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Satanismus
 Ritualverbrechen ("rituelle Gewalt", "ritueller Missbrauch") als organisierte satanische Schwerstkriminalität ist nicht nachweisbar.
 
 
 
 
Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch:


In anderen Websites: 

 
 

 
Behörde für Inneres - Landesjugendbehörde der Stadt Hamburg:    
Brennpunkt Esoterik:     
Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus   
Autoren: Prof. Dr. Hartmut Zinser, Ingolf Christiansen, Dr. Rainer Fromm.    
Ausgabe 2006, 236 Seiten     
Download als PDF-Datei, 852 KB    
In der AGPF-Website: http://www.AGPF.de/Brennpunkt-Esoterik-HH2006.pdf    
und aus der Website der Stadt Hamburg HIER    
Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Inneres Arbeitsgruppe Scientology    
Admiralitätsstrasse 54 - 20459 Hamburg    
Tel.: 040 / 428 86 6444 - Fax.: 040 / 428 86 6445    
E-Mail: fhhags@t-online.de    
www.arbeitsgruppe-scientology.de    
 
 
 
 

Zu unterscheiden:

 
 

Organisierte satanische Ritualverbrechen?

Es geht hier nicht um Kriminalität von Satanisten.
Die gibt es, auch in schwerster Form, die der Fall Ruda (>>) zeigt, der "Satansmord von Witten".
Es geht hier auch nicht um organisierten Satanismus.
Selbstverständlich gibt es Satanismus-Organisationen.

Es geht hier vielmehr um organisierte Schwerstkriminalität wie Mord, Kindstötung, Kannibalismus, meist mit sexuellen Aspekten, üblicherweise als "rituelle Gewalt" oder "ritueller Missbrauch" bezeichnet.
Bisher konnte jedoch kein einziges solches Ritualverbrechen festgestellt oder gar aufgeklärt werden. Die Erklärung dafür geistert nicht nur durch die Kriminalfilme: "Bis in höchste Kreise", so heisst es, reiche der Arm des organisierten Satanismus. Eben diese "höchsten Kreise" würden die Ermittlungen verhindern oder sabotieren.
Beweise dafür gibt es nicht.

Die Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" des Bundestages hat sich in ihrem Bericht von 1998 - http://www.agpf.de/Bundestag-Enquete-Bericht-1998.pdf - umfangreich mit dem Thema befasst (zum Beispiel in 5.2.6 Exkurs: Ritueller Missbrauch von Kindern - ein okkult-satanistisches Phänomen? Seite 94, Buch S. 184) und spricht von einer "unabgesicherten Erkenntnislage" (S. 96, Buch S. 186). "Die Befragung der Landeskriminalämter ergibt somit, dass zu den berichteten Vorfällen kaum Erkenntnisse vorliegen und dass Ermittlungen in entsprechenden Verdachtsfällen bislang keinen hinreichenden Tatverdacht zu begründen vermögen. Allerdings geht die NRW-Sonderauswertung von der Existenz derartiger Gruppen aus und weist auf die Vorläufigkeit der Erkenntnislage hin". (S. 97. Buch S. 189). Zu dieser Sonderauswertung des LKA NRW wird angemerkt, "Hinweise auf einzelne schwerwiegende Straftaten hätten nicht verifiziert werden können." (S. 47, Buch S. 88).

Die Kommission schliesst zusammenfassend ab: "Insbesondere gilt es, die Phänomene des 'rituellen Missbrauchs' weiter zu erhellen." (S. 98, Buch S. 191). Bei der zuvor geschilderten Faktenlage war mit "erhellen" in erster Linie gemeint, dass aufzuklären ist, ob es organiserten rituellen Missbrauch überhaupt gibt und ob ritueller Missbrauch in nichtorganisierten Einzelfällen auch tatsächlich beweisbar ist. Zitiert wird dieser Satz allerdings meist mit der Aufforderung an den Staat, Fortbildungen und Studien zu diesem Thema in Auftrag zu geben oder zu finanzieren (so Claudia Igney im "Handbuch rituelle Gewalt" 2010 (>>), Seite 26).
 

Drei Bücher befassen sich speziell mit diesem Thema:

 

Auch einige Presseberichte haben die Fakten geprüft und nichts gefunden. Beispiele:

 
 
 

Satanismus und Multiple Persönlichkeiten

Über Satanistische Ritualverbrechen wurde insbesondere berichtet, nachdem diese als angebliche Ursache für ein angebliches Krankheitsbild bezeichnet wurden, nämlich die "Multiple Persönlichkeit", eine Art vielfacher Persönlichkeitsspaltung.
Ursache dieses Krankheitsbildes ist angeblich Gewalt im Kindesalter.
Herausgefunden wurde diese angebliche Gewalteinwirkung von Psychotherapeuten mit Mitteln der Psychotherapie.
Inhaltlich ging es in der Mehrzahl der Fälle nicht um Beweise für den angeblichen rituellen Missbrauch.
Sondern um die Erinnerung der Opfer.
Dabei geht es dann auch zwangsläufig um die Glaubwürdigkeit und Glaubhaftigkeit der Zeugen und ihrer Ausssagen, vgl. Wikipedia 
 
 
Die US-amerikanische Medizinhistorikerin Elaine Showalter schrieb 1997 in ihrem Buch "Hystorien - Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien":
    "Rosemaries Babys: Der satanistische Ritualmissbrauch 
    Den Therapeuten, die sich in Chicago 1986 auf der Internationalen Konferenz zur Multiplen Persönlichkeit/Dissoziation versammelt hatten, fiel eine überraschende Entwicklung auf: Ungefähr 25 Prozent ihrer Patienten hatten Erinnerungen an Folter und Mißbrauch in geheimen Satanistensekten beschrieben. Aber statt sich über diese Geschichten zu beunruhigen, integrierten viele Therapeuten den »Satanistischen Ritualmißbrauch« (Satanic Ritual Abuse, SRA) in ihr theoretisches und psychologisches Repertoire. Auf der besagten Konferenz wurde ein Vortrag über Satanistischen Ritualmißbrauch gehalten; ein Jahr darauf waren es schon elf."
 
 

 
Umfragen bei Psychotherapeuten 

Der SWR berichtete am 30.10.2008 in TV und Radio über eine Studie, die angeblich rituelle Gewalt belege oder gar beweise. Das ist nicht der Fall. Es handelte sich lediglich um eine Datenerhebung durch Umfrage,  http://www.bistummuenster.de/downloads/Seelsorge/2008/207_Datenerhebung_rituelle_Gewalt.pdf   
Es wurden Psychotherapeuten per Fragebogen nach Äusserungen ihrer Patienten zu ritueller Gewalt befragt. Ausserdem wurde gefragt, ob die Therapeuten "die geschilderten Vorgänge durch den Patienten/die Patientin im großen und ganzen für glaubwürdig (oder) eher unglaubwürdig" halten. 97% hielten die Erzählungen der Patienten für glaubwürdig. Das mag etwas über die Leichtgläubigkeit der befragten Psychoptherapauten aussagen. Über den Tatsachengehalt der Schilderungen sagt das nichts. Im TV-Bericht berichtete eine unkenntlich gemachte "Marianne" über angebliche Erlebnisse aus ihrer Kindheit vor über 20 Jahren: "Ich habe klare Erinnerungen an Vergewaltigungen durch meinen Vater, durch Verwandte. Ich habe klare Erinnerungen daran, seit meinen 4. Lebensjahr vermietet worden zu sein, an Dritte, Aussenstehende, die ich nicht kenne. Das steigerte sich ... Und schliesslich kamen Erinnerungen an rituelle Gewalttaten, nachts in Wäldern ... grausame Rituale, bei denen das Fleisch von Neugeborenen gegessen wurde ...". Der Sprecher über die Studie: "Ergebnis:  Die Fälle von 63 Menschen in Rheinland-Pfalz sind dokumentiert, Menschen, die als glaubwürdig eingestuft wurden und berichten, als Opfer an solchen Ritualen teilgenommen zu haben". Dokumentiert? Genau das gibt die Studie eben nicht her. Eine der Autorinnen der Studie, eine Ärztin berichtet, es gehe um Macht, Geld und Sadismus. Sie kenne Schilderungen der Ermordung von Neugeborenen, Kindern und Erwachsenen. Über die Motive fabuliert sie, es gehe um "energetischen Zugewinn", der Beischlaf mit einem Kind stärke die Energie des Täters. Todesnähe und Folter würden "ein Individuum dazu bringen, sich aufzuspalten". Offenbar ist sie eine der Therapeuten, die "Multiple" diagnostizieren und behandeln. Die Betroffene Marianne spricht jetzt als Expertin: "In diesem Kreisen werden Kinder programmiert, das heisst unter Hypnose wird ihnen erklärt, was sie zu denken haben und was sie zu tun haben ... und dass sie sich nicht erinnern dürfen, dass sie nie darüber sprechen dürfen. Kinder aus einem solchen Umfeld erleben eine solche unaussprechliche Gewalt in diesen Ritualen, dass sie genau wissen, wenn sie darüber reden, dass es ihr Leben kosten kann."   
Der Sprecher berichtet, Polizei und Landeskriminalamt hätten keinerlei Hinweis auf "derlei Straftaten". Der Kriminologe Professor Dirk Fabricius wird befragt. Der verweist auf fehlende Anzeigebereitschaft im "Nahraum", also bei Familie und Bekannten. Auf Nachfrage der AGPF teilt er per E-Mail vom 12.1.2009 mit: "Ich habe dem Interviewer ausdrücklich gesagt, dass ich über diese Fälle nichts wisse, aber generell zur Anzeigebereitschaft besonders im Nahraum etwas sagen könnte". Der Film erweckt allerdings den Eindruck, dass Fabricius sich zu ritueller Gewalt gäussert hat.  
Laut Studie haben die meisten Opfer noch Kontakt zu den Tätern. Die Mainzer Staatsanwaltschaft will jetzt ermitteln, wird berichtet. Ein Oberstaatsanwalt: Das LKA habe keine unaufgeklärten Fälle gefunden. "Wir sind angewiesen auf Angaben der Beteiligten, der beiden Ärztinnen, Psychologinnen, sonst kommen wir in der Sache mit Sicherheit nicht weiter".  Abschliessend lässt der Moderator eine laut Einblendung "Traumaforscherin und Psychotherapeutin" zu Worte kommen, die Betroffenen empfiehlt, sich an "Sektenberatungsstellen, die damit Erfahrung haben" zu wenden. Im Übrigen müsse es eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Polizei und Juristen geben und "von politischer Seite eine Unterstützung, um diesem Phänomen ritueller Gewalt Grenzen zu setzen und eine Aufklärung zu erreichen und Massnahmen zu ergreifen, das kann eine therapeutische Initiative allein gar nicht leisten".   

Die meisten Sektenberatungsstellen sind allerdings der Meinung, dass sie nicht beraten können, wenn es keine Fakten gibt. So erklärt sich wohl auch, was die Redakteurin der Radiosendung behauptete. Sie sei "auf die gleiche Mauer des Schweigens gestoßen wie die Opfer ... Die Sektenbeauftragten der Kirchen haben den Tatbestand von Gewalt im Zusammenhang mit Satanismus geleugnet." Das hat sie wohl etwas verkürzt. Jeder weiss, dass Gewalt im Zusammenhang mit Satanismus vorkommt. Aber es gibt bisher keine Beweis für organisierte Satanismus-Schwerstkriminalität wie Mord, Kindstötung und Kannibalismus. Wer von solcher Kriminalität erfährt, sollte umgehend Strafanzeige erstatten.

 
 
 

Erfindungen oder Erinnerungen?

Manche der Erinnerungen sind zweifellos Produkte der Phantasie.
Bei manchen dürfte es sich um induzierte Erinnerungen handeln.
Also künstliche erzeugte Erinnerungen. Diese werden auch als falsche Erinnerungen, false memories, bezeichnet. Die Amerikanerin Elisabeth Loftus warnte frühzeitig, in Deutschland durch einen Artikel in der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" vom Januar 1998: "Falsche Erinnerungen. "Durch Suggestion und Einbildung lassen sich dem Gedächtnis Reminiszenzen von Ereignissen einpflanzen, die nicht so oder überhaupt nie stattgefunden haben. Darum ist bei manchen Aussagen über traumatische Erlebnisse - etwa sexuellen Mißbrauch in früher Kindheit - Skepsis angebracht."

In den USA ging es dabei oft um sexuellen Missbrauch in der Familie. Damit wurden Angehörige als Straftäter bezeichnet. Viele haben sich dagegen mit Prozessen gegen die Therapeuten gewehrt. Auch Patienten haben geklagt. Loftus bericht über solche Fälle.

Felix Kuballa befragte in einem WDR-Film (ARD 28.8.2003  "Multiple Persönlichkeiten - Wahn der Therapeuten?") den Anwalt Christoper Barden, der über "mindestens einige Hundert, wahrscheinlich um die Tausend" solcher Verfahren berichtete, die "praktisch alle ... gegen die Therapeuten entschieden" wurden.
Kuballa hat auch Paul McHugh befragt, Professor an der Johns-Hopkins-Universität, "wohl kein anderer Psychiater hat in den letzten Jahren so viele angeblich Multiple Persönlichkeiten begutachtet wie er".

In den Prozessen ging es um finanzielle Entschädigung. Die höchste zugesprochene Summe lag über 10 Millionen Dollar. Der Spiegel berichtete (16/1994) unter dem Titel "Bürgerkrieg im Innern": "Rund 40 000 Deutsche leiden unter Multipler Persönlichkeitsstörung, einer durch frühkindliche Mißhandlungen verursachten Krankheit, bei der viele Wesen in einem Körper zu leben scheinen." 40.000 war eine Schätzung von Diplompsychologin Michaela Huber, auf die der blumige Spiegel-Artikel sich weitgehend stützt. 1995 veröffentlichte diese ein Buch "Multiple Persönlichkeiten. Überlebende extremer Gewalt. Ein Handbuch". Aber bereits im selben Jahr berichtete der Spiegel (12/95, "Modischer Wahn") über Zweifel: "Psychiater zweifeln am Krankheitsbild der Multiplen Persönlichkeit ­ sie sehen darin eine neue Form der Hysterie". In einem Leserbrief (Spiegel 15/95) beruft Huber sich auf "400 fachwissenschaftlichen Studien" und darauf, dass das Krankheitsbild "bereits seit 1980 als eigenständige Diagnose in das international verwendete 'Diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen' (DSM) aufgenommen wurde". Und: "Als 'Kannregel' habe ich beschrieben, daß es in satanischen Sekten zur Tötung von Embryonen beziehungsweise Säuglingen kommen kann, aber nicht damit suggerieren wollen, daß Kannibalismus in Deutschland verbreitet sei."

1998 berichtete der Spiegel (44/98, "Floras Erzählungen") erneut über die "Multiple Persönlichkeitsstörung", den "Psycho-Hit der frühen Neunziger", um die es still geworden sei: "Jetzt wird bekannt: Die 16 Persönlichkeitsabspaltungen im Paradefall "Sybil", auf den  sich die Psycho-Zunft gern berief, waren die Erfindung einer Therapeutin und einer Autorin",  der Psychoanalytikerin Cornelia Wilbur und der Autorin Flora Schreiber.  25 Jahre später fand der New Yorker Gerichtspsychologe Robert Rieber in seinem Büro im John Jay College of Criminal Justice zwei Tonbänder, die er 1972 von Flora Schreiber erhalten hatte, die damals am John Jay College in Manhattan arbeitete. Die Bänder enthielten überwiegend Protokolle  der Gespräche zwischen Sybil und ihrer Therapeutin. Allerdings auch Unterhaltungen zwischen Therapeutin und Autorin. Er hatte diese damals wegen schlechter Qualität beiseite gelegt und sich erst wegen einer erneuten Expertendiskussion über den Fall Sybil daran erinnert. Aus den Bändern, so berichtete Rieber im August 1998 auf der Jahrestagung des amerikanischen Psychologenverbandes in San Francisco, ergebe sich eindeutig, dass der "Fall Sybil"  in Wahrheit ein "hinterlistig eingefädeltes Betrugsmanöver", eine "betrügerische Konstruktion" gewesen sei. Die Therapeutin habe psychologische Beeinflussungsmethoden angewandt, aber auch Medikamente. Sie habe ihrer Patientin alle Details suggeriert.
Der Spiegel: "Ein rätselhaftes Krankheitsbild, Sex, Gewalt und Missbrauch, verwoben in ein psychologisches Gebabbel, so hatten es sich Flora Schreiber und Cornelia Wilbur zurechtgelegt, würde ihnen Ruhm, Anerkennung und viel Geld einbringen. Die Rechnung ging auf."

Zunächst waren es nur Eltern im Rentneralter, die bei der AGPF anfragten.
Eine Tochter (deutlich oberhalb der 30) behauptete und verbreitete, ihr Vater habe sie als Kind missbraucht. Ihre Mutter habe das gewusst und geduldet. Auf die Frage, warum sie anrufe: Sie sei nicht krank. Zumindest nicht mehr. Die Therapie habe Tatsachen zu Tage gefördert. Damit habe sich die früher vermutete Krankheit erledigt. Allerdings seien die Angehörigen offenbar anderer Meinung. Deshalb würden sie eine Bestätigung benötigen, dass es solche Satans-Sekten gebe und dass dort solche Ritualverbrechen üblich seien.

Mehrfach jährlich rufen heute Frauen bei der AGPF an und berichten mit allergrösster Selbstverständlichkeit, sie seien als Kind mit dem Einverständnis ihrer Eltern in Satanisten-Sekten missbraucht und ihr eigenes Kind sei ihr sofort nach der Geburt weggenommen und getötet worden.
 

Der Journalist Hugo Stamm berichtete im Züricher Tages-Anzeiger vom 05.09.2006,  http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/schweiz/662201.html

"Wirbel um erfundene Satansrituale - Drei Frauen beschuldigen ihre Eltern, bei Satansritualen Babys getötet zu haben. Die Thurgauer Behörden sitzen der monströsen Verschwörung auf."
Hugo Stamm befasst sich seit 30 Jahren mit Sekten, über Esoterik hat er ein Buch geschrieben, eine Sammlung seiner Artikel befindet sich unter www.tagesanzeiger.ch/sekten - er ist also weit entfernt davon, das Thema herunterzuspielen.

Stamm berichtet: "Drei Bewohnerinnen einer therapeutischen Wohngemeinschaft hatten angeblich unabhängig voneinander Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse aus der Kindheit, die teilweise 20 und mehr Jahre zurückliegen. Sie behaupteten, ihre Eltern, viele Verwandte und Bekannte seien Mitglieder von verschiedenen satanischen Zirkeln und hätten sie schon als kleine Kinder sexuell missbraucht. Sie seien gezwungen worden, menschliches Herz und Hirn zu essen, Leichen zu zersägen, Köpfe zu spalten und schwangere Frauen aufzuschlitzen, behaupteten die drei psychisch schwer belasteten Frauen. Auch ihnen seien gewaltsam Kinder abgetrieben worden. Die drei verschiedenen Satanszirkel hätten mindestens 50 Babys und ähnlich viele Erwachsene bei den Ritualen ermordet. Die Kultmitglieder hätten auch Bewohner von Altersheimen entführt und umgebracht."

Die Heimleiterinnen nahmen die Vorwürfe ernst und erstatteten Ende 2003 Strafanzeigen gegen die Väter der Frauen wegen sexuellen Missbrauchs. Vor dem Einzug der Frauen in die therapeutische Wohngemeinschaft war der Kontakt zur Familie noch gut gewesen, von Missbrauch keine Rede. Die Polizei ermittelte,setzte am angeblichen Ritualplatz Spürhunde ein, um nach Leichen zu suchen. Gefunden wurde nichts.

Da mehrere Elternpaare angezeigt wurden, die an unterschieldichen Orten wohnten, wurde schliesslich auch die Ermittlungebehörden in der Schweizer Hauptstadt Bern mit der Sache befasst. Dort konnte man keine Konkreten Anhaltspunkte für Straftaten sehen, zumal es keine Vermisstenanzeigen gab.
 
 
 

Der Fall Ruda

Der Fall Ruda wird in mehreren Artikeln auf dieser Seite angesprochen. Es geht um den "Satansmord von Witten" im Juli 2001. Zum Urteil der Bericht >>. Sicher ist, dass es sich nicht um organisierte Kriminalität gehandelt hat.

Rainer Fromm hat mit "Manuela Ruda über ihre Zeit als Satanistin" gesprochen. Sein Fazit:

"Die Satanisten-Szene ist um ein Vorbild ärmer. Deutlicher als Manuela Ruda kann man eine Distanzierung von der Satanistischen Wahnwelt, der immer mehr Jugendliche verfallen, kaum artikulieren. Manuela Ruda: "Ich denke, ich bin alles andere als ein Vorbild, und wenn man da mal richtig dahinter schaut, sieht man kein Glamour dahinter. Und keine Szenegröße oder sonst was. Ich bin Straftäter!"
Rainer Fromms Film wurde am 07.04.2006 im ZDF-Magazin Aspekte gesendet, Text unter http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0/0,1872,3921088,00.html

Fromm spricht von einem "menschenverachtenden Wahnsystem":

"Angefangen hat alles in der Gruftie-Bewegung. Hunderttausende lieben den Charme der so genannten "schwarzen Szene". Manuela Ruda war eine von ihnen. "Gruftie" sein heißt Melancholie und Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Todessehnsucht, Mittelalterflair und Extravaganz. Und nicht wenige Anhänger der Szene sympathisieren mit okkulten und satanistischen Ideen. Kurzum - ein düsteres Paralleluniversum. Doch was für Manuela Ruda als Spaß begann, wurde zur Psychofalle. Satanistische Traumwelt und Realität verschmolzen. ...
Die Gruftie-Braut studiert satanistische Literatur, aus dem Lifestyle wird ein menschenverachtendes Wahnsystem. Und dann die Tat: Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann ermordet Manuela Ruda einen früheren Bekannten - "auf Befehl Satans" sagt sie später vor Gericht.
Manuele Ruda ist aus dem Gruftie-Lifestyle in ein Wahnsystem geraten. Ihr Anwalt: "Es war erschütternd, wie ich Frau Ruda kennen lernte. Sie war total verängstigt und total überzeugt, dass der Satan sie auserkoren hatte, dass sie zu ihm durfte. Sie hatte mir auch erklärt, dass sie als Vampir in der Hölle leben wollte."

Nicht jeder Gruftie gerät in ein solches Wahnsystem.
Die Gefahr ist jedoch unverkennbar. 

 
 
 

Bücher
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Claudia Fliss (Hrsg.): 
Handbuch Rituelle Gewalt 
Erkennen - Hilfe für Betroffene - Interdisziplinäre Kooperation 
Pabst-Verlag 2010, 510 Seiten ISBN 978-3-89967-644-0 
Ein "Handbuch" ohne Stichwortverzeichnis. 
Besprechung >> 
 
Dagmar Fügmann: 
Zeitgenössischer Satanismus in Deutschland 
Weltbilder und Wertvorstellungen im Satanismus 
Tectum-Verlag 2009, 327 Seiten, ISBN 978-3-8288-2101-9 
Ein Schwerpunkt dieser wissenschaftlichen Arbeit ist die Befragung von Satanismus-Anhängern. Es handelt sich also um ein wichtiges Gegenstück zu den zahlreichen angeblichen Tatsachenberichten, wie etwa "Vier Jahre Hölle und zurück" (>>).
 
  
Huettl, Andreas und König, Peter-R.:    
Satan - Jünger, Jäger und Justiz   
Kreuzfeuer-Verlag 2006, 412 Seiten, ISBN 3-937611-01-0    
Andreas Huettl ist Jurist. Das Buch enthält die umfangreichste Darstellung der tatsächlichen Beweislage. Beweise für organisierte Ritualmorde hat er nicht gefunden.  
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Ina Schmied-Knittel:  
Satanismus und ritueller Missbrauch 
Eine wissenssoziologische Diskursanalyse 
Ergon-Verlag 2009, 179 Seiten, ISBN 978-3-89913-670-8 
Das Buch befasst sich mit der öffentlichen Erörterung des Themas, mit deren Ursachen und Auswirkungen. 
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Rainer Fromm:   
Schwarze Geister, Neue Nazis   
Jugendliche im Visier totalitärer Bewegungen    
Olzog 2008, ISBN 978-3-7892-8207-2    
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Inhalt: Grufties und Black Metal, Satanismus, Vampirismus, Rechtsextremismus.    
Gastkapitel von Manuela Ruda und Gabriel Landgraf

  
Fromm, Rainer:    
Satanismus in Deutschland   
Zwischen Kult und Gewalt    
Olzog 2003, ISBN 3-7892-8119-0    
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Ingolf Christiansen: Satanismus.   
Faszination des Bösen.  
Taschenbuch - 156 Seiten - Gütersl. VH., Gtsl.
 
Liane von Billerbeck und Frank Nordhausen: Satanskinder Der Mordfall Sandro B.   
Christoph Links Verlag 1994, 2. aktualisierte Auflage 2001, 326 Seiten   
von denselben Autoren:  Psycho-Sekten
 
 
Bernhard Wenisch: Satanismus  
Grünewald/ Quell-Verlag 1988, 150 Seiten
 
Lukas: Vier Jahre Hölle und zurück  
Untertitel: "Lukas, 15, gerät in die Klauen einer der mächtgsten Satanssekten Deutschlands. Seine erste Lektion: Wer aussteigt, muss sterben". 
Bastei-Lübbe, 240 Seiten, 1995 
Besprechung HIERKurzfassung: Das Buch "Vier Jahre Hölle und zurück" ist ein Phantasieprodukt, kein Tatsachenbericht
 
Jürgen Hauskeller:   
Im Namen des Satans  
Das verlockende Spiel mit dem Bösen  
R. Brockhaus 1995,  139 Seiten
 
 
Ulrich Müller: Das Leben und Wirken des "Satanisten" T. : eine Dokumentation 
Almanach-Verlag, 1989, ISBN 3-926626-13-5
 
Ricarda S. : Satanspriesterin. Meine Erlebnisse bei der schwarzen Sekte. Eichborn-Verlag 1989, 152 Seiten
 
 
 
 

Hemminger über Satanismus
 
Aus: http://www.gemeindedienst.de/weltanschauung/texte/satanismus.htm  


Dr. Hansjörg Hemminger:  
Satanismus  
Der Grundsatz des neuzeitlichen Satanismus: "Es ist kein Gott, außer dem Menschen" kennzeichnet die Haltung aller satanistischen Strömungen. Der Protest- oder historische Satanismus lebt von der Umkehrung christlicher Grundlagen, wendet sich gegen die Kirche, verdreht christliche Lehren und Gebote in ihr Gegenteil und feiert in seinen "Schwarzen Messen" Satanskulte. Er spielt zahlenmäßig kaum mehr eine Rolle.   
Der Ordenssatanismus oder rituelle Satanismus führt seine Ideen und Praktiken auf Aleister Crowley (1875 bis 1947) zurück. Diese Gruppen schließen sich in der Regel zu straff organisierten und geheim praktizierenden Orden oder "Kirchen" zusammen. Anders als der Protestsatanismus stellt diese Richtung eine Religion dar, die auf die Verherrlichung des mächtigen, unmoralischen Menschen und auf die Befriedigung sexueller und perverser Neigungen zielt. Die "Schwarzen Messen" dienen bei dieser Richtung des Satanismus in wesentlichen Bestandteilen der Triebbefriedigung.   
Ein davon verschiedener Kultursatanismus breitet sich vorwiegend durch Kunst, Film, Fantasy-Literatur und -Spiele sowie Rockmusik aus. Für die Texte dient ebenfalls Aleister Crowley als Vorbild. Eine wichtige Rolle spielen auch die Symbole auf Kleidung und Plattencover sowie Bühnendekorationen und die Vermarktung dieser Symbole an die jugendliche Fangemeinde. Es sind vor allem umgekehrte Kreuze, ein Pentagramm mit zwei Zacken nach oben, die Zahl 666, Knochen, schwarze Kleidung usw. Der Kultursatanismus ist als solcher nicht organisiert, operiert auch nicht im geheimen und bildet höchstens Neigungsgruppen.   
Dennoch ist er seelsorgerlich und theologisch ernst zu nehmen, da satanistische Anschauungen bekanntgemacht werden und einen Einstieg in härtere Praktiken bieten. Manche Gruppen des modernen Hexentums müssen ebenfalls zum Satanismus gezählt werden, obwohl man nicht von einem ausgesprochenen Satanskult sprechen kann. Der Jugend-Satanismus ist dagegen weniger organisiert als die Satanskirchen Erwachsener, er wird in mehr oder weniger geheimen "Cliquen" betrieben, die oft von einem etwas älteren Meister oder Messias geleitet werden. In den Cliquen kommt es zu Straftaten, zum Beispiel werden Opfertiere (schwarze Katzen, Kaninchen, Hühner) gestohlen und auf einem Altar rituell getötet. Häufig sind Gewalt gegen "Abtrünnige", Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe. Ganz selten kam es zu Suiziden und Morden.   
Die Zahl satanistischer Jugendgruppen ist unbekannt, sie sind nicht häufig, treten aber lokal immer wieder auf. Wird bekannt, daß eine solche Clique existiert, muß unbedingt unter dem Gesichtspunkt des Jugendschutzes eingegriffen werden. Häufig machen die traumatischen Erlebnisse der Jugendlichen eine intensive seelsorgerliche Begleitung erforderlich.
 
 
 

Artikel von Frank Nordhausen

Frank Nordhausen hat zusammen mit Liane von Billerbeck vielbeachtete Bücher geschrieben. So über "Psycho-Sekten", über den "Sekten-Konzern" Scientology und "Satanskinder" (>>).
 
Berliner Zeitung, 25.02.2003  


Schwarze Geschichten  
Satanisten töten in Deutschland Kinder, sagen Therapeuten, Sektenbeauftragte und Journalisten. Doch Kriminalisten finden dafür keine Beweise  

Von Frank Nordhausen  

BERLIN/COTTBUS, im Februar. Die Geschichten, die Renate Rennebach zu erzählen hat, klingen wie aus einem Horrorfilm. "Menschen werden systematischgefoltert, und sie werden von jung auf trainiert, dass sie die Folter auch aushalten", sagt sie. Sie spricht von satanistischen Zirkeln, die Kinder darauf drillen, sich missbrauchen und quälen zu lassen. Von jungen Frauen, die Babys im Geheimen zur Welt bringen, um sie dann bei schwarzen Messen zu opfern. "Die Herzen der Säuglinge werden herausgeschnitten undgegessen, das Blut wird getrunken. Und das alles wird gefilmt", sagt Renate Rennebach. "Es geschieht überall in Deutschland. Seit Jahrzehnten."   
Von diesen Monstrositäten berichtet Renate Rennebach recht routiniert. Ihre Stimme ist sicher, ihr Blick ist fest. Renate Rennebach hat eine Mission. Die 55 Jahre alte SPD-Politikerin aus Berlin, die Mitglied des Bundestages und sektenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion war, spricht davon, dass sie eine Stiftung gründen will für die "Opfer von ritueller Gewalt". Und dann sagt Frau Rennebach, sie sei unendlich froh, dass das Schicksal dieser Opfer endlich auch öffentlich wahrgenommen werde. "Seit dem Film."   
Ein Schock-Film, der im Januar im Fernsehmagazin ZDF-Reporter gesendet wurde, hat eine Diskussion ausgelöst, in die sich auch die Bundesjustizministerin einschaltete. Brigitte Zypries sagte, alle Hinweise müssten sehr ernst genommen werden. Hinweise auf bizarre Verbrechen in Trier, Koblenz und Lüttich, von denen in dem Fernsehbeitrag die Rede war.   
Eine 34 Jahre alte Frau namens Steffi hatte dort mit stockender Stimme berichtet, sie sei in ihrer Kindheit von Satanisten vergewaltigt worden undhabe erlebt, wie Säuglinge zersägt wurden. "Sie haben geschrien, unddann hat man uns gesagt, dass es der Teufel ist, wenn sie schreien." DieLeichen seien verspeist worden. Der Film lieferte zwar keinen Beweis, aber seit dem Fall des kannibalistischen Mordes in Hessen scheint im Grundenichts mehr undenkbar.   
Für Renate Rennebach sind denn auch okkulte Orden, die Kinder opfern, eine unbezweifelbare Realität. "Das sind geheime Netzwerke. Das geht bisin höchste Kreise", sagt die Politikerin. Mehr als fünfzig Säuglinge würden jedes Jahr, so formuliert sie das, verbraucht. Und sie sagt: "Ein Staatsanwalt, der das jetzt immer noch abbügelt, muss merken, dasser gegen die Öffentlichkeit handelt." Rennebach gehört zu einer wachsenden Gruppe von Sektenbeauftragten, Psychotherapeuten, Anwälten und Journalisten, die sich zum Ziel gesetzt haben, das Thema ritueller Missbrauch publik zu machen. Zu ihnen zählt auch die Sektenberaterin Solveig Prass aus Leipzig, die von 800 bis 1 000 meist pädophilen Tätern in Deutschland spricht, von einer satanischen Szene. Die Leipziger Beraterin sagt auch, sie könne sehr gut unterscheiden zwischen Fantasie und Realität, wenn Klienten ihre Geschichten erzählten. Das sagen eigentlich alle,die sich als Experten für rituellen Missbrauch verstehen. Sie behaupten außerdem, die Polizei gehe entsprechenden Anzeigen nicht nach, denn die Monstrosität der Schilderungen schütze die Täter. Aber wie glaubwürdig sind die Zeugenaussagen, auf die sie sich berufen?   
Im brandenburgischen Cottbus versieht Kriminaloberkommissar Wolfgang Bauch seinen Dienst. Bauch ist stellvertretender Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter und einer der wenigen Kriminalisten, die sich gut mit Sekten auskennen. Ein Mensch, der seine Worte abwägt. "Therapeuten und Helfer sind geneigt, alles zu glauben, was ihre Klienten erzählen. Polizisten müssen da kritischer rangehen", sagt er. "Wir müssen jeden Zeugen ernst nehmen. Polizisten müssen für das Thema Satanismus sensibilisiert werden. Aber alles steht und fällt damit, ob man Beweise sichern kann."   
Wolfgang Bauch berichtet von einem Fall von rituellem Missbrauch, dem diePolizei vor einiger Zeit in Brandenburg nachging. Eine Schülerin hatteihrer Lehrerin anvertraut, dass sie regelmäßig von Männern in einer Sekte vergewaltigt werde und Angst um ihr Leben habe. Lehrer und Polizisten sollten zu dem Kult gehören. "Das Mädchen wurde aber immer sehr undeutlich, wenn es konkret werden sollte", sagt Bauch. Schließlich beschlossen die Beamten, die junge Frau zu observieren. So klärten sie dieSache auf. Das Mädchen hatte gesagt, sie werde an bestimmten Tagen vonderSekte weggeholt. "Aber die Beobachtung ergab: Das stimmte gar nicht.Sie hat sich dann in eine Therapie begeben." Wolfgang Bauch will nicht behaupten, dass es satanische Kultmörder nicht gibt. Aber er sagt: "Wennwirklich so ein riesiges Dunkelfeld existiert, müsste doch das eine oder andere mal ans Licht kommen." Doch wo immer in der Bundesrepublik bisher rituelle Morde untersucht wurden, erlebten die Ermittler Überraschungen.   
Vor zwei Jahren sendete die ARD einen Film mit dem Titel "Höllenleben" über eine Frau namens Niki aus Bielefeld, die von Folter und Mord an Säuglingen in einer Satanssekte auf der Wewelsburg bei Paderborn berichtete. Der Fall beschäftigte drei Staatsanwaltschaften. "Diese Ermittlung ist außerordentlich komplex", sagt Staatsanwalt Ralf Vetter. "Die psychisch kranke Frau nannte einen Täter mit Vornamen, aber wir konnten ihn nicht ermitteln. Ihre Angaben sind unkonkret oder werden durch die Ermittlungen widerlegt." Fest steht allerdings, dass Niki von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht wurde, der dafür verurteilt wurde.   
Mittlerweile haben weitere Frauen ausgesagt, sie seien von der Sekte gequält worden. Eine Zeugin machte zwar präzise Angaben über die Tatzeit, aber die Polizei kann ausschließen, dass zu dem Zeitpunkt jemand aufder Wewelsburg war. Eine andere nannte den Namen eines Mannes, der bei rituellen Handlungen ermordet worden sei. Doch die Polizei stellte fest, dass dieser Mann Jahre nach dem genannten Zeitpunkt friedlich im Krankenhaus gestorben war.   
Selbst vermeintlich handfeste Zeugenhinweise auf rituelle Morde durch Satanisten, von denen Staatsanwälte vor einem Jahr in Niederbayern sprachen, erwiesen sich als falsch. Zwei Frauen hatten sieben Morde angezeigt, die vor dreißig Jahren verübt und als Verkehrsunfälle getarnt wordenseien. Die Polizei richtete eine Sonderermittlungsgruppe ein. "Wir habenzwanzig Wohnungen durchsucht und Dutzende von Zeugen vernommen. Aber wirhaben keinerlei Anhaltspunkte gefunden, dass eine der Personen auch nur im Entferntesten mit einer satanistischen Gruppe zu tun hatte", sagt Staatsanwalt Günther Hammerdinger aus Traunstein. Die Todesfälle erwiesensich als das, was sie vorher waren: Verkehrsunfälle, Selbstmorde oder natürliche Tode. Die Ermittlungen wurden schließlich eingestellt.   
Derzeit sind noch Verfahren anhängig in Trier, Koblenz, Augsburg, Paderborn, Grevenbroich, Hamburg und Lüneburg. Ergebnisse bisher: keine. Die Behörden stehen unter Druck, weil Satansmorde ein großes Medienthema sind. Aber man komme nicht weiter, weil die Angaben so vage seien, sagendie Staatsanwälte. Oder es gibt Probleme, weil die angezeigten Taten sehrweit zurückliegen. Oder die angebliche Beteiligung "hochstehender Persönlichkeiten" an den mörderischen Ritualen wie etwa Gerhard Schröder oder Angela Merkel weckt gewisse Zweifel an den Aussagen der Zeugen.   
Die Staatsanwälte ermitteln trotzdem, sie ermitteln zügig. Auch Verschwörungstheoretiker könnten ja einmal Recht haben. "Es gibt wirklich nichts, was wir uns nicht vorstellen können", weist Frederick Holtkamp vom Landeskriminalamt in Düsseldorf Vorwürfe zurück, die Polizei nehme rituellen Missbrauch nicht ernst. Holtkamp hatte 1995 eine polizeiinterne Untersuchung zum Thema geleitet. "Das Ergebnis: Nichts konnte verifiziert werden. Absolut nichts!"   
Zwar gab es in den vergangenen zehn Jahren einige Kriminalfälle, die inder Presse Satansmorde genannt wurden; doch sie spielten sich im Milieu jugendlicher Cliquen ab oder sie sind längst aufgeklärt, wie der Falldes Satanisten-Ehepaares Ruda, das in Witten einen Bekannten ermordet hatte. Auch der niedersächsische Thelema-Orden, die einzige deutsche Satanssekte, die nachweislich Gewalt bei schwarzen Messen ausübte, passt nicht in das Raster eines Mord-Kultes. Thelema-Chef Michael Eschner wurde zwar 1992 zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er Frauen bei schwarzen Messen missbraucht und gequält hatte. Zurzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Lüneburg wieder wegen einer Vergewaltigung gegen die Gruppe. Wegen Mordes oder gar Kannibalismus wurden Eschner und seine Jünger aber weder angezeigt noch angeklagt.   
Vom kriminalistischen Standpunkt aus bleiben rituelle Tötungen ein Phantom. Als der Kriminalist Holtkamp nach dem Grund dafür forschte, fiel ihm auf, dass fast alle, die Anzeige erstatteten, Frauen mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung waren. Sie haben sich, vermutlich wegen eines sexuellen Missbrauchs, in mehrere Identitäten aufgespalten, die in verschiedenen Realitäten leben. "Das bedeutet nicht, dass die Zeuginnen vorsätzlich lügen, aber ihre Erinnerungen können falsch sein", sagtHoltkamp.   
Wie es zu falschen Erinnerungen kommt, damit beschäftigen sich in Deutschland auch Kriminalpsychologen wie Jens Hoffmann von der Universität Darmstadt. Hoffmann weiß, dass die menschliche Erinnerung manipulierbar ist. "Es kann sein, dass sich Leute mit traumatischen Erlebnissen unbewusst eine falsche Erinnerung konstruieren. Und es kann sein, dass dann Bilder des prototypisch Bösen entstehen." Bilder, wie sie in Filmen und Talkshows vorkommen, Bilder von Satanisten und mörderischen Ritualen.   
Jens Hoffmann sagt, auch Psychotherapeuten könnten falsche Erinnerungenin einen Patienten projizieren. Es habe Fälle gegeben, wo sich vage Bilder von Gewalt und Aggression im Verlauf einer Therapie zu detailliertenGeschichten von Missbräuchen und Opferungen verdichteten. Diese Aussagenkönnten dann sehr präzise sein - und trotzdem falsch. Anderereits ist es so: "Wer tatsächlich miterlebt, dass Menschen gefoltert und getötet werden, wird nicht selten auch als Täter traumatisiert", sagt Hoffmann. "Und dann ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass so gravierende Verbrechen über Jahre nicht herauskommen."   

"Es kann sein, dass sich Leute mit traumatischen Erlebnissen unbewusst eine falsche Erinnerung konstruieren. " Jens Hoffmann, Kriminalpsychologe. 

 
Berliner Zeitung 26.1.2002  

SATANISMUS IST POP  
Frank Nordhausen  [über den Autor siehe unten 
Es klingt wie aus einer fremden Welt, was Manuela Ruda vor Gericht zu erzählen hat. Von jenem Vampirclub in London, der nur von Mitternacht bis zur Morgendämmerung geöffnet war. Von den "untoten" Gästen, deren "genetische Veränderung" sie an ihrer Empfindlichkeit für Licht erkannte. Von den Vampiren im Ruhrgebiet, mit denen sie Blutrituale auf Friedhöfen zelebrierte. Wie dann allmählich ihre Verbindung zu "Satan" wuchs, bis sie in einer der bizarrsten Bluttaten der deutschen Kriminalgeschichte gipfelte: dem "Satansmord von Witten" im Juli des vergangenen Jahres - angeblich auf Befehl des Teufels.   

Seit Manuela und Daniel Ruda in Bochum der Prozess gemacht wird, erhält die Republik Einblicke in das Denken und Leben von Satanisten, wie es so authentisch nur selten zu hören ist. Bis zu 10 000 radikale Anhänger des Teufelskultes leben in Deutschland, schätzt der protestantische Satanismus-Experte Ingolf Christiansen aus Göttingen, Autor mehrerer Bücher zum Thema. "Das sind die Hardcore-Satanisten, die theoretisch auch über Tieropfer hinausgehen." Er schränkt zwar ein, die genaue Zahl der Okkultisten kenne in Wahrheit niemand. Okkult heißt ja geheim. Aber das macht die Sache nur umso interessanter.   

Schwarze Kleidung, Sado-Maso-Posen, Särge, Satan. Der Wittener Mordfall hat eine Schattenseite jener Jugendkultur beleuchtet, der Manuela und Daniel Ruda angehören - der "schwarzen Szene". So bezeichnen sich Grufties und Gothics, Black- und Death-Metaller, junge Leute, die sich durch ihr schwarzes Styling und düstere Musik von anderen abheben. Für die meisten ist es ein Freizeitspaß am Wochenende. Einige aber interessieren sich außer für die Musik auch für magisch-okkulte Traditionen und den Satanismus.   

Auch der 17-jährige Gymnasiast Michael aus Dortmund gehört zur Szene. Mit seinen Schulfreunden, einem Jungen und vier Mädchen, ist er nach Bochum gekommen, um den Prozess zu beobachten. Michael bekennt sich, was selten ist, offen als Satanist. Was das bedeutet? Er lächelt. "Die satanische Bibel lesen, Rituale feiern, auf dem Friedhof rumhängen." Was man eben so macht. Aber die Rudas, die seien zu weit gegangen, finden er und seine Freunde. Ganz klar. "Unschuldige Menschen zerstückeln ist Scheiße, aber Satanismus muss nicht falsch sein", sagt Michael. "Auch in der Bibel steht, dass Tiere geopfert werden." Er sagt das lakonisch. Die anderen nicken.   

Kurz nach der Tat zeigte "Spiegel TV" tanzende Grufties in Manuela Rudas Bochumer Stammdisco "Matrix" und kommentierte die Bilder mit den Worten: "Bleibt zu hoffen, dass Luzifer nicht weitere Aufträge erteilt. Gehör würde er mit tödlicher Sicherheit finden." Daraufhin ging ein Aufschrei durch die schwarze Szene. Auf ihrem September-Titel druckte die Gothic-Zeitschrift "Zillo" die Konterfeis von 36 Jugendlichen mit der Schlagzeile: "Wir sind keine Mörder". Der Chefredakteur distanzierte sich von dem Mord und warnte: "Hier soll eine ganze Jugendkultur kriminalisiert werden." Nur die wenigsten Grufties seien überzeugte Satanisten. Und der "Matrix"-DJ, ein verwegener Bursche mit Ringen durch Nase und Ohr, erklärte: "Die Szene zeichnet sich durch extreme Friedlichkeit aus. Es ist ein Lifestyle wie jeder andere."   

Fast wie jeder andere. Vor dem Bochumer Gerichtssaal steht die 19-jährige Ines aus Düsseldorf, ein Gothic Girl, die ihre rot gefärbten Haare zum schwarzen Kleid und ein Kettchen mit umgedrehtem Kreuz trägt. Auf die Frage, ob die Rudas für sie Idole seien, antwortet sie: "Na klar. Ich wäre froh, wenn es mehr so 'ne Leute geben würde, die sich gegen die Trendsetter auflehnen." Es ist ja auch gar nicht mehr so leicht aufzufallen. Reichte vor 15 Jahren noch ein Schlitz in den Jeans, um Erwachsene zu schockieren, so müssen es heute schon implantierte "Fangzähne" sein, wie sie Manuela Ruda trug. Ines jedenfalls besucht den "Satans"-Prozess, um dort "das Feeling aufzunehmen". Als ob sie in ein Pop-Konzert ginge.   

Und Manuela und Daniel Ruda sind Pop. Im Nachhinein wirkt auch die Vorgeschichte ihrer Tat wie eine Inszenierung für die Medien. Ihre Wohnung in Witten hatten sie ausstaffiert mit Insignien des populären Satanismus wie umgedrehten Kreuzen, der SS-Rune und der Zahl 666, die gemäß der Bibel für "das große Tier", den Teufel steht. Manuela Ruda schnitt ihrem toten Opfer sogar noch ein Pentagramm als Teufelszeichen in den Bauch. An ihrer Wohnungstür stand: "Verwertungsanstalt Bunkertor 7 Dachau", und ans Fenster hatte sie geschrieben: "When Satan lives" (Wenn Satan lebt) - Chiffren, die jeder Szenegänger sofort wiedererkennt.   

"When Satan lives" ist der Titel einer CD der amerikanischen Black-Metal-Band Deicide, und "Bunkertor 7" heißt ein Lied des bayrischen Blut-und-Horror-Elektronikers Wumpscut alias Rudy Ratzinger (der sich für die Werbung durch das Mörderpaar unlängst mit einem Song namens "Ruda" revanchierte). Wumpscut singt Lieder, die sich so anhören: "Tot, tot, tot, ich mache dich tot/ tot, tot, tot, von Blut alles rot." Extreme Ausnahmen auf dem Musikmarkt? Indizierte Gewaltverherrlichung? "Keinesfalls. Beide Bands sind längst Mainstream, nichts Besonderes", winkt Wolf-Rüdiger Mühlmann aus Hamburg ab, ein junger Produzent von harten Metal-Bands.   

Satanismus ist ein fester Bestandteil der Jugend- und Popkultur geworden. Und seine Dynamik bezieht er aus der Musik. Alles begann Anfang der 70er-Jahre. Als Stammvater der Satansrocker gilt der exaltierte John "Ozzy" Osbourne mit seiner Kult-Band Black Sabbath, der damals in brüllender Lautstärke "Mein Name ist Luzifer, nimm meine Hand!" kreischte. Osbourne, der die Beschwörung des Teufels als provokantes Spiel auffasste, wurde von christlichen Fundamentalisten verbissen als "Antichrist" bekämpft, was seinen rebellischen Ruf und den Plattenverkauf stark beförderte.   

"Satanism sells", Satanismus verkauft sich gut, erkannten clevere Nachfolger, die zehn Jahre später mit einer schnellen, rüden Spielart des Heavy Metal Gewalt verherrlichten, das Christentum schmähten und den Satan priesen. Der "Black Metal" war geboren, benannt nach der zweiten Platte der britischen Gruppe Venom (Gift) von 1982. Auf ihren Plattencovern feierten Venom und andere Bands wie Judas Priest oder Iron Maiden ein Festival der Totenschädel, Zombies und Folterbänke. Ihre Texte handelten von Triebmord, Vampirismus oder Friedhofsritualen. "Bring den einzigen Sohn des Priesters um, schau zu, wie das Baby stirbt, trinke das reine Blut", jaulten etwa die Macho-Rocker der Metal-Band Slayer (Totschläger).   

Zwar ging es den allermeisten Musikern damals wie heute weniger um "echte" Blutorgien und Teufelsrituale als um die Provokation als Imagefaktor. Doch jede Provokation erschöpft sich irgendwann, was dann die pop-satanische Radikalisierungsspirale in Gang bringt. Anfang der 90er-Jahre traten plötzlich Black-Metal-Bands aus Skandinavien auf den Plan mit dem Motto: "Die alten Bands haben nur darüber gesungen - wir tun es!" Sie gründeten satanistische Zirkel und hetzten gegen die Christen, die das "Nordland" mit ihrer Nächstenliebe schwach und lahm gemacht hätten.   

Varg Vikernes, der Chef der Osloer Band Burzum, beschloss damals, die "Mission Luzifers" in die Tat umzusetzen: Feuer für die Christenheit. Er rief dazu auf, Kirchen anzuzünden; seine Fans brannten daraufhin rund zwanzig Gotteshäuser nieder. Vikernes stieg weltweit zur Kultfigur der Black-Metal-Szene auf, als er 1993 einen Rivalen brutal ermordete. Vor Gericht gab er außerdem zu, vier Kirchen angezündet zu haben. Sein Kommentar: "Nicht jene, die Kirchen niederbrennen, sind die Verbrecher, sondern jene, die die Kirchen errichten." Er wurde zu 21 Jahren Haft verurteilt.   

Die "Norweger" sind ein Sonderfall. Die weitaus meisten Satansrocker erklären nach wie vor, ihre Hasstiraden seien nichts als eine Show. "Die machen das augenzwinkernd. Sie werden nur manchmal falsch verstanden", sagt der Musikproduzent Wolf-Rüdiger Mühlmann. "Aber die jungen Leute nehmen das ernst!", entgegnet Sektenexperte Ingolf Christiansen. Weil der Satanismus die christlichen Werte umdreht, erscheint er einigen Jugendlichen als eine extrem wirksame Form der Rebellion. Als ein ultimativer Kick. Eine Möglichkeit, sich gefährlich und mysteriös aufzuführen. Als eine neue, "krasse" Religion.   

Das rief auch die Polizisten einer Sonderkommission auf den Plan, die 1996 im südlichen Brandenburg eine Gruppe Grab- und Kirchenschänder verfolgten. Im November des Jahres nahmen sie auf dem Friedhof der Kleinstadt Finsterwalde um Mitternacht zwei Mädchen und drei Jungen zwischen 16 und 18 Jahren fest, die mit einem Rucksack voll menschlicher Knochen unterwegs waren. Die Jugendlichen hatten einen satanistischen Zirkel gegründet und schwarze Messen gefeiert. Der Polizei erzählten sie, sie hätten nur "ihre Gefühle ausleben" wollen.   

Bundesweit haben solche "Gefühlsausbrüche" seit Anfang der 90er-Jahre stark zugenommen. Priester wurden bedroht, Grabkreuze beschmiert und umgestürzt, tote Hühner an Kruzifixe gebunden, auch einige Kirchen angezündet. "Solche Taten sind inzwischen gang und gäbe", erklärt der protestantische Sektenbeauftragte Thomas Gandow aus Berlin. Er hat nach fundamentalistischen Christen und Scientology am meisten mit dem Satanismus zu tun. Er sagt: "Musik und Medien kommt eine zentrale Rolle zu. Wenn die Bravo über schwarze Messen berichtet, spielen die Kids das umgehend nach."   

Die Jugendlichen praktizieren, was Fachleute als "modernen Privatsatanismus" bezeichnen. Sie basteln sich ihren eigenen Kult. Detaillierte Anweisungen für Blutopfer, "Ekeltraining" und schwarze Messen finden sie vor allem bei dem 1947 gestorbenen "Magier" Aleister Crowley aus England. Crowley gilt als geistiger Ahnherr der modernen Satansjünger. Der wütende Gegner des Christentums betete den Teufel aber nicht als Person an, sondern betrachtete ihn als Symbol für das rücksichtslose Ego: "Es gibt keinen Gott außer dem Menschen." Und kein Gesetz außer dem, das der Einzelne sich selber schafft: "Tretet nieder die Jämmerlichen und die Schwachen, dies ist das Gesetz der Starken."   

Diese Macht-Ideologie gibt Schwachen die Chance, sich stark zu fühlen, denn die Rituale sollen sie mit den "Mächten des Bösen" verbinden. "Magische Power" tankt dabei vor allem, wer viel Blut konsumiert - wie es Manuela und Daniel Ruda taten. Die Praktiken von Jugendlichen wie den beiden Wittenern haben die Experten lange Zeit als "Mickymaus-Satanismus" missachtet, weil sie nur Traditionsvereine wie den "Ordo Templi Orientis" oder die "Fraternitas Saturni" für gefährlich hielten, in denen meist Familienväter am Wochenende zu schwarzen Messen schreiten. "Jetzt aber ist Satanismus unter Jugendlichen eine Tatsache", sagt Experte Christiansen. "Ob es uns passt oder nicht." Doch aktuelle wissenschaftliche Studien über die Szene gibt es nicht.   

Als Treffpunkte der jungen Okkultisten, meist Gymnasiasten, fungieren die einschlägigen "schwarzen" Discos, die Accessoire- und Tattoo-Läden wie der "666"-Shop in Essen oder das "Near Dark" in Dortmund. Der Markt für okkultes Zubehör wie Pentagramm-Anhänger, Plastik-Totenköpfe, Ritualmesser oder schwarze Roben wächst ständig. Informationen werden über das Internet und über Fan-Magazine wie "Legacy" oder "Gothic" ausgetauscht, Bekanntschaften über die Kleinanzeigen geknüpft: "Pechschwarzer Vampir sucht Prinzessin der Finsternis..." Wer sich im Internet bei einer Satanisten-Adresse einklinkt, landet auch schnell bei harter Pornografie, Sado-Maso-Sex und Mord-Seiten, auf denen echte Tötungen zu sehen sind.   

Als neueste Entwicklung beobachtet der Satanismus-Experte Christiansen eine zunehmende "Versektung" der Szene. So empfehlen einige Gothic- und Metal-Musiker ihren Fans inzwischen den Eintritt bei der kalifornischen "Church of Satan" des 1997 verstorbenen Exzentrikers Anton Szandor LaVey, eines erklärten Crowley-Jüngers. Und die Fans folgen. Die "Church" spielt in der schwarzen Szene in Deutschland inzwischen eine Rolle wie die NPD bei den Rechtsradikalen.   

Auch die 17-jährige Anja aus Recklinghausen, die vor dem Landgericht Bochum auf den Einlass zum Prozess wartet, fiebert schon ihrer Aufnahme entgegen. "Wenn ich 18 bin, trete ich bei der Church ein", sagt sie. Anja hat bereits LaVeys weiß auf schwarz gedruckte "Satanische Bibel" und seine "Satanischen Rituale" verschlungen. Seit die beiden Bücher 1999 auf Deutsch auf den Markt kamen, sind sie die Renner in der Szene. Auch Manuela und Daniel Ruda bezogen ihr Wissen über den Teufel vor allem von Anton Szandor LaVey.   

"Die ständige Beschäftigung mit diesem Gedankengut hat die Hemmschwelle vor einer Tötung deutlich herabgesetzt." Dieser Satz, der auch auf die Wittener Mörder passen würde, stammt aus einem anderen "Satansmord"-Prozess. 1993 hatten drei Jugendliche, die sich "Kinder des Satans" nannten, im thüringischen Sondershausen einen Mitschüler getötet. Hendrik Möbus, einer der Täter, ist in der schwarzen Szene inzwischen zur Kultfigur aufgestiegen. "Für mich ist der Nationalsozialismus die vollkommenste Synthese aus satanischem luziferischem Willen zur Macht, verbunden mit arisch-germanischem Heidentum", verkündet Möbus, der seit letztem Jahr wegen rechtsradikaler Propaganda wieder im Gefängnis sitzt. Er ist zum Protagonisten einer neuen, gewalttätigen Szene geworden, die Satanismus und Rechtsextremismus verschmilzt und unter dem Label "NS Black Metal" firmiert. Er wurde zum Idol der Härtesten der Harten.   

Auch Manuela und Daniel Ruda wollten stark sein. Sie bewunderten Hendrik Möbus, Varg Vikernes und den amerikanischen "Satansmörder" Charles Manson. Manuela reiste nach Norwegen, um sich dort abgebrannte Kirchen anzuschauen. Direkt nach dem Mord fuhren beide nach Sondershausen, um das Grab des ermordeten Jungen zu schänden. "Daniel fühlte sich wie Gott", sagt ein früherer Kumpel vor Gericht. "Und er wollte immer so berühmt werden wie Charles Manson."   

Es ist nicht leicht gewesen, berühmt zu werden. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert, jemanden umzubringen", hat Manuela Ruda im Verhör angegeben. Aber jetzt stehen sie und ihr Ehemann im Scheinwerferlicht. Wie Hendrik Möbus. Nur anders. Manuela und Daniel Ruda haben die Radikalisierung der Satansszene wieder ein Stück weitergedreht. Vor der Tür des Gerichtssaals in Bochum wartet ein junges Mädchen, ganz in Schwarz. Warum ist sie gekommen? "Rudas sind Kult", sagt sie

 
 

Frank Nordhausen über die "Satansmörder von Witten
 
Berliner Zeitung vom 1.2.02 http://www.berlinonline.de/aktuelles/berliner_zeitung/vermischtes/.html/113714.html   


Ohne ein Zeichen von Reue  
Im Bochumer Satanisten-Prozess sind die Angeklagten zu hohen Haftstrafen verurteilt worden  

Frank Nordhausen  

BOCHUM, 31. Januar. Zum Schluss küssten sich die Angeklagten im Blitzlichtgewitter. Bevor sie dann den Gerichtssaal verließen, drehte sich Manuela Ruda noch einmal zum Publikum und zeigte den "Teufelsgruß" - als wäre sie ein Popstar. Mit diesem makabren Bild endete am gestrigen Donnerstag der Prozess um die "Satansmörder von Witten" vor dem Landgericht Bochum. "In 200 Jahren wird man nicht kapieren, um was es hier eigentlich geht", sagte Manuela Ruda während der Urteilsverkündung zu ihrem Verteidiger. Weder sie noch ihr mitangeklagter Ehemann Daniel zeigten ein Zeichen von Reue. Im Gegenteil. Während der Vorsitzende Richter Arnjo Kerstingtombroke die Begründung des Urteilsspruchs der Schwurgerichtskammer vortrug, schauten beide gelangweilt in den Saal oder feixten wie bei einer Schulstunde. Das Gericht verurteilte Daniel und Manuela Ruda wegen gemeinschaftlichen Mordes zu hohen Freiheitsstrafen von 15 und 13 Jahren und ging damit noch über das Strafmaß hinaus, das die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Richter Kerstingtombroke ordnete außerdem an, dass die 26 und 23 Jahre alten Angeklagten für unbestimmte Zeit in einem geschlossenen psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Er schloss sich in seiner Urteilsbegründung der Auffassung der psychiatrischen Gutachter an, wonach die Eheleute nur bedingt schuldfähig waren, als sie am 6. Juli 2001 in Manuela Rudas Wittener Wohnung ihren 33-jährigen Bekannten Frank H. mit 66 Messerstichen und Hammerschlägen regelrecht massakrierten - angeblich auf "Befehl des Satans".    

Unterschwellige Wut    

Bevor Kerstingtombroke die Entscheidung verlas, ging er auf die "nicht alltäglichen" Prozessumstände ein - er meinte das Medienspektakel, das es den Angeklagten immer wieder ermöglichte, sich als finstere Satanisten in Szene zu setzen. In der Sache erklärte der Vorsitzende Richter, die Angeklagten hätten ein schreckliches Verbrechen begangen, als sie Frank H. heimtückisch ermordeten - einen Menschen, der sich gerade dadurch auszeichnete, dass er "friedlich und freundlich" gewesen sei und die lebensfrohe Musik der Beatles liebte statt die "Ekel erregenden, stumpfen Rhythmen von Zombie-Gedröhn", wie es die Angeklagten hörten. In vielerlei Hinsicht sei das Opfer in seiner Persönlichkeit das Gegenteil der Täter gewesen. Deshalb hätten sie eine unterschwellige Wut auf ihn entwickelt. Anders als die Verteidiger der Angeklagten ließ der Richter deren selbst gebastelten Satanismus nicht als Tatmotiv gelten. "Es ging nicht um Satanismus, sondern um ein schweres, gemeines Verbrechen, das nichts Mystisches an sich hat", sagte er. Als sich Manuela und Daniel Ruda vor zwei Jahren kennen lernten, hätten sich zwei verwandte Seelen getroffen, zwei ähnlich gelagerte Persönlichkeiten, die beide seit ihrer Pubertät unter Minderwertigkeitsgefühlen und einer schweren narzisstischen Störung litten - einer krankhaften Übersteigerung ihres Selbstgefühls.    

Gemeinsam hätten sie sich in ein freudloses Leben und den Hass auf Menschen hineingesteigert. "Eine Spirale kam in Gang, die auf ein gewalttätiges Ende zusteuerte, und je länger sich die Spirale drehte, desto schwieriger wurde es auszusteigen." Schließlich hätten sich Manuela und Daniel Ruda verabredet, Frank H. umzubringen - mit einem Hammerschlag, nicht durch einen "satanischen" Ritualmord. Kerstingtombroke sagte, zwar hätten die Angeklagten Wahnvorstellungen, aber diese rechtfertigten keinen Freispruch. "Sie leiden nicht unter einer Psychose oder Geisteskrankheit"; sie seien daher nicht schuldunfähig. Doch sei ihre Schuldfähigkeit durch das selbst gezimmerte Wahngebilde "entscheidend eingeschränkt"; damit könnten sie nicht zur Höchststrafe - lebenslangem Freiheitsentzug - verurteilt werden. Zuletzt wandte sich der Vorsitzende Richter an Manuela und Daniel Ruda. "Die Schwere ihrer Tat ist erheblich", sagte er. Doch auch sie beide seien "Menschen und keine Monster" und hätten Anspruch auf eine menschenwürdige Behandlung und ein gerechtes Verfahren. Positiv wertete das Gericht die umfassenden Geständnisse der Eheleute. Manuela Ruda erhielt schließlich eine niedrigere Strafe. Wohl führte sie die Messerstiche aus, die letztlich zum Tod des Opfers führten. Die "treibende Kraft", Frank H. zu ermorden, sei aber Daniel Ruda gewesen. "Beide leiden unter einer schweren Persönlichkeitsstörung", sagte der Vorsitzende Richter zum Schluss der Urteilsbegründung. "Wenn man nicht steuernd eingreift, wären sie weiter gefährlich." Daher folge er dem Gutachten des Psychiatrie-Professors Norbert Leygraf aus Essen, der die unbegrenzte Einweisung in eine geschlossene Einrichtung empfohlen hatte. "Jetzt ist Schluss mit der Inszenierung." Wenn das Urteil sie berührte, so zeigten es die Angeklagten nicht. Daniel Ruda schaute finster, und seine Frau kaute Kaugummi. Ihre Verteidiger kündigten an, gegen das Urteil Revision einzulegen. Am Ende gewitterten noch einmal die Blitzlichter. Dann führten Gerichtsdiener die Angeklagten aus dem Saal. "Jetzt wartet das Grauen der Psychiatrie auf sie", hat der Richter gesagt. Vielleicht für immer.    

 
 
 
 

"Jugendsatanismus"
 
Pressemitteilung der AJS NRW zum Jugendsatanismus [vermutlich vom 29.1.2002]:   


AJS warnt vor Dramatisierung des Jugendsatanismus   

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) Landesstelle Nordrhein-Westfalen, Jürgen Jentsch MdL, hat sich gegen eine Dramatisierung des Jugendsatanismus gewandt. Im Zuge des Bochumer Satanistenprozesses gegen das Ehepaar Ruda werde der sogenannte Jugendsatanismus in den Medien immer wieder gleichgestellt mit den hierarchisch stark strukturierten und ritualisierten Formen satanistischer Praktiken Erwachsener.   

"Jugendlicher Satanismus ist demgegenüber oftmals Ausdruck jugendlichen Protestverhaltens oder auch die Suche nach intensiven Sinneseindrücken. Beides ist jedoch nicht mit den zweifellos problematischen Formen des Erwachsenensatanismus vergleichbar", sagte Jentsch heute in Köln zu der öffentlichen Diskussion. Man solle den Jugendsatanismus nicht unterschätzen, ihn aber auch nicht unnötig dramatisieren.   

Es bestehe die Gefahr, daß jungen Menschen mit dem Etikett "Satanismus" die Möglichkeit genommen wird, sich wieder in die Gesellschaft einzufinden. Jentsch fordert daher zu einer sehr differenzierten Betrachtungsweise einzelner Phänomene und Verhaltensweisen Jugendlicher auf und wandte sich gegen pauschale Zuschreibungen. ?Gerade in diesem Bereich haben wir es mit einer Fülle unterschiedlicher Phänomene und Beweggründe zu tun. Es macht wenig Sinn, diese Vielfalt und Komplexität auf eine griffige, aber häufig falsche Schlußfolgerung zu reduzieren".   

gez. Jan Lieven (AJS)   

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an den zuständigen Fachreferenten bei der   
AJS, Jürgen Hilse, Telefon 0221/92.13.92-15 oder Fax 0221/92.13.92-20 oder   
e-mail: juergen.hilse@mail.ajs.nrw.de   
Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz   
Landesstelle Nordrhein-Westfalen e.V.   
Poststraße 15-23   
50676 Köln   
Tel.  (0221) 92 13 92 - 0   
Fax  (0221) 92 13 92 - 20   
Durchwahl   92 13 92 - 15   
email:      hilse@mail.ajs.nrw.de   
http://www.nrw.jugendschutz.de   
Pressemitteilung

 
  



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