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Marianne Kestler:
Vorsicht Falle: Psychogruppen auf Seelenfang im Netz


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Aus: PSU - Psychosoziale Umschau Nr. 2/2003
PDF-Version:  http://www.psychiatrie.de/website/index.php?/f,11657,11690/o,media_pdf,229//
 


Vorsicht Falle: Psychogruppen auf Seelenfang im Netz
Von Marianne Kestler

Das Internet hat Einzug in den Alltag gehalten. 50 Prozent der Deutschen nutzen mittlerweile das Netz. Mehrere Hundertmilliarden Seiten sind im WWW abzurufen. Täglich kommen weitere Millionen neue dazu. Das Gute daran: Zunehmend stehen so Hilfs- und Selbsthilfeportale für alle möglichen Problembereiche per Mausklick zur Verfügung. Selbsthilfegruppen können sich online koordinieren und austauschen. Sogar seriöse Beratungsangebote gibt es im Internet. Die Kehrseite der Medaille: In der Fülle von Hilfenetzen tummeln sich zunehmend Scharlatane und Sekten auf Kundenfang. Davon bleibt auch die Psychiatrieszene nicht verschont.

In Deutschland gibt es zur Zeit circa 600 religiöse und weltanschauliche Sondergruppen mit sektenähnlichem Charakter. Die Zahl der Anhänger wird auf ungefähr zwei Millionen geschätzt. Genaue Zahlen kennt niemand. Den schwammigen Begriff »Sekte« wollte die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages 1998 durch die Bezeichnung »so genannte Sekten und Psychogruppen« ersetzen. Das macht es nicht leichter, im Dschungel der zweifelhaften Psychotechniken und Heilsmethoden durchzublicken. Beim Begriff »Sekte« denken viele zuerst an bekannte Gruppierungen, wie die Zeugen Jehovas, die Moon-Sekte oder Scientology. Doch die Liste ist weit länger. Zu den so genannten Sekten und Psychogruppen werden auch nicht-religiös motivierte para- oder politreligiöse Heilslehren gezählt, darunter die »Neue Medizin«, »Maharishi-Ayurveda«, »Reiki«, »Avatar«, Meditations- und Persönlichkeitskurse und vieles mehr. Man spricht heute vom »Psychomarkt«. Denn gemeinsam ist diesen zweifelhaften Anbietern, dass sie die urmenschlichen Sehnsüchte nach Sinn, Geborgenheit, Gesundheit und Glück zu Geld machen. Indem sie andererseits Ängste schüren, um den Bedarf nach Lösung aller Probleme zu wecken, ziehen sie vor allem psychisch labile Menschen in ihren Bann. Dabei wird die jeweils angebotene Methode oft als ›eierlegende Wollmilchsau‹ verkauft, mit der sich alle Beschwerden kurieren lassen. Zumeist wird dafür aggressive Propaganda eingesetzt und das traditionelle medizinische und psychiatrische Hilfesystem in Frage gestellt, fundamental kritisiert, wenn nicht gar verteufelt. Die Gefahr: Wer einmal in den Klauen einer solchen Psychogruppe steckt, gerät in den meisten Fällen durch gezielte psychische Manipulation in eine seelische Abhängigkeit und kann seine Selbstbestimmung als Einzelner verlieren.

Das Internet: Tummelplatz für leichte Beute

Zwei Faktoren begünstigen den wachsenden Einfluss von Psychogruppen: Zum einen führen rabiate Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen zu einer immer unzureichenderen flächendeckenden medizinischen und psychiatrisch/psychologischen Grundversorgung. Der Bedarf an alternativen Angeboten wächst. Zum anderen haben solche Gruppierungen durch den Boom des Internet mit wenig Aufwand direkten und breit gestreuten Zugriff auf ihre Zielgruppe. Dabei bedienen sie sich der vorhandenen Infrastruktur, um sie für ihre Zwecke umzufunktionieren. So dringen beispielsweise Anhänger der so genannten »Neuen Medizin« in bestehende Internet-Foren zum Thema »alternative Heilmethoden« oder »Naturheilkunde« ein und sprengen dort mit ihrer Propaganda jegliche sachliche Diskussion. Viele Teilnehmer sind dadurch verunsichert, wissen nicht mehr, wem oder was sie noch glauben sollen. Das ist beabsichtigt und Bestandteil des profitablen »Heilsplans«.

Vergleichbares spielt sich in der virtuellen Psychiatrieszene ab. Das ist besonders problematisch. Denn Themen wie Unterbringung, Betreuung oder Medikation gegen den Willen von Betroffenen sind per se mit Dynamit geladen. Kritische Diskussionen und konstruktive Auseinandersetzungen über notwendige Reformen sind hier vonnöten. Genau darauf baut die Antipsychiatrie ihre Feldzüge auf. Unter verschiedenen Identitäten, häufig auch im Kollektiv als »Gruppe N« oder »Werner-Fuß-Zentrum« blasen deren Vertreter ihre finsteren Hasstiraden in die Newsgroup <de.sci.medizin.psychiatrie>. Von »psychiatrischen KZs«, »faschistoiden Foltermethoden«, »Geständniszwang«, »hirnkrankem Fleisch«oder »mörderischen Pogromaufrufen« ist da die Rede. Ein Jargon, der stark an die Propagandasprache der NS-Zeit erinnert. Nicht ohne Grund: Ein Teil der Antipsychiatriebewegung vertritt die Ideologie, dass nicht Hitler den Zweiten Weltkrieg angezettelt habe, sondern die Psychiater. Der Beweis sei, dass »korrupte Naziärzte« nach 1945 unbehelligt ihrem Beruf weiter nachgehen konnten. In einem Newsgroup-Beitrag der »Gruppe N« war sogar von »Chefarzt Professor Dr. Adolf Hitler« die Rede. Erklärtes Ziel dieser Bewegung ist die völlige Abschaffung der Psychiatrie, denn psychische Erkrankungen existierten nicht. Sie seien eine bloße Erfindung der »teuflischen« Psychiater. Als Galionsfigur wird hier häufig der amerikanische emeritierte Psychiatrieprofessor Thomas Szasz angeführt. Der vertritt die These, Schizophrenie sei ein Mythos. Psychiatrische Diagnosen dienten dazu, abweichendes Verhalten mit psychiatrischen Methoden zu verfolgen.

Mit solchen Thesen werden die Teilnehmer der Psychiatrie-Newsgroup regelmäßig unfreiwillig bombardiert. Der Versuch einer konstruktiven Diskussion mit dieser antipsychiatrischen Liga ist zwecklos. Das haben die Forenmitglieder inzwischen eingesehen. Solche Postings werden mittlerweile weitgehend ignoriert oder ins Lächerliche gezogen. Allerdings gibt es immer wieder Trittbrettfahrer und Mitläufer, die sich den Schimpftiraden anschließen und die militanten Antipsychiatrieverfechter in ihren Aussagen bekräftigen. Gefährdet sind am ehesten Menschen, die in einer psychischen Krise in der Newsgroup Rat und Hilfe erwarten. Sie sind zumeist »Newbies« im Netz, also zum ersten Mal dort. Eine Antwort wie »psychische Krankheiten existieren nicht« verunsichert seelisch labile Personen und kann fatale Folgen haben. Hinzu kommt: Die (nicht nur virtuellen) Aktionen der Antipsychiatrie werfen ein schlechtes Licht auf die reformorientierte Psychiatriekritik. Denn wer kann da als Außenstehender noch die Spreu vom Weizen trennen? Das wiederum birgt die Gefahr einer Stigmatisierung in die andere Richtung. Und die schadet dem Trialog.

Antipsychiatrie als Psychogruppe?

Die radikalen Psychiatriegegner eine »Psychogruppe« oder gar »Sekte« zu nennen ist ein heißes Eisen. Schon manch einer wurde mit wüsten Beschimpfungen bis hin zu Strafanzeigen gesegnet, wenn er einzelne Verfechter der Bewegung der Nähe zu Scientology bezichtigte. So handelte sich der Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker Mecklenburg-Vorpommern e.V. 2002 gleich fünf Abmahnungen und drei Klagen ein. Die Redaktion des »Lichtblick-Newsletters« hatte im Anschluss an das 2001 in Berlin stattgefundene Russell-Tribunal eine Dokumentation mit dem Titel »Zwischen Psychiatrie und Scientology« im Internet veröffentlicht. Dokumentiert wird hier unter anderem, dass an dem Tribunal, gemeinsam mit Vertretern der Berliner Antipsychiatrie, auch Scientologen teilgenommen haben. Das bot den Psychiatriegegnern Anlass, vor Gericht zu gehen. Der »Lichtblick« veröffentlichte darauf Gegendarstellungen, ließ die Dokumentation jedoch im Netz. Im Dezember 2002 wurden die Klagen vom Amtsgericht Rostock abgewiesen. Die Urteile sind rechtskräftig (AZ 53 C 70/02 bis C 72/02).

Die Antipsychiatriebewegung eine Psychogruppe? Ganz so abwegig erscheint das nicht. Taktik und Methoden gleichen sich. Plädiert wird für die Abschaffung der Psychiatrie schlechthin. Alternativen werden keine geboten – zumindest nicht auf den ersten Blick. Das wäre ein Hauptunterscheidungsmerkmal zu Psychogruppen, die mit ihren Aktionen Geld verdienen wollen und daher Alternativen anpreisen und verkaufen. Es scheint zunächst, als sei das ›Produkt‹ der Antipsychiatrie deren propagandistisches Auftreten selbst. Damit lässt sich kaum ein Cent verdienen – im Gegenteil: Die ganzen Protestaktionen sind nicht billig. Beim genaueren Hinsehen erschließt sich allerdings doch eine Einkommensquelle. Seit etwa vier Jahren wirbt die Berliner Bewegung für ihre Vorsorgevollmacht, um »der psychiatrischen Gewalt die Stirn zu bieten«, die so genannte »Vo-Vo«. Mit dieser Verfügung sollen potenzielle Psychiatrieerfahrene im Zustand geistiger und seelischer Gesundheit im Vorfeld schriftlich festlegen können, was mit ihnen im Falle einer psychischen Krise oder Erkrankung passiert. Die Vo-Vo wird von der Berliner Antipsychiatriebewegung auf mehreren Webseiten und in der Psychiatrie-Newsgroup beworben. Vorwiegend zwei Reaktionen hageln auf anfragende Hilfesuchende ein: »Es gibt keine psychischen Krankheiten« und »Füll' ne Vo-Vo aus«. Eine Zeitlang wurde über die Webseite www.vo-vo.de sogar kostenlose Rechtsberatung angeboten. Von einem erfolgreichen Einsatz dieser Vo-Vo ist allerdings nie ein Fall in die Öffentlichkeit gesickert.

Die Vo-Vo ist eine juristisch aufbereitete Version des in den späten 1970er Jahren von Szasz verfassten »Psychiatric Will«, den die Berliner Irrenoffensive e.V. 1984 mit dem Titel »Psychiatrisches Testament« ins Deutsche übersetzte und im Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag als Buch drucken ließ. Szasz ist nicht nur die Ikone der Antipsychiatrie, sondern auch Mitbegründer der Scientology-Tarnorganisation »Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V. (KVPM)«. Auch die KVPM setzt eine Vollmacht als Instrument gegen die Psychiatrie ein. Diese wurde als »Schutzbrief« in dem 1994 erschienenen Scientology-Buch »Die Männer hinter Hitler« vorgestellt. Das heißt natürlich nicht, dass die Berliner Antipsychiatrie zu Scientology gehört! Sie vertritt lediglich mit vergleichbaren Methoden ein ähnliches Ziel.

Mit Gratis-Vo-Vo und kostenloser Rechtsberatung dürfte demnächst Schluss sein. Wer heute die Internetadresse www.vo-vo.de besucht, landet auf einer Startseite mit dem Slogan »Initiative Selbstbestimmung – Die Vorsorge Company«. Schaut man sich unter www.initiative-selbstbestimmung.de diese »Company« genauer an, erfährt man, dass die Vo-Vo in naher Zukunft als kommerzielles Dienstleistungspaket angeboten werden soll. Zu beziehen sei der Service ab Frühjahr 2003 bei der Berliner »Initiative Selbstbestimmung gGmbH« in Gründung (Stand: Februar 2003). Eine Preisliste werde demnächst veröffentlicht.

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser

Nepper, Schlepper, Bauernfänger? Sie lauern überall im Netz. Für potenzielle Opfer ist zunächst nicht relevant, ob es sich wirklich um eine ›echte‹ Psychogruppe handelt. Alternative Angebote können durchaus seriös und hilfreich sein. Wachsamkeit ist allemal angesagt. Vorsicht bei Vertretern von radikalen Thesen (etwa: »Psychiatrie tötet«) – vor allem, wenn sie mit dem Versprechen verbunden sind, für die angeführten Missverhältnisse eine ideale Komplettlösung zu bieten. Bei solcherlei Homepages im Web empfiehlt sich immer der Klick ins Impressum. Laut Teledienstegesetz (TDG) muss jede Webseite, auf der überhaupt irgendwas angeboten wird – und seien es ›nur‹ Informationen –, ein Impressum mit festgelegten Angaben zum Betreiber der Site haben. Fehlt ein solches, ist ohnehin Vorsicht geboten. Wer sich im Internet etwas auskennt, kann über den »Whois«-Dienst den Eigentümer der Domain, also der Internet-Adresse, ermitteln. Nicht immer lassen sich jedoch damit Rückschlüsse ziehen, wer wirklich hinter dem Angebot steckt.

Vorsicht auch in Newsgroups, Foren und Chats. Hier empfiehlt es sich, erst mal eine Weile mitzulesen, statt gleich einer anonymen Community sein Herz auszuschütten oder drauflos zu schimpfen. Zum einen kann das zur fiesen Falle werden, denn viele Foren- und Chatbetreiber speichern die Absenderadresse. Zum anderen werden in den Usenet-Newsgroups alle Postings über Jahrzehnte archiviert und sind beim Suchdienst Google jederzeit abrufbar. In einer heftigen Krise hilft letztlich am besten das persönliche Gespräch mit einer Vertrauensperson. Ist die gerade nicht zur Hand, kann der Konflikt eventuell im kleinen Kreis einer geschlossenen Mailingliste erörtert werden. Die ›eierlegende Wollmilchsau‹ gibt's nur gegen Kohle auf dem Psychomarkt.
 
 

Ausgewählte Links zu so genannten Sekten und Psychogruppen:

Whois-Dienst, um Inhaber von Internet-Adressen (Domains) zu ermitteln:
Abfrage von WHOIS-Datenbanken: www.iks-jena.de/cgi-bin/whois (Wichtig: Im Eingabefeld "http://" und "www" weglassen!)
 
 



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