war, sich selbst zu organisieren und ihre Bewußtseinsentwicklung einzuleiten. Eine Gruppe kann sich nur entwickeln, wenn ihre Mitglieder über ihre Schädigung Bescheid wissen. Das Niveau einer Gruppe wird immer bestimmt durch den, der die Gruppe leitet " [AAN77/1, S 22f ]
mit sich selbst und ihrer Umgebung leben."
[ANX77, S 57] Den KommunardInnen aus Mühls Kaderschule Friedrichshof
phosphoreszierte ihre gemeinsame Zukunft vor glücklichen Augen. Sie
würden alle "Bewußtseinsverbreiter" werden, "Gruppenleiter",
"Zentrumsleiter", "Regierungschefs", die "Herrscher der Welt". Diese hohen
Ämter standen ihnen auch zu, denn schließlich lebten in der
Führungsgruppe am Friedrichshof "die Menschen mit dem höchsten
Bewußtsein der Welt." [AAN77/5, S 44] Sie sahen die AAO auf dem Weg,
"eine Weltbewegung zu werden, für jeden von uns ist es zu einer sehr befriedigenden Lebensaufgabe geworden, als Verbreiter von AA-Bewußtsein zu wirken, vielen zu ermöglichen, ohne Angst, Eifersucht und Aggressionen ein Leben der schöpferischen Selbstverwirklichung zu führen ' [AAN77/1 S 22]Die ersten acht bis zehn Bewußtseins-Frankensteine, entstanden in der Fried(richs)hof-Retorte, bildeten die sogenannte "12er BAG oder IF 12". (Die Stufung in 12er, 11er, 10er usw. BAG = BewußtseinsArbeitsGruppe war den Stufen der Parabel nachempfunden. Die Stufe 12 entsprach z.B. der "sozialen Identität".) Nach den Selbstdarstellungsabenden und auch tags zog sich Mühl häufig in das bereits erwähnte "Entenhaus" zurück, nur die Mitglieder dieses Zirkels hatten Zutritt. Je wichtiger die Hierarchie und je größer die AAO wurde, desto mehr KommunardInnen suchten die Nähe ihres Meisters, während ein anderer Teil nach dem Selbstdarstellungsabend irgendwo "versumpfte". Um einerseits von Mühl die Massen fernzuhalten und andererseits die abends vereinzelten KommunardInnen zusammenzufassen, wurden 1977 am Friedrichshof Untergruppen - die "BewußtseinsArbeitsGruppen (BAG)" - geschaffen. Jeweils sechs bis acht Personen, die in der Hierarchie aufeinanderfolgten, sollten sich regelmäßig treffen. Auch die Stadtkommunen übernahmen dieses Gliederungsprinzip.
Der Kampf um den Hierarchieplatz und damit um die soziale Anerkennung konnte zum eigenen Vorteil gefördert werden, indem man selbst bei anderen "Fehlleistungen" und Zweierbeziehungen aufdeckte, ideologisch untragbares Verhalten anprangerte und eigene Verdienste übertrieb. In der Ideologie kamen diese Verhaltensformen natürlich nicht vor, vielmehr war in den AA-Nachrichten zu lesen: "Diese Hierarchie ist nicht starr sondern flüssig. Sie ändert sich ständig, indem sich jeder selbst verändert. Wo man in dieser Struktur steht, entscheidet die Gruppe und letztlich man selber." [AAN77/5, S. 44] Dies war nur ein Teil der Wahrheit. Je weiter der Kommunarde vom Machtzentrum - Otto Mühl bzw in den Stadtkommunen die GruppenleiterInnen - entfernt war, desto eher war eine gewisse Flüssigkeit der Hierarchie vorhanden, doch Mühl war immer das Gleitmittel. Er setzte die Kriterien der Hierarchie, war die höchste Inkarnation derselben und ihr Richter. Allzusehr wurde übersehen, daß die wichtigste Instanz für den Hierarchieplatz die Vorliebe Mühls bzw des Gruppenleiters war. Wer
ihm/ihr sympathisch war, wer als Bettpartner bevorzugt wurde, der/die hatte es leicht.
Daß jeder jederzeit seiner Verantwortung
enthoben und bei der kollektiven Versammlung der Gruppe kritisiert und
abgewählt werden konnte, war mehr Anspruch als Wirklichkeit. Mühl:
"Jeder der sich für fähiger hält, kann in die Mitte der
Versammlung treten und sagen, daß er sich für besser hält,
er hält für sich eine Wahlrede und die Gruppe entscheidet nachher
durch Abstimmung." [AAM76, S 8] Damit dieses System "direkter Demokratie"
auch funktionieren könne, so schränkte Otto Mühl ein, "ist
ein gewisses Bewußtsein aller Gruppenmitglieder erforderlich, das
sie fähig macht, ohne Autoritätsangst aufzutreten, zu kritisieren
und ihre Anspruche anzumelden." [AAM76, S 8] Da Unterschiede des "gewissen
Bewußtseins" bestanden, entstand in der AAO eine Klassengesellschaft
in Form von "Bewußtseinsklassen", die sich schleichend in allen Lebensbereichen
verwirklichte. Mühl selbst äußerte sich zu diesem Thema:
"Es gibt in der AAO Bewußtseinsklassen. Die unterste Bewußtseinsklasse verrichtet die materielle Arbeit, hierauf folgt die Bewußtseinsklasse der Organisatoren der materiellen Arbeit, es sind die Verwaltungsbeamten der AAO. Die folgende, nächst höhere Klasse sind die Organisatoren der Bewußtseinsarbeit und Bewußtseinsverbreitung, die höchste Klasse sind die internationalen Organisatoren der AA-Lebenspraxis." [AAN77/2, S 13]Je höher die "Bewußtseinsklasse", desto größer waren die Privilegien. Aufgrund der materiellen Armut bestanden diese weitgehend in sozialer Anerkennung, Haschischverbrauch und Macht. Mühl wußte um die Makulatur der "sozialen Gleichwertigkeit"; ironisch meinte er:
"Wer in der AAO es z.B. zum Selbstdarstellungsleiter oder zum Gruppenleiter gebracht hat, wer im Organisationsbüro eine gehobene organisatorische Tätigkeit ausübt, wird automatisch ein ganz anderes Leben führen, als einer, der nur für Hilfsarbeiterposten taugt. Und da fragt man sich, wo bleibt die voll in den Mund genommene soziale Gleichwertigkeit. In der AAO hat sich genauso, wie überall ganz eindeutig eine Art Führungsadel herausgebildet." [AAN77/7, S 20]
"Später kam der aggressive Selbstdarsteller zu Otto und wollte ihm eine Schale Tee anbieten. 'Hau ab, du schleimiges Baby', sagte Otto. Er wollte sich entschuldigen und diskutieren. Otto hielt ihm den Mund zu. Jetzt wollen wir eine Probe machen, sagte Otto. Ich werde dir jetzt zweimal leicht ins Gesicht schlagen, aber du darfst nicht zurückschlagen. Der Mann bat nun Otto, ihn zu schlagen. 'Und du wirst alles befolgen,was ich dir sage?' Ja, antwortete er. 'Dann knie vor mir nieder und bitte mich um Verzeihung.' Er kniete nieder und bat um Verzeihung. Hierzu schlug ihm Otto zwei Mal leicht ins Gesicht. Damit war das Autoritätsproblem vorläufig gelöst." [AAN76/4,S 23]Mühl hatte ein exotisches Verlangen nach "Spielen" wie dem folgenden. Er "spielte" beleidigt,
"als einer mit einer Handvoll Äpfeln hereinkam und sie unter ein paar Leute verteilte, er hatte Otto nichts angeboten. Otto zögerte erst, dann leitete er ein Spiel ein, in dem er die Autorität spielte. Er tat beleidigt, wie eine Autorität und forderte barsch einen Apfel und als ihm einer eilfertig einen Apfel brachte, sagte er vor den erstaunten Teilnehmern, er wolle gar keinen. Und obwohl Otto sagte, daß es nur ein Spiel sei, waren viele nicht in der Lage, Spiel und Wirklichkeit zu unterscheiden.
Otto ließ alle wie ein Turnlehrer in einer Riege aufstellen, nach ihren Antworten, die auf das Bewußtsein deuteten, das dahinter lag. Als erste die, die dem Spiel nicht folgen konnten und Autoritätsängste geäußert hatten und aus diesem Grund jede Autorität abwehren mußten, dahinter stand jene Gruppe von Leuten, die ihre Autoritätsangst durch Schleimerei verdecken wollten und zuletzt standen jene, die sich am Spiel beteiligen konnten, sich ihrer Schädigung dabei bewußt wurden, und wie Kinder locker und infantil mitmachten." [AAN76/'), S 6]Wer auf ihn oder seine Autontatsspielelite "locker und infantil" reagierte, der wurde protegiert. Kleinkindhafter, debiler Gehorsam war höchstes Ideal und oberster Maßstab des Bewußtseins. Aufbegehren und eigene Meinung war Ausdruck der ketzerischen, "kleinfamiliären Panzerung". Entweder man ließ sich brechen bzw. leiten, oder man hatte den erklärten Machtbereich des "Menschenbehandlers" zu verlassen.
Vor allem die KommunardInnen übertrafen
sich gegenseitig in den AA-Nachrichten mit Lobpreisungen ihres verehrten
Führers. Die damalige Erste Frau T. S. schrieb:
"Ich nutze sein Bewußtsein für meine Entwicklung aus und suche seine Nähe. Ich rede ihn oft mit neuen Themen und Dingen an und bringe ihm mit meinen wißbegierigen Fragen richtig in Fahrt, bis er regelrecht Funken sprüht. Viele sind mir diesen guten Kontakt zu Otto neidig, ich kann ihnen nur sagen, sie sollen es doch auch so machen wie ich. Man kann mit allem zu Otto kommen, allerdings, wenn man schleimig und verlogen gekrochen kommt, sich bei ihm wichtig machen möchte und in Wirklichkeit Aggressionen hat, dann geht er gar nicht auf einen ein. Das ist das wohltuende in der Kommunikation mit ihm, er läßt nichts verlogenes gelten, er deckt einen auf, und macht einem offen und direkt die Krankheit bewußt. Otto hat vor niemandem Respekt, behandelt jeden, wie es ihm gerade paßt. Gäste behandelt er als einfältige, bewußtlose Schüler, so daß sie bei dieser Behandlung zu infantilen und positiven Kindern regredieren." [AAM76, S 2S4]
Bei all der Bewunderung und ungebremsten
Machtfülle war es kein Wunder, daß Mühl sich 1976/77 immer
autoritärer gebärdete. Er veröffentlichte eine Anleitung
"Wie man Kursteilnehmer behandelt" in den AA-Nachrichten:
"Ich sag ihm, daß ich als Häuptling der AA es nicht nötig habe, mich mit ihm auf Diskussionen einzulassen, weil es für ihn fruchtbringender wäre, mir zuzuhören. Manche glauben mich jovial anfassen, oder mir auf die Schulter klopfen zu können. Ich sage ihm, daß ich dies unmöglich finde, und es ihm verbiete, sonst könnte es passieren, daß ich ihn links liegen lasse, zu seinem Schaden. Ich will nichts von dir, du interessierst mich nicht, ich kann von dir nichts lernen. Du bist ja schließlich weit gereist und zu mir gekommen. Die Distanz zwischen uns ist so groß, wie sie zwischen Bewußtsein und Nicht-Bewußtsein herrscht, und ich empfinde es als Hochstapelei, diesen Abgrund zwischen uns beiden durch körperliche Berührung überwinden zu wollen. Ich sage ihm, er soll lieber still sein, mir geht sein programmiertes Geplapper auf die Nerven und er solle lieber darüber nachdenken, wie er sich die Distanz zwischen ihm und mir erklärt.
Ich verstehe mich als Medizinmann der AA, sag Schamane, Guru, Meister, Diktator, König, Kaiser, oder einfach Otto, mir ist es egal. Außerdem diskutiere ich nicht, ich höre mir nur das an, was mich beeindruckt. Langweile ich mich, so gehe ich zur Selbstdarstellung über, oder ich gehe einfach weg. Versuche auch so ehrlich zu sein. Als ich einem, der mit mir redete plötzlich den Mund zuhielt und seinen Mund ein wenig mit meinen Händen bewegte, hielt der meine Hände fest. Versuche lieber dich mir als Hund zu nähern, verwöhne mich manchmal, indem du mir eine Schale Tee bringst, du sollst meine Wünsche aus meinem Gesicht ablesen, mir alles nachmachen, auf diese Art, werde ich deine Nähe besser ertragen und du kannst eine Menge von mir lernen. Versuch nicht deine eigenen Gedanken zu realisieren, denn du hast keine. Lerne folgen. Verzichte auf deine Persönlichkeit und auf deine Individualität, du hast nämlich keine. Sei leichtgläubig, mach alles was man dir sagt." [AAN76/4, S 27f ]Und wer schon ganz leise in der Ferne das Knarren von Leder, das dumpfe Pochen marschierender Stiefel und hingebellte Kommandos zu hören beginnt, dem sei versichert, daß all dies nur Selbstdarstellung und "Rollen-Spiel" war. Immer wieder mal wurde die Einführung von Abzeichen, Uniformen etc. von Otto Mühl diskutiert, um die hierarchische Ordnung auch optisch zu kennzeichnen und hierarchiegerechtes Verhalten bereits von weitem zu ermöglichen. Einige linke Intellektuelle - z.B. Dieter Duhm - äußerten ungehört und unverstanden in AA-Publikationen ihre Kritik an Hierarchie und Führertum:
"Allzu fröhlich wird den Leitern auch dort applaudiert, wo ihre Handlungen bedenklich sind, bedenklich etwa im Sinne einer unbewußten Ausnutzung und Zementierung ihrer Position. Das allgemeine Vertrauen in die menschlichen Qualltaten der Leiter schafft eine Atmosphäre der emotionalen Gläubigkeit, die manchmal unbedingt durch Distanz und Kritik gelüftet werden mußte. Es fehlt im Erziehungsprogramm der Kommune noch weitgehend die selbstkritische Reflexion und die intellektuelle Seite der Bewußtseinsarbeit. Ich meine das eigene Nachdenken. Ein Merkmal echten Nachdenkens ist immer noch der Zweifel. " [PC77, S i8f ]
Der holländische Gast A. R. schrieb
1977 einen langen Brief an Otto Mühl, veröffentlicht in den AA-Nachrichten:
Im Frühjahr 1977 begann sich erneut
die Presse für die Bewußtseinsfanatiker zu interessieren Voll
Stolz wurde in den AA-Nachrichten gemeldet: "Zu den Osterferien hält
sich Fritz Rumler vom Spiegel für einige Tage im Friedrichshof auf,
um einen Bericht über die AAO zu schreiben." [AAN77/2, S. 25] In Berlin
wurde im April ein "Presse-Marathon mit Reportern von Stern, Spiegel und
anderen Zeitungen, sowie Rundfunk und vielleicht Fernsehen" [AAN77/2, S.
26] veranstaltet. Mühl und seine internationalen Organisatoren bzw.
GruppenleiterInnen waren sich sicher, nach diesem erfolgreichen Jahr konnte
eine Berichterstattung nur positiv ausfallen Doch wieder wurde Mühl
von den "hinterhältigen, verlogenen Journalisten übers Ohr gehauen".
Der Spiegel schrieb (Auszüge aus dem Artikel "Kinder des Väterchen
Frust"):
Aber die scharfe öffentliche Kritik der Presse bewirkte auch eine vorsichtige Abkehr von den "Massenbewegungs"-Träumen. Die AAO hatte nun nicht mehr "die Absicht, unbedingt zu einer riesigen Massenbewegung zu werden. Eine zu schnelle quantitative Ausbreitung würde die qualitative Arbeit erschweren, nämlich die persönliche Entwicklung jedes einzelnen." [AAN77/6, S. 31] Tief verletzt und erschreckt hatte Mühl vor allem der Vergleich mit der 'Jones-Sekte', die von ihrem irrsinnigen Gründer 1977 in den Massen(selbst)mord getrieben wurde, und der 'Manson'-Kommune. Mühl rückblickend 1985: "Zu uns haben sie gesagt: 'Wir sind eine Sekte'. Wir waren sehr betroffen, daß wir unter so etwas auftauchten und mit Manson, dem Mörder und Jim Jones, der dieses Massaker gemacht hat, auf eine Stufe gestellt wurden." [G 1.9.85] So schürte die Berichterstattung nicht nur Mühls Paranoia, sondern setzte auch überfällige Denkprozesse in Gang, die sich allerdings erst mit dem ökonomischen Zusammenbruch vollständig auswirkten.
Entsprechend den Empfehlungen der bereits bestehenden Kommunen war in den neuen AA-Gruppen 1976 mit dem Aulbau von "Dienstleistungsbetrieben wie Transport, Elektrik, Tischlern, Installationen, Malern, Fliesenlegen etc." begonnen worden. Denn "diese Arbeiten erfordern wenig Kapital" [AAN76/6, S. 32] Im März 1977 wurden für die deutschen Kommunen vier GmbHs mit Sitz in Berlin gegründet, ein erster Versuch wenigstens einen Teil der bisherigen Schwarzarbeit zu legalisieren. 1982 beschreibt das Kommunemitglied Aike Blechschmidt in dem Buch "Kommune, Frauenrolle und Utopie" rückblickend die "ansehnliche, arbeitsteilige Ökonomie" der Gruppen:
wo all diese Autos gerade waren. Auf einer großen Wandtafel bewegte er Autosymbole durch ganz Europa und tüftelte optimale Touren aus. Eines Tages fällt dem armen Mann auf, daß drei Fahrzeugschlüssel an seinem Schlüsselbrett hängen und er nicht feststellen kann, wo die zugehörigen Fahrzeuge sind. Panik. Eine verzweifelte Suche beginnt, niemand wollte diese Autos zuletzt benutzt haben. Und so stehen sie vielleicht noch heute - irgendwo.
Neben diesen drei herausragenden Leistungen
waren kleinere Vergehen an der Tagesordnung. Das angebrannte bzw verwürzte
Essen für 30-40 Personen, zerbrochene Möbel bei den AA-Transportern,
zu Tode gekürzte Hecken und mit elektrischen Heckenschneidern angesägte
Beine bei den AA-Gärtnern, blasenwerfende Tapeten bei den AA-Malern.
Und ab und an flog ein Eimer Farbe von einem Malergerüst auf die Straße.
Weit über diesen chaotischen Arbeitsverhältnissen saß die
Elite der "internationalen Organisatoren" in der neuen "Verwaltungszentrale
des deutschen Organisationsbüros" in Nürnberg und beteiligte
sich planend an dem Chaos. Um ihre Bedeutung zu unterstreichen, wurden
ab Sommer 1977 "Kongresse" der deutschen AA-Gruppen einberufen. Beinahe
"80 Delegierte der Arbeitsbereiche Bewußtseinsverbreitung, Verlag,
Ökonomie, Finanzen, AA-Magazine, Ausbau" trafen sich in Nürnberg.
Die bisherige deutsche Zentrale wurde zur neuen "internationalen Kommunikationszentrale
der AAO" [AAN77/7, S.18] gekürt. Es wurde wenig diskutiert. In Vorträgen
vermittelten die "internationalen Organisatoren" euphorisch ihre Vorstellungen
von Planung und "AA-Okonomie", abends traf man sich zur gemeinsamen Selbstdarstellung.
Die Therapie trat dabei in den Hintergrund, stattdessen wurden die gemeinsamen
ökonomischen Fähigkeiten und die gemeinsame Zukunft bejubelt.
Zwar war die Arbeit der "internationalen Organisatoren" genauso 'professionell'
wie die Arbeit in den AA-Betrieben, trotzdem waren erstere realistisch
genug, durch ihre Monatsabrechnungen und Planungen die finanzielle Misere
der AAO zu erkennen. Der Einzugsstrom verebbte langsam, und damit trocknete
die bislang wichtigste Geldquelle aus, die "Auflösung des Privateigentums
(AdP)". Sie betrug 1977 immerhin fast zwei Millionen DM. Der "internationale
Finanzchef' meldete:
zurück." [AAN76/6, S. 32] Gängige
Praxis war hingegen, daß nur größere Barschaften von einigen
Zigtausend DM - und das auch nur widerwillig - zurückerstattet wurden.
Wer Sachvermögen und/oder einige Tausend Mark mitgebracht hatte, konnte
monate- und jahrelang seine Ansprüche anmelden. Die "internationalen
Organisatoren" waren ertaubt und verstummt oder teilten mit, daß
die eingebrachte Summe exakt den "Ausbildungskosten" entsprach. Noch Jahre
später meuterte Mühl empört gegen diese "unverschämten
Forderungen":
Es hat sich gezeigt, daß der Zentralismus
ungeeignet ist für die sinnvolle Gestaltung einer Gesellschaft. Die
Arbeit leidet an Beziehungslosigkeit, die Arbeitsintensität sinkt,
Fehlleistung, Schlamperei, Gleichgültigkeit greifen um sich. Eine
zentralistische Organisation, welche die autonome Selbstgestaltung des
Einzelnen, der einzelnen Gruppe nicht berücksichtigt, führt zur
Versklavung des Einzelnen." [AAN77/7, S. 2f.]
Der Friedrichshof wurde
ab jetzt als Modell einer zukünftigen Gesellschaft dargestellt, der
Begriff der "experimentellen Gesellschaftsgestaltung" wurde in das gemeinsame
Vokabular aufgenommen. Von der "Massenbewegung" zum "Gesellschaftsmodell".
Mühl:
Mütter und Kinder (1974-1978)
In den Jahren 1974 und 1975 wurden fünf
Kinder am Friedrichshof geboren. Weitere 10-20 Kinder kamen 1976 bzw. 1977
gemeinsam mit ihren Eltern in die Kommune. Die "Kommune-Pädagogik"
entsprach anfangs weitgehend antiautoritären Erziehungsgrundsätzen.
Die Kinder wurden entsprechend ihrem Verlangen gesäugt, Sauberkeitszwang
wurde abgelehnt, jeder diesbezügliche Druck auf den Kommunenachwuchs
wurde vermieden - "die Kinder wissen schon, was sie wollen". Die Kleinfamilie
diente als abschreckendes Beispiel dafür,
All dies zählte jedoch plötzlich für die "Einstufung in der Hierarchie". Fast alle Mütter wurden "vorwurfsvoll" und glitten die Hierarchie nach unten. Wie immer war allein die "KF-Vergangenheit" der Mutter, deren "Schädigung", nicht etwa Mühl, seine Theorien oder die Kommune, für dieses Versagen verantwortlich. Die Mütter beluden sich bereitwillig mit der ihnen zugewiesenen Schuldenlast und geißelten sich in selbstanklagenden Artikeln. Eine Mutter schrieb 1977 in den AA-Nachrichten:
Exkurs: Die Lehre - "AAO und Kleinfamiliengesellschaft (KFG)"
Die folgende Zusammenstellung Mühlscher Meinungen ist keine Lehre in dem Sinne, daß von diesem ernsthaft über einen längeren Lebensabschnitt an Thesen und Theoriengebäuden gearbeitet worden wäre. Vielmehr sind es - von ihrem Charakter her - eher literarische Ergüsse zu verschiedenen Themen, die stets mit denselben wiederkehrenden Gedanken beantwortet wurden. Der folgende Abschnitt besteht aus verschiedenen Artikeln der AA-Publikationen, die in eine logische Reihenfolge gebracht wurden.
1976 attackierte Mühl die Kleinfamiliengesellschaft und den Staat in den AA-Nachrichten mit wachsender Schärfe. Seine Glaubensbekenntnisse entsprachen einem einfachen Schwarz-Weiß-Muster: Die "Kleinfamilie (KF)" - "Finsternis, Verfall, Verkrüppelung etc." - auf der einen Seite, auf der anderen die geilen AA-Brüder und -Schwestern des Lichtes, der Lockerheit, der Gesundheit, der Zukunft. Die AAO als paradiesische Insel im verseuchten Meer der Kleinfamilie. Die Kleinfamilie als allgegenwärtige Weltformel allen Übels.
Ist heute der "KF-Staat" und der "KF-Mensch (KFM)" kaputt und fertig, so war früher in einer mystischen Urzeit der Mensch gut und geil. "Der Mensch lebte in der Urzeit zunächst in kleinen Horden mit inzestuöser unbeschränkter Sexualität, und ohne Privateigentum." [AAN76/2, S. 3] Doch der Mensch gab diesen glücklichen Urzustand auf und treibt seitdem verloren dahin in einem "allmählichen Bewußtwerdungs- und Entwicklungsprozess, der durch Menschheitskatastrophen erzwungen scheint". [AAN76/3, S.3] So erstreckt sich heute über den "gesamten Erdball die KF-Bewußtlosigkeit. Die unbewußte Gewalttätigkeit des KFM wird als naturgegeben hingenommen. Ihre Herkunft ist dem KF-Wissenschaftler ein Rätsel." [AAN76/3, S.6] Aber die AAO "hat diesen Schleier zerrissen, seinen Ursprung erkannt und in ihrer Lebenspraxis überwunden." Daher werde die AAO zweifelsohne "neue Menschen hervorbringen", die sich mit dem "heutigen KFM nicht mehr vergleichen lassen". [AAN76/2, S. 8]
Eine wichtige Ursache für die gesellschaftliche Fehlentwicklung sah Otto Mühl in der Erziehung. Vor allem die "Still- und Säugegewohnheiten" in der Kleinfamiliengesellschaft erzeugen einen "angepaßten, deformierten, bewußtlosen, schleimigen, oberflächlichen, mit Haß gefüllten, braven KFM,
abgeschnitten von seinen Bedürfnissen
und unfähig zu sozialem Leben."
[AAN76/3, S. 6]
Direkte Demokratie [AAN76/1, S. 25-27]
"AA-Menschenrechte" waren ein direktes
Ergebnis der "gemeinsamen Lebenspraxis". Mühl:
"1. Alle Menschen haben unterschiedlos
das Recht auf die Erfüllung aller materiellen Bedürfnisse Nahrung,
Kleidung, Wohnung.
2. Alle Menschen haben das Recht auf
soziale Gleichwertigkeit durch Gemeinschaftseigentum.
3. Alle Menschen haben das Recht auf
alle Rohstoffe und Produktionsmittel der Erde durch gemeinsames Eigentum.
Die Erde gehört allen Menschen.
4. Alle Menschen haben das Recht auf
sinnvolle Verwendung der Technik, um die materielle und emotionelle Lebensqualität
des Menschen zu steigern und die Arbeit auf ein Minimum einzuschränken.
5. Alle Menschen haben das Recht auf
unbeschädigte Umwelt. Profitproduktion führt zur Vergeudung der
Rohstoffe und zur Vernichtung der menschlichen Umwelt und des menschlichen
Lebens.
6. Alle Menschen haben das Recht ihre
Sexualität als freie Sexualität zu verwirklichen ohne Einschränkung
durch Zweierbeziehung, Ehe, Moral oder durch irgendein Sittengesetz. Freie
Sexualität läßt sich nur unter gleichwertigen Menschen
verwirklichen. Privateigentum verhindert freie Sexualität.
7. Alle Menschen haben das Recht auf
eine gewalt- und aggressionsfreie Gesellschaft.
8. Alle Menschen haben das Recht auf
politische Freiheit durch direkte Demokratie, mit allen Menschen zusammen
die Welt zu regieren und zu gestalten." [AAN76/1, S.6]
Das Wohl der Welt hing nur an der Auflösung
von Zweierbeziehung und Ehe. Bestünde erst einmal "globale, freie
Sexualität", dann wäre die "Grundbedingung für die Entwicklung
eines menschlichen Bewußtseins" [AAN77/2, S. 19] gelegt. Denn
Es war nur folgerichtig, daß Mühl
in diesem Rahmen davon ausging, daß die AAO "nicht mit dem Maßstab
der Kleinfamilie" gemessen werden konnte. Wer sich ein kritisches Urteil
erlaubte, der war entweder nicht fähig, die "eigenen Ansprüche
und Ideen in seiner Lebenspraxis zu verwirklichen", oder er "projezierte,
was seine eigene Welt ist, in der er lebt." [AAN76/6, S. 9] Stolz verkündete
Mühl:
Andreas Schlothauer: Die
Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 71
1978-1984: Demokratisierung einer 'Sekte'?
Auflösung der AAO und Privateigentum
(1978-1982)
Im Februar 1978 trafen sich erneut - und
zum letzten Mal - 30 Delegierte der AA-Kommunen in Nürnberg, um über
das Scheitern des Gemeinschaftseigentums und der gemeinsamen Betriebe zu
beraten. Die defizitären AA-Nachrichten, der Nürnberger (Zentralverwaltungs-)Wasserkopf
und das "internationale Bewußtseinsverbreitungszentrum Friedrichshof"
waren eine gefräßige Dreieinigkeit gewesen. Das meiste Geld
verschlang der schlecht geplante, hektisch vorangetriebene Ausbau des Friedrichshofes
und die Werbung neuer Mitglieder. Die Herausgabe der AA-Nachrichten wurde
im Frühjahr 1978 ganz eingestellt, der AA-Verlag aufgelöst, die
"Tourneen" beendet und die Zahl der Gruppenleiterinnen und Kursleiterinnen
verringert. Im Frühjahr und Sommer 1978 wurden die Betriebe aufgelöst,
die Zentralverwaltung personell drastisch verringert und in allen Arbeitsbereichen
die Frage nach der Wirtschaftlichkeit gestellt. Es wurde erklärt:
Im Frühjahr 1978 wurde die Auflösung der AAO bekanntgegeben. Der "belastende Name" war weg, auf das offene Werben um neue KommunardInnen und die schriftliche Verbreitung der Ideologie wurde verzichtet, ab
jetzt versuchte die Führungsspitze,
keine Angriffsfläche mehr für die Öffentlichkeit zu bieten.
Es schien, als hätten die letzten Jahre nie existiert. Aus dem "internationalen
AA-Zentrum" wurde das "Zentrum für Selbstdarstellung". Ein Auszug
aus dem Kursprogramm 1978:
In Etappen wurde aus dem Gemeinschaftseigentum wieder Privateigentum mit der Umlage gemeinsam zu tragender Kosten. In den Stadtgruppen wurde der Mietanteil und der Anteil an gemeinsamen Versorgungskosten -Essen, Hygieneartikel, Arbeitszeitverrechnung etc. - bestimmt. (In München beispielweise 240 DM Miete und 400 DM Versorgungssatz, vgl. [HAS-C82, S. 117].) Zusätzlich war an den Friedrichshof für Schuldenrückzahlung und die Privatschule ein "Friedrichshof-Mitgliedsbeitrag" abzuführen, den jeder zu bezahlen hatte. Dieser war auf mindestens 100 DM monatlich pro Person festgesetzt. Der Gemeinschaftssatz betrug daher je nach Gruppe ca. 750 bis 1.000 DM monatlich. Über den Differenzbetrag konnte jeder Kommunarde etwa ab Ende 1978 selbst verfügen. Man/frau hatte sein eigenes Konto und konnte mit diesem Geld wieder die kleinen Freuden des Lebens genießen. Das Privateigentum hatte den eindeutigen Vorteil, daß dadurch die finanzielle Abhängigkeit des Friedrichshofes von den Stadtkommunen
- und im bescheideneren Ausmaß von den Gästen - deutlich war. Gerade dieses Abhängigkeitsverhältnis war stark dafür verantwortlich, daß Mühl und sein Führungsclan in den folgenden Jahren wesentlich toleranter und moderater auftraten. Vor allem das Leben in den Stadtkommunen normalisierte sich durch die alltäglichen Kontakte mit Nicht-KommunardInnen in Arbeit bzw. Ausbildung. Der Friedrichshof war weit entfernt, wer nicht den Drang dorthin verspürte, konnte zumindest die nächsten drei Jahre in Ruhe in seiner Stadtkommune verbringen. Man ging wieder einkaufen, las Zeitungen und Bücher, hörte Musik und konnte ab und zu fernsehen. Verpönt waren nach wie vor Luxusartikel, Kino- und Theaterbesuche, kostspielige Freizeit- und Sportaktivitäten usw. "Konsumkultur" wurde abgelehnt, die aktive Kulturausübung gefördert. Diese "künstlerische" Betätigung war besonders gern gesehen, wenn sie sich in dem engen Rahmen bewegte, den Mühl als Vorbild absteckte. Möglichst "emotionell, sich ausleben", immer mit dem Ziel, alles in der Gruppe zu tun. "Spezialistentum" und intensive Beschäftigung mit einem Musikinstrument, Theater oder einer anderen Kunstrichtung wurde zwar nicht verstanden, aber toleriert. Trotz dieser 'ideologisch-freiwilligen' Einschränkungen, nach beinahe zwei Jahren totaler Konsumaskese, war es für alle KommunardInnen ein großartiges Erlebnis, eigene Kleidung, Schuhe, Parfüms, Bücher, Zeitschriften, Musikinstrumente etc. kaufen zu können.
Bei den abendlichen Selbstdarstellungen wurde mit Hypnose, Trance und Suggestionen experimentiert, theatralische Elemente flossen ein, es wurde viel getanzt. Aktionsanalytische und therapeutische Elemente wurden immer unwichtiger, bis sie etwa 1979 ganz verschwanden. Als Abwandlung der Selbstdarstellung entstand das "Strukturpalaver", das hieß, alle paar Wochen wurde mehrere Stunden in aller Öffentlichkeit über das Verhalten bzw. die Verfehlungen im Kommunealltag gesprochen und eine Reihung vom ersten bis zum letzten Kommunarden erstellt. Die hierarchischen Strukturen waren längst nicht in dem Ausmaß verschwunden, wie dies gegenüber der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Eine wesentliche Veränderung war, daß immer mehr Frauen am Friedrichshof wie in den Stadtkommunen Führungspositionen besetzten. Frauen galten als "sozialer", hatten größere "pädagogische Fähigkeiten", sie waren nach Mühls Meinung "besser für das Leben in einer Kommune geeignet". (Obwohl als Gruppenleiter (GL) bezeichnet, waren es doch in Wahrheit ab 1979 fast ausschließlich Gruppenleiterinnen.) Im engeren Führungskreis waren ab Anfang der 80er Jahre nur noch ein Mann (B.S.) und fünf bis sechs Frauen, unter den ersten 20 nur noch drei bis vier Männer. Es war ein Matriarchat sich eifersüchtig bekämpfender Frauen um den - nach eigenen Worten - "einzigen echten Mann der Bewegung".
Mühl hatte seit 1978 die offene, gesellschaftliche Auseinandersetzung um seine Ideen aufgegeben, ihm waren seine Ambitionen, die Welt zu retten
und zum Kommuneleben zu bekehren, gründlich
vergangen. Er verbrachte seine Tage am Friedrichshof mit Malen und der
"Verbreitung von Bewußtsein" im engen Kreise seiner Getreuen. Was
in den Stadtkommunen vor sich ging, kannte Miihl aus eigener Anschauung
nicht. Seine letzte Rundreise hatte er ihm März 1979 absolviert, seither
verließ er kaum noch den Friedrichshof. So hing in den Stadtkommunen
der spürbare Einfluß Mühls von dem/der - alle drei bis
fünf Monate wechselnden - Gruppenleiterln ab. War diese/r normal und
mehr Persönlichkeit als Ideologe, so war das Leben in der Gemeinschaft
angenehm.
Rückkehr zu Zentralismus und Gemeinschaftseigentum (1981-1984)
1981 wurde in einigen Gruppen laut über
die Funktion des Gruppenleiters und dessen Notwendigkeit nachgedacht, Mühl
wurde es unheimlich. Die Autonomie, die in den Stadtkommunen entstanden
war, führte eindeutig zu weit, er konnte nicht dulden, daß an
dem ideologischen Heiligtum "Hierarchie" bzw. "Gruppenleiter" gekratzt
wurde. Dies mußte in letzter Konsequenz seine eigene Rolle als "Chef
der Bewegung" in Frage stellen. Am offensten war das Autonomiestreben in
Genf. Dort wurde von vielen bezweifelt, daß "ein Gruppenleiter notwendig"
sei. Eine Kommunardin schrieb vertrauensvoll einen Brief an Otto Mühl.
Dessen Inhalt wurde Mühl in der 12er-BAG vorgetragen:
Sie schreibt: Mein Wunsch ist, daß die Gruppe einmal eine Arbeits- und Genußgemeinschaft wird. (Otto: Mein Wunsch wäre das auch.) Vielleicht sei es ein wichtiger Schritt, so wie die Auflösung des Gemeinschaftseigentums nun auch vom Gruppenleiter unabhängig zu werden, emotionelle Unabhängigkeit vom Gruppenleiter. Mühl: Die Genfer haben keine große Chance mehr. Sie haben keine Außenarbeit (=Werbung neuer Gäste, d.Verf.). Sie schieben alles auf den Gruppenleiter - eine Gruppe stirbt, wenn nicht neue Leute nachkommen. Die Gruppe wird zur alten Familie, da gibt es keine Entwicklung mehr. Der Gruppenleiter ist dann nur mehr lästig, die Leute wollen ihn gar nicht mehr, sie wollen unter sich sein." [M 12.2.81]
Tage lang in Einzelanalysen und in der abendlichen Selbstdarstellung. K., die unbefangene Schreiberin oben genannten Briefes, wurde von Mühl angeschnauzt: "Du schlaue Briefschreiberin, du Wahnsinnige, so ein Unsinn den sie geschrieben hat." Den drei ausgezogenen Genfern schickte er folgende Gruße hinterher: "Seid doch froh, daß ihr die drei los habts. Dieser perverse A. und dieser G., dieser Halbaffe und A., diese stumpfsinnige, das war doch eine Schwachsinnige." [SDA 23.2.81] Einige Monate später wurde die Genfer Kommune aufgelöst. Die verbliebenen KommunardInnen wurden auf die anderen Kommunen verteilt.
Der Jahreswechsel 1981/82 brachte den einzigen
und zugleich letzten Versuch, die Kommune von innen heraus zu demokratisieren.
Der - von Mühl so bezeichnete - "Angriff der Viererbande". Claudia
W., die damalige Erste Frau und W., eine weitere Frau der 1. BAG trafen
sich regelmäßig mit drei bis vier weiteren Personen. W. beschreibt
rückblickend die damaligen Motive:
seitdem am Abend nicht mehr so Selbstdarstellung, sondern Bildung gemacht wird, viele Leute nicht mehr zum reden kommen, außerdem ist diese Bildung sehr dilletantisch, Allgemeinplätze, nicht wissenschaftlich. Es wollen einige von der zweiten Gruppe in Düsseldorf auch Theater-Workshops in der Volkshochschule besuchen, weil die Theater-Workshops in der Gruppe so dilletantisch sind. Auch in Hamburg ist es ähnlich." [SDA 11.2.82 ]
Im Zuge der Demokratisierung wurden auch von einzelnen KommunardInnen, jeweils unabhängig voneinander, Versuche unternommen, die Gruppen stärker in die Gesellschaft zu integrieren. So war mit der Übernahme einer gemeinnützigen Wohn-, Bau- und Siedlungsgenossenschaft anfangs nicht nur die Absicht verbunden, günstige Wohnbauförderungsdarlehen der Burgenländischen Landesregierung (z.B. 18 Millionen Schilling, Laufzeit 47 Jahre bei 0,5 Prozent Zins) zu erhalten, sondern es wurde auch von der demokratischen, rechtlichen Struktur einer Genossenschaft eine stärkere Beeinflussung der ökonomischen Entscheidungsstrukturen am Friedrichshof erhofft. Die 'Intellektuellen' der Kommune, Michael Pfister und Aike Blechschmidt, verfaßten ein Buch "Kommune, Frauenrolle & Utopie", welches 1982 veröffentlicht wurde. Außerdem initiierte Michael Pfister eine Zeitung mit dem etwas sinnlosen, von Otto Mühl ausgewählten Namen "Kikeriki". In dieser waren auch Diskussionsbeiträge von Nicht-Kommunarden bezüglich aktueller alternativer Themen enthalten. Mitglieder der Stadtkommunen arbeiteten im Netzwerk und in alternativen Projekten mit. Dies waren, zumindest was den Einsatz einzelner betraf, ernst zu nehmende Versuche der Integration. (Was natürlich nicht unbedingt bedeutete, daß Mühl selbst diese Absicht vertrat.) Auch eine kritisch-distanzierte Radiosendung zweier norwegischer Journalistinnen wurde in Broschürenform veröffentlicht. Am 26./27. Januar 1983 organisierten Mitglieder der Kommune einen Besuch von Joseph Beuys in Österreich. Er traf mit Bruno Kreisky zusammen, nahm an verschiedenen Veranstaltungen teil und besuchte den Friedrichshof. Auch dieser Aufenthalt wurde in schriftlicher Form dokumentiert und veröffentlicht.
Aber all diese Integrationsversuche waren umsonst. Mühl hatte sich Mitte 1983 entschieden: In den Stadtkommunen wurde die "Bewußtseinsverbreitung" beendet, die "Kulturvereine" aufgelöst. Gleichzeitig mußten alle pädagogischen und kulturellen Projekte und Aktivitäten einzelner Kommunemitglieder eingestellt werden. Alle Kindergärten, Kindertheater, Stadtteilprojekte etc. wurden per Befehl von oben aufgelöst, die Mitarbeit bei anderen Projekten mußte beendet werden. Jahrelange Arbeit und Initiative derjenigen, die für eine gesellschaftliche Integration gekämpft hatten, war vernichtet. Dieser endgültigen Abkapselung nach außen waren jedoch bereits 1982 endscheidende Schritte vorausgegangen.
Nach den Erlebnissen in Genf und vor allem nach den Wahlen wurde Schritt für Schritt, fast unmerklich, die Autonomie der Stadtkommunen
wieder eingeschränkt, das Privateigentum
erneut in Gemeinschaftseigentum umgewandelt. Die ohnehin geringfügigen
Konsummöglichkeiten wurden immer weiter eingeengt, bis nicht einmal
mehr der private Einkauf von Kleidern möglich war. Selbst Bücher,
Zeitschriften etc. durften nur noch auf Antrag erstanden, jede Mark Taschengeld
mußte abgerechnet werden. Die Rückkehr der AA-Zeit. Mühl:
"Man soll das abschaffen, daß sich jeder Kleider kauft. Es darf nichts
mehr gekauft werden, es muß bewilligt werden, und zwar vorher. Wir
müssen dieses Privateigentum wieder abschaffen." [NE 21.2.83] Mühl
wollte zurück zur 1978 aufgegebenen, zentralistischen Hierarchie.
In einer Zukunftsvision entstand eine AAO-Nachfolgeorganisation - die "AAU
(AA-Ultra)":
Zur besseren Kontrolle der Gruppen und der alle paar Monate wechselnden GruppenleiterInnen wurden den einzelnen Kommunen "Supervisorinnen" (ausschließlich Frauen) zugeteilt. Jede Frau aus der 1. BAG und 2. BAG bewachte ab sofort mit scharfem Auge ihre Gruppe. Bald entbrannte ein wüster Konkurrenzkampf unter den Mühlschen Führungsfrauen. Jede versuchte, sich als "Supervisorin" besonders zu profilieren, um in der Hierarchie mitzuhalten. Beinhart trachtete jede, möglichst viele Gruppen unter ihre Kontrolle zu bringen. 1983 waren noch fünf Supervisorinnen übrig. 1984 wurden auch diese abgeschafft, Mühl war das System zu unübersichtlich, also nahm er die Kontrolle wieder in die eigenen Hände. Eine Schreckensvision hatte ihn zu diesem Entschluß veranlaßt:
Viele waren ihm durch ewige Einwände - "Rücksichtnehmen auf die Gesellschaft und so ..." - und die Darstellung schwieriger Zusammenhänge unsympathisch geworden. Der Mann mit dem einfachen patriarchalen Weltbild wandte sich gegen die Vertreter einer vielschichtigen, demokratischen Wirklichkeit. Der totale Rückzug der Kommune aus der Gesellschaft gab Mühl viel Raum für die Entfaltung seines totalitären Wesens. Ökonomisch war dies erst durch eine entsprechende berufliche Monokultur möglich.
1980 hatten zwei Kommunarden bei einer Firma angefangen, die Warentermingeschäfte abwickelte. Bereits nach wenigen Monaten überstieg ihr Verdienst um das Mehrfache die Durchschnittseinkommen der anderen Kommunemitglieder. Sie konnten es sich leisten, am Wochenende nach Österreich zu jetten, gaben ihr Geld bereitwillig für Analysen und Selbstdarstellungen aus, spendeten für die 1980 wiedergegründete Privatschule und schenkten Mühl des öfteren ein privates Taschengeld für Drogen. Neben die offizielle Bewußtseinshierarchie trat die inoffizielle Geldhierarchie, denn mit der Steigerung des Einkommens war auch ein Aufstieg in der Hierarchie verbunden. Dadurch änderte sich ab Ende 1981 das Berufsbild
in den Stadtgruppen. Vor allem die StudentInnen wurden gedrängt ihre Ausbildung abzubrechen. Nur wer kurz vor dem Abschluß stand oder ein fortgeschrittenes Medizin-, Jura- oder Betriebswirtschaftsstudium aufzuweisen hatte, blieb verschont. Die anderen mußten sich ab jetzt dem Warentermingeschäft und dem neuentdeckten Vertrieb von Bauherrenmodellen widmen.
Ab Anfang 1984 bestand mit der Gründung
kommuneeigener Firmen in München, Bonn, Düsseldorf und Berlin
für die Stadtkommunardlnnen nur noch die Möglichkeit, in diesen
Firmen zu arbeiten. War bis dahin durch die freie Berufswahl ein Gegengewicht
zu den Alltagserfahrungen in der Kommune vorhanden bzw. für viele
eine Erholung von den Strapazen des Gruppenlebens möglich gewesen,
so wurde dieser Rest Freiraum durch die Verpflichtung, in den eigenen Firmen
zu arbeiten, beseitigt. Die Jahre der freien Berufswahl waren beendet.
Was in Mühls Augen von jetzt ab zählte, war der "Verkauf": "Verkauf
ist überhaupt das Höchste, bin ich heute daraufgekommen. Wir
haben ja viele Kinder hier und ich sehe das nun mit dem Verkauf sehr positiv."
[NE 14.1.84] Erfolg in der Arbeit wurde immer offener durch hierarchischen
Aufstieg belohnt. In wöchentlichen Treffen wurde die Motivation der
Verkäufer gepuscht. Mühl:
"Bewußtseinsverbreitung" - ein letzter Versuch (1981-1984)
In jeder Stadtkommune waren 1979 bzw. 1980 gemeinnützige Vereine - in der BRD mit Namen wie "Kulturhaus", "Kulturwerkstatt", "Kulturatelier" etc. - gegründet worden, die seit 1981 immer stärker zur verdeckten Anwerbung
neuer KommunardInnen benutzt wurden.
(Da sich die Erfolge bei der "Bewußtseinsverbreitung" in der Hierarchie
der GruppenleiterInnen niederschlugen, wurde daraus eine regelrechte Kopfjagd.)
Die Teilnehmer von Mal-, Theater-, Videokursen etc., die Gäste des
"Informationsabends" und der häufig veranstalteten Feste wurden zu
"Marathons" eingeladen, für einen Besuch des Friedrichshofes interessiert
bzw. dazu überredet. Ab Herbst 1981 gipfelte die wenig erfolgreiche
Neurekrutierung im "WEX (Wohn-EXperiment)". Während einer Woche wohnten
die "WEXler" im Hause der Kommune und nahmen am Alltag der KommunardInnen
teil. Trotz des arbeits-und kostenintensiven Rekrutierungsapparates trat
jedoch nur hin und wieder mal ein neues Mitglied in die Kommune ein (Ausnahme
1980/81), es reichte kaum aus, um die ausziehenden Mitglieder zu ersetzen.
(Bei jeder Gruppenauflösung zogen zwischen zehn und 30 Prozent der
jeweils betroffenen KommunardInnen aus.) Was anfangs im internen Sprachgebrauch
als "Kulturarbeit" bezeichnet wurde, hieß nun wieder "BV=Bewußtseinsverbreitung".
Geworben wurde für das "WEX" mit Texten wie diesem:
worauf sie nicht vorbereitet sind." [NE
17.3.83] Mal sollte man radikal im alten AA-Stil auftreten, z.B.:
Meine Ablösung und mein Ausstieg (1981-1985)
Um die Schwierigkeiten des Weges aus einer totalitären Gemeinschaft zu zeigen, schildere ich beispielhaft meinen eigenen Ablösungsprozeß. Er verlief für viele KommunardInnen, die mit einem Partner - d.h. als Zweierbeziehung - die Gruppe verließen, ähnlich.
Da ich 1978 mit einem Studium begonnen hatte und seit 1980 Fachschaftsvertreter war, hatte ich regelmäßig Kontakte außerhalb der Kommune. Ich organisierte Vortragsreihen, Sommerfeste und Tutorien in meinem Fachbereich, war Vertreter im Studentischen Konvent. Mit meinen Eltern, die ebenfalls in München lebten, war der Kontakt ebenfalls kontinuierlich und meist spannungsfrei. Natürlich verteidigte ich in Diskussionen gegenüber meinen Eltern meine Lebensweise, aber längst nicht mehr in dem Maße, wie dies ideologisch gefordert gewesen wäre. Bei meinen Aktivitäten befolgte ich keineswegs ideologische Ziele, ich wollte niemanden anwerben, ja ich sprach an der Universität nicht einmal darüber, daß ich in einer Kommune lebte. Warum auch? Die Arbeit als solche interessierte mich, es war eine willkommene Abwechslung zum Gruppenalltag.
Als ich 1981 mit einem meiner nicht in der Kommune lebenden Brüder ein Schülerfest organisierte, verliebte ich mich in eine Schülerin. Das Zusammensein mit dieser Schülerclique war mir häufig wichtiger als das Kommuneleben. Gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Schülersprecherinnen gründeten wir einen Verein ("Schülerselbsthilfe e.V."), der die Arbeit der bayrischen Schülersprecher landesweit organisatorisch unterstützte und 1983 in der Gründung einer "Bayrischen Landesschülervertretung e.V." gipfelte. (Damals wurde gerade ein neues Unterrichtsgesetz und eine neue Schulordnung im Landtag verabschiedet.) Auch diese Arbeit entsprang meiner eigenen Initiative. Die anderen KommunardInnen wußten meist gar nicht, was ich so alles trieb, die Gruppenleiterinnen überblickten noch weniger mein Tun, daher war es ihnen nicht möglich, meine Arbeit zu beeinflussen. Zeitweise wurde mir für einige Aktivitäten eine Aufpasserin mitgeschickt, insgesamt waren diese persönlichen Initiativen jedoch gedul-
det. Schließlich gab es damals am Friedrichshof noch einige hierarchiehohe KommunardInnen, welche die Mitarbeit in politischen oder kulturellen Projekten unterstützten. Trotzdem dachte ich immer wieder daran, die Gruppe zu verlassen, denn einige GruppenleiterInnen waren nur schwer zu ertragen. Was mich hielt, war nicht nur eine gewisse 'Angst vor der Kleinfamilie', sondern auch die zu diesem Zeitpunkt guten Beziehungen zu einigen KommunardInnen. Schließlich lebten wir damals seit fast vier Jahren zusammen, mit einigen Gruppenmitgliedern war ich echt befreundet.
Als wir im Sommer 1982 zu einem 'Gruppenurlaub' am Friedrichshof waren, äußerte ich in einem 'Palaver' meine 'Auszugsgedanken' und die Liebe zu der Schülerin. Ich glaubte der schönen Redewendung, daß es in der Kommune möglich sei, 'alles öffentlich anzusprechen'. Das Gegenteil war der Fall. Ich wurde vor versammelter Gruppe von Claudia W. zusammengestaucht und durch hierarchischen Abstieg bestraft. Meine Kontakte zu der Schülerclique sollte ich umgehend einstellen, am besten gleich am Friedrichshof bleiben. Anstatt jedoch die Macht der Gruppe zu akzeptieren und mich zu unterwerfen, lernte ich meine Lektion auf andere Weise. In Zukunft wurde ich sehr vorsichtig. Nur selten erzählte ich noch, was ich so alles trieb und dachte. Langsam verstand ich es, einmal ausgesprochene Verbote dadurch zu umgehen, daß ich heimlich weitermachte. Ich sah, daß Mühl und seine Führungsdamen einmal Gesagtes nach wenigen Wochen schon wieder vergessen hatten. So legte ich mich nicht fest, verteidigte mich nicht öffentlich und machte einfach weiter. Natürlich galt ich immer mehr als Außenseiter, meine Aussichten auf einen hohen Hierarchieplatz waren gering, aber ich hatte meinen Freiraum außerhalb der Gruppe, das war mir wichtiger.
Als 1981 in Düsseldorf und 1982 in Hamburg die Presse über die verdeckte Anwerbung berichtete und Kursgäste des Friedrichshofes ihre zweifelhaften Erlebnisse mit Mühl veröffentlichten, befürchtete ich ähnliche Angriffe auch für München. Meine Arbeit in der Fachschaft, im Studentenparlament und die Zusammenarbeit mit den Schulersprecherinnen wäre damit sofort gefährdet gewesen. Da ich wußte, daß der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche, Pfarrer Haack, als erster die Öffentlichkeit informieren würde, stellte ich auf eigene Faust im Winter 1982/83 den Kontakt her. Da Pfarrer Haack als der 'schlimmste Feind der Kommune' angesehen wurde, sagte ich niemand etwas, denn sonst wäre mir mein Kontaktversuch als 'absolut wahnsinnig' verboten worden. Ich konnte mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, daß irgendjemand 'mein Feind' sein sollte, und wenn, warum sollte ich nicht auch mit meinen Feinden sprechen. Zudem interessierte mich, was Haack konkret zu kritisieren hatte, was getan werden konnte, um das Sektenimage abzubauen. Ich glaubte damals, daß Mühl und seine Führungsclique lernfähig seien. Bei meinem ersten Versuch gab ich mich noch nicht zu erkennen, trotzdem war ich ziemlich aufgeregt. Erst etwa
zwei Monate später sagte ich bei einem zweiten Besuch, daß ich ein Mitglied der - von ihm immer noch so bezeichneten - AAO sei. Dies verschlug ihm wohl doch etwas die Sprache, jedenfalls bestellte er mich nach einem kurzen Gespräch wieder für denselben Nachmittag. Ich fuhr zunächst einmal in unser Kommunehaus zurück, dort erzählte ich der Gruppenleiterin von meinem Besuch bei Haack. Panik brach aus. Die Gruppenleiterin war weit überfordert, unverzüglich wurde am Friedrichshof angerufen und Otto Mühl verständigt. Auch dort Fassungslosigkeit über meinen Kontakt zum 'Todfeind'. Nach einiger Zeit kam der Rückruf vom Friedrichshof, 'man könne ja wohl nichts machen, ich solle dann halt nachmittags hingehen'. Haack ratterte dann nur so auf mich ein, in was für eine schlimme Sekte ich da geraten wäre, Mühl sei ein teuflischer Verführer usw. Sicher, ich hatte selbst gewisse Zweifel an Mühl und an vielen ideologisch-starren Verhaltensweisen, an der verdeckten Anwerbung neuer KommunardInnen, aber mich interessierten mehr die konkreten Schritte, die zu unternehmen seien, damit unser Zusammenleben gesellschaftlich akzeptabel würde.
Die nächsten Wochen war das Mißtrauen vieler Gruppenmitglieder mir gegenüber groß, andererseits sollte ich den Kontakt zu Haack halten. Anfangs sah es so aus, als ließe sich tatsächlich in der Kommune etwas verändern. Ein paar Monate konnten wir die Kulturarbeit weitgehend von Ideologie und verdeckter Anwerbung freihalten, dann nahmen die Bevormundungen der Friedrichshofer wieder zu. Ab Frühjahr 1983 beendete ich meine studentischen und schulpoiitischen Aktivitäten allmählich, da mein Studienabschluß fällig war. Es gab keinen anderen Studenten mehr, auch ich sollte mein Studium abbrechen. Mehrmals stellte mich die Erste Frau Claudia W. (heutige Mühl) knallhart vor die Alternative: entweder Auszug - 'dann kannst du ja dein Studium beenden' - oder Gruppe, 'dann aber in den Verkauf. Ich blieb, hoffte auf Veränderungen und - ich weiß nicht wie und warum - es gelang mir, meinen Willen durchzusetzen und mein Studium weiterzuführen. Während der Examensvorbereitungen im Sommer und Herbst 1983 hatte ich eine Art Schonfrist. Beinahe alle KommunardInnen arbeiteten den ganzen Tag, kaum jemand war im Hause. Es war eine angenehme Zeit, ein schöner Sommer, ein warmer Herbst, und ich saß an der Peripherie unseres Kommunehauses auf einem Flachdach mit Blick über die Felder.
Trotz meiner zahlreichen Kontakte außerhalb
der Kommune und meiner ausgefransten Gruppenideologie war ich damals nicht
fähig, die Konsequenzen zu ziehen und zu gehen. Ich bildete mir ein,
nicht kurzfristigen Neigungen folgen zu dürfen, erst nach zehn Jahren
der Mitgliedschaft wollte ich aussteigen. Ich schrieb im Juli 1983:
Andreas Schlothauer: Die
Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 91
denn Otto Mühl hatte 'das natürlich voll im Griff und erzog' die Bettgenossin. (Was meist mit einem Aufstieg in der Hierarchie verbunden war - in bösen Momenten wurde von 'in der Hierarchie hochpudern' gesprochen.)
Mühl lehnt die Zweierbeziehung vor
allem deswegen ab, weil jede Beziehung - und gerade diese tiefe Bindung
zweier Menschen - die Betroffenen aus seinem Machtbereich hinaussaugte.
Beziehung schafft Vertrauen und ermöglicht vertrautes Gespräch.
Dieser Austausch der Gedanken ließ die Zweifel an Mühl und seiner
Ideologie wachsen, das Züchtigungs- und Kontrollmittel Hierarchie
verlor seinen Schrecken. Wo die soziale Anerkennung der Gruppe durch die
Anerkennung und Einigkeit mit dem Partner ersetzt wurde, nahm Mühls
Einfluß rapide ab. Mühl wußte dies:
könnten wir uns ja immer noch entscheiden.
Da wir uns selbst immer noch nicht ganz sicher waren, was wir wollten,
willigten wir ein. Meine Freundin fuhr zum Friedrichshof, ich blieb in
München. Wir schrieben uns heimlich Briefe und telefonierten. Es war
riskant und aufregend, aber wegen der Unsicherheit auch entnervend. Mitte
August entschloß ich mich, einen Brief an Otto Mühl zu schreiben,
denn ich glaubte noch immer, daß Mühl lediglich von seinen GruppenleiterInnen
falsch informiert sei und aufgehetzt würde. Ein Auszug des Briefes:
beendet: die Liebe entzog mich Mühls Klauen. In einer letzten tränenreichen Nacht brach die jahrelange geistige Enge des Kommunedenkens angesichts unseres gemeinsamen Bedürfnisses restlos zusammen. Wir verließen die Kommune ohne Geld mit unserer geringen persönlichen Habe, um unser eigenes Leben endgültig in die Hand zu nehmen.
Andreas Schlothauer: Die
Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 95
1984-1990: Verirrungen in einer geschlossenen Gemeinschaft
Alltag in der Kommune (1984-1990)
Ein ehemaliger Kommunarde, der 1988 ausstieg,
schildert den Alltag in einer Stadtgruppe in den Jahren 1986-1988.
In Amsterdam arbeiteten fast alle KommunardInnen von 1985-1987 in der Broker-Firma 'First Commerce' bzw. 'Green Tree' des Kanadiers I. K., einem international (von Interpol und FBI) gesuchten Aktienbetrüger. Aktien wertloser Firmenhüllen wurden an Anleger verkauft. Einige
wenige KommunardInnen hatten Ende 1984
bei 'First Commerce' angefangen, ihre Gehälter und Provisionen überstiegen
rasch den Durchschnittsverdienst der anderen Gruppenmitglieder. Eilig wurden
alle KommunardInnen in das illegale Geschäft gedrängt. Wer Gewissensbisse
hatte, wurde erheblichem Druck ausgesetzt. Mühl rechtfertigte die
illegalen Geschäfte:
Anläßlich massiver Klagen aus dem Ausland wurde im Mai 1986 das Büro der 'First Commerce' von der holländischen Polizei durchsucht und wenig später Anklage erhoben. (Einige Kommunemitglieder flohen noch am selben Abend mit dem Flugzeug ins Ausland und tauchten einige Zeit unter.) K. gründete eine neue Firma: 'Green Tree'. Als auch diese Firma einige Monate später ein juristisch diktiertes Ende fand, hatte der ehemalige Verkaufsleiter von 'First Commerce' - L. W. - eine neue Idee. Im August 1986 reiste er mit einem Geschäftspartner zum Friedrichshof, um mit Otto Mühl das "Projekt Zypern" zu beraten. Nach zwei Tagen hatte man sich geeinigt. In Zypern wurde die neue Schwindelfirma 'York International Securities' nach bekanntem Muster gegründet, acht bis zehn KommunardInnen hausten dort in Hotels und verdienten noch einmal ein paar Monate ordentlich. Wiederum Schwarzeinnahmen für das Schweizer Nummernkonto. Später wurde das Panamaisch-Schweizerische Schwarzgeld dadurch weiß gewaschen, daß die kommuneeigene Luxemburger Stiftung 'Almende AG' mit Konto bei der Luxemburger Bank 'SoGenal' Kredite in entsprechender Höhe erhielt. Auf dieses Konto flossen auch die Ersparnisse der anderen Gruppen.
Die Gelder auf
dem Luxemburger Konto waren eigentlich als Altersvorsorge gedacht. Man
plante noch fünf bis zehn Jahre in dem Tempo weiterzuarbeiten, um
sich dann am Friedrichshof gemeinsam zur Ruhe zu setzen, sodaß keiner
mehr extern arbeiten müsse und alle so leben würden, wie bereits
seit über zehn Jahren die 1. und 2. BAG am Friedrichshof. Doch es
sollte anders kommen. Im Mai 1986 setzte Tschernobyl ein Zeichen. Fieberhaft
wurde nach Möglichkeiten gesucht, um der Strahlengefahr zu entkommen.
Unter Führung von Mühls späterer Frau Claudia (W.) brach
eine Gruppe hierarchiehoher Erwachsener mit Kindern zur Kanarischen Insel
La Gomera auf. Es gelang Claudia und T., Mühl 1986 zu
97
einem Aufenthalt auf Gomera zu bewegen. Dies war unglaublich schwer, denn Mühl hatte seit 1979 den Friedrichshof höchstens zu eintägigen Reisen nach Wien zum Zahnarzt etc. verlassen. In kleiner Begleitung flog Mühl und war begeistert. Er verfiel in einen Kaufrausch, großzügig wurden bis 1990 ca. 180 Millionen Schilling [ca. 13 Millonen Euro] in Gomera investiert und zu einem großen Teil verschleudert. (In einer Bilanz 1990 sind die Liegenschaften auf Gomera vorsichtig mit etwa 52 Millionen Schilling [ca. 3,7 Millonen Euro] angegeben, eine Abwertung von etwa 70 Prozent.)
Otto Mühl "managte" viele Käufe selbst, er war "in den Verkauf eingestiegen". Ein Haus in San Sebastian wurde erworben, Mühl zahlte freiwillig ein paar zehntausend Mark drauf, weil der Vorbesitzer so nett war. Ein weiteres Haus - inclusive umgebendes Grundstück - wurde gekauft, natürlich auch zu teuer. Mühl war der Meinung das Grundstück um das Haus nicht erstanden zu haben, also wurde dieses - zum zweiten Mal - gekauft. Der Ausbau einer Hazienda in einer großen Bucht - 'el Cabrito' - wurde von der "Bewußtseinselite" organisiert. Vieles war zu teuer gekauft, wurde nicht benötigt... Fehlleistung reihte sich an Fehlleistung, die Millionen ergossen sich über die verwunderte Inselbevölkerung Gomeras. Die Grundstückspreise stiegen, jeder wollte an die merkwürdigen Österreicher - 'Mormonen' genannt - irgendein Grundstück abstoßen. Während Mühl in Gomera seinen Kaufrausch austobte, wurden in den Stadtkommunen die Unterhosen rationiert, äußerste Sparsamkeit befohlen.
Schon am Friedrichshof, aber mehr noch
in Gomera, lebte die 'Bewußtseinselite' um Otto Mühl in den
Tag hinein. Wesentlich war, daß Mühl vom Aufwachen bis zum Einschlafen
regelmäßig alle paar Stunden Haschisch rauchte, häufig
auch noch härtere Alkoholika trank und phasenweise auch intensiv Kokain
schnupfte. Der permanente, jahrzehntelange Drogenkonsum ist sicherlich
mitverantwortlich für die extremen Verirrungen in Mühls Verhalten
mit ihren schlimmen Folgen für die Gemeinschaft.
Mit der Zeit wurden am Friedrichshof die Kinder zum Mittelpunkt des abendlichen Geschehens. Die "steifen, unschöpferischen Erwachsenen" saßen am Rande und mußten Abend für Abend den "lockeren, schöpferischen Tänzen" der Kinder zusehen, um anschließend Mühls ewig währenden Monologen zu 'hochphilsophischen' Themen zu lauschen. Andächtig und begeistert mußten der Meister und seine Zuchterfolge beklatscht und bejubelt werden. Selbst die verbale Äußerung des Beifalles war standardisiert: "Toll! Supi! Irre doli! Wow!" Die Zahl der Akteure der abendlichen Veranstaltung begrenzte sich auf den kleinen Kreis der Führungsmannschaft und der Kinder, der Rest wurde zu debilen Statisten und Jublern. Nur ab und zu wurde ein Gruppenmitglied, welches z.B. "Auszugsgedanken" geäußert hatte, durch "nicht-hierarchiegerechtes Verhalten" aufgefallen war, in der Selbstdarstellungsmitte von Otto Mühl "behandelt".
Allabendlich konnte man die Männer - mit oder ohne eigenes Bettzeug - durch die Gänge der Gruppenhäuser wandeln sehen, auf dem Weg zur Partnerin der Nacht. Jede Frau hatte ihr eigenes Doppelbett in ihrem Zimmer. Am Tage oder auch einige Tage vorher war der nächtliche Verkehr bereits vereinbart worden. So sah man Männer wie Frauen abends mit einem Taschenkalender oder losen Blatt in Händen herumgehen, auf welchem für jeden Tag irgendwelche Namen hingekritzelt waren. Ohne diese Gedächtnisstütze geriet man/frau häufig in die peinliche Situation, sich für dieselbe Nacht mehrfach verabredet zu haben. Dies hatte, falls es häufiger geschah, wiederum Folgen im "Sexpalaver". Alle paar Wochen wurden in einer gemeinsamen Gruppensitzung die sexuellen Verhaltensweisen jedes einzel-
Andreas Schlothauer: Die
Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 100
nen untersucht und auf Linientreue abgeklopft.
Eine ehemalige Kommunardin:
Allein Otto
Mühl behielt sich das Recht vor, seine sexuellen Partnerinnen frei
zu wählen. Mit etwa 90 Prozent der Frauen wollte er ohnehin nicht
mehr verkehren, so beschränkte er sich auf seine Führungsdamen
und den weiblichen Kommunenachwuchs. Wegen seiner Potenz ließ er
sich von allen als der Mann aller Männer bewundern. Er war der Beste,
der Tollste, der Geilste. "Er liebte es, wenn die Frauen ihn wie Kätzchen
umschnurrten. Pascha Mühl, sein Harem und seine Eunuchen." [WO] Für
die KommunardInnen war dieses Theater akzeptierte Wirklichkeit. Waren die
Frauen nach
100
ihrem Auszug von dem Nebel des Kommunealltags
befreit, so hatten sie häufig ganz anderes zu berichten. Eine ehemalige
Kommunardin zu Mühls sexuellem Verhalten:
- Treffen mit Freunden oder Familienangehörigen
mußten angemeldet und genehmigt werden;
- Übernachtungen bei den Eltern oder
Freunden waren fast undenkbar;
- Besuche selbst bei todkranken oder gar
sterbenden Eltern und Familienangehörigen wurden willkürlich
von Mühl verboten oder großherzig erlaubt.
Bei den Verschickungen war darauf geachtet worden, daß möglichst alle KommunardInnen in einer Stadtgruppe lebten, in deren Nähe keine Eltern, Verwandten oder alten Freunde wohnten. Am Friedrichshof war die Isolation ohnehin total. So beschränkte sich die einzige, halbwegs regelmäßige Kontaktmöglichkeit auf den brieflichen Austausch. Und selbst dieser war kontrolliert. Viele Briefe wurden geöffnet und Antworten häufig in "Schreibkursen" - z.B. vor und nach Weihnachten - gemeinsam verfaßt.
Für die Eltern war der Besuch in der
jeweiligen Stadtgruppe bzw. am Friedrichshof die einzige Möglichkeit,
ihre Kinder und meistens auch Enkel regelmäßig zu sehen. Wer
sein Kind am Friedrichshof besuchte, der mußte sich gezwungenermaßen
mit Otto Mühl - immer umgeben von Dutzenden Anhängern - konfrontieren.
Ein Beispiel, Otto Mühl im Gespräch mit Eltern 1985:
Projekt "Dritte Generation" -
"Kinderproduktion" und Aufzucht des "neuen Menschen"
1977/78 hatte es schon einmal eine Privatschule Friedrichshof gegeben. 1980, als die ersten am Friedrichshof geborenen Kinder das schulpflichtige Alter erreichten, wurde zunächst eine Grundschule, später eine Hauptschule gegründet. Die Schule wurde als Internat geführt, dies bedeutete, daß alle
Kinder der Kommunen - meist ohne Eltern
- am Friedrichshof lebten. Für die Kinder bestand keine Wahl, sie
mußten alle 1982 zum Friedrichshof kommen. Ein damals elfjähriges
Mädchen in der Düsseldorfer Gruppe wollte nicht:
Es war offensichtlich. (Otto Mühl begann seine Schultätigkeit zu verleugnen, nachdem er wegen Unzucht mit Abhängigen und sexuellem Mißbrauch Minderjähriger angezeigt worden war.) Aber die Politiker wußten es besser. Blindlings wurde den Friedrichshofer "Außenministern" geglaubt, das Tagesgeschäft ließ anscheinend kaum Zeit für eingehende Information. " 'Otto Mühl hat in dieser Schule keine Funktion', weiß Hawlicek.-Sprecher D. 'Er unterrichtet dort nicht.'" [Profil 88/28, S.71] Und die Schulbehörden, die kontrollierenden Schulinspektoren? Nun ja, Schulinspektor P. war ein alter Schulfreund Mühls, Kontrollbesuche wurden meist nur angekündigt durchgeführt.
Als 1984/85 mehrere Jugendliche den Wunsch
äußerten, nach der Hauptschule eine weiterführende Schule
zu besuchen, wurde im 12er-Rat erwogen, ein Gymnasium am Friedrichshof
einzurichten. Doch welchen Zweck hätte das Abitur? Dann würden
die Kinder auch noch studieren wollen, und eine Universität zu gründen
war ganz unmöglich. Der 'qualvolle' Gedanke war dabei stets, daß
durch den "externen Schulbesuch" die Heranwachsenden allzusehr dem eigenen
Einfluß entzogen würden. Statt eine anständige Schulbildung
zu gewähren, wurden verschiedene planlose Ausbildungsversuche unternommen,
die nach wenigen Monaten gnadenlos austrockneten. Im Sommer 1985 wurde
mit einer "Gruppenleiterschule" begonnen, dort sollte im wesentlichen Mühlsches
Bildungs(strand)gut gelehrt werden. Mühl:
die Kinder, unser pädagogisches Experiment, in der Pubertät ausziehen?" [G 2.2.86] Um den Wunsch der Jugendlichen und der Kinder nach Verlassen der Mühl-Gemeinschaft zu verringern, betrieb Mühl massiv Negativwerbung bezüglich der "Kleinfamilie". In "Schulstunden Otto Mühl", bei den "Kinderpalavern" usw. träufelte er gezielt Fehlinformationen und Angstbilder in die kindlichen Gehirne. Jugendlichen, die den Wunsch nach "Auszug" äußerten, wurde massiv verdeutlicht, daß sie "draußen" nur die Wahl zwischen "Zuhälter, Aids, Krebs, Mord, Selbstmord, Alkohol, Drogensucht" und ähnlichen schönen Dingen mehr hätten [JB,JC,JE].
War die Schulbildung der Kinder und Jugendlichen am Friedrichshof äußerst mangelhaft, so war die Kleinkindererziehung katastrophal. Nach 1978 waren die antiautoritären Ansichten in bezug auf Stillen, Reinlichkeitserziehung und Rolle der Mutter aufgegeben worden. Die Meinung, Mühls "neue Menschen" schaffen zu müssen, blieb ebenso erhalten wie die totale Schuldzuweisung an die Mütter beim Scheitern dieses Versuches. So blieben die Mütter auch weiterhin ängstlich, es war unmöglich, unter Mühls anspruchsvollem Auge Kinder zu erziehen. Und alle Kinder - ab vier Jahren häufig ohne Mütter - mußten am Friedrichshof leben.
Solange die "Bewußtseinsverbreitung
durch Gästearbeit" geleistet wurde, war es überwiegend den Frauen
der 1. B AGs am Friedrichshof gestattet, Kinder zu gebären. Bis auf
eine handvoll Ausnahmen wurden alle schwangeren Frauen unterhalb dieser
'Bewußtseinsgrenze' zu Abtreibungen gedrängt. Ein ehemaliger
Kommunarde:
Natürlich entschied Mühl und
sein 12er-Rat nicht nur darüber, welche Frau Mutter werden durfte,
auch die Väter wurden bestimmt. Meist wurde die Vaterschaft regelrecht
'ausgewürfelt'.
Bereits die Kinder unter einem Jahr wurden
in einer Kinderhierarchie gereiht. Bis etwa zwei Jahren richtete sich der
Hierarchieplatz nach der hierarchischen Position der Mutter. Eine ehemalige
Kommunardin:
Ein weiterer schwerer Vorwurf wurde 1988
gegen Mühl erhoben: Der sexuelle Mißbrauch Unmündiger.
(Seitdem dies bekannt wurde, kursierte in der Ehemaligenszene der makabre
Witz: Seit ein paar Jahren hat Mühl eine neue Kamasutra-Stellung kreiert
- mit einem Bein im Gefängnis.) Mühl sah es als seine Pflicht
an, die "Mädchen in die Sexualität einzuführen". Liebe und
Beziehung waren dabei selten im Spiel, Mühl betrachtete den sexuellen
Mißbrauch von Unmündigen als pädagogisches Spiel: "Ein
Mann kann eigentlich nie von einem so jungen Mädchen gefesselt werden.
Es ist ein Spiel und sehr toll, ein pädagogisches Spiel, auch sehr
geil." [G 17.7.85] Mühl: "In der ganzen Welt wird doch die Sexualität
der Kinder unterdrückt. Bei uns ist eine irrsinnige Freiheit, wie
noch nirgendwo da war." [NE 5.2.84] Die Mädchen erlebten das ganz
anders, eine Betroffene schildert:
"Man hat zwar gemerkt, am Friedrichshof
läuft irgendwas, aber wir haben in den Stadtkommunen nicht begriffen,
was da passiert." [EE A] Nur im engeren Führungszirkel wurde offen
über Mühls Neigungen gesprochen, ein ehemaliger Kommunarde erzählt:
Bereits 1981 hatte der Sexualtechniker
Mühl mechanisch genaue Anweisungen für einen "Kurs für Jugendliche:
Sexuelle Gestaltung" abgegeben.
Hierarchie und Intrige - der Terror der offenen Konkurrenz
Wer von außen die fast geschlossene Lebensgemeinschaft betrachtet, kann die bisher beschriebenen Verirrungen und die menschliche Leidensbereitschaft nur schwer verstehen. Abgesehen davon, daß viele KommunardInnen in den Stadtgruppen nur wenig davon wußten, was am Friedrichshof um Otto Mühl tatsächlich vor sich ging, war es vor allem der soziale 'Mechanismus' der Hierarchie, durch welchen der jahrelange Alltag in den jeweiligen Gruppen verstehbar wird. Wie Mühl selbst bemerkte: "Bei uns ist das Mittel 'Sollens-Sätze' durchzusetzen, die Struktur (=Hierarchie), ein teuflisches Mittel. Wir brauchen nicht einmal Geld dazu." [NE 23.3.84] Ein 1988 ausgestiegenes Mitglied: "Es gibt heute nichts, wo mehr als zwei zusammen kommen, was nicht geleitet wird." [S] Das System von Macht und Intrige um Mühl war nicht etwa das Produkt eines messerscharfen, langfristig planenden Intellekts, sondern das schleichende Ergebnis des Mühlschen Charakters. Mühl brauchte die grenzenlose Bewunderung und daher ein feudalistisches Machtsystem. Der konkurrenzlose Sex - auch mit Unmündigen - war nur der markanteste Ausdruck von Eitelkeit, Geltungssucht und Machtdemonstration.
Ganz allgemein
ist es noch verständlich, daß, wenn ein anderer über Spezialkenntnisse
verfügt, er in diesem Bereich Leitungsfunktionen übernehmen
kann. Die Führung von Menschen in
allgemeinen Bereichen ist schon schwerer einzusehen und verlangt meist
mehr als nur Spezialkenntnisse. Daß jemand in jedem Bereich und in
jeder Beziehung überlegen sein soll, ist nicht mehr verständlich.
Hier muß der Glaube helfen. Es war der Glaube an Ideale und das Mißtrauen
gegenüber eigenen Gefühlen, wodurch es Otto Mühl erst möglich
war, seine eigene Persönlichkeit als Entwicklungsziel für jeden
in einem jahrelangen Gruppenprozeß durchzusetzen. Mit den Jahren
erstarrte die ursprüngliche Dynamik der hierarchischen Verhaltensmuster
immer mehr, sodaß jede Beweglichkeit unter der Wachsschicht der Hierarchie
erstickte. Das Ergebnis war eine Herrschaftsform, wie sie aus feudalistischen
Zeiten idiotisch-arrogant herüberlächelt:
"M.: Der S. starrt mich immer so an. Otto: Sag ihm, hast du nicht gelesen, wenn du mit einem Pharao oder einem höheren sprichst, blicke ihm nicht trotzig in die Augen und lache, wenn er auch lacht." [G 21.9.85]
Sobald mehr
als zwei KommunardInnen zusammentrafen, so spielte einer den Herrscher,
die anderen deformierten schlagartig Rückgrat, Gesichtsausdruck
und Verhalten. Zeitweise durfte "nicht-strukturgerechtes
Verhalten" durch sofortige kurze Schläge bestraft werden. In allen
Gruppen setzte sich eine leicht vornübergebeugte Gangart durch, nur
kein zu gerades Rückgrat zeigen. Rückenleiden und Haltungsschäden
mehrten sich [V]. Bei den Selbstdarstellungsabenden lehrte z.B. die Erste
Frau Claudia:
Seiner tiefen Verachtung der Menschen, mit denen er täglich zusammenlebte, die aus solchen Sätzen sprach, war Mühl sich nicht bewußt. Seine aktionistischen Jahre hatten die Erfahrung von Ernst und Spiel verwischt, sein Irrglaube, daß alles Spiel sei, war zur ideologischen Wahrheit erstarrt. Der übermäßige Alkohol- und Haschischkonsum sowie der unregelmäßige Kokainmißbrauch lagen wie ein dichter Schleier über seinem Empfindungsvermögen.
Die Kriterien der Hierarchie waren von
Anfang an nicht eindeutig und prüfbar gewesen. So wußten die
KommunardInnen im Grunde nicht, warum der eine oben, der andere unten war.
Dies liegt an der prinzipiellen Unvergleichbarkeit individueller Persönlichkeit.
Genau diese Vergleichbarkeit wurde aber vorausgesetzt. So galten immer
allumfassende Vorgaben wie folgende:
Der Abstand
zu ihm als "Gesündestem" der Kommune wurde somit zum Gradmesser der
Schädigung und entsprach im Groben der hierarchischen Einordnung.
Und zwar je länger die Kommune existierte, desto mehr. Otto
Mühl verlangte zunehmend eine absolute
Beugung. Er wußte: "Nur ich mache das Rennen letzten Endes. Das ist
ja beschämend für die anderen Männer, zum Verzweifeln."
[NE 21.2.84] So war die Folge von 15 Jahren Hierarchie, daß von ehedem
sechs bis acht Männern in der "12er-BAG" keiner hierarchisch überlebte.
Trotzdem dankten sie Otto Mühl ihr Elend und Leid durch Unterwürfigkeit.
Der Profilredakteur Ernst Schmiederer schreibt:
Jeder bespitzelte jeden. Nützte doch
der Fehltritt des anderen dem eigenen Aufstieg. Wie in einer Bananenrepublik
wurde denunziert, gelogen, intrigiert und gepetzt. Eine ehemalige Kommunardin:
Bei den nächtlichen Treffen, in denen diese Ethik entstand, wurden unvorstellbar große Joints konsumiert. Ein Gruppenmitglied war täglich mehrere Stunden am Nachmittag damit beschäftigt, Haschisch zu hobeln und dieses in rauchbare Tüten zu verwandeln. Nach den Selbstdarstellungen sammelte sich die Führungselite in Mühls Privaträumen. Je nachdem, wieviel Urlauber aus den Stadtgruppen gerade am Friedrichshof weilten, warteten
etwa 50-100 Personen vor der Wohnungstür.
Die Ersten Frauen durften zwei bis vier Auserwählte - meist Männer
- mitbringen. Es war eine Ehre und Auszeichnung. Grundsätzlich an
diesen nächtlichen 'Sitzungen' teilnehmen durfte jedoch nur, wer über
den Haschischkonsum informiert war. Nur etwa 30-50 Prozent der KommunardInnen
wußten, daß Drogen genommen wurden. Ein ehemaliger Kommunarde:
"Es gab zwei Klassen von Menschen. Die einen wußten es, und die anderen,
die wußten es nicht." [EE E] Bald war die Luft so dick, daß
ein normaler Mensch nach einigen Atemzügen des Zimmerdampfes bereits
benebelt gewesen wäre. Mühl saß in einem großen schwarzen
Sessel, umgeben von seinen Führungsfrauen - in etwas kleineren Sesseln.
Der Rest der Elitegemeinschaft saß auf einfachen Holzstühlen,
auf dem Fensterbrett oder stand im Hintergrund. Das war die Umgebung, die
Mühl liebte. Auf alle Menschen der Welt wurde verachtend von den Gipfeln
des (drogenstimulierten) Bewußtseins herabgeblickt. Mühl:
Natürlich gab sich Mühl in der
Öffentlichkeit bescheiden und freundlich, wenn er sich von seinem
Besucher einen Vorteil erhoffte. Seine Freunde von einst umwarb er nett
und höflich, wenn sie zu Besuch kamen. Waren die Gäste wieder
weg und Mühl mit seinen Führungsclaqueuren allein, äußerte
er Nettigkeiten wie diese:
Macht mit der Folge der sozialen Fehlentwicklung.
Es gab keine Koalitionen und keine intimen, offenen Gespräche, nur
vereinzelte, einsame, verunsicherte Frauen, fast alles Mütter, die
sich Otto Mühl unterwarfen, selbst wenn dieser - ausnahmsweise - einmal
Kritisches hören wollte. Otto Mühl war zunehmend mehr in dem
aus seinen Charakterdefekten entstandenen System gefangen. Er ahnte dies:
"Ich bin ein öffentlicher Gefangener meiner eigenen Ideen." [G 26.7.82]
So ähnelte Mühl der Stiefmutter in Schneewittchen. Jeden Tag
setzte er sich vor den Spiegel (= die Gruppe), um die entscheidende Frage
zu stellen: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste,
Bewußteste, Beste, Geilste, Lockerste, Klügste etc. auf der
ganzen Welt?" Im Märchen ist der Spiegel autonom und daher ehrlich.
Doch Mühl hatte seinen eigenen Spiegel geschaffen, die Wahrheit außerhalb
des Spiegels interessierte ihn schon lange nicht mehr. Am Ende litt selbst
Mühl unter der Beziehungslosigkeit seines Systems. In seltenen Momenten
im vertrauten Kreis gestand er:
"Warst du Erste Frau, dann hast du höfisches
Benehmen haben müssen. Es galt als richtig, daß dir jederzeit
30 Männer hinterherlaufen. Dann gibst du dem einen einen Patsch auf
die Wange, dem andern einen Patsch auf den Hintern, den dritten greifst
du irgendwie geil aus, dem vierten sagst du 'Morgen tun wir es vielleicht',
dem fünften winkst du ein bißchen, dem sechsten zwinkerst du
zu. Das mußt du dauernd machen, anstrengend. Hast du geduscht, kamen
zehn Männer mit Handtüchern angelaufen. Das war unheimlich wichtig,
denn du mußtest zeigen, daß du zu allen Männern guten
Kontakt hattest. Die Frauen mußtest du angehen und fertig machen.
Mir war das alles peinlich, als ich das ablehnte, beschimpfte mich Otto
als zu liberal. Die Folge, ich wurde wieder abgesetzt. Claudia von Otto
wieder zur Ersten Frau benannt." [EE W]
Anfang 1988 war es soweit, Mühl
und seine jahrelange Erste Frau Claudia heirateten. Bereits 1984 hatte
Mühl prophetische Worte von sich gegeben: "Man heiratet doch nicht
die Frau, die man am meisten liebt, sondern die, die einen am meisten beherrscht."
[G 2.9.84] Die Stimmung bei den anderen
Frauen war mies, viele verloren heulend die Nerven. Frau Mühl sah das anders: "Wir haben für die ganze Gruppe eine Papa- und Mamarolle übernommen. Und das sehen alle sehr gern. Die haben gejubelt bei unserer Hochzeit."' [Profil 88/16, S.79]
[Auslassung wegen Persönlichkeitsrecht]
[Auslassung wegen Persönlichkeitsrecht]
Auszug
Ein paar Jahre blieb der Personalstand ziemlich unverändert, es zogen wenige aus und noch weniger ein (Ausnahme 1981/82). Erst seit 1983 nahm die Zahl der Aussteiger deutlich zu. Schuld war die anfangs kaum spürbare Rückkehr Mühls zu überwunden geglaubten AA-Verhaltenszwängen. Es wurden wieder Stadtkommunen gegen den Willen der Mitglieder aufgelöst, Ausbildungen mußten abgebrochen werden. Seit 1983 stiegen jährlich durchschnittlich 20-30 KommunardInnen aus. Dies waren angesichts der verschärften Lebensumstände wenige. Die meisten sagten sich: "Vielleicht
ändert sich das noch. Ich warte noch
eine Zeitlang. Und so habe ich Jahr für Jahr immer rausgeschoben."
[EE J] Mit dem "Auszug" war die Tür zu den Mühls für immer
zugeschlagen. Aus Kommunesicht "hatte man es nicht geschafft". Der Auszug
war der unehrenhafte Selbstausschluß aus der "Bewußtseinsarmee".
Die Eitelkeit Mühls war - trotz aufgesetzter Gleichgültigkeit
- in vielen Fällen verletzt. Denn jeder Abschied war auch eine Unabhängigkeitserklärung
gegenüber dem Chef der Kommune. Doch Gefühle zu zeigen hatte
sich Mühl abgewöhnt: "Und gerade die, die ausziehen, das sind
alles gefährdete Leute, im sozialen Randfeld. Aber die wollen wir
auch gar nicht, das sind kaputte Typen." [NE 21.3.83] Wer "Auszugsgedanken"
bzw. den konkret gewordenen Auszugswunsch offen äußerte, der
wurde meist so lange bearbeitet, bis er widerrief. Selten brachten daher
einzelne den Mut auf, den einmal gefaßten Entschluß öffentlich
gegenüber dem jahrelang bewunderten 'Über-Vater' durchzusetzen.
Etwa jedes zweite Gruppenmitglied flüchtete daher, viele nachts. Mühl
riet zynisch:
Flucht (Der Erzähler lebte
seit 1972 in der Kommune und war bei seinem Auszug Mitte der Vierziger.)
Der Auszug von HL war in gewissem Sinne
das Ende Mühls. Niemand sonst hat so lange und so deutlich innerhalb
des Machtzentrums um Otto Mühl für Veränderungen gekämpft
und sich über Monate hinweg mit diesem so offen konfrontiert. Dies
war nur deshalb möglich, weil HL sowohl zu Otto Mühl als auch
zu Claudia eine besondere Beziehung hatte. HL betreute seit 1982 die spastische
Tochter Claudias und etablierte am Friedrichshof eine Kindergruppe für
Behinderte. Bedingt durch seine Arbeit war er häufig mit Claudia zusammen,
aber auch immer häufiger in den Räumen Mühls. Sein hierarchischer
Aufstieg begann 1985. Die letzten zwei Jahre vor seinem Auszug 1986/87
war er Mitglied der Führungsclique (2. BAG). In dieser Position erhielt
er natürlich einen wesentlich weitgehenderen Einblick in die internen
Widersprüche des Friedrichshofer Systems. So zeigt dieser Auszug zum
einen die Grenzen Mühls und seiner Methoden der "Menschenbehandlung",
andererseits den Konflikt zwischen Bleiben und Hoffen oder Gehen und Aufgeben,
vor allem aber die Unmöglichkeit, ein starres System von innen her
aufzubrechen.
Daß das Verlassen der Gruppe von
den meisten KommunardInnen zunächst als persönliches Scheitern
erlebt wurde, zeigt den durchschlagenden Erfolg der Mühlschen Redegewalt.
Ein anderer Grund zu bleiben war der Wunsch, auch weiterhin zur "Elite
der Welt" zu gehören. Mühl:
Andreas Schlothauer: Die
Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 134
Für die "Ausgezogenen" war nach dem inneren Abschied der eigentliche Sprung in die Freiheit seit 1985 kein allzu großes Risiko mehr. Wer in der Gruppe unter scharfer Kontrolle geschuftet hatte wie ein Zombie, genoß sehr bald die neuen Freiheiten. Ein Netz von zunehmend mehr ehemaligen Mitgliedern sicherte erste Hilfe und Kontakte. Keiner, der in diesen Jahren ausstieg, stand in den ersten Wochen und Monaten allein da, die Hilfe erfolgte sofort und unbürokratisch. Den eigenen Lebensunterhalt zu sichern war für wenige Aussteiger ein Problem. Ein langfristiges Problem ist es, wieder in den Beruf zu wechseln, der den eigenen Neigungen mehr entspricht als die in der Kommune meist aufgezwungene Tätigkeit. Es dauert ebenfalls geraume Zeit, bis das Vertrauen in eigene Gefühle und Werte wieder entsteht, in Diskussionen eigene Standpunkte vertreten werden. Die lästige Angewohnheit, neue Bekanntschaften sofort einzuschätzen und zu beurteilen, fällt erst allmählich ab wie die Gewohnheit, viele Verhaltensweisen als Konkurrenz zu deuten bzw. sich mit allem und jedem zu vergleichen. Der Geschmack an alternativen Formen des Zusammenlebens ist fast allen ehemaligen Mitgliedern ein für alle Mal vergangen.
1988-1991: Ein aussichtsloser Versuch?
Eltern und Ehemalige gegen Mühl
Österreichische Politiker, Medien
und Behörden für Otto Mühl
In jahrelanger Kleinarbeit wurde seit 1977 der Kontakt zur SPÖ aufgebaut. Der Burgenländische Landeshauptmann (=Ministerpräsident) Th. Kery besuchte seit 1979 - bis zu seinem Rücktritt 1986 - regelmäßig den Friedrichshof und verfolgte mit Interesse die ökonomische Entwicklung. Aus den deutschen, französischen und skandinavischen Stadtkommunen flossen regelmäßig - überwiegend offiziell - Gelder zum Friedrichshof und wurden dort in den Ausbau investiert. Die Kurseinnahmen durch den "Gästebetrieb" waren eine weitere - eher geringe - Einnahmequelle. Rein äußerlich glich bereits 1979 der Friedrichshof nur noch wenig der Schmuddelkommune von einst. Zweifelsohne war dieser neue Wohlstand für einen Außenstehenden ein überzeugendes Argument. Für 'bedeutende Persönlichkeiten' - wie Landeshauptmann Kery - wurde außerdem ein eigenes Programm vorbereitet. Für die Stunden des Aufenthaltes kreiste alles um den Besucher. Mühl zeigte sich von seiner besten Seite: freundlich, zuvorkommend, humorvoll, witzig und - in Maßen - devot. Die Kinder tanzten, führten Theaterstücke auf, der Friedrichshof mit seinen technischen Anlagen wurde gezeigt und einige neue Bilder Mühls vorgeführt. Die Fassade glänzte und der hochgestellte Besucher war viel zu geschmeichelt, als daß ein Bedürfnis entstanden wäre, hinter die Kulissen zu blicken.
Über den damaligen Sekretär Kreiskys, Sedlaczek, bestand zudem ein konstanter Kontakt zum österreichischen Bundeskanzler, der sich ebenfalls in seiner Partei für die Friedrichshofer KommunardInnen einsetzte, obwohl er nie selbst den Friedrichshof besucht hatte. Er war anscheinend von den "Kommune-Außenministern" in mehreren längeren Diskussionen von dem "sozialistischen Modell Friedrichshof" überzeugt worden, und da sein Parteikollege Kery nur Positives berichtete, überprüfte er die theoretischen Ausführungen nie in der Praxis. Mühl bemerkte 1983 stolz: "Wir haben ganz oben angesetzt, der Bundeskanzler Kreisky ist begeistert von uns. Wir haben zum Glück früh bemerkt, daß man mit den höchsten Leuten Kontakt aufnehmen muß." [M 8.2.83]
Als 1981/82 die verdeckte Anwerbung neuer KommunardInnen in Düsseldorf von der dortigen Presse angegriffen wurde, zeigten sich die ersten Erfolge dieser politischen Strategie. Der burgenländische SPÖ-Landes-hauptmann Kery und der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky unterstützten die Friedrichshofer in Rat und Tat. In Briefen erklärten sie ihre Solidarität mit den KommunardInnen. Diese Schreiben wurden im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen immer wieder deutschen SPD-Politikern
Abbildung: Brief des ehemaligen burgenländischen
Landeshauptmanns Theodor Kery an B.S., "Außenminister" der Mühlkommune.
THEODOR KERY
Landeshauptmann von Burgenland
Eisenstadt am 29. Okt. 1981
Lieber Bernd!
Für die Fotos, die mich an meinen
Besuch bei Euch erinnern, danke ich Dir. Für mich bedeuten sie die
Erinnerung an eine Gemeinschaft, in der ich mich immer wieder wohlfühle.
Besonders beeindruckt war ich diesmal von der Vorstellung Eures neuen Projektes, das ich als zuständiger Wohnbaureferent der Burgenländischen Landesregierung sehr gern unterstützen werde. Ich sehe darin einen vorläufigen Höhepunkt Eurer Bemühungen um die Integration Eurer als Experiment begonnenen Gemeinschaft.
Bei meinen wiederholten Besuchen im Friedrichshof war es mir möglich, die imposant konstruktive Entwicklung einer Idee, die zu Beginn von vielen verkannt wurde, zu verfolgen. Der wirtschaftlichen Integration folgte als nächster Schritt die Errichtung einer Schule, bei der ich Euch aufgrund meiner Kompetenz auch helfen konnte, woraus sich mit zwingender Konsequenz eine weitere Anpassung an bestehende soziale Gegebenheiten ergab. Die Gründung bzw. Übernahme einer Gemeinnützigen Wohn-, Bau- und Siedlungsgenossenschaft bestätigt Euer Engagement im Interesse einer ständigen Verbesserung der Lebensbedingungen Eurer Gemeinschaft und Eurer burgenländischen Mitbürger.
Ich bin froh, daß ich einmal die
Gelegenheit gefunden habe, Dir und allen meinen Freunden im Friedrichshof
meine Anerkennung auch in dieser Form zum Ausdruck zu bringen. Für
das Burgenland bedeutet Eure Gemeinschaft eine nicht mehr wegzudenkende
Bereicherung.
Mit besten Grüßen bleibe ich
Euer Kery
Abbildung: Brief des ehemaligen burgenländischen Landeshauptmanns Theodor Kery an B.S., "Außenminister" der Mühlkommune.
vorgelegt, um diese umzustimmen bzw. um deren Unterstützung zu erlangen.
Die Erfolge der KommunardInnen bei einigen
burgenländischen Behördenvertretern und Politikern standen auch
im Zusammenhang mit einer intensiven "Politik der Geschenke". Der damalige
Kommune-Außenminister B.S. hatte schnell die wesentlichen Umgangsformen
gelernt, die in seinem neuen Tätigkeitsfeld traditionell erfolgreich
angewandt wurden. Mühl über 'Geschenke':
Bei der Anerkennung der Privatschule Friedrichshof
1981 war Landeshauptmann Kery ebenso behilflich wie bei der Übernahme
einer "Gemeinnützigen Wohn-, Bau- und Siedlungsgenossenschaft" ('Gemeinschaftsbau').
Er sah darin "Bemühungen um die gesellschaftliche Integration", was
ja auch teilweise stimmte. Die Kommunekinder wurden überwiegend in
der eigenen Grundschule unterrichtet, da sie bei einem Besuch der nächstgelegenen
Schule zu sehr dem "kleinfamiliären Einfluß" ausgesetzt gewesen
wären. Finanziert wurde die Schule zunächst durch die Stadtkommunen,
später war die Genossenschaft der wirtschaftliche Träger. Anfangs
wurden die Lehrpläne der Schulbehörde eingehalten, die Lernerfolge
wurden halbjährlich durch externe Lehrer geprüft. 1984 erhielt
die Schule das Öffentlichkeitsrecht und konnte nunmehr Prüfungen
abnehmen und Zeugnisse ausstellen. Der zuständige Schulrat P. war
ein alter Schulfreund Mühls, der es mit der Kontrolle der Privatschule
nicht allzu ernst nahm. ".Besuche wurden meist rechtzeitig angekündigt,
sodaß genug Zeit verblieb, die richtigen Lehrer einzuteilen und die
Klassen in ihren Klassenzimmern vorzuführen", berichtet ein ehemaliger
Lehrer [D]. Anläßlich der Besuche P.s wurde derselbe 'Staatsakt'
inszeniert wie für andere 'bedeutende Persönlichkeiten'. Kaffee
und Kuchen, Sekt und kaltes Büffet mit Mühl und seinen Führungsdamen,
lang geprobte Kindervorführungen und alles immer ganz "lustig-positiv".
Als einmal ohne Vorankündigung kontrolliert wurde, war das Chaos perfekt.
Eine ehemalige Schülerin: "Die Lehrer waren nicht aufzufinden, die
Klassen waren wild gemischt und die Klassenzimmer teilweise unbenutzbar."
[JA]
Als im Winter 1988/89 die Schulkinder
mehrere Monate nach Gomera übersiedelten, wurde Schulrat P. großzügig
von Mühl dorthin eingeladen.
Eine Woche lang konnte er den Schulbetrieb 'kontrollieren', natürlich bei kostenloser Unterkunft und Anreise. Mitfühlend versüßte Mühl seinem alten Schulfreund den Aufenthalt durch die Sonderbetreuung einer Kommunardin namens A.; eine rein platonische Romanze unter subtropischen Palmen. [ZC]
Durch die Wohnbau-Genossenschaft erhielt
die Friedrichshofer Kommune Zugriff zu den staatlichen Geldtöpfen.
Kredite mit 50jähriger Laufzeit und unter einem Prozent Zinsen, davon
kann ein einfacher Familienvater nur träumen. Steuervorteile wurden
so nebenbei noch mitgenommen. Um die Idee der demokratischen Selbstverwaltung
einer Genossenschaft ging es bei all dem seit 1982 immer weniger. Zu Mitgliederversammlungen
bzw. Generalversammlungen wurde nicht mehr eingeladen. Wer sich gerade
am Friedrichshof aufhielt und verfügbar war, wurde entsprechend instruiert,
wann er aufzuzeigen hatte. Über die Höhe des Geschäftsanteils
wußten nur wenige Bescheid, viele wußten nicht einmal, ob sie
Genossen waren oder nicht. Beim Auszug aus der Kommune wurde der Genossenschaftsanteil
bis 1987 nicht ausbezahlt. Die gesetzlich vorgeschriebenen Gremien Vorstand
und Aufsichtsrat existierten nur auf dem Papier, Sitzungen wurden nicht
abgehalten. Statt dessen übernahm alle Funktionen der 12er-Rat unter
seinem Vorsitzenden Otto Mühl. Ein internes Protokoll von 1982:
Die Friedrichshofer Kommune wurde stets durch die burgenländischen Behörden und SPÖ-Politiker weitreichend unterstützt. Nachdem in Spanien - Kanareninsel La Gomera - eine Ferienresidenz erstanden worden war, flog Januar 1988 die Kommune-Außenministerin zum Ruheständler Bruno
Kreisky nach Mallorca, um den Mühls bei dem spanischen sozialistischen Regierungschef Gonzalez die Türen zu öffnen. Kreisky schrieb am 26.1.1988 in einem von der Kommune für die PR-arbeit verwendeten Brief an "meinen lieben Freund und Genossen" Felipe Gonzalez über Otto Mühl: "Meinen Freund und großen Maler, vielleicht den besten, den wir in Österreich haben." Der damalige - inzwischen 'abgeprokschte' - Innenminister Blecha, Unterrichtsministerin Hawlicek und der burgenländische Landeshauptmann Sipötz sandten Empfehlungsschreiben an Behörden und Politiker Gomeras. Der Text der Schreiben wurde von der Kommune vorgeschlagen.
Die Empfehlungen lohnten sich, die Sozialisten auf Gomera waren hilfsbereit. Im Gegenzug für ihre Unterstützung wurden spanisc