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Behörde
für Inneres - Landesjugendbehörde der Stadt Hamburg:
Brennpunkt Esoterik: Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus Autoren: Prof. Dr. Hartmut Zinser, Ingolf Christiansen, Dr. Rainer Fromm. Ausgabe 2006, 236 Seiten Download als PDF-Datei, 852 KB In der AGPF-Website: http://www.AGPF.de/Brennpunkt-Esoterik-HH2006.pdf und aus der Website der Stadt Hamburg HIER Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Inneres Arbeitsgruppe Scientology Admiralitätsstrasse 54 - 20459 Hamburg Tel.: 040 / 428 86 6444 - Fax.: 040 / 428 86 6445 E-Mail: fhhags@t-online.de www.arbeitsgruppe-scientology.de |
Organisierte satanische Ritualverbrechen?
Es geht hier nicht um Kriminalität
von Satanisten.
Die gibt es, auch in schwerster
Form, die der Fall Ruda (>>) zeigt, der "Satansmord
von Witten".
Es geht hier auch nicht
um organisierten Satanismus.
Selbstverständlich
gibt es Satanismus-Organisationen.
Es geht hier vielmehr um
organisierte Schwerstkriminalität wie Mord, Kindstötung, Kannibalismus,
meist mit sexuellen Aspekten, üblicherweise als "rituelle Gewalt"
oder "ritueller Missbrauch" bezeichnet.
Bisher konnte jedoch kein
einziges solches Ritualverbrechen festgestellt oder gar aufgeklärt
werden. Die Erklärung
dafür geistert nicht nur durch die Kriminalfilme: "Bis
in höchste Kreise", so heisst es, reiche der Arm des organisierten
Satanismus. Eben
diese "höchsten Kreise" würden die Ermittlungen verhindern oder
sabotieren.
Beweise dafür gibt
es nicht.
Die Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" des Bundestages hat sich in ihrem Bericht von 1998 - http://www.agpf.de/Bundestag-Enquete-Bericht-1998.pdf - umfangreich mit dem Thema befasst (zum Beispiel in 5.2.6 Exkurs: Ritueller Missbrauch von Kindern - ein okkult-satanistisches Phänomen? Seite 94, Buch S. 184) und spricht von einer "unabgesicherten Erkenntnislage" (S. 96, Buch S. 186). "Die Befragung der Landeskriminalämter ergibt somit, dass zu den berichteten Vorfällen kaum Erkenntnisse vorliegen und dass Ermittlungen in entsprechenden Verdachtsfällen bislang keinen hinreichenden Tatverdacht zu begründen vermögen. Allerdings geht die NRW-Sonderauswertung von der Existenz derartiger Gruppen aus und weist auf die Vorläufigkeit der Erkenntnislage hin". (S. 97. Buch S. 189). Zu dieser Sonderauswertung des LKA NRW wird angemerkt, "Hinweise auf einzelne schwerwiegende Straftaten hätten nicht verifiziert werden können." (S. 47, Buch S. 88).
Die Kommission schliesst zusammenfassend ab: "Insbesondere
gilt es, die Phänomene des 'rituellen Missbrauchs' weiter zu erhellen."
(S. 98, Buch S. 191). Bei der zuvor geschilderten Faktenlage war mit "erhellen"
in erster Linie gemeint, dass aufzuklären ist, ob es organiserten
rituellen Missbrauch überhaupt gibt und ob ritueller Missbrauch in
nichtorganisierten Einzelfällen auch tatsächlich beweisbar ist.
Zitiert wird dieser Satz allerdings meist mit der Aufforderung an den Staat,
Fortbildungen und Studien zu diesem Thema in Auftrag zu geben oder zu finanzieren
(so Claudia Igney im "Handbuch rituelle Gewalt" 2010 (>>),
Seite 26).
Drei Bücher befassen sich speziell mit diesem Thema:
Auch einige Presseberichte haben die Fakten geprüft und nichts gefunden. Beispiele:
Satanismus und Multiple Persönlichkeiten
Über Satanistische Ritualverbrechen
wurde insbesondere berichtet, nachdem diese als angebliche Ursache für
ein angebliches Krankheitsbild bezeichnet wurden, nämlich die
"Multiple Persönlichkeit", eine Art vielfacher Persönlichkeitsspaltung.
Ursache dieses Krankheitsbildes
ist angeblich Gewalt im Kindesalter.
Herausgefunden wurde diese
angebliche Gewalteinwirkung von Psychotherapeuten mit Mitteln der Psychotherapie.
Inhaltlich ging es in der
Mehrzahl der Fälle nicht um Beweise für den angeblichen rituellen
Missbrauch.
Sondern um die Erinnerung
der Opfer.
Dabei geht es dann auch zwangsläufig um die Glaubwürdigkeit
und Glaubhaftigkeit der Zeugen und ihrer Ausssagen, vgl. Wikipedia.
Die US-amerikanische Medizinhistorikerin Elaine Showalter
schrieb 1997 in ihrem Buch "Hystorien - Hysterische Epidemien im Zeitalter
der Medien":
Den Therapeuten, die sich in Chicago 1986 auf der Internationalen Konferenz zur Multiplen Persönlichkeit/Dissoziation versammelt hatten, fiel eine überraschende Entwicklung auf: Ungefähr 25 Prozent ihrer Patienten hatten Erinnerungen an Folter und Mißbrauch in geheimen Satanistensekten beschrieben. Aber statt sich über diese Geschichten zu beunruhigen, integrierten viele Therapeuten den »Satanistischen Ritualmißbrauch« (Satanic Ritual Abuse, SRA) in ihr theoretisches und psychologisches Repertoire. Auf der besagten Konferenz wurde ein Vortrag über Satanistischen Ritualmißbrauch gehalten; ein Jahr darauf waren es schon elf." |
| Umfragen bei Psychotherapeuten
Der SWR berichtete am 30.10.2008
in TV und Radio über eine Studie, die angeblich rituelle Gewalt belege
oder gar beweise. Das ist nicht der Fall. Es handelte sich lediglich um
eine Datenerhebung durch Umfrage, http://www.bistummuenster.de/downloads/Seelsorge/2008/207_Datenerhebung_rituelle_Gewalt.pdf
Die meisten Sektenberatungsstellen sind allerdings der Meinung, dass sie nicht beraten können, wenn es keine Fakten gibt. So erklärt sich wohl auch, was die Redakteurin der Radiosendung behauptete. Sie sei "auf die gleiche Mauer des Schweigens gestoßen wie die Opfer ... Die Sektenbeauftragten der Kirchen haben den Tatbestand von Gewalt im Zusammenhang mit Satanismus geleugnet." Das hat sie wohl etwas verkürzt. Jeder weiss, dass Gewalt im Zusammenhang mit Satanismus vorkommt. Aber es gibt bisher keine Beweis für organisierte Satanismus-Schwerstkriminalität wie Mord, Kindstötung und Kannibalismus. Wer von solcher Kriminalität erfährt, sollte umgehend Strafanzeige erstatten. |
Erfindungen oder Erinnerungen?
Manche der Erinnerungen sind zweifellos Produkte der Phantasie.
Bei manchen dürfte es sich um
induzierte Erinnerungen handeln.
Also künstliche erzeugte
Erinnerungen. Diese werden auch als falsche Erinnerungen, false memories,
bezeichnet. Die Amerikanerin Elisabeth Loftus warnte frühzeitig, in
Deutschland durch einen Artikel in der Zeitschrift "Spektrum
der Wissenschaft" vom Januar 1998: "Falsche Erinnerungen. "Durch Suggestion
und Einbildung lassen sich dem Gedächtnis Reminiszenzen von Ereignissen
einpflanzen, die nicht so oder überhaupt nie stattgefunden haben.
Darum ist bei manchen Aussagen über traumatische Erlebnisse - etwa
sexuellen Mißbrauch in früher Kindheit - Skepsis angebracht."
In den USA ging es dabei oft um sexuellen Missbrauch in der Familie. Damit wurden Angehörige als Straftäter bezeichnet. Viele haben sich dagegen mit Prozessen gegen die Therapeuten gewehrt. Auch Patienten haben geklagt. Loftus bericht über solche Fälle.
Felix
Kuballa befragte in einem WDR-Film (ARD 28.8.2003 "Multiple Persönlichkeiten
- Wahn der Therapeuten?") den Anwalt Christoper Barden, der über "mindestens
einige Hundert, wahrscheinlich um die Tausend" solcher Verfahren berichtete,
die "praktisch alle ... gegen die Therapeuten entschieden" wurden.
Kuballa hat auch Paul McHugh
befragt, Professor an der Johns-Hopkins-Universität, "wohl kein anderer
Psychiater hat in den letzten Jahren so viele angeblich Multiple Persönlichkeiten
begutachtet wie er".
1998 berichtete der Spiegel
(44/98, "Floras Erzählungen") erneut über die "Multiple Persönlichkeitsstörung",
den "Psycho-Hit der frühen Neunziger", um die es still geworden sei:
"Jetzt wird bekannt: Die 16 Persönlichkeitsabspaltungen im Paradefall
"Sybil", auf den sich die Psycho-Zunft gern berief, waren die Erfindung
einer Therapeutin und einer Autorin", der Psychoanalytikerin Cornelia
Wilbur und der Autorin Flora Schreiber. 25 Jahre später fand
der New Yorker Gerichtspsychologe Robert Rieber in seinem Büro im
John Jay College of Criminal Justice zwei Tonbänder, die er 1972 von
Flora Schreiber erhalten hatte, die damals am John Jay College in Manhattan
arbeitete. Die Bänder enthielten überwiegend Protokolle
der Gespräche zwischen Sybil und ihrer Therapeutin. Allerdings auch
Unterhaltungen zwischen Therapeutin und Autorin. Er hatte diese damals
wegen schlechter Qualität beiseite gelegt und sich erst wegen einer
erneuten Expertendiskussion über den Fall Sybil daran erinnert. Aus
den Bändern, so berichtete Rieber im August 1998 auf der Jahrestagung
des amerikanischen Psychologenverbandes in San Francisco, ergebe sich eindeutig,
dass der "Fall Sybil" in Wahrheit ein "hinterlistig eingefädeltes
Betrugsmanöver", eine "betrügerische Konstruktion" gewesen
sei. Die Therapeutin habe psychologische Beeinflussungsmethoden angewandt,
aber auch Medikamente. Sie habe ihrer Patientin alle Details suggeriert.
Der Spiegel: "Ein rätselhaftes
Krankheitsbild, Sex, Gewalt und Missbrauch, verwoben in ein psychologisches
Gebabbel, so hatten es sich Flora Schreiber und Cornelia Wilbur zurechtgelegt,
würde ihnen Ruhm, Anerkennung und viel Geld einbringen. Die Rechnung
ging auf."
Zunächst waren es nur
Eltern im Rentneralter, die bei der AGPF anfragten.
Eine Tochter (deutlich oberhalb
der 30) behauptete und verbreitete, ihr Vater habe sie als Kind missbraucht.
Ihre Mutter habe das gewusst und geduldet. Auf
die Frage, warum sie anrufe: Sie
sei nicht krank. Zumindest nicht mehr. Die Therapie habe Tatsachen zu Tage
gefördert. Damit habe sich die früher vermutete Krankheit erledigt.
Allerdings seien die Angehörigen offenbar anderer Meinung. Deshalb
würden sie eine Bestätigung benötigen, dass es solche Satans-Sekten
gebe und dass dort solche Ritualverbrechen üblich seien.
Mehrfach jährlich rufen
heute Frauen bei der AGPF an und berichten mit allergrösster Selbstverständlichkeit,
sie seien als Kind mit dem Einverständnis ihrer Eltern in Satanisten-Sekten
missbraucht und ihr eigenes Kind sei ihr sofort nach der Geburt weggenommen
und getötet worden.
Der Journalist Hugo Stamm berichtete im Züricher Tages-Anzeiger vom 05.09.2006, http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/schweiz/662201.html
"Wirbel um erfundene Satansrituale - Drei Frauen beschuldigen ihre Eltern, bei Satansritualen Babys getötet zu haben. Die Thurgauer Behörden sitzen der monströsen Verschwörung auf."Hugo Stamm befasst sich seit 30 Jahren mit Sekten, über Esoterik hat er ein Buch geschrieben, eine Sammlung seiner Artikel befindet sich unter www.tagesanzeiger.ch/sekten - er ist also weit entfernt davon, das Thema herunterzuspielen.
Stamm berichtet: "Drei Bewohnerinnen einer therapeutischen Wohngemeinschaft hatten angeblich unabhängig voneinander Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse aus der Kindheit, die teilweise 20 und mehr Jahre zurückliegen. Sie behaupteten, ihre Eltern, viele Verwandte und Bekannte seien Mitglieder von verschiedenen satanischen Zirkeln und hätten sie schon als kleine Kinder sexuell missbraucht. Sie seien gezwungen worden, menschliches Herz und Hirn zu essen, Leichen zu zersägen, Köpfe zu spalten und schwangere Frauen aufzuschlitzen, behaupteten die drei psychisch schwer belasteten Frauen. Auch ihnen seien gewaltsam Kinder abgetrieben worden. Die drei verschiedenen Satanszirkel hätten mindestens 50 Babys und ähnlich viele Erwachsene bei den Ritualen ermordet. Die Kultmitglieder hätten auch Bewohner von Altersheimen entführt und umgebracht."
Die Heimleiterinnen nahmen die Vorwürfe ernst und erstatteten Ende 2003 Strafanzeigen gegen die Väter der Frauen wegen sexuellen Missbrauchs. Vor dem Einzug der Frauen in die therapeutische Wohngemeinschaft war der Kontakt zur Familie noch gut gewesen, von Missbrauch keine Rede. Die Polizei ermittelte,setzte am angeblichen Ritualplatz Spürhunde ein, um nach Leichen zu suchen. Gefunden wurde nichts.
Da mehrere Elternpaare angezeigt
wurden, die an unterschieldichen Orten wohnten, wurde schliesslich auch
die Ermittlungebehörden in der Schweizer Hauptstadt Bern mit der Sache
befasst. Dort konnte man keine Konkreten Anhaltspunkte für Straftaten
sehen, zumal es keine Vermisstenanzeigen gab.
Der Fall Ruda wird in mehreren Artikeln auf dieser Seite angesprochen. Es geht um den "Satansmord von Witten" im Juli 2001. Zum Urteil der Bericht >>. Sicher ist, dass es sich nicht um organisierte Kriminalität gehandelt hat.
Rainer Fromm hat mit "Manuela Ruda über ihre Zeit als Satanistin" gesprochen. Sein Fazit:
"Die Satanisten-Szene ist um ein Vorbild ärmer. Deutlicher als Manuela Ruda kann man eine Distanzierung von der Satanistischen Wahnwelt, der immer mehr Jugendliche verfallen, kaum artikulieren. Manuela Ruda: "Ich denke, ich bin alles andere als ein Vorbild, und wenn man da mal richtig dahinter schaut, sieht man kein Glamour dahinter. Und keine Szenegröße oder sonst was. Ich bin Straftäter!"Rainer Fromms Film wurde am 07.04.2006 im ZDF-Magazin Aspekte gesendet, Text unter http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0/0,1872,3921088,00.html
Fromm spricht von einem "menschenverachtenden Wahnsystem":
"Angefangen hat alles in der Gruftie-Bewegung. Hunderttausende lieben den Charme der so genannten "schwarzen Szene". Manuela Ruda war eine von ihnen. "Gruftie" sein heißt Melancholie und Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Todessehnsucht, Mittelalterflair und Extravaganz. Und nicht wenige Anhänger der Szene sympathisieren mit okkulten und satanistischen Ideen. Kurzum - ein düsteres Paralleluniversum. Doch was für Manuela Ruda als Spaß begann, wurde zur Psychofalle. Satanistische Traumwelt und Realität verschmolzen. ...Manuele Ruda ist aus dem Gruftie-Lifestyle in ein Wahnsystem geraten. Ihr Anwalt: "Es war erschütternd, wie ich Frau Ruda kennen lernte. Sie war total verängstigt und total überzeugt, dass der Satan sie auserkoren hatte, dass sie zu ihm durfte. Sie hatte mir auch erklärt, dass sie als Vampir in der Hölle leben wollte."
Die Gruftie-Braut studiert satanistische Literatur, aus dem Lifestyle wird ein menschenverachtendes Wahnsystem. Und dann die Tat: Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann ermordet Manuela Ruda einen früheren Bekannten - "auf Befehl Satans" sagt sie später vor Gericht.
Nicht jeder Gruftie gerät in ein solches Wahnsystem.
Die Gefahr ist jedoch unverkennbar.
Bücher
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Claudia
Fliss (Hrsg.):
Handbuch Rituelle Gewalt Erkennen - Hilfe für Betroffene - Interdisziplinäre Kooperation Pabst-Verlag 2010, 510 Seiten ISBN 978-3-89967-644-0 Ein "Handbuch" ohne Stichwortverzeichnis. Besprechung >> |
Dagmar
Fügmann:
Zeitgenössischer Satanismus in Deutschland Weltbilder und Wertvorstellungen im Satanismus Tectum-Verlag 2009, 327 Seiten, ISBN 978-3-8288-2101-9 Ein Schwerpunkt dieser wissenschaftlichen Arbeit ist die Befragung von Satanismus-Anhängern. Es handelt sich also um ein wichtiges Gegenstück zu den zahlreichen angeblichen Tatsachenberichten, wie etwa "Vier Jahre Hölle und zurück" (>>). |
Huettl, Andreas und König, Peter-R.: Satan - Jünger, Jäger und Justiz Kreuzfeuer-Verlag 2006, 412 Seiten, ISBN 3-937611-01-0 Andreas Huettl ist Jurist. Das Buch enthält die umfangreichste Darstellung der tatsächlichen Beweislage. Beweise für organisierte Ritualmorde hat er nicht gefunden. Bestellen bei Amazon |
Ina Schmied-Knittel: Satanismus und ritueller Missbrauch Eine wissenssoziologische Diskursanalyse Ergon-Verlag 2009, 179 Seiten, ISBN 978-3-89913-670-8 Das Buch befasst sich mit der öffentlichen Erörterung des Themas, mit deren Ursachen und Auswirkungen. Bestellen bei Amazon |
Rainer Fromm: Schwarze Geister, Neue Nazis Jugendliche im Visier totalitärer Bewegungen Olzog 2008, ISBN 978-3-7892-8207-2 Bestellen bei Amazon Inhalt: Grufties und
Black Metal, Satanismus, Vampirismus, Rechtsextremismus.
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Fromm, Rainer: Satanismus in Deutschland Zwischen Kult und Gewalt Olzog 2003, ISBN 3-7892-8119-0 Bestellen bei Amazon |
Ingolf Christiansen: Satanismus. Faszination des Bösen. Taschenbuch - 156 Seiten - Gütersl. VH., Gtsl. |
Liane von Billerbeck und Frank Nordhausen: Satanskinder Der Mordfall Sandro B. Christoph Links Verlag 1994, 2. aktualisierte Auflage 2001, 326 Seiten von denselben Autoren: Psycho-Sekten |
Bernhard Wenisch: Satanismus Grünewald/ Quell-Verlag 1988, 150 Seiten |
Lukas: Vier Jahre Hölle und zurück Untertitel: "Lukas, 15, gerät in die Klauen einer der mächtgsten Satanssekten Deutschlands. Seine erste Lektion: Wer aussteigt, muss sterben". Bastei-Lübbe, 240 Seiten, 1995 Besprechung HIER. Kurzfassung: Das Buch "Vier Jahre Hölle und zurück" ist ein Phantasieprodukt, kein Tatsachenbericht |
Jürgen Hauskeller: Im Namen des Satans Das verlockende Spiel mit dem Bösen R. Brockhaus 1995, 139 Seiten |
| Aus: http://www.gemeindedienst.de/weltanschauung/texte/satanismus.htm
Dr. Hansjörg Hemminger: Satanismus Der Grundsatz des neuzeitlichen Satanismus: "Es ist kein Gott, außer dem Menschen" kennzeichnet die Haltung aller satanistischen Strömungen. Der Protest- oder historische Satanismus lebt von der Umkehrung christlicher Grundlagen, wendet sich gegen die Kirche, verdreht christliche Lehren und Gebote in ihr Gegenteil und feiert in seinen "Schwarzen Messen" Satanskulte. Er spielt zahlenmäßig kaum mehr eine Rolle. Der Ordenssatanismus oder rituelle Satanismus führt seine Ideen und Praktiken auf Aleister Crowley (1875 bis 1947) zurück. Diese Gruppen schließen sich in der Regel zu straff organisierten und geheim praktizierenden Orden oder "Kirchen" zusammen. Anders als der Protestsatanismus stellt diese Richtung eine Religion dar, die auf die Verherrlichung des mächtigen, unmoralischen Menschen und auf die Befriedigung sexueller und perverser Neigungen zielt. Die "Schwarzen Messen" dienen bei dieser Richtung des Satanismus in wesentlichen Bestandteilen der Triebbefriedigung. Ein davon verschiedener Kultursatanismus breitet sich vorwiegend durch Kunst, Film, Fantasy-Literatur und -Spiele sowie Rockmusik aus. Für die Texte dient ebenfalls Aleister Crowley als Vorbild. Eine wichtige Rolle spielen auch die Symbole auf Kleidung und Plattencover sowie Bühnendekorationen und die Vermarktung dieser Symbole an die jugendliche Fangemeinde. Es sind vor allem umgekehrte Kreuze, ein Pentagramm mit zwei Zacken nach oben, die Zahl 666, Knochen, schwarze Kleidung usw. Der Kultursatanismus ist als solcher nicht organisiert, operiert auch nicht im geheimen und bildet höchstens Neigungsgruppen. Dennoch ist er seelsorgerlich und theologisch ernst zu nehmen, da satanistische Anschauungen bekanntgemacht werden und einen Einstieg in härtere Praktiken bieten. Manche Gruppen des modernen Hexentums müssen ebenfalls zum Satanismus gezählt werden, obwohl man nicht von einem ausgesprochenen Satanskult sprechen kann. Der Jugend-Satanismus ist dagegen weniger organisiert als die Satanskirchen Erwachsener, er wird in mehr oder weniger geheimen "Cliquen" betrieben, die oft von einem etwas älteren Meister oder Messias geleitet werden. In den Cliquen kommt es zu Straftaten, zum Beispiel werden Opfertiere (schwarze Katzen, Kaninchen, Hühner) gestohlen und auf einem Altar rituell getötet. Häufig sind Gewalt gegen "Abtrünnige", Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe. Ganz selten kam es zu Suiziden und Morden. Die Zahl satanistischer Jugendgruppen ist unbekannt, sie sind nicht häufig, treten aber lokal immer wieder auf. Wird bekannt, daß eine solche Clique existiert, muß unbedingt unter dem Gesichtspunkt des Jugendschutzes eingegriffen werden. Häufig machen die traumatischen Erlebnisse der Jugendlichen eine intensive seelsorgerliche Begleitung erforderlich. |
Artikel von Frank Nordhausen
Frank Nordhausen hat zusammen mit Liane
von Billerbeck vielbeachtete Bücher geschrieben. So über "Psycho-Sekten",
über den "Sekten-Konzern" Scientology und "Satanskinder" (>>).
| Berliner Zeitung
26.1.2002
SATANISMUS IST POP
Seit Manuela und Daniel Ruda in Bochum der Prozess gemacht wird, erhält die Republik Einblicke in das Denken und Leben von Satanisten, wie es so authentisch nur selten zu hören ist. Bis zu 10 000 radikale Anhänger des Teufelskultes leben in Deutschland, schätzt der protestantische Satanismus-Experte Ingolf Christiansen aus Göttingen, Autor mehrerer Bücher zum Thema. "Das sind die Hardcore-Satanisten, die theoretisch auch über Tieropfer hinausgehen." Er schränkt zwar ein, die genaue Zahl der Okkultisten kenne in Wahrheit niemand. Okkult heißt ja geheim. Aber das macht die Sache nur umso interessanter. Schwarze Kleidung, Sado-Maso-Posen, Särge, Satan. Der Wittener Mordfall hat eine Schattenseite jener Jugendkultur beleuchtet, der Manuela und Daniel Ruda angehören - der "schwarzen Szene". So bezeichnen sich Grufties und Gothics, Black- und Death-Metaller, junge Leute, die sich durch ihr schwarzes Styling und düstere Musik von anderen abheben. Für die meisten ist es ein Freizeitspaß am Wochenende. Einige aber interessieren sich außer für die Musik auch für magisch-okkulte Traditionen und den Satanismus. Auch der 17-jährige Gymnasiast Michael aus Dortmund gehört zur Szene. Mit seinen Schulfreunden, einem Jungen und vier Mädchen, ist er nach Bochum gekommen, um den Prozess zu beobachten. Michael bekennt sich, was selten ist, offen als Satanist. Was das bedeutet? Er lächelt. "Die satanische Bibel lesen, Rituale feiern, auf dem Friedhof rumhängen." Was man eben so macht. Aber die Rudas, die seien zu weit gegangen, finden er und seine Freunde. Ganz klar. "Unschuldige Menschen zerstückeln ist Scheiße, aber Satanismus muss nicht falsch sein", sagt Michael. "Auch in der Bibel steht, dass Tiere geopfert werden." Er sagt das lakonisch. Die anderen nicken. Kurz nach der Tat zeigte "Spiegel TV" tanzende Grufties in Manuela Rudas Bochumer Stammdisco "Matrix" und kommentierte die Bilder mit den Worten: "Bleibt zu hoffen, dass Luzifer nicht weitere Aufträge erteilt. Gehör würde er mit tödlicher Sicherheit finden." Daraufhin ging ein Aufschrei durch die schwarze Szene. Auf ihrem September-Titel druckte die Gothic-Zeitschrift "Zillo" die Konterfeis von 36 Jugendlichen mit der Schlagzeile: "Wir sind keine Mörder". Der Chefredakteur distanzierte sich von dem Mord und warnte: "Hier soll eine ganze Jugendkultur kriminalisiert werden." Nur die wenigsten Grufties seien überzeugte Satanisten. Und der "Matrix"-DJ, ein verwegener Bursche mit Ringen durch Nase und Ohr, erklärte: "Die Szene zeichnet sich durch extreme Friedlichkeit aus. Es ist ein Lifestyle wie jeder andere." Fast wie jeder andere. Vor dem Bochumer Gerichtssaal steht die 19-jährige Ines aus Düsseldorf, ein Gothic Girl, die ihre rot gefärbten Haare zum schwarzen Kleid und ein Kettchen mit umgedrehtem Kreuz trägt. Auf die Frage, ob die Rudas für sie Idole seien, antwortet sie: "Na klar. Ich wäre froh, wenn es mehr so 'ne Leute geben würde, die sich gegen die Trendsetter auflehnen." Es ist ja auch gar nicht mehr so leicht aufzufallen. Reichte vor 15 Jahren noch ein Schlitz in den Jeans, um Erwachsene zu schockieren, so müssen es heute schon implantierte "Fangzähne" sein, wie sie Manuela Ruda trug. Ines jedenfalls besucht den "Satans"-Prozess, um dort "das Feeling aufzunehmen". Als ob sie in ein Pop-Konzert ginge. Und Manuela und Daniel Ruda sind Pop. Im Nachhinein wirkt auch die Vorgeschichte ihrer Tat wie eine Inszenierung für die Medien. Ihre Wohnung in Witten hatten sie ausstaffiert mit Insignien des populären Satanismus wie umgedrehten Kreuzen, der SS-Rune und der Zahl 666, die gemäß der Bibel für "das große Tier", den Teufel steht. Manuela Ruda schnitt ihrem toten Opfer sogar noch ein Pentagramm als Teufelszeichen in den Bauch. An ihrer Wohnungstür stand: "Verwertungsanstalt Bunkertor 7 Dachau", und ans Fenster hatte sie geschrieben: "When Satan lives" (Wenn Satan lebt) - Chiffren, die jeder Szenegänger sofort wiedererkennt. "When Satan lives" ist der Titel einer CD der amerikanischen Black-Metal-Band Deicide, und "Bunkertor 7" heißt ein Lied des bayrischen Blut-und-Horror-Elektronikers Wumpscut alias Rudy Ratzinger (der sich für die Werbung durch das Mörderpaar unlängst mit einem Song namens "Ruda" revanchierte). Wumpscut singt Lieder, die sich so anhören: "Tot, tot, tot, ich mache dich tot/ tot, tot, tot, von Blut alles rot." Extreme Ausnahmen auf dem Musikmarkt? Indizierte Gewaltverherrlichung? "Keinesfalls. Beide Bands sind längst Mainstream, nichts Besonderes", winkt Wolf-Rüdiger Mühlmann aus Hamburg ab, ein junger Produzent von harten Metal-Bands. Satanismus ist ein fester Bestandteil der Jugend- und Popkultur geworden. Und seine Dynamik bezieht er aus der Musik. Alles begann Anfang der 70er-Jahre. Als Stammvater der Satansrocker gilt der exaltierte John "Ozzy" Osbourne mit seiner Kult-Band Black Sabbath, der damals in brüllender Lautstärke "Mein Name ist Luzifer, nimm meine Hand!" kreischte. Osbourne, der die Beschwörung des Teufels als provokantes Spiel auffasste, wurde von christlichen Fundamentalisten verbissen als "Antichrist" bekämpft, was seinen rebellischen Ruf und den Plattenverkauf stark beförderte. "Satanism sells", Satanismus verkauft sich gut, erkannten clevere Nachfolger, die zehn Jahre später mit einer schnellen, rüden Spielart des Heavy Metal Gewalt verherrlichten, das Christentum schmähten und den Satan priesen. Der "Black Metal" war geboren, benannt nach der zweiten Platte der britischen Gruppe Venom (Gift) von 1982. Auf ihren Plattencovern feierten Venom und andere Bands wie Judas Priest oder Iron Maiden ein Festival der Totenschädel, Zombies und Folterbänke. Ihre Texte handelten von Triebmord, Vampirismus oder Friedhofsritualen. "Bring den einzigen Sohn des Priesters um, schau zu, wie das Baby stirbt, trinke das reine Blut", jaulten etwa die Macho-Rocker der Metal-Band Slayer (Totschläger). Zwar ging es den allermeisten Musikern damals wie heute weniger um "echte" Blutorgien und Teufelsrituale als um die Provokation als Imagefaktor. Doch jede Provokation erschöpft sich irgendwann, was dann die pop-satanische Radikalisierungsspirale in Gang bringt. Anfang der 90er-Jahre traten plötzlich Black-Metal-Bands aus Skandinavien auf den Plan mit dem Motto: "Die alten Bands haben nur darüber gesungen - wir tun es!" Sie gründeten satanistische Zirkel und hetzten gegen die Christen, die das "Nordland" mit ihrer Nächstenliebe schwach und lahm gemacht hätten. Varg Vikernes, der Chef der Osloer Band Burzum, beschloss damals, die "Mission Luzifers" in die Tat umzusetzen: Feuer für die Christenheit. Er rief dazu auf, Kirchen anzuzünden; seine Fans brannten daraufhin rund zwanzig Gotteshäuser nieder. Vikernes stieg weltweit zur Kultfigur der Black-Metal-Szene auf, als er 1993 einen Rivalen brutal ermordete. Vor Gericht gab er außerdem zu, vier Kirchen angezündet zu haben. Sein Kommentar: "Nicht jene, die Kirchen niederbrennen, sind die Verbrecher, sondern jene, die die Kirchen errichten." Er wurde zu 21 Jahren Haft verurteilt. Die "Norweger" sind ein Sonderfall. Die weitaus meisten Satansrocker erklären nach wie vor, ihre Hasstiraden seien nichts als eine Show. "Die machen das augenzwinkernd. Sie werden nur manchmal falsch verstanden", sagt der Musikproduzent Wolf-Rüdiger Mühlmann. "Aber die jungen Leute nehmen das ernst!", entgegnet Sektenexperte Ingolf Christiansen. Weil der Satanismus die christlichen Werte umdreht, erscheint er einigen Jugendlichen als eine extrem wirksame Form der Rebellion. Als ein ultimativer Kick. Eine Möglichkeit, sich gefährlich und mysteriös aufzuführen. Als eine neue, "krasse" Religion. Das rief auch die Polizisten einer Sonderkommission auf den Plan, die 1996 im südlichen Brandenburg eine Gruppe Grab- und Kirchenschänder verfolgten. Im November des Jahres nahmen sie auf dem Friedhof der Kleinstadt Finsterwalde um Mitternacht zwei Mädchen und drei Jungen zwischen 16 und 18 Jahren fest, die mit einem Rucksack voll menschlicher Knochen unterwegs waren. Die Jugendlichen hatten einen satanistischen Zirkel gegründet und schwarze Messen gefeiert. Der Polizei erzählten sie, sie hätten nur "ihre Gefühle ausleben" wollen. Bundesweit haben solche "Gefühlsausbrüche" seit Anfang der 90er-Jahre stark zugenommen. Priester wurden bedroht, Grabkreuze beschmiert und umgestürzt, tote Hühner an Kruzifixe gebunden, auch einige Kirchen angezündet. "Solche Taten sind inzwischen gang und gäbe", erklärt der protestantische Sektenbeauftragte Thomas Gandow aus Berlin. Er hat nach fundamentalistischen Christen und Scientology am meisten mit dem Satanismus zu tun. Er sagt: "Musik und Medien kommt eine zentrale Rolle zu. Wenn die Bravo über schwarze Messen berichtet, spielen die Kids das umgehend nach." Die Jugendlichen praktizieren, was Fachleute als "modernen Privatsatanismus" bezeichnen. Sie basteln sich ihren eigenen Kult. Detaillierte Anweisungen für Blutopfer, "Ekeltraining" und schwarze Messen finden sie vor allem bei dem 1947 gestorbenen "Magier" Aleister Crowley aus England. Crowley gilt als geistiger Ahnherr der modernen Satansjünger. Der wütende Gegner des Christentums betete den Teufel aber nicht als Person an, sondern betrachtete ihn als Symbol für das rücksichtslose Ego: "Es gibt keinen Gott außer dem Menschen." Und kein Gesetz außer dem, das der Einzelne sich selber schafft: "Tretet nieder die Jämmerlichen und die Schwachen, dies ist das Gesetz der Starken." Diese Macht-Ideologie gibt Schwachen die Chance, sich stark zu fühlen, denn die Rituale sollen sie mit den "Mächten des Bösen" verbinden. "Magische Power" tankt dabei vor allem, wer viel Blut konsumiert - wie es Manuela und Daniel Ruda taten. Die Praktiken von Jugendlichen wie den beiden Wittenern haben die Experten lange Zeit als "Mickymaus-Satanismus" missachtet, weil sie nur Traditionsvereine wie den "Ordo Templi Orientis" oder die "Fraternitas Saturni" für gefährlich hielten, in denen meist Familienväter am Wochenende zu schwarzen Messen schreiten. "Jetzt aber ist Satanismus unter Jugendlichen eine Tatsache", sagt Experte Christiansen. "Ob es uns passt oder nicht." Doch aktuelle wissenschaftliche Studien über die Szene gibt es nicht. Als Treffpunkte der jungen Okkultisten, meist Gymnasiasten, fungieren die einschlägigen "schwarzen" Discos, die Accessoire- und Tattoo-Läden wie der "666"-Shop in Essen oder das "Near Dark" in Dortmund. Der Markt für okkultes Zubehör wie Pentagramm-Anhänger, Plastik-Totenköpfe, Ritualmesser oder schwarze Roben wächst ständig. Informationen werden über das Internet und über Fan-Magazine wie "Legacy" oder "Gothic" ausgetauscht, Bekanntschaften über die Kleinanzeigen geknüpft: "Pechschwarzer Vampir sucht Prinzessin der Finsternis..." Wer sich im Internet bei einer Satanisten-Adresse einklinkt, landet auch schnell bei harter Pornografie, Sado-Maso-Sex und Mord-Seiten, auf denen echte Tötungen zu sehen sind. Als neueste Entwicklung beobachtet der Satanismus-Experte Christiansen eine zunehmende "Versektung" der Szene. So empfehlen einige Gothic- und Metal-Musiker ihren Fans inzwischen den Eintritt bei der kalifornischen "Church of Satan" des 1997 verstorbenen Exzentrikers Anton Szandor LaVey, eines erklärten Crowley-Jüngers. Und die Fans folgen. Die "Church" spielt in der schwarzen Szene in Deutschland inzwischen eine Rolle wie die NPD bei den Rechtsradikalen. Auch die 17-jährige Anja aus Recklinghausen, die vor dem Landgericht Bochum auf den Einlass zum Prozess wartet, fiebert schon ihrer Aufnahme entgegen. "Wenn ich 18 bin, trete ich bei der Church ein", sagt sie. Anja hat bereits LaVeys weiß auf schwarz gedruckte "Satanische Bibel" und seine "Satanischen Rituale" verschlungen. Seit die beiden Bücher 1999 auf Deutsch auf den Markt kamen, sind sie die Renner in der Szene. Auch Manuela und Daniel Ruda bezogen ihr Wissen über den Teufel vor allem von Anton Szandor LaVey. "Die ständige Beschäftigung mit diesem Gedankengut hat die Hemmschwelle vor einer Tötung deutlich herabgesetzt." Dieser Satz, der auch auf die Wittener Mörder passen würde, stammt aus einem anderen "Satansmord"-Prozess. 1993 hatten drei Jugendliche, die sich "Kinder des Satans" nannten, im thüringischen Sondershausen einen Mitschüler getötet. Hendrik Möbus, einer der Täter, ist in der schwarzen Szene inzwischen zur Kultfigur aufgestiegen. "Für mich ist der Nationalsozialismus die vollkommenste Synthese aus satanischem luziferischem Willen zur Macht, verbunden mit arisch-germanischem Heidentum", verkündet Möbus, der seit letztem Jahr wegen rechtsradikaler Propaganda wieder im Gefängnis sitzt. Er ist zum Protagonisten einer neuen, gewalttätigen Szene geworden, die Satanismus und Rechtsextremismus verschmilzt und unter dem Label "NS Black Metal" firmiert. Er wurde zum Idol der Härtesten der Harten. Auch Manuela und Daniel Ruda wollten stark sein. Sie bewunderten Hendrik Möbus, Varg Vikernes und den amerikanischen "Satansmörder" Charles Manson. Manuela reiste nach Norwegen, um sich dort abgebrannte Kirchen anzuschauen. Direkt nach dem Mord fuhren beide nach Sondershausen, um das Grab des ermordeten Jungen zu schänden. "Daniel fühlte sich wie Gott", sagt ein früherer Kumpel vor Gericht. "Und er wollte immer so berühmt werden wie Charles Manson." Es ist nicht leicht gewesen, berühmt zu werden. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert, jemanden umzubringen", hat Manuela Ruda im Verhör angegeben. Aber jetzt stehen sie und ihr Ehemann im Scheinwerferlicht. Wie Hendrik Möbus. Nur anders. Manuela und Daniel Ruda haben die Radikalisierung der Satansszene wieder ein Stück weitergedreht. Vor der Tür des Gerichtssaals in Bochum wartet ein junges Mädchen, ganz in Schwarz. Warum ist sie gekommen? "Rudas sind Kult", sagt sie |
Frank Nordhausen über
die "Satansmörder von Witten
| Pressemitteilung der AJS
NRW zum Jugendsatanismus [vermutlich vom 29.1.2002]:
AJS warnt vor Dramatisierung des Jugendsatanismus Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) Landesstelle Nordrhein-Westfalen, Jürgen Jentsch MdL, hat sich gegen eine Dramatisierung des Jugendsatanismus gewandt. Im Zuge des Bochumer Satanistenprozesses gegen das Ehepaar Ruda werde der sogenannte Jugendsatanismus in den Medien immer wieder gleichgestellt mit den hierarchisch stark strukturierten und ritualisierten Formen satanistischer Praktiken Erwachsener. "Jugendlicher Satanismus ist demgegenüber oftmals Ausdruck jugendlichen Protestverhaltens oder auch die Suche nach intensiven Sinneseindrücken. Beides ist jedoch nicht mit den zweifellos problematischen Formen des Erwachsenensatanismus vergleichbar", sagte Jentsch heute in Köln zu der öffentlichen Diskussion. Man solle den Jugendsatanismus nicht unterschätzen, ihn aber auch nicht unnötig dramatisieren. Es bestehe die Gefahr, daß jungen Menschen mit dem Etikett "Satanismus" die Möglichkeit genommen wird, sich wieder in die Gesellschaft einzufinden. Jentsch fordert daher zu einer sehr differenzierten Betrachtungsweise einzelner Phänomene und Verhaltensweisen Jugendlicher auf und wandte sich gegen pauschale Zuschreibungen. ?Gerade in diesem Bereich haben wir es mit einer Fülle unterschiedlicher Phänomene und Beweggründe zu tun. Es macht wenig Sinn, diese Vielfalt und Komplexität auf eine griffige, aber häufig falsche Schlußfolgerung zu reduzieren". gez. Jan Lieven (AJS) Bei Fragen wenden Sie sich
bitte an den zuständigen Fachreferenten bei der
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