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Die Primärtherapie des Arthur Janov


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Impressum

Der grosse Renner scheint die Primärtherapie nicht mehr zu sein. Die Datenbank des Versenders Amazon liefert (Stand 21.8.2002) nur ein Buch. Es ist durchaus bezeichnend, das dies aus dem Osho-Verlag stammt: "Die zweite Geburt. Heilung durch ganzheitliche Primärtherapie"  von Premartha, Svarup Osho Verlag, Köln (2000). Man darf wohl davon ausgehen, daß es sich um ein positiv bewertendes Buch handelt.
Die nachfolgend besprochenen Bücher enthalten kritische Darstellungen:
 

Goldner, Colin: Die Psycho-Szene
Alibri Verlag Aschaffenburg 2000, 642 Seiten
 
Goldner Die Psycho-Szene  Seite 380


Esoterischer Psychomarkt
5.38. Primärtherapie

Der amerikanische Sozialarbeiter Arthur Janov (*1911) hatte Ende der 1960er Jahre — mehr oder minder zufällig — bei einem von ihm in der Psychiatrie betreuten Patienten eine verblüffende Beobachtung gemacht. Alleine die Aufforderung, nach seinen Eltern zu rufen, ließ ihn wimmernd zu Boden sinken: "Plötzlich wand er sich gequält auf dem Boden. Sein Atem ging schnell und stoßweise: ,Mama, Pappa!‘ tönte es in lauten Schreien fast unfreiwillig aus seinem Mund. Er schien sich in einem Koma oder hypnotischen Zustand zu befinden. Sein Winden ging in kleine Zuckungen über, und schließlich stieß er einen durchdringenden, todesähnlichen Schrei aus. (...) Das ganze Vorkommnis dauerte nur wenige Minuten. (...) Alles, was er hinterher sagen konnte, war: ,Ich habe es geschafft! Ich weiß nicht was, aber ich kann fühlen!“‘1645 Janov, der ähnlich "primäre“ Verläufe auch bei anderen Patienten beobachten konnte, entwickelte in der Folge ein therapeutisches System — er nannte es Primal Therapy — mit dazu passendem theoretischem Überbau (für den er sich sehr frei bei den Arbeiten Wilhelm Reichs und Sandor Ferenczis bediente, die lange vorher schon mit kathartisch herbeigeführten "Primärerlebnissen“ experimentiert hatten). Seine Bücher avancierten weltweit zu ungeahnten Bestsellern - vermutlich haben mehr Menschen den Urschrei gelesen als irgendein anderes Buch über Psychotherapie —, Primärtherapie wurde zur Modetherapie der 1970er Jahre. John Lennon und Yoko Ono gehörten zur ersten Generation von Primärklientel und machten Janovs Arbeit entsprechend populär. 

Die theoretischen Grundlagen der Primärtherapie ähneln sehr der Neurosenlehre der frühen Psychoanalyse. Freud hatte zu Beginn seiner Arbeit die Auffassung vertreten, der Neurotiker leide in erster Linie an verdrängten Erinnerungen an traumatische Erlebnisse aus 



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seiner Kindheit (Schmerz, Angst, Gefühl der Verlassenheit etc.). Diese unverarbeiteten Erlebnisse seien im Unbewußten nach wie vor gegenwärtig und äußerten sich in einer Vielzahl neuretischer Symptome. Janov vereinfachte dieses Konzept und erweiterte es um die Annahme, daß nicht nur frühkindliche Traumata den Menschen entscheidend prägten, sondern vor allem Traumata peri- und pränataler Art; gemeint sind damit körperliche und psychobiologische Beeinträchtigungen, die zwischen Empfängnis und der ersten Zeit nach der Geburt auf den Fötus einwirkten. Janov geht davon aus, daß der Fötus ab dem Zeitpunkt der Empfängnis über eine Art Bewußtseinsspeicher verfüge, in dem sämtliche traumatischen Erfahrungen festgehalten würden (er will sogar die Gehirnregion [!J ausfindig gemacht haben, in der dieser Speicher seinen Sitz habe). Je früher solche Erfahrungen gemacht würden, desto einschneidender wirkten sie sich auf die weitere Entwicklung aus. Zu den Traumatisierungen des Fötus - von leichter Reizung bis zu echter Schädigung - zählt neben Krankheit oder Drogenkonsum (Zigaretten/Alkohol/Medikamente) der Mutter etwa auch die Erhöhung der adrenalinen Alkaloide, wie sie bei Streß oder Angst in den Blutkreislauf gelangen. In erster Linie aber geht es um "psychische“ Traumata, bedingt durch bewußte oder unbewußte Ablehnung des Fötus seitens der Mutter, die sich auf psychobiologischem Wege auf diesen übertrage. Die Nicht-Befriedigung oder Frustration primärer Bedürfnisse, vor allem des Bedürfnisses nach bedingungsloser Annahme und Liebe, ließen im Körper eine Art Urschmerz zurück, der den Organismus von seiner potentiellen Lebensbahn abdränge und zu neurotischen Störungen und Erkrankungen führe. Dieser Urschmerz müsse erinnert und noch einmal durchlebt werden, so daß sich in kathartischen Entladungen - dem Urschrei -der Weg zum "wahren Selbst“ eröffne. 1646 
Die primärtherapeutische Praxis fordert in der Regel vorab einen schriftlich ausgearbeiteten Lebenslauf Es folgt eine körperliche Untersuchung sowie ein Eignungsinterview. Die Therapie selbst findet in einem extra dafür vorgesehenen fensterlosen, schalldichten und gepolsterten Raum statt. Der Klient wird aufgefordert, sich auf den Boden zu legen und frei assoziativ aus seiner Kindheit zu erzählen. Gerät er an eine schmerzhafte Erinnnerung — laut Primärtheorie allemal Reflexionen prä- oder perinataler Traumata —, wird er aufgefordert, diese weiter zuzulassen. Alleine diese Erlaubnis, verbunden mit tiefgreifender Körpermanipulation (z.B. Extremdruck auf den Solarplexus) sowie hyperventilierenden Atemtechniken (~ Rebirthin,g), kann Gefühle unbekannter Intensität freisetzen: "Tränen, Schluchzer und Agonie stellen sich ein. Häufig ist der Körper außer Kontrolle. (...) Der Patient drückt seine Gefühle aus: ,Halt mich fest‘, ,Hab mich lieb‘, ,Sei lieb zu mir‘. Er macht das nicht absichtlich, die Worte strömen aus ihm heraus. Manchmal fehlen die Worte, nur Stöhnen und Schluchzen sind zu vernehmen.“‘647 Gelegentlich steigern sich die Ausbrüche in infernalisches Kreischen, Schreien und Brüllen. Eine derartige Primärerfahrung dauert durchschnittlich eine Stunde, gefolgt von ein bis zwei Stunden Entspannung. Eine weitere therapeutische Bearbeitung des "Primals“ erfolgt zunächst nicht, am wenigsten auf kognitivem Wege. Das Intensiverlehnis alleine wird als integrativ angesehen. Janov und seine Anhänger halten dieses Verfahren für das "einzige Heilmittel für psychische Störungen“, allen anderen Therapien wird unterstellt, sie seien grundsätzlich von Schaden. 



Goldner Die Psycho-Szene  Seite 382

In einer zwei- bis dreiwöchigen Intensivphase, durchgeführt meist in einem abgeschlossenen Therapiezentrum, arbeitet der Klient täglich für zwei bis drei Stunden — bei manchen Praktikern auch bis zu 10 Stunden täglich — mit seinem Therapeuten, der für eventuell notwendige Krisensitzungen rund um die Uhr für ihn verfüglich ist. Der Klient verläßt hierzu seinen üblichen Lebensraum, Beruf, Familie und Wohnort und unterzieht sich der Therapie in einer Art Klausur, ohne Kontakt zu anderen Menschen, ohne zu lesen, fernzusehen oder Radio zu hören. Die Kosten für eine derartige Intensivphase liegen bei rund 3.000 Mark. Die bis Mitte der 1970er Jahre in den USA übliche Praxis, Primärerfahrungen, zumindest in "therapieresistenten Fällen“, mit LSD oder anderen halluzinogenen Drogen herbeizuführen (> Psycholyse), ist im deutschsprachigen Raum verboten. (In der Schweiz wurde bis Anfang der 1990er ganz legal mit LSD und MDMA [in der Psycho- und Partyszene bekannt als Ecstasy] experimentiert.- Anmerkung 1548) Nach der individuellen Intensivphase setzt der Klient seine Arbeit in einer primärtherapeutischen Gruppe fort, an der er zunächst zwei- bis dreimal pro Woche teilnimmt. Später, über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren, nimmt er einmal wöchentlich an der Gruppe teil. In primärtherapeutischen Gruppen ist der Kontakt zueinander nicht wesentlich, jeder Teilnehmer arbeitet mit und an sich alleine. Lediglich gegen Ende der jeweiligen Sitzung werden die gemachten Erfahrungen in der Gruppe mitgeteilt. 
Die Wahrscheinlichkeit, daß Primärerfahrungen wesentlich durch suggestive - bewußte oder auch unbewußte - Beeinflussung seitens des Therapeuten zustandekommen, ist groß. In der Primärtherapie läuft es meist auf den Kampf gegen eine ständig sich einmischende Mutter und einen überautoritären Vater hinaus. Der Patient wird angehalten, sich auf dem Boden wälzend, seinen rasenden Zorn auf seine Eltern hinauszubrüllen, von denen er sich vernachlässigt oder mißverstanden glaubt. Daß allein derlei (künstlich induzierte) Affektfreisetzung irgendwelchen Wandel bewirke, wurde selbst unter linientreuen Primärtherapeuten schon bald angezweifelt.Anm.1649 Sehr beliebig und je nach Kenntnisstand des einzelnen Praktikers wird der Janovsche Ansatz daher seit Anbeginn mit Elementen aus Transaktionsanalyse, Psychodrama oder Gestalttherapie angereichert beziehungsweise werden umgekehrt primartherapeutische Elemente zur Bereicherung anderer Verfahren herangezogen (> Hoffman-Quadrinity-Prozeß).
Arbeit auf der Primärebene war und ist der zentrale Therapieansatz des > Osho-Rajneesh-Kults. Seit Ende der 1970er Jahre wurde Primärtherapie unter verschiedenen Rajneeshinternen Bezeichnungen, beispielsweise "Early Life“, "Childhood Deconditioning“ oder auch "Rajneesh Primal Transformation“, sowohl in den Hauptquartieren der Psychosekte in Poona und Oregon als auch in den zahlreichen Rajneesh-Meditations- und Therapiezentren weltweit betrieben und trug in den 1980ern entscheidend dazu bei, daß das Verfahren nicht in der Versenkung verschwand. Die heutige Primär-Szene ist zu großen Teilen dem Osho-Rajneesh-Umfeld zuzuordnen. Abweichend von Janovs Vorgaben wird Primärtherapie hier in erster Linie in Form von Wochenend-Workshops oder auch drei- bis zehntägiger Gruppen-"Marathons“ angeboten, in der Regel ohne Möglichkeit darüber hinausreichenden Weiterarbeitens.
...



Goldner Die Psycho-Szene  Seite 383


.....
Ohne Einbindung in ein klinisches Gesamtkonzept mit kontinuierlicher Fortführung der therapeutischen Arbeit sind primärtherapeutische Eingriffe völlig unverantwortlich. Aber selbst "vorschriftsmäßige“ Primärarbeit kann äußerst gefährlich werden, durch das hyperventilierende Atmen, auch "LSD-Breathing“ genannt, können Bewußtseinsstörungen, Schwindelgefühle und sogar Ohnmachtsanfälle auftreten. Eben diese, gelegentlich als rauschartig erlebten Extremerfahrungen, die sich durch das manipulierte Atmen einstellen, bilden die subjektive Grundlage der Primärtherapie: Bewußtseinseintrübungen mit kompensativen Phantasiekonstrukten werden als "Vergegenwärtigung“ peri- oder pränataler Widerfahrnisse und Gefühle - die sogenannten "Primals“ - gedeutet. Die Frage, ob diese "Primals“ nun als authentische "Erinnerung“ zu gelten haben, wie die Primärtherapie postuliert, oder eher als symbolhaftes Geschehen, ist klinisch völlig ohne Relevanz: als subjektives Erleben - unabhängig davon, ob es sinnvoll ist, sie zu erzeugen - sind sie allemal authentisch und bedürfen, ähnlich wie Träume oder Phantasievorstellungen, therapeutischer Bearbeitung und Integration. Solch notwendige Bearbeitung ist allerdings in Wochenend-Workshops oder einmalig stattfindenden Marathons weder vorgesehen noch möglich, die Teilnehmer werden ohne irgendwelche Nachsorge nach Hause geschickt. Die tiefen Eingriffe ins organismische Geschehen können allerdings noch Wochen, Monate und selbst Jahre später zu psychotischer Entgleisung oder in suizidale Krisen führen. Akutes Risiko bedeuten auch die körperlichen Interventionen, mit denen auf oftmals abenteuerlichste Weise versucht wird, irgendwelche Primärerfahrungen hervorzurufen. Im Frühjahr 1993 verstarb ein 31-jähriger Schweizer während einer Primärtherapie an Herzversagen. Er war im Rahmen der Behandlung über längere Zeit mit dem Gesicht nach unten gegen eine Matratze gedrückt worden und hatte einen akuten Sauerstoffmangel mit anschließendem Herzinfarkt erlitten. Die angewandte Primärtherapie wurde von den zuständigen Behörden bis auf weiteres verboten. In Berlin hatte es kurz zuvor einen ähnlich gelagerten Fall gegeben: Im Zuge einer Primärbehandlung war ein Mann in einen Teppich eingerollt worden - eine vor allem in Rajneesh-Kreisen (ehedem) recht gebräuchliche Methode, ein "primäres“ Gefühl "intrauterinen Eingeengtseins“ zu induzieren. Der Patient erstickte.Anm. 1651 (Die Szene scheint aus solchen Vorfällen nichts zu lernen: Erst im Mai 2000 starb ein 10-jähriges amerikanisches Mädchen, das der "Therapeut“ zur Behebung irgendwelcher "Verhaltensstörungen“ den Adoptiveltern gegenüber in dunkle Laken eingewickelt hatte; diese sollten den beengenden Uterus der leiblichen Mutter symbolisieren, aus dem die kleine Patientin sich "herauskämpfen“ sollte; zur Verschärfung des "Primärgefühls“ wurde ihr ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Das Mädchen fiel in ein Koma, aus dem es nicht mehr erwachte. 1652) 
 
  • 1645   Janov, A.: The Primal Scream. 1970, zit. in: Scharf, R. ei al.: Primärtherapie, in: Corsini, R. (Hrsg.): Handbuch der Psychotherapie (Band 2). München, 1987, 5. 937
  • 1646   vgl. Janov, A.: Der Urschrei. Frankfurt/Main, 1973
  • 1647   Janov, A.: Gefangen im Schmerz. Frankfurt/Main, 1981, 5. 199
  • 1648   vgl. Widmer, 5.: Die Psycholyrische Psychotherapie, in: Bachmann, A.: Der Neue Therapieführer. München, 1992,S. 230f.
  • 1649   vgl. VoIz-Ohlemann‘ G.: Der natürliche und der neurotische Mensch. Frankfurt/Main, 1981
  • 1651   vgl. Goldner, C.: Tod beim Urschrei, in: Psychologie Heute, 6/1993, 5. 14
  • 1652   Tödliche Familientherapie, in: tz vom 20/2 1.5.2000,S. 32

 

Hansjörg Hemminger: Flucht in die Innenwelt
Primärtherapie als Meditation der Kindheit. Eine kritische Untersuchung aus verhaltensbiologischer Sicht.
Ullstein 1980, 224 Seiten
Weitere Bücher und Texte von Hemminger


 

Zwei Punkte seien hier herausgestellt:


Zu Verdeutlichung hier das gesamte Kapitel III.2 des Hemminger-Buches:
 
Hansjörg Hemminger: Flucht in die Innenwelt, 1980, Seite 169


III. 2 Die Wirkung der Primärtherapie

In seinem Buch "Der Urschrei“ versichert Janov, mit der Primärtherapie Neurosen heilen zu können. Er benutzt das Wort "cure“ (Heilung), um die Wirkung der Primärtherapie zu beschreiben, ein Wort, das in der Psychotherapie sonst tunlichst vermieden wird. Diese Zurückhaltung hat gute Gründe: Eine Grippe oder ein Messerschnitt können heilen, das heißt nach erfolgter Schädigung kann der Status quo wiederhergestellt werden. Eine solche Definition des Heilens —Wiederherstellung des Normalzustands der Gesundheit — ist in der Tat die einzig mögliche Art, den Begriff Heilung zu verstehen. Man kann das Geheiltsein nur dann feststellen, wenn man eine Vorstellung vom gesunden Zustand hat. Aus eben diesem Grund wird das Wort in der Psychotherapie selten benutzt: weil es praktisch unmöglich ist, den "gesunden“ psychischen Zustand allgemeingültig festzustellen. (Wenigstens im Rahmen empirischer Anthropologie ist diese Feststellung unmöglich.) Wenn ein Psychotherapeut das Wort "Heilung“ überhaupt verwendet, meint er nur das Verschwinden eines ganz bestimmten Symptoms. Die "Heilung“ in diesem Sinn kann sich nur auf eine Person beziehen, und der Gebrauch des Wortes ist eigentlich unberechtigt. 

Janov jedoch nimmt diesen schwierigen und anspruchsvollen Begriff ganz bewußt in Anspruch. Er ist nach logischen Gesichtspunkten dazu auch völlig berechtigt, weil er den Zustand der "Gesundheit‘~ beschreibt, auf den sich die "Heilung“ bezieht. Gesund ist nach Janovs Ansicht der "fühlende“ Mensch, der durch Primärerlebnisse seinen Urschmerz abbaut und keine Abwehr mehr besitzt. In einem späteren Buch verspricht er dem Teilnehmer an einer Primärtherapie folgerichtig auch ein "neues Bewußtsein“, und er vertritt die Ansicht, daß es in einer Welt "fühlender“ Menschen weder Krieg noch Verbrechen geben werde. 

Der Begriff "Neurose~‘ weitet sich hier in einer Weise aus, die nur noch als religiös bezeichnet werden kann. Die neurotische Abwehr ist in dieser Sicht das Böse schlechthin, der Quell allen Übels in der Welt. All dem entgeht der Teilnehmer an einer Primärtherapie (soweit es in einer "neurotischen“ Gesellschaft möglich ist), will man Janovs Zusage glauben. Das Versprechen der "Heilung“ und das 



Hansjörg Hemminger: Flucht in die Innenwelt, 1980, Seite 170


Versprechen eines "neuen Bewußtseins“ gehören also untrennbar zusammen: Ohne den weltanschaulichen Anspruch ist die Heilung unmöglich, und ohne Heilung kann das neue Bewußtsein nicht entstehen. Daher muß man, will man durch Primärtherapie "geheilt“ werden, auch die Theorie mit akzeptieren. Ich habe einige Zeit geglaubt, man könne die Chance der Heilung von der Ideologie abtrennen, mußte diesen Irrtum jedoch später korrigieren: Verwirft man die Janovsche oder eine ähnliche Weltanschauung, schrumpft auch das Heilungsversprechen zum simplen Angebot einer neuen psychologischen Technik zusammen. Der Weg zur nüchternen Prüfung ist dann offen, und diese Prüfung ergibt ein wenig schmeichelhaftes (wenn auch wissenschaftlich hochinteressantes) Ergebnis. Wer weltanschaulich gebunden ist, prüft nicht, und wer nach einem neuen Bewußtsein sucht, fragt nicht nach Statistiken medizinischer Erfolge. Die Ideologie schirmt vor jeder Enttäuschung ab und bewirkt, daß die "Therapie“ sich ins Uferlose fortsetzt. (Dies ist ein schlagendes Beispiel für die Abhängigkeit der Gefühle vom Geist oder, wenn man diesem Wort mißtraut, von den intellektuellen Inhalten. Janov und, dies sei ehrlicherweise vermerkt, auch viele andere Tief enpsychologen sehen nur die umgekehrte Abhängigkeit des Denkens von den Gefühlen.) 

Der obige Punkt wird besonders klar, wenn man Janovs Zeitangaben betrachtet: Ursprünglich gab er an, nach sechs bis neun Monaten sei eine Primärtherapie beendet und der Patient als geheilt zu betrachten. Schon bald erwies sich dies als falsch. Viele der Patienten, die überhaupt dabei blieben, setzten ihre Primärtherapie zwei, drei, vier oder mehr Jahre fort. Ich habe einige der ersten Patienten Janovs kennengelernt, die nach fast acht Jahren noch ebensoviel Zeit und Kraft auf Primärerlebnisse verwandten wie zu Beginn. Auch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Klienten des "Denver Primal Center“ ist seit mehr als zwei Jahren dort in Behandlung. Es zeigt die Unseriosität des Geschäfts mit der Primärtherapie, daß Janov seine Zeitangaben nie öffentlich und klar korrigiert hat. Es wird zwar, soweit ich weiß, an seinen Instituten jetzt sehr auf eine Verkürzung der Therapiezeit gedrängt. Aber daß solche dirigistischen Eingriffe überhaupt nötig sind, zeigt, daß die ursprünglich propagierte Idee eines Endes der Therapie bei Leerung des "primal Pool“ falsch war. 

Aus dieser enttäuschenden Entwicklung wurden in Denver einige theoretische Konsequenzen gezogen. Es wurde erkannt, daß Heilung im Sinn Janovs unmöglich ist, da es nicht gelang, den "Urschmerz“ durch Primärerlebnisse zu löschen. Man hielt jedoch an der Idee des 



Hansjörg Hemminger: Flucht in die Innenwelt, 1980, Seite 171


Urschmerzes“ fest und nahm jetzt an, daß er im Primärerlebnis nur erfahrbar, nicht aber verminderbar sei. Nach dieser Vorstellung erhält der Teilnehmer zwar ein neues, erweitertes Bewußtsein, er kann dem ihm nun bewußt zugänglichen "Schmerz“ jedoch nicht entkommen. Vielmehr muß er lernen, bewußt mit diesem Leiden umzugehen und zu leben. Es entsteht eineArt heroischer Pessimismus. ("Die Welt ist neurotisch, und alle Menschen leiden. Aber wir machen uns nichts vor. Wo andere Illusionen haben, fühlen wir.“) 

Jetzt, im Rückblick, frage ich mich manchmal, wie ein Mensch eine solche Haltung ernst nehmen und sein Leben nach ihr ausrichten kann. Während ich mich in Denver aufhielt, war ich zwar ständig in Kontroversen verwickelt, aber der Standpunkt kam mir doch immerhin diskutabel vor. Heute sehe ich, daß man, wenn Janov und sein Gefolge Narren sind, die ein Medikament auch dann noch anpreisen, wenn es sich als wertlos erwiesen hat, die Therapeuten von Denver als doppelte Narren betrachten muß, diewissenund zugeben, daß das Medikament nichts taugt, und die es trotzdem weiter nehmen. Wie ist es möglich, das anscheinend einzig attraktive Element — die Hoffnung auf "Heilung“ — aufzugeben und trotzdem immer neue Teilnehmer zu gewinnen? Die Antwort lautet, daß es ein zweites attraktives Element gibt, nämlich die Lockung der geschlossenen Weltanschauung, das Versprechen einer esoterischen Wahrheit. Dieses Versprechen macht, wie ich glaube, einen ebenso großen oder noch größeren Teil der Attraktion der Primärtherapie aus als das vergleichsweise naive Versprechen einer wundersamen Heilung. Die ideologische oder sektiererische Attraktivität erklärt auch, warum so viele Teilnehmer nach dem Zerfall ihrer ursprünglichen Hoffnungen immer weiter dabeibleiben. Die Atmosphäre in den Institutionen ist allerdings immer mederdrückend und traurig, und zwar nach meinem Wissen sowohl in Los Angeles (Janov) als auch in Denver. Ob falsche Hoffnungen verzweifelt gestützt oder vornehm verworfen werden, bedeutet für die ständige praktische Enttäuschung, die ständige Last neuer Versuche, die Wahrheit doch noch einzuholen, keinen Unterschied. Es ist bezeichnend, daß die beiden Institute in Denver und Los Angeles (deren Praxis fast identisch ist) sich bitter befehden. Janov hält die Primärtherapeuten von Denver für unfähig, und diese werfen ihm ihrerseits vor, er sei nicht imstande, neue Erkenntnisse aufzunehmen. 

In Deutschland wird an den primärtherapeutischen Institutionen meist weder vorschnell von Heilung gesprochen, noch wird die mythisch-pessimistische Haltung von Denver geteilt. Vielmehr wird 



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häufig versucht, die offensichtlichen Mängel der Primärtherapie durch Mischung mit Techniken der sogenannten humanistischen Psychologie, der Gestalttherapie, der Transaktionsanalyse usw. auszugleichen. Dies verhindert ein allzu eingeengtes Sektierertum, führt aber zu entgegengesetzten Auswüchsen: Es kommt zu einerArt psychotherapeutischem Supermarktbetrieb, in dem der Patient nicht als Leidender und Hilfesuchender auftritt, sondern als ein Kunde, der die ihm zusagenden Waren mit Kennermiene auswahlt. Dies ist keineswegs eine Übertreibung: Im Prospekt einer deutschen (wohl der größten) Institution, die einen solchen primärtherapeutischen Supermarkt unterhält, wurde ein amerikanischer Therapeut einer umdentifizierbaren Richtung mit den Worten angepriesen: "Zum erstenmal in Deutschland.“ (Werbung solcher Art sollte eigentlich auf Spielfilme und Zahnpastasorten beschränkt sein.) 

In der Tat gibt es in Deutschland eine Neigung, Psychotherapien des exotischen südkalifornischen Schlags als eine erregende Wochenendunterhaltung aufzufassen, sich einmal mit ein paar Primärerlebnissen schocken zu lassen, das nächstemal sein Eltern-Ich lustvoll abzubauen und beim drittenmal für das anregende Durchkneten des bioenergetischen "Muskelpanzers“ zu bezahlen. Derselbe Relativismus führt auf einer höheren (und daher noch wesentlich gefährliche-ren) Ebene dazu, daß Psychotherapie überhaupt nicht mehr als medizinische Disziplin verstanden wird, sondern als Weg der Selbstverwirklichung und des spirituellen Wachstums. Wo dies der Fall ist, befindet sich die Psychotherapie ganz ähnlich wie bei Janov in einem schnellen Übergang zur Ersatzreligion. Ich habe auf diese Tendenz bereits in der Einführung hingewiesen. 

Zurück zur eigentlichen, reinen Pnmärtherapie: Besonders katastrophal wirkt sich nach meiner Erfahrung die primärtherapeutische Ideologie in der Kindererziehung aus. Janovs Darstellung in "Das befreite Kind“ wirkt so plausibel und lehnt sich so eng an die populäre antiautoritäre Pädagogik an, daß dieses Buch unter allen seinen Veröffentlichungen am wenigsten Kritik hervorrief. Der einzige Unterschied zu sonstigen progressiven Pädagogiken besteht darin, daß Janov ungehemmte Gefühlsausbruche des Kindes nicht nur toleriert sehen will, sondern sie ausdrücklich für zentrale Ereignisse einer gesunden Entwicklung hält. Ansonsten empfiehlt er weitestmögliche Anspruchsbefriedigung und Gewährenlassen des Kindes, engen Kontakt, viel körperliche Zuwendung usw., sämtlich scheinbar liebevolle und entwicklungsfördernde Verhaltensweisen. 

Ich will diese Vorstellungen nicht pädagogisch diskutieren, einiges 



Hansjörg Hemminger: Flucht in die Innenwelt, 1980, Seite 173


hierzu wurde bereits in Teil II angemerkt. So viel will ich allerdings sagen: Nach meiner Beobachtung geht eine solche Erziehung nur so lange in etwa gut, wie das Kind keine ausgesprochenen Ablösungsbedürfnisse hat. Spätestens nach dem zweiten Geburtstag, wenn sich nach der Ich-Abhebung im Kind sowohl der eigene Wille als auch die soziale Einpassungsfähigkeit im Wechselspiel (und im Widerstreit) mit der Umgebung formen sollen, kommt es zu Problemen. Die Kinder zeigen alle bösen Folgen der "laissez-faire“ -Erziehung, nämlich Überaggressivität und mangelnde soziale Geschicklichkeit. Als Besonderheit tritt bei "Primärtherapie-Kindern“ eine starke Neigung zur Regression (Jammern, Weinen, ständiges Fordern) hinzu, die vermutlich von den Eltern übernommen wird. Schwierigkeiten im Kindergarten und in der Schule sind die unvermeidlichen Folgen, die von den Eltern aber mit der Neurotizität der anderen Kinder und der Erzieher erklärt werden. Unter mehreren Kindern von Primärtherapeuten im Alter über drei Jahre, die ich kennengelernt habe, ist nicht eines, das nicht als verhaltensauffällig bezeichnet werden muß. Ich kann nur dringend davor warnen, die rührenden Berichte vom Glück der "befreiten Kinder“ zu glauben. In jedem Fall, in den ich persönlich Einblick hatte — und ich kenne einige Kinder sowohl privat als auch aus der Literatur—, sah die Wirklichkeit erschreckend anders aus. 

Als Verhaltenswissenschaftler, der unter anderem auf die Biologie des Kindesalters spezialisiert ist, konnte ich den Kontakt mit der "progressiven Pädagogik“ nicht vermeiden. Als Vater von zwei Kindern wünsche ich mir hin und wieder, nie etwas von solchen Anschauungen gehört zuhaben. Die Auseinandersetzung mit ihnen hat meine Frau und mich viel Kraft gekostet, die unseren Kindern nicht zugute gekommen ist. 

Interessant erscheint mir noch der meines Wissens einzige Fall, in dem in der Literatur der Primärtherapie empfohlen wird, den Willen eines Kindes zu durchkreuzen (wo er erfüllbar wäre): Ein Mädchen will in die Kirche gehen, weil es an Gott glaubt. Seine Eltern dagegen stehen im Gefolge Janovs dem Christentum feindlich gegenüber. In einem Artikel im "Journal of Primal Therapy“ wird geraten, den Kirchenbesuch nicht zu erlauben, da dieser (selbstverständlich neurotische) Wunsch des Mädchens die Eltern untragbar belaste. Der Leser mag hier seine eigenen Schlüsse ziehen. 

Aus dem bisher Gesagten laßt sich entnehmen, daß ich die Wirkung der Primärtherapie als Gedankengebäude, als eine dem Patienten vermittelte Theorie als ungünstig bis sehr gefährlich einschätze. Wie steht es aber nun mit der direkten medizinischen Wirkung des 



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Primärerlebnisses? Ist es möglich, die reine Technik der Primärtherapie unbefrachtet von Vorurteilen in einer günstigen Weise einzusetzen? Es gibt in der Tat positive, wünschenswerte Effekte (nicht der Ideologie, aber des Primärerlebnisses als solchem). Ich will hier eine Reihe der von mir beobachteten günstigen Einflüsse besprechen: 

1. Bei den sogenannten "hypertonischen“ psychosomatischen Symptomen haben Primärerlebnisse der emotional betonten Art eine spannungsabbauende und damit günstige Wirkung. Zu hoher Blutdruck, Rheumatismus und Arthritis können positiv beeinflußt werden. Die Wirkung hält nach meiner Beobachtung jedoch nie für längere Zeit an. Wird die Therapie abgebrochen oder auch zu lange fortgesetzt, haben alle Symptome die Tendenz, erneut aufzutreten. Die Gründe für die vorübergehende positive Wirkung wurden in Kapitel 1,2 besprochen. 

2. Bei emotional gehemmten, zwanghaften Teilnehmern (mit Einschränkung auch bei überintellektuellen Menschen) kommt es durch die ersten Primärerlebnisse zu einem starken Lösungs- und Lockerungseffekt, der als befreiend erlebt wird. Es werden Verhaltens- und Erlebensweisen zugänglich, die bisher blockiertwaren, und die Aufmerksamkeit für emotionale und körperliche Vorgänge wird belebt. Diese befreiende Wirkung verkehrt sich allerdings ins Gegenteil, wenn mit den neu zugänglichen Erfahrungen nicht konstruktiv umgegangen wird, sondern immer mehr Primärerlebnisse gesucht werden. Die neue Sensitivität wird dadurch zur Überempf indlichkeit und wirkt sich dann negativ aus. Ich werde diesen Zusammenhang im nächsten Abschnitt beschreiben. 

3. Von einer schwierigen Lebenssituation unmittelbar belastete Teilnehmer erfahren eine momentane Erleichterung, wenn sie "sich gehen lassen“. Wird die belastende Situation jedoch nicht durch andere Maßnahmen gebessert, führt das Suchen nach Erleichterung im Primärerlebnis zu einer Abhängigkeit oder Therapiesucht, die langfristig die Lage des Teilnehmers nur verschlimmert. 

4. Drogen- oder Alkoholsüchtige können ihre Suchtmittel oft aufgeben, wenn man statt ihrer Einnahme Primärerlebnisse erlaubt. In diesem Fall wirkt die Entspannung des Primärerlebnisses (der cholinerge "Hormonstoß“) wie eine Ersatzdroge. In der Tat ist die Parallelität mit chemischen Entziehungshilfen größer und nicht geringer, als man zuerst anzunehmen geneigt ist. Typischerweise haben Süchtige in der Pnmärtherapie besonders exzessive Prrmärerlebmsse in dem Sinn, daß es zu wildesten Ausbrüchen von Aggressionen, zu Tobsuchtsanfällen und so weiter kommt. Dies steht in einem frappie- 



Hansjörg Hemminger: Flucht in die Innenwelt, 1980, Seite 175


renden, aber ganz verständlichen Gegensatz zu ihrer sonstigen Passivität. Nach meiner Erfahrung endet die Primärtherapie von Süchtigen jedoch fast immer mit einem Rückfall, sobald die Möglichkeit (oder der Wille), viele Primärerlebnisse zu haben, sich verringert. Oder aber es kommt — wenn die Möglichkeit besteht — zu einer suchtartigen Abhängigkeit von der Primärtherapie selbst ("primal addiction“, siehe unten). Im letzteren Fall ist der körperliche Schaden zwar geringer als bei Drogen- oder Alkoholsucht, das Ziel der Resozialisation wird jedoch ebenfalls verfehlt.

Damit schließe ich die Liste günstiger Wirkungen von Primärerlebnissen ab. Man beachte, daß in dieser Liste Einsicht in die Zusammenhänge des eigenen Lebens ebenso fehlt wie der Begriff des gesteigerten Problembewußtseins, wie Einübung konstruktiven Sozialverhaltens und so weiter. Solche Ziele werden in anderen Formen der Psychotherapie ausdrücklich angestrebt und — vielleicht — dadurch auch erreicht. In Primärtherapie werden sie dagegen nicht gezielt zu erreichen gesucht, vielmehr erwartet man ihre Verwirklichung indirekt dadurch, daß die "neurotische Abwehr“ abgebaut wird. Dies führt dazu, daß kein solches Ergebnis je tatsächlich eintritt. Die häufigen "Einsichten“ der Teilnehmer sind, wie bereits gesagt, fast immer wertlos. 

Zum zweiten muß beachtet werden, daß keine der positiven Wirkungen in irgendeiner Weise vom Inhalt des Primärerlebnisses abhängt. Es ist nicht notwendig, daß im Primärerlebnis scheinbare oder echte Kindheitsengramme eine Rolle spielen. Die Wirkungen hängen nur von dem "sich gehen lassen“ im emotionalen und körperlichen Bereich ab, sie treten auch auf, wenn der Teilnehmer sich für einen Gorilla hält oder an die Seelenwanderung glaubt (was in diesem Fall gut vereinbar wäre). Wenn man Primärerlebnisse daher psychotherapeutisch verwenden will, genügt es völlig, auf dieses typische Auf-schaukeln der Emotionen hinzuarbeiten. Die Anlässe und Inhalte sind unwichtig und sollten — aus sekundären Erwägungen heraus —möglichst unverbindlich gehalten sein. Am besten wäre es wahrscheinlich, den Namen Primärtherapie ganz fallenzulassen und nur von einer "Übung“ zu sprechen. Dies ist ohne weiteres möglich, da man (wie besprochen) die Technik der Primärtherapie als eine Art Meditation auffassen kann. (Noch besser wäre es, sie als eine Antimeditation oder umgekehrte Meditation zu bezeichnen. Alle mir sonst bekannten Meditationsformen zielen auf emotionale Stille und auf Abkehr von der Physis. Die Primärtherapie zielt genau auf das Gegenteil hin.) 



Hansjörg Hemminger: Flucht in die Innenwelt, 1980, Seite 176


Würde man das Primärerlebnis in dieser Weise therapeutisch einsetzen, würde es eine Art Gegenpol zum autogenen Training bilden. Der ideologische Ballast der Janovschen Terminologie ließe sich dadurch vermeiden, und man könnte sich ohne überzogene Hoffnungen auf die vielleicht erreichbaren Ziele konzentrieren. Ich empfehle jedoch nicht, das Primärerlebnis zur Antimeditation umzutaufen und so wirklich in Psychotherapien einzusetzen. Die Gefahren, über die gleich noch zu sprechen sein wird, sind so groß, daß ich eine solche Empfehlung nicht verantworten könnte. Dies gilt um so mehr, als viele der erwähnten günstigen Wirkungen auch anders erzielt werden können. Die einzige Wirkung, die nach meinem Wissen durch autogenes Training, Bioenergetik usw. nicht imitierbar ist, ist die Möglichkeit, Primärtherapie als Entzugshilfe bei Suchtkranken einzusetzen. In einer Klinik, die sich über den Drogencharakter der Primärerlebnisse (zumindest für Suchtkranke) im klaren ist, könnte damit wohl experimentiert werden. Es ließe sich vielleicht erreichen, daß an die Stelle der ursprünglichen Reizmittel oder der nicht viel ungefährlicheren Entzugsdrogen ein "natürliches“ Reizmittel tritt, das nur geringe körperliche Schäden verursacht. Die Aufgabe, aus der primärtherapeutischen Regression herauszuführen und ein konstruktives Sozialiverhalten zu entwickeln, bliebe allerdings weiter bestehen. 

Wohlgemerkt, ich meine nur, daß der Versuch möglich wäre. Ob er sinnvoll und lohnend ist, kann ich nicht sagen. Daß er große Risiken birgt, weiß ich dagegen sicher. 

Die Gefahren des Primärerlebnisses liegennicht nur in dem beschriebenen primärtherapeutischen Sektierertum, sie liegen bereits in der Natur des Primärerlebnisses selbst. (Häufig ist es allerdings schwer, zwischen der Wirkung der Ideologie und der Wirkung der eigentlichen Primärtherapie zu unterscheiden.) Alle negativen Effekte, die ich dem Primärerlebnis als solchem zuschreibe, sind Langzeiteffekte. Sie treten erst nach einiger Zeit auf, sind zu Anfang noch unauffällig und verraten ihre zerstörerische Wirkung erst nach einem, zwei oder drei Jahren. Die negativen Folgen des Sektierertums sind dagegen oft schon vor Beginn der eigentlichen Primärtherapie feststellbar. Sie können sich bereits allein aus der Lektüre von Janovs Büchern ergeben. 

Die Langzeitschäden durch eine zu ausgedehnte Primärtherapie, das heißt genauer durch zu viele Primärerlebnisse, gehen vor allem in zwei Richtungen. Zum einen erhöht sich die Empfindlichkeit des Teilnehmers für alle negativen (Trauer oder Zorn hervorrufenden) 



Hansjörg Hemminger: Flucht in die Innenwelt, 1980, Seite 177


Einflüsse. Seine Stimmung verschiebt sich allgemein in eine depressive oder aggressive Richtung. Verhaltensbiologisch ausgedrückt: die Bereitschaft zu aggressivem oder resignierend-apathischem Verhalten steigt, während die Bereitschaft zu konstruktivem Verhalten (Arbeit, Spiel, entspannte Ruhe usw.) sinkt. Zum anderen fällt die körperliche Spannkraft in zum Teil erschreckender Weise ab. Die Teilnehmer sind immer weniger imstande, belastende Erfahrungen auch rein körperlich zu bewältigen. Sie verlieren die Fähigkeit, sich längere Zeit auf schwierige Probleme zu konzentrieren, und ermüden viel leichter als früher. Ich vermute, daß dieser Verlust an Spannkraft direkt mit der Verschiebung im Gefühlshaushalt zusammenhängt und wahrscheinlich ein sekundäres Phänomen darstellt. Es muß beachtet werden, daß dieser Verlust sowohl die mehr depressiv als auch die mehr aggressiv reagierenden Teilnehmer trifft. 

Nun liegt es nahe, die langsame Verschiebung im Gefühlshaushalt darauf zurückzuführen, daß ständig aversive oder allgemein trauma-tische Assoziationsmuster aktiviert werden und der Teilnehmer ständig bereit ist, sich von "triggers“ (Auslösern) nichtiger Art in Ausbrüche des Schmerzes oder der Wut stürzen zu lassen. Die Verschiebung ist also, bringt man die Beobachtung auf eine kurze Formel, Folge der regressiven Natur des Primärerlebnisses. Die Neigung zur Regression als Konf liktreaktion wird gestärkt, und die entsprechende Erwartungshaltung führt zu einem Übergewicht aversiver Stimmungen. Dem entspricht die bereits erwähnte Beobachtung, daß die Atmosphäre in primärtherapeutischen Gruppen von einer penetranten Traurigkeit oder Anspannung ist; auch der private Verkehr der Teilnehmer untereinander muß als verkrampft bezeichnet werden. Dasselbe gilt für den Umgang des Teilnehmers mit der nicht primär-therapeutischen Außenwelt. Durch seine Neigung zu aversivem Verhalten und seine geringe Energie fühlt er sich ständig angegriffen oder überfordert, schiebt die sich ergebenden Konflikte aber nicht auf seinen schlechten Körper- und Seelenzustand, sondern auf die "Neurose“ der anderen. Als mittelbare Folge stellt sich daher oft eine schwere Lebensuntüchtigkeit ein. Der Teilnehmer neigt dazu, sich in die eigene Innenwelt zurückzuziehen und höchstens noch mit einem Kreis Gleichgesinnter zu verkehren. Im Extrem ist der Kontakt mit den Therapeuten der Institution der einzige, den er aufrechterhält. Die Flucht in die Innenwelt ist damit gänzlich vollzogen. 
Es ist wichtig, an diesem Punkt zwischen Empfindlichkeit und Feinfühligkeit zu unterscheiden, da dies in primärtherapeutischen Kreisen stets versäumt wird. Das Gesagte bedeutet, daß der Teilneh- 



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mer durch eine längere Primärtherapie aversiven Reizen gegenüber empfindlicher wird. Er reagiert auch auf geringfügige Kritik sehr heftig, läßt sich von kleinen Hindernissen in depressive Gefühle stürzen und so weiter. Angenehmen, förderlichen Reizen gegenüber wird er aber unempfindlicher. Er kann sich weniger leicht freuen, lacht wenig, kann schlecht spielen oder sich entspannt ausruhen. Durch diese Verschiebung des emotionalen Gleichgewichts aus der normalen Mitte zu einem Extrem hin wird der Teilnehmer (trotz zunehmender Empfindlichkeit) immer weniger feinfühlig. Er reagiert immer vorhersagbarer, ihm entgehen die Feinheiten, die Obertöne einer Situation, und auch seiner Reaktion ermangelt es an abgestimmter Feinheit. Zu dieser fehlenden Feinfühligkeit trägt bei, daß er sich immer mehr auf seine Innenwelt bezieht, auch wenn er auf äußere Anlässe reagiert. Da das Primärerlebnis im Abschirmen der Gegenwart besteht, wächst auch die Neigung zu dieser Abschirmung. Die Gefahr irrealer Projektionen und grotesker Fehldeutung anderer Menschen ist nach meiner Erfahrung nirgends so groß wie in einer primärtherapeutischen Gruppe. Gerade wenn der "fühlende“ Teilnehmer glaubt, besonders sensitiv zu sein und Wahrheiten über andere zu erkennen, die verborgen sind, ist er in Wirklichkeit nur besonders empfindlich, übersieht einige der wichtigsten Punkte oder täuscht sich vollkommen. Er läßt sich von unwichtigen Begleitanzeichen einer komplizierten Situation nur allzuleicht zu mitleiderregenden Fehlschlüssen oder Vereinfachungen verleiten. Ich will hierzu ein Beispiel berichten: 

Ein Mann hatte über eine lange Zeit hin die Neigung, bei seinen Mitmenschen verborgene Ängste aufzuspüren. Er pflegte dies auszusprechen, zum Beispiel sagte er: "Du hast ja nur Angst vor mir“ und ähnliches. Da es sich um einen hochintelligenten Menschen handelte, hatte er einerseits meistens recht und täuschte sich, näher betrachtet, trotzdem aufs schwerste. Denn in einem Fall handelte es sich um die Angst, zu dem—vorher geschätzten—Freundnicht mehrvordringenzu können, ihn als Freund aufgeben zu müssen. In einem zweiten Fall handelte es sich um die Angst, von dem scheinbar offenen, in Wirklichkeit aber dummen und lieblosen Verhalten verletzt zu werden. In anderen Fällen war die Angst mit wieder anderen Impulsen verknüpft — alles wurde stereotyp als "Angst“ bezeichnet, und jede wirkliche Kommunikation, jede spontane Wechselwirkungwarabgeschnitten. Ich habe selten etwas Traurigeres und Beschämenderes erlebt als diese für Sensitivität gehaltene Empfindlichkeit eines Menschen, der fast zwei Jahre Primärtherapie hinter sich hatte. 



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Was die rein somatische Wirkung der Primärtherapie betrifft, so führt der Verlust an Spannkraft natürlich anfangs dazu, daß Symptome der "hypertonischen“ Art gemildert werden. Dies habe ich erwähnt. Nun hat eine chronische Unterfunktion der sympathotonischen Bereiche des Vegetativums sicherlich auch ihre Gefahren, ich habe solche jedoch nicht sicher beobachten können. Ich glaube zwar, eine Zunahme von Infektionskrankheiten im Gefolge längerer Primärtherapien feststellen zu können, doch dieser Befund ist unsicher (dies mag daran liegen, daß Denver, aus dem viele meiner Erfahrungen stammen, durch seine Höhenlage von 1700 Meter über dem Meer und sein semiarides Klima für Infektionskrankheiten von vornherein ungünstig ist; das Klima ist, kurz gesagt, sehr "gesund“.) Sonst sind mir somatische Schäden — über das allgemeine Symptom geringer Spann-kraft hinaus — nicht aufgefallen. 

Ich bin mir im klaren darüber, daß das hier gezeichnete Bild von der Primärtherapie in geradezu unglaubwürdiger Weise von dem absticht, das Janov (aber auch Corriere und andere) gezeichnet hat. Wenn der Leser sich nicht selbst auf das Experiment einer Primärtherapie einlassen oder selbst umfangreiche Beobachtungen anstellen will (und vor ersterem warne ich sehr), muß er nach seinem persönlichen Eindruck urteilen. Er muß abwägen, welche Darstellung ihm ehrlicher, offener und nüchterner vorkommt und welche ihm zu einer klareren Einsicht verhilft. Einen logisch zwingenden Beweis kann in der Literatur niemand führen. 

Ich habe aber eine Erklärung anzubieten, warum die Teilnehmer an Primärtherapien und ihre Therapeuten die offensichtlichen, ja grotesk offensichtlichen negativen Folgen ihres Tuns nicht mehr wahrnehmen. (Erklärt werden muß eine solche Blindheit sicherlich.) Der Grund ist im Prinzip derselbe, den ich dafür genannt habe, daß in Denver sogar trotz des Glaubens an die Wirkungslosigkeit der Pnmärerlebnisse an dieser Therapie festgehalten wird. Die negativen Folgen werden — wie die Hohlheit der ursprünglichen Versprechungen — zwar gesehen, aber die Bindung an die Ideologie fängt alle Enttäuschungen auf. Die zunehmende Empfindlichkeit Belastungen gegenüber und die geringer werdende Streßtoleranz werden damit erklärt, daß man nach längerer Primärtherapie "naher an seinen wirklichen Gefühlen“ und "offen“ sei. Der Verlust an Lebenstüchtigkeit wird aufgewogen durch einen scheinbaren Gewinn an "Bewußtsein“, oder anders ausgedrückt: nach seinem Glauben hat man "recht“ damit, aggressiv oder depressiv auf diese neurotische Welt zu reagieren. Das gegenwärtige Leben und die Kindheit sind so schreck- 



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lich und so schwer zu ertragen, daß nur ständige Abwehr die anderen Menschen dafür blind machen kann. (Diese Haltung wird ganz unabhängig davon eingenommen, ob das gegenwärtige Leben oder die Kindheit wirklich schrecklich waren oder nicht.) 

Auch hierzu sei ein Beispiel berichtet: Ich kenne eine Frau, deren vorher gute Ehe durch die Primärtherapie zerbrach, die ihren Beruf aufgab und heute nicht imstande ist, mehr als zwei bis drei Stunden pro Tag zu arbeiten. Sie hat die meisten der persönlichen Beziehungen, die vor der Therapie bestanden, inzwischen abgebrochen, sucht dabei aber ständig weiter Primärerlebnisse und setzt ihre "Therapie“ noch immer fort. Diese Frau gibt an, sie habe durch ihre Primärtherapie nichts verloren, was des Behaltens wert gewesen sei. Der Gewinn an "Fühlen“ und "Bewußtsein“, den sie zuhabenglaubt, wird von ihr höher eingestuft als der Verlust von Ehe und Beruf, ja als der Verlust des körperlichen Wohlbefindens (sie litt vor der Therapie nicht an psychosomatischen Symptomen). Zu diesem Fall drängt sich mir ein Bild auf, das ich, obwohl dieses Stilmittel in empirischen Darstellungen sonst nicht üblich ist, hier wiedergeben will: Diese Frau wirkt auf mich wie die Mannschaft eines Segelschiffes, die Masten und Ruder selbst abbricht und ins Meer wirft. Danach läßt das Schiff sich weder steuern noch kann es Fahrt machen, es ist vom Zufall der Winde und Meeresströmungen abhängig. Die Besatzung hält gerade diese Abhängigkeit aber für einen besonderen Vorteil, da sie nun ja viel enger mit Wind und Meer verbunden ist als zuvor. Den voll ausgerüsteten Schiffen, die sich durch Kreuzenundgeschicktes Steuerngegen Wind und Strömung durchsetzen, fühlt sie sich überlegen, da sie diese Souveränität als "unnatürlich“ betrachtet. Fälschlich nimmt die Mannschaft auch an, die Mannschaften der anderen Schiffe wüßten nicht, woher die Winde wehen und wie die Strömungen verlaufen, da sie ihnen nicht willenlos folgen. Das Schiff hat — um das Bild wieder zu verlassen — die höchstmögliche "Empfindlichkeit“ erreicht, denn es ist jedem äußeren Einfluß ausgeliefert. Früher oder später wird es untergehen. Auch außerhalb des Bildes ist es so, daß große Empfindlichkeit lediglich Abhängigkeit von selbstproduzierten und von außen induzierten Emotionen mit sich bringt. Die Annahme, souveräne und innerlich freie Menschen würden die Emotionen, denen sie sich nicht ausliefern, darum nicht wahrnehmen, ist eine für die Primärtherapie typische Illusion. Das Gegenteil trifft zu: Ein innerlich freier, ruhiger Mensch verfügt über ein reicheres, nicht über ein ärmeres Gefühlsleben als der emotionsabhängige, mit sich und der Welt zerfallene. 



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Ob wissenschaftliche Darstellung oder metaphorisches Bild — ich weiß sehr gut, daß die bedingungslosen Anhänger der Primärtherapie nicht überzeugt werden können. Auch die Frau des beschriebenen Beispiels ließ ein offenes Gespräch über ihre tatsächliche Lage nicht zu. Wenn ich den Eindruck erweckt habe, als würde ich solchen Menschen gegenüber eine bittere oder gar verächtliche Haltung einnehmen, so muß ich dies korrigieren. Ich habe keinerlei Grund zu einer solchen Haltung, denn ich erinnere mich gut, daß, während ich selbst versuchte, aus den Irrungen und Wirrungen der Primärtherapie eine sinnvolle Form der Psychotherapie zu destillieren, grundsätzliche Einwände von mir nicht beachtet wurden. Man sollte, wenn man es kann, in jedem Fall dieser Art das Leiden sehen, das verborgen hinter der starren Haltung steht. Auch wenn man den leidenden Menschen nicht erreichen kann, wird man ihn dann doch nicht verachten. 

Am Schluß dieser Darstellung der negativen Folgen einer längeren Primärtherapie muß ich noch das Phänomen der Abhängigkeit besprechen, das schon einige Male angedeutet wurde. In allen mir bekannten Institutionen, die Primärtherapie betreiben, gibt es eine Erscheinung, die als "primal addiction“ (Primärtherapiesucht) bezeichnet wird. (Dies gilt, wenn die Erscheinung nicht durch entsprechende Zeitbegrenzungen oder ähnliches künstlich verhindert wird.) Diese Primärtherapiesucht ist eine Sonderform der bekannten "therapy addiction“ oder Therapiesucht, die im subkulturellen Jargon der USA als "psycho-trip“ bezeichnet wird. Im Fall der "primal addiction‘< verbringen die Teilnehmer jahrelang einige Stunden pro Tag mit "Fühlen“, das heißt mit Primärerlebnissen, oder mit dem Versuch, solche zu erreichen. Dabei produzieren sie ständig dieselben Verhaltens- und Erlebensmuster, sind aber typischerweise fest überzeugt, besonders sensitiv und fortgeschritten zu sein. Das Besondere der Primärtherapiesucht gegenüber anderen Formen des PsychoTrips ist, daß die Abhängigkeit eine deutliche körperliche Komponente hat, oder anders ausgedrückt: Im Extrem kommt es nicht nur zu einer psychischen, sondern zu einer physischen Abhängigkeit ganz ähnlich der Drogensucht. Wird jedes Primärerlebnis verhindert, entstehen typische Entzugssymptome, zum Beispiel Bewegungsunruhe, depressive Gefühle, Instabilität der Stimmung und so weiter. Solche körperliche Abhängigkeit kann wohl nur im Fall der Primärtherapie auftreten. 

In der Tat begleitet eine gewisse, mehr oder weniger starke Abhängigkeit fast jede Primärtherapie. Handelt es sich um eine Abhängigkeit 



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von der Ideologie, kann man von einer psychischen Form sprechen. Handelt es sich mehr um eine Abhängigkeit vom körperlich-hormonellen Verlauf des Primärerlebnisses, muß man dies als echte Suchtkrankheit auffassen. Zwischen diesen beiden Polen, der körperlichen Sucht und dem Sektierertum, liegt die Abhängigkeit, die sich bei jedem einzelnen Menschen einstellt, der eine längere Zeit in einer Primärtherapie verbringt. Wie diese Abhängigkeit aussehen wird, das liegt an der Persönlichkeit, die der Teilnehmer mitbringt, und an dem Grad der Ideologisierung, der in der Institution herrscht. Zwischen den beiden Polen kommen alle denkbaren Formen auch wirklich vor. 

Der Inhalt dieses Kapitels sei nun noch einmal kurz zusammengefaßt: Die erste Gefahr, die von der Primärtherapie ausgeht, liegt im sektiererischen Charakter der von Janov begründeten und von anderen Primärtherapeuten übernommenen Ideologie. Das Primärerlebnis als solches hat auch positive Effekte, die besonders im Bereich von Gefühlsverarmung und Überintellektualität wirksam sind. Daneben werden "hypertonische“ psychosomatische Symptome gebessert. Die Gefahren des Primärerlebnisses zeigen sich — entgegen den positiven Effekten, die kurzfristig auftreten — erst nach längerer Zeit. Sie bestehen hauptsächlich in einer allgemeinen Verschiebung des emotionalen Gleichgewichts hin zur depressiven oder aversiven Seite sowie in einem allgemeinen Verlust an Spannkraft und Konzentrationsfähigkeit. Als mittelbare Folgen lassen sich zunehmende Lebensuntüchtigkeit und ein Rückzug ins Innere beobachten. Fast stets bildet sich eine gewisse, im schlimmsten Fall suchtartige Abhängigkeit aus, die entweder ideologisch-sektiererischen oder körperlichen Charakter hat. 


 
 



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