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Dr. Klaus Karbe: Rehabilitation ehemaliger Mitglieder von Jugendsekten, Amerikanische Erfahrungen, 1981
Herausgeber: AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit e.V., Bonn

Dr. Klaus Karbe (13.10.1924 bis 20.9.2006) hat 1978 die AGPF gegründet und war bis 1984 Vorstand.

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Impressum

Dr. Klaus Karbe:
Rehabilitation ehemaliger Mitglieder von Jugendsekten
Amerikanische Erfahrungen
1981
Herausgeber: AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit e.V., Bonn
 

INHALTSVERZEICHNIS

Dr. Klaus Karbe: Seite 2
Einführung
Dr. John Clark: Seite 9
Untersuchungen über die Wirkungen einiger religiöser Sekten auf Gesundheit und Wohlergehen ihrer Mitglieder. Statement 1976 vor einem Ausschuß im Senat des US-Staates Vermont
Dr. Margaret Singer: Seite 26
Interview 21. Mai 1978 Berkeley/Calif.
Rekrutierungstechniken Seite 28 - de-program Seite 34 -
Schwierigkeiten ehem. Sektenmitglieder Seite 37 zur Sekte Zurückkehrende Seite 42 - Ursachen Seite 43
Dr. Marvin und Judy Galper: Seite 51
Interview 18. Mai 1978 San Diego/Calif.
Kathy Mills: Seite 65
Interview 8. Mai 1978 St. Paul/Minnesota
Neu  und Ann Maxwell: Seite 85
Interview 20. Mai 1978 Berkeley/Calif.
Dr. George Swope: Seite 105
Interview 12. Juni 1978 Valhalla N.Y.
Rehabilitationszentrum Seite. 106 - Zur Sekte Zurückkehrende Seite 106 - Deprogrammierung und Rehabilitation Seite. 108 - Rehabilitation und Religiosität Seite 109 - Organisation Seite 113 - Prinzipien Seite 117 - Eltern Seite 118 - Rauchen, Alkohol Seite 120 - Sexualität Seite 121 - Planung Seite 121
Joseph Alexander sen.: Seite 123
Interview
Deprogramming Seite 124 - Rehabilitation Seite 125 - Deprogramming Seite 128
Michael Trauscht: Seite 131
Interview 30. Mai 1978 Phoenix/Arizona
Gedankenkontrolle und Pflegschaft Seite 132 - Rehabilitation Seite 133 - Kriterien eines Rehabilitationszentrums Seite 135 - Eltern Seite 138 - Erfolgsquote Seite 139 - Weitere Kriterien Seite 139 - ACLU Seite 140
Gary Scharff: Seite 142
Interview 20. Mai 1978 Berkeley/Calif.
Deprogramming Seite 151 - Folgen des Deprogramming Seite 153 - Grundsätzliche Rechtsüberlegungen Seite 157
Curt und Henriette Crampton: Seite 160
Elternarbeit Seite 161 - US-Politiker Seite 170 - ACLU Seite 173 - APRL Seite 177 - Rechtliche Situation Seite 182 - Deprogrammierung Seite 190 - Rehabilitierung Seite 193
Pater LeBar S.J.: Seite 198
Interview 24. Mai 1978 Los Angeles

Bibliographie (Stand 1978) Seite 202
Ergänzung (Stand 1980)  Seite 209
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 2


 

EINFÜHRUNG

Die in diesem Band zusammengefaßten "Statements" sind das Ergebnis einer Reise durch die Vereinigten Staaten von Amerika im Frühjahr 1978, ein halbes Jahr vor dem Debakel im Urwald von Guyana. Sie beruhen, mit einer Ausnahme (Dr. Clark) , auf Interviews, die ich mit Kennern der Sekten in Amerika geführt habe. Persönlich in meiner Familie von einer dieser Sekten betroffen, die in den USA als "destruktive Kulte" bezeichnet werden, wollte ich wissen, wie ein junger Mensch, der in einer solchen Sekte gewesen war, sein Leben wieder zu bewältigen lernt. Da die Kulte sich in Amerika zum Teil schon 10 Jahre früher als bei uns entfaltet hatten, war anzunehmen, daß man dort auch in der Diagnose und der Therapie der Krankheit ein Stück voran war.

Das Problem ist das folgende: Die Schwierigkeiten von Jugendlichen sind keineswegs dadurch aufgehoben, daß sie sich physisch und geistig von einer Sekte, die die Voraussetzungen eines "destruktiven Kults" erfüllt, lösen (wobei es gleichgültig ist, ob sie sich aus eigenen Stücken oder mit Hilfe Dritter davon befreit haben). Nach den bisherigen Erfahrungen können die Psychiater, die in solchen Fällen häufig angesprochen werden, den Betroffenen und ihren Familien kaum helfen. Soweit Psychiater oder Psychologen gesprächstherapeutisch vorgehen, fehlen ihnen die Kenntnisse der besonderen Kult-Problematik oder sie bestreiten, daß es dabei überhaupt eine spezielle Problematik gibt. Soweit Antipsychotika eingesetzt werden, tritt meist das Gegenteil ein, indem vorhandene Depressionen sich verstärken.

In den Vereinigten Staaten sollte es, wie ich gehört hatte, "Rehabilitationszentren" geben, wo ehemalige Mitglieder destruktiver Kulte eine spezielle, vom
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 3


 

Psychiatrischen zu unterscheidende Betreuung und Behandlung erhalten sollten. Erfahrungen insbesondere hierüber möglichst an Ort und Stelle zu sammeln, war Ziel meiner Reise.

Ich fand Amerika - nach einem Abstand von 14 Jahren -in einem Zustand großer geistiger und politischer Verunsicherung, die sogar die Fundamente bisher so fester Institutionen wie Ehe und Familie bedroht. Zugleich war ich überrascht - das konnte aber bei dem verbreiteten Pessimismus nicht verwundern - das Land von einer christlichen Erweckungsbewegung überschwemmt zu sehen. Mehr als 30 Millionen Menschen sollen von dieser Welle schon erfaßt sein. Die Bewegung vollzieht sich innerhalb der traditionellen Kirchen, aber noch stärker außerhalb von ihnen.

Bei einem solchen Klima in den USA überrascht es nicht, daß Gurus, Propheten, Messiasse und dergleichen mehr - in ruhigen Zeiten unbeachtet - großen Zulauf finden. In den USA soll es 3000 und mehr neue Kulte geben, die meisten mit einem Führer an der Spitze, der die absolute Wahrheit zu besitzen beansprucht, ein entsprechendes Heilsrezept für die Lösung aller Probleme der Menschheit anbietet und absolute Unterwerfung von seinen Anhängern fordert und auch erreicht.

Die meisten Kulte sind sehr klein und in ihrer Struktur und Wirkung harmlos. Aber einige sind sehr bekannt geworden. Sie sind inzwischen reich und mächtig geworden und haben sich über Europa und andere Erdteile ausgebreitet.
 

Die Interviews haben den Charakter von Statements dadurch erhalten, daß ich meine eigenen Fragen und Beiträge, weil von untergeordneter Bedeutung, gestrichen habe. Im übrigen sind die Beiträge nach sachlichen
 



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Gesichtspunkten gegliedert und von mir gestrafft worden, wobei ich mich bemüht habe, die sprachliche Eigenart der Befragten zu bewahren.

Drei Beiträge stammen von Wissenschaftlern, nämlich von Dr. John Clark (Cambridge), Dr. Margaret Singer (Berkeley) und Dr. Marvin Galper (San Diego). Das Statement von Dr. Singer ist bereits in dem Bericht über die Tagung in Hannover im Februar 1978 abgedruckt ("Neue Jugendreligionen", Herausg. M. Müller-Küppers und F. Specht, Göttingen 1979) , beruht aber auf einem Interview, das sie mir im Mai 1978 gewährte. Das Statement von Dr. Clark ist nicht identisch mit dem Referat, das er auf der Hannoverschen Tagung hielt. Es handelt sich um ein für den Leser leichter verständliches Statement, das er 1976 in einem Senatsausschuß des US-Staates Vermont vortrug. Obwohl es schon an anderer Stelle in der Bundesrepublik gedruckt erschienen ist, gehört es in die Reihe der übrigen Beiträge hinein, weil es sachlich zur Abrundung dazugehört.
 

Die übrigen Statements stammen von sonstigen Sektenexperten. Kathy Mills (Minneapolis) , Neil Maxwell (Berkeley), Dr. George Swope (Valhalla N.Y.) und Joseph Alexander (Tucson/Arizona) haben sich mit Rehabilitierung befaßt oder befassen sich noch damit. Michael Trauscht (Phoenix/Arizona) ist der Promoter der befristeten Aufenthaltspflegschaft (conservatorship) bei amerikanischen Gerichten. Gary Scharf f (Berkeley) verfügt als ehemaliges Mitglied über beste Kenntnisse der inneren Strukturen eines destruktiven Kults. Curt und Henrietta Crampton (Redondo Beach/Calif.) sind betroffene Eltern und hervorragende Kenner der Kultszene an der Westküste. Pater LeBar (New York), den ich zufällig auf dem Flughafen in Los Angeles traf, vertritt die katholische Kirche in Sektenfragen.
 



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Bei der "Rehabilitation" ehemaliger Mitglieder destruktiver Kulte sind - das habe ich bei meinen Interviews gelernt - mindestens zwei Stadien zu unterscheiden. Hat sich ein Mitglied geistig aus der Versiegelung durch den Kult gelöst - aus eigener Kraft oder mit Hilfe Dritter - befindet es sich in einer vorübergehenden Phase, die man "floating period" nennt. In dieser Phase bedarf der Betreffende intensiver emotionaler und geistiger Zuwendungen. In der darauf folgenden Periode hat er sich vielleicht äußerlich der gesellschaftlichen Wirklichkeit angepaßt, geht einer Arbeit nach oder setzt seine Ausbildung fort, dennoch hat er Probleme, die er geistig aufarbeiten muß (manchmal gibt es daneben psychiatrische Probleme). Zur Aufarbeitung spezifischer sektenbedingter Probleme genügt in dieser Phase eine mehr oder weniger lose Betreuung durch darin erfahrene Personen, möglichst in Verbindung mit anderen "Ehemaligen

Als eine erste Phase der Rehabilitation könnte man eventuell auch das sogenannte "deprogramming" ansehen, d.h. die Befreiung von Sektenmitgliedern aus der Versiegelung mit Hilfe von Dritten. Bei meinen Interviews konnte es nicht ausbleiben, daß mir meine Interviewpartner auch etwas über das interessante Phänomen des "snapping", d.h. des Umbrechens in die Wirklichkeit, und über die Technik, die dazu führt, berichteten.

Meine anfängliche Skepsis gegenüber dem Deprogrammieren ist gewichen, nachdem mir klar geworden ist, daß es sich dabei um nichts weiter als um ein intensives Argumentationsgespräch handelt (dessen Schwierigkeit allerdings darin besteht, daß ein versiegeltes Sektenmitglied sich nicht freiwillig solchen Gesprächen stellen wird, solange es durch die Sekte kontrolliert wird).
 



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Der Leser der Statements wird feststellen, daß die Befragten, die sich in den USA mit Rehabilitation befassen, in wenigen Punkten unterschiedlicher Meinung sind, z.B. in der Frage, ob man einem "Ehemaligen" als Ersatz für den verlorenen Kult-Glauben einen anderen religiösen Glauben bieten soll oder nicht, oder in der Frage, ob Voraussetzung einer "Entsiegelung" die Lösung psychiatrischer Probleme ist oder umgekehrt. Diese und andere Probleme, die sich aus den Berichten ergeben, tragen - so hoffe ich - dazu bei, daß sich Interessierte auch bei uns in Deutschland theoretisch oder praktisch damit befassen.

Über die Gespräche hinaus, die ich mit Sektenexperten führte, habe ich in den Vereinigten Staaten noch andere einschlägige Erfahrungen gesammelt. In Washington war es mein Wunsch, Einstellungen und Urteile von Persönlichkeiten aus dem Regierungsbereich zum Kultphänomen und hier besonders zu rechtlichen Problemen kennenzulernen. Ich habe in Washington niemanden getroffen, der Zweifel an seiner grundsätzlich ablehnenden Haltung gegenüber den destruktiven Kulten gelassen hätte. Freilich erfuhr ich auch, daß die Politiker ängstlich sind, das Problem öffentlich anzupacken. Dabei ist es weniger der Erste Zusatzartikel (Amendment) zur US-Verfassung, der das Grundrecht der Religionsfreiheit beinhaltet, als vielmehr die extrem weite Interpretation dieses Grundrechts durch eine mächtige Organisation, die "American Civil Liberties Union" (ACLU). Die ACLU ist besonders durch ihren Kampf um die rassische Gleichberechtigung der Farbigen bekannt geworden. Heute hat es bei dem Zaudern der Politiker und staatlichen Institutionen manchmal den Anschein, daß eine Mafia sich nur den Mantel einer Religion umzuhängen braucht, um ungehindert durch staatliche Kontrolle ihre außerreligiösen Ziele zu verfolgen.
 



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In Washington hatte ich Gelegenheit, an einer in der Öffentlichkeit sehr beachteten Pressekonferenz eines Untersuchungsausschusses des US-Kongresses teilzunehmen. Dieser Ausschuß hatte sich mit den außenpolitischen Beziehungen der USA zu Süd-Korea zu befassen. Dabei war Gegenstand der Untersuchungen auch die Rolle, die dabei Mr. Mun, der "Messias" der sog. Vereinigungskirche, und seine Organisation gespielt haben. Mun hatte sich einer Zwangsladung, als Zeuge vor dem Ausschuß auszusagen, mit dem Argument entzogen, daß das Grundrecht der Religionsfreiheit keine Untersuchung von Aktivitäten religiöser Gemeinschaften oder ihrer Stifter erlaube, und war - angeblich - ins Ausland gereist. Das im Herbst 1978 veröffentlichte Ergebnis der Untersuchungen war ein Bericht, der auch die Gesetzesverletzungen hervorhob, deren Mun und seine Organisation sich in den USA schuldig gemacht haben.

Tief beeindruckt war ich von dem zähen Kampf der Elternvereinigungen in den USA um die von den destruktiven Kulten bedrohte Zukunft ihrer Kinder. In Berkeley und Minneapolis konnte ich an Treffen teilnehmen, die die dortigen Initiativen aus Anlaß meines Besuches veranstaltet hatten. Bei beiden Treffen standen jeweils fünf ehemalige Kultmitglieder im Mittelpunkt, die über ihre Erlebnisse in den Kulten, denen sie angehört hatten, berichteten. Einige von ihnen waren bemerkenswerte Persönlichkeiten. Bei dem Treffen in Minneapolis wurde ich von anwesenden Journalisten über meine Meinung befragt. Ich versuchte, deutlich zu machen, daß wir in Deutschland es vielleicht etwas leichter hätten, das Kultphänomen zu begreifen, da wir die Erfahrungen der Hitler-Zeit gemacht hätten. Totalitäre Gruppen, die die Grundrechte abschaffen würden, wenn sie über die Macht im Staate verfügten, könnten ihrerseits nicht den vollen Schutz der demokratischen
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 8

Grundrechte beanspruchen. Dafür habe unsere Verfassung, das Grundgesetz, sogar Vorsorge getroffen. Solchen Gruppen seien bei uns die Entwicklungsmöglichkeiten, insbesondere der Weg zur politischen Macht, versperrt. Die destruktiven Kulte seien totalitäre Organisationen, die - wie es die Eigenart dieser Organisationen sei - neben ideologischer und wirtschaftlicher Macht auch die politische Macht anstrebten.

Es bleibt mir am Schluß nur noch übrig, allen meinen Dank auszusprechen, die meine Arbeit so vertrauensvoll unterstützt haben, vor allem meinen amerikanischen Interviewpartnern, aber auch der Hauni-Stiftung in Hamburg-Bergedorf, die mich finanziell unterstützt hat, sowie den Übersetzern, die sich in die ihnen teilweise fremde Materie so gut eingefühlt haben. Ich danke ferner der "Aktion für geistige und psychische Freiheit - Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen e.V." in Bonn, daß sie die Herausgabe meiner Arbeit übernimmt. Ich hoffe, daß meine Arbeit dazu beiträgt, der wachsenden Anfälligkeit besonders jüngerer Menschen für religiösen und politischen Totalitarismus entgegenzuwirken.

Bonn, Januar 1981
Klaus Karbe
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 9


 
 

DR. JOHN G. CLARK

Statement 1976

Dr. John G. Clark jr. ist Psychiater und Professor an der Harvard Medical School. Der folgende Beitrag ist ein Statement, das er 1976 vor einem Ausschuß des Senats im US-Staat Vermont vorgetragen hat. Der Ausschuß arbeitete damals an einem Gesetzentwurf, der die Möglichkeit einer befristeten Vormundschaft oder Aufenthaltspflegschaft (conservatorship), unter anderem für Mitglieder in destruktiven Sekten, vorsah. Dr. Clark ist seit 1976 wiederholt als Gutachter vor amerikanischen Gerichten sowie vor Parlaments- und Regierungsausschüssen aufgetreten. Grundsätzlich neue Erkenntnisse sind in der Zwischenzeit wohl nicht hinzu gewonnen worden. 1978 trug Dr. Clark sie erstmalig in der Bundesrepublik vor. Das war auf der von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Jugendpsychiatrie veranstalteten Fachtagung über "Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Jugendreligionen" in Hannover am 23./24. Februar 1978. Dr. Clark's Referat "Der künstliche gesteuerte Wahnsinn" ist in dem von Manfred Müller-Küppers und Friedrich Specht herausgegebenen Tagungsbericht abgedruckt (vgl. "Neue Jugendreligionen", Verlag für Medizinische Psychologie im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen, 1979, 5. 85 ff.). In seinem Referat entwickelt Clark eine Hypothese über die physiologischen Vorgänge, die im Gehirn eines Menschen stattfinden, wenn dieser einer "coercive persuasion" oder Gehirnwäsche unterworfen wird. Da diese Ausführungen an den Fachwissenschaftler gerichtet sind, wird in dieser Schrift auf das Statement Dr. Clarks' von 1976, das auch ein Nichtfachmann verstehen kann, zurückgegriffen. Dieses Statement, das in der Bundesrepublik erstmalig 1977 bekannt wurde, ist bei uns ein wichtiger Schritt gewesen, das Phänomen der destruktiven Kulte zu verstehen. Abdruck erfolgt mit besonderer Erlaubnis von Dr. Clark.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 10


 
 

John G. CLARK:

Untersuchung über die Auswirkungen einiger religiöser Sekten auf Gesundheit und Wohlergehen ihrer Anhänger

Ich beabsichtige in dieser Erklärung für den Regierungsausschuß von Vermont, die wesentlichen Ergebnisse aufzuzeigen, die nach zweieinhalbjährigen Untersuchungen über die Auswirkungen einer Mitgliedschaft in einigen religiösen Sekten auf die persönliche Gesundheit ihrer Anhänger festgestellt werden konnten. Meine Schlußfolgerungen sind erschreckend: Die Gesundheitsrisiken sind extrem groß. Obwohl ich in erster Linie über die umfassenden Gefahren für die Psyche (mental health) und die persönliche Entwicklung sprechen möchte, muß ich als Arzt die Aufmerksamkeit auf die ebenso ernsten, lebensbedrohenden Gefahren für die physische Gesundheit lenken.

Ich stelle fest, daß "zwanghafte Einflußnahme" (coercive persuasion) und "Techniken zur Umwandlung der Denkungsart" (though reform techniques) mit Erfolg bei naiven und uninformierten Personen angewandt werden und verhängnisvolle Folgen für ihre Gesundheit haben. Ich hoffe, es gelingt mir, hinreichend Informationen zu geben, die belegen, daß weitere Untersuchungen gemacht werden und daß auch die anwendbaren rechtlichen Möglichkeiten überprüft werden müssen.

Aufgrund gezielt gesammelter Einzelheiten (data) während meiner Untersuchungen kann nun eine verhältnismäßig genaue Entwicklung, die die "Verstrickung" (involvement) in Sekten mit sich bringt, beschrieben werden. Ich tue dies, weil ich glaube, daß ich hinreichend beweisen kann, daß die Aktivitäten dieser speziellen Sekten - wir versuchen das Zerstörende daran aufzuzeigen - große Gesundheitsrisiken wie auch viele andere Gesellschaftsprobleme (social concerns) mit sich bringen.

Die "destruktiven" Sekten sind zahlreich.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 11


 

Die bekanntesten sind:  "Hare Krishna", die "Vereinigungskirche" oder "Mun-Sekte", die "Scientologists", die "Göttliche Heilsmission" (Divine Light Mission) und die "Kinder Gottes". Sie alle verwenden die gleichen Grundtechniken. Ich benütze bewußt das Wort "Techniken", da diese Untersuchungen eine Anzahl von technischen Gesichtspunkten zu diesen Problemen zeigen, die verstanden werden müssen und erklärt werden können.

Jede der Gruppen, von der wir sprechen, hat einen Führer, der nachweislich wohlhabend ist. Der Glaube all dieser Sekten ist absolutistisch und anderen Glaubenssystemen gegenüber intolerant. Ihr Führungssystem ist totalitär. Eine der Bedingungen der Mitgliedschaft ist absoluter, unangezweifelter Gehorsam. Ihr Interesse, daß sich der Einzelne innerhalb der Sekte zu einer individuellen, eigenständigen und reifen Persönlichkeit entfaltet, ist aufgrund ihrer Lehrmeinungen (doctrines) nur sehr gering, man kann sagen ,nicht existent". Es ist klar, daß fast alle von ihnen das Geldverdienen, in dieser oder jener Form, sehr hervorheben; einige jedoch scheinen in erniedrigenden oder beschämenden Tätigkeiten und Gebräuchen verstrickt zu sein (involved in demeaning or self denigrating activities and rituals).

Die meisten, die ich geprüft habe, besitzen ein beachtliches Vermögen und Geld, über das die einzelnen Führer unumschränkt verfügen.

Die meisten Sekten, um die es geht, sehen sich selbst als rein religiöse Sekten an, andere wiederum scheinen mehr politisch ausgerichtet zu sein. Eine der wichtigsten, allgemein gültigen Besonderheiten solcher Sekten ist das Vorhandensein eines Führers, der auf die eine oder andere Weise besondere Machtbefugnisse für sich in Anspruch nimmt oder es auch zuläßt, daß man ihn als Messias ansieht. Solche Führer haben besondere, persönliche Fähigkeiten, einschließlich einer einmaligen
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 12


 

Weltanschauung (world view) und einer besonderen Neigung, drastische Veränderungen im Denken und Verhalten ihrer Anhänger zu bewirken.

Es scheint, daß die von diesen Sekten angewandten Techniken sich sehr ähneln, obwohl jede ihre eigene, besondere Prägung hat. Es wäre naheliegend, daß alle diese Sekten, um auf jeden Fall zu überleben, Mittel und Wege ausgearbeitet haben, um Zugang zu "empfänglichen" Personen (susceptible individuals) zu bekommen. Diejenigen, die den Anwerbungsbemühungen unterliegen, sind wahrscheinlich zwei klar gegeneinander abzugrenzende Gruppen. Die erste besteht aus den "Suchenden" - wir kennen sie alle - von denen allgemein, aber zu Unrecht angenommen wird, daß sie die Gesamtgruppe der Beeinflußbaren bilden. Sie sind schizophren, chronisch schizophren  oder Grenzfälle.

Es ist klar, daß Probleme des Gemüts oder der Persönlichkeit Gründe sind, um sich mit solchen Sekten einzulassen, und auch, daß die meisten Fachleute für Geisteskrankheiten zur Zeit nur diesen Grund in Erwägung ziehen. Diese in Sekten "Eingeführten" (inductees) engagieren sich, um sich wohler zu fühlen, denn sie sind besonders unglücklich mit sich und ihrer Umwelt.

Die so motivierten Bekehrungen sind wiederherstellend, sanierend  (restitutive conversions) , denn die Suchenden bemühen sich um ihre Wiederherstellung, indem sie scheinbaren Trost in einer neuen, wenn auch verfälschten Wirklichkeit suchen. Wir finden dieses Bemühen um Wiederherstellung (restitution) auch beim Entstehen der sogenannten Sekundär-Symptome der Schizophrenie oder anderen Formen von Geisteskrankheiten. Dies ist der Versuch eines verwirrten oder geschädigten Geistes (mind) , um eine neue, vereinfachte Geisteswelt (mental world) oder Geistesführung aufzubauen und um das schreckliche Bewußtwerden (oder das aufkeimende Bewußtwerden) einer persönlichen Gefährdung zu kompensieren.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 13


 

Nach meinen Untersuchungen gehören ungefähr 58 % der Sektenanhänger zu dieser ersten Gruppe (der "Schizophrenen") * .

Die restlichen 42 % der untersuchten Fälle waren dagegen nicht krank oder geschädigt in dem Sinne, wie ich es vorher erwähnt habe. Das heißt, sie wurden offensichtlich als sich normal entwickelnde junge Menschen befunden, die die üblichen Entwicklungskrisen auf dem Weg zum Erwachsenwerden durchmachten; die jedoch, aus welchem Grund auch immer, in die von den Sekten aufgestellte Falle geraten waren, die dann zuschnappte.

Untersuchungen zufolge handelt es sich im Durchschnitt um hoch aufgeschlossene Studenten, die die üblichen Trennungsschmerzen von ihren Familien durchmachten, daher die üblichen Depressionen hatten, die neue, klare, etwas hektische Erkenntnisse über die Vielfalt der Aussenweltwirklichkeit erfuhren, wie es die erste Zeit des Universitätslebens mit sich bringt. Da sie der Sekte beitreten, halte ich sie für "anpassungsfähig"; das heißt, sie werden durch die Sekte mit gewissen Problemen konfrontiert und passen sich diesen durch psychisches, soziales und physiologisches Verhalten an, das bei ihnen nicht so pathologisch ist wie in der Gruppe der sich "wiederherstellenden" Bekehrungen (restitutive conversions)

In gewisser Beziehung ist es diese gesündere, "anpassungsfähige" Gruppe, die für den Beobachter im besonderen Maße beunruhigend ist.

Vom Standpunkt des Klinikers aus ist die erste oder
 

_____________________________________________________
*)  H. Lang, Psychiatrische Klinik der Univ. Heidelberg, weist in seiner Untersuchung "Zur Frage der Attraktivität und Pathogenität von Jugendsekten", veröffentlicht in "Der Nervenarzt" 51, 183-187 (1980) darauf hin, daß Clark den sehr weit gefaßten amerikanischen Spektrum-Begriff der Schizophrenie zugrundelegt, der u.a. auch schwere Charakterneurosen, schizoide und paranoide Persönlichkeiten sowie die sog. Borderline-Fälle umfaßt.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 14


 

sich "sanierende" Gruppe (restitutive group) durch den Einfluß der Sekten-Indoktrination und ihrer Methoden sehr gefährdet. Aus langer Erfahrung auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten kann auf viele Weise mühelos gezeigt werden, daß die Schädigungen noch sehr viel größer werden können, wenn ihnen ein Gedanken-Wirrwarr (thougth disorder) von einer Gruppe vermittelt wird, die, sagen wir es kurz, zu logischem Denken unfähig ist (thinking disability).

Ihre Aussichten, je eine gute Beziehung zur Außenrealität zu entwickeln und unabhängige Individuen zu werden, nimmt zwangsläufig im Laufe der Zeit ab. Dies erinnert mich an die chronisch Schizophrenen früherer Jahre, deren psychotische Denkungsart völlig etabliert wurde, wenn sie in die rückwärtigen Abteilungen der Krankenhäuser für eine genügend lange Zeit gebracht wurden, so daß sie schließlich überhaupt nicht mehr richtig denken konnten.

Die gesündere zweite Gruppe, eigentlich theoretisch insgesamt weniger gefährdet, ist leichter zu verstehen; ihre Probleme sind besonders aufschlußreich, was ich versuchen werde, näher zu erklären.

Diese Leute sind meistens aus intakten, idealistischen und gläubigen Familien mit gewissem religiösem Hintergrund. Oft haben sie noch nicht wirklich einen der entscheidenden Schritte zur Unabhängigkeit hin vollzogen; dann verlassen sie ihr Zuhause zu der allgemein üblichen Zeit in dem Glauben, daß sie für die "Freiheit" reif seien. Wenn dieser Glaube durch unsere "gute neue Welt" in Frage gestellt wurde, durch zum ersten Mal erfahrene wahre Rückschläge oder durch irgend eine richtige Krise, werden sie unterschwellig depressiv und auf diese Weise wird ihre Empfänglichkeit für die Durchführung einer Bekehrung geschaffen.

Um Personen in diesem Zustand der Ungeschütztheit (vulnerability) zu bekehren, müssen eine Reihe von
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 15

Gegebenheiten, Verfahren und Ereignissen eintreten, um die totale Unterjochung des Menschen und seines Geistes (person and mind) zu erreichen. Ich will versuchen, dies zu beschreiben.

Der erste Schritt besteht darin, Zugang zu diesen etwaig zu Bekehrenden zu gewinnen. Dies wird zu einer hohen Kunst von allen erfolgreichen Sekten erhoben. Einige haben sogar gedruckte Anweisungen mit der Beschreibung, wo man sich den Reflektanten zu nähern hat, welche Art von anfänglichem Druck auf jeden einzelnen auszuüben ist und welche Wahrscheinlichkeit besteht, eine gewisse Zahl von Konvertiten nach einem bestimmten Maß von richtig ausgeübtem Druck zu gewinnen. Die allgemeine Aufgeschlossenheit und Natürlichkeit der Gruppe trägt zum Erfolg der Anwerbung bei. Hat solch ein Reflektant sich bereit erklärt, die ziemlich einfachen Vorschläge, die von den Vertretern der Sekte gemacht werden, zu prüfen, wird er oder sie in die nächsten, hochgradig mysteriösen und raffinierten Praktiken des Bekehrungsvorganges hineingezogen. Von Anfang an wird mit intensiven Gruppenpressionen, Predigten, Lügen, Unterweisungen, Mißbrauch von Möglichkeiten, zwischenmenschlichem Druck - alles Dinge, die für den Betroffenen unerwartet kommen - gearbeitet.

Singen, Gebete herleiern und eine ständige Aussperrung des Geistes durch Reden, die die jungen idealistischen Seelen gefangen nehmen, werden ständig ins Spiel gebracht. Dies alles ist so intensiv, daß einige, die unter solchem Druck stehen und deren Gefühle leicht zu beeindrucken sind, dazu neigen, in einen Zustand von begrenzter Aufmerksamkeit zu geraten; dies um so mehr, wenn sie mehr und mehr ihren normalen Bezugsrahmen und ihren Schlaf entbehren müssen. Dieser Zustand muß als ein Trance-Zustand bezeichnet werden. Von dieser Zeit an setzt bei den Angeworbenen die Kontrolle über den eigenen Verstand und die eigenen Handlungen teilweise oder vollkommen aus; diese wird jetzt von der Gruppe oder von
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 16


 

demjenigen, der den speziellen Kontakt zu dem Betroffenen hat, übernommen. Diese Einführungsperiode ist auch als "zwanghafte Einflußnahme" (coercive persuasion) bezeichnet worden.

Wenn dieser Zustand der passiven, eingeengten Aufmerksamkeit und Willfährigkeit, beeinflußt zu werden, erreicht ist, fängt die wahre Arbeit der Bekehrung (conversion) - man kann es auch Gedanken-Umerziehung (thought-reform) nennen - ernsthaft an. Dies ist immer ein Programm von unglaublicher Intensität. Während dieser Zeit erhöhen alle Sekten ihren ideologischen Umerziehungsdruck durch verstärkten Gruppendruck. Die Ernährung wird geändert, Elemente von Schuld und Terror werden eingeführt.

Erst vorsichtig, dann verstärkt, dann ganz konkret wird von übernatürlichen Belastungen (pressure) gesprochen, denen man in Zukunft ausgesetzt sein wird. Zahlreiche Verheißungen über Glück und Erlösung werden gegeben; es wird davon ausgegangen, daß die Welt bald untergeht und es ungeheure Belohnungen oder schreckliche Strafen für Gläubige und Ungläubige geben wird. Unausgesprochene Drohungen sind manchmal in zunehmendem Maße körperliche oder ausgesprochen körperliche Drohungen. Predigten von allen Seiten; die Überwachung ist allgegenwärtig, eine private Sphäre wird weder für Geist noch Körper erlaubt; dies erstreckt sich auch auf den Gebrauch des Badezimmers. Alle Beziehungen zu anderen Menschen werden reglementiert und typisiert, und es wird kein Spielraum für persönliche Eigenheiten gewährt. Die "Opfer" werden veranlaßt, raschestens alle vertrauten und geliebten früheren Dinge - Eltern, Blutsverwandte, Zuhause, Stadt, etc. - aufzugeben, und ihr Körper und ihr Geist werden in eine so fremde Umgebung versetzt, daß man es sich kaum vorstellen kann. So wird es in zunehmendem Maße schwierig für sie, in ihrer Vorstellung zu rekonstruieren, was sie vor einiger Zeit erlebt haben.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 17

Das Gegenwärtige wird zur Realität und schließt alle Elemente des Übernatürlichen, Magischen, erschreckenden Denkens ein, das ständig, überall um einen herum ausgesprochen wird. Es  wird kein Raum mehr gelassen, die Wirklichkeit zu erspüren und sich in ihr zu erproben.

Vielleicht ist ein ebenso wichtiger Faktor - wie alle anderen - daß die Grundlage der Sprache des Einzelnen, die ja vom frühesten Alter an sein Bewußtsein und sein Menschsein prägten, langsam und vorsätzlich geändert wird. Alle Worte aus dem emotionalen Bereich werden irgendwie umgedeutet, übervereinfacht, die neue Begriffsbestimmung ist von besonderer Art. Für jeden gibt es mehr und mehr Aufgaben zu lernen, zu studieren, zu begreifen, und weniger Zeit, daran zu denken, daß es jemals eine Vergangenheit gab.

Zu diesem Zeitpunkt bezeichnet die Indoktrination die Eltern als vom Teufel beeinflußt und die Elternschaft wird auf die Führer der Sekte übertragen. Anstelle des Wunsches, nach Hause zurückzukehren, schiebt sich die ausschließliche Autorität der Sekte und ihrer Führer; zur gleichen Zeit schwindet aus dem Bewußtsein Sinn und Wert einer Ausbildung und die Notwendigkeit, in die Schule zu gehen. Diese grundlegende Veränderung der Einstellung, der Loyalität und der Denkungsart vollzieht sich gewöhnlich innerhalb weniger Tage oder einiger Wochen.

Von diesem Zeitpunkt an ist die Aufrechterhaltung dieses Geisteszustandes offensichtlich ziemlich einfach. Wenn man den früheren, vertrauten Lebensraum zugunsten einer neuen Glaubensgemeinschaft verläßt, wenn die Anerkennung einer neuen Familie zusammen mit neuen Begriffsauslegungen über Liebe sich mit der Absage an die leiblichen Eltern verbindet, so verleitet all dies einen Einzelnen zu der Annahme, daß alle diese Brücken zu der Vergangenheit abgebrochen sind und daß wirklich ein sehr tapferer Aufbruch in eine neue Welt gemacht worden ist. In einigen Sekten werden den Mitgliedern hingebungsvolles Singen und Meditationsübungen beigebracht, die im Falle irgendeines Angriffes auf ihren Glauben alle Gedanken und Zweifel zum Verstummen bringen.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 18

Andere können offensichtlich in einen Trancezustand zurückkehren, der von einem verminderten Realitätsbewußtsein begleitet ist; dies erfolgt in dem Augenblick, da jemand ihren Glauben herausfordert oder anzweifelt. Sie werden dann in ihrer Sekte auf die nächste Stufe oder Ebene gehoben, sei es als Bekehrer, Geldsammler oder Müllmänner.

Meiner Meinung nach wird wahrscheinlich das letzte Stadium dieser Entwicklung von beiden Gruppen, den angepaßten (adaptive) wie den wiederhergestellten (restitutive) nach 4 bis 7 Jahren erreicht. Dieses wäre "Rückentwicklung durch Sekteneinwirkung" (acculturation) und wäre unwiderruflich. Dieser Zustand kann mit dem eines unbehandelten Schizophrenen verglichen werden, der ohne entsprechende Hilfe in eine Art persönlicher Entartung (personal degration) hineingleitet, die unangefochten und zu gegebener Zeit unbehandelt schließlich zum Dauerzustand wird. Jeder, der versucht, einen Menschen aus diesem angenommenen Zustand des Denkens und Verhaltens herauszuholen, wird sich, wie wir auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten wissen, wie der echte Feind seines Patienten fühlen. Meiner Meinung nach, ich möchte dies nochmals wiederholen, kann diese neue Denkungsart unwiderruflich werden.

Ehe dieser Endzustand eintritt, scheinen sich die Sektenmitglieder als zwei Persönlichkeiten zu empfinden, die ursprüngliche und die aufgezwungene. Die ursprüngliche ist vielschichtig, voll von Liebesbeziehungen und im besonderen mit einer aussagefähigen Sprache begabt.

Dieser reiche Wortschatz wird plötzlich von den Eltern vermißt, wenn sie zum erstenmal ihre "umgewandelten" Kinder sehen. Ihre Reaktion darauf ist verständlicherweise Entsetzen. Sie erkennen und stellen vollkommen richtig erschreckende, plötzlich entstandene und unannehmbare
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 19


 

Veränderungen in der Sprechweise und in der Art des Erzählens fest. Auch eine Verengung und Verarmung der Denkvorgänge wird bemerkt. Wirklich intelligente, redegewandte und schöpferische junge Menschen verlieren jede sprachliche Differenzierungsm6~lichkeit. Sie werden unfähig gemacht, in ihrer Sprache Ironie oder Sinnbilder zu verwenden. Sie sprechen mit einem kleineren, vorsätzlich beschränkten Vokabular voller Klischees und eingefahrener Gedankengänge. Sie scheinen auch große Schwierigkeiten zu haben, abstrakt zu denken oder zu argumentieren. Sie können nicht mehr lieben, es sei denn klischeehaft und in vorgezeichneten Formen. Fast alle Sprachsymbole, die in der emotionalen Sphäre liegen, werden umgedeutet. Eltern bemerken dies lange, bevor Fachleute es wahrnehmen, weil sie keine umständlichen und komplizierten Maßstäbe anwenden müssen, um das Sprachverhalten zu analysieren. Ihre Erinnerung und ihr Einfühlungsvermögen genügen.

Der Beweis für das, was ich Persönlichkeitsveränderung nenne - wir in der Psychiatrie bezeichnen es als "Entpersonalisierung" - stammt aus verschiedenen Beobachtungsmethoden. Als erstes ist zu sagen, daß trotz der offenkundigen und klassischen Schizophrenie bei den meisten "Bekehrten" der herbeigeführte Geisteszustand nicht auf die wirkungsvollsten antipsychotischen Medikamente oder irgendeine andere Art der Behandlung anspricht. Mit diesen Mitteln ist es den Psychologen nicht möglich, einen normalen Denkprozeß wiederherzustellen. Dies um so mehr, als wir nach den zur Zeit geltenden Gesetzen den physischen Gewahrsam (physical control) nicht lange genug aufrechterhalten können, um Konfrontationstherapien (confrontation therapies) einzuleiten; eine Therapie, die Erfolg bringen könnte, um das ursprüngliche Persönlichkeitsbild wiederherzustellen, wie dies bei den Kriegsgefangenen in Korea gemacht wurde.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 20


 

Antipsychotische Medikamente sind immer noch wirksam bei der Behandlung von akuten Psychosen; sie haben aber keinen Einfluß auf die "geistige Umwandlung" dieser genannten Personen. Der zweite und zwingende Beweis, daß es sich hier um eine "Entpersonalisierung" handelt, ist die Tatsache, daß dieser Bekehrungszustand (thought reform state) dramatisch geändert wird durch eine Deprogrammierung.   Darüber weiß man heute bereits sehr viel. Ich kann diese Methode aber - aus rechtlichen Gründen - in den meisten Fällen nicht als Therapie empfehlen. Die Deprogrammierung, wie sie zur Zeit durchgeführt wird, bewirkt meistens eine rasche Rückkehr zu der ursprünglichen geistigen Verfassung (the old organisation of the mind). Eine Wiederherstellung der Persönlichkeit erfolgt, die frühere Sprachgewandtheit stellt sich ein, Erinnerungen kehren wieder, die ursprünglichen Bindungsformen - aber auch die alten Probleme - sind wieder da.

Weiterhin ist stets festgestellt worden, daß einige Zeit nach der Deprogrammierung die betroffenen Personen ungefähr während eines Jahres sehr gefährdet (vulnerable) sind. Besonders während der ersten Wochen, es können auch zwei Monate sein, leben sie in zwei verschiedenen geistigen Welten. Ihrem starken Drang, zur Sekte zurückzukehren, kann durch logisches Argumentieren und Debattieren entgegengearbeitet werden. Es kann auch die große Furcht von ihnen genommen werden, daß sich nochmals jemand von außen ihres Willens bemächtigt. Während dieser Zeit kann ein früher der Sekte Zugewandter rasch wieder eingefangen werden, sei es durch einen plötzlich auftauchenden Impuls oder indem er wieder in einen Trancezustand abgleitet. Dies kann durch ein besonderes Wort, ein Musikstück, durch Gesang oder durch eine Gruppe der Sekte herbeigeführt werden. Im allgemeinen aber, nach Rückkehr zu der der Persönlichkeit ursprünglich entsprechenden Geistesverfassung, scheinen die Probleme
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 21


 

des einzelnen jetzt normale Gesundheitsprobleme zu sein. Meistens sind es deprimierte, erschöpfte Menschen, die kürzlich eine akute Psychose durchgemacht haben und die spüren, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben das klare Gefühl für Realität verloren hatten und nicht mehr Herr ihrer Selbst waren. Sie schämen sich dessen, was sie getan haben, und des Schmerzes, den sie anderen bereitet haben; sie werden sehr furchtsam und sind eine Zeitlang unfähig, ihr Leben erfolgreich in die Hand zu nehmen.

Für diejenigen, die psychotisch wurden oder Selbstmordversuche begangen haben, ist selbst ein kurzer Verbleib in der totalen Abgeschlossenheit der Geistes- und Gesellschaftswelt der Sekte von größtem Unglück. Eine längere Mitgliedschaft in der Sekte scheint meiner Meinung nach  die Bereitschaft zu erhöhen, das eigene Bewußtsein unter Fremdüberwachung zu stellen (Überwachung durch die Sekte). Dies führt nach und nach zu verringerter Denkfähigkeit, die noch notwendig wäre, um mit den Komplizierten und vielschichtigen Zukunftsproblemen des Lebens "draußen" fertig zu werden. In diesem Zustand scheint der Verstand eine ganze Anzahl von I.Q. zu verlieren. Die Fähigkeit, flexible menschliche Bindungen zu knüpfen oder gar sexuelle Bindungen einzugehen, ist beeinträchtigt. Es ist schwer, den Realitätsbezug herzustellen, das Urteilsvermögen ist schlecht.

Ein Einzelwesen, ob männlich oder weiblich, selbst wenn es nur geringen Schaden an seiner Psyche genommen hat, wird voraussichtlich beeinträchtigt in der Gesamtentwicklung zurückgeworfen. Die Reifung zum Erwachsenen kann für immer behindert werden. Außer Frage steht, daß die Fähigkeiten, mit den Gegebenheiten des realen Lebens fertig zu werden, Schaden genommen haben. Der Mangel an Ausbildungs- und Berufserfahrung erhöht und verstärkt das "Verlustbild".
 



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All dies gibt eine ungefähre Vorstellung von dem Phänomen der "Gedankenumformung" (thought reform) , wie sie von den Sekten heute praktiziert wird. Die natürliche Entwicklung dieses Vorgangs und die Wirkungen auf die betroffenen Personen wurde aufgezeigt. Es wurden Untersuchungen an 27 Personen *)  aller Grade der "Verstrickung" in sechs verschiedenen Sekten vorgenommen. Es wurden Interviews mit wesentlich mehr informierten und interessierten Beobachtern gemacht. Der Überblick, der sich ergab, ist wohl fundiert, wenn auch noch unvollständig.

Die Tatsache der Persönlichkeitsveränderung ist, meiner Meinung nach, erwiesen. Ich bin sicher, daß wir es hier mit einem Phänomen zu tun haben, mit dem Fachleute für Geisteskrankheiten (mental health professionals) im Grunde noch nicht vertraut sind. Die Tatsache, daß unsere gebräuchlichen Behandlungsmethoden nicht wirken, ist verständlich; ebenso verständlich sind die erschreckenden Gefahren, die für den persönlichen Reifungsprozeß und für die geistige Gesundheit bestehen.

In diesem Bericht habe ich versucht, das Phänomen der "Verstrickung" junger Menschen in zerstörerischen Sekten zu beschreiben. Die Probleme besonderer Empfänglichkeit für eine Bekehrung wurden beschrieben und zwei Hauptgruppen von Gefährdeten aufgezeigt.

Die natürliche Entwicklung des Beitritts zur Sekte, der Beitritt durch pausenlose Suggestiv-Überredung, der Vorgang einer Umwandlung des Denkens und Handelns und die Aufrechterhaltung dieser Umwandlung wurden dargelegt. Es wurde die Vermutung ausgesprochen, daß man nach einer Anzahl von Jahren dem Sektierertum (acculteration) verfallen ist. Die sehr rasch sich vollziehende katastrophale Wesensveränderung wurde hervorgehoben wie auch viele der daraus resultierenden Begleiterscheinungen, die wiederum im Zusammenhang mit der geistigen

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*)Dies war 1976. Inzwischen hat Dr. Clark seine Erfahrung an einer vielfachen Zahl von Personen erweitern
können.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 23

Gesundheit und der Persönlichkeitsreifung zu sehen sind.

Besonders wichtige Probleme wie Selbstmord, Depression, psychotische Reaktionen und psychosomatische Störungen sind sehr ernst zu nehmen, sie müssen eingehend untersucht und besprochen werden. Außer Frage steht, daß die vielfältigen, ernsten und oft wunderlichen Probleme der physischen Krankheit sorgfältiger Beachtung von seiten der Behörden bedürfen.  Die Probleme der psychischen und physischen Gesundheit - beide durch die Aktivitäten der Sekte geschaffen - sollten viel sorgfältiger im einzelnen von amtlichen Stellen untersucht und erforscht werden. Ich glaube, daß sie aktives Interesse von verfassungsgebenden Institutionen (constitutive authorities) verdienen.

Aus meiner psychiatrischen Praxis, nach vielen Konsultationen mit anderen und nach Durchsicht der entsprechenden Literatur bin ich zu der Ansicht gekommen, daß gewisse neue, religiöse Sekten sehr schädlich für die physische und psychische Gesundheit der Betroffenen sind und daher als potentielle Gefahr für Gesellschaft und Staat, in dem sie ihr Unwesen treiben, angesehen werden sollten. Als Beispiel für solche Sekten möchte ich die Kinder Gottes, Hare Krishna, die Mun-Sekte und die Scientology  erwähnen.

Seelischer Schaden der empfindsamen Bekehrten resultiert aus dem intensiven Gebrauch der bekannten Gesinnungskontroll-Techniken (mind-control), um sie zu verpflichten und sie als Passive zu halten, als Hilfesuchende, Gläubige, die nicht fähig sind, über ihr eigenes Schicksal zu entscheiden. Diese Techniken beinhalten intensiven und verfälschten Gebrauch von
 

Dr. Klaus



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 24

1. der absoluten Isolierung von der Familie,
2. sehr starkem Gruppenzwang,
3. Isolation von vertrauter Umgebung, Bindungen und Ideen,
4. Schlafentzug,
5. strengen Fastenregeln,
6. ständigem Singsang und merkwürdigen Riten,
7. häufigem Zwang und Terror,
8. übermäßigen Keuschheitsregeln, Armuts- und Gehorsamszwang,
9. anderen Mitteln, die bestimmt sind, eine Totalisierung der Sekte zu bewahren.

Jene Mitglieder, die erfolgreich in den Sekten eingeführt sind, geben sowohl ihr Recht auf Privatleben und freie Entscheidung auf, als auch ihre individuelle Wirklichkeitserprobung (Neigung, sich der Wirklichkeit zu stellen) und sind der absoluten Autorität der Sekte  hörig.   Individuelle Gedanken oder unabhängiges Tun ist in keinem Fall gestattet.

Menschen, die sich von den Sekten angezogen fühlen, gehen oft durch sehr verzweifelte Perioden ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung oder haben ernste, irgendwie lähmende Persönlichkeitszerrüttungen. Gewöhnlich entscheiden sie plötzlich, daß eine Sekte ihre Probleme sofort lösen wird  und sie - wie durch Zauber - der Angst vor dem Erwachsenwerden enthebt.

Solange sie in der Sekte sind, wirken viele Mitglieder "wie abwesend" (unreal) und tragen eine muntere Heiterkeit zur Schau, alle Gedankengänge sind einheitlich ausgerichtet und schablonenhaft.

Wenn sie die Sekte aus irgend einem Grund verlassen, durchlebt eine verhältnismäßig große Anzahl der Anhänger "psychotische Symptome" (psychotic symptoms) oder
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 25

körperliche Krankheiten, gefolgt von sechs bis zwölf

Monaten Depression oder relativer Passivität. Während dieser Zeit jedoch scheinen die emotionalen Reaktionen normaler, und die Neigung, sich der Wirklichkeit zu stellen, beginnt wieder. Jedoch werden noch lange starke und irrationale Impulse, zu der Sekte zurückzukehren, verspürt.

Es ist nicht schwierig, die gefährlichen Sekten von den bestehenden religiösen Orden zu unterscheiden, die die Sinne (minds) ihrer Mitglieder nicht versklaven mit solchen raffinierten Techniken oder durch vorsätzliche Isolation und Entfremdung von Familie, Gesetz, Land oder Wirklichkeit.

Solche Taktiken sind direkte Angriffe auf die Gesundheit und können die künftige Entwicklung der Persönlichkeit ernstlich hemmen. Jede Organisation, die solche Methoden anwendet, kann als destruktiv angesehen werden, aber nicht nur von Psychiatern und anderen Ärzten, sondern auch von staatlichen und sozialen Stellen.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 26


 
 

DR. MARGARET SINGER
 

Interview 21. Mai 1978 Berkeley/Calif.
 

Dr. Margaret Singer ist Professorin für Psychiatrie an der University of California in San Francisco und im Fachbereich Psychologie der University of California in Berkeley. Sie tritt oft als Gutachterin in Fragen der Sekten auf. Sie befaßt sich generell mit den Problemen, die durch "coercive persuasion" verursacht werden und hat Erfahrungen gesammelt mit amerikanischen Soldaten, die aus nordkoreanischer Kriegsgefangenschaft heimkehrten, und zuletzt mit den Überlebenden der People's Temple-Sekte in Guyana im November 1978. Sie hat viel veröffentlicht und zahlreiche Wissenschaftspreise erhalten. Das zu einem Statement zusammen gefaßte Interview gab sie in Berkeley am 21. Mai 1978. Es wurde bereits abgedruckt in dem Tagungsbericht über die Fachtagung über Neue Jugendreligionen in Hannover Februar 1978 (Göttingen 1979), obgleich Dr. Singer an dieser Tagung nicht teilgenommen hat. Dr. Singer hat ihr Statement zu einem Aufsatz ausgebaut, der in der amerikanischen "Psychology Today" und in der deutschen Zeitschrift "Psychologie heute" (August 1979, 5. 35 ff.) abgedruckt ist.
 
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 27


 

Margaret SINGER:

Coercive Persuasion und die Probleme der "Ex-Cult Members"
 

Ich habe fast 300 Ex-Cult Members interviewt *),   vorwiegend aus der Unification Church. Sie sind zwischen 16 und 42 Jahre alt und haben zum Teil einer Vielzahl von Kulten angehört. Es gibt etwa neun verschiedene Kultarten: Kulte, die in der Nähe des Christentums angesiedelt sind wie die Unification Church und die Children of God; Kulte, die auf dem Hinduismus basieren; Kulte, die in der Nähe der chinesisch-japanischen Religion angesiedelt sind; Kulte, die dem okkulten Mystizismus und der Magie verhaftet sind; Rassenkulte wie z.B. die Black Moslems. Überdies gibt es Kulte der Fliegenden Untertasse und des Äußeren Weltraums sowie psychologische und politische Kulte wie die Symbionese Liberation Army (SLA), die Patricia Hearst  entführte. Sie sehen also, daß es eine Unzahl von Kulten gibt. Wahrscheinlich sollten wir von Kulten und kultähnlichen Gruppen sprechen. Ein Kult muß einen selbstproklamierten Messias oder messianischen Führer haben, der sagt, daß er seine Herrschaftsmacht von einer Quelle jenseits der Menschheit erhielt, von einer übermenschlichen Quelle. Außerdem muß er ein lebender Mensch sein. Die großen Religionen dagegen besitzen keinen lebenden selbsternannten Messias. Das zweite Kriterium eines Kultes ist das zweierlei Maß seiner Ethik, seiner Moralphilosophie - einmal die Ethik innerhalb der Gruppe, die vorschreibt: ihr sollt nicht lügen, ihr sollt nicht stehlen, innerhalb des Kultes sollt ihr immer ehrlich sein; zum anderen die Ethik außerhalb der Gruppe, die besagt: Für die Außenwelt aber dürft ihr ein anderes ethisches Maß anlegen, ihr dürft lügen, stehlen, täuschen oder sonstwie Menschen betrügen, die dem Kult nicht angehören. Drittens scheint es bei allen Kulten
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*)Inzwischen weitaus mehr, da inzwischen (November 1978> das Drama in Guyana gewesen ist.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite  28


 

ausschließlich darum zu gehen, Mitglieder zu werben und Gelder zu beschaffen - im Gegensatz zu anderen religiösen Gruppen, die altruistische Arbeit für die Menschheit leisten.

Einige Kulte erfüllen diese drei Kriterien nicht ganz. Darum möchte ich einige dieser Kulte kultähnliche Gruppen nennen. Generell aber bestimmen diese drei Hauptcharakteristiken das Wesen eines Kults oder einer kultähnlichen Gruppe. Die Kulte selbst unterschieden sich in ihrer Fähigkeit, ihrer ausgeklügelten Art, Mitglieder anzuwerben. Die Unification Church weist das ausgeklügelteste Rekrutierungs- und Indoktrinierungsprogramm auf.

Rekrutierungstechniken

Das Material, das ich jetzt sichte, stammt von einem District Court der Vereinigten Staaten. Ich gerate damit also nicht in rechtliche bzw. juristische Verantwortung. Anhörungen in Vormundschaftsverfahren haben ergeben, daß die Rekrutierungstechniken der Moonies sehr "sophisticated" sind. Sie werben ihre Mitglieder in Teams an, und zwar auf der Basis der unterschiedlichen Geschlechter, d.h. zwei Frauen treten auf der Straße an einen Mann heran und kommen ihm so nahe, daß sie ihm direkt in die Augen sehen können, um so seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Dann beginnen sie mit dem "love bombing", laden ihn nach Hause zum Essen ein. Dabei leiten sie - zumindest in USA - ihre Einladung meist damit ein, daß sie der betreffenden Person erklären, sie gehörten "Creative Community Project" oder "New Education Development System" oder gar "Awareness Training" an, seien CARP- oder HARP-Mitglieder. Mit anderen Worten, sie haben sehr viele verschiedene Namen für ihre Gruppen, die alle nur Frontgruppen für die Unification Church sind. Wenn also junge Menschen zum Essen eingeladen werden, glauben sie, sie würden ein Gruppenleben kennenlernen. Sie werden aufs Land
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 29


 

eingeladen, und wenn sie zusagen, werden sie zu einem dreitägigen Indoktrinierungsprogramm gefahren. Anschließend werden sie gebeten, doch für ein einwöchiges Indoktrinierungsprogramm zu bleiben, dann für ein 21-tägiges. Wenn sie tatsächlich so lange bleiben, sind sie so weit indoktriniert, daß sie auf die Straße geschickt werden können, um Geld zu sammeln und neue Mitglieder anzuwerben. Nach einem Monat oder etwas mehr als einem Monat sind sie also so weit - dank der Techniken, die jahrhundertealten Manövern gleichen, welche von Menschen gegenüber anderen Menschen in der ganzen Geschichte der Menschheit angewandt wurden, welche aber sehr vervollkommnet wurden von den kommunistischen Festland-Chinesen und den Nordkoreanern, um bei Einzelpersonen und Gruppen Verhaltensveränderungen zu bewirken. Es sind jahrhundertealte Standard-Techniken, für die man keinen Wissenschaftler im weißen Kittel braucht. Der erste Schritt besteht darin, die betreffenden Personen zu isolieren, indem sie buchstäblich in ein Haus transportiert werden, wo sie keinen Zugang zu ihren bisherigen gesellschaftlichen Bindungen haben. Hier werden die Leute auch nach Boonville, Camp K oder nach Südkalifornien verfrachtet, wo die Moonies eine Ranch in den Bergen haben, zu der sie die Leute bringen. In New York und Pennsylvania zum Beispiel werden sie nach Barrytown gebracht.

Der Grund, warum die Leute "abtransportiert" werden:

Wenn man ihr Verhalten und ihre Haltung schnell verändern will, geht es um eine Art praktische Psychologie. Sie müssen von allen sozialen Stützen, ihrem sozialen Hintergrund abgeschnitten werden, von ihren Familien, ihrer vertrauten Umgebung, ihren Freunden, ihren Arbeitsplätzen, ihrer Schule und in eine neue Umgebung gebracht werden. Um nun das Verhalten entsprechend steuern und beeinflussen zu können (behaviour processing) , wie es einige Kulte machen, ist eine absolute
 



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Informationskontrolle notwendig, d.h. eine Kontrolle der Post, der Telefonanrufe, von Rundfunk und Fernsehen, der Besucher etc. Die Leute, die so die Indoktrinierung betreiben, gewinnen völlige Kontrolle über alle möglichen eingehenden Informationen. Dabei bedienen sie sich sehr subtiler Verfahren. Wenn z.B. junge Leute telefonieren und ihre Eltern oder Freunde anrufen wollen und ihre Münzen in den Apparat werfen, ist der Apparat in diesen Lagern zufällig immer kaputt. Jeder Zugang zu vergangenen Bindungen wird also völlig abgeschnitten.

Da die Leute nun sofort einem intensiven Wachprogramm unterworfen werden, haben sie bald ein solches Schlafdefizit, daß ihr kritisches Urteilsvermögen getrübt wird. Überdies werden die Neuen auf eine proteinarme Kost gesetzt, was zu den verschiedensten Verdauungsstörungen führt, so daß ihnen sehr unwohl ist. Ihnen aber wird erklärt, dies sei auf ihr eigenes böses und satanisches Wesen zurückzuführen. Die meisten jungen Leute sind nicht genügend darüber unterrichtet, daß eine plötzliche proteinarme Kost zu diesen Beschwerden führt. Wenn jemand Vegetarier wird, aus eigenem freien Willen, informiert er sich für gewöhnlich erst einmal, wie er am besten ein ausgewogenes Maß an Proteinen zu sich nehmen kann. Echte Vegetarier bekommen also genügend Proteine auch ohne Fleisch, Fisch oder Geflügel und leiden nicht an diesen Verdauungsschwierigkeiten. Die jungen Leute also, die in diese Gruppen gehen, haben einen starken Schlaf- und Proteinmangel.

Wenn man zunächst bei den Moonies zum Essen eingeladen wird (so berichten die jungen Leute, die dort waren), sitzt zu beiden Seiten des Gastes immer ein Moony. Man ist nie allein und kann auch nie mit einem anderen neuen "Rekruten", einem anderen Neuling frei sprechen. Sie haben von Anfang an mit dem Programm begonnen, den Neuling davon abzuhalten, über das, was er
 



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tut, nachzudenken. Sie wollen verhindern, daß irgendjemand den neuen "Kandidaten" in seinen Zweifeln oder seiner negativen Haltung, die er als Neuling zweifellos hat, unterstützt. Wenn die Neuen also ins Ausbildungslager kommen, wird jede negative Einstellung unterdrückt. Es wird ihnen unmittelbar erklärt, daß "negativity" in Gruppen nicht ausgedrückt wird. Wenn sie Fragen oder negative Eindrücke haben, sollten sie sich an bestimmte, meist upper-level-Personen wenden. Auf diese Weise erkennt der Neuling nicht, daß auch andere ihre Zweifel haben. Er oder sie blickt nur im Kreise herum und gewinnt den Eindruck, daß alle dafür sind, weil die Moonies jedes negative Gefühl unterdrückt haben, durch Lehre und durch die Art, wie sie die Neulinge mit ihren eigenen Leuten umgeben.

Dann fesseln sie die ganze Aufmerksamkeit der Neulinge durch Spiele, Vorträge, Singen. Mit anderen Worten, sie beschäftigen die Leute so sehr, daß sie gar nicht zum Nachdenken kommen. Auf diese Weise versetzen sie die Leute fast in eine Art Trancezustand. Die meisten Menschen sind sich ja gar nicht bewußt, daß Menschen hypnotisiert und in Trancezustände versetzt werden Können auf sehr einfache und subtile Art und Weise, ohne daß es dazu spektakulärer Vorankündigung bedarf, wie etwa durch einen Hypnotiseur auf der Bühne, der seine Uhr abnimmt, sie im Kreise schwingt und sein Publikum auffordert, ihn genau zu beobachten. Es gibt sehr viele subtile Verfahren, die Aufmerksamkeit anderer zu fesseln und sie zu veranlassen, sich auf irgendetwas stark zu konzentrieren, z.B. auf einen Vortrag oder auf das Singen. Durch unmittelbare wiederholte Suggestion kann ihre Aufmerksamkeit gefesselt werden, und alle Nebenassoziationen können unterdrückt werden, so daß die jungen Menschen auf sehr faszinierende Art in Trance versetzt werden. Auf diese Weise werden die
 



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jungen Leute in einen veränderten Bewußtseinszustand versetzt, sodaß sie allmählich in ihrem eigenen Denken und Nachdenken immer beschränkter werden, d.h. selbst immer weniger nachdenken.

Es ist noch ihre Kleidung zu erwähnen. Wenn man jemanden wirklich verändern möchte, muß man auch sein Äußeres verändern. Sie veranlassen die jungen Leute daher, sich die Haare schneiden zu lassen, sie geben ihnen neue Kleidung und auch neue Namen, all das als Teil ihrer neuen Identität. Sie geben ihnen Kosenamen. Sie machen das auf sehr subtile Weise. Wenn jemand kommt und sagt, er heiße Jonathan, wird er fortan Jeremiah genannt. Heißt jemand Jeremy, wird er in Joshua umbenannt. Sie ändern die Namen also gern in biblische Namen um. Wenn jemand z.B. Norbert heißt, wird er womöglich Noa genannt. Heißt jemand Susan, wird der Name in Sarah umgeändert. Es ist also eine Verlagerung auf mehr biblische Namen, jedoch in Form eines Kosenamens und ohne große Zeremonie wie in den Hindukulten.

Innerhalb der Unification Church und einiger anderer Sekten wird reichlich Gebrauch gemacht vom Zufall, von der Koinzidenz in dem Sinne, daß erklärt wird: Weil die betreffende Person nach einem religiösen Erlebnis suchte oder nach einem größeren religiösen Inhalt ihres Lebens, ist sie uns begegnet. Was also reiner Zufall gewesen wäre, wird von diesen Sekten als eine besondere göttliche Verbindung oder Vorsehung hingestellt. Sie benutzen alle möglichen kleinen Zufälle, um den Eindruck zu erwecken, daß die Tatsache ihrer Begegnung weit mehr vorherbestimmt ist, als allgemein vielleicht angenommen wird.

Alle alten Bindungen werden am Ende als satanisch bezeichnet. Die Beziehungen zu Eltern, Freunden usw. sollten daher abgebrochen werden, weil sie böse sind. Das Endergebnis dieses Bearbeitungsprozesses ist dann,
 



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daß die Leute sich wegen ihrer Vergangenheit zutiefst schuldig fühlen. Jede Labilität, jede Abweichung, wie z.B. das Rauchen von Marihuana oder ein gelegentlicher LSD-Trip, wird den Neulingen als sehr, sehr böse vorgehalten. Und da die meisten jungen Leute nicht wissen, was Massenerhebungen über die Zahl derjenigen aussagen, die Marihuana geraucht haben, wird in ihnen das Gefühl erweckt, daß ihr kleiner ,Ausrutscher', ihr geringer Gebrauch von Marihuana bereits schwerer Drogenmißbrauch war. So wird ihnen suggeriert, daß sie in ihrer Vergangenheit sehr böse waren. Schuldgefühle werden also massenhaft produziert. Überdies wird in ihnen das Schuldgefühl geweckt, daß, wenn sie die Gruppe verlassen, alle Vorfahren und alle Nachfahren verdammt sein werden. So entwickeln die Neulinge also sehr große Angst- und Schuldgefühle.

In der Gruppe erhalten sie eine Menge an Zuneigung, Gruppenzuneigung. Sie sind "love-bound", wie die Moonies es nennen, auf dem Wege zur Liebe. Es wird ihnen erklärt, sie seien liebenswert usw. Und das ist natürlich sehr wirksam. Die meisten Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, sind Mitglieder geworden zu einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem sie sehr deprimiert waren und sehr einsam. Dann kommen die Moonies, laden sie zu sich nach Hause ein, geben ihnen Halt und verzärteln sie und sagen ihnen, sie würden geliebt. Das weckt in ihnen dann das Gefühl, gut zu sein. Gleichzeitig wird in ihnen ein Schuld- und Angstgefühl geweckt und manipuliert, um sie davon zu überzeugen, daß sie nur erlöst werden können, wenn sie in der Gruppe bleiben.

Abgesehen davon, daß sie traurig und deprimiert sind, haben viele junge Menschen große Sexualkonflikte. Wie sollen sie sich mit dem Partner oder der Partnerin verabreden, sollen sie Geschlechtsverkehr haben, sollen sie heiraten? Wenn sie dann den Kulten beitreten, ist
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 34


 

jeder Sex gestorben. Bei den Moonies z.B. gibt es nur brüderlich-schwesterliche Liebe und Kontakte. Wenn sie tatsächlich rechtschaffene, gerechte Moonies sind, so die Parole, werden sie am Ende eine gesegnete Ehe führen. Hier in der kalifornischen Bay Area gibt es etwa 300 Moonies, aber nur sechs Ehepaare. Die Möglichkeiten, je zu heiraten, sind sehr gering. Vor einigen Monaten heirateten 1800 Leute in Korea, z.T.  um Pässe zu bekommen. Nach den Informationen, die ich von früheren Moonies erhalten habe, scheint es nicht allzu viele "gesegnete" Ehen zu geben.

Die anderen Kulte sind nicht ganz so gut organisiert und nicht ganz so "sophisticated", die Art der Monopolisierung aber ist die gleiche. Ich habe mit Leuten aus einigen Kulten gesprochen, in denen die Kultführer die Leute veranlaßten, mit Kopfhörern die Bandaufnahmen der Indoktrinierungsvorträge immer wieder anzuhören. In einigen Kulten müssen die Leute sogar mit Kopfhörern ins Bett gehen und werden während des ganzen Schlafes mit Bandaufnahmen berieselt. Inhaltlich unterscheiden sich die Kulte zwar sehr, in allem anderen aber weisen sie große Ähnlichkeiten auf, vor allem was die psychologische Manipulation anlangt, die Leute von ihrer Vergangenheit zu isolieren, ihr Verhalten zu ändern, ihre Vergangenheit zu vergessen und aufzugeben und bei der Gruppe zu bleiben.

"de-program"

Was nun die Rehabilitation anlangt, so habe ich von vielen Leuten gehört, die einem Kult angehörten, daß sie nicht hätten aussteigen können, selbst wenn sie es gewollt hätten, wenn nicht jemand gekommen wäre und sie geholt hätte. Sie hätten es nicht gekonnt wegen des Schuldkomplexes und weil sie in die Aktivitäten des Kults so verstrickt waren, daß sie sich kaum daraus befreien konnten. In den Vereinigten Staaten kommt es daher oft vor, daß die Eltern kommen, mit den Kindern sprechen und sie buchstäblich herauszulocken versuchen.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite  35


 

Sie bringen sie nach Möglichkeit mit früheren Kultmitgliedern zusammen, die ihnen dann berichten, was der Kult ihnen an Informationen vorenthalten hat, und die ihnen auch Informationen zukommen lassen, wie die Verhaltensveränderungen vom Kult bewirkt wurden. Es handelt sich hier um eine Art "Entprogrammierung", d.h. um Informationen über den Kultführer, die Verwendung der gesammelten Gelder und über die Verhaltensänderungen, mit anderen Worten um das sog. "de-program". Die Rückkehr ins normale Leben, die Rehabilitation, vollzieht sich viel leichter, wenn die Jugendlichen sogenannte "de-programmers" oder "re-entry councillors" treffen, d.h. Leute, die sie über den Kult aufklären und sie beim Wiedereintritt, bei der Rückkehr ins normale Leben beraten. Ohne diese Informationen ist es für die Leute sehr schwer, nicht zum Kult zurückzukehren, weil ihnen selbst nicht ganz klar ist, was eigentlich mit ihnen geschah. Oft hören sie so etwas wie eine Stimme der Halluzination, die sie bedrängt, bei der Gruppe zu bleiben, weil sie es so oft gehört haben in den Indoktrinierungsprogrammen und ihnen diese Botschaften in den Kulten immer wieder eingebleut werden: Bleibt hier, es ist der redlichste, rechtschaffenste, gerechteste Lebensweg usw. Ich meine also, daß diejenigen, die mit den "de-programmers" oder "re-entry councillors" sprechen, am schnellsten und leichtesten wieder ins normale Leben zurückfinden. Dabei habe ich den Eindruck, daß die meisten jungen Leute, die einen Kult verlassen, in dem sie über ein Jahr Mitglied waren, etwa einen Monat Ruhe brauchen, nur um sich wieder an gutes Essen, Schlaf usw. zu gewöhnen und genügend Zeit zu haben, über die Kulte mehr zu lesen, und ganz einfach frei zu sein und geschützt zu werden gegen neue Kontakte des Kults, der sie zurückgewinnen möchte. Nach diesen drei oder vier Wochen der Ruhe, Ernährung und Information dauert es noch 8 bis 18 Monate, bis die Leute, die über ein
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite  36

Jahr einem Kult angehört haben, ihre Geisteshaltung zurückgewinnen. Damit aber meine ich nicht, daß diese Leute psychisch verrückt sind oder dergleichen. Die meisten sind normal nach amerikanischen psychologischen und psychiatrischen Maßstäben. Nur anhand von Berichten der Eltern und guter Freunde über das frühere Wesen der Betreffenden läßt sich sagen, wie sehr ihr Intellekt eingeengt wurde. Die meisten von ihnen beginnen während des ersten Monats nach Verlassen des Kults zu erkennen, wieviel mehr sie denken und nachdenken. Dann werden sie sich bewußt, wieviel mehr sie denken und nachdenken. Dann werden sie sich bewußt, wie träge und inaktiv ihr Geist im Denken war. Ich habe mit vielen Ehemaligen hier in der Bay Area Kontakt. Das Erstaunliche ist immer wieder, daß viele noch ein oder zwei Jahre nach ihrem Austritt über ihr Leben und ihre Fortschritte verblüfft sind  darüber, daß ihr Geist neu erwacht ist und sie im Leben wieder Fuß gefaßt haben. Doch es dauert eben 8 bis 18 Monate, bis sie geistig wieder voll funktionsfähig sind. Und das ist in der Tat schon faszinierend. Es sind sehr viele junge Leute zu mir gekommen, um sich von mir Rat zu holen, weil sie unter verschiedenen Formen der Einsamkeit und sehr unterschiedlichen Problemen litten.

Eine der Elterngruppen fragte mich, ob ich mit einem Kollegen eine Gruppentherapie machen könne. Wir haben daraufhin eine Gruppenarbeit entwickelt, die wir "Diskussionsgruppe" nennen. Jeden Freitagabend treffen wir uns für zwei Stunden, von 19 bis 21 Uhr. Das Programm erstreckt sich über drei Wochen. Dann lassen wir einen Freitag aus und treffen uns anschließend für weitere drei Wochen, danach für anschließende drei Wochen. Wir kommen also neunmal zusammen und haben so Gelegenheit, viele Themen zu behandeln, die sich in unseren Einzelgesprächen und unserer Einzeltherapie als gemeinsame Probleme herausgestellt haben.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 37

Schwierigkeiten ehemaliger Sektenmitglieder

1. Das erste Problem junger Leute, die einen Kult oder eine Sekte verlassen haben, ist die Einsamkeit. Während ihrer Zeit in der Sekte war ihr ganzer Tag ausgefüllt mit anderen Kultmitgliedern, oder sie waren draußen auf der Straße, um Geld zu sammeln oder neue Mitglieder anzuwerben.

2. Sie haben ungeheure Schwierigkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen, weil alle Entscheidungen für sie getroffen wurden, als sie noch der Sekte angehörten. Sie brauchen sogar schon Hilfe bei so einfachen Dingen wie dem Kauf eines Weckers, um morgens rechtzeitig aufzustehen.

3. Ein weiteres Problem ist das Eintreten in verschiedene Bewußtseinsstadien, wie sie es während ihrer Zeit im Kult erlebten. Ich habe mit Leuten gesprochen, die Sekten angehörten, die sehr viel Meditationsübungen machten. Einige Gruppen lassen ihre Mitglieder 21 Stunden am Tag meditieren, 21 Tage hintereinander. Das wirkt sich auf die Geistesverfassung der Leute natürlich erschreckend aus, weil sie lernen, wie sie einfach dazusitzen und zu versuchen haben, ihren Geist zu "entleeren", d.h. jeden anderen Gedanken auszuschalten, und das 21 Stunden am Tag, 21 Tage lang.

4. Das vierte Problem: die Depression. Ihre alte Depression, die sie hatten, als sie in den Kult eintraten, kommt fast mit Sicherheit zurück, wenn sie wieder austreten. Überdies haben sie Freunde verloren, die sie wirklich gern hatten und die dem Kult angehörten. Außerdem haben sie das Gefühl, ihre Unschuld verloren zu haben. Sie traten in den Kult ein, voller ehrfürchtigem Staunen, mit großäugiger Naivität gleichsam, und dann stellen sie fest, daß sie getäuscht und hereingelegt wurden. So breitet sich in ihnen ein Gefühl der Trauer aus, ihre eigene Unschuld verloren zu haben und skeptischer und zynischer geworden zu sein als ursprünglich.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 38

5. Außerdem haben diese Jugendlichen Schuldgefühle, weil die meisten Kulte sie eingesetzt haben, Mitglieder anzuwerben und Geld zu sammeln, auf eben nicht ganz ehrliche Weise. Um Geld zu bekommen oder auch um Mitglieder anzuwerben, erzählen sie den Leuten Geschichten, die nicht immer wahr sind.

6. Das sechste Problem: die Angst vor dem Kult. Die Sekten unterscheiden sich in dem Ausmaß der Belästigung oder der Anstrengungen, die Leute zurückzugewinnen. Einige der jungen Leute waren in kleinen, sehr furchterregenden Kulten und haben buchstäblich Angst. In einigen der größten Sekten werden gewisse Mythen erzählt, daß, wenn die Leute austreten, Gott sie mit dem Tode bestrafen wird oder der Kult sie töten wird usw.

7. Es bestehen alle möglichen Verpflichtungsgefühle gegenüber den Leuten, die sie im Kult zurückließen. In einigen Sekten z.B. treten die Leute als Ehepaare ein. Dann kann es vorkommen, daß z.B. die Frau sich immer stärker bewußt wird, was hier eigentlich gespielt wird, und austreten möchte, in der Sekte aber noch Mann und Kinder hat. Andererseits fühlen sie sich auch den Mitgliedern verpflichtet, die sie selbst angeworben haben und die noch im Kult geblieben sind. Dann fragen sie sich, ob sie nicht zurückgehen und diese Leute auch herausholen sollten.

8. Bei unserer Gruppentherapie stoßen wir immer wieder auf die Frage, was tun und sagen, wenn man Freunden begegnet, die der Sekte noch angehören.

9. Ein weiteres Problem: Wie soll man mit der ständigen Wachsamkeit der Eltern und Freunde fertig werden. Wir nennen das den "fish-bowl effect", den Aquariumeffekt, wo jeder die herumschwimmenden Goldfische bestaunt. Viele ehemalige Kultmitglieder haben ganz einfach das Gefühl, ständig von ihren Familien auf
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 39

Anzeichen hin beobachtet zu werden, daß sie vielleicht weglaufen und zum Kult zurückkehren könnten. Ich nenne es daher den "Aquariumeffekt", weil in einem Aquarium die Fische, wohin sie auch schwimmen, überall beobachtet werden.

10. Die ehemaligen Sektenmitglieder möchten über die positiven Aspekte der Sekten sprechen. Ihre Familien und Freunde aber wollen von den positiven Seiten nichts wissen. In unserer Gruppe gebe ich diesen Leuten also Gelegenheit, darüber zu sprechen. Mitunter kann es vorkommen, daß sehr schüchterne Menschen gerade in diesen Sekten gelernt haben, Beziehungen zu andern Menschen anzuknüpfen und Freunde zu gewinnen. Darin werten sie den Kult natürlich positiv. Oder sie möchten über Liebe und Zuneigung zu Einzelpersonen sprechen, denen sie im Kult begegneten. Aber wie gesagt, ihre Familien und Freunde wollen von diesen Aspekten nichts hören. So sprechen wir in unseren Gruppen darüber.

11. Besondere Schwierigkeiten erwachsen aus der Frage: Wie soll man Leuten, die man neu kennenlernt, erklären, daß man einer Sekte überhaupt beitrat: Wie kann man es Menschen, die nie einem Kult angehörten, überhaupt sagen, ohne sein Innerstes zu offenbaren? Oft kommt es vor, daß die Leute sagen: Wie kann ein so intelligenter Mensch nur einem verdammten Kult beitreten? Es ist ein echtes Problem. Ich erkläre diesen Ex-Mitgliedern dann, daß selbst die Jury das Verhalten von Patty Hearst während ihrer Zeit bei der SLA nicht verstand, obwohl

A. Bailey  mit einer ganzen Batterie von Experten versuchte, in Kürze zu vermitteln, wie Überredung durch Zwang, die oft so genannte "Gehirnwäsche" funktioniert. In unserer Gruppentherapie sprechen wir darüber, daß das Wort "brainwashing" (Gehirnwäsche) ein Begriff ist, der die Menschen bezweifeln läßt, daß eine solche Kontrolle über eine andere Person möglich ist. Dann erkläre ich ihnen, wie Bob Lifton in seinem Werk, daß der
 



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Begriff "brainwashing" eine Art schlechte Übersetzung der chinesischen Worte für "thought reform", (Gedankenreform) ist. "Thought" = Gedanke, Denken, wurde mit "brain" = Gehirn, übersetzt, "reform" mit "washing" = Wäsche. Begriffe wie "mind control" und "brainwashing" werden daher als lächerlich abgetan, weil die Leute nicht begreifen, daß so etwas wie "coercive persuasion", d.h. Überredung durch Zwang - so nennen wir, die wir uns mit diesen Beeinflussungsprozessen befassen, was in den Sekten vorgeht - überhaupt möglich ist. Wir nennen es lieber "coercive persuasion", weil diese Bezeichnung weniger dramatisch ist als "brainwashing", überdies glaubwürdiger. Als ich noch für die Army arbeitete, meinten die Soldaten immer, die Kugeln würden nie sie, sondern immer nur andere treffen. Ebenso glauben Leute, mit denen ich über "coercive persuasion" oder "brain-washing" spreche, daß immer nur simple Gemüter überredet werden können, sie selbst aber nie. Jeder fühlt sich unverwundbar, und doch sind wir alle sehr verwundbar und können überredet und unter Zwang gesetzt werden.

12. Die Menschen, die eine Sekte verlassen, werden sich überbewußt aller Sünden in der Welt und aller Unzulänglichkeiten ihrer Familien und der Welt. Sie müssen dann dahin gebracht werden, sich damit abzufinden, daß sie selbst und keiner von uns vollkommen ist und daß wir mit dieser Tatsache leben müssen.

13. Ein weiterer Problembereich? Die jungen Menschen möchten altruistisch sein, aber sie möchten der Menschheit helfen können, ohne von einem anderen Kult getäuscht zu werden. Und sie wissen nicht, wie sie es anstellen sollen.

14. Die Ex-Mitglieder haben Wut auf die Sekte. Nachdem sie erkannt haben, was ihnen geschah, haben die meisten von ihnen das Gefühl, mißbraucht worden zu sein.
 



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Oft sind die Betroffenen daher sehr verärgert über die verlorenen Jahre ihres Lebens, die sie dem Kult widmeten. Sehr tragische Fälle dabei sind Frauen, die seit Jahren Kulten angehörten, Ende dreißig sind und dann bei ihrem Austritt erkennen müssen, daß sie die Chance, zu heiraten und Kinder zu haben, praktisch vertan haben. Sie können womöglich noch heiraten, sind aber nach ihrer Meinung zu alt, um noch Kinder zu bekommen. Manche Frauen in dieser Situation ziehen es daher vor, in der Sekte zu bleiben, weil sie eben den richtigen Zeitpunkt verpaßt haben, zu heiraten und Kinder zu kriegen. Sie sehen für sich kaum eine andere Chance.

15. Viele junge Menschen, die aus einer Sekte austreten, haben familiäre und persönliche Schwierigkeiten. Sie brauchen große Hilfe, ihre familiären Probleme zu lösen. Ich spreche daher viel mit den Eltern und den Jugendlichen und versuche, sie auf lange Sicht zu beraten.

16. Wenn man aus einer Sekte oder einem Kult austritt, gehört man nicht mehr zu den Auserwählten, der Elite, sondern ist ganz einfach ein Mensch unter vielen. Das ist natürlich ein merkwürdiges Gefühl, nachdem man einmal zu den Auserwählten gehört hat.

17. Eines der größten Probleme ist die gleichsam beschnittene geistige Aktivität, die Eindämmung des Denkens.

Es ist gefragt worden, ob viele Menschen aus eigener freier Entscheidung austreten. Nur etwa 10 Prozent der 300 von mir interviewten Ex-Mitglieder traten m.E. aus eigenem Willen aus. Es waren meist Leute, die in der Sektenhierarchie aufgestiegen waren und Kenntnis erhalten hatten, wohin das Geld ging. Es war also eine Art Zynismus, basierend auf Wissen, der ihnen half, den Kult zu verlassen. Für diese Leute, die aus eigenem
 



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freien Willen austreten, ist es von ungeheurer Wichtigkeit, mit Leuten, die selbst einst einer Sekte angehörten, in Kontakt zu treten und Informationen von ihnen zu erhalten, um so die Vergangenheit zu bewältigen und zu begreifen, warum es funktionierte usw. Diejenigen, die behaupten, "deprogrammiert" worden zu sein, und in die Sekte zurückkehrten, sind praktisch nicht völlig deprogrammiert worden, das heißt, sie hatten nicht genügend Zeit, Informationen einzuholen, oder die Deprogrammierer erkannten nicht, daß die Leute nach außen zwar sehr freundlich waren, in Wirklichkeit aber mit ihrer Vergangenheit noch nicht ganz gebrochen hatten. Der Deprogrammierer geht dann nach Hause, die jungen Menschen aber haben immer noch Probleme und Fragen und wissen nicht, mit wem sie darüber reden können. So kehren sie zum Kult zurück.

Zu den Zurückkehrenden gehören auch jene Leute, die ungeheure psychologische Probleme hatten, bevor sie der Sekte beitraten, und ein beinahe erfolgloses Leben in der Gesellschaft hatten. Der Kult schenkte ihnen dann ein Leben in der Gemeinschaft, das sie sich selbst vorher nie schaffen konnten. Diese Leute wissen, wie sehr der Kult sie loben wird, wenn sie zurückkehren. Einige Kulte überhäufen die Leute mit Lob und Anerkennung, die vermutlich mit Deprogrammierern Kontakt hatten und dennoch zurückkamen. Es gibt also einen Kreis sehr unglücklicher, psychologisch gestörter Leute, die zurückkommen zu den Kulten, einfach, um gelobt zu werden. Es ist eine sehr interessante Untergruppe. Man trifft sie hier oft. Sie erzählen dann anderen ehemaligen Mitgliedern, daß sie zwar gern austreten würden, aber keinen Ersatz finden für das, was ihnen die Sekte bietet.

Es ist schwer, über die Anzahl der Zurückkehrenden umfassendes statistisches Material vorzulegen. Einige Beobachter schätzen, daß nur 5 Prozent zurückgehen.
 



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Nach den Beobachtungen der 300 Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, gehen nur sehr wenige von denen zurück, die wirklich eine gute Unterstützung fanden, guten Kontakt zu ihren Depro9rammierern hatten, welche sehr ruhig und freundlich waren und ihnen genügend Zeit widmeten - in der Tat, es ist sehr zeitraubend -  und die auch bei ihren Eltern Unterstützung fanden. Ich bin absolut nicht der Meinung, daß den Eltern die Schuld zu geben ist, daß es schlechte Eltern sind, deren Kinder Sekten beitreten. Die Moonies z.B. nehmen Kontakt zu sehr netten Kindern auf, sie weisen ihre Mitglieder an, nur gute Leute anzuwerben, d.h. nur solche, die so gut sind wie sie selbst oder möglichst noch besser. Schlechte Leute dagegen sollen sie nicht mitbringen. In den Vereinigten Staaten werden hauptsächlich Jugendliche aus der Mittelschicht oder der gehobenen Schicht angeworben. Dagegen werden von den Sekten nur sehr wenige Jugendliche aus den unteren Schichten angeworben, denn sie sind, wie es in USA heißt, "street-smart", d.h. es sind gewiefte Burschen, die sehr wohl wissen, daß sie nicht umsonst zum Essen eingeladen werden, daß sie nichts umsonst erhalten, sondern immer eine Gegenleistung erbringen müssen. Einige Sekten allerdings versuchen jetzt, einsame ältere Frauen anzuwerben, die etwa zu den Schwarzen zählen oder sonst einer Minderheit angehören. Ebenso werden Anstrengungen gemacht, alte Menschen anzuwerben, die ebenfalls allein sind, die aber ein gewisses Vermögen in die Sekte einbringen. Im großen und ganzen aber sind die Sekten daran interessiert, junge Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren anzuwerben.

Auf das in Diskussionen oft geäußerte Argument, daß die Schuld dafür, daß junge Menschen sich den Kulten anschließen, bei den Eltern, bei der Familie liegen muß, ist meine Antwort, daß ich dem absolut nicht zustimme. Es gibt zwar einen gewissen Prozentsatz von
 



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Leuten, die Sekten beitraten, weil sie ungeheure Probleme mit ihren Eltern hatten. Die große Mehrheit der Jugendlichen aber, die in Sekten eintraten, wurde von sehr "sophisticated" Mitgliedern angeworben. Sie waren einsam, sie hatten Liebesaffären gehabt; oder sie standen praktisch dazwischen, sie befanden sich gleichsam in einer Übergangssituation - zwischen zwei Liebesaffären, zwischen zwei Arbeitsplätzen, zwischen Oberschule und College usw. Sie waren ganz einfach in einer Phase der Depression, sie waren über etwas in ihrem Leben deprimiert, als die Sekten ihnen eine Art vorgefertigte Freundschaft anboten und sie von ihren Eltern trennten. Die Jugendlichen selbst aber verließen ihre Eltern nicht etwa, weil sie ungeheure Konflikte mit ihnen hatten. Das war keineswegs der Fall. Bei uns in den USA behaupten viele, die Jugendlichen würden sich nicht den Sekten anschließen, wenn ihre Eltern nicht schlicht Ungeheuer wären. Darauf kann ich dann nur antworten, daß das keineswegs der Fall ist.

Seit einigen Jahren (ich glaube, seit der Nachkriegszeit) wollten die Eltern bei uns in den Vereinigten Staaten ihren Kindern nichts von dem Bösen in der Welt erzählen. Sie hatten nach dem Kriege nur den Wunsch, ihre Kinder glücklich zu machen, ihnen eine bessere Welt zu präsentieren. Die Armen weisen ihre Kinder an, sich von anderen Leuten kein Geld, keine Kleidung usw. abnehmen zu lassen. Die Reichen wiederum halten ihre Kinder an, sich vor Kidnappern zu hüten und vor Leuten, die ihnen ihr Geld abnehmen oder in ihren Häusern einbrechen wollen. Die Eltern der Mittelschicht dagegen, vor allem die der Nachkriegszeit, haben ihren Kindern nicht gesagt, daß es in der Welt auch Böses gibt, eben weil sie ihre Kinder glücklich sehen wollten, ihnen eine bessere und glücklichere Welt zeigen wollten. Sie haben ihre Kinder also nicht genügend aufgeklärt. Hier in Berkeley z.B. habe ich meinen Kindern gesagt, daß
 



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es auf der Straße schlechte Menschen gibt und sie vorsichtig sein müssen. Dennoch sind meine Kinder sehr glücklich. Meine Eltern z.B. und frühere Generationen überhaupt hatten ein sehr fröhliches Leben mit ihren Kindern, obwohl sie ihnen sagten, daß es auf der Erde gute und schlechte Menschen gibt, und sie die Kinder anhielten, sich auf ihr eigenes gesundes Urteil zu verlassen und sich nicht hereinlegen zu lassen oder hereinzufallen auf jede noch so schöne Geschichte, die ihnen erzählt wird. Insofern bin ich durchaus der Meinung, daß die Eltern versagt haben, weil sie ihre Kinder nicht aufgeklärt haben und gewarnt haben vor Leuten, die klug und schön daherreden und die Kinder manipulieren wollen. Das aber ist das einzige, was ich den Eltern anlasten würde.

Ein Ziel, das junge Menschen oft zu suchen scheinen, ist der Wunsch nach einem totalen Engagement für einen anderen Menschen, d.h. einen Menschen zu finden, für den sie sich voll und ganz einsetzen und von dem sie sich voll und ganz geliebt fühlen, der sich ebenso vollkommen für sie einsetzt. Stattdessen nun finden sie die ganz gewöhnlichen Höhen und Tiefen der verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen und begegnen in der Phase ihres Suchens mithin großen Enttäuschungen, in jener Phase des Suchens, welche die meisten jungen Menschen durchmachen müssen, wenn sie nicht gerade das Glück haben, in jungen Jahren eine Art Seelengefährten zu finden.

Wenn wir als Eltern, Lehrer usw. uns realistischer äußern würden, wenn Presse, Funk und Fernsehen realistischer wären und darauf hinwiesen, daß viele Menschen viele verschiedene Freundschaften durchlaufen müssen, um einen Menschen zu finden, mit dem sie leben können für den Rest ihres Lebens oder für große Strecken ihres Lebens, und daß die Suche für  sehr viele Menschen große Enttäuschungen mit sich bringen kann, könnte den
 



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jungen Menschen klargemacht werden, daß sie nicht allein auf der einsamen Suche nach einem Partner sind. In unserem Fernsehen, unseren Filmen und Romanen aber wird weitgehend der Eindruck erweckt, daß alle anderen außer uns den vollkommenen Partner gefunden haben. Vor allem im Film wird den jungen Menschen eine merkwürdige Vorstellung davon vermittelt, wie der gewöhnliche Sterbliche lebt. Wir als Eltern, meine ich, sollten da mehr helfen - durch ruhige Diskussionen über die privaten Realitäten, die Wirklichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Nun zu der Frage, wie nach meiner Meinung eine Rehabilitationsorganisation aufgebaut werden sollte. Wir müssen Leute finden wie Joe Alexander  und seine Frau, die ganz einfach ideal sind. Sie wissen, wie man ein Rehabilitationszentrum leitet. Ich meine, daß einige Jugendliche für eine gewisse Zeit, einen Monat etwa, bei Menschen verbringen müssen, die wie das Ehepaar Alexander alles verstehen. Wenn diese jungen Menschen dann nach einem Monat oder zwei nach Hause zurückkehren wollen oder in die Schule zurück wollen oder was auch immer, was sie und ihre Eltern sich überlegt haben, so sollten sie das machen. Ich habe festgestellt, daß gewisse Eltern oder Elterngruppen zuweilen die Tatsache unterschätzen, daß die meisten Jugendlichen, die aus einer Sekte ausgetreten sind, nach einer gewissen Zeit unabhängig und selbständig sein wollen, frei von der elterlichen Kontrolle. Die meisten ehemaligen Sektenmitglieder, die in einem Rehabilitationszentrum und ihrer Familie Hilfe und Unterstützung finden, ordnen sich nach einer gewissen Zeit wieder in die Gesellschaft ein und fassen allmählich wieder Fuß. Aber eine kleine Zahl, etwa ein Drittel, der Leute, die aus einer Sekte austreten (ungefähr ein Drittel der Jugendlichen, mit denen ich mich befaßt habe), sind psychologisch ein wenig verwirrt, ohne nun etwa geisteskrank
 



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zu sein oder ein psychiatrisch diagnostizierbares Leiden zu haben. Sie brauchen vielleicht mehr Zeit - nicht unbedingt in Kontakten mit Psychiatern oder Psychologen, denn diese verstehen von Sekten nichts, aber in Kontakten mit anderen überzeugten Ex-Mitgliedern und mit verständigen Eltern. Der Durchschnittspsychologe oder -psychiater aber kann ihnen überhaupt nicht helfen. weil er diese jungen Menschen zwangsläufig auf schreckliche Neurosen hin behandelt, die sie überhaupt nicht haben. Ich habe mit sehr vielen Psychologen und Psychiatern gesprochen und ihnen zu erklären versucht, daß sie überhaupt nicht wissen, was in den Sekten eigentlich vorgeht, was mit den jungen Menschen dort passiert, daß sie keine Ahnung haben von "thought reform" und "behaviour modification" (Verhaltensänderung), mithin auch nicht von den Problemen, die sich für diese Menschen beim Austritt aus der Sekte ergeben. In den Rehabilitationszentren dagegen sitzen Leute, die berufsmäßig etwas von der Problematik verstehen und sich für die psychologischen und sozialen Prozesse interessieren. Sie können den Ex-Mitgliedern besser helfen.

Psychologen und Psychiater tun Kulte oder Sekten gern ab als ein echtes religiöses Bekehrungserlebnis, das der einzelne ersehnt, ohne den Beeinflussungszwang und die "sophisticated" Anwerbemethoden zu erkennen, d.h. sie sehen diese Seite überhaupt nicht. Überdies halten sie das Sekten- und Kultwesen für eine ganz normale, vorübergehende Modeerscheinung, vergleichbar dem Mittelalter, wo die Menschen ins Kloster gingen.

Drittens meinen die Psychologen und Psychiater, die Kult- oder Sektenmitgliedschaft sei Ausdruck einer psychischen Pathologie junger Menschen. Dieser Ansicht kann ich mich absolut nicht anschließen. Das andere große Problem ist, daß die Berufspsychologen und -psychiater nur eine Therapieform haben, die sie an
 



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allen Patienten ausprobieren.

Ich möchte noch darauf hinweisen, daß es in der ganzen Geschichte der Menschheit immer Kulte bzw. Sekten gegeben hat. Die Zeiten, in denen Kulte entstehen, sind immer Zeiten gewesen, in denen es einen Bruch in der Gesellschaftsstruktur gab. Am Ende der Französischen Revolution z.B. schossen überall in Europa Kulte und Sekten wie Pilze aus der Erde, weil es einen Bruch in den Gesellschaftsstrukturen gab. Zur Zeit der Industriellen Revolution in England, als alle jungen Menschen vom Land in die Städte strömten, wo die großen Webereien in Betrieb gesetzt wurden, entstanden ebenfalls viele Kulte. Bei uns in den Vereinigten Staaten, als der große Zug von Ost nach West begann, entwickelten sich ebenso viele Kulte und Sekten angesichts des Bruchs in der Gesellschaft. In jüngster Zeit haben m.E. hauptsächlich drei Dinge dazu beigetragen, daß so viele Kulte und Sekten entstanden: Ende der sechziger Jahre hatten wir in den USA viele Ausschreitungen junger Menschen auf den Straßen, es war die Zeit der Hippie-Bewegung und vieler ähnlicher Bewegungen. Als diese Woge verebbte, entstand die Kultbewegung, die wiederum auf einen Bruch der Gesellschaftsstruktur zurückzuführen ist. Zweitens entwickelte sich ein starkes Gefühl der Entfremdung; die Menschen fühlten sich einsam. Angesichts der starken Industrialisierung der Vereinigten Staaten ist die Mobilität sehr groß. Die Menschen brechen aus ihren alten Bindungen aus, ziehen in die Industriezentren und fühlen sich entfremdet - nicht nur wegen des Bruchs der Gesellschaftsstrukturen, sondern auch wegen der starken Mobilität der Bevölkerung. Drittens ist die humanitäre Bewegung zu nennen. Die Bewegung der Bewußtseinserweiterung, des Eigenbewußtseins bzw. der Selbsterkenntnis wurde so populär unter den Intellektuellen, daß uns allen erklärt wurde, innere Einkehr würde die Welt ganz einfach verändern. Das ist eine Erscheinung,
 



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ein Geschehen, das alle Jahrhunderte durchzieht. Die Menschen glaubten ganz einfach, daß alle möglichen phantastischen neuen Welten entstehen würden - ganz einfach durch Meditation, Introspektion und innere Einkehr. Ich glaube, diese drei Dinge - der Zerfall der Gesellschaftsstrukturen, das Gefühl der Entfremdung und die Anregung zu innerer Einkehr und Meditation - haben entscheidend zum Entstehen der Kulte und Sekten beigetragen, und zwar zu diesem besonderen Zeitpunkt.

Bei uns in den Vereinigten Staaten ist der Hindu- und Meditationstrend meines Erachtens zurückgegangen, während sich immer mehr christlich orientierte Kulte und Sekten entwickelt haben. Darüber aber liegen mir keine zuverlässigen Statistiken vor, um das zu beweisen. Wir haben eine zunehmende Verbreitung des Evangelical und Charismatic Movement in den USA, das Charismatic Movement z.B. innerhalb der katholischen Kirche. Die Leute bleiben in der Gruppe, unterliegen aber anderen Prozessen, d.h. einer weitaus sozialeren, individuelleren Teilnahme in Form von Singen, Sprechen usw. Hinzu kommt daß es eine Bewegung auf freiwilliger Basis ist. Die Leute treten der Baptist Church z.B. freiwillig bei. Ebenso gehen sie zu der Unitarian Church und zu der jüdischen Gemeinde, der katholischen Gruppe usw. Nach meiner persönlichen Überzeugung tun sie es freiwillig.

Wir haben über spezifische Ereignisse vor der Reformation gesprochen. Damals z.B. gab es Sekten wie die Flagellanten und andere Gruppen. Luther war keineswegs der erste. Jan Hus  in der Tschechoslowakei versuchte bereits, die katholische Kirche zu reformieren. Seine Anhänger bildeten so etwas wie einen Kult oder eine Sekte. Er wurde verbrannt. Bei uns in den USA kritisieren viele Menschen die katholische, die jüdische und die protestantische Kirche, weil sie angeblich nicht energisch und kraftvoll genug sind, den gegenwärtigen



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Bedürfnissen gerecht zu werden, vor allem den Bedürfnissen junger Menschen. Es mag also eine Parallele zum Katholizismus der Zeit unmittelbar vor Luther bestehen. Die Reformation vollzog ja gewisse Veränderungen, sie mag vielleicht in etwa vergleichbar sein mit dem, was hier in den Sekten geschieht. Vielleicht hätten die Klagen über unsere offiziell anerkannten Kirche mehr beachtet werden sollen. Vielleicht geschieht etwas ähnliches in einigen der Evangelical Movements und in einigen der Charismatic Movements innerhalb der katholischen, jüdischen und protestantischen Kirche.
 
 



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DR. MARVIN und JUDY GALPER

Interview 28. Mai 1978 San Diego/Calif.

Dr. Marvin Galper ist klinischer Psychologe in San Diego mit intensiven Erfahrungen über die psychologischen Vorgänge während und nach dem "Snapping", dem Umbrechen aus der Kultversiegelung.
 



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Der Vorgang der Rehabilitation vollzieht sich in drei Stufen. In der ersten Stufe wird der Trancezustand aufgehoben. Hier sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Ein Teil sollte auf Logik aufbauen, ein Teil sollte an ihre wirklichen Gefühle appellieren. Manchmal betrachte ich es als zwei Ichs in einer Person, der wirkliche Mensch und der Sektenmensch, z.B. der "wirkliche John" und der "Sekten-John". Sie befinden sich innerlich in einem Kampf. Der wirkliche John ist wie von einer Kruste umgeben. Man versucht nun, die Kruste zu durchbrechen und durch die äußere Härte und Gefühllosigkeit zu dem wirklichen Menschen, der sich darunter verbirgt, hindurchzudringen. Dieser wirkliche Mensch hat die Fähigkeit, logisch zu denken und seinen Verstand zu gebrauchen, und dieser wirkliche Mensch hat auch Gefühle für andere.

Man konfrontiert nun also zu bestimmten Zeiten das Opfer mit der Familie, die meist sehr verzweifelt und verärgert über die Sekte ist. Man gestattet nunmehr der Familie, ihre Gefühle ganz offen dem Sohn oder der Tochter gegenüber darzulegen, so daß diese(r) innerlich berührt wird, und unter der harten Kruste bewirkt diese Berührung das Aufwachen aus der Trance. Der wirkliche Mensch wird aufgerüttelt. Die emotionale Berührung erweckt den inneren Menschen und bringt ihn hervor. Es könnte auch ein enger Freund oder irgendjemand anderer sein, der sich ernstlich um das Sektenopfer sorgt und bemüht. Und es könnte auch ein ehemaliges Sektenmitglied sein, das dieses Opfer nie zuvor kannte, aber ein starkes Bedürfnis hat, zu helfen, sehr gefühlsbetont ist und diese Emotionen sehr offen zum Ausdruck kommen läßt. Meine Frau Judy ist ein solcher Mensch. Sie nimmt wirklich Anteil an anderen Menschen. Sie kann sehr gut emotionale Kontakte herstellen.
 



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Judy: Wir arbeiteten mit drei Personen, und wir waren fünf, die sich um sie kümmerten. Die drei wollten aber mit niemandem außer mir sprechen. Ich konnte mir nicht erklären, warum dies so war, und so fragte ich sie später. Sie sagten, sie hätten mir geglaubt. Es ist wohl, weil ich die Sekte kenne; weil ich weiß, was sie aus einem Menschen macht, und ich weiß, wie ihre Familien darunter leiden. Ich glaube, ich bin ziemlich stark, denn ich kann viele, viele Stunden lang ununterbrochen mit ihnen zusammensitzen - vier, fünf, sechs Stunden. Und ich werde gefühlsmäßig sehr erregt. So weine ich z.B. mit jemandem und ich glaube, sie sehen, daß es kein vorgetäuschtes Weinen ist. Sehen Sie, ich plane das nicht ein. Es kommt ganz einfach, und ich glaube, sie sehen, daß es echt ist, und irgendwie klappt es einfach. Es gab da zum Beispiel ein Mädchen von den Moonies, das war wie ein Tier, etwas ähnliches habe ich noch nie zuvor gesehen. Ursprünglich war sie ganz normal und nicht gestört; jetzt sprang sie im Raum umher wie ein Tiger, sie war kein menschliches Wesen mehr, schrie ihren Vater an, und ich stand in der Tür und wußte, daß sie physische Gewalt anwenden würde, was immer auch geschah. Sie schlug mir mit ihrer Faust in die Brust, und alles, was ich zu ihr sagte, war: "Hat das die Sekte aus dir gemacht? Aus einem menschlichen Wesen? Du benimmst dich nicht wie ein menschliches Wesen, du benimmst dich wie ein Tier! Merkst du das nicht?" Und von diesem Augenblick an hörte sie damit auf. Nur diese drei Worte haben dies bewirkt.

Dr.G.:  Wenn ich mit einem Sektenopfer im ersten Stadium arbeite, so habe ich mir bereits ein Bild gemacht von den Stärken und Schwächen dieses Sektenmitglieds. Manchmal hat die Zugehörigkeit zu einer Sekte psychologisch und emotional eine ganz bestimmte Bedeutung für das Sektenmitglied. Diese resultiert aus seiner Erziehung, aus der Umgebung, in der es aufwuchs, der Einstellung, die
 



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es zu dem, was es suchte, entwickelt hat, seiner ständigen Suche im Leben, all seinen unerfüllten Bedürfnissen - und sie können von einem zum anderen sehr verschieden sein. Es ist wichtig herauszufinden, welche Bedeutung die Sektenmitgliedschaft für einen bestimmten Menschen darstellt, um einige der tieferliegenden Gefühle dieses Menschen zu verstehen, wonach er in seinem Leben strebte, oder welches seine unerfüllten Bedürfnisse waren, bevor er sich der Sekte anschloß. Und wenn Sie diese kennen, während Sie in der ersten Phase mit ihm arbeiten, werden Sie in der Lage sein, ihm darzustellen, wie Sie selbst diese verstehen, und Sie können Verbindungen für ihn herstellen, Verbindungen aufzeigen zwischen dem, was er glaubt, von der Sekte zu bekommen, und dem, was er glaubte, vorher nicht bekommen zu haben. Damit können Sie auf einer sehr persönlichen, sehr intimen Basis einen emotionalen Kontakt mit ihm herstellen, der ihm hilft, sein Gefühl des "De-programmiertwerdens" zu bewältigen. Sehr oft empfindet ein Sektenopfer sich selbst als reines Objekt in der Hand des De-programmierers. Es fühlt sich bearbeitet oder angegriffen. Und selbst wenn das Kind die Anteilnahme des De-programmierers erkennt, fühlt es sich noch immer angegriffen oder als Objekt in dessen Hand. Wenn Sie ihm aber dieses Verständnis entgegenbringen und vermitteln können, fühlt es sich mehr und mehr als Mensch und nicht lediglich als Sektenmitglied. Der De-programmierer kann mehr oder weniger als Arzt angesehen werden, der den ganzen Menschen behandelt. Er erkennt bestimmte Symptome, ein bestimmtes Geschwür, das seiner Meinung nach entfernt werden muß. Er konzentriert sich also auf das Geschwür und versucht, es chirurgisch zu entfernen. Und er sieht mehr das Geschwür selbst, als den Menschen, ist also, in gewissem Sinne, eine Art Techniker. Das genügt jedoch nicht. Man muß den ganzen
 



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Menschen sehen. Darum ist es so überaus wichtig, daß jemand, der mit einem Sektenopfer arbeitet, sich mit der Familie zusammensetzt und intensiv die Briefe studiert, die das Kind nach seinem Eintritt in die Sekte geschrieben hat, analysiert, welche Persönlichkeit das Sektenmitglied als Kind gewesen ist, welches die Beziehungen innerhalb der Familie waren, alle Umstände, unter denen das Kind zum Zeitpunkt seines Eintritts in die Sekte lebte. Wenn ich also in der ersten Phase mit jemandem arbeite, habe ich meine Assistenten, und ich habe diese Unterredungen mit der Familie. Dann überarbeite ich alle mir vorliegenden Informationen, bevor ich überhaupt mit dem Sektenopfer zusammenkomme. Ich denke mich in diesen Menschen hinein, habe seine Fotos, die Briefe, die er seiner Familie schickte. Und ich versuche, alle Teile des Puzzles zusammenzufügen, um herauszufinden, welche Persönlichkeit dieses Sektenmitglied ist - nicht auf rein intellektueller Basis, sondern ich versuche zu fühlen, wie dieser Mensch fühlt, und das Leben aus seiner Sicht zu sehen. Man bemüht sich, eine Art emotionalen Kontakt herzustellen und Verständnis für den Menschen als solchen aufzubringen, bevor man ihm zum ersten Mal gegenübertritt. Dies erhöht ganz beträchtlich die Wahrscheinlichkeit, daß, wenn meine Helfer und ich mit dem Sektenmitglied zusammentreffen, wir es als Persönlichkeit sehen und behandeln und wir nicht wie Chirurgen nur das Geschwür sehen, das es zu entfernen gilt und auf das wir uns konzentrieren.

Ich möchte Ihnen das Beispiel einer ersten Begegnung mit einem Sektenmitglied schildern. Die Familie fragt mich: "Wie kann ich meinen Sohn oder meine Tochter dazu bringen, freiwillig zu Ihnen zu gehen?" Die Sekte lehrt sie, daß Psychologen und Psychiater Instrumente des Teufels sind und unmöglich verstehen können, was die Zugehörigkeit zu einer Sekte bedeutet, da wir uns
 



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alle, die wir nicht der Sekte angehören, in der Hand des Teufels befinden. Sektenmitglieder würden also nicht freiwillig der Konsultierung eines Psychologen zustimmen. Sie sind der Meinung, ein Problem zu haben, das der Hilfe eines Psychologen bedarf. Sie glauben vielleicht, ein Problem gehabt zu haben, bevor sie in die Sekte eintraten, daß sie aber nun als Sektenmitglied von diesem Problem befreit sind. All dies sind potentielle Hindernisse, die den freiwilligen Gang zum Psychologen erschweren. Ich rate den Eltern nun, ihrem Sohn oder ihrer Tochter zu erklären, ich sei ein Familienanwalt, der auf familiäre Probleme bezüglich religiöser Differenzen, familiärer Spannungen und Konflikte spezialisiert sei, und daß meine Rolle mehr oder weniger die eines Vermittlers zwischen den einzelnen Familienangehörigen sei und daß ich hoffte, ein Verständnis zu erwecken, das letztlich zu mehr Frieden und Harmonie in der Familie füreinander führen soll. Ich rate den Eltern, ihrem Kind nicht zu sagen: "Wir bringen dich zu Dr. Galler, weil wir sehen, daß du ein Problem hast", sondern: "weil wir glauben, daß wir ein familiäres Problem haben." Und es stimmt doch auch, daß es ein familiäres Problem gibt, daß Spannungen, Zurückhaltung und Sorge vorhanden sind! Also entspricht dies in gewissem Sinne auch der Wahrheit. Es ist eine Teil-Wahrheit. Ein Sektenmitglied, das ein relativ gutes Verhältnis zu seiner Familie hat, kommt dann auch vielleicht mit, obwohl es sich nichts davon verspricht. Es ist ja jetzt im Besitz der Wahrheit. Die Familie und der Psychologe sind in der Hand des Teufels, da sie die Wahrheit nicht erkennen. Aber vielleicht hat es auch die Hoffnung, daß der Psychologe und die Familie, so unwissend und unaufgeklärt sie auch sein mögen, doch in gewissem Maße aufgeschlossen sein könnten, und vielleicht könnte es ihnen darlegen, daß sie verdammt und verloren sind, wenn sie nichts dagegen
 



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unternähmen. Das könnte durchaus sein verstecktes Motiv sein.

Sie sehen also, daß wir alle Beteiligten mit irgendwie heimlichen Motiven in die Besprechung hineingehen. Es ist der einzige Weg, ein Gespräch wie dieses zustandezubringen, denn wären wir alle vollkommen direkt, offen und ehrlich, so wäre ein solches Gespräch von vornherein gar nicht notwendig.

Nun also das erste Zusammentreffen! Ich stelle mich und meine Frau vor und sage: "Ja, ich bin Dr. Galper", und sie nehmen Platz. Wir beginnen immer mit der ganzen Familie, weil ich ja in diesem Zusammenhang als Familienanwalt vorgestellt worden bin, und so spreche ich zu ihnen: "Sie haben all diese Spannungen und diese Bedrücktheit in Ihrer Familie aufgrund der Distanz, die entstanden ist, als Sie mit der Vereinigungskirche oder den Kindern Gottes in Berührung kamen, und ich hoffe, daß wir die Probleme in einer vernünftigen Diskussion lösen können." Auch hier spreche ich mit den Betroffenen als Mensch zum Menschen, nicht auf der Basis Chirurg - Symptom, denn sie würden ansonsten mit Mißtrauen reagieren. Sie würden sich von mir in gewisser Weise angegriffen fühlen, und ich möchte doch ihre Angst auf ein Minimum beschränken. Also bitte ich nach einiger Zeit die Eltern, für einige Stunden den Raum zu verlassen, und ich sage, daß ich sehr an religiösen Bewegungen interessiert bin und durch meine Arbeit einiges über die Kinder Gottes oder die Vereinigungskirche erfahren habe. Ich frage das Mitglied, ob es bereit wäre, mir einiges von seinem Glauben mitzuteilen. Normalerweise stelle ich dann ganz ruhig einige Fragen: "Du hast mir erzählt, daß du für die Vereinigungskirche in den Straßen Geld sammelst. Ich habe gehört, daß die Mitglieder der Kirche glauben, wenn irgendjemand in der Welt, der nicht Mitglied der Vereinigungskirche ist und dem sie auf der Straße begegnen, ihre Blumen kauft oder
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 58

ihnen Geld für Blumen, Nüsse oder Süßigkeiten gibt, dies vielleicht der einzige Kontakt ist, den dieser Mensch jemals mit Vater Moon und mit der Erlösung haben wird; daß dies vielleicht nicht sehr viel, für diesen Menschen jedoch eine sehr wertvolle Begegnung darstellt: Er tauscht also etwas mit ihnen aus; während er ihnen Geld gibt und sie ihm die Blumen, bekommt er gewissermaßen einen kurzen Kontakt mit der Erlösung. Ist das richtig so?"

Sie werden damit in Verlegenheit gebracht, denn sie glauben, daß niemand außer einem anderen Moony dies wissen könne. Sie sind fassungslos und verwirrt darüber, daß ich im Besitz geheimen Wissens bin. Ich gehe aber nicht in aggressiver oder kritisierender Weise vor, sondern versuche, sie auf eine sanfte Art zu gewinnen. Ich überrumple sie nicht gleich mit allem; ich passe mich der jeweiligen Situation an, schaue mir an, wie sie fühlen und reagieren, warte ein Weilchen und spreche über etwas anderes.

Wer Fragen stellt, möchte mehr wissen; und so bin ich die Rolle dessen, der noch etwas verwirrt ist über einige Ungereimtheiten und Widersprüche, die er sich selbst noch nicht erklären konnte. Und ich hoffe, daß sie vielleicht in der Lage sind, mir diese Widersprüche zu erläutern. Stellen Sie sich nun vor, Sie seien das Sektenmitglied. Ich sage nun, daß ich mit anderen Menschen, die der Vereinigungskirche angehören, gesprochen habe und daß diese mir von dem Glauben an eine göttliche Irreführung oder Täuschung (heavenly deception) erzählt hätten; daß man mir erklärte, sie glauben, die Welt außerhalb ihrer Gemeinschaft - also diejenigen, die nicht Mitglieder der Vereinigungskirche sind - sei von dämonischen Kräften besessen; da13 der Teufel versucht, sie irrezuführen, und daß die Mitglieder der Kirche den Teufel nur mit einigen seiner eigenen Waffen schlagen können, und zwar dadurch, daß sie
 



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versuchen, Menschen der Erlösung zuzuführen, indem auch sie selbst diese täuschen. Es ist also der Glaube der Vereinigungskirche, daß man für Gott die Täuschung anwenden muß, um den Teufel zu bekämpfen. Stimmt das nun?

Damit durchdringe ich die Fassade, die sie allen Nichtmitgliedern der Sekte gegenüber aufrechterhalten wollen. Ihnen gegenüber würden sie dies niemals sagen, weil sie glauben, sie seien nicht gewappnet, dies zu erfahren, weil sie doch nicht in der Vereinigungskirche waren.

Dann gehe ich dazu über, von einigen Deckorganisationen zu sprechen. So hat, zum Beispiel, das "Creative Community Project" erklärt, es  sei nicht mit der Vereinigungskirche liiert, obgleich es  einige der Prinzipien Moons befolge. Ich habe also an das Bezirksamt in Mendocino County in Kalifornien geschrieben: Dort befindet sich Boonville, das Schulungszentrum - die New Ideal City Ranch. Ich erhielt eine Kopie der Besitzurkunde der Boonville Ranch. Ich habe außerdem eine Kopie eines Artikels aus einer Studentenzeitung der Universität von Kalifornien in Berkeley, worin der Leiter des Creative Community Project erklärt, daß es in keiner Weise mit der Vereinigungskirche verbunden sind. Die Besitzurkunde der Boonville Ranch weist jedoch das Grundstück als Besitz des Creative Community Project aus und besagt weiterhin, daß Boonville mit der Vereinigungskirche in Verbindung steht. Ich erkläre also dem Sektenmitglied, daß ich etwas verwirrt sei. Ich zeige ihm die Kopie der Studentenzeitung von Berkeley, die erklärt, daß keinerlei Verbindung zur Vereinigungskirche besteht. Andererseits zeige ich ihm aber auch die Besitzurkunde der Boonville Ranch und sage ihm, daß ich mir darauf keinen Reim machen könne. Ich stürze sie dadurch in große Verwirrung.

All dies ist Bestandteil der ersten Phase, des Durchdringens der Trance mit Hilfe der Logik.
 



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Die zweite Behandlungsstufe ist eine Hilfe zur Überbrückung des floating-Zustandes.  In dieser Phase konzentrieren die Sektenmitglieder sich auf sich selbst und beginnen, dem, was wir sagen, zuzuhören. Der wirkliche Mensch kommt langsam hervor, obgleich er sich noch nicht freimütig äußert. Es stellen sich einige Zweifel über die Sekte ein, die sie aber für sich behalten und uns gegenüber nicht offenlegen wollen. Da sie erkennen, daß dies für sie eine wichtige Frage darstellt, müssen sie sich selbst darüber klar werden, und sie tun dies hoffentlich mit dem Gefühl, von uns unbeeinflußt zu sein. Das heißt also, daß sie anfangen zu denken. Sie denken über das, was wir sagen, nach, obwohl wir vielleicht kein äußerliches Anzeichen dafür feststellen können, daß sie irgendwie anders sind als in der vorherigen Phase. Das stellen Sie erst später fest, wenn sie ihre Reaktionen zeigen und Ihnen sagen:

"Ich habe Ihnen wirklich zugehört und über das, was Sie sagten, nachgedacht, wenn ich es Ihnen auch nicht zeigen wollte." Es geht darum, das Gesicht zu wahren. Letztlich werden sie vielleicht mit Ihnen übereinstimmen, daß sie manipuliert waren, daß die Gruppe unehrlich ist und sie in etwas Gefährliches hineingezogen wurden.

Vielleicht werden sie Ihnen aber auch dann noch nichts eingestehen, denn sie müssen erst selbst mit ihrer Verwirrung fertigwerden, mit der sie innerlich zu kämpfen haben. Möglicherweise lassen sie Ihnen gegenüber auch jetzt noch immer keine äußeren Zeichen dafür erkennen, daß sie sich entschlossen haben, der Sekte den Rücken zu kehren. Wenn sie aber ihre eigene Verwirrung unter Kontrolle haben, werden sie Ihnen sagen: "Ja, ich sehe es ein, ich habe einen Fehler gemacht. Man hat mich mißbraucht." Es gibt einen bestimmten Punkt, an dem
 



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sie sich aus der Trance lösen und jedermann im Raum

es sofort bemerkt. Dies ist ein sehr bewegender Moment, denn sie beginnen, ihre Gefühle zu zeigen, die Augen bekommen einen bestimmten Glanz und das Gesicht beginnt aufzuleben. Sie antworten mit Gefühlen, zeigen, daß sie emotionalen Kontakt mit ihrem Vater und ihrer Mutter haben, die gleich neben ihnen sitzen; sie fühlen mit ihnen. Sie fühlen, daß sie wieder menschliche Wesen sind. Es ist, als hätte eine Umwandlung stattgefunden. Zu diesem Zeitpunkt brauchen Sie gar nichts zu sagen,  jedermann im Raum kann es sehen und fühlen.

Die dritte Behandlungsstufe  ist die Stufe der eigentlichen Rehabilitierung von Sektenmitgliedern.  Hier helfen wir ihnen, in die Gesellschaft zurückzufinden. Wir helfen ihnen bei der Beantwortung der Frage, in welcher Weise sie den Bedürfnissen, die sie in der Sekte erfüllten, sinnvoller nachkommen können. Die Sekte gab ihnen etwas, woran sie glaubten. Wie können sie dieses Bedürfnis befriedigen? Es handelt sich hier um ein sehr wichtiges Bedürfnis. Wie können sie ihm auf eine sinnvollere und gesundere Art und Weise nachkommen? Wie können sie ihren Platz in der Gesellschaft finden?

Wir helfen ihnen, verstandesmäßig einzusehen, was die Sekte darstellte und welcher psychologischen Manipulation sie ausgesetzt waren, was in ihnen selbst vorgegangen war, das sie seinerzeit so für die Sekte zugänglich gemacht hatte. Was bedeuten Gehirnwäsche oder Hypnose und welches sind deren Auswirkungen auf den Menschen? Um sie für dieselbe oder eine andere Sekte in Zukunft weniger anfällig zu machen, möchte ich ihnen die Gefahren verdeutlichen. Sie sollen die Gefühlsfallen, die ihnen entgegengestellt werden, verstehen und diejenigen Situationen, die ihnen gefährlich werden
 



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können, erkennen lernen. Sie sollen verstehen, wie sie sich selbst und ihr Leben ändern können, um diese potentiellen Gefahren zu verringern.

Mit anderen Worten: Die Sekte gab ihnen ein Gemeinschaftsgefühl, ein Gefühl der Zugehörigkeit, und ich helfe ihnen, eine Antwort darauf zu finden, wie sie dieses Gemeinschaftsgefühl in einer natürlicheren und sichereren Weise erlangen können. Ich helfe ihnen, mehr oder weniger den gesamten Erfahrungskomplex zu überdenken, die einzelnen Teile des Puzzles zusammenzutragen, auszuwerten und somit eine Art Erfolgsgefühl zu entwickeln, die Situation gemeistert zu haben. Wann immer ich die Möglichkeit habe, sollen ehemalige Sektenmitglieder dabeisein und mithelfen, wenn ich mit einem anderen Sektenopfer arbeite; denn es hat sich erwiesen, daß ihnen dies sehr hilft, da sie in dem anderen Sektenopfer dieselben Symptome erkennen, die in ihnen selbst steckten, und sie sich gleichsam so in einem Spiegel betrachten. Es hilft ihnen, sich weiter von der Sekte zu lösen, wenn sie erkennen, wieviel Ähnlichkeit zwischen ihnen selbst und demjenigen, dem sie gerade helfen, besteht, selbst wenn dieser aus einer anderen Sekte kommt. Es bestehen so viele Parallelen, und sie lernen, selbst klarer zu sehen, indem sie diese in einer anderen Person erkennen.

Die Behandlung hilft dem Menschen, in den Hauptstrom der Gesellschaft zurückzukehren. Ihr Erfolg wird unterschiedlich sein und hängt größtenteils davon ab, wo dieser Mensch in der Gesellschaft stand, bevor er in die Sekte eintrat. Dies sind sehr wichtige Fragen. Wie groß ist die Fähigkeit dieses Menschen, in den Hauptstrom der Gesellschaft zurückzufinden? Jemand, der Glück hatte, wirklich erfolgreich im Hauptstrom mitschwamm und ein voll integriertes Mitglied des sozialen Lebens mit Freunden und in einer Gemeinschaft war und grundsätzliches Selbstbewußtsein besaß, kehrt
 



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ganz einfach dahin wieder zurück, nachdem er die Sekte verlassen hat. Dieser Mensch benötigt nur kurzfristig Beistand. Jemand, der weniger Glück hatte, wird es schwieriger haben, sich wieder einzugliedern, sich mit Freunden und der Gemeinschaft zu identifizieren, zu wissen, wer er ist und was er tun möchte. Für diesen Menschen ist es eine Herausforderung, so wie es zuvor eine Herausforderung für ihn gewesen ist, und die Arbeit mit ihm kann längere Zeit in Anspruch nehmen.

Dabei ist es von großer Bedeutung, diesem Menschen wieder etwas zu geben, an das er glauben kann. Generell kann jedes Sektenmitglied, z.B. ein Mitglied der Vereinigungskirche, sagen: Ich glaubte an die Vereinigungskirche, das war mein ganzes Leben, und ich habe all meine Energie dort investiert. Jetzt habe ich die Vereinigungskirche nicht mehr; •jetzt ist dort ein Vakuum, das ausgefüllt werden muß.

Zu der von Ihnen aufgeworfenen Frage, wie Eltern sich gegenüber ihren Kindern verhalten sollten: Der erste Ratschlag, den ich Eltern gebe, deren Kind sich noch in der Sekte befindet, ist, zu diesem Zeitpunkt in Gesprächen mit ihrer Tochter oder ihrem Sohn nichts Negatives über die Sekte zu sagen und den Glauben der Sekte nicht zu kritisieren. Wenn die Eltern die Sekte kritisch oder negativ aburteilen, besteht die Gefahr, daß ihr Kind die Verbindung mit ihnen abbricht, oder von der Sekte dahingehend manipuliert wird, jede Kommunikation einzustellen; oder aber das Kind wird von der Sekte in ein anderes Land verschickt und von jedem Kontakt mit den Eltern ferngehalten.

Was ich in der ersten Behandlungsphase als Psychologe tun kann ist, mir ein Bild von der Art der Beziehungen
 



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innerhalb der Familie zu bilden. Dies ist bei einem Laien nicht der Fall. Um es einfacher darzustellen:

Nehmen wir einen jungen Mann, der ein negatives Verhältnis zu seiner Mutter, aber ein positives zu seinem Vater hat. Ich werde in der ersten Phase versuchen, die Mutter soweit wie möglich im Hintergrund zu lassen, sie so wenig wie möglich in die Behandlung mit einzubeziehen, denn wir wollen den Prozeß nicht unnötigerweise durch eine negative Beziehung erschweren. Dann würde ich den Vater weitmöglichst einbeziehen wollen. Das Liebesband zwischen Vater und Kind sollte so intensiv wie möglich vom Opfer wahrgenommen werden und so eine beruhigende Wirkung ausüben. Sie werden ganz einfach Ihr eigenes Urteilsvermögen heranziehen müssen, um zu entscheiden, ob etwas für das Sektenmitglied Destruktives existiert, und werden dies dann von ihm fernhalten.

In dieser Phase werde ich manches mit der ganzen Familie, manches nur mit den Eltern oder einem Elternteil besprechen und manches allein mit dem Sektenmitglied. Am Schluß sprechen wir gemeinsam ein oder zwei Stunden miteinander und erarbeiten eine Grundlage, auf der die Familie versucht, wieder eine Beziehung zueinander, insbesondere zu dem Sektenmitglied, aufzubauen.
 

Für die Mehrzahl der Eltern, denen es gelungen ist, ihre Kinder von der Sekte zu lösen, war dies eine sehr schmerzliche Erfahrung. Und die meisten dieser Eltern wollen sobald wie möglich diese gesamte Erfahrung vergessen und ihr Leben so weiterleben, als hätte es das Erlebnis mit der Sekte niemals gegeben. Sie wollen nicht daran erinnert werden, daß sie oder ihre Kinder einmal mit der Sekte zu tun hatten. Sie sind nicht an Öffentlichkeit interessiert. Das ist sehr bedauerlich, denn es würde vielen anderen betroffenen Familien sehr helfen.
 



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KATHY MILLS

Interview 8. Mai 1978 MiI2neapolis
 

Kathy Mills leitet in Minneapolis ein Rehabilitierungszentrum für ehemalige Sektenmitglieder. Sie ist Tochter eines Farmers, ohne spezielle akademische Vorbildung, ein Naturtalent. Zu der Problematik kam sie durch ihren Bruder Kevin, der Jahre einer bibelorientierten, aber destruktiven Sekte angehörte, in der sich die Mitglieder von Abfällen aus Mülltonnen ernährten.
 



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Ich kenne das Sektenproblem aus zwei Perspektiven: Vom Deprogrammieren und von der Rehabilitation. Meiner Meinung nach sollte die Rehabilitierung absoluten Vorrang haben, aber selbstverständlich können Sie damit nur Erfolg haben, wenn der Jugendliche deprogrammiert ist. Meine Erfahrung hat gezeigt, daß gerade die Intelligentesten am einfachsten von Sekten zu programmieren sind, denn sie haben eine sehr große Vorstellungskraft (Phantasie). Sie sind auf eine Sache fixiert und steigern sich hinein. Ein Jugendlicher dagegen, der sich weniger Gedanken macht, der nicht zwei Sekunden stillhalten kann, der wegen einer Arbeitsstelle oder eines Freundes wegen besorgt ist, bringt weniger Voraussetzungen mit.

Was das Deprograminieren  betrifft, so ist das Wichtigste die räumliche Beschränkung, dann das Gespräch. Dies muß jedoch in einer sehr einfühlsamen und taktvollen Weise geschehen. Ich habe bei meiner Arbeit herausgefunden, daß es den Jugendlichen auch hilft, wenn sie aus Liftons Buch ("Thought Reform and the Psychology of Totalism") laut vorlesen und ich sie nach jedem Absatz anrege, darüber nachzudenken: "Verstehst du, um was es hier geht? Kannst du mir etwas nennen, was dir in der Sekte zugestoßen ist und mit dem hier Gelesenen in Verbindung steht?" Es ist ihnen eine immense Hilfe, die Dinge in Worte fassen und sie aussprechen zu können. Haben Sie dies einmal erreicht, so können Sie auch auf die Doktrin übergehen. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, daß die Jugendlichen erkannt haben, was ihnen mit der Gehirnwäsche angetan worden ist.

Die Jugendlichen in diesen Gruppen sind alle einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Die Gruppen haben lediglich verschiedene Führer und etwas voneinander abweichende Lehren. Ist man deprimiert und sucht nach einem Inhalt, so gibt es für jedermann eine Sekte. Sie füttert die Jugendlichen nur mit dem, was sie zu einer bestimmten Zeit zu akzeptieren bereit sind.
 



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Diejenigen, die bei mir sind oder waren, wissen, was mit ihnen geschehen ist. Sie wissen sehr wohl, daß sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Ich habe eine komplette Bibliothek mit jeweils drei Exemplaren jeder Publikation, die irgendwie mit dieser Sache in Verbindung steht. Ich habe eine ganze Rubrik, die nur das Thema Hitler und seine Machtübernahme abhandelt. Die Munies finden darin viele Parallelen zu ihrem eigenen Handeln. Ich habe zwei Rubriken über Psychologie und Psychiatrie, unter anderem Liftons Buch. In Kapitel 22 findet sich eine genaue Beschreibung der Vorgänge um die Beeinflussung durch Gehirnwäsche in China im Jahr 1947. Jeder meiner Jugendlichen, der dieses Kapitel liest, kann sich damit identifizieren, gleich aus welcher Sekte er kommt. Dieses Buch hat sich als außerordentlich hilfreich erwiesen. Jeder Neuankömmling wird damit konfrontiert, wir besprechen das Kapitel gemeinsam in der Gruppe, und so hilft es jedesmal auch wieder den anderen Jugendlichen. Sind einmal die Konsequenzen der Gehirnwäsche und die Furcht aus ihrem Kopf heraus, so folgt die Doktrin automatisch. Sie werden aber niemals die gesamte Doktrin aus ihrem Denken auslöschen können, denn in jeder der Gruppen existiert auch etwas Positives, ein guter Gedanke. Verstehen die Jugendlichen aber, wie es zur Indoktrination kommen konnte, so können sie selbst mit solchen Überbleibseln der Gehirnwäsche fertig werden. Das Buch von Lifton - und insbesondere dieses eine Kapitel - ist ganz hervorragend. Es faßt den Inhalt des gesamten Buches zusammen und durchläuft die acht Stufen der Gehirnwäsche. Es gibt keinen meiner Jugendlichen, der dazu keine Beziehung findet. Sie verstehen, was mit ihnen vorgegangen ist. Wenn sie dann später mein Haus verlassen, gehen sie ohne dieses Schuldgefühl, daß mit ihnen etwas nicht stimmte, sondern sie verstehen, daß sie durch Gehirnwäsche beeinflußt worden sind. Das Buch wurde 1961 veröffentlicht, also lange vor der großen Kultwelle.
 



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Wenn die Jugendlichen Lifton lesen, werden sie nachher ganz von selbst Fragen stellen und von verschiedenen Dingen erzählen. Es ist wichtig, daß diese Fragen von Seiten der Jugendlichen kommen und daß nicht Sie sie stellen. Sie müssen jedoch alle Ihre Antworten durch Fakten belegen können. Sie dürfen keine reinen Vermutungen aussprechen. Sie dürfen keine Unwahrheiten vorbringen. Jede Einzelheit, die Sie sagen, muß beweisbar sein.

Wenn man bei einer Deprogrammierung nicht die gesamte Aktensammlung dabei hat, so weist man darauf hin, daß diese oder jene Frage, die man nicht sofort beantworten kann, wahrscheinlich mit Hilfe des Informationsmaterials zuhause oder aber in einer Bibliothek zu erklären sein wird. Es ist besser, wenn sie selbst in den Büchern nachschlagen, nachdem die Deprogrammierung beendet ist. Dies kann dann als Beweis ihres aufrichtigen Interesses gewertet werden, und was sie aus eigenem Antrieb und für sich selbst tun, bleibt auch besser in ihrem Gedächtnis als alles ihnen Zugetragene.

Es ist sehr schwierig, den Vorgang der Deprogrammierung zu beschreiben. Es gibt keinen festgelegten Plan. Jeder Fall ist individuell zu sehen. Trotzdem gibt es gewisse Leitlinien. Am ersten Tag beschäftigt man sich zumeist mit der Bibel; denn in den ersten 24 Stunden kann man tun, was immer man mag - auf den Händen stehen und Dixie pfeifen - der Jugendliche wird nicht zuhören. Er würde einen nur gänzlich aus dem Konzept bringen. Deshalb beschäftigt man sich mit der Bibel, um die Zeit zu überwinden, die der Jugendliche braucht, um herauszufinden und sicher zu sein, daß er nicht geschlagen wird, daß Sie ihn nicht quälen werden, daß Sie ihm zu essen geben, ihn ausruhen und schlafen lassen, bis Sie nach und nach sein Vertrauen gewinnen. Dann aber beginnen Sie mit Ihrer Arbeit.
 



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Versteht der Jugendliche einmal den Vorgang der Gehirnwäsche und gewinnt Einsehen, so greifen Sie wieder zurück zu Bibel und Sektenlehre und zeigen die Divergenzen auf.
 

Mun zitiert z.B. ständig das Buch Moses 3,7, wo es in der Bibel heißt: "Sie waren nackt und dann bedeckten sie ihre Blöße (Sie wußten, daß sie gesündigt hatten und bedeckten sich mit einem Schurz)." Es handelte sich dabei also offensichtlich um Sex ... sie hatten geschlechtlich miteinander verkehrt. Hätten sie lediglich einen Apfel gegessen, so hätten sie ihren Mund und nicht ihre Geschlechtsteile bedeckt. Mun ignoriert aber den zweiten Teil der Schöpfungsgeschichte, in dem es heißt: "Eva wurde Adam zur Frau gegeben." Es wird da keineswegs gesagt, daß Mann und Frau in der Ehe nicht miteinander verkehren dürfen. Was immer Adam und Eva auch getan haben, die Sünde lag nicht in der Tag selbst, sondern in ihrem Ungehorsam. So wie z.B. die Mutter ihrem Kind sagt: "Ich möchte nicht, daß du die Schokolade vor dem Abendbrot ißt." Das Kind verläßt den Raum und als es zurückkommt, ist sein Mund ganz mit Schokolade beschmiert. Das Unrecht liegt also nicht im Essen der Schokolade, sondern im Ungehorsam gegenüber der Mutter. Man muß wirklich bis zur elementaren Denkstufe zurückgehen, um diese Dinge den Jugendlichen zu verdeutlichen. An diesem Punkt scheitern aber die meisten Theologen. Hochgebildete Leute sind meist nicht in der Lage, sich auf das Denkschema der Kinder einzustellen.

So arbeiteten wir etwa drei bis vier Tage. Zu diesem Zeitpunkt sind alle Beteiligten bereits wesentlich ruhiger und weniger emotionsgeladen. Man muß den Jugendlichen aber noch gut im Auge behalten. Dann geht man dazu über, Parallelen aufzuzeigen. Man ermuntert den Jugendlichen, von seinen Erfahrungen zu berichten, z.B. irgendein eigenes Erlebnis aus der Gruppe zu erzählen. Man muß ihm sein Schamgefühl nehmen, damit man auch Dinge, deren er sich schämt oder die ihn belasten, aus-
 



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diskutieren kann. Aber ein jeder ist anders. Einige Jugendliche weigern sich strikt, mit jemandem zu sprechen. Einige schreien in den ersten 48 Stunden, beißen und treten um sich. Ich hatte ein Mädchen, das mich 21 mal in den Rücken biß, und ich konnte mich einfach nicht von ihr befreien. Es sind meist die Mädchen, die kämpfen. Ich hatte noch keinen Jungen, der kämpfte, also handgreiflich wurde. Wahrscheinlich ist der Grund dafür, daß ich eine Frau bin und sie mich deshalb nicht angreifen wollen. Viele sagten aber, daß sie den Wunsch hatten, mich niederzuschlagen. Die Mädchen sind jedoch wirklich wie Wilde. Eine kleine 15-jährige mußten wir mit drei Männern festhalten, sonst wäre sie durchs Fenster gesprungen. Religionsgruppen wie z.B. die "Kinder Gottes" kämpfen nicht. Sie betrachten sich als Märtyrer, Christen, die den Löwen vorgeworfen werden. Ein Munie, Krishna oder Way-Anhänger aber kämpft, kämpft mit seinen Fäusten.

Es ist immer das Beste, wenn man beim Deprogrammieren ein ehemaliges Mitglied der Sekte dabei hat. Man kann allein auch deprogrammieren - ich habe es viele Male selbst getan - aber es dauert wesentlich länger. Denn Sie können nur von den Erfahrungen sprechen, die andere Jugendliche ihnen mitgeteilt haben, und von dem, was Sie gelesen oder sonstwie in Erfahrung gebracht haben, während ein ehemaliges Mitglied darüber sprechen wird, was es selbst in der Sekte erlebt hat, und nicht von dem Jugendlichen eingeschüchtert werden kann. So sagt zum Beispiel ein Munie, er habe jede Nacht seine 8 Stunden Schlaf, während das ehemalige Mitglied der Mun-Sekte entgegnet: "Dann mußt Du ja ganz in der Nähe von Mun selbst gelebt haben, denn ich hatte nie länger als 4 Stunden:" So werden sie bei ihren Lügen ertappt. Ohne ein ehemaliges Mitglied ist das zwar auch möglich, nimmt allerdings mehr Zeit und Geduld in Anspruch.
 



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Ein normales Deprogramming dauert drei bis fünf Tage, das heißt, wenn der Jugendliche vorher normal gewesen ist. Mit "normal" bezeichne ich die Durchschnittspobleme, die durchschnittliche Anzahl von Dingen, mit denen man zwischen 18 und 25 Jahren konfrontiert ist, wenn der Jugendliche normal und nicht im Kopf verwirrt, krankhaft launisch war und bereits psychiatrischer Hilfe bedurfte, bevor er mit der Sekte in Berührung kam. Während dieser drei bis fünf Tage werden sie auf beschränktem Raum gehalten. Der Grund dafür ist die mangelnde Konzentrationsfähigkeit der Betroffenen in diesem Stadium. Ich habe auch schon Jugendliche deprogrammiert, die sich im ganzen Haus frei bewegen konnten. Es ist aber besser, ihren Bewegungsspielraum auf ein Zimmer, zum Beispiel das Schlafzimmer, und Bad natürlich, zu beschränken. Im Schlafzimmer soll nichts sein, das ihre Aufmerksamkeit beeinträchtigt. Wenn Sie aber zum Beispiel hier mit dem Jugendlichen sitzen, könnte er sich dies oder jenes ansehen, auf die Uhr schauen, ganz wie ein zweijähriges Kind. Deshalb glaube ich, daß räumliche Beschränkung ein wichtiges Kriterium bei Deprogrammierungen darstellt.

Außer der räumlichen Begrenzung bekommen sie alles, was ihr Herz begehrt. Sie können essen, wonach ihnen zumute ist, sie können schlafen, so lange sie wollen. Wenn sie möchten, können sie dreimal am Tag duschen. Alles ist erlaubt, außer dieser einen Beschränkung, daß sie den Raum nicht verlassen dürfen. Diese räumliche Einschränkung dient mehreren Zwecken. Zum einen wird der Jugendliche einem zuhören, der zweite Aspekt ist die mangelnde Aufmerksamkeit der Opfer in dieser Phase. Sie können sich auf nichts lange konzentrieren, und so bitte ich die Eltern, den Deprogrammierraum so nüchtern wie möglich herzurichten. Es sollte vielleicht lediglich ein Bett oder eine Matte vorhanden sein. Wir können auf dem Fußboden sitzen und schlafen. Das Essen wird lediglich
 



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hereingebracht und abgestellt, so daß sie sich ihr Gedeck selbst nehmen können. Die Sekte hat sie davor gewarnt, daß man ihnen Drogen einflößen könnte oder dieses oder jenes. So sollen sie sich also ihr eigenes Gedeck selbst zurechtlegen, und Sie essen gemeinsam mit ihnen. Ich hatte viele Jugendliche, die nichts aßen, bevor ich nicht vorkostete, oder die darauf bestanden, daß ich den ersten Bissen von ihrem Teller nahm.

Nach der Gehirnwäsche - lassen Sie uns dafür etwas zurückgehen - wenn die Jugendlichen sich der Sekte anschließen, ändern sie sich auch physisch. Wenn sie die Sekte verlassen und deprogrammiert werden, durchläuft ihr Körper wieder diese  physische Veränderung. Es treten Nebenerscheinungen wie starke Kopfschmerzen auf. Sie bekommen Schüttelfrost, werden nervös. Es treten nicht unbedingt alle Symptome zusammen auf, aber jeder der Jugendlichen zeigt einen oder mehrere dieser Effekte. Sie können entweder sehr hungrig werden oder aber an totaler Appetitlosigkeit leiden. Sie werden sehr gefühlsbetont. All' das sind Anzeichen dafür, daß sie aus dem Brainwashing  herauskommen. Schüttelfrost und Kopfschmerzen sind wohl die häufigsten Begleiterscheinungen, die ich beobachten konnte. Sie frieren, sie wickeln sich noch bei einer Raumtemperatur von 400 Celsius in Decken ein. Ihnen wird tatsächlich körperlich kalt. Und die meisten der Jugendlichen, mit denen ich arbeite, bekommen Kopfschmerzen. Und das zeigt mir an, da$3 sie sich langsam lösen.
 

Der Grund, warum ich nicht mehr in der Deprogrammierung arbeite, ist das immer gleiche Argumentieren. Ich konnte meine Gedanken nicht frei arbeiten lassen und fühlte, wie ich mehr und mehr abstumpfte. In der Rehabilitation jedoch beginnen die Jugendlichen nach und nach ihr Wesen zu zeigen, ihre Zu- und Abneigungen. Man kann die Entwicklung von Tag zu Tag verfolgen. Normaler-
 



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weise ist die Ablösungsphase nach drei bis fünf Tagen überstanden. Dann kommt die Wiederherstellungsphase - und nach etwa sechs Wochen sind 95 % wieder in der Lage, ihren Floating-Zustand zu kontrollieren, so daß sie nicht in Panik geraten. Bis dahin stehen sie unter Druck; in ihrem Kopf herrscht ein Druck, wie in einem Schnellkochtopf. Es ist in etwa mit schwerer Migräne zu vergleichen, der jedermann zu entrinnen versucht.

Normalerweise ist die sich an die Wiederherstellungsphase anschließende Wiedereingliederungsphase nach einigen Monaten abgeschlossen, allerdings nicht immer vollständig, denn die Probleme, die Ehemalige vor Eintritt in die Sekte hatten, werden erneut auf sie zukommen. Es ist vergleichbar mit jemandem, der Probleme hat, weggeht und sich betrinkt und am nächsten Morgen mit zwei Problemen konfrontiert ist: Er hat einen Kater und dazu noch immer das alte Problem. In der Wiederherstellungsphase, der eigentlichen Rehabilitation, sowie in der Wiedereingliederungsphase benötigen ehemalige Sektenmitglieder Einrichtungen, um sich nicht als Außenseiter zu fühlen. Sie glauben nämlich, ein Leuchtsignal am Rücken zu tragen, das der Welt kundtut, daß sie in einer Sekte waren. Es ist z.B. gut, ein Ex-Muni mit anderen Ex-Munies zusammenzubringen. Er wird dann nicht so stark empfinden, daß mit ihm etwas nicht stimmt. Wir hatten z.B. ein junges Mädchen von den Kindern Gottes. Sicher, es hörte mir zu, wenn ich mit ihm sprach, aber nicht so, wie es  auf ein ehemaliges Mitglied der Sekte hörte, das dasselbe durchgemacht hatte.

In der eigentlichen Rehabilitation ist das Gespräch wichtig. Ich spreche ständig mit den Jugendlichen, in einer fast familiären Atmosphäre, ohne festgelegte Verantwortung. Meine Arbeitsweise ist genau das Gegenteil dessen, was die Sekte tat oder was in Rehabilitationsgruppen für Drogen- oder Alkoholabhängige üblich ist.
 



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Die Jugendlichen müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen. Es gibt keinen Wecker. Willst du um 9.00 Uhr aufstehen, so laß dich dann wecken und steh auf. Es ist deine eigene Verantwortung. Wenn du dein Bett nicht machst,  gut - ich werd's auch nicht machen. Ich mache kein Frühstück und kein Mittagessen, nur Abendbrot. Alles andere liegt bei ihnen. Aber in meinem Hause bin ich in der Lage, die Reaktionen meiner Schützlinge beobachten zu können, mit ihnen eventuell auftretende Unsicherheiten zu überstehen. Es ist weitaus besser, wenn sie damit unter meiner Aufsicht konfrontiert werden, als zuhause, wo sie alleine sind und vielleicht von Depressionen überwältigt werden. Es gibt oft sehr starke Emotionen bei den Jugendlichen, Albträume und durchweinte Tage und Nächte. Wenn ich dann an ihrem Bett sitze und mit ihnen spreche, sehen sie in mir nicht einen Mutterersatz, sondern eher etwas wie ihre Grundschullehrerin. Ich spreche ihre Sprache.

Es stört mich auch nicht, oder besser: ich zeige nicht, daß es mich stört, wenn sie fluchen oder anzügliche Witze erzählen. Ich stelle mich mit ihnen auf eine Stufe und komme so mit ihnen in Kontakt. Ich möchte eine häusliche Situation schaffen, und die meisten meiner Schützlinge kommen keineswegs aus solch' freien Familien. So kann bei uns z.B. Sex genauso gut ein Thema beim Abendessen sein, wie der Überblick über den zurückliegenden Tag. Bei den meisten der Jugendlichen war dies aber Tabu, etwas, das niemals diskutiert wurde. Wir hingegen diskutieren bei Tisch, was immer ansteht, sei es die Bibel oder sei es Sex. Ich bin davon überzeugt, da$3 es die Sexualität als Problem irgendwann einmal im Leben eines jeden von uns gibt. Ich weiß nicht, wie es sich in Deutschland damit verhält, aber hier ist es zur Zeit so, daß man überall auf Sex trifft: bei einer Fahrt durch die Straßen, wenn man den Fernseher einschaltet oder ins Kino geht. Es sind aber gerade



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Jugendliche mit hohen moralischen Wertvorstellungen, die durch sexuelle Verwirrung aufgrund ihrer moralischen Erziehung mit Sekten in Berührung kommen. Sie sind nicht in dieser freizügigen Denkweise aufgewachsen und geraten somit in große Verwirrung. Von Seiten der Familie wird ihnen Sexualität als etwas Geheimnisvolles aufgezeigt, und doch wird sie in den Straßen so freizügig dargestellt. Der Jugendliche, der mit Sekten in Berührung kommt, ist normalerweise noch geistig und psychisch unreif, nicht unbedingt auch physisch. Das Problem, dem er sich gegenüber sieht, mag Ihnen oder mir unbedeutend erscheinen und hat vielleicht auch niemals für Sie oder für mich ein Problem dargestellt, für diesen Jugendlichen aber ist es von grundlegender Wichtigkeit. Dann tritt die Sekte in sein Leben und sagt: "Folge mir! Alle Deine Probleme werden gelöst werden!"

Regel Nr. 1 in meinem Haus: Kein Sex und keine Drogen. Darin bin ich konsequent. Aber ich versuche, Jungen und Mädchen in meinem Haus zu haben, denn die Ehemaligen brauchen das entgegengesetzte Geschlecht, um den Umgang mit ihm wieder zu erlernen. Die Mädchen und Jungen schlafen in getrennten Räumen, pflegen aber ansonsten Kontakt miteinander, und das hilft ihnen. Auf die Frage, ob und inwieweit bei Jugendlichen, die sich aus der Sekte gelöst haben, Religion eine Rolle spielen sollte, werden viele mit dem, was ich jetzt sagen werde, nicht einverstanden sein, aber das ist meine Überzeugung, und so gehe ich auch die Sache an. Ich glaube, daß in dem Falle, wo ein Jugendlicher aus der Phase der Gehirnwäsche herauskommt, er für alles aufgeschlossen ist. Es ist gleichgültig, ob es sich dabei um das andere Geschlecht, eine andere Religion oder sonst etwas handelt. Sie müssen ganz einfach etwas haben, an das sie sich klammern können. Ich baue keine neue Religion in ihnen auf. Wenn ich wollte, könnte ich sie alle zu Katholiken machen. Aber das tue ich nicht. Ich sage ihnen: "Ganz gleich, welcher
 



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Religion ihr vorher angehört habt, wenn ihr wieder dahin zurückfinden wollt, so kann ich euch mit den entsprechenden Leuten zusammenbringen." Es hat mich viel Zeit gekostet, Priester, Pfarrer und Rabbis zu finden, die nicht versuchen, die Jugendlichen in ihre Organisation zurückzuindoktrinieren, die ganz einfach helfen wollen, weil die Jugendlichen so aufgeschlossen sind und sehr leicht wieder in etwas anderes hineingeführt werden können. Viele sind der Meinung, daß dieses Etwas wieder eine Religion sein müsse. Das wäre aber nach meiner Überzeugung nicht viel anders als die Sektenideologie selbst. Ich glaube, daß die Jugendlichen dies selbst in die Hand nehmen müssen. Sie sind durch etwas verletzt worden, von dem sie glauben, es sei Gott. Ja, es ist eine regelrechte Verletzung, die sie davongetragen haben. Daran müssen sie jetzt arbeiten, und zwar aus eigenem Antrieb. Es ist eine ähnliche Situation wie die, in der Sie darauf bestehen, daß ein Jugendlicher zu einem Psychiater geht. Wenn er selbst aber nicht dazu bereit ist, so verschwenden Sie lediglich Ihr Geld. Meiner Meinung nach verhält es sich mit der Religion genauso. Wenn sie nicht bereit sind, eine Religion anzunehmen oder sich mit ihr zu befassen, so ist das lediglich Zeitverschwendung. Ich kenne einige Jugendliche - aber es sind nur sehr, sehr wenige - die gleich nach Austritt aus der Sekte zusammen mit ihren Eltern in ihre Religion zurückgefunden haben. Andere gehen am Sonntag zusammen mit ihren Eltern in die Kirche, wenn sie zuhause bei ihren Eltern sind. Sie alle fühlen sich in gewisser Weise schuldig, weil sie im Grunde genommen keinerlei Religion akzeptieren können. Darum sage ich den Jugendlichen: "Ich glaube nicht, daß es für Gott wichtig ist, daß ihr euch in diesen vier Wänden einfindet, dort sitzt und betet. Ich glaube, für ihn, Gott, ist es nur wichtig, daß ihr betet. Beten könnt ihr, wenn ihr unter einem Apfelbaum sitzt, in der Badewanne oder in der Kirche."



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 77

Ich mache sie weiter darauf aufmerksam, daß der nächste, dem sie auf der Straße begegnen, nicht ein weiterer Messias oder Guru ist. Wenn sie zuhause glauben, einem neuen Messias begegnet zu sein, so sollen sie mich sofort anrufen. Denn wenn sie nach Hause entlassen werden, befinden sie sich vielleicht wieder in einem Floating-Zustand und tendieren stark dazu, sich verzweifelt an irgendetwas zu klammern. Sie wenden sich der Religion zu, weil Religion Glaube bedeutet und sie darin mehr von ihrer Seele und auf geistiger Basis erfahren können. Es drängt sie danach, von Gott akzeptiert zu werden. Aufgrund ihrer Sektenerfahrung glauben sie manchmal noch, kein Recht darauf zu haben, daß Gott sie akzeptiert, daß sie vielmehr Gott akzeptieren müssen. Aber: Er hat uns akzeptiert. Hier sind wir. Aber diese Tatsache ist für sie noch sehr verwirrend.

Wir beschäftigen uns viel mit der Heiligen Schrift. Die Jugendlichen lesen ständig in der Bibel, wir setzen uns zusammen und diskutieren über das, was sie gelesen haben. Einmal in der Woche haben wir dann eine Art Gruppentherapie. Wir sitzen bei mir zuhause zusammen und sprechen über die Probleme, die den einen oder anderen belasten. Das nimmt einen ganzen Tag in Anspruch. Wahrscheinlich ist dies die beste Einrichtung, die ich in meinem Haus eingeführt habe. Wir haben auf der einen Seite den zu rehabilitierenden Jugendlichen, und ihm gegenüber sitze ich als eine Art Rehabilitationshelfer. Dem Helfer wird keine glorifizierende Anerkennung entgegengebracht. Er steht auf der Stufe der Jugendlichen, so daß diesen das Gefühl vermittelt wird, frei sprechen und sich selbst öffnen zu können.

Man kann Ehemaligen nicht einfach einen Stift in die Hand drücken und sie auffordern, über ihre Erlebnisse zu schreiben. Die wenigsten sind in der Lage, ihren Erlebnisbericht fertigzustellen, bevor sie nach Hause



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gehen. Ein Schützling von mir brauchte z.B. ein ganzes Jahr für seinen Bericht. Außer bei Gemeinschaftsdiskussionen lehnen sie auch Bandaufnahmen ab. Der Erlebnisbericht ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufgaben für einen Jugendlichen in der Rehabilitierung. Einige der Jugendlichen senden mir ihre Berichte zu, wenn sie wieder zuhause sind, aber das ist wirklich die Minderzahl. Einige der Jugendlichen hatten so tiefgreifende Erlebnisse, daß sie ganz einfach davor zurückschrecken, diese zu offenbaren oder frei zu diskutieren. Ich würde sie auch in keiner Weise drängen, dies zu tun. Ich bin der Meinung, daß ein Erlebnisbericht Zug um Zug den Ablauf der Geschehnisse in der Sekte widerspiegeln sollte, angefangen mit der Erkenntnis über die Gehirnwäsche und den Isolationsvorgang. Dies hat sich in der Praxis bei all meinen Schützlingen gut bewährt. Die Essenz des Berichtes ist für mich die Aussage des Jugendlichen: "Diese Dinge sind mir widerfahren. An dieser Sache war ich beteiligt."

Etwa drei Wochen nach ihrer Ablösung von der Sekte geraten die Jugendlichen normalerweise in tiefe Depressionen, weil sie beginnen, die Realität zu erkennen. Sie begreifen langsam, was ihnen zugestoßen ist, sie stehen vor einem gefühlsmäßigen Chaos, wissen nicht, wohin ihre Zukunft gehen soll, fragen sich, wie viele Menschen sie während ihrer Sektenzeit verletzt haben mögen etc. So war ich kürzlich mit meinen Schützlingen bei einer Diskussion. Anwesend waren etwa 60 Geistliche und ihre Frauen. Erica erzählte ihre Geschichte. Für mich ist es fast unerträglich, diesen Diskussionen beizuwohnen, weil ich weiß, wieviel Überwindungskraft meine Schützlinge aufbringen müssen, wenn sie über ihre Erlebnisse berichten. Ich weiß nur zu gut, wie schwierig es ist, diese Dinge auszusprechen, auf die sie keineswegs stolz sein können. Erica erzählte also, was ihr in der Vereinigungskirche zugestoßen ist, und während sie sprach, überkam
 



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sie plötzlich ein hysterischer Weinkrampf. Ich ging sofort zu ihr und fragte sie, was geschehen sei. Sie sah die Geistlichen an und sagte: "Verstehen sie das? All das ist mir passiert, mir selbst!" Ihr war ganz plötzlich zu Bewußtsein gekommen, was tatsächlich mir ihr geschehen war, und diese Erkenntnis traf sie wie ein Schock. Sie war damals bereits einen Monat von der Sekte getrennt und stand noch immer unter deren Kontrolle.
 

Die Jugendlichen alle zeigen verschiedene Reaktionen, werden aber grundsätzlich alle von Depressionen überkommen, wenn ihnen die Realität klar wird. Aufgrund dieser tiefen Depressionsphase halte ich die Rehabilitierung für so überaus wichtig, denn wären sie in dieser Zeit zuhause bei ihren Eltern, bestände die Gefahr, daß sie sich ihnen nicht anvertrauen oder die Eltern sie nicht verstehen würden. Bei mir sind sie in einem Haushalt, wo dies nichts Neues darstellt. Ich bereite einen Jugendlichen, der zu mir kommt, gleich auf diese mögliche Depressionsphase vor. Ich fordere sie auf, dann mit uns darüber zu sprechen, nicht zu versuchen, sie zu verheimlichen. Sie wissen, daß jeder hier diese Zeit durchgemacht hat. Sie helfen sich gegenseitig.

Meiner Meinung nach brauchen diese Jugendlichen einen freien Lebensraum. In meinem alten Haus waren die Verhältnisse sehr beengt. Ich habe jetzt ein neues Haus bezogen, das bereits von der Bauweise her ein Gefühl der Offenheit vermittelt. Trotzdem gibt es jedem die private Sphäre, die er braucht. Tagsüber sind alle Türen im Haus weit geöffnet. Ich habe ein Klavier und andere Musikinstrumente. Die meisten der Jugendlichen spielen Gitarre. Ich besorge jedes gewünschte Instrument, nur keine Trommeln, weil diese mich wirklich überstrapazieren würden. Ich habe alle erdenklichen Gesellschaftsspiele im Haus, angefangen mit Monopoly bis hin zum neuesten Rommespiel, Puzzles und alles, was ihre Denktätigkeit anregt.



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Dies ist ein sehr wesentlicher Aspekt. Einige der Jugendlichen haben ihre geistige Aufnahmefähigkeit total verloren, können, wenn sie aus der Sekte kommen, nichts länger als zwei Sekunden in ihrem Kopf behalten. Sie sind so vollkommen gegen das Lesen von Büchern, Zeitungen etc. programmiert, daß sie den Stoff auch kaum aufnehmen können. Man muß deshalb ihren Verstand erst wieder daraufhin trainieren.

Ich habe seit sieben Jahren einen Hund, der sich in der Rehabilitierung als sehr hilfreich erwiesen hat. Manche der Jugendlichen, die sich zu Beginn nicht öffnen und nicht mit uns sprechen können, nehmen den Hund mit ins Bett, streicheln ihn und vertrauen ihm ihre Probleme an. Der Hund ist sehr geduldig, und könnte er sprechen, so könnte er gewiß mehr erzählen, als ich selbst weiß. Das Wichtige ist meines Dafürhaltens, daß eine familiäre Situation geschaffen wird. Probleme gehören ebenso mit dazu wie anderes.

Selbstverständlich gibt es auch zwischen mir und meinen Töchtern Probleme. Die Jugendlichen, die bei mir in der Rehabilitierung sind, sehen diese Probleme auch und erfahren somit, daß ihr eigenes Aufwachsen, ihre eigene Erziehung sich nicht von der anderer unterscheidet. Wir haben das Glück, hier in einer sehr nachbarschaftlichen Gemeinde zu leben. Alles ist familienfreundlich ausgerichtet, so daß wir z.B. gemeinsam zu Schul-Spielen und anschließend in eine Eisdiele gehen können. Die Jugendlichen sind davon sehr angetan. Der überwiegende Teil meiner Schützlinge kommt aus wohlhabenden Familien. Sie beklagen sich bei mir darüber, daß ihr Vater keine Zeit für sie hatte. Ich erkläre ihnen dann, daß dies wohl möglich sei, daß der Beruf es ihm aber wahrscheinlich auch nicht erlaubte und es nicht etwa Mangel an Liebe oder gar Gleichgültigkeit war. Ich muß ihnen erklären, daß es nicht darauf ankommt, wieviel Zeit die Eltern



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mit ihnen verbringen, sondern allein darauf, was sie mit dieser Zeit machen. Ich gehe mit ihnen zum Fischen oder fahre mit ihnen übers Wochenende auf einen Bauernhof, Dinge, die die meisten von ihnen nicht kennen. Wir gehen auch gemeinsam zum Billard-Spielen und Tanzen, was eine vollkommen ungewohnte Situation für die meisten darstellt. Einige meiner Schützlinge sind gewiß noch niemals mit ihrer gesamten Familie ausgegangen, nicht einmal zu McDonald's. Ich erkläre ihnen dann, daß dies heute weit weniger üblich ist als zu meiner Jugendzeit, als Geld knapp war und Eltern ihre Kinder mitnehmen mußten, wenn sie ausgingen. Wenn wir gemeinsam zu einem Bauernhof fahren, so ist das natürlich schon weitaus besser als Zelten, aber noch immer weit unter dem Standard, den diese Jugendlichen von ihrem Zuhause gewöhnt sind. Sie glauben wirklich, im primitivsten Urwald zu sein. Sie haben ein Bett zum Schlafen und etwas zu essen. Jede Art von Unterhaltung auf der Farm muß selbst erdacht werden. Es ist kaum vorstellbar, aber diese Jugendlichen haben keinerlei Phantasie. Ich höre mir ständig Dinge an wie "Ich langweile mich. Was machen wir jetzt?" Man muß ihnen Vorschläge machen. Sie selbst haben keine eigenen Ideen. Woher das kommt, weiß ich nicht. Ich beobachte es auch bei meinen eigenen Kindern, und meist weiß ich nicht, was ich dagegen tun soll. Die wenigsten Jugendlichen haben heute genügend Phantasie, um sich selbst zu beschäftigen. Vielleicht liegt ein Grund dafür in der Existenz des Fernsehers. Die meisten haben ein oder zwei Jahre College hinter sich, und es ist mir unbegreiflich, daß sie sich trotzdem so langweilen. Viele fürchten sich auch davor, etwas falsch zu machen und versuchen deshalb erst gar nichts. Mein Bruder Kevin hatte z.B. Eislaufen, Bowling und Tennis im College, ging aber später keiner der Sportarten mehr nach, weil er sich vor eventuellen Niederlagen fürchtete. Ich stelle dies bei sehr vielen Jugendlichen fest. Sie können ein Spiel nicht lediglich des Spielens wegen spielen, sie müssen gewinnen. Man



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ist entweder ein Gewinner oder ein Verlierer, sie aber müssen die Gewinner sein!

Ted Patrick hält nicht viel von Rehabilitation. Er glaubt, daß eine oder zwei Wochen genügen, in denen die Jugendlichen zusammen mit einem Deprogrammierungshelfer, z.B. nach Disneyland gehen, sich dort amüsieren und anschließend nach Hause zurückkehren sollen. Mit dieser Methode bin ich nicht einverstanden. Ich glaube zwar auch, daß sie sich amüsieren sollen, aber meiner Meinung nach sollten sie sich auch hinsetzen und darüber nachdenken, was sie für die Gehirnwäsche so empfänglich gemacht hat. Sie sollten auch Verantwortung im Haushalt übernehmen. Das Lernen und Spaßhaben sollte in etwa ausgewogen sein. Es sollte nicht nur Spiel und Spaß, aber auch nicht nur Arbeit und Lernen sein.

Rehabilitation ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Ich arbeite jetzt seit zwei Jahren daran und lerne tagtäglich dazu. Allerdings, jeder Fall ist anders gelagert. Man kann sich nicht auf eine Theorie stützen. In vielen Familien gibt es Probleme zwischen Eltern und Kindern.

Viele meiner Schützlinge wollen deshalb nicht nach Hause zurückkehren. Sie geben vor, hierbleiben und in der Deprogrammierung arbeiten zu wollen, weil sie sich davor scheuen, ihren Bekannten zuhause gegenüberzutreten. Die meisten Jugendlichen haben auch Angst vor der Bemerkung der Eltern: "Habe ich es Dir nicht gesagt?" Eine Woche, bevor ich meine Schützlinge nach Hause entlasse, spreche ich mit ihnen durch, was sie dort alles erwarten könnte. Zum Beispiel als Pam nach Hause ging, sagte ich zu ihr:

"Also Pam, Du bist jetzt 22 Jahre alt. Ich weiß das. Du mußt Dir aber dessen bewußt werden, daß Du drei Jahre von zuhause weg warst. Deine Mutter hat Dich in diesen Jahren nur drei Tage gesehen, und das, als Du deprogrammiert wurdest. Sie sieht Dich noch immer als Kind, dem man nicht trauen kann. Wundere Dich also nicht, wenn Du



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nach Hause kommst und sie Dir ins Bad nachgeht, plötzlich über Deinem Bett steht, wenn sie alle 15 Minuten nach Dir ruft, um sicherzugehen, daß Du noch da bist, wenn sie Dich fragt, wo Du hingehst oder sie Dir eine Begleitung mitgibt. Das mußt Du akzeptieren. Denn jetzt ist es an Dir, ihr zu beweisen, daß Du wieder in Ordnung bist."

Die Jugendlichen müssen verstehen, daß ihre Eltern eine Menge durchgemacht haben. Die meisten von ihnen wollen nicht wieder nach Hause, wollen ihren Eltern, Verwandten und Freunden nicht gegenübertreten. Sie wollen bei mir bleiben, in der Rehabilitation und Deprogrammierung arbeiten, aber das ist lediglich ein Vorwand, um den Schritt nach Hause nicht tun zu müssen. Dann sage ich ihnen: "Du gehst nach Hause. Für zwei Wochen oder einen Monat. Wenn Du nicht Mann (oder Frau) genug bist, Dich mit Deinen Eltern an einen Tisch zu setzen, um Dein Leben, Deine Zukunftspläne mit ihnen zu diskutieren, so bist Du auch für die Arbeit mit mir nicht geeignet." Wenn sie dann nach dieser Zeit noch immer den Wunsch haben, zu mir zurückzukommen, so steht ihnen dies frei. Die meisten der Jugendlichen wollen aber nicht mehr zurück, wenn sie die Anfangshürde bei ihrer Familie und ihren Freunden erst einmal bewältigt haben. Würde ich sie aber nicht mit Nachdruck nach Hause schicken, so blieben sie alle bei mir. Ich spreche auch mit den Eltern, bevor ich die Kinder nach Hause schicke, und ich halte mich nicht zurück. Ich sage es, wie es ist: "Verhätscheln Sie Ihr Kind nicht! Das will es nicht. Je mehr Sie es verhätscheln, desto mehr wird es dessen bedürfen und desto weniger wird es in der Lage sein, sich selbst zu helfen." Ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin selbst Mutter. Ich weiß, wie ich selbst in dieser Situation reagieren würde. Den Jugendlichen gebe ich ebenfalls einige Hinweise mit. Ich warne sie davor, mit ihren Eltern Katz und Maus zu spielen; wegzugehen, ohne zu sagen wohin, und sie so zum Herzinfarkt zu treiben. Mit den Eltern spreche ich ohne jegliche Vorbehalte.



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Ich sage ihnen klar und deutlich, wenn ich der Meinung bin, daß ihr Kind eine Behandlung braucht oder besser nicht zuhause leben sollte.
 
 
 



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NEIL und ANN MAXWELL
 

Interview 20. Mai 4978 Berkeley/Calif.
 

Die Maxwells sind "Evangelikale". Beruflich ist Neil Maxwell Dozent an einer Pharmazieschule. Durch seine Stieftochter, die der Mun-Sekte angehörte, ist er sehr engagiert und hat vielen Kultmitgliedern und ihren Familien geholfen. Die Beiträge von Neil Maxwell sind am Rande mit N, die von Ann Maxwell mit A gekennzeichnet.
 



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Neil: Meine Frau und ich wußten, als wir meine Stieftochter im Januar 1976 aus der Sekte herausgeholt hatten, gar nicht, worauf wir uns da eingelassen hatten, aber durch Berichte in den Zeitungen und Mundpropaganda fingen die Leute an, uns um Hilfe zu bitten. Und seither haben wir Eltern beraten, Sektenmitglieder deprogrammiert und bei Rehabilitationen geholfen. Sie haben gesagt, daß Sie nicht gern von "Deprogrammierung" sprechen. Ich mag das Wort auch nicht, aber unglücklicherweise beschreibt es den Vorgang sehr gut. Außerdem ist es weit verbreitet und durchaus akzeptierbar. Ich nenne es bei mir "Exit Counselling" (Raten, wie man den Ausgang findet). Wie ich schon sagte, mag ich weder das Kidnapping noch die Pflegschaft, denn beides ist sehr traumatisch für die jungen Leute. Das Verfahren ist sehr sehr schwierig und vor allem auch erschreckend. Außerdem haben die Munis den Kindern soviel Angst vor Kidnapping und Deprogrammierung eingeflößt, daß es für sie, wenn es dazu kommt, zunächst wie das Ende der Welt ist. Es kommt sie so hart an, daß es meiner Meinung nach klüger für uns ist, es irgendwie anders zu machen, sofern das möglich ist. Wir hatten ziemlich viel Erfolg, die Kinder durch Gespräche zum Sektenaustritt zu bringen, was aber immer schwieriger wird, weil die Munis herausgefunden haben, was wir tun und sie gegen uns arbeiten.

Ann: Kurz ein Wort zu einer der neuesten Taktiken der Munis. Letzte Woche war Dr. Durst im Fernsehen zu sehen. Bei seinem Interview hat er mehr oder weniger wörtlich gesagt: "Wir als Mitglieder der Vereinigungskirche haben erkannt, daß Kinder und Eltern miteinander in Kontakt gebracht werden müssen. In den Zeitungen wurde dieses Problem an die große Glocke gehängt, und wir wurden deswegen kritisiert, so da$3 wir - unserer Verantwortung bewußt - die Kinder ermutigen. Wenn daher Eltern mit ihren Kindern in Kontakt treten wollen, sollen sie die folgende Nummer anrufen." Diese Nummer wurde dann ein
 



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paarmal auf dem Fernsehschirm eingeblendet, und er hat sie wiederholt. Dr. Durst wirkte sehr überzeugend, offen und sehr glaubhaft. Fast hätte selbst ich ihm geglaubt. Aber gleichzeitig dient den Munleuten diese Telefonnummer offensichtlich dazu, Eltern, die sich um den Verbleib ihrer Kinder Sorgen machen, zum Anrufen zu ermutigen, wodurch sie gewarnt werden und wissen, welche Kinder von ihren Eltern gesucht werden. Sie nehmen sich dann den oder die Betreffenden vor und bearbeiten sie entsprechend: wie schrecklich das Deprogrammieren ist usw. Das ist also im Augenblick die Taktik der Munis. Wir haben gerade so einen Fall. Die Eltern haben Kontakt mit ihrer Tochter aufgenommen, indem sie das entsprechende Zentrum der Vereinigungskirche anriefen. Das Mädchen sagte, daß sie ihre Eltern sehen wolle und daß sie in ein paar Stunden noch einmal anrufen sollten. Das haben die Eltern gemacht und erhielten die Antwort, daß sie sie erst am nächsten Tag sehen könnten. Sie sollten so um Zwölf Uhr zurückrufen. Am nächsten Tag war das Mädchen außer sich. Offensichtlich hatten sie die Munis in der Nacht entsprechend indoktriniert. Sie war vollkommen hysterisch und sagte: "Nein, nein, ihr könnt mich jetzt nicht sehen, denn ich weiß, daß ihr mich holen wollt. Ihr werdet versuchen, mich zu deprogrammieren, zu kidnappen und zu schlagen und zu mißhandeln." In den paar Stunden Spielraum hatten die Munis dem Mädchen das alles eingeredet und ihr eingehämmert, daß sie ihre Eltern überhaupt nicht mehr sehen kann. Bei jedem Anruf der Eltern ist die Tochter nicht da: Sie ist in einem anderen Zentrum und wird sich mit ihnen später in Verbindung setzen. Wenn sie dann zu dem vereinbarten Treffpunkt kommen, dann hei$3t es von der Mun-Sekte aus:

"Ihre Tochter hat angerufen und gesagt, daß sie leider nicht hier sein kann, um Sie zu treffen." So machen sie es also. Offensichtlich dient diese über das Fernsehen veröffentlichte Telefonnummer der Sekte nur dazu, gewarnt zu werden, welche Kinder von ihren Eltern gesucht
 



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werden. Diese Kinder lassen sie dann in der Versenkung verschwinden.

Neil: Jeder neue Fall ist ganz verschieden von dem vorhergehenden, und der nächste ist dann auch wieder ganz anders. Deshalb kann man nie voraussagen, was passieren wird und wie es passieren wird, denn man arbeitet ja mit drei oder vier verschiedenen Leuten: Mutter, Vater und die Sprößlinge. Sie haben verschiedene Charaktereigenschaften und folglich auch unterschiedliche Bedürfnisse. Die Art und Weise, wie man diese Bedürfnisse befriedigt, wird daher auch verschieden sein müssen. Die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu erfühlen, ist ein sehr intuitiver Vorgang, der meiner Erfahrung nach unerläßlich für die Deprogrammierung ist. Ich glaube kaum, daß wir beim Deprogrammieren je mehr als ein- oder zweimal tiefer in die ,Göttlichen Prinzipien', ,Die Worte des Meisters' oder ähnliches Zeug eingedrungen sind. Eine Deprogrammierung läuft zu allererst auf der emotionalen Ebene ab. Wir versuchen, uns mit dem Jugendlichen zu identifizieren, mit ihm zu fühlen. Wir versuchen, ihm durch Wort und Tat zu zeigen, daß wir ihn nicht schlagen werden, sondern daß wir ihm helfen wollen, seinen Geist zu befreien. Wir zeigen ihm, daß wir alles das tun wollen. Wir machen dabei natürlich nicht so viele Worte. Diese Jugendlichen haben sozusagen ein Tonband im Kopf. Wenn sie antworten, dann leiern sie den stereotypen Bandtext herunter. Wenn man sie dazu bringt, das Band abzustellen und ihre echten Gefühle - gleichgültig, ob Ärger, Freude, Liebe, Haß oder was auch immer - mit eigenen Worten auszudrücken, dann kann man erst wirklich damit beginnen, mit ihnen zu arbeiten und ihnen beim Freikommen von der Sekte zu helfen. Wenn ich ihnen die Frage stelle: "Was hat es eigentlich mit deinem Messias auf sich?" geben sie mir alle eine irgendwie falsch klingende Antwort. Mir fällt im Augenblick kein Beispiel
 



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ein, aber die Antwort klingt falsch, und ich habe sie schon fünf- oder zehnmal gehört. Wenn wir in unserem Gespräch weit genug fortgeschritten sind und ich ein gutes Gefühl gegenüber dem Jugendlichen habe, kann ich schließlich sagen: "Das, was du mir hier erzählst, habe ich schon fünfzehn- oder zwanzigmal von anderen Munis gehört. Ich möchte wissen, was du darüber denkst, und nicht, was sie darüber denken. Ich habe das alles schon mal gehört, es ist ein alter Hut für mich. Ich möchte deine eigene Meinung hören. Was empfindest du ganz tief in deinem Inneren, wenn du darüber sprichst?" Ich bringe sie dazu, in ihr Inneres, auf ihre Gefühle zu blicken und sie offen auszusprechen. Oft werden die Jugendlichen dadurch wirklich aufgerüttelt, denn sie sind nicht gewöhnt, ihre Empfindungen mitzuteilen, sondern funktionieren nach dem Willen der Vereinigungskirche. Ein solches Gespräch rüttelt sie wirklich auf.
 

A Meiner Meinung nach ist der Status der Frau von erheblicher Bedeutung in den Sekten. Ich habe vorhin von dieser jungen Frau gesprochen, die aus eigener Kraft von der Mun-Sekte loskam. Sie erzählte von einem jungen Mann, der in der Hierarchie immer eine höhere Stellung einnahm als sie, und den sie als kompletten Idioten bezeichnete. Er war für sie ein richtiges Brechmittel, denn sie war ja ein emanzipierter Typ, und das ging ihr ziemlich an die Nieren. Diese Zurücksetzung war einer der Gründe für ihren Austritt. Mir scheint, daß sehr viele Frauen in den Sekten gar nicht begreifen, daß sie immer nur die zweite Geige spielen. Soviel ich weiß, wird von den 50 Zentren der Mun-Sekte nur eines von einer Frau geleitet. In den restlichen ist der Chef immer ein Mann, und Frauen nehmen allenfalls zweitrangige oder überhaupt keine Führungspositionen ein. Das ist typisch für alle Sekten, wobei Frauen in der Mun-Sekte vielleicht noch mehr Verantwortung tragen als in den anderen Sekten. Im allgemeinen sind
 



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Frauen für die Sekten nichts als Dienstboten und Sklaven. Vom Standpunkt der internationalen Frauenbewegung aus gesehen ist dieser Zustand dem wachsenden Bewußtsein der Frauen in bezug auf ihre Rechte genau entgegengesetzt. Es gibt noch einen weiteren Aspekt, durch den man einige der jungen Frauen erreichen könnte. Viele von ihnen sind schon in der eigenen Familie ihren Brüdern und Vätern gegenüber Bürger zweiter Klasse und an ihre untergeordnete Stellung gewöhnt. Diese Frauen sind besonders anfällig für die Propaganda der Sekten. Manchmal sind wir bei einigen unserer Elternberatungen auf dieses Problem gestoßen. Ich bemühe mich dann besonders, den Müttern dabei zu helfen, sich ihrer eigenen Persönlichkeit bewußter zu werden, und mache sie mit einigen Zielen der Frauenbewegung bekannt. Wenn sie sich dann sozusagen vor den Augen ihrer Töchter ändern, ändern sich die Töchter auch. Im Augenblick arbeite ich gerade mit Leuten - es handelt sich um ein ehemaliges Mitglied einer indischen Sekte - bei denen das der Fall ist, und ich hoffe, daß sich ihre gegenseitigen Beziehungen einigermaßen verbessern werden. Neil und ich möchten aber, wenn wir uns mit den Jugendlichen befassen, auch etwas von ihren sexuellen Problemen erfahren. Bei der Elternberatung wird oft deutlich, daß zwischen Eltern und Kindern, wenn überhaupt, nur sehr wenig über sexuelle Probleme gesprochen wird. Dieser Bereich wird tabuisiert, und folglich haben die Jugendlichen häufig Probleme mit ihrer eigenen Sexualität. Meiner Meinung nach ist das eine der wichtigsten Ursachen, die die Jugendlichen in die Sekten treibt, so daß sie sich diesem Problem nicht zu stellen brauchen. Deshalb werden wir zuerst mit den Eltern darüber sprechen, damit sie besser mit ihrer eigenen Sexualität fertig werden und mit den verbliebenen Kindern und deshalb vielleicht auch mit dem ehemaligen Sektenmitglied über dieses Problem sprechen. Wir sind der Meinung, daß durch dieses Verfahren die Kernfamilie positiv verändert wird.
 



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Neil:  Als wir die Pflegschaft für Lesile bekommen hatten und sie deprogrammiert war, nahm Ann sie mit zurück nach Ohio. Auf dem Weg zurück nach Ohio im Flugzeug wurde Leshe in ihrem Entschluß schwankend, sie ging in den Waschraum und schrieb dort zwei kurze Briefe, einen an Neil Salonon, den Präsidenten der amerikanischen Mun-Sekte, und an den - ich glaube texanischen - Senator Asher, mit dem sie sehr eng zusammengearbeitet hatte. Die Briefe hat sie in Chicago eingeworfen. Daraufhin kam ein Anwalt aus Washington namens Richard Benvenista, der mit Cox zusammen die Anklage in der Watergate-Affäre vertreten hat. Er hat also unsere Pflegschaft angefochten. Mit Carl Shapiro als Anwalt gingen wir in Mann County vor Gericht. Wir haben den Prozeß gewonnen, und Benvenistas Klage wurde abgewiesen. Unsere Pflegschaft blieb nach wie vor gültig. Tatsächlich war Leshe zu dieser Zeit stark genug, selbst die Fortdauer der Pflegschaft zu wollen. In unserem Fall wurde die zeitweilige Pflegschaft um 90 Tage verlängert und sollte ohne weitere gerichtliche Entscheidung nach ihrem eigenen Willen erlöschen.
 

Ann: Zusammen mit meiner Tochter war ich drei Wochen lang bei der Rehabilitierung von Joe und Esther. Es war natürlich eine ungeheuer traumatische Erfahrung für sie. Damals war sie 24 und hatte sechs Jahre Sektenmitgliedschaft hinter sich. Sie neigte stark zu Depressionen und zum Selbstzweifel, ob sie sich auch richtig entschieden habe. Die Anregung, wie man am besten mit dieser Situation fertig werden konnte, kam von Joe. Er nahm mich beiseite und sagte: "Merkst du denn nicht, daß sie sich einfach neben dich setzen und ihren Kopf an deine Schulter legen will. Lege einfach deinen Arm um sie und zeig ihr, daß du sie liebhast." Und drei Wochen lang ging das buchstäblich so. Sie war wie ein kleines Kind, fast wie ein Hundejunges. Sie wollte nur neben ihrer Mutter sitzen, und ich habe ihr keine Fragen
 



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gestellt und sie auch nicht kritisiert; ich habe sie einfach reden lassen.

Joe hatte mir also gesagt, meine Tochter in den Arm zu nehmen und einfach die ganze Zeit für sie dazusein. Wirklich, ich war 24 Stunden am Tag ihr Leibwächter (sie hat das nicht bemerkt, aber es war so) , ihre Mutter, eine Art religiöser Ratgeber, ein Psychotherapeut, einfach ein Mensch, mit dem man Freude teilen kann, und ganz einfach ein Freund. Für Joe und Esther war es unerläßlich, keinem Jugendlichen im Rehabilitationszentrum in irgendeiner Weise kritisch gegenüber zu treten. Beide waren rein unterstützend und erwarteten diese Haltung auch von allen Eltern, die ins Zentrum kamen. Besonders willkommen waren ihnen die Mütter, weil die meistens mehr Zeit hatten, aber die Väter wurden auch nicht abgewiesen. Wenn der jeweilige Elternteil sehr annahmebereit, liebevoll und nicht kritisch war und das Kind ihn dahaben wollte, dann ermutigten ihn Joe und Esther, bei seinem Kind zu bleiben. Manchmal waren zwei oder drei Eltern gleichzeitig da, die natürlich viele Gespräche miteinander führten. Hauptsächlich waren wir aber dort, um den Liebeskontakt zwischen uns und unseren Kindern wieder herzustellen. Wir Eltern gingen so etwa um zwölf oder eins ins Bett, und die Kinder blieben auf bis drei, vier oder fünf Uhr, um mit den anderen ehemaligen Sektenmitgliedern zu sprechen. Tags drauf standen dann die Eltern früher und die Kinder später auf, und dann haben wir uns die Hausarbeit geteilt. Es wurde nie irgendein Plan aufgestellt. Ganz egal, was damals zwischen mehreren Leuten in Gang war, es war einfach o.k. Mir ist nicht klar, wie Joe und Esther es durchgestanden haben, aber auf diese Art und Weise schien es zu klappen. Ich lernte sehr viel darüber, wie man für diese jungen Menschen sorgen muß. Ich kann es nur so beschreiben, daß jeder einzelne von ihnen in unglaublicher Weise seelisch verletzt war; man kann fast
 



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von ihnen sagen, daß ihr Verstand sozusagen grün und blau geschlagen war. Das ist die beste Beschreibung, die ich davon geben kann. Verletzte, hilfs- und liebesbedürftige Kinder. Und allmählich sind sie aus ihrer Situation herausgekommen. Ich erinnere mich an eine junge, jüdische Mutter, die dort war. Sie war ganz hysterisch wegen ihrer Tochter, die Joe aus einer in Texas beheimateten christlichen Sekte herausgeholt hatte. Sie war vollkommen außer sich und wollte ihr Kind sofort zu sich nach Hause nehmen. Es handelte sich um eine reformjüdische Familie. Die Mutter wollte, daß ihre Tochter sich an den Aktivitäten des jüdischen Tempels beteiligen sollte. Nun gab es zwischen Mutter und Tochter überhaupt keine Kommunikation. Joe ermunterte die Mutter aber, eine oder zwei Wochen lang zu bleiben, denn er konnte sehen, daß Mutter und Tochter einander große Liebe entgegenbrachten. Aber er arbeitete unermüdlich mit der Mutter, um sie zu beruhigen und sie dazu zu bringen, keinen Druck mehr auf das Kind auszuüben. In diesem Fall und in vielen anderen erklärte er den Eltern am Ende der Rehabilitierung: "Dieses Kind sollte nicht nach Hause zurückgehen, sondern mit anderen ehemaligen Sektenmitgliedern zusammenleben, noch länger im Rehabilitationszentrum bleiben oder Mitglied eines unserer Rehabilitationsteams werden."

Die Rehabilitierung wird natürlich besonders gefördert, wenn ein ehemaliges Sektenmitglied anderen beim Aussteigen helfen will. Manche Kinder ließ Joe auch nach Hause gehen und bei manchen schickte er ein ehemaliges Sektenmitglied mit. Manchmal sagte er aber auch klipp und klar: "Du kannst nicht nach Hause zurück." Oder:

"Ihr Kind kann nicht mit Ihnen nach Hause zurück, denn das gäbe eine vollkommene Katastrophe." Einige von diesen jungen Leuten zu rehabilitieren dauert nämlich eine ziemlich lange Zeit. Einige kamen auch aus hoffnungslosen Familienverhältnissen. Wenn aber die Eltern besorgt



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genug waren, um ihr Kind von der Sekte loszueisen, wenn also die Elternliebe da war, dann war selbst in solchen Fällen noch etwas zu machen. Die Beziehung mußte eben nur irgendwie wieder hergestellt werden. Manche Eltern hatte Joe davon zu überzeugen, das Kind selbst erwachsen werden zu lassen. Bei unserer Elternberatung haben Neil und ich die Erfahrung gemacht, daß es in vielen Fällen von ausschlaggebender Bedeutung ist, den Liebeskontakt zwischen Eltern und Kindern wiederherzustellen. Nur allzuoft liegt das Problem bei den Vätern, denen es - häufig gerade ihren Söhnen gegenüber -schwerfällt, Gefühle zu zeigen. Vater-Sohn-Beziehungen sind sehr problematisch, Vater-Tochter-Beziehungen gelegentlich auch. Im allgemeinen ist das deshalb so, weil es dem Vater schwer fällt, Gefühle zu vermitteln, oder weil er nicht so oft da ist, eben häufig einfach nicht verfügbar ist. Alle Familienmitglieder müssen anfangen, in eine Gefühlsbeziehung zu kommen. Was wir auch als äußerst wichtig anraten, ist der physische Kontakt von Anfang an. Die Eltern müssen den Arm um das Kind legen und ihm zeigen, daß sie es liebhaben; keinesfalls dürfen sie es irgendwie kritisieren. Die positiven Aspekte der Beziehung müssen gestärkt werden. Manchen Eltern ist das nur sehr schwer klarzumachen.
 

Neil: Die beste Voraussetzung bei der Rehabilitation ist wie bei der Freedom-of-Thought-Foundation in Tucson oder in Ohio, als sie aufgebaut wurde, das Vorhandensein einer Familienstruktur, einer familienähnlichen Umgebung mit einer Mutter- und einer Vaterfigur und partnerschaftlichen Beziehungen. Das ist jedoch nicht das einzige Rehabilitationsverfahren, denn wir haben erkannt, daß noch wichtiger als selbst die Familienstruktur die Tatsache ist, daß bei der Deprogrammierung ein Teil des Prozesses - der Abbau der Gedankenkontrolle - abläuft. Durch die Deprogrammierung werden die dem Verstand
 



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angelegten Fesseln beseitigt, und zurück bleibt ein junger Mensch, der einem Messias gefolgt ist. Die meisten hegen sehr tiefe Gefühle für diesen Messias, und sie fragen sich, ob sie auch richtig handeln: ob das Verlassen der Sekte gegenüber dem Messias und ihrer Liebe richtig oder falsch ist. Wir Eltern können diese Frage nicht beantworten. Ich war nie ein Muni und weiß daher nicht aus eigener Erfahrung, wie es ist, sich einem Messias zu weihen. Ein ehemaliges Sektenmitglied aber kennt sich aus, und dabei ist es ganz gleichgültig, ob es sich um die Kinder Gottes, Hare Krishna, Divine Light Mission oder Maharaj Ji handelt. In jeder dieser Sekten gibt es die Beziehung zu einem Messias. Die jungen Menschen, die gerade deprogrammiert wurden, brauchen jemanden, der ihnen diese sehr tiefgehenden religiösen und emotionalen Fragen beantworten kann. Deshalb glaube ich, daß man den Rehabilitationsprozeß in Gang setzen kann, wenn ein anderer junger Mensch verfügbar ist, der die obengenannten Fragen beantworten kann.
 

Ann: Im Rehabilitationszentrum war es immer fast zum Lachen und bestimmt einer der wirksamsten Faktoren bei der Rehabilitation, wenn die jungen Leute Vergleiche zwischen ihren Messiassen anstellten: "Mein Messias war ein wirklicher Messias", oder: "Mein Messias war besser als deiner." Am Ende haben sie dann darüber gelacht. Ich glaube, die Erkenntnis, daß andere ebenfalls einen Messias verehrt hatten, war für sie ziemlich unangenehm.
 

Neil: Ich meine auch, daß zwischen den Sekten eigentlich kein Unterschied besteht, denn alle verehren ihren jeweiligen Führer als Messias, als irgendeine Art von Guru. Wie Ann schon gesagt hat, ist schon der Vergleich der Anschauungen ein guter Anfang. Wenn z.B. ein Muni und ein Hare-Krishna-Anhänger oder ein Muni und einer von der Scientology anfangen, ihre Anschauungen zu vergleichen und der Muni behauptet: "Mun ist der zweite
 



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Messias; Mun ist Gott", und der andere ihm darauf erwidert: "Nein, L. Ron Hubbard ist Gott", so stellt sich die Frage, wie das möglich sein kann. Und damit ist ein Anfang gemacht. Wenn dann die Frage gestellt wird: "Was hast du empfunden, als du von der Scientology losgekommen bist? Was hast du für L. Ron Hubbard empfunden?" können diese Fragen für den ganzen Deprogrammierten von anderen beantwortet werden, indem sie schildern, welche Empfindungen sie zur Zeit ihres Sektenaustritts hatten und wie sie damit fertiggeworden sind.

Leute, die gerade von der Sekte losgekommen sind, haben Probleme. Ein mir bekannter junger Mann schlief ein ganzes Jahr bei eingeschaltetem Licht, weil er Angst vor der Dunkelheit hatte. Er sagte, er habe Albträume, in denen er Christus in den Rücken stoße. Er stellte natürlich auch die Frage: "Habe ich Christus den Rücken gekehrt? Habe ich Christus verlassen, und bin ich deshalb auf ewig verdammt?" Ich konnte ihm zwar sagen, daß das nicht so sei, aber er konnte mir verständlicherweise nicht glauben, denn ich war ja nie Sektenmitglied gewesen. Alle meine Informationen stammen aus zweiter Hand, und ich war daher für ihn bloß ein weiterer leerer Schwätzer. Aber ein anderer Muni oder ein Hare-Krishna-Anhänger als Gesprächspartner ist glaubhaft, weil er seine Erfahrung aus erster Hand hat.

Ann: Ausnahmen sind die großartigen Deprogrammierer wie etwa Joe Alexander. Natürlich war er oder auch Ted Patrick nie selbst programmiert. Sie waren nie eigentliche Sektenmitglieder, aber wegen ihrer ungeheuren Erfahrung und ihrer Kenntnis der verschiedenen Sekten konnten sie den ganzen Vorgang nachvollziehen. Man kann sagen, sie waren fast in eine Sekte eingetreten, ohne jedoch den letzten Schritt zu tun. Sie wußten, was diese Kinder durchmachten, und konnten sehr viele ihrer Fragen beantworten, eine Menge aber auch nicht. In solch einem
 



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Fall gab Joe sie oft an ein anderes ehemaliges Sektenmitglied weiter.
 

Neil: Was ich auch noch für wichtig halte - und vielleicht besonders im Fall Ihrer Tochter - ist, genau gesagt, meine Konzeption der Rehabilitation als psychologischer, ja psychiatrischer Beratungsprozeß, denn es handelt sich ja um emotionale Probleme junger Leute. Ich glaube, daß die Deprogrammierung trotz der aktiven Beteiligung anderer ehemaliger Sektenmitglieder nach wie vor ein psychiatrischer Prozeß bleibt. Wenn aber bei einer Rehabilitation ein ehemaliges Sektenmitglied eingeschaltet wird, so verkürzt das die Dauer der Genesung. Selbst Leshe brauchte ein Jahr, um ihre Stabilität wiederzugewinnen. Aber bei einigen jungen Leuten, die wir aus den Sekten geholt haben und die vielleicht nur zwei, drei oder vier Wochen oder ein paar Monate Mitglieder waren, war es ganz ähnlich, wenn sie nicht wenigstens eine kurze Zeit lang während der Rehabilitation jemanden bei sich haben, dauert es sehr lange - sechs Monate bis ein Jahr - bis sie sich erholt haben. Durch den Ansprechpartner kann die Rehabilitationsdauer auf einen Monat, möglicherweise sogar auf sechs Wochen oder weniger, verkürzt werden. Wenn sie dann wieder gefestigt sind und sich selbst wiedergefunden haben, können sie bei der Rehabilitation anderer mithelfen und dadurch selbst weiter gefestigt werden. Anderen zu helfen, scheint den Zustand der ehemaligen Sektenmitglieder zu verbessern. Es ist, als ob sie dabei ständig ihre eigenen Fragen beantworten.
 

Ann: Eine meiner Meinung nach interessante Tatsache ist der Unterschied zwischen denen, die aus eigener Kraft von den Sekten loskommen, und denen, die herausgeholt oder vom Austritt überzeugt werden. Nach dem, was ich von Margaret Singer gehört habe, scheint mir die erste Gruppe aus Nonkonformisten zu bestehen. Es sind diejenigen,
 



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die das, was man ihnen erzählt, in Frage stellen. Es sind die Unruhestifter unter der Jugend, die ihren eigenen Kopf haben und denen es als Sektenmitglieder unter die Haut geht, wenn man ihnen sagt, was sie tun und lassen sollen. Diese Leute wollen loskommen. Und ich glaube, da$3 diese jungen Leute nicht besonders gut auf eine Deprogrammierung ansprechen, es sei denn, sie selbst bitten darum. Doch meistens werden sie ihre Fragen selbst beantworten wollen, und man muß sie ihren eigenen Weg gehen lassen. Dadurch, daß sie aus eigener Kraft den ersten Schritt getan haben, ist die Schlacht schon zu 50 % gewonnen. Und auch die restlichen 50 % müssen sie allein irgendwie durchstehen, es sei denn, sie bitten um Hilfe. Ich kenne zwei junge Männer und eine junge Frau, die es aus eigener Kraft geschafft haben. Es war sehr, sehr schwierig für sie, und jeder von ihnen hat etwa ein Jahr gebraucht. Das Mädchen ist nach zwei Jahren Sektenmitgliedschaft losgekommen, während deren es immer noch an der University of California studierte, und hatte einen sehr starken Verstand. Sie wußte nicht, warum sie austreten wollte, spürte aber, daß irgendetwas falsch war. Nachdem sie die Sekte verlassen hatte, gab es nichts und niemanden, der ihr geholfen hätte. Es gab keine Eltern, und keiner wußte etwas über die Sekten, denn die machten erst zwei oder drei Jahre später Schlagzeilen auf den Titelseiten. Linda, so heißt die junge Frau, sagte, daß sie über eineinhalb Jahre im Bett verbrachte. Rat suchte sie in einer Nervenklinik, wohin sie sich in ambulante Behandlung begeben hatte. Die Behandlung löste aber keines ihrer Probleme, und sie mußte zu eigenen Entschlüssen kommen, indem sie ihr Inneres erforschte. Und als sie etwa nach einem Jahr schließlich alles durchgearbeitet hatte, kam sie in Kontakt mit Eltern, die anfingen, sich über ihre Kinder Sorgen zu machen. Danach ist sie dann Rechtsanwalt geworden. Sie ist eine ganz außergewöhnliche, dynamische und emanzipierte Frau; ich meine, sie war ganz
 



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ihr eigener Herr. Die beiden jungen Männer waren auch nicht von der Art, die alles ungefragt hinnehmen. Beide haben sich durchgebissen und sind jetzt sehr stark, aber es kam sie doch sehr hart an, sich von der Sekte zu befreien. Es gibt also diese beiden unterschiedlichen Arten von Leuten. Und dann gibt es natürlich einige, für die die Sekte wie ein Kokon wirkt. Sie sind u.U. so verstört, daß sie um sich herum einen festgefügten Stützmechanismus brauchen. Solche jungen Leute von der Sekte zu trennen, ist äußerst schwierig, und zwar selbst dann, wenn sie erkennen, daß ihre Beziehung zur Sekte nicht rational begründet ist. Sie wollen sozusagen wieder zurück in den Mutterleib; die Sekte ist für sie ein Schutz. Und man fragt sich fast, ob es nicht besser ist, sie in der Sekte zu lassen, als sie für die nächsten zehn Jahre in eine Nervenheilanstalt zu stecken. Man sagt auch, daß diese Leute immer Außenseiter sein werden; und bestimmt gehören einige der jungen Leute zu dieser Gruppe. Ich denke dabei besonders an einen jungen Mann, der wirklich sehr verstört war. Es war die Sekte, die ihm einen festen Halt gab, und seit über sechs oder sieben Jahren kommt er nun wirklich gut mit seiner Umwelt zurecht. Und ich frage mich, was passieren würde, wenn David - so heißt er - die Sekte verlassen würde. Sie haben ihn insofern gestützt, daß sie ihn jeden Tag ganz bestimmte Dinge tun ließen: Er mußte aufstehen und dann bei der Hausarbeit helfen; er hatte das eben zu tun. Es wurde ihm alles gesagt, was er zu machen hatte, und es gab keine Fragen zu stellen und keine Antworten zu erwarten, keine Wirklichkeit, der er sich zu stellen gehabt hätte. Er hatte nur das zu tun, was ihm gesagt wurde. Das reichte ihm als Stützmechanismus. Soviel ich weiß, war er vorher ziemlich verstört, jetzt aber scheint er gut zurechtzukommen.
 

Neil: Ich glaube, ich habe Sie in bezug auf Ihr Rehabilitionsvorhaben
 



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sagen hören, daß Sie keine Mittel haben, es so durchzuführen, wie es Joe und Esther getan haben. Das ist wirklich ein Problem. Unsere Elterngruppe hier in Berkeley hat sich ganz besonders eingehend mit diesem Problem befaßt. Wir wollten hier im Gebiet der Bucht (Bay Area) eine Rehabilitationsmöglichkeit schaffen, weil so viele Jugendliche hierher kommen. Wir sahen aber keine Finanzierungsmöglichkeit. Hierbei spielen ziemlich viele juristische und moralische Faktoren mit hinein, und man muß au13erdem damit rechnen, da13 einige Jugendliche rückfällig werden und zur Sekte zurückkehren, wodurch man dann einen Zivilprozeß am Hals hat. Die Begründung der Klage ist natürlich an den Haaren herbeigezogen. Die meisten Klagen dienen nur dazu, uns Schwierigkeiten und Ärger zu machen. Die Sekten wollen gar nicht vor Gericht gewinnen, sondern uns lediglich Schwierigkeiten machen.

Eins der Dinge bei der Rehabilitation, die wir erörtert, aber in dieser Gegend nie wirklich erreicht haben, war die Benutzung der Privatwohnungen von Eltern im Turnus. Wie Ann schon gesagt hat, muß man bei ehemaligen, langzeitigen Sektenmitgliedern in der ersten Zeit 24 Stunden am Tag für den Patienten da sein. Zum Beispiel sind meine Frau und ich berufstätig. Hätten wir ein ehemaliges Sektenmitglied bei uns zu Hause zur Rehabilitation, müßten wir es mit zur Arbeit nehmen oder aber tagsüber alleinlassen, wenn wir weg sind. Das ist nicht gut, ja, es ist unmöglich, auf diese Art eine Rehabilitation durchzuführen.
 

Ann: Eine andere Möglichkeit für die Eltern eines deprogrammierten Jugendlichen wäre, daß sie den Aufenthalt von einem oder zwei ehemaligen Sektenmitgliedern bei sich zu Hause bezahlen würden. Sie müßten aber dann mehrere Wochen lang mindestens zwei, vielleicht sogar drei junge Leute bei sich beherbergen. Aber selbst wenn die Eltern des Deprogrammierten für die Kosten aufkämen - ich
 



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meine, das ist vorstellbar und ließe sich machen -, so wäre doch die Familienatmosphäre gestört. Ich meine aber, daß es immerhin besser als nichts ist.  Je nach der Schwere des ursprünglichen Traumas des Jugendlichen ist wochen- oder monatelang ein fester Stützmechanismus erforderlich. Meine Tochter z.B. ist mit 16 ein- und mit 24 ausgetreten. Wir bemerkten, daß sie mit 24 die emotionalen und sozialen Probleme einer Sechzehnjährigen hatte. Sie hatte viele Erfahrungen bei Führungsaufgaben gesammelt, aber das Seelische, ihre psychische Entwicklung war vollständig zum Stillstand gekommen. Sie war buchstäblich erst 16 bis 17 Jahre alt, als sie von der Sekte loskam. Ihre Heilung ging vergleichsweise rasch vonstatten, dauerte aber immerhin etwa ein Jahr. Wenn also der Stützmechanismus nicht vorhanden ist und nicht 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht, passiert überhaupt nichts. Bei der Rehabilitation unserer Tochter waren wir und ihre Großeltern immer für sie da. Einen Monat lang war sie bei den Großeltern, aber ein ehemaliger Muni blieb sechzig Tage lang bei ihr. Ich weiß nicht, ob sie es ohne diese Art Hilfe so erfolgreich geschafft hätte. Eins möchte ich noch über Joe Alexander bemerken - durch meine Erfahrung in der Sozialarbeit habe ich die psychologischen Hintergründe wohl ziemlich erfaßt - daß er eine sehr starke Persönlichkeit ist. Ich weiß nicht, ob man ihn einen Familienpatriarchen nennen kann. Es handelt sich um eine strengkatholische Familie, mit sehr liebevollen Beziehungen zwischen ihm, seiner Frau und seinen fünf Kindern. In seinem Haus gibt es viele Enkel. Sehr oft sind Freunde und Nachbarn da, im Haus und außerhalb des Hauses. Weil seine Frau nicht berufstätig ist, kann sie immer daheim sein. Er hatte eine starke Beziehung zu allen deprogrammierten Jugendlichen, die dort anwesend waren. Das, was er sagte, wurde als maßgebend akzeptiert. Die Jugendlichen verehrten ihn nicht als Ersatz für irgendeinen Sektenführer, sondern sie vertrauten
 



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darauf, daß er wußte, worüber er sprach. Ich habe ihn sehr oft gesehen, als er zuhause war. Er war natürlich auch oft unterwegs und führte irgendwo eine Deprogrammierung durch. Aber wenn er da war, dann waren seine Aufmerksamkeit, seine Augen und Ohren und seine übrigen Sinne auf die Jugendlichen gerichtet, die erst kurz zuvor von den Sekten losgekommen waren. Ich erinnere mich, wie er sagte:  "Mit Susie stimmt etwas nicht. Ich muß mit ihr reden. Ich bin gleich wieder zurück." Er ging dann hinüber zu Susie, nahm sie bei der Hand und sagte; "Komm, ich muß mal mit dir reden." Und dann gingen sie in irgendeine Ecke, vielleicht in ein Schlafzimmer oder hinunter in den Familienraum oder nach draußen, aber nicht auf die Straße, weil dann nämlich die Jugendlichen weggelaufen wären. Jedenfalls irgendwo im Haus, wo sie ungestört waren. Joe setzte sich, legte den Arm um Susie und sagte: "Was bedrückt dich? Ich mache mir wirklich Sorgen um dich und möchte mich gern mit dir unterhalten." Und dann hat er gewöhnlich eine halbe Stunde lang seine ganze Aufmerksamkeit dem Jugendlichen zugewandt, wobei er ihm meistens einfach bloß zuhörte, aber mit ganzer Aufmerksamkeit. Und dann hat er einfach ein paar Gesten gemacht - meistens auf den Rücken geklopft - und gesagt: "Du kommst großartig voran, du bist einfach prima. Ich möchte jetzt, daß du dich mal mit dem und jenem unterhältst." Dann führte er das Mädchen zu der betreffenden Person und sagte: "Ich möchte, daß du Susie ein bißchen hilfst; sie fühlt sich im Augenblick ziemlich niedergeschlagen." Dann ging er und beschäftigte sich weiter mit seinen Angelegenheiten. Er aß vielleicht ein Sandwich oder etwas anderes und machte sich Gedanken über das, was ihn beschäftigte. Und dann - man konnte förmlich sehen, wie es wieder in ihm arbeitete - sagte er vielleicht: "Mit Johnny stimmt irgendetwas nicht. Es ist besser, wenn ich mich mit ihm unterhalte; seit drei oder vier Tagen hatte ich keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu reden." Dann ging er auf
 



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Johnny zu, setzte sich und behandelte ihn genau so wie Susie. Er legte den Arm um den jungen Mann. Dieser körperliche Kontakt war sehr wichtig beim Gespräch. Aber was dieser starke, liebevolle Mann auch sagen mochte, diese Jugendlichen hatten ihre Zweifel, und er antwortete ihnen: "Es ist alles in Ordnung. Du kannst mit mir über alles reden; ich höre dir zu. Und du kommst wirklich großartig voran." Es hatte fast etwas Magisches, wenn man sah, wie er sie durch den Satz "Du kommst wirklich großartig voran" beeinflussen konnte. Diese magischen Kräfte beruhen u.a. darauf, daß seine liebevolle Zuwendung nie mit irgendwelchen Forderungen verbunden ist. Er hat für alles Verständnis. Außerdem hat er den jungen Leuten keine religiösen, emotionalen oder sonstigen Beschränkungen auferlegt. Er sagte nur: "Sag' mir, was nicht stimmt, und ich werde sehen, ob ich dir helfen kann." Wenn er helfen konnte, umso besser. Die jungen Leute konnten dann ihren eigenen Vorstellungen folgen, ohne sich Joe gegenüber verpflichtet oder schuldig zu fühlen. Das halte ich auch für sehr wichtig.
 

Ann: Was dieser Methode in bezug auf die Fachpsychologie am nächsten kommt, ist die Transactional Analysis von Eric Burns. Hierbei handelt es sich um den Zustand der Egos von Eltern und Kindern. Für die Arbeit mit den jungen Leuten bedeutet dies, daß Je wie eine starke Vater- bzw. Leitfigur wirkt. Es gibt keinen Grund, warum eine Frau diese Ausstrahlung nicht haben sollte. Was nun Joe betraf, so machte er den jungen Leuten ausdrücklich alle Zugeständnisse und sagte; "Es ist richtig, daß du die Sekte verlassen hast. Es ist richtig, erwachsen zu werden. Es ist richtig, Fragen zu stellen. Es ist richtig, zu weinen. Alles ist richtig. Ja, alles, was du tust, ist in Ordnung. Ich gebe dir die Erlaubnis, es zu tun. Du darfst panische Angst darüber empfinden, daß du die Sekte verlassen hast. Du darfst die Frage stellen, ob du vielleicht deinen Messias verraten hast, und
 



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ich werde dir immer wieder antworten, daß du ihn nicht verraten hast, weil er überhaupt kein Messias war." Das sagte Joe den Jugendlichen, und sie hatten Vertrauen zu ihm. Daß sich Joe Tag für Tag unverändert so zu ihnen verhielt, verhalf den Jugendlichen zur Heilung, und irgendwie auch die Tatsache, daß er eine starke Persönlichkeit ist. Denn derjenige, der die Rehabilitation durchführt, muß tatsächlich stärker sein als der Messias, den der Jugendliche verlassen hat. Nach dem Austritt tritt nämlich eine Übergangsperiode ein, bis der Jugendliche erkennt, daß er die Sekte tatsächlich nicht braucht, und bis er es verinnerlicht hat, daß er nun selbst Entscheidungen treffen kann. Wenn sie von der Sekte loskommen, sind die Jugendlichen zunächst ganz zermürbt und brauchen etwas, das ihnen wirklich einen Halt gibt. Sie müssen ermutigt werden, daß sie aufstehen und auf eigenen Füßen stehen. Genau das hat Joe gemacht, und Ted macht es wohl auch so. Er nimmt sich zwar nicht soviel Zeit für eine Rehabilitation wie Joe, aber die Jugendlichen hören auf ihn. Sie wissen, daß er die Fähigkeit besitzt, ihnen sagen zu können, was tatsächlich los ist.
 
 



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DR. GEORGE SWOPE
 

Interview 12. Juni 1978 Valhalla N.Y.

Dr. George Swope ist Psychologe und Professor am Westchester Community College in Valhalla N.Y., zugleich Geistlicher einer protestantischen Kirche. Seine Tochter gehörte eine Zeit lang der Mun-Sekte an. Dr. Swope führte etwa 9 Monate ein Rehabilitationszentrum in New Hampshire.
 
 



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Mein Name ist Dr. Swope, und ich bin gebeten worden, über die Rehabilitation von Jugendlichen zu sprechen, die aus der Vereinigungskirche (VK) oder einer anderen Sekte kommen.

Rehabilitationszentrum

Ich betrieb ca. 9 Monate lang ein Rehabilitationszentrum in Neu-England. Ich betreute während dieser Zeit 39 Jugendliche, von denen 35 nicht wieder rückfällig wurden, nach Hause oder zum College zurückgingen, ins Arbeitsleben eingegliedert wurden und ihr normales Leben wieder aufnehmen konnten. Vier von ihnen kehrten zur Sekte zurück. Einer von ihnen bedurfte psychiatrischer Hilfe bereits vor seinem Eintritt in die Sekte und nachdem er zu ihr zurückkehrte. Die Kosten dafür übernahmen jedoch seine Eltern, nicht die Sekte. Meiner Meinung nach können Deprogrammierung und Rehabilitation nicht erfolgreich sein, wenn die Notwendigkeit psychiatrischer Behandlung besteht. In diesem Fall muß erst einmal das psychiatrische Problem gelöst werden 1).

Zur Sekte Zurückkehrende

Der zweite Jugendliche, der zur Sekte zurückkehrte, ein Mädchen, hatte vor seinem Eintritt in die VK Probleme sozialer Art, die wir bis zu einem gewissen Grad im Rehabilitationszentrum behandelten. Da sie eine recht gute Beziehung zu uns gefunden hatte, kam sie im Laufe der ersten 6 Monate, nachdem sie nach Hause und ins College zurückgekehrt war, des Öfteren zum Wochenende zu uns nach New Hampshire, wo wir ihr neue Kraft geben konnten. Dann entschloß sie sich eines Tages aus eigenem Antrieb, einen 2-Tages-Kurs der VK zu besuchen, um wieder einmal dem zuzuhören, was dort gesagt wurde und dies mit unseren Argumenten vergleichen zu können. Sie glaubte nicht an die Möglichkeit, Gedanken durch äußere Einwirkung kontrollieren und Denkweisen umgestalten zu können, sie glaubte nicht, daß Gehirnwäsche dort tatsächlich existierte. Ihr Freund, der darüber informiert

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1) Hierüber gehen die Meinungen auseinander. Joe Alexander sen. vertritt die Ansicht, daß ohne die Deprogrammierung jede psychiatrische Behandlung umsonst ist.
 
 



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war, sagte, daß er an 3 aufeinanderfolgenden Abenden mit ihr am Telefon sprach und eine deutliche Veränderung in ihrer Stimme feststellen konnte. Es gelang der Sekte, sie wieder einzufangen. Sie kehrte nicht nach Hause zurück.

Ein weiteres Mädchen, das rückfällig wurde, gehörte einer anderen Sekte an. Auch sie bedurfte psychiatrischer Behandlung. Sie hatte mit ihrer Familie, die nicht viel von psychiatrischer Hilfe verstand, in großer Spannung gelebt. Sie kam aus einer Familie mit niedrigem Bildungsniveau. Das Mädchen lebte einige Monate lang wieder außerhalb der Sekte und hatte kleinere Jobs. Bei einer dieser Arbeitsstellen gab es eine Auseinandersetzung, über die sie sich dermaßen erregte, daß sie letztlich zur Sekte zurückkehrte.

Bei dem vierten Fall, der mir bekannt ist, handelt es sich um ein Mädchen, das sich von Grund auf zur Sekte hingezogen fühlte und in der Sekte einen Freund hatte. Sie ging von unserem Rehabilitationszentrum zu einem anderen Zentrum und blieb der Sekte 8 Wochen lang fern. Dann ging sie für ein oder zwei Wochen nach Hause und sagte ihrer Familie, sie wolle zur Sekte zurückgehen, um ihren Freund herauszuholen. Ob dies ihr wirklicher Beweggrund war oder ob sie es nur als Vorwand nahm, um sich wieder der Sekte anzuschließen, weiß niemand. Jedenfalls ging sie zurück, um ihren Freund wiederzubekommen, und stattdessen gelang es ihrem Freund, sie in die Sekte zurückzuholen.

Allen anderen ist die Rückkehr ins normale Leben gelungen. Verschiedene von ihnen sagten mir später, daß sie ohne das Rehabilitationszentrum zur Sekte zurückgekehrt wären und daß Deprogrammierung alleine nicht ausreiche. Teilweise empfanden sie die Deprogrammierung selbst als unzureichend oder gar unangebracht, in einigen Fällen entwickelten sie (trotz Erfolgs der Deprogrammierung)
 



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sogar eine regelrechte Abneigung dagegen. Als sie aber zum Rehabilitationszentrum kamen, wo die Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen wieder in normalen Bahnen verliefen, erkannten sie bald, daß Sexualität nichts Teuflisches, sondern ein normales Zusammenspiel der Geschlechter ist, und dies stabilisierte ihren Umgang mit dem anderen Geschlecht und trug zum Zusammenleben in einer freundlichen Atmosphäre bei.

Deprogrammierung und Rehabilitation

Einer der Schwachpunkte alleiniger Deprogrammierung ist der Wechsel aus der warmen Atmosphäre in der Sekte (wenn diese Liebe auch nur vorgetäuscht ist, sie verbreitet eben eine warme Atmosphäre) in die Welt der Deprogrammierung, die eine Konfrontation darstellt. Die Jugendlichen werden gezwungen, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Was die Deprogrammierung vorantreibt, ist Liebe von Seiten der Eltern. Auch einige der Deprogrammierer zeigen echte Anteilnahme, aber der Vorgang als solcher ist in seiner Wirkung auf den Jugendlichen keineswegs liebevoll. Gehen die Jugendlichen gleich nach der Deprogrammierung nach Hause, so sind sie selbst wie auch die Eltern verspannt, was keinesfalls eine förderliche Situation darstellt. Aus diesem Grund ist Rehabilitation so wichtig. Sie ist eine Zwischenstation auf ihrem Weg zurück ins normale Leben. Hier finden sie Verständnis und Zuneigung, sind nicht allein mit ihren Eltern, sondern in einer Gruppe von 8, 10 oder 12 jungen Leuten, in deren Gemeinschaft sie im Schwimmen, Skifahren, Ping-Pong oder ähnlichem Entspannung und Erholung finden können. Dazu kommt dann weiterhin ein genaues Betrachten ihrer jeweiligen Situation; das Studium der Bibel, wenn sie aus einer religiös verwurzelten Sekte kommen, das Studium der psychologischen Komponente, um den Vorgang der Gedankenkontrolle verstehen zu lernen.
 



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Rehabilitation und Religiosität

Das Haus, das wir betrieben, war ein Experiment. Ich hatte wohl einige Theorien, ertastete aber meinen Weg mit den praktischen Erfahrungen, die ich machte. Ich hatte keine Vorstellung davon, wieviele der Jugendlichen aus einer protestantischen, katholischen oder jüdischen Erziehung zu mir kommen würden. Ich hatte das Gefühl, daß ich den Eltern helfen mußte, gleich welcher Religion sie angehörten; daß ich mich in keiner Weise in die religiöse Überzeugung der Familie einmischen, sondern die Jugendlichen zu ihrer Familie und mit ihr in deren Glauben zurückführen sollte, sei es Atheismus, Agnostizismus oder was auch immer. Die Eltern sollten nicht sagen können, daß ich einen religiösen Kult durch einen anderen ersetzte. Dazu fühlte ich mich verpflichtet. Trotzdem glaube ich, daß darin ein Schwachpunkt liegt, denn viele der Jugendlichen, die sich einer Sekte anschlossen, hatten keine religiöse Erziehung genossen. Sie waren lediglich dem Namen nach katholisch, jüdisch, protestantisch oder agnostisch, hatten aber keinerlei religiösen Hintergrund. Vielleicht wurde Gott in der Sekte zum ersten Mal Wirklichkeit für sie; gleich welches Zerrbild von Gott auch dargestellt wurde, für sie war er real. Die Herauslösung aus der Sekte zerrte sie dann auch aus ihrer ersten wesentlichen Erfahrung mit Gott. Sie kehrten in ein Vakuum zurück. Ich bin sicher, daß viele der Jugendlichen aus eben diesem Grund zur Sekte zurückgingen. Sie hatten eine Empfindung für Gott, die sie in der harten, grausamen und auf Wettbewerb eingestellten Welt außerhalb der Sekte nicht entwickeln können.

Vor etwa 1 1/2 Jahren sprach ich mit einem Rabbi in der Gegend von Baltimore, der mir erzählte, daß er dort ein Rehabilitationszentrum für hauptsächlich jüdische Jugendliche einrichten wollte. Dies hielt ich für gut,
 



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weil ein solcher Jugendlicher möglicherweise die Grundzüge der jüdischen Lehre niemals wirklich kennengelernt hat. Wenn ihm nun die Essenz des Judentums von diesem Rabbi und anderen als Teil des Rehabilitationsprogramms dargelegt werden sollte, würde sich dies meiner Meinung nach persönlichkeitsfestigend auf den Jugendlichen auswirken. Er käme aus der Gott-Konzeption der Sekte heraus und würde in die religiöse Welt seiner Familie zurückgeführt, ohne in ein Vakuum zu fallen. Ich glaube, daß das Fehlen der religiösen Komponente einen Schwachpunkt in der Rehabilitation bei uns in den Vereinigten Staaten darstellt. Ich bin ein protestantischer Geistlicher, Lehrer der Psychologie und Soziologie und habe eine beratende Funktion hier am College. Mein religiöses Gefühl sagt, daß ich versuchen sollte, Leute zu Gott hinzuführen. Sie mögen Gott nicht wollen, das ist jedem selbst überlassen. Zumindest sollte ich ihnen Gott interpretieren. Im Rehabilitationszentrum stand ich jedoch in einem Zwiespalt zwischen dem Versuch, den Eltern und mir selbst gegenüber aufrichtig zu sein; es war eine unhaltbare Situation. Wir studierten also gemeinsam die Bibel, nahmen einzelne Stellen heraus, die von der Sekte falsch dargestellt waren. Es gibt Bibelstellen, mit deren Interpretation aufrichtig religiöse Leute nicht übereinstimmen. Dies ist aber keine vorsätzliche Verfälschung der Bibelaussage. Innerhalb der Sekten allerdings werden Bibelstellen vorsätzlich entstellt wiedergegeben, um über diese eigene Interpretation - die kein Gelehrter, wie auch immer sein Standpunkt sei, akzeptieren würde - Jugendliche unter ihre Kontrolle zu bekommen. Deshalb arbeite ich hauptsächlich mit der Bibel, um die verfälschten Interpretationen der Sekte zu widerlegen.

Wie sollte ich aber vorgehen, um über dieses Widerlegen zu einer positiven Interpretation zu kommen? Wenn ich z.B. eine Stelle aus dem Buche Isaias über  den
 



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Messias lese, so handelt es sich dabei nach christlichem Verständnis um Jesus; orthodoxe Juden interpretieren es damit, daß jemand namens Messias kommen wird, reformierte Juden sagen, daß dies nicht der Wahrheit entspricht und daß damit der Messias Israel gemeint ist. Wie sollte ich mich also in einer solchen Sache verhalten? Ich glaube, es sollte ein christliches Rehabilitationszentrum geben, das nicht lediglich Falschinterpretationen widerlegt, sondern den Jugendlichen auch auf der anderen Seite etwas anbietet, das sie akzeptieren oder zurückweisen können, das ihnen nicht aufgezwungen, sondern angeboten wird; dies ist, was der christliche Glaube sagt; dies ist, was ich glaube. Der Jugendliche kann dann ein positives Angebot annehmen und fällt nicht in ein Vakuum. Meiner Meinung nach sollte ein christliches Rehabilitationszentrum auch entsprechend als solches ausgewiesen sein, so daß jüdische oder atheistische Eltern, die ihr Kind dorthin bringen wollen, genau wissen, daß dieses Angebot vorgebracht, wenn auch nicht aufgezwungen werden wird. Es sollte meiner Meinung nach ein katholisches, protestantisches und ein jüdisches Rehabilitationszentrum geben, damit Gott jeweils enthusiastisch dargestellt werden kann.

Ich konnte meinen Schützlingen nur sagen, was die christliche Kirche lehrt. Ob sie es glaubten oder beiseite schoben, sie sollten zumindest wissen, wie die Lehre der Kirche aussieht. In dieser Weise kann natürlich keinerlei Enthusiasmus aufkommen, und oft dachte ich mir, wie oberflächlich ich doch im Grunde genommen wirken mußte im Vergleich zu den Sekten, wo es oft heißt "Vater sagt . .." oder "der Führer sagt . .." oder "so ist Gott". Ich blieb aber bei dem bloßen Angebot der christlichen Lehre, weil ich mich den verschiedengläubigen Eltern gegenüber verpflichtet fühlte, aber auch weil einige - nicht alle - der aus der Sekte gelösten Jugendlichen von Religion nichts mehr wissen wollen. Sie glauben,
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 112

wie mir einer sagte: "Mun hat mich als Messias überrumpelt und innerlich eingenommen; wie kann ich wissen, daß es nicht jetzt der Papst, der Rabbi oder der Pastor tut? Ich will mit organisierter Religion nichts mehr zu tun haben." Meiner Erfahrung nach bleiben die meisten der Jugendlichen, die aus Sekten kommen, für eine ganze Weile der Kirche oder Synagoge fern. Ich kenne einige wenige, die gleich nach ihrem Austritt aus der Sekte wieder zur Kirche zurückgingen. Sie hatten jedoch ausnahmslos von Anfang an eine tiefe religiöse Einstellung. Die Sekte bedeutete lediglich die Unterbrechung ihrer Lebensweise, und sie kehrten gleich nach ihrem Austritt wieder zu ihren Glauben zurück. Meiner Meinung nach sollte es Rehabilitationszentren geben, in denen das Beten zu einem wesentlichen Bestandteil werden kann. In unserem Zentrum wird zu den Mahlzeiten gebetet. Ich habe den leisen Verdacht, daß die mit dem Beten beauftragte junge Frau trotz ihrer tiefen Religiosität in Verlegenheit geriet, ob sie in Anbetracht der verschiedenen religiösen Herkunft der Jugendlichen beten sollte oder nicht.

Es sollte also im Rehabilitationszentrum eine gewisse organisierte Religionslehre mit theologischen Studien stattfinden. Einige der Jugendlichen wären gelangweilt, weil sie sich nicht aus religiösen Gründen, nicht aus einer intellektuellen Herausforderung der Sekte anschlossen, sondern lediglich wegen der scheinbar warmen, herzlichen Atmosphäre in der Gruppe. Sie sind an Religion nicht im geringsten interessiert. Für die anderen sollte es jedoch organisierten Religionsunterricht geben, da es für sie vielleicht die einzige Chance darstellt, an einem organisierten Religionsstudium teilzunehmen.
 



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Die Verantwortung für das Zentrum hatte eine junge, sehr idealistische Geschäftsfrau, eine überzeugte Christin, etwa 25 Jahre alt. Sie war sehr energisch und enthusiastisch und wollte bei mir arbeiten, weil sie glaubte, daß Gott dies von ihr erwartete. Sie leistete gute Arbeit. In mancher Hinsicht war sie nicht erfahrener als einige der Jugendlichen, mußte aber trotzdem für diese eine Autorität darstellen, wenn sie mich als Leiter des Zentrums vertrat. Darin lag ein Problem. Wenn möglich, sollte immer ein Erwachsener, eine Autoritätsfigur, keine diktatorische Person, da sein. Einige der Jugendlichen sagten mir, daß sie den Wochenenden entgegensehen, wenn ich als Autoritätsperson bei ihnen bin; sie wußten nicht recht, was sie in der Woche tun sollten. Ich glaube aber, daß der Autoritätsperson ein Assistent zur Seite stehen sollte, so daß sowohl die Autoritätsperson als auch der Gleichaltrige in der Betreuung vorhanden sind.

Als ich meine Arbeit für ein Rehabilitierungszentrum aufnahm, stand ich unter Druck. Ich sah ein großes Bedürfnis, dem niemand nachkam, und so begann ich damit, etwas zu tun. Lieber hätte ich bis nach meiner Pensionierung gewartet, um immer bei den Jugendlichen sein zu können. So konzentrierte sich meine Arbeit auf die Wochenenden. Das war für mich recht anstrengend. Wir arbeiteten von etwa 9 Uhr morgens bis zum Mittag, gingen dann zum Essen und arbeiteten anschließend noch einmal ein oder zwei Stunden. Dann gingen wir Schwimmen oder einer anderen Freizeitbeschäftigung nach, arbeiteten abends noch einmal miteinander. Wenn sonntags jemand zur Kirche gehen wollte, versuchte ich, mit ihnen zum katholischen oder protestantischen Gottesdienst zu gehen. Die jüdische Synagoge gab es nicht in der Nähe. Hätte aber einer der Jugendlichen mich darum gebeten, so hätte ich ihn die 45 km zur nächsten Synagoge gefahren. Ich ging davon aus, daß der Besuch der Kirche ein
 



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Teil der Erziehung ist, daß es vielleicht für Protestanten gut ist, am katholischen Gottesdienst teilzunehmen und umgekehrt. Ich nahm sie also zu verschiedenen Gottesdiensten mit, und meistens ging es auch ganz gut. Gelegentlich konnte ich aber auch beobachten, wie einige der Jugendlichen den Boden unter den Füßen verloren, wenn sie ein Kirchenlied sangen, das sie aus der Sekte kannten; wenn es z.B. heißt "das ist mein Vater" und sie an Vater Mun und nicht an Gott Vater dachten. Es kann auch eine Melodie sein, der die Sekte einen neuen Text gegeben hat. Solche Dinge konnten sie zeitweise in das Sektendenken zurückversetzen, und ich hatte Mühe, sie wieder davon zu befreien. Aus diesem Grund schränkten wir nach gewisser Zeit unsere Kirchenbesuche ein. An einigen Sonntagen organisierte ich selbst Gottesdienste im Haus. Zusammen mit einigen meiner Berater, die ebenfalls in der Arbeit mit jugendlichen Sektenangehörigen engagiert sind, suchten wir Kirchenlieder aus, die mit Melodien und Texten der Sekte in keinerlei Zusammenhang stehen. Ich ließ Bibelstellen vorlesen, die die Sektenlehre nicht tangierten, oder Gebete sprechen, die den Sektengebeten nicht ähnlich waren. Dies kostete einige Anstrengung, bereitete aber einigen der Jugendlichen viel Freude. Wir saßen ungezwungen im Wohnzimmer zusammen. Meine Frau spielte Klavier, wir sangen die Lieder und dann sprach ich zu ihnen. Ich bin der Überzeugung, daß das Studium der Bibel sehr wichtig ist. Weiterhin wichtig ist das Thema Psychologie der Denkreform (thought reform). Den Jugendlichen muß gesagt werden, wie sie in die Fänge der Sekten gerieten. Ich habe nach Schließung des Rehabilitationszentrums Bücher gelesen, die ich wünschte, schon früher gelesen zu haben, denn ungeachtet dessen, wieviel man weiß, gibt es immer noch mehr, das man wissen sollte. Ich hatte eine Bücherei im Zentrum. Einige der Jugendlichen suchten
 



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sich Bücher heraus, die sie lasen, andere nicht. Meiner Meinung nach ist es aber sehr wichtig, den Jugendlichen klarzumachen, wie sie in die Sekte gerieten, wie die Sekte arbeitet, um sie ständig kontrollieren zu können. Darum sind auch psychologische Betrachtungen wichtig.

Das Buch von Lifton über "Thought Reform and the Psychology of Totalism", Kapitel 22, sind wir im Detail durchgegangen. Außerdem das Buch "Gewaltsame Überzeugung", eine gute Abhandlung zum Thema Denk-Kontrolle, ebenfalls im kommunistischen China. Dr. Clark gab mir den Titel eines Buches, das seiner Meinung nach das beste ist, das er je gelesen hat: "Tyrannei von Gruppen" von Malcolm Toronto, einem Kanadier.

Es sollten also psychologische Studien über die Gedankenkontrolle, aber auch über die Familie organisiert werden. Daneben sollte es auch Erholung geben, wie ich bereits erwähnte. Einmal wöchentlich kam zu uns eine handwerklich sehr geschickte Frau, die ein Handwerksgeschäft besaß und sich mit den Jugendlichen auf diesem Gebiet beschäftigte. Dies erweiterte ihre Fähigkeiten, und einigen machte es Spaß, ihre Geschicklichkeit auf diesem Gebiet zu entfalten. Ich glaube, daß eine handwerkliche Beschäftigung ebenfalls wichtig ist. So hatten wir also ein intellektuelles, ein handwerkliches und ein Erholungsprogramm.

Einer der Bereiche, den ich für wichtig halte und aufgreifen würde, den ich jedoch nicht genügend behandelte, sind die familiären Erwartungen. Ich glaube, daß einige Jugendliche zuviel von ihren Eltern erwarten. Sie erkennen nicht, daß ihre Eltern auch nur Menschen sind. Viele der Jugendlichen glauben wohl, daß ihre Eltern bereits mit 30 Jahren geboren wurden; sie vergessen, daß auch ihre Eltern einmal mit allen Problemen des Heranwachsens
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 116

konfrontiert wurden, die jetzt auf ihre Söhne und Töchter zukommen. Die Eltern suchen nach Antworten. Auch sie haben nicht für alles eine Lösung. Es ist wichtig, diese Tatsache zu erkennen.

Ein anderer Punkt, den wir nicht behandelten und den ich dennoch für eine erfolgreiche Rehabilitation als wesentlich ansehe, ist das Gespräch unter den Eltern. Ich bin der Meinung, daß Eltern, die von ihren Kindern den Besuch des Zentrums erwarten, auch selbst verpflichtet sein sollten, an einer wöchentlichen Konferenz teilzunehmen. Wären wir auch zeitlich in der Lage, die ganze Woche über mit den Jugendlichen zu verbringen, könnten wir die Wochenenden Elternkonferenzen widmen. Dies würde den Eltern erlauben, auch aus größerer Entfernung anzureisen. Wenn sie den Wunsch haben, ihre Kinder zu rehabilitieren, so müssen sie sich auch selbst mit dem gesamten Komplex vertraut machen. Es ist möglich, daß sehr gutmeinende und rücksichtsvolle Eltern unbewußt Dinge tun oder sagen, die das Kind aus einer anderen Perspektive, mit anderen Augen sieht und vollkommen anders interpretiert, als von den Eltern zu diesem Zeitpunkt gemeint. Aus diesem Grund plädiere ich für Zusammenkünfte der Eltern. An diesen Konferenzen könnten auch Eltern teilnehmen, deren Kinder sich einer Sekte angeschlossen haben, aber vielleicht nie in ein Rehabilitationszentrum kommen werden; Eltern, deren Kinder seit zwei oder drei Jahren nicht mehr zuhause waren und die auch vielleicht nicht wirklich die Absicht haben, sie aus der Sekte herauszuholen. Es könnten Eltern kommen, deren Kinder aus eigenem Antrieb nach Hause kommen. Einige der Jugendlichen verlassen die Sekte aus eigenem Entschluß; es sind jedoch nicht viele, die dazu in der Lage sind.
 



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Es wird die Meinung vertreten, es sei im Rehabilitationsprozeß sehr wichtig, daß die Jugendlichen tun können, was sie wollen. Dieser Ansicht würde ich mich heute genauso wenig anschließen wie der Meinung, daß ein Kind zuhause alles tun sollte, was es möchte. Ich glaube, daß es einen goldenen Mittelweg zwischen Autorität und lascher Erziehung gibt. Dieses Mittel muß nach Beantwortung der Frage, was das Beste ist, festgelegt werden. Was ich mit meiner persönlichen Art erreiche, kann ein anderer vielleicht nicht. Hier spielt auch die jeweilige Persönlichkeit eine Rolle. Vielleicht könnte ich sie dazu bringen, mit der Gruppe zusammenzuarbeiten; einem anderen würde es vielleicht nicht gelingen, während er aber auf einem anderen Gebiet besser zurecht kommt als ich. Meiner Meinung nach muß man aber eine bestimmte Linie verfolgen.

Ich habe Kritik an einzelnen Rehabilitationsprogrammen gehört, die nicht genügend durchorganisiert waren. Die Jugendlichen konnten tun, was immer sie wollten, und als sie nach einem Monat das Rehabilitationszentrum verließen, hatten sie zwar in der Sonne gelegen und Tischtennis gespielt, hatten aber nichts dazugelernt. Aus diesem Grunde befürworte ich organisierte Programme. Wenn einer der Jugendlichen sich dann gegen diese Organisation auflehnt, muß man die Organisation entsprechend ändern. Wenn z.B. nach einigen verregneten Tagen die Sonne wieder scheint und wenn dann planmäßig psychologische Studien auf dem Programm stehen, ist es ohne weiteres möglich, den Jugendlichen eine Pause zum Schwimmengehen oder ähnlichem einzuräumen. Wir offerierten ihnen Alternativen zum Lehrprogramm und gingen z.B. zum Picknick in die Berge, wo sie mit der Öffentlichkeit Kontakt hatten. Hätten wir sie gegen ihren Willen zurückgehalten, so hätte die Möglichkeit bestanden,



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daß sie diese Leute dann um Hilfe gebeten hätten, ihnen gesagt hätten, sie seien gekidnappt worden und würden gegen ihren Willen festgehalten. Trotzdem müssen solche Ausflüge in bestimmten Grenzen gehalten werden. In der Stadt könnten sie z.B. einen Munie beim Geldsammeln betrachten und alleine dadurch rückfällig werden. Beim Picknick in den Bergen besteht die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung mit Munies sicherlich nicht, und so werden sie auch nicht wieder in etwas hereingezogen. Kontakt mit anderen Leuten, mit der allgemeinen Öffentlichkeit, ist notwendig, aber nicht im Umkreis größerer Gebiete, wo sie alte Freunde wiedersehen könnten.

Ich bin gegen das Telefonieren während der Rehabilitationsphase. Ich ließ es mit den Eltern zu, glaube aber, daß auch die Eltern nur selten anrufen sollten. Wir beschränkten es darauf, daß die Eltern einmal wöchentlich anrufen konnten, aber damit erregten wir die Gemüter. Es gab Fälle, wo die Jugendlichen nach Hause gehen wollten, die Eltern aber nicht dazu in der Lage waren, ihnen entsprechende Bedingungen zu bieten, wo z.B. beide Elternteile arbeiteten und die Jugendlichen allein zuhause gewesen wären. Solange die Eltern nicht anriefen, war alles in Ordnung, wenn sie sich aber meldeten, brachte es gelegentlich die Jugendlichen gegen sie auf. Die Eltern debattierten am Telefon mit ihnen, es kam teilweise zum Streit, bis die Jugendlichen das Gespräch unterbrachen, den Hörer auflegten und es somit schwieriger als je wurde, sie nach Hause zurückzuführen. Somit halte ich ein wöchentliches Gespräch zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern für ausreichend, wobei ich vielleicht soweit gehen würde, den Eltern eine Vorlage mit Themen in die Hand zu geben, die problemlos angesprochen werden können und sie auf Dinge hinweisen, die vermieden werden sollten.



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Wir erlaubten den Eltern nicht, bei ihren Kindern im Rehabilitationshaus zu bleiben, obwohl wir in dem Fall eines Jungen, der versucht hatte, aus dem Fenster zu steigen und daher mehr persönlicher Zuwendung bedurfte, eine Ausnahme machten und Mutter und Bruder ein oder zwei Wochen lang bei uns behielten. In der Nähe des Zentrums gab es aber eine Übernachtungsmöglichkeit, wo Eltern sich einquartieren konnten. Allerdings befürworteten wir Besuche der Eltern nicht. Es ist einige Male vorgekommen, daß Eltern zu uns kamen, um mit ihren Kindern zum Essen zu gehen. Ausgerechnet dann aber hatten wir aber geplant, etwas zu tun, das der Jugendliche sich vielleicht gewünscht hatte und wir ihm nicht gestatten konnten, weil seine Eltern ihn zum Essen ausführen wollten; oder aber wir waren in einer wichtigen Besprechung, die der Jugendliche dann versäumte. Deshalb bin ich der Meinung, daß die Eltern ihre Kinder lediglich zu uns bringen und nach einem Monat oder 6 Wochen wieder bei uns abholen sollten. Sie sollten nicht in den Rehabilitationsprozeß eingreifen.

Was ich weiterhin als hilfreich ansehe ist folgendes:

In der Regel sind vier Wochen Rehabilitation sehr knapp bemessen. Wenn die Jugendlichen nach den vier Wochen nach Hause gehen, sagen wir ihnen, daß sie zu uns zurückkommen können, wenn sie nach ein oder zwei Wochen des Zusammenlebens mit ihren Eltern das Bedürfnis haben, hierher zu kommen. Einige nahmen wir als Hilfe im Kreis der Mitarbeiter wieder auf. Wir zahlten ihnen kein Gehalt, gaben ihnen aber Unterkunft und Verpflegung. Die Eltern bezahlten uns nicht dafür. Wir stellten klar, daß wir diese Jugendlichen nicht mehr beaufsichtigten, daß sie aus freiem Willen zurückkamen. Für einige war dies eine große Hilfe. Sie kamen für ein oder zwei Wochen, manchmal einen Monat. Sie waren nun
 



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vollkommen frei, hätten jederzeit zur Tür heraus und zur Sekte zurückkehren können. Sie schalteten sich in Diskussionen ein oder halfen bei den Vorbereitungen für ein Picknick. Sie wurden in ihrer Position als Helfer auf der Seite der Mitarbeiter akzeptiert.

Wir gingen mit unseren Jugendlichen damals zu einer psychiatrischen Sozialarbeiterin, die einmal wöchentlich mit ihnen sprach und sie, wenn nötig, zu einem Psychiater brachte. Sie hat einen Psychiater, der soviel ich weiß, in ihr Haus kommt, und mit dem sie ein festes Abkommen hat.

Eine andere Sache ist, daß die meisten in den Sekten weder rauchen noch Alkohol zu sich nehmen. Deshalb waren Rauchen und Alkohol auch bei uns verboten. Es gab auch kein Lästern, Fluchen oder Schimpfen, das auch in den Sekten verpönt ist. Wir wollten ihnen das Gefühl geben, daß sie nach dem Verlassen der Sekte in eine Gemeinschaft kamen, die in keiner Weise sittlich minderwertig war. Wenn der Jugendliche uns später verließ und nach Hause ging, war es natürlich seine Sache, wenn er trinken wollte. Wir hatten einige Gewohnheitsraucher unter den Jugendlichen, denen wir das Rauchen auf der Veranda erlaubten. Aus Gesundheitsgründen gestatteten wir aber das Rauchen im Haus nicht. Trotzdem übten diese Jugendlichen dann auch auf die anderen in der Gruppe einen negativen Einfluß aus. Deshalb gelangte ich zu der Einstellung, daß sie nach einem Jahr Enthaltsamkeit in der Sekte durchaus noch weitere vier Wochen ohne Rauchen und Trinken auskommen konnten. Was sie später draußen tun wollten, war dann jedem selbst überlassen.
 



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Meine Einstellung zur Sexualität innerhalb des Rehabilitationszentrums war folgende: Jungen und Mädchen nahmen gemeinsam das Essen ein. Sie gingen aber nicht miteinander ins Bett, tauschten keine Zärtlichkeiten aus; sie gingen aber zusammen schwimmen, was in der Sekte trotz Badeanzug als Sünde angesehen wird. Sie berührten sich gegenseitig, spielten und scherzten miteinander. Einer der jungen Männer sagte mir einmal, er habe es als die größte Hilfe im Zentrum angesehen, daß er zu Mädchen wieder eine normale Beziehung aufbauen konnte. Es gab also Sexualität in dem Sinn, daß die beiden Geschlechter auf einer normalen Basis zusammenkamen.

Was die finanzielle Seite betrifft, versuchten wir zu Anfang, mit den Kosten Schritt zu halten, aber es wurde mehr gegessen, als wir erwartet hatten. Wir mußten die jungen Leute bezahlen, die sich um unsere Schützlinge kümmerten und sie beaufsichtigten; wir veranstalteten Picknicks, die Benzin- und andere Kosten verursachten etc. Wir fingen mit 1.000 $ an, gingen später auf 1.200 $ und hätten später vielleicht sogar auf 1.500 $ gehen müssen.

Ich würde es begrüßen, wenn genügend Geld von einer Stiftung käme, um eine Gruppe von Leuten für eine dreitägige Studientagung zusammenzubringen. Sie würden in vier Kategorien geteilt: Psychologie (Psychiater und Psychologen), Soziologen, Rechtsanwälte und Geistliche. Sie sollten aus mehr oder weniger wissenschaftlicher Sicht den theoretischen Standpunkt beleuchten. Die Rechtsanwälte könnten Überlegungen anstellen, wie die Eltern verteidigt werden können; Gesetze herauskristallisieren, die zur Verteidigung von Eltern und Rehabilitationszentren herangezogen werden können. Sie würden die rechtliche Seite abklären. Die Religionsexperten
 



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würden die Fragen im Hinblick auf die Religionsfreiheit betrachten und nach allen möglichen Aspekten bedenken. Dafür braucht man Wissenschaftler, nicht lediglich den Pastor einer Kirche. Des weiteren sollte man Psychiater haben, die den psychiatrischen Standpunkt beleuchten sowie Soziologen, die den gesellschaftlichen Druck analysieren, der die Jugendlichen in die Arme der Sekten treibt.
 
 
 



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JOSEPH ALEXANDER sen.
 

Interview
 

Joe Alexander sen. war zusammen mit seiner Frau Esther Gründer und Leiter der Freedom of Thought Foundation in Tucson/Arizona, eines Rehabilitationszentrums für ehemalige Mitglieder destruktiver Kulte.
 
 



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Deprogramming

Beim Deprogrammieren sollte der Betroffene möglichst in seiner häuslichen Umgebung sein. Aber in vielen Fällen ist das nicht möglich, dann haben wir in den Staaten den jungen Erwachsenen in einem Motelzimmer. Der "Counsellor", "Deprogrammer" oder "Debriefer" oder welche Terminologie man bevorzugt, soll mit dem jungen Erwachsenen in einem Zimmer sein, aber getrennt von der Familie. Das macht ihn offener für die Person, die mit ihm spricht. Aber die Eltern sollten in der Nähe sein. Es ist sehr wichtig für den sog. Deprogrammierer, die junge Person gut zu kennen und es so einzurichten, daß sie sich angenehm fühlt, ihr die Sicherheit zu geben, daß keiner sie belästigen wird, daß sie 8 - 10 Stunden Schlaf bekommen wird, jede Nahrung haben wird, die sie sich wünscht und so oft sie es wünscht.

Dann beginnt man mit einer Schlüsselfrage, z.B.: "Welches ist Deine Beziehung zu Gott?" Was ich zur Antwort erhalte, sagt mir schon eine ganze Menge. Viele junge Leute z.B. glauben, daß Sun Myung Moon Jesus Christus, der Herr der 2. Wiederkunft, sei und daß er hier sei, um die Arbeit zuende zu bringen, die Jesus nicht geschafft hat. Und dann beginnen wir mit den Doktrinen des speziellen Kults, z.B. Vereinigungskirche, Hare Krishna. Wir haben circa 5.000 Kulte in den USA mit wohl über 3 Millionen Mitgliedern im Alter zwischen 18 und 28 Jahren. Der Deprogrammierer muß den betreffenden Kult kennen und mehr darüber wissen, als die involvierte Person. Das ist sehr wichtig. Man muß wissen, worüber man spricht. Man darf zweifellos nichts Falsches sagen, es ist eine sehr ernste Situation, man muß die Wahrheit sagen. Ich bin, glaube ich, erfolgreich, weil ich der Vaterfigur des einzelnen entgegen komme.

Bei jedem Gespräch benutze ich die Bibel. Ich trage
 



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immer eine Bibel in der Brieftasche bei mir. Ich bin als Katholik geboren. Als Katholik hat man keine großen Bibelkenntnisse. Seit ich durch einen Neffen, der vor 10 Jahren in einen Kult geriet, engagiert bin, habe ich die Bibel mehrere Male studiert. Im Gespräch zitiere ich Bibelverse. Einer davon ist immer Joh. 14,6:

"Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich." Durch Jesus, nicht durch Mun! Nicht durch Mose David Berg! Nicht durch Guru Maharaj Ji! Ich zeige dem Betreffenden, wo die Göttlichen Prinzipien Lücken und Fehler haben. Ich diskutiere das dann mit der jungen Person. Ich zitiere auch Matthäus 24,24: "Viele falsche Propheten werden kommen und sogar die Auserwählten täuschen." Ich verwende die Bibel sehr intensiv. Auch bei den ostasiatischen Kulten, z.B. Hare Krishna, Divine Light Mission, benutze ich die Bibel. Der Guru der DLM, Maharaj Ji, sagt:

"Ich bin Gott!" Wichtig ist auch, daß der Deprogrammierer, wenn möglich, ein ehemaliges Mitglied der betreffenden Gruppe bei sich hat. Die bibelorientierten Kulte sind alle sehr ähnlich, da genügt es, wenn der zweite Mann aus einer ähnlichen, also bibelorientierten Gruppe, kommt. Bei den bibelorientierten Kulten ist es immer dasselbe. Sie nehmen ein bestimmtes Bibelwort aus dem Kontext und verdrehen es, legen ihm eine andere Bedeutung bei. Genau das ist es, was ihr spezieller Messias tut.

Rehabilitation

Man muß mit dem Betroffenen sehr geduldig und verständnisvoll umgehen. Jeder, der am Deprogrammieren interessiert ist, sollte mindestens ein Jahr beobachtend teilnehmen. Es ist ein sehr ernstes Geschäft, das man nicht leicht nehmen darf. Unmittelbar im Anschluß an das Gespräch sollte man die junge Person in ein Heim tun, wo junge Leute zur Rehabilitation um ihn herum sind. Rehabilitation heißt, die Person zur Realität zurückzubringen. Es sind junge idealistische Persönlichkeiten,
 



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aber die jeweiligen Kultdoktrinen entfalten in der Realität keine Wirksamkeit. Idealismus ist gut, aber Realismus ist auch etwas, dem wir uns stellen müssen. Im Rehabilitationszentrum sollen die jungen Erwachsenen sehr aktiv gehalten werden. Nach dem Frühstück verbringen wir eine Stunde in Diskussionen mit allen Mitgliedern des Zentrums. Es ist für das neu hinzugekommene Mitglied sehr wichtig, in Kommunikation mit den älteren Mitgliedern, die schon eine Zeitlang im Zentrum sind, zu treten. Es trifft dort Ehemalige aus demselben Kult oder ähnlichen Kulten. Diese Kulte sind alle in ihrer Struktur sehr ähnlich. Sie haben alle einen Messias oder eine zentrale Figur. Es sind alles selbsternannte Messiasse. Sie sind an drei Dingen interessiert: Geld, Macht, Ruhm. Sie befinden sich alle auf dem Ego-Trip. Dies ist es, was ich an den Führern gefunden habe. Charles Manson z.B. nannte sich Jesus Christus, Brother Juhus ernannte sich zum Jesus Christus, seine Frau Joanna zum Heiligen Geist. Immer wieder wundere ich mich, wie so vortreffliche, junge und intelligente Leute so durch die sog. Messiasse getäuscht werden können.

Nach der Diskussion, am Vormittag und am frühen Nachmittag, gehen die jungen Leute schwimmen, turnen, reiten, wandern, alles unter Aufsicht älterer Mitglieder. Sehr wichtig ist, daß die neuen Mitglieder, nachdem sie einige Tage im Rehabilitationszentrum gewesen sind, einkaufen gehen. Sie kaufen sich neue Kleidung. Sie haben sehr wenig, aber sie wünschen sie abzulegen, weil es sich um Kleidung aus der Kultzeit handelt. Man muß sie darauf aufmerksam machen, daß sie alle Bande zum Kult abbrechen müssen.

Eine Stunde vor dem Abendbrot, gewöhnlich 6 Uhr, sollen sie zuhause im Rehabilitationszentrum sein. Alle suchen das Abendbrot gemeinsam einzunehmen. Wir haben Katholiken,
 



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Juden, Protestanten. Meine Frau hat Gebetskarten, mit Bibelworten darauf. Es sind Worte, die mit keiner bestimmten Religion in Beziehung stehen. Jeder bekommt eine Karte, die er vorliest. Sie mögen das gern. Wenn einer nicht lesen will, braucht er es nicht. Nach dem Abendbrot gehen einige in die Bibliothek. Wir haben jede Art von Lesestoff, auch Antikultmaterial, aus dem sie entnehmen können, wie es geschehen konnte, daß sie in den Kult hineingerieten. Sie können in Erfahrung bringen, wie sie ihre Ausbildung, ihre Arbeit, ihren Lebensstil gestalten können. Rehabilitation ist sehr wichtig und sehr notwendig, ist ein "Muß". Ich möchte dies betonen. Ich möchte keinen deprogrammieren, der nicht rehabilitiert werden kann.

Meine Frau und ich gründeten ein Rehabilitations-Center mit Leuten, die ich deprogrammiert hatte. Ich brachte sie ins Haus, damals in Ohio. Meine Frau ist sehr begabt darin, junge Leute zu rehabilitieren. Oft saß sie die Nächte hindurch mit den jungen Leuten im Gespräch. Sie saß oft noch morgens mit einem jungen Mann oder einem Mädchen in der Küche oder im Eßzimmer, und wenn ich herunterkam, sah ich sofort, daß sie nicht im Bett gewesen war. Das ist zu anstrengend und kann auf die Dauer nicht durchgehalten werden. Manchmal handelt es sich um Situationen, in denen auch ein anderer das Gespräch führen kann. Aber, wie gesagt, das Gespräch ist sehr wichtig.

Das erste Zentrum, das in den USA gegründet wurde, war die "Freedom of Thought Foundation" in Tucson. Ich war der "president", meine Frau war der "director" zusammen mit Gary Scharff. Nach einigen Jahren waren die Geldquellen erschöpft, es gab gerichtliche Klagen, und es wurde zu anstrengend für meine Frau. Sie war körperlich erschöpft und der Arzt riet, sich zurückzuziehen. Wir überredeten eine andere Gruppe, das Rehab-Center zu übernehmen. Es wird heute von einer Familie namens
 



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Hafflinger geleitet. Es hat aber einen anderen Namen.

Der Name "Freedom of Thought Foundation" steht uns noch zu für den Fall, daß wir etwas Neues starten. Es gibt noch ein Rehab-Center in Minneapolis, eines wird in Ohio gegründet werden, ein anderes wird es in Iowa geben. Wir brauchen viele Rehab-Center, denn wir haben viele Kulte.

Bei Ihnen gibt es ein Rehab-Center, das - wie ich es verstanden habe - durch die katholische Kirche finanziert wird. Da ist also ein Anfang. Sie sollten sich um Administratoren dafür bemühen. Ich weiß, es ist schwierig, gute Leute zu finden. Man muß einen "set of rules" haben, nach denen verfahren wird. Es ist wichtig für einen jungen Menschen zu wissen, wer die Leitung hat, welches die Bedingungen sind, um ihm sagen zu können, was erwartet wird. Will er bis Montag schlafen, 10 oder 12 Stunden, - gut! Aber das Abendbrot ist um die und die Zeit, und wenn er nicht da ist, muß er wissen, daß er sich selbst behelfen muß. Es ist gut, wenn man den einzelnen wissen läßt, welches das Programm ist. Ich wiederhole, meine Frau ist der eigentliche Experte in Fragen der Rehabilitation.

Zur Frage religiöser Belehrung im Rehab-Center: Man muß im Auge behalten, daß es im Center Leute aus allen Arten von Religionen gibt. Wir versuchen nicht, unsere religiösen Überzeugungen einem protestantischen oder jüdischen Mitglied des Centers aufzudrücken. Aber wir haben immer Gott im Sinn. Jeder kann es in seinem eigenen Verständnis aufnehmen.

Wir diskutieren beim Deprogrammieren viele, viele Dinge, auch persönliche Probleme. Das Wichtigste beim Deprogrammieren ist, den jungen Menschen wieder zum Denken zu bewegen, ihn wieder auf eine intelligente, denkende Ebene zu heben, denn sie wurden gelehrt, nicht zu denken, nicht zu fragen. Im Kult ist es Satan, der
 



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kritische Gedanken eingibt. Aber das ist eine totale Lüge. Gott, nicht Satan, hat uns den Verstand gegeben, um zu denken. Im Kult wird das Gefühl unterdrückt, das Lachen wird unterdrückt. Die jungen Leute tun genau nur das, was man ihnen sagt.

Ich will noch einmal die Tatsache hervorheben, daß man in der einem eigenen Weise, mit dem anderen in Verbindung zu treten, versuchen muß, die jungen Menschen zum Denken zu bringen. Man stellt Fragen, erwähnt bestimmte Dinge, die den jungen Leuten widerfahren sind, und so kriegt man sie zum Denken. Es geschieht nicht in einer Stunde. Ich habe es in vier oder fünf Stunden geschafft. Durchschnittlich dauert es zwei bis drei Tage. Für andere habe ich sechs Tage benötigt. Man benutzt verschiedene Techniken des Fragens, unterschiedliche Wege der Annäherung, des Lesens von Materialien. Es ist ziemlich zeitraubend. Aber man kann doch sehr eine Änderung beobachten, wenn der Tag vorbeigeht. Meistens lese ich oder ein anderer die Dokumente, und zwar laut, und anschließend diskutieren wir das Gelesene.

Wenn ich deprogrammiere, bin ich auch emotional involviert. Man muß es sein. Man muß es sehr ernst mit den jungen Menschen meinen, nicht bloß so dasitzen und reden, Papiere ablesen und wiederholen. Man muß emotional beteiligt sein, sehr tief im Innern. Mag sein, daß dies das Geheimnis, der Schlüssel zum Erfolg des Deprogrammierens ist.

Es ist absolut notwendig, daß der zu Deprogrammierende nicht mit dem Kult oder mit Kultmitgliedern in Verbindung kommt. Keine Telefonkontakte! Sogar nachdem er "umgebrochen" (snapped) ist, legen wir nahe, keine Verbindung mit dem Kult aufzunehmen, denn dies kann bewirken, was wir "f bating" nennen. Auf die Frage, ob eine latente Veranlagung
 



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für geistige Krankheit durch Mitgliedschaft in einem Kult geweckt werden könne, wenn bei Eintritt noch keine pathologischen Erscheinungen zu beobachten waren:

Bei durchaus gesunden Persönlichkeiten kann z.B.  der Gedanke an Suizid auftauchen oder sie bekommen einen Nervenzusammenbruch, und zwar in folgender Situation:

Wenn die Person realisiert, daß sie einen vollkommen anderen Lebensstil führen soll als früher, d.h. vor dem Eintritt in den Kult, und sie sich fragt, ob die Familie nicht recht haben könne, wenn sie verlangt, sie solle den Kult verlassen, man ihr aber im Kult gesagt hat: Wenn du Gott den Rücken kehrst, wirst du sterben! und sie durch Furcht- und Schuldpraktiken zurückgehalten wird und dies eine Konfrontation im Kopf der Persönlichkeit verursacht. Es handelt sich nicht um Geisteskrankheit, wie wir sie kennen, aber die Öffentlichkeit meint, die Person sei geisteskrank und schickt sie in die psychiatrische Klinik. Ich deprogrammierte verschiedene Leute in psychiatrischen Kliniken in den Staaten, und ihnen geht es heute gut. In den Kliniken gibt es nichts als medikamentöse Behandlung. Aber dabei tritt keine Besserung ein.
 



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MICHAEL TRAUSCHT

Interview 30. Mai 1978 Phoenix/Arizona

Michael Trauscht ist Rechtsanwalt. Er war Cründungsmitglied der Freedom of Thought Foundation in Tucson/Arizona und hat die befristete Aufenthaltspflegschaft ("conservatorship") bei den Vormundschaftsgerichten einiger US-Staaten durchsetzen können.
 
 



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Gedankenkontrolle und Pflegschaft

Grundsätzlich hängt die Erteilung einer Vormundschaft -oder Pf legschaft durch einen Richter von drei Dingen ab; einmal von der Aussage ehemaliger Sektenmitgueder, zweitens von der Aussage der Eltern hinsichtlich der Persönlichkeitsveränderungen ihres Kindes und drittens von der Aussage der Psychologen oder Psychiater.

In Bezug auf ehemalige Sektenmitglieder habe ich sie in der Vergangenheit dem Gericht unter Eid über die in der Sekte angewandte Gedankenkontrolle, über die betrügerischen Methoden bei der Anwerbung von Jugendlichen und während des Prozesses der Gedankenkontrolle sowie über die Möglichkeit und die angewandten ,Techniken der Gehirnwäsche aussagen lassen. Die Eltern können dem Gericht die durch die Gedankenkontrolle hervorgerufene Persönlichkeitsveränderung bestätigen. Sie können weiterhin über die finanzielle Ausbeutung berichten, wie Mittel den Sektenführern übergeben werden, die sich daran persönlich bereichern. Es hat sich bisher auch immer als vorteilhaft erwiesen, einen Psychiater oder Psychologen aussagen zu lassen, der vielleicht die Möglichkeit hatte, den betreffenden Jugendlichen zu untersuchen, und über die Auswirkungen der Gedankenkontrolle berichten kann. Es ist überall in den Vereinigten Staaten üblich, bei einer beantragten Pf legschaft zu überprüfen, ob der Betreffende das Opfer verschlagener intriganter Personen ist, ob er finanziell ausgenutzt wurde oder nicht in der Lage ist, physisch oder finanziell sich selbst angemessen zu versorgen. In einem solchen Fall hat das Gericht die Befugnis, eine vorübergehende oder endgültige Pflegschaft zu erteilen, wenn ihm Beweise vorgelegt werden. Das ist die wohl üblichste Uberprüfung im ganzen Land. Es entspricht auch den Uberprüfungsmethoden in Kalifornien, in Arizona und den meisten anderen Staaten.
 



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Bei dem Gesetzentwurf in Vermont handelt es sich, prinzipiell um  die Einsetzung eines Pflegschaft sprogramms, das in sektenähnlichen Situationen zur Anwendung gelangen soll und im wesentlichen auf den alten kalifornischen Statuten beruht. Es wurde zur Hilfe für Sektenopfer, die einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind, eingebracht. *)
Vor etwa eineinhalb Jahren gründete ich die Freedom-of-Thought-Foundation Rehabilitation Ranch in Tucson, Arizona (Rehabilitationsfarm der Stiftung für die Freiheit des Denkens) und wurde einer der Direktoren.

Rehabilitation

Die Funktion der Rehabilitation für die Sektenmitglieder war darauf ausgelegt, daß sie den Jugendlichen nach der Deprogrammierung die Möglichkeit geben sollte, zu einer Neuorientierung zu kommen. Wir hatten die Erfahrung gemacht, daß die Jugendlichen nach der Deprogrammierung oft in eine Phase der Unsicherheit geraten, daß sie "floaten", mehrmals in die Gedankenkontrolle zurückfallen und sich wieder davon lösen. Die Jugendlichen selbst haben über diese Vorgänge kein Bewußtsein.

Wir erkannten, daß es wichtig ist, den Jugendlichen eine Umgebung zu bieten, in der sie zu anderen jungen Leuten aus den Vereinigten Staaten Verbindung haben, die einmal einer Sekte angehörten, deprogrammiert wurden und den Floating-Zustand kennen. Sie konnten jedem Einzelnen erklären, welche Empfindungen dabei auftreten. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, daß die Jugendlichen besser damit fertig werden, wenn sie ihre Erfahrungen mit jemandem besprechen können, der diese Phänomene persönlich erlebt und durchgestanden hat.

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*)Der Gesetzentwurf hat das Parlament des US-Staates Vermont nicht passiert.
 



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So begründeten wir die Freedom-of-Thought-Stiftung mit privaten Spenden aus allen Teilen des Landes. Wir unterhielten eine Farm mit Urlaubsatmosphäre, die Jugendlichen nach der Deprogrammierung offenstand und wo sie die Möglichkeit hatten, mit anderen jungen Leuten aus allen Teilen des Landes zusammenzukommen, zu diskutieren und sich in Sport und anderen körperlichen Aktivit~ten zu besch~ftigen. Innerhalb der Sekten ist kaum eine Gelegenheit für körperliche Ertüchtigung und Sport gegeben. Dem Personal des Rehabilitationszentrums gehörten ehemalige Sektierer an, die 4 bis 6 Tage in der Woche arbeiteten. Wir hatten als Experten Esther Alexander, die bei der Rehabilitation dieser Jugendlichen sehr gute Arbeit geleistet hat. Das Rehabilitationszentrum lag in der Wüste am Fuße der Berge von Tucson. Es war ein Grundstück von 2 acres mit Swimmingpool. Bücher und Zeitschriften sowie diverse Gesellschaftsspiele waren vorhanden; eine gesunde, physisch aktive Umwelt für die Jugendlichen.

Nach meinen Erfahrungen ist die Rehabilitation ein wesentlicher Teil der Deprogrammierung. Ohne Rehabilitationsprogramm fühlen diese Jugendlichen sich verwirrt und kehren dann oft in einem Augenblick des Floatings oder der Depression zur Sekte zurück. Das Rehabilitationszentrum wurde eingerichtet, um diesem Problem entgegenzuwirken. Meine Erfahrung hat gezeigt, daß die Floating-Phase zwischen 20 und 40 Tagen andauert. Wir würden den Jugendlichen daher anraten, für mindestens 30 Tage, auf Wunsch auch länger, ins Rehabihtationszentrum zu gehen.

Ein Problem des Komplexes "Deprogrammierung" ist die Tatsache, daß die Jugendlichen nach der Deprogrammierung nicht wissen, wohin sie gehören. Nach zwei oder drei Jahren der Sektenzugehörigkeit haben sich Freundschaften außerhalb der Sekte aufgelöst, Bindungen in
 



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der früheren Gemeinschaft bestehen nicht mehr. Das Rehabilitationszentrum stellt daher eine Transitstelle auf dem Weg von der Sekte zurück in die Realität der Umwelt dar. Es bietet eine Atmosphäre, in der die Jugendlichen sich untereinander über ihre Erfahrungen aussprechen können.

Kriterien eines Rehabilitationszentrums

Grundsätzlich sollte ein Rehabilitationszentrum in einer ruhigen, ländlichen Gegend, vielleicht an einer schönen Stelle in den Bergen gelegen sein. Wünschenswert ist eine Umgebung, wo die Jugendlichen sich im Freien beschäftigen, wo sie wandern, zelten oder berg-steigen können, wo aber gleichzeitig die Möglichkeit zu Kinobesuchen und Zugang zu anderen Dingen, welche die Stadt bieten würde, besteht. Es ist natürlich sehr sehr wichtig, vielleicht der bedeutendste Aspekt der Rehabilitation überhaupt, ehemalige Sektenmitglieder im Personal zu beschäftigen. Nachdem die Jugendlichen deprogrammiert sind und sich von der Sekte gelöst haben, können sie vielleicht drei oder vier Monate länger im Rehabilitationszentrum bleiben und vorübergehend als Berater für neue junge Leute arbeiten, die aus den Sekten kommen. Diese Tätigkeit hilft nicht nur den Neuankömmlingen, sondern auch ihnen selbst. Es wäre natürlich auch wünschenswert, einen oder zwei der ehemaligen Sektenmitglieder fest anzustellen, die einen Überblick über die gesamten Vorgänge im Haus behalten.

Die Erwachsenen im Zentrum sollten die Funktion erfüllen, auf alle beruhigend zu wirken, die Situation unter Kontrolle zu halten und dem Haus eine familien-
 



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ähnliche Atmosphäre zu verleihen. Die Erwachsenen sollen eine gewisse Verantwortung übernehmen. Es wäre auch von Vorteil, Psychologen zu beschäftigen, die mit den Jugendlichen ihre spezifischen, persönlichen Probleme auf psychologischer Basis behandeln. Weiterhin wäre es günstig, einen Psychiater und Allgemeinmediziner im Personal zu haben, die sich um den Gesundheitszustand der Jugendlichen kümmern können. Ich würde dringend dazu raten, jeden der Jugendlichen vor Aufnahme in das Rehabilitationszentrum einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen, wenn die finanziellen Mittel dafür gegeben sind. Oftmals haben sich diese Jugendlichen Krankheiten oder andere physische Probleme zugezogen, die aufgrund der fehlenden medizinischen Betreuung in den Sekten unbemerkt geblieben sind. Der Gesundheitszustand ist ein wichtiger Aspekt in der Rehabilitation.

Zusammenfassend sollten also folgende Komponenten beim Aufbau eines Rehabilitationszentrums beachtet werden:

1. Vorzugsweise sollte man ein Haus in einer ländlichen Umgebung kaufen oder mieten, wo die Möglichkeit zur Beschäftigung im Freien gegeben ist.

2. Zumindest anfänglich sollte man ehemalige Sektenmitglieder im Personal beschäftigen, die mit diesen Jugendlichen umgehen können.

3. Man sollte vielleicht ein junges Ehepaar oder jemanden, der mit den Problemen der Gedankenkontrolle vertraut ist und Zugang zu den Jugendlichen hat, dabeihaben, der verantwortungsbewußt den gesamten Vorgang überwacht.

4. Man sollte beratende Psychologen und Mediziner im Personal beschäftigen oder zumindest an der Hand haben.
 



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Für das Rehabilitationszentrum selbst empfehle ich eine ungezwungene Art der Organisation in Form von Programmangeboten. Es sollte eine reich mit Informationen über die Sekten und deren Handlungsweisen ausgestattete Bibliothek zur Verfügung stehen. Vorteilhaft wäre auch das Vorhandensein eines Aufzeichnungsgerätes mit Filmen und Dokumentationen; weiterhin ein Telefonsystem, über das sie mit anderen Jugendlichen im Land in Verbindung treten können, die ~hnlichen Problemen in den Sekten ausgesetzt waren. Von Kontakten der deprogram-mierten oder zu rehabilitierenden Jugendlichen mit der Sekte raten wir strikt ab. Wir haben einem Jugendlichen, nachdem er sich von der Sekte gelöst hat und in der Deprogrammierung stand, immer die Möglichkeit gegeben, mit jedem zu sprechen, mit dem er zu sprechen wünschte. Wir ermutigen sie zu Gesprächen mit den Medien und der Öffentlichkeit, haben aber immer zur Bedingung gestellt, daß jeder Kontakt mit Sektenmitgliedem  zu unterlassen ist. Das ist wohl die einzige Einschränkung, die wir unseren Jugendlichen je auferlegt haben.

In den ersten Tagen der Rehabilitation versuchen wir, die Jugendlichen wegen des "Floatings" besonders im Auge zu behalten. Wir versuchen, konstant Beschäftigungsangebote bereitzuhalten - sportliche Betätigungen, Reiten, Schwimmen usw. Zu viel Müßiggang erzeugt Depressionen, die dann oft in Schuldgefühle münden und schließlich wieder zu einem Floating führen, aus dem heraus der Jugendliche vielleicht zur Sekte zurück~ kehrt und dann verloren ist.

Der größte Teil der Arbeit im Rehabilitationszentrum wird von den Jugendlichen und dem Personal getragen. Im übrigen funktionieren wir wie ein normaler Haushalt. Wir haben Fernsehgeräte, Bücher, Zeitschriften, Filme, Schallplatten; wir haben ein Schwimmbad und ein paar Fahrzeuge, die den Jugendlichen zur Verfügung stehen.
 



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Sie können zu zweit oder zu dritt zusammen ins Kino, zum Golf oder zum Basketballspielen gehen. Einige sind auch Mitglied im Athletikclub, wo sie Gewichtheben, Billard und Tennis spielen oder einer sonstigen Sportart nachgehen können. Das ist sehr wichtig. Diese Jugendlichen brauchen die körperliche Betätigung und die Freiheit, die sie dabei empfinden.

Ein meiner Meinung nach wichtiger Aspekt ist das Geld. Ein Rehabilitationszentrum ist eine sehr sehr teure Sache, und ich würde Ihnen vorschlagen, 300.000 bis 400.000 DM von Spendern oder von der Regierung zu beantragen, um genügend Geld für den Aufbau zur Verfügung zu haben, für Personal und für das Anmieten oder den Kauf eines Grundstücks. Auf Eltern allein kann man sich nicht verlassen, denn viele von ihnen haben dazu nicht die nötigen Mittel. Sie können aber denjenigen, die dazu in der Lage sind, 1.000 DM pro Fall berechnen.

Eltern

Die Frage ist natürlich, welche Rolle die Eltern im Rehabilitierungsprozeß übernehmen sollten. Wir bestehen darauf, daß wenigstens ein Elternteil zumindest für einige Tage im oder in der Nähe des Rehabilitationszentrums bleibt. Unsere Erfahrung hat aber gezeigt, daß es danach besser ist, wenn die Eltern wieder nach Hause fahren und ihre Arbeit aufnehmen, da eine enge Verbindung zwischen dem Jugendlichen und seiner Familie ihn oft so überwältigt, daß er sich beengt und eingeschränkt fühlt. Daher sollten die Eltern, wenn der Jugendliche damit einverstanden ist, nach einigen Tagen wieder abreisen und so ihrem Kind mehr Freiheit und Unabhängigkeit im Rehabilitationszentrum zugestehen, als es mit ihrer Anwesenheit möglich wäre. Die beste Behandlung für Sektenopfer ist ihre Einbeziehung in die Deprogrammierung anderer Jugendlicher sowie ihr Engagement bei Vorträgen in der Gemeinde, an Schulen.
 



Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite 139


 

Erfolgsquote

In den zwei Jahren, in denen wir Sektenmitglieder aus ihrer Gedankenkontrolle lösten, sind etwa 75 - 80 Personen in unserem Rehabilitationszentrum in Tucson, Arizona gewesen. Wir konnten einen Erfolg von etwa 85 - 90 % verzeichnen. Etwa 7 von 80 Jugendlichen kehrten zur Sekte zurück. Dies ist aus sozialmedizinischer Sicht eine sehr hohe Erfolgsquote, auf die wir sehr stolz sind. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, daß eine Deprogrammierung zwischen zwei und fünf Tagen dauert, wobei ich die Deprogrammierung grundsätzlich als eine Möglichkeit definiere, den starken negativen Einfluß des Sektenführers auf den Jugendlichen auszulöschen.

Weitere Kriterien

Während der Deprogrammierung geben wir den Jugendlichen Zugang zur Außenwelt durch Bücher, Zeitschriften, Fernsehen, Interviews mit Zeitungsreportern; wir geben ihnen Gelegenheit, wieder mit ihren Familien und früheren Freunden in Verbindung zu treten und machen so die von der Sekte auferlegte Isolation rückgängig. Weiterhin geben wir den Jugendlichen die Möglichkeit, sich richtig auszuschlafen, was ihnen in der Sekte nie zugestanden wurde. Im Hotel haben sie die Möglichkeit, alle Speisen und Getränke selbst zu wählen, womit der kärglichen Verpflegung und dem Essensentzug in der Sekte entgegengewirkt wird.

Weiterhin stellen wir ihnen Informationen in Form von Büchern und durch Gespräche mit anderen ehemaligen Sektenmitgliedern zur Verfügung, die ihnen Fakten über die Sekte darlegen, welche von den Mitgliedern in der Sekte ferngehalten wurden. Wir bieten ihnen Gelegenheit für eine offene Diskussion und Konversation und eine kritische Analyse der Vorgänge. Wir ermutigen sie, wieder selbst zu denken. Wir versuchen in keiner Weise, ihre religiöse Überzeugung zu beeinflussen. Dies ist nicht unsere Sache, es ist nicht die Sache



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der Eltern oder die eines Rechtsanwalts. Wir beschäftigen uns lediglich mit den Methoden, die angewandt wurden, um diese Glaubensüberzeugung entstehen zu lassen, d.h. mit der Gehirnwäsche.

Meiner Meinung nach besitzt eine der Gehirnwäsche unterzogene Person nicht mehr die Rechte, die ihr das First Amendment der Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert, also die Redefreiheit, die Religionsfreiheit und Versammlungsfreiheit, die ihrerseits die Freiheit des Denkens beinhalten. Wenn man voraussetzen kann, daß Gehirnwäsche existiert und ein Mensch der Gehirnwäsche unterzogen worden ist, so hat er keine Religionsfreiheit, keine freie Wahl der Religion mehr. Ich bin daher der Überzeugung, daß Gehirnwäsche nicht durch das First Amendment geschützt ist und ein Mensch, der einer Gehirnwäsche unterzogen worden ist, seine Rechte aus Artikel 1 unserer Verfassung verloren hat. Es ist aber die Pflicht unserer Rechtsordnung, die Rechte aller Bürger, nicht nur die der Sektenführer, sondern auch die der Sektenopfer zu schützen. Es ist unsere Pflicht, einem Jugendlichen zu helfen, diese starken negativen Einflüsse der Gedankenkontrolle mit Hilfe einer Pflegschaft abzubauen, denn Gehirnwäsche ist nicht durch das First Amendment abgedeckt, und wir versuchen, eben diese Rechte und die eines jungen Menschen zu schützen.

ACLU

Meiner Meinung nach ist die Amerikanische Vereinigung zum Schutz der Bürgerlichen Freiheit (American Civil Liberties Union - ACLU) in ihrem Bewußtsein über die Fakten dieser Sektenvorgänge stark irregeführt. Sie schließt die Möglichkeit der Existenz einer Gehirnwäsche von vornherein aus. Hätten die Eltern der Sektenopfer oder ich selbst vor zwei Jahren die ACLU angesprochen
 



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und ihr erklärt, daß die Rechte dieser jugendlichen Sektenopfer verletzt werden, so nähmen sie vielleicht heute einen anderen Standpunkt in dieser Angelegenheit ein. Ich glaube, daß die ACLU oft auf der Seite derjenigen steht, die sie zuerst auf eine angebliche Verletzung der Menschenrechte hinweist. In unserem Fall sind es die Sekten gewesen, welche die ACLU zuerst um Hilfe baten, und aus dieser Sicht heraus vertritt sie heute die Auffassung der Sekten. Hätten die Eltern der Sektierer sich zuerst an die ACLU gewandt, so wäre es nach meiner Ansicht sehr gut möglich, daß sie heute im Kampf gegen die Sekten und für die Jugendlichen an der Seite der Eltern stände.
 
 



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GARY SCHARFF

Interview 20. Mai 1978 Berkele~/Calif.
 

Gary Scharff gehdrte der Vereinigungskirche (Mun -Sekte) in den USA an, wo er leitende Funktionen ausübte. Nach seiner "Deprogrammierung" war er in dem Rehabilitierungszentrum von Joe und Esther Alexander (Freedom of Thought Foundation) in Tucson/ Arizona tätig. Er lebt heute in Berkele~/Calif. und ist mit Barbara Underwood verheiratet, die zusammen mit ihrer Mutter ein Buch über ihre Zeit in der Mun-Sekte verdffentlichte (Hostage to Heaven, New York 1979). Gary Scharff berichtet in dem Interview, wie er in die Uni fication Church (Mun-Sekte) hinein geriet, wie er dort Karriere machte, von seinem Vater herausgeholt wurde und wie es ihm nachher erging.
 



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Am Ende meines dritten Studienjahres hatte ich das Gefühl, die Universität für eine Weile verlassen zu müssen. Ich hatte außerdem eine Beziehung zu einem Mädchen, das nicht in der Studentenbewegung gearbeitet hatte. Und dann hatte ich einfach das Gefühl, von der Uni weg zu müssen. Ich entschloß mich, ein Jahr lang einfach körperlich zu arbeiten: keine geistige Arbeit, nur Handarbeit. So bin ich also von der Uni abgegangen und habe eine Stelle in einer Werkzeugfabrik an-genommen. Ich war Stahlarbeiter, Fahrer und hatte ähnliche Jobs. Mein Vater ist Professor in Louisville/Kentucky, wo ich herstamme. Als Sohn eines Professors konnte ich an der University of Louisville kostenlos Kurse besuchen, was ich dann auch getan habe. Und dort bin ich mit der Mun-Sekte in Kontakt gekommen. ~m Anfang waren das ganz einfach sehr warmherzige und freundliche Leute. Es gab dabei nichts Spektakuläres. Ich war an einem Wendepunkt in meinem Leben angekommen und habe mich einfach entschlossen, bei ihnen mitzumachen. Das war im Sonner 1972. Damals schien das keine große, keine wichtige Entscheidung für mein Leben. Wären mir die Folgen dieser Entscheidung klar gewesen, dann h~tte ich auch ihre Bedeutung erkannt. Damals habe ich aber nicht so weit vor-ausgedacht, und ich wußte nicht, was au~ dem Spiel stand. So bin ich also eingetreten, habe mich immer stärker engagiert, bis ich schließlich im März 1973 nach New York fuhr und dort ganz in einem Trainingskurs aufging, der sehr stratt organisiert und seinem Wesen nach militantisch war. Damals hatte ich mich wirklich verstrickt. Vorher hatte ich bloß gedacht: "Gut, ich werde nach New York fahren und diesen Leuten helfen." Und als ich dann schließlich dort war, wußte ich gar nicht, wie mir geschah. Man nimmt einfach alles auf und akzeptiert es. Und bald schon ist es zu spät. Man weiß ja auch nicht,
 



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daß man wirklich nicht mehr aussteigen kann. Man weiß nur, daß man nicht aussteigen will. Der Kurs bestand aus etwa fünfzig Personen aus aller Welt. Es gab einige Deutsche, außerdem Franzosen und Holländer, aber die meisten kamen aus den USA. Der Kurs dauerte ungefähr zwei Monate, und die zwanzig besten Absolventen von den insgesamt fünfzig Kursteilnehmern wurden in verschiedene amerikanische Bundesstaaten geschickt, um dort die Mission verantwortlich zu leiten, denn die Mun-Sekte dehnte sich aus und brauchte neue Führer. Ich gehörte zu den zwanzig besten, wurde nach Pennsylvanien geschickt und ging nach Philadelphia. Dort blieb ich vier Monate.

Mittlerweile hatte meinen Vater wirklich der Zorn gepackt. Im März 1973, als ich Louisville verlassen hatte, war Farley Jones, ein ehemaliger Präsident der Bewegung, zu meinen Eltern gegangen, um ihnen zu versichern, daß alles in Ordnung sei und ich im Herbst zu meinem vierten Studienjahr nach Princeton zurückkommen würde. Nachdem ich einmal den Trainingskurs absolviert hatte, war es damit natürlich aus. Mein Vater fing an, Briefe an Mr. Mun zu schreiben, in denen er darauf bestand, daß man mir die Rückkehr zur Universität erlauben sollte. Natürlich hatte ich nicht die Absicht, wieder zur Uni zurückzugehen. Mein Vater kennt nun aber amerikanische Kongreßabgeordnete und hat Verbindungen zum Senator von Kentucky. Anfangs hat Mun seine Briefe nicht beantwortet und einfach ignoriert. Später hat er sie dann zurückgeschickt, ohne sie überhaupt anzunehmen. Mein Vater schrieb per Einschreiben, aber die Briefe kamen zurück mit dem Vermerk "Annahme vom Empfänger verweigert". Schließlich wurde mein Vater so wütend, daß er anfing, unten auf die Briefe zu schreiben: Durchschlag an Senator ... pp. Das war ein sehr geschicktes Vorgehen und wird von mir wärmstens empfohlen. Schließlich passierte folgendes: Die Mädchen für öffentlichkeitsarbeit der Mun-Sekte suchten die einzelnen Senatoren



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auf dem Kapitolshügel in Washington auf. Als eines von den Mädchen bei dem Senator von Kentucky war, zeigte er ihr die Briefe meines Vaters und fragte sie, was es damit auf sich habe. Da haben sie die Briefe zum erstenmal gesehen, denn vorher war ja seine Post immer zurückgeschickt worden. So brachten sie die Briefe also zurück, und Mun wurde ziemlich wütend. Er bestellte mich zu sich zu einem Gespräch unter vier Augen und sagte, mein Vater mache Probleme, ich müsse mich darum kümmern und diese Angelegenheit so erledigen, daß er die Vereinigungskirche nicht in Verlegenheit bringe.

Ich erklärte ihm: "Mein Vater wird erst dann zufrieden sein, wenn ich zur Universität zurückgehe. Ich kann sonst nichts vorbringen, was ihn überzeugen würde. Nur durch diese Handlungsweise kann ich ihm beweisen, daß ich frei bin. Und die einzige Möglichkeit ihn zu beruhigen, ist meine Rückkehr zur Universität." Ich wollte nicht auf die Uni zurück, und sie wollten es auch nicht, hatten aber keine andere Wahl.  So habe ich dann wieder mein Studium aufgenommen, und mein Vater hoffte, daß mir in Princeton diese verrückten Ideen vergehen würden. Das ganze Jahr war ich der Nationale Leiter des College-Studentenzweigs der Bewegung, genannt CARP. Das war also 1973 bis 1974. Daneben war ich in Philadelphia für die Mission im Bundesstaat Pennsylvanien verantwortlich. Ich war also wieder auf der Uni, fuhr aber immer noch nach Philadelphia; Princeton ist ja nur 50 Meilen entfernt, eine Stunde mit dem Zug bis Philadelphia. Jedes Wochenende bin ich dorthin gefahren und habe einen Arbeitskreis (work-shop) veranstaltet.

Meine Examensarbeit für meine Lehrer in Princeton habe ich über die Lehre der Vereinigungskirche verfaßt. Die Reaktion war gemischt. Ich habe nämlich die Theologie Paul Tillichs zugrunde gelegt und versucht, die Lehre



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der Vereinigungskirche so umzumodeln, daß sie für den professionellen Theologen und Philosophen leichter annehmbar war. Schließlich setzte sich die Examensarbeit etwa zu 60 % aus meinen und zu 40 % aus den eigentlichen Ideen der Vereinigungskirche zusammen. Aber meine Professoren waren beeindruckt von der Geschlossenheit der Arbeit, ihrer Gliederung und ihrem Stil, denn ich hatte gut geschrieben. Trotzdem waren die Ideen ziemlich naiv. Die Examensarbeit wurde also angenommen. Ich war aber sehr enttäuscht, daß ich nicht die beste Note bekommen hatte. Jedenfalls ging ich am Ende dieses Jahres zu einem Trainingskurs nach New York zurück. Ich bin dann sehr schnell zum Lehrer (lecturer) avanciert, weil ich gut vortragen konnte. Ich kam ins Barrvtown Center, das etwa 100 Meilen nördlich von New York am Hudson liegt. Mir wurde die Verantwortung für das dreitägige Workshop-Programm übertragen, in dem die jungen, in New York geworbenen Leute indoktriniert werden. Etwa vier Monate lang habe ich vielleicht mehrere tausend Leute geschult. Sie kamen jedes Wochenende und in der Mitte der Woche; das war wirklich eine sehr verrückte Zeit. Am Ende dieser Zeit kam es zum Krach zwischen zwei japanischen Leitern an der Spitze der Bewegung. Dem einen von den beiden, der für die New Yorker Vereinigungskirche verantwortlich war, hatte Mun gesagt, es gebe nichts Wichtigeres auf der Welt als seine Mission, die Bekehrung New Yorks zu Mun. Er nahm das sehr ernst. Die einzige Möglichkeit New York zu bekehren, bestand offensichtlich darin, die New Yorker als Sektenmitglieder zu gewinnen. Als Ziel hatte er sich 3000 neue Mitglieder gesetzt. Für ihn bestand nun folgendes

Problem: Um die Leute zu Mitgliedern zu machen, mußte er sie nach Barrytown schicken, wo sie den Workshop absolvierten. Waren sie aber erst einmal in Barrytown, so unterstanden sie einem anderen japanischen Leiter namens Ken Sudo. Mun hatte Ken Sudo erklärt, daß seine Mission die wichtigste in der ganzen Welt sei. Sie



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bestand darin, jeden, der nach Barrytown kam, zu bekehren und die neuen Anhänger in die verschiedenen Teile der USA zu schicken, um ganz Amerika zu bekehren und dadurch zu retten. Deshalb dachte sich Sudo: "Ich muß ganz Amerika retten; er muß bloß New York retten. Deshalb ist es viel wichtiger für mich, daß alle, die nach Barrytown kommen, unter meiner Kontrolle bleiben." Jedesmal, wenn also jemand von New York nach Barrytown geschickt wurde, kam er nicht mehr zurück; die Leute verschwanden einfach. Der New Yorker Leiter war deswegen sehr frustriert, denn er konnte seine Mitglieder nicht zusammenbringen. Es kam also zu einem sehr großen Krach, und ich als Leiter des dreitägigen Workshops steckte genau mitten drin. Es gibt dreitägige, siebentägige, 21-tägige, 40-tägige und 120-tägige Kurse, wobei immer einer auf den anderen folgt, aber der dreitägige war der wichtigste, weil hier die Leute am Anfang für ihren Eintritt reif gemacht wurden. Und wenn man sie erst einmal vom dreitägigen zum siebentägigen Kurs gebracht hatte, dann konnten sie nicht mehr aussteigen. Deshalb verlangte der New Yorker Leiter von Sudo, seine besten Leute in meinen Mitarbeiterstab zu schicken, damit wir alle Teilnehmer des dreit~gigen Workshops bekehren und als Mitglieder nach New York schicken könnten. Schließlich war Mun selbst der einzige, der den Streit schlichten konnte, indem er anordnete: "In Barrytown wird kein dreitägiger Workshop mehr stattfinden. New York soll seinen eigenen dreitägigen Workshop bekommen, und erst das weiterführende Kursprogramm wird dann in Barrytown stattfinden." So bin ich diesen Job losgeworden. Ich bin also nicht nach New York gegangen. Ich blieb Sudo zugeteilt. Sehen Sie, in der Mun-Sekte herrscht eine typische Kliquenwirtschaft: Lauter kleine Kadergruppen mit den entsprechenden Loyalitätsbeziehungen. Ich war Sudos Mann; also ließ er mich nicht gehen. Damals wurde ich in Barrytown ein Lehrer des Vereinigungsgedankens;



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dies ist der philosophische, der religiöse Aspekt des göttlichen Prinzips. Gleichzeitig war ich auch Zweiter Leiter für Planung und Entwicklung (Assistant Director of Planning and Development) unseres neuen Seminars. Wir planten nämlich die Eröffnung eines Seminars. Ich gehörte zu den paar Leuten in der ganzen Bewegung, die irgendwelches theologisches Wissen hatten. Wir wollten also ein Seminar eröffnen. Ich kümmerte mich also um die Angelegenheit und verfaßte eine Eingabe an den Staat New York mit der Bitte um staatliche Anerkennung des Seminars in Barrytown als Bildungseinrichtung mit dem Recht zur Verleihung akademischer Grade. Die Eingabe wurde jahrelang abgelehnt und ist heute noch nicht genehmigt wegen nicht unbedingt ungesetzlicher, aber jedenfalls akademisch fragwürdiger Vorgänge im Seminar. Neben diesen beiden Tätigkeiten wurde ich dann auch noch zum Vertreter für Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations Representative) gemacht. Im Herbst 1975 wurde ich schließlich als Student und Hilfsprofessor auf das Seminar geschickt. In dieser Zeit schrieb ich auch an einem Magazin über die amerikanische Geschichte aus der Sicht der Vereinigungskirche. Diese Arbeit war zwar sehr zeitraubend, aber trotzdem das Kreativste, das ich je in der Bewegung gemacht habe. Im Mai 1976 war ich gerade dabei, dieses Magazin fertigzustellen. Ich war erschöpft, denn in der Arbeit für die Vereinigungskirche gibt es keine Grenze, es sei denn der vollkommene persönliche Zusammenbruch.  Gerade zu dieser Zeit hatte mein Vater

einige wissenschaftliche Begegnungen in Atlantic City in der Nähe von New York. Er war dort mit meiner Mutter. Er rief mich an und bat mich, ihn zu treffen. Ich war gerade an einem Punkt angekommen, wo ich das nötig brauchen konnte, und außerdem war meine Stellung in der Hierarchie der Bewegung so hoch, daß ich bis zu einem gewissen Grad meine Zeit selber einteilen konnte.



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Ich war also mit einem Treffen in Atlantic City einverstanden. Mein Vater überredete mich zu einem Gespräch mit Rabbi Davis.

Ich verbrachte drei Stunden mit Rabbi Davis, aber er konnte mich in keiner Weise beeinflussen. Ich war zwar betroffen, kam aber immer wieder auf meinen Standpunkt zurück. Das Gespräch hatte keine spürbare Wirkung auf mich. Mein Vater und meine Mutter saßen dabei, während Rabbi Davis mit mir sprach. Sie sahen, welche ernsten Fragen der Rabbi aufwarf, und wie völlig unangemessen ich darauf antwortete. Meine Eltern bekamen nun wirklich Angst. Sie waren zwar schon einige Jahre lang sehr besorgt gewesen. Jetzt aber gingen ihnen erst richtig die Augen auf. Zwischen meinem Vater und mir bestand intellektuell wie emotional eine sehr enge Beziehung. Wie gegensätzlich wir auch immer miteinander diskutierten, so hat jeder doch die Meinung des anderen respektiert. Seit ich aber Munanhänger war, hatte bei mir in allem, was die Organisation betraf, ein vollkommener Abbruch der Kommunikation auf intellektueller Ebene eingesetzt. Am Ende kam es immer - wie Sie gestern abend sagten zu dramatischen Auftritten, zum Krach und zu aufgewühlten Emotionen. Das alles kam nun bei meinem Gespräch mit Rabbi Davis in aller Schärfe deutlich zum Ausdruck. Mein Vater sagte zu mir; "Wenn du willst, bringe ich dich jetzt zur Vereinigungskirche zurück. Aber was hältst du davon, eine zeitlang über das nachzudenken, was Rabbi Davis gesagt hat? Geh' nicht jetzt gleich zurück. Komm' einfach ein paar Tage zu uns nach Hause und denk über alles nach." Ich hatte eigentlich gegenüber der Vereinigungskirche keine Ausrede, habe mir aber dann doch die Zeit genommen, um meiner Familie zu beweisen, daß mein Engagement in der Bewegung rational begründet war. Deswegen sagte ich: "O.K., ich gebe euch eine Woche; solange bleibe ich bei euch. Ihr müßt mir aber versprechen,



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daß ihr mich anschließend zur Vereinigungskirche zurückbringt." Mein Vater war mit dieser Bedingung einverstanden. Er war allein schon deswegen hocherfreut und überglücklich, daß ich überhaupt Ja gesagt hatte. Zu Hause angekommen sagte ich: "Ich werde mit jedem am Telefon sprechen. Ich kann mit jedem diskutieren und habe keine Angst vor negativen Meinungen." Das habe ich alles gesagt. Ich habe mit mehreren Leuten telefoniert. Ein ehemaliger Munanhänger aus Kansas, mit dem ich eine Stunde lang ein Telefongespräch geführt habe, hat mich für eine Weile zu sich eingeladen. Er war sehr intelligent und schrie nicht einfach: "Oh, sie sind furchtbar!", sondern er war sehr gelassen, was mich beeindruckte, weil ich eigentlich mit jemandem gerechnet hatte, der mir heftig widersprochen hätte, nicht aber mit jemandem voller Gelassenheit. Er sagte also: "Warum kommst du mich nicht besuchen?" Das war alles, was er sagte. Ich stimmte zu, und mein Vater machte den Vorschlag, daß wir zusammen nach Kansas fahren sollten. Am nächsten Tag sind wir losgefahren.

Als wir ankamen, hatten sie schon eine Deprogrammierung für mich vorbereitet. Dennis Harper, der ehemalige Munanhänger, und Joe Alexander Jr. waren da, der allerdings etwas später kam. Das Ganze war vollkommen desorganisiert, weil mein Vater eigentlich gar nicht wußte, was er da tat, und sehr schnell entschieden hatte. Am ersten Tag auf der Fahrt nach Kansas hatten wir beide einen furchtbaren Krach. Er wußte doch, daß zu dieser Zeit eine vernünftige Diskussion vollkommen zwecklos war; dafür war es schon längst zu spät. Es war keine Frage eines intellektuellen Austausches mehr. Mein Vater hatte also Dennis vorher angerufen und gesagt: "Bereitet eine Deprogrammierung vor. Ich weiß nicht, was man sonst noch für ihn tun könnte." Sie haben also die Deprogrammierung durchgeführt, und nach dreieinhalb Tagen entschloß ich mich zum Austritt aus der Bewegung.



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Die Deprogrammierung ist nichts als ein sehr intensives Gespräch, meiner Meinung nach sehr wichtig. Man kann die Organisation nicht wirklich verlassen, wenn man nicht vorher darüber nachdenkt, was sie ihrem Wesen nach ist, und warum man sie freiwillig verlassen mu$3. Niemand darf durch Zwang zum Aussteigen gebracht werden, sondern man muß diesen Schritt freiwillig vollziehen. Die Deprogrammierung ist eigentlich ein Spiegel, der einem vorgehalten wird, so daß man immer genau sehen kann, was man selbst gerade tut. Zur Mitgliedschaft in einer Sekte gehört es nämlich, sich selbst aus den Augen zu verlieren. Man hört und gehorcht, aber ohne Beziehung zu sich selbst. Bei der Deprogrammierung wird man gezwungen, sich das eigene Verhalten bewußt zu machen, und das ist eine emotionale Erfahrung. Man beginnt sich zu fragen: "Bin ich denn wirklich dabei, die Welt zu retten? Tue ich denn das, was ich zu tun glaube? Erreiche ich denn eigentlich etwas?" Und dann verhelfen einem dieselben idealistischen Vorstellungen, die zum Eintritt in die Sekte geführt haben, auch zum Austritt aus ihr. Das ist der einzige Grund, weswegen die Deprogrammierung erfolgreich ist. Sie kann einen befähigen, aus freien Stücken auszusteigen, und zwar aus der Einsicht, daß man das Gute, das man zu erreichen glaubt, nicht erreicht. Das ist immer der wesentliche Punkt, denn das Schuldgefühl ist ausschlaggebend dafür, da~ man in der Sekte festgehalten wird. Man wird nämlich dort zu dem Glauben gebracht, daß man außerhalb der Bewegung die Welt, ja Gott, im Stich läßt. Wenn aber der Glaube vorhanden ist, daß man außerhalb der Bewegung sein Leben positiv gestalten kann, dann - vorausgesetzt man macht sich diesen Gedanken wirklich zu eigen - kann man sich auch befreien. Und das war es im Grunde, was mir passiert ist.



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Als erstes hat mich die Lektüre Liftons beeinflußt. Ich habe das Buch mehrmals gelesen. Es traf bei mir auf mein Verhalten als Lehrer gegenüber anderen zu, jedoch nicht eigentlich auf das, was ich selbst erlebt hatte. Das war meine Einsicht. Lifton beschreibt das kommunistische China und sagt, daß die chinesischen Kommunisten glaubten, sie würden ihr Volk retten. Sie betrachteten ihr Handeln als harmonisierenden, wissenschaftlich und therapeutisch sehr gütigen und besorgten Akt eines Menschen seinem Mitmenschen gegenüber. Ich war dadurch ganz verstört. Wie konnte etwas derartig Böses, eindeutig Böses, wie die kommunistische Indoktrination in einem solchen Geist der Warmherzigkeit durchgeführt werden? Darüber war ich ziemlich überrascht. Und als ich sah, daß wir auch in einem derartigen Geist der Güte handelten, dann irrte ich mich möglicherweise. Ich mu13te die Möglichkeit zugeben, daß gute Absichten und Aufrichtigkeit gar keine besonders tiefen Gefühle sind und es viele aufrichtige Leute gibt, die viel Böses tun. Deswegen mußte ich sorgfältig prüfen und mich selbst fragen.

Der springende Punkt war für mich die Freiheit, denn ich glaubte, daß ich die Menschen befreite, indem ich sie zur Erkenntnis Gottes brachte. Aber dann erkannte ich, daß Gott die Menschen nicht dazu zwingen kann, ihn zu lieben, denn das widerspricht dem Wesen der Liebe. Außerdem erkannte ich, daß es sehr naiv ist zu glauben, Zwang sei immer ein aggressiver Akt, um Leute in eine bestimmte Richtung zu bringen, sondern, daß man auch Zwang auf jemanden ausüben kann, indem man ihm alle Wahlmöglichkeiten und alle Alternativen nimmt. Als ich das richtig durchdacht hatte, wurde mir klar, welchen Zwang die Vereinigungskirche ausübt. Sie bemüht sich



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ganz bewußt, außer dem Engagement in der Bewegung alle anderen Möglichkeiten auszuschließen, und behauptet, daß dieses Engagement das einzige ist, was man mit seinem Leben anfangen kann, um sich wie ein Mensch zu fühlen. Sobald man aber auf diesen Zustand reduziert ist, ist man durch den eigenen pervertierten Idealismus gefangen. Das war also ihre Freiheit und ihre Liebe. Das hat mich einfach erschüttert.

Ich erkannte, daß es so viele Dinge im Leben zu tun gab, die wertvoll waren, weil ich sie tun wollte, und nicht etwa deshalb, weil sie mir befohlen wurden oder weil sie Teil eines allumfassenden Welterrettungsplans waren, sondern weil sie von sich aus gut waren und ich sie tun konnte. Ich konnte Leuten helfen. Ich konnte Dozent oder Schriftsteller werden - es gab so viele positive Dinge! Mein Bild von der Vereinigungskirche als einzigem Weg zum Heil und zum Engagement (wenn auch ohne freie Wahl) auf der einen Seite, die Erkenntnis meiner neuen Möglichkeiten als Person -, freies Handeln, ohne sich einer Gruppierung anzupassen - auf der anderen Seite hatten beides zusammen eine doppelte Wirkung: das eine Gefühl war wie ein Ziehen und das andere wie ein Stoßen. Schließlich konnte ich mich in erheblichem Maß von meiner gefühlsmäßigen Bindung an die Bewegung lösen.

Folgen des Deprogramming

Allerdings dauerte es mehrere Wochen, bis ich alles durchdacht und geklärt hatte. Und sogar jetzt noch, wie ich schon gestern abend gesagt habe, bin ich nicht ganz darüber hinweg. Im letzten Dezember ist mir etwas passiert, das dies verdeutlicht. Es gibt das Kuratorium für den Staat New York, eine überparlamentarische Körperschaft, aus vom Parlament des Staates New York gewählten Fachleuten bestehend, die beauftragt sind, verschiedene Projekte im Bildungs- und Sozialbereich zu leiten. Das Kuratorium hatte eine Eingabe zur Anerkennung des Seminars der Vereinigungskirche als



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akademische Einrichtung vorliegen. Ich war damals in Tucson (bei der Freedom-of-Thought-Foundation) und wurde von New York aus angerufen mit der Bitte, dorthin zu kommen. Das Kuratorium war bereit, mir den Flug nach New York zu bezahlen, damit ich eine eidesstattliche Erklärung über das Seminar abgeben konnte. Ich verbrachte einen ganzen Tag im Büro des Kuratoriums und sprach meine eidesstattliche Erklärung auf Band. Es war eine sehr komplexe Erklärung. Ich habe nicht einfach die Zerschlagung der Vereinigungskirche befürwortet, sondern aus einem tiefen Gefühl für die Bedeutung des Gesetzes war ich von äußerster Ehrlichkeit sowohl bei der Beschreibung der mir fragwürdig erscheinenden Aspekte des akademischen Lebens im Seminar der Vereinigungskirche als auch derjenigen, über die meiner Meinung nach falsche Gerüchte verbreitet worden waren. Über das Seminar eine gutfundierte eidesstattliche Erklärung abzugeben, war wirklich eine Pflichtübung in Aufrichtigkeit. Einen Monat später verklagte mich die Vereinigungskirche aufgrund dieser eidesstattlichen Erklärung wegen Verleumdung. Ich betrachtete diese Klage nicht als legitimes Rechtsmittel, denn sie wurde bei einem New Yorker Gericht vorgebracht. Da ich nicht in New York wohnhaft bin, falle ich nicht unter die Zuständigkeit dieses Gerichts und ignorierte und ignoriere diese Klage, mit der mich die Vereinigungskirche immer noch verfolgt. Bestimmt ist es in Deutschland genauso: Oft strengen die Munleute einen Verleumdungsprozeß an und lassen ihn dann wieder fallen. Aber in meinem Fall sind sie hartnäckig. Jedenfalls, nachdem ich erfahren hatte, daß mich die Munsekte wegen Verleumdung verklagte, bekam ein mit mir befreundeter New Yorker Rechtsanwalt die Akte in die Hand, die dem Kuratorium hinsichtlich der Eingabe um akademische Anerkennung unterbreitet worden war. Meine eidesstattliche Erklärung hatten sie auch dort. Der Anwalt der Vereinigungskirche hatte geraten, daß jede der acht von mir namentlich



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genannten Personen, u.a. Neil Salonon, eine eidesstattliche Erklärung als Widerlegung zu meiner eigenen abgeben sollte, und genau das haben sie auch getan. Der befreundete Anwalt hat mir dann die Kopien dieser Erklärungen zugeschickt. Ich erzähle Ihnen diese Geschichte deswegen, weil sie eine für sich schon interessante Erfahrung verdeutlicht. Ich habe noch nie einen derartigen Fall von Rufmord erlebt wie diese eidesstattlichen Erklärungen. Sie vernichteten mich einfach, indem sie meine Erfahrungen in der Vereinigungskirche - ich übertreibe jetzt etwas - praktisch Monat für Monat einer Kritik unterzogen und alles aufbauschten, um mich als einen richtigen Lumpen hinzustellen; als emotional schwankend und im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der Vereinigungskirche stets fanatisch, und weitere derartige, eigentlich ganz bedeutungslose Behauptungen. Abgesehen davon, daß mir das in der Vereinigungskirche als Tugend angerechnet wurde, ist das eigentlich Interessante, daß ich beim Lesen dieser eidesstattlichen Erklärungen vollständig am Boden zerstört war, und zwar in meinem Inneren. Ich fühlte mich nicht bloß gekränkt, sondern einem Teil meiner selbst lag noch so viel an ihrer Anerkennung, daß ich durch diese Erklärungen für mehrere Wochen in eine sehr tiefe Depression verfiel. Obwohl ich schon seit zwei Jahren aus der Bewegung heraus bin, hatte sie noch eine derartige Gewalt über meinen Geist. Durch Selbstbeobachtung habe ich eine Menge während dieser Zeit gelernt, denn die Tiefe der emotionalen Bindung an eine solche Bewegung kann sich keiner vorstellen, der ihr nicht selbst angehört hat. Man sollte seine Selbstsucht, seine Unzulänglichkeiten, seine Ängste und sein Leid erforschen. Dann kann man entdecken, daß man irgendwelche Gefühle an jemandem ausläßt, wenn man mit sich nicht ganz im reinen ist. Und dann gibt es da die ganz natürliche Neigung, unangenehme Gefühle zu unterdrücken. Ich kenne genau die Art, alles auf einen Sündenbock abzuwälzen.



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Man braucht einen Sündenbock, weil es immer schlechte Gefühle gibt und die menschliche Natur dem Glauben zuneigt, daß es das Schlechte gibt, weil irgendjemand anderes schlecht und fehlerhaft ist, und nicht etwa deswegen, weil einfach die Situation schlecht ist. Irgendeiner muß also wegen des eigenen Leids angegriffen werden. Wenn es nun aber jemanden gibt, den man respektiert, der einem überlegen ist und der einem das Gefühl geben kann, daß es ganz richtig ist, dieses schlechte Gefühl zu hegen, dann ist das ein sehr großer Genuß. Ein schlechtes Gefühl zu hegen, ist einer der größten, aber auch der gefährlichsten Genüsse des Lebens. Ich weiß genau, daß dadurch der ganze Mensch vergiftet werden kann. Für die Vereinigungskirche ist die Ursache alles Bösen der Kommunismus und Satan, die beide zusammengehören. Der Kommunismus ist das endgültige Verderben. Die Wirklichkeit wird schematisch in unversöhnliche Gegensätze aufgelöst, und durch diese Übervereinfachung werden viele Mechanismen, die einem zivilisierten Menschen zur Gefühlsreinigung zur Verfügung stehen, vollkommen abgebaut. Man wird dadurch zum Opfer der eigenen Impulse. Und die Leute, die einen zum impulsiven Reagieren anstacheln können, beherrschen einen vollkommen. Je mehr man ihnen gehorcht, desto mehr muß man ihnen gehorchen.

Ich habe es am eigenen Leib erfahren, wie leicht die Strukturen eines zivilisierten Bewußtseins zerfallen können. Während meiner Studentenzeit war es für mich eines der größten Rätsel, was mit dem deutschen Volke unter Hitler geschehen ist, denn ich liebte Beethoven und Hegel; der deutsche Genius war für mich etwas Unglaubliches. Heute verstehe ich den Widerspruch.



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Grundsätzliche Rechtsüberlegungen

Amerika befindet sich gerade jetzt in einer Phase im Hinblick auf das Recht, in der man ernsthaft um die individuellen Freiheiten besorgt ist. Meiner Meinung nach ist das ein ernstes Problem. Natürlich bin ich auch für die Rechte des Einzelnen, aber man schießt dabei übers Ziel hinaus. Wenn sich z.B. jemand nicht selbst helfen und auch nicht um Hilfe bitten kann, wie kann man ihm dann helfen, wenn jede Hilfsmöglichkeit durch irgendjemanden unterbunden wird, weil es heißt, daß jeder Versuch zur Hilfe eine Verletzung seiner Rechte darstellt? Das ist ein schwerwiegendes Problem.

In bezug auf die Frage der Gedankenkontrolle - und das ist vor allem interessant - wird wohl in Zukunft nicht nur der psychologische, sondern auch und sogar stärker der juristische Aspekt dieses Problems im Mittelpunkt des Interesses stehen. Denn die Frage nach den Rechten des einzelnen wird immer bedeutsamer. Ich kenne zwei Möglichkeiten, wie man dieses Problem angehen kann, zwei Argumente zugunsten der Pflegschaftgesetze. Das eine Argument stützt sich auf die Theorie der Rechte des einzelnen und das andere auf die Theorie der Rechte der Gesellschaft. Die erste Theorie beruht auf dem Argument der Gedankenfreiheit, was seinem Wesen nach bedeutet, daß jedermann Religionsfreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit und Pressefreiheit, eben alle grundlegenden Freiheitsrechte, genießt. Diese Rechte bekommen jedoch erst dann einen Sinn, wenn der einzelne frei denken kann. Wenn dieser Prozeß des freien Denkens abbricht, dann ist Hilfe der Gerichte notwendig. Der Gerechtigkeit ist nur dann gedient, wenn das Gericht ihn vor allen Kräften schützt, die die Fähigkeit zu freiem Denken vernichten. Daher sind zum Schutz der Religions-, Rede-, Pressefreiheit usw. die Pflegschaftsgesetze anzuwenden. Und wenn es auch, oberflächlich gesehen, wie eine Verletzung der Religionsfreiheit aussehen



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mag, so ist doch die notwendige Unterscheidung zwischen Religion als Gebäude von Glaubensinhalten einerseits und psychologischer Einkerkerung andererseits, und zwar unabhängig von den Glaubenssätzen, sehr wichtig. Ist man nun, unabhängig von den Glaubenssätzen, in der Situation psychologischer Einkerkerung, so braucht man den Schutz des Gerichts. Es ist klar, daß dies sehr komplexe Probleme aufwirft.

Die zweite Theorie halte ich offengestanden für aussichtsreicher, weil zur Zeit in der Öffentlichkeit - wenigstens in den USA - nicht genügend über die Gedankenkontrolle und über die Zerbrechlichkeit des Verstandes bekannt ist, und man die Leute deshalb noch nicht dazu bringen kann, das obengenannte Argument zu akzeptieren. Vielleicht ist es in fünfzehn Jahren soweit, aber heute jedenfalls noch nicht. Das zweite Argument scheint mir, wie gesagt, in bezug auf konkrete Aktionen aussichtsreicher zu sein. Es beruht auf der Überlegung, daß das öffentliche Interesse der Gesellschaft von einzelnen bedroht wird, die für ihre Handlungen nicht verantwortlich sind, daß aber unsere Gesellschaft gewährleisten muß, den einzelnen für seine Handlungen irgendwie zur Rechenschaft zu ziehen. Ich halte das für ein schlagendes Argument. Obwohl ich nicht weiß, wie es entwickelt werden kann, scheint es mir doch mehr Substanz als das erste zu haben.

Ich glaube, daß mit den Jahren, wenn das Problem der Gedankenkontrolle immer bedrohlicher wird, die Überlegung in bezug auf die Idee von der Verantwortlichkeit des einzelnen für seine Handlungen in der Debatte um dieses Problem immer wichtiger wird. Zur Zeit hat diese Überlegung wohl mehr Bedeutung für das normale Verbrechen und die Auffassung, daß Verbrecher für ihre



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Straftaten aus irgendwelchen Gründen nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Die wirksame Bekämpfung des Verbrechens durch die amerikanische Gesellschaft muß in irgendeiner Art vorangetrieben werden. Man muß sich dafür engagieren, daß die Leute für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden.
 
 
 



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CURT und HENRIETTE CRAMPTON

Interview 25. Mai 1978 Redondo Beach/Calif.
 

Die Cramptons können als die bestorientierten Eltern an der Westküste der USA zum Problem der destruktiven Kulte gelten.

Ihre Tochter gehört einer Gruppe an, die sich Love Family (auch Love Israel) nennt.



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Elternarbeit

Sie fragen, wie Elterngruppen effektiv arbeiten können. Zunächst einmal weiß ich nicht, wie effektiv wir tatsächlich in unserer Arbeit sind. Man sagt uns aber, daß wir erfolgreich sind, und so hoffe ich, daß dies den Tatsachen entspricht. Wir versuchen in unserer Arbeit der Sektenpropaganda entgegenzuwirken. Die Sekten erreichen ihre Anhänger über Radio und Fernsehprogramme. Sie haben damit Erfolg, weil sie die Kunst der Rhetorik beherrschen. Sie wissen, wie sie die Menschen über die Medien anzusprechen haben. Sie haben die finanziellen Mittel zur Unterhaltung eigener Programme. Sie verfügen außerdem über ein gesamtes Netz von PR-Leuten, die Zugang zu den Sendeanstalten haben und dort ihre Programmgestaltung erwirken. Für uns ist es unmöglich, soviel Zeit und derartige Summen zu investieren, um Presse und Medien, speziell Fernsehen und Rundfunk, für unsere Sache eintreten zu lassen. Wir als Eltern verfolgen die Fernseh- und Radioübertragungen, und wo wir auf ein Programm stoßen, das zugunsten der Sekten spricht, setzen wir uns mit der Sendeanstalt in Verbindung und erklären, es habe einseitig über eine kontroverse Sache berichtet. Wir haben in den Vereinigten Staaten eine Institution, die Federal Communications Commission, die bestimmt hat, daß jedes kontroverse Thema, das von öffentlichem Belang ist, unter beiden Aspekten dargestellt werden muß. Hin und Wieder ist die Institution zwar voreingenommen, muß aber in jedem Fall der anderen Seite die Möglichkeit einer Gegenargumentation einräumen. Vor einiger Zeit lief zum Beispiel ein religiöses Programm mit Vertretern diverser Glaubensrichtungen, unter anderem auch der Hare Krishnas. Der Moderator war den Krishna-Vertretern sehr freundlich gesonnen, und sie erklärten, wie wundervoll ihre Arbeit sei und welch einen Dienst sie der Humanität leisten. Sie stellten sich in einem so herrlichen Licht dar, daß viele von uns an die Sendeanstalt schrieben, sie darauf hinwiesen,



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daß die Krishna-Organisation Gegenstand kontroverser Beurteilung ist und wir von ihnen die Möglichkeit zu einer Gegendarstellung verlangen. Sie räumten uns dann Sendezeit auf einem anderen Programm ein, und wir ließen einen jungen Mann, der den Hare Krishnas angehört hatte, sowie einen jungen Mann aus der Vereinigungskirche darüber sprechen, wie Geld eingetrieben wurde; ihre betrügerische Methode, mit irreführenden Techniken Menschen anzusprechen; wie jeder ein Soll zu erfüllen hatte und wie sie sich innerlich fühlen, wenn sie keine Spende erhielten (sie konnten dann nicht einmal zum Center zurückkehren) . In dieser Weise beschrieben die beiden jungen Leute diverse negative Erfahrungen aus der Gruppe. Wir hatten damit eine Gelegenheit, unseren Standpunkt in der Öffentlichkeit darzulegen, und dies ist eine der Hauptaufgaben der Elterngruppen. Wir sprechen mit jedem, der bereit ist, uns zuzuhören, mit jeder Kirche, mit jeder Gruppe aus dem öffentlichen Dienst, der Gemeinde oder aus Schulen. Wo immer wir die Möglichkeit bekommen, sprechen wir vor.

Das Hauptgewicht liegt in der Aufklärung unserer Jugendlichen sowie auch der Eltern, damit sie die ersten Anzeichen erkennen können, wenn ihr Kind von einer Sekte angesprochen worden ist. Wir zeigen den Eltern Dinge auf, die sie aufmerksam machen sollen: wenn zum Beispiel ihr Kind nach Hause kommt und erklärt, daß es nicht länger zur Schule gehen wird. Wenn es sich in sein Zimmer zurückzieht und Tonbänder abhört oder sehr stumpfsinnig wirkt; wenn es plötzlich seine alten Freunde aufgibt; wenn es Aktivitäten preisgibt, die ihm bislang etwas bedeuteten; wenn es beginnt, seine Kleidung zu verschenken; wenn es zu singen anfängt oder Dinge sagt, die seinem Charakter ganz und gar widersprechen. Wenn sich eine abnorme Persönlichkeitsveränderung beobachten läßt oder seine Interessengebiete und Studien sich



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sich total verlagern, muß damit gerechnet werden, daß jemand versucht, diesen Jugendlichen unter seine Kontrolle zu bringen und ihn zu beeinflussen. Irgendwo versucht jemand, mit anderen Ideen an ihn heranzutreten, und dieser Jemand könnte mit großer Wahrscheinlichkeit eine Sekte sein. In einem solchen Fall sollte dieser Jugendliche genauestens beobachtet werden, denn solange er sich zuhause aufhält, gibt es noch die Möglichkeit einzugreifen und ihn vor der Sekte zu bewahren. Oft vollzieht sich die Persönlichkeitsveränderung natürlich erst dann, wenn sie bereits der Sekte angehören, sie weit von zuhause fort sind und den Eltern die Veränderungen verborgen bleiben. Wenn der Jugendliche aber zuhause ist und ihnen diese Dinge auffallen, sollten sie überprüfen, wohin er wirklich geht, wenn er vorgibt, zur Schule zu gehen. Er könnte auf dem Weg zur Vereinigungskirche, einem Hare Krishna Tempel oder einer anderen, ihnen nicht bekannten Organisation sein.

Wir stellen auch den Medien Nachforschungsunterlagen zur Verfügung: die Autoren, Bücher, Verfasser von Artikel, Fernsehprogramme usw. Wir geben bekannt, daß sich dieses Material bei uns zu ihrer freien Verfügung befindet. Wir haben vier große Zentren über das Land verstreut, in denen sich jeder über die Meinungen von Experten informieren kann. Wir propagieren dort nicht unsere eigenen Ansichten, sondern die von Psychologen, Soziologen, Psychiatern und Ärzten. Indem wir versuchen, diese Informationen den Medien zukommen zu lassen, geben wir ihnen auch bekannt, wer wir selbst sind. Werden die Medien dann von einem Hilfesuchenden angesprochen, können sie ihn an uns verweisen. Wir versuchen, den Elterngruppen im ganzen Land dieselben Informationen zukommen zu lassen, damit Eltern oder Jugendliche, die Auskünfte benötigen, sich in jedem Teil des Landes an eine unserer Gruppen wenden können, um Informationen, Erfahrungswerte und Unterstützung zu erhalten.



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Wir erhalten eine Menge Post, Fragen über Fragen von Eltern, deren Kinder in dieser oder jener Gruppe sind und die von uns Informationen über diese Gruppen erbitten. Wir erhalten auch Zuschriften von kirchlichen Organisationen, von den Hauptkirchen und von Buchautoren. Wir versuchen, diese Leute mit jemandem aus ihrer eigenen Wohngegend zusammenzubringen, der ihre Fragen beantworten kann. Der Name unserer Gruppe ist in verschiedenen Büchern zu finden, bei deren Ausarbeitung wir den Autoren geholfen haben. Eines davon ist das Buch 'All God's Children'. Wenn nun jemand dieses Buch liest und unseren Namen darin findet, tritt er mit uns in Verbindung. Wir haben die Vereinigten Staaten in 8 Zonen aufgeteilt und haben in jedem dieser Gebiete eine Kontaktperson, die Hilfesuchende an örtlich ansässige Helfer weitervermittelt. Wir leben in einem großen Land, und es ist schwierig, akute persönliche Probleme per Post zu erledigen. Für uns steht also die Hilfeleistung an Eltern im Vordergrund unserer Arbeit. Einigen der Eltern, die an uns herantreten, können wir leider nicht helfen, weil wir keine Möglichkeit haben, etwas zu tun. Einige haben ihre Kinder seit Jahren nicht gesehen. Sie sind mit den ,Kindern Gottes' in Europa oder anderswo, und die einzige Hilfe, die wir den Eltern in einem solchen Fall geben können, ist eine Schulter zum Ausweinen. Dies tun wir jedoch sehr oft, denn solche Eltern treffen bei Priestern, Freunden oder Verwandten, denen sie sich anvertrauen, meist nicht auf das erhoffte Verständnis. Sie haben niemanden, der ihnen das Gefühl gibt, das Problem zu verstehen und mit ihnen zu fühlen. Dieses Mitgefühl haben wir schon vielen angeboten, denn - betrachten wir die Tatsachen, wie sie sind: Einige der Eltern aus unserer Gruppe sind zu Alkoholikern geworden, andere haben ihre Nerven verloren und bedürfen psychiatrischer Hilfe. Es gibt Scheidungen. Die Eltern sind selbst einer furchtbaren Nervenanspannung



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ausgesetzt. Sie werden deprimiert, haben das Gefühl, das Leben sei sinnlos, fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Es ist hier unser Bemühen, den Eltern zu helfen und sie dazu zu bringen, der Situation ins Auge zu sehen, zu verstehen, daß es sich nicht um einen Fehler ihrerseits handelt; daß andere Kräfte außerhalb der Familie dies verursacht haben; daß die Kinder oder Jugendlichen einer Menge Dinge ausgesetzt waren, die ausserhalb der elterlichen Kontrolle lagen. Unsere Elternhilfe ist wahrscheinlich das Wichtigste unserer Arbeit überhaupt.

Wir hatten jedoch auch eine Menge Probleme auf organisatorischer Seite über die Frage der Steuerpflichtigkeit unserer Institution. Es bildeten sich im ganzen Land kleinere Gruppen, ohne Leitung, Richtlinien oder Einheitlichkeit. Viele von ihnen wußten nicht einmal von der Existenz anderer Elterngruppen. Erst als wir im Februar 1976 zu Senator Dole's Hearings über die Vereinigungskirche in Washington D.C. zusammentrafen, erkannten viele Organisationen, wie weitverbreitet die Anti-Sektenbewegung war. Sie schlossen sich unter einer ad-hoc-Kommission, den 'Citizens Engaged in Freeing Minds' zusammen. Unter dieser Organisation arbeiteten wir eineinhalb Jahre lang. Dann wurde einer der Gruppen Steuerfreiheit zugestanden.

So trafen wir uns vor ein paar Jahren in New Hampshire und gründeten eine Dachorganisation unter dem Namen "Freedom Foundation Educational Trust". Diese landesweite Organisation sollte dann als Informationszentrum fungieren. Es sollte mit allen Informationen bestückt sein, jedem bei Bedarf zugänglich sein, auch juristische Auskünfte erteilen und bei speziellen Gesetzesinterpretationen weiterhelfen. Ein Rundschreiben sollte herausgegeben werden, und es waren eine Reihe großer Dinge geplant. Was uns aber leider fehlte, war ein Verwaltungsexperte.

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Dieser Administrator müßte nicht unbedingt mit der Sektenproblematik vertraut sein, er muß lediglich etwas von Verwaltung verstehen. Die meisten von uns Eltern haben weder die Zeit noch die Fähigkeit, eine so vielseitige Gruppe auf bundesweiter Ebene zu organisieren. Die Elterngruppe ist sehr vielschichtig und nicht nach politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Gesichtspunkten einzuordnen.

Was diese Eltern miteinander verbindet, ist meist nur die Tatsache, daß sie ihre Kinder verloren haben. Diese Vielschichtigkeit unter einen Hut zu bringen, hat sich als sehr problematisch herausgestellt, und in diesem Punkt müßte etwas getan werden. Das zweite Manko unserer letzten zwei oder drei sogenannten bundesweiten Organisation war die Tatsache, daß uns das Geld fehlte, einen Direktor für die landesweite Institution zu bezahlen. Ein Direktor mit der Erfahrung, die wir für unsere Organisation benötigen, ist sehr teuer, und es ist uns nie gelungen, eine solche Summe aufzubringen. Wir haben festgestellt, daß Eltern bereit sind, uns finanziell zu helfen, wenn sie ein konkretes Ziel vor Augen sehen. Wenn wir Geld für eine bestimmte Sache benötigen, werden wir voll von ihnen unterstützt. Erklärt man aber, man brauche finanzielle Mittel zum Aufbau und Ausbau der Organisation, so stößt man auf taube Ohren, oder man erhält Kleinigkeiten, Tropfen auf einen heißen Stein, aber nicht genügend, um eine lebensfähige Organisation unterhalten zu können. Somit stehen wir aber in einer Zwickmühle. Wir brauchen einen Administrator in unserer nationalen Organisation, der uns die Gelder beschafft, um effektiv arbeiten zu können. Wir brauchen aber auch das Geld, um einen Administrator beschäftigen zu können, der auf nationaler Ebene arbeitet. Dies ist die Lage, in der wir

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uns augenblicklich befinden. Zur Zeit halten lediglich unsere acht Verbindungsleute im Land die nationale Organisation mit ihrem Gedanken- und Informationsaustausch zusammen *).

Wir bleiben einfach an einem Punkt stecken. Wenn man unaufhörlich damit beschäftigt ist, Briefe und Telefonanrufe von verzweifelten Eltern zu beantworten, bleibt einem einfach keine Möglichkeit, sich auch noch mit Dingen außerhalb des eigenen Gebietes zu befassen. Wir müßten jemanden haben, der eine Spendenkampagne leiten, eine PR-Kampagne ausrichten und Bemühungen unterstützen könnte, unsere Politiker über die Gefahren aufzuklären. Als Einzelpersonen geraten wir aber alle in die Postmühle - Briefe beantworten, Telefonate führen. Über diesen Status kommt unsere Elternorganisation einfach zur Zeit nicht hinaus.

Ich habe bisher noch nicht von unseren Rundschreiben gesprochen. Diese Rundschreiben haben weitreichenden Anklang gefunden. Sympathisanten wie Gegner unserer Sache haben bestätigt, daß diese Publikation ausgezeichnet ist. Ihr Fortbestand ist durch einen Beitrag von fünf Dollar jährlich in etwa gesichert. Verschiedentlich erhalten wir dafür auch Beiträge von 25 oder 30 Dollar, je nach Finanzlage der Leser. Spenden gehen so langsam und unregelmäßig ein, daß es sehr schwierig ist, ein Budget zu planen oder irgendwelche großen Pläne zu schmieden, da wir nie wissen, wieviel Geld wir morgen zur Verfügung haben werden.

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*)Inzwischen - November 1979 - wurde eine nationale Organisation gegründet, die "Citizens FreedomInformation Service (CCF-IS)".

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Betrachtet man dagegen die Sekten, wie sie zu ihrem Geld kommen und in welcher Höhe sie es an die Medien geben: Die Scientology Sekte finanziert zur Zeit eine Medienkampagne in Fernsehen, Rundfunk und allen verbreiteten Zeitschriften für runde 680.000 Dollar. Und wir haben Schwierigkeiten, auch nur fünf Dollar im Jahr für die Veröffentlichung unserer kleinen Zeitschrift zu bekommen! Es ist eine wirklich traurige Situation. Auf der anderen Seite haben sich viele Eltern aber auch durch juristische Schwierigkeiten und Kosten, ihre Kinder aus den Sekten herauszuholen, verausgabt.

Privatdetektive und Anwälte, die Reisen durch das Land, um ihre Kinder aufzuspüren, kosten soviel Geld, daß sie nicht über die Mittel verfügen, daneben auch noch unsere Elterninitiative zu unterstützen. Wir haben zwar ihre ganze Sympathie, aber mehr können sie uns nicht geben. Darum hoffen wir auf Spenden von Dritten. Unsere Aufklärungsarbeit stellt ja eigentlich ein allgemeines Problem der Öffentlichkeit dar. Früher oder später können alle Familien davon betroffen werden. Daher sollten wir eine breitere Basis für unsere finanzielle Unterstützung haben. Solange aber das eigene Kind nicht betroffen ist, glaubt niemänd, daß dies je geschehen könnte. Die Gefahr wird nicht realisiert, bis sie jeden persönlich trifft.

In den sechziger Jahren, etwa um 1969, gründete Mose David Berg die Sekte der "Kinder Gottes". Damals reagierten die Eltern unverzüglich auf den Verlust ihrer Kinder an diese Gruppe und bildeten eine Elterninitiative unter dem Namen Freecog, was soviel bedeutet wie "Befreit unsere Kinder von den Kindern Gottes (Children of God - CoG)". Diese Organisation beschäftigte sich ausschließlich mit den Kindern Gottes, da dies zur damaligen Zeit die einzige bekannte Gruppe war, die solch radikale Persönlichkeitsveränderungen und die totale Auflösung familiärer Beziehungen bewirkte und über die Kontrolle

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finanzieller Mittel und die Fehlinterpretation von Bibelsprüchen zu Macht gelang. Dann erfuhren wir von der "Love Family" und konnten ihre Arbeitsweise mit der der Kinder-Gottes-Organisation gleichsetzen. Als wir unsere Tochter aus der Love Family herausgeholt hatten, konnten wir feststellen, daß die Elterngruppe uns bereitwillig ihre Hilfe anbot, uns die Vorgänge erklärte und uns Bücher zu lesen gab. Eines der ersten Bücher, das wir durcharbeiteten, war 'Battle for the Mind' (Kampf ums Denken) von William Sargant. Die Elterngruppe half uns vor allem durch ihr Verständnis und ihre Unterstützung. Nachdem wir unsere Tochter vor der Sekte gerettet hatten, trugen wir unseren Fall im Fernsehen vor. Diese Aktion löste eine Menge von Zuschriften aus, da unser Name bekannt war und wir eine hohe Zuschaltguote erreicht hatten. Als wir uns dann näher für die Elternorganisation interessierten, erhielt sie auch von anderen mehr Zuspruch. Man erkannte, daß die Kinder Gottes nicht die einzige Organisation im Land war. Eltern erzählten uns, dasselbe geschehe auch in anderen Gruppen, die sich nicht immer als christliche Organisation bezeichneten und in ihrem Erscheinungsbild oft östlichen Ursprungs seien. Wir erhielten eine Menge Beschwerden über die Hare Krishna und die Divine Light Mission. Wir mußten unserer Organisation also auch einen anderen Namen als Freecog geben. 1974 fand ein Elterntreffen in Denver statt mit dem Bemühen, eine landesweite Organisation zu gründen, deren Ziel es sein sollte, die Öffentlichkeit über Gedankenkontrolle und destruktive Techniken aufzuklären und ihr Verhalten gegenüber diesen Dingen zu ändern. Unserer Meinung nach sollte niemand, sei es eine religiöse Sekte oder was auch immer, das Recht haben, Gedanken und Denkweisen derart zu beeinflussen, daß sie zu persönlichkeitsveränderungen führen. Wir betrachteten dies als eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte

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eines jeden einzelnen. Diese unsere neue Organisation nannte sich "Citizens Freedom Foundation" (Stiftung für die Freiheit der Bürger). So wurde unsere heutige Gruppe ins Leben gerufen. Es ist schwierig zu sagen, wieviele Mitglieder wir heute haben. Wir sind über das ganze Land verstreut, bieten unsere Dienste so vielen verschiedenen Menschen an, die nicht zu unseren Mitgliedern zählen. Viele, denen wir helfen, sehen wir nie wieder. Die Anzahl der ständig in unserer Organisation Tätigen ist nicht allzu groß. Wir haben 600 Namen auf unserer Verteilerliste für regelmäßige Informationen. Diese beschränken sich jedoch nicht ausschließlich auf Kalifornien.

Unsere Bemühungen, Politiker und diverse juristische Vertreter im Kongreß für unsere Sache zu gewinnen, sind zunächst an der taktischen Rafinesse der Sekten gescheitert. Wir wußten damals nicht, daß viele der Politiker Munies in den Poststellen ihrer Büros beschäftigten. Wir kamen erst weiter, als wir uns auf eine bestimmte Person, den Sprecher des House of Representatives (Repräsentantenhauses) , Mr. Carl Albert in Washington, D.C., konzentrierten. Wir waren der Überzeugung, daß eine Untersuchung der Sekten von ihm auszugehen habe, weil er eine solche Aktion aus dem Repräsentantenhaus steuern konnte. Wir gingen also mit Informationstafeln und Petitionen auf die Straße und sammelten Tausende von Unterschriften aus allen Teilen der Vereinigten Staaten. Die Petition sollte in etwa folgenden Wortlaut haben: "Wir beantragen, daß das Repräsentantenhaus eine Kommission zur Untersuchung des Mißbrauchs von Geldern, der betrügerischen Aktivitäten und Verhaltensänderungen durch diverse Sekten einsetzt." Die Untersuchungskommission sollte die Vorgänge in den Sekten recherchieren. Carl Alberts Büro erhielt Tausende von Zuschriften,

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aber niemand erhielt eine Antwort von ihm. Dies ist in den Vereinigten Staaten sehr außergewöhnlich. Es ist üblich, daß jeder, der seinem Repräsentanten im Kongreß einen Brief schreibt, darauf eine Antwort erhält, und sei es lediglich eine Bestätigung über dessen Erhalt. In diesem Fall aber gab es keinerlei Reaktion von Carl Alberts Seite. Auch Kathys *) Freunde, Studenten der Redondo High School, schrieben im Rahmen ihres Sozialkundeunterrichts an Carl Albert und beantragten eine Untersuchung der Sekten, die sich Techniken zur Verhaltensbeeinflussung und Gedankenkontrolle bedienen, um ihre Anhänger an sich zu binden. Auch von ihnen erhielt niemand eine Antwort. Dies ist jedoch in höchster Weise ungewöhnlich.

Erst später lasen wir in einem Bericht von Jack Anderson in der Washington Post, daß Carl Albert drei Munies in seinem Büro beschäftigte, drei attraktive Munie-Mädchen, die als seine Assistentinnen fungierten. Wir konnten also nur annehmen, daß all unsere Briefe von den Munies abgefangen wurden. Carl Albert ist mittlerweile aus dem Kongreß ausgeschieden, und seine Abdankung vom Staatsdienst hat in mancher Hinsicht Fragen aufgeworfen. Unsere anderen Politiker lehnen es ab, sich mit Dingen zu beschäftigen, die einen religiösen Anstrich haben, da sie zu kontrovers sind, als daß sie glauben, sich dafür engagieren zu können. Sie wollen ihre Stellung nicht gefährden und die Dinge lieber auf sich beruhen lassen. Es scheint, als würde sich kein Mitglied des Kongresses unserer Sache annehmen wollen. Congressman Giaimo aus Connecticut unternahm einmal den Versuch mit einem Rundschreiben an seine Kollegen, in dem er sie auftorc[erte, mit ihrer Unterschrift den Antrag für die Befragung des Justizministeriums zu unterstützen. Damals sollte Levi, der Generalstaatsanwalt, mit Robert Lifton und Richard Delgado zusammentreffen. Richard Delgado ist
 

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*) Kathy, Tochter der Cramptons

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der Verfasser des Antrages auf Änderung dieses südkalifornischen Gesetzes. Als Professor der Rechte wäre er in der Lage gewesen zu begründen, warum es nicht dem First Amendment widersprach, bei diesen Gruppen zumindest eine Untersuchungsaktion durchzuführen. Als Experte für den Problemkomplex der Verhaltensänderung und Gehirnwäsche hat Lifton diverse Bücher geschrieben. Seine Erfahrungen und Erfolge auf diesem Gebiet sind sehr reichhaltig. Diese beiden Herren sollten also beim Justizministerium vorsprechen und die tatsächlichen Vorgänge in den Sekten darlegen. Giaimo erhielt von verschiedenen seiner Kollegen Unterstützung für den Antrag. Als aber das Interview stattfinden sollte, nahm Levi selbst nicht daran teil. Er beauftragte einen Angestellten unteren Ranges, ihn zu vertreten. Auch Lifton war damals nicht greifbar, und so fand das Treffen nicht mit dem Generalstaatsanwalt, sondern zwischen irgendeinem Angestellten des Justizministeriums und Margaret Singer und Delgado statt. Wir waren der Meinung, daß die Donald Frazer-Kommission nach der Untersuchung der Korruption in Korea und der Bestechung unseres Kongreßabgeordneten auch die Vereinigungskirche und Muns Engagement in dieser Organisation aufgreifen würde *). Als Fefferman, einer der Leiter der Vereinigungskirche, vor der Kommission aussagen sollte, lehnte er es strikt ab, Fragen der Frazer-Kommission zu beantworten und argumentierte, es widerspreche den ihm verfassungsmäßig zugebilligten Rechten, über seine Religion sprechen zu müssen. Der Unterausschuß drohte, ihn wegen Mißachtung des Kongresses zu belangen, aber es blieb bei der Drohung. Wir schrieben daraufhin Briefe, in denen wir die Notwendigkeit erklärten, die Sache

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*)Dies ist geschehen. Das Ergebnis ist in einem Bericht festgehalten, der im Oktober 1978 veröffentlicht wurde und im US-Congress erhältlich ist.

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vor den Hauptausschuß und den Kongreß selbst zu bringen und Daniel Fefferman wegen Mißachtung des Kongresses vorzuladen. Dergleichen ist nicht geschehen, obwohl es ein bedeutender Schritt nach vorn gewesen wäre.

Wir haben in den Vereinigten Staaten eine Organisation, die sich die "Amerikanische Union für die Wahrung der bürgerlichen Freiheiten" (,American Civil Liberties Union", kurz ACLU) nennt. Diese Organisation, ein Zusammenschluß von Rechtsanwälten, dem sich auch jeder andere anschließen kann, bringt Fälle vor Gericht und übernimmt deren Verteidigung, wenn es sich ihrer Meinung nach um eine Verletzung der Menschenrechte handelt. Meine persönliche Einstellung zu dieser Organisation war zu Anfang weder positiv noch negativ. Ich hatte zuwenig Informationen über ihre Arbeit und mir früher noch kein Bild davon machen können.

Die ACLU vertritt heute vor Gerichten die Interessen der Sekten, nicht die der Eltern oder ehemaliger Sektenmitglieder, die gegen die Sekte vorgehen wollen. Die ACLU hat immer den Standpunkt vertreten, daß es sich bei den Sekten um religiöse Organe handelt, die unter dem Schutz der Verfassung stehen müssen.

Sie ist stärker um den Rechtsschutz der Sekten besorgt als um den Schutz des Einzelnen in der Sekte. Nach diesen Beobachtungen habe ich begonnen, mir über die ACLU Gedanken zu machen. Ich fragte mich, welcher Art ihre Organisation eigentlich war, und verfolgte die Fälle, deren Verteidigung sie übernahm. Ich habe dann heraus-gefunden, daß einer der ACLU-Anwälte, ein Mann namens Jeremiah Gutman in New York, der Verfasser der Satzung eines Massagesalons war, der die religiöse Auffassung vertrat, sexuelle Beziehungen führten näher zu Gott und durch Sexualität könne der Teufel ausgeschaltet werden. Dieser genannte ACLU-Anwalt verschaffte dem Unternehmen durch seine Satzung Steuerfreiheit als religiöse Gruppe und vertrat sie vor Gericht. Dies erschien mir natürlich fragwürdig.

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Wenn Eltern also versuchen, ihr Kind aus einer Sekte herauszuholen und ihnen dies mißlingt, tritt die ACLU zur Verteidigung der Sekte ein und erhebt Anklage. Uns ist der Fall eines jungen Mannes bekannt, der aus der Love Family befreit wurde. Er bedarf psychiatrischer Hilfe. Er hat durch das Einatmen einer chemischen Lösung einen echten Gehirnschaden davongetragen. Er befand sich in einem denkbar schlechten geistigen Zustand, aber die Sekte ließ nicht davon ab, ihn im Hospital zu besuchen und störte seine Behandlung. Die Eltern entschieden schließlich, daß es der einzige Weg sei, die Besuche der Sekte im Krankenhaus und deren Eingreifen in die Behandlung zu unterbinden, wenn sie die Vormundschaft für ihren Sohn sowie eine Verfügung beantragten, welche die Sekte fernhielt. Als sie wegen der Unmündigkeitserklärung und der Verfügung gegen die Sekte vor Gericht gingen, war die ACLU anwesend, um das Recht des Sohnes gegen seine Eltern zu verteidigen. Der Sohn selbst hatte sich nicht an die ACLU gewandt. Er war in einem solchen geistigen Zustand, daß er nicht wußte, wer er war oder was er wollte. Trotzdem erfuhr die ACLU von diesem Fall und nahm Partei für den Sohn gegen seine Eltern. Die Eltern gewannen jedoch den Prozeß, denn der Junge brauchte eindeutig einen Vormund, und der Richter verstand die Situation. Die ACLU hatte jedoch den Versuch unternommen, die Familie zu zerstören, hatte ihr zusätzlichen Kummer zugefügt und unnötige Mehrkosten verursacht.

Vor längerer Zeit, als Timothy Leary, den Sie sicher kennen, wegen der Einnahme von Drogen festgenommen wurde, verteidigte die ACLU sein verfassungsmäßiges Recht, für religiöse Experimente Drogen zu nehmen.

Auch als es den Schlangenbeschwörern untersagt wurde, mit giftigen Schlangen zu arbeiten, da sie damit sowohl sich selbst wie auch anwesende minderjährige Kinder gefährdeten, griff die ACLU den Fall vor Gericht auf und

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erklärte, es handle sich dabei um eine Verletzung der Religionsfreiheit; es sei das Recht der Schlangenbeschwörer, lebende giftige Schlangen zu benutzen, auch wenn sie durch diese getötet werden könnten.

Wir haben herausgefunden, daß die ACLU Händler von pornographischem Material verteidigt, das den sexuellen Mißbrauch minderjähriger Kinder, die teilweise erst sechs oder sieben Jahre alt sind, gutheißt. Obwohl es gesetzlich verboten ist, diese Art Pornographie mit Kindern herzustellen, vertritt die ACLU die Meinung, daß der Händler wohl das Recht haben muß, das Material zu verkaufen, wenn es bereits produziert worden ist. Sie rechtfertigen diesen Standpunkt mit dem Recht der Redefreiheit.

Ein weiterer Fall betrifft Jugendliche einer High School in Hollywood, die mit Drogen handelten. Die Polizei stellte Untersuchungen an, schleuste in Jeans gekleidete Beamte in die Schule ein, um die Drogenhändler ausfindig zu machen. Sie nahmen verschiedene Studenten fest und fanden Drogen in diversen Schließfächern auf dem Schulgelände, die sie konfiszierten. Die ACLU behauptete, die Durchsuchung der Schließfächer sei illegal gewesen und die Beschlagnahme verstoße gegen die bürgerliche Freiheit der Studenten. Die Einschleusung der Beamten in Zivil sei eine Falle gewesen. Sie erreichte, daß die von der Schule verwiesenen Studenten wieder aufgenommen werden mußten und nun wahrscheinlich wieder Drogen verkaufen können.

Wir stoßen also immer wieder auf Fälle, in denen die ACLU das fragwürdige Recht von Einzelpersonen verteidigt, welche die Rechte anderer verletzen. Ich frage mich deshalb, auf welcher Seite diese Organisation steht. Durch ihr Sympathisieren mit Nazis hat die ACLU jedoch einen starken Mitgliederrückgang hinnehmen müssen.

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Eine Nazigruppe hatte eine Demonstration in Skokie, Illinois, geplant. In dieser Gegend leben sehr viele Juden, die Opfer von KZs geworden sind. Die Nazis wollten ihre Demonstration gerade in diesem Gebiet abhalten, weil sie sich davon die größte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhoffen durften. An anderer Stelle wären sie lediglich als Verrückte abgetan worden, man hätte ihnen keine Beachtung geschenkt; dort aber hätten sie Aufruhr und große Erregung erzeugt. Die Stadt lehnte deshalb die Erlaubnis zu dieser Demonstration ab. Die ACLU ging daraufhin vor Gericht und erklärte, die bürgerliche Freiheit dieser Nazi-Gruppe sei verletzt worden; sie hätte das Recht, ihre Demonstration abzuhalten, wo immer sie es wünschte. Mit dieser Klage war die ACLU letztlich sogar erfolgreich.

Die ACLU ist bisher unser größtes Hindernis gewesen. Sie hat eine Broschüre über die Deprogrammierung herausgegeben. Das gesamte Material hierzu wurde ihr von Seiten der Sekten zur Verfügung gestellt. Sie hat die Argumentation der Sekten bedingungslos angenommen. Wir alle wissen, daß eine der Charakteristiken der Sekten ihr verstecktes, täuschendes Vorgehen ist. Nichtsdestoweniger hat die ACLU ihre Ausführungen als die absolute Wahrheit akzeptiert. Sie hat über das Thema der Deprogrammierung eine Konferenz abgehalten, zu der die Hare Krishna-Sekte die Verpflegung stellte, die ScientologyGruppe die Lautsprecheranlage installierte und die Vereinigungskirche das Programm aufstellte. Sie engagierte alle Sekten, um diese große Konferenz gegen die Deprogrammierung zu veranstalten. Sie führten einige Jugendliche vor, die deprogrammiert worden und zur Sekte zurückgekehrt waren; die wilde Geschichten darüber erzählten, wie man sie während der Deprogrammierung mißhandelt hat. Die ACLU stellte alles zu einem Paket zusammen und verschickte es schließlich an College-Bibliotheken, wo es als dokumentarisches Deprogrammierungsmaterial aufbewahrt wird.

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APRL

Dieses von der ACLU benutzte Material ist ihr von einer Organisation unter der Bezeichnung "APRL" *) zugegangen. Es hat sich herausgestellt, daß APRL ein Zusammenschluß von Scientology, Vereinigungskirche und anderen Sekten-gruppen sowie einiger Einzelner, vielleicht auch religiöser Personen, ist, die wahrscheinlich nicht wissen, wer wirklich hinter APRL steht. APRL stellt auch umfassendes Material für Presse und Medien zur Verfügung. Es ist eine überaus schwierige Aufgabe, Religionsführern, Politikern und der Presse klarzumachen, daß es sich bei dieser Organisation APRL um nichts anderes als eine Vereinigung der Sekten handelt. Wir haben uns immer vor Augen gestellt, welch schreckliche Macht von einer Vereinigung dieser Gruppen ausgehen würde. Leider scheint sich diese Befürchtung in APRL zu verwirklichen.

Sicher erinnern Sie sich des Ausspruchs von Hitlers Propagandaministenum: "Wenn man eine Lüge oft und laut genug erzählt, so wird sie eine Wahrheit:" Diese Technik wird zur Zeit in der Bekämpfung der Elterngruppen in Bezug auf die Deprogrammierung vonseiten der Sekten angewandt. Es wird gesagt, Deprogrammierung sei illegal und stelle eine Verletzung der bürgerlichen Freiheit dar. Definiert wird der Begriff der Deprogrammierung von der Sekte jedoch nicht näher.

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*) Alliance for the Prevention of Religous Liberty (APRL).
Eine in der Bundesrepublik etwa vergleichbare Organisation ist die "Gesellschaft zur Förderung religiöser Toleranz und zwischenmenschlicher Beziehungen" in München.

Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite  178

Dr. Ronald Enroth in Santa Barbara ist ein guter christlicher Soziologe, ein Professor am Westmont College. Er hat das Buch "Youth Brainwashing and The Extremist Cults" (Gehirnwäsche an Jugendlichen und die extremistischen Sekten) geschrieben. Er ist einige Male interviewt worden und hat dabei stets die Elternorganisation unterstützt und die Sekten verurteilt. Ein Interview wurde in der Zeitung von Santa Barbara veröffentlicht. Sofort schickte ihm ein Bürger aus Santa Barbara eine "Deprogrammierungsanleitung", und man fragte ihn, wie er eine Elterngruppe unterstützen könne, die derartiges tue. Es wird behauptet, die Deprogrammierungsanleitung sei von der Elterngruppe herausgegeben worden. Die Broschüre zeigt auf der Vorderseite ein Bild von Ted Patrick. Sie gibt eine stufenweise Anleitung zur Deprogrammierung und sagt, welche Dinge nötig sind, um jemanden von einer religiösen Sekte zu lösen. Unter anderem hat man ihn danach zu entblößen und zu demütigen, das Bild des Sektenführers zu schänden, Eiswürfel unter seinen Arm zu stecken, ihn zu quälen, an einem Stuhl festzubinden, ihm keinen Schlaf zu gönnen, nichts zu essen zu geben, das Licht auszuschalten und ihn solange und so hart zu peinigen, bis er schließlich bereut und zu seiner Familie zurückkehrt. Diese Broschüre von erschreckender Abnormität und Gräßlichkeit wurde also unter der Vorspiegelung verteilt, daß sie aus unserer Feder komme.

Als Dr. Enroth diese Broschüre erhielt, wußte er sehr gut, daß nichts dergleichen jemals von der Elternorganisation stammen konnte, denn er kannte die meisten von uns Eltern als ordentliche und verantwortungsbewußte Menschen, die ihre Kinder nie einer solchen Behandlung unterziehen würden. Seine Frau vermutete sofort, daß die Broschüre von der Scientology-Sekte kommen könnte, da diese Sekte eine Ausdrucksweise entwickelt hat, nach der man sie fast identifizieren kann und einige der Ausdrücke in der Broschüre diesem Jargon entstammen.

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Dr. Enroth fand dann auch nach einem Telefonanruf bei der Sekte heraus, daß der Autor der Broschüre tatsächlich der Scientology Sekte angehört.

Wir mußten erfahren, daß einige der wirklich betrügerisch-destruktiven Dinge, sozusagen die schmutzigen Tricks, von den Sekten organisiert und breiten Bevölkerungsschichten bekannt gemacht werden. Wer es nicht besser weiß, könnte ihnen glauben. Eines der ärgsten Vorkommnisse ist die Aktion "Elternmacht durch Deprogrammierung", ein Flugblatt, mit dem unsere Organisation in Verruf gebracht werden sollte. Es besagt: "Wir müssen unsere Verfassung ändern. Unsere Vorväter wollten, daß dieses Land ein christliches Land sei. Nur durch die Regierung anerkannte Religionen sollten durch die Verfassung geschützt werden. Wenn Ihr Kind durch eine falsche christliche oder eine fernöstlich-religiöse Sekte einer Gehirnwäsche unterzogen worden ist, kann es von uns deprogrammiert werden." Uber diesen Text ist eine geballte Faust gezeichnet. Darunter sind 6 Elternorganisationen aufgeführt. Weiter heißt es: "Wir werden hundertprozentig unterstützt durch ...", und es folgt eine Auflistung prominenter Politiker, die sich zur Präsidenten- oder Vizepräsidentenkandidatur gestellt hatten, oder solcher, die mit einem Untersuchungsprozeß gegen die Sekten zu tun hatten. Es sind Namen wie der Abgeordnete Donald Frazer, der dem Frazer-Ausschuß vorstand; Senator Dole, der für das Hearing gegen die Vereinigungskirche verantwortlich zeichnet; Dimely (?) hielt ein Hearing in Kalifornien ab; Schweicher, Reagan und Jackson kandidierten als Vizepräsidenten; Cecile Gundrum ist Büroassistentin und war eine der wenigen, die unsere Beschwerdebriefe an diejenigen weitergeleitet hatten, für die sie bestimmt waren; Maurice Barboza,

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der Oberstaatsanwalt und juristischer Berater des Unterausschusses für Kriminalität im Rechtsausschuß des Repräsentantenhauses. Maurice Barbosa besaß Akten über die Sekten in Hülle und Fülle. Von ihm hatten wir erhofft, daß er im Ausschuß für eine Untersuchung der Sekten eintreten würde.

Alle aufgeführten Namen waren Personen, die wir angeschrieben hatten; Politiker, die von den Vorgängen wußten. Natürlich erhielten wir alsbald Reaktionen dieser Politiker zu deren Namensmißbrauch auf dem Flugblatt, von dem wir jedoch damals selbst noch nicht unterrichtet waren. Aus diesem Grund setzten wir uns mit Barbosa in Verbindung. Wir fragten ihn, um was es sich bei dem Flugblatt handelte und baten ihn um eine Kopie und die Namen derjenigen, denen es zugegangen war. Er gab uns Namen und Adressen der Personen, die das Flugblatt angeblich auf der Straße erhalten und dann an ihren Kongreßabgeordneten weitergeleitet hatten. Wir überprüften die Adressen und fanden heraus, daß sie nicht mit den angegebenen Namen übereinstimmten. Eine weitere Überprüfung ergab, daß es sich bei diesen Namen um Mitglieder der Scientology Advanced Organisation in Los Angeles handelte. Wir mußten also daraus schließen, daß die Scientology-Sekte das Flugblatt herausgegeben und unter dem Vorwand, es auf der Straße erhalten zu haben, den Abgeordneten zugeschickt hatte, um uns damit in Verruf zu bringen. In Los Angeles sind sonst keine weiteren Flugblätter aufgetaucht.

Wir erhielten jedoch ein Schreiben von Pastor John Noble aus der Gemeinde New Haven, in dem er darauf hinwies, daß Tausende von Handzetteln in der Woche zuvor im Gebiet von New Haven verteilt worden sind. Dem folgte

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nach etwa 8 Tagen eine von der Geistlichkeit von Ciiford, Connecticut, unterstützte Versammlung, bei der deprogrammierte Ex-Sektierer ihre Geschichte erzählten. Wir Eltern glauben, daß dieser Handzettel nicht wirklich von den Organisationen genehmigt worden ist, die sie angeblich verschickt haben sollen. Wir vermuten einen Komplott der Vereinigungskirche mit dem Ziel, die Deprogrammierer in Verruf zu bringen, indem man ihnen die Absicht unterschiebt, das First Amendment abschaffen zu wollen. Viele Kongreßabgeordnete haben uns jedoch zwischenzeitlich in ihren Schreiben bescheinigt, daß sie uns als verantwortungsvolle und aufrichtige Bürger ansehen.

In der Arbeit mit der Elterninitiative gegen die Sekten muß man auf derartige Dinge gefaßt sein. Man muß stark sein, um gegen solchen Mißbrauch und solche Diffamierung antreten zu können. Oft wird man als anti-religiöse Bewegung, als gefährliche Fanatiker und dergleichen mehr bezeichnet. Wo immer man in seinem Leben einen schwachen Punkt aufweist, muß man damit rechnen, daß dieser aufgegriffen und man damit in Verruf gebracht wird. Ist ein solcher Schwachpunkt nicht auszumachen, so scheuen die Sekten nicht davor zurück, einen entsprechenden zu erfinden. Man muß über solchen Dingen stehen und darf sich davon nicht unterkriegen lassen. Ich war schon oft so deprimiert über die gegen mich vorgebrachten Dinge, daß ich das Gefühl hatte, die Flinte ins Korn werfen zu müssen. Man muß sich einfach darüber im klaren sein, von wem diese Vorwürfe kommen und daß sie lediglich den Versuch darstellen, uns zu entmutigen und zum Aufgeben zu veranlassen. Dann stellen diese Intrigen nur eine Herausforderung dar, noch härter dagegen anzukämpfen.

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Eines der Probleme, die uns bei der Hilfesuche für unsere Kinder im Wege stehen, ist, daß zur Erlangung einer Vormundschaft oder Pflegschaft der Nachweis erbracht werden muß, daß der betreffende Jugendliche wirklich psychisch krank ist. Es muß bewiesen werden, daß er geistig unmündig ist oder eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellt. Wenn er also ein Messer oder eine Pistole bei sich trägt und somit sich und seine Umwelt gefährdet, oder wenn er außerstande ist, sich selbst anzuziehen oder zu ernähren, so besteht die Möglichkeit, eine gerichtliche Vormundschaftserklärung zu erwirken oder den Jugendlichen in stationäre ärztliche Behandlung zu geben. Meist erfüllt der Zustand unserer jugendlichen Sektenanhänger diese Kriterien jedoch nicht. Ihr Körper funktioniert, auch wenn sie der Meinung sind, zu neuem Leben erweckte Geister zu sein, allen möglichen unsinnigen oder irrationalen Doktrinen glauben, seltsame Dinge tun oder eine gewisse Tendenz zum Selbstmord aufweisen. Es ist überaus schwierig, vor Gericht ihren Zustand zu erklären. Viele unsere Indeterministen sind bemüht, Schocktherapie und medikamentöse Behandlung geistig kranker Patienten abzuschaffen. Sie veranstalten einen großen Feldzug, um die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, daß auch den Patienten in Nervenheilanstalten die bürgerlichen Rechte zustehen, daß sie jeden anrufen können, mit dem sie sprechen möchten. Die Situation ist also derart, daß selbst ein geistig gestörter Jugendlicher, der zur Behandlung in ein Hospital eingewiesen werden könnte, nicht davon abgehalten werden kann, sich telefonisch mit seinem Sektenführer in Verbindung zu setzen. Man ist also außerstande, den Jugendlichen so von der Sekte zu isolieren, daß man ihm im Sinne einer guten Behandlung wirklich helfen könnte, denn man kann ihm Besuche nicht verweigern.

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Zur rechtlichen Situation der Sekten in den Vereinigten Staaten ist zu sagen, daß sie geschützt sind, solange sie sich unter dem First Amendment der Verfassung als religiöse Gruppe bezeichnen. Es gibt keine legale Handhabe zur Kontrolle einer religiösen Sekte, es sei denn sie verletzt das Gesetz oder das Recht anderer Bürger der Vereinigten Staaten. In dem Wirkungsbereich der Sekten ist es sehr schwierig, dafür einen Nachweis zu erbringen. Ein hoher Anwalt unserer katholischen Erzdiözese erklärte uns einmal, daß ein dahingehender Antrag nur auf verfassungsrechtlicher Basis durch den Obersten Gerichtshof entschieden werden könnte. Um den Sekten Einschränkungen aufzuzeigen, müßte erst einmal definiert werden, was Religion überhaupt ist. Dies lehnen die Vereinigten Staaten jedoch ab. Wir können also rechtlich nicht gegen die Sekten vorgehen, wo sie nicht mit dem Gesetz zum Schutze der Öffentlichkeit in Konflikt kommen. Dies zu beweisen ist aber leider unmöglich, da die These einer erzwungenen Glaubensüberzeugung oder einer Gedankenkontrolle nicht akzeptiert wird. Es wird in den Vereinigten Staaten nicht als eine Zwangsanwendung ausgelegt. Könnten wir dies erreichen, so wären wir in d~r Lage, mit den bestehenden Gesetzen das Problem zu lösen und brauchten keine neue Gesetzesregelung. Bis wir eine solche Interpretation erreichen, sind uns aber diesbezüglich die Hände gebunden. Die Elterninitiative kämpft bereits seit Jahren in Zivilprozessen gegen die Sekten. In den Anfangsjahren klagte die Sekte gegen Elterngruppen, die den Versuch unternahmen, ihren Kindern aus der Sekte herauszuhelfen. Sie verlangten Schadenersatz in Millionenhöhe wegen der Behauptung, sie stellten eine destruktive Gruppe dar. Als man damals die Sekten zur Vorlage ihrer Mitgliederlisten und Finanzberichte aufforderte, zogen die meisten ihre Klagen zurück und der Fall wurde

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eingestellt. Die Eltern, die versuchten, zivilrechtlich gegen die Sekten vorzugehen, mußten die simple Erfahrung machen, daß ihre durch Gehirnwäsche und Gedankenkontrolle manipulierten Kinder das nachsagten, was ihr Sektenführer ihnen aufgetragen hatte. Vor Gericht sagten sie dann aus, sie seien aus freier Entscheidung in der Sekte und unterständen nicht der Kontrolle des Führers. In einem solchen Fall bestehen keinerlei Aussichten für die Eltern, einen Prozeß zu gewinnen. Mir sind nur zwei solche Fälle bekannt.

Es handelt sich in dem einen Fall um einen hohen Beamten des Gesundheitsministeriums und eine Frau aus der Rockefeller-Familie, die sich der Love-Family anschloß und ihre beiden Kinder in die Gruppe mitnahm. Aufgrund der totalen Entfremdung zwischen den Eheleuten durch die Love Family beantragte der Ehemann die Scheidung und Vormundschaft über die Kinder. Der Richter entschied schließlich, daß die Bedingungen und Einflüsse in der Love Family für die Erziehung der Kinder nicht von Vorteil sein würden, daß der Mutter die Erziehungsqualitäten zwar nicht abgesprochen würden, der Vater jedoch die besseren Voraussetzungen biete. Die Kinder wurden also dem Vater zugesprochen. Das Gericht verfügte weiterhin, daß die Kinder nicht zur Sekte gehen durften, wohl aber die Mutter ihre Kinder jederzeit zuhause besuchen konnte.

Der zweite Fall betrifft eine Ehefrau, welche sich einer Sekte in Colorado anschloß, die sich die Alte Katholische nannte und von einem seibsternannten Pater Fabian geleitet wurde. Der Ehemann verklagte die Sekte, ihm die Partnerschaft seiner Frau entzogen, die Frau entfremdet und ihm somit seelisches Leid zugefügt zu haben. Die richterliche Entscheidung fiel zugunsten des Ehemannes aus. Er hatte auf 55.000 Dollar Schadenersatz geklagt, die ihm vom Gericht zugesprochen wurden.

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In den vorgenannten beiden Fällen handelt es sich jeweils um Vormundschaftsangelegenheiten bzw. erwiesene Schädigung einer dritten Person, die in jedem Fall die Beschreitung des Rechtsweges erlaubt. Dies sind die einzigen Möglichkeiten, die uns verbleiben.

1977 wurde in New York ein großer Sachverständigenausschuß einberufen, der den Versuch von Eltern untersuchen sollte, ihre Kinder aus der Hare Krishna-Gruppe zu befreien und zu rehabilitieren. Der Ausschuß hörte sich die Aussagen der Eltern, der Sekte und der damaligen Sektenmitglieder an. Anstelle einer Klage gegen die Eltern erließ er jedoch eine Klage gegen die Sekte wegen Erpressung in einem und wegen Verursachen einer Entfremdung in der Familie und Schaden für Mutter und Kind in einem anderen Fall. Im Verlauf des Prozesses stellte es sich dann heraus, daß die Sekte vom Vater 50.000 Dollar für die medizinische Behandlung seines Sohnes verlangt hatte. Er war Diabetiker und bedurfte auch wegen einer weiteren Erkrankung ständiger medizinischer Betreuung. Der Vater zeigte im Prozeß auf, daß sein Sohn die benötigten Medikamente nicht erhalten hatte.

In einem anderen Fall war ein junges Mädchen nach dem Versuch einer Rehabilitation zur Sekte zurückgekehrt und hatte seine Mutter wegen illegaler Freiheitsberaubung verklagt. Der Richter entschied hier für die Hare Krishna-Sekte und gegen die Eltern. Er argumentierte, daß er die Vorwürfe des Sachverständigenausschusses nicht aufrechterhalten könne, da er damit eine Pandora-Büchse öffnen und die Gedankenkontrolle als eine effektive Möglichkeit darstellen würde. Der Richter sagte im einzelnen: Das Konzept der Gedankenkontrolle oder Gehirnwäsche stellt an und für sich keine kriminelle Handlung dar. Die Tatsache, daß Indoktrination und ständiges Singen als Defensivmechanismen

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eingesetzt werden, um Einflüsse anderer Personen fernzuhalten, ist verheerend, auch wenn sie als eine Technik zur Gehirnwäsche oder Gedankenkontrolle zur Anwendung kommen. Es kann eine Unfähigkeit zu denken, vernünftig zu handeln oder logisch zu sein, bewirken. Dies stellt jedoch keine kriminelle Handlung dar. Weder Gehirnwäsche noch Gedankenkontrolle erfüllen per se einen kriminellen Tatbestand. Hierauf kann die Anklage nicht gestützt werden. Somit wurde die Klage abgelehnt. Die Hare-Krishna-Sekte interpretierte dies dahin, daß sie den Prozeß gewonnen hatte. Gewonnen hatte sie ihn jedoch nicht. Der Fall wurde lediglich zurückgewiesen, weil Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche keine strafbare Handlung darstellen. Somit stehen wir wieder vor dem Problem der Definition einer Zwangsanwendung.

Sobald wir nachweisen können, daß Gehirnwäsche und Gedankenkontrolle Zwangsanwendungen darstellen, werden unsere übrigen Gesetze sofort Anwendung finden und die Problemlage lösen. Daß Gedankenkontrolle effektiv angewandt wird, können wir in vielen Fällen nachweisen. Uns liegen dazu Erklärungen von Psychiatern, Psychologen und anderen Experten vor. Zur Zeit bleiben uns jedoch lediglich die Zivilprozesse  Die meisten der Zivilprozesse werden im Augenblick von den Sekten angestrengt - gegen Buchautoren, gegen Zeitungen, gegen Eltern und Elterngruppen, die versucht haben, ihren Kindern zu helfen. Hier wird uns vorgeworfen, den Jugendlichen das unter dem First Amendment geregelte Recht der Religionsfreiheit zu verwehren. Wenn unser Argument richtig ist, so wählen die Jugendlichen diese Religionen jedoch nicht selbst, sondern werden der Gehirnwäsche unterzogen und somit in diese sogenannten Religionen hineingezwungen oder -programmiert. Die Gerichte entscheiden hier verschieden, einmal zugunsten der Eltern, einmal zugunsten der Sekten. In gewisser Beziehung haben die Sekten einen Vorsprung erreicht, denn

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sie haben erreicht, daß verschiedene Bücher nicht gedruckt und veröffentlicht werden, daß Autoren davor zurückschrecken, wegen ihrer Artikel und Bücher angeklagt zu werden und deshalb ihre Aussagen nicht zu Papier bringen. Die Sekten haben mit tausenden von Anhängern, die auf der Straße betteln und alles Geld an ihre Sekte abführen, eine beachtliche Finanzstärke erreicht. Mit diesem Geld sind sie in der Lage, die besten Anwälte des Landes zu engagieren und gegen Eltern zu prozessieren. Die meisten Eltern der Sektierer gehören der Mitteiklasse oder der oberen Mittelschicht an und verfügen nicht über unendliche Geldsummen. Wir können nicht auf die Hilfe von Organisationen zur Wahrung der bürgerlichen Freiheiten rechnen, da diese die Meinung vertreten, wir verletzten die Freiheit der jugendlichen Sektierer. Prozesse sind jedoch meist langwierig und übersteigen die verfügbaren finanziellen Mittel der Einzelnen. Da ist zum Beispiel der Fall einer Autorin, Paulette Cooper, die das Buch "Der Scientology-Skandal" (The Scandal of Scientology) schrieb. Die Scientology Sekte strengte ein Gerichtsverfahren an, untersagte die Veröffentlichung des Buches und verlor den Prozeß. Sie erhob nochmals Anklage und ging durch sechs oder sieben Instanzen, bis die Mittel der Autorin erschöpft waren. Es kam schließlich zu einer außergerichtlichen Einigung. Die Sekte zahlte ihr eine 6-stellige Summe, um die Veröffentlichung des Buches zu verhindern. Paulette Cooper führt noch einen weiteren Prozeß gegen die Scientology-Sekte, der mit 1.200.000 Dollar beziffert ist und bei dem es um eine von der Scientology selbst gefälschte Bombendrohung gegen ihre Kirche geht, die Frau Cooper angehängt worden ist. Paulette Cooper war von der Polizei festgenommen und drei Tage in Haft gehalten worden, nachdem die Scientology den Behörden einen gefälschten

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Brief zugespielt hatten. Die Schwierigkeiten, die sich ihr stellten, um aus diesem Problem herauszukommen, verursachten ihr einen Nervenzusammenbruch. Schließlich entschloß sie sich zu einer Klage, die noch in diesem Jahr zur Verhandlung kommen wird. Bei einer Razzia, die das FBI in der Scientology Kirche in Washington, D.C., durchführte, kamen auch Beweise zutage, die Paulettes Fall gegen die Scientology Sekte unterstützen. Damit wird bestätigt werden, daß alles von der Sekte selbst veranlaßt und ihr somit Schaden zugefügt wurde. Dies ist nur ein Fall von persönlicher Bedrohung. Vielen Autoren wurden für den Fall, daß sie einen derartigen Artikel veröffentlichten, Zivilklagen angedroht. Hare Krishna und Scientology Kirche haben Autoren aufgefordert, Manuskripte zur Korrektur ihren Organisationen zu übergeben, bevor sie in Druck gehen konnten. Auch Professor Roy Wallace sollte sein Buch über die Scientology-Sekte zur sogenannten Korrektur vorlegen und der Sekte erlauben, am Ende des Buches ein Kapitel anzufügen, in dem sie ihre Gegendarstellung geben konnte. Das Buch wurde gedruckt, und er erhielt keine weiteren Drohungen. Während er das Buch geschrieben hatte und als er eine Publikation für seine Promovierungsarbeit über Soziologie und speziell über die Scientology Sekte vorstellte, hatte er hingegen vielerlei Drohungen erhalten, die strafbar wären, aber leider nicht beweisbar sind.

Wenn die Sekten ein Gerichtsverfahren gegen die Eltern anstrengen, besteht oft keinerlei Begründung für eine Klage. Wenn uns als Eltern eine Klage ins Haus steht, so können wir nur eines tun: sie beantworten. Tut man es nicht, kommt dies einem Schuldgeständnis gleich. Man muß also an der Gerichtsverhandlung teilnehmen. Man braucht einen Rechtsanwalt, da ansonsten der Richter eingreifen und einen Verteidiger bestimmen würde. Bisher ist es soweit noch nicht gekommen.

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Die Eltern haben stets als gute Bürger ihre Vorladungen beantwortet und versucht, den Rechtsweg einzuhalten.

Meist werden die Verfahren von den Sekten hinausgezögert. Läuft ein Prozeß gegen Eltern oder Elternorganisationen, veröffentlichen sie dies in ihren Publikationen. Die Tatsache, daß Eltern mit derartigen Prozessen zu tun haben, heißt nicht, daß sie auch im Unrecht sind. Die Propagandamaschinerie der Sekten versteht es aber, diesen Eindruck zu erwecken. Uns bleibt dann nur die Möglichkeit, die Medien einzuschalten, um dieser Art Sektenpropaganda Einhalt zu gebieten und alle Fakten offenlegen zu lassen. Die Verzögerung der Verfahren von seiten der Sekten geschieht aus Gründen der Verunsicherung und um Entscheidungen zu verhindern, denn in den meisten Fällen wissen die Sekten relativ gut, wann sie einen Prozeß nicht gewinnen werden.

Wird im Verlauf eines Prozesses die Anklage von einer Seite zurückgezogen, so müssen von ihr sämtliche Gerichtskosten getragen werden. Eine Sekte, die tausende und hunderttausende von Dollar täglich überall im Land ohne Eigeninvestition eintreibt, kann es sich durchaus leisten, solche Kosten auf sich zu nehmen. Der größte Teil der Gerichtskosten wird ohnehin durch Steuermittel abgedeckt. Wer zahlt ist also der Staat bzw. der Steuerzahler. Soweit mir bekannt ist, muß in Deutschland bei Einbringen einer Klage eine bestimmte Summe hinterlegt werden. In den Vereinigten Staaten ist dies nicht der Fall. Die einzigen Kosten, die der Bürger hier zu tragen hat, wenn er gegen eine Gruppe oder einen anderen Bürger, eine Sekte oder wen auch immer Klage erhebt, sind seine Anmeldegebühr und Schreibauslagen, die kaum von Bedeutung sind. Hätten wir hier ein

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ähnliches System wie in Deutschland, gäbe es diese Art der Prozesse nicht. Die nur als Störangriffe inszenierten Prozesse würden automatisch wegfallen. Wenn ich es richtig verstehe, trägt bei Zurückziehen einer Klage in Deutschland der Antragsteller auch die Gerichts-, Anwalts- und Schreibkosten des Beklagten. Hier hat der Beklagte nur die Chance, die ihm entstandenen Kosten und eventuell einen Schadensersatz über eine Gegenklage zurückzuerhalten. Das kostet ihn allerdings wiederum die Eingabegebühr und das Rechtsanwaltshonorar, erneute Beurlaubung am Arbeitsplatz, weiteren Arger und mehr Geld, als der Durchschnittsbürger zu investieren fähig ist. Grundsätzlich ist es also möglich, mit einer minimalen finanziellen Belastung einen Prozeß anzufangen, den Angeklagten durch Verzögerungstaktiken zu zwingen, mehrere Male vor Gericht zu erscheinen, somit dessen Zeit- und Kostenaufwand zu eskalieren und schließlich die Klage zurückzuziehen.

Zur Frage über das Deprogrammieren möchte ich vorwegschicken, daß wir das Wort Deprogrammierung gerne durch ein anderes Wort wie zum Beispiel "Resozialisierung" oder "Wiedereingliederung in die Gesellschaft" ersetzt würden. Einer der wesentlichsten Gesichtspunkte einer Deprogrammierung ist die Sorge und Liebe, die dem zu resozialisierenden oder wiedereinzugliedernden Jugendlichen entgegengebracht werden muß. Generell ist der Jugendliche in diesem Stadium sehr ängstlich, weil ihm gesagt worden ist, wie schrecklich die Deprogrammierer seien. Es ist daher überaus wichtig, daß er mit einem normalen Alltagsleben konfrontiert wird, genügend zu essen bekommt und liebevolle Menschen um sich hat. Wenn er durch die Sekte auf einen christlichen Gesichtspunkt hin programmiert wurde, sollte grundsätzlich jemand da sein, der die Bibel ein wenig kennt und ihm aufzeigen kann, wo Dinge aus ihrem Zusammenhang gerissen, die Aussage

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verdreht wiedergegeben oder von der Sekte falsch interpretiert wurden. Er muß einsehen, daß man nicht versuchen will, ihn zu ändern, daß aber Fragen offenstehen, die vor einer endgültigen Glaubenshingabe seinerseits geklärt werden sollten. Es ist von großer Bedeutung, daß er das Gefühl bekommt, als Individuum wichtig zu sein. Er muß wissen, daß auch viele andere Jugendliche in eine Sekte geraten sind und dasselbe durchgemacht haben, daß er selbst keine Schuld an dem Geschehenen trägt und daß es ihm vielmehr von außen aufgezwungen worden ist.

Die Anwesenheit anderer Jugendlicher, die aus derselben oder einer ähnlich strukturierten Sekte herausgelöst worden sind, trägt sehr zu einer raschen Deprogrammierung bei. Innerhalb der Jugendgruppe ist die Kommunikation viel stärker als über eine Generationskluft hinweg. Gleichzeitig existiert sehr oft, besonders bei Mädchen, das Bedürfnis nach Stärke, nach einem Vater-Image oder einer Autoritätsperson, die ihnen hilft, sich zu konzentrieren, die sie freundlich behandelt und umsorgt. Das Geheimnis einer erfolgreichen Deprogrammierung scheint in der Fragestellung, der Herausforderung auf intellektueller Basis, aber gleichzeitig auch in einer sehr umsichtigen, die emotionale Komponente berücksichtigende Art der Behandlung zu liegen. Der Jugendliche muß merken, daß man um ihn besorgt ist. Kann dieses Gefühl nicht in ihm erzeugt werden, ist die Deprogrammierung meist extrem lange und weniger erfolgreich.

Es gibt so viele verschiedene Deprogrammierungstechniken wie es zu deprogrammierende Jugendliche gibt. Jeder unterscheidet sich vom anderen. Jeder muß unter Berücksichtigung seiner Herkunft und Erziehung behandelt werden. Die Eltern müssen sich bemühen, die Aktion zu unterstützen. Oft stellen sie sogar den Schlüssel zum

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Ganzen dar. Das Kind muß wissen, daß es von den Eltern geliebt wird, daß sie alles in ihren Kräften stehende getan haben, um ihm ihre Liebe zu zeigen.

Leider ist das Wort Deprogrammierung mit Macht, Zwang und diversen gewaltsamen Methoden in Verbindung gebracht worden. Die einzige kritische Phase der Deprogrammierung, in der es unter Umständen einen gewaltsamen Akt geben könnte, ist ganz zu Anfang die Loslösung des Jugendlichen von der Gruppe. Aber er muß verstehen und einsehen, daß er seinen Eltern die Möglichkeit geben muß, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, daß er also nicht einfach davonlaufen darf. In 98 % der Fälle gibt es keinen körperlichen Widerstand der Jugendlichen. Es ist aber auch schon vorgekommen, daß ein Jugendlicher gewaltsam reagierte. Man kann dann nicht viel tun, als ihn davon zurückzuhalten, sich selbst zu verletzen. Das größte Problem bei diesen Jugendlichen ist ihre totale Ablehnung zuzuhören. Sie fordern einem Deprogrammierer größte Geduld ab. Er darf nicht drängen, muß ständig dabeibleiben, darf nicht aufhören, dem Jugendlichen seine Fürsorge und Liebe zu zeigen. Alle verfügbaren Informationen aus den Medien, der Bibel und anderen Quellen, die ihm in der Sekte vorenthalten wurden, müssen ihm vorgelegt werden. Die meisten der Sektierer haben nie selbst über diese Dinge gelesen oder lediglich das zu sehen bekommen, das die Führer ihnen zeigen wollten, was also meist die Sekte als hervorragende Institution darstellte. Die meisten Sekten erzeugen in den Jugendlichen das Gefühl, einer elitären Gruppe anzugehören, etwas Besonderes zu sein. Dies stellt uns bei der Deprogrammierung vor die Schwierigkeit, ihnen zu verdeutlichen, daß sie wohl als Individuum etwas Besonderes sind, nicht aber als Mitglied irgendeiner Gruppe.

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Handelt es sich bei der Sekte um eine christlich orientierte Gruppe, unternehmen wir nicht den Versuch, die Jugendlichen vom christlichen Glauben abzulenken, sondern weisen sie darauf hin, wo und in welcher Weise sie von der Sekte oder welcher anderen Gruppe sie auch angehörten, ausgenutzt worden sind. Wir haben nicht die Absicht, sie von ihrem christlichen Glauben abzubringen, sondern von der Gedankenkontrolle, durch die sie gefangengehalten wurden. Oft verfallen die Jugendlichen während der Deprogrammierungsphase in Trance, ziehen sich ganz in sich selbst zurück und stehen total passiv und gefühllos da. Man weiß nicht, ob sie zuhören, ob man zu ihnen vorgedrungen ist oder nicht. In solchen Fällen muß man beständig weiter mit ihnen sprechen, ihnen die Hand auf die Schulter legen und sie wissen lassen, daß man da ist. Man kann ihnen vielleicht auch hin und wieder einen sanften Anstoß geben. Meistens lösen sie sich dann automatisch aus dieser Trance und werden aufmerksam. Haben sie einmal den Punkt erreicht, an dem sie Fragen akzeptieren, eine Kommunikation mit ihrem Deprogrammierer aufbauen und bereit sind, Informationen von außen zu lesen, ist das Kapitel 22 aus Dr. Liftons Buch "Thought Reform and The Psychology of Totalism" ein sehr wirkungsvolles Hilfsmittel. Viele der Jugendlichen aus der Vereinigungskirche geben danach zu, daß sie genau dasselbe erlebt haben.

-Es kann auch nicht oft genug betont werden, daß die Isolierung von der Sekte ein wichtiger erster Schritt zur Repersonalisierung eines Jugendlichen aus der Sektenatmosphäre ist. Er wird dazu neigen, zur Sekte zurückzukehren, wird Rückfälle haben, die Kommunikation zerschlagen, die man zu ihnen aufzubauen sucht, den zur Herausforderung von Fragen so wichtigen Dialog.

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Schließlich soll der Jugendliche herausfinden, daß die Menschen draußen nicht schlecht sind und er mit ihnen sprechen kann. Er muß wissen, daß er außerhalb der Sekte Menschen hat, die ihm helfen wollen. Es ist überaus wichtig, sein Ego aufzubauen und zu stärken. Diese Phase der Deprogrammierung geht schließlich in die Rehabilitierungsphase über, die in vieler Hinsicht ebenso wichtig oder sogar wichtiger ist als die Deprogrammierung. Auch hierfür ist strikte Aufmerksamkeit geboten, daß die Jugendlichen nicht mit Mitgliedern ihrer Sekte in Berührung kommen. Häufig geraten sie in einen Floating-Zustand, in dem sie sich ihrer selbst nicht sicher sind und wo eine Kleinigkeit bereits die Rückkehr zur Sekte auslösen kann. Es ist unglaublich, welch starke Reaktion ein bekannter Satz, ein Lied, ein Kontakt mit der Gruppe, ein Telefongespräch oder dergleichen auslösen kann. Eine solche Kleinigkeit kann bewirken, daß sie sofort weglaufen. Eine der Charakteristiken derjenigen, die zur Sekte zurückgehen, ist die Tatsache, daß ihre Entscheidung für diesen Schritt nicht überlegt und geplant ist, sondern aus einem Impuls heraus resultiert. Hier muß man auf eventuelle Anzeigen eines solchen Impulses achten und darauf vorbereitet sein, ihn in Griff zu bekommen. Alles was dazu nötig ist, sind Liebe und Zärtlichkeit, Kontakt und Gespräch. Jede körperliche Gewalt sollte vermieden werden.

Die Rehabilitation selbst kann aus verschiedenen Komponenten bestehen. Eine organisierte Lebensweise und Umwelt sind dabei von Vorteil. Der Jugendliche muß sich aber innerhalb dieser Organisation frei fühlen können, zu tun, was er möchte. Es muß Zeiten der Entspannung geben; Zeit, mit anderen zu sprechen; Zeit, die Auswirkungen der Sekten zu betrachten und die Wirkungsweise anderer Sekten kennenzulernen, um Parallelen

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erkennen zu können. Es muß die Möglichkeit vorhanden sein, mit anderen Jugendlichen, die sich von der Sekte gelöst haben, zu sprechen. All dies ist für eine erfolgreiche Rehabilitierung von großer Bedeutung. Manchmal hilft schon ein Ausflug in die Berge oder an die See oder Ferien, in denen die Jugendlichen Ruhe finden können, die während der gesamten Rehabilitierungsphase wichtig ist. Sie sind in dieser Zeit noch sehr zögernd, unsicher und haben Schwierigkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen. In dieser Hinsicht müssen sie unterstützt und gefordert werden. Sie müssen ermutigt werden, selbständig zu handeln, zu entscheiden und sich unabhängig zu fühlen. Manchmal ist es dafür wichtig, sie aus ihrer häuslichen Atmosphäre herauszuholen, weil der Auslöser für ihre Verwirrung dort liegen könnte. Andererseits ist es aber auch möglich, daß sie gerade ihre häusliche Umgebung für die Wiedereingliederung brauchen. Das muß in jedem Einzelfall individuell entschieden werden. Festgelegte Regeln gibt es nicht. Man muß tun, was zum jeweiligen Zeitpunkt als das Geeignetste erscheint. Die Dauer einer Rehabilitierung sollte zwischen 2 Wochen und 3 Monaten liegen, ist aber abhängig von dem jeweiligen Jugendlichen selbst und dem Grad seiner Verhaftung in der Sekten-ideologie.

Es ist aber in jedem Fall von größter Wichtigkeit, daß er während der Rehabilitierungsphase von anderen Ex-Mitgliedern oder Personen, die über diese Dinge gut informiert sind, unterstützt werden kann. Er muß ständig neu angeregt und mit Situationen konfrontiert werden, die ihm Entscheidungen abfordern. Wenn möglich, sollten ihm Aufgaben zugeteilt werden, durch welche er bei der Rehabilitation anderer junger Leute helfen kann. Gerade das braucht er. Er fühlt eine gewisse Schuld, vielleicht wegen des Geldes, das er mit sammeln half, oder wegen der jungen Leute, die er selbst

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für die Sekte geworben hat. Er hat das Bedürfnis zu sehen, daß ihnen dieselbe Hilfe gegeben wird, die er selbst bekommen hat. Wenn irgendmöglich sollte ihm die Gelegenheit gegeben werden, in dieser Hinsicht mitzuarbeiten. Die Voraussetzungen dafür sind natürlich nicht immer gegeben, aber wenn die Möglichkeit gegeben ist, so ist es eine sehr gute Therapie für den Jugendlichen

Rehabilitation ist eine Sache des Gefühls. Das Wesentliche dabei ist, den Betroffenen zu beschäftigen, ihn vor Entscheidungen zu stellen und ihm zu helfen, seine Persönlichkeit aufzubauen und ihm bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft beizustehen. Die Sekte war seine Stütze, solange er ihr angehörte, und er hat aufrichtig an sie geglaubt. Jetzt, da ihm die Stützen der Disziplin und des autoritären Sektensystems fehlen, braucht er neue Werte, die ihm das Verlorene ersetzen können. Alles, was ihm das Gefühl vermittelt, sozialen Wert zu besitzen, und womit er in der Lage ist, anderen Hilfe zu geben, kann seine Rehabilitation wesentlich beschleunigen. Der Zweck dieser Therapie liegt darin, ihn von dem Zwang zu befreien, der sein Denken beeinflußt hat, und ihm die Möglichkeit zu geben, die Welt wieder mit den Augen der Realität zu betrachten. Es sollte niemals das Ziel einer Rehabilitation oder einer Deprogrammierung sein, einen bestimmten Glauben oder bestimmte Wertsetzungen in den Jugendlichen zu etablieren. Der Jugendliche muß erkennen, daß er seine eigenen Entscheidungen treffen muß. Er muß seine eigene Einstellung und Beurteilung der Welt, wie sie ist, finden. Dabei ist es, wie bereits mehrfach erwähnt, von großer Bedeutung, daß er sich als wertvolles Mitglied einer Gruppe von Leuten empfindet, die ihn unterstützen und lieben, und daß man ihm verdeutlicht,

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daß nicht alle Menschen in der Welt böse sind und er nicht verführt und zum Sünder gemacht wird; daß ihm keine der schrecklichen Dinge zustoßen werden, die ihm angedroht worden sind. Wahrscheinlich hat der Jugendliche während der Deprogrammierung und Rehabilitation zum ersten Mal seit Wochen, Monaten oder Jahren wieder ungestörte Nachtruhe, ordentliches Essen und eine entspannte Atmosphäre um sich. Man muß ihm Zeit geben, wieder langsam in die Persönlichkeit hineinzuwachsen, die er vor dem Sektenerlebnis gewesen ist, und zu dem Menschen zu werden, der er sein kann und in der Zukunft sein will.

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PATER LeBAR, S.J.

Interview 24. Mai 1978 Flughafen Los Angeles

Pater LeBar arbeitet in der Erzdiözese New York in Fragen der destruktiven Kulte.

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Zu Ihrer Frage, was meiner Meinung nach die Beweggründe dafür sind, daß Jugendliche sich destruktiven Sekten anschließen und was meines Erachtens die Kirchen unternehmen sollten, um dies zu verhindern, möchte ich folgendes antworten:

Erst einmal glaube ich, daß diejenigen Jugendlichen, die sich Sekten anschließen, eigentlich zu etwas hingeführt werden, das sie selbst nicht beabsichtigten. Wichtiger und grundlegender ist jedoch die Tatsache, daß sie in ihrem Leben keinen Sinn, kein Ziel und keine Erfüllung gefunden haben. Aus dieser Lage heraus sind sie bereit und willig, überall danach zu suchen. Sie haben ein offenes Ohr für jeden, der sie anspricht, ob sie nicht in der Drogenbekämpfung oder bei der Vereinigung der Christenheit mitwirken möchten. Nachdem sie sich sozusagen von ihrem Zuhause, von der Universität oder was auch immer gelöst haben, sind sie bereit zu investieren. Sie sind bereit, nahezu alles zu versuchen, außer dem, was ihre Eltern oder andere Autoritätspersonen bereits als gute Sache betrachten. Darin sehe ich die Hauptursache dafür, daß Jugendliche sich von Sekten angesprochen fühlen, denn ich habe die Erfahrung gemacht, daß sie, einmal auf die Gefahren und Arbeitsweisen der Sekten hingewiesen, sie nichts weiter mit ihnen zu tun haben wollen. Die Problematik besteht jedoch darin, ihre Aufmerksamkeit zu erregen und sie zu informieren, bevor sie überhaupt mit einer Sekte in Berührung kommen. Dies wird zu einem unserer größten aktuellen Probleme.

Meiner Meinung nach fällt der Kirche, sei es die katholische Kirche oder eine andere, eine wichtige Rolle in diesem psychologisch-religiösen Phänomen zu. Ich glaube, daß katholische, oder sagen wir besser religiöse Eltern von ihrer Kirche eine Erklärung und einen Hinweis darauf erwarten, daß es sich hierbei um ein Problem

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handelt. Sie wollen keiner Täuschung unterliegen oder etwas Falschem zustreben. Sie erwarten also zuallererst von der Kirche, daß sie die Sekten als etwas Schlechtes identifiziert oder zumindest vor ihnen warnt. Weiter hat die Kirche die Pflicht, Eltern und ehemaligen Sektenmitgliedern bei der Bewältigung des Problems zu helfen, wie die Kirche auch bei Drogenproblemen hilft, bei jugendlichen Drogensüchtigen, Alkoholikern, alten Mitbürgern. Dies ist ein spezielles Jugendproblem, bei dem die Kirche praktische tägliche Rehabilitationshilfe und Beratung geben muß. Ich glaube jedoch nicht, daß die Kirche sich in der Deprogrammierung oder bei der gewaltsamen Herauslösung von Jugendlichen aus anderen Gruppen engagieren sollte. Ich will damit nicht sagen, daß die Kirche nicht das moralische Recht hat, dies zu tun. Sie wäre jedoch stark der Kritik ausgesetzt, Jugendliche von einer Religion in eine andere hineinzustehlen, so daß diese Sache anderen als der Kirche überlassen werden sollte.

Letztlich bin ich der Meinung, daß der Kirche eine sehr wichtige Rolle in der Aufklärung und der Gegenüberstellung von Sekten zum katholischen, jüdischen, protestantischen oder einem anderen Glauben zukommt, damit die Öffentlichkeit über diese Sekten Bescheid weiß, bevor es zu spät ist.

Zu Ihrer Frage, ob die Kirche Einrichtungen habe, in denen sie jungen Menschen helfen kann, das Problem praktisch zu lösen, habe ich folgendes zu sagen:

Zum jetzigen Zeitpunkt ist mir nicht bekannt, daß die katholische oder eine andere Kirche in diesem Land Arbeitszentren für dieses Problem unterhält. Der größte Teil der Arbeit, die auf diesem Gebiet geleistet wird, wird von Eltern früherer Sektenmitglieder oder interessierten Priestern und Seelsorgern erbracht, die sich der Problematik bewußt sind und versuchen, etwas
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dagegen zu tun. In meiner eigenen Erzdiözese New York haben wir einige Informationszentren. Diese sind Teil meiner Aufgabe, allen Gruppen, die es benötigen, Informationen und Aufklärung zu geben. Wir haben auch einen Pater des Blessed Sacrament-Ordens in Cleveland, Ohio, der eine ähnliche Funktion innehat. Außerdem untersuchen wir die Möglichkeit, eine unserer stillgelegten Kindertagesstätten in der Diözese New York als Rehabilitierungszentrum zur Verfügung zu stellen. Bislang ist dies jedoch lediglich ein Projekt. Wir haben Interessenbekundungen erhalten, aber noch keinerlei verbindliche Zusagen.

Dr. Klaus Karbe - AGPF: Rehabilitation ... Amerikanische Erfahrungen, 1981 Seite  202
 

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