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Jugendliche in destruktiven religiösen Gruppen
Bericht der Landesregierung Rheinland-Pfalz über die sogenannten neuen Jugendreligionen, 1979
mit Ergebnissen einer Meinungsumfrage


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Der Bericht enthält keine Datumsangabe. Die Meinungsbefragung wurde im Dezember 1978 durchgeführt. Die Broschüre kann also erst 1979 erschienen sein.

Jugendliche in destruktiven religiösen Gruppen

Bericht der Landesregierung Rheinland-Pfalz über die sogenannten neuen Jugendreligionen
 

Vorgelegt vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport

Gliederung

1. Neue Jugendreligionen - Thema der Politik?
2. Destruktive religiöse Gruppen

2.1 Destruktive religiöse Gruppen im Zusammenhang mit neuen religiösen Bewegungen und Gruppierungen der Jugend
2.2 Die wichtigsten destruktiven religiösen Gruppen
2.2.1 "Vereinigungskirche“ und "Kinder Gottes“
2.2.2 "Transzendentale Meditation“ und "Scientology-Kirche“
2.2.3 "Hare Krishna“ und andere indische Gemeinschaften
2.2.4 Zusammenfassung und Bewertung
2.3 Die Situation in Rheinland-Pfalz
2.3.1 Aktivitäten destruktiver religiöser Gruppen
2.3.2 Einstellung junger Menschen zu den destruktiven religiösen Gruppen
3. Ursachen und Voraussetzungen für das Entstehen
3.1 Neue Zuwendung zur Religion
3.2 Verunsicherung über die Zukunftschancen
3.3 Forderung nach Sinnerfüllung in der Arbeit
3.4 Suche nach Gemeinschaft
3.5 Verhältnis zur Autorität
3.6 Autoritätsverlust infolge des Verlusts von Gemeinschaft
3.7 Gefahren
4. Mögliche Maßnahmen zur Bekämpfung der destruktiven religiösen Gruppen
4.1 Rechtliche Maßnahmen
4.1.1 Schranke der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit
4.1.2 Der rechtliche Schutz von Mitgliedern destruktiver religiöser Gruppen
4.1.3 Rechtliche Maßnahmen zum Schutze der Allgemeinheit
4.2 Beratung und Hilfe für den Einzelnen
4.3 Information der Öffentlichkeit
4.4 Aufgaben der Schule, der allgemeinen und beruflichen Bildung, der außerschulischen Jugendbildung
4. 5 Schlußbemerkung
Literaturübersicht

1. Neue Jugendreligionen - Thema der Politik?
 

Seit Anfang der 70er Jahre werben vor allem unter jungen Erwachsenen zwischen 18 und 26 Jahren eine Reihe bisher unbekannter religiöser Gemeinschaften, die zum größten Teil erst kurze Zeit bestehen. Diese Werbung fällt dadurch auf, daß sie anderer Art ist, als das öffentliche Auftreten der Kirchen und der bereits längere Zeit bestehenden Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Es geht diesen neuen Gruppierungen offenbar nicht in erster Linie darum, eine bestimmte Lehre oder Überzeugung zu vermitteln - einen Glauben, zu dem man sich bekennt und der bestimmend ist für das Leben des Glaubenden, der diesen aber nicht herausreißt aus seinen gesellschaftlich-sozialen Bezügen. Das Erscheinungsbild dieser Gruppierungen ist so, daß man sich fragt, ob es sich überhaupt in erster Linie um Glaubensgemeinschaften oder nicht vielmehr vor allem um Lebensgemeinschaften und Kampfgemeinschaften handelt. Jedenfalls steht das Bekenntnis zu einem Glauben nicht an erster Stelle, sondern voller persönlicher Einsatz und eine bestimmte Lebenspraxis, die allerdings religiös begründet und gefordert werden.
 

Das Wirken dieser Gruppierungen wurde anfangs oft positiv beurteilt. Manche sahen in ihnen die notwendige Gegenbewegung gegen politisch radikalisierende Gruppen der Jugend. Man glaubte, daß hier einigen Jugendlichen Halt und Sicherheit geboten werde. Eine Organisation der Scientology-Kirche, die Narconon, erhielt sogar für ihre Arbeit auf dem Gebiet der Drogenentziehung unter jungen Menschen vom Berliner Senat etwa eine Million DM. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die kritischen Stimmen, und zwar längst bevor der erschreckende Massenmord und Massenselbstmord der Volkstempelsekte in Guyana die Aufmerksamkeit der ganzen Welt erregte und in der Bundesrepublik zahllose Sendungen in Hörfunk und Fernsehen, aber auch Berichtsserien über Jugendreligionen in illustrierten Zeitschriften und Nachrichtenmagazinen veranlaßte. Schon vorher berichtete die Presse zunehmend über fragwürdige



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Praktiken einzelner dieser religiösen Gruppierungen. Gegen die "Hare Krishna“ wurde ein Sammelprozeß wegen Bettelbetrugs und ähnlicher Vergehen in Frankfurt geführt, in dem allerdings die Anklage in wesentlichen Punkten mangels Beweises eine Verurteilung nicht erreichen konnte; in Düsseldorf ist ein ähnliches Sammelverfahren gegen die "Kinder Gottes“ anhängig, eine Verbraucherschutzorganisation in Stuttgart ließ unseriöse Werbungs- und Beeinflussungsmethoden der "Scientology-Kirche“ gerichtlich unterbinden.
 

Im Deutschen Bundestag wurde von einzelnen Parlamentariern immer drängender die Frage nach den Aktivitäten und Wirkungen, nach der steuerlichen Behandlung und nach möglichen Maßnahmen gegen jugendgefährdende Tendenzen dieser religiösen Gruppen gestellt, vgl. die Frage des Abgeordneten Vogel (Ennepetal) (CDU/CSU) in der Fragestunde vom 20. Januar 1977, die Frage des Abgeordneten Fiebig (SPD> in der Fragestunde vom 9. Februar 1977, die erneute Frage des Abgeordneten Vogel (CDU/CSU) in der Fragestunde vom 24. März 1977, die Frage des Abgeordneten Kroll-Schlüter (CDU-CSU) in der Fragestunde vom 22. September 1978 und die Frage des Abgeordneten Dr. Meinecke (Hamburg) (SPD) in der Fragestunde am 19. Oktober 1978. Auch in der Kleinen Anfrage der Abgeordneten Gerster und Fink (SPD) des Landtags Rheinland-Pfalz wurden diese Probleme aufgegriffen. In seiner Antwort hat der Minister für Soziales, Gesundheit und Sport darauf hingewiesen, daß die Anziehungskraft der sogenannten "Jugendreligionen“ auf viele Jugendliche sich dadurch erklären lasse, "daß Jugendliche einen Verlust von Werten, von gelebten Grundhaltungen und auch von echter menschlicher Gemeinschaft spüren, der zu geistiger Orientierungslosigkeit führen kann. Sie suchen nach Innerlichkeit und neuer Religiosität, zugleich aber auch nach Geborgenheit in einer als verbindlich erfahrenen engen Gemeinschaft. Deshalb könne diesen Gruppierungen nur begegnet werden, wenn alle, die mit der Erziehung und Bildung Jugendlicher betraut sind, den jungen Menschen Hilfestellung bei der Gestaltung sinnvollen Lebens geben, sie zu personalen mitmenschlichen Beziehungen befähigen und sie zur Verantwortung, Reife und Urteilsbereitschaft führen".



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Aufsehen erregte vor allem eine Dokumentation über die Auswirkungen der Jugendreligionen auf Jugendliche in Einzelfällen, die die Aktion für geistige und psychische Freiheit - Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen - durch ihre Sprecher, dem Bundestagsabgeordneten Friedrich Vogel (Ennepetal) (CDU/CSU) und dem Ministerialrat Dr. Klaus Karbe in Bonn im Februar 1978 vorlegen ließ. Diese Dokumentation schildert in einer Vielzahl von Einzelfällen verhängnisvolle Auswirkungen und Praktiken der "Vereinigungskirche“, der "Kinder Gottes“ und der "Transzendentalen Meditation“. Sie belegt, daß Mitglieder in solchen Gruppierungen in eine starke psychische Abhängigkeit von ihrer Gemeinschaft geraten, die ihnen eine Lösung aus eigener Kraft meist nahezu unmöglich macht. Da die "Vereinigungskirche“ und die "Kinder Gottes“ von ihren Mitgliedern auch ein Zusammenleben in Wohngemeinschaften unter Aufgabe ihres bisherigen Berufs oder ihrer Ausbildung verlangen, kommt hierzu auch noch eine wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit, die die Macht der religiösen Gruppe über den einzelnen fast unbegrenzt sein läßt. Die Methoden der Beeinflussung führen zu psychischen Störungen mit oft schwerem Krankheitswert und in manchen Fällen zu jahrelang fortwirkenden psychischen Schädigungen. Die Beeinflussung ist so massiv, daß selbst Mitglieder, die sich aus eigener Kraft schon nach kurzer Zeit wieder aus der Lebensgemeinschaft der religiösen Gruppe lösen, noch unverhältnismäßig lange unter Selbstvorwürfen, psychischer Labilität und Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu leiden haben. In vielen Fällen verletzen die Praktiken dieser religiösen Gruppierungen bei der Werbung neuer Mitglieder und bei der Beeinflussung der Geworbenen grundlegende Werte unserer Gesellschaft, ja die Menschenwürde. Damit ergibt sich die Legitimation und die Verpflichtung der politisch Verantwortlichen, sich zu fragen, was zum Schutze der jungen Menschen vor solchen Beeinflussungen getan werden kann.
 



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2. Destruktive religiöse Gruppen

2.1 Destruktive religiöse Gruppen im Zusammenhang mit neuen religiösen Bewegungen und Gruppierungen der Jugend
 

Sehr bald, nachdem neue Religionsgemeinschaften, die ihre Anhänger vor allem unter jungen Menschen werben, Anfang der 70er Jahre in Deutschland aufzutreten begannen, haben einzelne auf die damit für die Entwicklung der jungen Menschen verbundenen Gefahren aufmerksam gemacht. In diesem Zusammenhang war es wohl der bayerische evangelische Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, der als erster den Begriff "Neue Jugendreligionen“ prägte (Friedrich-Wilhelm Haack, Die neuen Jugendreligionen, unterdessen 16. Auflage, München 1978). Dieser Begriff ist für eine Charakterisierung und Abgrenzung jedoch unzulänglich. Diese Religionsgemeinschaften wenden sich nicht nur an Jugendliche, und ihre Gründer oder Führergestalten haben oft ein beträchtliches Alter. Daß sie vor allem junge Menschen ansprechen, ist nicht in ihrem Programm oder ihrer Lehre vorgezeichnet, sondern liegt daran, daß junge Menschen empfänglicher sind für das, was ihnen als "Alternative“ zu den "etablierten Religionen“ gegenübertritt, aber auch daran, daß sie am ehesten den Elan und die Opferbereitschaft aufbringen, die diese Religionsgemeinschaften fordern. Neue und radikale religiöse Gruppen haben auch in vergangenen Jahrhunderten zunächst meist junge Menschen angesprochen. Ihre Altersstruktur änderte sich dann, sobald sie selber eine Reihe von Jahrzehnten bestanden. Auch macht der Begriff nicht deutlich, worin die Gefährlichkeit dieser Religionsgemeinschaften liegt. Die "Neuen Jugendreligionen“ sind im Gesamtzusammenhang einer großen Zahl von neuen religiösen Bewegungen und Gruppierungen der Jugend zu sehen, von denen viele keinerlei Anlaß zu kritischer Bewertung geben.
 

Auch der Begriff "Jugendsekten“, der oft verwendet wird, ist zur begrifflichen Klärung wenig geeignet. Die Klassifizierung einer religiösen Gemeinschaft als Sekte, Kirche,



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Weltanschauungsgemeinschaft oder Religionsgemeinschaft muß dem theologischen Urteil vorbehalten bleiben. Es könnte sonst der Eindruck entstehen, der Staat wende sich gegen das, was landläufig als "Sektierertum“ aufgefaßt wird. Sicher ist es begreiflich, daß Eltern, Verwandte und Freunde auch dann besorgt sind, wenn junge Menschen einer Sekte mit einer sich absolut setzenden, ausschließlichen Heilslehre verfallen und sich gleichzeitig von allen anderen Auffassungen mit Entschiedenheit abgrenzen. Aber das Recht des jungen Menschen, dies zu tun, muß im Prinzip unangetastet bleiben. Es ist Ausfluß der im Grundgesetz verbürgten Religionsfreiheit.
 

Was die Aufmerksamkeit des Staates verlangt, ist ausschließlich die Tatsache, daß verschiedene dieser neu auftretenden religiösen Gruppen Methoden der Mitgliederwerbung, der weiteren Beeinflussung und Ausnutzung der jungen Menschen mit dem Ziel der Begründung eines totalen Abhängigkeitsverhältnisses benutzen, die mit dem grundlegenden Wertsystem unserer Gesellschaft nicht in Einklang zu bringen sind. Es geht dabei um Lüge, Drohung und Nötigung, auch um sexuellen Mißbrauch, um psychische und physische Körperverletzung, wie aus den Berichten von Eltern und ehemaligen Mitgliedern immer wieder deutlich wird. Die Folgen für den einzelnen jungen Menschen können verheerend sein. Es kommt zu einem Abbruch erfolgreich begonnener Bildungswege, zu einer Abknickung in der geistig-seelischen Entwicklung der Persönlichkeit, zu Realitätsverlust bis hin zu völliger Realitätsblindheit. Die Folge ist, daß der junge Mensch, wenn er die religiöse Gruppe verläßt oder von ihr als für ihre Zwecke nicht mehr brauchbar ausgestossen wird, sich im Leben nicht mehr zurechtfindet, hilfebedürftig bleibt oder lange psychiatrischer Behandlung bedarf. Es sind also die destruktiven Wirkungen religiöser Gruppen auf junge Menschen, die die Aufmerksamkeit des Staates erfordern, nicht ihre religiöse Einseitigkeit oder "sektiererische Enge“. In den Vereinigten Staaten von Amerika werden



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sie deshalb "destructive cults“ genannt. Klaus Karbe, der Sprecher der "Aktion für geistige und psychische Freiheit - Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen“ spricht von "destruktiven religiösen Gruppen“. Dieser Begriff soll auch hier im folgenden verwandt werden.
 

Damit soll nicht gesagt sein, daß alle genannten Vorwürfe jeder der in diesem Zusammenhang erwähnten religiösen Gruppierungen gemacht werden können. Ihr Vorgehen ist in vielen Einzelheiten durchaus unterschiedlich. Es sind auch nicht alle in diesem Zusammenhang meist erwähnten religiösen Gruppierungen für junge Menschen in gleichem Ausmaß gefährlich. Es geht zunächst allein um die Tatsache, daß destruktive Wirkungen auf junge Menschen nachgewiesen werden können.
 

Das Umfeld der destruktiven religiösen Gruppen ist außerordentlich vielgestaltig. Nicht nur, daß diese Gruppen einzuordnen sind in den Gesamthorizont eines neuen religiösen Interesses und neuer religiöser Bewegungen der Jugend. Es ist auch nicht möglich, die destruktiv wirkenden religiösen Gruppen exakt abzugrenzen und erschöpfend auf zuzählen. Dies liegt schon daran, daß keine Religionsgemeinschaft vollständig frei von der Gefahr ist, im Einzelfall auch destruktive Wirkungen auszulösen. Die Religionsgeschichte gibt hier zahllose Beispiele.
 

Es geht also lediglich darum, aufzuzeigen, bei welchen religiösen Gruppierungen diese destruktiven Wirkungen, insbesondere auf junge Menschen, vor allem ins Auge fallen und gewissermaßen typisch sind und zum Teil sogar durch verwerfliche Praktiken der Beeinflussung geradezu hervorgerufen werden. Neben einigen auffallenden und größeren religiösen Gruppierungen, die in diesem Zusammenhang zu nennen sind gibt es auch eine große Zahl von kleinen Gruppen, von denen man oft nur durch Zufall erfährt. Es gibt kleine und kleinste Landkommunen und Wohngruppen mit religiöses Gepräge, die jeden Zusammenhang mit einer größeren Organisation ablehnen,



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in ihren Wirkungen aber oft vergleichbar sind. Aber auch die Kennzeichnung als "religiös“ ist oft nicht eindeutig. Die Grenzen sind fließend bis hin zu den sogenannten "alternativen Gruppen“, zu "psychotechnischen Erfahrungsgruppen“ und zu "Meditationszirkeln“.

2.2 Die wichtigsten destruktiven religiösen Gruppen
 

2.2.1 "Vereinigungskirche“ und "Kinder Gottes“

Besonders hervorstechend sind nach den vorliegenden Berichten die destruktiven Wirkungen zweier Gruppierungen, nämlich der "Vereinigungskirche“ des Koreaners San Myung Mun und der "Kinder Gottes“ (jetzt: "Familie der Liebe“) des Amerikaners David Berg, genannt Mose David oder kurz Mo.
 

Bei der "Vereinigungskirche“ mit ihren zahlreichen, zum Teil auch kommerziell arbeitenden Untergliederungen und Unternehmen handelt es sich um das religiöse Imperium eines "neuen Messias“, des 1920 in Nordkorea geborenen Mun, der sich und seine Frau als das "Wahre Elternpaar“ als "neuer Adam und neue Eva einer neuen, vollkommenen Welt“, feiern läßt. Mun beruft sich darauf, einen ihm von Gott persönlich erteilten Auftrag zu haben, die zerrissene Erde in religiöser, kultureller und politischer Hinsicht zu vereinen - daher der Name dieser Religionsgemeinschaft. Mittelpunkt dieser Vereinigung soll Korea sein. Voraussetzung ist, daß der Kommunismus in der Welt und damit auch in Nordkorea besiegt wird; die Sekte hat daher eine kämpferisch politische antikommunistische Ausrichtung. Die "Vereinigungskirche“ gewinnt junge Menschen durch die Anziehungskraft einer verbindlichen Gemeinschaft, die alle Kräfte im Dienst einer Sache fordert, gepaart mit enthusiastischer, auf die Gestalt des Koreaners Mun bezogener Frömmigkeit. Wer erst einmal dahin gebracht ist, einen Kurs in der zentralen Schulungsstätte in Camberg (Taunus) oder in einer der anderen Schulungseinrichtungen mitzumachen, erliegt



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in der Regel den geschickten und psychologisch wirksamen Beeinflussungsversuchen. Es wird von ihm die möglichst sofort zu vollziehende totale Entscheidung für diese Gruppe verlangt, meist unter Abbruch der Ausbildung und unter Abbruch der Beziehungen zu Eltern, Verwandten und Bekannten, wenn diese das neue Engagement nicht billigen. Die meist jugendlichen aktiven Anhänger Muns leben in Wohngemeinschaften und stehen in pausenlosem, ihr ganzes Leben erfüllenden Einsatz für die Organisation — für privates Leben ist dabei ebensowenig Platz wie für eigenständige Gedanken. Die Organisation gibt an, 2.000 Mitglieder in der Bundesrepublik zu haben. Das Durchschnittsalter derer, die aktiv für die Gruppe tätig sind, liegt zwischen 20 und 25 Jahren. Ihre Zahl dürfte nach übereinstimmenden Schätzungen Sachverständiger 500 übersteigen. Hinzu kommen die zahlreichen Mitglieder aus Deutschland, die "Missionsaufgaben“ im Ausland übernommen haben. Daneben gibt es die "fördernden Mitglieder“, die nicht in gleicher Weise gefährdet und meist auch älter sind.
 

Die bisher unter dem Namen "Kinder Gottes“ tätige "Familie der Liebe“ ist ganz auf ihren Gründer und Führer, den 59-jährigen früheren Prediger David Berg, genannt Moses, ausgerichtet. Die jungen Menschen werden dort in einer Art Gegenkommune zusammengeführt. Wesentlicher Inhalt ist das Aussteigen aus dem "System“ der westlichen Gesellschaft, das als Werk des Satans hingestellt wird. Die Gruppe ist stark apokalyptisch bestimmt, wobei Gegenstand und Inhalt der endzeitlichen Glaubensausrichtung jeweils im einzelnen durch David Berg angeordnet werden. Berg wirkt dabei durch seine "Mo-Briefe“, die seine Botschaft in der Art von Comic-Strips darstellen. Die Prostitution zum Zweck der Werbung neuer Mitglieder wird offen propagiert. Die Mo-Briefe sind zum Teil sexuell aufreizend aufgemacht, einzelne sind eindeutig pornographisch. Die Mitglieder leben in Kommunen zusammen und haben in der Regel ihre ganze Kraft für die Werbung neuer Mitglieder, die Verteilung von Schriften und Sammlung von Geld einzusetzen. Auf junge Menschen wirkt der totale Bruch mit allen in der Cesellschaft gültigen



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Normen und Werten in Verbindung mit totaler Lebensgemeinschaft unter den "Kindern Gottes“ oft anziehend. Erweisen sie sich als ansprechbar, so wird mit allen Mitteln versucht, eine möglichst baldige unbedingte und unwiderrufliche Entscheidung für diese destruktive religiöse Gruppe zu erreichen, was in der Regel den Abbruch aller bisherigen Lebensbeziehungen bedeutet. In der Bundesrepublik gibt es etwa 20 bis 30 Wohngemeinschaften (Kolonien) und demgemäß wohl mehrere hundert Mitglieder mit einem Durchschnittsalter zwischen 18 und 22 Jahren.
 

So verschieden Mun und Mo und die von ihnen gegründeten religiösen Gruppen bis hin zur Gegensätzlichkeit in Lehre und Weltauffassung auch sind, haben sie doch überraschende Gemeinsamkeiten. Beide verlangen die totale Eingliederung in eine Gemeinschaft und die bedingungslose Unterwerfung unter einen sich als Messias oder Propheten empfindenden religiösen Führer; beide begründen dies mit der nahen Verwirklichung der heilsgeschichtlichen Erwartung. Beide verbreiten unter jungen Menschen die Überzeugung, daß mit der unbedingten Erfüllung der Forderungen des jeweiligen Führers die Macht des Satans gebrochen wird; ehemalige Mitglieder beider Gruppierungen berichten davon, daß sie noch lange Zeit bis in die Träume hinein von dem Gedanken nicht loskommen, sich durch ihre Trennung von der Gruppe dem Satan verschrieben zu haben.
 

2.2.2 "Transzendentale Meditation“ und "Scientology-Kirche“

Vollständig anders geartet sind zwei andere Organisationen, die ebenfalls auf Jugendliche destruktiv wirken können: die "Transzendentale Meditation“ und die "Scientoloqy-Kirche“. Beide werben vor allem für ein Angebot von Kursen, die Transzendentale Meditation, für Kurse zur Einübung in Meditation, die Scientology—Kirche und für Kurse "angewandter Philosophie zur besseren Handhabung des Lebens‘~ Beide vermitteln durch höhere Stufen der Kurse auch höhere Grad,e der Einweihung in ihre jeweilige Lehre und verlangen dafür eine



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beträchtliche Bezahlung. Es gibt tausende von Menschen aller Altersklassen, die an solchen Kursen teilgenommen und hierfür zum Teil beachtliche Kursgebühren gezahlt haben. Daß die Anpreisungen der Kurse oft Erwartungen wecken, die hinterher in keiner Weise erfüllt werden, ist zwar wettbewerbsrechtlich unzulässig (die Scientology-Kirche hat einige Prozesse verloren, die eine Verbraucher-Organisation gegen sie angestrenqt hat), würde aber für sich allein nicht rechtfertigen, sie in diesem Zusammenhang aufzuführen. Beiden haben jedoch eine straff geführte Kaderorganisation, für die vor allem junge Menschen gewonnen werden, und verlangen von diesen jungen Menschen ein Engagement und eine bedingungslose Hingabe und Unterordnung unter die jeweilige Führergestalt, sodaß die Auuwirkungen auf die Entwicklung der Persönlichkeit junger Menschen ebenfalls oft zerstörerisch genannt werden müssen.
 

Die Scientology-Kirche ist Zentrum einer Vielzahl von Organisationen pseudowissenschaftlichen Gepräges, zu der auch die "Dianetic Colleges“ gehören. Die Lehre ist eigenartig; sie geht aus von der These, daß jede menschliche Person viele zehntausend Jahre lang immer wieder in anderen Wesen - zum Teil auf anderen Planeten - verkörpert gewesen ist und durch dort erfahrene Erlebnisse geprägt und belastet wird. Diese Belastungen in einem besonderen Verfahren Punkt lür Punkt zu löschen und dadurch die totale Freiheit zu erringen, ist Ziel des Programms. Die Scientology-Kirche ist nichts anderes als ein riesiges Dienstleistungsunternehmen, das eine angeblich zu diesem Ziel führende Methode mit Hilfe eines fragwürdigen technischen Gerätes (des sogenannten “E-Meter“) gegen reichliche Bezahlung anbietet. Für den “Gründer und Erfinder“, den 67-jährigen Amerikaner Lafayette Ronald Hubbard, ist dies ein außergewöhnlich einträgliches Geschäft. Rückgrat der Organisation ist die sogenannte "Sea-Org“, die Bruderschaftsähnlich auf der Grundlage unbedingten Gehorsams mit einem strengen Verhaltenskodex



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organisiert ist. Zwar werden auch alle Kursteilnehmer nominell als Mitglieder angesehen, doch ist deren Zahl (mehrere zehntausend) im hier interessierenden Zusammenhang nicht von Bedeutung. Über die Zahl der Sea-Org-Mitglieder in der Bundesrepublik gibt es keine Angaben, es dürften aber mehrere hundert sein. Das Durchschnittsalter dürfte zwischen 22 und 26 Jahren liegen.
 

Die Transzendentale Meditation ist eine von dem etwa 65 Jahre alten indischen Hindumönch Maharishi Mahesh Yogi gegründete Bewegung zur geistigen Erneuerung. Sie übernimmt einige Traditionen indischer Überlieferung und verbindet sie mit typisch westlichen Erwartungen und Erfolgsdenken. Der Gründer hat "das Zeitalter der Erleuchtung“ ausgerufen und leitet die "Weltregierung“ dieses Zeitalters, deren Macht in der angeblichen "Unbesiegbarkeit“ aller transzendental Meditierenden und in den von diesen ausgehenden geistigen Kräften und Impulsen besteht. Die Organisation ist straff gegliedert und beruht auf der Einrichtung der sogenannten "Weltplan-Center“ und der Berufung von "Gouverneuren des Zeitalters der Erleuchtung“. Auch hier ist wiederum die Zahl derjenigen, die sich in die Technik der Transzendentalen Meditation haben einführen lassen (über siebzigtausend) ohne Bedeutung, für die eigentliche Organisation dürften etwa tausend meist junge Mitarbeiter (Durchschnittsalter zwischen 23 und 28 Jahren) zur Verfügung stehen. Die Anziehungskraft der Transzendentalen Meditation wird durch das umfassende Versprechen erreicht, daß das Zeitalter der Erleuchtung noch in dieser Generation alle Probleme der Menschheit lösen und ideale Menschen in einer iddalen Gesellschaft zusammenführen wird. Für Meditierende höherer Grade werden sonst unerreichbare Fähigkeiten, wie die des Fliegens, versprochen. Die enormen als Gegenleistung für die Kurse einkommenden Summen werden, soweit bekannt ist, vor allem für die weitere Ausbreitung und Finanzierung der Bewegung verwandt.



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Beide Organisationen verführen junge Menschen dazu, Erfolgserlebnisse und Bestätigung in dem stufenweisen Aufsteigen von Kurs zu Kurs zu schrittweise höherem Wissen und Erleuchtung zu suchen, bis sie schließlich dort das Ziel ihres Lebens gefunden zu haben meinen und dem absoluten Anspruch der Organisation und ihres Meisters bedingungslos ausgeliefert sind. Aber nicht nur die bedingungsloseEingliederung in eine Organisation, auch die Praxis der Meditationsübungen als solche kann für junge Menschen gefährlich sein. Da bei der Transzendentalen Meditation wahllos jeder Interessent ohne Rücksicht auf seine besondere Lebenssituation angenommen und der Meditierende ohne persönliche Unterweisung durch einen Fachmann sich selbst überlassen wird, kann diese Art Meditation trotz scheinbarer Bewußtseinserweiterung zur tatsächlichen Bewußtseinsverengung, zum Ausstieg aus den sozialen Bezügen und zur Entwicklung von Wahnvorstellungen führen (so der Direktor der Klinik für Psychotherapie der Universität Mainz D. Langen in: Journal für autogenes Training und allgemeine Psychotherapie 1978, S. 15).
 

2.2.3 "Hare Krishna“ und andere indische Gemeinschaften

Die Vermischung indischen religiösen Gedankengutes mit westlichen Formen des Erfolgsdenkens und des Managements, die für die Transzendentale Meditation typisch ist, kennzeichnet mehr oder weniger stark noch eine qanze Reihe von religiösen Gemeinschaften, die in den letzten Jahren in der Bundesrepublik Deutschland aufgetaucht sind. Am bekanntesten ist wohl "Hare Krishna“, ein asketischer hinduistischer Mönchsorden. Gründer war Bhaktividanta Swami Prabhupada. Als ein ausgezeichneter Kenner hinduistischer religiöser Uberlieferung hat er in zahllosen Publikationen versucht, diese dem abendländischen Menschen näher zu bringen. Bis zu seinem Tode (1977) sind seine Werke in einer Gesamtauflage von fast 70 Millionen produziert und verbreitet worden. Die Regeln, nach denen die Hare-Krishna-Mönche leben, sind nicht selbst erfunden, sie entsprechen in ihrer Mischung aus Askese und Extase alter indischer Tradition. Die Wirkung dieser kleinen Gemeinschaft



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- in der Bundesrepublik Deutschland gibt es wohl etwa 100 Mitglieder - ist durch die auffällige Straßenwerbung und oft aufdringliche Methoden des Bettelns und Schriftenverkaufs verhältnismäßig groß.

Die Grunpe hat alle Elemente einer geistlichen Kommunität, de facto wirkt sie aber vor allem als weltweite Vertriebsorganisation der Bücher ihres Gründers. Das bedingungslose Engagement der Mönche wird für diesen Vertrieb ausgenutzt. Für junge Menschen, die dieser Gruppe angehört haben, ist es durch die totale Andersartigkeit der dort geübten religiösen Praxis, die keinerlei Verbindung mit den hier lebendigen Kulturtraditionen hat, außergewöhnlich schwer, sich in unserer Gesellschaft wieder zurechtzufinden, wenn sie eine Zelt lang dieser Gemeinschaft angehört haben. Durch die ständige Fluktuation der Mitglieder trifft dies eine größere Zahl, als die Anzahl der jeweiligen Mitglieder vermuten läßt.
 

Daneben treten dutzendweise indische Gurus auf, die hinduistische und buddhistische Traditionen lehren und junge Menschen zeitweise in ihre "Ashrams“ (Wohn- und Lebensqemeinschaften) ziehen. Für viele ist dies mit einer Reise nach Indien verbunden (in dem Ashram des Bhaqwam Shrii Rayineesh in Indien leben ständia einicTe hundert Deutsche) zum Teil gibt es solche Ashrams auch in Deutschland und in anqrenzenden europäischen Ländern. Es sind Scharlatane darunter, aber auch in Indien anerkannte ernstzunehmende religiöse Führer. Die teilweise magnetische Wirkung auf junge Menschen kann auf die totale Andersartigkeit der dort vermittelten religiösen Lehre, religiösen Praxis und religiösen Gemeinschaft zurückgeführt werden. Gerade dies birgt jedoch die Gefahr der Übersteigerung und zunehmenden Blindheit für die Realitäten unserer Gesellschaft.
 

2.2.4 Zusammenfassung und Bewertung

Bereits dieser kurze Überblick über einiqe Erscheinungsformen destruktiv wirkender religiöser Gruppen verdeutlicht, daß eine pauschale Beurteilung ungerechtfertigt ist. Neben



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dem bedenkenlosen Aufbau einer Religion als Wirtschaftsunternehmen finden wir die totale Hingabe an eine Sache bei persönlicher Bedürfnislosigkeit, neben religiöser Scharlatanerie messianisches Sendungsbewußtsein, aber auch ernsthafte Vermittlung hinduistischer und buddhistischer Traditionen.

In der Literatur ist immer wieder versucht worden, gemeinsame Merkmale der destruktiv wirkenden religiösen Gruppen herauszuarbeiten. Viele dieser Versuche halten angesichts der Verschiedenartigkeiten dieser Gruppierungen einer genauen Überprüfung nicht stand. Richtig ist zwar, daß in allen diesen Gruppierungen ein Führer als Heilsgestalt im Mittelpunkt steht, doch dies ist ohnehin typisch für neue religiöse Bewegungen aller Zeiten. Kennzeichnender ist wohl, daß die Struktur der Gruppierungen totalitär ist, und zwar sowohl in Bezug auf die unbedingte Unterwerfung unter den Willen des Führers und Gründers, wie auch in Bezug auf die von diesem Gründer gelehrte Wahrheit, die als absolut gültig zu bekennen ist. Dies führt zu einer Ausschaltung von eigenständigem Denken und jeder Kritik. Wer kritisch denkt, stellt sich bereits außerhalb und gehört nicht mehr dazu. Dies bedeutet für junge Menschen, die in unserer Gesellschaft mit ihrer Dominanz der rational-analytischen Komponente des Denkens erzogen worden sind, einen schwerwiegenden und oft persönlichkeitsverändernden Bruch.

Dem entspricht, daß alle destruktiven religiösen Gruppen einen totalen Gegenentwurf zum Bestehenden anbieten. ."Die jungen Leute ahnen eine tiefgreifende Zeitwende: die Welt - zumindest im Abendland - ist am Ende; unsere Systeme zerbrechen, sagen sie. Das ist die große Gelegenheit für extreme Alternativangebote. Gerade das ganz andere und Fremdartige hat Chancen, aufgegriffen zu werden. Es kann so utopisch sein wie immer; es braucht keiner Kritik standzuhalten, denn die traditionellen Maßstäbe tragen sowieso nicht durch.“ (Hans- Dieter Reimer in: Hertha-Korrespondenz, Mai 1977, Seite 3).



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Junge Menschen, und zwar vor allem die jungen Menschen, die durch persönliche Probleme in irgend einer Weise belastet sind, meinen im Kontakt mit einer solchen Gruppe oft die Sinngebung und Geborgenheit zu finden, nach der sie suchen. Ihre Probleme und Ängste werden erklärt, es wird ihnen eine Lösung ihrer Konflikte in Aussicht gestellt.

Damit beginnt für die jungen Menschen der Prozeß der Desintegration aus der Gesellschaft. Sie werden durch eine in der Gruppe empfundene Freundlichkeit und Harmonie verzaubert und sehen nicht, daß das starke Gemeinschaftsgefühl der Gruppe nur die Folge des doktrinären Zwanges ist, sich die Umwelt als feindlich vorzustellen.

Viele destruktive religiöse Gruppen wären für junge Menschen weniger gefährlich, wenn bereits zu Anfang so etwas wie eine Gesamtdarstellung der Lehre und Organisation gegeben würde. Vieles würde als absurd empfunden und abschreckend wirken. Diese Gruppen decken aber ihre Karten nie ganz auf, sondern haben Stufen der Einweihung und Erleuchtung entwickelt. Diese Stufen sind dann oft auch Stufen des Abbaus des kritischen Denkvermögens, so daß am Schluß alles geglaubt wird, was immer es auch sei. Die Verbindung von Vernunft und Glauben, die die theologische Tradition des Abendlandes geprägt hat, ist nur noch wenigen jungen Menschen vertraut. Wissenschaft ist für sie nur noch der Inbegriff rational-analytischen Denkens mit der Konzentration auf die Machbarkeit und Gestaltbarkeit der Welt. Bewußt oder unbewußt sind sie davon überzeugt, daß dies nicht ausreicht, so daß sie in der Gefahr stehen, zugleich Vernunft und kritisches Urteilsvermögen überhaupt außer Kraft zu setzen. Zwischen Wissenschaft und Glauben sehen sie einen unüberbrückbaren Gegensatz.



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Junge Menschen finden dann in der Gruppe eine Fülle emotionaler Eindrücke bei gleichzeitiger Umstellung der Lebens- und Ernährungsweise mit der Folge, daß sich physische Schwäche und psychische Euphorie zu äußerster Empfänglichkeit für jede Indoktrination verbinden. Damit beginnt ein schwer umkehrbarer Prozeß. Die neuen Wertmaßstäbe der Gruppe verlangen absolute Gültigkeit, das bisherige rechtliche und moralische Empfinder. wird mehr und mehr außer. Kraft gesetzt. Die Fähigkeit zur Kommunikation mit Andersdenkenden geht verloren.
 

2.3 Die Situation in Rheinland-Pfalz
 

2.3.1 Aktivitäten destruktiver religiöser Gruppen

Der Katholischen Landesarbeitsgemeinschaft "Aktion Jugendschutz“, die das Wirken der destruktiven religiösen Gruppen schon seit längerem beobachtet, ist bekannt, daß die destruktiven religiösen Gruppen in den meisten Stadt- und Landkreisen von Rheinland-Pfalz auftreten. Dies wird von vielen Jugendämtern bestätigt. Zum Umfang der Tätigkeit liegen genaue Angaben an keiner Stelle vor.

Die Vereinigungskirche ist nach den neuesten Feststellungen der Aktion Jugendschutz in elf Stadt- und Landkreisen aktiv tätig. In Worms soll eine Wohngemeinschaft bestehen, die regelmäßig junge Menschen einlädt.

Die Kinder Gottes sind in 14 kreisfreien Städten und Landkreisen aufgetreten. Sie sind vor allem durch Werbung in Fußgängerzonen aufgefallen. Kolonien (Wohngemeinschaften) sollen in Mainz, Worms, Ludwigshafen und Iierxheim bei Landau bestehen, zum Teil sind die Werbungen aber auch von einer in Bonn bestehenden Kolonie aus erfolgt. Das Jugendamt Bad Kreuznach hat festgestellt, daß durch die Kinder Gottes eine nicht genehmiqte Sammlung durchgeführt wurde und hat diese



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unterbunden. Dabei stellte sich heraus, daß an der Sammlung auch einige Ausländer beteiligt waren, die nicht im Besitz einer gültigen Aufenthaltserlaubnis waren.
 

Die Transzendentale Meditation unterhält regionale Zentren (sogenannte Weltplan-Center) in Koblenz, Montabaur, Diez a.d. Lahn, Mainz und Kaiserslautern. Trier wird vom Weltplan-Center Saarbrücken mitbetreut, Ludwigshafen offenbar von Mannheim oder Heidelberg. In Pirmasens hat im Rahmen des Kreisbildungswerks ein Vortrag zur Einführung in die Transzendentale Meditation in einem katholischen Schwestern-heim stattgefunden. In Bad Marienberg wurde längere Zeit eine Akademie zur Einführung in die Transzendentale Meditation unterhalten, die jedoch nach Auskunft der örtlichen Behörden jetzt nicht mehr tätig ist.
 

Die Scientology-Kirche ist nur in wenigen Kreisen durch einzelne Werbemaßnahmen bekannt (Mainz, Grünstadt, Speyer, Ludwigshafen, Bad Bergzabern, Diez und Limburg), größeren Umfang hatte ihre Tätigkeit lediglich in Speyer, da einige hauptamtliche Mitarbeiter in Speyer aufgewachsen sind und verschiedentlich ihre früheren Freunde und Bekannten zu werben versucht haben, von denen auch einige an einem Kurs in München teilgenommen haben.
 

Die Hare Krishna ist in 17 kreisfreien Städten und Landkreisen durch ihre auffällige Werbung bekannt geworden. Mitglieder dieser Gemeinschaft suchen offenbar regelmäßig auch kleinere Orte auf, um zu werben und Bücher und Schallplatten gegen Spende anzubieten oder zu verkaufen. Eine Wohngemeinschaft scheint in Landau zu bestehen. Die Werbeaktionen erfolgen zum Teil offenbar von Heidelberg und zum größten Teil von dem Zentrum der Organisation bei Königstein im Taunus aus. Die Stadt Koblenz hat Angehörigen der Hare Krishna Werbung und Verkauf von Büchern und Schallplatten im Gebiet der Innenstadt durch Verwaltungsverfügung als unzulässige Überschreitung des Gemeingebrauchs an Straßen und Plätzen



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verboten. Dieses Verbot ist jedoch vom Verwaltungsgericht Koblenz wieder aufgehoben worden. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig.
 

Bei den bereits in der Antwort des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Sport auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Gerster und Fink (Landtags-Drucksache 8/3307) genannten beiden Ermittlungsverfahren handelt es sich um ein Ermittluncisverfahren wegen Verdachts der Körperverletzung gegen ein Mitglied der "Kinder Gottes“ und ein Verfahren wegen versuchter Nötigung gegen ein Mitglied der "Hare Krishna“. Unterdessen ist in einem weiteren Verfahren gegen ein Mitglied der "Hare Krishna“ Anklage wegen Nötigung erhoben worden. Wegen Verstoßes gegen das Sammlungsgesetz und die Gewerbeordnung wurden gegen Mitglieder der "Hare Krishna“ verschiedene Bußgelder verhängt.
 

2.3.2 Einstellung junger Menschen zu den destruktiven religiösen Gruppen

Um Anhaltspunkte für die Verbreitung von Kenntnissen über destruktive religiöse Gruppen und über deren Bewertung unter jungen Menschen in Rheinland-Pfalz zu gewinnen, hat das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport eine Meinungsumfrage bei einer repräsentativ ausgewählten Zahl junger Menschen durchführen lassen.
 

Die Befragung wurde Mitte Dezember 1978 unter 16- bis 25jährigen jungen Menschen in Rheinland-Pfalz durchgeführt. Befragt wurde ein repräsentativer Querschnitt von 200 Personen. Die Einzelergebnisse der Befragung sind in der Anlage mitgeteilt. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Befragung nur erste Anhaltspunkte für die Einstellung junger Menschen zu den destruktiven religiösen Gruppen geben kann. In den gegebenen Antworten zeigt sie jedoch Tendenzen an, die zu denken geben (zu den Einzelheiten der Umfrage s. Anlage 1).



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Zunächst wurde gefragt, ob sogenannte "Juqendreligionen“ oder "Jugendsekten“ namentlich bekannt sind. 30 % der Befragten wußten keine Namen zu nennen. Den größten Bekanntheitsgrad erreichte "Hare Krishna“ mit 55 %. Die "Kinder Gottes“ (28 %), die "Vereinigungskirche“ (25 %) und die "Transzendentale Meditation“ (23 %) sind etwa jedem Vierten der Befragten bekannt gewesen. Die "Scientology-Kirche“ wurde von nur 4 % genannt, andere Namen erreichten zusammen einen Bekanntheitsgrad von 5%. Dies entspricht den Berichten über das häufige Auftreten und die intensive Werbung der "Hare Krishna“, aber auch der auffälligen Art und Weise, in der diese Gruppe wirkt. Sie ist vor allem unter Studenten und Schülern und in Großstädten bekannt. Die "Vereinigungskirche“ ist unter Studenten sehr viel bekannter (50 %) als in der übrigen Jugend, dies gilt aber auch für die Scientology-Kirche“ (12 %) und die "Transzendentale Meditation“ (42 %), hingegen sind die "Kinder Gottes“ vor allem unter Schülern bekannt (37 %), und hier im Schwerpunkt der Altersgruppe der 16- und l7jährigen (39 %). Nur 7 % haben noch nie etwas von Jugendsekten gehört; 73 % wissen davon durch Presse oder Rundfunk (evtl. neben anderen Informationsquellen, Mehrfachnennunqen waren möglich). Interessant ist, daß immerhin 23 % schon von einer Jugend-sekte angesprochen worden sind (von den Studenten sogar 46 %), im Schwergewicht die Altersgruppe von 18 - 21 Jahren (32 %) und junge Menschen in Städten über 100.000 Einwohner (34 %). 4 % der Angesprochenen haben sogar schon an einer Zusammenkunft einer solchen Gruppierung teilgenommen, auch hier vor allem die Studenten (8 %) und die jungen Menschen in Großstädten (7 %).



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Bei der Frage nach den Gründen, die junge Menschen dazu bringen, sich einer Jugendsekte anzuschließen, waren 59 % der Befragten der Ansicht, daß dies mit dem komplizierten Leben zusammenhänge, mit dem man nicht mehr fertigwerde. Diese Antwort wurde jedoch in kleinen Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern (78 %> mehr als doppelt so oft gegeben, wie in Großstädten (38 %). In Großstädten wurde das Mötiv der Neugierde und das Bedürfnis, aus dem normalen Alltag auszusteigen, dafür häufiger genannt (59 % - im Durchschnitt nur 44 %). Dem entsprechen die Antworten, die auf die Frage gegeben wurden, worauf die Erfolge der Jugendsekte zurückgeführt werden könnten. Hier wurde die Perspektivlosigkeit für Beruf und Leben von 51 % der Befragten genannt, im Verhältnis aber selten von Studenten (23 %) und Einwohnern von Großstädten (29 %), dabei von 71 % der jungen Menschen, die in Gemeinden unter 5.000 Einwohnern leben. Die Aufklärung über Jugendsekten und ihre Praktiken wurde in diesem Zusammenhang von 46 % aller Befragten als unzureichend bezeichnet.
 

Immerhin 13 % (Studenten 19 %) fanden Jugendsekten interessant, weil sie in der geistigen Richtungslosigkeit einen Weg weisen, und 11 %, weil man in ihnen eine verbindliche Gemeinschaft und Aufgaben findet, in denen man aufgehen kann. Insgesamt 21 % konnten sich vorstellen, daß sie unter bestimmten Umständen in einer Jugendsekte Hilfe und Gemeinschaft finden würden oder sagten sogar, sie seien auf der Suche nach solcher religiösen Gemeinschaft, unter den Studenten waren dies sogar 31%. 44% würden sich eine solche Gruppe immerhin einmal ansehen, wenn sie auch meinen, daß ein näherer Kontakt für sie nicht in Frage käme, und nur 33% sind strikt ablehnend.Diese Zahlen sieht die Landesregierung als alarmierend an, zeigen sie doch, in welchem Ausmaß ein ungestilltes Bedürfnis nach religiöser Gemeinschaft



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unter Jugendlichen vorhanden ist und welche Gefährdung von destruktiven religiösen Gruppen auch in Zukunft noch ausgehen kann.
 

Die Auffassung, daß sich vor allem "ein paar Sektenbosse“ an dem Geld der Sekten bereichern, wird vor allem unter Schülern vertreten (67 %) und in Gemeinden unter 5.000 Einwohnern (66 %) sowie von 5.000 - 20.000 Einwohnern (63 %). Nur 38 % der Studenten teilen diese Ansicht - dafür sind 31 % der Studenten der Auffassung, daß das Geld nur den Lebensbedürfnissen der Mitglieder dient (nur 13 % der Schüler denken dies und insgesamt 22 % der Befragten). Ziemlich gleichmäßig unter allen Gruppen der Befragten ist die Ansicht verbreitet, daß das Geld hauptsächlich der Verbreitung der Sekte dient (insgesamt 39 % der Befragten). Je etwa 50% der Befragten waren der Ansicht, daß Jugendsekten die Kinder von ihren Eltern entfremden, daß sie sie völlig vom Sektenführer abhängig machen und daß sie ihnen ihr gesamtes Geld abnehmen. Unterschiedlich waren jedoch die Meinungen darüber, ob dort sogenannte "Gehirnwäschen“ durchgeführt werden. Dies meinten 41 % der Schüler, aber nur 23 % der Studenten. Am verbreitetsten ist diese Ansicht in kleinen Gemeinden (41 %), während sie in Städten zwischen 20.000 und 100.000 Einwohnern nur von 18 % der Befragten genannt wird und in Städten über 100.000 Einwohnern von 28 %. 71 % der Befragten vermuten, daß die Jugendsekten weiter anwachsen werden - die gegenteilige Ansicht ist vor allem in größeren Städten verbreitet (45 % der Befragten in Städten zwischen 20.000 und 100.000 Einwohnern, 34 % in Städten über 100.000 Einwohnern). Auf die Frage, was geschehen solle, um dieses Anwachsen zu verhindern, sind nur 16 % der Befragten der Ansicht, daß ein Verbot richtig sei.

49 % glauben, daß bessere Aufklärung in den Schulen nützlich wäre (wiederum vor allem Einwohner kleiner Gemeinden unter 5.000 Einwohnern mit 73 %, in den größeren Gemeinden und Städten ist man da skeptischer), 31 % der jungen Menschen



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meinen, die Kirchen müßten sich mehr bemühen, die Jugend für sich zu gewinnen.Bessere Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten würden nach der Meinung von 45 % der jungen Menschen helfen (dies meinen nur 27 % der Studenten, aber 51 % der berufstätigen oder arbeitslosen Jugend — in Großstädten wird diese Ansicht nur von 26 % der Befragten vertreten, in den kleinsten Gemeinden unter 5.ooo Einwohnern von 59 % -). Die größte Zahl der befragten jungen Menschen ist jedoch der Ansicht, daß der Zulauf zu den Jugendeekten am ehesten verhindert werden könne, wenn sich Eltern, Lehrer und andere Erwachsene mehr um die Probleme der Jugendlichen kümmern (61 %). Diese Ansicht ist umso stärker verbreitet, je kleiner die Gemeinde ist (38 % in Großstädten, 48 % in Städten zwischen 2o.ooo und 100.000 Einwohnern, 71 % in Gemeinden unter 20.000 und 83 % in Gemeinden unter 5.000 Einwohnern)
 

Die Befragung bringt zwar keine gesicherten Erkenntnisse, sie gibt aber doch wichtige Anhaltspunkte über die Einstellung junger Menschen. Vor allem fällt auf, wie häufig die Erfolge der destruktiven religiösen Gruppen mit den "komplizierten“ Lebensverhältnissen und der "Perspektivlosigkeit“ für Beruf und Leben in Verbindung gebracht werden. Angesichts der Tatsache, daß drei Viertel der Befragten durch die Berichterstattung in Presse und Rundfunk davon wissen, also überwiegend kritische Informationen erhalten haben, ist es erschreckend, daß jeder fünfte der Befragten sich vorstellen kann, in einer solchen religiösen Gruppe Hilfe und Gemeinschaft zu finden.
 



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3. Ursachen und Voraussetzungen für das Entstehen

3.1 Neue Zuwendung zur Religion
 

Die destruktiven religiösen Gruppen sind keine isolierte Erscheinung. Sie müssen im Zusammenhanq mit einer neuen Zuwendung vieler Jugendlicher zur Welt des Religiösen gesehen werden. Sie spiegeln die Suche der Jugend nach Geborgenheit und Sinnerfahrung. Es wird von einer "religiösen Welle“, "von einem religiösen Aufbruch“ oder gar von einer "religiösen Revolte“ gesprochen. Der neue Zugang zu der Welt des Religiösen ist, wenn er auch nur
eine Minderheit erfaßt, eine Gegenreaktion gegen die Dominanz eines objektivierend-rationalen Zuganges zur Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt der Machbarkeit des Wünschbaren und die damit verbundene Vernachlässigung der emotionalen und religiösen Disposition des Menschen im allgemeinen Bewußtsein. Diese liberbetonung des Rationalen war auch eine Folge des Mißbrauchs der Gefühlskräfte in totalitären Systemen. Ganze Bereiche menschlicher Wirklichkeitserfahrung und Wirklichkeitsgestaltung sind dadurch zu kurz gekommen; statt der spannungs-reichen Aufgabe, bei der Erziehung und Bildung junger Menschen Verstand und Gefühl aufeinander bezogen zur Entfaltung zu bringen, stand die Wissenvermittlung und Einübung in das rationale Denken oft einseitig im Vordergrund.
 

Hinzu kommt die allgemeine qeistige Lage der Jugend, die durch Schlagworte wie "Ungewißheit über die Lebenschancen“ - "Sinnkrise“ — "Resignation in bezug auf eine Veränderbarkeit der Welt“ — "Perspektivlosigkeit“ mitgeprägt ist und auch dazu geführt hat, daß Religion im Bewußtsein eines Teils der Jugend eine größere Bedeutung hat. So erscheint die "religiöse Revolte“ als Versuch neuer Wirklichkeitserfahrung. "Der Durchbruch dieses Drangs zum Universalen und Ganzen ist ein Stück Protest“ (Michael Mildenberger, Die religiöse Revolte, aus dem



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Manuskript zitiert, erscheint März 1979 als Fischer— Taschenbuch).

Das Auftreten der destruktiv wirkenden religiösen Gruppen ist daher nur eine Randerscheinung. Weit größer ist die Zahl der Jugendlichen, deren religiöses Bedürfnis in Erscheinungsräumen sichtbar wird, die kaum Anlaß zur kritischen Bewertung in der ~iffentlichkeit geben. Es gibt hierzu Berichte aus allen Teilen der Jugendarbeit beider großer Kirchen. Es sind in den letzten Jahren neue Gruppen der Jugend entstanden, die in der Tradition christlicher Religion das gemeinsame Gebet, gemeinsame Auslegung und Meditation biblischer Texte und gemeinsame Gottesdienste und Andachten pflegen. So führt z.B. die ökumenische Bruderschaft von Taiz~ Woche für Woche über die Sommermonate tausende junger Menschen zu gemeinsamen Austausch und zur Vertiefung religiöser Erfahrung in einem burgundischen Dorf zusammen und hat mittlerweile wohl allein in Deutschland zehn- bis zwanzigtausend junge Menschen stark beeinflußt.
 

3.2 Verunsicherung über die Zukunftschancen
 

Viele Jugendliche sind verunsichert über ihre persönlichen Lebenschancen. Ziel unserer Politik war und ist, jedem die Chance zu eröffnen, eine seiner Ausbildung und seinen Fähigkeiten entsprechende Lebensstellung zu erreichen. Dies hat zu dem Mißverständnis geführt, auf bestimmte l3ildungsabschlüsse folgten automatisch auch entsprechende Berufsmöglichkeiten und Lebensstellungen. Viele junge Menschen erfahren nun mühsam, daß sie nicht erreichen können, was als selbstverständlich betrachtet wurde. Es kommt hinzu, daß unsere Gesellschaft trotz aller Beteuerungen der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Tätigkeiten nach wie vor bestimmte Berufe als höherwertig und sinnvoller einstuft.
 



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Wenn in dieser Gesellschaft jedem alle Möglichkeiten offenstehen, bedeutet dies, daß hier der Jugendliche nicht nur die Möglichkeit des Aufstieqs - auch über die soziale Stellunq seiner Familie hinaus — als reale Möglichkeit vor sich sieht, sondern daß er zugleich und vielleicht stärker als bisher auch die Möglichkeit des Abstiegs — auch unter die soziale Stellung seiner Familie hinab — in Kauf nehmen muß. Die Zukunftserwar-tung des Jugendlichen wird daher mitgeprägt von der Befürchtung, eine erstrebte Lebensposition nicht erreichen zu können und sich damit abfinden zu müssen. Dabei mag im Einzelfall offen bleiben, ob das Nichter— reichen des Erstrebten gerechte Folge persönlicher Unzulänglichkeit oder Ergebnis des Zufalls oder der Ungerechtigkeit ist - für den betroffenen einzelnen kann sogar das erste eine größere Belastung für Lebensmut und Lebenszuversicht bedeuten.
 

3.3 Forderung nach Sinnerfüllung in der Arbeit
 

Die Forderung nach Sinnerfüllung in der Arbeit wird heute immer nachdrücklicher erhoben; die Arbeit soll sichtbar, vorzeigbar, sinnvoll und in ihrem Sinn überzeugend sein. Dieses verschärft die Lebenssituation von jungen Menschen, insbesondere wenn sie sich damit abfinden müssen, eine erhoffte Lebensstellung vielleicht nicht erreichen zu können.

Immer wieder findet man Jugendliche, die sich auch bei geringfügigen Anlässen auflehnen, wenn sie sich in anscheinend sinnlose berufliche Alltagsroutine einordnen sollen. Gegenüber als willkürlich empfundenen oder von ihnen nicht eingesehenen Anordnungen Vorgesetzter sind sie empfindlich, ihre Belastbarkeit bei schwierigen oder als ungerecht empfundenen Situationen ist vielfach gering. Sie resignieren eher, statt ihre Möglichkeiten zur Mitgestaltung zu nutzen.
 



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Eltern und Erzieher haben nicht selten gerade durch das Ausräumen von Schwierigkeiten die Lebenstüchtigkeit und damit auch die sinnerfüllung des Lebens gefährdet. "Auf der einen Seite werden unsere Jugendlichen von bestimmten Bedingungen ihrer Umwelt überfordert, auf der anderen Seite werden sie etwa was ihre Fähigkeiten anlangt, Bedürfnisbefriedigungen aufzuschieben, altersgelrLäße Aufgaben und regelmäßige Pflichten zu übernehmen, unterfordert.“ (Rudolf Affemann im "Ruf ins Volk“ Nr. 2/1977)

Hinzu kommt, daß der für Millionen Menschen ausschlaggebende, einfache und direkte Sinnbezug ihrer Arbeit, das Verdienen des Lebensunterhalts für eine große Zahl Jugendlicher nicht mehr überzeugend ist. Als unmittelbar sinnvoll wird dieses Ziel in der Regel nur dann erfahren werden können, wenn die reale Bedrohung durch Mangelsituationen erlebt würde. Die Sicherung der Grundbedürfnisse menschlichen Lebens - Ernährung, Kleidung, Wohnung, Heizung - erscheint den jungen Menschen problemlos; in ihrer Umwelt erfahren sie Arbeit als Mittel zur Erreichung zusätzlicher Konsumgüter und Bequemlichkeiten, die zwar auch von Jugendlichen gerne genutzt werden, jedoch eine Sinnperspektive nicht vermitteln können.
 

3.4 Suche nach Gemeinschaft
 

Immer wieder findet sich in Aussagen Jugendlicher über ihre eigene Situation das Suchen nach verbindlich gelebter Gemeinschaft. Der starken, einordnenden und regelnden Struktur der Arbeitswelt, die den Tageslauf prägt, entspricht oft keine Einordnung in gemeinsames Leben und Erleben. Die menschlichen Beziehungen, die dort vermittelt werden, sind dann lose und eher kumpelhaft - sie sind äußerlich. Der den Lebensrhythmus reglementierende und strukturierende Einordnungszwang wird von manchen als anonyme angsteinflößende Macht empfunden und führt zu einem Gefühl des Ausgeliefertseins, da er nicht von
 



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personalen Bindungen begleitet und personal vermittelt wird. So denken manche Jugendliche an "Aussteigen“, an Flucht aus dieser Wirklichkeit, zumal Familie und Schule lebensbegleitende und helfende Beziehungen nicht mehr so überzeugend vermitteln.

Über Jahrhunderte war jede starke, reglementierende Einordnung in gesellschaftliche Vollzüge stets aufgefangen durch überschaubare soziale Gemeinschaften, die vor dem Gefühl des Ausgeliefertseins bewahrten und wesentliche Funktionen der Stützung und Stärkung übernehmen konnten. Leistung hatte einen unmittelbaren und erlebbaren Bezug zur Gemeinschaft. Es könnte sein, daß die Trennung von Leistungsanforderung und Gemeinschaftsbestätigung zu dem bei vielen durchschnittlich begabten jungen Menschen vorhandenen Gefühl des Ausgeliefertseins wesentlich beiträgt.
 

3.5 Verhältnis zur Autorität
 

In diesem Zusammenhang ist auch das unklare, oft sogar zwiespältige Verhältnis vieler Jugendlicher zur Autorität zu nennen. Autorität wird zugleich gesucht und abgelehnt. Die jahrzehntelange Verdächtigung von Autorität als Herrschaft von Menschen über Menschen ist nicht spurlos an der Jugend vorbeigegangen. Schwerwiegender ist aber noch, daß viele, die Autorität für Jugendliche sein könnten und sollten, dadurch zutiefst verunsichert worden sind. Dies gilt insbesondere für Eltern und Erzieher. Nicht jeder junge Mensch kann jederzeit die notwendigen Grenzen seiner Freiheit einsehen und sich selbst als verbindlich setzen. Dabei ist legitim, daß er jede Autorität, die solche Grenzen setzt, auf ihre Uberzeugungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit befragt. Autorität braucht aber das Vertrauen, daß auch die nicht oder noch nicht voll eingesehene Forderung berechtigt sein könnte. Jugendliche sind in der Regel auch heute bereit, diesen Vertrauensvorschuß zu geben, wenn er von ihnen erwartet oder verlangt wird. Viele Erwachsene stecken allzuschnell mit



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ihren Forderungen zurück, wenn Jugendliche ihnen erklären, daß sie die Notwendigkeit nicht einsehen. So sind Jugendliche nicht geübt im Umgang mit der Autorität, in diesem notwendigen Wechselspiel von kritischer Hinterfragung und Vorschuß an Vertrauen. Mit ihrem unbewußten Bedürfnis nach Lenkung und Weisung stehen sie daher in der Gefahr vollständiger Hingabe, wenn ihnen in den destruktiven religiösen Gruppen eine Forderung nach totalem Gehorsam mit angeblich umfassender Legitimation gegenübertritt.
 

3.6 Autoritätsverlust — Folge des Verlusts von Gemeinschaft
 

Die Verunsicherung von Autorität steht im Zusammenhang mit der Tatsache, daß Jugendliche einen Mangel an verbindlich gelebter Gemeinschaft empfinden. Denn Autorität entspringt aus lebendiger Gemeinschaft — sei es im familiären Leben, sei es im Lernen, sei es in der Ausübung eines Berufs. Wird die Welt des Arbeitens oder die Welt des Lernens lediglich als zweckgerichtete Veranstaltung empfunden, als Einordnung in einen Apparat, dann erscheint die damit verbundene notwendige Begrenzung individueller Freiheit nicht mehr als Ausdruck der Anerkennung einer Autorität, sondern als Folge einer durch den Apparat gegebenen Machtstellung. Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß Jugendliche von einem Gefühl der Ohnmacht sprechen, obwohl sie objektiv weitaus mehr Freiheit in Anspruch nehmen können, als jede Generation vor ihnen.

Dies kann in dieser Weise auch gegenüber den Eltern geschehen. Das Datum der Vollendung des 18. Lebensjahres wird von vielen Jugendlichen als Markstein der Befreiung aus Abhängigkeit und Unterworfensein gesehen. Dies gilt umso mehr, je mehr die einzelne Familie, wenn die Kinder größer werden und ihr eigenes Leben haben, nur zur Befriedigung der elementaren Lebensbedürfnisse dient und nicht Gemeinschaft wirklichen Miteinanderlebens bleibt,



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in der Eltern teilhaben an den Gefühlen, Sehnsüchten und Ängsten ihrer größeren Kinder und sie - denn das ist ebenso wichtig und oft sogar Voraussetzung - auch teilhaben lassen an ihren eigenen Gefühlen.

Gerade hier setzen die destruktiven religiösen Gruppen an. Sie verstehen es, ein starkes und verbindliches Gemeinschaftserlebnis zu vermitteln, dessen Hohlheit und Brüchigkeit von den jungen Menschen erst erfahren wird, wenn es zu spät ist. Damit schaffen sie die Voraussetzung, die ihnen die Forderung nach bedingungsloser Unterwerfung unter die Autorität des Sektenführers ermöglicht.
 

3.7 Gefahren
 

Im Horizont dieser überlegungen wird deutlich, wo die Gefahren der neuen Zuwendung der Jugend zu der Welt des Religiösen liegen, Gefahren, die zu dem Erfolg destruktiver religiöser Gruppen wesentlich beigetragen haben. Weil jedes religiöse Erlebnis ein Stück Erleben des Absoluten ist, führt es zu der Gefahr, sich selbst absolut zu setzen und den Bereich des rational Erfahrbaren und Gestaltbaren gewissermaßen auszublenden, also gerade auf die befruchtende Wechselwirkung aller Bereiche menschlicher Wirklichkeitserfahrung zu verzichten. Die Religionsgeschichte ist voll von Berichten über religiöse Bewegungen, die dieser Gefährdung erlegen sind. Wird im Gegenzug zu dem Wirklichkeitsverlust, der durch die Verneinung des Religiösen entstanden ist, die Verneinung des Rationalen propagiert, so ist die Folge wiederum ein Wirklichkeitsverlust, der vielleicht sogar noch gefährlicher sein mag.

Die besonderen Gefahren, denen gerade Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie einer der zahlreichen destruktiven religiösen Gruppen verfallen, sind im vorigen Kapitel geschildert worden. Die Auswirkungen sind oft verheerend. Hoffnungsvolle Lebenslaufbahnen knicken ab, erreichbare



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und sinnvolle Berufs- und Ausbildungsziele werden aufgegeben, Wahrnehmgungs- und Kommunikationsfähigkeit gehen verloren, die Fixierung auf eine absolut gesehene Wahrheit führt zu Wirklichkeitsverlust und Verengung des ganzen Persönlichkeitsbildes bis hin zum Persönlichkeitsverfall und geistigem und körperlichem Ruin.

Das Fehlen einer Sinnperspektive ist allerdings verbreiteter als der Versuch, die gesuchten Antworten in der Welt religiösen Erlebens zu finden, erst recht aber verbreiteter als die Anfälligkeit für destruktive religiöse Kulte. Abbrüche von Berufs- und Bildungslaufbahnen; Rückzug und Aussteigen aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die Unfähigkeit zu stetigem Bemühen um das Meistern der im Leben gestellten Aufgaben findet man allenthalben. Die Zahl der Selbstmorde von Kindern und Jugendlichen ist ein Alarmsignal. In den gleichen Horizont der Betrachtung gehört auch der Blick auf die Drogenszene mit all ihren erschreckenden Folgen. Die Werber der destruktiven religiösen Gruppen haben ein raffiniertes Gespür dafür entwickelt, wer in dieser Hinsicht gefährdet ist. All diese Aspekte geben nur Ausschnitte der gesamten Wirklichkeit. Die genannten Probleme werden nicht von allen Jugendlichen in gleicher Intensität erlebt; unter der nicht kleinen Zahl der Jugendlichen, die auf der Suche nach Sinn, Erfüllung und Zielrichtunq für ihr Leben die Welt der Religion für sich neu entdecken, sind im Verhältnis nur wenige, die den Verführungen von destruktiven religiösen Gruppen verfallen. Viele junge Menschen haben sich ein erfrischend normales Verhältnis zu ihren Eltern und zu ihrer Umwelt bewahrt. Dennoch dürfen diese Fragen nicht als angebliche Randprobleme vernachlässigt werden; sie sind für die Situation der Jugend in unserer Gesellschaft bezeichnend, wenn auch nur eine Minderheit von Jugendlichen durch sie in ihrer Einstellung zu Leben und Arbeit vollständig geprägt ist. Die Sehnsucht nach der totalen Alternative, Bereitschaft zur Hingabe, Bedürfnis nach Eingliederung in eine verbindlich erlebte Gemeinschaft und nach anerkannter Autorität sind jedoch verbreiteter als die Erfolge der destruktiven Gruppen ahnen lassen.



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4. Mögliche Maßnahmen zur Bekämpfung der destruktiven religiösen Gruppen

4.1 Rechtliche Maßnahmen

4.1.1 Schranke der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit
 

Angesichts der Praktiken der in Abschnitt 2.2. beschriebenen destruktiven religiösen Gruppen und angesichts der oft verheerenden Auswirkungen für Entwicklung und Lebensweg junger Menschen, die diesen Gruppen verfallen sind, stellt sich die Frage, ob es nicht möglich ist, mit den Mitteln des geltenden Rechts oder, wenn dieses nicht ausreicht, durch neue gesetzliche Regelungen einzuschreiten. Zunächst ist aber festzustellen, daß die Religionsfreiheit des einzelnen, seine Freiheit, sich religiösen Vereinigungen anzuschließen und das Recht solcher Vereinigungen, ihre eigenen Angelegenheiten autonom zu ordnen, in der Bundesrepublik Deutschland wie in jedem freiheitlichen Staatswesen einen sehr weitgehenden Schutz genießt. Durch Artikel 4 des Grundgesetzes ist die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses und die ungestörte Religionsausübung gewährleistet, durch Artikel 9 die Vereinigungsfreiheit und durch Artikel 140 in Verbindung mit dem fortgeltenden Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung insbesondere die unbeschränkte Freiheit zum Zusammenschluß zu Religionsgemeinschaften und deren Recht, ihre Angelegenheiten innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes zu ordnen. Diese Rechtsstellung religiöser Gemeinschaften ist unabhängig von deren Rechtsform, insbesondere ist hierfür gleichgültig, ob sie die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts erhalten haben, wie dies bei den großen Kirchen und einer Reihe anderer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften der Fall ist. Die hier in Frage kommenden religiösen Gemeinschaften haben sich in der Regel zu privatrechtlich organisierten Vereinen zusammengeschlossen, eine Reihe von ihnen mit Rechtsfähigkeit als eingetragener Verein.



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Nach der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts muß das Grundrecht der Glaubens- und Bekenntnisfähigkeit (Art. 4 Abs. 1 und 2 des Grundgesetzes> extensiv ausgelegt werden. Es ist nicht nur Individualgrundrecht, sondern steht auch Religionsgesellschaften und anderen juristischen Personen zu, deren Zwecke die Pflege und Förderung eines religiösen Bekenntnisses oder die Verkündung des Glaubens ihrer Mitglieder ist. Die in Art. 4 Abs. 2 des Grundgesetzes besonders gewährleistete "ungestörte Religionsausübung“, die an sich im Begriff der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit aufgeht, hat gerade den Sinn einer Klarstellung dahin, daß Träger des Grundrechts auch eine Gemeinschaft sein kann, deren religiöses Betätigungsrecht zu schützen ist, "soweit sie sich im Rahmen gewisser übereinstimmender sittlicher Grundanschauungen der heutigen Kulturvölker hält“. Die Glaubensfreiheit "umfaßt nicht nur die (innere) Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben, sondern auch die äußere Freiheit, den Glauben zu minifestieren, zu bekennen und zu verbreiten“ (BVerfGE 24, 236, 245 f). Dabei kann und darf der weltanschaulich beutrale Staat den Inhalt dieser Freiheit nicht näher bestimmen, weil er den Glauben oder Unglauben seiner Bürger nicht bewerten darf (BVerfGE 12, 1, 4>. Deshalb gestattet das Recht auch "Außenseitern und Sektierern“ die ungestörte Entfaltung ihrer Persönlichkeit gemäß ihren subjektiven Glaubensüberzeugungen, "solange sie nicht in Widerspruch zu anderen Wertentscheidungen der Verfassung geraten und aus ihrem Verhalten deshalb fühlbare Beeinträchtigungen für das Gemeinwesen oder die Grundrechte anderer erwachsen“ (BVerfGE 33, 23, 29>. Die Absätze 1 und 2 von Art. 4 des Grundgesetzes sichern Grundrechte, die mangels eines ausdrücklichen Gesetzesvorbehalts keine Einschränkungsmöglichkeiten durch einfaches Gesetz kennen.

Dennoch ist die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit nicht ganz schrankenlos



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gewährleistet. Dies folgt bereits aus der Erwägung, daß der einzelne seine Religionsfreiheit nur innerhalb der staatlichen Gemeinschaft ausüben kann und sein Recht deshalb mit Grundrechten Dritter und anderen mit Verfassungsrang ausgestatteten Rechtswerten (insbesondere der Würde der Person anderer: vgl. BVerfGE 12, 1, 4> kollidieren kann. Die Auffassung, aus der allgemeinen Beschränkung der Handlungsfreiheit gem. Art. 2 Abs. 1 oder aus der Beschränkung der Meinungsfreiheit gem. Art. 5 Abs. 2 des Grundgesetzes könnten bereits Grenzen für das Grundrecht der Religionsfreiheit hergeleitet werden, ist allerdings vom Bundesverfassungsgericht ausdrücklich abgelehnt worden, da Art. 2 und Art. 5 keinen höheren Rang haben als Art. 4. Die Grenzen dürfen nur nach Maßgabe der grundgesetzlichen Wertordnung und unter Berücksichtigung der Einheit dieses grundlegenden Wertsystems gezogen werden. Hierzu hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfGE 32, 98, 107 f> ausgeführt:
 
"... die Grenzen der Glaubensfreiheit ... (dürfen> nur von der Verfassung selbst bestimmt werden. Da die Glaubensfreiheit keinen Vorbehalt für den einfachen Gesetzgeber enthält, darf sie weder durch die allgemeine Rechtsordnung noch durch eine unbestimmte Klausel relativiert werden, welche ohne verfassungsrechtlichen Ansatzpunkt und ohne ausreichende rechtsstaatliche Sicherung eine Gefährdung der für den Bestand der staatlichen Gemeinschaften notwendigen Güter (als Voraussetzung für eine Beschränkung> genügen läßt. Vielmehr ist ein im Rahmen der Garantie der Glaubensfreiheit zu berücksichtigender Konflikt nach Maßgabe der grundgesetzlichen Wertordnung und unter Berücksichtigung der Einheit dieses grundlegenden Werteystems zu lösen.“
Wenn demgemäß das Grundrecht der freien Religionsausübung auch nicht in dein Sinne schrankenlos ist, daß jede Betätkgung, die religiös motiviert ist, den uneingeschränkten Schutz von Art. 4 des Grundgesetzes genießt, und die Religionsausübung nicht unter Verletzung anderer



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verfassungsrechtlicher Wertentscheidungen zu einer wesentlichen Beeinträchtigung des Gemeinwesens oder der Grundrechte anderer führen darf, ist es doch nicht möglich, durch gesetzliche Regelung diese Schranken enger zu ziehen, als sie sich aus der Verfassung selbst ergeben. Der gelegentlich im Zusammenhang mit Uberlegungen zur Bekämpfung der destruktiven religiösen Gruppen vorgebrachte Vorschlag, diese Schranken in einem besonderen "Religionsausübungsgesetz“ zu formulieren, ist aus diesem Grunde nicht realistisch.

Soweit sich durch Auslegung die sachliche Reichweite eines Grundrechts unmittelbar erschließen läßt, bleibt kein Raum für eine Regelung durch den einfachen Gesetzgeber. Eine authentische Interpretation der Verfassung ist ihm nach der verfassungsrechtlichen Rechtsprechung verwehrt (BVerwGE12, 45, 53>, da der Versuch, den Gehalt eines Grundrechts mit eigenen Werten verdeutlichend zu umschreiben, stets die Gefahr in sich birgt, mit der Verfassung in Widerspruch zu geraten. Es ist nicht einmal möglich, eine Religionsgemeinschaft zu verbieten, die in ihrer Religionsausübung diese Schranken offenkundig verletzt. Geht man davon aus, daß die Religionsgemöinschaften erforderlichenfalls dem Verbot und der Auflösung nach Art. 9 Abs. 2 GG unterliegen (so BVerwGE 37, 344, 365>, so könnte ein solches Verbot rechtlich nur zulässig sein, wenn Zwecke oder Tätigkeit insgesamt den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder den Gedanken der Völkerverständigung richten (Art. 9 Abs. 2 des Grundgesetzes, BVerwGE 37, 344, 365>. Dies kann jedoch keiner der in Frage stehenden Gruppierungen nachgewiesen werden. Sofern die Religionsausübung nicht insgesamt, sonderr nur im Einzelfall die durch die verfassungsmäßige Ordnung gegebenen Grenzen verletzt, bleibt .es daher nur möglich, mit den jeweils zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln hierauf zu reagieren. Die besonders herausgehobene



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Sicherung der Rechtsstellung religiöser Vereinigungen hat daher auch dazu geführt, daß die Religions und Weltanschauugsgemeinschaften ausdrücklich aus dem Regelungsbereich des Vereinsgesetzes ausgenommen worden sind (§ 2 Abs. 2 Nr. 3 des Vereinsgesetzes).
 

Aber nicht nur die eigentliche Religionsausübung, sondern auch die eigenständige Regelung der inneren Ordnung der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften genießt gemäß Art. 140 des Grundgesetzes in Verbindung mit Art. 137 Abs. 3 der Weimarer Reichsverfassung einen starken Schutz. Die autonome Regelung der eigenen Angelegenheiten ist lediglich beschränkt durch die "Schranken des für alle geltenden Gesetzes“. Das Bundesverfassungsgericht hat zur Bedeutung dieser Einschränkung (BVerfGE 42, 312, 332 ff) ausgeführt, daß auch sie nicht im Sinne eines allgemeinen Gesetzesvorbehalts verstanden werden kann, und daß es elementare Teile der Ordnung einer Religionsgemeinschaft gibt, für die der Staat nicht befugt ist, Schranken



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in Gestalt von einfachen Gesetzen zu errichten. Zu den für alle geltenden Gesetzen können nur solche Gesetze gerechnet werden, die für die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft dieselbe Bedeutung haben wie für jedermann. Irgendeine besondere gesetzliche Regelung, die die Autonomie der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften beschränkt, ist damit unzulässig.

Die Religionsfreiheit ist ein für unsere staatliche Ordnung grundlegendes Gut. Es kann nicht Aufgabe des Staates sein, darüber zu wachen oder darüber zu richten, ob Religionsgemeinschaften ihre Anhänger zu einem Glauben führen, der die Verantwortung für die Grundwerte der Menschenwürde, der Gerechtigkeit und des Friedens stärkt, oder aber in religiösen Überzeugungen, die zur Flucht aus der Wirklichkeit und gesellschaftlichen Verantwortung führen. Staatliches Eingreifen ist nur möglich und nur notwendig, wenn Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften die Rechte anderer oder die Rechte ihrer eigenen Mitglieder gegen deren Willen verletzen.
 

4.1.2 Der rechtliche Schutz von Mitgliedern destruktiver religiöser Gruppen
 

Die in Abschnitt 2.2 genannten destruktiven religiösen Gruppen werden Mitglieder in der Regel erst, wenn diese mindestens 18 Jahre alt sind. Es gibt jedoch eine Reihe von Einzelfällen, in denen auch Minderjährige aufgefordert worden sind, sich einer dieser Gruppierungen anzuschließen. Diese Fälle betreffen vor allem die "Kinder Gottes/Familie der Liebe“ und die "Vereinigungskirche“. Nach § 5 des Gesetzes über die religiöse Kindererziehung vom 15.07.1921 haben Minderjährige, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, das Recht, sich auch gegen den Willen der Eltern einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft anzuschließen. Dieses Recht geht jedoch nicht



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so weit, daß die Kinder gegen den Willen der Eltern sich einer Wohngemeinschaft dieser Sekten anschließen, an auswärtigen Schulungskursen teilnehmen oder für die Sekte arbeiten könnten. Die Erziehungsverantwortung der Eltern bleibt bestehen und mit ihr das Personensorgerecht, insbesondere das Recht der Aufenthaltsbestimmung. Zur Durchsetzung dieser Rechte der Eltern steht die Hilfe der Gerichte, der Gerichtsvollzieher und notfalls der Polizei zur Verfügung. Deswegen sind für diese religiösen Gruppen und ihre Zielsetzungen Minderjährige solange uninteressant, als die Eltern allen Beeinflussungsversuchen widerstehen und von ihren rechtlichen Möglichkeiten Gebrauch machen. Es ist bekannt geworden, daß die genannten religiösen Gruppen deshalb dazu übergegangen sind, Minderjährige zunächst als "Katakombenmitglieder“ zu führen und ihnen aufzuerlegen, ihre Mitgliedschaft zu Hause nicht zu offenbaren und durch keinerlei Auffälligkeit Anlaß zu entsprechenden Vermutungen zu geben. Es gibt allerdings nicht wenige Fälle, in denen die Eltern ihre Einwilligung für ein weitergehendes Engagement des Jugendlichen in der religiösen Gruppe erteilen. Vor allem kurz vor Vollendung des 18. Lebensjahres sind Eltern damit erpreßt worden, daß sonst alsbald nach Volljährigkeit jede Kommunikation mit ihnen abgebrochen werde. Es liegt auf der Hand, daß in solchen Situationen die Eltern sich auch nicht in der Lage sehen werden, die gegebenen rechtlichen Möglichkeiten zu nutzen oder gar Anzeige zu erstatten. Wenn eine sctiwerwiegende Gefährdung der Entwicklung des Jugendlichen droht, kann zwar das Jugendamt auch von Amts wegen eingreifen, diese Möglichkeit ist jedoch wenig erfolgversprechend, wenn die Vollendung des 18. Lebensjahres kurz bevorsteht.
 

Es sind jedoch vor allem die jungen Volljährigen, die gefährdet sind, den Verführungen destruktiver religiöser Gruppen zu verfallen. Während sich einige, wie die "Kinder Gottes/Familie der Liebe“ und die "Vereinigungskirche“,



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gezielt gerade an die Gruppe der 20- bis 25jährigen wenden, haben andere, wie etwa die "Transzendentale Meditation“ oder die "Scientology-Kirche“, keine solche spezifische Zielrichtung, bauen aber ihre Kader im wesentlichen unter Einsatz des Engagements von jungen Menschen dieser Altersklasse auf. Die Rechtsordnung schützt einen volljährigen Menschen nur in dem Umfang, in dem dieser


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von dem Schutz Gebrauch machen will. Jemanden gegen seinen Willen zu schützen, ist in der Regel nur möglich, wenn entweder Straftaten vorliegen, die auch bei Einwilligung des Verletzten strafwürdig sind, oder wenn eine krankhafte Störung der freien Willensbestimmunq vorliegt, so daß er entmündigt werden kann. Diese Extremfälle liegen jedoch nur selten nachweisbar vor.

Der rechtliche Schutz von Mitqliedern religiöser Gruppen und die Gewährleistung ihrer Rechte kann daher erst dann zur vollen Wirksamkeit kommen, wenn diese Mitqlieder sich aus ihrer inneren Bindung an die Gruppe gelöst haben, da sie vorher alles gutheißen, was die Gruppe oder ihr Stifter und Führer tut. Dies ist insbesondere nach einem Austritt oder einer faktischen Lösunq der Zugehörigkeit der Fall. Die früheren Mitglieder haben dann die Möglichkeit, Schenkungen wegen Irrtums, Täuschunq oder Drohung anzufechten oder zur Bestreitung ihres eigenen angemessenen Unterhalts zurückzufordern. Auch wegen Wegfalls der Geschäftsgrundlage für die Schenkung kann eine Rückforderung möglich sein. Die häufig eingegangene Verpflichtung, ein künftiges Erbe der Religionsgemeinschaft zu übertragen, ist ohnehin nichtig. Soweit ein Verstoß gegen die Strafgesetze vorliegt, können die ehemaligen Mitglieder Anzeige erstatten, insbesondere wegen Betrugs, Nötigung, Freiheitsentziehung und Körperverletzung. Mitglieder, die unter Verzicht auf Erwerbstätigkeit einer der Lebens- und Wohngemeinschaften angehörten, können nach ihrem Ausscheiden die Nachversicherung zur Rentenversichenung verlangen.

Die jeweils aufgrund der tatsächlichen Gegebenheiten möglichen rechtlichen Schritte können im Rahmen dieses Berichts nicht erschöpfend dargestellt werden, da sie sich nach den Besonderheiten des Einzelfalls richten. Wesentlich ist jedoch die Tatsache, daß der einzelne, wenn ihm die Lösung von der religiösen Gruppierung gelingt, keineswegs rechtlos ist. Die psychischen Schädigungen, z. B. durch Abbruch von Ausbildungen und verlorenen Lebenschancen oder die für das weitere Leben verlorenen Jahre



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können allerdings durch Geltendmachung von Rechten nur in wenigen Fällen und nur teilweise wieder gutgemacht werden.
 

4.1.3 Rechtliche Maßnahmen zum Schutze der Allgemeinheit

Die dem einzelnen durch die Tätigkeit einer destruktiven religiösen Gruppe gefährdeten Mitglied zustehenden Rechte führen jedoch nicht dazu, daß die jugendgefährdende Tätigkeit dieser Gruppe allgemein unterbunden werden kann. Ein generelles Verbot der Tätigkeit der destruktiven religiösen Gruppen ist nicht möglich und mit den Wertentscheidungen des Grundgesetzes nicht vereinbar. Es bleibt aber die Möglichkeit, die Tätigkeit der destruktiven religiösen Gruppen auf die Einhaltung der für alle geltenden Gesetze sorgsam zu überwachen. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß diese Gruppierungen kein einheitliches Bild bieten. Gegenüber religiös verbrämten wirtschaftlichen Großunternehmen wie der "Scientology-Kirche“ ist anders zu reagieren als gegenüber Bettelorganisationen wie den "Kindern Gottes/Familie der Liebe“. Die Landesregierung wird darauf hinwirken, daß die folgenden Maßnahmen in allen dafür geeigneten Fällen getroffen werden:
 



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Zusammenfassend ist jedoch festzustellen, daß alle diese möglichen Maßnahmen zwar notwendig und sinnvoll sind, aber nicht an dem Punkt ansetzen können, der die eigentliche Gefährlichkeit der destruktiven religiösen Gruppen bedeutet: die Anfälligkeit junger Menschen für die dort gegebenen Versprechungen und Gemeinschaftserlebnisse und die dort angebotene Möglichkeit der Flucht vor der Wirklichkeit unserer Gesellschaft. Eine strenge Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen wird den destruktiven religiösen Gruppen zwar lästig sein, sie jedoch nicht hindern, weiter junge Menschen für ihre Zwecke zu gewinnen und einzuspannen. Wichtiger ist die geistige Auseinandersetzung, die Beachtung und hilf e im Einzelfall und die Wiedereingliederung ehemaliger Anhänger solcher Gruppierungen in die Gesellschaft.
 

4.2 Beratung und Hilfe für den einzelnen

Die Eltern sind oftratlos, wenn ihre Kinder in Verbindung mit einer der destruktiven religiösen Gruppen kommen und erkennbar wird, daß die Lehre und die Lebensgemeinschaft dieser Gruppe einen immer stärkeren Einfluß gewinnt. Sie fragen sich, ob Nachgiebigkeit, Duldung oder gar Einverständnis das richtige Verhalten sind und hoffen oft, hierdurch den menschlichen Kontakt mit ihrem Kinde zu bewahren.



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Bisherige Erfahrungsberichte haben aber gezeigt, daß gerade in der ersten Zeit der Beeinflussung eine entschiedene Haltung der Eltern dazu beitragen kann, dem jungen Menschen den Abstand zu vermitteln, der für eine kritische Betrachtung notwendig ist. Allgemeingültige Regeln für das richtige Verhalten der Eltern, Freunde und Bekannten lassen sich jedoch nicht aufstellen. Es ist deswegen wichtig, daß die Angehörigen des Kindes die Möglichkeit haben, sich mit erfahrenen Kennern der destruktiven religiösen Gruppen und ihrer bisherigen Praktiken zu beraten. Dazu reicht nicht aus, sie auf die verschiedenen Elterninitiativen, auf die Aktion Jugendschutz und auf die Beauftragten der evangelischen und katholischen Kirche zu verweisen.

Die Landesregierung wird sicherstellen, daß die vorhandenen Stellen der Erziehungs-, Lebens- und Eheberatung ausreichend informiert sind, wie sie helfen können, wenn betroffene Eltern, aber auch junge Menschen sie aufsuchen. Das gleiche gilt für die Jugendämter und für die Polizeidienststellen. Soweit diese Stellen und Beratungsdienste nicht selbst helfen können, weil sie mit den Problemen nicht hinlänglich vertraut sind, müssen sie in der Lage sein, Hinweise zu geben, wo eine umfassende sachkundige Beratung gegeben werden kann.

Die weltanschaulich-religiöse Neutralität verbietet staatlichen Stellen, die von solchen religiösen Gruppen verbreiteten religiösen Lehren in irgendeiner Weise zu bewerten. Aber gerade dann, wenn junge Menschen sich mit den an sie herangetragenen religiösweltanschaulichen Lehren auseinandersetzen, werden bloße Hinweise auf Mißbräuche und ge— gesetzeswidrige Praktiken wenig nützen. Für den jungen Menschen geht es um verbindliche religiöse Wahrheit. Die hier notwendige geistige Auseinandersetzung kann nur von den Kirchen und Religionsgemeinschaften selbst geführt werden.
 



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Dies bedeutet aber nicht, daß dem Staat und den Kommunen jede helfende und beratende Tätigkeit verwehrt wäre. Zwar kann der Staat nicht darüber entscheiden, was Wahrheit ist, aber er hat das Recht, persönliche Unwahrhaftigkeit und Unglaubwürdigkeit von Sektenführern aufzuzeigen. Er kann nichts dazu sagen, ob die christliche oder die buddhistische oder eine andere Lehre den Menschen zu seinem Heil führt, aber er hat das Recht, deutlich auszusprechen, wenn eine religiöse Lehre auf die Entwicklung der Persönlichkeit junger Menschen zerstörerisch wirkt. Die Landesregierung wird die Jugendämter und die Polizeidienststellen ermutigen, nicht aus falsch verstandener Neutralität jede Bewertung der destruktiven religiösen Gruppen ängstlich zu vermeiden, sondern gegenüber den betroffenen jungen Menschen und deren Eltern eindeutig die Gesichtspunkte zu nennen, die für eine kritische Auseinandersetzung wichtig sind.

Junge Menschen, die die Kraft gefunden haben, sich aus der Gemeinschaft einer destruktiven religiösen Gruppe wieder zu lösen, finden nicht leicht den Weg zurück in die Bezüge und Kommunikationsweisen unserer Gesellschaft. Gerade sie brauchen die Nähe einer engeren Lebensgemeinschaft, in der sie ihre Probleme ansprechen können und die ihnen hilft, sich zurechtzufinden. Hier verdient die christliche Wohngemeinschaft besondere Aufmerksamkeit, die Inge Mamay aufgrund ihrer Erfahrungen in einer Kommune der ,Kinder Gottes/Familie der Liebe“ in Altenberg im Bergischen Land gegründet hat. Diese Lebensgemeinschaft ist ein bedeutungsvoller Versuch, jungen Menschen zu helfen, daß sie nach den Erfahrungen in einer Sekte ihre Ausbildung fortsetzen oder ihren Beruf wieder aufnehmen, ihnen zugleich aber Gemeinschaft und praktiziertes religiöses Leben zu ermöglichen. Es liegt auf der Hand, daß diese Hilfe nicht von staatlichen oder kommunalen Behörden gegeben werden kann. Die Landesregierung ist aber bereit, entsprechende Initiativen in Rheinland-Pfalz im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu unterstützen, wenn freie Träger oder Kirchen deshalb an sie herantreten.



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4.3 Information der Öffentlichkeit
 

Wie in Abschnitt 2.3.2 berichtet, hat die aus Anlaß dieses Berichts unter jungen Menschen in Rheinland-Pfalz gehaltene Umfrage ergeben, daß die Tatsache der Existenz von "neuen Jugendreligionen“ oder "Jugendsekten“ unter Jugendlichen sehr bekannt ist. Nur etwa 7 % haben keine Kenntnis. Über 70 % der jungen Menschen wissen etwas durch Berichte in Fernsehen, Rundfunk und Zeitung. Dennoch ergibt sich aus dieser Umfrage, daß die vermittelte Information nicht ausreicht. Lediglich die Hare Krishna ist mehr als der Hälfte der Angesprochenen bekannt. Etwa jeder Dritte weiß überhaupt keinen Namen zu nennen, der Bekanntheitsgrad der "Kinder Gottes/Familie der Liebe“ der "Vereinigungskirche“ und der "Transzendentalen Meditation“ liegt um 25 %. Andere Namen wußten nur wenige der Angesprochenen zu nennen. Die hauptsächlich verbreiteten kritischen Vorwürfe, nämlich daß Jugendsekten die Kinder ihren Eltern entfremden, sie vom Sektenführer völlig abhängig machen, ihnen ihr ganzes Geld abnehmen und das eingenommene Geld zur Bereicherung der Sektenbosse verwenden, werden je nur von etwa der Hälfte der Befragten als glaubwürdig angesehen. Nur 30 % meinen, daß man die Jugendlichen vor der Verführung durch Jugendsekten schützen müsse. Auch persönlich würde nur jeder Dritte einen Kontakt mit einer Jugendsekte strikt ablehnen, weil er damit nichts zu tun haben möchte.

Wenn 20 % der Befragten sich sogar vorstellen könnten, daß sie dort unter Umständen Hilfe und Gemeinschaft suchen würden, ist deutlich, daß die bisherige Aufklärung der Öffentlichkeit nicht ausreicht, um junge Menschen vor den Gefahren der destruktiven religiösen Gruppen zu bewahren. Es liegt sogar die Vermutung nahe, daß die in der Öffentlichkeit meist pauschal und undifferenziert vorgenommene Bewertung lediglich zu einem größeren Bekanntheitsgrad der religiösen Gruppierungen beigetragen hat, daß aber die mit der Information vermittelten kritischen Werturteile von einer großen



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Zahl junger Menschen nicht mit übernommen wurden. Tatsächlich nützt die Kenntnis gewiss-er Praktiken der "Kinder Gottes/Familie der Liebe“ und der "Vereinigungskirche“ einem Jugendlichen nichts, der in Kontakt zur "Transzendentalen Meditation“ oder der "Scientology-Kirche“ kommt. Wenn er dort einen Kurs mitmacht, wird er nichts finden, was die in der Öffentlichkeit am häufigsten verbreiteten Vorwürfe bestätigt. Er wird daher um so eher zur Zustimmung geneigt sein, wenn ihm die kritische Bewertung dieser Gemeinschaften als Auswirkung einer Verleumdungskampagne dargestellt wird. Ähnliches gilt natürlich auch umgekehrt.

Die Vermittlung nur allgemein kritischer Information und abqualifizierender Werturteile kann daher nicht helfen und unter Umständen sogar das Gegenteil bedeuten. Wichtig ist, daß der Jugendliche oder der junge Erwachsene, der in Kontakt mit einer der destruktiven religiösen Gruppen kommt, nicht nur eine pauschale und daher widerlegbare kritische Einstellung vermittelt bekommen hat, sondern daß er konkret etwas weiß über Praxis und Lehre gerade dieser Gruppierung. Dies gilt um so mehr, weil es zum System der besonders stark auf Werbung neuer Anhänger ausgerichteten destruktiven religiösen Gruppen gehört, daß sie ihre Lehre und Praxis dem Adepten nur schrittweise offenbaren und gerade die Praktiken und Thesen, die am meisten Widerspruch und Anstoß erregen könnten, erst dann mitteilen, wenn eine Stufe der Identifikation mit der Gruppierung erreicht ist, die den jungen Menschen kritiklos alles akzeptieren läßt.

Die Landesregierung warnt daher davor, auf Grund des zunehmenden Bewußtseins von der Gefährlichkeit der destruktiven religiösen Gruppen und insbesondere unter dem Eindruck so grauenvoller Geschehnisse wie dem Massenmord und Selbstmord von Mitgliedern der Volkstempel-Sekte in



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Guayana, einen allgemeinen publizistischen "Kreuzzug“ gegen die destruktiven religiösen Gruppen zu beginnen. Sie setzt sich für eine differenzierte und genaue Information der öffentlichkeit ein. Hierzu soll auch dieser Bericht beitragen.

4.4 Aufgaben der Schule, der allgemeinen und beruflichen Bildung, der außerschulischen Jugendbildung
 

Es gibt zu denken, daß bei der Befragung junger Menschen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren in Rheinland-Pfalz zwar nur 7 % noch nie etwas von den "neuen Jugendreligionen“ gehört hatten, aber auch nur 13 % angaben, im Unterricht damit bekannt gemacht worden zu sein. Dem entspricht, daß die Hälfte aller Befragten der Auffassung ist, die Schulen müßten besser über die religiösen Gruppierungen aufklären.

Die Landesregierung ist sich bewußt, daß die Aufklärung über religiöse Bewegungen und Gruppierungen und insbesondere über die Gefahren der destruktiven religiösen Gruppen eine wichtige Aufgabe des öffentlichen Schulund Bildungswesens ist. Die notwendige Aufklärung und Information muß zunächst bei der Fortbildung und Weiterbildung der Lehrer beginnen. Dies ist bereits veranlaßt. Zwei der drei Institute für die Fortbildung und Weiterbildung der Lehrer, nämlich das Institut für Lehrerfortund -weiterbildung in Mainz und das Erziehungswissenschaftliche Institut in Landau, haben dieses Thema zu einem Schwerpunkt ihres Veranstaltungsprogramms für das erste Halbjahr 1979 gemacht.

Das Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung in Mainz hat sein Programm im ersten Halbjahr 1979 zum Teil unter das Thema "Die Sinnfrage und die Lehrerfortbildung“ gestellt. Dieses Thema steht ausdrücklich im Zusammenhang



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mit der Problematik der "neuen Jugendreligionen“. In ausgewählten Veranstaltungen, vorerst bezogen auf die Fächer Biologie, Deutsch, Religion und Sozialkunde, soll geklärt werden, wie in diesen Fächern didaktisch-methodisch durch Wissensvermittlung Sinn erfahrbar gemacht werden kann. Diese Fragen werden in zentralen und schulinternen Veranstaltungen mit Kollegien aufgegriffen. Die Erfahrungen sollen dann in Veröffentlichungen allen Lehrern zugänglich gemacht werden. Das Erziehungswissenschaftliche Institut in Landau führt eine Veranstaltung zu dem Thema "Jugendreligion“ in Koblenz für Lehrer aller Schularten durch. Darüber hinaus wird dieses Thema in dem Weiterbildungslehrgang "Evangelische Religion“ und "Katholische Religion“ behandelt. Außerdem hat das Kultusministerium veranlaßt, daß auch im Rahmen verschiedener Veranstaltungen des staatlichen Instituts für die Fortbildung und Weiterbildung der Lehrer (SIL) im kommenden Jahr das Thema behandelt wird, so vor allem in dem Weiterbildungslehrgang für Beratungslehrer, an dem sich gegenwärtig 150 Lehrer aller Schularten beteiligen, die hierfür wichtige Multiplikatoren in ihren Schulen werden können.

Auch die Einbeziehung in die Lehrpläne hat bereits begonnen, vor allem im Rahmen des evangelischen und katholischen Religionsunterrichts. Dies wird im "Lehrplanentwurf Evangelische Religion für die Klassen 7 bis 9/10“ deutlich. Der Entwurf sieht für das 7. Schuljahr eine 10 bis 15stündige Unterrichtsreihe zum Thema "Freikirchen und Sekten“ vor. In diesem Zusammenhang sind aber eine Reihe von anderen Themen ebenfalls von Bedeutung, so zum Beispiel die Behandlung des Themas "Kirche“ im Rahmen einer längeren Unterrichtsreihe in Klasse 8, des Themas "Schuld - Strafe -Vergebung“ im 9. Schuljahr, des Themas "Außenseiter - Randgruppen“ im 7. Schuljahr und des Themas "Gewalt und Gewaltlosigkeit“ im 10. Schuljahr. Entsprechend sieht der Zielfelderplan



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für den katholischen Religionsunterricht, der noch nicht als Lehrplan ausgearbeitet ist, als wichtiges Ziel vor, Kirche als Erfahrunqsbereich erlebbar zu machen ("wichtige Ausprägungen des Christentums und des kirchlichen Lebens kennen und verstehen; Impulse für ein Leben in der Kirche gewinnen; die Interpretationsbedürftigkeit von Glaubenssätzen akzeptieren; den Glauben der Kirche als Anspruch annehmen“) und die Fähigkeit zu stärken, sich "zum Engagement in der Kirche zu entscheiden“ (“die Gemeinschaft der Glaubenden auch als gesellschaftliche Größe erkennen; Lebensäußerungen der Kirche verstehen; christliche Aktivitäten nach dem Maßstab des Neuen Testaments beurteilen; entscheidungsfähig werden zum eigenen Engagement in der Kirche“).

Eine hervorragende Bedeutung in der Auseinandersetzung mit den destruktiven religiösen Gruppen kommt der außer-schulischen Jugendbildung im Rahmen der Jugendarbeit und insbesondere im Rahmen der Jugendverbände zu. Die im Landesjugendring Rheinland-Pfalz zusammengeschlossenen Verbände haben zu einem großen Teil bereits in der Vergangenheit die Auseinandersetzung mit den destruktiven religiösen Gruppen zu einem Thema ihrer Bildungsarbeit gemacht. Die Jugendarbeit mit ihrer lockeren Form einer nicht primär lernzielorientierten Kommunikation und mit ihrer Betonung gemeinschaftsbildender Angebote ist besonders geeignet, den destruktiven religiösen Gruppen entgegenzuwirken. Dies gilt vor allem für die kirchliche Jugendarbeit, in der religiöse Fragen Jugendlicher aufgenommen und Antworten auf die Sinnfrage vermittelt werden können.

Die Landesregierung ist jedoch überzeugt, daß weder die Information über neue religiöse Bewegungen und insbesondere über die destruktiven religiösen Gruppen, noch die Vermittlung von Wissen über mögliche Antworten auf die Sinnfrage



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hinreicht. Sinn muß erlebbar gemacht werden, und dies geschieht nicht durch Wissensvermittlung. 60 % der in der zitierten Befragung befragten jungen Menschen in Rheinland-Pfalz haben angegeben, daß nach ihrer Auffassung junge Menschen dazu gebracht werden, sich einer Jugendsekte anzuschließen, "wenn man mit dem komplizierten Leben nicht fertig wird und einem alles über den Kopf wächst“. 50 % führen die Erfolge der Jugendsekten bei jungen Menschen darauf zurück, daß es für viele Jugendliche keine echten Perspektiven für Beruf und Leben gibt, und wiederum 60 % sind der Auffassung, daß sich Eltern, Lehrer und Erwachsene mehr um die Probleme der Jugendlichen kümmern müßten, während demgegenüber nur 50 % eine bessere Aufklärung an den Schulen für erforderlich hielten. Dem entspricht, daß sogar 13 % der Befragten Jugendsekten für sich persönlich interessant fanden, "weil sie in der geistigen Richtungslosigkeit unserer Zeit einen Weg weisen“, und 11 %",weil sie Jugendlichen eine verbindliche Gemeinschaft und Aufgaben geben, in denen man aufgehen kann“. In Abschnitt 3 wird versucht, einige Aspekte zur geistigen Situation der gegenwärtigen Jugend aufzuzeigen. Die in der Befragung gegebenen Antworten lassen in die gleiche Richtung denken.

In Deutschland wie in allen Industrienationen verbringen immer mehr junge Menschen immer längere Zeit in großen und zum Teil unübersichtlichen Bildungsinstitutionen, ohne daß der Bezug dieses Lernens zu der späteren sozialen Aufgabe und Sinnfindung und zum späteren sozialen Status für sie stets deutlich wäre. Die "geistige Richtungslosigkeit unserer Zeit“ wurde vor allem von Studenten als Grund dafür angegeben, daß sie Jugendsekten interessant finden könnten, die Erwartung, "verbindliche Gemeinschaft und Aufgaben“ zu finden, von Schülern. Jugendgruppen und Jugendverbände



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haben aufgrund ihrer Gestaltungsfreiheit und ihres methodischen Ansatzes besonders viele Möglichkeiten, dem Bedürfnis junger Menschen nach Gemeinschaft und nach gemeinsamen Aufgaben entgegenzukommen und den Jugendlichen in ihren pluralen Angeboten nicht nur geistige Auseinandersetzung zu bieten, sondern auch Perspektiven erlebbar werden zu lassen.

Das Empfinden der Perspektivlosigkeit des Lebens, der geistigen Orientierungslosigkeit und des Fehlens verbindlicher Gemeinschaft ist viel allgemeiner, als die im Verhältnis dazu sehr geringen Erfolge der neuen religiösen Gruppen zum Ausdruck bringen. Nicht nur um diese kann es gehen, wenn gefragt wird, was im Rahmen des Bildungs- und Erziehungswesens getan werden kann. Die zahlreichen Jugendlichen, die begonnene Bildungsabschnitte abbrechen, Ausbildungsverhältnisse nicht zu Ende führen, den erlernten Beruf aufgeben oder in ähnlicher Weise angesichts der Anforderungen der Realität versuchen "auszusteigen“, aber auch die zunehmende Zahl von Selbstmorden junger Menschen, ihre Gefährdung durch Drogen und Alkohol und die zunehmenden psychischen Störungen und Erkrankungen sind Symptome, die in die gleiche Richtung zeigen und in ihrer Bedeutung noch besorgniserregender sind. Es ist die allgemeine Gefährdung junger Menschen in unserer Gesellschaft, die die destruktiven religiösen Gruppen für sie erst gefährlich macht.
 

4.5 Schlußbemerkung
 

Was kann getan werden, um jungen Menschen die Sinnperspektive, die geistige Orientierung und die verbindliche Gemeinschaft zu vermitteln, die sie suchen? Die Landesregierung kann hier keine fertigen Antworten anbieten. Die Vermittlung von Denkfähigkeit und Wissen



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in öffentlichen Bildungseinrichtungen ist für die Existenz unserer hochtechnisierten Industriegesellschaft und damit für das Leben aller wichtig, es kann darauf nicht verzichtet werden. Dabei müssen aber die emotionalen Bedürfnisse junger Menschen nicht zu kurz kommen. Sie mit zu berücksichtigen ist Aufgabe der Bildungspolitik. Dies fängt bei der Überlegung über die optimale Größe von Schulen und Hochschulen an, wird sich aber letztlich darin entscheiden, ob es gelingt, Lehrern und Erziehern ihre Verantwortung für die Gesamtentwicklung des jungen Menschen bewußt zu machen, sie dafür zu ermutigen und besser auszurüsten.

Die Landesregierung ist sich bewußt, daß die Möglichkeiten des Staates besci~iänkt sind und an einer entscheidenden Stelle enden. Sie sieht eine wichtige Ursache der gegenwärtigen Labilität der Jugend auch darin, daß die Bedeutung des religiösen Erlebens für die Entfaltung der Persönlichkeit junger Menschen in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend aus dem Bewußtsein verdrängt worden ist. Sie sieht es nicht als einen Zufall an, daß heute von einer "neuen religiösen Welle“ oder "religiösen Revolte“ unter den jungen Menschen gesprochen wird. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften sind hier gefordert; sie können mit den Möglichkeiten, die nur sie haben, den jungen Menschen Sinn und Antwort auf letztlich religiös motivierte Fragen aufzeigen.
 

Literaturübersicht
 

Helmut Aichelin: "Moderne Jugendreligionen - Hintergründe
Fragen . Antworten“, 32 S., N~col—Verlag, Kassel

Arbeitskreis Sekten und neuere Weltanschauungsgemeinschaften (Hrsg): "Sekten un~ neuere Weltanschauungsgemei.nscharten“ 157 5., Bonn 1978

Daniel Beil: "Die Zukunft der westlichen Welt“, Frankfurt 1976

Hendrik Bussiek: "Bericht zur Lage der Jugend“, 176 S., Fischer Tb-Verlag Frankfurt 1978

Harvey Cox: "Licht aus Asien - Verheißung und Versuchung östl. Religiösität“, aus dem Amerikanischen, 222 S., Kreuz-Verlag Stuttgart 1978

Evang. Landesiugendinformationen (elif) 1/78: "Material zum Thema Jugendreligionen“, 140 5., Amt für Jugendarbeit in 6100 Darmstadt

Friedrich-Wilhelm Haack: "Die neuen Jugendreligionen“, 88 5., Evangelischer Presseverband für Bayern, Birkerstraße 22, 8000 München 19, 16. überarbeitete Auflage 1978

Friedrich-Wilhelm Haack: "Die neuen Jugendreligionen“ Band II (Dokumente und Erläuterungen) 117 5.

Friedrich-Wilhelm Haack: "Ratschläge“ 88 5., Evangelischer Presseverband für Bayern, Birkerstraf3e 22, 8000 München 19

Friedrich-Wilhelm Haack: " Verführte Sehnsucht“, 56 5., Evang. Presseverband für Bayern, München 1978

Friedrich Hacker : "Freiheit die sie meinen“, 480 5., Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1978

Kath. Landesarbeitsstelle Rheinland-Pfalz - Aktion Jugendschutz (Hrsg) : "Neue religiöse Organisationen - Jugendreligionen 127 5., Als Manuskript gedruckt, 1. Auflage Dez. 1978

Joachim Lell/Ferdinand W. Menne (Hrsg) : "Religiöse Gruppen -Alternativen in Großkirchen und Gesellschaft“ Düsseldorf! Göttingen 1976

Literaturmagazin 9 : "Der neue Irrationalismus“ Hrsg. von Nicolas Born / Jürgen Manthey / Deif Schmidt, Rowohlt dnb Nr. 100, Reinbek 1978

Michael Mildenberger : "Heil aus Asien?“, Quell-Verlag Stuttgart 1974

Michael Mildenberger : "Die religiöse Revolte“, erscheint März 1979 im Fischer- Taschenbuch - Verlag, Frankfurt

Peter-Michael Pflüger (Hrsg) : "Religiöse Erfahrungen im Ausbruch aus den Traditionen“, Psychologisch gesehen 26/27 Stuttgart 1976

Hans-Diether Reimer (Hrsg) : "Stichwort ,Sekten‘ - Glaubensgemeinschaften außerhalb der Kirchen“, Quell-Verlag Stuttgart 1978

Udo Reither (Hrsg) : "Meditation - Wege zum Selbst“, Mosaik Verlag München 1976

Horst Reller (Hrsg. im Auftrag der VELKD) : "Handbuch Religiöse Gemeinschaften“ G. Mohn Verlag, Gütersloh 1978

Ingrid Riedel "Der unverbrauchte Gott“ München 1976

Theodore Roszak : "Gegenkultur - Gedanken über die technokratische Gesellschaft und die Opposition der Jugend“, List Taschenbücher 390, München 1973

Shirley Sugarman : "Narzißmus als Selbstzerstörung“, Olten/ Freiburg 1978

Michael Schibilsky : "Religiöse Erfahrung und Interaktion“ Kohlhammer - Urban Taschenbücher Nr. 624, Stuttgart 1976

Rolf Schwendter : "Theorie der Subkultur“, Neuausgabe Frankfurt 1978

Rainer Volp : "Chancen der Religion“, Gütersloher GTB 103, Gütersloh 1975

Ludger Zinke : "Religionen am Rande der Gesellschaft - Jugend im Sog neuer Heilsversprechungen“, 184 5., Kösel-Verlag München 1977

Literatur zu einzelnen Gruppen
 

Vereinigungskirche

Rüdiger Hauth: "Vereinigungskirche - ,Tong-Il Kyo‘ im Angriff“
4. Aufl. 1978, Evang. Presseverband für Bayern, Birkerstraße 22, 8000 München 19
Kinder Gottes (Familie der Liebe)
Rüdiger Hauth: "Die Kinder Gottes - Weg und Irrweg einer Jugendsekte“
3. Aufl. 1977, Evang. Presseverband für Bayern, Birkerstraße 22, 8000 München 19
Hare Krishna-Bewegung
 
Michael Mildenberger: "Heil aus Asien?“, 5. 36 ff, Quell—Verlag Stuttgart 1975
Transzendentale Meditation (TM)
 
Fr.—W. Haack: Transzendentale Meditation“ 39 5. Ev.PrVb.f. By. 1976
M. Mildenberger/A. Schöll: "Die Macht der süßen Worte -Die Bewegung der Transzendentalen Meditation“, Aussaat-Verlag Wuppertal 1977

Bloomfield/Cain/Jaffe/Kory: "Transzendentale Meditation“ Econ Verlag, Düsseldorf/Wien 1976

Bernhard Müller-Llmau: "Kräfte aus der Stille - Transzen~ dentale Meditation“ Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien 1977

John Whyte: "Alles über TM - Transzendentale Meditation‘ Wilhelm Heyne Verlag München 1976

Scientology
 
Christopher Evans: "Kulte des Irrationalen“, Rowohlt Verlaq Re inbek

Jochen Maes: "Scientology-Sekte, Narconon e.V.“ ZittyVerlag Berlin 1977

Für den Unterricht

epv~ArbeitstranSParente für die Tageslichtprojektiofl : "Die neuen Jugendreligionen“ (F.-W. Haack) Evang. Presseverband für Bayern, München 1977

Kurzfilme (ca.15 Min.) über vier Gruppen : Kinder Gottes, Vereinigungskirche, Scientology, Hare Krishna, 16 mm Lichtton, Farbe 1976 (Über die Medienstellen auszuleihen)

Ton-Bild-Mappe (90 Farbdias) : " Götzen, Gurus und Geschäfte“ von H. Löffelmann, 1867 Callig-Verlag München (leihweise über die Medienstelle)

Wandbild für den Unterricht mit Text von H. Aichelin, Liefer. 74/1978 Nr. 4308 "Jugeridreligionen“ Verlag Der Neue Schulmann, Stuttgart
 

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