Braunschweiger
Zeitung 3.1.2002
Experten warnen vor Verharmlosung und
fordern bessere Vorbeugung - gegen den Widerstand der Grünen
Sekten, Kulte, Psychogruppen
- unterschätzte Gefahr?
Von Markus Schlesag
Nur selten tritt der Horror zutage: Etwa
durch den Selbstmord dreier Jugendlicher, die ihrem Leben durch einen Sprung
von der Göltzschtalbrücke in Sachsen ein Ende setzten; kurz davor
durch einen grausamen Ritualmord, den eine junges Ehepaar an einem 33-Jährigen
in Witten verübte. Hinter beiden Taten vermuten Ermittler satanistische
Motive. Im Fall der drei Jugendlichen könnten Sektierer Todessehnsucht
gefördert haben; beim mordenden Ehepaar, dem vom 10. Januar an in
Bochum der Prozess gemacht wird, haben möglicherweise vorangegangene
Kultexzesse zur Gewalttat geführt. Auch wenn die Verdächtigen
in diesem Fall zügig gefasst wurden, stehen Behörden und Politik
dem Treiben vieler Sekten nahezu hilflos gegenüber.
Zwar seien Satanistengruppen nicht so straff
organisiert wie andere Sekten, "aber das Geschäft mit dem Satanismus
läuft", sagt Thomas Gandow, Pfarrer und Beauftragter der Evangelisch-lutherischen
Kirche in Berlin-Brandenburg für Sekten- und Weltanschauungsfragen.
In Zeitschriften oder durch Musik wie "Death-Metal-Rock" werde das Thema
transportiert; finde sogar Einzug in die Kulturkritik. "Übersehen
wird dabei aber, dass derlei Dinge Vorbildcharakter gerade für Jugendliche
haben", kritisiert Gandow.
Tabuthema Satanismus
Aus Sicht der Sektenbeauftragten der SPD-Bundestagsfraktion,
Renate Rennebach, zählt Satanismus zu
den "Tabuthemen in der Gesellschaft". Dass vom Satanismus eine breite Gefährdung
für Jugendliche ausgehe, sagt Rennebach zwar nicht; sie betont aber:
"Ich kenne Fälle von rituellem Missbrauch, ich kenne Kinder, die da
rausgeholt wurden, und ich kenne Leute, die selbst aus derartigen Gruppen
ausgebrochen sind. Aber das Thema weckt nur Interesse, wenn es etwas Reißerisches
hergibt." Weitaus größere Gefahr als vom Satanismus geht nach
Rennebachs Einschätzung von so genannten Sekten und Psychogruppen
aus, deren Zahl deutschlandweit auf rund 600 (mit 2 Millionen Mitgliedern)
geschätzt werde. Das Spektrum reicht von so genannten Offenbarungsgruppen
wie Fiat Lux bis zu Psychokulten wie Scientology. Viele versprächen
persönliches Heil, führten aber letztlich in Abhängigkeit,
Isolation, finanziellen Ruin. Eine vom Bundestag beauftragte Enquete-Kommission
zu diesem Thema hatte 1998 zwar einen Abschlussbericht mit Handlungsempfehlungen
vorgelegt - geschehen ist seither nahezu nichts. Zusammenarbeit zwischen
Forschern, Politikern und Seelsorgern gibt es kaum. Fehlanzeige auch bei
der Prävention. "Nur Eltern- und Betroffeneninitiativen, einzelne
Religionslehrer und Pfarrer erörtern das Thema mit Jugendlichen. Das
war's im Wesentlichen", resümiert Rennebach.
"Einstiegsdroge" Esoterik
Dass es mit dem geplanten Gesetz zur Regelung
der gewerblichen Lebensbewältigungshilfe nur schleppend vorangeht,
obgleich dessen Entwurf bereits 1997 auf Initiative der SPD vom Bundesrat
eingebracht worden war, räumt Rennebach ein. Aber sie arbeite unverzagt
an dessen Verwirklichung. Das Gesetz soll Verbraucher vor Scharlatanen
auf dem Psychomarkt schützen, die Hilfesuchenden nicht nur wirtschaftlich
schaden - etwa durch Kaskaden teurer Seminare und Erleuchtungskurse -,
sondern auch in psychische Abhängigkeit zu führen versuchen.
Als "Einstiegsdroge" hat Rennebach dabei den Esoterikmarkt ausgemacht.
"Der Enquete-Bericht war relativ irreführend",
räumt Rennebach ein. Das Hauptproblem aber sei, dass die Grünen
kein Interesse zeigten, das Thema erneut aufzugreifen. Das sieht auch Sektenexperte
Gandow so: "Mein Eindruck ist, dass bei der grünen Partei absolut
kein Interesse an der Regelung des Psychomarktes besteht." Die Grünen
meinten offenbar, auf diese Weise im Interesse eines Teils ihrer Anhänger
zu handeln: "Der Vorwurf des Klientelschutzes wird nicht nur von kirchlichen
Sektenbeauftragten erhoben, sondern auch von Betroffeneninitiativen", so
Gandow.
Derlei Vermutungen weist die Grünen-Bundestagsabgeordnete
Angelika Köster-Loßack, wie Rennebach
ehemals Mitglied der Enquete-Kommission so genannte Sekten und Psychogruppen,
zurück: "Das ist völlig absurd. Was heißt hier die Klientel
der Grünen?" Es gehe darum, von der Verfassung zugesicherte Rechte
einzuhalten. Die Grünen setzten bezüglich Psychogruppen auf Aufklärung.
Im Übrigen greife "die Verantwortung des mündigen Bürgers
oder des Verbrauchers", sagt Köster-Loßack. Spezielle Maßnahmen
seien mithin nicht nötig.
"Leute werden rekrutiert"
Dass jemand freien Willens in eine Psychogruppe
gehe, hält Gandow allerdings für ausgeschlossen:
"Die Leute sind rekrutiert, mit teils täuschenden Mitteln angeworben
worden", so, als ob sie unter Vorspieglung falscher Tatsachen in einen
Buchklub gelockt worden seien. "Das Problem ist, dass die Gruppen durch
die gegenwärtige Gesetzeslage nicht gezwungen sind, von vornherein
aufzudecken, worum es geht."
Dass sich daran zunächst nichts ändern
wird, zeigt nicht nur die Einschätzung Köster-Loßacks:
"Ich denke immer noch, dass keine speziellen Maßnahmen ergriffen
werden müssen." Nach der Beratung über den Endbericht der Enquete-Kommission
wurde das Thema im Januar 2000 an zehn Ausschüsse verwiesen. "Auch
an den Verteidigungsausschuss", klagt Gandow. "Das ist nicht nur eine sehr
lange Bank, das ist eine Beerdigung." |