Der Psychologe Robert Jay Lifton über
Terror für die Unsterblichkeit
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Es muß gesagt werden, weil Professoren sich in Deutschland überwiegend
akademisch und unverständlich auszudrücken pflegen und deshalb
ihre Kenntnisse meist dem Normalleser vorenthalten:
Lifton ist Professor der Psychologie und der Psychiatrie.
Wie übrigens auch die Amerikanerin Margaret Singer, die sich ebenfalls
verständlich auszudrücken pflegt.
Singer hat eine der besten Analysen der Sekten-Situation der Neunziger
Jahre geliefert.
Lifton analysiert Gefahren, die im 21. Jahrhundert drohen.
Bereits 1963 schrieb er über die "Psychologie des Totalismus".
Immer wieder hat er sich seither mit angrenzenden Fragen befaßt.
So zuletzt mit der Todesstrafe, Abbildung rechts.
Liftons Buch von 1963 liefert bis heute für viele ehemaligen Anhänger
von Sekten eine Erklärung dafür, was mit ihnen geschehen ist.
Das Buch ist nie übersetzt worden. Hier das wichtigste Kapitel auf
deutsch:
Fast 40 Jahre später schreibt Lifton über "Terror für
die Unsterblichkeit". Erst der Untertitel läßt erkennen, um
was es geht: "Erlösungssekten proben den Weltuntergang".
Lifton in seiner Einleitung zum Schwerpunkt des Buches:
"Am 20. März 1995 setzten Mitglieder von Aum Shinrikyö (»Aum Höchste Wahrheit«), einer fanatischen japanischen Sekte, während des morgendlichen Berufsverkehrs in fünf U-Bahnzügen in Tokio das tödliche Nervengas Sarin frei. Jeder Zug wurde von je einem Mann bestiegen, der zwei oder drei kleine, in Zeitungspapier eingewickelte Plastikbeutel mit sich führte, diese zu einem vereinbarten Zeitpunkt auspackte, auf den Boden legte und mit der geschliffenen Spitze eines Regenschirms durchbohrte. In den Zügen selbst, auf den Stationen, an denen sie hielten, und an den Ausgängen begannen die Passagiere zu husten und zu würgen, wurden von Krämpfen geschüttelt und brachen zusammen. Elf Menschen wurden getötet, nahezu fünftausend wurden verletzt. Wäre es Aum gelungen, eine reinere Form des Gases zu produzieren, hätte die Zahl der Todesopfer in die Tausende oder gar Hunderttausende gehen können. Denn Sarin, zuerst von den Nazis produziert, gehört zu den tödlichsten chemischen Waffen. Die Täter, die das Nervengas freisetzten, verstanden sich als Beauftragte ihres Gurus, als Vollstrecker seines allumfassenden Plans, die Menschheit zu erlösen."
Aus der Einleitung, Seite 9:
"Zum ersten Mal in der Geschichte verband sich ein eschatologischer religiöser Fanatismus mit Waffen, die es potentiell miiglich machten, die Welt zu zerstören, und zum ersten Mal setzte sich eine Gruppe das irrsinnige Ziel, genau dies zu tun. Glücklicherweise unterliefen ihr zahlreiche Pannen. Schließlich ist es nicht so einfach, die Welt zu zerstören."Definition des Begriffs Sekten, Seite 17 Fußnote:
"Ich verwende den Begriff "Sekte" nur für Gruppen, die folgende drei Merkmale aufweisen: totalitäre Praktiken oder Formen der Gehirnwäsche, statt einer Verehrung spirirueller Prinzipien die Verehrung eines Gurus oder Führers und eine Verbindung aus spiritueller Suche von unten und - zumeist ökonomischer und/oder sexueller - Ausbeutung von oben."Aus dem Nachwort, Seite 363:
"Aums Mitgliedern gebührt das zweifelhafte Verdienst, die erste Gruppierung in der Geschichte zu sein, die einen rückhaltlosen Fanatismus mit Mas-senvernichrungswaffen kombinierte, um die Welt zu zerstören. Glück-licherweise waren sie der unbescheidenen Aufgabe, die sie sich gestellt hatten, nicht gewachsen. Doch trotz aller Fehlschläge haben sie diese Schwelle überschritten, und die Welt wird nie mehr ganz dieselbe sein, weil Aum Shinrikyö, ob es uns gefällt oder nicht, uns mit über diese Schwelle genommen hat.
Wir können nicht mehr so tun, als gäbe es eine solche Schwelle nicht oder als wäre eine andere, selbst eine kleine Gruppe zu einem ähnlichen apokalyptischen Fanatismus nicht in der Lage. Die nächste Gruppe von Anhängern eines Gurus mit apokalytischen Zielen ist vielleicht noch größer als Aum und stellt sich geschickter an oder ist weniger stark durch die eigenen Wahnvorstellungen beeinträchtigt. Sie könnte, von Aums Vorbild geleitet, danach streben, alles besser zu machen. Dieses Vorbild ist nun auf der ganzen Welt bekannt, auch den verrücktesten Phantasten zugänglich, und diese Zugänglichkeit in all ihrer neuen Be-drohlichkeit ist für mich das wichtigste Ergebnis meiner Erforschung Aums und seiner Weitsicht.
Diese düstere Schlußbetrachtung soll jedoch keinesfalls als Resigna-tion gewertet werden. Vielmehr ist sie ein Plädoyer dafür, die Augen offenzuhalten. Wir müssen erkennen, daß Aum und Asahara die Welt für uns alle verändert haben."
Über den Guru Asahara (Seite 362, 363):
"Ein Selfmademan, dessen einzige wirkliche (allerdings beträchtliche) Begabung darin bestand, ein Guru zu sein ... eine Karikatur heutiger politischer Führer zahlreicher Länder - nicht mehr nur der Supermächte -, die über Massenvernichtungswaffen verfügen und daher einer explosiven psychischen Mischung aus Furcht, Machtwillen und phantastischem Denken unterworfen sind, die uns alle vernichten könnte."
"Wenn uns Asaharas Werdegang nur allzu vertraut erscheint, dann liegt das bedauerlicherweise daran, daß sein Wahn ein helles Licht auf weite Teile unserer übrigen Welt wirft. Dieser wahnsinnige Guru ist für uns besonders wertvoll, denn an ihm läßt sich die Absurdität nuklearer Waffen und der Endzeitprojekte erkennen, mit denen diese Waffen un-weigerlich verbunden werden. In den Händen »gefestigterer« Führer und Gruppen können Projekte, die auf dem Einsatz von Waffen beru-hen, die Illusion von Vernunft erzeugen. Eine Karikatur kann dazu dienen, solche Illusionen zu entlarven, aber sind wir auch in der Lage, aus dem vorliegenden Beispiel Nutzen zu ziehen?