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Sathya Sai Baba
 
 
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  • "offizielle Homepage der Sathya Sai Organisation Deutschland": www.sathyasai.de

 
 
In der Literaturliste der AGPF ist erwähnt: 
Tal Brooke: Sathya Sai Baba - Avatar der Dunkelheit - Die verborgene Seite seines Lebens 
Eine Privatübersetzung wird derzeit für das Internet vorbereitet. 
Es handelt sich um die Taschenbuchausgabe (rechte Abbildung) von 1982. Titel: The Hidden Story of Sai Baba - Avatar of Night, ISBN 0-7069-1483-X. 
Die Originalausgabe (linke Abbildung) von 1979 mit dem Titel Sai Baba - Lord of the Air ISBN 0-7069-0792-2 scheint bis auf das Vorwort identisch zu sein.
Tal Brooke ist Gründer und Präsident des  Spiritual Counterfeits Project SPC. Eine englische Ausgabe des Buches kann dort bestellt werden:

 
 

Über 110 Bücher und Broschüren von und über Sai Baba zum Gesamtpreis von über 1.500.- DM werden derzeit über die "offizielle Homepage der Sathya Sai Organisation Deutschland" angeboten.
Das "regelmäßige Studium der Sai Literatur" gehört zu den "Verhaltensregeln", an die sich "jedes Mitglied der Organisation  ... hält".
Außerdem werden in der Website Kurse und Unterweisungen angeboten.
Zum Beispiel eine "Kinder- und Jugendgruppe" zwecks  Vermittlung der "Sathya Sai Erziehung".

"Zentrum aller Aktivitäten ist Sathya Sai Baba", "Mensch und Gottmensch".
Dieser habe vier Prinzipien festgelegt:

   „Es gibt nur einen Gott, er ist allgegenwärtig.
   Es gibt nur eine Religion, die Religion der Liebe.
   Es gibt nur eine Kaste, die Kaste der Menschheit.
   Es gibt nur eine Sprache, die Sprache des Herzens.“
In der Eingangsseite heißt es: "Alle Aktivitäten sind kostenfrei".
Der erwähnte Kurs für Kinder und Jugendliche und andere Angebote sind dennoch kostenpflichtig.
 
 
 
taz vom 30.7.2001, TAZ-Bericht SVEN HANSEN, taz-Serie: designerreligionen


Ein Guru für alle Fälle

Das Singen von heiligen Liedern erhebt die Anhänger des indischen Gurus Sathya Sai Baba wie Lotosblüten aus dem Sumpf. Sie verehren ihn, weil er sie nicht zur Abkehr von ihrem bisherigen Glauben auffordert. Er ist der Gott ihrer jeweiligen Religion
von SVEN HANSEN 

Gottes selbst ernannte Verkörperung auf Erden hat ihren Zweitwohnsitz in einem Industrievorort der südindischen Metropole Bangalore. Denn hier in Whitefield residiert der Guru Sathya Sai Baba in den heißen Monaten. 16 Kilometer außerhalb des Zentrums der Softwarestadt hat der spirituelle Führer von Millionen Menschen seinen Sommer-Ashram. Zehntausende pilgern hierher, um zu singen, zu meditieren, neue Kraft zu tanken. 

Vor dem Ashram verkaufen Anwohner Sai-Baba-Poster, Meditationskissen, weiße Baumwollkleidung. Das ummauerte Gelände betreten Männer durch den rechten Eingang, Frauen durch den linken. Zwei rosa vierstöckige Wohnhäuser für Anhänger und Schüler erinnern mit ihren blauweißen Kuppeln an eine künstliche Walt-Disney-Welt. Über einem Eingang sind kreisförmig die Symbole der großen Weltreligionen angebracht. Bei Sai Baba soll jeder seinem bisherigen Glauben treu bleiben, aber - seinen Regeln folgen. Statt missionarisch Abkehr von anderen Religionen zu fordern, stülpt er seine Lehre darüber. Seine Anhänger schätzen die von ihm behauptete Einheit und Gleichwertigkeit der Religionen. 

Am Hauptplatz des Ashrams steht eine grauweiße Halle. Davor sitzen auf dem Boden geduldig Devotees, wie des Gurus Anhänger genannt werden, und warten auf Einlass - rechts die Männer, links die Frauen. Nach Metalldetektorkontrolle geht es barfuß in die Halle, wo sich die Jünger auf schwarzweißen Marmorkacheln niederlassen. An der Stirnseite hängen riesige Bilder des Meisters, der mit seinen langen Afrolocken aussieht wie ein aufgedunsener Jimi Hendrix. Die Bilder zeigen ihn stehend in langem, gelbem Gewand, sitzend oder winkend. Uniformierte indische Sai-Baba-Schüler betreten die fast volle Halle. Etwa drei Viertel der Anwesenden stammen aus Indien, der Rest kommt aus der ganzen Welt. Langhaarige Freaks aus Nordamerika sitzen neben skandinavischen Rentnern mit Opernglas und japanischen Yuppies. Sehnsüchtig blicken alle auf die Tür, durch die Er kommen muss. 

Mit einem langen "Om" bringen sich die 2.000 Menschen in Stimmung. Die Bhajans, die heiligen Gesänge, sind schon voll im Gange, als der von allen "Swami" genannte Guru die Halle betritt. Er ist kleiner, älter und müder als auf den Postern. Sein orangefarbenes Gewand schleift über den Boden, als er auf seinen Thron zusteuert. 40 Minuten sitzt er dort, bewegt nur langsam die rechte Hand, während seine Anhänger im Rhythmus zu Trommeln und Akkordeon klatschen und singen, bis sie völlig durchgeschwitzt sind oder nur andächtig mit geschlossenen Augen im Lotossitz hocken. 

Mit einem Glockenschlag endet die Musik. Sai Baba erhebt sich und entzündet eine Öllampe. Der Meister ist längst davongeschlichen, als die Menge Minuten später zu sich kommt. "Die Flamme dient der Reinigung", erläutert Rolf aus Berlin-Kreuzberg, der schon zum dritten Mal hier ist, als die 15 Minuten der Stille vorbei sind. "Für mich hat das Singen befreiende und spirituelle Kraft." 

Die Lehren des Gurus und die von seinen Anhängern empfundene Kraft der Gesänge und Meditationen haben in der Bundesrepublik nach Angaben der deutschen Sathya-Sai-Organisation mittlerweile 30.000 Anhänger. Die erste Gruppe wurde in Deutschland 1978 gegründet. Heute gibt es 15 Zentren und 38 Gruppen mit 600 fest organisierten Mitgliedern. 

Das Berliner Zentrum befindet sich in einer Fabriketage in der Kreuzberger Oranienstraße. An einer Pinnwand hängt ein Spruch des Meisters: "Das Feuer ist im Holz versteckt und Gott im Menschen." Daneben hängt Werbung für einen Direktflug nach Bangalore und ein Zettel: Devotee sucht Wohnung. "Einen Guru zu haben ist wie ein Gefühl des Vertrauens", sagt Fritz, der jeden Donnerstagabend zum Singen der Bhajans hierher kommt. Der 62-jährige ehemalige Forstwissenschaftler ist seit einem Schlaganfall vor 13 Jahren halbseitig gelähmt. Durch Sai Baba habe er wieder Kraft gefunden. Immer an Weihnachten fährt er in den Ashram nach Indien. "Sai Baba gab mir die Antwort auf die Frage, wo komme ich her, wo will ich hin", glaubt Fritz. "Ich sehe in Sai Baba Gott wiedergeboren, und der will mich zu sich holen." 

Als Naturwissenschaftler sei er zunächst sehr skeptisch gewesen, sagt Fritz. Doch dann habe er in einer Versammlung mit hunderten von Leuten im Ashram das Gefühl gehabt, Sai Baba gebe ihm ganz persönlich ein Zeichen. "Nachdem ich Sai Baba kennen gelernt hatte, habe ich mich wieder für meine evangelische Kirche interessiert", erinnert sich Fritz. Er sei sogar in den Kirchenvorstand berufen worden, obwohl der Pfarrer Sai Baba kritisch beurteile. Doch wenn er den Pfarrer frage, ob er an die Wiederkunft Jesu Christi glaube, komme der ins Schleudern. 

Für Fritz ist Sai Babas Lehre einfach: "Es gibt nur einen Gott, er ist allgegenwärtig. Es gibt nur eine Religion, die Religion der Liebe. Es gibt nur eine Sprache, die Sprache des Herzens. Es gibt nur eine Kaste oder Rasse, die Kaste oder Rasse der Menschheit. Und es gibt nur ein Gesetz, das Gesetz des Karmas", zitiert Fritz sinngemäß die Kernlehre. "Dieses Gesetz hat auch Jesus gelebt." 

In der weiß getünchten Fabriketage nehmen die Männer wieder rechts und die Frauen links Platz. Die meisten hocken auf dem Boden, doch hinten gibt es auch Stühle. In der Ecke, auf die alle Blicke gerichtet sind, hängt über einem Altar mit Kerzen und frischen Blumen ein großes Poster von Sai Baba in weißem Gewand. Daneben zur Linken ein Marienbild, zur Rechten steht ein Sessel. Darin hängt schlaff ein orangerotes Gewand, wie es Sai Baba trägt. 

"Wir sind eine Gemeinschaft ohne finanzielle Zwänge. Die Erziehung zu menschlichen Werten ist zentral: Liebe, Frieden, Gewaltlosigkeit, Rechtschaffenheit, göttliche Gesetze", erläutert Helmut, ein Rechtsanwalt, Sai Babas Lehre aus seiner Sicht. "Wenn diese Werte gelebt werden, gibt es Herzensbildung." Eine Verbindung des kühlen Intellekts des Westens mit der Weisheit des Ostens, eben die Herzensbildung, könne den Menschen großen Fortschritt bringen. Das Singen heiliger Lieder erhebe ihn wie eine Lotosblüte aus dem Sumpf, sagt Helmut. "Sai Baba lehrt uns, dass wir das Göttliche in uns erkennen müssen." Die Entwicklung führe vom Eigen- über das Gemeinschafts- zum göttlichen Bewusstsein, bedeute Einheit von Gedanke, Wort und Tat. 

Der Abend beginnt mit drei "Om" und drei Mantras. Ein Mann liest aus dem Buch des Gurus, "Sai Baba für dich und mich": "Ich bin eure Mutter und euer Vater. Ihr seid meine Kinder, einige von euch schlafen aber noch." Danach wird gebetet: "Geliebter Swami, damit wir die Glückseligkeit erfahren, die wir sind, lass uns in jeder Sekunde deine Führung erfahren, lass uns deine Werkzeuge sein." An diesem Tag ist ein hinduistischer Feiertag, und man singt nur Bhajans in indischen Sprachen, deren Übersetzungen im Gesangbuch stehen. Sonst werden auch christliche, jüdische oder muslimische Lieder angestimmt. 

Die von Gitarre, Trommel und einem Harmonium begleiteten Lieder singt eine Person vor, dann folgt der fünfzigköpfige Chor: "Oh, Sathya Sai, du bist der liebende Ursprung aller Religionen, deine kosmische Form beinhaltet das ganze Universum." Etwa nach der Häfte jedes Lieds wird das Tempo erhöht, und es wird mitgeklatscht: "Sei gegrüßt, Sai, Mutter aller Wesen. Sieg sei dem göttlichen Guru! Jubelt ihm zu und singt und rezitiert beständig den lieblichen Namen des Herrn: Sathya Sai Baba, Rama Krishna, Shiva und Hari." 

Auf die Frage, wie er als aufgeklärter Europäer solche Lieder singen und überhaupt einen Guru um Führung bitten könne, sagt Helmut: "Führung ist gut, göttliche Führung sogar sehr gut. Führung ist wie eine Ausbildung, ein Lehrer." Es sei klug, sich gut führen zu lassen, man bitte doch auch Christus, einen zu führen. Als Beispiel der Weisheit seines Gurus kritisiert Helmut, der sich als ehemaliger Anhänger der Grünen outet, die Politik der grünen Verbraucherschutzministerin Renate Künast: "Sai Baba sagt, die ganze Agrarwende ist Lug und Trug. Denn die Tiere werden getäuscht, weil sie ja doch geschlachet werden sollen. Deshalb empfiehlt Sai Baba nur vegetarische Kost. Fleisch essen ist Sünde, Fisch ein Fehler, vegetarische Kost erhebt." 

In seinen Ashrams beeindruckt Sai Baba immer wieder mit so genannten Materialisationen, kleinen Wundertaten mit zum Beispiel heiliger Asche. Kritiker bezeichnen dies als billige Zaubertricks. Doch Ludmilla ficht das nicht an. Die 50-jährige Handelskauffrau russich-orthodoxen Glaubens ist von Sai Baba begeistert: "Jesus hat doch auch viele Wunder vollbracht, die niemand glauben wollte." 

Vergangenes Jahr wurde Sai Baba vorgeworfen, sich an jungen männlichen Anhängern sexuell vergriffen zu haben. Im Internet veröffentlichten ehemalige Anhänger entsprechende Beschuldigungen. Das führte dazu, dass in Indiens Presse über den wegen seiner großzügigen Spenden für Schulen und Krankenhäuser geachteten und aufgrund seiner politischen Verbindungen kaum angreifbaren Guru erstmals kritisch berichtet wurde. Doch die vorgeworfenen Delikte sind schwer zu beweisen, und Sai Baba schweigt. "Die Irritation unter den Anhängern ist gering gewesen", meint Gabriele Göbel, Landeskoordinatorin der Sathya-Sai-Organisation Deutschland. Die Vorwürfe stammen von Menschen, "deren Erwartungen bezüglich persönlicher Zuwendungen nicht erfüllt oder deren Wünsche nicht in dem von ihnen erwarteten Maß berücksichtigt wurden". Auch Abnabelungsprozesse spielten eine Rolle. 

Dies wäre unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Vorwürfe ein Indiz für die psychische und mentale Abhängigkeit, vor der Sektenberater der Kirchen im Umgang mit Gurus warnen. Sicher bestehen solche Gefahren, deren Ausmaß stark von der Persönlichkeit des Anhängers abhängt. Gurus wie Sai Baba sprechen die in der Gesellschaft eben auch vorhandenen spirituellen Bedürfnisse an. Im Vorderhaus des Berliner Zentrums verkauft die Kneipe "Bierhimmel" Spirituosen - im Hinterhof gibt es Sai Babas Spiritualität. 

taz Nr. 6509 vom 30.7.2001, Seite 15, 329 TAZ-Bericht SVEN HANSEN, taz-Serie: designerreligionen



Bernhard Brünjes:

SATHYA SAI BABA

Zunächst möchte ich in allgemeinen Erläuterungen kurz auf den Hinduismus und Guruismus eingehen.

Mit dem Begriff Hinduismus wird in der westlichen Welt gewöhnlich die Hauptreligion Indiens bezeichnet. Das Wort Hindu ist von sindhu der Sanskrit-Bezeichnung für den Fluss Indus abgeleitet. Als die Priester nach Vorderindien kamen, nannten sie die am Indus lebenden Menschen Hindus.
Erst seit dem 19.Jahrhundert wurde der Begriff Hindu im wesentlichen zur Kennzeichnung der Religionszugehörigkeit gebraucht.

Als Ursprung des Hinduismus gilt die vedische Religion. In der Spätphase der vedischen Religion entsteht die Lehre vom Karma und  Reinkarnation. Ausserdem gilt das Interesse mehr und mehr der Frage nach der Erkenntnis und nach dem Wissen und die Zusammenhänge von brahman –der Weltenseele-  und atman –dem individuellen ewigen Selbst des Menschen-.

Ein weiteres Kennzeichen der hinduistischen Religionen ist ihr Reichtum an Göttern und Göttinnen –insgesamt mehr als 3.000, von denen sich Brahma (der Schöpfer),  Vishnu (der Bewahrer) und Shiva (der Zerstörer) als Hauptgottheiten herausgebildet haben.

Für die Hindus sind die praktischen Wege, die der Hinduismus weist, die wichtigsten Ausgangspunkte in ihrem religiösen Glauben, um zur Erleuchtung und schliesslich zur Erlösung zu kommen.

Meditation, Askese und Yoga sowie rituelle Guru- und Götterverehrung sind die Möglichkeiten einen gangbaren Weg auszuwählen, um das Ziel durch eigene Anstrengungen zu erreichen.

Fast alle Gruppen mit hinduistischem Hintergrund weisen als charakteristisches Merkmal eine zentrale Gestalt auf, um die sich das Leben und Glauben der Anhänger dreht: dem GURU.
Der Begriff Guru wird in der Guru-Gita der „heiligen Schrift des Guruismus“ wie folgt erklärt:
Die erste Silbe Gu bedeutet Dunkelheit; die zweite ru Licht. Der Guru ist also ohne Zweifel Brahma, der alle Finsternis vertreibt.

Eine einfachere Erklärung wäre wohl spiritueller Lehrer.

Bis Ende des 19.Jahrhunderts wurde der Hinduismus als ethnische Religion verstanden. Aber seit dem Auftreten missionierender Gurus muss diese Meinung relativiert werden.
In den 20er und 30er Jahren befassten sich viele Intellektuelle mit den Themen wie Karma und Reinkarnation, Yoga, Meditation und östliche Philosophie. Dem Westen brachten die 60er Jahre einen regelrechten Ansturm indischer Yogis und Gurus, die in der drogenerfahrenen Hippie- und  Flower-Power-Epoche mit Bewusstseinsveränderung und  Erleuchtung weit offene Ohren fanden.

Gurus bilden normalerweise klösterliche Wohngemeinschaften, den Ashrams, in denen die Devotees (Anhänger) zusammenleben. Für Interessenten besteht häufig die Möglichkeit, sich einige Zeit in einem Ashram aufzuhalten, um den betreffenden Guru und seine Tradition kennenzulernen.
Hat sich ein Suchender entschlossen, bei einem Guru zu bleiben und ist die gegenseitige Prüfung positiv verlaufen, wird der Interessent als Schüler aufgenommen. Nach einer Zeit der Eingewöhnung erhält der Schüler seine Initiation. Der Guru übergibt in einer Zeremonie (an der kein anderer teilnimmt) ein zu seiner Überlieferungslinie gehörendes Mantra.

Durch ständiges wiederholen des Mantras bei der Meditation, kann der Schüler Kontakt mit der Gottheit, die in dem Mantra codiert ist, aufnehmen. Im Laufe der Zeit soll die Mantra-Meditation den Schüler, den Guru und die Gottheit eine Einheit werden lassen.

Wenn der Guru für den Schüler die Verkörperung des Höchsten Seins in der Welt ist, ihm Leben schenkt, die Sünden  vergibt, Karma abbaut und Erlösung garantiert, kann er natürlich von seinem Schüler auch Alles verlangen. In einschlägigen Schriften wird deshalb immer wieder hervorgehoben, dass es die Aufgabe des Schülers sei, all seine Gedanken, Worte und Aktivitäten ständig auf den Guru auszurichten und in dessen Dienst zu stellen.

Der einflussreichste Guru Indiens dürfte wohl der als Avatar (Verkörperung einer Gottheit) verehrte Bhagavan Sri Sathya Sai Baba, geb. 1850 verstorben 1918, gewesen sein.

Als Wiederverkörperung dieses in Indien allseits verehrten Sai Baba von Shirdi, eines volkstümlichen Wundertäters und Heiligen, erklärt sich die wohl erfolgreichste Persönlichkeit der indischen Gurus Sathya Sai Baba (wobei  Baba für göttlicher Vater steht).

Er wurde 1926 in einer Bauernfamilie geboren. Schon die Geburt solle von merkwürdigen Zeichen begleitet gewesen sein. So sollen im Hause aufgehängte Musikinstrumente von allein zu spielen begonnen haben und unter der Liege des Neugeborenen ringelte sich eine Kobra ohne dem Kind etwas zu tun.

Die Schulzeit beendete er als 14jähriger. Obwohl klüger als seine Lehrer und mit göttlichen Fähigkeiten ausgestattet, ist von irgendwelchen qualifizierten Schulabschlüssen nichts bekannt.
Das Jahr 1940 markiert für die Baba-Gläubigen einen weiteren Höhepunkt auf dem Wege des Gurus.
Er hat sich von seiner Verwandtschaft losgesagt und seine Rolle als Familienmitglied mit den Worten beendet: „Ich gehe jetzt; ich gehöre nicht mehr zu Euch. Ich muß meine Aufgabe erfüllen; meine Devotees warten auf mich.“ Als der Vater um ein Zeichen der Echtheit seiner Behauptungen verlangte, liess er sich eine Handvoll Jasminblüten geben, die er in die Luft warf. Auf den Boden gefallen, sollen diese dann den Namenszug SAI BABA gebildet haben.

1950 wurde der Ashram Prashanti Nilayam (Wohnstätte des Friedens) gegründet.

1961 rief Sai Baba die Sathya Sai Ära aus.

1968 erklärte Baba, dass es seine Mission sei, den spirituellen Glanz Indiens wiederherzustellen; er wolle in seinen Anstrengungen nicht nachlassen, bis dieses Ziel erreicht sei. Indien solle dabei jedoch nur als Zugpferd dienen, um schliesslich die ganze Menschheit spirituell zu erneuern.

1976 wurde die Sai-Religion offiziell als Essenz aller Religionen gegründet. Zentrum dieser Religion ist Puttaparthi im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh mit seinem Ashram Prahanti Nilayam, einem riesigen Tempelbau, Hospital, Schulgebäuden und einer Reihe von Gästequartieren, die mittlerweile Devotees aus der ganzen Welt besuchen. Den Devotees trägt Sathya Sai Baba jeweils auf: „Wenn Ihr, die Ihr Mitglieder der Sathya Sai-Organisation geworden seid, nach der Religion des Sathya Sai und seiner Organisation gefragt werdet, so solltet Ihr den Mut und die Entschiedenheit haben, mit einer Stimme zu sagen: Das Wesentliche aller Religionen ist die Religion der Sathya Sai-Organisation.“

Die Sathya Sai-Organisation will eine Plattform bieten, auf der das – von ihr so verstandene und propagierte – Wesentliche aller Religionen, die Liebe, durch die Ausrichtung auf den irdischen Baba erfahren werden könne, da dieser ja die Verkörperung der Liebe und des in den Religionen unter verschiedenen Namen verehrten einen Gottes sei. Keiner brauche also zu konvertieren, um Devotee der Sai-Religion zu werden.

Im Gegenteil: Moslems aus dem Mittleren Osten, Christen und Juden aus der Ersten, Zweiten und Dritten Welt, Buddhisten aus Südostasien strömen herbei, in Babas Gegenwart, um den Glauben an ihre eigene Religion zu festigen.

Ein Devotee der Sai-Religion soll neun Verhaltensregeln nach denen das Leben ausgerichtet ist, dem Code of Conduct für sich verbindlich anerkennen:
 
  • 1. Täglich meditieren und beten.
  • 2. Einmal in der Woche mit Familienmitgliedern singen oder beten.
  • 3. Teilnahme an den Erziehungsprogrammen, wie sie von der Organisation für Kinder
  •       durchgeführt werden.
  • 4. Mindestens einmal im Monat Teilnahme an den von der Organisation veranstalteten 
  •       devotionalen Programmen.
  • 5. Teilnahme am Dienst für die Gemeinschaft und anderen Programmen der Organisation.
  • 6. Regelmäßiges Studium der Sai-Literatur.
  • 7. Die Prinzipien zur ‚Einschränkung von Wünschen‘ leben und die dadurch erzielten Ersparnisse für den Dienst am Mitmenschen verwenden. 
  • 8. Sanft und liebevoll mit allen sprechen.
  • 9. Es vermeiden, schlecht über andere zu sprechen, vor allem in deren Anwesenheit.
Aus kritischer Sicht wird zu beachten sein:

Wenn sich Menschen aus dem Westen nach Indien aufmachen, um sich einen Guru zu suchen, oder sich einem der bei uns missionierenden Gurus anschliessen, können Probleme in vielfältiger Art auftreten.

Die auffälligsten äusseren Schwierigkeiten ergeben sich für einen Guru-Anhänger, der in seinem familiären Umfeld lebt. Die geforderte Speise- und Kleiderordnung, die im Hause durchgeführten Meditationsübungen oder fremdartige Rituale bilden oft ein ständiges Konfliktpotential.
Noch einschneidender wird die Problematik, wenn junge Menschen nicht, wie von den Gurus behauptet, zu kritischer Mündigkeit und Reife gebracht werden, sondern in absolute psychische und mentale Abhängigkeit zu ihrem Meister geraten.

Unter dem Einfluss der neuen Guru-Identität werden Lebensplanung und Lebensführung, werden Studium, Ausbildung oder Beruf oft radikal im negativen Sinne verändert.
Häufig verlieren die Guru-Anhänger den Sinn für die Realität.

Es ist sehr deutlich zu erkennen, dass das Guru-Phänomen der Moderne nicht einfach als Produkt der vaterlosen Gesellschaft des Westens erklärt werden kann. Wenn dem so ist, müssten die meisten Guru-Bewegungen im Westen entstanden sein. Es ist gerade umgekehrt. Die meisten Guru-Bewegungen sind in Indien entstanden, haben sich dort entwickelt und dann im Westen Ableger gebildet.

Die Sehnsucht nach dem Guru erklärt sich vordergründig aus der Suche nach lebendiger religiöser Erfahrung. Diese Sehnsucht gibt jedem Guru eine Chance, der die dazu erforderliche charismatische Persönlichkeit mitbringt. Es muss aber auch deutlich festgestellt werden, dass die Guru-Bewegungen nur in dem Maße eine Chance haben, wie die traditionellen Werte des Westens an Überzeugungs- und Bindekraft verloren haben. Erst das Zusammentreffen des östlichen Sendungsbewusstseins mit dem westlichen Krisenbewusstsein hat den Erfolg der Gurus ermöglicht.

Unter allen zeitgenössischen Gurus ist es Sathya Sai Baba am besten gelungen, in den bereitliegenden Mantel zu schlüpfen.
 

Quellennachweis:
Klöckner/Tworuschka, Handbuch der Religionen
VELKD-Arbeitskreis Religiöse Gemeinschaften, Handbuch religiöse Gemeinschaften
Friedrich-Wilhelm Haack, Guruismus und Guru-Bewegungen
Reinhard Hummel, Gurus in Ost und West



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