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Helmut Lorscheid und Leo A. Müller:
Deckname Schiller
Die Deutschen Patrioten des Lyndon LaRouche

Das vollständige Buch als Internet-Ausgabe

1. und 2. Kapitel hier
3. bis 5. Kapitel unter http://www.AGPF.de/Lorscheid+Mueller-LaRouche-Teil2.htm



 
 
 
 
 
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Impressum

Buch gescannt von Ingo Heinemann.
Bitte infiormieren Sie mich insbesondere bei sinnentstellenden Fehlern.
 
 
 
Zu diesem Buch
Parteien, Vereine, Komitees und Wahlmaschinen, Companies, Verlage und Zeitschriften - multinational organisiert, mit Büros und Headquarters in den USA, Mexiko, Indien, Schweden, Norwegen, Italien, Frankreich und der Bundesrepublik, mit Repräsentanten in weiteren Ländern - das ist das LaRouche-Imperium. Der Führer des Polit-Multis ist Lyndon H. LaRouche, 64 Jahre alt, Amerikaner, «Unternehmensberater», «Philosoph», «großer Ökonom».

In der Bundesrepublik sind vor allem drei «Ableger» bekannt: die «Europäische Arbeiter Partei» (EAP), das «Schiller-Institut» und die neugegründete «Bürgergruppe Patrioten für Deutschland», die erstmals im Juni 1986 in Niedersachsen Stimmen sammelte. Helga Zepp-La-Rouche, Ehefrau des amerikanischen Führers, ist vielen Fernsehzuschauern von irritierenden Wahlkampfspots bekannt.

Der ungeklärte Mord an dem schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme brachte die LaRouches weltweit in die Schlagzeilen. Überraschende Wahlerfolge 1986 im US-Bundesstaat Illinois machten die Weltpresse abermals auf die merkwürdige Truppe aufmerksam. Kampagnen gegen AIDS und Drogen, die Verteufelung der ökologischen Bewegung («Grün = Nazis») und ihr Feldzug für die Kernfusion erzielten publizistische und zunehmend auch politische Erfolge.

Doch wer steckt hinter alldem? Die LaRouche-Mitarbeiter betreiben eine Abschottung wie Untergrundkämpfer im Widerstand gegen ein Terrorregime. Strengbewachte Gebäude, weltweite Kommunikationsverbindungen, konspiratives Auftreten - die Autoren Helmut Lorscheid und Leo A. Müller hatten es bei ihren Recherchen nicht leicht. Wer als «Gegner» der Organisation gilt, wird dauerhaft attackiert, verleumdet, ausgekundschaftet und mit übler Hetze verfolgt. Dennoch erteilen Innenpolitiker und Verfassungsschützer seit Jahren gebetsmühlenartig Unbedenklichkeitserklärungen. «Keine sicherheitsrelevanten Erkenntnisse», lautet die offizielle Meinung.

Dieses Buch liefert zahlreiche neue Erkenntnisse, die völlig andere Fragen herausfordern.

HELMUT LORSCHEID, geb. 1955, freier Journalist, seit 1981 Mitglied der Bundespressekonferenz.

LEO A. MÜLLER, geb. 1959, Studium der Politikwissenschaften und Publizistik in Wien und Mainz, seit 1980 frei journalistisch tätig. Veröffentlichungen u. a.: «Die Wendejugend» (zusammen mit Klaus Farm), Rein-bek 1984 (rororo aktuell 5527).


 
 



Helmut Lorscheid und Leo A. Müller: Deckname Schiller Seite 4


 

rororo aktuell - Herausgegeben von Freimut Duve
Originalausgabe

Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg, Dezember 1986
Copyright © 1986 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
Die Rechte des Beitrages von Dennis King und Ronald Radosh
«The LaRouche Connection» © 1984 by The New Republic
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagentwurf Jürgen Kaffer /Peter Wippermann (Foto: Studio G. P. Reichelt)
Satz Times (Linotron 202)
Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
1080-ISBN3499159163



Helmut Lorscheid und Leo A. Müller: Deckname Schiller Seite 5


 
 

Inhalt

Die LaRouche-Connection. Zur Einführung 7

1. Die multinationale Arbeiterpartei: Patrioten, Humanisten, Schiller-Verehrer

«Für die Rettung der westlichen Allianz!» 17
Konferenz-Erlebnisse beim Schiller-Institut

Mit Friedrich Schiller gegen Richard Burt 23
Eine Organisation für internationale Kampagnen

«Scheinheiliger Holocaust-Schwindel» 31
Helga Zepp-LaRouche - ein Kurzporträt

«Patrioten für Deutschland» 35
Vaterlandsliebe mit militärischen Ehren

«Ich wollte nur die Sache in Gang bringen» 44
Interview im Buxtehuder Tageblatt mit dem Deutschen Patrioten Siegfried Labus

Die Europäische Arbeiter Partei EAP: 48
Problemlos von links nach rechts

2. «LaRouche is no Joke!»

LaRouche for President 57
Politischer Kampf und Einfluß in den USA

Die LaRouche-Connection 65
Wie die Führer einer verrückten Randgruppe Zugang zu Vertretern der US-Administration fanden und sich Respekt verschafften
Von Dennis King und Ronald Radosh

LaRouche und der Nationale Sicherheitsreat (NSC)
LaRouche und die Wissenschaftler im Verteidigungsbereich
LaRouche und Star Wars
LaRouche und der "totale Krieg"
LaRouche und der CIA
LaRouchismus an der Basis
Die Welt nach LaRouche


Ende des ersten Teils.
Das Inhaltsverzeichnis für den zweiten Teil wird dort wiederholt und dort befinden sich auch die Links

Zum zweiten Teil: http://www.AGPF.de/Lorscheid+Mueller-LaRouche-Teil2.htm


3. LaRouche und der Rest der Welt
Hetzkampagnen, Irreführung und Psychoterror 93 -«Journalisten das Fürchten lehren» 101
Mordverdacht 106
«KGB-Desinformation» im Fall Palme



Helmut Lorscheid und Leo A. Müller: Deckname Schiller Seite 6

4. An deutscher Technik soll die Welt genesen

La Rouche auf der Suche nach der Energiequelle für übermorgen 113
Technofanatismus, Elite-Denken und die «Lüge» vom Holocaust 115

Das Fusions-Energie-Forum (FEF) 117
LaRouche und die Gemeinde der Atomwissenschaftler

«Fusion» 120
LaRouche-Lobhudelei, Atomtechnologie und Nazi-Humor

Stars von gestern 126
Die Mitstreiter des Fusions-Energie-Forums

5. «Frieden schaffen mit Strahlenwaffen»
Weltraumspiegel 145
Die Träume des Hermann Oberth

LaRouche und die Generale 149

6. Konspirative Verbindungen
LaRouches vertrauliche Freunde 157

«Keine sicherheitsrelevanten Erkenntnisse» 163
Das Verhalten der Verfassungsschutzbehörden und Innenpolitiker

Familienbetrieb LaRouche NCLC-Kader in der Bundesrepublik 179

Register 189



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Die LaRouche-Connection

Zur Einführung

Das Thema: ein Imperium von Parteien, Vereinen, Komitees und Wahlmaschinen, von Companies, Verlagen und Zeitschriften - multinational organisiert, mit Büros und Headquarters in den USA, Mexiko, Indien, Schweden, Norwegen, Italien, Frankreich und der Bundesrepublik, mit Repräsentanten in weiteren Ländern. Der Führer des Polit-Multis: Lyndon H. LaRouche, 64 Jahre alt, Amerikaner, «Unternehmensberater», «Philosoph», «großer Ökonom». Internationale Kommunikationsverbindungen halten sein Weltimperium zusammen, die tägliche Nachrichtenlage wird über Standleitungen und Fernschreiber rund um den Globus gesendet. Nachrichten, Meldungen und Dossiers werden international ausgetauscht und wiederum in der Landessprache in Wochenzeitungen, Fachzeitschriften und Spezial-Reports in den nationalen Büros produziert. Etwa 250 hauptamtliche Mitarbeiter in den USA arbeiten für die LaRouche-Organisation, geschätzte 30 Millionen Dollar werden jährlich ausgegeben. Die Mitarbeiter analysieren die Nachrichtenlage, werten die in- und ausländische Presse aus, organisieren Kampagnen und Wahlkämpfe, verscharfen sich Kontakte zu Militärs, Wissenschaftlern und Politikern. Auch nachts brennen in ihren Büros noch die Lampen.

In der Bundesrepublik ist - wie in anderen Ländern - nur ein Ausschnitt der LaRouche-Organisation bekannt: seit den siebziger Jahren die zunächst linksextreme, dann rechtslastige «Europäische Arbeiter Partei» (EAP) mit fast unveränderter Führungsriege um die Ehefrau des amerikanischen Führers, Helga Zepp-LaRouche, das 1984 gegründete «Schiller-Institut» und die «Bürgergruppe Patrioten für Deutschland», die ein Jahr später ins Leben gerufen wurde und als neue Partei bei der niedersächsischen Landtagswahl im Sommer 1986 kandidierte. Durch großformatige Anzeigen in auflagenstarken, überregionalen Tageszeitungen, Aufrufe mit teilweise prominenten Unterzeichnern aus dem rechtskonservativen Lager und aktions-orientierten Kampagnen auf Straßen und Plätzen vieler Großstädte sind diese Ableger des LaRouche-Imperiums vielen Bürgern aufgefallen. Mit «wirren und paranoiden» Thesen, wie Innenpolitiker ana-



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lysierten, haben sie für Verwirrung und Irritation gesorgt. Im ersten Kapitel werden diese Gruppen beschrieben. Doch niemand weiß so recht, was «dahintersteckt». Der reichlich aufwendig finanzierte Apparat organisiert zwar öffentliche Kampagnen, vor einer kritisch fragenden Öffentlichkeit fürchten sich jedoch die LaRouches. Sie betreiben eine Abschottung wie Untergrundkämpfer im Widerstand gegen ein Terrorregime. Doch gleichzeitig nutzen sie die rechtlichen und politischen Freiheiten in ihren Operationsländern extensiv aus.

Während hierzulande die Medien und Politiker das Thema La Rouche mit Ignoranz strafen wollen, haben in Skandinavien und den Vereinigten Staaten die Journalisten zur Wachsamkeit aufgerufen. «LaRouche is no Joke», schrieb die Los Angeles Times im April 1986. Die Washington Post würdigte dem Treiben der LaRouches eine große, mehrteilige Serie, renommierte Zeitschriften wie The New Re-public veröffentlichten umfangreiche Porträts, die International Herald Tribüne druckte eine LaRouche-Story.

Überraschende Wahlgewinne der LaRouche-Kandidaten in den Vorwahlen im US-Bundesstaat Illinois machten die Politiker in der demokratischen Partei hellhörig. Über den Schock berichteten sämtliche großen Blätter in den Vereinigten Staaten. Die Beiträge in Time und Newsweek sollten sich jene verantwortlichen Politiker zu Gemüte rühren, die sich über die Wahlerfolge der LaRouche-«Bürgergruppe Patrioten für Deutschland» wunderten.

Dennis King, freier Journalist in New York, ist weltweit der erfahrenste Publizist in Sachen LaRouche. Seit vielen Jahren recherchiert und schreibt er über die merkwürdige Organisation. LaRouches Publikationen kommentierte er im März 1986 in einer Fernseh-Talk-show von ABC News als den «abscheulichsten Antisemitismus, den dieses Land jemals gedruckt gesehen hat». Den großen Führer Lyn-don H. LaRouche bezeichnete er als «eisenharten Neonazi».

In einem Beitrag für das angesehene US-Magazin The New Repu-blic beschrieb er zusammen mit Ronald Radosh sehr eindrucksvoll, wie diese «verrückte Randgruppe» Einfluß auf die US-Administration und deren Politik gewann: sie sind die schärfsten Befürworter für militärische Konfliktlösungen, einerlei ob es sich um nationale, soziale oder internationale Konflikte handelt.
Auch wenn die zitierten Politiker und Beamten nicht mehr alle in den Funktionen tätig sind, wie sie im Aufsatz von King und Radosh angegeben wurden, gibt der Artikel Aufschlüsse über mögliche Ziele und Motive der LaRouche-Aktionen in Europa und Ländern der Dritten Welt.



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Vor dem Hintergrund der beiden amerikanischen Autoren erhalten die in der Bundesrepublik recherchierten Fakten eine besondere Brisanz. Deshalb haben wir diesen Beitrag im zweiten Kapitel nachgedruckt.

Mit der jüngsten Propaganda-Initiative waren die LaRouches in den USA ganz besonders erfolgreich. Mit Hilfe einer Bürgerinitiative unter dem Namen «Panic» organisierte die LaRouche-Organisation eine Anti-AIDS-Unterschriftensammlung in Kalifornien für ein Volksbegehren, um eine Meldepflicht für AIDS-Positive einzuführen. Trotz Protesten von Ärzte verbänden und zahlreichen politischen Organisationen war die Aktion ein durchschlagender vorläufiger Sieg für die LaRouches: 683000 Unterschriften kamen zusammen, fast doppelt so viele, wie für ein Volksbegehren in dem US-Bundesstaat notwendig sind.
Das «Prevent AIDS Now Initiative-Committee» (Panic) forderte sogleich auch in der Bundesrepublik die Meldepflicht und Quarantäne für alle AIDS-Verdächtigen und einen «Kriegsplan» gegen die Immunschwäche.
Großspurig wurde gleich eine neue «Strategische Verteidigungs-initiative» aus der Taufe gehoben, diesmal «auf dem Gebiet der Biologie». Die Anlehnung an den militärischen Sprachgebrauch ist nicht zufällig: Die LaRouche-«Experten» sehen die Ursache der Seuche in Moskau. Dort soll das Virus als Bio-Waffe entwickelt worden sein.
 
 
 

Die LaRouche-Organisation in der Bundesrepublik
 

Organisationen

• Europäische Arbeiter Partei (EAP)
• Akademie für Humanistische Studien
• Club of Life
• Anti-Drogen-Koalition (ADK)
• Deutsch-französisches Komitee zur Förderung der Kernenergie
• Fusions-Energie-Forum (FEF)



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• Schiller-Institut (SI) Bürgergruppe <Patrioten für Deutschland»

Gesellschaften

• Campaigner Publications Deutschland GmbH & Co Vertriebs KG
• Executive Intelligence Review Nachrichtenagentur GmbH
• Verlag Karl Heinz Holz
• Dr. Böttiger Verlag
• P&F Progress-GmbH & Co Besitz-, Vermietungs- und Service-KG
• P&FBetriebsverwaltungsges. mbH

Medien

• Neue Solidarität (Wochenzeitung)
• Fusion
• Ibykus
• Spuren und Motive
• Executive Intelligence Review (EIR)

außerdem zahlreiche Bücher und <special-reports>.
Fast alle Organisationen und Gesellschaften haben ihren Sitz in Wiesbaden und besitzen ein Pendant in den Vereinigten Staaten.
 
 

Einfach ist es wirklich nicht, über das Netzwerk von Organisationen des Amerikaners Lyndon H. LaRouche zu berichten. Erfahrungen anderer Journalisten wirkten nicht eben ermutigend auf die Autoren. Nach Berichten über die Europäische Arbeiter Partei wurden sie mit überaus unüblichen Zuschauer- und Leser-Reaktionen behelligt. Diffamierende Telefonanrufe und andere Belästigungen waren die Regel. Einige Redakteure wurden sogar offen in der LaRouche-Zeitung Neue Solidarität (NS) angegriffen. Der Wissenschaftsjournalist Mathias Schulenburg durfte nach einer WDR-Hörfunksendung in der NS nachlesen, daß er zwischenzeitlich tödlich verunglückt sei. Der Heidelberger toz-Korrespondent Felix Kurz wurde in einem NS-Bei-trag in den Kreis der RAF-Terroristen eingereiht. Ebenso widerfuhr es der Karlsruher Justiz-Gerichtsreporterin der Frankfurter Rundschau, Ulrike Knapp. Andere wurden als «Gegner des Schiller-Instituts» in einer großen Graphik aufgelistet. Aus den Vereinigten



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Staaten und anderen Operationsgebieten der LaRouche-Organisa-tion gibt es ähnliche Erfahrungsberichte von kritischen Journalisten, die neugierig wurden.

Unsere Begegnungen mit den Damen und Herren dieser ehrenwerten Gesellschaft verliefen ebenfalls recht unerfreulich. Wir mußten erkennen, daß Einladungen, die zum Beispiel das Schiller-Institut an alle Bonner Parlamentskorrespondenten verteilte, keineswegs so zu verstehen sind, daß diese somit auch tatsächlich an den illustren Veranstaltungen teilnehmen dürfen. Mehrere Male schlössen sich die Türen vor der Nase des Bonner Mitautors: kein Zutritt für die Presse.
Pressekonferenzen ohne Journalisten, das ist beim Schiller-Institut, der Europäischen Arbeiter Partei und den Patrioten für Deutschland keine Seltenheit.

Dem zweiten Autor wurde ebenfalls die Teilnahme als Pressevertreter an einer Konferenz des Schiller-Instituts verwehrt, zu der öffentlich mit Handzetteln auf der Straße und durch Pressemitteilungen nach Wiesbaden eingeladen wurde. Der Journalist wurde nach der Anmeldung zu der angeblich öffentlichen Veranstaltung wieder ausgeladen. Trotzdem fanden wir einen Weg. Nachzulesen in: «Für die Rettung der westlichen Allianz!»
Später durfte der Mitautor aus dem Rhein-Main-Gebiet bei einem Lokaltermin vor dem heimlichen Headquarter der Organisation in einem Winzerdorf bei Mainz zusammen mit dem Korrespondenten einer schwedischen Tageszeitung die Bekanntschaft mit «Willi Wacker» machen. Der LaRouche-Beschützer, der sich so humorvoll vorstellte, war eifrig bemüht, das Gespräch für Porträtaufnahmen mit der Fotokamera zu nutzen. «Ich bin hier der Gärtner», erzählte er auf Nachfragen nach seiner Aufgabe. Genüßlich erzählte er teils richtige, teils falsche Einzelheiten über den Mitautor: «Wir haben auch recherchiert!»

Besonders gerne verbreiten die LaRouches solche zweifelhaften <Erkenntnisse> in ihrer Wochenzeitung: «Einer der <Mitarbeiter> der grün-braunen Fraktion, ein gewisser Helmut Lorscheid, sagte seinen Redebeitrag zum Thema <Militärstrategische Absicherung der Welt-wirtschaftsordnung> leider wegen des Ausfalls der gleichnamigen Arbeitsgruppe ab. Daher konnten viele brennend an dem Thema interessierte Zuhörer nicht erfahren, ob er die Waffenbeschaffungsaktionen der RAF kommentieren wollte. Es ist noch in guter Erinnerung, daß eine Veranstaltung des Schiller-Instituts wegen einer Bombendrohung abgesagt werden mußte. Lorscheid hatte sich den Vormittag über auf der Kundgebung herumgedrückt und wurde auch in der



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Nähe des Veranstaltungsortes gesehen. Es ist aber auszuschließen, daß er etwa selbst die Bombendrohung veranlaßt hat [...].»

Eine für die Organisation typische Mischung von Erfindung, Diffamierung und einem Kömchen Wahrheit. Der Autor sollte auf einer Alternatiweranstaltung zum Weltwirtschaftsgipfel über Rüstungsexportpolitik referieren, er nahm auch als Journalist an einer Demonstration des <Schiller-Instituts> in Bonn teil. Er drückte sich nicht in der Nähe des Veranstaltungsortes nun, sondern war in der Aula der Bonner Schule, die das Institut für sich gemietet hatte. Er wies sich auf Verlangen der Veranstalter korrekt als Journalist aus - und wurde hinauskomplimentiert, mit dem Argument, «Grüne, Mitarbeiter der taz und des WDR» dulde das Schiller-Institut nicht. Auch zu dieser Veranstaltung war zuvor öffentlich auf dem Bonner Münsterplatz eingeladen worden.

Lyndon H. LaRouches Umgangsformen mit allen Kritikern und Nichtgetreuen, dem Rest der Welt sozusagen, waren uns ein Kapitel dieses Buches wert. Im Mittelpunkt ihrer Hetzkampagne stehen heute die Grünen, früher war es die SPD. Besonders im Schußfeld ist die Politikerin Petra Kelly. Sie führt in den USA einen Prozeß gegen die Hetze. Wegen juristischer Rücksichtnahmen konnte die Betroffene kein Interview für dieses Buch geben.
Hartnäckiger Hetzpropaganda war ebenso über Jahre hinweg der schwedische Ministerpräsident Olof Palme ausgesetzt. Das tödliche Attentat an dem sozialistischen Regierungschef brachte die EAP weltweit in die Schlagzeilen, weil bei den schwedischen Ermittlungsbehörden ein ehemaliger LaRouche-Anhänger zeitweise in Tatverdacht geriet . Wir dokumentieren den Ablauf der Berichterstattung über diesen Vorfall und zeigen Beispiele der Haßtiraden auf Olof Palme.

Neben der Verteufelung des Gegners denkt die LaRouche-Organisation auch sonst in extremen Dimensionen: eine neue Elite muß her, die Atomtechnologie muß die Zukunftsprobleme der Industrie- wie der Entwicklungsländer gleichermaßen meistern, die «zionistische Lobby» muß eliminiert werden. Dieser Ideensalat ist Gegenstand des vierten Kapitels: «Deutsche Technik für die Welt!» Dort kann auch nachgelesen werden, wie sich die LaRouches die Durchsetzung ihrer technofanatischen Zukunftsmodelle vorstellen. Als Mitstreiter haben sie in den USA wie in der Bundesrepublik durchaus honorige Atomwissenschaftler gefunden. In der Gemeinde der wissenschaftlichen Freunde LaRouches treffen sich auch Raketenbauer und Atomforscher wieder, die schon für Adolf Hitlers Weltkriegsbewaffnung sorgen sollten. Verehrer und Sammelbecken dieser alten Kameraden ist das «Fusions-Energie-Forum», das auch für das Mammut-Atomkraft-



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werk in Cattenom kämpfte. 1982 gründeten die LaRouches bereits das «Deutsch-französische Komitee zur Förderung der Kernenergie», zu Ehren von Cattenom sozusagen.

Stramm auf Linie sind auch die Freunde aus der Rüstungsforschung und der Armee. Nicht wenige Militärs aus führenden Positionen in den USA, Frankreich, Italien, Österreich und der Bundesrepublik sind dabei. Ihre Devise: «Frieden schaffen mit Strahlenwaffen». Im fünften Kapitel wird darüber berichtet.

Der konservative Professor Erwin K. Scheuch entdeckte in den La-Rouche-Publikationen «durchaus lesenswerte Informationen» - trotz seiner Enttäuschung über die Unterschrift für das ihm zuvor unbekannte Schiller-Institut. In der Tat, die Veröffentlichungen enthalten teilweise überaus interessante Fakten - immerzu angereichert mit Schlagzeilen und Verschwörungstheorien, die die Politiker in den Innenministerien und die Beamten in den Verfassungsschutzämtern zu dem General urteil veranlassen, die LaRouches seien «wirr und paranoid» - also nicht ernst zu nehmen. Die gebetsmühlenartig verbreitete amtliche Haltung zum Thema wird gleichlautend seit Jahren mit drei Worten erläutert: «keine sicherheitsrelevanten Erkenntnisse».

Im sechsten Kapitel beschreiben wir das Verhalten dieser verantwortlichen Politiker.

Es ist nicht die Aufgabe der Journalisten, die Arbeit der Sicherheitsbehörden zu machen. Sie können staatliches Handeln nicht ersetzen.

Wir wollen mit unserer Milieustudie über die LaRouche-Organisa-tion lediglich vor gefährlichen Entwicklungen warnen und über die uns zugänglichen Hintergründe informieren. Kurz vor Drucklegung dieses Buches erreichte uns die Nachricht über umfangreiche Ermittlungen der US-Behörden gegen die LaRouche-Organisationen. Ihnen wird vorgeworfen, durch großangelegten Kreditkarten-Trickbe-trug Millionen-Dollar-Beträge erschlichen zu haben. In diesem Zusammenhang durchsuchten im Oktober 1986 600 Polizisten das Hauptquartier LaRouches in Lessburg/Virginia. Ob die Ermittlungen der zuständigen US-Behörden die Frage der Finanzierung der LaRouche-Aktivitäten zumindest teilweise klären, bleibt abzuwarten. Für uns ist diese Frage unbeantwortet geblieben. Unklar blieb uns auch das Interesse vieler Mitstreiter LaRouches. Dennoch konnten wir Fakten über Ideologie und Aktion der LaRouche-Organisa-tion zusammentragen, die ein Umdenken bei den politisch Verantwortlichen notwendig machen. Diese Hoffnung verbinden wir mit unserer Veröffentlichung.

Viele am Thema Interessierte haben uns über eine lange Dauer der



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Recherche hinweg geholfen. Sie gaben Hinweise und erzählten von eigenen Erfahrungen - als Politiker, als Journalisten, als Wissenschaftler - und als Beamte. Sie halfen uns bei der Beschaffung von Dokumenten und bei der Interpretation der Zusammenhänge.

Zu besonderem Dank sind wir den Kollegen in den USA verpflichtet, die uns über die historischen und aktuellen Aktivitäten der La-Rouche-Organisation in ihrem «Ursprungsland» informierten. Dennis King und Ronald Radosh sowie der Zeitschrift The New Republic danken wir für die Nachdruckgenehmigung ihres Beitrages.

Freunde und Kollegen in der Bundesrepublik machten uns Mut für die Beschäftigung mit einem in vieler Hinsicht undankbaren Thema. Viele von ihnen stellten uns ihre Archive, Dokumentationen und ihre eigenen, unveröffentlichten Recherchen zeitweise zur Verfügung.

Wir danken ihnen allen. Ihre Namen können wir hier nicht nennen, um sie vor folgenreichen Konsequenzen zu schützen.

Bonn, im Oktober 1986 Helmut Lorscheid / Leo A. Müller



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1. Die multinationale Arbeiterpartei:
Patrioten, Humanisten,
Schiller-Verehrer

«Wie kann man auf diese Menschen einwirken? Sehr einfach. Die Leute sind fremdbestimmt, mit Ausnahme einiger seltener Individuen, vielleicht drei oder vier Prozent in den westlichen Nationen, die ein gewisses Maß Moral besitzen und moralische Verantwortung dafür empfinden, welche Meinung sie sich aneignen...
Die meisten Stimmen, die meine Liste in den USA erhält, kommen nicht von Leuten, die aus vernünftigen Gründen mit meiner Politik übereinstimmen. Die gibt es auch, einige Zehntausende in den USA, aber die meisten unterstützen mich aufgrund des Panik-Prinzips, aufgrund von Fremdbestimmung.»

Rede von Lyndon H. LaRouche auf der «internationalen Konferenz» des Schiller-Instituts in Mainz-Hechtsheim am 22. Juni 1986, veröffentlicht in Neue Solidarität am 10. Juli 1986.
 



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«Für die Rettung der westlichen Allianz!»
Konferenz-Erlebnisse beim Schiller-Institut

Wiesbaden, im September 1984. Am Rande der Fußgängerzone stehen sie wieder, die Leute von LaRouche, verteilen Flugblätter und Broschüren von ihrem großen Lyndon Hermyle LaRouche und seiner Frau Helga. Mal nennen sie sich «Europäische Arbeiter Partei», ein anderes Mal heißen sie «Private Akademie für Humanistische Studien» oder «Fusions-Energie-Forum».

Diesmal wird besonders eifrig agitiert. Zwei junge Frauen, die durch ihre schlichte, nüchterne Kleidung in der schicken Wiesbadener Innenstadt schon auffallen, erzählen etwas von Friedrich Schiller. Unterschreiben soll man wieder. Doch jeder Interessierte erhält auch eine Einladung zu einer Konferenz, zur «Zweiten Internationalen Konferenz des Schiller-Instituts 21. bis 23. September in Wiesbaden».

Das Motto der angekündigten Veranstaltung: «Für die Rettung der westlichen Allianz!» Für das kleine Einladungsschreiben zeichnet ein bisher unbekanntes «Schiller-Institut» verantwortlich - eine Art «Goethe-Institut»? Die Adresse: Hinrichsring 12 in 3000 Hannover.

Mehr erfährt man, wenn man das kleine Heftchen aufklappt. Ein Grußschreiben von Helga Zepp-LaRouche an die «Lieben Bürger!». Die aus Fernseh-Wahlkampfspots bekannte EAP-Vorsitzende macht wieder auf drohende Weltgefahren aufmerksam: «Mit großer Sorge muß man sich seit einiger Zeit die Frage stellen, worauf die wirklichen Absichten der Sowjetunion gegenüber der Bundesrepublik und dem gesamten westlichen Europa zielen ...»
Die meisten Passanten legen das Blatt nach einem kurzen Blick auf diese Zeilen, teilweise irritiert, teilweise genervt, wieder zurück -oder stecken es in den nächsten Papierkorb.

Doch einen aufmerksamen Journalisten interessiert natürlich die «Stärkung der westlichen Allianz». Ein Besuch der Konferenz könnte lohnen.



Helmut Lorscheid und Leo A. Müller: Deckname Schiller Seite 18


 

Doch schon tritt das erste Problem auf. Nicht wie sonst bei solchen Einladungen üblich, findet man in dem Prospekt den Tagungsort des Schiller-Instituts (SI).

Anrufe bei der Lokalredaktion einer Tageszeitung und bei städtischen Behörden. Fehlanzeige. Niemand weiß, wo das Ding steigt. Die Mitarbeiterin im städtischen Verkehrsbüro ist schon vollkommen verzweifelt. Sogar Bonner Botschaften würden bei ihr anfragen, aber sie wisse von nichts.

Dann endlich, der Pförtner im noblen Kurhaus erzählt etwas von einer großen Tagung. Überall würden emsig Leute organisieren und Schilder auf englisch anbringen und alles absperren.

Für die Anmeldung über das Konferenzbüro ist es schon zu spät. Das Anmeldeformular aus dem Prospekt soll erst an das Konferenzbüro geschickt werden: «Rainer Apel, c/o EIR, Postfach 2304, 200 Wiesbaden». Ein Hotelzimmer brauche ich nicht, auch wenn die laut Formular zu zahlenden Übernachtungskosten nicht sehr hoch erscheinen: 40 Mark für die Preisklasse A (Pension) und 70 Mark für die B-Klasse (Hotel). Wie machen die das bloß bei den teuren Wiesbadener Hotels?

Erster Anlauf einer Anmeldung als Pressevertreter. Der Chefredakteur einer lokalen Stadtzeitung telefoniert mit dem Konferenzbüro und kündigt den Vertreter seiner Redaktion an. Freundliche Reaktionen: alles klar. Konferenzbeginn am Freitag um 20.00 Uhr im Kurhaus, Großer Kursaal. Doch fünf Minuten später kommt der Rückruf. Ganz freundlich, aber bestimmt wird dem verwunderten Redakteur bedeutet, daß seine Redaktion nicht erwünscht sei: «Sie brauchen es auch gar nicht zu probieren. Wir lassen Sie nicht rein.» Das macht Journalisten erst richtig interessiert.

Zweiter Anlauf. Ein Freund aus einer anderen Großstadt meldet sich im Konferenzbüro mit leicht verändertem Namen an. Er muß seine Telefonnummer hinterlassen. Rückrufe aus dem Tagungsbüro kommen sogleich. Es sei alles ganz einfach, der Teilnehmerbeitrag von 40 Mark müsse auf das Konto Nr. 0323980 der Deutschen Bank in Hannover überwiesen werden. Er könne dann mit dem Zahlungsbeleg nach Wiesbaden kommen.

Nichts einfacher als das. Mit dem Namen des hilfreichen Freundes, nennen wir ihn hier einfach Hans Meyer, wird der Betrag eingezahlt.

Freitag, 21. September. Kurz vor Konferenzbeginn betritt «Hans Meyer» das Kurhaus. Zahlreiche Teilnehmer sind schon eingetroffen. Das Foyer des großartigen, klassischen Hauses, Herberge des Wiesbadener Spielcasinos, ist schon für die Konferenz hergerichtet.



Helmut Lorscheid und Leo A. Müller: Deckname Schiller Seite 19

Anmeldetische, Büchertische, ein unbeaufsichtigter Pressetisch, alle mit feinem Stoff ausgelegt. Die Anmeldung ist alphabetisch abgelegt.

Auf Vorzeigen des Zahlungsabschnittes passiert zunächst nichts. Dann kommt ein weiterer Organisationsmann, fragt nach dem Namen und mit wem denn telefoniert worden sei. «Frau Vitali» war die Gesprächspartnerin des Hans Meyer. Der Herr Meyer soll bitte einen Moment warten.

Wenig später kommt die junge Elke Vitali: «Wir hatten miteinander gesprochen?» - «Ja, gestern. Guten Tag!»

Es würde noch ein wenig dauern, dann würde Hans Meyer sein Teilnehmer-Ticket erhalten. Die eifrige Mitarbeiterin verschwindet in den Organisationsräumen und kommt fünf Minuten später mit einem Computerausdruck zurück. Das Namensschild zum Anstecken an das Revers trägt in Computerschrift den Namen Hans Meyer.
Die meisten ankommenden Konferenzbesucher kennen sich offensichtlich schon. Freundschaftliche Begrüßungen und distanziert freundliche Gespräche in kleinen Gruppen sind die Regel. Ein Texa-ner, etwas allein herumlaufend, fragt nach Meyers Herkunft. Der eher nach einem Cowboy aussehende Rentner meint, er sei das erste Mal in Deutschland: «Very nice here!»
Die eigentliche Konferenz findet im sehr noblen Kursaal statt. Doch erst heißt es Schlange stehen. Alle Besucher müssen eine elektronische Schleuse durchschreiten. An den Eingängen hängen deutliche Warnschilder: keine Fotoapparate, keine Tonbandgeräte, Rauchen verboten.
Der Eintritt in den Kursaal erinnert an die Einlaßkontrollen zu den Verhandlungen in Stuttgart-Stammheim. Jeder Besucher wird gründlich überprüft. Taschen müssen abgegeben werden, Kleidertaschen müssen geleert werden. Der Inhalt, Kleingeld, Kugelschreiber, Taschentuch usw., wird in ein Körbchen abgelegt und eingehend untersucht. Schreibstifte und Kugelschreiber werden dabei sogar aufgeschraubt und auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft. Beim Verlassen des Saales gibt es eine leicht mildere Prozedur. Mit einem Handdetektor wird dort jeder Besucher nochmals auf Metallteile geprüft. Diese Sicherheitsmaßnahmen sorgen für Ruhe im Saal. Jeder überlegt sich zweimal, ob er den Raum verläßt, um kurz einen Kaffee zu trinken.
Pünktlich beginnt die Veranstaltung mit einem abendlichen Konzertprogramm. Den Einstieg gibt das Lafayette-Trio mit Wolfgang Amadeus Mozart: Divertimento in Es-Dur, KV 563 (1788). Der Amerikaner John Sigerson, Tenor, macht weiter mit Ludwig van Beethoven, begleitet am Piano von Marie-Pierre Soma.



Helmut Lorscheid und Leo A. Müller: Deckname Schiller Seite 20

Sigerson wird als Präsident des Schiller-Instituts vorgestellt. Er hat das Singen tatsächlich gelernt. Sigerson studierte Kontrabaß bei Gary Karr an der Juillard-Musikschule in New York. 1974 gründete er dort den Chor der Lafayette Foundation und nahm Gesangsunterricht bei Herta Müller an der Yale-Universität. Auch bei den LaRouches ist er integriert: der Tenor ist «Journalist von Executive Intelligence Review und dort für den europäischen Sektor zuständig».

Seine musikalischen Vorträge bringen ihm bei den Besuchern großen Applaus und stehende Ovationen ein.

Nach Abschluß des Konzertes verlassen die Teilnehmer den Kursaal, bis auf wenige LaRouche-Leute, die sich noch zu einem «special meeting» treffen.

Am nächsten Tag beginnt erst der eigentlich interessante politische Teil der Veranstaltung. Das Programm des Tages wird erst kurz vorher ausgehändigt. Auch die Namens-Anstecker müssen erneuert werden. In einer zeitaufwendigen Prozedur müssen erst alle Teilnehmer vor ihrem Anmeldetisch Schlange stehen, um den Anstecker vom Vortag gegen einen neuen, andersfarbigen umzutauschen. Dasselbe Verfahren wird auch am letzten Tag wiederholt.

Wieder die gleichen Sicherheitsvorkehrungen. So dauert es lange, bis alle Konferenzbesucher Platz genommen haben. Der Teilnehmerkreis erinnert eher an eine Jahresversammlung von IBM-Vertretern als an eine politische Tagung. Auffällig ist die internationale Zusammensetzung der Besucher. Hier wird englisch und deutsch ebenso wie dänisch, schwedisch, französisch oder italienisch gesprochen. Für den Vortragsteil der Veranstaltung wurde eine Simultan-Dolmetscheran-lage installiert, die die vielsprachigen Reden über Kopfhörer den Teilnehmern in ihrer Muttersprache überträgt.

Das Podium ist bereits in großen Lettern mit dem Motto verziert: «Für die Rettung der westlichen Allianz!» Dahinter die deutsche und die amerikanische Flagge.

Es beginnt mit Musik von Martin Bück und dem Lafayette-Trio. Die Eröffnungsrede kommt - wie sollte es auch anders sein - von der Vorsitzenden des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche: «Welche Werte hat der Westen zu verteidigen?»

Es wird ruhig im Saal. Die Reden der EAP-Vorsitzenden dauern gewöhnlich sehr lange. Wer bis jetzt noch nicht weiß, wo er gelandet ist, dem kann jetzt nichts mehr verborgen bleiben. Das gesammelte LaRouche-Weltbild, ein Ideenbrei aus humanistischem Bildungsideal, klassischen, konservativen Werten und aktuell-politischen Verschwörungstheorien, rieselt auf die Zuhörer nieder.

Es soll den ganzen Tag so bleiben. Jeweils mit großem Applaus



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bedacht, kommt die ganze Riege der LaRouche-Kämpfer zu Wort. Nach Helga Zepp-LaRouche gibt es einen Vortrag über «Benjamin Franklins Netzwerk in Europa» von Hartmut Cramer, der als «Landesvorsitzender der EAP Nordrhein-Westfalen» vorgestellt wird. Paul Goldstein aus den Vereinigten Staaten referiert über die «Cin-cinnatus-Gesellschaft». Dr. Henryk Olesiak aus Düsseldorf spricht über seinen Landsmann «Tadeusz Kosciuszko als Symbol des polnischen Kampfes für Unabhängigkeit und Demokratie». Angelika Rai-mondi, junges Vorstandsmitglied im Schiller-Institut (SI), hat die «Zerstörung der deutschen Kultur in Amerika» als Thema gestellt bekommen.

Dann kommt die Zeit für Grußworte. Auf dem Programmzettel sind einige schon angekündigt: Senator Vincenzo Carollo, Sheila Jones, Marie-Madeleine Fourcade, die französische EAP-Presiden-tin, und Georgia Irey. Doch die aktuell verlesenen Telegramme kommen von interessanteren Persönlichkeiten, von denen einige allerdings nachher dementieren: der französische Staatspräsident Mitterand, Minister Spadolini aus Italien, der Stellvertreter des US-Verteidigungsministers, Ex-Bundespräsident Karl Carstens, Dieter Hummel von der IHK Wiesbaden und zahlreiche weitere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Am Nachmittag geht es dann nach musikalischem Einstieg an Cello und Piano weiter mit einer «Diskussion» über «Die sowjetische Konfrontationspolitik und die Sicherheitsinteressen Westeuropas». Die Einführung dazu gibt Michael Liebig, SI-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Nachrichtendienstes Executive Intelligence Review. Das Podium der Nachmittagsvorträge ist sehr militärisch bestückt: unter anderem sitzen dort der Ex-Oberst Michaud aus den USA, der Oberst a. D. Marc Geneste aus Frankreich, «Vater der französischen Neutronenbombe», der General a. D. Giulio Macri aus Italien, ehemals Mitarbeiter im Brüsseler NATO-Hauptquartier SHAPE und SI-Beiratsmitglied, der österreichische General a.D. Kuntner, Hans Ericsson, ehemaliger Vorsitzender der schwedischen Transportarbeitergewerkschaft, Lennart Hane, ebenfalls aus Schweden, der Deutsche Robert Becker vom «Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold» und Uwe Henke von Parpart von der amerikanischen Fusion Energy Foundation.

Ihre Vorträge haben alle dieselbe Zielrichtung: rür eine stärkere Bindung Westeuropas an die USA, gegen eine vermeintliche «Abkopplung» Europas. Die Waffennarren wollen diese Allianz entsprechend gerüstet sehen: Strahlenwaffen heißt die Lösung für den Ost-West-Konflikt.



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Die anschließende «Diskussion» hat ganz besondere Prinzipien. Die an die Teilnehmer verteilten Zettelchen für eine «Wortmeldung» haben nicht - wie sonst bei politischen Konferenzen üblich - die Funktion, den Namen des Fragestellers dem Tagungspräsidenten mitzuteilen. Hier dürfen die Konferenzbesucher ihre Frage auf drei vorgedruckte Zeilen aufschreiben. Die solcherart gestellten Fragen werden dann vorne von der Vorsitzenden sogar persönlich beantwortet. Helga Zepp-LaRouche verfährt dabei wie eine Dorfschullehrerin mit ihren ABC-Schützen. Sie sammelt einige Fragen, die ihr besonders zusagen, und beantwortet diese in ausschweifenden, langatmigen Vorträgen. Besonders gefallen ihr offenbar Informationsfragen wie: «Ist Kissinger wirklich so schlimm?» Oder: «Was hat das Schiller-Institut mit dem Goethe-Institut zu tun?»

Selten gibt es konkrete Antworten, dafür aber kräftige Sprüche über die «Gegner des Schiller-Instituts». Über die Alternativpartei im Bundestag weiß die SI- und EAP-Vorsitzende zu berichten: «Grün und Rot macht Braun!» Dann will sie «eine neue Renaissance weltweit schaffen». Auch auf das Erreichte ist Helga Zepp-LaRouche stolz: «Wir haben schon ganze Säulen in der Weltpolitik ins Wackeln gebracht!» Deshalb ein neuerlicher Appell an die Besucher: «Ich schlage vor, zwei Wochen nach dem amerikanischen Wahltermin, wenn es geht eine doppelt so große Konferenz des Schiller-Instituts zu machen, um in das Ohr von Präsident Reagan reinzu... reinzu... ääh ... jedenfalls ganz schön laut!» So lieb kann sie sein, die Helga Zepp-LaRouche. Und der ganze Saal lacht mit ihr.
 
 



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Mit Friedrich Schiller gegen Richard Burt
Eine Organisation für internationale Kampagnen
 

Ariington im US-Bundesstaat Virginia, Anfang Juli 1984. Gründungskonferenz des Schiller-Instituts.
«Das Schiller-Institut, dessen Beirat in den USA und der Bundesrepublik bereits rund 400 Experten aus vielen Ländern angehören und das im September in weiteren europäischen Ländern gegründet wird, hat sich zur kurzfristigen Aufgabe gesetzt, für die reformbedürftigen Bereiche der westlichen Allianz neue Studien vorzulegen, und zwar in den Bereichen Kultur und Geschichte, Militärstrategie, Ökonomie und Wissenschaft» (Helga Zepp-LaRouche). Das SI, auch als «Institut für republikanische Außenpolitik» bezeichnet, erhält für die Erfüllung dieser Aufgaben vier Abteilungen, deren erste die «Abteilung für militärstrategische Zusammenarbeit» ist.
Militärisches wird bei den Schiller-Verehrern sehr groß geschrieben. Noch mehr Wissenschaftler und Ex-Generale als in Wiesbaden waren bei der Gründungskonferenz in den Vereinigten Staaten zusammen. Als Referenten traten in Ariington am 3. und 4. Juli 1984 neben den bundesdeutschen LaRouche-Mitarbeitern Anno Hellenbroich, Michael Liebig und Dr. Uwe Parpart-Henke folgende Referenten auf:
aus Italien
• Filippo deJorio, «Abgeordneter der Christdemokratischen Partei, Lazio, Rom»;
• Claudia Pollastri, «Sozialdemokratische Partei (PSDI), Mailand;
außenpolitischer Ausschuß der PSDI, Mailand»;
• Giulio Macri, «General a.D.; ehemaliger Mitarbeiter beim SHAPE, Beiratsmitglied des Schiller-Instituts, Rom»;
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aus der Bundesrepublik Deutschland
 


Ein Telegramm zur Gründungskonferenz kam von dem Raumfahrtpionier Dr. Krafft A. Ehricke, «Präsident der Space Global Company in La Jolla, Kalifornien; Mitglied der Fusion Energy Foundation, Berater des Magazins Fusion, Träger des Goddard-Gedächtnispreises des Amerikanischen Institute of Astronautics and Aeronautics».
Im amerikanischen und europäischen Beirat des Schiller-Instituts sitzen zahlreiche Ex-Militärs und Rüstungswissenschaftler.
In den beiden Vorständen sind wiederum bekannte LaRouche-Leute. Der bundesdeutsche Vorstand hat als Vorsitzende Helga Zepp-LaRouche und als weitere Mitglieder LaRouche-Mitarbeiter, die schon seit Jahren in anderen LaRouche-Vereins- und Parteivorständen oder als Unternehmensgesellschafter bekannt sind: Renate Müller, Michael Liebig, Elisabeth Hellenbroich, Rainer Apel, Web-ster Tarpley und Angelika Raimondi. Im US-Vorstand (Board of Di-rectors) sitzen ebenfalls Deutsche, die beiden Helga Zepp-LaRouche und Renate Müller, die wenig später bei der LaRouche-Gründung «Patrioten für Deutschland» Spitzenfunktionen wahrnimmt.
 



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Seit seiner Gründung hat das Schiller-Institut bereits zahlreiche Aktivitäten entfaltet.
Zunächst fing es mit Schiller-Feierlichkeiten an, die mit Aktionen und Demonstrationszügen unter anderem durch Dortmund, München, Mannheim, Bonn, West-Berlin und Hannover führten. Mit Schülern wurden Schiller-Rezitationen veranstaltet. Jugendorchester musizierten mit ihrem klassischen Repertoire.
Dabei gingen die Schiller-Anhänger vor allem lautstark gegen ihre vermeintlichen Gegner vor. Zum Beispiel ein Plakat in der Celler Innenstadt, aufgestellt am 18. Februar, 1985: «27. Februar - Tag des Widerstandes gegen Drogenhandel, Terroristen und Grüne».
Zum 225. Geburtstag des Weimarer Klassikers gab es allerdings auch liebenswürdige Aktionen. Zur Feier des hohen Tages wurden in Mannheim, der Stadt der «Räuber-Uraufführung, «Teil-Äpfel», Brötchen und rosa Nelken verteilt. Die kreative Kampagne wurde
Kundgebung in Sachen Schiller &Co in Bonn, 1985 (Fotos: Adolf Altgaßen)

 



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musikalisch mit passenden Klängen begleitet. Aus dem Auto-Lautsprecher tönte es «Freude, schöner Götterfunken». Der große Klassiker verhalf den LaRouches sogar zu Tagungsräumlichkeiten in einer Pfarrgemeinde und in der Mannheimer Universität. Professor Gerd Roellecke, der seine Aula großzügig zur Verfügung stellte, reagierte genervt auf Studenten-Proteste: «Wenn die Friedrich-Ebert-Stiftung hier tagen würde, stünden sie jetzt nicht hier ...» Seit seiner Gründung verdrängt das Institut die Flugblätter und Presseerklärungen der Europäischen Arbeiterpartei und der anderen älteren Gruppen <Anti-Drogen-Koalition>, <Private Akademie für Humanistische Stu-dien> und <Club of Life>. Die LaRouche-Aktivisten haben wieder eine neue Fahne, unter der sie für ihre hohen Ziele in den Kampf ziehen.

Eine der größten Kampagnen war ihr Kampf gegen die Ernennung des jetzigen US-Botschafters in der Bundesrepublik, Richard Burt -«eine der Schlüsselpersonen in einem Netzwerk von Leuten um


 



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Henry Kissinger, das seit den siebziger Jahren die <Abkopplung> der Vereinigten Staaten von Westeuropa betreibt». Alles Böse wird dem amerikanischen Diplomaten von Lyndon H. LaRouche in einem Papier nachgesagt, das «in großer Auflage sowohl in amerikanischen wie in europäischen Kreisen zirkuliert»: «[...] Burts Ernennung bedeutet mit etwa achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit, daß die konservative Regierung von Bundeskanzler Kohl noch in diesem Herbst gestürzt wird.»

Dazu ist es nun doch nicht gekommen, und Richard Burt ist trotz der aufwendigen LaRouche-Kampagne Botschafter in der Bundesrepublik geworden. Die zehn Gegenstimmen aus dem US-Senat gegen seine Ernennung verbucht LaRouche jedoch ganz selbstbewußt als Erfolg der Schiller-Kampagne. Genüßlich zählen die LaRouche-An-hänger in einer Broschüre mit dem Untertitel «Burt, Genscher und Brandt wollen Europa an die Sowjetunion verschachern» die Burt-Gegner aus dem US-Senat auf. Senator Howell Heflin zum Beispiel «soll in seiner Abstimmung gegen Burt stark durch Telefonanrufe aus der Bundesrepublik Deutschland beeindruckt worden sein». Auch
 


Kundgebung in Sachen Schiller & Co in Bonn, 1985 (Fotos: Adolf Altgaßen)

 



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sonst scheint Senator Heflin ganz auf ihrer Linie zu liegen: «Er stimmte gegen den IWF und gegen Paul Voicker und trat für die MX-Rakete ein.»

Die Nein-Stimme von dem bekannten Republikaner Barry Goldwater erfreute die LaRouches ganz besonders. Zufrieden über den Erfolg ihrer Kampagne, zitieren sie die Rede Senator Goldwaters vom 15. Juli 1985: «Herr Präsident, ich erhielt vor ungefähr einer halben Stunde, und das war das erste Mal in meiner über dreißigjährigen Tätigkeit in dieser Institution, über 26 Telefonanrufe aus der Bundesrepublik Deutschland, die sich alle gegen die Nominierung Burts zum Botschafter aussprachen. Wie gesagt, so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich weiß nicht, ob es von jemandem aus unserem Land initiiert worden war. Ich weiß nicht, wer die Quelle ist. Ich denke, der Senat sollte sich für diese Tatsache interessieren.»


 



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Zur Ergänzung eine kleine Leseprobe aus der Anti-Burt-Broschüre über den Einfluß des sowjetischen Geheimdienstes in der Bundesrepublik: «Andropows Mentor, der verstorbene Michael Suslow, gründete in den siebziger Jahren zur Unterwanderung Westeuropas und der Vereinigten Staaten via DDR eine Frontorganisation des sowjetischen Geheimdienstes, den Verband der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Der VVN bedient sich u. a. früherer Kollaborateure der Nazis in den Konzentrationslagern jüdischer Abstammung als erpreßbare Agenten im sowjetischen Interesse. Obwohl auch gewisse sozialdemokratische, nominell jüdische Organisationen an dieser subversiven Operation mitwirkten, war es doch im wesentlichen der VVN-Appa-rat, über den Moskau den <Bitburg-Skandal> gegen Präsident Reagan ins Leben rief und steuerte.»

Eines der Länder, zu dessen Regierungsstellen das Schiller-Institut hervorragende Kontakte aufbauen konnte, ist Tunesien. So berichtete AlAlmal, die Zeitung der regierenden «sozialistischen» Destour-Partei, ausführlich über dessen Aktivitäten. Sozusagen aus erster Hand. DerA/A/ma/-Chefredakteur Ahmed Kedidi, gleichzeitig auch Mitglied des Zentralkomitees und Parlamentsabgeordneter seiner Partei, ist Gründungsmitglied des Schiller-Instituts. Angaben der Neuen Solidarität zufolge wurden die Kontakte Ende Januar 1985 intensiviert. Die Vertreter des Schiller-Instituts, Webster Tarbley und Thierry Lalevee, besuchten auf Einladung Kedidis Tunesien. Während ihres Aufenthalts hatten die beiden Gelegenheit, «sich mit zahlreichen Vertretern der tunesischen Regierung zu treffen und über die Arbeit des Instituts zu beraten. Die Aktivitäten des Schiller-Instituts erfuhren große Beachtung in den tunesischen Medien.» In der zensierten Presse erschienen fünf Artikel, und im Femsehen wurde viermal über den Besuch der Schiller-Institut-Vertreter berichtet. Webster Tarpley gehört zumindest 1984 dem Vorstand des Instituts in der Bundesrepublik an.

Thierry Lalevee sollte wenig später mit intimen Kenntnissen tunesischer Diplomatie aufwarten. So berichtete er am 10. Oktober 1985 über gewisse Hintergründe des israelischen Angriffs auf das PLO-Hauptquartier in Tunis, bei dem 60 Menschen ums Leben kamen und weit über einhundert verletzt wurden: «Alles deutet darauf hin, daß amerikanische Regierungsvertreter darauf gedrungen haben, den PLO-Vorsitzenden in letzter Minute vor dem beabsichtigten Schlag zu informieren. Arafat und andere Palästinenserführer waren gewarnt worden, sich von Dorj-Cedria fernzuhalten, ebenso wie man den amerikanischen Beamten in Tunesien vorher geraten hatte, im gegebenen Augenblick zu Hause zu bleiben [...].»



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Diese detaillierte Darstellung der Abläufe, die der Weltöffentlichkeit bisher nicht bekannt wurde, wird von tunesischen Oppositionellen untermauert - Menschen, deren Quelle sicherlich nicht LaRou-ches Neue Solidarität ist, sondern Gesinnungsfreunde im heimischen Tunis.
Der Gegenbesuch ließ nicht lange auf sich warten. Amor Ben Romdhane, Gründer und Leiter der tunesischen Behörde zur Förderung der Agrarinvestitionen (APIA), konnte am 21. und 22. Februar 1986 an einer Konferenz des Schiller-Instituts über das Nahrungsmittelproblem teilnehmen. Stolz berichtete die Neue Solidarität: «Herr Romdhane sprach als Vertreter der tunesischen Regierung.» Auf entsprechende Nachfrage der Autoren bei der tunesischen Botschaft in Bonn erklärte deren Sprecher Abdel J. Azouz zunächst, er glaube nicht, daß Romdhane an dieser Konferenz teilgenommen habe, zur Sicherheit werde er aber nachfragen. Tatsächlich, er nahm teil - so lautete die zweite Auskunft des Botschaftsvertreters. Allerdings habe Romdhane nicht gewußt, wer hinter dieser internationalen Fachkonferenz steht. «Er wußte nichts vom Schiller-Institut.» Romdhane habe auch nicht «für seine Regierung gesprochen».
Solche Dementis sind beim Schiller-Institut und bei anderen La-Rouche-Organisationen keine Seltenheit. Ist dieses Verhalten der Politiker lediglich auf ihre bloße Naivität zurückzuführen?
Die Frage nach Sinn und Zweck der LaRouche-Kontakte zu Tune-sien beantworten Kenner des Landes mit der Rolle dieses Landes als traditionellem Brückenkopf westlicher Kapitalinteressen in dieser Region. Tunesien befinde sich auch nach mehr als zwanzig Jahren seiner Unabhängigkeit im Zustand einer französischen Halbkolonie. Die französische Regierung bestimme nach wie vor weitgehend die Außenpolitik des Landes. Gleichzeitig sei innerhalb des Machtapparats eine Rivalität zwischen zwei Fraktionen entstanden, die sich auf Frankreich und die EG bzw. auf die USA hin orientierten. In diesem Spiel könnte das Schiller-Institut den US-amerikanischen Part unterstützen.
 



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«Scheinheiliger Holocaust-Schwindel»
Helga Zepp-LaRouche - ein Kurzportrait
 
 

Wenn sie bei einer ihrer zahlreichen Kundgebungen und Konferenzen vor sympathisierendem Publikum ihre philosophisch umhüllten Hetz-Reden gegen Kissinger, das «Ostküsten-Etablishment», die Grünen und alle anderen «Neo-Malthusianer» hält, dann ist sie kaum noch zu bremsen. Mit Leichtigkeit kann sie damit den ganzen Abend füllen.

Dem bundesdeutschen Wählerpublikum ist Helga Zepp-LaRouche hauptsächlich von EAP-Plakatwänden und Wahlkampf-Femsehspots bekannt. Nach der Tagesschau verkündete sie in der Wahlwerbung für das Europaparlament vor allem Fortschrittsgläubigkeit: «Diese ausgezeichnete Kernanlage hier in Biblis», dozierte sie vor dem Atomkraftwerk stehend, «ist ein Symbol für die wirtschaftliche Stärke der Bundesrepublik [...]. Wählen Sie mich, damit Europa viele solcher Kernkraftwerke erhält.»

Im Kampf gegen die Grünen, ihren derzeitigen Hauptgegner in der Bundesrepublik, hat sie in den USA schon Erfolge erzielt. In einem Vermerk vom 10. Mai 1985 warnte der bei einem Flugzeugabsturz umgekommene Kenneth J. McDonald, damals konservativer Abgeordneter im Repräsentantenhaus, vor der Gefahr der westdeutschen Oppositionspartei. Die Quelle seiner Dokumente:
«Im Oktober 1984 rief Helga Zepp-LaRouche, die Vorsitzende der European Labour Party ELP (=EAP, Anm. d. A.) und Gründerin des Schiller-Instituts, zu einer weltweiten Mobilisierung für ein Verbot der Grünen auf, um Moskaus Plan zu durchkreuzen, die Grünen mit einer <rot-grünen Koalitiom in Bonn an die Macht zu bringen.»

Männer vom Schlage Kenneth J. McDonalds geben dieser forschen Politikerin Selbstbewußtsein. Helga Zepp-LaRouche, früher auch als Helga Ljustina oder Zepp-
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Ljustina bekannt, wurde 1948 in Trier geboren. Die Vorsitzende der Europäischen Arbeiter Partei (EAP), absolvierte in Trier auch ihr Abitur. Danach folgte eine Journalistenausbildung in Hannover und Hamburg, unter anderem mit einem Volontariat bei der Hannoverschen Presse. Ihre Partei berichtet gerne über ihre journalistische Karriere und daß sie 1971 als «erste westliche Journalistin nach der Kulturrevolution China» bereiste.

Helga Zepp-LaRouche studierte in West-Berlin, Frankfurt und Mainz Philosophie, Geschichte und politische Wissenschaften. Seit 1977 ist sie mit Lyndon H. LaRouche verheiratet, dem «bekannten amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Herausgeber des Nachrichtenmagazins Executive Intelligence Review.

In den zahlreichen von den LaRouches gegründeten Vereinen, Organisationen und Unternehmen spielt sie eher eine zurückhaltende Rolle. Ihre wichtigste Aufgabe war lange Zeit der Parteivorsitz in der


Helga Zepp-LaRouche bei einer Kundgebung in Bonn, Oktober 1980 (Foto: Frank Darchinger)

 



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EAP. Die Vorstände und Gesellschaftsanteile von Vereinigungen und Unternehmen werden im wesentlichen von einer Gruppe von etwa 30 LaRouche-Mitarbeitern gehalten.

Die Verbesserung der deutsch-amerikanischen Beziehungen, Hauptziel des Schiller-Instituts, lebt sie sozusagen persönlich vor. Ihre Ehe mit dem amerikanischen Gründer der LaRouche-Organisa-tion, dem «Philosophen» Lyndon H. LaRouche, und ihre Repräsentationsaktivitäten für die Organisation führen dazu, daß sie ihr Leben jeweils zur Hälfte in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik bestreitet.

Wie auch die anderen LaRouche-Mitarbeiter unternimmt sie sehr häufig Reisen, bei denen sie mit ihrem Ehemann zum Teil erstaunlich hoch dotierte Gespräche führen konnte, unter anderem mit der ermordeten indischen Staatschefin Indira Gandhi und dem mexikanischen Präsidenten Lopez Portillo.

Sehr zurückhaltend tritt sie auch bei der Bürgergruppe Patrioten für Deutschland auf. Im Kleingedruckten erscheint sie bei Anzeigenkampagnen der <Patrioten> als Mitunterzeichnerin mit der Funktionsangabe «Vorsitzende des Schiller-Instituts».

Weniger vorsichtig ist die selbstbewußte, mit ihrem dunklen, stets schulterlangen Haar sehr jugendlich wirkende Helga Zepp-LaRouche in ihren politischen Äußerungen. Ganz schwungvoll stellte sie sich 1976 in Bonn zum Beispiel vor einer Handvoll Journalisten als Kanzlerkandidatin vor: «Wenn der Wähler vor die Alternative gestellt wird, zwischen Frau Renger, Frau Hamm-Brucher und mir zu wählen, dann wird er schnell erkennen, daß ich die wahre Gleichberechtigung und Demokratie verkörpere.» Über ihren Konkurrenten Helmut Kohl wußte die energische Dame schon damals Details zu berichten. Sie verglich ihn mit Jimmy Carter: «Beide haben ein Hirn, grad so groß wie eine Erdnuß.»

Die Grünen werden von ihr als verkappte Nazis beschimpft, Sozialdemokraten als dumme Grünen-Sympathisanten in die Ecke gestellt. Helga Zapp-LaRouches Weltbild baut auf einfachen Denkmodellen auf. Auch wenn es um die Juden geht, weiÜ die Vorsitzende der Null-Komma-Prozent-Partei alles besser. Sie unterscheidet feinfühlig in «zionistische» und «nicht-zionistische Juden». In einem Editorial in der Neuen Solidarität klärte sie die Leser am 25. Januar 1979 über die rechte Sicht der Faschismus-Geschichte auf. In dem Beitrag mit dem Titel «Der zionistische Holocaust heute» regte Helga Zepp-LaRouche sich gewaltig über die Aussendung und den Erfolg des amerikanischen Holocaust-Films auf.

Sie verfolgte in ihrer umwerfenden Analyse die «Netzwerke», die
 



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den Film initiiert hätten: «ein Nest zionistischer, das heißt ausländischer Agenten in der Bundesrepublik». Nur sie zählt zu den wenigen über die wahren Hintergründe Informierten: «Während in den USA niemand auch nur die geringsten Illusionen über die Macht der zionistischen Lobby über vor allem die gegenwärtige Administration hegt, ist der Einfluß einer verdeckter operierenden zionistischen Lobby in der Bundesrepublik bisher nur wenigen eingeweihten politischen Persönlichkeiten bekannt, nicht aber der breiten Bevölkerung. Und deshalb müssen wir den scheinheiligen Holocaust-Schwindel zum Anlaß nehmen, um diese ausländischen Agenten auffliegen zu lassen.»



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«Patrioten für Deutschland»
Vaterlandsliebe mit militärischen Ehren
 
 
 
 

«Wir wollen jetzt selbst die Macht übernehmen, nicht mehr immer nur in die CDU intervenieren.» Der Landtagswahlkampf wurde im Frühjahr 1986 in Niedersachsen mit ganz neuen Tönen geführt. La-Rouche-Mitarbeiter gingen in ihrer Telefon-Agitation gegenüber Abonnenten und Interessierten zur Sache. Die «Partei», die so schnell in Hannover die Macht übernehmen wollte, nennt sich «Bürgergruppe Patrioten für Deutschland». Am Telefon erklärte ein Kämpfer, wie dies durchgesetzt werden sollte. «Wir haben eine gesunde Mischung aus ehemaligen Militärs und Mittelständlern», erzählte er über seine Kandidaten. Auf die CDU war er nicht gerade gut zu sprechen: «Wir haben nur Todenhöfer auf unserer Seite», und meinte damit den Afghanistan-Experten der christdemokratischen Bundestagsfraktion, Jürgen Todenhöfer. Der US-Wahlkampf des großen Lyndon H. LaRouche gebe ihnen Hoffnung. Er soll 1988 Präsident der Vereinigten Staaten werden, eine Kandidatenbewegung in allen Bundesstaaten soll die Präsidentschaftskampagne vorbereiten.

Die neue LaRouche-Gruppe, kaum gegründet, stiftete gewaltige Verwirrung bei den Beobachtern der rechtsextremistischen Szene. So berichtete zum Beispiel der giesel-brief, ein laut Eigendarstellung «unabhängiger Informationsdienst zur vertraulichen Unterrichtung der Empfänger», am 23. Oktober 1985: «Das vor einem Jahr gegründete Schiller-Institut [...] sucht nach Bündnispartnern auf der rechten Seite des innenpolitischen Spektrums. Derzeit müssen sich Vorstandsmitglieder und Sympathisanten der CDU-nahen •(Konservativen Aktion> aufdringlicher Umarmungsversuche erwehren. Während ZDF-Moderator Gerhard Löwenthai und der Berliner Professor Klaus Motschmann die Zusammenarbeit mit der stramm antikommunistischen Organisation ablehnten, fand sich der Name von Professor Emil Schlee bei den Unterzeichnern eines Pamphlets ^Patrioten für



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Deutschland^ des Schiller-Instituts. Christdemokrat und Vertriebe-nenfunktionär Schlee, der engen Kontakt zur konservativen Aktion> hält, zog allerdings seine Unterschrift wieder zurück, nachdem er über den politischen Hintergrund der Initiatoren dieses Flugblattes informiert worden war.»

In der Tat, die Verwirrung war in der rechten Szene komplett. Eine Woche vor Veröffentlichung dieses giesel-briefes, am 15. Oktober 1985, rief die <Bürgergruppe Patrioten für Deutschland> mit teuren, großformatigen Anzeigen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Welt, der Bild-Zeitung und etlichen regionalen Tageszeitungen zur «überparteilichen Sammlung» aller «patriotisch gesinnten Mitbürger und schon bestehender Gruppen und Vereinigungen» auf. Eile schien geboten, denn «immer mehr Bürger erkennen mit Besorgnis, daß wir in der Bundesrepublik Deutschland in Gefahr sind, unsere Freiheit für immer zu verlieren. Die jüngsten sowjetischen Militärmanöver haben wiederholt den Überraschungsangriff auf den Westen geübt [...].» Sich in einer solch prekären Situation auf die Bonner Regierung zu verlassen erschien den Patrioten wenig erfolgversprechend: «Das große Problem besteht darin, daß die von der Bundesregierung versprochene Wende nicht stattgefunden hat. Bei Fortsetzung ihrer Wirtschaftspolitik wird die steigende Arbeitslosigkeit spätestens 1987 zur Wahlniederlage führen. Aber die Gefahr einer Staatsniederlage besteht nicht erst für 1987, sondern kann sich gegenwärtig sehr schnell an weiteren Spionageskandalen, Terrorismus und daraus resultierenden Regierungskrisen entwickeln.»

Die Forderungen könnten in ähnlicher Form von jedem x-beliebigen CDU-Kreisparteitag stammen: «Ein rot-grünes Regierungsbündnis in Bonn muß verhindert werden.» Fest stehen zum Bündnis mit Amerika «als einzigem Garanten unserer Freiheit», Ja zu SDI und ein Friedensvertrag «für Deutschland in allen seinen Teilen, damit das deutsche Volk in nationaler Souveränität über sich selbst bestimmen kann». Die Politik des Wirtschaftswachstums, die «produktive Vollbeschäftigung garantiert und uns wieder eine führende Rolle als Exportnation vor allem gegenüber unseren traditionellen Märkten in Lateinamerika, Asien und Afrika ermöglicht [...]».

Die Erziehung soll sich wieder «auf der Grundlage der deutschen klassischen Kultur» und des Humboldtschen Bildungsideals orientieren. Für den Bereich der Musik und Dichtung werden als «beste Beispiele Beethoven und Schiller» genannt. Für die harte Politik empfehlen die Patrioten lieber «preußische Reformer wie vom Stein, Scharnhorst und Gneisenau». In den Naturwissenschaften stehen die Tradition von Leibniz, Gauß, der Göttinger Schule und der Welt-



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raumpioniere der zwanziger Jahre als Vorbild. Letztere haben sich vor allem im Krieg gegen Großbritannien als Konstrukteure der sogenannten V-Raketen bewährt. Zu ihnen und ihren Kollegen in der Atomforschung hält die LaRouche-Organisation über ihr Fusions-Energie-Forum einen besonderen Kontakt (siehe Seite 126).

In der Unterzeichnerliste dieser und weiterer Anzeigen, die in den folgenden Monaten ebenso großformatig erschienen, finden sich zwar etliche Namen führender Vertreter der bundesdeutschen LaRouche-Organisationen, ein direkter Bezug wird erstmalig jedoch nicht hergestellt. Diskret zeichnete der EAP-Landesvorsitzende in Nordrheinwestfalen, Hartmut Cramer, als «Journalist, Hessen», Angelika Raimondi, bescheiden als «freie Journalistin, Hessen» vorgestellt, schreibt vorzugsweise in der Neuen Solidarität und verantwortet Flugblätter des Schiller-Instituts. Schließlich unterzeichnete auch Helga Zepp-LaRouche, immerhin als «Vors. des Schiller-Instituts, Hessen».

Verantwortet wurde die Anzeige von einem weiteren Kader: Rainer Apel, Oranienstraße 60, 62 Wiesbaden.

Im Hintergrund der «Patrioten-Gründung stand neben Helga Zepp-LaRouche auch der Vorsitzende des Verbandes der Reserveoffiziere und ehemalige Präsident der US-amerikanischen Organisation «Peace through Strength» (Frieden durch Stärke), Milton Croom.

Als «Koordinator des amerikanischen Ad-hoc-Komitees gegen die Nominierung Richard Burts zum amerikanischen Botschafter in Bonn» wurde Croom in der Neuen Solidarität vorgestellt. Er hatte zuvor im Oktober 1985 «auf persönliche Einladung der Gründerin des Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche» die Bundesrepublik besucht. Während dieses Besuches traf Croom nach Angaben der Zeitung «mit konservativen Politikern von der CDU, der SPD und den Gewerkschaften zusammen sowie mit ehemaligen hohen Bundeswehroffizieren und Sicherheitsexperten». Milton Croom selbst wird mit der Erklärung zitiert, Hauptziel seiner zehntägigen Reise sei es gewesen, «direkte Kontakte zwischen den Konservativen in Deutschland und Amerika herzustellen und Informationskanäle aufzubauen, die nicht der Kontrolle des amerikanischen Außenministeriums unterliegen».

Als ein Höhepunkt seiner Polit-Tour wurden die Begegnungen mit Professor Emil Schlee und dem Oberstleutnant a. D. Boldt in Schleswig-Holstein sowie Besuche in Bitburg und Berlin genannt.

In Washington berichtete die Nachrichtenagentur Associated Press (AP), daß Croom kein LaRouche-Kandidat bei dessen Wahlkämpfen sei. Er unterstütze jedoch viele LaRouche-Positionen, und ein Mitarbeiter LaRouches würde für ihn arbeiten.



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Professor Emil Schlee war bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung Anfang 1985 Vertriebenenbeauftragter in Schleswig-Holstein. Der Bundesvorsitzende der «Landsmannschaft Mecklenburg» brachte seine Enttäuschung über die Wende-Regierung Ende 1985 in einem von Günter Rohrmoser im rechtskonservativen Sinus-Verlag herausgegebenen Buch zu Papier. Zitat aus dem Rohrmoser-Werk mit dem Titel «Das Debakel»: «Man kann fest davon ausgehen, daß sich diese große und treue Wählergruppe (der Vertriebenen, Anm. d. A.), die man rücksichts- und gedankenlos politisch heimatlos gemacht hat, zusammen mit anderen Gruppen eine wählbare Alternative aufbauen wird [...]. Beim nächsten Termin könnten die 40 Prozent Wechselwähler wissen, wohin sie wechseln können, und könnten die Taktiker unter den Wählern aus Protest gegenüber den bürgerfernen großen Volksparteien diesen mit dem Wahlzettel einen Denkzettel verpassen, der ausreichen könnte, zu einer mittelgroßen Partei <zusammen-gewählt> worden zu sein. Jedem Wahlstrategen sei gesagt: Die wahlpolitische Rolle der Vertriebenen und Flüchtlinge ist nicht am Ende, sondern beginnt jetzt erst wieder durch die Herausforderung der politischen Parteien.»

Schlee ist stolzer Träger des Sturmzeichens aus Hitlers Krieg und Bundeswehr-Hauptmann der Reserve. 1981 schrieb er in einem Argumentationspapier, das die Landsmannschaften zur Darlegung ihrer Deutschlandpolitik versandten: «Kein Bundeskanzler, keine Bundesregierung, kein Deutscher Bundestag kann über irgendeinen Quadratmeter deutschen Bodens im Osten oder Westen, im Norden oder Süden verfügen.»

Die CDU, in die er 1967 eingetreten war, verließ Professor Schlee 1985, offenbar in der Hoffnung, mit seinen «Patrioten» neue politische Ufer zu erreichen. Die Enttäuschung muß groß gewesen sein, als er von Freunden über die Hintergründe der neuen LaRouche-Organisation informiert wurde.

Erfahrungen in der unerwünschten «Vorfeldarbeit» für die Union hat ein anderer <Patriot>, vielleicht der prominenteste Erstunterzeichner: Professor Friedrich-August Freiherr von der Heydte, Brigadegeneral der Reserve und ehemaliger Landtagsabgeordneter in Bayern. Der Professor für Öffentliches Recht in Würzburg war Mitgründer und Präsidiumsmitglied des Vereins «Rettet die Freiheit», der 1959 unter anderem von Rainer Barzel gegründet wurde. Er leitet außerdem das «Institut für Staatsrechtslehre und Politik e.V.», von dem direkte Verbindungen zur «Staatsbürgerlichen Vereinigung» führten, eine der Geldwaschanlagen der konservativen Parteien.

Ein weiterer <Patriot> ist Karl Adolf Zenker aus Bonn, ein Vizead-



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miral a. D. der Bundeswehr, der zuvor als hoher Marine-Offizier am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatte. Bereits 1951 zog es ihn wieder zum Militär, als Mitarbeiter im <Amt Blank>, verantwortlich für den Aufbau einer neuen Marine. Sein Konzept, veröffentlicht im Bulletin der Bundesregierung am 11. Februar 1954: «Ist auch die Ostsee ein Randmeer, so führt sie doch weit in den Raum eines möglichen Gegners hinein und bildet für ihn eine offene Flanke, an der er verletzlich bleibt.» Zenker erklärte noch elf Jahre nach Kriegsende zu den in Nürnberg verurteiltefc Kriegsverbrecher und deren Taten bei einer Rekrutenvereidigung am 16. Januar 1956 in Wil-helmshaven: «... Jeder von uns alten Marineleuten weiß, daß die Marine sauber, anständig und ehrenhaft geführt worden ist [...]. Wir Alten, die wir in der alten Marine unter den Großadmiralen Raeder und Dönitz dienten, haben unter ihnen ehrenhaft gekämpft. Das Nürnberger Urteil ist aus der Zeit der damaligen Verwirrung entstanden, heute würden die Großadmirale nicht mehr verurteilt werden [...].»

Militärs vom Schlage Zenkers spielen eine wichtige Rolle bei den


Zenker mit Dolch und maritimen Erinnerungen (Foto: Uwe Heitkamp)



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«Patrioten». Neben von der Heydte und Zenker haben auch die Brigadegenerale a.D. Friedrich Wilhelm Grunewald, Paul-Albert Scherer sowie Konteradmiral a. D. Dr. Eberhard Noodt unterzeichnet.

Grunewald mischte sich ebenso wie Zenker aktiv in den niedersächsischen Landtagswahlkampf ein. Der ehemalige Referatsleiter im Bundesverteidigungsministerium (1964-1969) und frühere Stellvertretende Befehlshaber im Territorialkommando Süd, Heidelberg, war ab 1971 politisch aktiv bei der CDU, zuletzt als Vorsitzender des Landesfachausschusses Verteidigung in Baden-Württemberg. Im Frühjahr 1986 jedoch stand für ihn fest: Die <Patrioten> sind die Alternative. Die Wahl der Kandidaten der <Patrioten für Deutschland^ so ließ er wissen, «ist die Entscheidung für ein blühendes Niedersachsen, für ein freies Deutschland und eine gesunde Weltordnung».

Paul Albert Scherer leitete bis zum 30. September 1977 den Militärischen Abschirmdienst (MAD). Mit seinem Namen verbunden sind zahlreiche illegale Abhöraktionen des militärischen Geheimdienstes. Im Zusammenhang mit falschen Angaben über die Zahl dieser Abhöraktionen mußten schließlich außer Scherer auch der damals für den MAD politisch verantwortliche Staatssekretär Helmut Fingerhut sowie Minister Georg Leber ihren Hut nehmen.

Der frühere NATO-General Eberhard Noodt erschien nur in den ersten Anzeigen, später fehlte sein Name ebenso wie der Zenkers. Davon unbeeindruckt sahen sich die <Patrioten> vom angeblich «ausgezeichneten Echo» auf ihre Inserate vom Oktober 1985 dazu veranlaßt, ihre Pressekampagne mit weiteren Anzeigen am 4. Dezember 1985 fortzusetzen. Diesmal erschienen die Anzeigen auch in der Augsburger Allgemeinen und den Nürnberger Nachrichten. Angaben des sozialdemokratischen Pressedienstes blick nach rechts zufolge kostete allein diese Serie etwa 170000 Mark. Zuvor hatte EIR-Geschäftsführer Michael Liebig einen Spendenaufruf verschickt: «Im Auftrag von Helga Zepp-LaRouche und Professor Schlee» wurden «patriotisch gesinnte Bürger» um Finanzhilfe gebeten, um «in drei bis vier Wochen eine neue Anzeigenkampagne zu starten, die dann konkrete Handlungskonzepte enthalten wird». Ob dabei die notwendigen 170000 Mark gesammelt wurden, darf angesichts der Erfahrungen anderer Gruppen bezweifelt werden. Die Dezember-Anzeige bezog sich ausdrücklich auf den Text der vorausgegangenen Anzeige vom 15. Oktober 1985. «Die Gefahren, vor denen wir in unserem ersten Aufruf warnten, haben sich leider bestätigt: In Hessen existiert bereits eine rot-grüne Koalition. Aufgrund der Anfragen vieler Bür-



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ger werden wir rasch auf zahlreichen regionalen Veranstaltungen unsere Vorstellungen zur Abwehr der ernsten Gefahren, die unserer Nation drohen, darlegen.

Deshalb: Wir müssen über den Gipfel zwischen Präsident Reagan und Gorbatschow hinausdenken. Wir lassen uns von dem törichten Gerede über eine neu aufgelegte <Entspannungspolitik> nicht blenden. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, daß es eine Nach-Reagan-Ära geben wird. Die umfassende Kooperation mit Amerika bei der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) und die gleichzeitige Entwicklung einer Europäischen Taktischen Verteidigungsinitiative (TDI) sind jetzt wichtiger denn je, um dem Expansionsdrang Moskaus wirksam entgegenzutreten. Wir können es weder Herrn Genscher noch sonst jemandem erlauben, Bundeskanzler Kohl an der Unterzeichnung eines Regierungsabkommens über SDI mit den USA zu hindern! [...] Genausowenig werden wir uns damit abfinden, daß die rot-grünen <Freunde Moskaus> bei uns immer eifriger ihr Geschäft betreiben [...].»

Die <Patrioten> kündigten an, durch ihre Arbeit «Inspiration für eine moralische und kulturelle Erneuerung unseres Volkes zu sein. Wir stützen uns dabei auf das Erbe der 2500J ährigen christlich-humanistischen Tradition Europas, auf die deutsche Klassik, das Staatsmodell der preußischen Reformer und die Verknüpfung des Humboldt-schen Erziehungssystems mit den Aufgaben der Zukunft [...]»- 2500 Jahre Tradition, ohne Lücken und Ausnahmen.

Sie verkünden die Rettung vor uns drohender, moskaubestimmter Verelendung mit Unfreiheit und AIDS - durch Schiller, Scharnhorst, Fusionsenergie und SDI.

Noch schärfer wurde der Ton der Bürger- und Soldatengruppe im Vorfeld der niedersächsischen Landtagswahlen, nachzulesen am 21. März 1986 in der Braunschweiger Zeitung. Der Wahlkampf-Aufruf verbreitet Panik-Stimmung: «Liebe Mitbürger, Es riecht nach Verrat in unserer Republik! Das katastrophale Ergebnis der Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein beweist, daß wir Patrioten mit unseren Warnungen vollkommen recht hatten. Die Kalkulationen der CDU sind voll danebengegangen. Die Zahl der enttäuschten Nicht-Wähler, vor allem die der CDU, ist auf 32 Prozent gestiegen. Nur um Millimeterbreite verfehlte eine rot-grüne Koalition in Schleswig-Holstein die absolute Mehrheit. Dies hat Signalwirkung für Niedersachsen. So wird die CDU mit Pauken und Trompeten in Niedersachsen verlieren [...].»Ihren Wahlkampf führten die «Patrioten für Deutschland» mit der seitens der EAP bekannten Papier- und Plakatflut, jedoch weitgehend ohne öffentliche Veranstaltungen.



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Die immerhin mit einhundert Kandidaten und Kandidatinnen flächendeckende Wahlliste wurde angeführt von Renate Müller, «Vorsitzende des deutschen Schiller-Instituts» Hannover. Die Verantwortung für Plakate und Aufrufe übernahm ein weiterer La-Rouche-Kader, Frank Hahn, der gleichzeitig Landesvorsitzender der Patrioten war.

Als Stellvertreter und im Vorstand und als Nummer 3 auf der Wahlliste füngierte Robert Gräper (64). Der ehemalige Bürgermeister seines Heimatortes Garstedt war zuvor vierzig Jahre in der CDU und stellvertretender Landesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises in Niedersachsen. Ehemalige Mitarbeiter bezeichneten ihn als äußerst konservativ und innerhalb der Kirche den Evangelikaien zugehörig. Vor allem im Bereich der Moral habe Gräper schon länger Differenzen zur CDU-Mehrheit geäußert.

Auf Platz 2 der Wahlliste kandidierte der ehemalige Funktionär eines Einzelhandelsverbandes Karl-Heinz Derbfuß (65). Seine Frau Herta warb im Wahlkreis Bissendorf für die gemeinsame Sache der <Patrioten>. Getreu der EAP-Tradition kämpften auch die <Patrioten> in Familienzusammenhängen. Unterstützung durch direkten Einsatz als Redner fanden sie unter anderem bei Vizeadmiral a.D. Karl-Adolf Zenker. In Wilhelmshaven, der Stadt, die ihm «von Jugend auf eine zweite Heimat ist» (Wilhelmshavener Zeitung, 6. Juni 1986), wetterte er gegen «SPD, Genscheristen und Grüne».

Zur Unterstützung wurden verschiedene Kandidaten der NDPC eingeflogen, die sich auf dem Ticket der Demokraten in verschiedenen US-Staaten an Wahlen beteiligten. So wurde mit Janice Hart, jener LaRouche-Kandidatin, die bei den demokratischen Vorwahlen in Illinois die Vorwahl für das Amt des Staatssekretärs gewonnen hatte, in Bonn eine Pressekonferenz abgehalten. Eingeladen dazu wurde auch einer der Autoren dieses Buches. Doch die Teilnahme wurde ihm verwehrt, nicht ohne LaRouche-übliche Pöbeleien.

Hauptberufliche Journalisten wurden auf dieser Presseveranstaltung nicht gesehen, dafür kamen gleich drei Angehörige der US-Botschaft: eine Pressekonferenz, ganz nach der Art der LaRouche-Organisationen, die ein besonders widersprüchliches Verhältnis zu den Medien haben.

In der Neuen Solidarität und einer tausendfach verteilten Wahlzeitung beschwerte sich Helga Zepp-LaRouche über die «Pressezensur in Deutschland» und jene «Verschwörung des Schweigens», die den <Patrioten> sehr zu schaffen mache. Für Helga Zepp-LaRouche eine willkommene Gelegenheit zur Abrechnung mit früheren Kollegen in der Hannoverschen Zeitung: «Ich kenne den ekelerregenden Partei



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enfilz und die schmutzigen Praktiken in den Medien genau, denn damals kam es zu mehreren persönlichen Konflikten mit meinen Vorgesetzten, weil ich nicht bereit war, in dieser Grundsatzfrage faule Kompromisse zu machen...»

Verschwiegen wurde von ihr wohlweislich die damalige linksradikale, trotzkistische Ausrichtung der EAP. Auch nach der Wahl, die nicht die erhofften radikalen Veränderungen brachte, wurde die Journalistin nicht verlegen. Ein neuer Buhmann war schnell gefunden. Helga Zepp-LaRouche wußte es ganz genau: «Hinter dem Wahlbetrug von Niedersachsen steckt die trilaterale Abkoppler-Fraktion.» Nicht - wie auf Pressekonferenzen prophezeit acht, sondern 0,3 Prozent der Stimmen konnten die < Patrioten» bei der niedersächsischen Landtagswahl aufsich vereinigen. Immerhin 11287 Wähler votierten für sie. Die <Patrioten> lassen ihren Kopf nicht hängen: «Jetzt erst recht!» prangt die Überschrift in der Neuen Solidarität. «Wir werden den Kampf um die Freiheit Westeuropas verstärken!» lautet die anschließende Drohung. Frau Zepp-LaRouche besorgt die Analyse: «[...] Für mich besteht kein Zweifel, daß die Wahlergebnisse von Niedersachsen eine hundertprozentige Fabrikation darstellen. Wir <Pa-trioten> kennen die Stimmung der Bevölkerung genau, und kein Mensch kann mir weismachen, daß die CDU innerhalb von nur einer Woche plötzlich so viele Stimmen hat, um davon auch noch an die FDP abzugeben [...]. Den Bauern, dem Mittelstand geht es heute wirtschaftlich genauso schlecht wie vorher.»

Den Vergleich zu anderen Kleinparteien brauchen die <Patrioten> nicht zu fürchten. So erhielt die EAP bei der Landtagswahl im Jahr 1982 lediglich 1338 Stimmen, also etwa ein Zehntel der Nachfolgepartei. Die DKP erhielt beispielsweise lediglich ein Drittel der <Patrio-tem-Stimmenzahl: 3858.

In einzelnen Wahlkreisen, beispielsweise im Wahlkreis Diepholz, errangen die <Patrioten> 0,5 Prozent, ebenso in Wolfsburg, Bremer-vörde und im Wahlkreis Winsen. Festzuhalten bleibt, daß die NPD auf eine eigene Kandidatur - sicherlich zugunsten der Neugründung - verzichtete. In einigen Wahlkreisen errangen die <Patrioten> auf Anhieb mehr Stimmen als die NPD bei früheren Wahlen. Im Vergleich zur EAP war durchweg eine Verzehnfachung der Wählerschaft zugunsten der Patrioten feststellbar. Ganz in diesem Trend lag auch der Patriot Siegfried Labus, der in Buxtehude mit 205 Stimmen immerhin 0,4 Prozent errang. Nachfolgend ein Interview mit dem ehemaligen CDU-Mitglied:



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«Ich wollte nur die Sache in Gang bringen»
Interview im Buxtebuder Tageblatt mit dem Deutschen Patrioten Siegfried Labus
 
 
 
 
 
 

Buxtehude. Siegfried Labus ist der letzte Kandidat, den wir an dieser Stelle mit einem Interview vorstellen. Der 75jährige Ingenieur für Obstbau kandidiert im Wahlkreis 69 für die «Deutschen Patrioten», die zum erstenmal antreten und als Nachfolger der «Europäischen Arbeiter Partei» eingestuft werden. Siegfried Labus wohnt in Apensen und ist erst seit kurzer Zeit bei den Patrioten. Mit dem Kandidaten sprach TAGEBLATT-Redakteur Wolfgang Stephan:

TAGEBLATT: Herr Labus, nach Ansicht des Innenministeriums sind die Deutschen Patrioten als rechtsextreme Organisation einzustufen. Warum kandidieren Sie für diese Partei?
Labus: Davon weiß ich nichts. Der Begriff Patriot ist von Schiller entliehen:
Patriot als treuer Vaterlandsgeselle und gleichzeitig Weltbürger. Das wollen wir auch sein. Dies hat mich auch gleich überzeugt, als ich vor Wochen bei einem Info-Stand der Patrioten zum erstenmal mit dem Programm in Berührung kam. Da habe ich gleich festgestellt, daß mich dies überzeugt. Da stand dann: Lieber mit beiden Beinen in der NATO, als mit dem kalten Mors in Sibirien. Erst dachte ich, da wäre ein CDU-Stand, bis ich dann die Patrioten sah.
TAGEBLATT: Habe ich das richtig verstanden: Sie sind an einem Infostand ganz zufällig mit den Patrioten bekanntgeworden und haben dann gleich kandidiert?
Labus: Ja, das hat uns natürlich einige schlaflose Nächte gekostet, denn die Entscheidung fiel mir und meiner Frau nicht leicht.
TAGEBLATT: Und so sind Sie Kandidat auf einer rechtsextremen Liste geworden.
Labus: Davon weiß ich wirklich nichts. Ich habe verschiedene Leute angesprochen, auch einen katholischen Pastor, aber auch der wußte davon nichts. Dann habe ich Leute zu mir eingeladen, von denen ich wußte, daß sie kritisch sind. Die konnten mir aber auch von einer rechtsextremen Haltung nichts berichten. Allerdings wollten die auch nichts mit den Patrioten zu tun haben, weil sie glauben, daß wir der CDU Stimmen wegnehmen. Dies möchten wir aber gar nicht. TAGEBLATT: Sie müssen doch über jede Stimme froh sein?
Labus: Ich habe selbst jahrelang CDU gewählt. Wir wollen lediglich die Stimmen auffangen, die die CDU verliert. Dies ist unser erklärtes Ziel.
TAGEBLATT: An wen soll denn die CDU Stimmen verlieren?



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Siegfried Labus Direktkandidat im Wahlkreis Baxtehude

Labus: Indirekt verlieren sie die Stimmen deshalb, weil die Leute nicht zur Wahl gehen. Ich bin von Beruf Obstbau-Berater gewesen und habe von sehr vielen Landwirten und Bauern erfahren, daß sie mit der Politik nicht einverstanden sind. Diese Leute gehen nicht zur Wahl.

TAGEBLATT: Warum sind Sie nicht in die CDU eingetreten, wo Sie doch mit Sicherheit mehr bewirken könnten?
Labus: Ich war doch in der CDU.
TAGEBLATT: Warum sind Sie ausgetreten?
Labus: Ich kann doch schlecht in beiden Parteien sein. Obwohl die Patrioten gesagt haben, ich hätte ruhig in der CDU bleiben können. Das wollte ich aber dann doch nicht.



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TAGEBLATT: Was sagen denn Ihre ehemaligen CDU-Parteifreunde über Ihre Kandidatur?
Labus: Die machen mir natürlich auch den Vorwurf, ich würde Stimmen von der CDU abwerben wollen. Das stimmt aber wirklich nicht, denn es geht insbesondere um die Leute, die nicht zur Wahl gehen.
TAGEBLATT: Sie hatten ganz schnell Ihre 100 Unterschriften zusammen, damit Sie kandidieren können?
Labus: Das war überhaupt nicht schwierig, denn da haben auch viele CDU-Leute unterschrieben. Ich bin da von Haus zu Haus gegangen und habe selbst von SPD-Leuten Zuspruch bekommen, die sagten, kandidiere ruhig.
TAGEBLATT: Ich komme noch einmal auf die Frage nach der rechtsextremen Einstufung Ihrer Partei zurück.
Labus: Nein, ich habe doch alle Schriften dieser Partei gelesen. Da war nichts Rechtsextremes dabei. Da wurde sogar ein Musikquartett aus England hervorgehoben , in dem drei Juden mitgespielt haben - Mozart haben die gespielt. Wenn so etwas sogar hervorgehoben wird, können die doch nicht rechtsextrem sein. Mir fällt so etwas schon auf.
TAGEBLATT: Ihre Parteigründer kommen aber aus den USA und gehören der «Europäischen Arbeiterpartei» an, die seit Jahren mit ihrem rechten und chaotischen Programm kandidiert und nie auch nur den Hauch einer Chance hatte.
Labus: Die EAP war nicht der Vorgänger der Patrioten, sondern nur Frau LaRouche, die Vorsitzende der EAP, hat uns gegründet.
TAGEBLATT: Und jetzt wollen Sie politisch Andersdenkende verbieten. Sie fordern ein Verbot der Grünen.
Labus: Das müssen wir leider, denn wir haben ja in unserem Wahlkampf auch Grüne getroffen, und was wir da zu hören bekamen, war völlig unsachlich. Wenn Sie das Programm der Grünen, was jetzt beschlossen wurde, hernehmen, dann sagt das doch deutlich, was die Grünen wollen.
TAGEBLATT: Deswegen wollen Sie diese Partei verbieten?
Labus: Das Denken sei gestattet, das gibt Schiller auch zu. Jeder, der in einer geschlossenen Demonstration mitmarschiert, setzt sich aber den Gefahren aus, die Gewalttäter verursachen.
TAGEBLATT: Wegen der Gewalttäter können Sie doch nicht gleich eine Partei verbieten.
Labus: Doch, denn die müßten sich sonst distanzieren. Die paar Chaoten diskriminieren doch die Partei. Wenn sie gewalttätig sind, müssen wir sie verbieten.
TAGEBLATT: Herr Labus, in Ihrem Programm steht, daß Moskau die ganzen Demonstrationen steuert.



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Labus: Was soll ich dazu sagen? Wer soll denn sonst ein Interesse an diesen chaotischen Zuständen haben? Wir wollen keine Abkopplung von Amerika. Wir müssen klare Fronten schaffen: Wollen wir die Verbrüderung mit Rußland oder müssen wir uns dagegen wehren.
TAGEBLATT: Das Grundübel liegt also in Moskau?
Labus: Von Moskau kommt sehr viel. Zum Beispiel die Gruppen, die seit Jahren eingeschleust werden und an bestimmten Schaltstellen sitzen. Wenn es zum Kriege kommt, kappen die Leute Wasserleitungen, die Energieversorgung und solche Sachen.
TAGEBLATT: Demnach sind wir schon unterwandert? Labus: Davon bin ich fest überzeugt.
TAGEBLATT: Wissen Sie eigentlich, warum die NPD diesmal nicht kandidiert? Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang mit Ihrer Kandidatur?
Labus: Nein, unsere Leute kommen aus diesen Kreisen nicht. Wir hatten bei unserer letzten Sitzung einen NPD-Mann dabeigehabt, der war aber völlig entgegengesetzt und hat fast gestört.
TAGEBLATT: Mit wie vielen Stimmen rechnen Sie am Sonntag?
Labus: Das ist schwer zu sagen, manche glauben zwischen drei und fünf Prozent.
TAGEBLATT: Dann kämen Sie in den Landtag?
Labus: Nein, ich nicht, ich wollte nicht, da habe ich keinen politischen Ehrgeiz, ich wollte nur die Sache in Gang bringen.
(Aus: Buxtehuder Tageblatt vom 13. Juni 1986)



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Die Europäische Arbeiter Partei EAP:
Problemlos von links nach rechts
 
 
 
 

15. September 1976, 21.00 Uhr. Das ZDF zeigt Wahlkampfspots: «Parteien zur Wahl». Helga Zepp sitzt in einem Sessel, im Hintergrund hängt ein blau gelb rotes Wahlplakat der EAP, das kaum erkennbar einen Mähdrescher in Aktion zeigt. Darüber in roten Lettern: «Statt Panzer Traktoren!» Darunter in Großbuchstaben: «Wählt EAP!»

«Ich bin Helga Zepp, Kanzlerkandidatin für die Neue Weltwirtschaftsordnung», beginnt die forsche Dame ihren Propagandaspruch. «Die Welt befindet sich an einem historischen Wendepunkt. Noch vor dem 3. Oktober muß die Entscheidung für die Neue Weltwirtschaftsordnung fallen, damit die Weltwirtschaftskrise überwunden werden kann.»

Als die EAP-Vorsitzende ihre Panik-Parole vor irritiertem Publikum verbreitete, stand weniger «die Welt» als ihre eigene Partei an einem «historischen Wendepunkt». Mitte der siebziger Jahre vollzog die EAP einen politischen Wandel wie keine andere Partei, seit es solche politischen Vereinigungen gibt. Die Europäische Arbeiter Partei schwenkte" von links nach rechts, von Marxismus auf Rechtskonservatismus.

1974 verkündete die «Arbeiterpartei» noch selbstherrlich: «Seit der Zeit, als Karl Marx die internationalen Arbeiterassoziationen leitete - das war ungefähr vor 100 Jahren -, hat nie eine so kleine Organisation einen vergleichbaren Einfluß auf den Gang der Geschichte ausgeübt.»

Heute versuchen die EAP-Leute in der Bundesrepublik die Aktivisten der rechtskonservativen Szene am Rand der Unionsparteien für ihre Arbeit zu gewinnen.
Das besonders Erstaunliche bei dem radikalen Umbruch der Partei: es gab so gut wie keine Austritte und Fraktionskämpfe, keinen
 



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Wahlkampfder EAP 1980 (Foto: G. P. Reichelt)
Wahlkampfspot der EAP 1980 mit Helga Zepp-LaRouche (Foto: Spiegel-Archiv
 



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 Die Gegner des Schiller-Instituts


 
 



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Wechsel in der Führungsmannschaft oder in der Parteizeitung, keine Spaltungen und Proteste einzelner Gliederungen der «Arbeiterpartei». Die Umwälzung vollzog sich gegenüber der Öffentlichkeit so reibungslos und einstimmig, wie es nicht einmal die härtesten Zentrali-sten marxistisch-leninistischer Richtung zustande bringen. Selbst die Beamten im Verfassungsschutz brauchten etliche Zeit, bis sie den Umschwung kapierten. Erst reihten sie die LaRouche-Partei in das Kapitel «Linksextremismus» ein, doch dann verschwanden die LaRouches ganz aus den Verfassungsschutzberichten. Hin und wieder werden sie heute noch von schlecht Informierten zu linksextremistischen Organisationen gezählt.

Die Gründung der Europäischen Arbeiter Partei wurde am 23. Dezember 1974 in Wiesbaden vollzogen. In der hessischen Kurstadt hat sie bis auf den heutigen Tag ihre Bundesgeschäftsstelle, nicht etwa wie andere Parteien, die um Parlamentssitze im Bundestag bemüht sind, in der Bundeshauptstadt. In Bonn wird auch kein richtiges Büro unterhalten, lediglich Redakteure der LaRouche-Publikationen arbeiten dort.

Die Gründung der EAP in der Bundesrepublik wurde von den LaRouches explizit als Resultat einiger Wahlerfolge der US-Labor Party (USLP), einer LaRouche-Partei, erklärt. Gleichnamige Parteien wurden auch in Italien, Frankreich, Belgien, Dänemark und Schweden gegründet. Alle Gliederungen der Partei sind zu kontinuierlichem Informationsaustausch verpflichtet, national wie international.

Die Position der Parteivorsitzenden ist seit der Gründung vor zwölf Jahren mit Helga Zepp-LaRouche besetzt. Auch die anderen Männer und Frauen in der Führungsriege blieben im wesentlichen seit 1974 die gleichen. «Nur schwer in ein Parteienschema einzuordnen», schrieb der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages. Der Parteiforscher Michael Fichter von der Freien Universität Berlin hat ebenfalls Probleme mit der Einordnung. Ihre Programmatik bezeichnete er als ein «Konglomerat im Grunde genommen nicht zu vereinbarender gedanklicher Versatzstücke von idealistischen, rationalistischen und humanistischen Philosophen, von klassischen Schriftstellern und Komponisten und von sozialistischen Theoretikern».

Diese Vielfalt traditioneller Ideen, zusammengekocht zu einem wirren Brei, wird von den LaRouches jedoch als der Stein des Weisen gesehen: «Jetzt haben wir in allen wesentlichen Punkten unser historisches Erbe entdeckt - man kann uns nur als eine moderne Neugründung der platonischen Akademie von Athen beschreiben.» - Worte des großen Parteiführers Lyndon H. LaRouche.

Platons Nachfolger haben ihre Aktivitäten seit zwei Jahren jedoch



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auf andere Organisationen verlagert. Die Europäische Arbeiter Partei tritt immer weniger in Erscheinung, seit die LaRouches mit anderen Neugründungen das Wählervolk mit ihrem historischen Erbe beglÜkken. Die Waffe der Partei scheint den LaRouches in ihrem politischen Kampf zu stumpf geworden zu sein. Die ganzen Kräfte steckt die Organisation seit 1984 in das Schiller-Institut und in die Patrioten für Deutschland.
 



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2. «LaRoucheisnoJoke!»
 
 

«Ich stehe in der Tradition der Whigs des vergangenen Jahrhunderts, Quincy Adams, der Careys, der Clays und Abraham Lincolns. Ich gehe an die Probleme so heran, wie es diese Leute täten, wenn sie heute lebten.»

(LaRouche-Interview mit der New Yorker Radiostation WABC am 1. August 1986, aus: Neue Solidarität, 7. August 1986)
 



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LaRouche for President
Politischer Kampfund Einfluß in den USA
 
 
 
 

Chikago, Ende März 1986. Die großen Tageszeitungen sind voll mit dem Thema <LaRouche>. Newsweek machte eine große Story über den Mann mit der «bizarren» Vergangenheit. Anlaß der Artikelwelle über Lyndon H. LaRouche: bei den Vorwahlen im US-Bundesstaat Illinois verzeichnete LaRouches <National Democratic Policy Committee> (NDPC) überraschende Wahlerfolge. Das Stimmenergebnis wurde für den Kandidaten der Demokraten zu einem peinlichen Desaster. Gouverneurskandidat Adlai Stevenson III., der Sproß einer großen politischen Familie des Landes, wurde zwar bestätigt, nicht jedoch seine beiden engsten Mitarbeiter. Stevenson, der 1981 die Wahl zum Gouverneur von Illinois knapp um ein paar tausend Stimmen verfehlte, hatte auf einmal zwei ihm vollkommen unbekannte Gesichter neben sich. Als Kandidaten für seinen Stellvertreter-Posten und als Staatssekretärin waren bei den «Primaries» statt seiner Leute die NDPC-Kämpfer Mark Fairchild und Janice Hart durchgekommen, nach einem erfolgreichen Marsch durch die Institutionen der Partei.

Für den Gouverneurskandidaten hat das schlimme Folgen. In dem entscheidenden Wahlgang kann er für die Demokraten nur mit den tatsächlich gewählten Kandidaten antreten. Als wenig erfolgversprechende Alternative bleibt ihm nur die neuerliche Kandidatur mit einer neuen, anderen Partei.

Was die LaRouches in Jubelrufe ausbrechen ließ, bescherte dem gesamten demokratischen Partei-Establishment eine der größten Pannen ihrer Geschichte. Der Pyrrhus-Sieger Adlai Stevenson III. konnte sich nicht vorstellen, tatsächlich mit den LaRouche-Anhän-gern auf seinem «Ticket» weiterzukandidieren: «Ich werde mich nicht mit Leuten liieren, die offen den Haß predigen.» Seine unfreiwilligen Helfer bezeichnete Stevenson kurz und knapp als «Neonazis».

Für die Demokratische Partei war das Wahlergebnis ein erstes Si-
 
 



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gnal, die Aktivitäten der LaRouches ernster zu nehmen als bisher. Die Partei soll jetzt auf LaRouche-Kandidaten durchforstet werden.

Das ist keine leichte Aufgabe: für die Kongreßwahlen im Herbst 1986 sind bereits 146 NDPC-Kandidaten für das Repräsentantenhaus und 14 für den Senat aufgestellt. Auf der kommunalen Ebene wird es noch unüberschaubarer. Über 600 LaRouche-Kandidaten treten für Staats- und Kommunalämter an.

Damit wird eine Tendenz bestätigt, die sich schon 1984 abzeichnete. Lyndon H. LaRouches NDPC-Wahlmaschine verzeichnet wachsenden Einfluß bei den Demokraten. Dies läßt sich die eifrige Organisation auch enorme Wahlkampfgelder kosten.

Was in der Bundesrepublik von Amts wegen und von den meisten politischen Beobachtern als «wirre» und «paranoide» Verschwörungstheorie interpretiert wird, hat in den Vereinigten Staaten offensichtlich beträchtliche Wirkung auf die derzeitige Regierungspolitik. Hierzulande als «Spinnerei» einer «Sekte» abgetan, haben die La-Rouche-Positionen zunehmend Einfluß auf Aussagen und Politik der Reagan-Administration. So berichtete das Nachrichtenmagazin Time am 23. Juni 1986 über eine geheime Direktive Präsident Reagans vom April des Jahres, die ganz nach LaRouche-Muster gestrickt scheint. Die von Vizepräsident George Bush erstmalig im Juni öffentlich diskutierte Direktive erlaubt dem US-Militär, eine aktivere Rolle in der Drogen-Bekämpfung einzunehmen. Damit «jeder Amerikaner versteht», welche reale Beziehung zwischen Drogen und Terrorismus besteht, erläuterte Bush seine Veröffentlichung.

Diese Offensive im Anti-Drogen-Kampf wird mit einer These legitimiert, die zum altbekannten Repertoire der panischen LaRouche-Berichte über den Drogenhandel gehört. Linke Guerilleros, die 1985 einen blutigen Anschlag auf den kolumbianischen Justizpalast verübten, seien von der sandinistischen Regierung Nicaraguas unterstützt worden.

Das paßt zwar so recht ins Weltbild der anti-sandinistischen Reagan-Politik, mit den Tatsachen hat diese Version jedoch wenig zu tun. Nicht nur, daß die gewaltsame Räumung des Jusitzpalastes von den Besetzern unerwähnt blieb, die nach offiziellen Angaben 115 Tote gefordert hat. Alle Guerilleros des M-19-Kommandos sowie zahlreiche als Geiseln genommene Justizbeamte waren teils erschossen worden, teils verbrannt. Auch für die Berichte über eine sandinistische Beteiligung gibt es «weder Beweise noch Indizien», wie Kolumbiens Verteidigungsminister Vega Uribe klarstellte.

Die unbelegte M-19-Story geistert seit Monaten durch die La-Rouche-Publikationen. Die «sandinistischen Hintermänner» der



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Besetzungsaktion von Bogota und andere Geschichten über Verstrik-kungen und Verschwörungen des «internationalen Terrorismus», über die Anführer der Drogen-Geldwäsche im «Ostküsten-Establishment» der USA und warum das alles miteinander zu tun hat, gehören zum Standard-Repertoire von LaRouche-Zeitungen und -Reden. «Auf einer Konferenz in Mexiko-Stadt im April 1985 schlug Lyndon LaRouche vor, den Krieg gegen das Rauschgift mit allen, auch militärischen Mitteln gegen den Anbau, den Handel und die Geldwäsche zu führen. Jetzt, nach eineinhalb Jahren, griffen auch Bolivien und die USA diesen Vorschlag auf und schlössen ein militärisches Kooperationsabkommen gegen den Rauschgifthandel» (Neue Solidarität am 31.7.1986).

Der «Krieg gegen das Rauschgift», von der Reagan-Administration nunmehr zur «Frage der nationalen Sicherheit der USA» erklärt, ist schon länger ein Schwerpunkt-Thema der LaRouche-Propaganda. Weltweit haben die «Anti-Drogen-Koalition (AD K)» bzw. ihre Tochterorganisationen zum militärischen Kampf gegen den Drogenhandel aufgerufen, in Pamphleten und Dossiers, mit Konferenzen und Demonstrationen. Und immerzu wurde der Krieg gegen die Drogendealer und die «Geldwäscher aus der internationalen Hochfinanz» mit dem Kampf gegen den «internationalen Terrorismus» gleichgestellt -denn die Terroristen seien die Nutznießer und Mitverursacher der Drogengeschäfte. Diese verschwörerische Verbindung wird von den LaRouches - und nunmehr auch von Vizepräsident Bush - «Narco-Terrorismus» genannt. Als «narcos» werden auch die Kokain-Dealer bezeichnet.

Die Freude war verständlicherweise bei LaRouches Leuten groß, als sie von einem bisher einmaligen Schlag der US-Militärs hörten: zum erstenmal wurden US-Truppen im Ausland gegen den Drogenhandel eingesetzt. Im Juli landete im Osten Boliviens, einem der größten Koka-Anbaugebiete der Welt, ein Mammutflugzeug der US-Armee vom Typ C-5A «Galaxy». An Bord befanden sich sechs Black-Hawk-Hubschrauber. Gleichzeitig gingen in der bolivianischen Provinz Beni C-130-Truppentransporter mit 160 Mann der in Panama stationierten 193. Infanteriebrigade nieder. Eine Gefolgschaft von rund zwei Dutzend amerikanischen Fernsehreportern und Zeitungsjournalisten sollte den großen Feldzug in bunten Bildern für die Weltöffentlichkeit aufbereiten.

Just zu dem Zeitpunkt, als Reagans Direktive für den militärischen Kampf gegen den Koka-Deal beschlossen wurde, soll die bolivianische Regierung, wie sie selbst versicherte, aus freien Stücken anläßlich einer internationalen Rauschgiftkonferenz in Buenos Aires an



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Washington den Wunsch nach militärischer Hilfe gerichtet haben. Doch Beobachter, die auch von der konservativen Welt und von amerikanischen Nachrichtenmagazinen zitiert werden, behaupteten, die USA selbst hätten das lateinamerikanische Land massiv gedrängt.

Das Ergebnis war dann ganz nach der Art amerikanischer Medienereignisse gelungen. Die «Operation Hochofen» (Operation Blast Furnace) wurde mit ungeheurem Aufwand generalstabsmäßig durchgezogen, wie «eine Art Landung in der Normandie», kommentierte Jacobo Liebermann, Berater des bolivianischen Präsidenten. Und die ZeitungA^M; titelte: «USA besetzen Bolivien.» Doch die Ergebnisse waren gleich Null - zumindest was den polizeilichen Teil der Aktion angeht. Der größte Einsatz wurde gleichzeitig zum weltweit größten Flop der Drogenbekämpfung. Die magere Ausbeute war geradezu peinlich: außer einem Siebzehnjährigen wurde niemand verhaftet. Und auch dem Jugendlichen konnte nicht viel nachgewiesen werden. Er wurde in einem verlassenen, leergeräumten Koka-Labor aufgefunden. Die Rauschgiftbosse waren offensichtlich vorgewarnt worden und konnten sich rechtzeitig absetzen.

«Massive Erfolge im Kampf gegen die Kokain-Könige» vermeldete am 21. August 1986 die Neue Solidarität aus Peru. Der Bericht galt einer Aktion, die ganz nach dem Vorbild der US-Aktion verlief: «Am 9. August startete die peruanische Regierung ihre bislang umfangreichste Offensive im Krieg gegen das Rauschgift.» Ob mit der großangelegten militärischen Operation «Carapana» nur die «Kokain-Könige» gemeint waren, wird jedoch von Beobachtern bezweifelt. Die Einsätze von zwei Kampfstaffeln der peruanischen Luftwaffe scheinen eher nach dem Muster der landesüblichen Guerillabekämpfung geraten: 300 Mann, «Soldaten und Polizisten vereint», Raketen, Bomben und schwere Maschinengewehre.

Zu Hause, in Chikago, zeigen die LaRouches ihre Freude über die Militäreinsätze gegen das Rauschgift, indem sie das Flair der fernen Einsätze auf den Straßen zu Hause spüren lassen. Wie die LaRouche-Zeitschrift Krieg dem Rauschgift berichtet, machte die ND PC-Kandidatin Janice Hart ein Wahlversprechen ganz besonderer Art wahr: sie wollte «Panzer durch die Hauptstraßen Chikagos rollen lassen», falls dies im Kampf gegen die Rauschgiftmafia notwendig sei. Die Zeitschrift frohlockte: «Am 12. Mai rollten die Panzer». Ein Foto zeigte die erfolgreiche Kandidatin auf einem Panzerfahrzeug, wie sie zusammen mit dem Luftwaffenmajor a. D. Robert Patton die Parade abnimmt.

Lyndon H. LaRouche wagte einen weiteren gewaltigen Vorstoß in der Anti-Drogen-Propaganda. Er möchte nicht nur mit den Rausch-



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gift-Dealern und ihren Hintermännern abrechnen. Auch die Befürworter einer Legalisierung von leichten Drogen sollten standesgemäß bekämpft werden - mit der Todesstrafe.

Deshalb fragte LaRouches Anti-Drogen-Koalition artig bei dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Malaysias, Datuk Musa Hi-tarn, nach den «Grundelementen des Drogengesetzes» in dem südost-asiatischen Land. Malaysia wurde weltweit bekannt durch die schnelle Vollstreckung eines Todesurteils gegen jugendliche Drogenhändler. Musa erklärte in dem «Exklusivinterview» natürlich gerne das «schärfste Drogengesetz der Welt»: «Die Todesstrafe für Drogenbesitz wird in Malaysia sofort vollstreckt. Seien Sie also gewarnt!»


(Aus: Neue Solidarität vom 6. März 1986)

 



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Doch der Kampf gegen Drogen ist nur ein Betätigungsfeld der wak-keren LaRouche-Kämpfer. In Fragen der Verteidigungspolitik ist es ihnen schon früh und erfolgreich gelungen, in den Entscheidungszentren der Rüstungsplaner und -Strategen Fuß zu fassen. Auf diese Entwicklung wiesen Dennis King und Ronald Radosh schon in ihrem umfangreichen Beitrag über die LaRouche-Organisation in The New Re-public hin. Die dargelegten Fakten und Hinweise auf gefährliche Entwicklungen wurden im wesentlichen in einer Artikelserie bestätigt, die im Januar 1985 in der Washington Post veröffentlicht wurde.

Die Autoren verweisen auf die Erfolge, die die LaRouches in der amerikanischen Administration, bei Verteidigungspolitikern, Militärs und Rüstungsforschem mit ihren schon sehr früh propagierten Strahlenwaffen-Strategien erzielen konnten. Sie zitieren zahlreiche Aussagen von führenden Regierungsvertretern, Sicherheitsbeamten und Geheimdienst-Mitarbeitern, die von den Kontaktgesprächen der LaRouches berichten. So zum Beispiel erzählte ihnen Norman Bai-ley, früher führender Mann im Nationalen Sicherheitsrat, von seinem


 



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Abendessen bei den LaRouches in deren Villa in Leesburg im US-Bundesstaat Virginia. Wir dokumentieren den Bericht von Dennis King und Ranold Radosh, weil er einen gründlich recherchierten Überblick über die Entwicklung der LaRouche-Organisation in den Vereinigten Staaten gibt.

Dennis King bekräftigte seine kritische Haltung, trotz kostspieliger und aufwendiger Prozesse, nochmals nach der erfolgreichen Kandidatur der LaRouches in Illinois. In einem schon erwähnten Interview mit ABC News, die eine Sendung mit Adlai Stevenson und Janice Hart ausstrahlte, charakterisierte er Lyndon H. LaRouche als «eisenharten Neonazi». In dessen «theoretischen Schriften, von denen die Wähler in Illinois absolut nichts wissen, findet man die Schlüsselideen aus Adolf Hitlers politischem Programm wieder».
 
 



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Die LaRouche-Connection

Wie die Führer einer verrückten Randgruppe Zugang zu Vertretern der US-Administration fanden und sich Respekt verschafften

Von Dennis King und Ronald Radosh *
 
 
 

Im vergangenen Jahr haben unzählige Fernsehzuschauer Lyndon LaRouches Präsidentschaftswahlkampf verfolgt und haben die politischen Reden des 62j ährigen Multimillionärs in bezahlten Femseh-spots im nationalen Femsehen verfolgt. Ihre Hauptthemen: Unterstützung der «Star Wars»-Pläne der Administration und Angriffe auf Walter Mondale und Henry Kissinger, die er als «Agenten sowjetischen Einflusses» bezeichnete. Viele amüsierte Zuschauer werden sich über die Jahre auch an kurze Begegnungen mit LaRouche-An-hängern auf größeren Flughäfen erinnern, wo sie mit Plakaten wie «Werft Jane Fonda den Walen zum Fraß vor» Käufer für ihre Broschüren und Zeitschriften zu gewinnen suchten.

Die fanatische Weltanschauung, die hinter LaRouches öffentlichen Aktivitäten steckt, ist in Washington allgemein bekannt, und er ist von so verschiedenen Organisationen und Medien wie dem AFL-CIO, der Heritage Foundation, der New York Times und der National Review rundheraus verdammt worden. Die <B'nai B'rith-Liga gegen Diffamierung> hat ihn beschuldigt, «antisemitisches Gift in den amerikanischen politischen Blutkreislauf zu injizieren». Dennoch ist es LaRouche und seinen Anhängern in den letzten vier Jahren gelungen,
 
 

* Dennis King, freier Journalist aus New York, veröffentlichte zahlreiche Beiträge über die «LaRouchians». Er ist Autor eines Berichtes der <Ligafür Industrielle Demokratie mit dem Titel «Nazis ohne Hakenkreuz» und von vielen Magazinbeiträgen und Zeitungsartikeln über politische Kulte.
Ronald Radosh ist häufiger Mitarbeiter von The New Republic und Co-Autor mit Joyce Milton von «Die Akte Rosenberg».

Nachdruck aus der amerikanischen Zeitschrift The New Republic vom 19. November 1984 (Übersetzung: Michael Hübel)
 



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Zugang zu einer großen Zahl von Mitgliedern der Administration zu erlangen - darunter hochrangige Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats und des CIA -, denen LaRouche zur Sammlung von Nachrichten und zur Propaganda für ihre politischen Ziele genauso nützlich war wie sie für ihn, um seine Ziele zu legitimieren.

Die Basis der Anstrengungen LaRouches ist seine Kaderorganisation National Caucus of Labor Committees (NCLC), die eine Auswahl von Tarnorganisationen kontrolliert und enge Verbindungen zum Ku-Klux-Klan unterhält. Die sichtbarsten Teile seiner Organisation sind die Fusion Energy Foundation (FEF), die für Atomenergie und Strahlenwaffen eintritt, und das National Demo-cratic Policy Committee (NDPC), eine Wahlmaschine am Rande der Demokratischen Partei. Das NDPC unterstützte LaRouche in den letzten Vorwahlen als Präsidentschaftskandidat und steht nun hinter seinem Wahlkampf als Unabhängiger. LaRouche und seine Anhänger betreiben darüber hinaus noch einen internationalen «Pressedienst», der wöchentlich die Executive Intelligence Review (EIR) (Jahresabonnement $399) herausgibt und geheime Berichte an viele ausländische Regierungen, einschließlich der Republik Südafrika, lieferte.

Als Ronald Reagan ins Amt kam, schwärmten LaRouches guterzogene, sprachgewandte Anhänger in den verschiedenen Bereichen der Exekutive und in den Büros führender republikanischer Kongreßmitglieder aus. Die LaRouchians, wie sie allgemein genannt werden, stellten sich als glühende Anhänger der Administrationspolitik dar und sagten bei Senatshearings zur Besetzung von Regierungsämtem für die von Reagan vorgeschlagenen Bewerber aus. In Reagans erstem Jahr bekamen sie Zugang zu vielen hochrangigen Personen, und die EIR druckte Tonbandabschriften von sogenannten Interviews oder, in einigen Fällen, «exklusiven» Interviews - mit Landwirtschaftsminister John Block, dem Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium Richard DeLaurer, dem Unterstaatssekretär im Handelsministerium Lionel Olmer, dem damaligen Unterstaatssekretär im Finanzministerium Norman Ture, dem Assistant - jetzt Asso-ciate - Attorney General (Justizminister) Lowell Jensen und Senator John Tower, Vorsitzender des Streitkräfteausschusses im Senat. Darüber hinaus gelang es LaRouche selbst, eine Einladung für ein Frühstück mit Innenminister James Watt am 26. März 1981 zu erlangen; zwei Mitarbeiter LaRouches frühstückten in der folgenden Woche mit Watt.

Wie ehemalige LaRouchians berichten, war einer derjenigen, um die sie sich besonders bemühten, der Arbeitsminister Raymund Do-



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novan. Als 1982 Beschuldigungen im Zusammenhang mit Donovans Baufirma Schiavone und organisierter Kriminalität von Sonderstaatsanwalt Leon Silverman untersucht wurden, begann LaRouches Sicherheitschef Jaffrey Steinberg seine eigene Gegenuntersuchung, um Schiavone zu unterstützen. In einem Aktenvermerk an Morris Levin, Berater und Sekretär Schiavones, beschreibt Steinberg - auf dem Briefpapier von Independent Leads, einer LaRouche-Publikation -den Fortgang seiner Arbeit und erwähnt Pläne für ein Treffen mit Robert Shortley, einem Privatdetektiv, der für Ronald Schiavone, Donovans Geschäftspartner, arbeitete. Eine Kopie dieses Vermerks beschaffte Frank Smits Jr., Student der University of Oklahoma, von einer LaRouche-nahen Quelle.

Der am 28. September 1982 vorgelegte Silverman-Bericht kam zu dem Ergebnis, daß für eine Anklage Donovans nicht genügend Anhaltspunkte vorlagen. Dennoch führte das Büro des Bezirksstaatsanwalts der Bronx danach eine eigene Untersuchung durch, die zu einer Anklage gegen Donovan und sieben Angestellte Schiavones, einschließlich Levin und Schiavone, in 137 Fällen von Diebstahl und Betrug im Zusammenhang mit dem Vertrag zum Bau eines New Yorker U-Bahn-Tunnels mündete. In einem Interview hat Levin die Verbindung zu Steinberg zugegeben: «Ich habe hin und wieder mit Jeff gesprochen», sagte er. Er sagte auch, daß er und Schiavone mehrmals Steinberg getroffen hätten und seitdem immer noch in telefonischer Verbindung stünden, um Informationen auszutauschen.

Größtenteils waren die Bemühungen der LaRouchians, 1981/82 Verbindungen mit Kabinettsmitgliedern aufzubauen, nicht sehr erfolgreich. James Watt zum Beispiel erinnert sich, daß LaRouche «alle richtigen Redewendungen benutzte, aber man bemerkte ganz instinktiv, daß etwas an ihm nicht stimmte». Dennoch setzten die LaRouchians den Wert dieser Kontakte in der Öffentlichkeit voll ein, um ihre Position in Washington zu legitimieren, während sie sich um den Aufbau von Verbindungen zu wichtigen Personen im Nationalen Sicherheitsbereich und den Nachrichtendiensten ebenso wie zu Wissenschaftlern in streng geheimen Projekten bemühten.

Die Geschichte der LaRouche-Kontakte im Nationalen Sicherheitsbereich wurde im vergangenen März in der - inzwischen eingestellten - NBC-Sendung «First Camera» von der Emmy-Preisträgerin Pat Lynch dokumentiert. Bei der Vorbereitung ihres Fernsehberichts erhielt sie von ehemaligen LaRouche-Anhängern die Namen vieler Regierungsbeamter, die sich privat mit LaRouche oder seinen Mitarbeitern getroffen hatten. Unter den von Lynch interviewten war Dr.



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Norman Bailey, der im Dezember 1983 von seinen Ämtern als Special Assistant des Präsidenten und Senior Director der Internationalen Wirtschaftsabteilung im Nationalen Sicherheitsrat zurückgetreten war. Bailey bestätigte nicht nur die Anschuldigungen ehemaliger La-^ Rouche-Anhänger über weitreichende Verbindungen der La-Rouchians zur Administration - er rechtfertigte diese Verbindungen auch mit der Behauptung, LaRouche besitze «einen der besten privaten Nachrichtendienste der Welt».

Die NBC-Sendung erwähnte auch die neonazistischen Thesen La-Rouches, die Bedrohungen von Reportern durch seine Organisation sowie eine angebliche Diskussion zwischen LaRouche und seinen Mitarbeitern 1977 über einen Plan, Jimmy Carter mit einer ferngezündeten Bombe zu ermorden (der letztgenannte Vorwurf ist einer der Punkte in einer Schadenersatzklage, die LaRouche gegen NBC und die <B'nai B'rith-Liga gegen Diffamierung> anstrengte, in der er behauptete, diese hätten sich «verschworen», um ihn zu diffamieren. Die Klage wird zur Zeit vor dem Bundesdistriktgericht in Alexandria, Virginia, verhandelt). Am Tag nach der «First Camera»-Sendung forderte der Vorsitzende des Demokratischen Nationalkommitees, Charles Mannett, Präsident Reagan auf, die «schockierenden Verbindungen des Weißen Hauses» zu LaRouche zu beenden. Aber Larry Speakes, Sprecher des Weißen Hauses, erklärte in derselben Woche bei einem Vortrag, daß es die Politik der Administration sei, mit «jedem amerikanischen Bürger», der «hilfreiche» Informationen haben könnte, zu sprechen.

Der Grund der Verbindungen zwischen LaRouche und Mitarbeitern der Administration ist nicht eine irgendwie geartete Sympathie für LaRouches Ideologien. Selbst diejenigen, die eng mit LaRouche zusammengearbeitet haben, weisen seine Verschwörungstheorien weit von sich. Interviews mit einer Vielzahl von Personen ergeben in jedem Fall, daß die Basis der Verbindung eine Philosophie des Nutzens war: Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats fanden die von LaRouchians beschafften Nachrichten zur Formulierung ihrer Strategien nützlich. Regierungswissenschaftler fanden in einigen Fällen die Unterstützung von LaRouches Tarnorganisationen für Fusionsenergie und «Star Wars»-Waffen nützlich, um diese exotischen Themen einer breiteren Öffentlichkeit bekannter zu machen.

John Cusack, Stabschef des Sonderausschusses des Repräsentantenhauses für Drogenmißbrauch und -kontrolle, früher ein hohes Mitglied der Rauschgiftbehörde DEA, erinnert sich, wie die LaRouchians 1981 «einige Punkte an Seriosität gewannen, indem sie sich aggressiv in Fragen stürzten, die die Administration interessierten,



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wie zum Beispiel Drogenkontrolle». Nach Cusack bewegten sie sich in einem «Vakuum... Sie klingelten dort, wo niemand sonst klingelte. Sie sagten für die Reagan-Administration die richtigen Dinge.»

LaRouches Einstellung zu dem Verhältnis scheint ganz genauso opportunistisch zu sein wie das der Administration. Dr. Steven Bard-well. Plasmaphysiker und Wissenschaftsberater LaRouches, trat im letzten Winter aus dem NCLC aus, weil er den Eindruck hatte, die Ideologie der Organisation werde durch LaRouches Versuche, die Verbindungen zur Administration zu verbessern, kompromittiert. «Wir werden an der Nase herumgeführt», schrieb Dr. Bardwell in einem Memorandum vor seinem Austritt, «bei unserer Wahrnehmung dessen, was die Administration von uns erwartet. Als vor neun Monaten dieser Reagan eine der unseren ähnliche <Star Wars>-Politik übernahm, gewannen unsere NSC/DIA/CIA-< Verbindungen einen mächtigen Einfluß über uns. Wir begannen nun, unsere Polemik, unsere öffentlichen Auftritte, die Nachrichtenbeschaffung und Rahmenbedingungen zu modifizieren, um unserer neuen Klientel zu gefallen.»

Aber wenn dieses Verhältnis eher opportunistisch als ideologisch ist, so ist es nicht weniger abstoßend. Einer der Freunde der Administration, der dies klar sieht, ist Henry Kissinger , der uns die antisemitischen Angriffe gegen ihn durch die LaRouchians beschrieb. Wir setzten ihn über LaRouches Treffen mit hohen Mitarbeitern der Administration, einschließlich Beamten des CIA, in Kenntnis. «Wenn dies wahr ist», sagt Kissinger, «wäre es ungeheuerlich, dumm und fast unverzeihlich.»
 
 

LaRouche und der Nationale Sicherheitsrat (NSC)
 
 

Trotz der skurillen Angriffe LaRouches auf Henry Kissinger und andere Personen des öffentlichen Lebens waren einige Mitglieder der Administration bereit, ihn anzuhören. Zwischen Anfang 1981 und Anfang 1984 haben die LaRouchians zum Beispiel eine ganze Reihe von Treffen mit NSC-Mitarbeitem gehabt - nicht nur mit Norman Bailey, sondern auch mit Richard Morris, Special Assistant von Präsident Reagans damaligem Sicherheitsberater William Clark, und mit Dr. Ray Pollock, der NSC-Direktor für Verteidigungsprogramme war.

Bailey, heute Partner des ehemaligen CIA-Direktors William Colby in einer Washingtoner Beraterfirma und auch Berater des 84er
 



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Reagan-Bush-Wahlkampfs, sagte uns, er habe zwischen acht- und zwölfmal LaRouchians getroffen, darunter drei Treffen mit La-Rouche selbst. Das erste Treffen im Frühjahr 1982 sei von einem «hohen Mitarbeiter» Clarks arrangiert worden. Trotz seiner anfänglichen Bedenken (er hatte 1975 die LaRouchians verklagt, nachdem sie ihn als «Faschisten» bezeichnet hatten), war Bailey überrascht von ihrer Unterstützung der Administrationspolitik in Fragen wie Strahlenwaffen, Atomkraft und industrieller Revitalisierung. Er habe «von Zeit zu Zeit» nützliche Informationen bekommen, die er «niedergeschrieben und weitergegeben» habe.

Unter Bezug auf ein Gespräch zwischen LaRouche und dem argentinischen Präsidenten Raül Alfonsin im Juni 1984 erklärte Bailey: «Diese Leute sind wie Spürhunde. Sie kommen an viele (ausländische) Offizielle, die sich ihnen manchmal öffnen.» (Tatsächlich hat LaRouche mindestens zweimal die indische Premierministerin Indira Gandhi und 1982 den mexikanischen Präsidenten Lopez Portillo getroffen.) Bailey verteidigte seine Plaudereien mit den LaRouchians als Teil seiner Aufgabe, die Ansichten von Führern der Dritten Welt zur Schuldenkrise zu verfolgen. Er gab zu bedenken, daß LaRouche ein «bestimmtes Maß an Voraussicht» gezeigt habe, als er zu einem Zeitpunkt auf die Schuldenkrise hinwies, als nur eine Minderheit unter den Wirtschaftswissenschaftlern daran dachte.

Bailey bestätigte, daß er im letzten Frühjahr in LaRouches Villa in Leesburg, Virginia, zum Abendessen war. «Ich war neugierig», sagte Bailey. Er lobte das vorzügliche Essen und beschrieb das Anwesen als mit Hunden und einem Kettenzaun «stark gesichert».

Norman Bailey sagte uns, daß LaRouche «überhaupt kein Antisemit» sei. Als ihm ein Kommentar aus New Solidarity, einer La-Rouche-Zeitung, unter dem Titel «Registriert die zionistische Lobby als ausländische Spione» gezeigt wurde, erwiderte Bailey: «Viele Leute sind äntizionistisch, ohne antisemitisch zu sein.»

Der frühere NSC-Mitarbeiter Richard Morris, der jetzt Clarks Be-. rater im Innenministerium ist, hatte ebenfalls breite Kontakte mit La-Rouche-Anhängern. Er erzählte uns, daß er LaRouche bei zwei Gelegenheiten getroffen und «von Zeit zu Zeit» mit ihm telefoniert habe. Er sei mit der Ideologie der LaRouchians «im großen und ganzen» nicht einverstanden, dennoch empfinde er ihre Informationen und Meinungen als nützlich. «Ihnen gelingt es, Mitglieder Südamerika-nischer Regierungen zu treffen», sagte er und erwähnte auch ihre Reise nach China. Morris' Meinung nach sind einige von LaRouches Anhängern «sehr seriös». Er beschrieb sie als «akademisch gebildet», die mit «guten, echten Informationen» dienen könnten.



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Richard Morris erklärte, daß die LaRouchians während der Amtszeit Clarks «umfangreiches Material» an das NSC geschickt hatten. Er wisse allerdings nicht, ob irgendwelches Material Clark erreicht habe. Letzten Juli sagte LaRouche unter Eid in einer Eingabe im Verfahren LaRouche gegen NBC aus, daß er einmal eine Antwort Clarks auf ein Memorandum erhalten habe. «Es gab die Notwendigkeit für mich, zu wissen, ob er sie bekommen hatte», sagte LaRouche, der die Information selbst als geheim beschrieb.

Morris gab ebenfalls zu, daß es «politisch sehr viele Nachteile» bei den Verbindungen zu LaRouche gebe, aber er glaubt, daß es «vielleicht falsch sein könnte», ein «glattes Verbot» aller Verbindungen der Administration zu LaRouche zu erlassen. «Es gibt den ersten Verfassungszusatz auch für denjenigen, mit dem man nicht einverstanden ist», sagte er uns. Er verwechselte dabei offensichtlich das Recht auf freie Meinungsäußerung mit dem Recht, einen hohen Regierungsvertreter persönlich zu treffen.

Der vielleicht entscheidendste Kontakt LaRouches im NSC war Dr. Roy Pollock - einer der Hauptarchitekten von Reagans «Star Wars»-Plan.JPollock, der Anfang des Jahres die Administration verließ, erzählte uns von zwei Treffen mit LaRouche in seinem NSC-Büro und erzählte uns auch von seiner langen Liste von Kontakten mit LaRouche-Mitarbeitern: erst als Wissenschaftler im Los Alamos National Laboratory, dann als Berater des Energieministeriums und dann im NSC.

Roy Pollock erklärte, LaRouche sei ein «furchterregender Kerl». Aber auch er war beeindruckt von LaRouches talentierten Anhängern. Pollocks erster Kontaktpartner war Chuck Stevens, ein Ingenieur, der für die Fusion Energy Foundation arbeitete und Pollock anrief, als er noch in Los Alamos arbeitete. Stevens und andere FEF-Mitglieder hätten «interessante Gerüchte aus dem Bereich der mit Fusion Beschäftigten» zu berichten gewußt, die, wie Pollock meinte, ein «gutes Licht auf ihren Nachrichtendienst werfen».

Während Roy Pollocks Zeit im Energieministerium kam es zu gemeinsamen Mittagessen mit Stevens. Beim NSC setzte Pollock die Telefongespräche mit Stevens fort und traf sich mehrere Male mit anderen Mitarbeitern LaRouches, die energisch für ein neues Man-hattan-Projekt im Bereich der Strahlenwaffen eintraten. Er war besonders von den Argumenten Dr. Uwe Henke von Parparts, dem obersten wissenschaftlichen Berater LaRouches, beeindruckt. Dennoch lehnte Roy Pollock die Angebote der LaRouchians ab, seine Reisekosten zu von LaRouche gesponsorten Strahlenwaffenkonferenzen in Paris und Thailand zu übernehmen.



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Pollock erklärte, daß sein erstes Treffen mit LaRouche Anfang 1983 auf Wunsch von Morris zustande gekommen sei. Richard Morris nahm - ebenso wie LaRouches Frau Helga Zepp-LaRouche - an dem Treffen teil. Sie sprachen über westdeutsche Politik. Bei dem zweiten Treffen im Herbst 1983, bei dem LaRouche eine angebliche Verschwörung europäischer oligarchischer Familien erläuterte, versuchte LaRouche, so Pollock, über ihn «an den <Judge> heranzukommen» - gemeint war Sicherheitsberater Clark. Pollock faßte LaRouches Kommentare etwas widerwillig in einem einseitigen Vermerk zusammen und «schickte ihn über die Straße zu Clark».

Ein gemeinsamer Punkt, der von Bailey, Morris und Pollock herausgestellt wurde, war ihre Überzeugung, die Mitarbeiter LaRouches seien - im Gegensatz zu LaRouche selbst - rationale Menschen und diese Mitarbeiter - nicht LaRouche - seien die Hauptquelle wertvoller Informationen. Allerdings zeigen die Forschungs- und Propagandaanstrengungen der LaRouchians, die mit NSC-Mitarbeitern zusammengetroffen sind, nicht viel Rationalität. Einer dieser Mitarbeiter ist Jeffrey Steinberg, LaRouches Sicherheitschef, der im Juni 1984 in einer Eingabe im Verfahren LaRouche gegen NBC erklärte, daß er das Executive Offices-Gebäude, in dem das NSC untergebracht ist, im vorangegangenen Jahr acht- bis zehnmal besucht habe. Steinberg ist Mitautor von «Dope, Inc.», einem von LaRouche in Auftrag gegebenem Buch, in dem die englische Queen und prominente amerikanische Juden für den internationalen Drogenhandel verantwortlich gemacht werden. Da ist auch noch der Fall von Dr. von Parpart und LaRouches Wirtschaftsberater David Goldmann (der Norman Baileys wichtigster NCLC-Kontakt war): von Parpart und Goldmann unterschrieben 1978 gemeinsam einen Artikel in New Solidarity, in dem sie jüdische «Verräter» beschuldigten, amerikanische Wasserstoffbombengeheimnisse für Israel gestohlen zu haben, und dann vorschlugen: «Beide Supermächte sollten kompromißlos klarmachen - und falls die amerikanische Regierung es nicht tut, dann die Sowjets einseitig -, falls Israel eine Atomwaffe zündet, daß es sofort von einem nuklearen Gegenschlag der Supermächte ausgelöscht wird.»

Offensichtlich ist das NSC nicht der einzige Teil der Administration, der hinter den Verrücktheiten der LaRouchians Methode zu erkennen glaubt. Im Januar 1983, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Treffen der LaRouchians mit NSC-Vertretern bereits gute Fortschritte machten, schickte das Außenministerium der Botschaft in Bonn ein dringendes Telegramm unter dem Titel: «Erläutern Sie Ihre Strategie gegenüber den Anti-LaRouche-Disorganisationsanstrengungen.» Im



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Namen von George Shuitz nahm das Telegramm Bezug auf die Beschwerde eines LaRouche-Journalisten, «bestimmte amerikanische Botschaftsvertreter im Ausland» hätten versucht, Personen im Ausland von Verbindungen mit LaRouche abzuraten. Das Telegramm zitierte dann die offizielle Antwort, in der es heißt, daß negative Charakterisierungen von amerikanischen politischen Persönlichkeiten «nicht autorisiert» seien und daß Beamte sich «der Äußerung persönlicher Meinungen enthalten (sollten), wenn sie dienstlich tätig sind». Die klare Implikation: LaRouche sollte erlaubt werden, sich weiterhin ohne Einschränkung als wichtige amerikanische Persönlichkeit und Freund der Administration darzustellen.
 
 
 

LaRouche und die Wissenschaftler im Verteidigungsbereich
 
 

LaRouche war entschlossen, sich in der Gemeinschaft der Wissenschaftler im Verteidigungsbereich ebenso um Einfluß zu bemühen, wie er sich um das Vertrauen entscheidender Personen in der Administration bemüht hatte. Seine Haupttaktik war, seine Arbeit mit der von Edward Teller zu verknüpfen, dem Vater der Wasserstoffbombe, Mitglied des Wissenschaftsrats des Weißen Hauses und wesentlich an der Entwicklung der Strategischen Verteidigungsinitiative SDI, dem offiziellen Star Wars Programm, beteiligt. LaRouches Anhänger bringen in ihren Publikationen dauernd Tellers Bild und bewundernde Berichte über seine Arbeit. Sie geben vor, Teller und LaRouche würden auf dasselbe Ziel hinarbeiten. Anfang 1983 nannte LaRouche gar seinen eigenen Strahlenwaffenplan den «LaRouche/Teller-Vorschlag».

Teller streitet eine Kooperation mit LaRouchians ab. Er sagt, sie hätten ihn in den frühen siebziger Jahren des Völkermordes beschuldigt, aber 1976 hätten sie ihn plötzlich «mit ihren Freundschaftsangeboten überfallen». Ihre Freundschaft störe ihn mehr als ihre Angriffe. Obwohl er mit FEF-Vertretern am Telefon geplaudert habe, habe er alle Einladungen zu einem Treffen mit LaRouche abgelehnt, den er als «schlecht informierten Mann mit phantastischen Konzeptionen» bezeichnet.

Dennoch blieb Teller stumm, als die LaRouchians seinen Namen benutzten, um sich Türen in Washington und einem halben Dutzend europäischer Städte zu öffnen. Heute sagt Teller, er hätte LaRouche früher öffentlich ablehnen sollen. Aber er fügt hinzu, er hätte Bedenken gehabt, jemanden «dafür zu kritisieren, daß er mit meinen Ideen übereinstimmt».



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Nachdem wir Teller interviewten, bekamen wir einen Artikel in der New Solidarity, der von einer von LaRouche gesponsorten Strahlenwaffenkonferenz vom März 1984 in Paris berichtete. Dem Artikel zufolge sprach LaRouche zu der Konferenz - ebenso wie Dr. Robert Budwine - ein wichtiger Star Wars-Wissenschaftler vom Lawrence Livermore National Laboratory und ein enger Freund Tellers, der in seine Rede eine «Mitteilung an die anwesenden Europäer von seinem Freund Dr. Edward Teller» aufgenommen hatte.

Budwine bestätigte, auf der Konferenz gesprochen zu haben und daß die LaRouchians seine Reisekosten übernommen hätten. Er beschrieb den Bericht der LaRouchians über Tellers Mitteilung als «totale Fälschung». Teller allerdings erklärte auf unsere Nachfrage in einem Telefongespräch: «Ich mag Dr. Budwine Grüße an LaRouche aufgetragen haben, aus Höflichkeit.» Er habe Budwine geraten, nicht an der Konferenz teilzunehmen - «vielleicht nicht stark genug» - und daß er Budwine, der auch auf einer LaRouche-Konferenz in Bangkok gesprochen hatte - geraten habe, nicht mehr zu Veranstaltungen dieser Art zu fahren. Allerdings gab Teller zu, sich mit Colonel Marc Geneste getroffen zu haben, einem französischen Neutronenbombenexperten, der eng mit LaRouche verbunden ist und kürzlich im Auftrag LaRouches eine Vortragsreise durch die USA unternahm. Teller beschrieb sein Treffen mit Geneste, das sich auf SDI konzentrierte, als «vollkommen freundlich».

Teller und Budwine sagten übereinstimmend, daß Budwine letztes Jahr aus Gefälligkeit Teller gegenüber, den die LaRouchians wegen einer Unterstützung unter Druck gesetzt hatten, Kontakt zu den LaRouchians aufnahm. Budwine erläuterte, er kenne LaRouche nicht «seit Adam und Eva»; sein Motiv sei lediglich gewesen, den Druck von Teller zu nehmen. Aber es geschah etwas, das Teller nicht geplant hatte. Budwine wurde von der LaRouche-Organisation - nach eigenen Angaben- angezogen und wurde für einige Monate in den Randbereich ihrer Aktivitäten einbezogen. Er begann, an Veranstaltungen LaRouches teilzunehmen, so an der Jahreskonferenz des NCLC in LaRouches Villa letzten Januar. Er verbrachte auch einige Stunden in Vier-Augen-Gesprächen mit LaRouche über Platonismus, indo-europäische Wurzelsprachen und andere Lieblingsthemen LaRouches.

Budwine erkannte LaRouches Ideen als «ungebändigte Pseudowissenschaft» und sagte dies auch LaRouches Mitarbeitern. Aber er fühlte sich auch auf anderen Ebenen von der Gruppe angezogen. Er beschreibt die Konferenz im Januar mit den Worten: «Ihre Wärme und ihre Rücksichtnahme aufeinander ist erstaunlich. Sie hatten ba-



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rocke Harfenmusik im Hintergrund, als ob sie einen Salon des 18. Jahrhunderts wiederauferstehen lassen wollten.»

Budwines wissenschaftliche Ausbildung verhinderte, daß er den intensiven Rekrutierungsbemühungen der LaRouchians erlag. «Sie redeten immer wieder über ihre große Methode, aber ich fragte immer wieder: was ist dies für eine Methode, die euch immer die falschen Antworten gibt?» Budwine begann, über politische und religiöse Kulte nachzulesen. Heute glaubt er, «LaRouche ist kein ernst zu nehmender Mensch, er ist sogar weniger: er ist verrückt».

Eine andere wichtige Person in der Star Wars-Forschung ist Dr. John Nuckolls, Associate Director für Physik bei Lawrence Livermore und verantwortlich für die «0-Group», die Forschungsgruppe zu den «Zauberschild»-Waffen. Nuckolls sagte, daß er extensive Kontakte zu den LaRouchians gehabt habe und einmal FEF-Mitglied gewesen sei. Er berichtete, ihre Versuche, die «Klassifikationsbarriere» zu durchbrechen, hätten manchmal «Interaktion erschwert». Er gab zu, manchmal «ratlos» zu sein, ob ihre Werbeaktivitäten für die Regierung «positiv oder negativ» seien, aber er sagte, «es mag sinnvoll sein, jemanden an der Basis zu haben, unter der Annahme, sie sind an der Basis». Er wolle sie weder angreifen noch verteidigen. «Wir haben gemeinsame Interessen», sagte er und nannte Fusionsforschung und SDI.

Einige Verteidigungsexperten sind besorgt, daß es der extremistischen NCLC gelungen ist, so nah an den Bereich der Verteidigungsforschung herangekommen zu sein. Einer dieser Experten ist Generalma-jor a. D. George Keegan Jr., früher Chef des Nachrichtendienstes der Luftwaffe und einer der ersten prominenten Amerikaner, der sich -bereits Mitte der siebziger Jahre - für ein Star Wars-Verteidigungssy-stem ausgesprochen hatte. Keegan ist der Meinung, daß es den LaRouchians gelungen sei, alle privaten und öffentlichen Organisationen, die im Bereich der Fusionsforschung (ein wichtiger Forschungsbereich, der Laser- und Partikelstrahlenwaffen umfaßt) und in der Beobachtung sowjetischer Fusionsentwicklungen tätig sind, zu unterwandern. «Ich habe mit immer größer werdendem Erschrecken erlebt, wie erfolgreich sie in der Beschaffung von meiner Meinung nach geheimen Informationen waren», sagt er.

Keegans Meinung wird von General James Abrahamson, Direktor des SDI (und ein Objekt der Bewunderung für LaRouche-Publika-tionen) nicht geteilt: er sei sich über irgendwelchen «besonderen Zugang» der LaRouchians zu Informationen nicht bewußt. Er ergänzt allerdings, daß «seine (LaRouches) Leute die SDI-Technologien verstehen» (dies ist eine seltsame Ergänzung, da, wie Dr. Nuckolls uns



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sagte, man Zugang zu geheimen Informationen haben müsse, um die Technologie zu verstehen).

Keegan hat teilweise den Verdacht, daß die Informationen der La-Rouche-Organisation in die Hände der Sowjets gelangen könnten. Diese Beunruhigung wird von der Heritage-Foundation geteilt, die in einem im letzten Juli veröffentlichten Bericht über LaRouche geheime Treffen zwischen LaRouche und dem sowjetischen UN-Diplomaten Genedy N. Serebrayakov erwähnt (eine Verbindung, die zuerst in der National Review 1979 beschrieben wurde). Der Bericht beschuldigte einen LaRouche-Anhänger, in jüngster Zeit versucht zu haben, «von einem Mitglied des Streitkräfteausschusses des Repräsentantenhauses die Reichweite der Cruise Missile - eine der strengsten amerikanischen militärischen Geheimnisse - beschaffen zu wollen (nach John Basma, Redakteur von Military Space, geschah der Zwischenfall 1981 und der LaRouche-Anhänger war am Odometer des Flugkörpers interessiert).

Daß Konservative nicht nur paranoid auf die eindringliche Neugier der LaRouchians reagieren, geht aus einem geheimen Memorandum eines wichtigen Sicherheits-Mitarbeiters von LaRouche an die NCLC-Führung vom 19. Januar 1981 hervor. Obwohl der Vermerk die NCLC-Mitglieder als Opfer sowjetischer KGB-Tricks darstellt, so spricht er doch von Serebrayakov als dem «bestimmten UN-Kontakt» und erwähnt Reisen von FEF-Wissenschaftlern nach Moskau zum Zwecke «wissenschaftlicher Zusammenarbeit». Es heißt in dem Memorandum, daß eine der Reisen zu einem «Zwischenfall» führte, in dem ein ungenannter LaRouchian einen neunzigseitigen Bericht über die «amerikanische Wissenschaftlergemeinschaft» schrieb, und daß die Sowjets die ihnen zur Verfügung gestellten Informationen als «sehr nützlich» empfunden hätten. Das Memorandum sagt weiter, falls ein Problem der «nationalen Sicherheit» im Zusammenhang mit dem «Zwischenfall» auftreten sollte, «dann macht unsere Verpflichtung zu einer offenen Politik der Zusammenarbeit mit den Sowjets in wissenschaftlichen und verwandten Bereichen unsere Verteidigung fast wasserdicht». Der Vermerk beklagt sich im folgenden über Anti-NCLC-Einfluß auf die Sowjets, angeblich ausgehend von der US-Kommunistischen Partei, der eine «beständige Störung unserer klaren Kanäle zu den Sowjets» zur Folge hätte.

Wie die Zeitschrift Fusion berichtete, sind zwei Mitarbeiter der FEF im Dezember 1981 nach Moskau gefahren, um an einer Konferenz über «Laserinteraktion» teilzunehmen. Darüber hinaus erinnern sich ehemalige NCLCler an eine Dia-Show eines LaRouche-Mitarbei-



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ters, der gerade von einem Besuch des sowjetischen Wissenschaftskomplexes in der Nähe von Novosibirsk in Zentralsibirien zurückgekehrt war.
 
 

LaRouche und Star Wars
 

Abgesehen von Sicherheitsproblemen - haben die LaRouchians irgendeinen bedeutenden Einfluß auf die SDI-Verantwortlichen gewonnen? Die Antworten der Administrationsvertreter und Wissenschaftler im Verteidigungsbereich auf diese Frage waren widersprüchlich, oft unklar. Norman Bailey sagte in einem nicht gesendeten Teil seines Interviews mit Pat Lynch, die LaRouchians seien «sehr stark für bestimmte Programme (der Administration)» wie «die defensiven Technologien, die der Präsident in seiner (Star Wars-)Rede erwähnte». Bailey meinte auch, daß Präsident Reagans und Mr. La-Rouches «politische Einschätzung» sich im Bereich dieser defensiven Technologien «entsprächen». Ray Pollock, einer von mehreren Mitarbeitern der Administration, die die Politik hinter Reagans Star Wars-Rede entwickelten, bestreitet, daß der Enthusiasmus LaRou-ches für SDI jemals größeren Einfluß auf das Denken der Administration bekommen habe. Dennoch gibt Pollock offen zu, in Gesprächen mit Abgesandten LaRouches potentiell «Verdienstvolles» zu wirtschaftlichen «spin-offs» des SDI gefunden zu haben.

Unter den Rüstungswissenschaftlern kommt Dr. Nuckolls vorschnell zu der Einschätzung, daß der LaRouchianismus SDI nicht beeinflußt habe. Aber Dr. Lowell Wood, Leiter der «0-Group» und der vielleicht führende Star Wars-Wissenschaftler der Vereinigten Staaten, wollte keine derartig umfassende Aussage wagen. Wood berichtete, daß die LaRouchians ihm erzählt hätten, sie seien mit höchsten NSC- und Pentagon-Vertretern zusammengekommen, einschließlich persönlicher Mitarbeiter Präsident Reagans. Obwohl Wood, der selbst Zugang zu führenden Vertretern der Administration hat, nicht versucht hatte, diese Prahlereien zu verifizieren, so gab er doch zu, daß «viele Regierungs-Mitglieder der heutigen (Administration)» sich ihm gegenüber bewundernd über «Qualität, Geschwindigkeit und Präzision» der Nachrichtendienste LaRouches geäußert hätten.

Tatsächlich hat sich die Organisation LaRouches, lange bevor sich die meisten Regierungsvertreter und Wissenschaftler überhaupt mif dem Thema beschäftigten, für eine SDI-Version eingesetzt. So hat sich 1977 Dr. Bardwell vom NCLC zweimal mit General Keegan ge-



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troffen, und die LaRouchians gaben eine Broschüre heraus, in der sie argumentierten, die Entwicklung von Partikelstrahlenwaffen sei «entscheidend für das Überleben der Nation». Obwohl Keegan bald darauf seine Kontakte zu den LaRouchians wegen seiner Bedenken über ihre Politik einstellte, setzen sie ohne ihn ihre Arbeit fort durch Artikel in Fusion, die genaue Verfolgung der sowjetischen Literatur zur Fusionsforschung und durch Polemiken gegen Wissenschaftler, die der Partikelstrahlentechnologie skeptisch gegenüberstanden.

Aber der Kern ihrer Arbeit in diesem Bereich war während der Carter-Administration die Betreuung von Wissenschaftlern in der Fusionsforschung - dem Sprungbrett der Star Wars-Technologie. Wesentlich bei diesen Anstrengungen war der Aufbau einer pragmatischen Beziehung zu mehreren Wissenschaftlern in Carters Energieministerium, die die FEF zur Verbreitung des Gedankens der Fusionsforschung nützlich fanden, und bereit waren, durch Reden auf Konferenzen oder auf anderen Wegen ihr Prestige für die Organisation zur Verfügung zu stellen.

Dr. John Clark, damals Stellvertreter, heute Direktor des Büros für Fusionsenergie, lobte 1978 in einer Rede die FEF für ihren «Mut», für die Hochtechnologie einzutreten, und erklärte, die in diesem Bereich Tätigen seien «tief in der Schuld» der FEP. (Die FEF benutzte diese Aussage sofort in ihrer Mitgliederwerbung, und Dr. Clark erneuerte sie auf Nachfragen, wie aus einem vom Energieministerium freigegebenen Freedom of Information-Dokument hervorgeht.)

Auch Dr. Stephen Dean, Direktor für Magnetic Confinement-Systeme im Büro für Fusionsenergie, sprach auf Veranstaltungen der FEF, zum Beispiel bei einer Konferenz zur Förderung palästinensischer und arabischer Ziele mit Dr. Clovis Maksoud als Hauptredner. Dean setzte, nachdem er die Regierung verlassen hatte, die Zusammenarbeit mit der FEF fort und begleitete sogar einen wissenschaftlichen Mitarbeiter LaRouches nach Indien, wo die beiden eine Audienz bei der Fusions-Enthusiastin Indira Gandhi bekamen. In einem kürzlich geführten Telefoninterview deutete Dean an, er und andere führende Fusionswissenschaftlicher hätten weiterhin Sympathien für die Arbeit der FEF. «Ich glaube nicht, daß sie dem Land irgendwie geschadet haben», sagte er.

Keiner der heutigen oder früheren Wissenschaftler im Energieministerium, die der FEF halfen, haben je viel Sympathie für die Verschwörungstheorien der Gruppe gehabt. Dennoch ist es den LaRouchians gelungen, eine eher ideologische Verbindung zu zwei Einzelgängern unter den Fusionsforschern an Universitäten zu knüpfen, Dr. Winston Bostick und Dr. Friedwardt Winterberg. Bostick, der auf



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der Luftwaffenbasis Kirkland von 1979 bis 1983 mit Strahlenwaffen zu tun hatte, bestätigte vor kurzem in einem Telefoninterview, daß er viele politische Positionen LaRouches teile, wie zum Beispiel seine Versuche, «deutsche militärische, wissenschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Traditionen» unter den Amerikanern zu verbreiten. Winterberg, der Ende der siebziger Jahre der Luftwaffe seine Strah-lenwaffen-Ideen vortrug und auch weiterhin zu dem Thema seine Spekulationen anstellt, hat in verschiedenen Bereichen, auch auf Vortragsreisen, mit den LaRouchians zusammengearbeitet. 1981 stellte er ihnen geheime Diagramme wie zum Beispiel zu «nuklearen Röntgenwaffen mit thermonuklearen Sprengköpfen» zur Verfügung, die sie sogleich in Fusion abdruckten. Dann schrieb er ihnen eine Anleitung zur Benutzung einer Wasserstoffbombe.

Gegen Ende der Carter-Ära gab die FEF an, Tausende von Mitgliedern unter Wissenschaftlern und Ingenieuren sowie 80 000 Fusion Abonnenten zu haben. 1980 gelang es sogar einem FEF-Wissenschaftler, eine Einladung für ein Referat in der Militärakademie West Point zu militärischen Nutzungsmöglichkeiten der Fusionskraft zu erhalten, und ein anderer FEF-Mann sprach vor einer größeren Zusammenkunft in Lawrence Livermore. Mit der vergrößerten Seriosität kamen viele Spenden, und im Rechnungsjahr 1980/81 gab die FEF ein Einkommen von annähernd 2 Millionen US-Dollar an.

La Rouches New Solidarity berichtete im April 1981, daß Präsident Reagan «für seine Unterstüzung eines ABM-Systems im Weltall» bekannt sei. Diese Information war offensichtlich ein Grund dafür, daß die FEF 1981 ihr Hauptinteresse von der Fusionsforschung weg hin zu Strahlenwaffen auf Partikel- oder Lasergrundlage verlagerte. Im Mai 1981 führte die FEF eine Konferenz in Washington zur Verbreitung neuer Forschungsergebnisse über «Anti-Raketen-Strahlen-Potentiale» durch. LaRouche selbst schlug im folgenden Februar auf einem EIR-Forum in Washington vor, eine öffentliche Aktion für defensive Strahlenwaffen als Gegengewicht zur «Nuclear Freeze»-Bewegung durchzuführen. LaRouche gab dann einen Bericht heraus, der detailliert für Strahlenwaffen eintritt, um eine moderne US-Militärpolitik zu entwickeln. Die FEF verbreitete an Wissenschaftler und das Pentagon im Mai 1982 dann ein «Weißes Papier» von Dr. Bardwell über Strahlenwaffen. Im August verteilte die FEF einen Sonderbericht zur Röntgenlaserkonzeption an Kongreßmitglieder, gefolgt von verschiedenen «Informationsgesprächen» für Kongreßmitarbeiter.

In der Zwischenzeit verfolgten die LaRouchians genau die Lobbytätigkeit von Teller, Wood und anderen Wissenschaftlern für ein Raketenabwehrsystem im Weltraum.



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LaRouche-Publikationen berichteten zum Beispiel von einem Treffen zwischen Teller und Präsident Reagan und einer anschließenden Rede Tellers vor dem Nationalen Presseclub im September 1982. Als Präsident Reagan am 23. März 1985 Öffentlichkeit und Medien und selbst einige wichtige Wissenschaftler mit seiner Star Wars-Rede überraschte, schien er die LaRouchians nicht zu überraschen. Bereits einen Monat vor Reagans Rede hatte LaRouche seine Anhänger aufgerufen, ihre Lobbykampagne für Strahlenwaffen zu intensivieren, um, wie LaRouche erklärte, «im März defensive Strahlenwaffen zu einem in ganz Amerika bekannten Begriff zu machen».

Nach Reagans Rede wandten sich die Medien an die FEF als seriöse Quelle, um zu erklären, was dem Präsidenten vorschwebte. FEF-Sprecher wurden in Agenturberichten, nationalen Zeitungskommentaren, der Washington Post und vielen Lokalzeitungen im ganzen Land zitiert. In ihren eigenen Publikationen schrieben sie sich einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Star Wars-Pläne zu und beschrieben gar LaRouche als den «geistigen Vater». Nach Roy Pollock «überfluteten» sie das Kapitol mit solchen Behauptungen. Er erinnerte sich, daß einige Personen in der Administration «beunruhigt» waren, aber daß «nichts getan wurde, um die Sache richtigzustellen».

Die LaRouchians warben auf verschiedenen Ebenen für die neue Politik des Präsidenten. Ihre Sprecher sagten bei Anhörungen im Kongreß aus und setzten sich für Strahlenwaffen-Resolutionen in verschiedenen Staatsparlamenten ein. Strahlenwaffen wurden ein wichtiges Thema in ihren Wahlkampfauftritten und in Reden der FEF-Wissenschaftler. Im Sommer 1983 veröffentlichte die EIR zwei Einschätzungen des Nationalen Sicherheitsrats über geheime Strahlentechnologie, und im Oktober 1983 hielt die FEF ein Strahlenwaffenseminar im Dirksen Office Building ab. Dr. Pollock, der an dem Seminar teilnahm, erinnert sich, daß der «Raum voll war» und «viele Regierungsleute» anwesend waren.

In Europa organisierte die von LaRouche kontrollierte Europäische Arbeiterpartei eine Reihe von Seminaren, um Unterstützung für eine NATO-Mitwirkung bei SDI zu schaffen. In enger Zusammenarbeit mit Colonel Geneste gelang es der EAP, eine Anzahl französischer, deutscher und italienischer Generale zur Teilnahme zu bewegen. Auf einer LaRouche-Konferenz im November 1983 in Rom teilte sogar General a.D. Volney Werner, ehemaliger Oberbefehlshaber des amerikanischen Bereitschaftskommandos, das Podium mit LaRouche. Werner glaubte damals, die LaRouchians hätten einiges an positiver Arbeit durch ihre SDI-Unterstützung geleistet. Kleinlaut



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erklärt er aber heute, daß er «am liebsten in bezug auf dieses Treffen und diese Organisation hinter dem Horizont verschwinden» wolle.
Die LaRouchians sind auch vom Pentagon nicht gerade gemieden worden. John D'Amecourt zufolge, dem Programmdirektor im Büro für Öffentlichkeitsarbeit des Verteidigungsministeriums, war sein Stab in der Lage, sie in der Vergangenheit «durch die Vermittlung von Rednern zu unterstützen». Er bestätigte, daß bei einer Demonstration von LaRouches Schiller-Institut im letzten Mai in Crystal City, Virginia, zwei Gastredner des Pentagon teilgenommen hätten: Brigadegeneral Anthony Smith, Hauptdirektor für europäische und NATO-Politik in der Abteilung Internationale Sicherheitspolitik des Verteidigungsministeriums, und Franklin Miller, ziviler Direktor für strategische Machtpolitik in derselben Abteilung. Interessanterweise fanden sie nach ihrer Ankunft nicht die von den LaRouchians versprochenen 2000 Leute vor, sondern nur eine kleine Versammlung von Veteranen.

Laut D'Amecourt wollte sich nach dieser Erfahrung niemand zur Verfügung stellen, als die LaRouchians für eine Veranstaltung im September in Westdeutschland einen Redner anforderten. Er spekulierte, die Attacken LaRouches auf Henry Kissinger, die er beschrieb als «etwas, was ich dem schlimmsten Demokraten oder Liberalen nicht antun würde», hätten ihren Teil zu der Zurückhaltung beigetragen. Dennoch sagte D'Amecourt, die LaRouchians würden von seinem Büro nach wie vor als «konservative Gruppe» angesehen, die die «Administration im allgemeinen sehr unterstützt». Daher bemüht er sich immer noch diensteifrig darum, für sie Redner zu finden, obwohl er zugibt, daß er beispielsweise für die Kommunistische Partei dies nicht tun würde: «Wir wollen nicht mit etwas in Verbindung gebracht werden, das dem Ministerium einen schlechten Namen einbringt», setzt er hinzu.

Ein hochrangiger Pentagon-Mitarbeiter mit einer ähnlich zweideutigen Haltung gegenüber den LaRouchians ist Dr. Richard DeLaurer, Unterstaatssekretär für Forschung und Entwicklung und ziviler Chef des SDI. 1981 gab DeLaurer, ein ehemaliger Geschäftsführender Vizepräsident von TRW, Inc., LaRouches EIR in seinem Büro im Pentagon ein langes Interview. Wie der Text des Interviews zeigt, nutzte DeLaurer die Gelegenheit, sich in konservativen Lieblingsthemen zu produzieren. Er machte ein Jahrzehnt der «Grünung Amerikas» und den Einfluß von «Gurus», die aus «Lebensmittelkarten ihren Vorteil» zögen, für die Schwäche der amerikanischen Wissenschaft verantwortlich. Während des Interviews wurde er nach seiner Einschätzung der sowjetischen Fortschritte im Bereich weltraumgestützter ABM-Sy-steme gefragt. Er antwortete, seine Informationen zu dem Thema kä-



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men aus der Fachzeitschrift Aviation Week and Space Technology und der EIR. Er zitierte als Meinung eines seiner Mitarbeiter: «Ihr müßtet darüber mehr wissen als jeder andere.»

Heute gesteht DeLaurer, daß die Aussage über die Kompetenz der EIR Ausdruck seiner «Erbitterung» gegenüber dem Interviewer gewesen sei. DeLauer über LaRouche: «Ich habe keinen Nutzen für den Mann und seine Meinungen.» Doch Richard DeLaurer (der vor kurzem in LaRouche-Publikationen für seine angebliche Bremserrolle gegenüber SDI angegriffen wurde) macht für die FEF eine Ausnahme und lobt sie als «die einzige aktive Gruppe, die Jane Fonda bekämpft» und für Atomkraft eintritt: «In ihrer Unterstützung von Atomkraft -darauf bezogen - unterstütze ich sie.» DeLaurer enthüllte immerhin, daß er sie auch finanziell unterstützt habe. Auf einen obszönen Anti-Jane-Fonda-Aufkleber der FEF angesprochen, meinte DeLaurer schmunzelnd: «Ich habe einen weiteren FEF-Slogan für euch: <In Ted Kennedys Auto sind mehr Leute umgekommen als je in einem Atomkraftwerk.>» Dennoch blieb DeLaurer bei seiner Einschätzung: die LaRouchians haben «überhaupt keinen Einfluß» im Verteidigungsbereich.
 
 

LaRouche und der «totale Krieg»
 

Obwohl LaRouche Strahlenwaffen in der Öffentlichkeit als «Defensivwaffen» bezeichnet hat, ist sein wahrer Plan eine wilde Phantasie, die nichts mit legitimen Verteidigungsinteressen zu tun hat. In einer Artikelserie zum «totalen Krieg» in New Solidarity beschrieb er 1978, wie eine aufgerüstete USA unter seiner Führung dauerhaft eine weltweite «Hegemonie» erzielen könne. «Ich schlage vor, Kriege zu gewinnen», sagte er und erklärte, solche Kriege sollten auf die «progressive Liquidierung» von Regierungen, die eine Kapitulation ablehnten, und auf «totalen Sieg» über die «letzte Bastion des Feindes» hinzielen. Richtige Militärpolitik, schrieb er, habe «in ihrem Zentrum die Kriegführung stets als Werk Gottes betrachtet...» Zum Nutzen der «Menschheit» müsse Amerika die «Kräfte des Bösen zermalmen» und sie unter die Regierung seiner «starken, wenn auch liebenden Hand bringen». LaRouche entwickelt in den Ausführungen zu seiner Doktrin eine Strategie des kombinierten ABC-Schlages (atomar, biologisch, chemisch) auf den Feind, «mit dem Ziel, alle möglichen Formen des Widerstands an der Front zu vernichten».

LaRouche gab in seiner 78er Veröffentlichung zu, daß zwischen 120



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und 180 Millionen Amerikaner in einem solchen ABC-Austausch ihr Leben lassen würden. Er scheint dies später für übertrieben zu halten und hat seine Agitation für «defensive» Strahlenwaffen erhöht, während er gleichzeitig sein Konzept der «totalen Mobilisierung» um die Mobilisierung der amerikanischen Wirtschaft für ein riesiges Man-hattanprojekt zum Bau des perfekten Anti-Raketenschilds erweitert. Die Tatsache, daß sein Hauptziel unverändert ist, wird von Dr. Steven Bardwell im Januar 1984 vor seinem Rücktritt in einem NCLC-Vermerk bestätigt. Bardwell, LaRouches Hauptexperte für Strahlenwaffen, klagt, daß das NCLC die defensive Strahlenwaffenstrategie Tellers aufgegriffen und sie zu einer Erstschlagspolitik entstellt habe. Er erklärte, daß diese Verzerrung, die das Eintreten für einen «breiten, massiven Militäraufbau der USA» beinhalte, in Wirklichkeit auf die Ablehnung des «Existenzrechts der Sowjetunion (in ihrer heutigen Form)» hinauslaufen würde. Bardwell enthüllte auch, daß LaRouche inzwischen noch über seine Pläne für ABC-Waffen hinausgegangen ist und nun über «Waffen des Jüngsten Tages» spekuliert, einschließlich Kobaltbomben.
 
 

LaRouche und der CIA
 

Wenn LaRouche von der Eroberung der Welt träumt, so träumt er auch davon, ihr oberster Agentenführer zu sein. Ehemalige Mitglieder haben ihn tatsächlich mit General Midwinter, dem wohlhabenden texanischen Superpatrioten in Len Deightons «The Million Dollar Brain» verglichen, der einen Nachrichtendienst unter Leitung eines gigantischen Computers finanziert.

Während der frühen Carter-Ära erklärte LaRouche unter Hinweis auf das Zurückschrauben verdeckter Geheimdienst-Operationen, er werde das Liegengebliebene übernehmen. Er hatte bereits einen kleinen Nachrichtendienst, den er nun nach und nach ausbaute. Seine Anhänger gründeten die Zeitschrift Executive Intelligence Review, und der Job des «Korrespondenten» wurde die beste Tarnung seiner Amateurspione. ^/^-«Nachrichtenbüros» in einem Dutzend eurotpäischer Städte begannen bald, einen ständigen Fluß von Kleinigkeiten über Telex in LaRouches New Yorker Hauptquartier zu führen. Neben LaRouches eigenen Reisen begannen £//?-Korrespondenten nach Ländern wie Vietnam zu reisen, wo ein rühriger LaRouchian ein langes und offenes Interview mit Außenminister Nguyen Co Thach führen konnte.



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Die Nützlichkeit der LaRouche-Nachrichten ist nicht nur von NSC-Mitarbeitern, sondern auch von professionellen Geheimdienstlern wie Generalleutnant a. D. Daniel Graham, früher Chef des militärischen Nachrichtendienstes DIA (ein scharfer Gegner LaRouches in konservativen Kreisen) unbestritten. Graham erinnert sich an ein Telefoninterview, in dem die LaRouchians Informationen über Angola und Mosambik beschafften, die aus anderen Quellen nicht zur Verfügung standen.

Obwohl die LaRouchians auch einer Anzahl ausländischer Botschaften in Washington ihre Dienste anboten, war ihr wichtigstes Ziel, Beachtung und Respekt der amerikanischen Nachrichtendienste, insbesondere des CIA, zu gewinnen. Nach CIA-Dokumenten, die unter dem Freedom of Information Act freigegeben wurden, überschwemmten sie bereits 1976 den CIA mit Telefonanrufen, einschließlich eines Anrufs in der Privatwohnung des damaligen CIA-Direktors George Bush, in denen sie um eine Gelegenheit baten, ihn über terroristische Gruppen zu informieren. CIA-Vertreter waren damals LaRouches kommunistischer Vergangenheit wegen skeptisch hinsichtlich dessen Intentionen. 1977 allerdings stellte LaRouche den inzwischen verstorbenen Mitchell WerBell III, einen Ultrarechten mit CIA-Verbindungen, für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit und als Sicherheitsberater ein. WerBell war auf seinem Landsitz in Georgia Gastgeber von Zusammenkünften, auf denen LaRouchians einer Anzahl ehemaliger CIA-Agenten vorgestellt wurden. Es gelang ihm auch, einige ClA-Angestellte in eine konspirative Wohnung im Crystal City Marriot in der Nähe von Washington zu locken, wo LaRouchians sie über die angebliche Weltverschwörung hinter dem Heroinhandel informierten.

Ehemalige LaRouchians sagen, daß die NCLC Ende der siebziger Jahre Walter Mackem, einen früheren CIA-Agenten, als Berater zur Unterstützung WerBells einsetzten. Mackem hatte bereits vorher bei einem vergeblichen Plan, die Insel Abaco in den Bahamas mit Söldnern zu besetzen, mit WerBell zusammengearbeitet. Nach Lucien Conein, einem bekannten früheren ClA-Spezialisten für verdeckte Operationen, der heute bei der Rauschgiftbehörde DEA arbeitet, hat Mackem «im letzten Jahr» «etwas» für die LaRouchians getan. Mackem allerdings wollte nur «soziale» Kontakte zu LaRouche bestätigen.

Der Zugang der LaRouche-Organisation zu offiziellen Nachrichtendiensten verbesserte sich nach Reagans Amtsantritt entscheidend. Wie ehemalige LaRouchians und einige Ex-Mitglieder der Administration berichteten, begannen Mitarbeiter LaRouches, sich mit



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einigen Angehörigen von CIA und DIA zu treffen oder Telefonkontakt zu halten. Und der CIA hat bestätigt, daß LaRouche in der Lage gewesen sei, selbst das innere Heiligtum Langleys zu besuchen.

Admiral Bobby Ray Inman, Stellvertretender CIA-Direktor von Februar 1981 bis Juni 1982, erhielt in sein Büro «Fluten» von La Rouche-Material. Er sei einmal mit Lyndon und Helga Zepp-La h, Rouche auf deren Wunsch hin zusammengekommen. Die Treffen in Inmans Büro befaßten sich vor allem mit Helga Zepp-LaRouches Ansichten über die politische Situation in Deutschland. Rückblickend erinnerte sich Inman, in den späten siebziger Jahren und auch in den i ersten Jahren der Reagan-Administration habe der CIA Hilfe von auswärtigen Quellen benötigt, da die Kürzungen von ClA-Personal zu einem Nachrichten«vakuum» in einigen Regionen, insbesondere Südamerika, geführt hätten.

Inman erzählte, daß Treffen mit solchen Quellen wie LaRouche ; normaler Teil seines Jobs gewesen seien. Dies wird allerdings von Leinem früheren hochrangigen Mitarbeiter aus dem Sicherheitsbe-jreich, der die Hierarchie des CIA genau kennt, bestritten. Dieser ent-Bgegnete, daß der CIA «sechs Ebenen von Leuten unter dem Vize-Ppräsidenten» habe, die sich mit Personen wie LaRouche zusammensetzen könnten.

Obwohl Inman angibt, dem Ehepaar LaRouche «keine Einladung zu weiteren Kontakten» gegeben zu haben, gibt er doch zu, daß es nicht «dauerhafte Politik» war, sie von der Behörde fernzuhalten. Tatsächlich war LaRouche - nach Aussagen des CIA-Sprechers - in der Lage, noch ein weiteres Mal Langley zu besuchen, diesmal zu einem Treffen mit Inmans Nachfolger John McMahon. Ein ehemaliger New Yorker Polizist, Phil Perlonge, den LaRouche als Leibwächter angestellt hatte, hat beschrieben, wie LaRouche im April 1983 offensichtlich zu dem zweiten Treffen nach Langley fuhr - begleitet von einer Sicherheitsmannschaft, zu der Roy Frankhouser, der «große Drachen» des Ku-Klux-Klan in Philadelphia, gehörte, den LaRouche angeheuert hatte, um nach Attentätern Ausschau zu halten.
 
 

LaRouchismus an der Basis
 

Die Verbindungen der Reagan-Administration mit den LaRouchians und das Versäumnis, gegen die Prahlereien LaRouches über seinen Einfluß auf Reagans Star Wars-Programm vorzugehen, haben den



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Eindruck in der Öffentlichkeit verstärkt, daß LaRouche eine seriöse politische Figur auf der Rechten sei.

LaRouche hat diesen Eindruck der Seriosität genutzt, um seine Wahlmaschine, das National Democratic Policy Committee (NDPC) aufzubauen, das innerhalb der Demokratischen Partei arbeitet und behauptet, die Stimme der konservativen Demokraten zu sein. Das 1980 begründete NDPC ist in den letzten Jahren durch seine Unterstützung der Reagan-Politik in wichtigen Bereichen und durch Tarnung von LaRouches Antisemitismus als «Anti-Kissinger Rhetorik» gewachsen. Das NDPC ist heute eine eindrucksvolle Wahlmaschine, die viele Amerikaner der schweigenden Mehrheit, einschließlich vieler Farmer, die von besonderen Farmaktivisten geworben werden, ebenso wie LaRouches alte Kader erreicht.

Obwohl das NDPC in den 84er Vorwahlen keine großen Stimmenzahlen für LaRouche selbst erringen konnte (er erreichte höchstens 150000 Stimmen in etwa 15 Staaten), so hat es erstaunlich viele Wahlerfolge an der Basis im ganzen Land errungen. 1983 wurden über 600 Kandidaten in 25 Staaten für öffentliche Ämter oder für die demokratische Partei ins Feld geschickt. 1984 sprang die Zahl auf über 2000 Kandidaten in mindestens 30 Staaten, wovon die meisten keine Schwierigkeiten hatten, sich auf dem Stimmzettel zu plazieren. Obwohl einige der neuen Gesichter unter diesen Kandidaten zur Ideologie der LaRouchians konvertiert sein mögen, sind andere - vielleicht die Mehrheit - nur in Einzelfragen mit LaRouche einverstanden und ignorieren entweder die zugrunde liegende Ideologie oder sind sich ihr nicht bewußt. Dennoch bezeichnen sich NDPC-Kandidaten oft als «LaRouche-Demokraten», und die Organisation ist in ihrer Spitze von LaRouches ideologischen Statthaltern dominiert.

In den Vorwahlen in Ohio im Mai 1984 hat das NDPC Kandidaten in einer Mehrheit der 21 Kongreßwahlkreise aufgestellt und im siebten Wahlkreis ihre erste demokratische Kongreßnominierung erhalten. Ihr Kandidat, der ebenso fest in der Nachbarschaft verankert ist, wie er LaRouches Weltanschauung teilt, schlug den Kandidaten der regulären Demokraten mit 23000 gegen 15000 Stimmen. Obwohl der Distrikt traditionell republikanisch ist - und dem NDPC-Kandidaten keine realen Gewinnchancen gegeben werden -, hat der Columbus Dispatch angemerkt, dieser Vorwahlsieg könne «in die Geschichte eingehen als erster Schritt, Lyndon H. LaRouches Präsidentenwahlkampfmaschine zu legitimieren».

In Ohios zweitem Kongreßwahlkreis errang der NDPC-Kandidat eine zweite Nominierung - allerdings ohne Gegenkandidat. Im achten Wahlkreis, wo der Kandidat der regulären Demokraten über ex-



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tremistische Verbindungen des NDPC nachbohrte, verteidigte der NDPC-Kandidat sich energisch. Das Ergebnis war ein knapper Verlust des NDPC-Kandidaten, der immerhin noch 47 Prozent der Stimmen erhielt.

Die Abstimmungen in Ohio waren kein Einzelfall. Im ganzen Land hatten NDPC-Kandidaten eindrucksvolle Ergebnisse in Vorwahlen für Senat, Repräsentantenhaus und Sitze in Staatsparlamenten. Obwohl die Mehrheit dieser Erfolge in traditionell republikanischen Distrikten zu verzeichnen waren, in denen die regulären Demokraten traditionell kaum bekannte oder undynamische Kandidaten aufstellten, können die Erfolge kaum ignoriert werden: in North Carolina errang der NDPC-Kandidat für den US-Senat 127000 Stimmen in einer Wahl mit drei Kandidaten und wurde zweiter mit 15 Prozent hinter Gouverneur James Hunt. In Oregon errang der NDPC-Senats-kandidat 24 Prozent unter zwei Kandidaten. Bei den Kongreßvorwahlen in Pennsylvania bewarben sich NDPC-Kandidaten um 12 Sitze, bei fünf davon errangen sie beeindruckende Ergebnisse. Das höchste Ergebnis des NDPC in Pennsylvania gelang im siebten Wahlkreis mit 46 Prozent unter zwei Kandidaten. In Kalifornien erreichte der NDPC-Kandidat im 54. Wahlkreis 49 Prozent bei zwei Kandidaten. In Michigan gewann das NDPC im vierten Wahlkreis 26 Prozent der Stimmen und wurde unter drei Kandidaten zweiter. Ebenfalls in Michigan errang der Kandidat des NDPC im neunten Wahlkreis 33 Prozent unter zwei Kandidaten. In den Vorwahlen am 14. August in Georgia erreichte der NDPC-Kandidat, ein Flugzeugpilot, 24 Prozent unter vier Kandidaten und erhielt so eine Chance, gegen den Erstplazierten anzutreten. In der Stichwahl im Dezember erreichte dieser Kandidat 17000 Stimmen - 34 Prozent der Gesamtsumme.

Aber derartige Ergebnisse - und in anderen Staaten gibt es mehr -zeigen nicht das ganze Bild. Im Einklang mit ihrer Taktik des <von unten nach oben> behauptet das NDPC, mehr als 200 demokratische Kreisversammlungssitze in Kalifornien, Illinois, Florida, Massachusetts und anderen Staaten gewonnen zu haben. In den Vorstadtkreisen rund um Chicago errangen sie 57 Sitze. Ihr Kandidat als Rechnungsprüfer im Will County errang die demokratische Nominierung mit einem Abstand von mehr als 3000 Stimmen gegenüber dem Kandidaten der regulären Demokraten. Bei den meisten der Kreisversammlungssiege gab es keinen Gegenkandidaten - die Tatsache bleibt, daß das NDPC Kandidaten hatte und niemand sonst.

Die LaRouchians geben für das NDPC 26000 Mitglieder in über 43 Staaten an. Obwohl langjährige LaRouche-Beobachter dies für übertrieben halten, zeigen die Berichte des NDPC und des 84er-



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LaRouche-Wahlkampfbüros an die Bundeswahlkommission, daß ein weites Spektrum von Amerikanern aus verschiedenen Lebensbereichen bereit war, Geld für LaRouche zu spenden. Im letzten Jahr haben Vorwahl- und Wahlkomitees (ohne das NDPC) fast 2 Millionen Dollar an Spenden und über 3 Millionen Dollar als Darlehen erhalten und dadurch einen Anspruch auf 488396 Dollar Wahlkampfkostenerstattung aus Bundesmitteln erhalten. Mit diesem Geld, zusammen mit Geld aus Tarnfirmen und anderen Quellen, war LaRouche in der Lage, mindestens 14 halbstündige Fernsehspots bei den nationalen Networks (und eine großen Anzahl regionaler Fernseh- und Radiospots) zu kaufen, um für Reagans Strategische Verteidigungsinitiative zu werben und sowohl Walter Mondale als auch die angebliche Kissin-ger-Verschwörung zu brandmarken. Durch diese «Kamingespräche» am Pernsehschirm wurde LaRouche bei Millionen von Amerikanern, die bis zu diesem Jahr noch nie von ihm gehört hatten, bekannt, wenn auch nur flüchtig. Genaue Beobachter glauben, daß die Gesamtausgaben seines politischen und Propagandaapparats 1984 15 Millionen Dollar überstiegen.
 
 
 

Die Welt nach LaRouche
 

Bevor Lyndon LaRouche Mitte der siebziger Jahre zu rechtsextremen Ideen konvertierte, war er drei Jahrzehnte in linksextremen Gruppen und Ideologien zu Hause. Er war Sanitäter im Zweiten Weltkrieg, brach mit dem Pazifismus seiner Eltern, die Quäker waren, und driftete im linksextremen Milieu von Sekte zu Sekte und landete am Ende im Jahre 1948 als Mitglied der trotzkistischen Socialist Workers Party (SWP) unter dem angenommenen Namen «Lyn Marcus», abgewandelt nach Lenin und Marx. Mitte der sechziger Jahre bildete er seine eigene Gruppe, das New York Labor Committee, das dem SDS beitrat und 1968 eine bedeutende Rolle im Studentenstreik an der Columbia-Universität spielte.

Als der SDS LaRouches Anhänger ausschloß, nannte er seine Gruppe sofort in «National Caucus of Labor Committees» um und begann zu lehren, der Kapitalismus werde innerhalb des nächsten Jahrzehnts unter der unbarmherzigen Führung der NCLC überwunden werden. Immer noch vergeblich auf der Linken, in Wirklichkeit aber •langsam auf dem Weg nach rechts, begann er 1973 die «Operation Mop



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Up», eine Serie von etwa 40 Überfällen auf Mitglieder linksextremistischer Gruppen (einschließlich der Kommunistischen Partei und der SWP). Seine mit Knüppeln bewaffneten Anhänger reisten von Stadt zu Stadt und griffen oft einzelne Personen an. Viele mußten danach ins Krankenhaus, und einige LaRouche-Anhänger wurden wegen Körperverletzung verhaftet.

LaRouche verkündete im Dezember 1973, er sei Ziel einer Attentats Verschwörung, deren Zentrum beim CIA liege. Der Nachrichtendienst, so LaRouche, entführe seine Anhänger und mache sie durch homosexuelle Vergewaltigungen zu Kamikaze-Attentätern, die per Codewort aktiviert würden. Diejenigen, die diese Phantasien glaubten, teilten damit ihre Bereitschaft, LaRouches nächsten Schritt mitzumachen: den offenen Umschwung zum Rechtsextremismus.

In einer 77er Ausgabe von Campaigner, der theoretischen Zeitschrift der NCLC, erläuterte LaRouche, seine Allianz mit der Linken sei nur taktischer Natur gewesen. Die Theorien Marx' sah er nun als ungenügend an - aber immer noch denen von Mill («ein Schurke»), Hume («ein bewußter Schurke»), Ricardo («ein lügender Schurke»), Malthus («ein bezahlter Schurke») und Adam Smith («ein angemieteter Schurke») überlegen. Um «neo-f abianistische» Angriffe abzuwehren, würden die LaRouchians nunmehr die «kapitalistische Entwicklung» unterstützen und ein «harter Haufen» werden.

LaRouchezeigtel978/79,waser damit meinte, als er seine Anhänger nach Georgia schickte, um sich auf dem Anwesen Mitchell WerBells III einem «Counterforce»-Training zu unterziehen. Zu dieser Zeit war LaRouche ein enges Bündnis mit Elementen des Ku-Klux-Klan und der Willis Cartos-Lobby eingegangen und übernahm offen antisemitische Rhetorik. LaRouches Zeitung New Solidarity erklärte, Zionismus sei ein Kult des Bösen, eine Intrige von Juden beherrsche die Welt, der Holocaust sei «mystisch» und «B'nai B'rith» «läßt die Tradition der Juden, die die Kreuzigung Christi fordern, wieder aufleben».

LaRouches Antisemitismus ist die Basis einer weitgefächerten Ideologie, die die Geschichte als Kampf einer unveränderbar bösen «Oligarchie» von «Wucherern» mit «aristotelischer» Philosophie und den -ebenso entschlossenen, aber schlechter organisierten Kräften des «Neo-Platonismus» sieht, unter deren Führern sich Karl der Große, Alexander der Große und, in neuerer Zeit, Lyndon LaRouche befinden. Durch die Jahrzehnte, argumentiert LaRouche, habe die Oligarchie des Bösen ungeheure Verbrechen gegen die Menschheit begangen. Sie habe die alte griechische Zivilisation durch asiatische Sexkulte unterminiert, mittelalterliche Päpste vergiftet, den Sklavenhandel organisiert und (nachdem sie im 17. Jahrhundert ihr Hauptquartier nach England verlegt hat) Abraham Lincoln und John F. Kennedy getötet und das Heroin erfunden.

LaRouche betrachtet seine «neo-platonistischen, humanistischen» Truppen als Kern einer Superrasse «goldener Seelen» und entwickelt,



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auf den Feind bezogen, eine separate biologische Art, den «zionistischbritischen Organismus», der «zerstört werden muß, damit die Menschheit leben kann». In der Tat enthält das Programm LaRouches viele Elemente des Neonazismus: «reale Diktatur» des industriellen Kapitalismus, «sofortige Eliminierung» des jüdischen Einflusses in Wirtschaft, Regierung und Arbeit, die Forderung nach einem «Ständigen Sonderstaatsanwalt», um Juden des Hochverrats anzuklagen, die Forderung nach einer Veränderung der amerikanischen Kultur nach deutschem Vorbild und nach «totaler Mobilisierung» für den «totalen Krieg».

Die Kritiker LaRouches werden sofort als Teil des Plans entlarvt. Als die New Republic vor neun Monaten einen Artikel über LaRouche abdruckte («Paranoid Politics») antwortete New Solidarity mit einer Breitseite, in der die New Republic als Werkzeug eines Netzes beschrieben wurde, dem der KGB, der ADL, das FBI, der ILGWU, Murder, Inc., der Britische Secret Service und die National Review angehöre. Diese Verschwörer hätten, wie New Solidarity erklärte, 1978 einen «wesentlichen Versuch» unternommen, Lyndon LaRouche «zu ermorden».

Am 23. Oktober 1984 verkündete LaRouche während einer halbstündigen bezahlten politischen Sendung im CBS Network zwischen 20.00 und 20.30 Uhr: «Walter F. Mondale ist ein Agent des sowjetischen Geheimdienstes.» Dies, so sagte er, sei «ein klarer, dokumentierter Fakt». Mondales Rolle als «wissentlicher Agent sowjetischen Einflusses» sei darüber hinaus Teil einer riesigen «Verratsoperation», die die westdeutschen Grünen, Willy Brandt, «das von der Schweiz kontrollierte Kornkartell», Henry A. Kissinger und - als offensichtlicher Nachsatz - die New Republic umfasse. In seiner gegenwärtigen Präsidentschaftskampagne hat LaRouche seinen Antisemitismus etwas abgepolstert: Zionisten werden nun als «Kissinger und seine Freunde» bezeichnet, aber die wahre Bedeutung geht LaRouches Ku-Klux-Klan-Freunden nicht verloren. In einem kürzlich erschienenen Artikel gratulierte Robert Miles, der Klan-Führer in Michigan, La Rouche, er habe den «neoatheistischen Materialismus Kissingers» aufgedeckt - zur Enttäuschung der «Talmudisten». Der Klan, im Gegensatz zu vielen respektablen Personen in der Regierung, scheint zu verstehen, was LaRouches Bewegung wirklich darstellt.
 
 
 

[Ende des Kapitels von Dennis King und Ronald Radosh]
 

Teil 2 des Buches:
http://www.AGPF.de/Lorscheid+Mueller-LaRouche-Teil2.htm
 



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