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Andreas Schlothauer:
Die Diktatur der freien Sexualität
AAO, Mühl-Kommune, Friedrichshof
Buch über Otto Muehl, seine Kommune und deren Ende.
 
 
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    Text Buchumschlag-Rückseite:  
    Für die einen war es ein bedeutendes "sozialutopisches Experiment" für die anderen ein "Psycho-KZ", ein "Arbeitslager", ein "faschistisches System". Tatsache ist, daß der linksalternative Kommuneversuch der 70er Jahre mehr und mehr in ein totalitäres System gegenseitiger Bespitzelung führte und in sexuellem Mißbrauch Minderjähriger, Vergewaltigung, erzwungener Abtreibung, Kindesmißhandlung endete.     
    Andreas Schlothauer war selbst langjähriges Kommunemitglied und maßgeblich daran beteiligt, daß das "Jahrtausendexperiment" am Friedrichshof 1991 beendet wurde. Seine Sichtweise ist erweitert durch reichhaltiges dokumentarisches Material aus dem Innenleben der Kommune.
     
     

    Die Bedeutung dieses Buches reicht weit über die geschilderten aktuellen Ereignisse hinaus.
    Das Buch enthält das Psychogramm eines Sektenführers.

    Besonderheit: Schlothauers Analyse stützt sich weitgehend auf Zitate.
     

    Woher kommen die Zitate?

    "Ist Otto in Laune, dürfen 50, 60, 70 Leute im Halbkreis vor ihm um den Tisch stehend, beim Essen zuschauen. Die Struktur bestimmt, wer vorne stehen darf, auf Zehenspitzen in den letzten Reihen mühen sich die Unteren ab, wenigstens Gesprächsfetzen mitzukriegen. Und sonst ist schon alles am nächsten Tag in der im hochtechnisierten Büro erstellten Doku nachzulesen - via Telefax natürlich auch in den bundesdeutschen Filialen." Schlothauer Seite 115:
     
     

    Stand der Korrektur des OCR-Textes: 16.5.2009
    Die Namen wurden 2009 weitgehend abgekürzt, da sie für das Verständnis des Textes heute keine Rolle mehr spielen. An einigen Stellen wurden Streichungen aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen vorgenommen. Die Auslassungen sind jeweils erwähnt.
    Bei Nachfragen insbesondere wegen sinnentstellender Fehler wenden Sie sich bitte an Ingo.Heinemann@t-online.de

     
     
     
    Andreas Schlothauer
    DIE DIKTATUR DER FREIEN SEXUALITÄT
    AAO, Mühl-Kommune, Friedrichshof

    Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik Band 55
    Herausgegeben vom Verein Kritische Sozialwissenschaft und Politische Bildung
    Verlag für Gesellschaftskritik, 1992

    Druck gefördert durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung in Wien
    Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
    ISBN 3-85115-157-7 NE:GT
    Umschlagentwurf: Katharina Uschan
    ISBN 3-85115-157-7
    © 1992. Verlag für Gesellschaftskritik Ges-m.b.H. & CO.KG
    A-1070 Wien, Kaiserstraße 91
     
     
     
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 5

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort   7
    Einleitung  11

    1970-1975: Von der Hippie-Subkultur zur Aktions-Analytischen Kommune (AA-Kommune)  13

    Von der Absteige zur Hippie-Wohngemeinschaft (1970-1971) 13
    Von der Hippie-Wohngemeinschaft zur AA-Kommune (1972-1973)  14
    Die AA-Kommune am Friedrichshof (1974)    22
    Exkurs: Die "AA-Parabel" - Landkarte fürs Psycholabyrinth   27
    1975-1978: Von der AA-Kommune bis zum Scheitern der Aktions-Analytischen Organisation (AAO)  33
    Von der AA-Kommune zur AAO (1975) 33
    Ausbreitung der AAO (1976) 41
    Zentralismus und Massenbewegung (1977)   51
    Mütter und Kinder (1974-1978)   63
    Exkurs: Die Lehre - "AAO und Kleinfamiliengesellschaft (KFG)"   66
    1978-1984: Demokratisierung einer 'Sekte'? 71
    Auflösung der AAO und Privateigentum (1978-1982) 71
    Rückkehr zu Zentralismus und Gemeinschaftseigentum (1981-1984) 74
    "Bewußtseinsverbreitung" - ein letzter Versuch (1981-1984) 79
    Meine Ablösung und mein Ausstieg (1981-1985)   86
    1984-1990: Verirrungen in einer geschlossenen Gemeinschaft   95
    Alltag in der Kommune (1984-1990)  95
    Projekt "Dritte Generation" - "Kinderproduktion" und Aufzucht des "neuen Menschen" 102
    Hierarchie und Intrige - der Terror der offenen Konkurrenz  114
    Auszug  126
    1988-1991: Ein aussichtsloser Versuch? Eltern und Ehemalige gegen Mühl 135
    Österreichische Politiker, Medien und Behörden für Otto Mühl 135
    Eltern, Ehemalige und Medien gegen Otto Mühl  142
    Die Wende, das Ende: Mühl-Kommune - Mühl ohne Kommune? (Februar - Juli 1990)  156
    Die Auflösung der Kommunen  170


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 6

    Der Friedrichshof, 'Sekten' und das Prinzip Gehorsam  177

    Soziologische Thesen zur historischen Entwicklung von AAO / Mühl-Kommune / Friedrichshof 178
    'Sekten' und Gesellschaft - Wer toleriert wen nicht?  192
    Das Prinzip 'Gehorsam'  199
    Was ging schief? Verlorene Jahre? - Ein persönliches Resümee    208
    Quellennachweis  213
    Literaturverzeichnis 218
    Der Autor  221

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 7


     

     

    Vorwort

    "Alle philosophischen, utopischen Versuche, die ideale Gesellschaft zu konstruieren bleiben unrealisierbar, die Wirklichkeit bleibt ausgeschlossen und kann nur durch Gewalt ins System gepresst werden. Es entstehen gesellschaftliche Mißgeburten." Otto Mühl 1977 [AAN77/7, S. 14]

    Was ich auf den folgenden Seiten beschreibe, habe ich nicht nur als Beobachter betrachtet, sondern phasenweise teilnehmend miterlebt. 17jährig war ich 1976 Gründungsmitglied der Münchner Kommune, Ende 1984 verließ ich diese wieder. Vom Jahreswechsel 1987/88 bis zum Jahreswechsel 1990/91 trug ich nicht unwesentlich dazu bei, daß das "Jahrtausendexperiment" Otto Mühls endgültig beendet wurde.

    Die wissenschaftliche Analyse der Geschehnisse in der Kommune im Vergleich zu meinen persönlichen Erlebnissen - basierend auf Tagebuchaufzeichnungen und Notizen -, erlebte ich nicht als Widerspruch, sondern als wertvolle Ergänzung. Meine Diplomarbeit schrieb ich 1983 über historische Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, insbesondere die Kibbutzbewegung. Diese historische Einordnung unseres eigenen kommunitären Lebens in einen größeren Rahmen konkretisierte einige Zweifel und relativierte die ideologische Enge, in welcher sich die Führungsspitze um Otto Mühl damals zunehmend verfing. In meiner Ablösungsphase aus der Kommune 1983/84 beschäftigte ich mich intensiv mit Max Weber und Wissenschaftstheoretikern wie Wittgenstein, Popper und Feyerabend. Ich habe deren Ausführungen, so verschieden sie teilweise sind, immer als Aufforderung zum verantwortlichen Handeln des Wissenschaftlers verstanden. Der Anspruch auf analytische Neutralität und Wertfreiheit rechtfertigt keinesfalls eine wissenschaftliche Haltung kühl-distanzierter Katalogisierung von Gewalt, Elend und Unrecht. Die künstliche Distanz zur Welt, die mit Objektivität und Wertfreiheit begründet wird, ist häufig nur Teil der trügerischen Arroganz des Wissenschaftlers. Mein Wissenschaftsverständnis schließt den 'Selbstversuch' des Forschers ein, das bedeutet das Teilnehmen und Handeln im beobachteten Kontext.

    Aus soziologischer Sicht ist die Kommune um Otto Mühl ein einzigartiges Forschungsobjekt. Nicht nur wegen der Gruppenprozesse, sondern vor allem wegen der lückenlosen Dokumentation des Geschehens. In den 70er Jahren wurde eine schriftliche Gruppenchronik geführt, in den 80er Jahren wurden fast alle Ereignisse am Friedrichshof mit Audio- und Videokassetten aufgezeichnet und anschließend schriftlich festgehalten. Ab 1983/84 standen und hingen in allen wichtigen Räumen Mühls - selbst im Klo - und im Selbstdarstellungsraum Mikrophone, jedes Wort Mühls blieb erhalten, meist filmten auch Kameras das Geschehen. In dieser Hinsicht war der Friedrichshof ein großangelegtes Forschungsprojekt, von dem alle, die sich


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 8

    für die Entstehung von totalitären Gruppen interessieren, profitieren können. Beim Schreiben ist es mir oft so vorgekommen, als ob lebendige Erinnerungen und Bilder durch das geschriebene Wort merkwürdig erstarren würden. Es schien mir oft unmöglich, Tausende von Tagen und Stunden auf einer begrenzten Zahl von Seiten abzulegen, wobei sich neben meine Gedanken noch die Erinnerungen von vielen anderen ehemaligen Mitgliedern setzten und über 10.000 Seiten schriftliche Dokumentation berücksichtigt wurden. Um einen möglichst authentischen Eindruck der Friedrichshof-Dokumentation zu vermitteln, wurde die Schreibweise der entsprechenden Zitate unkorrigiert übernommen.

    Den Anspruch, die angenehmen Erlebnisse in der Kommune zu schildern, hatte ich von Anfang an nicht, obwohl all die Jahre erst mit dieser Seite des Lebens verstehbar sind. Es wäre unmenschlich, wäre nicht auch in den Kommunen gelacht worden, hätte es keine Liebe, Zuneigung und Solidarität gegeben. Auch das Gefühl der Sicherheit und Stärke einer engen Gemeinschaft zu erleben war eine große persönliche Bereicherung für die meisten KommunardInnen. Wer entsprechendes Interesse mitbrachte, profitierte von der Lebenserfahrung und Bildung einiger älterer KommunardInnen. Die vielen, unterschiedlichsten Charaktertypen konnten unter Umständen dazu beitragen, die eigene Menschenkenntnis auszubilden. Vertreter von teilweise mehr als acht Nationen erzeugten einen Internationalismus, der sich auch nach dem Verlassen der Kommune positiv bemerkbar machen kann. Wer hat schon Freunde in Frankreich, Portugal, Holland, Norwegen, Schweden, Dänemark, der Schweiz, den USA und Österreich? Von diesen positiven Aspekten unseres kommunitären 'Jugend'-Experimentes soll hier nicht die Rede sein, denn durch die immer absolutere Diktatur Mühls erstarrten diese wie unter einem Leichentuch.

    Dieses Buch entstand in zwei intensiven Arbeitsphasen: Januar bis Mai 1989 und Juli bis September 1991. In der ersten Fassung 1989 schrieb ich über den Zweck des Buches:
     

    "Dieses Buch besteht zu einem hohen Prozentsatz aus Zitaten von Mühl, denn es ist meine Absicht, die öffentliche Selbstdarstellung der Mühls durch die internen Äußerungen und Gespräche zu konterkarieren. Sie präsentieren sich als demokratische, soziale Gemeinschaft mit gleichberechtigten, freien, künstlerisch aktiven Mitgliedern und großem wirtschaftlichem Erfolg. Mühl als Erster unter Gleichen. Das Gegenteil ist wahr. Die Verstellung der Mühls ist total und überzeugt leider österreichische Politiker und Behörden, der 'Heiligenschein' der Kommune bzw. Otto Mühls, scheint unverrückbar."
    In der zweiten Arbeitsphase 1991 sah die Situation vollkommen anders aus. Otto Mühl ist seit dem 17. Juni 1991 in Haft, seine Anhängerschar ist auf etwa 20-30 Personen geschrumpft. Die früheren KommunardInnen leben heute überwiegend in wohngemeinschaftsähnlichen Verhältnissen oder in Zweierbeziehungen mit Privateigentum. Ging es mir in der ersten Version

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 9

    dieses Buches vor allem darum, den Machtmißbrauch in der Kommune zu dokumentieren, so geht es mir in der endgültig vorliegenden Fassung darum, diesen Machtmißbrauch hinsichtlich seiner Ursachen zu analysieren. Nicht nur in der Kommune war mit Macht, Kontrolle, Unterordnung die Korruption von eigener Verantwortung, Selbstbestimmung und freiem Handeln verbunden. Gehorsam als Prinzip ist auch in unserer heutigen Gesellschaft allzusehr verbreitet.

    Die Folgen? Vielleicht wäre unsere Welt heute weniger gefährdet und zerstört, wenn das Prinzip Gehorsam auf breiter Basis weitaus geächteter, Widerspruch geachteter wäre, als dies bisher der Fall ist.
     
     
     

    Das Friedrichshofer Vaterunser

    Es lebe das Ganze
    Ich widerstehe der Versuchung gegen das Ganze zu sündigen,
    Sowohl in der Sexualität, als auch im Besitz,
    Sowohl auch in meinem Denken und Handeln,
    Alles was ich tue, ist auf das Ganze gerichtet.
    Ich werde mein Programm, was ich von fremden, ethischen Menschen
    Aufgeprägt bekam, auflösen
    Und in ein soziales Programm im Sinne des Ganzen
    umfunktionieren.
    Ich denke, arbeite, handle und fühle nur für das Ganze,
    Ohne das Ganze bin ich ein nichts.

    Otto Mühl [G 14.2.85]
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 11


     

     
     

    Einleitung
     

    "Otto Mühl verstand es mit geradezu teuflischem Instinkt, die Ideen der Generation von 1968 mit mehr oder weniger pseudopsychologischen Theorien zu verbrämen, um auf dieser ideologischen Basis ein strenges Sexkloster zu errichten, in dem er die Rolle des Abtes und Obergockels übernahm." (Der Vater eines Kommunarden)
    Die Gemeinschaft um Mühl hatte schon mehrere Namen: AA-Kommune, Mühl-Kommune, AAO, Friedrichshof-Gruppen. Seit 1978 wurde ein gemeinsamer Name vermieden, da der Zusammenhang zwischen den Stadtkommunen und dem Friedrichshof geleugnet wurde. Im internen Sprachgebrauch wurde von "der Gruppe" gesprochen. Der Mitgliederstand in allen Gruppen war nie höher als 600 Personen. Etwa 2.000 Männer und Frauen lebten zwischen 1971 und 1991 mehrere Monate oder Jahre in einer der Kommunen. Wahrscheinlich mehr als 10.000 Interessierte haben von 1974-1983 den Friedrichshof als Kursteilnehmer besucht. Trotzdem war es eine gesellschaftlich unbedeutende, geschlossene Gesellschaft ohne politische oder andere Macht, abgesehen von ideologisch beeinflußten Splittergruppen wie 'Bauhütte' bzw. 'Projekt Meiga' (Dieter Duhm), La Lix, IGEL (B.R.), MRI (F.H.) und die 'Spuren'-Gruppe in Berlin. Doch immer wieder haben die Mühls die öffentliche Stellungnahme herausgefordert.

    Warum? Wegen der 'freien Sexualität' und den sexuellen Ausschweifungen ihres Führers? Wegen des autoritären Auftretens und des überheblich zur Schau gestellten Anspruchs, die Welt zu erretten? Wegen der teilweise totalen Kontrolle der Mitglieder? Es sind wohl diese Gründe und das Wissen, daß aus solch kleinen fanatischen Gemeinschaften überschnell eine gesellschaftliche Bewegung entstehen kann. Es ist nur allzu richtig, wenn die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit noch so kleinen ideologischen Grüppchen geführt wird. Meist werden diese Gruppierungen als 'Sekte' bezeichnet, um die Abspaltung von einer allgemeinen, gesellschaftlichen Grundströmung zu markieren. 'Sekte' genannt zu werden ist anrüchig, peinlich, die so Bezeichneten winden sich unter der Last des Namens. Die negativen Effekte dieser allzu schnellen und bereitwilligen Stigmatisierung sind jedoch vielfältig:


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 12

    Trotz aller Abneigungen gegen totalitär geführte Gruppen: Wir kommen an der Tatsache nicht vorbei, daß fast alle sogenannten 'Jugendreligionen' bzw. 'Jugendsekten' bzw. 'Psychokulte', die in den 70er Jahren entstanden, immer noch existieren. Manche zurückgezogener, manche öffentlicher. Weiß der Außenstehende, was der Rückzug aus der Öffentlichkeit für das einzelne 'Sektenmitglied' bedeutet? Was bedeutet die Ausgrenzung für die zweite Generation, die in Sekten geborenen Kinder? Gemeinsamkeiten zwischen den 'Scientologen', den 'Munies', den 'Kindern Gottes', christlichen Absplitterungen, okkultistischen Gruppen, Teufelsanbetern usw. (vgl. [Rell85]) sind sicher vorhanden: hierarchische Strukturen, totalitäre Führer, die Jagd nach Bewußtsein, der Hang zu irrationalen, diffusen, unüberprüfbaren Glaubensgebäuden, eine Gemeinschaft von Wissenden usw. Doch diese Gemeinsamkeiten finden wir auch in Kirche, Politik und Wirtschaft, wenn auch in anderer oder abgeschwächter Form. Auch in fanatisch überzeugten Gemeinschaften oder 'Sekten' finden wir immer nur Menschen, wie wir es auch sind. Und keiner glaube, er sei dagegen gefeit. In tiefen persönlichen Krisen bricht in uns nur allzuleicht die Liebe zum Irrationalen auf.

    In dieser Arbeit sollen folgende Fragen beantwortet werden:
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 13

     
     

    1970-1975: Von der Hippie-Subkultur zur Aktions-Analytischen Kommune (AA-Kommune)

    Von der Absteige zur Hippie-Wohngemeinschaft (1970-1971)

    Der im Gefolge der Künstler Günther Brus und Hermann Nitsch als einer der Wiener Aktionisten in den 60er Jahren bekannt gewordene Otto Mühl stürzte 1970 in eine schwere Krise, als seine Frau F. ihn nach sechsjähriger Ehe mit ihrem gemeinsamen Sohn verließ. Der damals 45 Jahre alte Mühl schrieb rückblickend 1973 bzw. 1977 über diese Zeit:
     

    "Alles, was ich angestrebt und erreicht hatte, war zusammengebrochen oder hatte sich als sinnlos erwiesen, trotz Kunst, trotz Psychoanalyse, trotz Ehe. Ich war am Nullpunkt angelangt." [OM77, S. 178] "Von einer Gründung der AA-Kommune kann gar keine Rede sein, denn als ich 1970 im Sommer einige Leute bat, in meine 120qm große Wohnung einzuziehen, hatte ich nicht gewußt, daß sich daraus die AA entwickeln würde. Ich wußte damals nur, nachdem meine 6jährige Ehe zu Ende war und ich allein in der Wohnung saß, daß ich gegen meine Depressionen und gegen mein Alleinsein etwas unternehmen müßte." [AAM76, S. 5] "Nachdem ich einen Augenblick überlegt hatte, ob ich nicht meine Wohnung vermieten sollte, um als vagabundierender Künstler herumzuziehen, entschied ich mich dafür einige Freunde zu mir einzuladen, um eine Wohngemeinschaft zu gründen. Aber alle meine Freunde lehnten ab, sie hatten Angst vor einem solchen Unternehmen und noch mehr vor mir." [OM77, S. 180] "So schlecht war mein Ruf. Viele nahe und entfernte Bekannte mißtrauten mir, sie könnten von mir zu irgendeinem Zweck, über den sie selbst nicht Bescheid wüßten, mißbraucht werden. Sie hatten Angst unter meinen Einfluß zu kommen. Diese Angst war nicht unbegründet. Ich hatte schon damals eine starke Ausstrahlung. " [OM73, S. 9] (In weiten Teilen der damaligen linken und alternativen Szene war Mühl als autoritär und 'faschistoid' verschrien. [S])
    Anfangs vier, später sieben 'Ausgeflippte' nutzten die billige Wohnmöglichkeit. Die Wohnung entwickelte sich zum Müllplatz, zur Gelegenheitsabsteige mit chaotischsten Wohn- und Schlafverhältnissen. Dort trafen sich Säufer, Fixer, Dealer; es wurden bis in die Morgendämmerung Alkohol und andere Drogen konsumiert. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, Mühl kannte die Besucher oft selber nicht. Ab und zu kam es zu Schlägereien.
     
    "Die ersten Leute, die zu mir in die Wohnung zogen, waren Leute, die eine Unterkunft brauchten, die zum Teil erhalten werden wollten, sonst interessierte sie nichts. Sie waren unfähig zum leben, zu arbeiten, sich selbst zu erhalten. Ich wohnte plötzlich mit Menschen zusammen, die dringend einer Resozialisierung bedurften. Meine Wohnung wurde zu einem Heim von Obdachlosen, und ich ließ mich durch sie tyrannisieren. Ich befand mich am Nullpunkt meiner Entwicklung in einem Haufen asozialer, herabgekommener Existenzen am Rande der Gesellschaft. Es gab kein gemeinsames Leben. Die Kontinuität der Wohngemeinschaft war nur durch die

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 14


     
    Wohnung gegeben. Bis auf wenige war die Gruppe eine Durchzugsgruppe, ich selbst zog nicht aus, weil mir zu dieser Zeit noch die Wohnung gehörte. Im Sommer 1970 befanden sich 7 Leute in der Wohnung, nächstes Frühjahr 1971 war die Gemeinschaft auf drei Personen geschrumpft." [OM77, S. 180]
    Von der Hippie-Wohngemeinschaft zur AA-Kommune (1972-1973)

    Eine wichtige Stütze Mühls in dieser Zeit war sein Freund aus Aktionistenzeiten H. S. Dieser war neben seinen künstlerischen Ambitionen auch mehrere Jahre in der Wiener linken Studentenszene aktiv gewesen und hatte bereits Ende der 60er Jahre eine Kommune gegründet. Durch ihn kam Mühl mit einem Kreis junger Studentinnen und Arbeiterinnen in Kontakt, die teilweise schon länger in Wohngemeinschaften oder Kommunen lebten. Man traf sich im Cafe Savoy, kannte sich seit Jahren und hatte gemeinsame Ideen von Kommune, Zusammenleben und gelockerter Sexualität. Einige von ihnen zogen Ende 1971/Anfang 1972 in die Wohnung Otto Mühls in der Praterstraße. Etliche Mitglieder dieser Kommune- und Wohngemeinschaftsszene waren damals bei dem Therapeuten J.D. in Gesprächsanalyse. Dieser war - wenigstens zeitweise - ein geistiges und intellektuelles Zentrum dieser Szene. Mühl war in dieser Clique lediglich ein durch seine aktionistische Vergangenheit interessanter Mitläufer [S]. So lud Mühl J.D., den er aus der Zeit seiner eigenen Gesprächsanalyse Anfang der 60er Jahre gut kannte, ein: er sollte Gruppenanalyse machen. Aber D. war bereits am ausflippen. In einer anderen Kommune führte er ebenfalls Gruppensitzungen durch, die jedoch immer verheerendere Auswirkungen hatten. Mühl beschreibt die damalige Situation:
     

    "T. warf er hinaus, weil sie M. liebte, den er selbst für sich haben wollte. Mit M. hatte er eine analytische LSD-Sitzung. Ich mußte ihm neun Trips geben, denn 'M. gab seinen Widerstand nicht auf und dadurch konnte ich selbst nicht zu meinem Höhepunkt gelangen', erzählte mir D. Abgesehen, daß es unter Umständen tödlich ist, jemandem neun Trips zu geben, vermute ich, daß es darum ging, M., der die Homosexualität D.s abwehrte, gefügig zu machen. Unglücklicherweise hatte er eine ähnliche Sitzung mit H., M.s langjähriger Freundin. Diese Trip-Analyse endete blutig. H. drehte durch und schlug D. den Kopf - bezeichnenderweise mit einer Buddhastatue - blutig. Sie bemalte mit seinem Blut die Wände, der Hauswart wurde zu Hilfe gerufen, D. konnte die entfesselte H., die sich die Kleider vom Leib gerissen hatte, nicht bändigen. Der Polizei, die gleich darauf kam und den verstört aus den Türen blickenden Hausbewohnern rief sie zu: 'Ihr Idioten, für 30 Schilling könnt ihr euch dasselbe Vergnügen leisten.' H. kam für einige Wochen ins Irrenhaus, D. konnte sich herausreden. D. nahm damals mehrere Trips in der Woche, er glaubte, dadurch seine Selbstanalyse weiter treiben zu können. Einmal hat er dann einen Trip genommen, der ihn total verwirrte. Als später seine Analysanten kamen, konnte er keine Analyse

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 15


     
    mehr machen, er erzählte ihnen, er habe nun tatsächlich herausgefunden, daß es Satan gebe." [OM73, S. 13] (Wenige Monate später zog sich J.D. in ein Bauernhaus im Waldviertel zurück. Dort, wie ab und zu an anderen Orten, veranstaltet er seitdem Satanische Messen mit viel nacktem Fleisch und Blut.)
    Schon bald darauf erklärte Mühl, daß er von nun an selbst Analysen geben würde. Angeregt durch Wilhelm Reich begann er mit sogenannten "Sprechstunden". Diese waren nichts anderes als Mühls stümperhafte Umsetzung seiner eigenen abgebrochenen Psychoanalyse, gemischt mit halbverdauten Reichschen Theorien [A]. Der Analysand erzählte und Mühl saß mehr oder weniger geduldig, hörte zu und stellte Fragen. Dem Aktionisten und notorischen Monologisierer Mühl fiel dies unglaublich schwer, wie er später berichtete [Brief Susi 1973]. Mühl schrieb:
     
    "Als ich 1972 die Charakteranalyse las, ich lag vor dem Einschlafen auf dem Hochbett in der Gruppe, neben meiner Freundin, wir hatten damals noch Zweierbeziehungen, wurde ich derart elektrisiert davon, daß ich spontan zu meiner Freundin sagte, ich werde in unserer Gruppe die Charakteranalyse einführen. In unserer Gruppe war die bewußtseinsbildende Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit allerdings höchst notwendig geworden, sollte sie nicht zerfallen." [AAN76/3, S. 3]
    Mit seinem feinen Instinkt für Macht ahnte Mühl wohl auch die Möglichkeit der Dominanz, die durch das 'Analysand-Therapeut'-Verhältnis entsteht. Seine nicht besonders herausragende Stellung in der Kommune- und Wohngemeinschaftsszene wurde dadurch erheblich verbessert, die AnalysandInnen lieferten sich in den "Sprechstunden", aber mehr noch in der späteren Aktionsanalyse (AA) ihrem (Möchtegern-)'Therapeuten' Mühl aus. Gerade durch diese starken gemeinsamen Erfahrungen der 'Therapie' und der daraus entstehenden Unterordnung im Kommunealltag unter die Persönlichkeit Otto Mühls wuchs das Gemeinschaftsgefühl der KommunardInnen in der Praterstraße. Da kaum einer von ihnen irgendeiner Verpflichtung wie Arbeit, Studium etc. nachging, verbrachten sie viel Zeit miteinander. Geregelte Tätigkeiten wurden auch durch den wachsenden Drogenkonsum (Haschisch) immer problematischer. Mühl schrieb 1976 über diese Jahre:
     
    "Wir waren eine typische Kommune dieser Zeit. Es war schöpferisch und chaotisch, wir lebten wie die Kinder." [AAM76, S. 5]
    "Wir nähten unsere Kleider selbst, sogar Pelze für den Winter, auch Schuhe begannen wir uns selber zu machen. Wir trugen lange Haare, bald darauf auch Bart. Wir sahen verwegen aus. Wir tanzten sehr viel, allerdings nach der Stereoanlage. Aber eines Tages wurde auch diese eleminiert. Alle begannen zu malen, an den Zimmerwänden. Alles was wir taten war dem Zufall überlassen. Die Sexualität, anfangs noch Zweierbeziehungen, begann chaotisch zu werden, die Partner wechselten, Tragödien, Eifersuchtsanfälle erschütterten unsere Horde." [AAN77/7, S. 2]
    In späteren Gesprächen im vertrauten Kreis schilderte Mühl auch die weniger vergnüglichen Seiten: "Eine Zeitlang haben alle Wurstreste, Hundefutter gegessen. Jeder, der eingezogen ist, hat alles verkauft. Was wir gearbeitet haben, war fast Null." [G 12.8.82]

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 16

    Im Sommer 1972 realisierten die KommunardInnen einen ihrer Träume. Sie wollten die teure Stadt verlassen und das billige Leben auf dem Lande genießen: von der Stadt- zur Landkommune. Das entsprach einem damals in der Hippy- und Drogenszene weit verbreiteten Trend. Das Leben auf dem Lande war 'in'. Durch einen alten Freund erfuhr Mühl von einem verfallenen Hof im Burgenland - dem Friedrichshof. Einige KommunardInnen besichtigten die Ruine und waren fasziniert. Vor allem Mühl zog es wieder dorthin, wo schon seine Wiege gestanden hatte und seine Mutter damals lebte, in die Nähe von Gols am Neusiedler See. Die KommunardInnen begannen, von der neuen Idee begeistert, ihre letzten Ersparnisse zusammenzukratzen, und pumpten Eltern und Verwandte gnadenlos an. Einige wenige arbeiteten, einige Frauen gingen in Berlin auf den Strich, um ihren Anteil für den gemeinsamen Hauskauf aufzubringen [A]. Noch im Sommer wurde für 220.000 Schilling (umgerechnet 32.000 DM [ca. 15.000 Euro]) der Friedrichshof gekauft. Ein abgewracktes, einstöckiges Schulhaus, ein total verfallener Getreidespeicher und etwas Grund dazu. Acht Kilometer im Umkreis gab es keine menschliche Siedlung, nur endlose Getreidefelder im Sommer und aufgerissene Erde im Winter. Es gab keinen Strom, keine Kanalisation und kein Wasser. Diese abgerissene Ruinenlandschaft war für die stolzen KommunardInnen und frischgebackenen Grund- und Hausbesitzerinnen "unser Landsitz bei Gols im Burgenland". Anfangs lebten dort vier Kommunarden und betreuten eine Ziege. Ab und zu kamen am Wochenende andere Kommunemitglieder aus Wien.

    Da unter seinen 'Analysanden' auch die weiblichen Kommunemitglieder waren, wurde es für Mühl immer schwerer, zwischen therapeutischer Pflicht und leiblichem Vergnügen zu unterscheiden. ("Die Analysen waren anerkanntes Ficken." [G 12.8.82]) Da sowohl er als auch die anderen KommunardInnen noch in Zweierbeziehungen sexuell voneinander geschieden waren, Seitensprünge immer häufiger wurden, die Eifersuchtsszenen zunahmen, war auch die Sexualität ein zentrales Diskussionsthema. Nicht nur die Kommunen in Wien, auch viele Wohngemeinschaften, Kommunen, die Sexpool-Bewegung und andere Teile der aufkeimenden Alternativszene der 70er Jahre beschäftigten sich intensiv mit der Zweierbeziehung, der Familie und der als überholt empfundenen gesellschaftlichen Sexualmoral.

    Der konkrete Anlaß für Mühl, 1973 die "freie Sexualität" auszurufen, war, daß seine damalige Freundin "von seiner alles dominierenden Art" genug hatte. Mühl schrieb einige Jahre später:
     

    "Als ich im Mai 1973 von einein Aufenthalt in den USA zurückkehrte, hatte sich meine Freundin von mir getrennt, sie verließ die Gruppe, um weiter zu studieren. Ich war sehr von ihrem Entschluß betroffen, spürte aber die emotionelle Möglichkeit für die freie Sexualität in der Gruppe. Ich sagte damals, daß ich keine Zweierbeziehung mehr eingehen werde." [AAM76, S. 6]

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 17

    Seit damals steht für Mühl fest: "Ich denke, wer eine Zweierbeziehung hat oder haben will, ist von vornherein schwer geschädigt." [Brief Susi 1973] Erneut war Mühl dabei gescheitert, eine dauerhafte Beziehung zu einer Frau aufzubauen. Inzwischen fast 50jährig muß ihm dies wie ein Schock in die nicht mehr ganz frischen Lenden gefahren sein [A]. Was lag zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse näher als die oft diskutierte Ausrufung einer "freien Sexualität", die Auflösung der Zweierbeziehung? Obwohl er sich als 'Therapeut' - und wegen der mit den Analysen verbundenen sexuellen Freiheiten - der Bereitschaft seiner Analysandinnen ziemlich sicher sein konnte, empfand Otto Mühl diesen endgültigen Schritt als großes persönliches Wagnis. Jedoch, die meisten KommunardInnen und Analysandinnen waren bereit zu diesem radikalen Schritt. Radikal vor allem für jene, die eine Zweierbeziehung hatten. Der überwiegende Teil der KommunardInnen erlebte diese öffentliche Legalisierung des, bisher heimlich als Seitensprung vollzogenen, Partnerwechsels als Befreiung. Waren doch jahrelange Beziehungen vorhanden, wodurch die freie Sexualität vielen bisher unterdrückten Wünschen und Phantasien entgegenkam. Mühl selbst lief zu Hochform auf. Der Sexualathlet brach einen persönlichen Rekord nach dem anderen, er rühmte sich, bis zu acht Mal am Tage verkehrt zu haben [S]. Der Einfluß Mühls unter den KommunardInnen war damals bereits so groß, daß diejenigen Kommunemitglieder, welche diesen Schritt der Ächtung von Zweierbeziehungen nicht mitmachen wollten, von Mühl zum Verlassen der Kommune gedrängt wurden. Der Schritt in die 'freie Sexualität' war so nicht nur die Verwirklichung einer jahrelang diskutierten Idee bzw. eines 'Traumes', sondern auch die Unterwerfung unter den Führungsanspruch Mühls, der mehr und mehr bestimmte, unter welchen Bedingungen die von der Zweierbeziehung 'befreite' Sexualität zu vollziehen sei.

    Wer diesen Schritt nicht als Befreiung und Bereicherung empfand, der war bei der Bewältigung seiner emotionalen Schwierigkeiten verstärkt auf die "Analysebox" angewiesen. (Um den Nachbarn das Analysegeschrei zu ersparen, war eine schallisolierte Holzbox installiert worden.) Die im Kommunealltag nun gehäuft auftauchenden Probleme - wie Eifersucht, Trennungsschmerzen - wurden als "infantile Schädigung" gedeutet, die jeder in den Analysen bearbeiten mußte. Aber auch wer depressiv war, sich über die Unordnung aufregte, Mitkommunardinnen anschrie oder sich aus irgendeinem anderen Grund psychisch lädiert fühlte, verschwand möglichst bald mit seinem 'Therapeuten' in der "Analysebox". Vor allem Kritik an Mühl und seinen Methoden galt als hochgradig "psychopathisch" und behandlungsbedürftig [S]. Die Bearbeitung aller zwischenmenschlichen Spannungen und persönlichen Schwierigkeiten war aus dem Alltag in die Analyse verpflanzt worden. Da mit der freien Sexualität einerseits die Spannungen stiegen, andererseits der Gruppendruck durch Mühls größere Dominanz zunahm und Mühl mehr praktisch veranlagt war, Theorie und Sprache ihm


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 18

    nie so sehr gelegen hatten, war aus der "Sprechstunde" die "Aktionsanalyse" (AA) geworden: "Atmen, Schreien, körperliche Behandlung, Erbrechen, Weinen, Tuttel-geben wurden wichtiger als das Sprechen." [AAM76, S. 5] Mühl schilderte diese Entwicklung zwei Jahre später so:
     

    "Wir führen in unserer Kommune seit zwei Jahren Einzel- und Gruppenanalysen durch. Anfänglich ausschließlich verbal, später mit mehr aktionistischen Elementen, seit einem halben Jahr aber nur mehr Körperbehandlung mit Darstellungscharakter. Die durch die Körperbehandlung hervorgerufenen Erregungszustände werden dargestellt durch Schreien, Jammern, Weinen, Brüllen, Stöhnen, Grimassieren, Gebärdensprache des Körpers etc. Der Behandelte gerät in ekstatische Zustände, und dies ermöglicht ein emotionelles Durchleben frühester Geschehnisse der Kindheit bis zum Geburtserlebnis hinunter. Im Prinzip geht es um die Selbstdarstellung der eigenen Krankheit." [AAN74/3; AAM76, S. 40]
    So waren aus "Reichschen Körperpanzer(knacker)-Theorien Mühlsche Drück- und Hauaktionen" geworden [A]. Der Mittelschullehrer und Aktionist Otto Mühl mußte das Knacken des Reichschen Körperpanzers so richtig unter seinen Fingern spüren. Nicht die differenzierte Äußerung und Beschreibung von Gefühlen, nein das Hervorbrechen der Gefühle aus der finsteren Kindheit bis zum Erbrechen des letzten Essens war sein Ziel. Einmal in Gang gesetzt, war Mühl nicht zu stoppen. Seine Lieblingsthemen der Aktionistenzeit tauchten nach und nach auf: "scheißen, pissen, kotzen, ficken". Statt seine analen Zwangszustände und Ekelphantasien wegzutherapieren, machte Mühl aus seiner eigenen Kaputtheit das Entwicklungsziel seiner Kommune [A]. Das Brechen gesellschaftlicher Tabus in diesem Bereich wurde in der Aktionsanalyse angestrebt, denn dadurch wurde die Schädigung beseitigt. Mühl:
     
    "Ist der Behandelte in der Selbstdarstellung durch Verzweiflung und Hass hindurchgegangen, erfolgt eine selbstständig gewordene Bewegung des Körpers, die vom Behandelten bewußt erlebt wird, aber nicht mehr kontrolliert werden kann. Diese Phase der Selbstdarstellung kündigt sich durch Husten und übermäßige Speichelproduktion an. Große Mengen von Schleim werden ausgespien, zum Schluß erfolgt ein ruckartiges Zucken der Bauchdecke, alle Muskeln geben nach, die Panzerung, die Dauerkontraktion ganzer Körperpartien, wird zerrissen. Der Behandelte erbricht, das Erbrechen empfindet der Behandelte als 'gelungen', er fühlt sich aufgelockert. Er beginnt nachher wie ein Baby zu schreien, aber wie ein fröhliches Baby." [AAN74/1; AAM76 S. 23]
    In einem Brief an eine Bekannte empfahl Mühl 1973:
     
    "Gegen deine Zustände würde ich dir folgendes raten, laß dich von irgendjemandem durchkneten, durchmassieren und er soll nicht vergessen dir auch auf deinen Arsch zu schlagen, er soll dir mit beiden Fäusten in den Magen drücken, so fest bis du zu schreien beginnst und dann soll er dir ein paar kräftige Ohrfeigen geben. Und du wirst sehen, nachdem du durchgedreht hast, vielleicht erbrichst du auch und du würdest damit zumindest einen Teil deiner Krankheit ausspeien, alle deine Widerstände, die dich ja hindern gesund zu werden, würden mit der Zeit verschwinden und zum Schluß

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 19


     
    lallst du wie ein kleines Baby, nimmst die dargereichte Brust, deine Heilung hat begonnen. Wir könnten dich jetzt mit unserer neuen Methode sehr schnell gesund machen." [Brief Susi 1973]
    In der sogenannten "Watschenanalyse" mußte sich der Analysand auf die eigenen Hände setzen, damit Mühl und seine 'Therapeuten'schülerinnen ihn durch heftige Schläge ins Gesicht in die Kindheit treiben konnten. Dabei lief nicht immer alles nach Wunsch. Manch Patient war nicht willig. Mühl drückte besessen auf Brustkorb bzw. Magen und schlug ins Gesicht. Da es verboten war, sich gegen den Therapeuten zu empören, ließen die gequälten Patienten ihre Wut in die einzig erlaubte Richtung - Schreien und die "Darstellung in der Luft" - ab. Zog Mühl die Hände zurück, stoppte der Analysefluß. Mühl verallgemeinerte diese bittere Erfahrung:
     
    "Der Kleinfamilienmensch kann nur atmen, schreien, wenn ihm der Selbstdarstellungsleiter die Hand auf den Brustkorb legt und leicht durch Druck mithilft. D. schrie und jammerte, er schien außer sich zu sein. Sobald ich jedoch meine Hand von ihm wegnahm, richtete er sich aus dem Liegen halb auf, stützte seinen Kopf mit der Hand; mich blickte ein Beamter an. Er konnte nichts von selber tun." [AAN74/3; AAM76, S. 40]
    So mancher Analysand hatte infolge aktionsanalytischer Sitzungen neben psychischen Beulen auch noch blaue Flecken. Der 'Therapeuten'- und Aktionistenschüler Mühls, H. S., glaubte im fanatischen Wahn, den imaginären Körperpanzer durch aufrechtes Stehen auf dem Brustkorb des Analysanden knacken zu müssen. Das einzige, was brach, war eine Rippe [S]. Bei all dem wurde nicht, wie im Exorzismus längst vergangener Zeiten, der Teufel ausgetrieben. Durch den aktionsanalytischen Exorzismus sollte der "kleinfamiliäre Wichte!" entweichen.

    Stolz verkündete Mühl das Ergebnis dieser tollen Therapie. "Wer sich einer Aktionsanalyse unterzieht, wird in kurzer Zeit unfähig, seine bürgerliche Berufsrolle weiterzuspielen." Der Patient trat damit in die Fußstapfen seines 'Therapeuten'. In Mühls Augen war diese bei ihm erworbene Unfähigkeit natürlich ein Fortschritt. Denn: "Persönliche Entwicklung ist überhaupt nur in einer sozial funktionierenden Gruppe möglich. Der Mensch, der allein oder in kleinfamilienhafter Struktur lebt, verkümmert und erstickt. Der Körper des Kleinfamilienmenschen ist kitzlig oder vollkommen unempfindlich, er ist tot." [AAN74/1; AAM76, S. 24] Erst durch die Aktionsanalyse wurde der Kleinfamilienmensch wieder lebendig und konnte der AA-Kommune eingegliedert werden.

    Hatte Mühls Auseinandersetzung mit der Gesellschaft in der Aktionistenzeit zu wüsten Zock-Manifesten der Beschimpfung geführt - Zock war der Name einer von Mühl herausgegebenen Aktionismuszeitung -, so hatte er nunmehr seine Alternative gefunden. Zu allem, was in der Kleinfamilie schlecht war, existierte jetzt als positives Gegenstück die Kommune. Der faule Kern der Kleinfamilie und Wurzel aller Übel war die Zweierbeziehung


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 20

    und die dabei "eingeschränkte" Sexualität. Es galt, dieses "kleinfamiliäre" Grundübel der "frühkindlichen Fixierung" an die Eltern durch Aktionsanalyse in jedem Kommunarden auszumerzen. Rückblickend schreibt Mühl 1974:
     

    "Es ist nun fast ein Jahr her, daß wir in den Gruppen die Zweierbeziehung aufgelöst haben, und es ist so als ob wir einen Alptraum losgeworden wären. Die Kleinfamilie basiert auf der Zweierbeziehung und eingeschränkter Sexualität. Die Zweierbeziehung widerspricht den sexuellen Bedürfnissen des menschlichen Körpers. Die Zweierbeziehung widerspricht dem kommunikativen, sozialen Zusammenleben in der Gruppe. Wer sich von seinem Partner trennt, hat noch lange nicht die Zweierbeziehung aufgelöst. Er muß gleichzeitig die Fixierung an Mama und Papa auflösen und dies ist nur innerhalb einer Gruppe und nur mit Hilfe der Aktionsanalyse möglich." [AAM76, S. 236]
    Als sich die freie Sexualität 1973 durchgesetzt hatte, erschien bald auch das Privateigentum unsinnig. Da der Großteil der KommunardInnen ohnehin nur wenig besaß, war dieser Schritt für die meisten weitaus weniger existen-tiell als der Verzicht auf die Zweierbeziehung. Nach dem Motto: 'Wenn ich schon meinen Partner mit euch teile, könnt ihr meine Unterhosen und Socken von mir aus auch anziehen.' Da nun einmal revolutionäre Stimmung herrschte, war die Aufgabe privaten Besitzes nur noch ein kleiner weiterer Schritt, sich von der umgebenden "KF (Kleinfamilie) und KFG (Kleinfamiliengesellschaft)" abzusetzen. Wenn schon die Zweierbeziehung eine frühkindliche Besitzfixierung und Schädigung war, um wieviel mehr mußte es die Fixierung auf Eigentum und Besitz sein.

    Damit die neue Gesinnung und die aufkeimende Zusammengehörigkeit auch äußerlich deutlich werde, beschlossen die KommunardInnen im August 1973, den letzten Rest Kleinfamilie an sich zu beseitigen. Die langen Haare und der Bartwuchs wurden als "Charakterpanzer" entlarvt, die Haare wurden geschoren, die "AA-Glatze" war kreiert. Auch im Haar lauerte der böse Geist der KF-Schädigung; sie wollten mit dem "langhaarigen Gesindel" nichts mehr zu tun haben. Mühl:

    "In Diskussionen wurde das lange Haar bei Frauen als Träger der Kleinfamilienerotik entlarvt. In der Erotik erblickten viele eine sublime Sexualverdrängung."
    Außerdem:
    "Wir merkten eines Tages, daß das, wofür die langen Haare standen, vorbei war. Langes Haar tragen hat einmal geheißen, die Kleinfamilienberufsrolle ablehnen, keinen Beruf haben, frei sein."
    Und eine Kommunardin:
    "Ich will .mich nicht durch meine Haartracht von den anderen unterscheiden ... ich will mich durch Bewußtsein und Ausbildung all meiner schöpferischen Potenz unterscheiden, aber nicht durch Mode." [AAM76, S. 268-71]
    Freie Sexualität, Gemeinschaftseigentum, Aktionsanalyse und AA-Glatze, die AA-Kommune war entstanden. Drei Kommunen in Wien bzw. am Friedrichshof mit etwa 30 Mitgliedern, überwiegend Anfang 20, und allen voran der beinahe 50jährige Mühl.


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 21

    Die Kommunemitglieder lebten in totalem Konsum- und Kulturverzicht. Keine Cremes, Parfüms, modische Kleider und Frisuren, keine Restaurant-, Theater-, Kino-, Konzertbesuche, keine Bücher, Ausstellungen etc. Sie waren aufs äußerste von sich und ihrem neuen Leben überzeugt. Wahllos rüpelten sie Freunde, Verwandte und flüchtige Bekannte in breitem Wiener Slang an:
     

    Es drängte sie, ihre neuen Erkenntnisse weltverbessernd umzusetzen, Mühl schrieb ein "Kommunemanifest". Überzeugt und begeistert verkündete er: Alles würde besser werden, wenn bald immer mehr Menschen in Kommunen mit Gemeinschaftseigentum und freier Sexualität leben würden. Keine Kriege, Gefängnisse, Irrenhäuser, kein unnötiger Konsum, keine Umweltverschmutzung und keine Sexualnot mehr.
     
     

    Kommunemanifest
     

    "Da die Kommune die Bedürfnisse des Menschen in einem viel größeren Maße befriedigt, als dies in der Kleinfamiliengesellschaft möglich ist, ist die Kommune geeignet, zu einer echten Massenbewegung zu werden. Die Aufgabe einer nach Kommunen gegliederten Gesellschaft: die existentiellen und materiellen Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Der Anspruch der Kommunegesellschaft ist global. Die Unterteilung des Erdballes durch Staatsgrenzen findet in ihr keinen Platz. Staatsgrenzen sind die vergrößerten Gartenzäune des besitzfixierten Kleinfamilienmenschen. Die Kommune lehnt jede Art von Aggression und Gewaltanwendung ab. In der Kommunegesellschaft herrscht freie Sexualität. Die Zweierbeziehung, eine Schädigung des Kleinfamilienmenschen, existiert nicht. In einer gut funktionierenden Kommune gibt es keine Eifersucht, da alle die Möglichkeit zur sexuellen Befriedigung haben.
    Privateigentum und privater Besitz von Geld sind mit den sozialen und lebensbejahenden Prinzipien der Kommune unvereinbar. Kinder, die in der Kommune geboren werden, werden von der Kommune erhalten, ebenso die Mutter. Kinder wachsen in der Kommune ohne Sexualunterdrückung auf.
    Die Kommune versteht sich gegenwärtig als therapeutische Gruppe mit der Aufgabe, die durch die Kleinfamilienerziehung geschädigten Gruppenmitglieder wieder gesund zu machen, ihnen die soziale Kommunikation mit anderen zu ermöglichen. Die Kindergärten, Kinderheime, die Schulen der Kleinfamiliengesellschaft sind der Entwicklung eines psychisch gesunden Menschen abträglich.
    Die Ausbreitung der Kommunen ... dient dem Zweck, auf gewaltlosem, evolutionärem Weg die Kleinfamilie als Träger einer gesellschaftlichen Ordnung abzulösen und die Kleinfamiliengesellschaft in eine Kommunegesellschaft überzufuhren. Asozialität, Kriminalität, Geisteskrankheiten sind Produkte, die sich ausschließlich aus der gesellschaftlichen Struktur der Kleinfamiliengesellschaft ergeben.
    Da in der Kommunegesellsehaft weder Kommunikations- noch Sexualnot herrscht und alle realen Bedürfnissen des Menschen befriedigt werden, kann die Kommune


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 22

    gesellschaft auf die meisten Industriezweige der Kleinfamiliengesellschaft verzichten." [AAM76, S. 19/20 + AAN 74/1]
     
     

    Die AA-Kommune am Friedrichshof (1974)

    Im Frühjahr 1974 begann eine erste Gruppe von 15 KommunardInnen mit dem Ausbau des Friedrichshofes. Erst jetzt lösten sich die drei Wiener Kommunen endgültig auf und vereinigten sich auch räumlich zu einer Großkommune mit 30 Mitgliedern. In Wien blieb Mühls ehemalige Wohnung in der Praterstraße als Stützpunkt der Kommune - und als Mühls private Rückversicherung für den nicht unwahrscheinlichen Fall des Scheiterns der Landkommune [S] - erhalten.

    Bis 1974 hatte jeder Kommunarde für sich seinen Lebensunterhalt bestritten. Die meisten bezogen Ausbildungsbeihilfen, Arbeitslosen- oder Sozialhilfe, wurden von gutgläubigen Eltern für die heimlich abgebrochene Ausbildung unterstützt oder jobbten hin und wieder. Im Zuge der ideologischen Aufbruchsstimmung mit Aktionsanalyse, freier Sexualität, Gemeinschaftseigentum und der gemeinsamen Investition in ihren "Landsitz" wurden regelmäßig fließende Einkünfte benötigt. Vor allem, um den Friedrichshof bewohnbar zu machen und die dort arbeitenden Kommunemitglieder zu versorgen. Voll Stolz verkündete Mühl zwei Jahre später:
     

    O. B. war neben H. S. der zweite alte Aktionistenfreund Otto Mühls. In seinem Namen war der Friedrichshof gekauft worden, offiziell gehörte ihm alles. Da die "gemeinsamen Betriebe" im wesentlichen aus klangvollen Namen bestanden und die gemeinsame Kasse dauernd leer war, war der "Wirtschaftsorganisator" O. B. meist nicht viel mehr als ein permanenter Konkursverwalter. Er organisierte in Zeiten der absoluten Not "Eltern-Touren", vor allem zur Weihnachtszeit wurde "geschnorrt und gepumpt, was das Zeug hielt" [S]. Durch die sprachliche Lupe der begeisterten KommunardInnen wurden alle ihre ökonomischen Gehversuche erfolgreiche Eroberungen. Das "gemeinsame Transportunternehmen" war ein alter russischer Lastwagen und zwei bis drei Personen für Kleintransporte und Entrümpelungen. Der "Tischlereibetrieb" bestand aus vier bis sechs Personen und einigen gebraucht gekauften Maschinen, es wurden Ladenregale gebaut, Schaufenster eingerichtet etc. Die "Schweinezucht" umfaßte acht Muttersauen und etwa 100 Ferkel. Die "Mechanikergruppe" reparierte die zehn ausgedienten Autos der Kommune. Die "AA-Magazine"


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 23

    verkauften in Wien und Neusiedl Jeanswaren, Second-Hand-Klamotten und Ramsch. Von den 30 KommunardInnen hatte kaum eine(r) berufliche Erfahrung. Für die meisten war schwere körperliche Arbeit neu und durch den regelmäßigen Cannabis-Genuß zusätzlich erschwert. Entsprechend war die Arbeitsmoral, die Arbeit schleppte sich voran [S,T,R]. Die ersten zwei Jahre war fast kein Betrieb angemeldet. Niemand war sozialversichert, es wurden keine Steuern bezahlt, es gab keine Unfallversicherung und keine Rentenzahlungen, eine Buchhaltung existierte nicht [O]. Alle Einnahmen flossen in die gemeinsame "Kommunekasse" - meist ein Pappkarton oder eine Blechdose, aus der sich jeder bedienen konnte. Diese Art von "gemeinsamer Arbeit" war nur durch die Überführung des wenigen vorhandenen Vermögens in die Kommunekasse, die staatlichen Beihilfen, die Unterstützung der Eltern, die unterschlagene Zukunftsvorsorge und die Mißachtung aller ökonomischen Verpflichtungen eines Betriebes gegenüber seinen Arbeitnehmern, den Berufsverbänden und dem Staat möglich. Doch dies alles zählte für den Kommunethoretiker Mühl nicht, er sah nur: "Niemand arbeitet mehr für Lohn oder in einer Berufsrolle, alle arbeiten innerhalb der Gruppe." [AAN76/2, S. 15]

    Die chaotischen Wohnverhältnisse am Friedrichshof veränderten sich 1974 kaum. Auf knapp 100 Qadratmeter hausten oft bis zu 40 KommunardInnen und Gäste. Aus einer Dusche tröpfelte das Wasser, das WC - ohne Tür - war ständig besetzt und des öfteren verstopft, worauf ein bereitstehender Eimer gefüllt wurde. Die KommunardInnen nächtigten auf einer schlecht zu lüftenden Hochbettfläche. Matratze neben Matratze, nichts verhüllte die sexuellen Aktivitäten der KommunardInnen. Im Winter war es feucht und bitterkalt, im Sommer heiß bis zum Ersticken. Die Luft abgestanden, vermischt mit dem Geruch von Schweiß, Toilettenduft, Essensgerüchen und dem Dampf von 40 rammelnden KommunardInnen. Nachts, wenn alle nebeneinander tief und ruhig schlafend atmeten, der eine oder die andere schnarchte, war das leise Trappeln und Scharren von kleinen Ratten- und Mäusefüßen unüberhörbar [S,T].

    Das Essen war oft unappetitlich und karg. Die KommunardInnen torkelten meist erst mittags vom Hochbett herunter. Bei etwas Kaffee kreiste zunächst die Wasserpfeife, der restliche Tag schleppte sich dahin zwischen Essen, aktionsanalytischem 'Druckablassen', mutlosen Ansätzen zu arbeiten und der ständigen Suche nach dem nächsten Joint. Wer etwas zu rauchen hatte, wurde zum Anziehungspunkt. Und da Mühl immer ein paar Gramm in der Tasche hatte, war er nur noch selten allein. Allmählich bildete sich ein fester Zirkel von Privilegierten um Mühl. Des öfteren fuhren sie nach Wien, um den miserablen Friedrichshofer Verhältnissen zu entkommen und in Otto Mühls alter Wohnung in der Praterstraße auszuspannen. "Aus der Kommunekasse wurde ordentlich eingekauft, gekocht, geraucht und den endlosen Monologen Mühls gelauscht". Mühl und sein Therapeutenzirkel



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 24

    - ca. sechs bis acht Personen - arbeiteten nahezu nichts, "aber sie hatten überall etwas mitzureden" [S]

    Im Juni 1974 besuchte ein befreundeter Ethnologe die Kommune und zeigte einen Film über einen afrikanischen Stamm, dessen geisteskranke oder hysterische Frauen bzw. Männer in Anwesenheit des ganzen Stammes unter Trommeln und Tanzen ihren Gefühlsüberdruck herausschleuderten. Diese archaische Sitte wurde wie eine Offenbarung angenommen, da man sich ohnehin mit 'Stämmen' identifizieren konnte. Fortan wurde die Aktionsanalyse auch vor der gesamten Kommune unter Trommeln und Schreien der Zuschauer durchgeführt, während sich der 'Patient' in der Mitte schreiend, brüllend und kotzend wand und Otto Mühl vom Klavier aus therapeutisch kommentierte und leitete. Aus der Aktionsanalyse wurde die "Selbstdarstellung vor der versammelten Kommune", und das von nun an Abend für Abend. Mühl:
     

    Alles, was gesellschaftlich tabuisiert war, sollte in der Selbstdarstellung durchbrochen werden. Ein ehemaliges Mitglied erzählt:
      Das Ziel dieser Entwicklung war nach Mühl der Selbstdarstellungskünstler: "Der Schwerpunkt hat sich von der Körperbehandlung zur Selbstdarstellung hin verlagert. Die Aktionsanalyse, die Selbstdarstellung ist die Ausbildung zum Selbstdarstellungskünstler " Die Selbstdarstellungskünstler schufen 'Kunstwerke' wie das folgende:
      Ohne diese tägliche gemeinsame Entladung und die Verherrlichung dieser Zeremonie wäre der Versuch der Kommune - nach Mühls Aussage - schon früh gestrauchelt Mühl damals "Unsere Gruppe konnte ohne Aktionsanalyse nicht existieren."

    In diesem Sommer entstand am Friedrichshof ein Film über die Aktivitäten der Gruppe - "Kirschen in Papas Garten" Überwiegend nackt räkelten



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 25

    sich die KommunardInnen - meist in Gruppen agierend - am Klavier, während der Selbstdarstellung oder der Aktionsanalyse. Bei einem Vortrag im Münchner Arri-Kino wurde dieser Film erstmals vorgeführt. Ein Zuschauer urteilte damals:
     

    Auf der Suche nach weiteren Geldquellen kamen die KommunardInnen auf die Idee, am Friedrichshof "Intensivkurse" anzubieten und so ihre zweijährigen Kommuneerfahrungen in bare Münze umzusetzen. Keiner glaubte so recht daran, daß Interessierte kommen würden. Zwar war die Kommune in der österreichischen und deutschen Szene bekannt, aber es fehlte eine regelrechte Propaganda. Dem sollte durch die Herausgabe der "AA-Nachrichten" abgeholfen werden. Ein neu eingezogener Kommunarde ergriff die Initiative. Mit einer Auflage von zunächst 2.000 Stück wurde die Kommuneideologie verbreitet.
      Und sie fanden ihre Leser. In den Nachwehen der 68er Bewegung waren viele revolutionäre Kritiker der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse mit voller Wucht an ihrer persönlichen Unfähigkeit und an der Bewegungslosigkeit des 'bürgerlichen Molochs' gestrauchelt. Die einen bereiteten sich auf den mühsamen 'Marsch durch die Institutionen' vor, die anderen bekannten kleinlaut, bei sich selbst beginnen zu müssen. Revolutionär sein hieß revolutionär leben. In Wohngemeinschaften oder Kommunen, in der Stadt oder auf dem Lande. Revolutionär sein hieß gemeinsame politische Arbeit in Gruppen. Und immer wieder versackten viele in Depressionen; wüste Auseinandersetzungen und endlose Diskussionen waren an der Tagesordnung, Zweierbeziehungen krachten auseinander, Wohngemeinschaften und politische Gruppen bzw. Initiativen zerbrachen. Mit dem psychischen Dilemma boomten die Psycholehren, die Psychowelle rollte langsam durch Deutschland und Osterreich. Gestalttherapie, Rebirthing, Encountergrupen usw. kamen in Mode, Janovs Urschrei schallte über das große Wasser. Die ersten Neugierigen kamen. In den AA-Nachnchten stand:
     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 26


     
    Die "Kommunegäste" - etwa 100 bis 150 - kamen 1974 vor allem aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. Sie gehörten zur damals keimenden Alternativbewegung und waren überwiegend Intellektuelle - teilweise mit beruflichen Erfahrungen. Die Idee der Arbeits- und Lebensgemeinschaft fiel in der damaligen Szene auf fruchtbaren Boden, die Suche nach Alternativen zur Ehe und verkrusteten Arbeitsstrukturen war verbreitet. Gemeinsam arbeiten und leben, Gemeinschaftseigentum und andere Formen der Sexualität wurden seit den Versuchen der Kommune 1 und 2 in der Alternativszene Deutschlands allgemein diskutiert. Die meisten BesucherInnen erwarteten entsprechend der Ankündigungen in den AA-Nachrichten etwas ganz anderes als das, was sie vorfanden [M]. Die KommunardInnen wiederum waren auf Gäste nicht vorbereitet und wußten nicht, was sie mit diesen anfangen sollten. Außer einer halben Stunde Aktionsanalyse täglich und der nächtlichen Selbstdarstellung - ab 23 Uhr - gab es keine Veranstaltungen. Selbst die Termine für ihre Analysen mußten die Kommunebesucher selbst festlegen und häufig ihre vollkommen fertigen Therapeuten mittags vom Hochbett abholen [W]. Immer noch wurde eine recht derbe Form der Analyse praktiziert. Es wurde brutal auf Brustkorb und Bauch gedrückt, ins Gesicht geschlagen. Das schmerzte natürlich. Anstatt dem 'Therapeuten' eine zu kleben, schrie man und nannte den Widersacher einfach Mama oder Papa. So einfach. Am Ende der Analyse wurde der/die übel malträtierte und restlos erledigte Patientin schon mal in die von Körperpanzern gereinigte freie Sexualität eingeführt [W]. Trotzdem blieben viele Gäste. Dies weniger, weil die Friedrichshofer Kommune besonders überzeugte - von den KommunardInnen hatte man als Gast meist ohnehin wenig - interessant war vielmehr der Austausch innerhalb der Gästegruppe. Dort trafen sich viele Gleichgesinnte mit ähnlichen Ideen und ähnlichen Erfahrungen.

    Mitten in dieses räumliche und psychische Chaos wurden zwischen Juni 1974 und Februar 1975 vier Kinder am Friedrichshof geboren ([Namen]). Die Schwangerschaft wie auch die Geburt war für die meisten KommunardInnen ein wichtiges Ereignis, auch die ersten Wochen nach der Geburt wurde der kommuneeigene Nachwuchs - die Väter konnten nur vermutet werden - häufig bewundert. Den krassen Gegensatz zur "heiligen KF-Schwangerschaft" hatten die AA-Frauen nach Mühlscher Ideologie zu demonstrieren, indem sie selbst im hochschwangeren Stadium schwere körperliche Arbeit verrichten und auch bei Aktionsanalysen bzw. Selbstdarstellungen kaum Rücksicht auf ihren Zustand nehmen sollten. Bei der Geburt sollte das Kind unter Schreien und Brüllen herausgedrückt werden. Die Hebamme war einigermaßen schockiert. In einem zehn Quadratmeter großen Zimmer waren zwischen zehn und 15 Zuschauer anwesend, es wurde fotografiert und gefilmt. Nach der Geburt begann für die Mütter ein neuer Alltag mit anderen Sorgen. Die Säuglinge lebten mit 30-40



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 27

    Erwachsenen eng zusammengedrängt auf einer Fläche von 100 Quadratmeter. Sie schliefen nachts neben ihren Müttern und den ständig wechselnden Kommunemännern auf dem gemeinsamen Hochbett. Das bisherige Kommuneleben war in vielerlei Hinsicht - fehlender Platz, unregelmäßige Ernährung, Tagesablauf, Drogenkonsum etc. - erschwerend, um kindlichen Bedürfnissen voll gerecht werden zu können. Hinzu kam, daß Mühl nicht viel mit kleinen Kindern anfangen konnte. Die nötige Sensibilität, dauerhaft auf deren Bedürfnisse einzugehen, fehlte ihm. So war die Rolle einer Mutter innerhalb der Kommune, trotz aller ideologischer Absichtserklärungen in den kommuneigenen Schriften, eher eine undankbare Aufgabe [T].
     
     

    Exkurs: Die "AA-Parabel" - Landkarte fürs Psycholabyrinth

    Der "große Therapeut Otto Mühl" - er reihte sich freiwillig neben S. Freud und W. Reich ein [AAN77/2, S. 14] - entwickelte eine bizarre psychologische "Theorie der Aktionsanalyse", letztlich eine Übertragung des uralten 'Himmel und Hölle'-Paradigmas. Die linke Seite der Parabel entsprach der "schädigenden Kindheit in der Kleinfamilie (cisnatal)", die rechte Seite der positiven, real existierenden Utopie des AA-Kommuneparadieses ("transnatal"). Das "positive Liebesbedürfnis" war das Geheimnis, das tief in allen Menschen begraben liegt. Gleich daneben verschüttet liegt unser aller "Inzestwunsch" und dann bricht flackernd und zuckend im "Geburtserlebnis" der "Kleinfamilienmensch" in uns zusammen. Mühl:
     

    "Energetische Entladung", "Auflösung aller psychophysischen Spannungspotentiale", "Einheit von Hirn und Körper", "Versöhnung aller Zellen", "psychophysischer Orgasmus", "genitales und soziales Bewußtsein". Mühl der Psycho-Mystiker kleidete die religiöse Ekstase in ein neues (altes) Gewand. Wiedergeburt und Verjüngung durch den psychophysischen Orgasmus, Erlösung durch Sexualität. Ohne es jemals selbst so gesehen zu haben, stehen Otto Mühl und seine "Psycho-Physische-Reparatur-Kommune" in der alten Tradition bacchanalischer Mysterienkulte und animistischer Riten. Um einen zusammenhängenden Eindruck Mühlscher Thesen zu vermitteln, folgende längere Textpassage:
    "Die Aktionsanalytische Parabel zeigt die emotionellen Stufen, die der Selbstdarsteller im ganzen vom Anfang bis zum Ende der Aktionsanalyse durchläuft.


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 28


     
    Körperliche Abwehr
    ... bedeutet zunächst Unempfindlichkeit des Körpers gegen die Berührungen des
    Selbstdarstellungsleiters.
    ... ist identisch mit aggressivem Verhalten.
    ... ist als Widerstand gegen die Aktionsanalyse aufzufassen.
    Emotionelle Abwehr
    Auf dieser Stufe sagt der Kleinfamilienmensch vor allem nein. Er atmet verkrampft
    und stockend. Er würgt das Atmen immer wieder ab. Er befindet sich in äußerster
    Spannung, ohne sie darstellen zu können.
    Aggressiver Ekel
    Die durch den Selbstdarstellungsleiter in Bewegung gesetzten Emotionen bewirken
    körperliche Reaktionen. Es kommt zum Erbrechen. Durch das Erbrechen kann der
    Selbstdarsteller bereits sehr tief in seine Kindheit hinuntergelangen.
    Depressives Weinen
    Der Darsteller kann seine Emotionen nicht mehr kontrollieren. Er ist tieferschüttert.
    Er sieht sich als Geschädigter. Er beginnt zu weinen.
    Infantiler Hass
    Den infantilen Hass zu zeigen, ist für den Kleinfamilienmenschen noch mehr verboten als das Weinen. Die Darstellung des infantilen Hasses gipfelt im Urmord. Es kommt zur blindwütigen Zerstückelung des Vaters und der Mutter. ("Ernst erledigte seinen Vater mit Kinnhaken, zertrümmerte ihm den Schädel mit einem Hammer, spaltete diesen mit einer Hacke, schnitt ihm mit einem Messer die Gurgel durch, indem er den Kopf seines Vaters weit zurückbog, hackte ihm alle Gliedmaßen ab, schnitt ihm den Schwanz ab, die große Zehe steckte er sich als Souvenir in die Hosentasche. Richard pfählte seine Mutter; sein Vater, an einen Baum gebunden, mußte zusehen. Schließlich machte er alles rückgängig und begann mit der Mutter zu ficken." [AAN74/3;
    AAM76, S. 35-52])
    Aggressives Liebesbedürfnis
    Das Kind kommt gesund und ungestört zur Welt. Das Kind darf nicht durch einschränkende Verbote, Bevormundung, Überforderung, mit den Bedürfnissen des Kindes unvereinbaren Ordnurigsansprüchen... an seinem psychophysischem Wachstum gehindert werden. Die schwerste Beeinträchtigung des Kindes erfolgt durch die Unterdrückung, Verheimlichung seiner Sexualität.
    Geburtserlebnis
    Die Bauchdecke beginnt zu flackern, die Stimme, hoch und dünn, ist in ein quakendes Keuchen übergegangen. Der Darsteller hat die Beine angezogen, ein zappelndes, quakendes Baby. Er beginnt mit dem Mund zu saugen. Gleichzeitig macht er lustvolle Beckenbewegungen. Nach dem Geburtserlebnis sieht der Darsteller die Umwelt zum ersten Male unverzerrt, ohne Projektion.
    Positives Liebesbedürfnis
    Das positive Liebesbedürfnis ist ein Geheimnis, daß jeder Kleinfamilienmensch tief in sich begraben mit sich herumschleppt. Das positive Liebesbedürfnis ist das zentrale Bedürfnis des Menschen.
    Überwindung der Eltern
    Das Erkennen der Schädigung der Eltern, die Einsicht der eigenen Schädigung durch
    die Eltern ist die Voraussetzung für die Überwindung der Eltern.


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 29


     
    Entdeckung der Sexualität
    Für viele ist es schwierig, diese positiven Körpergefühle anzuerkennen. In der Aktionsanalyse wird die positive Berührung über den ganzen Körper ausgedehnt.
    Durchbrechung der Inzestschranke
    In der Aktionsanalyse zeigt es sich, daß es keine KF-Tochter, keinen KF-Sohn gibt, die nicht mit dem Vater oder Mutter hätten ficken wollen. Inzestwünsche sind das Produkt der durch Sexualunterdrückung irregeleiteten Sexualität des Kleinfamilienmenschen.
    Genitale Identität
    Durch die Auflösung der Inzestschranke ist der Weg frei zur Orgasmusfähigkeit. Ein Zittern geht durch den Körper, es kommt zu einer energetischen Entladung, die nichts anderes ist als eine Auflösung aller psychophysischen Spannungspotenziale. Die Herstellung der Einheit von Hirn und Körper, die Versöhnung aller Zellen des Körpers. Wie das Geburtserlebnis ist der psychophysische Orgasmus eine Verjüngung, eine echte Wiedergeburt, ein schöpferisches Ereignis.
    Soziale Identität
    Wer genitale und soziale Identität gewinnen will, muß sein Eigentum an Menschen und Dingen aufgeben. Er wird dafür Bewußtsein eintauschen. Bewußtsein bedeutet, daß ich alle Menschen in meiner Existenz einschließe, genital und sozial." [AAN75/1;
    AAM76, S. 52-66]
    Zumindest die linke Seite der Parabel leuchtete den meisten KommunardInnen und Gästen ohne weiteres ein. So wurden "emotionale Abwehr", "aggressiver Ekel", "depressives Weinen" und "infantiler Haß" in sogenannten "Gruppenselbstdarstellungen" regelrecht trainiert. Die Gemeinde der Selbstdarstellungswilligen legte sich dicht gedrängt auf den Boden. Im Chor parabelten zehn bis 30 weitgeöffnete Mäuler und wild um sich schlagende Körper. Es kam schon mal vor, daß ein allzu eifriger Nachbar im infantilen Haß - bei geschlossenen Augen - seinen ebenfalls in der Parabel versunkenen Kollegen in die Seite traf. Bisweilen spritzte das Ergebnis des aggressiven Ekels auch nicht nur in die Schüssel [A], Euphorisch berichtet 1976 die Selbstdarstellungsleiterin T. S. - damals Erste Frau (zur Hierarchie vgl. das entsprechende Kapitel S. 114ff) - von einer derartigen Massenselbstdarstellung:
     
    "Die SD beginnt mit der Darstellung der körperlichen Abwehr. Ich fordere die Teilnehmer auf, sich zu verkrampfen, den ganzen Körper, Arme, Beine, Bauch, Gesicht, Grimassen schneiden, die Aggressionen nicht sofort herauslassen, sondern zurückhalten und dann herausquetschen, absichtlich ganz gepresst, sich am Boden winden. Manche kommen bei dieser Übung bereits in den aggressiven Ekel, sie spreizen die Finger von sich weg, das ganze Gesicht zieht sich zusammen, die ersten müssen sich schon übergeben. Ich fordere jetzt alle auf, die Aggressionen herauszuschreien mit erhobenen Armen, viele können das gar nicht, sie haben Angst, ausgeliefert zu sein. Das Schreien wird immer lauter, ich kann nur mehr mimische Anweisungen geben, meine Stimme ist in diesem Inferno nicht mehr zu hören. Alle 15 Teilnehmer der Gruppenselbstdarstellung stellen die emotionelle Abwehr und den


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 30


     
    aggressiven Ekel dar. Manche kommen schon tiefer in die Darstellung hinein, sie beginnen zu weinen, legen sich auf den Boden, bei vielen bricht bereits der infantile Hass durch. Es sind 30 Minuten vergangen, ich gehe zu jedem einzelnen und ermutige, weiterzumachen. Das Schreien ist übergegangen in Weinen, Wimmern, in die Darstellung des aggressiven Liebesbedürfnisses. Es liegen jetzt alle am Boden, der ärgste Druck ist abgelassen." [AAN 3/76, S. 25-26]
    Während die Gäste - nach herrschender Meinung der Friedrichshofer - meist nur zur Darstellung der "emotionellen Abwehr", des "aggressiven Ekels" und bestenfalls des "depressiven Weinens" fähig waren, war die Darstellung des "infantilen Hasses" bereits ein großer Beweis von "Bewußtsein". Nur wer entsprechende "Krankheitseinsicht" auch im Alltag zeigte, war fähig, "so tief in die eigene Kindheit" einzutauchen. Die Entdeckerin des "infantilen Hasses" bzw. des "Urmordes" war die damals 24jährige Claudia W. im Jahre 1974. Otto Mühl erzählt:
     
    "Als Claudia in die Kommune kam, litt sie unter starken Spannungen, die oft zu schweren Depressionen führten. Sie kam sich wie ein 'Dreckhaufen' vor, fühlte sich mißachtet, sie fühlte sich minderwertig, sie wollte keine Frau sein. Sie lag mit Weinkrämpfen im Bett, sie konnte nicht aufstehen, sie war arbeitsunfähig. Claudia war bezeichnenderweise die erste, die den Urmord in die Selbstdarstellung einführte. 'Ich will auch ein Mensch sein', schrie sie, richtete sich aus dem Liegen auf. Ihr Körper zitterte vor Wut und Erregung. Sie griff, auf dem Bett kniend, den Oberkörper aufgerichtet, nach vorne, spreizte die Finger und bekam offensichtlich den Vater am Halse zu fassen. 'Du alte Drecksau', brüllte sie. Dabei krampfte sie langsam ihre Finger zusammen, warf ihn tot zu Boden und schlug wie besinnungslos auf ihn ein. 'Du altes geiles Schwein.' Sie trampelte mit den Füßen auf ihm herum. Ich war aufs äußerste erstaunt und fasziniert. Ich hatte noch nie eine Darstellung von solcher Kraft und Gewalt erlebt. Gleichzeitig war ich über dieses Ereignis sehr erschüttert. Ich hatte Tränen in den Augen." [AAN74/3; AAM76, S. 42]
    Claudia setzte ihre Analysen - häufig auch ohne ihren 'Therapeuten' - fort. Es gelang ihr, immer "mehr emotionale und körperliche Schranken zu überwinden". 1974 beschrieb sie eine Analyse:
     
    "In dem Moment reckte es mich so, daß ich kotzte und gleichzeitig dünn in die Hose schiß. Zuerst hatte ich das befreiende Gefühl, Dreck loszukriegen, dann war mir die Scheiße in der Hose peinlich. Ich schiß noch in die Schüssel, unter viel Angst und Geilheit, legte Papier drüber, daß es keiner sehen konnte, der reinkam, kotzte wieder die ganze Mutterablehnung heraus, legte mich hin und schrie." [AAM76, S. 87]
    Nicht nur in der Analysebox bzw. in der Selbstdarstellung, sondern auch im Alltag war die Parabel 1974-1977 ein wichtiger Maßstab der persönlichen "Entwicklung". Vor allem die Mitglieder der neu gegründeten Kommunen eiferten ihren Vorbildern am Friedrichshof eifrig nach. Eine Kommunardin schrieb 1975:
     
    "Ich habe das Gefühl, daß ich weiterkomme, meine schlimmste körperliche Schädigung ist im Moment mein Hals, der ist also derartig steif, ja und ich konnte früher


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 31


     
    nicht kotzen, bei den Selbstdarstellungen früher ging es nur, wenn ich mir meine Finger in den Hals steckte. Wenn ich jetzt eine Selbstdarstellung mache, geht es so, wenn ich daliege und atme, da kommt es mir einfach hoch. Wenn ich die Atmung verstärke und die Zunge weit raus nach unten strecke, dann quill ich über, es brodelt aus mir raus, sie, meine Mutter. Auch im Alltagsleben beginnt bei mir der aggressive Ekel durchzubrechen. Fast nach jedem Essen wird mir schlecht, mir ist fast dauernd schlecht, ich merke auch, wie ich mich krank mache. Und überhaupt bin ich körperlich bewußter geworden." [AAN75/6, S. 9]
    Otto Mühl selbst begab sich zum damaligen Zeitpunkt selten in die Selbstdarstellungsmitte, auch die Aktionsanalyse war ihm als Akteur fremd. Meist saß er außerhalb der im Kreis sitzenden KommunardInnen am Klavier und leitete mit klugen Kommentaren die Selbstdarstellung. Die Blöße, im "Schrei- und Kotzkrampf" in der Mitte zu versagen, gab er sich nicht [S]. Durch seine "jahrelange Selbsttherapie als Aktionist" war er bereits "gesünder" als die anderen KommunardInnen. Denn
     
    "... je mehr Spannungsdruck da ist, desto tiefer muß notgedrungen die Selbstdarstellung ausfallen. Großer Druck entspricht der Erlebnistiefe. Wer tiefe Gefühle hat, ist schwer geschädigt. Wer es jedoch als Erwachsener schafft, ständig seine Energien positiv und umfassend abzugeben, braucht kein Geburtserlebnis. Der gesunde Mensch ist fähig, seine Energie ununterbrochen in Arbeit und Kommunikation mit anderen Menschen abzugeben." [AAN77/3, S. 38]


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 33

     
     

    1975-1978: Von der AA-Kommune bis zum Scheitern der Aktions-Analytischen Organisation (AAO)

    Von der AA-Kommune zur AAO (1975)
     

    Was als "Intensivkurs" 1974 begonnen hatte, setzte sich nun als "Kommunelehrgang" fort. In aller Eile wurde im Frühjahr 1975 der ehemalige Getreidespeicher - genannt "Schüttkasten" - bewohnbar gemacht. Dort entstanden der zukünftige Selbstdarstellungsraum und die Schlafräume für die "Kursbesucher". Die Gästeunterkunft bestand aus einer Fläche von 50 Quadratmeter asphaltiertem Boden und zwei, drei ausgedienten Bundeswehrschränken - Kommunestandard. Kein Bild, keine Blumen, kein Teppich, nicht einmal Matratzen. 'Toiletten' gab es im Freien, bzw. wer die Landschaft nicht verschandeln wollte, der benutzte das Klo der Kommune. Dies war für einen "abgepanzerten KF-Menschen" nicht ganz einfach: Keine Tür, meist im leicht gezwungenen Gespräch mit anderen wartenden Notdurft-suchenden, war der "Bewußtseinsunterschied" zu den locker ihr täglich(-öffentlich)es Geschäft verrichtenden KommunardInnen besonders deutlich.

    Trotz der katastrophalen Unterkünfte kamen viele Interessierte und blieben für die Dauer ihres "Kommunelehrgangs" oder länger. Etwa 450 Therapie und/oder alternatives Leben suchende Twens - teilweise sogar Teens - teilten im Sommer und Herbst 1975 den Alltag der AA-KommunardInnen. Ziel der Kommunelehrgänge war laut AA-Nachrichten
     

    "die Bewußtseinserweiterung, die Bewußtseinsveränderung des Kleinfamilienmenschen. Was erreicht werden soll, ist die Entwicklung des AA-Bewußtseins, das zum Leben in einer Gruppe mit freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum fähig macht." [AAN75/6, S.31]
    Etliche Teilnehmer der Lehrgänge bzw. "Gäste" verließen nach wenigen Tagen - bzw. auch Stunden - manchmal enttäuscht, manchmal erzürnt, manchmal erschrocken den Friedrichshof. Wer blieb, mußte seine Psyche in Aktionsanalyse und Selbstdarstellung entblößen, in "dargestellter" bestialischer Wut Vater und Mutter ermorden, den sexuellen Ekel sowie Zweierbeziehungsfrustrationen in die überall bereitstehenden Schüsseln ergießen und die sexuelle Freiheit durch einen 'Striptease' vor der Kommune demonstrieren. Viele genossen die Pionierstimmung, die gemeinschaftliche Aufbauarbeit und die gemeinsamen Nächte auf dem Matratzenlager. Mühl schrieb Ende des Jahres begeistert:
     
    "Im Sommer 75 machten an die 500 Gäste und Kommunarden im Schüttkasten ihre Selbstdarstellungen. Es war ein großes nicht abreißendes Fest der Bewußtseinsveränderung. Hunderte schnitten sich die Haare als Symbol des Abschiedes vom Kleinfamiliendenken." [AAN75/6, S. 26]


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 34

    Der Vater eines Kommunarden, der im Winter 1975 den Friedrichshof besuchte, schildert die damaligen Verhältnisse und die "Bewußtseinsveränderung" seines Sohnes:
     

    "Als wir in Eis und Schnee 1975 im Hauptquartier der Kommune eintrafen, die damals nur aus einem verkommenen Bauernhof und einem Schuttkasten mit Schweinestall bestand, hatte Otto Mühl für meine Frau das blumige Kompliment 'Du, mit deinen von Geilheit triefenden Augen, gäbest für uns die beste Puffmutter ab', während ich von einer Kommunardin mit den Worten 'Hast du keine Lust auf junges Gemüse' in einer gewissen Körpergegend betastet wurde. Ein gewisser O. kniete vor meiner Frau nieder, fuhr ihr unter dem Rock, mit der Hand einen Oberschenkel hinauf und leckte ihr das Gesicht ab Anschließend wurde ein großes 'happening' der zu jener Zeit kahlköpfigen Bande veranstaltet, das mit einem wilden Trommelkonzert eingeleitet wurde. Vorher hatten wir bereits Wandtafeln entnommen, daß die Kleinfamilie (KF) das größte aller Übel sei. Auch hatten wir gehört, daß der Haß gegen die Eltern, die für das gestörte Verhalten der Kommunarden verantwortlich seien, geschürt werden müsse und zwar bis zum symbolischen Vater und Muttermord.
    Nach einer langen musikalischen Trommeleinleitung wurde unser Sohn aufgefordert, in die Mitte des Kreises zu treten und 'es seinen Eltern zu zeigen'. Obwohl er zunächst nicht wollte, waren doch das Geschrei der Kommunarden und die autoritäre Stimme Mühls stärker als seine Hemmungen. Nach monatelanger Gehirnwäsche versetzte sich Werner in eine Art Trance-Zustand, wahrend dessen er sich den Pullover vom Leib riß und in Schweiß ausbrach. Er beschimpfte uns höhnisch und wild und rief mir schließlich zu: 'Ich fick dich in den Arsch, du schwules Schwein', während meine Frau mit den Worten 'Ich fick dich in den Arsch, du Sau!'' bedacht wurde. Während mir vor Schreck die Pfeife aus dem Mund fiel, brach meine Frau in einen Weinkrampf aus, der von starkem Kniezittern begleitet wurde Die Glatzköpfigen aber klatschten begeistert und riefen im Chor 'Bravo, bravo'.
    Um dem happening' einen versöhnlichen Ausgang zu geben, wurde W. schließlich aufgefordert, seine Eltern zu umarmen, was er auch tat.T. S. trocknete meiner Frau mit ihrem schmutzigen Hemd, das aus ihrer Hose heraushing, die Tränen ab und erklärte, daß sie sich solche Eltern wie wir wünsche, die den Mut aufbrächten, sich der Kommune zu stellen. Ihr Vater, das Schwein, sei niemals in die Kommune gekommen. Die Nacht verbrachten wir auf Brettern im Schweinestall, da wir im Schneesturm über den verwehten Feldweg steckengeblieben waren. Am nächsten Morgen vor unserer Rückfahrt ließ man uns keinen Moment mit unserem Sohn allein. Das 'happening' hatte uns gezeigt, daß er völlig unter dem Bann Mühls stand. Nach seinem großen Auftritt trottete er wie ein verlorenes Schaf hinter den anderen her und wagte es nicht, sich uns zuzuwenden " [STA88] (Auch wenn der Vater die eigenen Erlebnisse ironisch distanziert zu schildern vermag, so waren solche Erfahrungen für alle Eltern meist äußerst tragisch.)
    Im Gegensatz zu diesen Wahrnehmungen waren viele Kommunegäste von ihren Erfahrungen so überzeugt, daß sie sich noch am Friedrichshof zusammenschlossen. In den AA-Nachrichten war zu lesen: "Durch diese Kurse bildeten sich neue AA-Gruppen in Berlin, Krefeld, Heidelberg und Genf. In kurzer Zeit waren diese Gruppen auf 20-30 Mitglieder angewachsen " [AAN76/2, S 15] Ein paar Monate später vereinigten sich die drei deutschen


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 35

    Kommunen zu einer Groß-Kommune mit 60 Mitgliedern in Berlin. Die frischgebackenen KommunardInnen 'überwanden' ihre "Kleinfamilienvergangenheit": Sie verließen ihre Zweierbeziehungen, brachen Studium bzw. Schule ab und gebärdeten sich im Kontakt mit Eltern, Verwandten, Freunden und Kollegen "aktionistisch" oder "selbstdarstellerisch", wie sie es am Friedrichshof gelernt hatten.

    Die Entstehung der Kommunen war stets gleich. Eine bestehende Wohngemeinschaft oder ein alternatives Kollektiv erweiterten sich um kennengelernte Kommunelehrgangsteilnehmer und Freunde. Ein Kommunarde berichtet:
     

    "Dies ist erstmal noch die alte Wohngemeinschaft, die geschlossen den ersten Kommunelehrgang am Friedrichshof besuchte. Die Gruppe wird ständig größer, bis wir ca. 15 Leute in der 5-Zimmer Wohnung sind. Wir richten uns einen Selbstdarstellungsraum ein - mit Schallisolierung - und führen jeden Abend SD durch. Es fiel uns nicht schwer auf Zweierbeziehungen, Außenbeziehungen, Berufsleben und Privatbesitz zu verzichten, denn es gab etwas Lohnenswerteres zu bekommen, die AA Lebenspraxis. Das Einhalten der AA-Pnnzipien habe ich von vornherein gefordert. Alle stimmten zu und diese klaren Voraussetzungen waren eine große Erleichterung für uns." [AAN75/6 S. 4+7]
    Der Abschied von der ("Kleinfamilien-") Vergangenheit wirkte häufig wie mit dem Brecheisen erzwungen. Der Schlafraum bestand nur aus Matratzen und Betten, der Selbstdarstellungsraum aus Sitzgelegenheiten und Kotzschüsseln, der Eßraum aus Tisch und Stühlen, bestenfalls klebten einige AA-Poster an den verlassenen Wänden: funktionale Einrichtung, nur ja kein Beiwerk, keine Zierde. Die Kühle der Ideologie zeigte sich auch in der kahlen Raumgestaltung Eine Kommunardin damals:
     
    "Mein Zimmer hing voll mit Ernnerungsstücken, Bildern von Freunden, Teppichen aus Indien, romantischen Gedichten, ich lebte in einer Traumwelt. Jetzt werden nur noch Sachen gekauft, die für die Kommune notwendig sind. Früher hatte jeder sein eigenes Zimmer, einen eigenen Schrank und eigene Kleider. Jetzt sind alle Zimmer und Schränke nach funktionalen Gesichtspunkten eingerichtet und jeder kann alles benutzen. Wir wollen uns nicht mehr modisch unterscheiden durch Haartracht oder Kleider. Die Zimmer brauchen nicht mehr schön auszusehen, es kommt drauf an, daß möglichst viele zusammen schlafen können." [AAN75/6 S 8]
    Die asketische Kultur- und Genußablehnung hatte stark fanatische Zuge, Mühls Kultur-Calvinismus wurde auch in den neuen Kommunen voll adaptiert. Die Kommuneregeln waren strikt einzuhalten, ein Verstoß wurde mit sozialer Ablehnung durch die Gemeinschaft geahndet. Jeder überwachte den anderen und zusätzlich sich selbst. Heimliche Verstoße gegen Kommunegebote kamen trotz allem vor, meist 'beichtete' der Missetäter seine Verfehlungen selbst. Denn die Kommune sah alles. So mancher wurde bei einer heimlich heruntergewürgten Curry-Wurst an einer Imbißbude gesichtet und abends bei der Selbstdarstellung in der Gruppenöffenthchkeit 'angegangen'. Ein Kommunarde schrieb:


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 36


     
    "In der Kommune kommt alles ans Licht. Durch die Analysen, Selbstdarstellungen und durch die freie Sexualität sind wir inzwischen so weit gekommen, daß sich eigentlich keiner mehr hinter seinen alten Masken und Rollen verstecken kann. Wer das selber noch nicht gemerkt hat... wird in den Selbstdarstellungen von der Gruppe entlarvt." [AAN75/6, S. 5]
    Es kam darauf an, jegliche "Ersatzbefriedigung" zu vermeiden, nur Arbeit, Therapie und Geschlechtsverkehr waren gestattet. Schon bald war der Verzicht auf alles "kleinfamiliäre, bürgerliche" zur täglichen Selbstverständlichkeit geworden.
     
    "Wir haben uns am Anfang strenge Regeln gesetzt, indem wir auf Ersatzbefriedigungen verzichten - Kino, Fernsehen, Theaterbesuche, Kneipen etc. - die von einigen Kommunarden als Zwang empfunden oder als zu künstlich und aufgesetzt kritisiert wurden. Heute empfindet das niemand mehr als Zwang, keiner hat noch Lust, alleine wegzugehen, und bei den meisten Kommunarden sind auch die Existenzängste verschwunden." [AAN75/6, S. 5]
    Trotz (oder gerade wegen?) dieser Reinigung des Alltags von Ersatzbefriedigungen und der Einhaltung der Kommuneregeln litten viele KommunardInnen unter Depressionen, Streitereien häuften sich, die sexuelle Potenz brach angesichts der 'befreiten' Sexualität zusammen. Eine Kommunardin schilderte die Situation in den AA-Nachrichten:
     
    "Unsere Krankheit wird uns mehr und mehr bewußt. Eifersucht, Konkurrenz, Depressionen und Aggressionen machen uns zu schaffen. Wir reden fast nur mehr von unserer Krankheit. Einzel- und Gruppenselbstdarstellungen sind sehr wichtig. Es gibt starke Spannungen zwischen Männern und Frauen. Viele werden sogar impotent." [AAN75/6 S. 11]
    Angesichts der von Zweierbeziehung und Liebe 'befreiten' Sexualität war es nur verständlich, daß vielen neu einziehenden, ja selbst langjährigen Kommunarden oftmals das an der entsprechenden Stelle nötige Blut für den erfolgreichen Vollzug des Koitus fehlte. Bei den Frauen war das Versagen zwar nicht so offensichtlich feststellbar, das 'Augen zu'-Prinzip wurde aber auch von ihnen verzweifelt oft angewandt. Zwar bedurfte es jetzt nur noch der Frage: "Gem'ma budern?" (AA-Wienerisch) oder manchmal nur einer Handbewegung, um einen Geschlechtspartner fürs Bett zu gewinnen, im Bett selbst erwies sich der Anspruch, "mit allen gleich guten sexuellen Kontakt zu haben", jedoch häufig als Weichmacher der männlichen Potenz. Ein Frankfurter Kommunarde beschrieb 1975 seine Erfahrungen:
     
    "Dufte finde ich es natürlich, jede Nacht mit einer neuen Frau ins Bett zu steigen, ohne langes 'drum-herum-Gerede'. Das ging früher nie, sondern man mußte sich erst 'kennenlernen' durch ein Gespräch, durch lange Diskussionen bei einer Tasse Tee oder bei einem Spaziergang in der Natur. Die Folge der freien Sexualität war, daß ich total impotent wurde. Das erste Mal, als ich mit einer Frau aus der Frankfurter Gruppe ficken wollte, rührte sich bei mir nichts. Totaler Schweißausbruch, dann totale Gelassenheit. Noch maß ich meiner kleinen Schwäche keine besondere Bedeutung zu, doch die nächsten Nächte zeigten, daß es kein einmaliger Vorgang war. Nacht für


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 37


     
    Nacht war ich total lustlos, wollte nur schlafen und mußte mich zu jeder Berührung zwingen. Ich wurde mir langsam über meinen Frauenhass klar und langsam kam auch die Geilheit zurück. Es begann damit, daß ich mich in U. verliebte und unter dem Deckmantel der Liebe mal wieder so richtig abspritzte. Jedoch merkte ich bald: je mehr ich mich in U. verliebte, desto mehr schloß ich die anderen Frauen aus. U. ist genau mein Typ. Bei ihr brauche ich keine Angst zu haben, ich liebe ihren Körper usw. Naja, widerwillig wurde mir emotional klar, daß auch die Verliebtheit eine verschleierte Form des Frauenhasses ist." [AAN75/6, S. 8]
    Zwar war mit der Ächtung der Zweierbeziehung und der gemeinsamen Sexualität sowohl die Suche nach sexuellen Partnern unnötig geworden als auch die Beziehungsbrisanz entschärft. Gleichzeitig wurden mit diesem Schritt jedoch Verliebtsein, Leidenschaft, Schwärmerei etc. als irrational eingestuft, ja als Krankheitssymptome verdammt. Der Arzt und Psychiater Jerome Liss bemerkte nach einem Besuch am Friedrichshof:
     
    "Ich war am Friedrichshof überrascht, weniger offene, körperliche Zärtlichkeit zu finden als ich erwartet hatte. Man sieht, wie sich ab und zu zwei umarmen und 'ausgreifen', aber ich habe nie gesehen, daß diese Gewohnheit auch in der Gruppenöffentlichkeit aufrecht erhalten wurde." [PC77, S. 95]
    Schuld an der Impotenz vieler neuer Kommunarden gegenüber den Wiener KommunardInnen war teilweise auch das Bild der weiblichen Sexualität, welches Mühl propagierte und welches den KommunardInnen am Friedrichshof durch den häufigen Verkehr mit diesem bereits in Fleisch und Blut übergegangen war. 1975 beschrieb die damalige Erste Frau, was als "geil" betrachtet wurde:
     
    "Wir werden nicht der Frau zuliebe auf den kräftigen Männerschwanz für unser kräftiges, geiles, saftiges Loch verzichten, wir wollen ihn nicht haben, aber wir brauchen ihn. Das müssen wir uns merken! Er soll ihn uns hineinstecken, wir wollen den kräftigen Körper des Mannes spüren, und wir werden weit unsere Beine auseinander spreizen und ihn uns gierig hineinhauen lassen. Ja so wild sind wir. Ja, wir wollen ihn empfangen, ihn in uns hineinsaugen und ihn nach Herzenslust mit unserem konvulsisch zuckenden Schlauch kneten, bis wir von Sinnen kommen. Und er soll in unserer Umarmung, indem er fest seinen Körper an uns presst, spüren, daß er eins mit uns sein darf." [FF76/1, S. 12]
    Das Sexualverhalten der Friedrichshofer Frauen war nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis entsprechend offensiv bis aggressiv und wirkte auf manchen unbescholtenen Kleinfamilienmann wie ein sexueller Genickschuß. Man sieht, der Anspruch, "zu allen gleich guten sexuellen Kontakt" herzustellen und dauerhaft zu installieren, war für viele durch die damit einhergehende 'Befreiung' von Liebe und Zärtlichkeit ein neuartiger Zwang.

    Damit Sexualität wie die täglichen Mahlzeiten zur Verfügung stehen konnte, war es außerdem notwendig, daß sich niemand in der Kommune über längere Zeit hin der freien Sexualität entzog. Wer über mehrere Tage sexuell abstinent bleiben wollte, sich mehreren Geschlechtspartnern verweigerte, der wurde zum Gruppenproblem. Da "Geilheit" den Menschen kennzeichnete



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 38

    und diese nur durch die Kleinfamilienerziehung unterdrückt war, erschien jedes Gruppenmitglied, das längere Zeit keine Lust hatte, als krank. Der Soziologe Patrick Schneider meinte dazu:
     

    "Nicht die dadurch entstehende Gruppensituation wird zum Problem gemacht, sondern dem Außenseiter wird nahegelegt, sich dem heilenden Bad einer Selbstdarstellung zu unterziehen. Die daraus resultierende Erschöpfung löst auch meist den Wunsch aus, Anlehnung zu suchen, und integriert auf diese Weise den Abtrünnigen wieder in die sexuelle Gemeinschaft." [PC77, S 30]
    Der starke Leidensdruck, den fast alle KommunardInnen anfangs empfanden und der bei vielen zu existentiellen Krisen führte, wurde als notwendiger Schritt auf dem Weg zur Gesundung angesehen. Das Leid ("Krankheitseinsicht") war Teil des Reinigungsprozesses und in der Gegenwart zu bezahlender Preis für die zukünftige Erleuchtung der "sozialen und genitalen Identität". Gemäß dem alten Grundsatz: "Wo lange gelitten wird, muß das Glück nachher am größten sein." Da die AA-Prinzipien des Kommunelebens nicht kritisiert und höchstens durch Mühl selbst verändert werden konnten, die Vergangenheit dagegen allen Müll und Frust aufnehmen durfte, wurden auch die gegenwärtigen, erst durch den Kommunealltag und die räumliche Enge entstehenden Ängste und Frustrationen der KommunardInnen in die Kindheit umgeleitet. Trotz aller Bekenntnisse zur "gemeinsamen Lebenspraxis" und der sehr hohen Leidensbereitschaft wurden doch viele KommunardInnen immer wieder von nagenden Zweifeln und Ängsten heimgesucht. Die Selbstdarstellung und die freie Sexualität wurden als Pflicht erlebt, die absolviert wurde, um dem Gruppendruck zu entgehen. Aber die meisten wollten ihr heiliges Ideal - das Gruppenleben - verwirklichen. Alle emotionalen Schmerzen, die instinktive Ablehnung ideologischer Starre und die logischen Denkfehler wurden für dieses eine Ziel hingenommen Ein Kommunarde schrieb:
     
    "Das Schwierigste bei der Selbstdarstellung ist zu begreifen, daß ich sie brauche, und daß sie gut für mich ist. Die ganze Zeit über, ist mir klar. Selbstdarstellung ist ein gutes Mittel um gesund zu werden. Ich habe Angst, will meine alte Rolle weiterspielen und das kommt bei der Selbstdarstellung heraus. Ich habe Angst vor dem Selbstdarstellungsabend und Angst vor jeder Kommunikation. Wie die freie Sexualität, ist auch die Selbstdarstellung wie Hausaufgaben machen. In dem Gefühl, daß irgendjemand von mir verlangt, daß ich zeige, daß ich lernen will, trete ich widerwillig an, weil ich vermeiden will, daß ich Angstgefühle kriege, meine Pflicht nicht erfüllt zu haben. Bei der Weise wie wir zusammen leben, wirken sich alle Depressionen, Gefühle und Probleme des einzelnen sofort belastend auf die Gruppe aus. Wir machen Aktionsanalyse oder Selbstdarstellung und zwingen uns zu positivem Verhalten im Alltag, weil wir uns als Gruppe gut fühlen und diese Gruppe erhalten wollen. Wir haben ein Ziel und einen Grund für den wir uns ändern, die Gruppe, das befriedigende soziale Leben " [AAN7S/6, S 10]
    Die Alt-KommunardInnen am Friedrichshof sahen sich durch die neu entstandenen Kommunen bestätigt. Nicht nur, daß durch die Kommunelehrgänge


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 39

    etwas Geld in die chronisch schwache Gemeinschaftskasse floß, sie wurden dadurch in ihrer Überzeugung bestärkt, das Patentrezept einer neuen Kommunegesellschaft gefunden zu haben. Sie waren die Pioniere einer "WorId-Commune-Organization (WCO)" mit Otto Mühl an der Spitze und den KommunardInnen der ersten Stunde als FürstInnen der schönen neuen Welt. Voller Sendungsbewußtsein suchten sie nach neuen Möglichkeiten, den "KF-Menschen" ihre Kommuneideale nahezubringen Es wurde ein "Außenarbeitskomitee", auch "Bewußtseins- Verbreitungs-Arbeitsgruppe (BV-AG)" genannt, gebildet, der AA-Verlag gegründet, Vortragsreisen ("Tourneen") initiiert etc. In den AA-Nachrichten wurde gemeldet:
     

    "So waren wir im September auf der Frankfurter Buchmesse gewesen und haben als neues Element in unserer Außenarbeit mit Vorträgen und Selbstdarstellungen vor Publikum begonnen und unseren Film gezeigt. Zwei Vortragsreisen unternahmen wir im Herbst. Durch diese Reisen und die AA-Nachnchten wurde die AA Kommune international ein Begriff." [AAN75/6, S 26]
    Wer sich näher für die AA-Kommune interessierte, wurde zu Therapie-Wochenenden - sogenannten "SD-Marathons" - eingeladen. Die "Marathongäste" nahmen für zwei bis drei Tage am Leben der jeweiligen AA-Kommune teil. Offen erklärtes Ziel war es, die Gäste zur Buchung eines Kurses am Friedrichshof zu bewegen und neue Mitstreiter zu gewinnen.

    Sicher waren die exotischen Weltverbesserer mit ihren Latzhosen, der "AA-Glatze", ihren fanatisch vorgetragenen Kommuneidealen und den auf totale Geilheit geeichten Verhaltensmustern aufsehenerregend. Ein Teil der links-alternativen Jugend war von ihrem Auftreten begeistert oder beeindruckt. Der weit größere Teil war jedoch von dem dogmatischen Auftreten und der offensiven Werbung neuer KommunardInnen abgestossen. Viele, die durch die Abwanderung eines Freundes, einer Genossin etc. betroffen waren, schlossen sich zusammen. Mit Flugblättern, Streitschriften und Aktionen reagierten Mitglieder von Frauen- und Männergruppen, linken Splittergruppen aller Art, Psychogruppen, Kooperativen. Bei den Vorträgen flogen des öfteren Eier, Tomaten, Erdnußtüten etc. So wurde in den AA-Nachrichten berichtet:
     

    "Claudia begann über die Unterdrückung der Frau in der Kleinfamiliengesellschaft zu reden, plötzlich brachen einige Frauenrechtlerinnen ein und sangen mit hoher krächzender Stimmer über die homosexuellen Frauen, dann schmissen sie Stinkbomben, der üble Gestank von Buttersäure durchdrang den Hörsaal " [AAN75/6, S.16] Mancher ließ sich auch zur körperlichen Gegenwehr provozieren: "Bernd sprach den Zeitungsleser an, er redete ungeschickterweise von dessen Aggressionen ...  worauf der aufsprang, Bernd eine scharfe Watschen gab und ihn laut brüllend als Faschisten beschimpfte " [AAN76/2, S.17]
    Die Medien wurden erstmals 1975 auf die Burgenländer Kommune aufmerksam. Im Herbst meldete sich ein Fernsehteam des ORF (Regisseur Ernst Pissecker) und bat um Dreherlaubnis am Friedrichshof. Die KommunardInnen


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 40

    waren begeistert: "Was für eine Werbung!" So würden sie noch viel mehr Menschen erreichen, mehr Gäste, Kurseinnahmen, mehr Kommunen. Die "Bewußtseinsarbeit" würde die körperliche Arbeit in Tischlerei, Transport usw. ablösen, alle würden "Bewußtseinsverbreiter" werden ... Sie waren fest davon überzeugt, daß eine Berichterstattung in jedem Fall positiv ausfallen mußte. Der viel geschmähte Aktionist Mühl war stolz, der oft provozierten österreichischen Öffentlichkeit sein neues "Kunstwerk" präsentieren zu können. Vom ewigen 'Wichtel'-Provokateur zum Schöpfer einer zukunftsträchtigen Kommune. Endlich würde ihm die so oft versagte Anerkennung zuteil werden, die lang ersehnte gesellschaftliche Karriere konnte beginnen.

    Als der Film am 13. November 1975 gesendet wurde, war Mühl gerade auf "Tournee" durch Deutschland. Die KommunardInnen am Friedrichshof fanden den Film anfangs ganz gelungen, obwohl sie "als psychopathische Aussenseiter, die trotz freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum das Lachen verlernt haben" [AAN76/1, S.18] geschildert wurden. Das Erwachen kam erst, als die Presse und die Fernsehzuschauer mit Empörung reagierten: "Sauerei im Burgenland!" Die Folgen waren:
     

     
    "Ich habe ein Foto gesehen von der Polizei-Razzia damals. Es hat so verkommen ausgeschaut. Es hat wie bei Fixern ausgeschaut. Wir haben das gar nicht bemerkt, wir haben das schön gefunden. Es schaut wirklich wie bei Sozialfällen aus. Eine derartige Verwahrlosung." [G 9.4. 85])



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 41

    Mühl war durch die negative Reaktion der Öffentlichkeit gekränkt, lapidar stellte er fest, "daß diese Angriffe aus der Gesellschaft notwendigerweise einmal kommen mußten." [AAM76, S. 56] In einer eigens einberufenen Pressekonferenz wurde u.a. bemängelt, daß die Namensvergabe durch die Presse - nämlich 'Mühl-' oder 'Otto Mühl-Kommune' - falsch sei. Da Mühl in seiner weiteren Analyse zu dem Schluß kam, daß an all den Aufregungen mit Presse und Behörden vor allem der Begriff 'Kommune' Schuld sei, wurde in den AA-Nachrichten eine Namensänderung erörtert. Mühl:
     

    "Um den negativen Projektionen mit dem der Begriff der Kommune beladen ist zu entgehen und weil wir außerdem glauben, daß die Zeit für Kommunen endgültig vorbei ist, vermeiden wir diesen Namen. Wir heißen ab jetzt nicht mehr AA-Kommune, sondern die AA, wir sprechen im Gegensatz zur Kleinfamiliengesellschaft KFG von der AA-Gesellschaft bzw. AAO... Die AA-Kommune Friedrichshof wurde inzwischen zum europäischen AA-Zentrum." [AAN76/1, S. 2]
    Nach all diesen Aufregungen in November brannte zu allem Überfluß ein Monat danach im Erdgeschoß des Schüttkastens der Stall aus, Kinder von Gästen hatten gezündelt. 80 Ferkel und 2 Kühe verkohlten in den Flammen. Trotz dieses Schicksalsschlages und der kritischen Reaktion der breiten Öffentlichkeit ging die AA-Kommune - vielmehr jetzt AAO (Aktions-Analytische Organisation) - gestärkt in das nächste Jahr. Immerhin waren etwa 450 Gäste am Friedrichshof  gewesen, einige von ihnen waren am Friedrichshof eingezogen, und zwei neue Kommunen mit insgesamt knapp 100 KommunardInnen waren in Genf und Berlin entstanden. Ende 1975 "umfaßt die AAO über 150 Mitglieder zusammen mit den AA-Gruppen Wien, Berlin und Genf." [AAN76/1, S. 25]
     
     

    Ausbreitung der AAO (1976)
     
    "Im Jänner 1976 findet am Friedrichshof der erste Internationale Kommunekongreß (Wien, Berlin, Genf) statt. Wir begründen das Internationale Gemeinschaftseigentum zwischen allen AA-Gruppen." [AAM76, S. 7] Das "internationale Gemeinschaftseigentum" war ein Glücksfall für die Friedrichshofer Kommune, denn der totale Bankrott stand kurz bevor. Die Erlöse aus dem Verkauf des Privateigentums der KommunardInnen waren verbraucht, die Gelder von Eltern und Staat flossen spärlicher, die Einkünfte der wenigen in Wien arbeitenden KommunardInnen reichten nicht aus. Der Ausbau des Friedrichshofes verschluckte viel Geld, es gab niemanden, der die Finanzen der Gruppe im Griff hatte.

    Das "internationale Gemeinschaftseigentum" bedeutete, daß die Berliner und Genfer KommunardInnen ihr Vermögen und ihre überzähligen Einkünfte aus monatlicher Arbeit an die Friedrichshofer Kommune überweisen sollten. Dort sollte ein "gemeinsames Kurszentrum" entstehen, von



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 42

    dem schließlich jeder Kommunarde durch regelmäßige Aufenthalte profitieren wurde Besonders willig waren die Abgesandten der Kommunen nicht, und so benötigte es stundenlanger Überredungsarbeit durch Mühl. Am Ende hatte er es geschafft, zögernd stimmten die Vertreter der Berliner und der Genfer Kommune der Gründung des "internationalen Gemeinschaftseigentums" zu. Dieses wurde natürlich nicht von den neu hinzugestoßenen KommunardInnen, sondern von der unangefochten akzeptierten Zentrale organisiert. Und so floß neues Geld in die leeren Kassen der Friedrichshofer Kommune, Abrechnungen über die Verwendung der Gelder gab es bedingt durch kaufmännische Unfähigkeit nicht.

    1976 schlossen sich mehrfach ganze Kollektive beinahe vollzählig der AAO an: die 'Bremer Kooperative', das Redaktionskollektiv der 'Kieler Fresse', die 'Nürnberger Nachbarschaftshilfe', die 'Moos-Kommune', der 'Hamburger Schwarzmarkt'. Provozierend bezeichnete sich die AAO als die "zur Zeit größte Kollektivorganisation der Welt". Die Mitgliederzahl in den lose assoziierten Kommunen, deren Zusammenleben ähnlich wie in der Friedrichshofer Kommune organisiert war, wuchs auf knapp 500. Die meisten kamen aus Wohngemeinschaften, Kommunen und Koops, also aus der Linken- und Alternativszene. Ein Mitglied des Bremer Kollektivs schilderte seine Motive für die Übernahme der AA-Prinzipien:
     

    "Wir, die Bremer Kooperative, haben uns als Avantgarde der Spontibewegung verstanden, unser Ausgangspunkt war, die alternativen Vorstellungen von sozialistischen Modellen in die Gegenwart umzusetzen und damit eine lebende positive Negation der herrschenden Verhältnisse zu erreichen. Wir waren in ganz Deutschland als eines jener sozialistischen Handwerkskollektive bekannt, die versuchten, kollektive Lebenspraxis mit subjektiver Entwicklung zu verbinden. Wir hatten zwar den Anspruch, etwas gemeinsam zu machen, aber unsere Kommunikationsform unterschied sich kaum von der anderer Leute. Die Einzigen, die irgendwie noch die Gemüter erregten, waren die von der AAO. Es bildeten sich Fraktionen in der Koop: die einen sahen in der AAO ihr Ziel, sie sagten, daß es so nicht mehr weiterging, sie nicht länger ihre Sexualität verkümmern lassen wollten " [AAN77/1, S 12f ]
    Auch bei den anderen 1976 entstandenen Kommunen, die entsprechend den AA-Prinzipien mit freier Sexualität und Gemeinschaftseigentum etc. lebten, war die Situation ähnlich. Eine Mischung aus persönlicher Krise, Idealen und der Hoffnung auf eine stabile, dauerhafte Gemeinschaft führte sie in die AAO. Das wußte auch Mühl:
     
    "Viele kommen in einer Zweierbeziehungskrise, nach einer gescheiterten Ehe, oder es kommen solche, die sich mit ihren Kindern nicht mehr zurechtfinden." [AAN77/1, S 22] "Die Kooperativen kommen in die AAO, weil sie gespürt haben, daß sie ihre alternative Lebenspraxis nicht verwirklichen können, daß bei der Praktizierung Probleme auftauchen, die nirgends anders, als in der AAO gelöst worden sind. Bei der AAO sieht man schon jetzt, daß sie sehr lange bestehen wird. Also eine echte Alternative fürs ganze Leben und nicht nur für die Sturm- und Drangzeit." [AAN77/3, S 18]
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 43

    Selbst einen der 'großen' Theoretiker der damaligen undogmatischen Linken - Dieter Duhm - trieb es vorübergehend in die AAO. "Es war eine tiefe Krisensituation, die mich im Nov. 76 zur AA-Kommune Friedrichshof führte. In dieser Krise erlebte ich die AA fast wie eine Offenbarung."[PC77, S 16]

    Die Orientierungsphase, in der sich die meisten befanden, bevor sie sich für eine Kommune entsprechend der AA-Prinzipien entschieden, war für einen weit größeren Teil der jugendlichen Aufbruchsgeneration Mitte der 70er Jahre kennzeichnend. Der prozentuelle Anteil dieser suchenden Jugend, die sich für die AAO bzw. das Kommuneleben interessierten, war gering. Noch weitaus geringer war der Anteil der etwa vier- bis fünftausend Friedrichshof-Gäste oder Marathonteilnehmer in den Jahren 1975 bis 1977, die sich für das Kommuneleben entschieden.

    Um die Zufälligkeit einer solchen Entscheidung zu verdeutlichen, im folgenden die Schilderung meines eigenen Weges in die AAO (basierend auf meinen Tagebuchaufzeichnungen). Nur wenige Monate nach der offiziellen Gründung der AAO kam ich mit meinem Freundeskreis erstmals April 1976 in Kontakt mit der AA-Ideologie. Von heute aus beurteilt war der Einstieg damals für mich wie für viele andere meines Alters in den Jahren 1976/77 keine primäre Entscheidung für die AA-Kommune des Otto Mühl, vielmehr waren es unsere eigenen Träume, Ideale und Wünsche, die wir dort verwirklicht glaubten. Wir wollten die Wegbereiter einer neuen Gesellschaft sein, unseren zukünftigen eigenen Kindern ein besseres, schöneres Leben verschaffen. Wir waren von unseren Idealen begeistert, mit uns und der bestehenden Welt beinahe zwanghaft unzufrieden.
     

     
    Ich war damals 17 Jahre alt. Unsere Jugendclique, entstanden aus dem Konfirmandenunterricht - etwa 20 Jungen und Mädchen -, brach in diesen Jahren auseinander. Damit ging viel an Geborgenheit und Sicherheit verloren. Hinzu kamen Schwierigkeiten mit dem Einstieg in die Liebe und mit der alles dominierenden Sexualität. Es war eine Zeit persönlicher Krisen in einer Welt, die mit dem Ausbruch aus der Familie wenig neue Orientierung bot. Die Sinnlosigkeit des Daseins, die politische Resignation der 68er Generation, die Brüchigkeit und Unbeständigkeit der Wohngemeinschaftsszene, mißglückte Drogenerfahrungen, all dies hatte einen Teil unserer Clique mit der Therapie- und Psychoszene in näheren Kontakt gebracht. Je mehr ich von Arthur Janov ('Urschrei'), Wilhelm Reich, Freud, Dieter Duhm ('Angst im Kapitalismus') las, desto mehr 'wußte' ich, daß dieses diffuse, brennende Gefühl - zwischen einsam und rastlos - in mir 'aus der Kindheit kommen mußte'. Diese gemeinsame 'Erkenntnis' erzeugte erneut eine tiefe Verbundenheit in dem 'therapiebewegten' Teil unserer Clique. Unsere Therapie-Wochenenden, die wir - meist sechs bis acht Jugendliche - 'urschreiend' und heulend in den elterlichen Wohnungen veranstalteten, waren für Eltern wie Nachbarn gleichermaßen beunruhigend, skuril oder schockierend. Ein paar von uns, die bereits 18 Jahre alt waren, gründeten 1975 eine Wohngemeinschaft. Ich wollte ebenfalls, sobald ich 18 würde, mit ihnen zusammenziehen. Als wir Ostern 1976 von einem gemeinsam verbrachten Urlaub zurückkehrten, lernten zwei Mädchen unserer Clique im Englischen Garten den Ulli kennen. Was


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    dieser uns erzählte, schien all unsere jahrelang keimenden Jugendträume wahr werden zu lassen Da gab es in der Nähe von Wien - am Friedrichshof im Burgenland - tatsächlich eine Kommune mit über 50 Mitgliedern, die bereits 'seit 1970' existierte, mit 'Gemeinschaftseigentum' und 'freier Sexualität'. Und die Therapie ('Aktionsanalyse und Selbstdarstellung'), die von ihnen erfunden worden war, könnte uns innerhalb von ein bis zwei Jahren 'gesund' machen, wir würden 'neue Menschen' sein. (Daß derjenige, der uns so euphorisch vom Friedrichshof erzählte, dort selbst nach wenigen Wochen Aufenthalt in einem Anfall panischer Angst nachts geflohen war, war zwar merkwürdig, verschwand aber hinter unseren neu entflammten Hoffnungen nach einer dauerhaften Lebensgemeinschaft). Was mir zusätzlich imponierte war, daß mit dem Ulli der bisher in unserer Clique eher tabuisierte Bereich der Sexualität deutlich in den Vordergrund trat. Schon nach wenigen Wochen war er mit fast allen Mädchen im Bett gewesen.
    Im Mai 1976 wurde aus der vierköpfigen Wohngemeinschaft eine kleine Kommune mit zwölf Mitgliedern. Wir teilten die Vier-Zimmer-Wohnung funktional auf - Schlafraum, Eßraum, Arbeitszimmer, Aufenthaltsraum - und schnitten uns gegenseitig die langen Haare ab. Als wir im Sommer 1976 ein Haus auf dem Lande fanden, wuchs unsere Kommune - inzwischen Moos Kommune - rasch auf 30 Personen an. Ohne die AA-Kommune besucht zu haben, ahmten wir das, was wir vom Friedrichshof hörten und in den AA Nachrichten lasen, nach. Ich schrieb damals: 'Wir hatten vor allen Dingen Spaß daran zusammenzuwohnen, alles gemeinsam zu machen. Mit unserer Arbeitssituation sah es allerdings immer sehr schlecht aus, schon morgens fing es an, daß die Hälfte nicht aufstehen wollte, beim Frühstück alle um einen großen Tisch herumsaßen und vor sich hin muffelten. Manchmal überkam uns das Gefühl, daß wir uns mit völlig sinnlosen Dingen beschäftigten. Arbeiten wie Haus aufräumen, Wäsche waschen, kochen und abwaschen zogen sich oft über den ganzen Tag, weil mehr geschimpft und rumgesessen, als gearbeitet wurde' [AAN76/6, S 19]. Trotzdem fühlten wir uns mit unseren Knobelbechern, Stoppelhaaren, Latzhosen und den zwei verschiedenen Socken als Elite der linken Avantgarde.
    Mein erster Aufenthalt am 'AA Bewußtseinszentrum' Friedrichshof im Juli/August 1976 wurde zum persönlichen Desaster. Schon unsere Ankunft war beeindruckend schaurig. Wir kamen nachts in tiefer Dunkelheit nach einer fast halbstündigen Irrfahrt über staubige Schotterwege durch die einsame, baumarme Parndorfer Ebene an einem schlecht beleuchteten Ort an. In den AA-Nachrichten als Landsitz angepriesen, entpuppte sich das Ganze als zwei heruntergekommene alte Gebäude und viel Baustelle. Durch die Nacht klang dumpfes Trommeln und nicht näher bestimmbares Heulen und Schreien, das oberste Stockwerk des dreistöckigen Gebäudes ('Schüttkasten') war erleuchtet, schattenhafte Gestalten bewegten sich skurril hinter zwei größeren, leicht verdreckten Fenstern. Beim Betreten des Treppenhauses wurde die dumpfe Geräuschkulisse zur Wirklichkeit, Wortfetzen fielen die steilen Holzstufen herunter: '... bring dich um', tierisches, aber verkrampftes Schreien und würgendes Rucken wechselten mit dumpfem Trommeln und lautem Gejohle. Angst und Neugier verlangsamten den Anstieg, ohne ihn einmal ganz zu stoppen. Angelangt im obersten Stockwerk versperrte eine Holztür mit Plastikfenstern die Sicht. Beim Öffnen drang verbrauchte Luft - der intensive Geruch von Schweiß und Erbrochenem - tief in die verschreckten Nasengänge ein. Ein Haufen kurzgeschorener Männer und Frauen brüllte fanatisch Beifall zu den halbwahnsinnigen Verrenkungen einer bis auf die schlabberige Unterhose nackten jungen Frau in ihrer Mitte. Die Kleider des Publikums


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    Der tägliche Lebenskomfort war weniger als primitiv. Die etwa 40-50 AA-KommunardInnen hatten nicht einmal 100 Quadratmeter Wohnraum, eine Dusche, ein Klo ohne Tür - gegenüber der Küche. Die über 100 Kursgäste nächtigten in zwei großen Schlafsälen, Waschraum und Toiletten waren nicht vorhanden. Statt dessen war hastig eine Holzbaracke zurechtgezimmert worden. Dort war ein zwei Meter langer Waschtrog installiert. Ein bankähnliches Gebilde aus ungehobeltem Bauholz mit vier nebeneinander liegenden Löchern war der Ort, an dem die Lockerheit des Schließmuskels zu demonstrieren. Wem das Klopapier nicht reichte, dem wurde es von seinem Nachbarn gereicht, schließlich kannte der AA-Mensch keine Hemmungen. Ich schon, also zog es mich in die - zum Glück reichlich vorhandene - Natur.
    Otto Mühl und seine Bewußtseinselite waren stets unnahbar fern. Selbst wenn man ihnen nach dem Aufstehen ca. ab 12 Uhr - wir 'Gäste' wurden um 7 Uhr zum Arbeiten geweckt - begegnete, demonstrierten sie die 'Distanz des bewußten AA-Menschen zum unbewußten Kleinfamilientrottel'. Nur wer in den nachmittags stattfindenen Kursen oder in der allabendlichen Selbstdarstellung 'mit seiner Schädigung herauskam', 'Krankheitseinsicht zeigte' etc., der stieg in der allgemeinen Achtung. Für die meisten wuchsen die Ansprüche ins Unermeßliche, während sich ihre alltägliche Rolle auf die Bewunderung der 'Bewußtseinselite' und Beifall klatschen beschränkte. Ohne daß ich es damals gedanklich nachvollziehen konnte, empfand ich es als erheblichen Unterschied, mit vertrauten Freunden in einem großen Raum zu schlafen und zusammen zu leben oder mit Dutzenden unbekannter Kursgäste. Aufgrund der miserablen Lebensverhältnisse und der rüden Umgangsformen hatte ich nach einer Woche dermaßen Spannungen und Heimweh, daß ich heimlich vorzeitig nach Hause fuhr. Zwar verursachten die Erlebnisse am Friedrichshof in mir ein tiefsitzendes,


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 46

     
     

    Am Friedrichshof waren der einzelne und seine Bedürfnisse nicht viel wert. Die Kommune, die Gemeinschaft, die Gruppe hatte immer recht und das alleinige Sprachrohr dieser Einrichtung war Otto Mühl. Im Zweifelsfall wußte er, was 'gut' für die Kommune war und folglich 'gut' für den jeweiligen Kommunarden sein mußte. Wie konnte ein "geschädigter, kaputter Kleinfamilientrottel" wissen, was für seine Entwicklung 'gut' ist. Auf die Spitze getriebene therapeutische Unterwerfung, der totale Gehorsam von morgens bis abends, natürlich "alles nur als Spiel". Mühl: "Denn wer ablehnend und aggressiv zu Männern oder Frauen ist, wird, da er als einzelner für die Gruppe nicht so wichtig ist, sich selber ändern müssen." [AAN76/4, S 9] Vor allem in den "Selbstdarstellungskursen" wurde der rechte Gehorsam gegenüber den Friedrichshof-KommunardInnen geübt. Mühl: "Um eine maximale Darstellung zu erreichen, sollen die Selbstdarsteller den Anweisungen des SD-Leiters folgen. Wer dies nicht zu Wege bringt, für den sind Selbstdarstellungen ohne Erfolg und sinnlos." [AAN76/4, S 29] Jede Diskussion wurde "selbstdarstellerisch" zurückgewiesen, statt dessen gab es Darstellung der Parabel. Natürlich in der Luft. Dann würde die Fata Morgana vergangener Zeiten schon auftauchen. Mühl:
     

    "Selbstdarstellung ist als eine Oper aufzufassen, in der es keine Diskussionen gibt, Versuche auf verbale Art Probleme zu lösen, werden abgelehnt. Aggressionen können verbal ausgesprochen werden, aber auch diese sind als Selbstdarstellung zu bringen und nicht als direkte Angriffe gegen irgend jemanden. Aus diesem Grunde


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    werden Aggressionsdarstellungen körperlich und stimmlich dargestellt und in die Luft gerichtet. Der Gegner wird sich imaginativ einstellen und sich als Vater oder Mutter entlarven." [AAN76/4, S 28]
    Mit mehr oder weniger großem Geschick richtete der "Selbstdarstellungsleiter" den Druck der Gruppe durch seine Kommentare und Deutungen auf den Unglücksvogel in der Mitte. Ein Betroffener:
      Das einzige Mittel, einer solchen widerwärtigen Situation zu entgehen, war, sich den Anweisungen des Leiters zu unterwerfen. Wehe dem, der dies nicht tat, er war bis zur Rücknahme des Bannes durch den Leiter von den ideologisch infizierten Gästen und KommunardInnen geächtet. Er war ein "Nego", ein Außenseiter, dem alltäglichen Gruppendruck ausgesetzt. In die Ecke gedrängt, gerieten die meisten in verzweifelte Wut. Die Schwelle loszubrüllen sank, und sagte man noch ein paar Mal Mama oder Papa, wurde man für die tolle Darstellung ausgezeichnet [M]. (Folgte man nun dem Leiter, um Therapieerfolge zu erringen, oder war der Therapieerfolg, daß man lernte, dem Leiter zu gehorchen?)

    So waren die meisten einziehenden KommunardInnen zwischen verleugneten Bedürfnissen und dem Gehorsam gegenüber Mühl und den leitenden KommunardInnen hilflos eingezwängt. Sie fühlten sich allein gelassen, bekämpften sich verbissen, um in der Hierarchie aufzusteigen, und hatten Schwierigkeiten, das "sexuelle Paradies" zu genießen, "Fehlleistungen" bei der Arbeit häuften sich und vieles mehr. Mit einem Satz, das Leid vieler neuer Gruppenmitglieder war groß. Ein Teil verließ noch während der halbjährigen Probezeit die AAO. Irgendwann fiel dies auch Otto Mühl auf. Am Friedrichshof wurden "Wohngruppen" gebildet, um den dort eingezogenen Neu-KommunardInnen etwas mehr Sicherheit zu bieten. Mühl:
     

    "Für neu Einziehende ist es oft schwer, den Kontakt herzustellen, der zwischen AAs, die schon lange zusammenleben besteht. Die Anfangsprobleme sind Konkurrenz, mangelndes soziales Verhalten der einzelnen, Aufbau einer gemeinsamen Kommunikation." [AAN76/6, S 24/28] Auch im sexuellen Kontakt haben viele Schwierigkeiten, die die AAs durch langjährige und intensive Beziehungen in der freien Sexualität bereits überwunden haben." [AAN76/S, S 20f ]
    Wurde der Einzug triumphal durch die ganze Kommune gefeiert, so war der Auszug ein stilles, unauffälliges Verlassen oder eine heimliche, nächtliche Flucht. Die Gründe für den Auszug wurden nie ernsthaft untersucht. Anstatt selbstkritisch interne Veränderungen einzuleiten, wurde dem scheidenden


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 48

    Mitglied alle Schuld zugeschoben - "er hat es nicht geschafft" -, die Kommune selbst war perfekt. Mühl:
     

    "Wir sprachen über die Leute, denen es schlecht geht in der AAO, die nicht glücklich sind und wir legten ihnen nahe, nach einer Probezeit auszuziehen. Denn wir sind ein noch unbewiesenes Experiment, ein Schiff auf Entdeckungsfahrt und wir können nur die besten und ausdauerndsten Matrosen brauchen. Für manche Geschädigte ist es sicher besser in der Oberflächlichkeit der Kleinfamiliengesellschaft zu leben, sich abzulenken und die schwere Schädigung nicht gar zu hart zu spüren." [AAN76/5, S. 9]
    Diese Aufforderung zum Verlassen der Kommune bewirkte (beabsichtigt oder unbeabsichtigt?) das Gegenteil. Jeder Zweifelnde wollte natürlich ein "ausdauernder Matrose" sein und weiterhin zur Elite gehören. Dadurch, daß Mühl das Verlassen der Kommune immer als persönliches Scheitern erscheinen ließ, wurde der Ehrgeiz angestachelt und die Leidensbereitschaft vergrößert.

    Obwohl die Berichterstattung in den Medien 1975 alles andere als Werbung gewesen war, floß der Strom der Besucher gemächlich zunehmend weiter. Allerdings nahmen diese seit 1976 nicht mehr an "Kommunelehrgängen" teil, sondern an "Selbstdarstellungs- oder Bewußtseinskursen". Die Gäste beteiligten sich am Tagesablauf der (hierarchieniederen) KommunardInnen, der gegenüber 1974/75 wesentlich geregelter war: "Um 8 Uhr morgens beginnt die materielle Arbeit, daran beteiligt sich die gesamte Gruppe samt den Kursteilnehmern, um 14 Uhr ist Mittagessen, und danach beginnt für alle die Bewußtseinsarbeit, die bis 21 Uhr dauert." [AAM76, S. 7] Die "Bewußtseinsentwicklung" war rasant, jeder Tag brachte etwas Neues, wer sich nicht mitentwickelte, fiel durch den Rost der sozialen Anerkennung. In dieser Zeit setzte vehement der 'Entwicklungsstreß' ein, der das Kommuneleben von nun an beherrschte. Je größer Mühls Einfluß wurde, desto stärker steigerte sich diese Entwicklungsbesessenheit, denn es galt, etwas Unerreichbares zu erreichen - so zu werden wie Otto Mühl. Wer Erfolg in der Kommune haben - "in der Hierarchie aufsteigen" - wollte, mußte sich an Otto Mühl orientieren. Gefragt war kein billiges Plagiat, sondern eine gelungene Mischung aus Unterwerfung ("Schüler") und Persönlichkeit. Ob diese Mischung gelang, beurteilte letztendlich allein der Meister persönlich. Zwar bestimmte offiziell die Gruppe mehrmals monatlich durch Wahlen den Platz in der Hierarchie, doch was nützte eine demokratische Wahl, wenn einige hingeworfene Worte von Mühl das Wahlergebnis stürzen konnten und die Masse bei der Mißachtung ihrer eigenen Wahl auch noch begeistert Beifall johlte.

    Die Hierarchie machte aus den KommunardInnen - und alten FreundInnen - KonkurrentInnen, denn wer hinaufsteigen und somit in Mühls Nähe sein wollte, der mußte notwendigerweise andere hinter sich lassen. Den meisten gelang es nicht, in diese 'Höhen' zu gelangen. Sie verfolgten die "Bewußtseinsentwicklung" einiger KommunardInnen aus der Distanz und



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 49

    fühlten sich mehr und mehr benachteiligt. So entstanden im Winter und Frühjahr "... die Bewußtseinsgruppen der FF, PROPOT und MISTASCH, die regelmäßig Bewußtseinssitzungen zur Aufarbeitung ihrer Erziehungsschädigung veranstalten." [AAM76, S. 7]

    Was verbarg sich hinter diesen Kürzeln? Anfang 1976 organisierten sich die KommunardInnen ("FF=FrauenForderung") spontan, um die männliche Dominanz im Arbeitsalltag aufzubrechen. Es wurde ihnen bewußt, "daß die ganze AA bisher mehr oder weniger von Männern gemacht, geleitet und gelenkt wurde, die Frauen hatten bisher zur Entwicklung und Verbreitung der AA nicht wesentlich beigetragen." [FF74/1, S.4] Außerdem sollte die typische Frauenschädigung behandelt werden:
     

    "Unser Ziel ist es, die typische Frauenkrankheit treue Geliebte und dienende Gattin eines Mannes sein zu wollen, zu überwinden und Bewußtsein von der gesellschaftlichen Rolle der Frau und den Möglichkeiten für ihre Befreiung zu entwickeln und zu verbreiten." [FF76/1, S. l]
    Dieser Kampf der Kommunefrauen dominierte in immer stärkerem Maß die Selbstdarstellung und den Alltag, die Männer gerieten ins Hintertreffen und gründeten die "MM = MännerMinderwertigkeit". Im Sommer 1976 entstand als weitere "Bewußtseinsarbeitsgruppe" die PROPOT (PROletarische POTenz). Wieder wurde der kleinfamiliären Schädigung nachgespürt, diesmal der Arbeiterschädigung. Ein Kommunarde schrieb in den AA-Nachrichten:
     
    "Wir, das sind die Arbeiter in der AAO, spürten, daß es eine spezielle Arbeiterschädigung gibt, die uns allen gemeinsam ist. Diese Schädigung hat ihren Ursprung in der unterdrückten Rolle unserer Eltern als Arbeiter in der Kleinfamiliengesellschaft." [AAN76/3, S. 19]
    So wie die MM die Gegenbewegung zur FF gewesen war, entstand nun als Reaktion auf die PROPOT die MISTASCH (MIttelSTAndsSCHädigung). Eine Kommunardin: "Es wird über die Schädigung des Mittelstandes gesprochen. Die Bravheit, Angepaßtheit, die Unfähigkeit, Aggressionen darzustellen, die Emotionslosigkeit, das Warten, bis man aufgerufen wird." [AAN76/3, S. 16f.]

    All diesen Bewußtseinsarbeitsgruppen war gemeinsam, daß sie den Kommunarden bzw. die Komunardin und nicht die Kommune bessern wollten. Nicht die Verhältnisse in der Kommune waren es, die es zu ändern galt, nein, die Schädigung des einzelnen hatte wieder zugeschlagen. Immer noch zu viel KF-Mensch und zu wenig AA-Mensch. Das Ergebnis all dieser Aufstände war immer die Erkenntnis: "Du mußt dich halt mehr entwickeln. Mach mehr SD und Analyse etc." [G] Ein Teufelskreis, der entweder zum Verlassen der Kommune oder in die Analysebox bzw. Selbstdarstellungsmitte führte. Diese "Bewußtseinsgruppen" waren daher ein Versuch der im hierarchischen Wettkampf Benachteiligten, ihren Unmut gemeinsam zu äußern und



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 50

    aus der anonymen Masse herauszutreten. Am deutlichsten wurde dies bei der sogenannten "Arbeiterrevolution" im August 1976. Einer der Anführer beschrieb den Anfang dieses Aufstandes gegen die Hierarchie:
     

    "Als Otto bei der Jause vorbeikam und mich fragte, eher um einen Spaß zu machen, ob ich nicht Gewerkschaftsführer werden wollte, begann es in mir zu zünden. Jetzt ist die Stunde gekommen, dachte ich mir ... beim Mittagessen sah ich noch diese Wartenden und da begriff ich endlich, worum es ging: jeder von uns konnte dieser Unbekannte sein, diese Gestalt im Hintergrund, die keiner kennt. Die Weichen waren gestellt, alle Voraussetzungen waren gegeben, man brauchte nur noch zuzugreifen. Also griff ich zum Mikrophon und rief durch: hier spricht die Arbeitergewerkschaft! Alle Arbeiter treffen sich sofort im Neubau zur Arbeitervollversammlung. Doch mir kamen immer wieder Zweifel, werden sie kommen, werden sie wirklich den Augenblick erfassen? Und wirklich, plötzlich strömten die Arbeiter nur so herein, gleich war eine besondere Stimmung, es kribbelte in jedem. Am Anfang dachte ich mir, Besonnenheit, Besonnenheit, ja keine Aufruhr, wir wollen ja schön unsere Forderungen vorbringen usw. Aber sofort, wie ich dieser revolutionären Stimmung gewahr wurde, ließ ich mich von diesem emotionellen Sog mitreißen". [Blec82, S. 28]
    Das Ergebnis dieser revolutionären Stimmung war eindeutige Kritik an den 'Bewußtseinskommissarinnen' um Otto Mühl. Die Führungsclique traf sich täglich im "Entenhaus", einem kleinen Häuschen neben dem Schüttkasten. Angeblich wurden Artikel für die AA-Nachrichten geschrieben, tatsächlich wurde viel gequatscht und - was die wenigsten wußten - große Mengen Haschisch konsumiert. Außerdem waren viele KommunardInnen nicht damit einverstanden, daß die 'Bewußtseinselite' erst mittags aufstand, nie regelmäßig mitarbeitete und trotzdem arrogant alles bestimmen wollte. An Otto Mühl traute sich niemand mit seiner Kritik heran, dafür sollten andere "Köpfe rollen", vor allem aber der Entenhausener Sumpf trockengelegt werden. Auch dieser revolutionärste aller Aufstände endete dank Mühlschem Geschick in Selbstbezichtigungen [R]. Die Friedrichshofer Revolutionäre schrieben bekehrt an ihre Kollegen in Nürnberg:
     
    "Die echte Revolution kennt keine Gewalt. Sie bedeutet vielmehr langwierige Kleinarbeit an sich selber und an der Gestaltung der Realität. Unsere Revolution braucht keine Opfer, wir haben nur Sieger. Die Revolution muß geil sein und Spaß machen, sonst ist sie keine." [Blec82, S. 30]
    So wurde jede kollektive Unmutsäußerung gegen die durch die Hierarchie gerechtfertigten "Bewußtseinsklassen" mit dem Rückverweis auf die individuelle Schädigung und deren Bearbeitung beendet. Jede echte gemeinsame Aktion, die irgendetwas in der Kommune grundlegend geändert hätte, konnte nie aus einem dieser Zusammenschlüsse kommen. Der unausgesprochene Instanzenweg führte in dieser Hinsicht einzig und allein über Otto Mühl.

    Im Dezember 1976 fand der "Zweite internationale AA-Kongreß" statt. Die in diesem Jahr neu entstandenen Kommunen schlossen sich, ohne zu


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 51

    wissen, worauf sie sich einließen, dem "internationalen Gemeinschaftseigentum" an. Die AA-Nachrichten meldeten: "Das bedeutet eine internationale Zusammenarbeit in allen Bereichen, in der Ökonomie, wie in der Bewußtseinsarbeit." [AAN77/1, S. 24] Verwaltet wurde das Gemeinschaftseigentum von den "internationalen Organisatoren" ("IOB = Internationales Organisations-Büro"). Diese waren "die AAs mit dem höchsten sozialen und schöpferischen Bewußtsein." [AAN77/2, S.35] Die Wahl derselben durch die Delegierten der Stadtkommunen glich einer ZK-Abstimmung. Die Friedrichshofer Kandidaten stellten sich vor. Da es keine Gegenkandidaten gab, wurde die Wahl einstimmig angenommen. Die Delegierten der Kommunen willigten fröhlich in Mühls Vorschlag ein, daß alle Kommunen in Zukunft von erfahrenen FriedrichshoferInnen geleitet werden sollten. Die Statthalter Mühls - die "GruppenleiterInnen" - schwärmten ab jetzt aus. Die 1976 entstandenen Kommunen hatten, ohne es recht wahrzunehmen, ihre wirtschaftliche und soziale Autonomie geopfert.
     
     

    Zentralismus und Massenbewegung (1977)
     
    1977 existierten Kommunen mit je 15-40 KommunardInnen in Berlin, Heidelberg, München, Kiel, Hamburg, Bremen, Nürnberg, Düsseldorf, Zürich, Genf, Paris, Lyon, Montpellier, Nancy, Toulouse, Oslo, Stockholm und Amsterdam. Entsprechend der neuen zentralistischen AA-Ideologie, daß die einzelnen Kommunen nicht so bedeutend seien, sondern nur die gesamte "Bewegung" (AAO) zähle, begann sich ein beziehungsfeindliches Personalkarussell zu drehen. In den AA-Nachrichten stand:
     

    "Viele Leute ziehen jetzt überhaupt in andere AA-Gruppen und die einzelnen Altgruppen werden aufgelöst, auch die Nationalitäten werden vermischt... Das hat den Vorteil, daß sich die lokalen und nationalen Gruppenabgrenzungen in der AAO auflösen, denn in der AAO gibt es weder Einzelgruppen noch nationale Grenzen." [AAN77/2, S. 22]
    In der allgemein einsetzenden (AA-)ideologischen Hysterie wurden die bestehenden Gruppen zerbrochen, alte Beziehungen und Freundschaften auseinandergerissen und KommunardInnen auch gegen ihren Willen "verschickt". Wer meuterte, wurde strafversetzt nach Oslo - 'Norge sibirsk' - oder verließ die AAO. Was dies für den einzelnen bedeuten konnte, sei erneut an meinem Beispiel verdeutlicht (basierend auf meinen Tagebuchaufzeichnungen).
     
    Von morgens bis abends wurde gearbeitet, dann Selbstdarstellung, dann kollektive Matratzenakrobatik. Jede kulturelle und künstlerische Tätigkeit war verpönt. Kein Kino, Theater, Cafe, Konzert etc. Kein Lesen, kein Studium, keine Musik, höchstens die Niederschrift der eigenen Schädigung und begeisterter Ovationen auf AAO, Selbstdarstellung, Gemeinschaftseigentum, Freie Sexualität usw. war gestattet. Alle
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 52


     
    Bücher, Platten und 'kleinfamiliärer Kitsch' mußten verkauft werden. Woran mein Herz besonders hing, hinterließ ich meinen Eltern oder meinen Brüdern Die alten Freunde und Beziehungen durfte man höchstens zu 'Gästeabenden' in die Kommune einladen, dort sollten diese zum Einzug bekehrt werden. In viel zu kleinen Häusern lebten zusammengepfercht zwischen 15 und 60 KommunardInnen. So standen bei spielsweise in München etwa 160 Quadratmeter Wohnfläche in einem Hinterhofhaus für 40-60 KommunardInnen zur Verfügung. Die Sonne fand selten den Weg durch die Fenster. In einem großen Raum wurde gegessen, im zweiten Raum traf man sich zur abendlichen Selbstdarstellung, im dritten Raum wurde geschlafen. Außerdem eine kleine Küche, ein weiteres winziges Zimmer und eine miserable Dusche. Ein Leben wie in der Massentierhaltung, Privatsphäre existierte nicht mehr. Stand ich abends vor dem eisernen Tor, welches die Einfahrt zu unserem Hinterhof versperrte, so hatte ich oft das Gefühl, daß ich in eine schreckliche Kaserne oder ins Gefängnis zurückkehrte. Manchmal wäre ich am liebsten weggelaufen. Aber das ging ja nicht, meine besten Freunde waren mit mir in die AAO gegangen, mein Bruder, meine Freundin. Die einen waren jetzt am Friedrichshof, andere in Hamburg oder in Nürnberg. Nur durchhalten, bald würde alles besser werden. Ich glaubte fest daran, daß nach der Hölle der 'AA-Bewußtseinsentwicklung' eine Art neuen Lebens beginnen würde. Einige ältere Kommunemitglieder mit mehr Lebenserfahrung verließen nach wenigen Monaten gemeinsam die Münchner AAO, meine heimliche Geliebte ging wenige Wochen später. Manchmal litt ich so, daß ich ans aufgeben, ja an Selbstmord dachte. Über ein Jahr war es im wesentlichen die Hoffnung, die mich zurückhielt und mich davon abhielt, in totaler Verzweiflung zu versinken. Während alle in den gemeinsamen Betrieben arbeiteten, war ich der einzige, der 'außerhalb' arbeitete. Ich machte Abitur, war einsam und fühlte mich ausgeschlossen.
    Als stählernes Disziplimerungsinstrument stand die allgegenwärtige 'Hierarchie' über uns, die totale Durchnummerierung vom ersten bis zum letzten. Je weiter unten man eingestuft wurde, desto schrecklicher war es. Auf den Letzten durfte jeder herumtrampeln. Schlimm waren die Selbstzweifel und der Verlust an Selbstvertrauen. Die Anerkennung der anderen und die Bestätigung des Gruppenleiters wurden gerade für die, welche den Boden verloren, zum sehnsüchtigsten Ziel. Man/frau versuchte alles, um m der Hierarchie wieder hinaufzuklettern. Man trat entschieden gegen 'alten Beziehungsschleim' an, kritisierte noch erbarmungsloser, sprang abends panisch-hektisch in die Mitte der Kommune, um eine 'emotionelle Selbstdarstellung abzureißen' und 'puderte' mehrmals täglich, denn 'über die Geilheit entwickelte man sich'. Wir waren alle sehr mit uns und unserem - teilweise erst durch das (AA-)ideologische Zusammenleben erzeugten - psychischen Elend beschäftigt. Ich führte alles auf mein Versagen zurück und versuchte, mir krampfhaft 'Krankheitseinsicht' einzubläuen, denn das war der Weg, gesund zu werden. Alles Elend kam aus der Kindheit. Die Probleme mußten durch den Abstieg in die Vergangenheit bewältigt werden. Dadurch wurde sich der gordische Knoten der Gegenwart von selbst lösen. Es war ein Teufelskreis. Die Gegenwart mit ihren Problemen war nur noch durch den Rückschritt in die Vergangenheit lösbar.
    Trotz leidvollem Alltag blieben die meisten von uns. Wir waren fest entschlossen, die Schrecken der Kindheit wieder zu erleben und dadurch zu verarbeiten. Wir wollten psychisch gesunde, nicht neurotische Menschen werden, geläutert: der ganz andere, der neue Mensch war unser Entwicklungsziel. Menschen mit Gefühlen inmitten einer unpersönlichen, karrierefixierten, kühl-technisierten Krawatten- und Anzugswelt
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 53


     
    Wir waren Fanatiker, fanatisch gegen uns selbst. Wir glaubten, unsere Krankheit, unsere Schädigung zu bekämpfen, statt dessen lebten wir gegen unsere Bedürfnisse. Wir glaubten, die kommende Elite der Menschheit zu sein. Unser seelischer Urwald erschien uns als das größte Abenteuer, das uns das Leben bieten konnte. Und dies alles unter Anleitung erfahrener KommunardInnen, durch jahrelange Kommunepraxis geschult. Übertherapeuten und ideale Eltern für eine zweite Erziehung zum 'gesunden, neuen Menschen'. Allerdings: Nur die vollkommene Unterwerfung und kritikloser Gehorsam konnten die Gesundung garantieren. 'Sie haben immer Recht, denn ich bin ja nur ein 'schwer geschädigtes Bubi' und mit der Aufarbeitung meiner eigenen Kindheit beschäftigt'. Der ganze Tag wurde zur Therapie. Kritik an den AA-Menschen war unmöglich, dazu mußte ich erstmal sämtliche Stufen durchlaufen, die sie bereits hinter sich hatten. Und ganz oben, nur verklärt, verschwommen wahrnehmbar, die Verkörperung des 'neuen geilen, kreativen, lockeren' Menschen - Otto Mühl. Bestaunt, bewundert, vielleicht sogar von einigen geliebt, aber auf jeden Fall von allen gefürchtet.
    Die Herrscherrolle Mühls wurde Anfang des Jahres 1977 in die bislang nur lose Iiierten Kommunen in Gestalt der "Gruppenleiter" injiziert, um die Gruppen enger an die Friedrichshofer Zentrale anzubinden. Sie wurden in den AA-Nachrichten beschrieben als eine "Art Lehrer, die in den Gruppen die Selbstdarstellungsabende leiten, Leute ausbilden für die Einzelselbstdarstellung. Sie kennen sich auch in der Wirtschafts- und Arbeitsorganisation aus." [AAN77/1, S 24] Tatsächlich übernahmen die "Bewußtseinsverbreiter" in allmächtiger Funktion die "Leitung der Kommunikation und der Ökonomie". Per Definition wußten sie alles und konnten sie alles, denn sie waren diejenigen Menschen mit "dem höchsten sozialen und schöpferischen Bewußtsein". Es gab wenige, die nicht unter ihnen litten, viele waren zutiefst verunsichert. Selbst etliche GruppenleiterInnen waren durch die neue Rolle als allseits kompetenter und allmächtiger Führer hoffnungslos überfordert. Sensiblere Leiterinnen zerbrachen allem schon an diesem Anspruch. Ein ehemaliger Kommunarde: "Nur die selbstherrlichen, unter Minderwertigkeitsgefühlen leidenden Naturen oder die bis an die Grenzen dummen Trampel konnten diesen Absolutheitsanspruch über längere Zeit durchhalten." [M] Das Eingeständnis von Schwäche war nicht möglich, so regierten viele mit übertriebener Härte oder erkrankten ernsthaft.

    Der Anlaß, diese kleinen, totalitären Herrscher in den Kommunen zu installieren, war das "Versagen" des - nicht vom Friedrichshof stammenden - Leiters der Berliner Kommune gewesen. Mühl folgerte, daß
     

    "bis jetzt keine Gruppe, die neu gegründet wulde, fähig war, sich selbst zu organisieren und ihre Bewußtseinsentwicklung einzuleiten. Eine Gruppe kann sich nur entwickeln, wenn ihre Mitglieder über ihre Schädigung Bescheid wissen. Das Niveau einer Gruppe wird immer bestimmt durch den, der die Gruppe leitet " [AAN77/1, S 22f ]
     
    Mühl war der Meinung, daß es ungefähr 30 KommunardInnen gab, "die sich vollkommen von ihren Spannungen befreit haben, die sich ihrer in der Kindheit erlittenen Schädigung voll bewußt sind und die jetzt im Einklang


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 54

    mit sich selbst und ihrer Umgebung leben." [ANX77, S 57] Den KommunardInnen aus Mühls Kaderschule Friedrichshof phosphoreszierte ihre gemeinsame Zukunft vor glücklichen Augen. Sie würden alle "Bewußtseinsverbreiter" werden, "Gruppenleiter", "Zentrumsleiter", "Regierungschefs", die "Herrscher der Welt". Diese hohen Ämter standen ihnen auch zu, denn schließlich lebten in der Führungsgruppe am Friedrichshof "die Menschen mit dem höchsten Bewußtsein der Welt." [AAN77/5, S 44] Sie sahen die AAO auf dem Weg,
     

    "eine Weltbewegung zu werden, für jeden von uns ist es zu einer sehr befriedigenden Lebensaufgabe geworden, als Verbreiter von AA-Bewußtsein zu wirken, vielen zu ermöglichen, ohne Angst, Eifersucht und Aggressionen ein Leben der schöpferischen Selbstverwirklichung zu führen ' [AAN77/1 S 22]
    Die ersten acht bis zehn Bewußtseins-Frankensteine, entstanden in der Fried(richs)hof-Retorte, bildeten die sogenannte "12er BAG oder IF 12". (Die Stufung in 12er, 11er, 10er usw. BAG = BewußtseinsArbeitsGruppe war den Stufen der Parabel nachempfunden. Die Stufe 12 entsprach z.B. der "sozialen Identität".) Nach den Selbstdarstellungsabenden und auch tags zog sich Mühl häufig in das bereits erwähnte "Entenhaus" zurück, nur die Mitglieder dieses Zirkels hatten Zutritt. Je wichtiger die Hierarchie und je größer die AAO wurde, desto mehr KommunardInnen suchten die Nähe ihres Meisters, während ein anderer Teil nach dem Selbstdarstellungsabend irgendwo "versumpfte". Um einerseits von Mühl die Massen fernzuhalten und andererseits die abends vereinzelten KommunardInnen zusammenzufassen, wurden 1977 am Friedrichshof Untergruppen - die "BewußtseinsArbeitsGruppen (BAG)" - geschaffen. Jeweils sechs bis acht Personen, die in der Hierarchie aufeinanderfolgten, sollten sich regelmäßig treffen. Auch die Stadtkommunen übernahmen dieses Gliederungsprinzip.

    Der Kampf um den Hierarchieplatz und damit um die soziale Anerkennung konnte zum eigenen Vorteil gefördert werden, indem man selbst bei anderen "Fehlleistungen" und Zweierbeziehungen aufdeckte, ideologisch untragbares Verhalten anprangerte und eigene Verdienste übertrieb. In der Ideologie kamen diese Verhaltensformen natürlich nicht vor, vielmehr war in den AA-Nachrichten zu lesen: "Diese Hierarchie ist nicht starr sondern flüssig. Sie ändert sich ständig, indem sich jeder selbst verändert. Wo man in dieser Struktur steht, entscheidet die Gruppe und letztlich man selber." [AAN77/5, S. 44] Dies war nur ein Teil der Wahrheit. Je weiter der Kommunarde vom Machtzentrum - Otto Mühl bzw in den Stadtkommunen die GruppenleiterInnen - entfernt war, desto eher war eine gewisse Flüssigkeit der Hierarchie vorhanden, doch Mühl war immer das Gleitmittel. Er setzte die Kriterien der Hierarchie, war die höchste Inkarnation derselben und ihr Richter. Allzusehr wurde übersehen, daß die wichtigste Instanz für den Hierarchieplatz die Vorliebe Mühls bzw des Gruppenleiters war. Wer



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 55

    ihm/ihr sympathisch war, wer als Bettpartner bevorzugt wurde, der/die hatte es leicht.

    Daß jeder jederzeit seiner Verantwortung enthoben und bei der kollektiven Versammlung der Gruppe kritisiert und abgewählt werden konnte, war mehr Anspruch als Wirklichkeit. Mühl: "Jeder der sich für fähiger hält, kann in die Mitte der Versammlung treten und sagen, daß er sich für besser hält, er hält für sich eine Wahlrede und die Gruppe entscheidet nachher durch Abstimmung." [AAM76, S 8] Damit dieses System "direkter Demokratie" auch funktionieren könne, so schränkte Otto Mühl ein, "ist ein gewisses Bewußtsein aller Gruppenmitglieder erforderlich, das sie fähig macht, ohne Autoritätsangst aufzutreten, zu kritisieren und ihre Anspruche anzumelden." [AAM76, S 8] Da Unterschiede des "gewissen Bewußtseins" bestanden, entstand in der AAO eine Klassengesellschaft in Form von "Bewußtseinsklassen", die sich schleichend in allen Lebensbereichen verwirklichte. Mühl selbst äußerte sich zu diesem Thema:
     

    "Es gibt in der AAO Bewußtseinsklassen. Die unterste Bewußtseinsklasse verrichtet die materielle Arbeit, hierauf folgt die Bewußtseinsklasse der Organisatoren der materiellen Arbeit, es sind die Verwaltungsbeamten der AAO. Die folgende, nächst höhere Klasse sind die Organisatoren der Bewußtseinsarbeit und Bewußtseinsverbreitung, die höchste Klasse sind die internationalen Organisatoren der AA-Lebenspraxis." [AAN77/2, S 13]
    Je höher die "Bewußtseinsklasse", desto größer waren die Privilegien. Aufgrund der materiellen Armut bestanden diese weitgehend in sozialer Anerkennung, Haschischverbrauch und Macht. Mühl wußte um die Makulatur der "sozialen Gleichwertigkeit"; ironisch meinte er:
     
    "Wer in der AAO es z.B. zum Selbstdarstellungsleiter oder zum Gruppenleiter gebracht hat, wer im Organisationsbüro eine gehobene organisatorische Tätigkeit ausübt, wird automatisch ein ganz anderes Leben führen, als einer, der nur für Hilfsarbeiterposten taugt. Und da fragt man sich, wo bleibt die voll in den Mund genommene soziale Gleichwertigkeit. In der AAO hat sich genauso, wie überall ganz eindeutig eine Art Führungsadel herausgebildet." [AAN77/7, S 20]
    Die Hierarchie bzw. "offene Konkurrenz" wurde als große AA-Errungenschaft herausgestellt, offen glänzten jedoch vor allem Mühls Führerphantasien. Hatte dieser in den Anfangsjahren der Kommune seine Aufgaben noch relativ bescheiden geschildert - "Ich habe mit der Kommune begonnen, habe die Selbstdarstellung entwickelt, ich bin der Leiter der Kommunikation und der Selbstdarstellungen, außerdem arbeite ich an der AA-Zeitung mit, ich leite den Kommunelehrgang, das ist mein Aufgabenbereich" [AAN75/6, S 20] -, so ließ er in den lahren 1976 und 1977 seine Machtanspruche ungehindert hervorbrechen. Mühl witterte nervös bei allen Gästen nach "aufsässigen" Naturen mit "Autoritätsproblemen". Er war der Chef und forderte absolute Unterordnung. Ein Beispiel:


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 56


     
    "Später kam der aggressive Selbstdarsteller zu Otto und wollte ihm eine Schale Tee anbieten. 'Hau ab, du schleimiges Baby', sagte Otto. Er wollte sich entschuldigen und diskutieren. Otto hielt ihm den Mund zu. Jetzt wollen wir eine Probe machen, sagte Otto. Ich werde dir jetzt zweimal leicht ins Gesicht schlagen, aber du darfst nicht zurückschlagen. Der Mann bat nun Otto, ihn zu schlagen. 'Und du wirst alles befolgen,was ich dir sage?' Ja, antwortete er. 'Dann knie vor mir nieder und bitte mich um Verzeihung.' Er kniete nieder und bat um Verzeihung. Hierzu schlug ihm Otto zwei Mal leicht ins Gesicht. Damit war das Autoritätsproblem vorläufig gelöst." [AAN76/4,S 23]
    Mühl hatte ein exotisches Verlangen nach "Spielen" wie dem folgenden. Er "spielte" beleidigt,
     
    "als einer mit einer Handvoll Äpfeln hereinkam und sie unter ein paar Leute verteilte, er hatte Otto nichts angeboten. Otto zögerte erst, dann leitete er ein Spiel ein, in dem er die Autorität spielte. Er tat beleidigt, wie eine Autorität und forderte barsch einen Apfel und als ihm einer eilfertig einen Apfel brachte, sagte er vor den erstaunten Teilnehmern, er wolle gar keinen. Und obwohl Otto sagte, daß es nur ein Spiel sei, waren viele nicht in der Lage, Spiel und Wirklichkeit zu unterscheiden.
    Otto ließ alle wie ein Turnlehrer in einer Riege aufstellen, nach ihren Antworten, die auf das Bewußtsein deuteten, das dahinter lag. Als erste die, die dem Spiel nicht folgen konnten und Autoritätsängste geäußert hatten und aus diesem Grund jede Autorität abwehren mußten, dahinter stand jene Gruppe von Leuten, die ihre Autoritätsangst durch Schleimerei verdecken wollten und zuletzt standen jene, die sich am Spiel beteiligen konnten, sich ihrer Schädigung dabei bewußt wurden, und wie Kinder locker und infantil mitmachten." [AAN76/'), S 6]
    Wer auf ihn oder seine Autontatsspielelite "locker und infantil" reagierte, der wurde protegiert. Kleinkindhafter, debiler Gehorsam war höchstes Ideal und oberster Maßstab des Bewußtseins. Aufbegehren und eigene Meinung war Ausdruck der ketzerischen, "kleinfamiliären Panzerung". Entweder man ließ sich brechen bzw. leiten, oder man hatte den erklärten Machtbereich des "Menschenbehandlers" zu verlassen.

    Vor allem die KommunardInnen übertrafen sich gegenseitig in den AA-Nachrichten mit Lobpreisungen ihres verehrten Führers. Die damalige Erste Frau T. S. schrieb:
     

    "Ich nutze sein Bewußtsein für meine Entwicklung aus und suche seine Nähe. Ich rede ihn oft mit neuen Themen und Dingen an und bringe ihm mit meinen wißbegierigen Fragen richtig in Fahrt, bis er regelrecht Funken sprüht. Viele sind mir diesen guten Kontakt zu Otto neidig, ich kann ihnen nur sagen, sie sollen es doch auch so machen wie ich. Man kann mit allem zu Otto kommen, allerdings, wenn man schleimig und verlogen gekrochen kommt, sich bei ihm wichtig machen möchte und in Wirklichkeit Aggressionen hat, dann geht er gar nicht auf einen ein. Das ist das wohltuende in der Kommunikation mit ihm, er läßt nichts verlogenes gelten, er deckt einen auf, und macht einem offen und direkt die Krankheit bewußt. Otto hat vor niemandem Respekt, behandelt jeden, wie es ihm gerade paßt. Gäste behandelt er als einfältige, bewußtlose Schüler, so daß sie bei dieser Behandlung zu infantilen und positiven Kindern regredieren." [AAM76, S 2S4]
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 57

    Bei all der Bewunderung und ungebremsten Machtfülle war es kein Wunder, daß Mühl sich 1976/77 immer autoritärer gebärdete. Er veröffentlichte eine Anleitung "Wie man Kursteilnehmer behandelt" in den AA-Nachrichten:
     

    "Ich sag ihm, daß ich als Häuptling der AA es nicht nötig habe, mich mit ihm auf Diskussionen einzulassen, weil es für ihn fruchtbringender wäre, mir zuzuhören. Manche glauben mich jovial anfassen, oder mir auf die Schulter klopfen zu können. Ich sage ihm, daß ich dies unmöglich finde, und es ihm verbiete, sonst könnte es passieren, daß ich ihn links liegen lasse, zu seinem Schaden. Ich will nichts von dir, du interessierst mich nicht, ich kann von dir nichts lernen. Du bist ja schließlich weit gereist und zu mir gekommen. Die Distanz zwischen uns ist so groß, wie sie zwischen Bewußtsein und Nicht-Bewußtsein herrscht, und ich empfinde es als Hochstapelei, diesen Abgrund zwischen uns beiden durch körperliche Berührung überwinden zu wollen. Ich sage ihm, er soll lieber still sein, mir geht sein programmiertes Geplapper auf die Nerven und er solle lieber darüber nachdenken, wie er sich die Distanz zwischen ihm und mir erklärt.
    Ich verstehe mich als Medizinmann der AA, sag Schamane, Guru, Meister, Diktator, König, Kaiser, oder einfach Otto, mir ist es egal. Außerdem diskutiere ich nicht, ich höre mir nur das an, was mich beeindruckt. Langweile ich mich, so gehe ich zur Selbstdarstellung über, oder ich gehe einfach weg. Versuche auch so ehrlich zu sein. Als ich einem, der mit mir redete plötzlich den Mund zuhielt und seinen Mund ein wenig mit meinen Händen bewegte, hielt der meine Hände fest. Versuche lieber dich mir als Hund zu nähern, verwöhne mich manchmal, indem du mir eine Schale Tee bringst, du sollst meine Wünsche aus meinem Gesicht ablesen, mir alles nachmachen, auf diese Art, werde ich deine Nähe besser ertragen und du kannst eine Menge von mir lernen. Versuch nicht deine eigenen Gedanken zu realisieren, denn du hast keine. Lerne folgen. Verzichte auf deine Persönlichkeit und auf deine Individualität, du hast nämlich keine. Sei leichtgläubig, mach alles was man dir sagt." [AAN76/4, S 27f ]
    Und wer schon ganz leise in der Ferne das Knarren von Leder, das dumpfe Pochen marschierender Stiefel und hingebellte Kommandos zu hören beginnt, dem sei versichert, daß all dies nur Selbstdarstellung und "Rollen-Spiel" war. Immer wieder mal wurde die Einführung von Abzeichen, Uniformen etc. von Otto Mühl diskutiert, um die hierarchische Ordnung auch optisch zu kennzeichnen und hierarchiegerechtes Verhalten bereits von weitem zu ermöglichen. Einige linke Intellektuelle - z.B. Dieter Duhm - äußerten ungehört und unverstanden in AA-Publikationen ihre Kritik an Hierarchie und Führertum:
     
    "Allzu fröhlich wird den Leitern auch dort applaudiert, wo ihre Handlungen bedenklich sind, bedenklich etwa im Sinne einer unbewußten Ausnutzung und Zementierung ihrer Position. Das allgemeine Vertrauen in die menschlichen Qualltaten der Leiter schafft eine Atmosphäre der emotionalen Gläubigkeit, die manchmal unbedingt durch Distanz und Kritik gelüftet werden mußte. Es fehlt im Erziehungsprogramm der Kommune noch weitgehend die selbstkritische Reflexion und die intellektuelle Seite der Bewußtseinsarbeit. Ich meine das eigene Nachdenken. Ein Merkmal echten Nachdenkens ist immer noch der Zweifel. " [PC77, S i8f ]


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 58

    Der holländische Gast A. R. schrieb 1977 einen langen Brief an Otto Mühl, veröffentlicht in den AA-Nachrichten:
     

      Otto Mühls Antwort fiel bedenkenswert knapp aus: "Du bist ein mieser Dummkopf. Alles, was du redest, ist Blödsinn, du kannst überhaupt nicht denken, deine Überlegungen sind deshalb falsch." [AAN77/2, S 6]

    Im Frühjahr 1977 begann sich erneut die Presse für die Bewußtseinsfanatiker zu interessieren Voll Stolz wurde in den AA-Nachrichten gemeldet: "Zu den Osterferien hält sich Fritz Rumler vom Spiegel für einige Tage im Friedrichshof auf, um einen Bericht über die AAO zu schreiben." [AAN77/2, S. 25] In Berlin wurde im April ein "Presse-Marathon mit Reportern von Stern, Spiegel und anderen Zeitungen, sowie Rundfunk und vielleicht Fernsehen" [AAN77/2, S. 26] veranstaltet. Mühl und seine internationalen Organisatoren bzw. GruppenleiterInnen waren sich sicher, nach diesem erfolgreichen Jahr konnte eine Berichterstattung nur positiv ausfallen Doch wieder wurde Mühl von den "hinterhältigen, verlogenen Journalisten übers Ohr gehauen". Der Spiegel schrieb (Auszüge aus dem Artikel "Kinder des Väterchen Frust"):
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 59


      Mühl hatte durch seine ideologischen Angriffe auf Staat und Gesellschaft eine scharfe Reaktion der Medien provoziert. Doch er war nicht in der Lage, sich auf diese Auseinandersetzung einzulassen. Zu einer öffentlichen Diskussion seiner Glaubensbekenntnisse war Mühl nicht fähig, er zog sich offiziell zurück. Die AA-Nachrichten meldeten im Sommer: "Bei der letzten 12er-BAG-Sitzung wurde B. S. zum Leiter der gesamten AAO, T. S. zur Leiterin für die internationale Bewußtseinsarbeit gewählt ." [AAN77/3, S. 5] Aus der "Bewußtseinshierarchie" wurde erst die "Arbeitsorganisationshierarchie" und dann die "Struktur". Durch Wortkosmetik wurde auf inhaltliche Kritik reagiert. Tatsächlich änderte sich zunächst wenig. Mühls Rücktritt war nichts als paranoide Taktiererei, er steigerte sich in Verfolgungsphantasien hinein.

    Aber die scharfe öffentliche Kritik der Presse bewirkte auch eine vorsichtige Abkehr von den "Massenbewegungs"-Träumen. Die AAO hatte nun nicht mehr "die Absicht, unbedingt zu einer riesigen Massenbewegung zu werden. Eine zu schnelle quantitative Ausbreitung würde die qualitative Arbeit erschweren, nämlich die persönliche Entwicklung jedes einzelnen." [AAN77/6, S. 31] Tief verletzt und erschreckt hatte Mühl vor allem der Vergleich mit der 'Jones-Sekte', die von ihrem irrsinnigen Gründer 1977 in den Massen(selbst)mord getrieben wurde, und der 'Manson'-Kommune. Mühl rückblickend 1985: "Zu uns haben sie gesagt: 'Wir sind eine Sekte'. Wir waren sehr betroffen, daß wir unter so etwas auftauchten und mit Manson, dem Mörder und Jim Jones, der dieses Massaker gemacht hat, auf eine Stufe gestellt wurden." [G 1.9.85]  So schürte die Berichterstattung nicht nur Mühls Paranoia, sondern setzte auch überfällige Denkprozesse in Gang, die sich allerdings erst mit dem ökonomischen Zusammenbruch vollständig auswirkten.

    Entsprechend den Empfehlungen der bereits bestehenden Kommunen war in den neuen AA-Gruppen 1976 mit dem Aulbau von "Dienstleistungsbetrieben wie Transport, Elektrik, Tischlern, Installationen, Malern, Fliesenlegen etc." begonnen worden. Denn "diese Arbeiten erfordern wenig Kapital" [AAN76/6, S. 32] Im März 1977 wurden für die deutschen Kommunen vier GmbHs mit Sitz in Berlin gegründet, ein erster Versuch wenigstens einen Teil der bisherigen Schwarzarbeit zu legalisieren. 1982 beschreibt das Kommunemitglied Aike Blechschmidt in dem Buch "Kommune, Frauenrolle und Utopie" rückblickend die "ansehnliche, arbeitsteilige Ökonomie" der Gruppen:



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 60

    Das klingt nicht schlecht. In Wirklichkeit waren die Arbeitsleistungen jedoch erschreckend gering. Fehlleistungen häuften sich, Fachkenntnisse waren kaum vorhanden, die Organisation aufgebläht: Kein einziger Betrieb war - gemessen an den Maßstäben der verachteten Kleinfamilie - rentabel. Mühl rückblickend 1985:
     
    Einige Male schienen sich die Schildbürger am Friedrichshof versammelt zu haben. Vor einer dringenden Fahrt nach Wien sollte noch schnell der Reifen gewechselt werden. Der Wagen wurde in die kommuneeigene Werkstatt gefahren. Die Mechanikergruppe wechselte das Rad, der Wagen steht nach einigen Minuten fahrbereit vor der Werkstatt. Man steigt ein, fährt los, als nach einigen hundert Metern der Wagen von rechts überholt wird. Das gewechselte Hinterrad wackelte gemächlich in den Acker. Die Mechaniker hatten vergessen, die Schrauben wieder anzuziehen. Oder: Nach langen Diskussionen wurde in einer Kommune ein neuer Lastwagen für die AA-Transporte angeschafft. Der Stolz der Transporter. Kostenpunkt: runde 40 000 DM. Der Wagen wird bestens behandelt, frühzeitig wird ein Ölwechsel durchgeführt. Danach lief der Laster nicht wie geschmiert, sondern nach wenigen Kilometern gab der Motor für immer seinen Geist auf. Groß war das Entsetzen. Der Fehler war bald gefunden, kein Öl im Kreislauf Die Ölschraube war nicht angezogen worden. Oder: Seit Mitte 1977 wurde die AA-Ökonomie von der Zentrale Nürnberg dirigiert. Dort saßen etwa ein Dutzend Kommunarden und planten. Für alles gab es einen Plan. Finanzplan, Personalplan, Vermögensplan, Material- und Werkzeugplan, Autoplan usw. Fast hundert Wagen waren im Besitz aller Gruppen, eine verantwortungsvolle Aufgabe. Der "internationale Fahrtenorganisator" wußte,


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 61

    wo all diese Autos gerade waren. Auf einer großen Wandtafel bewegte er Autosymbole durch ganz Europa und tüftelte optimale Touren aus. Eines Tages fällt dem armen Mann auf, daß drei Fahrzeugschlüssel an seinem Schlüsselbrett hängen und er nicht feststellen kann, wo die zugehörigen Fahrzeuge sind. Panik. Eine verzweifelte Suche beginnt, niemand wollte diese Autos zuletzt benutzt haben. Und so stehen sie vielleicht noch heute - irgendwo.

    Neben diesen drei herausragenden Leistungen waren kleinere Vergehen an der Tagesordnung. Das angebrannte bzw verwürzte Essen für 30-40 Personen, zerbrochene Möbel bei den AA-Transportern, zu Tode gekürzte Hecken und mit elektrischen Heckenschneidern angesägte Beine bei den AA-Gärtnern, blasenwerfende Tapeten bei den AA-Malern. Und ab und an flog ein Eimer Farbe von einem Malergerüst auf die Straße. Weit über diesen chaotischen Arbeitsverhältnissen saß die Elite der "internationalen Organisatoren" in der neuen "Verwaltungszentrale des deutschen Organisationsbüros" in Nürnberg und beteiligte sich planend an dem Chaos. Um ihre Bedeutung zu unterstreichen, wurden ab Sommer 1977 "Kongresse" der deutschen AA-Gruppen einberufen. Beinahe "80 Delegierte der Arbeitsbereiche Bewußtseinsverbreitung, Verlag, Ökonomie, Finanzen, AA-Magazine, Ausbau" trafen sich in Nürnberg. Die bisherige deutsche Zentrale wurde zur neuen "internationalen Kommunikationszentrale der AAO" [AAN77/7, S.18] gekürt. Es wurde wenig diskutiert. In Vorträgen vermittelten die "internationalen Organisatoren" euphorisch ihre Vorstellungen von Planung und "AA-Okonomie", abends traf man sich zur gemeinsamen Selbstdarstellung. Die Therapie trat dabei in den Hintergrund, stattdessen wurden die gemeinsamen ökonomischen Fähigkeiten und die gemeinsame Zukunft bejubelt. Zwar war die Arbeit der "internationalen Organisatoren" genauso 'professionell' wie die Arbeit in den AA-Betrieben, trotzdem waren erstere realistisch genug, durch ihre Monatsabrechnungen und Planungen die finanzielle Misere der AAO zu erkennen. Der Einzugsstrom verebbte langsam, und damit trocknete die bislang wichtigste Geldquelle aus, die "Auflösung des Privateigentums (AdP)". Sie betrug 1977 immerhin fast zwei Millionen DM. Der "internationale Finanzchef' meldete:
     

    Die Einziehenden verließen sich gutgläubig auf die Zusicherung in den AA-Nachrichten, daß ihr Vermögen bei Verlassen der Kommune zurückerstattet würde: "Der gesamte Besitz der AAO gehört allen, wer in die AAO einzieht, bringt sein gesamtes Vermögen in die AAO mit. Wer auszieht, erhält seinen Besitz abzüglich der Ausbildungskosten des ersten Jahres


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 62

    zurück." [AAN76/6, S. 32] Gängige Praxis war hingegen, daß nur größere Barschaften von einigen Zigtausend DM - und das auch nur widerwillig - zurückerstattet wurden. Wer Sachvermögen und/oder einige Tausend Mark mitgebracht hatte, konnte monate- und jahrelang seine Ansprüche anmelden. Die "internationalen Organisatoren" waren ertaubt und verstummt oder teilten mit, daß die eingebrachte Summe exakt den "Ausbildungskosten" entsprach. Noch Jahre später meuterte Mühl empört gegen diese "unverschämten Forderungen":
     

    Ende des Jahres 1977 war es offensichtlich, daß die gemeinsame Ökonomie gescheitert war. Die AAO war mit knapp zwei Millionen Mark verschuldet. Die finanzielle Misere bewirkte tiefe Einsichten bei Mühl:
     
    Relativ mitgliederschwache Kommunen - z.B. Oslo und Kiel - wurden aufgelöst, denn "für die AAO sind wenige große Gruppen günstiger als mehrere kleine." (Wie auch später bei "Gruppenauflösungen" war es üblich, die dort lebenden KommunardInnen nicht zu befragen. Die Entscheidung fiel am Friedrichshof, wer nicht einverstanden war, zog aus.) Die AAO hatte es nicht mehr eilig, "viele Gruppen zu gründen, es ist eher unsere Hauptaufgabe, das AA-Modell qualitativ weiterzuentwickeln." [AAN77/7, S.19]


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 63

    Der Friedrichshof wurde ab jetzt als Modell einer zukünftigen Gesellschaft dargestellt, der Begriff der "experimentellen Gesellschaftsgestaltung" wurde in das gemeinsame Vokabular aufgenommen. Von der "Massenbewegung" zum "Gesellschaftsmodell". Mühl:
     

    Die linken Intellektuellen in der AAO erhielten mehr Freiraum, um ihre Ideen zu entwickeln. Dieter Duhm und Aike Blechschmidt entwarfen gemeinsam das Konzept eines "Zentrums für experimentelle Gesellschafts-Gestaltung (ZEGG)". Die wichtigsten Ziele waren:
      Es war der Versuch, die AAO gesellschaftsfähig zu machen, ihr den anrüchigen Ruf einer Sekte zu nehmen, indem die AAO in die Alternativszene integriert werden sollte. Dieser Versuch einer Ehrenrettung des selbsternannten "Jahrtausendexperimentes" war von vornherein zum Scheitern verurteilt; Mühls Charakterstruktur ließ keine Integration - in welche gesellschaftliche Bewegung auch immer - zu. Das ZEGG-Konzept wurde nie realisiert.
     
     
     

    Mütter und Kinder (1974-1978)

    In den Jahren 1974 und 1975 wurden fünf Kinder am Friedrichshof geboren. Weitere 10-20 Kinder kamen 1976 bzw. 1977 gemeinsam mit ihren Eltern in die Kommune. Die "Kommune-Pädagogik" entsprach anfangs weitgehend antiautoritären Erziehungsgrundsätzen. Die Kinder wurden entsprechend ihrem Verlangen gesäugt, Sauberkeitszwang wurde abgelehnt, jeder diesbezügliche Druck auf den Kommunenachwuchs wurde vermieden - "die Kinder wissen schon, was sie wollen". Die Kleinfamilie diente als abschreckendes Beispiel dafür,
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 64


      In der Kommune hingegen hatte Mühl "im Umgang mit unseren eigenen Kindern, mit ihrem Aufwachsen in der Gruppe, Einsichten und Erkenntnisse gewonnen, die dazu angetan sind, die gesamte Kleinfamilienpadagogik zu revolutionieren." Erstmals seit dem Bestehen der "Kleinfamilienpädagogik" sei untersucht worden, "welche Grundbedingungen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern, ohne Störung der psychischen Entwicklung, Voraussetzung sind." [AAN75/6, S.19] Mühl glaubte noch 1974/75, daß die AA-Mutter die ersten gesunden Menschen "aufwachsen" lassen würden:
      Während Mühl diese überhöhen Ansprüche an die Kommunemütter und -kinder formulierte, konnten selbige immer weniger und zunehmend unübersehbarer diesen Ansprüchen genügen. Die starken Veränderungen 1975 und vor allem 1976 - wachsende Besucherzahlen, explosionsartige Vermehrung der Kommunen - ließen diejenigen KommunardInnen im Wertesystem am Friedrichshof wichtiger werden, welche die "Bewußtseinsverbreitung" vorantrieben. Die KommunardInnen waren unter "Entwicklungsstreß" geraten. Mühl hatte mit der öffentlichen Hierarchie gruppendynamische Hefe in den Kommuneteig geworfen. Da an der Spitze der Hierarchie, also auch der Bewußtseinsentwicklung, Otto Mühl stand, war der möglichst ständige Aufenthalt in seiner Nähe besonders förderlich. Den Müttern war dies schwer möglich Ihre Kinder benötigten viel Zeit und Zuwendung. Die Kinder wurden häufig unruhig, das ertrugen Mühls feine Nerven nicht Zudem konnten die Mutter nicht in andere Kommunen als Gruppenleiterinnen Die Mutter waren allgemein in der Gruppe weniger präsent.

    All dies zählte jedoch plötzlich für die "Einstufung in der Hierarchie". Fast alle Mütter wurden "vorwurfsvoll" und glitten die Hierarchie nach unten. Wie immer war allein die "KF-Vergangenheit" der Mutter, deren "Schädigung", nicht etwa Mühl, seine Theorien oder die Kommune, für dieses Versagen verantwortlich. Die Mütter beluden sich bereitwillig mit der ihnen zugewiesenen Schuldenlast und geißelten sich in selbstanklagenden Artikeln. Eine Mutter schrieb 1977 in den AA-Nachrichten:



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 65


      Es wurde eine "BewußtseinsArbeitsGruppe der Mütter (Mütter-BAG)" gegründet, um die Schädigung, die "unbewußten Aggressionen" usw. selbstdarstellerisch auszumerzen. Denn:
      Alles, die kleinste falsche Handbewegung, ein falsches Wort, ein falscher Blick, alles färbte negativ auf das Kind. Eine Mutter schrieb:
      Die Mütter waren schwer verunsichert, der allgegenwärtigen Kontrolle der Gruppenöffentlichkeit - an der Spitze Otto Mühl - konnten sie nicht entkommen. Mühl entdeckte bei den Kommunemüttern eben das Verhalten wieder, welches er in seiner Autobiographie bei seiner eigenen Mutter als "widerwärtig" beschrieben hatte. Vor allem war es die "Überfürsorge und die schleimige Freundlichkeit", die er bei den Kommunemüttern aufspürte:
     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 66

    Das Mühlsche Ideal der Kommunemutter war unerreichbar. So lebten die Mütter in ständiger Angst, daß die anderen KommunardInnen bzw. Mühl entdecken würden, daß sie diesem Ideal nicht genügten.
     
     

    Exkurs: Die Lehre - "AAO und Kleinfamiliengesellschaft (KFG)"

    Die folgende Zusammenstellung Mühlscher Meinungen ist keine Lehre in dem Sinne, daß von diesem ernsthaft über einen längeren Lebensabschnitt an Thesen und Theoriengebäuden gearbeitet worden wäre. Vielmehr sind es - von ihrem Charakter her - eher literarische Ergüsse zu verschiedenen Themen, die stets mit denselben wiederkehrenden Gedanken beantwortet wurden. Der folgende Abschnitt besteht aus verschiedenen Artikeln der AA-Publikationen, die in eine logische Reihenfolge gebracht wurden.

    1976 attackierte Mühl die Kleinfamiliengesellschaft und den Staat in den AA-Nachrichten mit wachsender Schärfe. Seine Glaubensbekenntnisse entsprachen einem einfachen Schwarz-Weiß-Muster: Die "Kleinfamilie (KF)" - "Finsternis, Verfall, Verkrüppelung etc." - auf der einen Seite, auf der anderen die geilen AA-Brüder und -Schwestern des Lichtes, der Lockerheit, der Gesundheit, der Zukunft. Die AAO als paradiesische Insel im verseuchten Meer der Kleinfamilie. Die Kleinfamilie als allgegenwärtige Weltformel allen Übels.

    Ist heute der "KF-Staat" und der "KF-Mensch (KFM)" kaputt und fertig, so war früher in einer mystischen Urzeit der Mensch gut und geil. "Der Mensch lebte in der Urzeit zunächst in kleinen Horden mit inzestuöser unbeschränkter Sexualität, und ohne Privateigentum." [AAN76/2, S. 3] Doch der Mensch gab diesen glücklichen Urzustand auf und treibt seitdem verloren dahin in einem "allmählichen Bewußtwerdungs- und Entwicklungsprozess, der durch Menschheitskatastrophen erzwungen scheint". [AAN76/3, S.3] So erstreckt sich heute über den "gesamten Erdball die KF-Bewußtlosigkeit. Die unbewußte Gewalttätigkeit des KFM wird als naturgegeben hingenommen. Ihre Herkunft ist dem KF-Wissenschaftler ein Rätsel." [AAN76/3, S.6] Aber die AAO "hat diesen Schleier zerrissen, seinen Ursprung erkannt und in ihrer Lebenspraxis überwunden." Daher werde die AAO zweifelsohne "neue Menschen hervorbringen", die sich mit dem "heutigen KFM nicht mehr vergleichen lassen". [AAN76/2, S. 8]

    Eine wichtige Ursache für die gesellschaftliche Fehlentwicklung sah Otto Mühl in der Erziehung. Vor allem die "Still- und Säugegewohnheiten" in der Kleinfamiliengesellschaft erzeugen einen "angepaßten, deformierten, bewußtlosen, schleimigen, oberflächlichen, mit Haß gefüllten, braven KFM,



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 67

    abgeschnitten von seinen Bedürfnissen und unfähig zu sozialem Leben."
    [AAN76/3, S. 6]
     

    Mühl sah bereits die Reiter der Apokalypse über den Neusiedler See heranjagen, die Katastrophe erschien ihm nahe:
      Der einzige Ausweg aus dieser Krise führte nach Mühls Meinung über die AAO und ihre Lebenspraxis: "Wir glauben, daß die Lebensprinzipien, die in der AA-Kommune erarbeitet werden, einmal geeignet sein könnten, das Leben der Menschen auf eine neue Basis zu stellen." [AAM76, S.99] Diese grundlegenden "Lebensprinzipien" waren die sogenannten "AA-Prinzipien": Mühls ehemaliger Aktionistenschüler und zweiter Kommunetheoretiker H. S. brachte es zackig auf den Punkt:
     
    Zusätzlich zu den AA-Prinzipien formulierte Mühl die "AA-Menschenrechte". Mit diesen "12 AA-Geboten" reihte sich der "Gesetzgeber Otto Mühl neben geschichtliche Größen wie Moses und Solon" ein. Auch diese


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 68

    "AA-Menschenrechte" waren ein direktes Ergebnis der "gemeinsamen Lebenspraxis". Mühl:
     

    Das Paradies existierte, der Weg zum Heil aller lag sichtbar vor den Menschen. Nach den Vorstellungen Mühls würde die Kommune zur "Massenbewegung" werden, immer mehr Menschen würden so leben wie schon heute die AA-Menschen. Die Aufgabe der AAO sah er in einer "verstärkten und intensivierten Bewußtseinsarbeit": "Unser Ziel kann nur darin bestehen, daß auch die breiten Volksmassen uns kennen, unsere Alternative diskutieren, und daß wir in aller Munde sind." [AAN77/4, S. 26] Mühl sah eine neue Revolution voraus, in deren Verlauf die AAO einen weltumfassenden Triumph feiern würde. Diese kommende Revolution würde "keine Revolution der einzelnen Nationalstaaten" sein, sondern sie würde als "globale Revolution" alle nationalen Grenzen niederreißen. "Das Hauptziel der Revolution wird der einzelne Mensch selber sein." [AAN77/1, S. 12] Mühl forderte die Revolution im Schlafzimmer, denn der Kern allen Übels war die "unterdrückende Zweierbeziehung".
     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 69

    Das Wohl der Welt hing nur an der Auflösung von Zweierbeziehung und Ehe. Bestünde erst einmal "globale, freie Sexualität", dann wäre die "Grundbedingung für die Entwicklung eines menschlichen Bewußtseins" [AAN77/2, S. 19] gelegt. Denn
     

    Konkret würde diese globale, sexuelle Revolution durch fünf 'Abschaffungen' eingeführt. Mühl skizzierte ein Theaterstück als Szenario der Errettung der Erde: Doch wie würden Staat und Gesellschaft aussehen, wäre erst einmal die ganze Welt von Kommunen besiedelt? Zunächst würde alles perfekt durchorganisiert. Es würden Komitees gebildet und Büros eingerichtet - unsere verwaltete Zukunft. Der Künstler und Aktionist Mühl zeigte sich von seiner unkreativen Seite. Ein langweiliger Katalog von einzurichtenden B üros wird abgespult und ein Delegiertensystem von der einzelnen Kommune bis zur Weltregierung aufgelistet [AAN76/2, S. 7]. Ist erst einmal alles ordentlich verwaltet und die ganze Welt in Kommunen mit den AA-Prinzipien organisiert, dann herrscht Frieden auf Erden. Die Natur dominiert, Städte sind nicht so wichtig, die Erde trägt wieder ein bäuerliches, ländliches Antlitz.
      Otto Mühl wehrte von Anfang an jeden Versuch ab, die AAO mit irgendetwas zu vergleichen oder wenigstens als Spitze innerhalb einer wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Bewegung zu interpretieren. Die AAO war absolut, mit nichts vergleichbar und einzigartig. Mühl:
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 70


      Da der Ausbreitung der AAO - laut Mühl - weder durch "Diskussionen" noch durch "körperliche Gewalt" begegnet werden konnte, forderte er alle Kritiker auf, der AAO durch "bewußte Lebenspraxis" zu begegnen. "Also redet nicht so viel herum, sondern zeigt uns durch eure Praxis, wie es nun wirklich geht, wenn die Lebenspraxis der AAO für euch unannehmbar ist, wo bleibt euer Gegenmodell? Wir sind bereit, uns zu verbessern und zu lernen." [AAN77/2, S. 13]

    Es war nur folgerichtig, daß Mühl in diesem Rahmen davon ausging, daß die AAO "nicht mit dem Maßstab der Kleinfamilie" gemessen werden konnte. Wer sich ein kritisches Urteil erlaubte, der war entweder nicht fähig, die "eigenen Ansprüche und Ideen in seiner Lebenspraxis zu verwirklichen", oder er "projezierte, was seine eigene Welt ist, in der er lebt." [AAN76/6, S. 9] Stolz verkündete Mühl:
     

    Alle Kleinfamilienmenschen, also alle, die nicht in der AAO lebten, konnten demzufolge prinzipiell nicht über die AAO urteilen. Wer in der Kommune lebte, durfte sich jedoch erst recht keine Kritik erlauben, dies war nur Mühl selbst vorbehalten. Die Abschottung gegenüber der Außenwelt war perfekt. Das Glaubensbekenntnis war immun gegen jeden Einfluß. Vor allem deswegen wurde die AAO oft als "faschistoid" bzw. Otto Mühl als "totalitärer Führer, Obermacker" bezeichnet. Mühl kannte die "Ängste des Kleinfamilienmenschen" wie z.B. "die Individualitätsauslöschung, der Mensch als Nummer, freie Sexualität wäre Zwang, Gemeinschaftseigentum ein Instrument der Ausbeutung usw." Er bemerkte prophetisch: "Der Kleinfamilienmensch ist mißtrauisch gegen uns, vor allem glaubt er, daß letzten Endes unser Unternehmen mit einer Art Sklaverei, totalitärem Terror, Unterdrückung enden könnte." [AAN76/6, S. 4L]
     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 71



     
     

    1978-1984: Demokratisierung einer 'Sekte'?

    Auflösung der AAO und Privateigentum (1978-1982)
     

    Im Februar 1978 trafen sich erneut - und zum letzten Mal - 30 Delegierte der AA-Kommunen in Nürnberg, um über das Scheitern des Gemeinschaftseigentums und der gemeinsamen Betriebe zu beraten. Die defizitären AA-Nachrichten, der Nürnberger (Zentralverwaltungs-)Wasserkopf und das "internationale Bewußtseinsverbreitungszentrum Friedrichshof" waren eine gefräßige Dreieinigkeit gewesen. Das meiste Geld verschlang der schlecht geplante, hektisch vorangetriebene Ausbau des Friedrichshofes und die Werbung neuer Mitglieder. Die Herausgabe der AA-Nachrichten wurde im Frühjahr 1978 ganz eingestellt, der AA-Verlag aufgelöst, die "Tourneen" beendet und die Zahl der Gruppenleiterinnen und Kursleiterinnen verringert. Im Frühjahr und Sommer 1978 wurden die Betriebe aufgelöst, die Zentralverwaltung personell drastisch verringert und in allen Arbeitsbereichen die Frage nach der Wirtschaftlichkeit gestellt. Es wurde erklärt:
     

    Da überhaupt kein Privateigentum mehr existiert hatte, sogar die Unterhosen und Socken waren vergemeinschaftet gewesen, hatte das Verantwortungsgefühl gegenüber materiellen Belangen tatsächlich rapide abgenommen. Trotzdem war es nicht zwingenderweise das Gemeinschaftseigentum an sich, sondern vor allem die zentralistische, streng hierarchische Verwaltung desselben, wodurch die Eigeninitiative und die Überschaubarkeit abnahm. Diejenigen, welche die Arbeit leisteten, waren in ihren Möglichkeiten der demokratischen Mitwirkung durch eine Hierarchie behindert, welche sich ausschließlich an nicht-ökonomischen, 'kommunikativen' Kriterien orientierte. Da das hierarchische System am Friedrichshof durch Otto Mühl gesteuert wurde, wirkte sich die Ohnmacht des einzelnen im kommunikativen Bereich zunehmend auch bezüglich wirtschaftlicher Belange aus. Was scheiterte, war so nicht nur das Gemeinschaftseigentum, sondern vor allem die zentralistische Kommunikation.

    Im Frühjahr 1978 wurde die Auflösung der AAO bekanntgegeben. Der "belastende Name" war weg, auf das offene Werben um neue KommunardInnen und die schriftliche Verbreitung der Ideologie wurde verzichtet, ab

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 72

    jetzt versuchte die Führungsspitze, keine Angriffsfläche mehr für die Öffentlichkeit zu bieten. Es schien, als hätten die letzten Jahre nie existiert. Aus dem "internationalen AA-Zentrum" wurde das "Zentrum für Selbstdarstellung". Ein Auszug aus dem Kursprogramm 1978:
     

    Gegenüber der Öffentlichkeit wurde ab jetzt - in unterschiedlich starkem Ausmaß - eine Politik der Selbstverleugnung und Verheimlichung betrieben. In den internen Mitteilungen ("AA-Intern") stand Anfang 1978:
      Obgleich die Veränderung etwas sehr stark übertrieben und die Vergangenheit übermäßig verschleiert wurde, so hatte sich doch ab 1978 das Leben in den Stadtkommunen und auch am Friedrichshof wesentlich - im Vergleich mit 1976/77 sogar unglaublich - verändert. Der Umgang miteinander und mit den Gästen wurde freundlicher, die Haare wurden länger, die Einheitskleidung fiel, die Verschickung der KommunardInnen wurde eingestellt. Der öffentliche verbale Kampf gegen die Kleinfamilie war beendet. Ziel war es ab jetzt, den Lebensstandard der Kleinfamilie zu erreichen. "Plötzlich muß sich jeder überlegen, woher er seinen Unterhalt finanzieren kann. Irgendwie weht nun ein ganz anderer Wind, es ist von vielen der Ehrgeiz da, den Lebensstandard der KFG zu erreichen." [AAI78/25, S. 14]

    In Etappen wurde aus dem Gemeinschaftseigentum wieder Privateigentum mit der Umlage gemeinsam zu tragender Kosten. In den Stadtgruppen wurde der Mietanteil und der Anteil an gemeinsamen Versorgungskosten -Essen, Hygieneartikel, Arbeitszeitverrechnung etc. - bestimmt. (In München beispielweise 240 DM Miete und 400 DM Versorgungssatz, vgl. [HAS-C82, S. 117].) Zusätzlich war an den Friedrichshof für Schuldenrückzahlung und die Privatschule ein "Friedrichshof-Mitgliedsbeitrag" abzuführen, den jeder zu bezahlen hatte. Dieser war auf mindestens 100 DM monatlich pro Person festgesetzt. Der Gemeinschaftssatz betrug daher je nach Gruppe ca. 750 bis 1.000 DM monatlich. Über den Differenzbetrag konnte jeder Kommunarde etwa ab Ende 1978 selbst verfügen. Man/frau hatte sein eigenes Konto und konnte mit diesem Geld wieder die kleinen Freuden des Lebens genießen. Das Privateigentum hatte den eindeutigen Vorteil, daß dadurch die finanzielle Abhängigkeit des Friedrichshofes von den Stadtkommunen

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 73

    - und im bescheideneren Ausmaß von den Gästen - deutlich war. Gerade dieses Abhängigkeitsverhältnis war stark dafür verantwortlich, daß Mühl und sein Führungsclan in den folgenden Jahren wesentlich toleranter und moderater auftraten. Vor allem das Leben in den Stadtkommunen normalisierte sich durch die alltäglichen Kontakte mit Nicht-KommunardInnen in Arbeit bzw. Ausbildung. Der Friedrichshof war weit entfernt, wer nicht den Drang dorthin verspürte, konnte zumindest die nächsten drei Jahre in Ruhe in seiner Stadtkommune verbringen. Man ging wieder einkaufen, las Zeitungen und Bücher, hörte Musik und konnte ab und zu fernsehen. Verpönt waren nach wie vor Luxusartikel, Kino- und Theaterbesuche, kostspielige Freizeit- und Sportaktivitäten usw. "Konsumkultur" wurde abgelehnt, die aktive Kulturausübung gefördert. Diese "künstlerische" Betätigung war besonders gern gesehen, wenn sie sich in dem engen Rahmen bewegte, den Mühl als Vorbild absteckte. Möglichst "emotionell, sich ausleben", immer mit dem Ziel, alles in der Gruppe zu tun. "Spezialistentum" und intensive Beschäftigung mit einem Musikinstrument, Theater oder einer anderen Kunstrichtung wurde zwar nicht verstanden, aber toleriert. Trotz dieser 'ideologisch-freiwilligen' Einschränkungen, nach beinahe zwei Jahren totaler Konsumaskese, war es für alle KommunardInnen ein großartiges Erlebnis, eigene Kleidung, Schuhe, Parfüms, Bücher, Zeitschriften, Musikinstrumente etc. kaufen zu können.

    Bei den abendlichen Selbstdarstellungen wurde mit Hypnose, Trance und Suggestionen experimentiert, theatralische Elemente flossen ein, es wurde viel getanzt. Aktionsanalytische und therapeutische Elemente wurden immer unwichtiger, bis sie etwa 1979 ganz verschwanden. Als Abwandlung der Selbstdarstellung entstand das "Strukturpalaver", das hieß, alle paar Wochen wurde mehrere Stunden in aller Öffentlichkeit über das Verhalten bzw. die Verfehlungen im Kommunealltag gesprochen und eine Reihung vom ersten bis zum letzten Kommunarden erstellt. Die hierarchischen Strukturen waren längst nicht in dem Ausmaß verschwunden, wie dies gegenüber der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Eine wesentliche Veränderung war, daß immer mehr Frauen am Friedrichshof wie in den Stadtkommunen Führungspositionen besetzten. Frauen galten als "sozialer", hatten größere "pädagogische Fähigkeiten", sie waren nach Mühls Meinung "besser für das Leben in einer Kommune geeignet". (Obwohl als Gruppenleiter (GL) bezeichnet, waren es doch in Wahrheit ab 1979 fast ausschließlich Gruppenleiterinnen.) Im engeren Führungskreis waren ab Anfang der 80er Jahre nur noch ein Mann (B.S.) und fünf bis sechs Frauen, unter den ersten 20 nur noch drei bis vier Männer. Es war ein Matriarchat sich eifersüchtig bekämpfender Frauen um den - nach eigenen Worten - "einzigen echten Mann der Bewegung".

    Mühl hatte seit 1978 die offene, gesellschaftliche Auseinandersetzung um seine Ideen aufgegeben, ihm waren seine Ambitionen, die Welt zu retten

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 74

    und zum Kommuneleben zu bekehren, gründlich vergangen. Er verbrachte seine Tage am Friedrichshof mit Malen und der "Verbreitung von Bewußtsein" im engen Kreise seiner Getreuen. Was in den Stadtkommunen vor sich ging, kannte Miihl aus eigener Anschauung nicht. Seine letzte Rundreise hatte er ihm März 1979 absolviert, seither verließ er kaum noch den Friedrichshof. So hing in den Stadtkommunen der spürbare Einfluß Mühls von dem/der - alle drei bis fünf Monate wechselnden - Gruppenleiterln ab. War diese/r normal und mehr Persönlichkeit als Ideologe, so war das Leben in der Gemeinschaft angenehm.
     
     
     

    Rückkehr zu Zentralismus und Gemeinschaftseigentum (1981-1984)

    1981 wurde in einigen Gruppen laut über die Funktion des Gruppenleiters und dessen Notwendigkeit nachgedacht, Mühl wurde es unheimlich. Die Autonomie, die in den Stadtkommunen entstanden war, führte eindeutig zu weit, er konnte nicht dulden, daß an dem ideologischen Heiligtum "Hierarchie" bzw. "Gruppenleiter" gekratzt wurde. Dies mußte in letzter Konsequenz seine eigene Rolle als "Chef der Bewegung" in Frage stellen. Am offensten war das Autonomiestreben in Genf. Dort wurde von vielen bezweifelt, daß "ein Gruppenleiter notwendig" sei. Eine Kommunardin schrieb vertrauensvoll einen Brief an Otto Mühl. Dessen Inhalt wurde Mühl in der 12er-BAG vorgetragen:
     

    Mit dem Privateigentum waren Freiheiten möglich geworden, durch die Autonomie der Gruppen und das jahrelange Zusammenleben der KommunardInnen waren Beziehungen entstanden. Mühl reagierte mit Härte. Er wußte instinktiv, wo Beziehungen sind, da ist ein Mühl nicht mehr lange mächtig. Die Genfer Gruppe wurde zum Friedrichshof befohlen, drei Genfer KommunardInnen widersetzten sich durch Auszug dem Befehl. Sie ahnten, daß es nichts mehr zu sagen gab. Mühl bearbeitete die restlichen Genfer drei
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 75

    Tage lang in Einzelanalysen und in der abendlichen Selbstdarstellung. K., die unbefangene Schreiberin oben genannten Briefes, wurde von Mühl angeschnauzt: "Du schlaue Briefschreiberin, du Wahnsinnige, so ein Unsinn den sie geschrieben hat." Den drei ausgezogenen Genfern schickte er folgende Gruße hinterher: "Seid doch froh, daß ihr die drei los habts. Dieser perverse A. und dieser G., dieser Halbaffe und A., diese stumpfsinnige, das war doch eine Schwachsinnige." [SDA 23.2.81] Einige Monate später wurde die Genfer Kommune aufgelöst. Die verbliebenen KommunardInnen wurden auf die anderen Kommunen verteilt.

    Der Jahreswechsel 1981/82 brachte den einzigen und zugleich letzten Versuch, die Kommune von innen heraus zu demokratisieren. Der - von Mühl so bezeichnete - "Angriff der Viererbande". Claudia W., die damalige Erste Frau und W., eine weitere Frau der 1. BAG trafen sich regelmäßig mit drei bis vier weiteren Personen. W. beschreibt rückblickend die damaligen Motive:
     

    Für Otto Mühl war nicht nur unannehmbar, daß die von ihm bestimmte hierarchische Reihung 'seiner' Frauen infolge der Wahl durcheinander gekommen war, schmerzlich traf ihn auch, daß er nicht von allen KommunardInnen an die erste Stelle gewählt worden war. Als man ihm aus Düsseldorf, München, Bremen und Hamburg weitere Folgen der Wahlen bzw. Demokratisierung meldete, wurde er wütend. An einem Selbstdarstellungsabend faßte er die "Horrormeldungen" zusammen:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 76

    seitdem am Abend nicht mehr so Selbstdarstellung, sondern Bildung gemacht wird, viele Leute nicht mehr zum reden kommen, außerdem ist diese Bildung sehr dilletantisch, Allgemeinplätze, nicht wissenschaftlich. Es wollen einige von der zweiten Gruppe in Düsseldorf auch Theater-Workshops in der Volkshochschule besuchen, weil die Theater-Workshops in der Gruppe so dilletantisch sind. Auch in Hamburg ist es ähnlich." [SDA 11.2.82 ]

    Im Zuge der Demokratisierung wurden auch von einzelnen KommunardInnen, jeweils unabhängig voneinander, Versuche unternommen, die Gruppen stärker in die Gesellschaft zu integrieren. So war mit der Übernahme einer gemeinnützigen Wohn-, Bau- und Siedlungsgenossenschaft anfangs nicht nur die Absicht verbunden, günstige Wohnbauförderungsdarlehen der Burgenländischen Landesregierung (z.B. 18 Millionen Schilling, Laufzeit 47 Jahre bei 0,5 Prozent Zins) zu erhalten, sondern es wurde auch von der demokratischen, rechtlichen Struktur einer Genossenschaft eine stärkere Beeinflussung der ökonomischen Entscheidungsstrukturen am Friedrichshof erhofft. Die 'Intellektuellen' der Kommune, Michael Pfister und Aike Blechschmidt, verfaßten ein Buch "Kommune, Frauenrolle & Utopie", welches 1982 veröffentlicht wurde. Außerdem initiierte Michael Pfister eine Zeitung mit dem etwas sinnlosen, von Otto Mühl ausgewählten Namen "Kikeriki". In dieser waren auch Diskussionsbeiträge von Nicht-Kommunarden bezüglich aktueller alternativer Themen enthalten. Mitglieder der Stadtkommunen arbeiteten im Netzwerk und in alternativen Projekten mit. Dies waren, zumindest was den Einsatz einzelner betraf, ernst zu nehmende Versuche der Integration. (Was natürlich nicht unbedingt bedeutete, daß Mühl selbst diese Absicht vertrat.) Auch eine kritisch-distanzierte Radiosendung zweier norwegischer Journalistinnen wurde in Broschürenform veröffentlicht. Am 26./27. Januar 1983 organisierten Mitglieder der Kommune einen Besuch von Joseph Beuys in Österreich. Er traf mit Bruno Kreisky zusammen, nahm an verschiedenen Veranstaltungen teil und besuchte den Friedrichshof. Auch dieser Aufenthalt wurde in schriftlicher Form dokumentiert und veröffentlicht.

    Aber all diese Integrationsversuche waren umsonst. Mühl hatte sich Mitte 1983 entschieden: In den Stadtkommunen wurde die "Bewußtseinsverbreitung" beendet, die "Kulturvereine" aufgelöst. Gleichzeitig mußten alle pädagogischen und kulturellen Projekte und Aktivitäten einzelner Kommunemitglieder eingestellt werden. Alle Kindergärten, Kindertheater, Stadtteilprojekte etc. wurden per Befehl von oben aufgelöst, die Mitarbeit bei anderen Projekten mußte beendet werden. Jahrelange Arbeit und Initiative derjenigen, die für eine gesellschaftliche Integration gekämpft hatten, war vernichtet. Dieser endgültigen Abkapselung nach außen waren jedoch bereits 1982 endscheidende Schritte vorausgegangen.

    Nach den Erlebnissen in Genf und vor allem nach den Wahlen wurde Schritt für Schritt, fast unmerklich, die Autonomie der Stadtkommunen

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 77

    wieder eingeschränkt, das Privateigentum erneut in Gemeinschaftseigentum umgewandelt. Die ohnehin geringfügigen Konsummöglichkeiten wurden immer weiter eingeengt, bis nicht einmal mehr der private Einkauf von Kleidern möglich war. Selbst Bücher, Zeitschriften etc. durften nur noch auf Antrag erstanden, jede Mark Taschengeld mußte abgerechnet werden. Die Rückkehr der AA-Zeit. Mühl: "Man soll das abschaffen, daß sich jeder Kleider kauft. Es darf nichts mehr gekauft werden, es muß bewilligt werden, und zwar vorher. Wir müssen dieses Privateigentum wieder abschaffen." [NE 21.2.83] Mühl wollte zurück zur 1978 aufgegebenen, zentralistischen Hierarchie. In einer Zukunftsvision entstand eine AAO-Nachfolgeorganisation - die "AAU (AA-Ultra)":
     

    Gleichzeitig mit der schrittweisen Abschaffung des Privateigentums nahm die Kontrolle in allen Gruppen zu. Alle Stadtgruppen hatten seit den Ereignissen in Genf regelmäßig komplett am Friedrichshof zu erscheinen - "Gruppenurlaub". Ein verlängertes Wochenende lang wurden die Gruppenmitglieder durch alle möglichen Kurse geschleust, Zusammenbrüche waren häufig und Tränen flossen zahlreich. Am nützlichsten im Sinne der Zentrale waren die "Gruppenpalaver" bei einer Frau der 1. BAG (=12er BAG) und die "Selbstdarstellungsabende bei Otto". Sämtliche Verfehlungen der vergangenen Gruppenwochen wurden gebeichtet oder gepetzt, gute Vorsätze gelobt, die Hierarchie bestimmt, Zweierbeziehungen ausgelotet, "Untergrundbanden" aufgedeckt - ideologische Säuberung. Der "Gruppenurlaub" war so erholsam, daß fast jeder dem Arbeitsbeginn am Montag entgegenfieberte.

    Zur besseren Kontrolle der Gruppen und der alle paar Monate wechselnden GruppenleiterInnen wurden den einzelnen Kommunen "Supervisorinnen" (ausschließlich Frauen) zugeteilt. Jede Frau aus der 1. BAG und 2. BAG bewachte ab sofort mit scharfem Auge ihre Gruppe. Bald entbrannte ein wüster Konkurrenzkampf unter den Mühlschen Führungsfrauen. Jede versuchte, sich als "Supervisorin" besonders zu profilieren, um in der Hierarchie mitzuhalten. Beinhart trachtete jede, möglichst viele Gruppen unter ihre Kontrolle zu bringen. 1983 waren noch fünf Supervisorinnen übrig. 1984 wurden auch diese abgeschafft, Mühl war das System zu unübersichtlich, also nahm er die Kontrolle wieder in die eigenen Hände. Eine Schreckensvision hatte ihn zu diesem Entschluß veranlaßt:



     Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 78


      Um die Stadtgruppen besser kontrollieren zu können, erschien es Mühl günstiger, die Zahl der Kommunen zu reduzieren: "Kassel, Bremen, Heidelberg, Nürnberg sollen aufgelöst werden, vier große Zentren in Deutschland: München, Düsseldorf, Berlin, Hamburg. In Frankreich bleiben nur Lyon und Paris. Straßburg, Toulouse, Nancy werden aufgelöst." [G 20.10.82] 1983 wurde mit dem Ende der "Bewußtseinsverbreitung" von Mühl die Auflösung von Hamburg und Oslo beschlossen und umgehend durchgeführt. Das Aus für Stockholm und Lyon kam 1984, Paris folgte 1985. Die Gruppenmitglieder wurden wie in den AAO-Zeiten per Beschluß des 12er-Rates quer durch Europa verschickt, ohne vorher gefragt zu werden. Wer gehorchen gewohnt war, tat sich leicht, die (Mühl-)treuen Ideologinnen kamen an die Macht. Wer sich in der Hierarchie behaupten wollte, der mußte die Scharfmacherei und das Intrigenspiel mitmachen. Nach und nach verloren alle die an Einfluß, die den Friedrichshof und die Stadtkommunen gegenüber der Öffentlichkeit vertreten hatten. Gerade diese KommunardInnen waren durch ihre täglichen gesellschaftlichen Kontakte geprägt und hatten auch innerhalb der Kommunen für demokratischere Verhältnisse geworben. Da sie nun bedeutungslos waren, wurden sie durch andere ersetzt. Mehr instinktiv als geplant nützte Mühl die Situation. Endlich hatte das jahrelange, komplizierte Gerede dieser Leute ein Ende.

    Viele waren ihm durch ewige Einwände - "Rücksichtnehmen auf die Gesellschaft und so ..." - und die Darstellung schwieriger Zusammenhänge unsympathisch geworden. Der Mann mit dem einfachen patriarchalen Weltbild wandte sich gegen die Vertreter einer vielschichtigen, demokratischen Wirklichkeit. Der totale Rückzug der Kommune aus der Gesellschaft gab Mühl viel Raum für die Entfaltung seines totalitären Wesens. Ökonomisch war dies erst durch eine entsprechende berufliche Monokultur möglich.

    1980 hatten zwei Kommunarden bei einer Firma angefangen, die Warentermingeschäfte abwickelte. Bereits nach wenigen Monaten überstieg ihr Verdienst um das Mehrfache die Durchschnittseinkommen der anderen Kommunemitglieder. Sie konnten es sich leisten, am Wochenende nach Österreich zu jetten, gaben ihr Geld bereitwillig für Analysen und Selbstdarstellungen aus, spendeten für die 1980 wiedergegründete Privatschule und schenkten Mühl des öfteren ein privates Taschengeld für Drogen. Neben die offizielle Bewußtseinshierarchie trat die inoffizielle Geldhierarchie, denn mit der Steigerung des Einkommens war auch ein Aufstieg in der Hierarchie verbunden. Dadurch änderte sich ab Ende 1981 das Berufsbild

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 79

    in den Stadtgruppen. Vor allem die StudentInnen wurden gedrängt ihre Ausbildung abzubrechen. Nur wer kurz vor dem Abschluß stand oder ein fortgeschrittenes Medizin-, Jura- oder Betriebswirtschaftsstudium aufzuweisen hatte, blieb verschont. Die anderen mußten sich ab jetzt dem Warentermingeschäft und dem neuentdeckten Vertrieb von Bauherrenmodellen widmen.

    Ab Anfang 1984 bestand mit der Gründung kommuneeigener Firmen in München, Bonn, Düsseldorf und Berlin für die Stadtkommunardlnnen nur noch die Möglichkeit, in diesen Firmen zu arbeiten. War bis dahin durch die freie Berufswahl ein Gegengewicht zu den Alltagserfahrungen in der Kommune vorhanden bzw. für viele eine Erholung von den Strapazen des Gruppenlebens möglich gewesen, so wurde dieser Rest Freiraum durch die Verpflichtung, in den eigenen Firmen zu arbeiten, beseitigt. Die Jahre der freien Berufswahl waren beendet. Was in Mühls Augen von jetzt ab zählte, war der "Verkauf": "Verkauf ist überhaupt das Höchste, bin ich heute daraufgekommen. Wir haben ja viele Kinder hier und ich sehe das nun mit dem Verkauf sehr positiv." [NE 14.1.84] Erfolg in der Arbeit wurde immer offener durch hierarchischen Aufstieg belohnt. In wöchentlichen Treffen wurde die Motivation der Verkäufer gepuscht. Mühl:
     

    Ab Sommer 1984 ging Mühl rigoros daran, jede Spur von Demokratie und persönlicher Entscheidung auszurotten. W., die bereits erwähnte Frau, welche durch die einzige demokratische Wahl 1982 eine Zeitlang Erste Frau gewesen war, wurde systematisch von Mühl fertiggemacht:
       
     

    "Bewußtseinsverbreitung" - ein letzter Versuch (1981-1984)

    In jeder Stadtkommune waren 1979 bzw. 1980 gemeinnützige Vereine - in der BRD mit Namen wie "Kulturhaus", "Kulturwerkstatt", "Kulturatelier" etc. - gegründet worden, die seit 1981 immer stärker zur verdeckten Anwerbung

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 80

     neuer KommunardInnen benutzt wurden. (Da sich die Erfolge bei der "Bewußtseinsverbreitung" in der Hierarchie der GruppenleiterInnen niederschlugen, wurde daraus eine regelrechte Kopfjagd.) Die Teilnehmer von Mal-, Theater-, Videokursen etc., die Gäste des "Informationsabends" und der häufig veranstalteten Feste wurden zu "Marathons" eingeladen, für einen Besuch des Friedrichshofes interessiert bzw. dazu überredet. Ab Herbst 1981 gipfelte die wenig erfolgreiche Neurekrutierung im "WEX (Wohn-EXperiment)". Während einer Woche wohnten die "WEXler" im Hause der Kommune und nahmen am Alltag der KommunardInnen teil. Trotz des arbeits-und kostenintensiven Rekrutierungsapparates trat jedoch nur hin und wieder mal ein neues Mitglied in die Kommune ein (Ausnahme 1980/81), es reichte kaum aus, um die ausziehenden Mitglieder zu ersetzen. (Bei jeder Gruppenauflösung zogen zwischen zehn und 30 Prozent der jeweils betroffenen KommunardInnen aus.) Was anfangs im internen Sprachgebrauch als "Kulturarbeit" bezeichnet wurde, hieß nun wieder "BV=Bewußtseinsverbreitung". Geworben wurde für das "WEX" mit Texten wie diesem:
     

    Was erwartete die "WEXler" tatsächlich? Eine Düsseldorfer WEX-Teilnehmerin schildert ihre Erlebnisse:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 81


      Wer von dem in dieser einen Woche verbreiteten 'Bewußtsein' beeindruckt war und glaubte, daß diese Lebensform für ihn die richtige sei, der fuhr mit anderen interessierten "WEXlern" zum Friedrichshof. Durch die ehrfurchtgebietenden Schilderungen der jeweiligen Gruppenleiterin und "WEX-Betreuer" waren die Gäste natürlich gespannt, dieses "Bewußtseins- und Menschenbehandlungsparadies" und dessen Paradiesvorsitzenden Mühl kennenzulernen. Meist wurden die neuankommenden Gäste von Mühl beim Mittagessen empfangen. In einem 50 Quadratmeter großen Raum stand ein großer Tisch für etwa zwölf Personen. Auf der einen Seite saß Mühl, umringt von seinen Spitzen der Hierarchie, ihnen gegenüber saßen hintereinander die Neuankömmlinge. Etwa 100 - manchmal weniger, manchmal mehr - Friedrichshofer KommunardInnen, "Urlauber" der Stadtkommunen und bereits empfangene Gäste standen auf Zehenspitzen oder auf Stühlen, um noch etwas von den Worten und Aktionen des Meisters zu erhaschen, während sie hastig ihr Essen hinunterwürgten. Verhielt man sich devot gegenüber Mühl und seinen Führungsdamen, so wurde man gnädig und nett aufgenommen, wehe aber man zeigte zu viel Persönlichkeit, war aufsässig oder legte es auf Diskussionen an. Dann wurde Mühl sauer und des öfteren - bei schwachen Gegnern, vor allem Frauen - brutal und sadistisch. Ein Beispiel 1982:
      Folgende Szene ereignete sich im Sommer 1981 vor fast 200 Zuschauern. (Auszüge einer Tonbandmitschrift).
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 82


     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 83


      Mit der zunehmend aggressiven Mitgliederwerbung und der Veröffentlichung von Erlebnissen einiger Kursteilnehmer wurde auch die Diskussion über den Friedrichshof und die angeschlossenen Kommunen wieder intensiviert. Die Medien in Düsseldorf, Hamburg und Bremen konfrontierten die Kulturvereine mit den zweifelhaften Anwerbemethoden. Überdeutlich paßte das Bild, welches die Kommune nach außen polierte, nicht mit den Vorgängen im Inneren überein. Die Kommunemitglieder, die gesellschaftlich oder kulturell aktiv waren, standen der heftigen Kritik vollkommen hilflos gegenüber. Meist waren sie selbst mit den Methoden einiger Gruppenleiterinnen bzw. der Friedrichshofer Führung nicht einverstanden und hatten sich mit eigenen Projekten gewisse Freiräume außerhalb der ideologischen Enge geschaffen. Plötzlich standen gerade sie im Zentrum der Kritik und sollten verteidigen, was sie selbst nicht richtig fanden. Da kam es für manchen zu solch hilflos-peinlichen Szenen wie in einer Düsseldorfer Zeitung beschrieben:
      Von Mühl selbst war keine Hilfe zu erwarten, seine Einschätzung war durch und durch unrealistisch, seine Ratschläge verschlimmerten die Lage nur. Mal sollte abgewiegelt werden: "Von der Struktur (=Hierarchie) und der freien Sexualität soll man natürlich auch nicht reden. Das hat nicht viel Sinn. Man darf die Leute nicht überschätzen, als ob sie etwas verstehen könnten,
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 84

    worauf sie nicht vorbereitet sind." [NE 17.3.83] Mal sollte man radikal im alten AA-Stil auftreten, z.B.:
     

    Des weiteren flössen Mühls Energien in Konzepte für Theaterstücke und Filme über "Sektenjäger"; melancholisch inT.erte er am Klavier einen "Sektenblues". Die 'künstlerische' Bewältigung hatte Vorrang, die Wirklichkeit war allzu fern. Da wurde überlegt, dem Problem auf zynische Art beizukommen, durch eine Anzeige in Stern oder Spiegel mit folgendem Inhalt:
      Als Sommer 1982 in Hamburger und im Frühjahr 1983 in Münchner Zeitungen erneut kritische Artikel erschienen, wurde auch schon mal eine Klage gegen den "größten Feind Haack" - damals Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche - erwogen. Aber ein Kommunarde berichtete Mühl: "Von einer Klage gegen Haack wegen Ehrenbeleidigung haben uns alle Anwälte abgeraten. Bei sowas können hundert Zeugen aufgebracht werden, die Kinder vom Kindergarten werden verhört." [NE 19.3.83] Statt dessen machte sich Mühl anderweitig Luft. In einem Scheininterview mit einem imaginären Journalisten demonstrierte er im abendlich-intimen Kreis seinen Vertrauten, wie er mit den "vertrottelten Journalisten" umspringen würde. Es ist erstaunlich, wieviel Wahrheit Mühl über die tatsächlichen Verhältnisse in der Kommune in sarkastischen Ausbrüchen wie diesem zu äußern pflegte:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 85


     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 86


      Ende 1983 wurde als Folge der Kritik in den Medien der "Gästebetrieb" bzw. die "Bewußtseinsverbreitung" eingestellt. Mühl igelte sich dort ein, wo ihm grenzenlose Bewunderung und Bestätigung sicher war. Er wandte sich den Kommunekindern zu. Die eigene Zucht des "neuen Menschen" sollte beginnen: das "Projekt Dritte Generation".
     
     
     

    Meine Ablösung und mein Ausstieg (1981-1985)

    Um die Schwierigkeiten des Weges aus einer totalitären Gemeinschaft zu zeigen, schildere ich beispielhaft meinen eigenen Ablösungsprozeß. Er verlief für viele KommunardInnen, die mit einem Partner - d.h. als Zweierbeziehung - die Gruppe verließen, ähnlich.

    Da ich 1978 mit einem Studium begonnen hatte und seit 1980 Fachschaftsvertreter war, hatte ich regelmäßig Kontakte außerhalb der Kommune. Ich organisierte Vortragsreihen, Sommerfeste und Tutorien in meinem Fachbereich, war Vertreter im Studentischen Konvent. Mit meinen Eltern, die ebenfalls in München lebten, war der Kontakt ebenfalls kontinuierlich und meist spannungsfrei. Natürlich verteidigte ich in Diskussionen gegenüber meinen Eltern meine Lebensweise, aber längst nicht mehr in dem Maße, wie dies ideologisch gefordert gewesen wäre. Bei meinen Aktivitäten befolgte ich keineswegs ideologische Ziele, ich wollte niemanden anwerben, ja ich sprach an der Universität nicht einmal darüber, daß ich in einer Kommune lebte. Warum auch? Die Arbeit als solche interessierte mich, es war eine willkommene Abwechslung zum Gruppenalltag.

    Als ich 1981 mit einem meiner nicht in der Kommune lebenden Brüder ein Schülerfest organisierte, verliebte ich mich in eine Schülerin. Das Zusammensein mit dieser Schülerclique war mir häufig wichtiger als das Kommuneleben. Gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Schülersprecherinnen gründeten wir einen Verein ("Schülerselbsthilfe e.V."), der die Arbeit der bayrischen Schülersprecher landesweit organisatorisch unterstützte und 1983 in der Gründung einer "Bayrischen Landesschülervertretung e.V." gipfelte. (Damals wurde gerade ein neues Unterrichtsgesetz und eine neue Schulordnung im Landtag verabschiedet.) Auch diese Arbeit entsprang meiner eigenen Initiative. Die anderen KommunardInnen wußten meist gar nicht, was ich so alles trieb, die Gruppenleiterinnen überblickten noch weniger mein Tun, daher war es ihnen nicht möglich, meine Arbeit zu beeinflussen. Zeitweise wurde mir für einige Aktivitäten eine Aufpasserin mitgeschickt, insgesamt waren diese persönlichen Initiativen jedoch gedul-

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 87

    det. Schließlich gab es damals am Friedrichshof noch einige hierarchiehohe KommunardInnen, welche die Mitarbeit in politischen oder kulturellen Projekten unterstützten. Trotzdem dachte ich immer wieder daran, die Gruppe zu verlassen, denn einige GruppenleiterInnen waren nur schwer zu ertragen. Was mich hielt, war nicht nur eine gewisse 'Angst vor der Kleinfamilie', sondern auch die zu diesem Zeitpunkt guten Beziehungen zu einigen KommunardInnen. Schließlich lebten wir damals seit fast vier Jahren zusammen, mit einigen Gruppenmitgliedern war ich echt befreundet.

    Als wir im Sommer 1982 zu einem 'Gruppenurlaub' am Friedrichshof waren, äußerte ich in einem 'Palaver' meine 'Auszugsgedanken' und die Liebe zu der Schülerin. Ich glaubte der schönen Redewendung, daß es in der Kommune möglich sei, 'alles öffentlich anzusprechen'. Das Gegenteil war der Fall. Ich wurde vor versammelter Gruppe von Claudia W. zusammengestaucht und durch hierarchischen Abstieg bestraft. Meine Kontakte zu der Schülerclique sollte ich umgehend einstellen, am besten gleich am Friedrichshof bleiben. Anstatt jedoch die Macht der Gruppe zu akzeptieren und mich zu unterwerfen, lernte ich meine Lektion auf andere Weise. In Zukunft wurde ich sehr vorsichtig. Nur selten erzählte ich noch, was ich so alles trieb und dachte. Langsam verstand ich es, einmal ausgesprochene Verbote dadurch zu umgehen, daß ich heimlich weitermachte. Ich sah, daß Mühl und seine Führungsdamen einmal Gesagtes nach wenigen Wochen schon wieder vergessen hatten. So legte ich mich nicht fest, verteidigte mich nicht öffentlich und machte einfach weiter. Natürlich galt ich immer mehr als Außenseiter, meine Aussichten auf einen hohen Hierarchieplatz waren gering, aber ich hatte meinen Freiraum außerhalb der Gruppe, das war mir wichtiger.

    Als 1981 in Düsseldorf und 1982 in Hamburg die Presse über die verdeckte Anwerbung berichtete und Kursgäste des Friedrichshofes ihre zweifelhaften Erlebnisse mit Mühl veröffentlichten, befürchtete ich ähnliche Angriffe auch für München. Meine Arbeit in der Fachschaft, im Studentenparlament und die Zusammenarbeit mit den Schulersprecherinnen wäre damit sofort gefährdet gewesen. Da ich wußte, daß der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche, Pfarrer Haack, als erster die Öffentlichkeit informieren würde, stellte ich auf eigene Faust im Winter 1982/83 den Kontakt her. Da Pfarrer Haack als der 'schlimmste Feind der Kommune' angesehen wurde, sagte ich niemand etwas, denn sonst wäre mir mein Kontaktversuch als 'absolut wahnsinnig' verboten worden. Ich konnte mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, daß irgendjemand 'mein Feind' sein sollte, und wenn, warum sollte ich nicht auch mit meinen Feinden sprechen. Zudem interessierte mich, was Haack konkret zu kritisieren hatte, was getan werden konnte, um das Sektenimage abzubauen. Ich glaubte damals, daß Mühl und seine Führungsclique lernfähig seien. Bei meinem ersten Versuch gab ich mich noch nicht zu erkennen, trotzdem war ich ziemlich aufgeregt. Erst etwa

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 88

    zwei Monate später sagte ich bei einem zweiten Besuch, daß ich ein Mitglied der - von ihm immer noch so bezeichneten - AAO sei. Dies verschlug ihm wohl doch etwas die Sprache, jedenfalls bestellte er mich nach einem kurzen Gespräch wieder für denselben Nachmittag. Ich fuhr zunächst einmal in unser Kommunehaus zurück, dort erzählte ich der Gruppenleiterin von meinem Besuch bei Haack. Panik brach aus. Die Gruppenleiterin war weit überfordert, unverzüglich wurde am Friedrichshof angerufen und Otto Mühl verständigt. Auch dort Fassungslosigkeit über meinen Kontakt zum 'Todfeind'. Nach einiger Zeit kam der Rückruf vom Friedrichshof, 'man könne ja wohl nichts machen, ich solle dann halt nachmittags hingehen'. Haack ratterte dann nur so auf mich ein, in was für eine schlimme Sekte ich da geraten wäre, Mühl sei ein teuflischer Verführer usw. Sicher, ich hatte selbst gewisse Zweifel an Mühl und an vielen ideologisch-starren Verhaltensweisen, an der verdeckten Anwerbung neuer KommunardInnen, aber mich interessierten mehr die konkreten Schritte, die zu unternehmen seien, damit unser Zusammenleben gesellschaftlich akzeptabel würde.

    Die nächsten Wochen war das Mißtrauen vieler Gruppenmitglieder mir gegenüber groß, andererseits sollte ich den Kontakt zu Haack halten. Anfangs sah es so aus, als ließe sich tatsächlich in der Kommune etwas verändern. Ein paar Monate konnten wir die Kulturarbeit weitgehend von Ideologie und verdeckter Anwerbung freihalten, dann nahmen die Bevormundungen der Friedrichshofer wieder zu. Ab Frühjahr 1983 beendete ich meine studentischen und schulpoiitischen Aktivitäten allmählich, da mein Studienabschluß fällig war. Es gab keinen anderen Studenten mehr, auch ich sollte mein Studium abbrechen. Mehrmals stellte mich die Erste Frau Claudia W. (heutige Mühl) knallhart vor die Alternative: entweder Auszug - 'dann kannst du ja dein Studium beenden' - oder Gruppe, 'dann aber in den Verkauf. Ich blieb, hoffte auf Veränderungen und - ich weiß nicht wie und warum - es gelang mir, meinen Willen durchzusetzen und mein Studium weiterzuführen. Während der Examensvorbereitungen im Sommer und Herbst 1983 hatte ich eine Art Schonfrist. Beinahe alle KommunardInnen arbeiteten den ganzen Tag, kaum jemand war im Hause. Es war eine angenehme Zeit, ein schöner Sommer, ein warmer Herbst, und ich saß an der Peripherie unseres Kommunehauses auf einem Flachdach mit Blick über die Felder.

    Trotz meiner zahlreichen Kontakte außerhalb der Kommune und meiner ausgefransten Gruppenideologie war ich damals nicht fähig, die Konsequenzen zu ziehen und zu gehen. Ich bildete mir ein, nicht kurzfristigen Neigungen folgen zu dürfen, erst nach zehn Jahren der Mitgliedschaft wollte ich aussteigen. Ich schrieb im Juli 1983:
     

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 89


      Mir behagte der zunehmende zentralistische Druck und der steigende alltägliche 'Gruppenterror', der vom Friedrichshof ausging, keineswegs. Deutlich war mit der Abschottung gegenüber der Gesellschaft der Druck innerhalb der Gruppe wieder gewachsen. Persönliche Freiheiten wurden immer mehr eingeschränkt, Privatgeld war wieder abgeschafft worden, jede Tasse Kaffee, jeder Fahrschein mußte abgerechnet, jeder Einkauf beantragt werden. Abendliche Mal- und Tanzkurse, gemeinsames Essen mit 'Palaver', Selbstdarstellungen, usw., vor allem an den Wochenenden war jede freie Minute verplant. Es bestand Anwesenheitspflicht, die alltägliche Rückkehr des ideologischen Eintopfes der AAO-Zeit. Im Februar 1984 schrieb ich, eine besonders treue Ideologin leitete damals:
      Merkwürdigerweise glaubte ich damals, daß Otto Mühl nichts Konkretes über diese Veränderungen in den Gruppen wußte. Ich nahm an, daß seine Gruppenleiterinnen ihn entsprechend falsch informierten. Dies war natürlich teilweise richtig, war Mühl doch seit 1979 nicht mehr in einer Stadtkommune gewesen. Tatsächlich kannte er die Welt außerhalb des Friedrichshofes nur noch als verzerrte Schilderung Dritter. Aber er selbst war, was ich damals noch nicht sah, durch sein Verhalten der Schöpfer dieser verzerrten Wirklichkeitsdarstellungen. Er selbst bestimmte den Kreis seiner Vertrauten, die ihn voller Unterwürfigkeit täglich so informierten, wie es Mühls Geltungssucht, Eitelkeit und Paranoia entsprach. Ich schrieb:
     
     


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      Nachdem mein Examen Ende Februar 1984 bestanden war, suchte ich mir, so schnell ich konnte, eine Stelle, um einem mehrmonatigen 'Urlaub' am Friedrichshof, den ich als 'Umerziehungsaufenthalt' verstand, zu entgehen. (Ich hatte mich bei den acht bis zehn Urlauben am Friedrichshof nie wohl gefühlt und hatte die Tage bis zur Rückkehr in die Münchner Gruppe gezählt. Mir war es bis dahin immer gelungen, nicht länger als 14 Tage bleiben zu müssen.) Während meines nun folgenden 20tägigen Friedrichshofaufenthaltes schrieb ich:
      Obwohl ich mich in meinem Denken bereits weit von der Kommune entfernt hatte, zog ich nicht aus. Ein Grund war, daß ich bereits seit einigen Wochen in eine Mitkommunardin verliebt war. Kurz vor meinem Friedrichshofaufenthalt hatte ich sie in meinem Tagebuch lesen lassen. Dies war ein unglaublicher Vertrauensbeweis, denn solche Offenheit war durch die gegenseitige Kontrolle riskant geworden. So hatten wir eine Zeitlang unsere Zuneigung regelrecht voreinander verheimlicht. Eine Zweierbeziehung war in unserer Kommune mit freier Sexualität so ziemlich das schlimmste Vergehen, denn die sogenannte 'freie Sexualität' war nur solange als frei genehmigt, solange keine Zweierbeziehung oder etwas ähnlich Anrüchiges entstand. (Mühl zum Thema Zweierbeziehung:
      Die Bedingungen der Freiheit waren keinesfalls Lust und Laune unterworfen. Es gehörte schon etwas dazu, den richtigen Wechselrhythmus zu bestimmen, daß man auf keinen Fall in Zweierbeziehungsverdacht geriet. Den freien Verkehr nach dem Lustprinzip gab es nur für einen - Otto Mühl. Hatte er eine Lieblingsgespielin, so war das eine 'therapeutische Zweierbeziehung,
     


     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 91


    denn Otto Mühl hatte 'das natürlich voll im Griff und erzog' die Bettgenossin. (Was meist mit einem Aufstieg in der Hierarchie verbunden war - in bösen Momenten wurde von 'in der Hierarchie hochpudern' gesprochen.)

    Mühl lehnt die Zweierbeziehung vor allem deswegen ab, weil jede Beziehung - und gerade diese tiefe Bindung zweier Menschen - die Betroffenen aus seinem Machtbereich hinaussaugte. Beziehung schafft Vertrauen und ermöglicht vertrautes Gespräch. Dieser Austausch der Gedanken ließ die Zweifel an Mühl und seiner Ideologie wachsen, das Züchtigungs- und Kontrollmittel Hierarchie verlor seinen Schrecken. Wo die soziale Anerkennung der Gruppe durch die Anerkennung und Einigkeit mit dem Partner ersetzt wurde, nahm Mühls Einfluß rapide ab. Mühl wußte dies:
     

    Allmählich wuchs unser gegenseitiges Vertrauen, sodaß wir immer offener übereinander und die sich vollziehenden Veränderungen in der Gruppe sprachen. Und merkwürdig, die Macht der GruppenleiterInnen, der Gruppendruck, alles wurde immer unwichtiger, leicht durchschaubar und damit weitgehend wirkungslos. Trotzdem wollten wir das Kommuneleben, unsere Ideale, die jahrelangen Beziehungen zu anderen Gruppenmitgliedern nicht einfach aufgeben. Wir wollten eine Zweierbeziehung, jedoch innerhalb der Gruppe. Eine Zeitlang sah es so aus, als könnte dies gelingen, gab es doch inzwischen mehrere Zweierbeziehungen, die sich zu ihrer Liebe öffentlich bekannten. In München trafen wir uns regelmäßig zu sechst, schauten Filme, rauchten Zigaretten, unterhielten uns über die Gruppe. Nach wenigen Wochen wurden wir als 'Untergrundbande enttarnt'. Bei einem Friedrichshofurlaub hatte sich Christian, ein Mitglied unserer Sechsergruppe, bei einer Selbstdarstellung mit seinem öffentlichen Geständnis wichtig gemacht. Als wir anderen im Juni ebenfalls zum Friedrichshof kamen, wurden wir von Mühl vor etwa 200 KommunardInnen an einem Selbstdarstellungsabend 'angegangen' und mit Verschickung bedroht. Vorbei war es mit den gemütlichen Treffen. Ich schrieb:
      Im Juli 1984 nahm der Druck auf unsere Zweierbeziehung weiter zu, wir sollten uns ein paar Wochen trennen, um 'das Ganze zu überdenken', dann
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 92

    könnten wir uns ja immer noch entscheiden. Da wir uns selbst immer noch nicht ganz sicher waren, was wir wollten, willigten wir ein. Meine Freundin fuhr zum Friedrichshof, ich blieb in München. Wir schrieben uns heimlich Briefe und telefonierten. Es war riskant und aufregend, aber wegen der Unsicherheit auch entnervend. Mitte August entschloß ich mich, einen Brief an Otto Mühl zu schreiben, denn ich glaubte noch immer, daß Mühl lediglich von seinen GruppenleiterInnen falsch informiert sei und aufgehetzt würde. Ein Auszug des Briefes:
     

    Ende August kam meine Freundin wegen eines Zahnarztbesuches vom Friedrichshof zurück. In diesem Monat war uns beiden endgültig klar geworden, daß wir das tiefe Bedürfnis hatten, zusammenzubleiben, und uns auf keinen Fall trennen lassen würden. Wir wollten jedoch weiter in der Gruppe leben. Trotz aller intellektuellen Ablösungsprozesse war unsere emotionale Abhängigkeit bestenfalls angeknackst. Einige Wochen wurde unserem Wunsch entsprochen, doch Mitte Oktober befahl Mühl, daß wir mit zwei anderen Zweierbeziehungen zum Friedrichshof kommen müßten. Mit allen ihm verfügbaren Mitteln versuchte Mühl, seinen Einfluß auf uns zurückzugewinnen. Ich sollte nach Berlin zwangsversetzt werden, meine Freundin zum Friedrichshof kommen. Ich könnte sie ja jedes zweite Wochenende besuchen. Ein Auszug aus einem der Gespräche, bei denen jeweils 30-80 Personen anwesend waren.
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 93


      In dieser direkten Auseinandersetzung mit Otto Mühl um ein mir existentiell wichtiges Gefühl lernte ich mehr über diesen Menschen, seine Führungsdamen und die Bewunderung blökende Anhängerschar als in den achteinhalb vorherigen Jahren. Für mich war nun klar, daß ich soviel Willkür nicht mehr mitmachen würde, aber würde meine Freundin mitgehen? Bis kurz vor unserer Abfahrt vom Friedrichshof versuchten sie, uns auseinanderzubringen, doch wir sahen beide keine Alternative, wir fuhren zurück nach München. 'Lieber das Risiko des Auszugs als den Horror der Trennung', schrieb ich damals. So wurde meine seelische Odyssee, die Suche nach mir und nach neuen Lebensformen, durch die älteste Geschichte der Welt
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 94

    beendet: die Liebe entzog mich Mühls Klauen. In einer letzten tränenreichen Nacht brach die jahrelange geistige Enge des Kommunedenkens angesichts unseres gemeinsamen Bedürfnisses restlos zusammen. Wir verließen die Kommune ohne Geld mit unserer geringen persönlichen Habe, um unser eigenes Leben endgültig in die Hand zu nehmen.

     


     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 95



     

     
     

    1984-1990: Verirrungen in einer geschlossenen Gemeinschaft

    Alltag in der Kommune (1984-1990)

    Ein ehemaliger Kommunarde, der 1988 ausstieg, schildert den Alltag in einer Stadtgruppe in den Jahren 1986-1988.
     

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 96


      Wer im Innnendienst in den Firmen tätig war, war ständiger Kontrolle ausgesetzt. Höchstes Streben vieler KommunardInnen war es daher, so schnell wie möglich in den Außendienst (=Verkauf) zu gelangen. Viele Verkäufer genossen die tägliche Abwesenheit von der Gruppe, die Gespräche mit Kunden waren regelrecht entspannend. Daher die hohe Bereitschaft, bis spät in die Nacht hinein zu arbeiten. Viele kamen regelmäßig erst nach 20 Uhr - oft auch später - nach Hause. Kein Wunder, daß viel Geld verdient wurde. Aber auch die Verkäufer wurden kontrolliert. Bei den Terminen wurde angerufen, um nachzuforschen, ob derjenige auch da war bzw. wie lange er blieb. Mehrmals am Tag mußten die Verkäufer in den Firmen anrufen. Waren die deutschen Firmen, welche die KommunardInnen zwischen 1984 und 1990 gründeten und betrieben, rechtlich einwandfrei, so wurde in Holland - auf Direktive Mühls - auch an kriminellen Geschäften partizipiert.

    In Amsterdam arbeiteten fast alle KommunardInnen von 1985-1987 in der Broker-Firma 'First Commerce' bzw. 'Green Tree' des Kanadiers I. K., einem international (von Interpol und FBI) gesuchten Aktienbetrüger. Aktien wertloser Firmenhüllen wurden an Anleger verkauft. Einige

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 97

    wenige KommunardInnen hatten Ende 1984 bei 'First Commerce' angefangen, ihre Gehälter und Provisionen überstiegen rasch den Durchschnittsverdienst der anderen Gruppenmitglieder. Eilig wurden alle KommunardInnen in das illegale Geschäft gedrängt. Wer Gewissensbisse hatte, wurde erheblichem Druck ausgesetzt. Mühl rechtfertigte die illegalen Geschäfte:
     

    Schon Sommer 1985 arbeiteten fast ausschließlich Gruppenmitglieder bei 'First Commerce', auch in führenden Positionen. Die Gehälter wurden in der Schweiz ausbezahlt und flossen auf das Konto einer Panamaischen Briefkastenfirma. Pro Kopf und Monat zwischen 10.000 und 50.000 US-Dollar, insgesamt in einem Jahr ca. neun Millionen Dollar. Natürlich unversteuert [T,G,AN].

    Anläßlich massiver Klagen aus dem Ausland wurde im Mai 1986 das Büro der 'First Commerce' von der holländischen Polizei durchsucht und wenig später Anklage erhoben. (Einige Kommunemitglieder flohen noch am selben Abend mit dem Flugzeug ins Ausland und tauchten einige Zeit unter.) K. gründete eine neue Firma: 'Green Tree'. Als auch diese Firma einige Monate später ein juristisch diktiertes Ende fand, hatte der ehemalige Verkaufsleiter von 'First Commerce' - L. W. - eine neue Idee. Im August 1986 reiste er mit einem Geschäftspartner zum Friedrichshof, um mit Otto Mühl das "Projekt Zypern" zu beraten. Nach zwei Tagen hatte man sich geeinigt. In Zypern wurde die neue Schwindelfirma 'York International Securities' nach bekanntem Muster gegründet, acht bis zehn KommunardInnen hausten dort in Hotels und verdienten noch einmal ein paar Monate ordentlich. Wiederum Schwarzeinnahmen für das Schweizer Nummernkonto. Später wurde das Panamaisch-Schweizerische Schwarzgeld dadurch weiß gewaschen, daß die kommuneeigene Luxemburger Stiftung 'Almende AG' mit Konto bei der Luxemburger Bank 'SoGenal' Kredite in entsprechender Höhe erhielt. Auf dieses Konto flossen auch die Ersparnisse der anderen Gruppen.

    Die Gelder auf dem Luxemburger Konto waren eigentlich als Altersvorsorge gedacht. Man plante noch fünf bis zehn Jahre in dem Tempo weiterzuarbeiten, um sich dann am Friedrichshof gemeinsam zur Ruhe zu setzen, sodaß keiner mehr extern arbeiten müsse und alle so leben würden, wie bereits seit über zehn Jahren die 1. und 2. BAG am Friedrichshof. Doch es sollte anders kommen. Im Mai 1986 setzte Tschernobyl ein Zeichen. Fieberhaft wurde nach Möglichkeiten gesucht, um der Strahlengefahr zu entkommen. Unter Führung von Mühls späterer Frau Claudia (W.) brach eine Gruppe hierarchiehoher Erwachsener mit Kindern zur Kanarischen Insel La Gomera auf. Es gelang Claudia und T., Mühl 1986 zu
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    einem Aufenthalt auf Gomera zu bewegen. Dies war unglaublich schwer, denn Mühl hatte seit 1979 den Friedrichshof höchstens zu eintägigen Reisen nach Wien zum Zahnarzt etc. verlassen. In kleiner Begleitung flog Mühl und war begeistert. Er verfiel in einen Kaufrausch, großzügig wurden bis 1990 ca. 180 Millionen Schilling [ca. 13 Millonen Euro] in Gomera investiert und zu einem großen Teil verschleudert. (In einer Bilanz 1990 sind die Liegenschaften auf Gomera vorsichtig mit etwa 52 Millionen Schilling [ca. 3,7 Millonen Euro] angegeben, eine Abwertung von etwa 70 Prozent.)

    Otto Mühl "managte" viele Käufe selbst, er war "in den Verkauf eingestiegen". Ein Haus in San Sebastian wurde erworben, Mühl zahlte freiwillig ein paar zehntausend Mark drauf, weil der Vorbesitzer so nett war. Ein weiteres Haus - inclusive umgebendes Grundstück - wurde gekauft, natürlich auch zu teuer. Mühl war der Meinung das Grundstück um das Haus nicht erstanden zu haben, also wurde dieses - zum zweiten Mal - gekauft. Der Ausbau einer Hazienda in einer großen Bucht - 'el Cabrito' - wurde von der "Bewußtseinselite" organisiert. Vieles war zu teuer gekauft, wurde nicht benötigt... Fehlleistung reihte sich an Fehlleistung, die Millionen ergossen sich über die verwunderte Inselbevölkerung Gomeras. Die Grundstückspreise stiegen, jeder wollte an die merkwürdigen Österreicher - 'Mormonen' genannt - irgendein Grundstück abstoßen. Während Mühl in Gomera seinen Kaufrausch austobte, wurden in den Stadtkommunen die Unterhosen rationiert, äußerste Sparsamkeit befohlen.

    Schon am Friedrichshof, aber mehr noch in Gomera, lebte die 'Bewußtseinselite' um Otto Mühl in den Tag hinein. Wesentlich war, daß Mühl vom Aufwachen bis zum Einschlafen regelmäßig alle paar Stunden Haschisch rauchte, häufig auch noch härtere Alkoholika trank und phasenweise auch intensiv Kokain schnupfte. Der permanente, jahrzehntelange Drogenkonsum ist sicherlich mitverantwortlich für die extremen Verirrungen in Mühls Verhalten mit ihren schlimmen Folgen für die Gemeinschaft.
     

     


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      Aus der ehemals therapeutischen Zwecken dienenden Selbstdarstellung war ein Instrument der öffentlichen Kontrolle von Gefühlen und Gedanken geworden. Das von Otto Mühl propagierte Idealverhalten war: "Ein reines Gewissen hat man erst dann, wenn man alles was man spürt, so schnell wie möglich öffentlich macht." [SDA 25.1.84] Ursprünglich hatte die Maxime gegolten, daß in der Selbstdarstellung alles gesagt werden könne, ohne daß dies Konsequenzen im Alltag haben würde. Dies war jedoch selten der Fall. Wer in der Selbstdarstellung sein Gewissen öffentlich reinigte, der mußte auch für seine lose Klappe büßen. Das hatte bald auch der letzte verstanden, so war es nicht verwunderlich, daß sich kaum noch jemand gehen ließ -ängstliche Selbstkontrolle war die Folge. Die öde Routine der abendlichen Versammlung nahm kaum noch einer wahr. [S]

    Mit der Zeit wurden am Friedrichshof die Kinder zum Mittelpunkt des abendlichen Geschehens. Die "steifen, unschöpferischen Erwachsenen" saßen am Rande und mußten Abend für Abend den "lockeren, schöpferischen Tänzen" der Kinder zusehen, um anschließend Mühls ewig währenden Monologen zu 'hochphilsophischen' Themen zu lauschen. Andächtig und begeistert mußten der Meister und seine Zuchterfolge beklatscht und bejubelt werden. Selbst die verbale Äußerung des Beifalles war standardisiert: "Toll! Supi! Irre doli! Wow!" Die Zahl der Akteure der abendlichen Veranstaltung begrenzte sich auf den kleinen Kreis der Führungsmannschaft und der Kinder, der Rest wurde zu debilen Statisten und Jublern. Nur ab und zu wurde ein Gruppenmitglied, welches z.B. "Auszugsgedanken" geäußert hatte, durch "nicht-hierarchiegerechtes Verhalten" aufgefallen war, in der Selbstdarstellungsmitte von Otto Mühl "behandelt".

    Allabendlich konnte man die Männer - mit oder ohne eigenes Bettzeug - durch die Gänge der Gruppenhäuser wandeln sehen, auf dem Weg zur Partnerin der Nacht. Jede Frau hatte ihr eigenes Doppelbett in ihrem Zimmer. Am Tage oder auch einige Tage vorher war der nächtliche Verkehr bereits vereinbart worden. So sah man Männer wie Frauen abends mit einem Taschenkalender oder losen Blatt in Händen herumgehen, auf welchem für jeden Tag irgendwelche Namen hingekritzelt waren. Ohne diese Gedächtnisstütze geriet man/frau häufig in die peinliche Situation, sich für dieselbe Nacht mehrfach verabredet zu haben. Dies hatte, falls es häufiger geschah, wiederum Folgen im "Sexpalaver". Alle paar Wochen wurden in einer gemeinsamen Gruppensitzung die sexuellen Verhaltensweisen jedes einzel-

     

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    nen untersucht und auf Linientreue abgeklopft. Eine ehemalige Kommunardin:
     

    Erwünscht war laut Mühl: "Lockerheit und Sexualität ohne Gefühl und Zweierbeziehung." Denn: "Bei uns ist Liebe eine Krankheit." [G 4.4.85] Die Folge der Hierarchisierung der Sexualität war, daß
      Um unerwünschte Zweierbeziehungen zu verhindern und den Partnerwechsel zu optimieren, wurde 1986/87 sogar kurzzeitig modernste Technik eingesetzt. In Düsseldorf wurde eine Idee Mühls verwirklicht - die "Computerfickliste". Eine begeisterte Düsseldorferin schrieb:
      Waren solche "Computerficklisten" skurrile Nebenerscheinungen im "Bewußtseinsbordell" [M 16.4.81], so war die Triebabfuhr doch streng geregelt. Da tagsüber alle arbeiteten, blieben für sexuelle Aktivitäten die wenigen Stunden zwischen 20 und 24 Uhr. Das Dilemma der letzten Jahre war, daß ein großer Teil der Aussteiger Männer waren. Dies führte zu der tragischen Situation, daß je nach Gruppe etwa 20 bis 30 Prozent mehr Frauen als Männer zusammenlebten. Die weniger werdenden Kommunarden waren sexuell überbeansprucht. Damit der soziale Unfriede nicht allzusehr loderte, wurden sie knallhart zum Dienst eingeteilt. Nach persönlichen Vorlieben fragte schon lange niemand mehr - Augen zu und durch.

    Allein Otto Mühl behielt sich das Recht vor, seine sexuellen Partnerinnen frei zu wählen. Mit etwa 90 Prozent der Frauen wollte er ohnehin nicht mehr verkehren, so beschränkte er sich auf seine Führungsdamen und den weiblichen Kommunenachwuchs. Wegen seiner Potenz ließ er sich von allen als der Mann aller Männer bewundern. Er war der Beste, der Tollste, der Geilste. "Er liebte es, wenn die Frauen ihn wie Kätzchen umschnurrten. Pascha Mühl, sein Harem und seine Eunuchen." [WO] Für die KommunardInnen war dieses Theater akzeptierte Wirklichkeit. Waren die Frauen nach
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    ihrem Auszug von dem Nebel des Kommunealltags befreit, so hatten sie häufig ganz anderes zu berichten. Eine ehemalige Kommunardin zu Mühls sexuellem Verhalten:
     

    Der Kontakt zu Eltern, Familienangehörigen und früheren Freunden war streng reglementiert, da jede tiefere Beziehung zu Nicht-KommunardInnen eine Bedrohung für das System darstellte:

    - Treffen mit Freunden oder Familienangehörigen mußten angemeldet und genehmigt werden;
    - Übernachtungen bei den Eltern oder Freunden waren fast undenkbar;
    - Besuche selbst bei todkranken oder gar sterbenden Eltern und Familienangehörigen wurden willkürlich von Mühl verboten oder großherzig erlaubt.

    Bei den Verschickungen war darauf geachtet worden, daß möglichst alle KommunardInnen in einer Stadtgruppe lebten, in deren Nähe keine Eltern, Verwandten oder alten Freunde wohnten. Am Friedrichshof war die Isolation ohnehin total. So beschränkte sich die einzige, halbwegs regelmäßige Kontaktmöglichkeit auf den brieflichen Austausch. Und selbst dieser war kontrolliert. Viele Briefe wurden geöffnet und Antworten häufig in "Schreibkursen" - z.B. vor und nach Weihnachten - gemeinsam verfaßt.

    Für die Eltern war der Besuch in der jeweiligen Stadtgruppe bzw. am Friedrichshof die einzige Möglichkeit, ihre Kinder und meistens auch Enkel regelmäßig zu sehen. Wer sein Kind am Friedrichshof besuchte, der mußte sich gezwungenermaßen mit Otto Mühl - immer umgeben von Dutzenden Anhängern - konfrontieren. Ein Beispiel, Otto Mühl im Gespräch mit Eltern 1985:
     

     


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      Das Leben in der geschlossenen Gemeinschaft war nur schwer zu ertragen, und viele litten einsam inmitten der Masse. Warum blieben trotzdem 350-400 Erwachsene? Mühl wußte es: "Der Mensch ist ein Tier, und das erste was er will ist soziale Anerkennung." [G 20.6.85] "Lebensglück ergibt sich aus der Anerkennung im sozialen Kollektiv." [TB 31.5.84] Die Anerkennung kontrollierte Mühl. Wer in seiner Nähe sein durfte, der war von den anderen respektiert. Wer von Mühl selbst unterstützt wurde, der konnte sich seines sozialen Aufstiegs in der Kommune sicher sein. Und Mühl war sich seines Systems so sicher, daß er ganz öffentlich erklärte:
       
     
     

    Projekt "Dritte Generation" -

    "Kinderproduktion" und Aufzucht des "neuen Menschen"

    1977/78 hatte es schon einmal eine Privatschule Friedrichshof gegeben. 1980, als die ersten am Friedrichshof geborenen Kinder das schulpflichtige Alter erreichten, wurde zunächst eine Grundschule, später eine Hauptschule gegründet. Die Schule wurde als Internat geführt, dies bedeutete, daß alle

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 103

    Kinder der Kommunen - meist ohne Eltern - am Friedrichshof lebten. Für die Kinder bestand keine Wahl, sie mußten alle 1982 zum Friedrichshof kommen. Ein damals elfjähriges Mädchen in der Düsseldorfer Gruppe wollte nicht:
     

    Das österreichische Schulgesetz legt den Schulträgern lediglich minimale Verpflichtungen auf. Jede Einzelperson oder jeder Verein, der ausreichende Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, staatlich geprüfte Lehrer anstellt und sich an den österreichischen Lehrplan hält, kann eine Schule gründen. Landesschulinspektoren prüfen vor Unterrichtsbeginn die örtlichen, personellen und inhaltlichen Umstände der Schule und kontrollieren mehrmals jährlich den laufenden Betrieb. Selbst gegen diese geringen Verpflichtungen des Schulgesetzes wurde laufend verstoßen. Selten waren die offiziell eingestellten Lehrer mit den tatsächlich unterrichtenden Lehrkräften identisch. Ein ehemaliges Mitglied berichtet:
      Auch Mühl unterrichtete. Mühl zu seiner eigenen Rolle in der Privatschule Friedrichshof: "Jetzt bin ich Lehrer geworden, sogar fast Schuldirektor, Studienrat, Oberstudienrat sogar." [NE 20.2.83] Selbst in Briefen an alte Freunde gab Mühl mit seiner herausragenden Bedeutung am Friedrichshof bzw. in Gomera an: "Es leben hier 70 Kinder und ca. 200 Erwachsene, und ich bin der Chef, der Direktor dieser Anstalt." [Brief an Willi 24.3.85] Mühl unterrichtete einmal wöchentlich am Samstag vormittag, in der "Friedrichshof-Doku" durch die Überschrift "Schulstunde Otto Mühl" gekennzeichnet. Er referierte zu so unverfänglichen Themen wie "Kunst und Kleinfamilie" genauso wie über verfängliche Fragestellungen - beispielsweise "Über Sexualität und Zweierbeziehung":
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 104

    Es war offensichtlich. (Otto Mühl begann seine Schultätigkeit zu verleugnen, nachdem er wegen Unzucht mit Abhängigen und sexuellem Mißbrauch Minderjähriger angezeigt worden war.) Aber die Politiker wußten es besser. Blindlings wurde den Friedrichshofer "Außenministern" geglaubt, das Tagesgeschäft ließ anscheinend kaum Zeit für eingehende Information.  " 'Otto Mühl hat in dieser Schule keine Funktion', weiß Hawlicek.-Sprecher D. 'Er unterrichtet dort nicht.'" [Profil 88/28, S.71] Und die Schulbehörden, die kontrollierenden Schulinspektoren? Nun ja, Schulinspektor P. war ein alter Schulfreund Mühls, Kontrollbesuche wurden meist nur angekündigt durchgeführt.

    Als 1984/85 mehrere Jugendliche den Wunsch äußerten, nach der Hauptschule eine weiterführende Schule zu besuchen, wurde im 12er-Rat erwogen, ein Gymnasium am Friedrichshof einzurichten. Doch welchen Zweck hätte das Abitur? Dann würden die Kinder auch noch studieren wollen, und eine Universität zu gründen war ganz unmöglich. Der 'qualvolle' Gedanke war dabei stets, daß durch den "externen Schulbesuch" die Heranwachsenden allzusehr dem eigenen Einfluß entzogen würden. Statt eine anständige Schulbildung zu gewähren, wurden verschiedene planlose Ausbildungsversuche unternommen, die nach wenigen Monaten gnadenlos austrockneten. Im Sommer 1985 wurde mit einer "Gruppenleiterschule" begonnen, dort sollte im wesentlichen Mühlsches Bildungs(strand)gut gelehrt werden. Mühl:
     

    Als 1986 dieser 'Ausbildungs'-Versuch gründlich fehlgeschlagen war, wurden die Jugendlichen in die kommuneeigenen Firmen geschickt, um dort "alles zu lernen, was wir in allen Bereichen machen [HL]." Die betroffenen Jugendlichen erzählten, daß sie hauptsächlich Briefe kuvertierten, am Kopierer standen, Kaffee kochten etc. Auch hier keine systematische Ausbildung, keine konsequente Betreuung, kein Lehrplan, auch dieser Versuch scheiterte schmählich. Den Schaden hatten die Heranwachsenden.
    Natürlich blieb Mühl sein vielfältiges Versagen bezüglich der Jugendlichen nicht gänzlich verborgen. Immer wieder fragte er sich ängstlich: "Ob
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 105

    die Kinder, unser pädagogisches Experiment, in der Pubertät ausziehen?" [G 2.2.86] Um den Wunsch der Jugendlichen und der Kinder nach Verlassen der Mühl-Gemeinschaft zu verringern, betrieb Mühl massiv Negativwerbung bezüglich der "Kleinfamilie". In "Schulstunden Otto Mühl", bei den "Kinderpalavern" usw. träufelte er gezielt Fehlinformationen und Angstbilder in die kindlichen Gehirne. Jugendlichen, die den Wunsch nach "Auszug" äußerten, wurde massiv verdeutlicht, daß sie "draußen" nur die Wahl zwischen "Zuhälter, Aids, Krebs, Mord, Selbstmord, Alkohol, Drogensucht" und ähnlichen schönen Dingen mehr hätten [JB,JC,JE].

    War die Schulbildung der Kinder und Jugendlichen am Friedrichshof äußerst mangelhaft, so war die Kleinkindererziehung katastrophal. Nach 1978 waren die antiautoritären Ansichten in bezug auf Stillen, Reinlichkeitserziehung und Rolle der Mutter aufgegeben worden. Die Meinung, Mühls "neue Menschen" schaffen zu müssen, blieb ebenso erhalten wie die totale Schuldzuweisung an die Mütter beim Scheitern dieses Versuches. So blieben die Mütter auch weiterhin ängstlich, es war unmöglich, unter Mühls anspruchsvollem Auge Kinder zu erziehen. Und alle Kinder - ab vier Jahren häufig ohne Mütter - mußten am Friedrichshof leben.

    Solange die "Bewußtseinsverbreitung durch Gästearbeit" geleistet wurde, war es überwiegend den Frauen der 1. B AGs am Friedrichshof gestattet, Kinder zu gebären. Bis auf eine handvoll Ausnahmen wurden alle schwangeren Frauen unterhalb dieser 'Bewußtseinsgrenze' zu Abtreibungen gedrängt. Ein ehemaliger Kommunarde:
     

    Erst ab 1984 wurde diese Regel von Mühl geändert. Die Vermehrung durch Anwerbung neuer KommunardInnen wurde aufgegeben, statt dessen sollte die Zukunft Mühlscher Ideen und Lebensart durch die natürliche Fortpflanzung sichergestellt werden: "Kinderproduktion".
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 106

    Natürlich entschied Mühl und sein 12er-Rat nicht nur darüber, welche Frau Mutter werden durfte, auch die Väter wurden bestimmt. Meist wurde die Vaterschaft regelrecht 'ausgewürfelt'.
     

    Es war eine "große Ehre, von Otto Mühl ein Kind zu haben. Für viele Frauen war dies das höchste Ziel" [W]. Da dieser jedoch nicht alle Kinder machen konnte und wollte, durften die Frauen die Väter ihrer Kinder - in engen Grenzen - selbst aussuchen. Meist waren sie ideologisch sauber genug, daß sie die von Mühl propagierten Kriterien streng einhielten. Nicht Liebe und Zuneigung, sondern körperliche Merkmale bestimmten die Vaterschaft - biologische Zuchtwahl. Eine Kommunardin 1987 in einem Brief an Otto Mühl: "Ich bin sehr glücklich, weil ich gerade ein Kind machen darf. Zwei Männer habe ich mir ausgesucht, Peter und Jörg. Ich bin wirklich nur nach Körperbau und Gesicht gegangen. Der Charakter vererbt sich ja nicht, Gott sei Dank." Die Jagd auf gewünschte Väter führte manchmal ins Absurde.
      Üblicherweise mußten die Frauen, die eine Schwangerschaft wünschten, ein schriftliches Gesuch an den 12er-Rat richten. Dort wurde über die Reife zur Mutterschaft entschieden. Da alle Mütter die letzten Monate ihrer Schwangerschaft und die ersten Monate nach der Geburt mit ihrem Kind am Friedrichshof verbringen mußten, waren zum einen die räumlichen Verhältnisse zu planen, außerdem fielen die Frauen als Verdiener aus. Daher sollten pro Jahr nicht mehr als 20-30 Frauen schwanger werden. Eine Betroffene schildert nach ihrem Auszug:
      Nicht immer lief alles per Antrag. Wechselhaft, wie Mühl nun einmal war, war die "Kinderproduktion" auch des öfteren spontanes Thema des "Selbstdarstellungsabends". Mühl fragte:
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 107


      Mühls Mütterideal lautete 1985: "Je jünger die Mutter, desto besser!" Er propagierte:
      Besonders schrecklich war es 1984/85. Den meisten Müttern wurden ihre manchmal erst einige Wochen alten Säuglinge durch Beschluß des 12er-Rates entrissen. Denn angeblich bildete sich eine "schleimige Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind", die unbedingt und mit allen Mitteln bekämpft werden mußte. Mühl: "Es bricht nämlich jedesmal eine Zweierbeziehung aus zwischen Mutter und Kind, eine echte schmierige Zweierbeziehung, die für das Kind sehr schädlich ist." [AGL 20.10.84] Die Mütter gehorchten, wenn auch fassungslos und innerlich zerrissen. Lediglich eine Mutter - langjähriges Mitglied der 1. bzw. 2. BAG - verließ die Kommune. Sie schrieb über diese Zeit: "Ich habe nie in meinem Leben mehr gelitten. Es war das Schlimmste, was ich je erlebt habe." [EE W] Die Säuglinge und Kleinkinder erhielten sogenannte "Ersatzmütter". Mühl bevorzugte die heranwachsenden Jugendlichen zwischen zwölf und 15 Jahren, die von dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert waren. In enger Zusammenarbeit mit Mühl sollten diese die "ungute Fixierung auf die Mutter" beseitigen helfen. Eine dieser Ersatzmütter erzählt:
      Die Frauen, die noch nicht Mütter waren, begriffen das tiefe Elend des Mutterseins am Friedrichshof nicht. Wie sonst lassen sich Szenen wie die folgende erklären?
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 108


      Mühl begriff sehr wohl, wie brutal seine Methoden auf die Mütter wirkten. Und er wußte auch, wie die Öffentlichkeit auf diese Methoden reagieren würde. Zynisch bis zur Unmenschlichkeit schilderte er 1985 den Fall einer Mutter:
      Es fiel Mühl nicht schwer, die "Zweierbeziehungsgeschädigten Kinder" zu erkennen. Er hatte seine eindeutigen Kriterien:
      Viele Mütter wurden in dieser Zeit von den Kindern entfernt und vom Friedrichshof weggeschickt.. Ein Beispiel:
      Wie das auf die zahlreichen Mütter am Friedrichshof oder auf Gomera wirkte, schildert eine 1988 ausgestiegene Frau:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 109


      Brandmarkte Mühl die Mutter-Kind-Beziehung als "schleimige Zweierbeziehung", so versuchte er, jede andere tiefe Beziehung oder Bindung des Kindes ebenso zu verhindern: "Kindermädchen sollen verschlissen und weggeworfen werden. Kontinuität ist die Gruppe." [G 27.7.84] (Viele vor allem hierarchiehöhere Frauen hatten während der ersten Jahre ein Kindermädchen.) Auch eine intensive Beziehung zum leiblichen Vater oder zu anderen männlichen Kommunarden war verboten. Mühl:
      Und warum? Alle Kinder sollten in Mühl die höchste Autorität sehen. Mühl hatte den Anspruch, "Vater aller Kinder" zu sein. Eine ehemalige Kommunardin erzählt:
      Mühl selbst zu diesem Thema:
      Im Zwiegespräch mit seiner Gattin Claudia wurde auf 'allerhöchster Bewußtseinsebene' über die Säuglings- und Kleinkindererziehung 'philosophiert'.
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 110


      Und das Ergebnis? Wie wirkte der "Vater aller Kinder" auf seine Kleinen?
      Dieses "richtige Bild" des Kindes von Mühls "Autoritätsrolle" entsprach dem Bild Mühls vom Kinde. Mühl:
      Die Erziehungsgrundsätze, nach denen Mühl aus der "Materie" einen Menschen formen wollte, sind einfach und wohlbekannt: "Erziehung ist Dressur, keine angenehme Sache für das Kind. Und es will auch nicht erzogen werden." [G 17.2.85] Nach Mühls Meinung brauchten Kinder Druck, ansonsten würden sie "verwahrlosen": "Wenn man sie (die Kinder) ein wenig auslaßt, schwimmen sie sofort weg und kommen ... gleich in die Verwahrlosung hinein. Anscheinend brauchen Kinder ununterbrochen Druck." [G 4.9.84] 'Sinnloses' kindliches Herumtollen und Spielen war Mühl ein Greuel, er bevorzugte Arbeitseinsätze: "Erziehung ist, daß man nichts unsinniges mit den Kindern macht, d.h. daß man nicht 'Halma' oder 'Mensch ärgere dich nicht' den ganzen Tag spielt, sondern stattdessen Gläser abwäscht." [G 26.2.85] Aus dem Munde des großen "Pädagogen und Schöpfers des neuen Menschen" klang es wie aus einem leicht verstaubten, angemoderten Lehrbuch für Kindererziehung der Jahrhundertwende: "Kinder müssen gebrochen werden." Mühl:
     
    In vertrautem Kreis gab er auch gern mit dem an, was er öffentlich leugnete. Der Applaus seiner Führungsdamen war ihm sicher.
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    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 111


      Mühls Frau Claudia schreibt in einem Brief an eine vom (Friedrichs-)Hofe abwesende Gruppenleiterin über die praktische Anwendung der Erziehungsmethoden des Meisters.
      Ehemalige KommunardInnen belegen, daß diese verbalen Verirrungen auch praktisch umgesetzt wurden:
      So war es kein Wunder, wenn selbst Erwachsene, langjährige KommunardInnen berichten:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 112

    Bereits die Kinder unter einem Jahr wurden in einer Kinderhierarchie gereiht. Bis etwa zwei Jahren richtete sich der Hierarchieplatz nach der hierarchischen Position der Mutter. Eine ehemalige Kommunardin:
     

    Täglich hatten sich die Kinder zum "Kinderpalaver" zu versammeln. Mühl erschien und verbreitete 'Bewußtsein', ordnete die Kinderhierarchie, belohnte mit netten Worten oder honigsüßen Kuchen und strafte mit Schreien und Schütteln. Ein ehemaliger "Friedrichshof-Pädagoge" meint: "Ich habe über Monate dieses mittägliche Kinderpalaver mitbekommen, das war zu der Zeit immer in Ottos Malatelier, und die Kinder kamen mir immer sehr erstarrt, fast paralysiert vor." [EE A] Da viele Kinder immer offensichtlichere Schwierigkeiten hatten, wurde ab 1986 vorübergehend die Aktionsanalyse wieder eingeführt. Die Kinder sollten ihre Schädigung - entstanden durch die zu "private Erziehung der Mütter" - wie in den guten alten Tagen hinausbrüllen.

    Ein weiterer schwerer Vorwurf wurde 1988 gegen Mühl erhoben: Der sexuelle Mißbrauch Unmündiger. (Seitdem dies bekannt wurde, kursierte in der Ehemaligenszene der makabre Witz: Seit ein paar Jahren hat Mühl eine neue Kamasutra-Stellung kreiert - mit einem Bein im Gefängnis.) Mühl sah es als seine Pflicht an, die "Mädchen in die Sexualität einzuführen". Liebe und Beziehung waren dabei selten im Spiel, Mühl betrachtete den sexuellen Mißbrauch von Unmündigen als pädagogisches Spiel: "Ein Mann kann eigentlich nie von einem so jungen Mädchen gefesselt werden. Es ist ein Spiel und sehr toll, ein pädagogisches Spiel, auch sehr geil." [G 17.7.85] Mühl: "In der ganzen Welt wird doch die Sexualität der Kinder unterdrückt. Bei uns ist eine irrsinnige Freiheit, wie noch nirgendwo da war." [NE 5.2.84] Die Mädchen erlebten das ganz anders, eine Betroffene schildert:
     

    Die meisten Stadtkommunardlnnen, ja selbst die Eltern der Jugendlichen wußten nichts von dem sexuellen Mißbrauch der Unmündigen. Ein Kommunarde:
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 113

     "Man hat zwar gemerkt, am Friedrichshof läuft irgendwas, aber wir haben in den Stadtkommunen nicht begriffen, was da passiert." [EE A] Nur im engeren Führungszirkel wurde offen über Mühls Neigungen gesprochen, ein ehemaliger Kommunarde erzählt:
     

    Der psychische Druck der Führungsdamen, Angst vor dem gewalttätigen Mühl und Selbstzweifel in der geschlossenen Gemeinschaft machten die Mädchen zu wehrlosen Opfern sexueller Übergriffe. Wer seinen Willen brechen ließ, wurde von der Führungsclique gefeiert, wer sich - manchmal auch monatelang - verweigerte, wurde von den Mühlschen Haremsdamen angefaucht: "Was? Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Glaubst du, daß du dich dem Otto verweigern kannst? Was weißt du überhaupt, was du für ein Glück hast, daß du mit dem Otto darfst." [EE W] Je mehr und je offener Otto Mühl die heranwachsenden Mädchen sexuell bevorzugte und anpries, desto rabiater wurden die älteren Frauen gegenüber den Mädchen. So war es vor allem die von Mühl erzeugte sexuelle Konkurrenz, wodurch die Solidarität der älteren Frauen mit den Mädchen zerstört wurde.

    Bereits 1981 hatte der Sexualtechniker Mühl mechanisch genaue Anweisungen für einen "Kurs für Jugendliche: Sexuelle Gestaltung" abgegeben.
     

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 114


      Viel Vergnügen beim Robot-Akt.
     
     
     

    Hierarchie und Intrige - der Terror der offenen Konkurrenz

    Wer von außen die fast geschlossene Lebensgemeinschaft betrachtet, kann die bisher beschriebenen Verirrungen und die menschliche Leidensbereitschaft nur schwer verstehen. Abgesehen davon, daß viele KommunardInnen in den Stadtgruppen nur wenig davon wußten, was am Friedrichshof um Otto Mühl tatsächlich vor sich ging, war es vor allem der soziale 'Mechanismus' der Hierarchie, durch welchen der jahrelange Alltag in den jeweiligen Gruppen verstehbar wird. Wie Mühl selbst bemerkte: "Bei uns ist das Mittel 'Sollens-Sätze' durchzusetzen, die Struktur (=Hierarchie), ein teuflisches Mittel. Wir brauchen nicht einmal Geld dazu." [NE 23.3.84] Ein 1988 ausgestiegenes Mitglied: "Es gibt heute nichts, wo mehr als zwei zusammen kommen, was nicht geleitet wird." [S] Das System von Macht und Intrige um Mühl war nicht etwa das Produkt eines messerscharfen, langfristig planenden Intellekts, sondern das schleichende Ergebnis des Mühlschen Charakters. Mühl brauchte die grenzenlose Bewunderung und daher ein feudalistisches Machtsystem. Der konkurrenzlose Sex - auch mit Unmündigen - war nur der markanteste Ausdruck von Eitelkeit, Geltungssucht und Machtdemonstration.

    Ganz allgemein ist es noch verständlich, daß, wenn ein anderer über Spezialkenntnisse verfügt, er in diesem Bereich Leitungsfunktionen übernehmen
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 115

    kann. Die Führung von Menschen in allgemeinen Bereichen ist schon schwerer einzusehen und verlangt meist mehr als nur Spezialkenntnisse. Daß jemand in jedem Bereich und in jeder Beziehung überlegen sein soll, ist nicht mehr verständlich. Hier muß der Glaube helfen. Es war der Glaube an Ideale und das Mißtrauen gegenüber eigenen Gefühlen, wodurch es Otto Mühl erst möglich war, seine eigene Persönlichkeit als Entwicklungsziel für jeden in einem jahrelangen Gruppenprozeß durchzusetzen. Mit den Jahren erstarrte die ursprüngliche Dynamik der hierarchischen Verhaltensmuster immer mehr, sodaß jede Beweglichkeit unter der Wachsschicht der Hierarchie erstickte. Das Ergebnis war eine Herrschaftsform, wie sie aus feudalistischen Zeiten idiotisch-arrogant herüberlächelt:
     

    1986 sollte der Mühlsche Feudalismus auch architekT.sch zementiert werden:
      In jeder Stadtgruppe - sowie am Friedrichshof bzw. in Gomera - hing an der Wand des Selbstdarstellungsraumes eine Tafel mit Namenskärtchen. Fein säuberlich wie auf einer Hühnerleiter waren die KommunardInnen aufgereiht, jeder wußte, wo er sich derzeit in der Hierarchie befand. Nach oben mußte gebuckelt werden, nach unten wurde getreten. Im Studium der ägyptischen Geschichte, der feudalistischen, absolutistischen und totalitären Systeme wurden Vorbilder für Unterwürfigkeitsgebärden - im Kommunejargon "strukturgerechtes Verhalten" - gefunden.

    "M.: Der S. starrt mich immer so an. Otto: Sag ihm, hast du nicht gelesen, wenn du mit einem Pharao oder einem höheren sprichst, blicke ihm nicht trotzig in die Augen und lache, wenn er auch lacht." [G 21.9.85]

    Sobald mehr als zwei KommunardInnen zusammentrafen, so spielte einer den Herrscher, die anderen deformierten schlagartig Rückgrat, Gesichtsausdruck 
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 116

    und Verhalten. Zeitweise durfte "nicht-strukturgerechtes Verhalten" durch sofortige kurze Schläge bestraft werden. In allen Gruppen setzte sich eine leicht vornübergebeugte Gangart durch, nur kein zu gerades Rückgrat zeigen. Rückenleiden und Haltungsschäden mehrten sich [V]. Bei den Selbstdarstellungsabenden lehrte z.B. die Erste Frau Claudia:
     

    Claudia ahmte nur calvinistisch-radikal nach, was ihr Meister sie lehrte. Einer der wichtigsten Lerneffekte der Aktionismuszeit war für Mühl: "Ich habe im Aktionismus gelernt, Menschen wie Material, wie Bilder zu behandeln." [G 17.6.86] Mühl differenzierte nicht zwischen der Körperoberfläche des Menschen und den tieferliegenden, feineren Strukturen des Geistes und der Gefühle. "Menschen wie Bilder behandeln", diese 'Erkenntnis' durchzog wie ein Leitsatz 20 Jahre Mühlschen Wirkens:
      Die Methode war einfach: 'Zuckerbrot und Peitsche':
      Die Rechtfertigung der "Menschenbehandlung" entstand aus dem gefährlich hohen Anspruch Mühls, der Schöpfer "neuer Menschen" zu sein. Was üblicherweise gottähnlichen oder göttlichen Kräften vorbehalten bleibt, übernahm Mühl selbst, ohne sich der damit einhergehenden Verantwortung bewußt zu sein. Zu seinen Anhängern sprach er:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 117

    Seiner tiefen Verachtung der Menschen, mit denen er täglich zusammenlebte, die aus solchen Sätzen sprach, war Mühl sich nicht bewußt. Seine aktionistischen Jahre hatten die Erfahrung von Ernst und Spiel verwischt, sein Irrglaube, daß alles Spiel sei, war zur ideologischen Wahrheit erstarrt. Der übermäßige Alkohol- und Haschischkonsum sowie der unregelmäßige Kokainmißbrauch lagen wie ein dichter Schleier über seinem Empfindungsvermögen.

    Die Kriterien der Hierarchie waren von Anfang an nicht eindeutig und prüfbar gewesen. So wußten die KommunardInnen im Grunde nicht, warum der eine oben, der andere unten war. Dies liegt an der prinzipiellen Unvergleichbarkeit individueller Persönlichkeit. Genau diese Vergleichbarkeit wurde aber vorausgesetzt. So galten immer allumfassende Vorgaben wie folgende:
     

    Die Interpretation dieser weitreichenden Ausführungen war keine individuelle Aufgabe, sondern wurde für alle Gruppenmitglieder von Otto Mühl vorgenommen. Mühl selbst erklärte offen:
      Mühl hatte die Werte geschaffen und veränderte diese, wie es ihm gerade gefiel. Er und seine Führungsdamen wußten wohl, daß Wahlen und Kriterien nichts waren als ein paar Worte. Mühl im Gespräch mit seiner Ersten Frau Claudia:
      Offene Worte, die nicht einmal geheimgehalten wurden. Für jedes durchschnittliche Kommunemitglied stand es nachlesbar in der "Doku". Da es jedoch - laut Mühl - "keine Wahrheit" gab und selbiger heute dies und morgen jenes von sich gab, horchte kaum noch jemand auf, wurde wirklich einmal eine Wahrheit ausgesprochen.

    Der Abstand zu ihm als "Gesündestem" der Kommune wurde somit zum Gradmesser der Schädigung und entsprach im Groben der hierarchischen Einordnung. Und zwar je länger die Kommune existierte, desto mehr. Otto
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 118

    Mühl verlangte zunehmend eine absolute Beugung. Er wußte: "Nur ich mache das Rennen letzten Endes. Das ist ja beschämend für die anderen Männer, zum Verzweifeln." [NE 21.2.84] So war die Folge von 15 Jahren Hierarchie, daß von ehedem sechs bis acht Männern in der "12er-BAG" keiner hierarchisch überlebte. Trotzdem dankten sie Otto Mühl ihr Elend und Leid durch Unterwürfigkeit. Der Profilredakteur Ernst Schmiederer schreibt:
     

    Die Frauen blieben in Führungspositionen und nahmen an Zahl zu. Mühl:
      Dies schien Frauen leichter zu fallen. Seit 1982/83 wurde die Kommune von Mühl und etwa acht bis 14 Frauen regiert. Mühl war konkurrenzlos Pascha eines Führungsharems. Die Frauen bekämpften sich bedingungslos. Vor allem bei den Mitternachtssitzungen im engen Kreis waren heftige Eifersuchtsszenen und wüste Auseinandersetzungen häufig. Mühl hatte die richtigen Frauen um sich versammelt:
      Eine ehemalige Kommunardin und Mitglied der Führung berichtet:
      Natürlich waren mit einer hohen Position in der Hierarchie materielle und soziale Vorteile verbunden. Ein ehemaliges Mitglied erzählt:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 119

    Jeder bespitzelte jeden. Nützte doch der Fehltritt des anderen dem eigenen Aufstieg. Wie in einer Bananenrepublik wurde denunziert, gelogen, intrigiert und gepetzt. Eine ehemalige Kommunardin:
     

    Die meisten Gruppenmitglieder litten unter diesem Spitzelsystem und der Aussichtslosigkeit der erstarrten Hierarchie. Mühl fragte immer wieder mal: "Wer hat schon unter der Struktur gelitten? (Alle zeigen auf)." [SDA 3.1.83] Mühl erklärte sich dies im Gespräch mit seiner Ersten Frau Claudia so:
      Ab und zu wurde die Starrheit des Systems durch den kometenhaften Aufstieg - und meist auch wieder schnellen Fall - einzelner KommunardInnen gezielt von Mühl durchbrochen.
      Es war eindeutig, Mühl war die letzte Instanz für die hierarchische Stellung: "Gut Struktur ist Struktur, aber ich kann mir leisten das auch zu durchbrechen, rein aus Laune und Gefühl." [NE 22.1.84] Wer Mühl sympathisch und gefällig war, der hatte es leicht. Die jugendlichen Frauen zwischen 15 und 18 Jahren, die ihm bereits ab 13 bzw. 14 Jahren sexuell zu Diensten sein mußten, wurden mit einem kometenhaften Aufstieg in der Hierarchie entlohnt. Ab 1985 wurden sie als Gruppenleiterinnen eingesetzt und leiteten 30- bis 40jährige Erwachsene. Mühl gab den überforderten Mädchen Ratschläge wie folgenden mit auf den Weg:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 120


      Die Unterordnung funktionierte nach jahrelanger Einübung perfekt. Der 'bewußteste' Schüler war der, der sich vollkommen mit dem Prinzip Gehorsam identifizieren konnte. Mühl: "Du wirst erzogen, aber du spürst es nicht. Du glaubst, daß du es von dir aus machst. Du hast keine Konflikte. Du hast die Erziehung total integriert als Freiheit." [NE 4.3.84] Dieses 'Bewußtsein' machte empfänglich für die Lehrsätze Mühlscher Ethik:
      Der "neue Mensch", ein perfekter Sklave? Erfolg zu haben war das wesentliche Kriterium der Mühlschen "Ethik". "Ich will mich gut verkaufen, das ist alles. Und wenn ich nochso recht habe, wenn ich mich schlecht verkaufe, verzichte ich drauf." [G 6.8.84] Daß es bei all diesem wirren Gerede um Ethik eigentlich nur um die Rechtfertigung von Mühls eigener Machtposition und um die Dominanz seiner 'Wahrheiten' ging, dieses Eingeständnis vermied Mühl. Statt dessen wurde ein mystisches "Ganzes" vorgeschoben, so brauchte Mühl - 'O-Ton' "auf keinen Menschen bei uns Rücksicht zu nehmen, sondern ich kann auch sehr rücksichtslos sein. Ich schaue immer auf das Ganze: das sind die Kinder." [G 14.2.85] So war Ethik das, was 'der Gruppe', 'dem Ganzen' nützte. Die Beurteilung übernahm Otto Mühl, beraten durch seine Führungsdamen.

    Bei den nächtlichen Treffen, in denen diese Ethik entstand, wurden unvorstellbar große Joints konsumiert. Ein Gruppenmitglied war täglich mehrere Stunden am Nachmittag damit beschäftigt, Haschisch zu hobeln und dieses in rauchbare Tüten zu verwandeln. Nach den Selbstdarstellungen sammelte sich die Führungselite in Mühls Privaträumen. Je nachdem, wieviel Urlauber aus den Stadtgruppen gerade am Friedrichshof weilten, warteten

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 121

    etwa 50-100 Personen vor der Wohnungstür. Die Ersten Frauen durften zwei bis vier Auserwählte - meist Männer - mitbringen. Es war eine Ehre und Auszeichnung. Grundsätzlich an diesen nächtlichen 'Sitzungen' teilnehmen durfte jedoch nur, wer über den Haschischkonsum informiert war. Nur etwa 30-50 Prozent der KommunardInnen wußten, daß Drogen genommen wurden. Ein ehemaliger Kommunarde: "Es gab zwei Klassen von Menschen. Die einen wußten es, und die anderen, die wußten es nicht." [EE E] Bald war die Luft so dick, daß ein normaler Mensch nach einigen Atemzügen des Zimmerdampfes bereits benebelt gewesen wäre. Mühl saß in einem großen schwarzen Sessel, umgeben von seinen Führungsfrauen - in etwas kleineren Sesseln. Der Rest der Elitegemeinschaft saß auf einfachen Holzstühlen, auf dem Fensterbrett oder stand im Hintergrund. Das war die Umgebung, die Mühl liebte. Auf alle Menschen der Welt wurde verachtend von den Gipfeln des (drogenstimulierten) Bewußtseins herabgeblickt. Mühl:
     

    Was waren die schon, die KFs da draußen! Vom Drogengenuß in leicht wattierte Euphorie versetzt, kamen Mühls Stimmbänder, schwerfällig nuschelnd - weil betäubt - ins Schwingen. Es wurde über lebende und tote 'Größen' dieser Welt hergezogen, andächtiges Staunen der ebenfalls vollgedröhnten Anhängerschar. Das Resultat war immer dasselbe: Otto Mühl ist der Größte und seine treuen Schüler sind die Elite von morgen. Nicht umsonst bezeichnete sich Mühl - ironischerweise - als "wahren Hochstapler. Ich bin vermutlich der eitelste Mensch unter Gottes Himmel." [NE 7.3.84] Das wichtigste war, mit allen Mitteln aufzufallen, wenn nicht positiv, dann auf jeden Fall negativ:
      Spätestens nach seinem Tod würde Mühl vom Rest der Welt entdeckt werden:
      Manchmal glaubte Mühl, bereits berühmt zu sein:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 122


      Mühl kann alles, unglaublich, aber wahr. "Wenn ich mich jetzt mit Musik beschäftigen würde, könnte ich in kurzer Zeit ein großer Musiker werden." [G 10.6.85] Als Maler ist er sowieso Weltspitze. Stets vergleicht er sich mit Giotto, Cezanne, van Gogh, Picasso etc. Ein Museum für die Werke des "Multigestalters" wurde 1984 am Friedrichshof gegründet. Mühl 1983 visionär über das Projekt:
      Es war Mühls Unglück, daß er keinen Wert auf die Gegenwart legte, denn von der Zukunft konnte er nichts lernen. So raste er als nächtlicher Geisterfahrer in seinem selbst geschaffenen Verkehrssystem, bestehend aus Sackgassen der Eitelkeit und Einbahnstraßen der Geltungssucht, mit fest geschlossenen Augen entlang, immer in der Hoffnung, daß weder Hindernis noch Gegenverkehr auf ihn warteten.

    Natürlich gab sich Mühl in der Öffentlichkeit bescheiden und freundlich, wenn er sich von seinem Besucher einen Vorteil erhoffte. Seine Freunde von einst umwarb er nett und höflich, wenn sie zu Besuch kamen. Waren die Gäste wieder weg und Mühl mit seinen Führungsclaqueuren allein, äußerte er Nettigkeiten wie diese:
     

    Die Namen sind austauschbar. Ob Kurt Kalb, Hermann Nitsch, Günter Brus, Arno Penck, Arnulf Rainer, T.dor Kery, Bruno Kreisky oder andere, über alle und jeden zog "Otto - das kleine Genie" her. Mühl konkurrierte zwanghaft mit jedem, ob Künstler oder Politiker. Ein internes Protokoll von 1984 über den Besuch des Direktors des Guggenheim-Museums, Tom Messer.
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 123


      Es war vor allem der innere Kreis um Mühl (1. und 2. BAG), welcher das Geschick der Kommune mitsteuerte und daher für den Machtmißbrauch mitverantwortlich ist. Um die Gunst Mühls buhlend, übertrafen sie sich gegenseitig in unterwürfiger Lobhudelei. Ein Beispiel (nachdem über van Gogh, Dali u.a. hergezogen wurde):
      Immer wieder mal fragte Otto Mühl: "Gehe ich nicht zu weit?" Doch dann schallte ihm vielfach entgegen: "Nein, das war irre toll, wie du das gemacht hast!" Möglicherweise keimende Selbstzweifel, die trotz jahrelangem übermäßigem Drogen- und Alkoholgenuß nicht erstickt waren, wurden durch diesen - von Mühl selbst geschaffenen - Bestätigungsapparat erstickt. Die bedingungslose Konkurrenz der Frauen untereinander, die stets darauf bedacht waren, ihre eigene Machtstellung zu sichern, war der Kern Mühlscher
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 124

    Macht mit der Folge der sozialen Fehlentwicklung. Es gab keine Koalitionen und keine intimen, offenen Gespräche, nur vereinzelte, einsame, verunsicherte Frauen, fast alles Mütter, die sich Otto Mühl unterwarfen, selbst wenn dieser - ausnahmsweise - einmal Kritisches hören wollte. Otto Mühl war zunehmend mehr in dem aus seinen Charakterdefekten entstandenen System gefangen. Er ahnte dies: "Ich bin ein öffentlicher Gefangener meiner eigenen Ideen." [G 26.7.82] So ähnelte Mühl der Stiefmutter in Schneewittchen. Jeden Tag setzte er sich vor den Spiegel (= die Gruppe), um die entscheidende Frage zu stellen: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste, Bewußteste, Beste, Geilste, Lockerste, Klügste etc. auf der ganzen Welt?" Im Märchen ist der Spiegel autonom und daher ehrlich. Doch Mühl hatte seinen eigenen Spiegel geschaffen, die Wahrheit außerhalb des Spiegels interessierte ihn schon lange nicht mehr. Am Ende litt selbst Mühl unter der Beziehungslosigkeit seines Systems. In seltenen Momenten im vertrauten Kreis gestand er:
     

    Neben Mühl herrschte durchgehend in den 80er Jahren die Schweizerin Claudia W. Es war eine Zweierbeziehung, das wußten alle, auch Mühl selbst: "Mühl: Claudia und ich haben ja eine Zweierbeziehung!! Wer glaubt, daß wir eine haben? (Die Anwesenden melden belustigt, jeder hätte das schon mal gedacht.)" [NE 6.3.83] Ihre Aufgabe war eine aristokratische, denn: "Ich bin überzeugt, wir sind vielleicht das einzige Liebespaar, das wirklich ideal wäre." [SDA 27.2.84] "Wir zwei sind in der glücklichen Lage nur repräsentieren zu müssen. Wir tauchen auf, gehen durch, sind ein bisserl nett,.." [NE 27.2.84] W., kurzzeitig selbst einmal Erste Frau, beschreibt das nötige Verhaltensrepertoire:

    "Warst du Erste Frau, dann hast du höfisches Benehmen haben müssen. Es galt als richtig, daß dir jederzeit 30 Männer hinterherlaufen. Dann gibst du dem einen einen Patsch auf die Wange, dem andern einen Patsch auf den Hintern, den dritten greifst du irgendwie geil aus, dem vierten sagst du 'Morgen tun wir es vielleicht', dem fünften winkst du ein bißchen, dem sechsten zwinkerst du zu. Das mußt du dauernd machen, anstrengend. Hast du geduscht, kamen zehn Männer mit Handtüchern angelaufen. Das war unheimlich wichtig, denn du mußtest zeigen, daß du zu allen Männern guten Kontakt hattest. Die Frauen mußtest du angehen und fertig machen. Mir war das alles peinlich, als ich das ablehnte, beschimpfte mich Otto als zu liberal. Die Folge, ich wurde wieder abgesetzt. Claudia von Otto wieder zur Ersten Frau benannt." [EE W]
    Anfang 1988 war es soweit, Mühl und seine jahrelange Erste Frau Claudia heirateten. Bereits 1984 hatte Mühl prophetische Worte von sich gegeben: "Man heiratet doch nicht die Frau, die man am meisten liebt, sondern die, die einen am meisten beherrscht." [G 2.9.84] Die Stimmung bei den anderen

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 125

    Frauen war mies, viele verloren heulend die Nerven. Frau Mühl sah das anders: "Wir haben für die ganze Gruppe eine Papa- und Mamarolle übernommen. Und das sehen alle sehr gern. Die haben gejubelt bei unserer Hochzeit."' [Profil 88/16, S.79]

    [Auslassung wegen Persönlichkeitsrecht]

     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 126

    [Auslassung wegen Persönlichkeitsrecht]
     

     
     
     

    Auszug

    Ein paar Jahre blieb der Personalstand ziemlich unverändert, es zogen wenige aus und noch weniger ein (Ausnahme 1981/82). Erst seit 1983 nahm die Zahl der Aussteiger deutlich zu. Schuld war die anfangs kaum spürbare Rückkehr Mühls zu überwunden geglaubten AA-Verhaltenszwängen. Es wurden wieder Stadtkommunen gegen den Willen der Mitglieder aufgelöst, Ausbildungen mußten abgebrochen werden. Seit 1983 stiegen jährlich durchschnittlich 20-30 KommunardInnen aus. Dies waren angesichts der verschärften Lebensumstände wenige. Die meisten sagten sich: "Vielleicht

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 127

    ändert sich das noch. Ich warte noch eine Zeitlang. Und so habe ich Jahr für Jahr immer rausgeschoben." [EE J] Mit dem "Auszug" war die Tür zu den Mühls für immer zugeschlagen. Aus Kommunesicht "hatte man es nicht geschafft". Der Auszug war der unehrenhafte Selbstausschluß aus der "Bewußtseinsarmee". Die Eitelkeit Mühls war - trotz aufgesetzter Gleichgültigkeit - in vielen Fällen verletzt. Denn jeder Abschied war auch eine Unabhängigkeitserklärung gegenüber dem Chef der Kommune. Doch Gefühle zu zeigen hatte sich Mühl abgewöhnt: "Und gerade die, die ausziehen, das sind alles gefährdete Leute, im sozialen Randfeld. Aber die wollen wir auch gar nicht, das sind kaputte Typen." [NE 21.3.83] Wer "Auszugsgedanken" bzw. den konkret gewordenen Auszugswunsch offen äußerte, der wurde meist so lange bearbeitet, bis er widerrief. Selten brachten daher einzelne den Mut auf, den einmal gefaßten Entschluß öffentlich gegenüber dem jahrelang bewunderten 'Über-Vater' durchzusetzen. Etwa jedes zweite Gruppenmitglied flüchtete daher, viele nachts. Mühl riet zynisch:
     

    Im folgenden sind drei Auszugsvarianten mit jeweils einem Beispiel beschreiben: 'Flucht', 'Zufall als Entscheidungshilfe' und 'offene Konfrontation'.
     
     

    Flucht (Der Erzähler lebte seit 1972 in der Kommune und war bei seinem Auszug Mitte der Vierziger.)
     

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 128

    Der Zufall als Entscheidungshilfe (Der Erzähler lebte seit 1975 in der Kommune und war bei seinem Auszug Mitte der Dreißig.)
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 129

    Offene Konfrontation mit Mühl (Der Erzähler lebte seit 1976 in der Kommune und war bei seinem Auszug Mitte der Dreißig.)

    Der Auszug von HL war in gewissem Sinne das Ende Mühls. Niemand sonst hat so lange und so deutlich innerhalb des Machtzentrums um Otto Mühl für Veränderungen gekämpft und sich über Monate hinweg mit diesem so offen konfrontiert. Dies war nur deshalb möglich, weil HL sowohl zu Otto Mühl als auch zu Claudia eine besondere Beziehung hatte. HL betreute seit 1982 die spastische Tochter Claudias und etablierte am Friedrichshof eine Kindergruppe für Behinderte. Bedingt durch seine Arbeit war er häufig mit Claudia zusammen, aber auch immer häufiger in den Räumen Mühls. Sein hierarchischer Aufstieg begann 1985. Die letzten zwei Jahre vor seinem Auszug 1986/87 war er Mitglied der Führungsclique (2. BAG). In dieser Position erhielt er natürlich einen wesentlich weitgehenderen Einblick in die internen Widersprüche des Friedrichshofer Systems. So zeigt dieser Auszug zum einen die Grenzen Mühls und seiner Methoden der "Menschenbehandlung", andererseits den Konflikt zwischen Bleiben und Hoffen oder Gehen und Aufgeben, vor allem aber die Unmöglichkeit, ein starres System von innen her aufzubrechen.
     

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 130


     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 131

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 132


      Über jeden Abtrünnigen - in den letzten Jahren alles jahrelange, manchmal jahrezehntelange Mitglieder - bildete Mühl sofort eine Legende, die belegte, daß der/die "Ausgezogene" eigentlich schon von Anfang an "negativ" war und "sich schon immer verstellt hat". Die haarsträubendsten Gerüchte wurden erzählt und neu gebildet, der Führungskreis um Mühl benebelte sich, denn auch das eigene Versagen und Selbstzweifel mußten an der Wurzel abgestochen werden. Keiner wurde mit körperlicher Gewalt zurückgehalten, zusammenbrechen mußte die psychische Mauer im Kopf. Nach jahrelangem Zusammenleben waren - trotz aller Verbote - Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft vorhanden, das Leben "draußen" war nicht mehr vorstellbar und durch ständige Berieselung negativ besetzt. Die Angst, nach dem "Auszug" zu scheitern, war groß. Mühl über "Auszug und Auszugsgedanken":
      Mühl beschwörend zu einem, der ausziehen wollte:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 133

    Daß das Verlassen der Gruppe von den meisten KommunardInnen zunächst als persönliches Scheitern erlebt wurde, zeigt den durchschlagenden Erfolg der Mühlschen Redegewalt. Ein anderer Grund zu bleiben war der Wunsch, auch weiterhin zur "Elite der Welt" zu gehören. Mühl:
     

    Mühl war sich sicher: "Leute, die in den Gruppen leben, wenn man das vergleicht mit dem Durchschnitt in der Gesellschaft, sind viel sensibler." [NE 25.2.84] Auch die Sehnsüchte, die in die Gruppe geführt hatten, waren dafür verantwortlich, daß die zweifelnden KommunardInnen blieben. Es war der tiefe Wunsch nach der Sicherheit einer stabilen Lebensgemeinschaft. Mühl:
      Die inneren Blockaden und Hindernisse, die im Auszug überwunden werden mußten, waren zahlreich: das starke Bedürfnis nach der Geborgenheit einer sozial stabilen Gemeinschaft, der dumpfe Trieb, Elite sein zu wollen, die Hoffnung auf eine "paradiesische Zukunft", ein sicheres Alter. Aber auch die bekannte sexuelle Routine überwog die Angst vor einer ausschließlichen Zweierbeziehung. Hinzu kam, daß bis 1986 nicht einmal eine finanzielle Starthilfe gewährt wurde. Mit wenigen persönlichen Utensilien und einigen gebrauchten Möbeln konnte man selbst dafür sorgen, wie man nach sechs bis 15 Jahren Kommuneleben eine neue Existenz aufbaute. Mühl verlangte Dankbarkeit, denn schließlich habe man ja viel gelernt bei ihm. Eine nicht mit Geld und Gold aufzuwiegende Ausbildung, die "Kosten für Gruppenleiter und Therapie". Ein Beispiel:
      Neben verletzter Eitelkeit waren natürlich mit zunehmendem Reichtum der Kommune auch handfeste materielle Motive dafür verantwortlich. Mühl im vertrauten Kreis: "Ich bin froh über jeden der geht, dadurch werde ich immer reicher." [HL]
     


     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 134


    Für die "Ausgezogenen" war nach dem inneren Abschied der eigentliche Sprung in die Freiheit seit 1985 kein allzu großes Risiko mehr. Wer in der Gruppe unter scharfer Kontrolle geschuftet hatte wie ein Zombie, genoß sehr bald die neuen Freiheiten. Ein Netz von zunehmend mehr ehemaligen Mitgliedern sicherte erste Hilfe und Kontakte. Keiner, der in diesen Jahren ausstieg, stand in den ersten Wochen und Monaten allein da, die Hilfe erfolgte sofort und unbürokratisch. Den eigenen Lebensunterhalt zu sichern war für wenige Aussteiger ein Problem. Ein langfristiges Problem ist es, wieder in den Beruf zu wechseln, der den eigenen Neigungen mehr entspricht als die in der Kommune meist aufgezwungene Tätigkeit. Es dauert ebenfalls geraume Zeit, bis das Vertrauen in eigene Gefühle und Werte wieder entsteht, in Diskussionen eigene Standpunkte vertreten werden. Die lästige Angewohnheit, neue Bekanntschaften sofort einzuschätzen und zu beurteilen, fällt erst allmählich ab wie die Gewohnheit, viele Verhaltensweisen als Konkurrenz zu deuten bzw. sich mit allem und jedem zu vergleichen. Der Geschmack an alternativen Formen des Zusammenlebens ist fast allen ehemaligen Mitgliedern ein für alle Mal vergangen.

     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 135

     
     

    1988-1991: Ein aussichtsloser Versuch?
    Eltern und Ehemalige gegen Mühl

    Österreichische Politiker, Medien und Behörden für Otto Mühl
     

    In jahrelanger Kleinarbeit wurde seit 1977 der Kontakt zur SPÖ aufgebaut. Der Burgenländische Landeshauptmann (=Ministerpräsident) Th. Kery besuchte seit 1979 - bis zu seinem Rücktritt 1986 - regelmäßig den Friedrichshof und verfolgte mit Interesse die ökonomische Entwicklung. Aus den deutschen, französischen und skandinavischen Stadtkommunen flossen regelmäßig - überwiegend offiziell - Gelder zum Friedrichshof und wurden dort in den Ausbau investiert. Die Kurseinnahmen durch den "Gästebetrieb" waren eine weitere - eher geringe - Einnahmequelle. Rein äußerlich glich bereits 1979 der Friedrichshof nur noch wenig der Schmuddelkommune von einst. Zweifelsohne war dieser neue Wohlstand für einen Außenstehenden ein überzeugendes Argument. Für 'bedeutende Persönlichkeiten' - wie Landeshauptmann Kery - wurde außerdem ein eigenes Programm vorbereitet. Für die Stunden des Aufenthaltes kreiste alles um den Besucher. Mühl zeigte sich von seiner besten Seite: freundlich, zuvorkommend, humorvoll, witzig und - in Maßen - devot. Die Kinder tanzten, führten Theaterstücke auf, der Friedrichshof mit seinen technischen Anlagen wurde gezeigt und einige neue Bilder Mühls vorgeführt. Die Fassade glänzte und der hochgestellte Besucher war viel zu geschmeichelt, als daß ein Bedürfnis entstanden wäre, hinter die Kulissen zu blicken.

    Über den damaligen Sekretär Kreiskys, Sedlaczek, bestand zudem ein konstanter Kontakt zum österreichischen Bundeskanzler, der sich ebenfalls in seiner Partei für die Friedrichshofer KommunardInnen einsetzte, obwohl er nie selbst den Friedrichshof besucht hatte. Er war anscheinend von den "Kommune-Außenministern" in mehreren längeren Diskussionen von dem "sozialistischen Modell Friedrichshof" überzeugt worden, und da sein Parteikollege Kery nur Positives berichtete, überprüfte er die theoretischen Ausführungen nie in der Praxis. Mühl bemerkte 1983 stolz: "Wir haben ganz oben angesetzt, der Bundeskanzler Kreisky ist begeistert von uns. Wir haben zum Glück früh bemerkt, daß man mit den höchsten Leuten Kontakt aufnehmen muß." [M 8.2.83]

    Als 1981/82 die verdeckte Anwerbung neuer KommunardInnen in Düsseldorf von der dortigen Presse angegriffen wurde, zeigten sich die ersten Erfolge dieser politischen Strategie. Der burgenländische SPÖ-Landes-hauptmann Kery und der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky unterstützten die Friedrichshofer in Rat und Tat. In Briefen erklärten sie ihre Solidarität mit den KommunardInnen. Diese Schreiben wurden im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen immer wieder deutschen SPD-Politikern

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 136


     

    Abbildung: Brief des ehemaligen burgenländischen Landeshauptmanns Theodor Kery an B.S., "Außenminister" der Mühlkommune.
     

    THEODOR  KERY
    Landeshauptmann von Burgenland
    Eisenstadt am 29. Okt. 1981

    Lieber Bernd!
    Für die Fotos, die mich an meinen Besuch bei Euch erinnern, danke ich Dir. Für mich bedeuten sie die Erinnerung an eine Gemeinschaft, in der ich mich immer wieder wohlfühle.

    Besonders beeindruckt war ich diesmal von der Vorstellung Eures neuen Projektes, das ich als zuständiger Wohnbaureferent der Burgenländischen Landesregierung sehr gern unterstützen werde. Ich sehe darin einen vorläufigen Höhepunkt Eurer Bemühungen um die Integration Eurer als Experiment begonnenen Gemeinschaft.

    Bei meinen wiederholten Besuchen im Friedrichshof war es mir möglich, die imposant konstruktive Entwicklung einer Idee, die zu Beginn von vielen verkannt wurde, zu verfolgen. Der wirtschaftlichen Integration folgte als nächster Schritt die Errichtung einer Schule, bei der ich Euch aufgrund meiner Kompetenz auch helfen konnte, woraus sich mit zwingender Konsequenz eine weitere Anpassung an bestehende soziale Gegebenheiten ergab. Die Gründung bzw. Übernahme einer Gemeinnützigen Wohn-, Bau- und Siedlungsgenossenschaft bestätigt Euer Engagement im Interesse einer ständigen Verbesserung der Lebensbedingungen Eurer Gemeinschaft und Eurer burgenländischen Mitbürger.

    Ich bin froh, daß ich einmal die Gelegenheit gefunden habe, Dir und allen meinen Freunden im Friedrichshof meine Anerkennung auch in dieser Form zum Ausdruck zu bringen. Für das Burgenland bedeutet Eure Gemeinschaft eine nicht mehr wegzudenkende Bereicherung.
    Mit besten Grüßen bleibe ich
    Euer Kery
     

    Abbildung: Brief des ehemaligen burgenländischen Landeshauptmanns Theodor Kery an B.S., "Außenminister" der Mühlkommune.

     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 137

    vorgelegt, um diese umzustimmen bzw. um deren Unterstützung zu erlangen.

    Die Erfolge der KommunardInnen bei einigen burgenländischen Behördenvertretern und Politikern standen auch im Zusammenhang mit einer intensiven "Politik der Geschenke". Der damalige Kommune-Außenminister B.S. hatte schnell die wesentlichen Umgangsformen gelernt, die in seinem neuen Tätigkeitsfeld traditionell erfolgreich angewandt wurden. Mühl über 'Geschenke':
     

    Da wurden an einen hohen burgenländischen Politiker und Technikfan eine hochmoderne Telefonanlage und viel schöne, moderne Technik der Hersteller Sharp und Sony verschenkt. Ein Posten chinesischer Teppiche wurde nach und nach an Freunde des Friedrichshofes vergeben. Keiner ging leer aus, jeder erhielt seinem Rang und seiner Bedeutung entsprechend etwas.

    Bei der Anerkennung der Privatschule Friedrichshof 1981 war Landeshauptmann Kery ebenso behilflich wie bei der Übernahme einer "Gemeinnützigen Wohn-, Bau- und Siedlungsgenossenschaft" ('Gemeinschaftsbau'). Er sah darin "Bemühungen um die gesellschaftliche Integration", was ja auch teilweise stimmte. Die Kommunekinder wurden überwiegend in der eigenen Grundschule unterrichtet, da sie bei einem Besuch der nächstgelegenen Schule zu sehr dem "kleinfamiliären Einfluß" ausgesetzt gewesen wären. Finanziert wurde die Schule zunächst durch die Stadtkommunen, später war die Genossenschaft der wirtschaftliche Träger. Anfangs wurden die Lehrpläne der Schulbehörde eingehalten, die Lernerfolge wurden halbjährlich durch externe Lehrer geprüft. 1984 erhielt die Schule das Öffentlichkeitsrecht und konnte nunmehr Prüfungen abnehmen und Zeugnisse ausstellen. Der zuständige Schulrat P. war ein alter Schulfreund Mühls, der es mit der Kontrolle der Privatschule nicht allzu ernst nahm. ".Besuche wurden meist rechtzeitig angekündigt, sodaß genug Zeit verblieb, die richtigen Lehrer einzuteilen und die Klassen in ihren Klassenzimmern vorzuführen", berichtet ein ehemaliger Lehrer [D]. Anläßlich der Besuche P.s wurde derselbe 'Staatsakt' inszeniert wie für andere 'bedeutende Persönlichkeiten'. Kaffee und Kuchen, Sekt und kaltes Büffet mit Mühl und seinen Führungsdamen, lang geprobte Kindervorführungen und alles immer ganz "lustig-positiv". Als einmal ohne Vorankündigung kontrolliert wurde, war das Chaos perfekt. Eine ehemalige Schülerin: "Die Lehrer waren nicht aufzufinden, die Klassen waren wild gemischt und die Klassenzimmer teilweise unbenutzbar." [JA]
    Als im Winter 1988/89 die Schulkinder mehrere Monate nach Gomera übersiedelten, wurde Schulrat P. großzügig von Mühl dorthin eingeladen.

     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 138

    Eine Woche lang konnte er den Schulbetrieb 'kontrollieren', natürlich bei kostenloser Unterkunft und Anreise. Mitfühlend versüßte Mühl seinem alten Schulfreund den Aufenthalt durch die Sonderbetreuung einer Kommunardin namens A.; eine rein platonische Romanze unter subtropischen Palmen. [ZC]

    Durch die Wohnbau-Genossenschaft erhielt die Friedrichshofer Kommune Zugriff zu den staatlichen Geldtöpfen. Kredite mit 50jähriger Laufzeit und unter einem Prozent Zinsen, davon kann ein einfacher Familienvater nur träumen. Steuervorteile wurden so nebenbei noch mitgenommen. Um die Idee der demokratischen Selbstverwaltung einer Genossenschaft ging es bei all dem seit 1982 immer weniger. Zu Mitgliederversammlungen bzw. Generalversammlungen wurde nicht mehr eingeladen. Wer sich gerade am Friedrichshof aufhielt und verfügbar war, wurde entsprechend instruiert, wann er aufzuzeigen hatte. Über die Höhe des Geschäftsanteils wußten nur wenige Bescheid, viele wußten nicht einmal, ob sie Genossen waren oder nicht. Beim Auszug aus der Kommune wurde der Genossenschaftsanteil bis 1987 nicht ausbezahlt. Die gesetzlich vorgeschriebenen Gremien Vorstand und Aufsichtsrat existierten nur auf dem Papier, Sitzungen wurden nicht abgehalten. Statt dessen übernahm alle Funktionen der 12er-Rat unter seinem Vorsitzenden Otto Mühl. Ein internes Protokoll von 1982:
     

    Ab 1981 begann eine rege Bautätigkeit. Eine Wohnanlage ("L.-Bau") bester Qualität mit 3.500 Quadratmetern Wohnfläche war 1983/84 beziehbar. Es folgte ein Versorgungstrakt - das sogenannte "Castello" - mit Großküche, Speiseraum, Gästezimmern, Büroräumen und einem Turm incl. Uhr-ca. 2.900 Quadratmeter. Dann ein Heizhaus mit Werkstätten, Garagen und Lagern. Eine Turnhalle, ein Sportplatz, ein großer Gemüsegarten, die Pflanzung Hunderter neuer Bäume und der Bau einer Mauer (bzw. teilweise auch Zaun) rund um das gesamte, etwa 45 Hektar große Grundstück. Dies alles wurde nicht nur mit staatlichen Geldern, sondern auch durch Eigenmittel (50 Millionen Schilling [ca. 3,6 Millionen Euro]) aus den Stadtgruppen finanziert. Da Freund Kery auch Wohnbaureferent der Landesregierung war, waren die Gelder meist schon bewilligt, bevor die schriftlichen Anträge eingereicht wurden. Die Wohnungen waren fast nie von den öffentlich angegebenen Inhabern bewohnt, sondern von irgendwelchen KommunardInnen. Meist existierten in den realisierten Bauten die in den Plänen ausgewiesenen Wohnungen nicht einmal mehr. Auch hier drückten die Behörden mehr als zwei Augen zu.

    Die Friedrichshofer Kommune wurde stets durch die burgenländischen Behörden und SPÖ-Politiker weitreichend unterstützt. Nachdem in Spanien - Kanareninsel La Gomera - eine Ferienresidenz erstanden worden war, flog Januar 1988 die Kommune-Außenministerin zum Ruheständler Bruno

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 139

    Kreisky nach Mallorca, um den Mühls bei dem spanischen sozialistischen Regierungschef Gonzalez die Türen zu öffnen. Kreisky schrieb am 26.1.1988 in einem von der Kommune für die PR-arbeit verwendeten Brief an "meinen lieben Freund und Genossen" Felipe Gonzalez über Otto Mühl: "Meinen Freund und großen Maler, vielleicht den besten, den wir in Österreich haben." Der damalige - inzwischen 'abgeprokschte' - Innenminister Blecha, Unterrichtsministerin Hawlicek und der burgenländische Landeshauptmann Sipötz sandten Empfehlungsschreiben an Behörden und Politiker Gomeras. Der Text der Schreiben wurde von der Kommune vorgeschlagen.

    Die Empfehlungen lohnten sich, die Sozialisten auf Gomera waren hilfsbereit. Im Gegenzug für ihre Unterstützung wurden spanische Politiker und Behördenvertreter zum Friedrichshof eingeladen. Anschließend an die Besichtigung des Friedrichshofes wurden diese auch mal nach Budapest gefahren und dort auf Kommunekosten in die Geheimnisse des ungarischen Nachtlebens eingeführt. Hartnäckig hielt sich in den gomeranischen Insel-Cafes das Gerücht, daß Bürgermeister Trujillo auf Teneriffa ein Luxusappartement erhalten habe. Dem Bruder des sozialistischen Parteisekretärs wurde ein halbfertiges Haus - mit 'freiwilligem' Aufschlag von einigen Zigtausend Mark - abgekauft. [Der Spiegel 89] Dummerweise stellte sich heraus, daß selbiges vollkommen baufällig und ohne Baugenehmigung am Rande eines militärischen Sperrbezirks errichtet war. So wurde selbst der Betrag, der nicht als freiwilliger Aufschlag gedacht war, nachträglich zur unfreiwilligen 'Spende'. Natürlich waren alle Beteiligten der Meinung, ein absolut legales Geschäft abgewickelt zu haben. [WS] Nur mit den Baubewilligungen der Mühls ging dann alles schneller, als dies sonst auf Gomera üblich war. Ein Zusammenhang bestand - natürlich - nicht.

    Im Kreise seiner Getreuen feixte Mühl über die hochprozentige Unterstützung. Statt jedoch Dankbarkeit gegenüber seinen Gönnern zu zeigen, zog er stets in vertrauter Runde über die SPÖ-Politiker her:

    Von Demokratie und Staat hielt er ohnehin nichts, demokratische Strukturen verachtete er:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 140


      Und als Krönung Mühlschen Demokratieverständnisses folgendes Zitat: "Bei Hitler mitzumachen, war schon ein ziemlicher Horror. Das Mitmachen hier bei diesem ganzen demokratischen Geraufe ist aber viel charakterloser." [G 8.7.85]

    Die schweren Vorwürfe, die 1988 in österreichischen, deutschen und spanischen Zeitungen erhoben wurden, veränderten die Haltung der österreichischen Behörden und Politiker kaum. Die österreichische Arbeiterzeitung schrieb: "Gegenüber den österreichischen Behörden ist es dem Mühl-Clan über Jahre hinweg gelungen, ein Potemkinsches Dorf aufzubauen." [AZ 5.6.88] Konsequenzen zog lediglich der für die gemeinnützigen Baugenossenschaften zuständige Revisionsverband. Bereits im Juni 1988 fand auf Anzeige ehemaliger Mitarbeiter der "Genossenschaft Gemeinschaftsbau" eine Sonderprüfung statt. Die zuständige Landesbehörde wurde über die bevorstehende Prüfung aufgeklärt, da sie bei der Prüfung vertreten sein sollte. Außerdem wurde die Genossenschaft selbst rechtzeitig informiert, was dort zu hektischen Aktivitäten führte. Durch den Prüfungsbericht wurden einige der erhobenen Vorwürfe bewiesen, einige Vorwürfe erschienen wahrscheinlich, keiner wurde öffentlich widerlegt. Heute verschimmelt der Prüfungsbericht in irgendwelchen Amtsschubladen der Landesregierung.

    Auch eine parlamentarische Anfrage bezüglich der Vermögensverhältnisse Mühls und der Finanzierung der Gomera-Investitionen vom 15.7.1988 durch den Bürochef des ÖVP-Vorsitzenden und ÖVP-Nationalratsabgeordneten Steinbauer brachte nur einige dünne Antworten der zuständigen SPÖ-Minister. Steinbauer wollte u.a. "wissen, warum Blecha und Hawlicek zugunsten Mühls intervenierten, ob Mühls Mittel aus dem Drogenhandel stammen könnten, welche Subventionen Mühl erfahren hat, ob er die Herkunft seiner Gelder gegenüber der Österreichischen Nationalbank offengelegt hat und ob sie mit deren Genehmigung ausgeführt wurden." Im Herbst lagen die schriftlichen Antworten des Innen- bzw. Unterrichtsministeriums und der burgenländischen Landesregierung vor. Weitere Nachforschungen unterblieben, denn Österreich hatte inzwischen ganz andere Sorgen. Die Lucona-Affäre und die Affäre um die "Bundesländer-Versicherung" hatten SPÖ und ÖVP mehr noch als die gemeinsame große Koalition miteinander vereint. Ein Presse-Kommentar über den Umgang vieler SPÖ-Politiker und Behörden Vertreter mit Udo Proksch traf leider auch bei Mühl zu: Es war "das österreichische System des Wegschauens, des Augenzwinkerns, des Komplicentums, des vorauseilenden Gehorsams - und des Mangels an Courage: Schuld sind immer die anderen"; wodurch Otto Mühl jahrelang die immer schwerer wiegenden Eingriffe in die seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen am Friedrichshof ermöglicht waren.

     


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    Am Donnerstag, 30. März 1989, sendete das zweite Österreichische Fernsehen (ORF 2) - Landesstudio Burgenland - einen Film über Otto Mühl und die Kommune, Titel: "Eine reale Utopie des Otto Mühl". Es war ein Werbefilm des Provinzfernsehens in der Reihe Spektrum. Zwei KommunardInnen hatten den Bürgermeister Wiens - Zilk - besucht und diesen um Rat bezüglich der "Pressekampagne gegen Otto Mühl und den Friedrichshof" gebeten. Von Mitleid ergriffen "telefonierte dieser sogleich mit dem burgenländischen ORF-Intendanten Hofer". Dieser erklärte sich sofort bereit, einen "objektiven, sachlichen Beitrag" in Auftrag zu geben [CK]. Der Kulturredakteur Unger und der freie Mitarbeiter Lesowsky übernahmen die Ausführung. Mein damaliger Eindruck:
     

    Nur wenig später erschien in der österreichischen Tageszeitung Der Standard ein relativ unausgewogenener Artikel von Peter Sichrovsky mit dem
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 142

    Titel "Das Sonnenreich des Aktionisten". Die Zusammenarbeit von Journalisten mit dem Friedrichshof gestaltete sich im allgemeinen als aufreibend, da Otto Mühl grundsätzlich nur mit Lobeshymnen zu befriedigen war, die er am liebsten selbst verfaßte. Sichrovsky, Bruder eines Kommunarden, vereinbarte zufällig zeitgleich eine PR-Beratung für den Friedrichshof, die ihm 100.000 Schilling [ca. 7.000 Euro] einbrachte. Außerdem versuchte er, sich vertraulich von 'Kollege zu Kollege' bei dem Spiegel-Redakteur B. Dörler über Inhalt und Tenor eines Spiegel- Artikels zu erkundigen, der kurz darauf erscheinen sollte. Ein trauriges Beispiel von Auftragsjournalismus?

    Daß sich dann am 28. Mai 1989 noch der ARD-Kulturweltspiegel (Moderator Rosenbauer) und im Februar 1990 die ZDF-Kultursendung aspekte einen Mühl bzw. die Kommune ehrenden Beitrag leisteten, überraschte zwar - waren doch inzwischen der gut recherchierte Spiegel-Artikel erschienen und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Eisenstadt weit gediehen -, verwunderte jedoch nur noch in Maßen. Diese Beiträge waren auf der 'Kulturschiene' der Kommune über den bereits im Standard-Artikel genannten 'Ausstellungsprofi' Harald Szeemann eingefädelt worden. Er hatte 1988/89 die "Beratung der Kooperative in Sachen Kunstausstellungen" übernommen.
     
     
     

    Eltern, Ehemalige und Medien gegen Otto Mühl

    Ein ehemaliger Kommunarde (A.) schrieb Mitte 1987 einen Brief an Mühl, in welchem er seine Bedenken hinsichtlich der jüngsten Fehlentwicklungen in den Kommunen mitteilte.
     

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 143


      Eine Antwort erhielt Axel nicht. Waren kritische Stimmen in der Kommune schon unerwünscht, so wurde auf die Kritik der "Ausgezogenen" erst recht nicht reagiert. Im Oktober 1987 verließ HL die Kommune (vgl. S. 129ff.). Noch im selben Monat flog er nach Oslo. Dort wohnte die Tante und die Mutter eines Mädchens, welches am Friedrichshofer Internat zur Schule ging. Nachdem HL geschildert hatte, in welchem Ausmaß die Jugendlichen dem psychischen Druck und den sexuellen Begierden Mühls schutzlos ausgeliefert waren, beschlossen die Tante und er, das Mädchen (im weiteren Svenja genannt) aus der Düsseldorfer Gruppe abzuholen. Dies war rechtlich gesehen unproblematisch, war das Mädchen damals noch nicht einmal 16 Jahre alt.

    Mit einer entsprechenden Erklärung der Mutter flogen sie nach Düsseldorf, betraten die Räume der Kommunefirma und erklärten dem erstarrten Gruppenleiter Karl, daß sie sofort mit Svenja reden und diese mit nach Oslo nehmen wollten; erst einmal ein paar Tage, ihre Mutter wolle sie sehen, dann könne sie ja wieder kommen, wenn sie noch wolle. Karl darauf fassungslos: "Aber das geht doch nicht, wir müssen doch erst den Otto fragen." Auch Svenja selbst traute sich in Anwesenheit der anderen KommunardInnen kaum, ihre Tante und HL anzublicken. Ängstlich hielt sie sich zurück, erst in einem Cafe, wo sie sicher war, daß kein Gruppenmitglied sie mehr hören konnte, äußerte sie, daß sie unbedingt weg wollte. Nach einigem hin und her - u.a. einem Telefongespräch mit Mühl - flogen sie am selben Tag mit Svenja nach Oslo. Obwohl es ihr freigestellt war, der Wunsch zur Rückkehr in die Kommune kam nie.

    Ende November 1987 traf ich HL in München, gemeinsam überlegten wir uns weitere Aktionen. Vor allem die Eltern, welche die Kommune bereits verlassen, ihre Kinder jedoch - in der Annahme, dies geschehe zum Wohle und gemäß dem Willen ihrer Töchter - an der Friedrichshofer Internatsschule gelassen hatten, wollten wir kontaktieren. Da



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    diese Erziehungsberechtigten in Paris lebten, fuhren HL und ich im März 1988 dorthin. Die Eltern waren jeweils überrascht, teilweise auch empört von den Schilderungen HLs. Der sexuelle Mißbrauch ihrer Töchter durch Mühl und der in diesem Zusammenhang ausgeübte psychische Druck war ihnen neu. Noch im April verließen zwei weitere, ebenfalls minderjährige Mädchen die Kommune, im Juli folgten zwei weitere. So waren im Sommer 1988 bereits fünf minderjährige Mädchen außerhalb des Einflußbereiches von Mühl.

    Am 18. April 1988 erschien in der Österreichischen Illustrierten Profil ein langer Artikel von Ernst Schmiederer über die Mühl-Kommune. Schmiederer war von Mühl, der damals in Gomera überwinterte, wohlwollend empfangen und eine Woche beherbergt worden. Doch der Artikel war für Mühl - wie so oft zuvor - ein unerwarteter, derber Schlag. Schmiederer hatte von mir einiges erfahren, ich hatte ihm weitere Informanten benannt. Nach einigen Telefongesprächen mit diesen konnte er neben seinen eigenen Erfahrungen auch die Erlebnisse der Aussteiger einfließen lassen. Die skurrilen Verhaltensmuster in Ottos Dunstkreis waren in dem ironisch-treffenden Artikel kunstvoll dargestellt, der sexuelle Mißbrauch der Mädchen wurde allerdings aus Mangel an Beweisen damals noch nicht veröffentlicht.

    Etwa zwei Wochen später fuhr ich gemeinsam mit einem ehemaligen Buchhalter der Genossenschaft 'Gemeinschaftsbau' (E.) nach Wien. Wir trafen uns am 6. Mai mit einem Vertreter des für die gemeinnützigen Genossenschaften zuständigen Revisionsverbandes. (Auf unsere mündliche und anschließend schriftlich eingereichte Anzeige wurde einen Monat später die bereits genannte Sonderprüfung durchgeführt.) Am Abend fuhren E. und ich mit U. - einer Mutter, die Ende 1987, nach 15 Jahren Mitgliedschaft ausgezogen war - zum Flughafen Schwechat. Hintergrund war, daß wir gemeinsam seit mehreren Wochen überlegt hatten, wie wir ihre damals acht Jahre alte Tochter aus der Kommune holen könnten. Bei ihrem Auszug war sie - vor ihrem Kind - von Mühl unter schweren psychischen Druck gesetzt worden. Sie hatte nicht mehr die Kraft, ihre Tochter von Gomera mitzunehmen. (Immerhin liegt die Bucht 'el Cabrito', wo die Kommune lebte, etwa drei Stunden Fußmarsch vom nächsten Dorf entfernt.) Da sie zunächst wenig Geld erhielt, dann nach und nach mit lediglich 70.000 Schilling [ca. 5.000 Euro] abgespeist worden war - schließlich war sie in Augen des Führungszirkels eine unwichtige Person, als ungefährlich eingestuft, mit der man umspringen konnte, wie man wollte - hatte sie erst einmal monatelang mit ihren eigenen finanziellen Verhältnissen, Wohnungssuche etc. zu kämpfen. Auch dadurch war sie erst Monate später in der Lage, ihre Tochter zu holen. Die offene Arroganz gegenüber den ausziehenden KommunardInnen war damals wieder auf einem Höhepunkt. Beispielsweise erhielt ein anderer Kommunarde, der Anfang 1988 ausgezogen war und 16 Jahre in der Kommune gelebt und gearbeitet hatte, bei seinem Auszug lediglich 35.000

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 145

    Schilling [ca. 2.500 Euro] und den Rat, er solle doch arbeiten gehen. Wenn er Hunger habe, dann könne er jederzeit zum Friedrichshof kommen, hier würde er kostenlos Essen erhalten. Der blanke Zynismus. Da eine direkte Anfrage bei Mühl wegen der Tochter lediglich zu erneuten psychischen Streßsituationen geführt hätte, beschlossen wir, eine günstige Gelegenheit, die sich zufällig ergab, wahrzunehmen. U. hatte gerüchteweise erfahren, daß die Schulkinder Anfang Mai von Gomera zum Friedrichshof zurückkehren sollten. Sie rief die Fluggesellschaft an, mit welcher die KommunardInnen üblicherweise flogen, und erhielt die Bestätigung, daß ihre Tochter am 6. Mai zurückkehren würde. Da wir Probleme mit den KommunardInnen befürchteten, bat U. einen Zivilbeamten der Flughafenpolizei (Inspektor N.) um Unterstützung. In dessen Bericht hieß es später:

    "Nach Ankunft der Lauda Air um 19.20 Uhr begab sich die Schülergruppe zu den Toiletten in der Ankunftshalle. Da nur die anderen Kinder von der Toilette zurückkamen, wurde mit der Mutter bei den Toiletten Nachschau gehalten. Im Vorraum der Toilette konnte G. mit einer weiblichen Begleitperson angetroffen werden. Diese redete ununterbrochen auf das Kind ein und wollte dieses offensichtlich zum Widerstand gegen die Mutter bringen. Als das Kind seine Mutter erblickte, wurde diese von ihm freudigst begrüßt, aber die Begleitperson wollte das Kind vorerst nicht loslassen. Die Begleitperson wurde daraufhin aufgefordert, ihr Verhalten einzustellen, und den Raum zu verlassen."

    Meine flüchtige Bekanntschaft mit dem Beamten der Flughafenpolizei hatte weitreichende Folgen für Mühl, ohne daß mir dies im Mai 1988 bewußt gewesen wäre. Ich schrieb einen Brief an N. und teilte ihm u.a. mit: "Die meisten von uns (ehemaligen Mitgliedern) wissen, daß Otto Mühl die 12- bis 16jährigen Mädchen sexuell nötigt. Er praktiziert das, was im Mittelalter 'jus primae noctis' hieß, nur, daß Hr. Mühl dieses Recht auf Wochen und Monate ausdehnt." N. leitete das Schreiben an die zuständigen Stellen in Österreich weiter, dort wurde mein Brief wie eine Anzeige behandelt. Damit begannen die umfangreichen Ermittlungen der Eisenstädter Staatsanwaltschaft gegen Otto Mühl u.a. wegen "Beischlaf und Unzucht mit Unmündigen" (Aktenzeichen 4 St 936/88).

    Von einem damals ausziehenden Gruppenmitglied erfuhr W. einige Tage nach meinem Wien-Aufenthalt, daß zwei Stern-Journalisten "in Gomera rausgeflogen" waren. (Im Artikel hieß es später: "Für den, der nicht dazugehört, ist der Empfang in der subtropischen Idylle rüde. Als wir mit unserem Fischerboot an der kleinen Mole anlegen, tauchen plötzlich 15 kurzgeschorene Gestalten hinter den Büschen auf und stürmen auf uns zu. Fünf von ihnen packen Stern-Fotograf Volker Krämer, nehmen ihm die Kameras ab und reißen die Filme heraus. 'Hier werden keine Bilder gemacht!' keift einer vom Rollkommando." [Stern 88/23, S. 37]) Nach einigen Anrufen beim Stern in Hamburg hatte ich den entsprechenden Redakteur am Apparat. Auf seine Bitte hin organisierte ich für das Wochenende vom

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 146

    15. bis 17. Mai 1988 ein Treffen von sieben ehemaligen KommunardInnen in Hamburg. Dieses Treffen war für uns alle von therapeutischer Intensität. Jeder von uns erfuhr erst in dieser Runde viele Details einer Handlungs-Grauzone, die im Umfeld der Mühl-Clique bestand. Der Gang an die Öffentlichkeit bedeutete gleichzeitig auch die Überwindung von Schuldgefühlen. (Nicht nur die Gruppenmitglieder, auch viele ehemalige KommunardInnen empfanden unseren Schritt als "Verrat". Kommentar einer Ehemaligen: "Mit diesem Schmutzblatt arbeitet ihr zusammen.") Erst jetzt begriff ich meinen Ausstieg und den der anderen endgültig als ethisches und moralisches Versagen Mühls und seiner Gruppenleiterinnen. Die öffentliche Konfrontation mit den früher bewunderten Autoritäten war ein wichtiger Durchbruch auf dem Weg zu eigenen Werten.

    Basierend auf unseren eidesstattlichen Aussagen erschien am 1. Juni 1988 ein Artikel im Stern: "Sodom und Gomera". Neben den zahlreichen skurrilen Internas war von sexueller Nötigung Unmündiger, dem Zwang zur Abtreibung, Mühls brutalen Erziehungsmethoden und Rauschgiftmißbrauch die Rede. Natürlich hatten die Friedrichshofer bereits einige Tage vor dem Erscheinen von unserem Treffen in Hamburg erfahren, denn die Ehemaligen-Szene war eine einzige Klatschküche. Aufgeschreckt versuchten einzelne KommunardInnen - von Mühl beauftragt - mehr zu erfahren. Einige von uns wurden angerufen, auch mein Bruder meldete sich nach zwei Jahren Funkstille wieder bei mir. Damals schrieb ich:
     

    Die Konzeptlosigkeit Mühls zeigte sich vor allem in der Reaktion auf den Stern-Artikel und zwei weitere Artikel, die kurz darauf in der Münchner Abendzeitung erschienen. Mühl ließ durch seine Anwaltskanzlei eine zwölfseitige Gegendarstellung mit 46 Punkten übermitteln, eine der längsten in der Geschichte des Stern. Die Abendzeitung wurde ebenso mit Gegendarstellungen bedacht. In einem Telefax an die Redaktion der Abendzeitung erklärte Mühl, wie es zu der "Pressekampagne" gegen ihn kommen konnte:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 147


      Trotz dieser starken Worte wurde weder auf dem Abdruck der Gegendarstellungen bestanden noch ließ es Mühl auf einen Prozeß ankommen. Die Fristen verstrichen, nichts geschah. Statt dessen versuchten die Mühls, abzuwiegeln und zu verschleiern:
      Ich persönlich befürchtete damals tatsächlich, daß die Mühls einzelne von uns verklagen würden. Vor allem wegen des Artikels in der Abendzeitung, in welchem ich - trotz gegenteiliger Bitte - von dem übereifrigen Reporter mit dem vertraulich geäußerten Satz zitiert wurde: "Guru Mühl ist nicht mehr zurechnungsfähig, weil er sich in 20 Jahren extremen Haschisch-Konsums das Gehirn weggekifft hat." Eine Klage wäre damals der beste Weg gewesen, unsere - und eventuell folgende - Aktivitäten zu ersticken, denn die Auseinandersetzung mit der Kommune bewegte sich bei den wenigen ehemaligen Mitglieder zeitlich wie finanziell immer am äußersten Rand des Möglichen. Der finanziellen Potenz des Friedrichshofes und der politischen Deckung in Österreich hatten wir wenig entgegenzusetzen.

    Doch es kam anders. Otto Mühl glaubte, daß es uns lediglich um Geld ginge. Am 15. Juni 1988 erhielt ich einen ersten Anruf einer Vertrauten Mühls. Nach einigem Hin und Her fragte sie, wieviel Geld ich denn wolle. Etwas verdattert versuchte ich, ihr klarzumachen, daß ich kein Geld wollte, daß Geld kein Motiv für unser bisheriges Handeln war, sondern daß es vielmehr um Veränderungen bezüglich der Kinder und Jugendlichen ginge. Nach einigen Tagen änderte ich jedoch meine Meinung, nachdem ich mich mit anderen Ehemaligen verständigt hatte. Wir einigten uns, daß wir jeder den Betrag fordern würden, der 1986 infolge eines außergewöhnlichen Vergleichs an etwa 15 Ex-KommunardInnen bezahlt worden war: je 210.000 Schilling (30.000 DM [ca. 15.000 Euro]). Nachdem wir uns telefonisch auf diese Summe

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 148

    geeinigt hatten und uns mitgeteilt wurde, daß uns das Geld bei einem Besuch am Friedrichshof übergeben würde, verabredete ich mich mit HL und W., um mit ihnen zum Friedrichshof zu fahren. (E., der am 17. Juni allein dorthin gefahren war, hatte mich resigniert einige Tage später angerufen und gemeint, wir würden es nie schaffen, er wolle ihn Zukunft nicht mehr mitmachen. Dies war nicht etwa die Wirkung des Geldes, sondern eine Folge der einsamen, direkten Konfrontation mit Mühl und den anderen KommunardInnen.) So fuhren wir am 25. Juni 1988 zu dritt zum Friedrichshof. Mein Eindruck damals:
     

     


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      Wir erhielten jeweils 210.000 Schilling (30.000 DM [ca. 15.000 Euro]). Dafür mußten wir nachträglich unseren Austritt aus der Genossenschaft erklären und auf unseren Geschäftsanteil an derselben verzichten. Als wir dann auch noch eine Erklärung unterschreiben sollten, daß die 'Aussagen, die wir gegenüber dem Stern abgegeben hatten, übertrieben bzw. falsch seien', weigerten wir uns. Es waren anstrengende Stunden. Ich war froh, als wir endlich wieder im Auto saßen, wir waren alle drei nervlich und körperlich erschöpft.

    Der direkte Kontakt mit der Kommune war ein genauso schwieriger Schritt für mich wie die offene Konfrontation durch die Medien. Waren es doch auch meine eigene Vergangenheit, meine eigenen Träume und Ideale einer solidarischen Gemeinschaft, der Wunsch nach Freundinnen für das ganze Leben, die ich in einem totalitären Abgrund sah. Als ich am 20. Juli 1988 bei der Erdinger Kriminalpolizei aussagte, empfahl mir der Beamte, "doch einmal einen Psychologen aufzusuchen, weil ich so traurig und depressiv" wirkte. Die Erkenntnis, daß mein Traum, unser Traum, so derb scheiterte, war - je aktiver ich mich mit den Zuständen am Friedrichshof auseinandersetzte - schmerzhaft. Ein paar Monate später schrieb ich:
     

    Da Otto Mühl weiterhin glaubte, Kritik an seinen Methoden durch Geldleistungen stoppen zu können, wurden im Juli schlagartig alle bestehenden Forderungen ehemaliger Mitglieder - wenigstens prinzipiell - anerkannt. Ein von mir initiiertes Treffen ehemaliger Mitglieder am 30. Juli 1988 in Mühldorf bei München sollte eigentlich dazu dienen, noch mehr "Ausgezogene" zu informieren und zu aktivieren. Die Initiative der meisten Teilnehmer beschränkte sich jedoch im folgenden darauf, zu ihrem rechtmäßigen Vermögensanteil zu gelangen, was ja auch verständlich war. Fast 50 (von ca. 200) Ex-KommunardInnen kamen. Da die Mühls darum gebeten hatten, lud ich diese ebenfalls zu dem Treffen ein. Vor dem Wochenende wurde ich noch mehrmals von Claudia Mühl angerufen - "Was passiert denn bei dem Treffen? Was wollt ihr denn eigentlich?" -, es war ihnen unheimlich. Ihre Vereinzelungstaktik funktionierte nicht mehr, das verunsicherte sie. Durch vorgezogene Geldzahlungen an einzelne Ex-KommunardInnen verstreute Mühl ziellos seine Gunst, und das, obwohl der Friedrichshof zugestimmt



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    hatte, Zahlungen erst nach dem Treffen als gemeinsame Forderung aller Ex-Mitglieder zu begleichen. Leider durchschauten viele Angesprochenen das taktische Verhalten der Friedrichshofer nicht oder nahmen es hin, da es ihr eigener - finanzieller - Vorteil war.

    Am Nachmittag erschien Claudia Mühl mit drei anderen KommunardInnen. Ich hatte für persönliche Gespräche in kleinem Kreis plädiert, die anderen wollten jedoch überwiegend ein großes Forum. Ich schrieb damals:
     

    Nach zwei Stunden heftiger Anwürfe holten die KommunardInnen die Schnapsflaschen und selbstgebackenen Kuchen, Versöhnungsgelage. Außerdem hatten sie für uns Ottos nichtsagenden Worte ("Doku"), seine Krikeleien und für jeden ein persönliches Foto aus seiner Gruppenzeit mitgebracht - Glasperlen für die Wilden.

    Zwar hatte Claudia Mühl die Liste der Forderungen mit dem Kommentar eingesteckt, sich bald zu melden, trotzdem waren die folgenden Verhandlungen zäh. Die Summe der Forderungen von dreißig Personen war 4,1 Millionen Schilling (590.000 DM, d.h. pro Person nicht einmal 20.000 DM [ca. 10.000 Euro]), anerkannt wurden zunächst nur 1,9 Millionen Schilling (270.000 DM). Die Kriterien waren willkürlich, z.B. "die war in der Gruppe so negativ", "der hat 1982 eine Fehlleistung gemacht", "der hat doch nie richtig gearbeitet". Am Ende erkannten sie die Forderungen jedoch weitgehend an, insgesamt etwa drei Millionen Schilling (420.000 DM). Im Gegenzug mußte jeder Ex-Kommunarde nachträglich seinen Austritt aus der Genossenschaft und den Verzicht auf seinen Geschäftsanteil schriftlich und notariell beglaubigt erklären. Innerhalb von einer Woche mußten diese notariellen Verzichtserklärungen vorliegen und die Höhe der Forderungen mit jedem einzelnen abgestimmt werden. Das war nicht ganz einfach, waren die 30 betroffenen Ehemaligen über Frankreich, Schweiz, Norwegen, Amerika und Deutschland verteilt. Trotzdem klappte alles bis zum Tag der Abwicklung. Am 11. August 1988 fuhr ich nach Düsseldorf, um gemeinsam mit A. und J. die Überweisung der Forderungen abzuwickeln. Damals schrieb ich:
     

     


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      Die plötzliche Bereitschaft der Kommune, die Forderungen der Ehemaligen anzuerkennen - von Juli bis August 1988 wurden über eine Million DM an etwa 50 Ex-Mitglieder bezahlt -, beruhte auf einer Notwendigkeit, die ich damals nicht ahnte. Durch die Anzeige gegen die Genossenschaft im Mai - u.a. wegen Unterschriften- bzw. Urkundenfälschung -, waren die Friedrichshofer unter den Druck der Behörden geraten. Die erste Sonderpriifung fand am 22. Juni 1988 statt. In zwei von drei überprüften Fällen wurde Unterschriften- bzw. Urkundenfälschung festgestellt. Darauf empfahlen Beamte der Burgenländischen Behörde etwaige Unregelmäßigkeiten beim Austritt nachträglich bis zu einer zweiten Sonderprüfung zu 'legalisieren'. Diese fand am 11. Oktober 1988 bzw. 4/5. Dezember 1988 statt. Der zweite Prüfungsbericht war am 15. Januar 1989 fertig. So hatten die verantwortlichen KommunardInnen genügend Zeit, um folgende Vergehen zu 'korrigieren': Bis 1987 war es üblich gewesen, ausziehenden KommunardInnen, die ab 1981 auch Genossenschaftler der 'Gemeinschaftsbau' waren, ihren Geschäftsanteil nicht auszubezahlen. Kaum einer wußte, wie hoch sein Anteil war, über die rechtliche Situation bestand meist Unklarheit, fast allen erschienen die notwendigen komplizierten Verhandlungen mit den KommunardInnen als zu hohe psychische Belastung. Der Weg zum Rechtsanwalt war lange durch entsprechende Schuldgefühle verstellt. Da der Austritt aus der Genossenschaft und der Verzicht auf Geschäftsanteile schriftlich erklärt werden mußten, wurden entweder Blanko-Unterschriften verwendet oder kurzerhand die Unterschriften gefälscht. Die im Sommer 1988 eingeforderten notariellen Erklärungen bezüglich des Austrittes und des Verzichtes auf die Geschäftsanteile konnten durch einen geschickt eingefügten Nebensatz von der Behörde so interpretiert werden, als ob wir nachträglich den früheren Rechtsbruch akzeptiert hätten.

    Im zweiten Prüfungsbericht konnte es aufgrund dieses Tricks dann lauten: "10. Kündigungen, Übertragungen und Verzichtserklärungen. Diese entsprechen nun den formalen gesetzlichen Voraussetzungen (eigenhändige Unterschriften der ausscheidenden Mitglieder, Datum)." So entsprach das Geld, was im August 1988 bezahlt wurde, größtenteils der Höhe des Genossenschaftsanteils.

    Ende August erfuhren wir von erneuten, hektischen, nicht durchdachten Aktionen der Friedrichshofer. Mühl schickte zwei 'Sonderbotschafter' (J. und T.) nach Paris, um bei den drei dort lebenden Mädchen vorzusprechen. Besonders perfide an diesem Vorgehen war, daß eines der Mädchen früher in T. verliebt gewesen war, diese Beziehung durch Mühl für

     


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    seine Zwecke instrumentalisiert wurde. (Eine derartige Instrumentalisierung von Beziehungen war typisch für die Mühlsche Vorgehensweise gegen ehemalige Mitglieder.) Die Mädchen sollten einen vorgefertigten Text unterschreiben, daß alle An- und Vorwürfe im Stern und sonstigen Blättern nicht wahr seien. Dafür sollten sie je 30.000 DM erhalten. Ein Hin und Her von Telefongesprächen zwischen Oslo, Paris, Düsseldorf und München war die Folge. Die Mädchen waren schwer verunsichert. T. wußte, nachdem er von Axel angerufen worden war, bald selbst nicht mehr, was er machen sollte, und wurde in Beisein eines Mädchens spätnachts von Mühl telefonisch so schwer angeschnauzt, daß er anschließend in Tränen ausbrach. Es war chaotisch. Letztlich unterschrieben die Mädchen einen geänderten Text, forderten jedoch einige Tage später die Schriftstücke zurück. Kurz darauf rief mich Mühl in Oslo an. (Ich besuchte damals W. und HL.) Fast fünf Minuten dauerte sein Monolog:
     

    Es klang ganz furchtbar. Anschließend schrieb ich in mein Tagebuch:
     
    Etwa eine Woche später kam es am Wochenende vom 2. bis 4. September 1988 auf Bitte der Friedrichshofer in Oslo zu einem Treffen zwischen uns fünf Ehemaligen - von den sieben, die beim Stern-Artikel mitgearbeitet hatten, waren nur noch fünf übrig - und drei KommunardInnen, die wir aussuchen konnten. Obwohl wir in der Gruppe mit den dreien gut befreundet gewesen waren, war ein persönliches Gespräch in diesen Tagen kaum möglich. Nur hin und wieder blitzten kurz Gemeinsamkeit und alte Beziehungen durch. Die meist verwendete Floskel in diesen Tagen war, "alles hat sich geändert" bzw. "das wird jetzt anders werden". Am letzten Tag des Treffens besprachen wir noch einmal zu fünft unsere weiteren Ziele und unser Vorgehen. Dabei kam es zu einer heftigen Diskussion. Die anderen hatten Bedenken, den Spiegel-Redakteur B. Dörler zum damaligen Zeitpunkt bei seinen Recherchen zu unterstützen. Zum einen, um die "am


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    Friedrichshof in Gang gesetzten Veränderungen" abzuwarten, zum anderen, um die Jugendlichen nicht zu sehr unter Druck zu setzen, aber - wie sich im weiteren Verlauf des Gespräches herausstellte - auch aus Selbstschutz. Vor allem Axel und Jutta befürchteten, daß die Reaktionen der KommunardInnen uns gegenüber allmählich nicht mehr abschätzbar seien, wir waren zu eindeutig als Macher zu identifizieren. Wir seien zu wenig und zu leicht durch Gewalt und/oder Prozesse lahmzulegen. Sie wollten sich nach dem Wochenende vorerst zurückziehen.

    Abends konnten wir heimlich an einem Nebenapparat das Gespräch von M. mit Otto Mühl mithören. Nach ihrer Schilderung waren wir "beruhigt" worden, "beste Freundschaft", "alles wieder in Ordnung..." Das Gespräch endete mit M. sanft säuselnder Stimme: "Otto, was sollen wir heute abend mit ihnen machen, um sie noch positiver zu stimmen?" Antwort des Meisters: "Habts nicht an Schnaps aus Gomera dabei, mmh?" Anschließend schrieb ich in einem Vereinsbericht über das Treffen:
     

    Das nächste halbe Jahr verstrich ohne große Ereignisse. Im Dezember 1988 wurde amtlich bestätigt, daß der von uns im August gegründete Ehemaligen-Verein 'Delphin e.V.' eingetragen und als gemeinnützig anerkannt worden war. Nach und nach wurden im Rahmen der Vorerhebungen wegen des "Verdachts auf Beischlaf mit Unmündigen" Zeugen vernommen. Das erste Mädchen hatte im April 1989 in Deutschland ausgesagt. Am 8. Mai 1989 erschien im Spiegel ein vierseitiger Artikel, in welchem u.a. ein Mädchen detailliert über ihre Erlebnisse am Friedrichshof berichtete. Mit dem Spiegel-Redakteur B. Dörler war ich seit Sommer 1988 in regelmäßigem Kontakt. Persönlich habe ich ihm viel zu verdanken. Durch seine offene und direkte Art wurde mir klar, daß ich eindeutig Stellung beziehen mußte. Ein großes Problem für viele Ehemalige bestand darin, die Ereignisse am Friedrichshof zu bewerten und das eigene Urteil - egal wem gegenüber - auch zu vertreten. Die Mühlsche Unterdrückung von Diskussion, Kritik und eigener Meinung hatte in den langen Kommunejahren dazu geführt, daß wir uns - wie Fahnen im Wind - allzu glatt drehen konnten; nicht umsonst sind die meisten Ehemaligen im Vertrieb bzw. Verkauf tätig.
     


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    Kurz darauf erfuhr ich, daß die Staatsanwaltschaft Eisenstadt sich den 20. Mai 1989 als Termin gesetzt hatte, um zu entscheiden, ob aus den Vorerhebungen Ermittlungen würden. Daraufhin organisierte ich einen Ortstermin bei dem zuständigen Untersuchungsrichter T. Am Dienstag, dem 16. Mai 1989, fuhr ich mit einem der französischen Mädchen (hier Valeri genannt) nach Wien und von dort mit S. und HL nach Eisenstadt. Sowohl letzterer als auch das Mädchen sagten dort aus. Valeri war knapp fünf Minuten im Zimmer des Untersuchungsrichters, als B.S. die Treppe heraufkam. Erstaunte Frage: "Was macht ihr denn hier?" Worauf ich ihm erregt meine Meinung sagte bezüglich seiner Mitverantwortung für die Behandlung der Kinder und Jugendlichen am Friedrichshof bzw. auf Gomera. HL und S. begleiteten ihn dann in ein benachbartes Cafe. Ich brachte Valeri nach der Vernehmung ungesehen in mein Auto, während HL vernommen wurde. Entscheidend für den weiteren Verlauf war, daß das Mädchen beim ersten versuchten Geschlechtsverkehr durch Mühl jünger als 14 Jahre gewesen war. Als Resümee dieses Tages schrieb ich:
     

    Aufgrund dieser Aussagen, anderer bereits vorliegender Aussagen und des Spiegel-Artikels wurden wenige Tage später die Ermittlungen eröffnet. Da HL und ich die Anzeige gegen Mühl um einige Punkte erweitert und über 20 zusätzliche Zeugen - überwiegend außerhalb Österreichs - benannt hatten, war davon auszugehen, daß die Ermittlungen noch einige Zeit dauern würden. Um den weiteren juristischen Verlauf besser verfolgen zu können, hatten wir auf Empfehlung des immer hilfsbereiten Geschäftsführers Ingo Heinemann der deutschen Elterninitiative gegen Sekten (AGPF e.V. in Bonn) den juristischen Berater der Österreichischen Elterninitiative, Rechtsanwalt Peter Steinbauer, um seine Hilfe gebeten.

    Kurz nach meiner Rückkehr von Wien rief mich eine Redakteurin des Spanischen Fernsehens an, am Dienstag, dem 23. Mai 1989, kam ein Fernsehteam nach München, am nächsten Tag flogen sie weiter nach Oslo. Ende Mai berichteten verschiedene spanische Zeitschriften, daß Mühl wohl ausgewiesen würde. Am 30. Mai 1989 wurde am Friedrichshof eine erste Hausdurchsuchung von 42 Beamten durchgeführt. Leider wurden das Videoarchiv und große Teile des schriftlichen Archivs in dem weiträumigen Gebäudekomplex übersehen. Noch bevor am 21. Juni 1989 der oben erwähnte Film im spanischen Fernsehen gesendet wurde, setzte sich Mühl in

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 155

    einer nächtlichen Flucht aus Gomera ab, anfangs nach Zürich, dann nach München. Erst nachdem mit Eisenstadt die Rückkehr nach Österreich geklärt war - keine U-Haft, nur Hinterlegung des Reisepasses - fuhr Mühl am 9. Juni zum Friedrichshof. Damals schrieb ich:
     

    Am 30. Juni 1989 wurde Otto Mühl in Eisenstadt vernommen, natürlich bekannte er sich nicht schuldig.
      Nach der Sommerpause wurden weitere Jugendliche, die damals noch am Friedrichshof lebten, vernommen. Natürlich wußten sie von nichts. Dies hatte einen einfachen Grund: Die Jugendlichen wurden von B.S. am Friedrichshof auf ihre Vernehmung intensiv vorbereitet. Am 27. September 1989 wurden in einer zweiten Hausdurchsuchung Teile des Videoarchives beschlagnahmt. Im Oktober/November 1989 zogen fast 40 Erwachsene und vier weitere Jugendliche aus. Da einer dieser Ex-Kommunarden in Eisenstadt aussagen wollte, fuhren wir gemeinsam einige Tage nach Wien. Unter anderem trafen wir dort Rechtsanwalt Steinbauer; dieser riet dringend, für eines der betroffenen Mädchen Nebenklage (Privatbeteiligtenanschluß) einzureichen. Dadurch hätte er Akteneinsicht und könnte auf den weiteren Verlauf des Prozesses erheblich mehr Einfluß nehmen. Einige Wochen
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 156

    später brachte ein Mädchen (Valeri) den erheblichen Mut auf, als Nebenklägerin aufzutreten.
     
     
     

    Die Wende, das Ende: Mühl-Kommune -

    Mühl ohne Kommune? (Februar - Juli 1990)

    Der folgende Abschnitt ist weitgehend identisch mit einem Bericht, den ich direkt anschließend an die Beratungstätigkeit im Juli 1990 verfaßt habe. (Diesem Bericht liegt etwa ein DIN A4 Ordner voller Gesprächsprotokolle, Briefe und persönlicher Aufzeichnungen zugrunde, die in dem Bericht auszugsweise zitiert sind.)

    In den letzten Monaten hat sich die 'Mühl-Kommune' (hoffentlich für immer) von Mühl verabschiedet, lang geübte ideologische Denkstrukturen sind zerbrochen oder am zerbrechen. Eine zentrale ideologische oder ökonomische Führung existiert nicht mehr. Entsprechend ihrer charakterlichen Eigenschaften schwanken die einzelnen Mitglieder zwischen Ernüchterung, Zuversicht und tiefer Unsicherheit. Im März und April 1990 waren es vor allem einige Mitglieder der alten Führungsclique, die sich um eine Teilentmachtung Mühls bemühten und eine teilweise Demokratisierung anstrebten, sicher auch mit der Absicht, ihren eigenen Einfluß abzusichern. Etwa Ende Mai begannen - ausgehend von der Gruppe in Zürich - die endgültigen Veränderungen. Von einer 'Mühl'-Kommune kann im jetzigen Stadium schon nicht mehr gesprochen werden.

    Ein zeitlicher Überblick der wichtigsten Ereignisse:

    März/April 1990

    Mai/Juni 1990
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 157


      All diese Änderungen erscheinen vielen sicher als Selbstverständlichkeiten. Wer jedoch die Kommune bisher kannte, weiß, daß mit den oben beschriebenen Veränderungen die Fundamente der (Psychoterror)-Herrschaft Mühls aufgelöst sind. Nach dem kollektiven Abschied von etwa 90 Prozent der Mitglieder aus einer totalitären Ideologie kann mit der weiteren Normalisierung gerechnet werden. Zum Glück ist den meisten Gruppenmitgliedern ihre gemeinsame Verantwortung für gemeinschaftlich in der Vergangenheit entstandene Verpflichtungen klar; dazu gehören bei einem Teil der Gruppenmitglieder unterlassene Rückstellungen für Altersvorsorge und die Versorgung der unehelichen Kinder. Die entscheidende Frage ist: Wie kam es zu diesem Wandel?
     
     

    Erste Kontakte (Januar/Februar 1990)

    Seit dem Jahreswechsel 1989/90 besuchten die beiden ehemaligen Mitglieder HL und S. regelmäßig ihre am Friedrichshof lebenden Kinder bzw. Verwandten. Es gelang ihnen, bei einigen Gruppenmitgliedern das ins paranoide gewachsene Mißtrauen gegen die Außenwelt und ehemalige Mitglieder etwas zu verringern. Vor allem zwischen HL und dem Gruppenmitglied B.S. entstanden aus den anfangs zaghaften Gesprächen regelmäßige Kontakte im Januar und Februar dieses Jahres. HL informierte mich laufend über den Stand der Gespräche. Er war der Meinung, daß auf diesem Wege gruppeninterne Entwicklungen in Gang kämen, die zu einem schrittweisen Abbau des Sektenverhaltens führen würden. Mitte Februar teilte HL mir mit, daß B.S. mich gerne treffen würde.

    Der Druck auf die Mühl-Kommune hatte sich damals in dreifacher Hinsicht verstärkt: Seit November 1989 waren etwa 45 Erwachsene und Kinder ausgestiegen, ein personeller, vor allem aber ein gravierender Einkommensverlust. Ein Vater hatte in Zusammenarbeit mit mir verschiedene Vorstände der Produktpartner der Kommune-Firmen im November/Dezember 1989 bezüglich des Prozesses gegen Mühl informiert. Und seit Januar 1990 hatte unser österreichischer Anwalt Steinbauer Akteneinsicht bei Gericht. Der Anwalt Mühls wußte seitdem, daß Privatanschluß an das Verfahren eingeleitet war.
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 158

    B.S. war sich spätestens seit Anfang des Jahres des Ernstes der Lage bewußt. Er konnte als "Rechtsberater" Mühls die durch den Prozeß entstandene Situation zweifellos am besten einschätzen, andererseits ging es ihm wohl auch um durchgreifende Veränderungen in Richtung Demokratisierung. Im Gegensatz zu Mühl, der sich noch einmal während der Weihnachtszeit in despotischem Narzißmus übte, von ausziehenden KommunardInnen als "Weihnachtspogrome" bezeichnet. Gerade wegen des objektiv vorhandenen Druckes war ich von Anfang an mißtrauisch gegenüber den 'wahren' Absichten dieser Gesprächsbereitschaft der Friedrichshofer. Mir war klar, daß das wesentliche Motiv in der Hoffnung bestand, unsere Aktivitäten zu behindern und wenn möglich einzufrieren. Mit Sicherheit erfolgte diese Initiative gerade jetzt, um die Weitergabe des Gerichtsaktes an die Öffentlichkeit zu verhindern. Ich schrieb damals:
     

    Obwohl der Gerichtsakt damals noch nicht einmal im Besitz unseres Anwaltes war, besprach ich mit HL, daß wir übereinstimmend auf diese Frage antworten würden, daß alle Zeugenaussagen bereits an Journalisten weitergegeben seien. Ich wollte damit sicherstellen, daß dieser ganze Themenkomplex abgeschlossen erscheint, um so alle zweifelhaften 'Anträge' an der Wurzel beseitigen zu können.

    Das erste Gespräch mit B.S. am Samstag, dem 17. Februar 1990, war ein gegenseitiges, mißtrauisches Abtasten. Bernd fragte, ob wir am Sonntag das Gespräch am Friedrichshof fortsetzen wollten. Wir bejahten unter der Bedingung, daß wir uns ohne jede Begleitung dort frei bewegen und Gespräche mit Gruppenmitgliedern führen könnten. Sonntag vormittag besprachen HL und ich die wesentliche Inhalte des geplanten Gespräches mit B.S..

    Unsere Schwerpunktforderungen betrafen: Die Ansprüche der Aussteiger der letzten Monate; rechtlich verbindliche Verträge zwischen den Kommunemitgliedern bezüglich Altersvorsorge, Absicherung der Mütter, Erbschaften etc.; Offenlegung der Vermögensverhältnisse; Normalisierung der Kontakte zwischen Kommunemitgliedern und deren Eltern; und die Demokratisierung und der Rücktritt Mühls. Einig waren wir uns auch, daß der Prozeß gegen Mühl und alles, was damit zusammenhängt, nicht Gegenstand des Gespräches sein darf. "Unser Interesse ist lediglich, weitere Entwicklungen zu beeinflussen, zurückliegende Ereignisse in der Kommune bedürfen der gerichtlichen Klärung und Aufklärung." Mein damaliger Eindruck der paar Stunden Aufenthalt am Friedrichshof:
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 159


      Als besonders bemitleidenswert erschien mir damals die große Zahl verunsicherter und gebeugter Mütter, die im Falle des Fortbestandes wie des Zerfalles am stärksten zu leiden hätten. Ich mußte HL in seiner Beurteilung der Lage recht geben, daß im Verlauf des Prozesses und der nicht unwahrscheinlichen Verurteilung Mühls die Kommune implodieren und eine ganze Reihe von Sozialfällen freisetzen würde. Für den Fall des Fortbestandes der Mühlschen Herrschaft schien mir persönlich die Leidensfähigkeit vieler Personen bereits J.eits einer imaginären 'natürlichen Grenze' angekommen zu sein.

    Das Ergebnis der Gespräche mit B. und K. war, daß diese HL und mich fragten, ob wir bereit seien, die Kommune in den nächsten Monaten bezüglich der Themenbereiche, die wir mit oben genannten Schwerpunktforderungen angeschnitten hatten, zu beraten. Die folgenden Tage verbrachte ich zu Hause u.a. damit, die Argumente HLs mit meinem eigenen Mißtrauen abzuwägen, um am Ende zu dem Schluß zu kommen:
     

    Meine Bedingung war, daß unser Vorgehen selbst schon das ausdrücken müßte, was wir erreichen wollten:
      Außerdem stimmten HL und ich in unserer Forderung überein, daß wir nur dann zu weiteren Gesprächen bereit seien, wenn die Hierarchie abgeschafft und Otto Mühl seine öffentliche Präsenz radikal beschneiden würde. Vor allem die "Kinderpalaver" müßten sofort eingestellt werden.
     
     

    Beginn der Beratung (16./17. März -14./15. April 1990)

    Die Gespräche im März und April (16./17. März in München, 30. März bis 1. April am Friedrichshof) waren auf den kleinen Kreis K., B., L., HL und mich begrenzt. Wir saßen zwölf bis 16 Stunden zusammen
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 160

    und diskutierten, in den kurzen Pausen hatten wir oft Gelegenheit, unbeobachtete Gespräche mit einzelnen Gruppenmitgliedern zu führen. Anfangs waren es wenige, die uns persönliche Anliegen mitteilten, die wir unbedingt ansprechen und durchsetzen sollten. Dieser langsam wachsende Personenkreis informierte uns regelmäßig über aktuelle Interna bezüglich Mühl und seinem Verhalten. Sie baten uns, auf jeden Fall weiterzumachen, denn sie befürchteten, daß ansonsten die eingeleitete Demokratisierung keinen Bestand haben würde. In Berlin, München und Zürich engangierten sich ein paar Ehemalige (J., T., R., W.) und hielten Kontakt mit Gruppenmitgliedern. Ich hielt es für gut, daß gegenüber ihren weitaus radikaleren Forderungen unser Standpunkt eher gemäßigt erschien. Eine gewisse anarchistische Unberechenbarkeit unserer aller Verhalten und nicht kalkulierbare, unbeeinflußbare Einzelmeinungen: darauf können zentralistisch denkende Menschen nur schwer reagieren.

    Unser gesamtes Auftreten in der Gruppe orientierte sich - eher instinktiv - daran, die entstandene 'gruppenautistische' Front aufzuweichen, Feindbilder abzubauen; zu zeigen, daß wir Menschen waren, daß wir nicht etwa die "Gruppe zerstören", sondern vor Schlimmerem bewahren wollten. (Man muß bedenken, daß wir in den Augen der offiziellen Ideologie bis dahin die "Todfeinde" waren, die "die Gruppe vernichten wollten", "Mühl die Anzeige und die Ermittlungen eingebrockt hatten". Wer vor März 1990 mit uns Kontakt aufgenommen hätte, wäre rausgeschmissen worden. Originalzitat eines Gruppenmitgliedes 1989: "Wenn ich den HL oder den A. in die Finger kriege, die schlag ich zusammen.") Wir äußerten unsere Motive, unsere Kritik; durch unsere Erzählungen wollten wir eine neue Sicht vermitteln und den Mühlschen monolithischen Denkexport aufbrechen. In der Gruppenwirklichkeit sollte eine Gegenwirklichkeit entstehen. Durch unser Verhalten wollten wir im Umgang mit Mühl und 'Gruppen-Autoritäten' andere Verhaltensweisen zeigen; was vor allem HL auf eine - auch für Gruppenmitglieder - sehr sympathische Art beherrschte. Aus diesem Grund und weil wir einen Eindruck haben wollten, wie die damals immer noch entscheidende Führungsclique um Mühl dachte und handelte, suchten wir bei unseren Aufenthalten immer wieder den Kontakt zu diesen.

    Dabei war es sehr schwer, den Autoritätsgewöhnten zu vermitteln, daß wir auf keinen Fall neue Autoritäten sind. Damals formulierten wir das wie folgt: "Wir (alle Ehemaligen) haben Erfahrungen außerhalb der Gruppe gemacht, diese wollen wir euch schildern, um euch anzuregen, zu beraten, nicht um euch zu bevormunden. Was ihr daraus macht, ist eure Sache." Für mich bedeutete dies auch einen peniblen Kleinkrieg gegen jede Art von Bedienung, Kampf gegen bevorzugte Plätze - die 'berüchtigten' schwarzen Drehsessel - und die offene Austragung von Meinungsverschiedenheiten zwischen HL und mir. Da, wo der Strukturhöhere immer recht hatte und alle Konflikte zwischen Gruppenmitgliedern in der höchsten
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 161

    Gesprächsmühle endeten, hielten wir eine offene Diskussion zwischen uns für eine anregende Provokation. Wir waren uns einig, daß wir den paranoiden Fanatismus nur sanft auf der Basis von Vertrauen knacken könnten, immer die Grenze beachtend, die den Vertrauensbruch und so den Abbruch jedes Kontaktes bedeuten würde. Es war nicht leicht, nur so viel zu sagen, wie verkraftet wurde, aber immer mehr, damit nicht die Illusion einer sinnlosen Harmonie entstand.

    Körperlich und geistig waren diese Aufenthalte für uns äußerst anstrengend; nicht nur wegen der endlosen Gespräche und der Bewegungsarmut, sondern vor allem wegen der 'Enge' der geistigen Perspektiven und der gedrückten Verhaltensweisen, die uns zu einer beinahe ständigen Selbstkontrolle und Taktiererei zwangen. Das nötige Vertrauen herzustellen war mühsam. Genauso mühsam war es, immer wieder klarzustellen, welches unsere unverrückbaren Positionen sind und bleiben würden. Auf jeden Aufenthalt bereitete ich mich schriftlich vor. Für ein Gespräch mit der alten Führung am 30. März 1990 formulierte ich:
     

    Da ich wußte, wie hinter unserem Rücken nach wie vor über uns geurteilt wurde, daß uns die meisten Mitglieder der alten Führungsclique aus rein taktischen Gründen 'hofierten', bezog ich mich am Ende direkt auf dieses typische 'Eliteverhalten'.
      Die Macht und Autorität der damaligen Führung - der Gruppenleiterinnen - war zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich angekratzt. In dem Gespräch am 30. März 1990 fiel der Satz:
    "Der Gruppenleiter versteht sich auch als Aktionist, als einer, der Rollen durchbricht und einen künstlerischen Anspruch in die Gruppe bringt. Der Gruppenleiter hat auch pädagogische Aufgaben. Über die Rolle und Vollmachten des Gruppenleiters soll in allen Gruppen diskutiert werden."

    Mit der Thematisierung der Vollmachten und Rolle der Gruppenleiterinnen waren zumindest alle einverstanden, ebenso damit, daß die Gruppenleiterinnen

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 162

    bei der ersten Generalversammlung der neu zu gründenden Kooperation am 14./15. April in geheimer, schriftlicher Wahl gewählt werden sollten. (Für eine Demokratie eine Selbstverständlichkeit, für einen totalitäres System bereits eine Provokation.)
     
     
     

    Erste Vollversammlung aller Gruppenmitglieder (14J15. April 1990)

    Am Wochenende vom 14. bis 15. April fand die erste Generalversammlung der neu gegründeten Gesellschaft bürgerlichen Rechts "Kooperation Friedrichshof' statt. Es existierte eine offizielle Wahlordnung, die Versammlungsleitung - gruppeninterne 'Nobodys' - war in Verfahrensfragen äußerst akkurat, alle Diskussionen wurden mit einer Rednerliste organisiert. Diese Maßnahmen gewährten, daß eine ganze Reihe von Gruppenmitgliedern zu Wort kamen, die früher aufgrund der Hierarchie mundtot waren, andererseits wurden dadurch die omnipotenten Monologgewohnheiten der alten Führungsgarde stark begrenzt.

    Wie wir zwei Wochen nach der Generalversammlung erfuhren, war im Vorfeld an alle Gruppen eine Mahnung ergangen, nur ja nicht den Staub der Vergangenheit aufzuwirbeln und öffentlich einzelne Personen der Führung zu kritisieren. Die wenigen kritischen Stimmen versuchte Mühl, der bei den Veranstaltungen nicht anwesend war, diese jedoch per Videodirektübertragung - was wir nicht wußten - mitverfolgte, in einem Anfall verletzten Narzißmus nach der Veranstaltung auszurotten. In cholerischer Wut, angesichts seines beginnenden Machtverfalls, brüllte er einzelne Kritiker nieder und verwies sie seines Zimmers. Wir ahnten von all dem nichts und waren von dem Wochenende gerade wegen dieser wenigen kritischen Stimmen teilweise angenehm überrascht. In zwei Wahlen wurde einmal das Leitungsgremium der Kooperation (Kooperationsrat) bestimmt - wohl gedacht als Nachfolger des ehemaligen 12er-Rates - zum anderen die GruppenleiterInnen ermittelt. Beide Wahlen brachten wenig Neues, damit hatten wir aber auch gerechnet. Die "Gruppenleiter" - interessanterweise elf Frauen und nur zwei Männer - wurden in leicht verschobener Reihenfolge zur bisherigen Hierarchie gewählt. Was für uns kaum einen Blick wert war, führte innerhalb der Gruppenleiterschickeria zu eifersüchtigem Aufruhr. (Das Hierarchiedenken verschwand natürlich nicht mit der offiziellen Abschaffung der 'Struktur'.) Im Kooperationsrat (25 Personen) war die traditionelle Führungsmannschaft zwar ebenfalls beinahe vollständig vertreten, allerdings waren die Reihen ergänzt durch einige bislang weniger bedeutende Mitglieder der Stadtgruppen und der zentralen Verwaltung. Es wurden deutlich diejenigen Mitglieder der alten Führung nach oben gewählt, die den Demokratisierungsprozeß miteingeleitet hatten und diesen für alle sichtbar mittrugen. Die jahrelang unangefochtene Primadonna von Mühls Gnaden

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 163

    (Claudia) verlor ihren ersten Rang in der (abgeschafften?) Hierarchie, was sie nach Augenzeugenberichten nur schwer ertrug. Im ganzen gesehen kein voller Umbruch, jedoch eine feine Änderung der Windrichtung.

    HL und ich waren zwar von einigen Veränderungen, die wir an diesem Wochenende erlebt hatten, positiv überrascht, in Gesprächen hatten wir jedoch den Eindruck gewonnen, daß sich grundsätzliche Verhaltensmuster bislang zu wenig gewandelt hatten. Als wir B., K. und L. am 28729. April wieder in München trafen, konnten wir am Ende der beiden Tage unser diffus empfundenes Unbehagen genauer artikulieren. Uns wurde klar, daß wir zum einen unsere Gespräche auf einen größeren Kreis von Gruppenmitgliedern ausdehnen mußten, zum anderen Bernd durch seine Interessenverstrickungen als Prozeßbevollmächtigter Mühls an den Grenzen seiner persönlichen Möglichkeiten als repräsentativer Gesprächspartner angekommen war. HL und ich schrieben nach diesem Wochenende zwei persönliche Stellungnahmen, die wir an alle Gruppenmitglieder richteten. Diese waren ein Auslöser für das endgültige Ende der Hierarchie und der Herrschaft Mühls.

    Persönliche Stellungnahme HLs vom 29. April 1990
     

    Stellungnahme zum Wochenende 14./15. April 1990 (A.)
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 164


      In den folgenden Tagen telefonierten HL und ich mehrmals. Uns erschien es immer wichtiger, die Gespräche aus dem bisherigen kleinen Kreis auf möglichst viele Gruppenmitglieder auszudehnen. Außerdem war uns klar, daß ohne Demontage der Autorität Mühls keine entscheidende Veränderung möglich sein würde. Wir machten daher Vorschläge zur Eindämmung von Ottos Autorität, die von außen betrachtet läppisch wirken mögen, von denen wir aber erhofften, daß sie bei einigen den Kern der Fixierung brechen würden. Des weiteren wollten wir verstärkt das vermitteln, was wir selber nach unserem Auszug als besonders wichtig erlebt hatten - die persönliche Betroffenheit. Diese war aber ohne offene Diskussion der persönlichen Erlebnisse in der Vergangenheit nicht zu erreichen. Um unsere Gedanken zu vermitteln, schrieb ich (Anfang Mai) einen persönlichen Brief an alle Gruppenmitglieder:
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 165


     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 166


       
     
     

    Radikalisierung der Züricher Gruppe und die Folgen (Mitte Mai 1990)

    Was sich im Mai in Zürich ereignete, weiß ich nur aus Erzählungen. Die gesamte Gruppe war auf unsere Briefe hin ein Wochenende auf eine Hütte gefahren. Sie saßen bis in die frühen Morgenstunden zusammen und redeten und redeten. Der anwesende Gruppenleiter versuchte zu bremsen, doch vergeblich. (Einige Tage danach traf ich den betreffenden (Ex-)Gruppenleiter am Friedrichshof. Er, der einer der treuesten - und unbeliebtesten - Gruppenleiter-Beamten gewesen war, war immer noch schwer erschüttert von seinen Erlebnissen in Zürich.) Das Ergebnis des Wochenendes war die Abschaffung des Gruppenleiters, die Kontrolle über Denken und Meinungsaustausch war geplatzt. Innerhalb von zwei Wochen wurde - nach teilweise kontroverser Diskussion - von allen Gruppen die Institution "Gruppenleiter" beseitigt. Mit diesem Schritt vollzog sich auch die immer offenere persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, die Autoritätshörigkeit bröckelte. Der Drang nach Meinungsfreiheit äußerte sich in einer zunehmenden Zahl von offenen Briefen und Gegenbriefen, Pamphleten und Nachrichten. Im folgenden einige Auszüge.

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 167


      Mit der Beseitigung der Institution "Gruppenleiter" stellte sich vielen die Frage, warum sie weiterhin Geld an den Friedrichshof weiterleiten sollten. Worin bestand die Gegenleistung? Die Forderung wurde aufgestellt, daß die am Friedrichshof lebenden Personen für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen hätten. Durch diese ökonomische Gleichstellung der ehemaligen Zentrale Friedrichshof würden sich viele bisherige Probleme von selbst erledigen. Zwei grundsätzliche .Schwierigkeiten bestanden aus meiner Sicht, auf die ich mich mit meinen folgenden Empfehlungen bezog: der Übergang von der zentralistischen (Willkür-)Verwaltung zur dezentralen Eigenverantwortung; die rückwirkende Klärung der Eigentumsverhältnisse.
     
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 168


       
     
     

    Zweite Vollversammlung und Ende der Beratung (29. Juni - 2. Juli 1990)

    Am Wochenende vom 29. Juni bis 2. Juli 1990 waren fast alle Gruppenmitglieder zu den Vollversammlungen der Kooperation und der beiden Genossenschaften

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 169

    am Friedrichshof. Wesentliche Themen dieser Tage waren, neben dem Austausch von persönlichen Erlebnissen der letzten Jahre, das (un-)ökonomische, verschwenderische Verhalten der alten Führung um Otto Mühl, welches vor allem in den Grundstückskäufen auf La Gomera eskalierte. Wie sich nach und nach herausstellte, waren dort in den letzten drei Jahren mindestens 170 Millionen Schilling ausgegeben worden, von denen nach einem relativ großzügig kalkulierten Niedrigstwert in der Bilanz der 'Friedrichshof-Genossenschaft' etwa 52 Millionen Schilling übrigbleiben sollten; eine Abwertung von etwa 70 Prozent! (Die 'Friedrichshof-Genossenschaft' war 1990 gegründet worden, um die Vermögenswerte der KommunardInnen zu verwalten. Die Immobilien auf Gomera und die Kunstsammlung wurden in diese neu gegründete Gesellschaft übertragen.) In der stundenlange Debatte über diesen Bereich wurde immer klarer, daß es eine zeitintensive Kleinarbeit sein würde, den Dschungel ökonomischer Inkompetenz der Mühlschen Herrschaft zu lichten. Im Bewußtsein der Millionenverluste wuchs die Empörung und sank die Verehrungsleidenschaft unter den Gefrierpunkt. (Die Erkenntnis gipfelte in dem Satz: "Wir wollten eine Künstlerkommune sein und wurden zur (Selbstbedienungs-)Kommune eines Künstlers." [B]) Wie es dazu kommen konnte, analysierte ein Kommunarde so:
     

    Übereinstimmend wurde festgestellt, daß eine zentrale Verwaltung zukünftig nicht mehr gewünscht ist. Bei den anschließenden Neuwahlen für die Kooperation und die Gremien der Genossenschaften wurden bis auf drei Personen alle Mitglieder der alten Führung abgewählt und durch ehrenamtlich tätige Mitglieder der Stadtgruppen ersetzt. Berechtigte Aggressionen auf die Führungsclique um Otto Mühl wurden überwiegend durch die
      
    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 170

    persönliche Erkenntnis relativiert, daß man selbst als Mitläufer und Jubler dieses System der (gegenseitigen) Bespitzelung und Unterdrückung ermöglicht hat. Die Illusion, 'Elite' zu sein und in Otto Mühl die Verkörperung eines 'neuen Menschen' zu sehen, ist bei den meisten einem Gefühl der Ernüchterung und Unsicherheit gewichen. Am Ende des Wochenendes verabschiedeten HL und ich uns mit folgender Rede, unsere Beratung war damit beendet.
     

     
     
     

    Die Auflösung der Kommunen

    Der Rest ist schnell erzählt. Anfang Juli 1990 war die anstrengende Beratungszeit beendet. Da im Juli/August direkt anschließend an die Generalversammlung etwa 30 Personen in Düsseldorf und Zürich auszogen, befürchteten HL und ich, daß die gesamte Kommune zu schnell auseinanderbrechen würde, was für die Kinder und Mütter höchst problematisch gewesen wäre. Vor allem HL war der Meinung, daß "sich das Gebilde Kommune in den nächsten ein bis zwei Jahren ohnehin" auflösen würde. An einem chaotischen Zusammenbruch lag uns aber nichts, so rieten wir den Ausziehenden zu überlegtem Vorgehen, damit die finanzielle Situation der Kommune ermittelt werden könne und die Vaterschaften festgestellt würden. Bereits im Frühjahr 1990 war Professor Speiser

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 171

    (Institut für Blutserologie der Universität Wien) beauftragt worden, Vaterschaftsgutachten für etwa 120 Kinder zu erstellen. Zahlreiche Tests bei Frauen und Männern mußten vorgenommen werden, Kosten insgesamt über vier Millionen Schilling. Erst über ein Jahr später standen in 95 Prozent der Fälle die Väter fest. (Statt der kommuneintern deklamierten 20-30 Kinder ist Otto Mühl lediglich Vater von acht Kindern.)

    Am 15. Oktober 1990 erschien im Profil ein reichlich desinformierter Artikel - Titel "König Ottos Glück und Ende" - von B. Czeitschner. Der schwierige, soziale Prozeß im ersten Halbjahr 1990 verkümmerte zu einer plumpen (Dolchstoß-)Legende:
     

    Einige leicht kritische, eingestreute Randbemerkungen bedeckten nur unvollkommen den bewundernden Tenor: "Ja wie hat der Mühl das nur gemacht (daß ihm so viele jahrelang folgten, ihr Geld ablieferten, sich unterwarfen...)?"

    Auch die etwa zwei Wochen später in der Kronen-Zeitung vom 4. November 1990 erschienene 'Reportage' des M. Jeannee ließ in einem zeitgeschichtlichen Rückblick die Mühlschen Erfolge bis hin zur Deflorierung Minderjähriger bewundernd an dem Leser vorbeigleiten. Bei "feinsten Zigarren (Habana), altem Cognac (Napoleon) und Petit fours (Demel) in reicher Auswahl für den Gast, gepflegter Atmosphäre, dezenter Höflichkeit und gutbürgerlichen Ambiente" plauscht sich angenehm.

    Auf der Generalversammlung vom 30. Oktober bis 1. November 1990 der im April desselben Jahres gegründeten 'Kooperation Friedrichshof GesbR' wurde die Einführung von Privateigentum zum 1. November 1991 und die Liquidation der Kooperation beschlossen. Für die Übergangszeit eines halben Jahres sollten die sozial schwachen - insbesondere Mütter mit Kleinkindern - finanziell unterstützt werden.

    Mitte Februar rief mich Ulrich Stoll an, ein alter Bekannter, der als freier Fernsehjournalist arbeitet. Er hatte vom Ende der Kommune gehört und wollte einen Film drehen. Noch im Frebruar fuhren wir zum Friedrichshof und interviewten mehrere ehemalige Mitglieder und einige (Noch-)Kommunardlnnen. Am 20. März 1991 wurde ein fünfminütiger Beitrag in der Sendung Stern TV ausgestrahlt, Anfang Mai folgte ein 20minütiger Beitrag für Kanal 4 (RTL).

    Als ich am 11. Mai 1991 die letzte Versammlung der 'Kooperation Friedrichshof GesbR' besuchte, waren nicht einmal mehr die Hälfte aller KommunardInnen dort versammelt. Die Haltung der alten Führung, etwa 20-30 Personen, mir gegenüber war natürlich äußerst feindlich, war doch nicht einmal eine Woche vorher der Film, an dessen Entstehen ich mitgewirkt

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 172

    hatte, im Fernsehen gelaufen. Bei vielen Gruppenmitgliedern hinterließ der Film jedoch eine ganz andere Wirkung. Einige meldeten sich unaufgefordert beim Eisenstädter Gericht als Zeuginnen und sagten aus. Mühl war dadurch noch schwerer belastet.

    Ein Problem, das ich bis dahin noch mit mir herumtrug, war das verschwundene Archiv der Kommune. Nur ein kleiner Teil war mit den Hausdurchsuchungen 1989 beschlagnahmt, ein wesentlicher Teil war nach Wien verlagert worden. Ich hatte nach und nach erfahren, daß noch in der Nacht der Hausdurchsuchung ein LKW beladen und zum Flughafen Schwechat verbracht worden war. Von dort aus ging die Fahrt am nächsten Tag in das Lager einer Spedition. Während die Kartons dort zunächst 'in Sicherheit' waren, wurde ein Büroraum in Wien angemietet und die "Doku" dorthin geschafft. Als Miete für diesen Büroraum, so erfuhr ich, sei vermutlich im Frühjahr 1990 eine Summe von 70.000 Schilling bestimmt gewesen, eine Vorauszahlung für ein Jahr. Mieter sei F., dessen Skrupel - "in die ungesetzliche Beiseiteschaffung von prozeßrelevantem Material verwickelt zu sein" - inzwischen groß waren. Nach einigem Überlegen erschien mir ein direktes Vorgehen als günstig. Unter der Zusicherung, daß er nicht selbst gerichtlich belangt würde, wäre der - in tiefer Angst und Reue verfallene - Büromieter F. sicher bereit, mit den staatlichen Behörden zusammenzuarbeiten. Allerdings dürfte er keine Zeit zum Nachdenken oder gar für Besprechungen haben, sonst würde das Archiv sofort wieder beseite geschafft. Da ich die dynamische Art von Inspektor F. und seiner Assistentin B. bereits mehrmals schätzen gerlernt hatte, rief ich ihn an und schilderte ihm meine Informationen. Wir stimmten darin überein, daß bei F. von einer 'Bereitschaft zur Zusammenarbeit' auszugehen sei. Inspektor F. fuhr kurze Zeit darauf zum Friedrichshof, konfrontierte F. mit seinen Informationen und konnte kurze Zeit später von Kollegen in Wien das verschwundene Archiv beschlagnahmen lassen.

    Die Beschlagnahme des Archives, die zahlreichen, schwerwiegenden Aussagen von langjährigen KommunardInnen, der Sturz des SPÖ-Landeshauptmanns Sipötz über die 'Burgenland-Stasi'-Affäre und der Abschlußbericht des ermittelnden Staatsanwaltes bewirkten ein - für mich überraschendes - Ergebnis: Sein "smarter Star- und Prominentenanwalt E. W." [Krone 4.11.90] half ihm nichts mehr, am 17. Juni 1991 - einen Tag nach seinem 66. Geburtstag - wurde Otto Mühl auf Weisung des Justizministeriums am Friedrichshof verhaftet. Ebenfalls festgenommen wurde B.S., der sich im Zuge des selbstlosen Einsatzes für seinen Meister - Vorwurf: Zeugenbeeinflussung in mehreren Fällen - in die Untersuchungshaft beförderte. Der ermittelnde Staatsanwalt Dr. R. begründete sein Vorgehen gegenüber Mühl mit den folgenden Delikten [AS]:

    - Notzucht (Vergewaltigung), § 201 Abs.2 StGB;
    - Beischlaf mit Unmündigen; § 206 Abs.1 StGB;

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 173

    - Unzucht mit Unmündigen; § 207 Abs.1 StGB;
    - Sittliche Gefährdung von Personen unter 16 Jahren; § 201 Abs.2, StGB;
    - Mißbrauch eines Autoritätsverhältnisses; § 212 Abs.1 StGB;
    - sowie eine Reihe von Delikten nach dem Suchtgiftgesetz.

    Das Gerichtsverfahren gegen Otto Mühl - ein Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richterin J. - begann am 13. November 1991 in Eisenstadt (Burgenland). Da der Beschuldigte in der Mehrzahl der angeklagten Vergehen geständig war, konnte der mögliche Kreis von über 70 Zeuginnen auf die jugendlichen Opfer beschränkt bleiben. Nach fast vier Jahren öffentlicher Lüge, Verhöhnung der Opfer und Verleumdung der ihn anzeigenden Ex-KommunardInnen: - "Sie waren doch alle über 14... In unserer Gemeinschaft wurde niemand zu irgendetwas gezwungen, gepreßt oder genötigt. Am allerwenigsten zum Beischlaf mit dem Chef. Zum Nötigen hat mir glatt die Zeit gefehlt bei all den Freiwilligen." [Krone 4.11.90] - gab Mühl bereits vor Prozeßbeginn die meisten seiner Vergehen zu. Noch in der Anklageschrift vom 31. April 1991 hatte es geheißen:
     

    Nun gestand Mühl sogar den Mißbrauch von Unmündigen (unter 14 Jahren). Lediglich die Anwendung physischer wie psychischer Gewalt leugnete er.

    Leicht gebeugt, fast untertänig präsentierte sich Otto Mühl in seinem taubengrauen Anzug mit dezent gestreifter Krawatte dem Gericht. Dem Blitzlichtgewitter der zahlreichen Photographen stellte er sich ohne spürbare Erregung. Devot und höflich-unbeteiligt antwortete er dem Gericht, wenn er gefragt wurde. Kaum vorstellbar, daß dieser unscheinbare ältere Herr charismatischer Führer oder gar totalitärer Herrscher einiger hundert Erwachsener gewesen sein soll. Mühl, auch jetzt noch Meister der Verstellung. Ein Mann der Gegenwart mit der Fähigkeit des Vergessens.

    Der zweite Tag des Prozesses war der Tag der Opfer. Die Presse und andere Zuhörer waren des Saales verwiesen und sahen lediglich, wie die Mädchen "verängstigt den Gerichtssaal betraten und ihn heulend wieder verließen" [Standard 15.11.91], Auch Mühl mußte - auf Wunsch der Zeuginnen - die meiste Zeit außerhalb des Gerichtssaales verbringen. Auf den Gängen und im Zeugenzimmer waren die Mädchen einem subtilen psychischen Druck ausgesetzt. Mühl-treue KommunardInnen schrieben ihre Unterhaltungen mit und gaben die Notizen an den Anwalt Mühls (E. W.) weiter, versuchten einzelne in Gesprächen zu beeinflussen etc. Nach mehreren Verwarnungen sah sich Richterin J. zum Schutz der Zeuginnen gezwungen, vier Gendarmen auf den Gängen zu verteilen. (Nicht umsonst lautete das Fazit von Inspektor F. in der Sachverhaltsanzeige

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 174

    des Landesgendarmeriekommandos vom 23. Jänner 1990: "Aus den Befragungen der ehemaligen Mitglieder und auch bei den Befragungen der Noch-Mitglieder gewinnt man den Eindruck, daß sie unter starkem psychischem Druck stehen und vor irgendjemand Angst haben.")

    Nach den bewegenden Schilderungen der sieben von Mühl mißbrauchten Mädchen folgte - unter Ausschluß der Öffentlichkeit - die Video-Vorführung eines Zusammenschnittes verschiedener Selbstdarstellungsabende am Friedrichshof. Neben Gewalttätigkeiten Otto Mühls war mehrfach seine Frau Claudia zu sehen, wie sie minderjährige Kommunarden vor einem enthusiastischen Publikum zum Oralverkehr nötigte. "Ich habe die Filme gesehen, sie übertreffen alles Bisherige", sagte die Richterin anschließend. "Die Buben wollten das nicht, sie haben geweint. Die sind für ihr Leben geschockt. ... [xxx Löschung aus persönlichkeitsrechtlichen Gründenxxx] Staatsanwalt R. meinte, noch unter dem Eindruck der Zeugenaussagen und der Videovorführung stehend, in seinem Plädoyer:
     

    R. forderte das Gericht auf, die mögliche Höchststrafe von zehn Jahren auszuschöpfen. Rechtsanwalt Steinbauer, der Vertreter einer Zeugin, hob sehr sachkundig in seinem Plädoyer die subtile Methodik der psychischen Gewalt hervor. Sein Resümee: "Was wir hörten und sahen, war nur die Spitze des Eisberges".

    Tatsächlich waren die zwei Tage nur ein kleines Fenster in die Vergangenheit. Ein dumpfer Schatten Kommuneleben der letzten Jahre zog in Form von Erinnerungs- und Gefühlsfetzen durch den nüchtern eingerichteten Gerichtssaal. Es war schwer, nicht betroffen zu sein, Mühl gelang dies. Kaum eine menschliche Regung während der zwei Tage, ganz offensichtlich sah er sich zu Unrecht dorthin gesetzt. Sicher, er habe mit den minderjährigen Mädchen geschlafen, aber sie hätten dies freiwillig getan, ja er habe sich kaum vor den Gelüsten der Teenager retten könne. Er als Künstler sei so sensibel, daß er merke, wenn jemand nicht wolle.

    Haben die Prozeßtage eines gezeigt, dann die tiefe Gefühl- und Beziehungslosigkeit Mühls. Mitgefühl, Einfühlungsvermögen oder gar Mitleid sind ihm anscheinend fremd. Erst die weitgehende Nicht-Existenz solcher Gefühle ermöglichte ein System psychischen Terrors, wie es in der Kommune jahrelang bestand. Die tiefe geistige Isolation der KommunardInnen

     


     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 175


    bei engster körperlicher Nähe war besonders für die heranwachsenden Kinder grausam. Eine Erfahrung der Welt außerhalb der Friedrichshof-Mauern (bzw. Gomera) war verboten, die Handlungsalternative des Auszugs bestand für sie nicht. Sie waren schutzlos und dadurch in einem permanenten Zustand psychischer Destabilität. Körperliche Gewalt reichte als gelegentliche Drohung, die gegenseitige Kontrolle und Bespitzelung war genug.

    Die fehlende Solidarität und die unterentwickelte Fähigkeit des Mitfühlens von Seiten der erwachsenen KommunardInnen sind eine schwere Schuld. Immer wieder sah ich während des Prozesses nicht nur Otto Mühl und B.S. vor ihren Richterinnen, sondern auch mich und Hunderte anderer Erwachsener, die wir einerseits Opfer und andererseits Mittäter an den Kindern geworden sind. Mittäter durch unsere selbstbezogene Unfähigkeit, die Notlage anderer sehen zu wollen und zu können.

    Vielleicht war es gerade diese späte gegenseitige Bezeugung von Sympathie, Mitgefühl und Solidarität der erschienenen Zeuginnen, die ein wenig das erlittene Unrecht heilen kann. Nach Jahren der tief vergrabenen Verletzungen endlich gegenüber höheren Richterinnen den absolut herrschenden Mühl mit etwas zu konfrontieren; verschüttete Schmerzen zuzugeben und eine Antwort zu fordern. Die tiefe Bewegung und der Wahrheitswille der Zeuginnen prallte von einem selbstgerechten, sich nur formal schuldig fühlenden Mühl ab. Nach all den Jahren der Nicht-Ethik, der Nicht-Wahrheit, der Nicht-Gerechtigkeit, den Jahren der totalen "künstlerischen und spielerischen Freiheit" eines Menschen war die Erfahrung von abstrakt gesetzten, gesellschaftlich-traditionellen Werten eine grundlegende Erfahrung. Mag das Urteil von sieben Jahren Haft für einen Außenstehenden unverständlich, ja allzu streng erscheinen, so sei gesagt: Das, was Mühl vor Gericht erfahren hat und noch in seiner Haft erfahren wird, war menschlicher als das, was er selbst all die Jahre anrichtete. Verglichen mit der Summe der Jahre, welche die Bewältigung der Mühlschen Psychoterrorherrschaft die Kinder und Jugendlichen kostet und kosten wird, sind diese sieben Jahre eine milde Strafe.

    Für einen in seiner Kritik ins Destruktive neigenden Linken wie mich war es eine bleibende Lektion in Demokratie. Der Wille zur Kritik und zum Zweifel an gegenwärtigen Mißständen ist ohne das Vertrauen in die bestehenden demokratischen Errungenschaften ohne Basis. Die Erfahrung, nach fast vier Jahren des Bemühens um Aufklärung die öffentliche Fassade des Psycho-Terror-Systems Friedrichshof zerstört zu haben, hat meine kritische Wahrnehmung mit einem konstruktiven Bemühen verbunden.

    Diejenigen Kunstszene-Sympathisanten Mühls (C. L. Attersee, J. C. Ammann, J. Hoet, U. Krinzinger, H. Nitsch, O. Oberhuber, K. Oberhuber, H. Szeemann u.a.), die vor dem Prozeß mit einer gemeinsam unterschriebenen Erklärung an die "mediale Fairneß" der Presse appellierten und die

     


     Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 176

    nach dem Prozeß feuchte Augen angesichts der 'Härte' des Staates gegenüber Mühl und seinen verantwortlichen Frauen hatten, seien gefragt, wo ihr Mitgefühl in den Jahren zuvor war, als diese Personen wichtige emotionale Grundlagen der Kommunekinder durch Dummheit und Selbstsucht zerstörten, und wann ihr Appell an Mühl erfolgte, nachdem seit 1988 die Mißstände veröffentlicht waren. Glaubten sie etwa Mühls Worten?
     

    Hermann Nitsch verglich Mühl sogar mit Egon Schiele und meinte:
      Vielleicht sollten wir uns ebenso vor der Weltfremdheit von einigen Künstlern und Kunstmanagern hüten, die da meinen:
      (Dann geht wohl Bhagwan als großer Sammler von Rolls-Royce und Edel-Kleidern in die Geschichte ein.) Nur Günter und Anni Brus verweigerten sich ihren Künstlerkollegen, aus gutem Grund, sie waren mehrmals einige Tage am Friedrichshof bzw. in Gomera und hatten hinter die Fassaden geblickt. Sie schreiben:
     
     


     Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 177


     

     
     

    Der Friedrichshof, 'Sekten' und das Prinzip Gehorsam

    Eine Lebensgemeinschaft mit 400 bis 600 Mitgliedern, die fast 20 Jahre existierte, ist alles andere als ein monolithisches Gebilde. Es bestanden räumliche, zeitliche und persönliche Unterschiede: das Leben am Friedrichshof oder in den Stadtkommunen war in grob einteilbaren Zeitabschnitten entsprechend dem individuellen Charakter verschieden. In der folgenden Zusammenfassung sind zunächst die Entstehung von Macht, Kontrolle und Unterordnung analysiert - Welche Verhaltensmuster der Macht, Kontrolle und Unterordnung garantierten die Stabilität der Gruppe? -, bevor Antworten auf die anderen eingangs gestellten Fragen (siehe S. 12) gesucht werden. Vieles von dem, was am Friedrichshof bzw. in den Stadtgruppen geschah, ist erst dadurch verständlich, daß sich die KommunardInnen als große Familie, als Lebensgemeinschaft fühlten und auch so verhielten. Und: Die 20 Jahre Kommune waren ein stetiger Wechsel strenger und lockerer Phasen, allerdings mit einer zunehmenden Tendenz der Erstarrung. Ab 1984, mit der endgültigen Abkapselung von der Gesellschaft, entstand am Friedrichshof ein totalitäres Machtsystem. Am schlimmsten erschien etlichen KommunardInnen der Rückzug auf die entlegene Bucht 'El Cabrito' auf der Kanareninsel La Gomera.

    Es ist heute auch für viele Ehemalige schwer erklärbar, wie es zu diesem Ende kommen konnte. In einem Gespräch mit W., der bereits erwähnten zeitweiligen Ersten Frau, fiel der bemerkenswerte Satz:
     

    Die Auseinandersetzung mit dem Prinzip 'Gehorsam' in 'Sekten' führt zwangsläufig zu Schlüssen in bezug auf die umgebende Gesellschaft. Die gegenseitige Abgrenzung von 'Sekte' und Gesellschaft kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß es die Gesellschaft ist, aus der heraus 'Sekten' entstehen; die Hinwendung zu einer 'Sekte' ist immer auch das Abwenden von der eigenen gesellschaftlichen Vergangenheit. Der Zerrspiegel der 'Sekten' mag unschön sein, aber er bleibt immer ein Produkt von Menschen dieser Gesellschaft. Wie Dickenberger/Creamer formulierten: "Wir haben die Sekten, die wir verdienen!"

    Auch wenn es nur selten betont wird: 'Sekten' sind nicht etwas Gewolltes, bewußt als 'Sekte' gegründetes, sondern ein Extrem menschlichen Sozialverhaltens. Was in schöner Regelmäßigkeit immer wieder neu entsteht - eine Art fortlaufende Sektengeschichte gibt es nicht, Sekten entstehen meist originär, ohne auf Vorgängern zu basieren -, ist anscheinend typisch für eine

     


     Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 178

    bestimmte Art menschlicher Gruppenbildung. Der Mensch neigt dazu, sich und seine vertraute Gemeinschaft nach außen abzugrenzen. Dies gilt auch für die gesellschaftliche Mehrheit, die dazu neigt, fremdartig erscheinende Minderheiten auszugrenzen. Der Umgang der jeweiligen gesellschaftlichen Mehrheit mit den jeweiligen 'sektiererischen' Minderheiten ist - zumindest in der deutschen Geschichte - alles andere als tolerant gewesen. Auch aus diesem Grund wird das Wort 'Sekte' in dieser Arbeit ausschließlich in Anführungszeichen gebraucht. Denn das meist kritisierte Phänomen an 'Sekten', das Prinzip 'Gehorsam' bzw. Macht/Kontrolle/Unterordnung, wird auch als Problem dieser Gesellschaft, nicht nur ihrer 'Sekten' betrachtet.
     
     
     
     

    Soziologische Thesen zur historischen Entwicklung von AAO / Mühl-Kommune / Friedrichshof

    Die sozialen Basisstrukturen am Friedrichshof und in den Stadtkommunen entstanden zwischen 1972 und 1978, differenziert werden neun Schritte.
     

    1970-1975 Gründungsphase

    Die Gründungsphase ist ohne den damaligen gesellschaftlichen Hintergrund der links-alternativen Drogen- und Therapie-Subkultur unverständlich. Die Kommunegründer waren lebendiger Bestandteil der Wiener Szene, was sie in ihrem Wohngemeinschaftsalltag zu realisieren versuchten, waren damals zentrale Diskussionsthemen wie z.B. Gemeinschaftseigentum, neue Formen der Sexualität, gemeinsames Leben und Arbeiten, antiautoritäre Kindererziehung.

    Die radikale Bereitschaft, das eigene Leben vollständig 'umzukrempeln', ist vor dem Hintergrund der - als gescheitert empfundenen - politischen Rebellion der 60er Jahre und der existentiellen Kritik der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft verstehbar. Ideale haben vor einer solchen Kulisse eine größere Bedeutung. Da das angestrebte 'Neue' für alle gleichermaßen unbekannt war, erzeugte die Totalkritik auch Unsicherheit und damit die Neigung, Ideologien und Führern zu folgen. Das allen gemeinsame Ziel war, eine Lebensgemeinschaft zu bilden. Die Bereitschaft, diesem Ziel eigene Bedürfnisse unterzuordnen, war hoch.

    Es war sicherlich Mühls Verdienst, in dieser Gründungsphase immer wieder Initiative ergriffen und Entscheidungen gefällt zu haben. Allerdings stand Mühl auch in einem anderen Lebenszusammenhang als die sehr viel jüngeren Mitkommunardlnnen. Für ihn war es tatsächlich eine Art letzter 'Lebenssinn', nachdem alle seine Integrationsversuche in die Gesellschaft restlos gescheitert waren. Auch die meisten anderen KommunardInnen hatten schon einige gescheiterte Versuche hinter sich bzw. befanden sich in

     


     Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 179

    einer Orientierungsphase, die erst derart radikale Schritte vorbereitet. Eine notwendige Rahmenbedingung war die - jugendspezifisch - entsprechend vorhandene freie Zeit.

    Die Entwicklung von der Wohngemeinschaft zur Kommune folgte keinem Plan. Niemand dachte nur annähernd daran, eine autoritär geführte 'Sekte' zu bilden, auch Otto Mühl selbst hatte nicht die Absicht, 'Sektengründer' oder 'Guru' zu werden. Niemand ahnte oder wollte, daß aus der anarchistisch-antiautoritär beeinflußten Kommune eine totalitär beherrschte Gruppe werden würde. Die individuelle und kollektive Veränderung hin zur AA-Kommune verlief über - jeweils aus der aktuellen Situation heraus - von Mühl getroffene Entscheidungen. Es ist von heute aus betrachtet unklar, ob tatsächlich immer echter Entscheidungszwang bestand, oder ob Otto Mühl die Initiative ergriff, um seine eigenen Triebe und Vorstellungen durchzusetzen. Eines ist jedenfalls sicher: Dadurch, daß er die Entscheidungssituationen definierte und auch die Richtung vorgab, wuchs sein Einfluß innerhalb der Kommune. Jede Option, die Mühl für sich wählte, war zunehmend stärker mit der radikal-ideologischen Verengung der Denk- und Handlungsmöglichkeiten seiner Mitkommunardlnnen verknüpft. Die Wahl von freier Sexualität, Gemeinschaftseigentum etc. war immer auch die Ächtung anderen Verhaltens und mit dem freiwilligen Austritt oder dem Ausschluß von KommunardInnen verbunden.
     

    1. Schritt: Therapie (1972)

    Da das gemeinsame Leben auf engem Raum immer Probleme mit sich bringt, war es nicht abwegig, daß Mühl die 'Sprechstunden' einführte. Diese Sprechstunden waren zunächst die Mühlsche Imitation der eigenen abgebrochenen konventionellen Freudschen Analyse. Sie waren der Ausgangspunkt der therapeutischen Unterordnung, die sich - zunächst nur für die sechs bis acht Analysandlnnen, die mit Mühl in der Praterstraße wohnten - immer stärker auf den ganzen Alltag erstreckte.
     

    2. Schritt: Ächtung der Zweierbeziehung - Freie Sexualität (1973)

    Nachdem Mühl von seiner Freundin im Mai 1973 verlassen wurde, verkündete er, daß er in Zukunft keine Zweierbeziehung mehr eingehen wollte. Erst als starke Konflikte aus diesem von Mühl offen durchgeführten Grundsatz mit den jeweiligen nicht gewillten Zweierbeziehungspartnern entstanden, wurde die Zweierbeziehung nach und nach geächtet, Zweierbeziehungsbefürworter aus den drei Wohngemeinschaften gedrängt. Die 'Gruppenehe' als sexuelle Öffentlichkeit knackte die Intimität der sexuellen Beziehungen; Liebe, Zärtlichkeit und Schwärmerei waren verpönt, die Sexualität auf die Triebabfuhr reduziert. Dieser Schritt war nur auf der Grundlage der vorhergehende Phase therapeutischer Unterordnung und dem in der 'Analysebox' entstandenen sexuellen Freiraum möglich. Mit

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 180

    diesem Schritt manifestierte sich entscheidend der Führungsanspruch, den Otto Mühl nunmehr erhob. Der zunehmende individuelle und kollektive psychische Streß ließ aus den Sprechstunden die wesentlich radikalere 'Aktionsanalyse' entstehen, die ohnehin stärker Mühls Naturell entsprach. Die AA-Parabel entstand, sie war eine Art Landkarte durch das psychische Chaos, ohne die viele KommunardInnen wahrscheinlich verzweifelt wären. Alle Schwierigkeiten hatten ab jetzt ihren Ursprung in der kleinfamiliären Vergangenheit des jeweiligen Kommunarden. Ein ehemaliger Kommunarde:
     

     
     

    3. Schritt: Gemeinschaftseigentum (1973)

    Wer den Schritt der Radikalisierung der sexuellen Intimsphäre mitvollzogen hatte, war auch zur Preisgabe seines Eigentums bereit. (Die meisten besaßen ohnehin nur wenig.) Damit war auch die Ächtung 'bürgerlicher' Konsum-und Kulturgewohnheiten verbunden. Der Kultur-Calvinismus Mühls wurde zum Vorbild, das 'Selbermachen' zum Ideal. Der Anspruch, kulturelle Werte eigenaktiv zu schaffen, sicherte auch in diesem Bereich den Einfluß Mühls.
     
     

    4. Schritt: Äußerliche Abgrenzung - AA-Glatze (1973)

    Der Unwille zur gesellschaftlichen Integration wurde durch eine übermäßig deutlich zur Schau gestellte Außenseiterrolle betont. Mit der AA-Glatze wurde auch äußerlich die totale Ablehnung und Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, aber auch Distanz zur eigenen linken Ursprungsszene demonstriert. Die Kommune war absolute Avantgarde. Die Distanzierung gegenüber dem Freundeskreis aus Vor-Kommunezeiten wurde durch entsprechende verbale Attacken und Überheblichkeit im direkten Kontakt verdeutlicht. Formel: "Wie lebst du eigentlich? Host immer noch a Zwarerbeziehung?"
     
     

    5. Schritt: Friedrichshof - Vereinigung zu einer Kommune (1974)

    Die Abgeschiedenheit des Friedrichshofes beschränkte die Kommune auf sich selbst, Kontakte zur alten Ursprungsszene brachen schlagartig ab. Durch die 1974 endgültig vollzogene Zusammenfassung der drei Wiener Kommunen am Friedrichshof wurde die individuelle Unfähigkeit zum Gruppenleben gleich auf zwei verschiedene Arten erlebt: bezogen auf die eigenen Ideale und gemessen am Alltag in der Kommune. Die anfangs freiwillige Wahl der Ideale und die Entscheidung für eine Lebensgemeinschaft waren zunehmend mit der Unterordnung unter Mühl verbunden, da dieser die Verhaltensregeln in der Kommune bestimmte. Gegenseitige Kontrolle und Schuldgefühle waren indirekte Mittel, die das Mühlsche Werte- und Kulturdiktat durchsetzen halfen. Dieses Diktat war kein normativ-schriftlicher



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 181

    Akt, sondern ein sozialer Prozeß ursprünglichsten menschlichen Verhaltens: Prägung durch direkte Sanktionierung der Imitation.
     
     

    6. Schritt: Selbstdarstellung

    Die Macht der Gruppe, die Vielzahl beobachtender Augen ist prinzipiell für jeden Menschen zutiefst verunsichernd, vor allem wenn dieser in der Mitte eines Kreises steht. Es bleiben nur zwei Verhaltensweisen, wenn man die Flucht außer acht läßt: Angriff oder Unterordnung. Wer die Kommune als Lebensgemeinschaft, als große Familie akzeptierte, der wählte die Unterordnung unter die Maßstäbe, die Mühl in der Selbstdarstellung öffentlich setzte. Die 'Therapie' (Aktionsanalyse) war aus der (Zweierbeziehungs-)In-timität des Therapeut-Patient-Verhältnisses in die Kommuneöffentlichkeit getreten, mit dem Anspruch an jeden einzelnen, alle seine Gefühle und Schwierigkeiten dem Kollektiv mitzuteilen. In der Selbstdarstellung wurde die Gruppe zum vielfachen Verstärker Mühlschen Dominanzverhaltens und der individuellen Unterordnung unter dieses; verspürte doch jeder seine Ohnmacht und die - eventuell - anschließende Katharsis gegenüber der nächtlichen Runde der KommunardInnen. Die Hilflosigkeit, die therapeutisch bedingte Infantilisierung der KommunardInnen verstärkte wiederum die Tendenz Mühls sich als alle liebender Übervater zu präsentieren.
     
     

    7. Schritt: Hierarchie - Ächtung individuellen Denkens und eigenverantwortlichen Handelns (1974)

    Galt es anfangs in der Mühlschen Einteilung seiner Analysandlnnen mitzuhalten, so wurde mit der täglichen Selbstdarstellung ein öffentliches Forum geschaffen, welches die Kommune zum kollektiven, von Mühl gelenkten Richter machte. Die AA-Parabel wurde zum Maßstab und Ziel eines Entwicklungsstresses, der von der Therapie ausgehend auf den Kommunealltag übergriff. Aus alten FreundInnen wurden KonkurrentInnen, Vertrauen und Beziehungen verschwanden, ein hierarchischer Kampf aller gegen alle um die soziale Anerkennung in der Gruppe, vermittelt durch die Sympathie Mühls, begann. Das heißt, unausgesprochener Maßstab der hierarchischen Differenzierung war die Nähe zu Otto Mühl. Die gegenseitige Kontrolle wurde durch die Hierarchie institutionalisiert, der Aufstieg war vor allem mit sozialer Anerkennung verbunden, bestraft wurde durch öffentliche Kritik und Abstieg. Da das gesamte Leben aller sich vor allen vollzog, war die Gruppenöffentlichkeit ein unglaublich wirksames Sanktionsmittel.
     
     

    8. Schritt: Welterlösung - Massenbewegung (1974)

    Das Leid, das die meisten in der intensiven Phase der Vereinigung zur Großkommune am Friedrichshof erlebten, wurde durch elitäre Ansprüche kompensiert: aus Leiden wurde Sendungsbewußtsein. Mühl propagierte das Idealbild eines "neuen Menschen, der sich spannungsfrei sozial und genital



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 182

    in der Kommune verwirklichen" konnte. Der Utopie des neuen Menschen und dem Kommuneparadies wurde als negatives Gegenstück die Kleinfamilie vorgehalten: Gut und Böse, Drinnen und Draußen, Kleinfamilie und Kommune.

    Am Ende dieser drei Jahre währenden Entwicklung war aus dem in der Wiener Szene sehr umstrittenen - weil stark autoritär veranlagten, stets dominieren wollenden - Aktionskünstler Mühl das absolute Vorbild einer personell stabilen, ca. 30köpfigen Kommune geworden. Selbst KommunardInnen, die anfangs gegenüber dem Mühlschen Dominanzstreben mißtrauisch gewesen waren, hatten ihre Bedenken im Rahmen der gemeinsamen Entwicklung untergeordnet. Warum?

    Auch wenn die dargestellten Schritte vor allem die Entstehung von Macht, Kontrolle und Unterordnung thematisieren, so ist doch nicht zu vergessen, daß der Weg in die neue Lebensform auch mit zahlreichen positiven Gefühlen verbunden war. Das starke Gemeinschaftserlebnis, die große Auswahl von Sexualpartnern, die Sicherheit/Geborgenheit in einer Gruppe und damit ein Lebenssinn sowie individuelle Erlebnisse einer neuen Möglichkeit der Spannungsabfuhr durch die therapeutischen Sitzungen führten zu dem starken Eindruck, auf dem richtigen Weg zu sein. Und war es nicht Otto Mühl, der als Ältester mutig und verantwortungsbewußt auf diesem Weg voran schritt, der genau zu wissen schien, wohin es geht? Die Charakterstruktur Mühls - insbesondere sein Dominanzstreben, seine Eitelkeit und seine Geltungssucht - sah keiner so recht, waren doch alle sehr mit sich beschäftigt. Die Therapie und der Kommunealltag beanspruchten alle geistigen und körperlichen Reserven. Sicher, Mühl war häufig autoritär und im persönlichen Umgang oft verbal-brutal, aber er hatte auch Humor und war durch seine aktionistische Vergangenheit in vielen Bereichen auf eine verunsichernde Art direkt und auch 'locker'. Gleichzeitig hatte er eine gewisse kindische, verspielte Art und genoß es, Mittelpunkt zu sein, Geschichten aus seinem Leben zu erzählen.

    So verschmolzen bei der Bildung der engen Lebensgemeinschaft negativ und positiv empfundene Aspekte zu einer verklebten Einheit. Eine differenzierte Sicht konnte innerhalb der Kommune kaum noch gewonnen werden, da Zweifel unweigerlich in der Analysebox endeten, Diskussion und Kritik als 'intellektuelle Hirnwichserei' verpönt waren. Das hinderlichste Dogma war: die Kleinfamilie als Weltformel allen Übels, die eigene kleinfamiliäre Vergangenheit als Eimer allen gegenwärtigen Abfalls. Ein Teufelskreis, der gordische Knoten der Gegenwart konnte nur durch den Rückschritt in die Vergangenheit zerschlagen werden, entstand jedoch durch das Kommuneleben immer neu. Blieb die Gruppe oberstes Ziel, so mußten Kompromisse eingegangen werden. Ein wesentlicher Kompromiß war die Anerkennung der Autorität Mühls.



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 183


     

     
     

    1975-1978 Aufbruch und Ausbreitung

    Das neue Lebensmodell bestand, die Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche und dem Kollektiv stieß an Grenzen, die Verbreitung der eigenen 'Lebenspraxis' - "Bewußtseinsverbreitung" genannt - begann. Die Kommunen in Frankfurt, Heidelberg, Krefeld (später vereinigt in Berlin) und Genf wurden 1975 von Teilnehmern ein- bis zweiwöchiger Kommunekurse am Friedrichshof gegründet. Diese Personen waren Kristallisationspunkte für einen Teil ihrer bisherigen Freundinnen und Bekannten, die meist schon in Wohngemeinschaften lebten. Auch die Kommunen des Jahres 1976 entstanden ähnlich. Die Friedrichshofer Kommune schien ja nur das zu leben, was in der Szene schon länger diskutiert wurde. Wesentliches Kennzeichen der neuen Kommunen war, daß die KommunardInnen entsprechend der AA-Prinzipien - Gemeinschaftseigentum, freie Sexualität etc. - in Konsum-und Kulturverzicht zusammenlebten. Bis auf die kurzen Besuche am Friedrichshof kannten die meisten Neu-Kommunardlnnen ihre Vorbilder kaum. Ein dauernder, direkter Einfluß Mühls und der Friedrichshofer in den neu entstandenen Gruppen war 1975 und 1976 nicht gegeben. Dies zeigt z.B. die erhebliche Überredungsarbeit, deren es Januar 1976 bedurfte, um das - vor allem für den Friedrichshof vorteilhafte - 'internationale Gemeinschaftseigentum' zu errichten.

    Die Kontrolle in den neuen Kommunen war eine gegenseitige, sie basierte auf den AA-Prinzipien sowie dem übernommenen Mühlschen Kultur-Calvinismus. All dies wurde vorbehaltlos akzeptiert, wenn auch häufig nur als notwendiges Übel, um eine Konstanz der ersehnten 'Gruppe' zu gewährleisten. Die ideologische (Selbst-)Kontrolle war nicht in allen Kommunen gleich drastisch, die Unterschiede zwischen den Gruppen waren - trotz gleicher Ideologie - groß. Eine annähernd parallele Entwicklung entstand durch die unregelmäßigen Besuche einzelner Neu-Kommunardlnnen am Friedrichshof bzw. umgekehrt von Friedrichshoferlnnen in den Gruppen. Dies waren partielle, von verschiedenen Individuen vermittelte Kontakte und Neuigkeitsübertragungen, keine zentral gesteuerten Beeinflussungsmechanismen. Außerdem waren schriftliche Medien wie die AA-Nachrichten oder Briefe wichtige Verbindungen von den Gruppen zur Zentrale. Zwischen den neu entstandenen Kommunen war der Informationsaustausch allerdings von Anfang an gering, alles lief über die Zentrale. Echte Führerfiguren - wie am Friedrichshof Otto Mühl - bildeten sich in den Gruppen nicht heraus. Das Unterordnungsverhältnis bestand daher bis 1977 nicht gegenüber Personen, sondern gegenüber einer gemeinsamen, beim Eintritt bzw. der Gründung freiwillig gewählten, unvollständig theoretisch formulierten und im täglichen Leben weit interpretierbaren Ideologie, von der man annahm, daß sie der Verwirklichung lang ersehnter Ideale dienlich sei. Die Übertragung Friedrichshofer Lebens(un)art war - noch - unvollständig.



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 184


     

     
     

    9. Schritt: Gruppenleiter und Zentralismus - AAO

    Macht, Kontrolle und Unterordnung änderten sich grundlegend mit der Einführung der Institution des Gruppenleiters Anfang 1977. Der Gruppenleiter war der - vom Friedrichshof entsandte - Vertreter Mühls, dessen Vollmachten - im Rahmen der AA-Ideologie und der Mühlschen Kontrolle - absolut war. Durch das explosionsartige Wachstum des Personalstandes -1975 40,1975 150,1976 500 Mitglieder - waren zwei Klassen von KommunardInnen entstanden: die Neuen und die Alten. Letztere waren aufgrund ihrer Therapie- und Kommuneerfahrungen "weit vorangekommen auf dem Weg zum neuen Menschen". Die hierarchische Beurteilung und der Friedrichshofer Entwicklungsstreß ergossen sich über alle neuen Kommunen und führten zu einer zentralistischen Organisation, an deren Spitze Otto Mühl als oberste Autorität thronte, umgeben von einer Bewußtseins-Nomenklatura der KommunardInnen der ersten Stunde. Mit dem raschen Wachstum gewannen Mühl und die Friedrichshofer an Sicherheit, die rasch - vor allem bei Mühl - in Arroganz und selbstherrliche Verehrungssucht umschlug. Die Einzelbedürfnisse von Individuen und Stadtkommunen wurden den 'Notwendigkeiten' der Gesamtorganisation unterworfen, auch die Ideologie wurde zentralistisch.

    Die Übernahme der neuen Kommunen durch die Friedrichshofer glich einer Annektion, die durch die 1975/76 vollzogene Anerkennung der AA-Prinzipien und der (Friedrichshof-)Vorbilder vorbereitet sowie mit der Zerlegung der Ursprungsgruppen in isolierte Einzelpersonen durchgeführt wurde. Der einzelne bestand nur noch durch die Veröffentlichung seiner selbst im Kollektiv einer abstrakten AAO. Diese Vereinsamung in der Masse war nur durch die therapeutisch begründete Unterordnung (und Leidensbereitschaft) unter Otto Mühl, seine Gruppenleiter-Nomenklatura und die Kommuneöffentlichkeit möglich. Eine Kommunardin später: "Werden Beziehungen und Gefühle reguliert, hat man die beste Basis, das ganze Denken der Menschen zu kontrollieren." [W] Das entstandene Machtsystem war das schleichend-chaotische Ergebnis des Mühlschen Charakters, keine geplante, zentral kontrollierte Konstruktion.
     
     
     

    1978-1984: Demokratisierung einer Sekte?

    Das vorübergehende Ende der zentralistischen Struktur durch die Ablöse der AAO 1978 hatte vor allem einen Grund: die - offen demonstrierten - hierarchischen Strukturen. Nach innen erzeugte die zentralistische Fehlentwicklung ein unproduktives Heer von Bewußtseinsverbreitern und internationalen Organisatoren, die vom Rest der handwerklich schlecht qualifizierten Stadtkommunardlnnen nicht erhalten werden konnten. Nach außen wirkte die Hierarchie und die Verehrung Mühls abstoßend auf die - potentielle KommunardInnen liefernde - links-alternative Szene. Verstärkt durch

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 185

    die Kritik in den Medien hatte dies zur Folge, daß der Strom neuer Gruppenmitglieder verebbte. Damit verringerten sich die Erträge aus der "Auflösung des Privateigentums", Investitionen und Lebenshaltung am Friedrichshof wurden durch Schulden finanziert und endeten in einer wirtschaftlichen Krise. Da die Fluktuation aufgrund der zentralistisch organisierten Bedürfnisfeindlichkeit in den Kommunen hoch war, wären bei unveränderten Lebensbedingungen immer mehr KommunardInnen ausgezogen. Die Folge: Die Schulden der Friedrichshofer Bewußtseins-Nomenklatura - 14 Millionen Schilling - wären an den Hauptverursachern hängen geblieben. Dies bedingte die Einsicht Mühls und führte zu wichtigen Veränderungen:
     

    Ab etwa 1981 begann schleichend die Rückkehr zum Zentralismus. In Genf, aber auch in anderen Stadtkommunen war offener Zweifel an der weiteren Notwendigkeit von Gruppenleiterinnen geäußert, die Freiwilligkeit des 'Pflichtbeitrages für den Friedrichshof gefordert worden. Das Privateigentum, die größere Lebenserfahrung außerhalb der Kommune und der höhere Ausbildungsstand hatten ein kritisches Potential von KommunardInnen entstehen lassen. Anfang 1982 kam es zur ersten und einzigen geheimen, schriftlichen Wahl der Führungsspitze. Otto Mühl entsprach
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 186

    dieser Weg der Demokratisierung nicht, er ahnte instinktiv, daß dieser ihm seine eigene Machtstellung kosten würde. Am Scheideweg zwischen Demokratie und Diktatur wählte Mühl - entsprechend seinem Charakter - das Totalitäre. Nach den Jahren des Rückzugs von der Öffentlichkeit brach 1981 Mühls Eitelkeit wieder hervor. Der Wunsch, ein großer Mensch, ein Genie zu sein, bewundert zu werden, war stärker als alles andere.

    Nach und nach wurde in den nächsten zwei Jahren die Zahl der StudentInnen bzw. Auszubildenden verringert, das Privateigentum und die Konsummöglichkeiten immer stärker kontrolliert. Mit regelmäßigen "Gruppenurlauben" am Friedrichshof und längeren Friedrichshofaufenthalten wurden 'Abweichler wieder auf Kurs' gebracht. Die beruflichen Zielvorgaben beschränkten sich entweder auf Geld verdienen oder auf die "BV-Arbeit", d.h. die Anwerbung neuer KommunardInnen. Aber auch Aktivitäten einzelner KommunardInnen, von denen die Integration in die Alternativszene erhofft wurden, waren geduldet. Am Friedrichshof war Mühl überwiegend mit den "Gästen" beschäftigt, allerdings mit geringem Erfolg. Nur wenige Friedrichshof-Besucher verspürten anschließend den Wunsch, sich in den Machtbereich Mühls zu begeben.

    Mühls Macht gründete seit den 80er Jahren auf einer fast ausschließlich weiblichen Führungsgruppe, im Kommunejargon als Matriarchat bezeichnet. Männliche Konkurrenten schaltete Mühl aus, die Frauen stiegen in der Hierarchie auf, denn diese waren zur Unterordnung und Bewunderung Mühls fähiger. Als 1983 nach Kritik der Medien an der verdeckten Anwerbung die Gästearbeit am Friedrichshof eingestellt wurde, reduzierten Mühl und sein "Matriarchat" die Stadtkommunen ausschließlich auf die Funktion 'Geld verdienen'. Eine berufliche Monokultur des Versicherungsverkaufs entstand. Wer andere berufliche Tätigkeiten ausgeübt hatte, mußte diese in kürzester Zeit abbrechen. Vor allem die KommunardInnen, die in - bis dahin geduldeten - Alternativprojekten mitgearbeitet hatten oder in der "Außenarbeit" einen Freiraum J.eits der ideologischen (Mühl-)Mauern gesucht und gefunden hatten, waren davon betroffen. Etliche zogen aus, nahm doch der Druck auf diese 'ideologisch zermürbten' KommunardInnen zu, Außenarbeiter wurden nicht mehr benötigt. Unerbittlich verfolgte Mühl die früheren Verfechter einer Demokratisierung.
     
     

    1984-1990: Geschlossene Gemeinschaft

    Die berufliche Monokultur und das 1983/84 wieder eingeführte Gemeinschaftseigentum waren die Grundlage, um Ende 1984 wieder zur zentralistischen Willkür zurückkehren zu können. Die seit Jahren personell konstanten Stadtkommunen wurden zerlegt, die vielen kleinen Kommunen zugunsten weniger großer Kommunen aufgelöst; ein Prozeß, der sich fast drei Jahre (ab 1982) hinzog. Am Ende stand die Restauration des AAO-Dogmatismus

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 187

    und -Zentralismus. Die Überheblichkeit gegenüber der Außenwelt, die absolute hierarchische Unterordnung, die "Kinderproduktion", der selbstherrliche Versuch, einen "neuen Menschen" (die Kinder und Jugendlichen) zu "schöpfern", der Zwang zur "freien Sexualität" bei Ächtung jeder Art von Beziehung waren die Ergebnisse der geschlossenen Gemeinschaft um den totalitär herrschenden Kommunekönig. Mühl war die Lehre, es gab keine Werte, keine Wahrheit, keine Ehrlich- und keine Verläßlichkeit. Worte zählten nicht, alles war Rolle, alles Spiel. Diskussion und Kritik waren unerwünscht, das Denken erlahmte. Gut war, was dem 'Ganzen' nutzte, es war die Aufgabe Mühls, dieses 'Ganze' zu erkennen. Ein Gestern gab es nicht mehr, es zählte nur noch, was Mühl gerade eben sagte. Die Grenzenlosigkeit künstlerischen Handelns übertrug Mühl auf die Kommune, er glaubte, "Menschen wie Material behandeln" zu müssen. Despotische Willkür, als Kunst deklariert, eine schwer durchschaubare Tarnung für alle die, welche den jahrelangen Weg der kleinen Kompromisse für ihr höchstes Ideal, die 'Gruppe', die Lebensgemeinschaft gestolpert waren. Am Ende war die Gruppe nur noch ein Spiegel Mühlscher Eitelkeit und Geltungssucht. Mühl konnte alles, er verfiel in zwanghafte Konkurrenz mit allen toten und lebenden 'Größen' der Welt. Er verlangte absolute Bewunderung. Durch sein paranoides Machtstreben degenerierte das Leben am Friedrichshof zum höfischen Intrigenspiel. Die Führungsfrauen, inzwischen fast ausschließlich Mütter mit Kleinkindern, konkurrierten panisch-isoliert um den Erhalt ihrer Plätze und die Mühlsche Gunst. Besonders perfide war, daß Mühl die minderjährigen Mädchen in das Intrigenspiel einschloß. Statt daß die älteren Frauen Solidarität zeigten, wurden sie zu eifersüchtigen Hyänen, da Mühl sie offen in ihrem Alter und körperlichen 'Verfall' der Jugend vorführte. Durch die Vereinzelung, das Intrigenspiel, die geschickt angestachelte Eifersucht war die gegenseitige Kontrolle der KommunardInnen garantiert, Mühl erfuhr alles, das meiste war jedoch unwichtiges, kleinliches Geschwätz. Mit dem Rückzug aus der Gesellschaft ab 1984 erstarrte das hierarchische System immer mehr, ohne Aussicht, von innen heraus gebrochen zu werden. Denn durch das Kunstprodukt der 'Struktur' (=Hierarchie) waren alle so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß ihnen der Weg in die immer größere psychische Unselbständigkeit und ihre Ausbeutung als Arbeitskraft zum Erhalt der 'Königsfamilie' gar nicht mehr auffiel. Drastisch gesprochen: Ein Haufen bleicher Arbeitsbienen ernährte den Meister und seinen Harem, die gemeinsam in über 20jährigem intensiven Haschischverbrauch ihre logische Denkfähigkeit bis an die Grenzen erweicht hatten. Seine Monologe waren wildwuchernde Assoziationen und die Menge stöhnte begeistert: 'Wow, toll, irre toll, Otto.'

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 188


     

     
     

    1. Wie entstanden die Kommunen bzw. warum zogen die Mitglieder in eine Kommune?

    Der größte Teil der KommunardInnen stammte aus der Mittelschicht und war beim Eintritt zwischen 18 und 22 Jahre alt. So lebten zum Beispiel 1981/82 in der Münchner Kommune 27 Personen, 13 Frauen, 14 Männer, die fast alle seit der AAO-Zeit dabei waren. Das Durchschnittsalter war 27 Jahre, die jüngste Kommunardin war 18, der älteste 37 Jahre. 60 Prozent hatten Abitur, aus der Mittelschicht stammten 70 Prozent, von den, aus der Arbeiterschicht stammenden Personen hatten 50 Prozent Abitur, (vgl. [HASC82, S. 117])

    Die Motive, einzuziehen oder eine Kommune zu gründen, waren individuell verschieden. Meist war es nicht nur eines der unten genannten Motive, sondern mehrere - durchaus auch widersprüchliche Gründe - gleichzeitig. Ein notwendiges Motiv war immer die persönliche Sympathie für einzelne KommunardInnen und/oder Gruppenleiterinnen bzw. Otto Mühl. Der Einzug war identisch mit einer Orientierungsphase, der Suche nach einer Lebensalternative. Eintrittsmotive waren z.B.: das Abenteuer einer Lebensgemeinschaft, einer 'neuen Kultur'; das Ideal der Gemeinschaft fürs Leben und die damit verbundene Sicherheit/Geborgenheit; die in einer Kooperative oder Wohngemeinschaft erfahrene Problematik des Zusammenlebens; das Bedürfnis, Avantgarde, Elite zu sein; der Mitläufer-Effekt: Ein(e) Freund(in), ein Zweierbeziehungspartner, ein Teil der eigenen Clique zog ein oder gründete eine Kommune; eine neue Form der sexuellen Beziehung zu vielen verschiedenen Partnern; das therapeutische Versprechen, gesund zu werden, bzw. die Erfahrung, in Aktionsanalyse und Selbstdarstellung Spannungen ablassen zu können.

    Folgende zeitliche Phasen werden unterschieden, in denen - bedingt durch die Art der Werbung - die Einzugsmotive differrierten: (Da 1978-1981 kaum Eintritte zu verzeichnen waren, ist diese Zeit nicht berücksichtigt.) Von 1972-1978 wurde offen mit dem Konzept 'Kommune' geworben, die eigene Ideologie wurde offensiv vertreten, 1981-1984 dominierte hingegen die verdeckte Anwerbung.

    1972-1975: Für die Gründer der kleinen Kommunen in Wien war es vor allem die Teilnahme an einem entstehenden sozialen Experiment, gemeinsam mit guten Freundinnen und Bekannten. Versuche, neue Formen sexueller Partnerschaft zu finden, und therapeutische Experimente führten schleichend zur Führerschaft Mühls, die von vielen als vorübergehender Kompromiß akzeptiert wurde. Ende 1974 lebten am Friedrichshof etwa 30 bis 40 Personen.

    1975-78: Die Kommunegründungen und Eintritte 1975/76 waren von zahlreichen Zufällen abhängig. Häufig waren es Direktkontakte mit 'geflohenen

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 189

    Ex-KommunardInnen' und Friedrichshof-Besuchern aus dem eigenen Freundeskreis, Kontakte mit Friedrichshofern auf "Tourneen", aber auch indirekte Kontakte durch Lesen der AA-Nachrichten und die Szene-Diskussion über die AA-Kommune, die im Eintritt bzw. der Gründung einer Kommune endeten. (Am Friedrichshof zogen nur etwa 60 Personen ein, die dort länger als einige Monate lebten, in die neuen Kommunen dagegen über 500.) Das Hauptmotiv war der Wunsch und die Realisierung einer solidarischen Lebensgemeinschaft, aber auch - altersbedingt - die 'freie Sexualität'. Es war nicht die Suche nach totalitärer bzw. autoritärer Herrschaft. Diese kam vielmehr erst 1977 mit der 'Annektion' der neuen Kommunen mittels der Gruppenleiterinnen. Die Folgen: Viele - vor allem Ältere - zogen aus, die Fluktuation in den neuen Gruppen stieg drastisch an. Nur wer am Friedrichshof einzog, der wußte, was ihn erwartete. Dort war die Fluktuation seit 1975 aber auch sehr hoch, viele versuchten in den Stadtgruppen unterzukommen oder zogen wieder aus. Ende 1977 lebten etwa 550 Personen in allen Gruppen.

    1981-1984: Die Anwerbungen waren in dieser Phase verdeckt. Über Kurse im Bereich Kunst und Kultur wurden regelmäßige Kontakte zu den 'Gästen' aufgebaut. Die Kursteilnehmerinnen wurden teils auf Festen, teils auf Informationsabenden, teils auf Veranstaltungen außerhalb der Kommune, teils durch Anzeigen angeworben, nach und nach den Gruppenleiterinnen vorgestellt und in persönlichen Gesprächen mit Gruppenmitgliedern über das gemeinschaftliche Leben informiert. Anfänglich waren die persönlichen Gespräche durchaus nicht immer zielgerichtet bzw. gesteuert, dies hing von der ideologischen Motivation des einzelnen Kommunarden ab. Ab 1982 waren grundsätzlich nur noch hierarchiehöhere Gruppenmitglieder zu solchen Gesprächen befugt. Das Ziel war nun immer, den jeweiligen Gast zur Teilnahme an Wochenendmarathons, Wohnexperimenten oder einem Besuch am Friedrichshof zu bewegen. (Meist in dieser Reihenfolge.)

    Bis zum Besuch des Friedrichshofes wußten die Gäste häufig nur unvollkommen, was sie erwartete. Viele waren von Mühls autoritärem Auftreten, der Massenbewunderung und der unpersönlich, mechanisierten Form der Sexualität sowie des Zusammenlebens abgestoßen, daß es überwiegend bei dem einmaligen Friedrichshof-Besuch blieb. Zwar wußte, wer einzog, was ihn von Mühl erwartete, viele wollten dies vielleicht auch, etliche waren jedoch bereits verstrickt, bevor ihnen recht klar wurde, wo sie gelandet waren. Nach ihrem Auszug schilderten viele die verdeckte Anwerbung als geschickte "Täuschung, auf die sie hereingefallen" seien. Flaschenhalsartig nahm die Zahl der Interessenten vom Erstkontakt mit Gruppenmitgliedern bis zum endgültigen Einzug in eine Kommune ab. Für München geschätzte Zahlen 1981-1984 ca. 30 KommunardInnen (Der Verfasser war Geschäftsführer der Kulturwerkstatt e.V. zwischen 1981 und 1983.): Von etwa 3.000

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 190

    bis 4.000 Kontakten durch Kulturarbeit in diesen Jahren durch Feste, Kurse, Kindergarten, Kurse an der Volkshochschule und zusätzlich 800 bis 1.000 persönlichen Kontakten von Gruppenmitgliedern, in denen die Lebensgemeinschaft erwähnt wurde, nahmen an Marathons/WEX etwa 200 bis 250 Personen teil und fuhren zum Friedrichshof 150 bis 200 Personen. Davon zogen länger als ein Jahr ein: knapp 20 Personen, blieben länger als drei Jahre: elf Personen. Das entspricht einer 'Erfolgsquote' zwischen 0,2 und 0,5 Prozent (bis auf die Zahl der Eingezogenen eher vorsichtig und zu niedrig geschätzt). Von den in diesem Zeitraum in allen Kommunen angeworbenen Personen blieben etwa 150 länger als ein Jahr, weniger als 100 länger als drei Jahre.
     
     
     

    2. Warum blieben die KommunardInnen jahre-, teilweise jahrzehntelang, häufig trotz persönlicher Zweifel und Krisen?

    Zunächst war die individuelle Lebenssituation ausschlaggebend. Besonders auffällig ist, daß 1983-1990 lediglich drei Frauen mit Kindern die Kommune verließen, d.h. vor allem Mütter blieben. Nicht etwa, weil ihre Lage am Friedrichshof so gut, sondern weil ihre Situation - innerhalb wie außerhalb der Gruppe - besonders aussichtslos erschien bzw. war. Auch die finanzielle und/oder berufliche Unsicherheit außerhalb der Kommune war ein Grund - nicht nur für Mütter - zu bleiben. Die Hoffung, "vielleicht ändert sich das alles noch", war trügerisch, aber vielfach äußerst wirksam. Hinzu kam die von Mühl - vor allem seit 1984 - geschürte Angst vor der Gesellschaft, 'Draußen' bestand vorwiegend aus Horror, Mord, Selbstmord, Aids, Drogen etc. Es war eine gezielte Des- und Nichtinformation, ermöglicht durch die verbotenen persönlichen Kontakte zu Nicht-KommunardInnen. Mühl: "Wer es hier nicht schafft, schafft es draußen auch nicht."

    Die psychische Mauer im Kopf mußte zerbrechen, der Glaube an Mühl und die eigenen Ideale - die in die Kommune geführt hatten - aufgegeben werden. Die Beschränkung des Denkens durch die Vereinzelung, Tabus, Denkblockaden, das Mißtrauen gegen eigene Gefühle mußten überwunden werden. Da das persönliche Gespräch, Diskussion und Widerspruch als 'Denkimpulsgeber' verboten und geächtet waren, fiel es auch den Gedanken schwer, sich den täglichen Dominanz- und Demutsritualen in der geschlossenen Gemeinschaft zu entziehen. Eine ehemalige Kommunardin:
     

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 191


     

       
     

    3. Warum und wie stiegen die KommunardInnen nach langen Jahren der Mitgliedschaft aus?

    Im folgenden wird nur von den KommunardInnen geredet, die mehrere Jahre in der Kommune lebten. Vor allem in den Phasen intensiver Anwerbung 1975-1978 und 1981-1984 zogen etliche Personen ein, die nur wenige Wochen bis Monate blieben.

    Wie die Mitgliedschaft in der Kommune - je nach Persönlichkeit -qualitativ unterschiedlich erlebt wurde, so vollzog sich auch der Ablösungsprozeß individuell. Bei fast allen Ehemaligen fällt jedoch ein ähnlicher Verlauf auf. Die Ablösungsphase begann sehr viel früher als der eigentliche Ausstieg. Meist gingen intensive Phasen des Zweifeins voran, die häufig mit einer (Selbstdarstellungs-)Beichte und der reumütigen Rückkehr in den gnädigen Schoß der Gemeinschaft endete. Die Zweifel wurden häufig durch Schlüsselerlebnisse ausgelöst, die wiederum zum Erinnern weiterer, zeitlich früher gelegener Ereignisse führten. Wichtig waren meist Kontakte zu Nicht-Gruppenmitgliedern oder zum Zweierbeziehungspartner in der Gruppe, zu denen ein Vertrauensverhältnis entstehen und in Gesprächen Zweifel formuliert werden konnten.

    Der Auszug war ein radikaler Schritt, verbunden mit einer totalen Kontaktsperre zur ehemaligen Lebensgemeinschaft. Der "Ausgezogene" hatte "es nicht geschafft", er war eine gescheiterte Existenz und fühlte sich häufig auch so. Ab 1984 drohte Mühl denjenigen KommunardInnen, die sich ihm nicht total unterordneten, nicht nur mit Rausschmiß, in rabiaten Phasen machte er diese Drohung auch war, was von den Betroffenen meist traumatisch erlebt wurde. Der freiwillige Ausstieg zog sich meist über einen längeren Zeitraum, meist mehrere Monate oder Jahre hin und wurde als 'Flucht', 'offene Konfrontation' oder 'Zufall als Entscheidungshilfe' vollzogen. Der Auszug war ein tiefes körperliches und geistiges Erlebnis, häufig mit einer anschließenden euphorischen Entspannung verbunden. Nach dem Auszug begann ein jahrelanger Prozeß der geistigen Ablösung und Wiederentdek-kung selbstbestimmter Lebensgestaltung. Je mehr Ehemalige bereits außerhalb der Gruppe lebten, desto rascher erfolgte die intellektuelle Neuorientierung. Dies lag daran, daß das Gefühl des persönlichen Scheiterns - welches besonders hinderlich war - schneller überwunden wurde. Problematischer, weil langfristiger, war die Umorientierung im Beruf, der Aufbau eines Freundeskreises, die Fähigkeit zur Diskussion und einem eigenen Standpunkt.
     
     
     
     

    4. Warum lösten sich die Kommunen 1990/91 auf?

    Der zunehmende Druck durch ehemalige KommunardInnen, vermittelt und verstärkt durch die Medien und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft,

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 192

     führten zum Jahreswechsel 1989/90 zu einer verschärften Situation für Mühl. Das 'Beratungsangebot' als Versuch, die aktivsten ehemaligen Gruppenmitglieder zu 'beruhigen', scheiterte insofern, als das geschlossene Denken durch das Eindringen einer Diskussionskultur und nicht-hierarchischen Verhaltens aufgeweicht wurde. Die vorgeschlagenen Veränderungen stießen auf eine wachsende Bereitschaft bei vielen Stadtkommunardlnnen und bei einem Teil der Friedrichshofer Führung. Das totalitäre System hatte in vielen Gruppenmitgliedern Zweifel entstehen lassen, die eines verläßlichen Fixpunktes bedurften, um kollektiv durchzubrechen. Durch das in vielen Einzelgesprächen gewachsene Vertrauen konnten die Berater zu diesem Fixpunkt werden. Letztlich waren es auch tief verborgene Zweifel Mühls an seinem eigenen Verhalten, vor allem aber die Angst vor öffentlicher Kritik bzw. gerichtlicher Bloßstellung, welche die Stabilität der Macht von oben her erschütterten.
     
     
     

    'Sekten' und Gesellschaft - Wer toleriert wen nicht?

    Die frühere neutrale Bedeutung des Wortes 'Sekte' (Partei, philosophische Schule) hat sich bis in die Gegenwart entscheidend verändert. In der Tradition der christlichen Kirchen bezeichnet 'Sekte' das über Jahrhunderte hinweg konstante Phänomen der Abspaltung von Minderheiten im Glauben und Handeln von der Mehrheit. Heute wird mit der Verwendung des Wortes 'Sekte' vor allem die Anrüchigkeit der jeweiligen Minderheit bzw. Gruppierung ausgedrückt.

    Obwohl die urchristlichen Gemeinden als kleine jüdische Sekte begonnen hatten und brutal verfolgt wurden, ist eines in der späteren christlichen Kirche nur langsam gelernt worden: Toleranz. Die Geschichte der etablierten Staatskirche ist auch eine Geschichte der Verfolgung und Unterdrückung 'andersgläubiger' Christen. Die Ebioniten, die Gnostiker, Mareioniten, die Arianer, die Montanisten, aber auch später die Anhänger Luthers, Calvins, Müntzers und von Huttens begannen als Sekte. Etliche wurden als Ketzer verklagt und umgebracht. Die heilige Inquisition sorgte sich - basierend auf den 'Erkenntnissen' des Kirchenvaters Augustinus - seit dem 12. Jahrhundert um die notfalls mit Gewalt erzwungene Rückkehr von Ketzern in die Kirche (Compelle intrare).

    Der Dreißigjährige Krieg, ein herausragendes Gemetzel deutscher Fanatiker, war u.a. ein Krieg unter dem Banner ideologischer Exklusivität, ein Konflikt zweier groß gewordener Sekten. Zwar waren anschließend die Kräfte erschöpft, weite Teile Deutschlands und seiner Bewohner vernichtet, das Phänomen 'Sekte' und die Verfolgung derselben aber nur vorübergehend 'eingeschlafen'. Mitte des 18. Jahrhunderts - im Zeitalter der Vernunft - "wimmelte es nur so von Sekten: Pietisten, Quietisten, Illuminaten, Rosenkreuzer,
     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 193

    Templer, Freimaurer und andere 'Erleuchtete', alle in mehreren Schattierungen vertreten und in Tausenden von Zirkeln, Konventikeln, Logen darum bemüht, sich von der Umwelt und voneinander abzugrenzen, sich auszudehnen oder einzuschließen." [Mich79, S. 49] Lapidar meinte Voltaire 1763: "Je mehr Sekten sind, desto weniger Gefahr ist von jeder einzelnen zu besorgen."

    Wer die Geschichtsbücher der Hutterischen Brüder - einer Sekte und Lebensgemeinschaft - seit dem 16. Jahrhundert liest, steht erbleichend vor der schriftlichen Überlieferung jahrhundertelanger Grausamkeit, ausgeübt von religiösen kirchlichen Fanatikern. Auch andere historische Lebensgemeinschaften wie die Waldenser Südfrankreichs (12./13. Jahrhundert), die lombardischen Apostelbrüder (13. Jahrhundert), die nordfranzösischen Brüder und Schwestern des freien Geistes (13. Jahrhundert), die flandrischdeutschen Begharden (14. Jahrhundert), die englischen Lollarden (14. Jahrhundert) endeten in physischer Vernichtung. Nicht zu übersehen ist dabei, daß auch die Sektierer selbst - z.B. die Wiedertäufer in Münster - bisweilen einen Hang zur Grausamkeit erkennen ließen, waren sie erst die dominierende Mehrheit. Mit der tendenziell eher abnehmenden allgemeinen Grausamkeit und Brutalität in der europäischen Geschichte war die Verfolgung von (sektiererischen?) Lebensgemeinschaften im 19. Jahrhundert nicht mehr derart drastisch. Die Möglichkeit der Auswanderung in das damals liberalere Amerika wurde von vielen - z.B. Bethel & Aurora, Zoar, Amana, den Hutterern - genutzt. Aber auch dort hatten es Abweichler nicht immer leicht, wie das Beispiel Oneida zeigt. Nicht zu unrecht bemerkt Fensterer bezüglich des Verhältnisses Kirchen und Sekten: "Von Toleranz keine Spur! Woher nehmen Katholiken und Orthodoxe, Lutheraner, Calvinisten und Anglikaner angesichts dieser erdrückenden Schuldenlast den Mut, über andere zu Gericht zu sitzen?" [Fens79]

    Nicht nur religiös motivierte Abweichler, auch die sozialistisch, kommunistisch oder anarchistisch inspirierten Außenseiter des 19. und 20. Jahrhunderts standen als Sektierer einer - wiederum nicht zimperlichen - Mehrheit Andersdenkender gegenüber. Und erstaunlicherweise schlimm und intolerant war es auch dann noch, als die ehemals selbst Verfolgten zur Staatsmacht in Rußland und Deutschland aufstiegen. Die Kommunisten waren eine verfolgte 'Sekte' und formten sich, um überleben zu können, zu einem konspirativen Bund. Das Ex-Mitglied des Politbüros der Ex-DDR Günther Schabowski schreibt:
     

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 194

    Die Erfahrungen der Illegalität (der 'Sekten'-Zeit) wurden noch beibehalten, als die Kommunisten längst die regierende Mehrheit stellten. Die Intoleranz einer vergangenen gesellschaftlichen Mehrheit rächte sich mit einer ebensolchen Intoleranz der ehemals unterdrückten Minderheit. Die Folgen sind bekannt.

    Geradezu unvorstellbar ist der knapp 25jährige Weg von der weitaus weniger verfolgten, weil rechtsradikalen Hitler-'Sekte' zur Volksmehrheit der NSDAP. Die gesellschaftliche Mehrheit und Teile der alten Führungsschicht widerstanden dem Reiz nicht, in eine rasch größer werdende 'Sekte' einzutreten. Wahrscheinlich ist es auch diese Erfahrung, welche die gegenwärtige Konfrontation der Gesellschaft mit ihren 'Sekten' so problematisch zuspitzt. Denn die Folgen waren traumatisch. Vor allem dem millionenfachen Völkermord an Juden, Zigeunern und anderen "rassisch Minderwertigen" ist das Denken nicht mehr gewachsen, ein 'Rad der Geschichte' gibt es seither nicht mehr, wie auch hätte es sich weiterdrehen können?

    Meine persönliche Quintessenz dieses kurzen historischen Abrisses des Phänomens 'Sekte' ist die Skepsis gegenüber der allzu häufigen Verwendung des deutlich negativ besetzten Wortes 'Sekte' im Sinne der Ausgrenzung einer Minderheit durch die Mehrheit. Vor dem geschichtlichen Hintergrund der Verfolgung von Minderheiten ist eine derartige Pauschaleinordnung fragwürdig. Dadurch wird, wer sich mit 'Sekten' beschäftigt, zum 'Sektenverfolger'; zum 'heiligen Inquisitor' ist es dann nicht mehr weit. Doch um den Austausch netter historischer Metaphern geht es in der Auseinandersetzung mit Praktiken in einigen der Gruppierungen am allerwenigsten. Auch die in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung zusätzlich zu 'Sekte' verwendeten, ebenso deutlich negativ besetzten Begriffe. wie 'Jugendsekten', 'destruktive Kulte', 'Psychosekten' und 'totalitäre Kulte' sind problematisch. Selbst die neutralen Begriffe 'Neue religiöse Bewegungen' bzw. 'Jugendreligionen' scheinen ungeeignet, wird doch dadurch die Religion als Maßstab ausgedrückt. (Der Sammelbegriff 'Jugendreligionen' ist laut Haack auf ihn zurückzuführen.) Zusammengefaßt werden mit diesen Begriffen Gruppierungen wie: Vereinigungskirche (Mun), Scientology, Kinder Gottes, Divine Light Mission (DLM), Transzendentale Meditation (TM), Hare Krshna, Ananda Marga, Bhagwan, Europäische Arbeiter Partei (EAP) (vgl. [Eimu79; Haac80; Gasc84; Gepp85; Haut85; Deld88; Rosi89; Kede89]). Auch die AAO wurde verschiedentlich zu diesem Kreis gerechnet und meistens als Psychosekte bezeichnet.

    Die Bezeichnung 'Jugendreligionen' für diese Gruppen ist zweifach irreführend. Denn erstens sind 20 Jahre nach dem ersten Auftauchen viele Mitglieder ebenfalls etliche Jahre innerhalb ihrer Gemeinschaft gealtert, da hilft auch die Vergewaltigung des Wortes 'Jugend', wie Geppert sie vorschlägt, wenig:



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 195


      Zweitens ist nur sehr schwer auszumachen, ob die Lehre dieser Gruppierungen Religion ist, ob diese sich selbst als Religionsgemeinschaft begreifen, welche Unterschiede zu den etablierten Religionen bestehen. Um eine Beurteilung der Lehre kann es den Kirchen, also konkurrierenden Religionen gehen, nicht aber dem weltanschaulich neutralen Staat oder der Wissenschaft.

    Wichtige gemeinsame Kennzeichen der oben genannten Gruppierungen sind, daß sie seit den 70er Jahren verstärkt in Deutschland warben und bis auf die AAO (Österreich) und die Vereinigungskirche (Korea) Exporte entweder direkt aus den USA oder - indirekt, vermittelt über die USA - aus Indien sind. Die Gruppierungen können differenziert werden in ausschließlich Kurse anbietende Organisationen wie z.B. 'Scientology' oder TM und Lebensgemeinschaften wie z.B. Hare Krshna, Kinder Gottes und Vereinigungskirche. Jeder weitere Versuch, für diese ansonsten äußerst verschiedenartigen Gruppierungen einen Oberbegriff herbeizwingen zu wollen, ist problematisch, denn prüfbare Kriterien, die nur für diese gelten, sind nicht gegeben. Von Vertretern kirchlicher Institutionen wird vor allem die Weltanschauung bzw. Lehre hervorgehoben (vgl. Haack, Hauth). Haack vertritt ein wenig differenziertes, aber medienwirksames, plakatives Schema mit drei "Grundelementen", die 'Jugendreligionen' kennzeichnen: das "Rettende Rezept", die "Gerettete Familie" und ein lebender "Heiliger Meister". (Plakativ, weil es auf eine Vielzahl von Gruppen, die keine 'Sekten' sind, ebenfalls anwendbar ist.) Selbst in so sachlich fundierten Darstellungen wie derjenigen der Stuttgarter Stelle für Weltanschauungsfragen werden 'die Sekten' vor allem mit kirchlichen Kriterien beurteilt: "Weltanschauung, Stellung zum Christentum, kultische Veranstaltungen und Handlungen, allgemeine Beurteilung aus christlicher Sicht" [Rell85]. Auch die Kriterien, die der amerikanische Psychiater Marc Galanter nennt [Gala80/II] - ein Glaubenssystem, worüber unter den Mitgliedern Einigkeit herrscht; eine starke innere Gemeinschaft; umfassende Einflüsse auf das Verhalten und die Lebensführung der Mitglieder - sind sehr allgemein und können durchaus auf Geheimdienste, Teile der katholischen Kirche, verschiedene Unternehmen, Gruppierungen in Parteien etc. angewandt werden.

    Ein Hauptmotiv, einen Oberbegriff zu suchen, scheint das Verlangen der gesellschaftlichen Mehrheit zu sein, eine Distanz der 'mainstream'-Ideologie zu den Verirrten auszudrücken. Der ideologischen (Selbst-)Abgrenzung der 'Sekten' begegnet die Gesellschaft mit einer nicht weniger ideologischen Ausgrenzung. Ein Dialog ist kaum mehr möglich, es dominieren Anfeindungen, Vorurteile und - bisweilen - Verfolgung. Wer in seinem Lebenslauf eine

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 196

    'Sektenmitgliedschaft' zu verzeichnen hat, begibt sich mit seinem Austritt aus der 'Sekte' zwar zurück in die Gesellschaft, bleibt aber gezeichnet, in gewisser Weise skurril und verdächtig, wenn nicht gar krank und monströs. Denn die 'Sekten'-Anhängerlnnen sind 'gehirngewaschen' worden, waren Opfer einer "Psychomutation". Hier nur zu letzterer Vokabel, die von Haack stammt:
     

    Die Folgen erscheinen Haack "in einem gewissen Rahmen unumkehrbar". Er fragt sich, "ob nicht eine bleibende Schädigung zu konstatieren ist, ähnlich der einer Gliederamputation, eines Sinnesorganverlustes oder einer Krankheit mit lebenslanger Destabilisierung in bestimmten Bereichen des Körpers, der Seele oder des Geistes." [Haac86, S. 79] Das 'Sekten'-Mitglied, ein Psychomutant, ein lebenslang Stigmatisierter?

    Die Gesellschaft - das 'Draußen' -, Mülleimer alles Bösen aus Sicht der 'Sekte', wird zum 'Drinnen', ebenfalls Mülleimer, aus Perspektive der Gesellschaft. (Zwei Beispiele im September 1991: Ein ZDF-Beitrag über die Vereinigungskirche hieß dramatisch "Im Reich des Bösen", ein ARD-Film "Invasion der Seelenfänger".) Lediglich der Standpunkt ist ein anderer, Art und Inhalt des Urteils ähneln bzw. gleichen einander. Nicht ohne Grund schreibt Delderer:
     

    Fensterer meint:
      Die speziellen Verhältnisse in der jeweiligen Gruppierung zu analysieren und zu verstehen ist - meiner Meinung nach - wichtiger, als vorschnell mit Etiketten wie 'Sekte' zu operieren. Denn: "Die gefährlichen Momente liegen eher im Detail und unterscheiden sich von Organisation zu Organisation, von Sekte zu Sekte." [Deld88, S. 233] Die Etikettierung steigert



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 197

    höchstens die Einschaltquoten bzw. die Auflagen der Medienindustrie, den Angehörigen von 'Sekten'-Mitgliedern und anderen Betroffenen ist mit einem sensationell flackernden Strohfeuer nicht geholfen. Die jeweilige Gruppierung ist schockiert, schließt sich noch enger zusammen und wird noch mehr gemieden. Dieser Prozeß der geistigen (und am Ende räumlichen) Abschließung einer Gruppierung nach außen ist jedoch mit allen Mitteln zu vermeiden. Erst in der geschlossenen Gemeinschaft wuchert unkontrollierbar der Wahnsinn. Das Problem ist nicht erledigt, wenn die Auswanderung in irgendein anderes Land erfolgt. Geschlossene Gemeinschaften neigen dazu, in Exzessen psychischer und physischer Gewalt zu versinken, die letztlich Leidtragenden sind immer Mütter und Kinder. Die zweite Generation, die in solchen geschlossenen, totalitären Gemeinschaften heranwächst, kann am wenigsten für die herrschenden Verhältnisse und ist deren eigentliches Opfer.

    Selbst wenn das medienwirksame Sektenschema greifen mag - totalitärer Führer beherrscht seine Anhängerinnen durch Gehirnwäsche im Handeln und Denken absolut, preßt sie zu höchsten Arbeitsleistungen bei minimaler Versorgung und (Alters-/Krankheits-)Vorsorge sowie ermöglicht sich und einer Führungsclique ein mondänes Leben - so stellt sich mit der leiernden Rekapitulation dieses Schemas die Frage: Wem eigentlich hilft die ewige Wiederholung dieser Verhältnisse? Ein weiteres Problem ist die Unschärfe in bezug auf die jeweilige Gruppierung und das einzelne Mitglied. Geradezu absurd ist, daß dieses Schema kontraproduktiv zum eigentlichen Ziel - der Aufklärung - ist. Denn das Medienschema 'Sekte' stimmt nicht mit den meist bescheidenen, einfach auftretenden, häufig sympathischen 'Sekten'-Individuen überein. Ein typisches Beispiel aus dem Film "Invasion der Seelenfänger": eine Frau auf die Frage des Reporters, ob sie wisse, daß der Christ dort an der Ecke zur Vereinigungskirche gehöre und diese eine 'Sekte' sei. 'Was, die eine Sekte? Niemals! Ist mit dieser (ebenso sektenhaft-total) formulierten Ausgrenzung nicht auch die Überschätzung der Methoden der 'Sekten' verbunden? Ist es die Befürchtung, am Ende anfällig zu sein? Wird der Kontakt von Mensch zu Mensch deshalb gemieden, weil die Angst besteht, daß man selbst ein Opfer der Gehirnwäsche werden könnte? Und: Wer macht sich eigentlich Gedanken darüber, wo die wachsende Ausgrenzung enden soll? Im Grunde ist es doch so, je mehr eine Gruppierung wirbt, Läden unterhält, in Firmen arbeitet etc., desto besser sind die Kontakt- und desto größer die Einflußmöglichkeiten, um etwaigem Mißbrauch vorzubeugen bzw. diesen überhaupt wahrnehmen zu können. Es erscheint reichlich unsinnig, diese Form gesellschaftlicher Integration anzugreifen. Was ist die 'Alternative'? Die permanente Flucht der 'Kinder Gottes'?

    Alle Abneigungen gegenüber gewissen Verhaltensmustern in den genannten Organisationen dürfen den Blick dafür nicht trüben, daß diese



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 198

    Gruppen seit Jahrzehnten existieren. Trotz der vielbeschworenen Aufklärung treten Menschen diesen Gruppierungen bei, sicher nicht alle unwissend, und bleiben diesen Jahre, ja Jahrzehnte verbunden. Aufklärung kann also nur ein Teil sein, sie sollte den Charakter einer Arbeit gegen diese Gruppen aufgeben und integrative Aufgaben stärker betonen. Die Arbeit mit 'Sekten' ist dann nicht nur Aufklärung von Nicht- oder Noch-Nicht-Mitgliedern, d.h. die berechtigte Forderung nach offener Werbung durch die Gruppierungen, sie ist auch die verantwortungsbewußte Betreuung und Beobachtung, das möglichst weitgehende, gezielte Hineinwirken in die jeweilige Gruppierung.

    Warum sollten 'Sekten' nicht auch geringfügige staatliche oder kirchliche Geldmittel für konkrete Projekte erhalten? Umso größer ist der Einblick in Interna und die Anbindung an die Gesellschaft. Das setzt natürlich voraus, daß entsprechende Fachkräfte von privaten oder staatlichen Institutionen beschäftigt werden. Wer mit übermächtigen Organisationen zu kämpfen hat, entwickelt ein anderes Selbstverständnis als der, der die einzelnen Menschen in den Organisationen kennt und erkennen kann. Aus gehirngewaschenen, psychomutierten 'Sekten'-Dämonen werden einfache, in ihren Ansichten etwas starre Menschen, die in ihren ideologischen Quadraten durchaus umgänglich und häufig sympathisch sind.

    Erwägenswert ist auch die eindeutige Formulierung von Zielen, die in bezug auf die jeweilige Gruppierung erreicht werden sollen. Dabei sind Forderungen wie 'Auflösung' oder das 'Rausholen von Verwandten' sicher keine dialogfördernden Vorgaben, besser ist es, 'regelmäßige Kontakte', 'Offenheit der Gruppierung', 'Klärung sozial- und arbeitsrechtlicher Verhältnisse' etc. zum eigenen Ziel zu erklären. Diese Ziele, verbunden mit konstruktiven Vorschlägen, tragen dazu bei, daß ein jahrelang aufgebautes gegenseitiges 'Feind'-Schema brüchig werden kann. Wichtig sind Ziele und Konzepte auch deshalb, weil möglicherweise einmal der so unwahrscheinlich erscheinende Fall der Teil- oder Totalauflösung einer 'Sekte' eintreten kann - und was dann? Der Kampf gegen 'Sekten' wird dadurch zum Kampf für Öffnung und Demokratisierung dieser Gruppierungen; ein nicht unwesentlicher Wandel des Selbstverständnisses auf Seiten der Kritiker. Wer kann genau sagen, wieviel von dem Verhalten der jeweiligen Gruppierung die Reaktion auf die Kritiker und ihren gesellschaftlichen Verstärker - die Medien - ist?

    Wie auch immer, wer den Anspruch vertritt, Aufklärung bezüglich einzelner 'Sekten' zu betreiben, muß sich stärker als bisher der eigenen Verantwortung für die Vorgänge innerhalb der jeweiligen Gruppierung bewußt sein. Auch wenn aus den Gruppen fast nichts nach außen dringt, ein ständiger kritischer Beobachter ist eine Art 'Gewissen', das in die jeweilige Gruppierung hineinwirkt. Dieser Einfluß ist meiner Meinung nach wesentlich größer, als allgemein angenommen wird. Fast jedes langjährige Mitglied



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 199

    der jeweiligen Gruppierung kennt die 'Feinde seiner Bewegung'. Je detaillierter, genauer, sachlicher die Kritik geäußert wird, je gezielter einzelne Aktionen sind, desto größer die Wirkung auf jeden einzelnen und die Gruppierung als gesamtes. Je schematischer, uninformierter, desto leichter die Abwehr.

    Daraus entsteht die äußerst anspruchsvolle Aufgabe, über die internen Vorgänge stets auf dem laufenden zu sein. Dies ist nur im Kontakt mit einzelnen Aussteigern bzw. einer eventuell sich bildenden Ehemaligen-Szene möglich. Verstärkt durch die Medien kann die Wirkung dieser Beobachter um ein Vielfaches potenziert werden. Auch dies ist eine Verantwortung, gilt es doch, das vielfach von den Strukturen in den Medien geförderte 'Sekten'-Schema zu relativieren und die öffentliche Auseinandersetzung mit detaillierter, möglichst aktueller Kritik und konstruktiven Angeboten/Vorschlägen an die 'Sekten' zu bereichern. Dies wird von Einzelpersonen, Elterninitiativen und Beratungsstellen bereits seit einigen Jahren teilweise sehr wirksam gemacht. Leider ist das Selbstbewußtsein dieser wenigen echten Experten für die jeweiligen Gruppierungen bislang noch zu wenig öffentlich artikuliert. Die Adressen der Vereine und Beratungsstellen können jeweils bei den Dachverbänden erfragt werden. (Adressen im Anhang, S. 212)
     
     
     

    Das Prinzip 'Gehorsam'

    Was taten bürgerliche Massenmörder wie Eichmann? Sie gehorchten. Simon Wiesenthal schreibt:
     

    Nicht jeder Nazi war ein Eichmann, Warzog, Stroncickij, Rauff, Stangl, Roschmann, Mengele, Braunsteiner ..., aber sie alle gehorchten. Gehorsam ist ein ideologieunabhängiges Verhaltensschema. Wer gelernt hat, zu gehorchen, kann sich in verschiedenste hierarchisch organisierte Gesellschaften einfügen. Noch einmal Simon Wiesenthal:
      Meine Ausgangsthese lautet: Das Prinzip 'Gehorsam' ist ein grundlegendes, nicht bewältigtes Problem dieser Gesellschaft. 'Sekten' sind nur ein Extrem



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 200

    menschlichen Sozialverhaltens auf einer imaginären Fieberkurve der Reduzierung individuellen Denkens und persönlicher Verantwortung bzw. des Mißbrauchs von Macht und Wissen. Die gruppendynamischen Prozesse in 'Sekten' und Gesellschaft sind ähnlich oder gleich. Gruppendruck, soziale Kontrolle, Identifikation mit Führern etc.

    "finden wir auch außerhalb elitärer Außenseitersysteme. Seit Jahrzehnten ist den Sozialwissenschaftlern vertraut, daß sich kleine Gruppen durch mehr oder minder elitäres Wir-Bewußtsein, unbezweifelte Normen, Geschlossenheit, aus persönlicher Bekanntschaft resultierende Nestwärme, gemeinsame Ziele und Aufgaben ebenso auszeichnen wie durch den komplexen Mechanismus der Führeridentifikation." [Deld88, S. 233]

    Als Lifton Anfang der 60er Jahre sein Standardwerk 'Thought reform and the Psychology of Totalitarism' über die - später so bezeichnete - 'Gehirnwäsche' vorlegte, löste es eine wichtige Diskussion aus. Ihm wurden Fragen gestellt wie: Gibt es nicht überall Gehirnwäsche? Was ist politische Propaganda? Was ist mit der Verkündigung der Kirchen? Was ist der Einfluß der Massenmedien?

    Hierarchie und hierarchisches Verhalten durchziehen alle Teile dieser Gesellschaft. Sei es in Unternehmen, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Fernsehen, Zeitungen oder bei Greenpeace - Hierarchie ist allgegenwärtig. Mal stärker, mal schwächer wird Kritik und Widerspruch geächtet, die Befolgung von Befehlen oder 'Wünschen' erwartet, eigenständiges Denken und Handeln bestraft oder kühl 'übersehen'; gewisse Verhaltensweisen, Sprach-, Kleidungs- und Denkgewohnheiten stellen sich 'ganz von selber' ein. Das soziale Chamäleon Mensch kann sich in viele Gruppen einfügen, kann sich verändern, anpassen oder vorspielen. Immer ist der dauernde Einfluß einer Gruppe stärker als der/die einzelne, wobei auch die/der einzelne das Gesamtverhalten der Gruppe mitbestimmt. Selbst wenn sich der Gruppeneinfluß nur auf den Arbeitsalltag beschränkt, ist es nach jahrelanger sozialer Routine auch für den verbleibenden Tagesrest schwer, sich den Einflüssen zu entziehen. Sicher, das hierarchische Verhalten in 'Sekten' steuert häufig das ganze Leben des Mitgliedes, aber ist hierarchisches De-muts- und Dominanzverhalten, weil 'nur' während der Arbeitszeit ausgeübt, gerechtfertigter und immer so viel weniger wirksam?

    Gesellschaftlich wird hierarchisches Verhalten bislang viel zu wenig thematisiert, obwohl fast jeder selbiges täglich erlebt. Überall wird Verantwortung von unten nach oben in Hierarchien delegiert. Wer unten steht, hat nichts zu sagen (und nichts zu denken?), aber auch seine (Mitverantwortung abgegeben. Andere Un-Produkte von Hierarchie sind: die erhebliche Verschwendung von Zeit auf Intrigen und Machtkämpfe, die Frustration wegen der Bedeutungs- und Verantwortungslosigkeit, die endlose Absicherung von Entscheidungen und Entscheidungsangst, Denkverlangsamung

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 201

    und Tabus usw. Grundsätzlich führt Gehorsam als Prinzip, d.h. ein Gehorsam gegenüber einer sozialen Stellung, die funktionale Benennung von Macht in Hierarchien zu individueller Denkarmut, Denkverlangsamung und Verantwortungsreduzierung. Der dauernde Mangel von Widerspruch und Diskussion endet in Erstarrung und Arroganz. Gehorsam ist immer ein Kompromiß gegenüber eigenem Denken und eigener Verantwortung, zwar fallweise nötig, aber immer dann problematisch, wenn von einer konstanten Gruppierung vom Individuum eingefordert.

    Die Widersprüche und Kompromisse, die sich für einen skeptischen Menschen mit dem Leben in dieser Gesellschaft ergeben, sind wenigstens so zahlreich, wie die Widersprüche und Kompromisse, die das Leben in ideologischen Gemeinschaften abfordert. Für viele 'Sekten'- und Gesellschaftsmitglieder gilt, was Günter Schabowski beschreibt:
     

    Solange das soziale System stabil erscheint und persönliche Zweifel nicht überhand nehmen, ist die Integration in das System möglich, wenn auch manchmal mit Bauchschmerzen verbunden. Der Gehorsam, den 'Sekten'-Mitglieder ihren Führern entgegenbringen, wurde außerhalb der 'Sekte' gelernt. Es ist daher nicht unbedingt erstaunlich,
     
    Gerade die Mittelschichtjugendlichen sehen oder empfinden die Widersprüche der Gesellschaft stark und suchen nach einer 'reineren, logischeren' Welt. Und wer sucht, ist wie Schabowski feststellt, "für Zweifel nicht sonderlich empfindlich, sondern reagiert mit Dankbarkeit auf Plausibilitäten." [Güsc91, S. 172] Dabei stehen Theorien und Ideale nicht einmal so sehr im Vordergrund, da sind zunächst "einfach sympathische Menschen, die uns beeindrucken, weil sie mit ihrem Leben für ihre Ideale einstehen" [Güsc91, S. 172]. Selbst absolutester Gehorsam wird dann dankenswert als Führung durch Menschen auf dem Weg zum ersehnten Ideal empfunden. Gerade die Mittelschichtjugend ist bereit, für außerhalb der Gegenwart liegende Ideale zu wirken und zu leiden. Wie ihre Eltern ist sie bereit, für den sozialen Aufstieg, um den Preis, eventuell zur zukünftigen Elite zu gehören, eigene Gefühle und Zweifel gehorsam zu unterdrücken. Die folgenden Thesen sind als eine Art Skizze für weitere Untersuchungen des soziologischen Phänomens 'Sekte' oder besser radikaler, ideologischer Gemeinschaften gedacht.


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 202

    Sie beruhen im wesentlichen auf der detaillierten Kenntnis der 'AAO', wobei vergleichend zwei weitere Gruppierungen - 'Kinder Gottes'; 'VPM' =Züricher Schule=Lieblinge - untersucht wurden (vgl. Literaturverzeichnis). Außerdem wurden die übliche 'Sekten'-Literatur und insbesondere Berichte ehemaliger Mitglieder berücksichtigt.

    Bevor die Thesen im einzelnen dargelegt werden, eine Relativierung zweier verbreiteter Vorurteile: einerseits die Annahme, der familiäre Hintergrund nahezu aller Menschen, die sich einer der oben genannten 'Sekten' bzw. 'Jugendreligionen (JR)' anschließen, sei ähnlich
     

    Der empirische Beweis dieses Vorurteils würde die Kenntnis und kulturübergreifende Untersuchung mindestens einer großen Stichprobe aller 'JR'-Mitglieder und deren familiärem Hintergrund nahelegen. Ganz abgesehen davon, daß es keine derartigen Studien gibt, ist mit diesem Vorurteil nicht erklärbar, warum in Familien mit mehreren Kindern sich nicht alle Kinder einer 'JR' anschließen. Anzunehmen ist wohl auch, daß die oben beschriebenen Familienverhältnisse häufiger sind als die Zahl der Personen in 'JR'. Andererseits das Vorurteil, die 'Sekten'-Mitglieder seien schizophren, Schizophrenie-gefährdet oder hätten gute Aussichten, psychisch zu erkranken (vgl. John G. Clark, Margaret Singer, M. Müller-Küppers). Diese Aussagen sind empirisch nicht belegbar. Beispielhaft sei dies am Vorgehen von Müller-Küppers erläutert. Derselbe wählte aus einer Adressenliste des Deutschen Ärzteverlages von 3.400 Nervenärzten 1.000 für eine schriftliche Befragung aus. Von den Angeschriebenen hatten 582 Erfahrungen mit Patienten, die aus dem Kreis der 'Jugendreligionen (JR)' kamen, außerdem 42 Ambulanzärzte und 64 Stationsärzte von Psychiatrischen Kliniken. Alle bejahten nervenärztliche Behandlungen von Mitgliedern der Jugendreligionen. Diese quantitative Aussage ist ohne Differenzierung wertlos. Letztlich ist der einzige zuverlässige Schluß aus dieser Untersuchung, daß in 'JR' auch Menschen mit psychischen Problemen leben. Dies war jedoch auch vorher anzunehmen.

    Problematisch ist, daß keine Grundgesamtheit aller 'JR'-Mitglieder in Deutschland bekannt ist. Es wird nicht hinsichtlich der 'JR' näher unterschieden, keine Zahlen bezüglich der verschiedenen Gruppierungen genannt. Die nicht auffällig gewordenen 'JR'-Mitglieder, die entweder noch in einer Gruppierung leben oder diese bereits verlassen haben, wurden nicht untersucht. Es wird nicht hinsichtlich der Art der Ablösung - Rausschmiß, freiwilliger Abgang, Deprogrammierung - unterschieden. Die Jahre der Mitgliedschaft in der jeweiligen Gruppierung ist ebenfalls nicht mit einer eventuellen psychischen Erkrankung korreliert. Für die soziale Stellung in

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 203

    der Gruppierung gilt dasselbe. Wichtig wäre auch der Untersuchungszeitpunkt: Wie lange nach dem Ausstieg waren psychische Probleme zu erkennen? Wie war die individuelle Krankheitsgeschichte vor dem 'JR'-Beitritt? Wie lange waren die Personen mit deutlich psychischen Problemen im Einflußbereich der 'JR"? Insgesamt erweist sich diese Studie, wie auch andere, als empirisch ungenau. Vielleicht ist es möglich, anhand der folgenden Thesen das empirische Design frühzeitig so anzulegen, daß nicht bereits bekannte Vorurteile durch Untersuchungen bestätigt werden, sondern tatsächlich neue Erkenntnisse zu gewinnen sind.
     
     
     

    Sind 'Sekten' monolithische, zeitlich konstante Blöcke?

    1. Ein sachliches, detailliertes Bewußtsein der eigenen Geschichte ist in diesen Gruppen meist ebensowenig vorhanden wie bei den Kritikern. Die genaue Kenntnis der geschichtlichen Eigenheiten der jeweiligen Gruppe verschafft die Möglichkeit, in Gesprächen das ideologische Denken quasi von innen heraus zu erweitern.
    2. Ideologische Gemeinschaften, die Jahre bzw. Jahrzehnte existieren, sind nicht monolithisch, es findet eine kollektive Entwicklung statt.
    3. Diese Entwicklung ist nicht einheitlich, sondern mal mit mehr Freiheiten für den einzelnen, mal mit zunehmender Kontrolle verbunden.
    4. Je größer die Geschlossenheit der ideologischen Gemeinschaft vor äußeren Einflüssen ist, desto uniformer und kontrollierter sind die internen Verhältnisse. Je weniger nach außen dringt, desto gefährlicher werden die Übergriffe auf die schwächsten Mitglieder - meist Frauen und Kinder.
    5. Der Endpunkt ist die räumlich geschlossene und totalitär erstarrte Gemeinschaft, z.B. Jones-Sekte, Colonia Dignidad.
     
     
     

    Sind die 'Sekten'-Mitglieder geklonte, gehirngewaschene Psychomutanten?

    1. Die Mitglieder ideologischer Gemeinschaften sind nicht über Jahre oder Jahrzehnte ein Haufen geklonter "Psychomutanten", vielmehr bestehen individuelle Charaktereigenheiten weiter. Daß diese nicht nach 'draußen' gezeigt werden, heißt nicht, daß sie verschwunden wären. (Natürlich gibt es auch hundertprozentige Mitglieder, die nie zweifeln, aber die gibt es nicht nur in 'Sekten'.)
    2. In ideologischen Gemeinschaften herrscht das Gesetz der 'unbedingten Loyalität', d.h. Zweifel werden weder innerhalb der Gruppe noch außerhalb gezeigt.
    3. Innerhalb der Gemeinschaft findet eine individuelle Entwicklung statt, entweder zu noch größerer Selbstaufgabe oder zu einer stärker werdenden



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 204

    Konfrontationsbereitschaft. Wie sonst wäre erklärbar, daß in allen Gruppierungen viele, auch jahrelange Mitglieder aussteigen?
    4. Prinzipiell können idealtypisch Phasen der Mitgliedschaft unterschieden werden: Die ideologische Phase - die hundertprozentige, euphorische Identifikation, in der Literatur meist als 'Gehirnwäsche' beschrieben. Die zweifelnde Phase - Zweifel und Hoffnung halten sich die Waage, immer wieder wird durch 'Beichte, Bekenntnis etc.' der Weg zurück in die euphorische Identifikation gesucht, da diese mit weniger sozialen und persönlichen Spannungen verbunden ist. Die Ablösungsphase - die Zweifel sind durch Schlüsselerlebnisse stabilisiert, die endgültige Entscheidung wird jedoch noch hinausgezögert.
    5. Sendungsbewußtsein ist immer auch die Bewältigung des leidvollen Alltags in 'Sekten'. Leidvoll deshalb, weil die gestellten Ansprüche bzw. die angestrebten Ideale prinzipiell niemals erreichbar sind.
     
     
     

    Eintritt

    1. Lediglich ein geringer Prozentsatz derjenigen, die mit 'Sekten' in Berührung kommen oder kamen bzw. ein Einführungsangebot wahrnahmen, wurden zu überzeugten Anhängern.
    2. Die Fluktuation innerhalb der ersten Monate ist ebenfalls groß. (Wieviele bleiben länger als zwei bis drei Jahre?)
    3. Ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Motiv ist der tiefe Wunsch nach bzw. die Erfahrung einer solidarischen Gemeinschaft, d.h. ohne persönliche Bindungen und Sympathien tritt niemand ein.
    4. Gesucht wird meist eine neue Lebensqualität, umschrieben mit 'neuer Mensch', 'Bewußtseinserweiterung' etc.
    5. In verschiedenen Phasen der 'sekten'-spezifischen Entwicklung werden unterschiedliche Personengruppen angesprochen, es ziehen verschiedene Menschentypen ein, d.h. Charakter und Einzugsmotive variieren abhängig von der Eintrittsphase.
    6. Der Einzug ist mit einer konkreten Lebenssituation ('Krise') verbunden, die eine Neuorientierung nahelegt. Der Eintritt als Zuwendung zur 'Sekte' ist immer auch das Abwenden von der Gesellschaft. (Aber längst nicht alle Menschen in Krisen gelangen in eine 'Sekte'.)
    7. Wenigstens in der Anfangsphase sind die 'Sekten' gesellschaftlich getragene Bewegungen, in dem Sinne, daß sie das Ergebnis theoretischer Erörterungen und praktischer Versuche in einer Subkultur sind.
    8. Die konkrete Entscheidung für eine bestimmte 'Sekte' ist abhängig von der individuellen weltanschaulichen Grundtendenz (z.B. christlich-religiös, indisch-meditativ, rechts-konservativ, links-anarchistisch, therapeutisch).
    9. Die Einzugsmotive sind abhängig vom jeweiligen Wissensstand über die



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 205

    Gruppierung.  Wer die autoritären Führungsstrukturen erst allmählich, schrittweise, über den Zeitraum mehrerer Monate erfährt, sucht kaum die Unterwerfung unter einen Führer.
    10. Die Einzugsmotive sind von der Dauer der folgenden 'Sekten'-Mitgliedschaft abhängig. D.h. wer nur kurz bleibt, hat andere Motive und einen anderen Charakter als die Personen, die länger als zwei bis drei Jahre bleiben.
     
     
     

    Austritt (freiwillig)

    1. Der Austritt ist ein individueller Prozeß, der nach jahrelanger Mitgliedschaft meist nicht schlagartig erfolgt. Schlüsselerlebnisse und eine - manchmal Jahre dauernde - innere Ablösung gehen dem eigentlichen Auszug voraus.
    2. Weniger die physische Kontrolle der Gruppe als vielmehr der noch nicht endgültig zerbrochene Glaube an die Ideale, die zum Eintritt führten bzw. das bisherige Bleiben bedingten, verhindern den Auszug. Die 'Gruppe' ahnt dies und erinnert vor allem immer wieder an diese gemeinsamen Ideale.
    3. Austrittshindernisse:

    4. Auszugswellen, in denen mehrere Mitglieder eine 'Sekte' verlassen, gibt es immer am Ende 'liberaler' Phasen, wenn die Kontrolle wieder zunimmt.


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 206


     

     
     
     

    Macht / Kontrolle / Unterordnung

    Macht kann immer dann am effizientesten ausgeübt werden, wenn die Gruppe aus vereinzelten, isolierten Mitgliedern besteht. Um den Führer sammelt sich, von diesem erwählt, ein enger Kreis Getreuer, die, je länger die Gruppierung besteht, immer stärker aus hundertprozentigen Gläubigen besteht. Beziehungen innerhalb des Führungskreises sind funktional, jeder kämpft gegen jeden um die Anerkennung und Liebe des Führers. Die so häufig unverstandene Verzückung ist ein Verliebtsein, potenziert durch die gegenseitige Konkurrenz. Jede(r) zeigt den anderen und dem Führer, daß er/sie noch hingebungsvoller ist. (Häufig viele Frauen, da die Führer meist Männer sind.)

    Außerhalb dieses Führungskreises ist der Kontakt des Führers zu den anderen, ebenso vereinzelten, isolierten Mitgliedern selten und findet dann meist nur in Form von Großveranstaltungen statt. Die Mitglieder des Führungszirkels und der Führer entwickeln sich wie eine symbiotische Einheit. Zweifler werden in einem jahrelangen Prozeß hinausgedrängt, kompromittiert oder unterdrückt. Je stärker die Unterordnung der Verbliebenen, desto größer das Potential des Machtmißbrauchs. Unterordnung und Macht entwickeln sich gegenseitig steigernd, es ist eine Unheilsspirale des Gehorsams. Im Vordergrund steht dabei nicht das hierarchische Verhältnis, sondern ein außerhalb gelegenes Ziel oder Ideal, dem sich alle Beteiligten unterworfen glauben. Alle Betroffenen 'opfern' sich, Macht wie Unterordnung wird immer wieder als notwendige Belastung erlebt.

    Erst wenn das Ideal fundamental erschüttert ist, kann die Abhängigkeit aller von der Irridee erkannt werden. Es ist letztlich eine ureigenste Eigenschaft des Menschen, die Fähigkeit, sein Leben einer Idee, einem Ideal, besser einem individuell oder kollektiv erzeugten Hirngespinst zu opfern.
     
     
     

    Der Führer und seine Macht:
    1. Die Ideale der 'Sekte' sind auch höchste Ideale des Führers. Die Ausübung der Macht wird häufig als Pflicht empfunden, um den Bestand der Gemeinschaft und damit das lebendige Überleben der Ideale zu sichern.
    2. Mögliche Folgen von Entscheidungen werden nicht diskutiert oder analysiert, vorherrschend ist ein unreflektiertes 'Versuch-Irrtum'-Vorgehen.
    3. Die Charakterstruktur des Führers ist überwiegend von Eitelkeit und
    Geltungssucht geprägt. Er sieht sich selbst als Verkörperung der Ideale und läßt sich verehren.
    4. Paradoxerweise leidet der Führer häufig unter der kritiklosen Bejubelung, die er selbst erzeugt hat. Die permanente Situation des Gebensollens er schöpft den Führer, er braucht immer mehr Bewunderung (häufig auch Drogen), um weitermachen zu können. Das Gefühl auszubrennen wird stärker, der Führer quält die ihn umgebenden Anhänger immer mehr.

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 207

    5. Kritische Selbstreflexion und Reflexion über die Entwicklung der Gruppierung ist nur minimal vorhanden.
    6. Die Macht der Gruppenöffentlichkeit ist der wichtigste Verstärker der Macht des Führers. Die Macht des Führers ensteht aus der erlebten Ohnmacht oder Katharsis des einzelnen gegenüber der -vom Führer gesteuerten - Gemeinschaft.
    7. Da der Führer die Lehre verkörpert, ist Ratio, Analyse, Kritik, Widerspruch, Diskussion etc. geächtet. Dies führt zu einer immer stärkeren Parallelität des Denkens, welches von den Mitgliedern aus Mangel an Anregungen nicht als wesensfremd erlebt wird.
    8. Da der Führer die Lehre verkörpert, gibt es keine Wahrheit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit etc. ohne den Führer. Die Werte sind nicht beständig, der Führer schafft diese jeden Tag neu.
    9. Der Führer ist wenigstens in der Gründungsphase kein menschliches Ungeheuer, sondern ein Mensch mit - im Weberschen Sinn - 'charismatischen' Zügen. Das Charisma verliert sich meist im Verlauf der totalitären Abgeschlossenheit, die Gemeinschaft unterliegt einer gefährlichen Eigendynamik, mit zunehmenden Optionen für Machtmißbrauch. Männliche Macht ist häufig mit sexuellem Mißbrauch verknüpft.
    10. Die Macht und ihr Mißbrauch sind nicht geplant, sondern - schlimmer - das schleichend-chaotische Ergebnis der Charakterstruktur des Führers.
     
     

    Die Unterordnung der Geführten:
    1. Die Isolation der 'Sekten'-Mitglieder ist die Grundlage der Macht. Der Kampf aller gegen alle ist nicht Selbstzweck, sondern das positiv empfundene Ringen jedes einzelnen um das Erreichen der Ideale. Die soziale Anerkennung der Gemeinschaft, vermittelt und gesteuert durch den Führer, wird zum Maßstab.
    2. Die Beziehungen bestehen - sternförmig - zwischen den einzelnen und dem Führer bzw. seinen Stellvertretern, Koalitionen sind unmöglich.
    3. Da die 'Sekte' die Ideale und Ziele verkörpert, wird die Machtausübung bzw. Kontrolle nicht als Unterordnung unter Personen erlebt, sondern als notwendige Anpassung an das gewünschte Ideal bzw. als positiver Lernprozeß auf dem Weg zum 'neuen Menschen'.
    4. Immer wieder entstehen Situationen, in welchen die Unterordnung zum Kompromiß wird. Ereignisse, die zu starken Zweifeln führen bzw. ein Verlassen der Gruppierung bewirken würden, werden den höchsten Idealen untergeordnet. Auf diesem imaginären Weg des Selbstverrates ist es sehr schwer, hinter die einmal eingegangenen Kompromisse zurückzugehen. Eher wird ein weiterer Kompromiß eingegangen, als die vielen vergangenen Irrtümer einzugestehen.
    5. Die häufig genannte Hyperaktivität in 'Sekten', der durchgeplante Tagesablauf ist Teil des Strebens um immer mehr Anerkennung der Gemeinschaft.



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 208

    6. Die Unterordnung in der 'Sekte' vollzieht sich weniger durch 'Gehirnwäsche' oder 'Psychomutation', sondern mehr durch Imitation von Verhalten, welches der Erreichung von Idealen dienen soll. Der/die Imitierten werden als Menschen, die dem Ziel näher sind, gesehen.
    7. Das ursprünglichste und vielleicht stärkste Imitationsverhältnis ist die Beziehung Kind-Eltern. Die Infantilisierung wird vom 'Sektenmitglied' als Garantie erlebt, daß es auf dem richtigen Weg ist. Der Führer und seine Vertreter sind damit keine totalitären Herrscher, sondern strafend/liebende Überväter, die strafen/lieben, um den richtigen Weg zu weisen.
    8. Infantilisierung und kindliches Verhalten ermöglichen ein stärkeres positives Gemeinschaftserlebnis, die 'Sekte' wird als Familie empfunden. Dadurch ist der totale Gehorsam legitim und richtig.
     
     
     

    Die Kontrolle:
    1. Die Kontrolle besteht auf drei Ebenen, als Selbstkontrolle bzw. Schuldgefühle, als gegenseitige Kontrolle der einzelnen, als zentrale Kontrolle von oben.
    2. Die zentrale Kontrolle wird dann stärker, wenn der Glaube an die Ideale -r Schuldgefühle bzw. gegenseitige Kontrolle - schwächer wird, Zweifel entstehen, sich Koalitionen bilden, d.h., wenn die Unterordnung nachläßt.
     
     
     
     

    Was ging schief? Verlorene Jahre? - Ein persönliches Resümee

    Zumindest zeitweise war die intellektuelle Auseinandersetzung in der Kommune mit anderen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften bzw. Stämmen intensiv. Vergleiche wurden gezogen, auch wenn Mühl immer der Meinung war, daß 'sein' Experiment unvergleichlich sei. Wir fühlten uns in diesem Rahmen nicht als Fremdkörper, denn die für westliche Gesellschaften typische 'Forscher- und Pionierethik' wurde lediglich auf einen neuen Bereich ausgedehnt. Das Zusammenleben als Abenteuer, die eigene Psyche als 'terra incognita', wir hatten uns auf ein Experiment eingelassen, das wußten wir. Kritiker erschienen als antiquierte Zauderer und Schwarzmaler auf dem Weg in die neue, glücklichere Gesellschaft. Das 'Neue' war doch immer eine Sache der Minderheiten gewesen, während die Mehrheit ablehnend verharrte. Eine Gruppenlogik, die viele von außen kommende Einflüsse be-, wenn nicht verhinderte.

    In meiner Diplomarbeit, geschrieben im ersten Halbjahr 1983, etwa eineinhalb Jahre vor meinem Auszug, beschäftigte ich mich intensiv mit historischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, insbesondere dem Kibbutz. In meiner damaligen Betrachtung folgerte ich, daß eine Lebensgemeinschaft immer im Rahmen der umgebenden Gesellschaft agieren müsse, wenn sie Bestand haben will. Gerade dies war im Kibbutz gegeben. Ohne



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 209

    die Kibbutzim ist die Entstehung und Besiedelung Israels kaum vorstellbar. Auch in der Anfangsphase der Kibbutzim - Phase der inneren Strukturierung 1910-1927 -gab es ideologische Entwicklungen und starke Differenzen mit den finanziell fördernden zionistischen Vereinigungen. An der Ideologie litten viele Menschen wenigstens ebenso wie an den materiellen Schwierigkeiten. Mit dem Zusammenschluß in Kibbutzverbänden ab 1924 waren übergeordnete Instanzen errichtet, die allzu 'charismatische' Entwicklungen in den einzelnen Kibbutzim verhinderten. Auch war in den Kibbutzim die Fähigkeit groß, zugunsten politischer Notwendigkeiten auf ideologische Starre zu verzichten. Immer wieder wurden ideologische Normen zugunsten einer Anpassung an das zionistische Ideal der Besiedelung Israels durchbrochen. Gesellschaft und Kibbutzbewegung trafen sich stets in praktischen Kompromissen. Dieses' Aufeinander-angewiesen-sein' zwischen Lebensgemeinschaft und Gesellschaft fehlte bei unserem Kommuneversuch ebenso wie ein übergeordneter Verband, der Mühls autoritäre Ambitionen behindert hätte.

    Ein weiterer Grund unseres Scheiterns ist die Tradition des Leidens, die eine wesentliche Grundlage unserer westlichen Kultur zu sein scheint. Wir suchen viel zu sehr unsere Erfüllung nicht im Heute, sondern im Morgen. Wir glauben, mit dem Leid von heute das Glück von morgen erkaufen zu können. Der Soziologe Ziegler meint dazu:
     

    Und so warteten auch wir auf die Erfüllung morgen. (Interessant ist die Fortsetzung dieser Leidenstradition bei den so atheistischen Kommunisten.)

    Ein weiterer Grund unseres Scheiterns liegt in dem grundlegenden Irrtum, daß ein Mensch das Ziel unserer individuellen Entwicklungsbestrebungen sein könne. Dies führte über die Jahre hinweg zu einer Quasi-Vergötte-rung, wie ich sie doch vor der Kommune verachtet hatte. 'Starkult', Politiker, Wirtschaftsbosse, Papst... alles lächerlich, wenn nicht korrupt und bekämpfenswert. Aber den scheinbaren Anarchisten, den von der Gesellschaft geächteten Bürgerschreck, den konnte ich als idealen 'neuen Menschen' annehmen. Merkwürdig? Die Sehnsucht nach einer stabilen Gemeinschaft ließ alle Zweifel verstummen. Es ist merkwürdig, wir haben im Laufe unserer europäischen Geschichte ein mehr an individueller Freiheit gewonnen, der Preis ist die kollektive Identität einer solidarischen Gemeinschaft. Wir konnten nicht davon lassen und mußten nur erneut festeilen, wie schwer

     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 210

    es ist, das einmal Verlorene wiederzugewinnen. Wir haben gerade in der jüngsten Geschichte immer mehr Freiheit gewonnen, aber es ist schwer, diese Freiheit zu bewältigen. Die folgenden Sätze von Simon Wiesenthal empfinde ich in diesem Zusammenhang als bemerkenswert:
     

    Rückblickend meine ich: Der ideologische Glaube, die starke Sehnsucht nach einer solidarischen Gemeinschaft, war wenigstens teilweise der starke Zweifel an mir selbst, das geringe Vertrauen auf mein Fühlen und Denken. Verbunden mit dem Irrtum, irgendetwas in der Zukunft durch heutiges Leiden bzw. Leidensbereitschaft 'erkaufen' zu können, war der Weg in die immer weitergehende Unterordnung geebnet. Trotz - oder wegen? - aller Irrtümer, über einen Teil meiner Persönlichkeit habe ich in all den Jahren viel gelernt. Doch weniger von Müh], dazu fehlte der ständige direkte Kontakt und auch mein Bedürfnis dazu; durch das enge Zusammenleben lernten wir viel voneinander.

    Den größten Lerneffekt sehe ich darin, daß ich mich seit 1981 immer bewußter mit Mühl, seiner Ideologie und seinen Gruppenleiterinnen, mit deren Macht und meiner Unterordnung von Zweifeln/Gefühlen konfrontierte. Erst dadurch habe ich gelernt, mir, meinen Gedanken und meinen Gefühlen zu vertrauen, meinen Zweifeln nachzugehen, anstatt das tägliche Leiden für zukünftige Ideale zu ertragen. Freie Meinungsäußerung, Widerspruch, Kritik sind mir wichtiger geworden als vorschnelle Kompromisse und Anpassung. Unterwerfung, Kontrolle, Machtausübung, Autorität durch hierarchische 'Ordnung' verabscheue ich heute richtiggehend körperlich. Ich habe aus meiner Zeit ih der Kommune gelernt, Gehorsam in Hierarchien abzulehnen. Wer zu viel gehorcht, wird dumm oder bleibt dumm, wird denkfaul und ertrinkt in Unterwürfigkeit. 'Macht korrumpiert, und totale Macht korrumpiert total.' Dieser Satz gilt nicht nur für diejenigen, die Macht ausüben, sondern vor allem für alle diejenigen, die gehorchen. Auch wenn wir die, welche ihre Macht mißbrauchen, mehr ächten als diejenigen, die sich hinter ihrem Gehorsam verschanzen, Verachtung haben gerade die Gehorchenden verdient, denn sie waren immer in der Mehrzahl und haben nichts unternommen.

    Solche Ansichten sind in einer Zeit, in einer Welt, die hierarchisches Verhalten - Demut und Dominanzgebärden - nur selten als ein grundlegendes Problem thematisiert, meist schwierig und führen zu ebensolchen Konflikten, wie ich sie in der Kommune so häufig erlebte. Aber nur da, wo freie Räume sind, kann Persönlichkeit entstehen; wo Zwang und Unterordnung herrschen, werden Führer und Geführte geboren. 'Gehorsam' als Prinzip

     

    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 211

    macht immer einen oder mehrere Menschen zum 'Werkzeug' eines anderen. (Selbst-)Erniedrigung und Überhöhung sind die zwei Seiten des 'Prinzips Gehorsam', sie berauben den Menschen dessen, was ihn zu einem solchen macht: seiner Würde. Es ist wie eine Seuche, wer einmal seine Würde, innere Überzeugung, Werte etc. entgegen seinem instinktiven Ahnen verraten hat, kann sich nur schwer dagegen wehren, es immer wieder zu tun und schlimmer: Die Neigung, anderen dieselbe Erniedrigung, die man selbst erlitt bzw. immer noch täglich erleiden muß, zuzufügen, wird zum beherrschenden Zwang. So beruhen totalitäre Systeme immer auch auf dem totalitären (Alltags-)Handeln der vielen, der Einbildung der vielen, mit ihren Zweifeln alleine zu sein. Der Totalitarismus, Fanatismus, Fundamentalismus etc. nährt seine Stabilität im wesentlichen aus drei Quellen: dem strafend/liebenden obersten Richter, der gegenseitigen Kontrolle und vor allem den Schuldgefühlen der niemals ihr Ziel erreichen könnenden radikalen Idealisten. Gerade weil niemand im totalitären, fanatischen oder anderen Glaubenssystem auch nur annähernd die Chance hat, den Idealen zu genügen, werden Zweifler und neue Adepten angesichts der unerreichbaren Ansprüche über die Maßen gedemütigt. Totalitäre Menschen kennen keine Minderheiten, nur eine Mehrheit. Gerade deshalb benötigt die demokratische Gesellschaft viele Minderheiten, die bewußt Gegensätze formulieren und sich mit ihren Überzeugungen öffnen, um nicht zu erstarren. Und: die Minderheiten brauchen eine offene Gesellschaft, die abweichende Meinungen nicht nur duldet, sondern herausfordert und fördert. Am Ende bleibt eine für mich wichtige Aufforderung von Simon Wiesenthal:
     

    Für jemand, der nie einen totalitären Alltag kennen lernte, mag es pathetisch klingen: Ich empfinde ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit gegenüber all den Menschen, die dafür gekämpft haben, daß Menschenrechte und demokratische Gleichberechtigung in unserem Teil der Welt heute teilweise verwirklicht und öffentlich als Ideal anerkannt sind.
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 212


     

     
     
     
     

    Deutschland
    AGPF e.V. (Aktion für geistige und psychische Freiheit)
    Graurheindorferstraße 15, BRD-5300 Bonn
    Tel. (060) 0228 - 63 15 47
     

    Österreich
    Verein zur Wahrung der geistigen Freiheit -
    Gesamtösterreichische Elterninitiative
    Obere Augartenstraße 26-28, A-1020 Wien
    Tel. (0043) 0222 - 337 537
     

    Schweiz
    SADK (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft gegen destruktive Kulte)
    Ruppen, CH-9450 Altstätten
    Tel.(0041)0717-56107
    212
     



     Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 213


     

    Quellennachweis
    Beim Schreiben dieser Arbeit wurde folgendes Quellenmaterial verwendet:

    1. Publikationen des AA-Verlages 1974-1978
    a. AA-Nachrichten [AAN]
    Ab Sommer 1974 bis Frühjahr 1978 wurden im Eigenverlag der AAO jährlich vier bis sieben Hefte der "AA-Nachrichten" (insgesamt 21) bzw. drei Nummern der "Frauen-Forderung" herausgegeben. Im Text zitiert z.B. als [AAN77/2, S.10]. Die zwei Ziffern nach den Buchstaben zeigen das Jahr, die Nummer nach dem Schrägstrich die Zeitungsnummer.
    b. Bücher
    [AAM76]: "Das AA-Modell" 1976 (verschiedene Autoren)
    [ANX77]: Christian Anxionnaz: "Mehr als eine Therapie" 1977 (wesentlicher
    Ko-Autor Otto Mühl)
    [OM77]: Otto Mühl: "Weg aus dem Sumpf" 1977
    [PC77]: "AAO Pro und Contra" 1977 (verschiedene Autoren)

    2. AA-Intern 1977-1979 [AAI]
    Von 1977 bis zum Frühjahr 1979 erschienen in kleiner Auflage die nicht für die Öffentlichkeit bestimmten "AA-Intern". Mir standen die Jahrgänge 1978/79 zur Verfügung. Dieselbe Zitierweise wie bei den AA-Nachrichten.

    3. Friedrichshof-Dokumentation 1979-1986 ("Doku")
    Ab 1978 wurden zunächst die Selbstdarstellungsabende, ab 1981 auch die meisten anderen Auftritte Mühls per Tonband oder Videokassette aufgezeichnet und anschließend schriftlich dokumentiert. Ab 1983/84 hing in jedem Zimmer von Mühl ein Mikrofon, selbst über seinem Bett und auf der Toilette. Die Friedrichshof-Dokumentation, im internen Sprachgebrauch mit "Doku" abgekürzt, umfaßt heute einige Zigtausend - wenn nicht hunderttausend - Seiten. Bis 1982 wurde recht unverblümt jedes Wort von den Tonbändern abgetippt und mit der entsprechenden Abkürzung versehen. Nachdem Anfang 1983 einige Seiten "Doku" an die Öffentlichkeit gelangten, wurde von Jahr zu Jahr schärfer zensiert. Seitdem 1986 ein Kommunarde systematisch "Doku" beiseite schaffte, um bei seinem "Auszug einen ordentlichen Skandal zu produzieren" [N], dann jedoch blieb und sein 'Vergehen' beichtete, wurde an die Stadtgruppen nur noch Belangloses verteilt. Beim Tippen am Computer wurde die "Doku" zensiert. Die geschönte Version ging an die Stadtgruppen, die unzensierte Version wurde als "Intern" an die Führungsclique am Friedrichshof verteilt. Etwa 10.000 Din A4 Seiten "Doku" von 1979 bis einschließlich 1986 wurden von mir ausgewertet. Die Punkte vertreten das jeweilige Datum. [G ...] Gespräch in der 1. BAG (BewußtseinsArbeitsGruppe) [NE ...] Novellen & Erzählungen (ebenfalls Gespräche l.BAG) [M ...] Mittagessen [S ...] Schulstunde bei Otto Mühl [TB ...] Tagebuch Otto Mühl [AGL ...] Arbeitsgruppenleitertreffen [SDA...] Selbstdarstellungsabend

     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 214


     
    4. Sonstige Veröffentlichungen der Kommune
    Kursprogramme Friedrichshof 1978-1983 Programmzeitschrift Kikeriki von 1982/1983 "10 Tage Friedrichshof" 1982 Beuys am Friedrichshof 1983
    [Blec82] M.Blechschmidt/A.Pfister: Kommune, Frauenrolle & Utopie. Freiburg im Breisgau 1982
    [Duhm78] Duhm, D.: Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung -ZEGG. Konzept eines ökologischen Dorfes als Forschungs- und Bildungszentrum. Lampertheim 1978 - Satzung der Genossenschaft Gemeinschaftsbau 1981 - Ausstellungskatalog: Von der Aktionsmalerei zum Aktionismus 1988

    5. Interviews, Gespräche, Eidesstattliche Erklärungen ehemaliger Mitglieder 1987-1991
    Aus Gründen des Informantenschutzes werden lediglich Buchstabenkürzel - z.B. [HL] - angegeben!
    Allgemein wurde versucht, den sprachlichen Stil der Interviewpartner zu bewahren. Auffällig ist die Ironie, ja teilweise der bittere Zynismus, der wohl auf der späteren Erkenntnis beruht, daß der damalige Glaube ein Irrläufer war. Vor allem langjährige KommunardInnen, die seit Mitte der 80er Jahre die Gruppe verließen, äußerten häufig, daß "ihnen Jahre ihres Lebens verlorengegangen seien".
    a. Interviews
    Elf KommunardInnen wurden von mir 1988/89 interviewt. Weitere sechs Ehemalige wurden im Zuge der Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm Februar/März 1991 interviewt. Die Tonbandaufzeichnungen bzw. die gefilmten Interviews sind in die Kapitel eingearbeitet und z.B. mit [S] gekennzeichnet.
    b. Gespräche
    Mit fast 150 ehemaligen Gruppenmitgliedern habe ich zwischen 1987 und 1991 Gespräche geführt. Wichtige Neuigkeiten, Erkenntnisse und Erfahrungen notierte ich anschließend an die Gespräche. Nur ganz selten sind diese Gesprächsnotizen wörtlich zitiert.
    c. Eidesstattliche Erklärungen
    Für den Stern-Artikel im Frühjahr 1988 organisierte ich ein Treffen von sieben Ex-KommunardInnen in Hamburg. Die dort geführten Gespräche wurden aufgezeichnet und getippt. Diese Tonbandprotokolle wurden ebenfalls verwendet. Im Text sind diese mit den vorgestellten Buchstaben EE - z.B. [EE WE] - kenntlich gemacht.
     

    6. Zeuglnnenaussagen/Anklageschrift
    Für den am 13./14. November 1991 durchgeführten Prozeß gegen Otto Mühl wurden fast 70 Zeuginnen vernommen. Zitate aus den Aussagen sind mit einem vorangestellten [Z ...], Zitate aus der Anklageschrift mit [AS] gekennzeichnet. Aussagen jugendlicher Zeugen sind mit einem vorangestellten [J...] verschlüsselt.
     

    7. Diverse Originaltonbänder und Videokassetten.
    Aktionsfilme 1966-1972 (im Besitz von K.H. Hein - München)
    'Kirschen in Papas Garten': Film der AA-Kommune 1974
    Einige Tonbänder und Videos von 1984-1987 wurden ergänzend verwendet und
    eingearbeitet.

     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 215


     

    8. Sonstiges Material
    [Brief Susi 1973] Brief Mühls an eine Freundin 1973
    [CD82] Anfrage der CDU-Fraktion am 19. Mai 1982 im Bremer Senat bezüglich der Kulturwerkstatt Bremen.
    [HASC82] Wirtschaftliche und soziale Aspekte der Organisation des privaten Haushalts in der Form des Großhaushaltes. Diplomarbeit an der Universität München 1982
    [OM73] Otto Mühl: Die Entstehung der Kommune 1973 (Unveröffentlichtes
    Kommunetagebuch)
    [OMBR] Briefe an Erika 1961/62
    [OMTB] Tagebücher 1943 - Juni 1953
    [ST88] Anfrage der ÖVP-Fraktion 1988 im Österreichischen Parlament [WIAK]
    Aktionsentwürfe etc. 1964-1969
    [ZOCK] Otto Mühl: ZOCK - aspekte einer totalrevolution 1966-1971
     

    9. Presseberichte

    1975 1976 1977 1981
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 216


      1982  

    1985

    1987  

    1988

     
    1989
     


    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 217


      1990  
    1991  
     

    10. Filme

    Panorama (ORF 1) 13.11.75: Die Mühl-Kommune.
    Ohne Maulkorb (ORF 1) Sommer 76: Die AA-Kommune.
    ORF 1 Frühjahr 77: Urlaub vom ich.
    NDR 14.12.81: Im Gespräch.
    ORF 9.7.88: Mittagsjournal.
    Spektrum (ORF 2) 30.3.89: Eine reale Utopie des Otto Mühl.
    ARD (Kulturweltspiegel) 28.5.89: Die Kommune des Otto Mühl.
    Satl (Stern-TV) 20.3.91: König Ottos Glück und Ende.
    RTL (Kanal 4) 8.5.91: Ottos letzte Nummer.

     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 218


     

     
     

    Literaturverzeichnis

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    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 219

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    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 220


     

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    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 221


     

     
     

    Der Autor

    Andreas Schlothauer war von 1976 bis 1985 AA-Kommunemitglied. Er war mit anderen Ex-Kommunarden ab 1988 wesentlich daran beteiligt, daß das Experiment "Friedrichshof" 1990/91 entgültig beendet wurde und Mühl sich gerichtlich verantworten mußte.

     



    Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität, 1992, Seite 222

    Buchrückseite:

    Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik

    Für die einen war es ein bedeutendes "sozial utopisch es Experiment", für die anderen ein "Psycho-KZ", ein "Arbeitslager", ein "faschistisches System*. Tatsache ist, daß der linksatternative Kommuneversuch der 70er Jahre mehr und mehr in ein totalitäres System gegenseitiger Bespitzelung führte und in sexuellem Mißbrauch Minderjähriger, Vergewaltigung, erzwungener Abtreibung, Kindesmißhandlung endete.

    Andreas Schlothauer war selbst langjähriges Kommunemitglied und maßgeblich daran beteiligt, daß das "Jahrtausendexperiment" am Friedrichshof 1991 beendet wurde. Seine Sichtweise ist erweitert durch reichhaltiges dokumentarisches Material aus dem Innenleben der Kommune.
     
     
     
     



     

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