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Klaus Karbe und Manfred Müller-Küppers: Destruktive Kulte, 1983
Gesellschaftliche und gesundheitliche Folgen totalitärer pseudoreiliöser Bewegungen
Verlag für Med. Psychologie  Göttingen 1983
Das Buch dokumentiert eine Tagung der AGPF im Herbst 1981

Dr. Klaus Karbe (13.10.1924 bis 20.9.2006) hat 1978 die AGPF gegründet und war bis 1984 Vorstand.

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Aus diesem Buch:


Karbe u. Müller-Küppers:
Destruktive Kulte
Gesellschaftliche und gesundheitliche Folgen
totalitärer pseudoreligiöser Bewegungen
Verlag für Med. Psychologie  Göttingen 1983
ISBN 3-525-45227-6

Vorwort und Inhalt des Buches
 



Vorwort

Als die ,,Aktion für geistige und psychische Freiheit - Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen e.V." in Bonn im Herbst 1981 zu einer Internationalen Tagung mit dem Thema ,,Die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgen neuer totalitärer religiöser und pseudoreligiöser Bewegungen" einlud, begründete sie ihr Vorhaben wie folgt:

,,Seit den 60er Jahren gewinnen neuartige religiöse Gruppierungen an Einfluß in allen Industriestaaten. Ihre Organisation und ihre Wirkungen entsprechen z.B. den Kriterien, die der amerikanische Psychologe Robert Lifton für totalitäre politische Gruppen entwickelt hat. In der Tat ist der Einfluß der sog. Neuen Jugendreligionen oder ,,destruktiven Kulte" auf ihre Mitglieder tiefgreifend und hat erhebliche Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur des einzelnen zur Folge. Die sich daraus ergebenden Gefahren auch für Freiheit und Demokratie sind nicht zu verkennen.

Die neuen Kulte nutzen die in den Industriegesellschaften wachsende Tendenz unter jungen Menschen, den Problemen und Spannungen in der Gesellschaft auszuweichen. Gewalttätigkeit, Alkoholismus und Drogensucht mögen ein Aspekt dieses Ausweichens sein, aber Gruppenzugehörigkeit und Gruppenzwang bedrohen Kultur und Gesellschaft ebenfalls.
Die Tagung soll sich mit den Erfahrungen befassen, die mit den jungen Menschen in totalitär-religiösen Gruppen in der Bundesrepublik und in anderen Staaten bisher gemacht wurden. Insbesondere sollen folgende Probleme erörtert werden:

1. Inwieweit tragen die Gruppen durch ihr Verhalten, z.B. durch bestimmte Psychotechniken, dazu bei, daß Menschen sich von der Gesellschaft abwenden und sich dem Zwang einer Gruppe unterwerfen?

2. Welche Auswirkungen hat die Zugehörigkeit zu Kulten, auch solchen meditativen Charakters, auf die Psyche der Klubmitglieder? Bewirkt die Zugehörigkeit psychische Pathologien?

3. Welche Chancen bestehen, sich aus den Kulten zu lösen oder daraus gelöst zu werden?
4. Warum gehen junge Menschen in Kulte? Inwieweit liegen Dispositionen dafür in dem einzelnen vor? Inwieweit sind gesellschaftliche Umstände die Ursache?
5. Welche Maßnahmen muß die Gesellschaft treffen, um ehemalige Kultmitglieder wieder zu integrieren?
6. Welche Gefahren bestehen für die Gesamtgesellschaft, wenn totalitär-religiöse Gruppen weiter an Einfluß gewinnen?"

Mit der Fragestellung unterschied sich die Tagung vom 20.-22. November 1981 in Bonn grundsätzlich nicht von einer Fachtagung, die im Februar 1978 in der Medizinischen Hochschule Hannover mit dem Thema ,,Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Jugendreligionen" durchgeführt worden war. Veranstalter waren damals die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Anm. 1). Das Phänomen der ,,Jugendreligionen" oder ,,Jugendsekten" war damals nur verhältnismäßig wenigen Menschen bekannt, nämlich Personen, die mittelbar oder unmittelbar von solchen Gruppen betroffen waren, oder solchen, die sich beruflich - wie z.B. einige Ärzten, Psychologen, Pädagogen - mit den Auswirkungen zu befassen hatten.

Inzwischen ist die neue (pseudo-)religiöse Bewegung als gesellschaftliches Problem weithin erkannt worden. Man hat allerdings auch sehen gelernt, daß die Begriffe Jugendreligionen, Jugendsekten - so sehr sie noch vor 10 Jahren ihre Berechtigung gefunden haben mögen - den Tatbestand nicht mehr genau treffen. Die Altersstruktur der Gruppen hat sich nach oben hin verändert. Die Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen nennt daher diese Gruppen in Anlehnung an den in den USA üblichen Sprachgebrauch ,,destruktive Kulte" und meint damit die ,,neuen totalitären religiösen und pseudoreligiösen Bewegungen". Die Destruktivität totalitärer Heilsbewegungen braucht in Deutschland nach den Erfahrungen des Dritten Reiches nicht näher erläutert zu werden. Diese Erfahrung hat allerdings die Deutschen nicht gegen die Verführung durch Heilsbewegungen ob sie nun religiös verbrämt sind oder nicht, immun gemacht.

Tiefgreifende Folgewirkungen auf den einzelnen wie auf die Gesellschaft insgesamt muß auch das Eindringen ostasiatischer ,,Spiritualität" in den letzten beiden Jahrzehnten im Westen haben, das möglicherweise den Charakter eines Kulturschocks annehmen könnte.

Die Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen ist, wie der Name schon sagt, ein Zusammenschluß von Initiativen betroffener Eltern und ehemaliger Kultmitglieder. Ihr gehören auch engagierte Einzelpersonen an, die die Ziele der Arbeitsgemeinschaft fördern, nämlich religiösen und ideologischen Mißbräuchen entgegenzutreten, durch die vor allem junge Menschen geistig und seelisch Schaden leiden. Die Arbeitsgemeinschaft wurde 1977 in Bonn gegründet und ist seit 1978 eingetragener Verein und wird steuerlich als gemeinnützig anerkannt. Sie erhält finanzielle Zuwendungen von der Bundesregierung. Auch die Tagung im November 1981 wurde von der Bundesregierung finanziell gefördert. Die Tagung wurde ferner von der Bundesärztekammer, der Bundesvereinigung für Gesundheitserziehung und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie unterstützt.

Die Vorbereitungen zur Tagung verliefen nicht ohne Schwierigkeiten. Besonders die ,,Vereinigungskirche" und die ,,Scientology-Kirche" versuchten die Veranstaltung mit allen Mitteln in der Öffentlichkeit zu diskriminieren oder sogar die Tagung ganz zu unterbinden. Diese Gruppen scheuen bekanntlich kein Mittel, ihren Kritikern das Recht zu bestreiten, sich mit ihnen geistig auseinanderzusetzen, während sie andererseits auf die Religionsfreiheit pochen und mit dieser Begründung alle Freiheiten für sich selbst beanspruchen. Daß Versuche, die Tagung selbst zu stören, in Grenzen gehalten werden konnten, war möglicherweise nur der Tatsache zu verdanken, daß das Tagungshotel in Bonn wegen verschiedener Regierungsveranstaltungen in der fraglichen Zeit unter verstärktem polizeilichen Schutz stand.

An der Tagung nahmen 150 geladene Gäste aus der Bundesrepublik, den USA, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Österreich, Belgien, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz teil. Besondere Beachtung fand die Tatsache, daß Frau Dr. Veronica Carstens, die Frau des Bundespräsidenten, durch ihre Anwesenheit ein Zeichen setzte und als Ärztin ihre Teilnahme am Schicksal betroffener junger Menschen bekundete.

Die Tagung wurde eröffnet durch MdB Friedrich Vogel, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen. Weitere Einführungen erfolgten u. a. durch den Vertreter des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit (BMJFG) und durch den Sozialpolitiker Dr. Norbert Blüm. Beide betonten die Bedeutung der Familie als Gegengewicht gegen die zunehmenden Gefährdungen, denen heranwachsende Menschen heute ausgesetzt sind. Sie setzten jedoch verschiedene Akzente und machten dadurch die Tagung auch zum Podium familienpolitischer Vorstellungen.

Man kann den Hauptteil der Tagung in 4 inhaltliche Abschnitte aufteilen:

1. Referate mit Schwergewicht auf mehr allgemeiner Problemunterrichtung, so die beiden Theologen Johannes Aagaard und Paul M. Zulehner und der Amerikaner Louis J. West.
2. Referate mit dem Schwerpunkt Medizin-Psychiatrie: Manfred Müller-Küppers, Hermann Lang, Eberhard Lungershausen, Claus Haring und John G. Clark.
3. Referate mit psychologischen Aspekten: Klaus Thomas und Marvin
F. Galper.
4. Referate mit pädagogischer Blickrichtung: Herbert Mensen, Wolf v. Freytag-Loringhoven und die Amerikaner Marsha Addis/Meyer Lightman (Anm. 2).

Die Tagung hatte zum Ziel, der Öffentlichkeit zu zeigen, daß die (pseudo-)religiösen Gruppen krank machen können, aber nicht krank machen müssen. Hier kamen den Veranstaltern die Erhebungen des Heidelberger Jugendpsychiaters Müller-Küppers zu Hilfe. Müller-Küppers war in einer mit Unterstützung der Bundesregierung durchgeführten Befragung von Psychiatern, Psychotherapeuten und Psychiatrischen Kliniken zu dem Ergebnis gekommen, daß die Zahl von jungen Menschen, die eine ambulante oder stationäre Hilfe benötigte, ungleich größer als erwartet war. Bei der Befragung konnten natürlich nicht die Betroffenen berücksichtigt werden, die keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen hatten.

Die Tagung diente auch dem Ziel, den internationalen Erfahrungsaustausch zwischen den Referenten und Tagungsteilnehmern zu fördern. Die deutschen Ärzte waren vorsichtig in der Bewertung des gesellschafts- und umweltbedingten Anteils am Krankheitsbild. Die Amerikaner, stärker an Verhaltenswissenschaften orientiert, stellten darauf ab, daß menschliches Verhalten unter gegebenen äußeren Bedingungen modifiziert, ja grundlegend verändert werden könne.

Daß die Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen 1981 auf eine große Anzahl engagierter deutscher Psychiater zurückgreifen konnte, wäre ohne die Tagung 1978 in Hannover nicht vorstellbar gewesen. Die Tagung 1981 wird hoffentlich einen neuen Anstoß für die Erforschung der neuen totalitären religiösen und pseudoreligiösen Bewegungen geben. Da es sich um eine internationale Erscheinung handelt, sind die Wissenschaftler vieler Nationen zur Zusammenarbeit aufgerufen.
Klaus G. Karbe
Manfred Müller-Küppers

Anm. 1 Eine Dokumentation (,,Neue Jugendreligionen") über diese Tagung erschien 1979 in 2 Auflagen im Verlag für Medizinische Psychologie (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht) in Göttingen, Herausgeber: Manfred Müller-Küppers und Friedrich Specht.

Anm. 2 Dieses Referat, das zu spät angemeldet worden war, konnte aus Zeitgründen auf der Tagung von Mrs. Addis nicht mehr vorgetragen werden. Es beinhaltet ein vorbildliches Beispiel, wie Laien und Professionelle gemeinsam ohne nennenswerten Kostenaufwand helfen können, die Probleme junger Menschen, die durch diese Gruppen geschädigt wurden, und ihrer Familien lösen zu helfen.


Inhalt

Einleitende Grußworte von

Friedrich Vogel, MdB (Staatsminister im Bundeskanzleramt)    11

Christian Steiniger (MR, Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit)                        14

Norbert Blüm
 (Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung) 19

Paul M. Zulehner
Orden oder Destruktive Kuite9 22

Johannes Aagaard
Guruismus als hinduistische Gegenmission 34

Louis J. West
Die Kulte als Problem der öffentlichen Gesundheit 47

Manfred Müller- Küppers
Zum Kenntnisstand über Jugendsekten bei niedergelassenen
Nervenärzten und Psychiatrischen Kliniken (Ergebnis einer
Umfrage)
65

Eberhard Lungershausen
Psychiatrische Probleme im Zusammenhang mit den sog. Jugend-
sekten 72

Hermann Lang
Können Jugendsekten krank machen7 79

Claus Haring
Psychische Störungen bei Mitgliedern von totalitären religiösen
Gemeinschaften 87

John G. Clark
Destruktive Kultbekehrung 95
 9
Marvin F. Galper
Extremistische religiöse Kulte und verändertes Bewußtsein 108

Klaus Thomas
Persönlichkeitsveränderungen junger Menschen in destruktiven
Kulten. Von der überwertigen Idee bis zur hypnotischen Gehirn-
kontrolle 116

Herbert Mensen
Materialien und Kritikansätze zum Thema:
Totalitätsansprüche an das Gesundheitswesen
 (dargestellt am Beispiel der TM)       126

Wolf Frhr. von Freytag-Loringhoven
Frühestprophylaxe als Prinzip moderner Gesundheitserziehung .. 140

Marsha Addis und Meyer Lightman
Die Kultklinik des Jewish Family Service (Jüdischen Familien-dienstes) Los Angeles. Hilfe für Familien in Not



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