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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/Lifton.htm  Zuletzt bearbeitet am 1.12.2002
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Der Psychologe Robert Jay Lifton über
Terror für die Unsterblichkeit

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Impressum

 


 

Es muß gesagt werden, weil Professoren sich in Deutschland überwiegend akademisch und unverständlich auszudrücken pflegen und deshalb ihre Kenntnisse meist dem Normalleser vorenthalten:
Lifton ist Professor der Psychologie und der Psychiatrie.
Wie übrigens auch die Amerikanerin Margaret Singer, die sich ebenfalls verständlich auszudrücken pflegt.
Singer hat eine der besten Analysen der Sekten-Situation der Neunziger Jahre geliefert.
Lifton analysiert Gefahren, die im 21. Jahrhundert drohen.

Bereits 1963 schrieb er über die "Psychologie des Totalismus".
Immer wieder hat er sich seither mit angrenzenden Fragen befaßt.
So zuletzt mit der Todesstrafe, Abbildung rechts.
 
 


Liftons Buch von 1963 liefert bis heute für viele ehemaligen Anhänger von Sekten eine Erklärung dafür, was mit ihnen geschehen ist. Das Buch ist nie übersetzt worden. Hier das wichtigste Kapitel auf deutsch:


 
 
 
 
 
 
 


Fast 40 Jahre später schreibt Lifton über "Terror für die Unsterblichkeit". Erst der Untertitel läßt erkennen, um was es geht: "Erlösungssekten proben den Weltuntergang".

Lifton in seiner Einleitung zum Schwerpunkt des Buches:
 

"Am 20. März 1995 setzten Mitglieder von Aum Shinrikyö (»Aum Höchste Wahrheit«), einer fanatischen japanischen Sekte, während des morgendlichen Berufsverkehrs in fünf U-Bahnzügen in Tokio das tödliche Nervengas Sarin frei. Jeder Zug wurde von je einem Mann bestiegen, der zwei oder drei kleine, in Zeitungspapier eingewickelte Plastikbeutel mit sich führte, diese zu einem vereinbarten Zeitpunkt auspackte, auf den Boden legte und mit der geschliffenen Spitze eines Regenschirms durchbohrte. In den Zügen selbst, auf den Stationen, an denen sie hielten, und an den Ausgängen begannen die Passagiere zu husten und zu würgen, wurden von Krämpfen geschüttelt und brachen zusammen. Elf Menschen wurden getötet, nahezu fünftausend wurden verletzt. Wäre es Aum gelungen, eine reinere Form des Gases zu produzieren, hätte die Zahl der Todesopfer in die Tausende oder gar Hunderttausende gehen können. Denn Sarin, zuerst von den Nazis produziert, gehört zu den tödlichsten chemischen Waffen. Die Täter, die das Nervengas freisetzten, verstanden sich als Beauftragte ihres Gurus, als Vollstrecker seines allumfassenden Plans, die Menschheit zu erlösen."


Zitate

Aus der Einleitung, Seite 9:

"Zum ersten Mal in der Geschichte verband sich ein eschatologischer religiöser Fanatismus mit Waffen, die es potentiell miiglich machten, die Welt zu zerstören, und zum ersten Mal setzte sich eine Gruppe das irrsinnige Ziel, genau dies zu tun. Glücklicherweise unterliefen ihr zahlreiche Pannen. Schließlich ist es nicht so einfach, die Welt zu zerstören."
Definition des Begriffs Sekten, Seite 17 Fußnote:
"Ich verwende den Begriff "Sekte" nur für Gruppen, die folgende drei Merkmale aufweisen: totalitäre Praktiken oder Formen der Gehirnwäsche, statt einer Verehrung spirirueller Prinzipien die Verehrung eines Gurus oder Führers und eine Verbindung aus spiritueller Suche von unten und - zumeist ökonomischer und/oder sexueller - Ausbeutung von oben."
Aus dem Nachwort, Seite 363:
"Aums Mitgliedern gebührt das zweifelhafte Verdienst, die erste Gruppierung in der Geschichte zu sein, die einen rückhaltlosen Fanatismus mit Mas-senvernichrungswaffen kombinierte, um die Welt zu zerstören. Glück-licherweise waren sie der unbescheidenen Aufgabe, die sie sich gestellt hatten, nicht gewachsen. Doch trotz aller Fehlschläge haben sie diese Schwelle überschritten, und die Welt wird nie mehr ganz dieselbe sein, weil Aum Shinrikyö, ob es uns gefällt oder nicht, uns mit über diese Schwelle genommen hat.
Wir können nicht mehr so tun, als gäbe es eine solche Schwelle nicht oder als wäre eine andere, selbst eine kleine Gruppe zu einem ähnlichen apokalyptischen Fanatismus nicht in der Lage. Die nächste Gruppe von Anhängern eines Gurus mit apokalytischen Zielen ist vielleicht noch größer als Aum und stellt sich geschickter an oder ist weniger stark durch die eigenen Wahnvorstellungen beeinträchtigt. Sie könnte, von Aums Vorbild geleitet, danach streben, alles besser zu machen. Dieses Vorbild ist nun auf der ganzen Welt bekannt, auch den verrücktesten Phantasten zugänglich, und diese Zugänglichkeit in all ihrer neuen Be-drohlichkeit ist für mich das wichtigste Ergebnis meiner Erforschung Aums und seiner Weitsicht.
Diese düstere Schlußbetrachtung soll jedoch keinesfalls als Resigna-tion gewertet werden. Vielmehr ist sie ein Plädoyer dafür, die Augen offenzuhalten. Wir müssen erkennen, daß Aum und Asahara die Welt für uns alle verändert haben."


Über den Guru Asahara (Seite 362, 363):

"Ein Selfmademan, dessen einzige wirkliche (allerdings beträchtliche) Begabung darin bestand, ein Guru zu sein ... eine Karikatur heutiger politischer Führer zahlreicher Länder - nicht mehr nur der Supermächte -, die über Massenvernichtungswaffen verfügen und daher einer explosiven psychischen Mischung aus Furcht, Machtwillen und phantastischem Denken unterworfen sind, die uns alle vernichten könnte."
"Wenn uns Asaharas Werdegang nur allzu vertraut erscheint, dann liegt das bedauerlicherweise daran, daß sein Wahn ein helles Licht auf weite Teile unserer übrigen Welt wirft. Dieser wahnsinnige Guru ist für uns besonders wertvoll, denn an ihm läßt sich die Absurdität nuklearer Waffen und der Endzeitprojekte erkennen, mit denen diese Waffen un-weigerlich verbunden werden. In den Händen »gefestigterer« Führer und Gruppen können Projekte, die auf dem Einsatz von Waffen beru-hen, die Illusion von Vernunft erzeugen. Eine Karikatur kann dazu dienen, solche Illusionen zu entlarven, aber sind wir auch in der Lage, aus dem vorliegenden Beispiel Nutzen zu ziehen?

 
Der Tagesspiegel vom 13.12.00 

Fanatismus 
Terror für die Unsterblichkeit 
Der Psychologe Robert Jay Lifton über gefährliche Sekten, Endzeit-Gurus und neonazistische Bombenattentäter in den USA 

Christian Böhme 

An mehreren Stellen in der Tokioter U-Bahn rangen in den frühen Morgenstunden des 20. März 1995 gleichzeitig einige Tausend Menschen nach Luft. Ihre Augen tränten, der Kopf schmerzte. Viele übergaben sich, wurden von Krämpfen geschüttelt. Blut tropfte aus den Nasen. Einigen stand Schaum vor dem Mund, bevor sie wenige Minuten später tot zusammenbrachen. Sie waren Opfer eines Terroranschlages mit dem Nervengas Sarin geworden. 

Wie sich später herausstellte, hatten Anhänger des japanischen Gurus Shoko Asahara das Gift unbemerkt in die U-Bahn geschmuggelt. Mit den Spitzen ihrer Regenschirme zerstachen die Mitglieder der Sekte Aum Shinrikyo (Höchste Wahrheit) dann kleine, in Zeitungspapier eingewickelte Plastikbeutel, in denen sich das geruchlose Sarin befand. Sie wollten damit den Dritten Weltkrieg und die Apokalypse herbeiführen. Diese Mischung aus religiösem Fanatismus und krimineller Energie mussten zwölf Menschen mit ihrem Leben bezahlen, fast 5000 wurden verletzt. Ein Albtraum war Wirklichkeit geworden. 

Menschen, die für ihren Glauben bereit sind, sich selbst oder gar andere zu töten, gibt es schon seit Jahrhunderten. Dennoch besaß der Anschlag in der japanischen Hauptstadt nach Überzeugung des amerikanischen Psychologen Robert Jay Lifton eine völlig neue Dimension. Bei diesem Attentat sei erstmals offenkundig geworden, welche Gefahr von Sektenterror ausgehen kann. "Shoko Asahara und seine Jünger hatten Zugang zu moderner Technik und Massenvernichtungswaffen. Und sie waren bereit, diese todbringenden Mittel einzusetzen. Mit dem Ziel, die Welt zu zerstören, um sie zu erlösen", sagt der New Yorker Professor im Gespräch mit dem Tagesspiegel. 

Im Zentrum von Liftons Forschungen (sie sind in Buchform unter dem Titel "Terror für die Unsterblichkeit" im Hanser-Verlag erschienen) steht Shoko Asahara gewissermaßen als Prototyp für einen gewaltbereiten Guru. Mehrmals durch "Visionen erleuchtet", formte sich der 1955 geborene, fast blinde Aum-Chef aus spirituellen Elementen verschiedener Religionen, Kulten und Untergangstheorien (Yoga, Buddhismus, New-Age, Nostradamus, Millenniumshysterie) seine eigene Welt, die zum Untergang bestimmt war. Und er fand Anhänger, die bereit waren, ihm und seinen wahnwitzigen Lehren bedingungslos zu folgen. Zwischen 1995 und 1997 hat Lifton viele Interviews mit ehemaligen Aum-Mitgliedern geführt. Am meisten überraschte ihn, dass die Befragten den Tokioter Anschlag zwar verurteilten, aber dennoch den hünenhaften Asahara als "Führer" vermissten. 

Nun könnte der Rest der Welt das Giftgasattentat der Aum-Jünger als die schlimme Verirrung einer fremden, fernen Kultur beruhigt zu den Akten legen, zumal der mordlüsterne Guru und seine Schergen ohnehin gefasst sind und sich vor Gericht verantworten müssen. Doch Lifton warnt vor allzu voreiligen Schlussfolgerungen. "In fast allen Ländern und ihren spirituellen Traditionen finden sich Ideen, die den Weltuntergangsszenarien von Shoko Asahara ähneln", sagt der 74-Jährige. Hinzu komme, dass nationale Grenzen für Endzeitfanatiker keine große Rolle mehr spielen: Massenvernichtungswaffen sind relativ leicht verfügbar, und ihre schreckliche Wirkung ist nicht auf bestimmte Orte eingeschränkt. Deshalb setzt sich Lifton auch dafür ein, dass das vorhandene Waffenarsenal reduziert und der Zugang dazu erschwert wird. Neben dem Krisenherd Nahost mit dem dort verbreiteten Fundamentalismus auf allen Seiten sieht Lifton im amerikanischen Sektenwesen eine große Gefahr. Besorgniserregend seien vor allem die Aktivitäten weißer, rechtsradikaler Rassisten. Charles Manson etwa hielt sich für Jesus Christus, der die Welt erlöste. Gemeinsam mit einigen Gefolgsleuten beging er mehrere Morde. Ihr prominentestes Opfer war die schwangere Sharon Tate, Roman Polanskis Frau. Sie wollten die "bürgerliche Welt" zerstören und Armaggeddon herbeiführen. 

Noch verheerendere Folgen hatte das rechtsextremistische Gedankengut von Timothy McVeigh. Der Waffennarr jagte im April 1995 ein Bundesgebäude in Oklahoma City in die Luft. Es war der schlimmste Terrorakt in der amerikanischen Geschichte. 168 Menschen starben, weil McVeigh den Staat verdammte und sich selbst als "Revolutionär" für eine neue Weltordnung sah. 

Einer bestimmten Sekte kann der einstige Elite-Soldat nicht zugeordnet werden. Lifton ist jedoch überzeugt davon, dass die gewaltbereiten Rechtsextremisten in den USA einiges eint. Wie Timothy McVeigh haben viele die so genannten Turner-Tagebücher zu ihrem Evangelium erhoben, eine neo-nazistische, rassistische Vision eines Weltvernichtungsprojekts. Im Mittelpunkt steht ein weißer "Held", der in einer Selbstmordaktion eine Atombombe über dem Pentagon abwirft. Einen Guru wie Shoko Asahara haben die amerikanischen Rechten bisher nicht, aber ein Vorbild: Adolf Hitler. 



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