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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/Krishna-Strafurteil78.htm  Zuletzt bearbeitet am 10.2.2002

Der Krishna-Kult:
Vereinsvorstand zu Haftstrafen verurteilt.
1974 wurde die Krishna-Zentrale durchsucht und Waffen gefunden, Mitglieder  wegen unerlaubten Sammelns und in einem Falll wegen unerlaubter Einfuhr und Erwerb von Schußwaffen zu Strafen bis zu  6 Monaten auf Bewährung verurteilt. Waffen, Munition und über 875.000.- DM gesammeltes Geld nebst Zinsen wurden eingezogen. Der Bundesgerichtshof (AZ 2 StR 791/78) hat das Urteil bestätigt.

 
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In der Broschüre

25 JAHRE ISKCON-DEUTSCHLAND  - Konferenz der Akademie für Vaishnava-Kultur am 29. Januar 1994 in Wiesbaden
hat ISKON den "Rettershof-Prozeß aus heutiger Sicht" beschrieben.
Dort heißt es, dem Hauptangeklagten seien
"lediglich individuelle Verfehlung angelastet"
worden,
"während die Hare-Krishna-Bewegung als solche rehabilitiert wurde".
Diese Darstellung ist irreführend.
In einem Strafprozess geht es immer nur um persönliche Verfehlungen.
Nach deutschen Recht kann sich ein Strafprozeß nicht gegen Organisationen richten.
Deshalb kann auch keine Rede davon sein, daß die Organisation "rehabilitiert" worden sei.

Der ISKCON-Artikel ist unten angehängt.

Wegen dieser falschen Darstellung nachfolgend ein Spiegel-Artikel aus damaliger Zeit.



Der Spiegel 50/77 vom 15.12.77
[Die Namen wurden bei der Aufnahme in diese Internet-Seite abgekürzt]

Stichworte im Artikel:

perfektes System des Geldeintreibens
keine Mark für hungernde Kinder
wertvolle Geschenke an den Guru
Erzählungen "von armen Kindern in Biafra oder Bangladesch“
500 Mark pro Tag für Schriften und Schallplatten
2,4 Millionen Mark Einnahmen von Mai bis Dezember 1974
Fuhrpark
First-Class-Flüge
Waffenarsenal
SEKTEN

Wie ein Drehbuch
Vor einer Frankfurter Strafkammer beginnt um Freitag der Prozeß gegen Hare-Krischna-Jünger. Sind es Bettelbetrüger?

Sivananda Das und Hansadutta Das heißen sie, Gour Kishore, Ram Mohan und Vedavyasa Dasa, bürgerlicher Name H. und Z., K. oder K.

Sie tragen die Tracht indischer Wandermönche, ziehen mit safranfarbenen Wickeltüchern, kahlgeschorenem Kopf, mit Zimbeln und mit Bettrommeln umher. Sie wohnen im Taunusschloß Rettershof, sind fast ausnahmslos ohne Beruf.

Vierzehn von ihnen, allesamt "Gottgeweihte", Angehörige der Hare-Krishna-Sekte, sitzen von Freitag dieser Woche an auf der Anklagebank. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft wirft den Verkündern fernöstlicher Religions-lmportware so profane Delikte wie Bettelbetrug, Unterschlagung, Kindesentziehung, Verletzung des Postgeheimnisses und Verstöße gegen das Waffengesetz vor. Insgesamt 136 Zeugen hat Staatsanwalt [Name] benannt, die vierzehn Mönche treten mit 30 Verteidigern an.

Richter [Name] hat die ersten vierzig Verhandlungstage terminiert - bis April nächsten Jahres. Im Schwurgerichtssaal 165 C, dem größten, den die Frankfurter Justizverwaltung anzubieten hat, wird zu Prozeßbeginn eine ganze Schar schellenschwingender, tanzender, singender Krischna-Anhänger erwartet. [Name des Staatsanwalts]: "Das wird ein Gaudi, das wird lustig.“

Zu den am stärksten belasteten Spendeneinnehmern zählen


Das Mönchs-Quintett gehört zusammen mit neun anderen Angeklagten zum harten Kern der ."lnternationalen Gesellschaft für Krischnabewußtsein e.V." (Iskcon), dem westdeutschen Ableger einer Mitte der sechziger Jahre in Los Angeles gegründeten hinduistischen Bewegung. Die Gesellschaft unterhält Zentren in Hamburg, München, Köln und auf Schloß Rettershof bei Frankfurt.

Von der Ordensburg im Taunus aus "planten, organisierten und veranstalteten“ die Sektenführer "unter Einsatz all ihrer Mitglieder“. so Oberstaatsanwalt D. R., ertragreiche Betteltouren im gesamten Bundesgebiet und im benachbarten Ausland. Mit internen Schnorr-Anweisungen ("Das muß alles ganz enthusiastisch, fröhlich und glücklich klingen“) stellten sich die geschorenen Mönche in Bahnhofshallen und Fußgängerzonen auf jeden Kundentyp ein. [Name des Statsanwalts]: "Die sind mit allen psychologischen Kniffen geschult. Die einstudierten Bettelverse lesen sich wie ein Drehbuch.“

Wie das perfekteSystem des Geldeintreibens ("Samkirtan") ablief, das monatlich bis zu 300.000 Mark einbrachte, wird dem Gericht ein ehemaliger Buchhalter der Sekte berichten, der ein Jahr lang die "enormen Summen der fahrenden Sammeltrupps“ einzutragen hatte. "Nicht eine einzige Mark", gab er den Kripo-Ermittlern zu Protokoll. wurde in dieser Zeit, wie etwa in Bittbriefen behauptet, für hungernde Kinder in Indien verwendet. Es wurden vielmehr Bücher gedruckt, Reisen getätigt, Busse gekauft und wertvolle Geschenke an den Guru geschickt“. Der Sektenvater A. C. Bhaktivedanta Prabhupada, der "vor zehn Jahren noch am Ganges gesessen und sich die Füße gewässert hat“ ([Name des Statsanwalts]), starb Mitte November in Neu-Delhi.

Aussagen vor Gericht werden Zeugen, die der Verkaufsstrategie der Krischna-Mönche erlegen sind. Angelockt durch Erzählungen "von armen Kindern in Biafra oder Bangladesch“ (wie in Werl), durch Mitteilungen, daß "das Geld durch die Mönche per Schiff nach Indien gebracht würde“ (wie in Viernheim), gaben Passanten in gutem Glauben einige Mark.

Manche Mönche verhökerten, wie ein "wöchentlicher Finanzreport“ des Krischna-Tempels Köln ausweist, an einem Tag für 400, 500 Mark Schriften und Schallplatten. Wochenumsatz eines neunköpfigen Bettlertrupps: 9 222,93 Mark. "Die sahnen Hunderttausende ab, ohne es zu versteuern“, behauptet Rüdiger Hauth aus Witten, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Auf Bankkonten in Königstein und Offenbach hatten die Krischna-Jünger 676 842,09 Mark deponiert. bei der Durchsuchung des Tempels "Rettershof" fanden sich weitere 56 217,84 Mark in bar. Um möglichem Regreß zu entgehen, legte Staatsanwalt [Name] die sichergestellte Summe zinsgünstig als Festgeld an. Das BetteI-Vermögen wuchs auf 760 000 Mark.

Von rund 2,4 Millionen Mark Einnahmen, die von Mai bis Dezember 1974 in den Gebetsbeuteln der aggressiven Bettelmönche verschwanden, so haben die staatlichen Ermittler herausgefunden, gingen lediglich 15 000 Mark an das Krischna-Zentrum im indischen Mayapur.

Wie das für die Hungerhilfe in Indien gesammelte Geld letztlich verwendet wurde, konnte auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft nicht klären. Rahn: "Sicher ist, daß bei den hungernden Kindern in Indien nicht ein einziger Pfennig angekommen ist.“

Ein Großteil verschlang wohl der Druck der religiösen Bücher, die in millionenfacher Auflage vertrieben wurden. K. und K. unterhielten für die "Samkirtan“-Fahrten einen stattlichen Fuhrpark, K. buchte mit Vorliebe First-Class-Flüge, wenn er zu "Krischna-Festivals“ rund um den Erdball oder auch nur zum TempeI-Besuch nach Hamburg oder München unterwegs war.

Von den angeklagten Krischna-Jüngern müssen allenfalls K., K. und K. mit höheren Strafen rechnen. Sie hatten im Tempel "Rettershof“ ein Waffenarsenal angelegt, hatten laut Anklage in einem Rollschrank eine Schrotflinte (Marke Baikal IJ 18), eine zerlegte Doppelbüchse (Marke "SKB Armins“) und verschiedene Pistolen (Marken "Colt 45“ und "Walther 08“) versteckt.

Alle anderen Bettelmönche werden nahezu straffrei ausgehen, selbst dann, wenn den Anklägern der Nachweis betrügerischen Handelns gelingt. Der entstandene Schaden für die betroffenen Straßenpassanten war in allen Fällen gering. "Das Rätsel und das Recht der subjektiven religiösen Erfahrung", gibt der Stuttgarter Sektenexperte Michael Mildenberger zu bedenken, ließen sich ohnehin durch strafrechtliche Verfolgung nicht "auflösen“. Theologe Mildenberger: "Gott Krischna entzieht sich der Beweisaufnahme.“



Aus der Broschüre
25 JAHRE ISKCON-DEUTSCHLAND  - Konferenz der Akademie für Vaishnava-Kultur am 29. Januar 1994 in Wiesbaden
Seite 49
 

Der Rettershof-Prozeß aus heutiger Sicht
von Sukrita dasa
Leiter der Rechtsabteilung der ISKCON-Deutschland
 

1. Einleitung

Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, einen Teil der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Hare-Krishna-Tempel "Schloß Rettershof“ im Jahre 1974 zu rekonstruieren und aus heutiger Sicht zu bewerten. Es gibt praktische Gründe dafür, sich fast zwanzig Jahre nach den Ereignissen wieder mit dem Thema zu befassen. Der Rettershof-Prozeß markiert zweifellos einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Hare-Krishna-Bewegung, und auch heute noch prägt er das Bild der Hare-KrishnaBewegung in Teilen der öffentiichen Meinung. Die Mitglieder der Hare-Krishna-Bewegung sehen sich daher mit dem Erfordernis konfrontiert, zu diesem Thema Antworten zu geben. Von den heutigen Mitgliedern kennt jedoch fast niemand den Rettershof-Prozeß aus eigenem Erleben, und bis auf einen Artikel in der Hare-Krishna-Zeitschrift "Back to Godhead“ aus dem Jahre 1979 und die Verteidigungsreden im Prozeß selbst hat sich die Hare-Krishna-Bewegung nicht zu dem Thema geäußert. Diese Äußerungen sind nicht nur zeitlich weit zurückliegend, sondern auch inhaltlich stark geprägt von der Ära des Rettershof-Prozesses, in dessen Folge sich die ISKCON in ihrer bloßen Existenz angegriffen sah und entsprechend verteidigte. Daß es in der Hare-Krishna-Bewegung aber auch in der Folgezeit nicht zu einer selbstkritlschen Reflektion kam, wird von den Gottgeweihten als Mangel empfunden, dem mit dieser Arbeit ein Stück weit abgeholfen werden soll.

Es geht mir hier also nicht um eine umfassende und allgemeine Rekonstruktion und Bewertung der damaligen Ereignisse, sondern um eine selbstkritische Reflektion. Damit soll auch gesagt sein, daß die Selbstkritik der Hare-Krishna-Bewegung, so erforderlich sie gewiß ist, nicht dazu führen kann, die Akteure der Gegenseite aus der Sicht der Hare-Krishna-Bewegung nachträglich zu legitimieren. Doch das Tun und Lassen der "anderen" Seite soll hier nur eine untergeordnete Rolle spielen; ich will mich vielmehr von der Fragestellung leiten lassen, unter welchen inneren und äußeren sozialen Bedingungen die Vorgänge im Zusammenhang mit dem Schloß Rettershof einzuordnen sind und welche Erkenntnisse die Hare-Krishna-Bewegung heute daraus gewinnen kann.



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2. Die Hare-Krishna-Bewegung In den Jahren um 1974

Im Frühjahr 1974 mieteten die Mitglieder der Hare-Krishna-Bewegung das im Taunus gelegene Schloß Rettershof und zogen dort ein. Es wurden mit dem Einzug in das Schloß zwar nicht alle an anderen Orten bestehenden Tempel aufgegeben, aber das Schloß war das bei weitem größte Projekt und wurde daher zum Sitz des Buchverlags und zum Zentrum der Hare-Krishna-Bewegung in Deutschland.

Im Juni 1974 schloß sich ein Stern-Reporter zum Schein der Hare-Krishna-Bewegung an und hielt sich einige Tage im Schloß Rettershof auf. Sein daraufhin als "Enthüllungsstory“ veröffentlicher Artikel fand ein großes Echo, auch bei der Justiz.

Die Vorermittlungen gegen die Hare-Krishna-Bewegung hatten zahlreiche, vielfältige Delikte zum Gegenstand. Es wurde vermutet, daß Personen mit falschen Ausweispapieren ins Ausland reisten, daß gegen steuer- und (sozial)versicherungsrechtliche Vorschriften verstoßen und das Briefgeheimnis verletzt würde, daß Urkunden gefälscht sowie Betrügereien und weitere Delikte begangen würden. Aufgrund von Anzeigen seitens einiger Eltern wurden zudem Ermittlungen wegen Körperverletzung und Nötigung aufgenommen.

Hinzu kamen zwei spektakuläre Fälle, in denen Minderjährige dem Zugriff der Erziehungsberechtigten entzogen wurden. In dem einen Fall war der damals 16jährige Nikhilananda dasa von einem von der Mutter erlaubten mehrwöchigen Besuch im Schloß Rettershof nicht nach Hause zurückgekehrt. Versuche der Mutter, den Aufenthaltsort ihres Sohnes zu ermitteln, erhärteten den Verdacht, daß er mit Hilfe einiger Hare-Krishna-Mitglieder vor ihr versteckt wurde.

Der andere Fall war der des damals zweijährigen Mädchens Vishaka. Nachdem die Mutter ihren Mann Suchandra dasa und die Hare-Krishna-Bewegung verlassen hatte, ließ sie sich mit dem Kind bei Verwandten in Hamburg nieder. Zu dieser Zeit hatten die Eltern gemeinsam das Sorgerecht für das Kind inne. Der Vater hatte dann nach dem Weggang seiner Frau seine Tochter wieder an sich genommen und an einem unbekannten Ort vor der Mutter versteckt. In dem auf Antrag der Mutter eingeleiteten Verfahren wurde dem Vater schließlich das Sorgerecht aberkannt und alleine der Mutter zugesprochen. Zum Zeitpunkt der Durchsuchung im Schloß Rettershof wurde das Kind Vishaka noch von der Polizei gesucht. Dieser Umstand fand in den Medien seinerzeit große Beachtung. Kurze Zeit nach der Durchsuchung - Suchandra dasa befand sich in Untersuchungshaft - gab er den Aufenthaltsort seiner Tochter preis und sorgte dafür, daß sie zu ihrer Mutter zurückkehren konnte.

Im Dezember 1974 durchsuchte ein großes Polizeiauf gebot Schloß Rettershof sowie zeitgleich weitere von der ISKCON gemietete Räumlichkei-



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ten, u.a. auch den damaligen Tempel in Berlin. Während der Durchsuchung entdeckte die Polizei beim Tempelpräsidenten Chakravarti dasa im Schloß Rettershof zwei Pistolen und zwei Gewehre nebst dazugehöriger Munition. Die Waffen waren illegal nach Deutschland eingeführt und im Schloß aufbewahrt worden. Der Waffenfund fand in den Medien viel Beachtung. Die Verantwortung für die Waffen nahm Chakravarti dasa allein auf sich und wurde dafür vor dem Landgericht Frankfurt/Main 1978 zu einer auf Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von sechs Monaten, der gesetzlichen Mindeststrafe, verurteilt. Das Gericht hielt ihm zugute, daß die Hare-Krishna-Gemeinde zuvor bereits bedroht worden war und daß er die Waffen nur zur unmittelbaren Verteidigung habe verwenden wollen.

So sehr die angeblichen Kindesentführungen und der Waffenfund unmittelbar im Anschluß an die Durchsuchung die Medien auch beschäftigten, traten diese bei der Aufarbeitung des Phänomens "Hare-Krishna-Tempel Schloß Rettershof" im Laufe der Zeit gegenüber der Frage der Sammelgelder und Sammelpraktiken immer mehr in den Hintergrund.

Dies geschah schon aus sachlichen Gründen, denn die Anklage wegen Kindesentführung mußte von der Staatsanwaltschaft schließlich fallengelassen werden, und auch wegen des Waffenbesitzes wurden sämtliche Angeklagten freigesprochen, bis auf jenen einzelnen Gottgeweihten, dem dies vom Gericht als lediglich individuelle Verfehlung angelastet wurde, während die Hare-Krishna-Bewegung als solche rehabilitiert wurde.
 

3. Sammelgelder und -praktiken

Die Verteilung von Literatur war für die Hare-Krishna-Bewegung von Anfang an als das zentrale Medium zur Verbreitung des Krishna-Bewußtseins vorgesehen, und die Hare-Krishna-Bewegung selbst war und ist eine missionarische Bewegung. Mit der Aufgabe, die Lehren des Krishna-Bewußtseins in moderne Sprachen zu übersetzen und sie in den westlichen Ländern zu verbreiten, war der Gründer der Hare-Krishna-Bewegung bereits in jungen Jahren bei seinem ersten Zusammentreffen mit seinem spirituellen Meister, Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakura, betraut worden, und diesen Auftrag hatte er zu seiner Lebensmission gemacht.

In den Anfangstagen der Hare-Krishna-Bewegung in den sechziger Jahren hatte die Buchverteilung (intern auch Sankirtan genannt) jedoch noch keine praktische Bedeutung. Es gab kaum Bücher, und die wenigen vorhandenen wurden kaum in nennenswerter Anzahl verkauft.

Unter der Aufsicht des Gründers der Bewegung, Shrila Prabhupada, konnte die Bewegung im Laufe der Zeit jedoch weltweit in erstaunlichem Maße expandieren, viele neue Mitglieder gewinnen, sich in immer mehr Ländern ausbreiten und viele neue Tempel, Farmgerneinschaften, Schulen und andere Einrichtungen gründen.



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Auch in Indien hatte Shrila Prabhupada mehrere ambitionierte Tempelprojekte ins Leben gerufen, die dort nicht nur der Verbreitung des Krishna-Bewußtseins, sondern insbesondere auch wohltätigen Zwecken wie der Hilfe für Hungernde und Obdachlose dienen sollten. Ihre Finanzierung war aber nur mit Hilfe des vergleichsweise wohlhabenden Westens möglich. Shrila Prabhupada selbst hatte in diesem Zusammenhang wiederholt die Analogie vom sehenden, aber lahmen Indien und vom blinden, aber starken Westen benutzt: Auf den starken Westen gestützt, würde das lahme Indien vorankommen, und der blindgewordene Westen würde, vom erleuchteten Indien geführt, wieder sehend werden können.

Vor dem Hintergrund dieser Sichtweise der sich gegenseitig ergänzenden und unterstützenden Beziehungen zwischen Morgen- und Abendland gründeten die Gottgeweihten in Deutschland Mitte der siebziger Jahre ein Hungerhilfeprojekt, das im April 1974 offiziell in Form eines eingetragenen Vereins mit Sitz in Schloß Rettershof aus der Taufe gehoben wurde. Es wurde ein Spendenkonto eingerichtet, und auch eine Schallplatte wurde gepreßt mit dem Hinweis, daß der Reinerlös aus ihrem Verkauf jener Hungerhilfe in Indien zugute käme. Diese Schallplatte wurde alsdann auf der Straße verkauft, und auf Nachfrage wurden auch entsprechende Spendenquittungen ausgestellt.

Zu dieser Zeit, aber ursächlich unabhängig davon, hatte der Verkauf von Shrila Prabhupadas Büchern auf öffentlichen Straßen und Plätzen nicht zuletzt in Deutschland hohe Zuwachsraten verzeichnet, so daß nicht nur der Bedarf, sondern auch die Menge der nach Indien transferierten Gelder zunahm. Parallel dazu gingen die Führung der ISKCON in Deutschland und die Buchverteiler auf den Straßen zunehmend dazu über, auch beim Buchverkauf (der eigentlich nicht der Sammlung von Spenden, sondern der Verbreitung der Religion diente) mit dem Hinweis auf "hungernde Kinder in Indien" an die Spendenbereitschaft der Passanten zu appellieren.

Nachdem auf diese Weise das Sammeln von Spenden und die Missionierung personell verquickt waren, nämlich in der Regel von ein und derselben Person zur selben Zeit ausgeübt wurden, ging auch die Trennung der eingegangenen Gelder nach dem eigentlichen (vom Geber beabsichtigten) Bestimmungszweck verloren. Nicht nur den Gottgeweihten, sondern auch dem Frankfurter Landgericht und den vom Gericht eingesetzten Buchprüfern war es im Nachhinein nicht mehr möglich festzustellen, welcher Anteil der Einnahmen aus dem Buchverkauf und welcher aus Sammlungen zugunsten der Hungerhilfe stammte. Im Urteil des Landgerichts vom 28.4.78 heißt es hierzu: "Da alle Geldbewegungen über die Vereine der ISKCON stattfanden, konnte eine selbständige wirtschaftliche Betätigung des Hilfswerkes nicht festgestellt werden."

Das Versäumnis, die eingegangenen Gelder ihrem ursprünglich beabsichtigten Bestimmungszweck zuzuführen, war jedoch nicht das einzige Pro-



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blem mit der Buchverteilung jener Jahre. Die Buchverteiler waren schon in den Monaten vor der polizeilichen Durchsuchung im Rettershof in nicht wenigen Orten Deutschlands unwillkommen; Bürger beschwerten sich in zunehmendem Maße über gewisse rüde oder gar betrügerische Methoden; Zeitungen wamten vor den Buchverteilem, und vielerorts untersagte die Polizei den Verkäufern ihre Tätigkeit, so daß die Gottgeweihten immer mehr Bußgeldbescheide bezahlen mußten.

Die Hare-Krishna-Bewegung hatte zwar in mehreren Städten Anträge auf die Erteilung einer Sammelerlaubnis gestellt, diese wurden aber von den zuständigen Stellen entweder abgelehnt, weil eine Kontrolle der gesammelten Gelder nicht gewährleistet schien, oder sie wurden mit der Auflage versehen, verplombte Sammelbüchsen und Listen zu führen und den Verbleib der Gelder offenzulegen, was die Gottgeweihten wiederum ablehnten. .Man unternahm jedoch nichts gegen die mit der Sammelerlaubnis verbundenen Auflagen, oder die Ablehnung von Erlaubnissen, sondern stellte sich auf den Standpunkt, für die Sankirtanfahrten sei eine behördliche Genehmigung nicht erforderliche, wie das Landgericht im Urteil vom 28.4.78 feststellt.

Heute erscheint es angesichts dieser massiven Widerstände seitens der Öffentlichkeit schwer vorstellbar, daß die Gottgeweihten damals ihre prekäre Situation nicht erkannt und richtig eingeschätzt haben sollen. Ein Zeuge meinte sogar: "ln vielen Gesprächen [mit Mitgliedern der Hare-Krishna-Bewegung] habe ich erfahren, daß es nach Meinung der Krishna-Sekte nicht mehr lange mit der Bettelei so weiter gehen kann." Dennoch lassen sich keine Hinweise darauf finden, daß die damalige Führung der Hare-Krishna-Bewegung aus dieser Erkenntnis irgendwelche Konsequenzen gezogen hätte. Konnte oder wollte sie den herannahenden Schwierigkeiten nichts entgegensetzen?

Nach meiner heutigen Einschätzung kamen in jenen Jahren gleich mehrere Umstände zusammen, die zu dieser sonderbaren Tatenlosigkeit führten. Zum einen war die Führung offenbar nicht in der Lage, den Ernst der Situation zu erkennen, geschweige denn, in angemessener Weise darauf zu reagieren. Hamsadutta dasa, dem damaligen Leiter der Hare-Krishna-Bewegung in Deutschland, war es bereits seit längerem gelungen, sich im Bewußtsein der Gottgeweihten als der einzig maßgebliche Repräsentant Shrila Prabhupadas zu etablieren und so der Hare-Krishna-Bewegung seinen ganz persönlichen Stil aufzuprägen. In fataler Selbstüberschätzung wurde die Geringschätzung, die er der Außenwelt und ihren Gesetzen ohnehin entgegenbrachte, immer unkontrollierter. Die anderen Führungsmitglieder scheinen entweder zu unkritisch oder zu schwach gewesen zu sein, um diesen Kurs noch ändern zu können, ebenso natürlich auch die große Mehrzahl der einfachen Gottgeweihten.

Hinzu kommt, daß die Mitglieder der Hare-Krishna-Bewegung in den Anfangsjahren eher aus Kreisen von "Drop-outs" und sozialen Randgruppen



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stammten denn aus wertkonservativ und bürgerlich geprägten Kreisen, so daß die damaligen Gottgeweihten der "anarchischen Provokation" der Gesellschaft vermutlich auch ihre positiven Seiten abzugewinnen wußten.

Vor diesem psychologischen und sozialen Hintergrund hatten die Mitglieder der Hare-Krishna-Bewegung für die zum Teil moralisch bedenklichen und zum Teil ungesetzlichen Verhaltensweisen gewisse interne Rechtfertigungsmuster entwickelt. Diese erfuhren dann zwar ihre spezifisch "Krishna-bewußte" Ausprägung, indem die Gottgeweihten sich einzelner Versatzstücke feststehender Aussagen aus den Schriften des Krishna-Bewußtseins bedienten, aber im wesentlichen entsprachen sie dem bekannten Stereotyp, demzufolge die "Erretteten" über dem Gesetz stehen.

Solcherart vermeintlich legitimiert, fühlten sich die führenden Gottgeweihten auch nicht mehr verpflichtet, über den Bestimmungszweck der eingegangenen Gelder Buch zu führen. Ihre Argumentation lautete, daß alles, was sie taten, ja bereits die wahre Wohltätigkeitsarbeit war, solange sie das Geld nur in Krishnas Dienst verwendeten - sei es nun zur Verteilung von Prasadam (geheiligter Nahrung) an Bedürftige in Indien, oder sei es zur Herstellung und zum Verkauf von Literatur.

Außerdem scheinen einige Gottgeweihte damals ziemlich optimistische und unrealistsiche Einschätzungen davon gehabt zu haben, wie lange es dauern würde, bis die Gesellschaft Krishna-bewußt würde und dann ihre Methoden wenigstens im nachhinein als legitim erscheinen ließe. Schließlich scheinen sie sich damit beruhigt zu haben, daß Krishna diejenigen, die sich Seinem Dienst geweiht haben, vor eventuellen negativen Reaktionen stets beschützt und daß ihnen von seiten des Staates und der Justiz somit trotz einiger Gesetzesverstöße letztlich keine ernsthafte Gefahr drohe.

4. Schlußfolgerung

Als die Polizei am 15. Dezember 1974 frühmorgens das Schloß Rettershof heimsuchte und knapp DM 800.000,- beschlagnahmte (die im Zuge des Gerichtsverfahrens Wohlfahrtsverbänden zugesprochen wurden) gab es ein böses Erwachen aus diesen naiven Vorstellungen. Der Schock saß so tief, daß manche Gottgeweihte noch Jahre später eine irrationale Angst vor Polizei und Justiz hatten. Weil sie nicht begriffen hatten welchen Anteil sie selbst an ihren Schwierigkeiten besaßen, meinten sie fälschlicherweise, Polizei und Justiz kämen immer wieder einfach so aus heiterem Himmel und folglich könne ein Ereignis wie der Rettershof-Prozeß jederzeit wieder über die Hare-Krishna-Bewegung hereinberechen.

Heute dürfen wir erkennen, daß diese Art der Vergangenheitsbewältigung den Blick für eine sachliche und vorurteilsfreie Beschäftigung



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mit dem Thema verstellte und durchaus nicht dazu beitrug, der Wiederholung solchen Geschehens vorzubeugen. Wenn wir heute versuchen, in einer anderen Sichtweise über den Rettershof-Prozeß zu sprechen, so ist dies auch ein Ausdruck dafür, daß sich die Hare-Krishna-Bewegung jetzt ernsthaft darum bemüht, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, innerlich zu reifen und sich in entscheidenden Bereichen zu reformieren.

Welche Lehren können also heute aus all diesen Ereignissen, die mittlerweile zwanzig Jahre zurückliegen, gezogen werden? Gewiß wäre es einfach, die Verantwortung für jene Geschehnisse ausschließlich den damaligen Führern anzulasten, doch glauben wir, daß die zentrale Ursache jener Entwicklungen innerhalb der Hare-Krishna-Bewegung nicht nur an einzelnen Personen oder Umständen festzumachen ist. Das eigentliche Problem bestand also nicht in erster Linie darin, daß einzelnen Personen oder Umständen unheilvolle Tendenzen innewohnten, wenngleich man diese Faktoren auch nicht übersehen darf, sondern vielmehr darin, daß diese Tendenzen, bedingt durch die Unreife der noch jungen Hare-Krishna-Bewegung, weitgehend ungehindert manifest werden konnten.

Dies wiederum war dadurch begünstigt, wenn nicht sogar erst ermöglicht, daß die Hare-Krishna-Bewegung nach außen hin sehr stark abgeschottet war. Kontakte zur "Außenwelt" gab es zwar in reichlichem Maße - dies macht nicht zuletzt die Zahl der verteilten Bücher deutlich. Aber diese Kontakte führten selten zu einem wirklichen Dialog, beispielsweise etwa mit Vertretern der Presse, der Politik, der Hochschulen oder der Kirchen. Aus diesem Grunde konnten, sozusagen in der "Abgeschiedenheit" von der Außenwelt, innerhalb der Hare-Krishna-Bewegung Erscheinungen zu Tage treten und wuchern, die sonst wohl keinen Bestand gehabt hätten. Hinzu kommt noch der Umstand, daß die nach außen hin praktizierte Dialogverweigerung sich auch innerhalb der Hare-Krishna-Bewegung in Form einer stark hierarchisierten Kommunikation fortsetzte, welche wiederum dazu führte, daß wesentliche Probleme auch intern offenbar gar nicht mehr zur Sprache kamen.

Daran hat sich in all den Jahren, die seitdem vergangen sind, vieles geändert. Wir haben Inzwischen einsehen müssen, daß es in erster Linie die Aufgabe der ISKCON-Mitglieder selbst ist, seitens der Hare-Krishna-Bewegung die Voraussetzungen für einen solchen Dialog mit der Öffentlichkeit zu schaffen. So besteht denn auch eine zentrale Botschaft der heutigen Veranstaltung darin, Ihnen allen mitzuteilen, daß wir diesen Weg inzwischen eingeschlagen haben und vor allem auch weiter zu gehen beabsichtigen.

Auch innerhalb der Hare-Krishna-Bewegung haben sich die Kommunikation und der Führungsstil in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark weiterentwickelt und gewandelt, nicht zuletzt durch vollständige personelle Neubesetzung der gesamten Führungsspitze. So haben wir versucht, in einem ersten Schritt die von unserer Seite erforderlichen Voraussetzungen für einen konstruktiven Dialog zu schaffen.



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Wir möchten daher die Gesellschaft, die Kirchen, die Politik, die Medien sowie alle anderen Vertreter der Öffentlichkeit bitten, unser Signal aufzunehmen und unseren ernstgemeinten Schritt zur vorurteilsfreien Öffnung wohlwollend zu erwidern. Bitte überprüfen Sie Ihrerseits die Voraussetzungen für einen konstruktiven Dialog - einen Dialog für eine gemeinsame Zukunft, wie er in den siebziger Jahren wohl noch nicht möglich gewesen wäre.
 
 



Autor: Ingo Heinemann
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