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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/Jonestown.htm  Zuletzt bearbeitet am 30.1.2008
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Der Massenmord von Jonestown.
Am 18.11.1978 wurden in Guyana 921 Menschen getötet.
Darunter 276 Kinder.


Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Impressum

James Warren Jones, genannt Jim Jones, wurde geboren am 13.5.1931 in dem Bauerndorf Lynn im Bundesstaat Indiana, USA. Er war als Wunderheiler tätig, hat eine Sekte gegründet und als "Peoples Temple" bezeichnet. Von Kalifornien aus gründete er eine Art Dschungelcamp in Guyana, bezeichnet nach ihm als "Jonestown". Angehörige wandten sich an den Abgeordneten Leo Ryan, der Jonestown aufsuchte. Bei seiner Abreise wollten sich einige der Bewohner ihm anschliessen. Daraufhin lief der Massenmord nach dem Plan des Jim Jones ab.
 
Auch 30 Jahre danach wird stereotyp über den "grössten Massenselbstmord in der Geschichte" berichtet. 
So ARTE in der Ankündigung zu "Jonestown - Todeswahn einer Sekte" am 29.1.2008 (Wiederholungen am 07.02.2008 um 01:15 und 14.02.2008 um 03:00). Es handelt sich um die deutsche Version der Dokumentation "Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple" von Stanley Nelson.
Nach der Ermordung von über 250 Kindern handelt es sich zweifelsfrei um einen Massenmord. 
Die Bezeichnung Selbstmord suggeriert eine eigenverantwortliche Entscheidung der Opfer. 
Tatsächlich handelte es sich um geplanten Massenmord, wie sich allein schon aus der Bevorratung grosser Mengen Zyankali ergibt. 

Das Vorwort im Buch von Kilduff/Javers (>>) beginnt:

"Die Toten sind gezählt.
Die endgültige Zahl der Opfer beträgt 912 Ermordete in Jonestown, fünf Tote auf dem Flugplatz von Port Kaituma und vier im "Volkstempel" von Georgetown - neunhunderteinundzwanzig Tote insgesamt."
Leo Ryan hatte Erfahrung mit dem Thema Sekten.
Kurz vorher war der Fraser-Bericht über die Moon-Sekte fertiggestellt worden, an dem er als Mitglied eines Untersuchungausschusses des US-Parlaments mitgewirkt hatte.
Er wollte sich selbst davon überzeugen, was an den Vorwürfen dran war, die von Angehörigen erhoben wurden.
Er wurde ermordet.
Und weitere 920 Menschen.
Darunter 276 Kinder.
 
Die unten aufgeführten Bücher sind überwiegend unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens geschrieben worden.

Deborah Layton hat über 20 Jahre später eine Aufarbeitung gewagt.
1998 wurde ihr Buch "Seductive Poision" veröffentlicht, "Verführerisches Gift".
2005 ist ihr Buch auf deutsch erschienen, mit einigen Aktualisierungen:

Deborah Layton: Selbstmord im Paradies - Innenansichten einer Sekte
Parthas Verlag 2005, ISBN 3-88601-454-6
Der Titel wird dem Inhalt nicht gerecht. Die Autorin schildert weder einen Selbstmord, noch ist sie der Meinung, dass es sich um Massenselbstmord gehandelt hat. Das Buch gibt auch weit mehr her, als nur die "Innenansicht einer Sekte". Sie schildert ihr Leben und macht plaubsibel, wie sie in diese Sekte geraten ist. Sie schildert ihr eigenes Erleben in Jonestown, den Wahn des Jim Jones, ihren Meinungswandel und ihre Flucht, ihre vergeblichen Versuche, das spätere mörderische Geschehen zu verhindern und schliesslich ihre "quälende Scham und das Schuldgefühl", das sie so viele Jahre hat schweigen lassen. Auf diesen Schilderungen beruht die Einschätzung der berühmten Schriftstellerin Isabelle Allende, das Buch sei mit Aufrichtigkeit und Leidenschaft geschrieben und lese sich wie ein Thriller.

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Die Vorgeschichte
 
 
Jim Jones eröffnete 1956 in Indianapolis eine Kirche und nannte diese "Tempel des Volkes". 1965 verlegte er diese nach Kalifornien, zunächst in einen kleinen Ort, 1970 nach San Francisco. 1976 beschaffte er Publikum für eine Wahkampfveranstaltung von Rosalynn Carter. Deren Mann Jimmy Carter wurde US-Präsident, Jim Jones durfte an der Vereidigung teilnehmen, Rosalynn Carter schickte ihm einen Dankesbrief aus dem Weissen Haus (Bild rechts, aus dem Buch von Kilduff). 1977 behauptete eine Gruppe seiner ehemaligen Anhänger, er sei ein Betrüger, der die Auswirkungen seiner Drogenabhängigkeit hinter einer Sonnebrille verberge und Frauen in seiner Sekte sexuell missbrauche.  Kinder würden massiv misshandelt. Er habe ein Reich aus Geld, Immobilien und Waffen aufgebaut.
Seit 1973 wurde eine Kolonie im Urwald von Guyana aufgebaut und  nach Jim Jones als Jonestown benannt. In San Francisco wuchs die Presse-Kritik. Ende 1977 zog Jones mit der Mehrheit seiner Anhänger heimlich nach Guyana. Angehörige schlugen Alarm. Besucher aus den USA lieferten erschreckende Berichte. Wöchentlich wurde eine "Weisse Nacht" exerziert. Jones behauptete, ein Angriff von Söldnern stünde bevor, Folter sei gewiss. Einziger Ausweg sei der gemeinsame Selbstmord. Alle tranken eine rote Flüssigkeit. Die ritualisierte Treueprobe wurde Alltag.
Ehemalige und Angehörige wandten sich an den Kongress-Abgeordneten Leo Ryan.  Im Kongress war er mit der Moon-Sekte befasst, ein Mitglied seiner eigenen Familie hatte sich einer Sekte angeschlossen. In seinem Wahlkreis wohnte die Familie des Zeitungskönigs Hearst, dessen Tochter und Erbin Patricia Hearst von einer Polit-Sekte entführt wurde, sich mit ihren Entführern an einem Bankraub beteiligte und deren Verhalten mit Gehirnwäsche erklärt wurde. Ryan kannte also die Problematik. Ryan führte zahlreiche Gespräche mit Betroffenen und entschloss sich schliesslich, sich selbst in Guyana einen Eindruck zu verschaffen.

 
 

Betroffene haben gewarnt

Angehörige hatten schon lange vorher auf die Gefahren aufmerksam gemacht und den US-Aussenminiser zum Handeln aufgefordert, "bevor es zu spät ist" (unten).
Sie hatten eidesstattliche Versicherungen (unten) beigefügt, aus denen hervorging, daß Jones Abtrünnigen mit Ermordung gedroht hatte und daß er seinen solchermaßen längst unter totalitärem Zwang stehenden Anhängern angekündigt hatte, dass "wir bereit sind, für unsere Sache zu sterben".

"Jones verlangte von ihnen, jedermann zu töten, der ihm zu schädigen trachte", heißt es in der Eidesstattlichen Versicherung, die ein halbes Jahr vor der Ermordung des Abgeordneten Leo Ryan dem US-Aussenminister vorgelegt wurde.
 
 
 
 
 
Aus Massenmord wurde Massenselbstmord

Die Welt war 1978 geschockt. So sehr, daß von einer ordnungsgemäßen Berichterstattung kaum die Rede sein konnte. Offenbar konnten sich die meisten Berichterstatter nicht vorstellen, daß dort über 900 Menschen - die meisten Amerikaner - ermordet worden sind.
Also wurde der Massenmord zum Massenselbstmord umgedeutet.
Damit wurden die Opfer zu Tätern deklariert.
Von den Kindern war kaum die Rede.
Eine Zahl der ermordeten Kinder habe ich erstmals 1991 gelesen. Die Tochter des ermordeten Kongressabgeordneten Leo Ryan nannte die Zahl in einem Leserbrief, der in der Tageszeitung USA Today vom 2.7.91 abgedruckt war.
Dazu auch: "Das Opfer ist schuld": Schuldzuweisungen an Sekten-Opfer

Ein Teil der Opfer hat von der geplanten Tat gewußt. Inwieweit diese den Plan ernst genommen haben, ist naturgemäß unbekannt. Tatsache ist: Die Opfer hatten ohnehin nur die Wahl, das Gift zu schlucken oder erschossen zu werden.
Nur wenige haben das Massaker durch Flucht überlebt.


 
 
 

Aus:  AGPF-Info 9/98 : Vor 20 Jahren: Massenmord in Jonestown. AGPF gegründet

Massenmord in Jonestown
Am  18.11.1978 wurden in Jonestown in Guyana 912 Menschen ermordet, darunter 276 Kinder.
Die Kinder waren in der Siedlung der Volkstempel-Sekte vielfach wie Sklaven gehalten worden, getrennt von den Eltern, die sie gegen Belohnung ausspionieren mußten. Kinder über 6 Jahre mußten 11 Stunden täglich hart körperlich arbeiten, bei Temperaturen bis zu 40 Grad. Kinder wurden zur Strafe in einen dunklen Brunnen geworfen, nachdem man ihnen gesagt hatte, daß unten Schlangen auf sie warteten. Sie wurden in Holzkisten gesperrt, 1,80 mal 0,90 mal 1,20 Meter klein. Bei öffentlichen körperlich Züchtigungen wurden ihnen Zähne ausgeschlagen. Sektengründer Jim Jones sah zu. Kindern wurden Elektroden an den Armen befestigt, sie wurden mit elektrischen Stromschlägen traktiert. Zwei Sechsjährigen, die versucht hatten, wegzulaufen, waren Ketten und Eisenkugeln an die Fußgelenke geschmiedet worden. Kinder wurden sexuell mißbraucht, auch von Jim Jones selbst.

Margaret Singer schildert dies *. Als Professorin der Psychologie hat sie sich an der Universität Berkeley / USA 30 Jahre mit dem Thema Sekten befaßt. Sie schildert ihre Besuche auf dem Friedhof von Oackland, wo 406 der Opfer beerdigt sind. Sie schildert einen Gedenkgottesdienst, an dem Stephan Jones, der Sohn von Jim Jones zusammen mit Patricia Ryan teilgenommen hat, der Tochter des US-Kongressabgeordneten Leo J. Ryan, der als einer der ersten in Jonestown ermordet wurde. Er hatte an einer Untersuchung der Moon-Sekte teilgenommen, die in demselben Jahr abgeschlossen wurde. Der Bericht darüber, der Fraser-Report, wurde wenige Tage vor seiner Ermordung veröffentlicht. Ryan hatte aufgrund seiner Erfahrungen die Anklagen von Angehörigen der Sekten-Anhänger ernst genommen. Ryan besuchte die Sekten-Siedlung, einige der Insassen wollten mit ihm in die USA zurückkehren, für Jim Jones der Anlaß für die Durchführung seines lange geplanten Massenmordes und den Einsatz des seit langem bevorrateten Zyankali.

Patricia Ryan wurde später Vorsitzende von CAN, der wichtigsten amerikanischen Hilfsorganisation für Sekten-Geschädigte. CAN wurde inzwischen in den Konkurs prozessiert. Im Konkursverfahren haben Scientology-Anhänger den Namen aufgekauft und betreiben jetzt  "Sekten-Beratung" (vgl. AGPF-Infos 8/96 und 7/97).

Singer: Sekten - Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können.
Auer, Heidelberg, 1997
 
 
 
 
 

Auch Wissenschaftler schreiben über Massenselbstmord
 
Nicht nur die Presse schildert den Massenmord von Jonestown als Massenselbstmord.
Der Psychologe Cialdini liefert Erklärungen dafür, warum die Jones-Anhänger sich getötet haben könnten.
Er zeigt sogar ein Foto. 
Er erwähnt allerdings mit keinem Wort die toten Kinder.

Cialdini schreibt:

"Im Jahr 1977 verließ Reverend Jim Jones, unumstrittener politischer, sozialer und geistlicher Anführer der Gruppe, zusammen mit dem Großteil seiner Anhänger die USA und gründete eine Siedlung in einem Urwaldgebiet im südamerikanischen Guyana. Dort führte die Sekte ein relativ unbeachtetes Dasein bis eines Tages, am 18. November 1978, der Kongreßabgeordnete Leo R Ryan (der nach Guyana gekommen war, um die Vorgänge in der Sekte zi untersuchen), drei Leute aus Ryans Ermittlungsgruppe und ein abtrünniges Sektenmitglied bei dem Versuch, Jonestown mit dem Flugzeug zu verlassen, ermordet wurden. In der Überzeugung man würde ihn verhaften und für die Morde verantwortlich machen, beschloß Jones, das Ende der Sekte selbst in die Hand zu nehmen. Er versammelte die gesamte Gemeinschaft und rief alle Anwesenden auf, in einem vereinten Akt der Selbstzerstörung in den Tod zu gehen. (Aus: Cialdini, Robert B.: Die Psychologie des Überzeugens. Ein Lehrbuch für alle, die ihren Mitmenschen und sich selbst auf die Schliche kommen wollen. Seite 181 f)
Dabei läßt er zum Beispiel außer acht, daß allein schon die Bevorratung von Zyankali in großen Mengen gegen einen derartigen spontanen Entschluß spricht.
 

Auch Johannes R. Gascard schreibt von Masssenselbstmord.
Er begründet dies damit, "daß eine breite Mehrheit der Siedler von Jonestown freiwillig aus dem Leben geschieden ist".
Der Text unten im Buchauszug.
 
 

Bücher zum Massenmord von Jonestown:

Kilduff, Marshall / Javers, Ron: Der Selbstmordkult
Die Hintergrundgeschichte der 'Volkstempel'-Sekte und das Massaker von Guayana
Wilhelm Goldmann Verlag, München 1979: ISBN 3-442-03837-5
Das Buch ist bei der AGPF als PDF-Kopie vorhanden und kann in begründeten Einzelfällen zu publizistischen und wissenschaftlichen Zwecken versandt werden.

Krause, Charles A.: Die Tragödie von Guayana. Der Massenselbstmord
Ulstein-Taschenbuch 34501, Frankfurt 1978. ISBN 3-548-34501-8

Thielmann, Bonnie: Der gefallene Gott. Wie ich Jim Jones und seiner Volkstempel-Sekte entkam
R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1979.  ISBN 3-417-12198-1

Johannes R. Gascard:  Die Perversion der Erlösung
Eine tiefen- und sozialpsychologische Untersuchung des Massenselbstmordes von Jonestown
Verlag der Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, 1983, 267 Seiten
Buchauszug unten

Phil Kerns / Doug Wead:  Das Geschäft der Verführer
Schwengeler-Verlag, CH-9442 Rerneck, 1979
Buchauszug unten
 
 
 

Buchauszug Phil Kerns / Doug Wead:  Das Geschäft der Verführer
 

Phil Kerns / Doug Wead:  Das Geschäft der Verführer 
Originaltitel: People‘s Temple — People‘s Tomb 1979 by Logos International, New Jersey
Übersetzung: Renate Müller
ISBN 3 85666 250 2
TELOS-Nr. 2511
1979 der deutschsprachigen Ausgabe:
Schwengeler-Verlag, CH-9442 Rerneck
Umschlag: Otto Gmeiner
Satz: Schwengeler-Verlag, CH-9442 Berneck
Druck: Jakob AG, Großhöchstetten
Printed in Switzerland

Meiner Mutter und meiner Schwester Carol gewidmet, die in Guyana ihren Traum suchten
und dabei ihr Leben verloren.

INHALT
Es wird einen Massenselbstmord geben 9
«Sagen sie dem Staatsanwalt, die Party ist vorbei» 21
Vater Jim liebt dich 34
Bezaubernder Jim Jones 52
Flucht aus dem Volkstempel 65
Meine Nachforschungen beginnen 82
Acht mysteriöse Todesfälle 98
Absolute Macht — absolute Gemeinheit 110
Jones kann sich das Beste aussuchen 117
Bis der Tod uns scheidet 134
Ungelöste Rätsel 153
Geistlicher Hintergrund 157
Kommentare 159
Bilddokumentationen 161
Sagt uns denn keiner die Wahrheit9 177
Handschriften 183
Dokumentationsteil 186



Aus dem Dokumentationsteil:


BITTE AN DEN AUSSENMINISTER CYRUS VANCE,
FÜR DEN SCHUTZ DER MENSCHENRECHTE VON BÜRGERN DER VEREINIGTEN STAATEN IN «JONESTOWN», GUYANA ZU SORGEN

An: Herrn Cyrus Vance, Außenminister der Vereinigten Staaten Amerikas
Von: «Besorgte Verwandte»: Eltern und Verwandte von Kindern und Erwachsenen unter der Kontrolle von Rev. James Warren Jones in «Jonestown», Nordwest Distrikt, Guyana, Südamerika
Datum: 10. Mai 1978

Wir, unterzeichnete 57 Bittsteller, sind die von Trauer betroffenen Eltern und Verwandten der anbei angeführten U.S.Bürger, die zur Zeit in der Kooperativen Republik Guyana, Südameri-ka, wohnhaft sind. Wir bitten Sie dringlich, von folgenden Fakten Kenntnis zu nehmen:

1. Über 1000 U.S.Bürger, unsere Verwandten inbegriffen, leben jetzt in Guyana, Südamerika, in einem Dschungellager mit der Bezeichnung «Jonestown», dessen Führer Jim Jones ist, ebenfalls Bürger der Vereinigten Staaten.

2. Wir haben Beweise, daß Jonestown zu einem «Konzentrationslager» geworden ist, in welchem die Rechte der Insassen nach der Verfassung der U.S.A., der Charta der Vereinten Nationen, der Verfassung Guyanas und dem Strafgesetz Guyanas schwerwiegend und systematisch durch Jim Jones verletzt werden. Die Fakten, die zu diesem traurigen Schluß führen, sind
u.a. folgende:

a) Das Aufstellen von Wachen um Jonestown, um ein Ver-lassen des Lagers ohne Jones‘ Erlaubnis zu verhindern;
b) das Beschlagnahmen aller Reisepässe und jeglichen Geldes durch Jones, um den Kauf einer Flugkarte nach Hause und um eine Zollabfertigung am internationalen Flughafen Timehri zum Verlassen von Guyana zu verunmöglichen;
c) das Verbot, das Lager zu verlassen, es sei denn im Auftrag von Jones; und auch dann nur in Begleitung anderer, zur Bewachung und Berichterstattung;
d) das Verbot, telefonische Gespräche nach den Vereinigten Staaten zu führen und aller übrigen Formen freier Kommunikation;
e) die Zensurierung aller eingehenden und ausgehenden Post;
f) das Verbot unter Todesandrohung, die Organisation von Jones, den Volkstempel, zu verlassen.

Das sind Fakten, welche durch Augenzeugenberichte in den beigelegten eidesstattlichen Aussagen von Yolanda Crawford und Steven A. Katsaris belegt sind. (Zudem ist uns neulich berichtet worden, - was uns sehr glaubwürdig erscheint, aber näher geprüft werden müßte, - daß Jones Stacheldrahtverhaue und zur Überwachung ein geschlossenes TV-System hat anbringen lassen.)

3. Am 12. April 1978 gelangten wir mit einem Dokument an die Amtsträger des Volkstempels in San Francisco, worin unter Angabe von Paragraph und Absatz die Verletzung der «Allgemeinen Menschenrechtserklärung» (welche durch den § 55 der UN-Charta gestützt wird) und der Verfassung Guyanas, beanstandet wird. Dieses Dokument trägt die Überschrift: «Anschuldigung der Verletzung der Menschenrechte durch Rev. James Warren Jones gegenüber unseren Kindern und Verwandten im Dschungellager des Volkstempels in Guyana, Südamerika.»

4. Am 19. April 1978 sandten wir eine Kopie der genannten Anschuldigung an jeden der aufgeführten Beamten des Außenministeriums:

a) Herrn Cyrus Vance, Außenminister
b) Herrn Warren Christopher, Vize-Außenminister
c) Herrn Douglas Bennet, Unterstaatssekretär für Kongreß-angelegenheiten
d) Frau Patricia Derian, Unterstaatssekretär für Menschen-rechte
e) Herrn Hodding Carter III, Unterstaatssekretär für öffent-liche Angelegenheiten
f) Herrn Stephen Dobrenchuck, Chef der Abteilung Not-stand und öffentliche Sicherheit im Außenministerium


5. Mit dieser Kopie unterbreiten wir heute ein Dokument mit der Überschrift: «Bitte an den Premierminister Forbes Burnham, weitere Verletzungen der Menschenrechte durch Rev. James Warren Jones an unseren Verwandten in Guyana zu unterbinden.» Wir bitten Sie, die Anschuldigung sorgfältig zu lesen. Beachten Sie die Aussagen der Führer des Volkstempels über einen «einstimmigen Entscheid, ihrem Leben ein Ende zu bereiten.» Wir ersuchen Sie, das Dokument auf dem offiziösen Weg durch das Außenministerium an Herrn Forbes Burnham weiterzuleiten.

Wir ersuchen Sie höflich, sehr geehrter Herr Vance, in Ihrer Funktion als Außenminister der Vereinigten Staaten, folgende Maßnahmen zu ergreifen, um die gesetzlich verbürgten Menschenrechte von Bürgern der Vereinigten Staaten in Jonestown, Guyana, zu sichern, bevor es zu spät ist:

1. Leiten Sie unverzüglich an Herrn Forbes Burnham, Premierminister von Guyana, die beigelegte, an ihn adressierte Petition vom 10. Mai 1978 weiter.
2. Beauftragen Sie unverzüglich Herrn John R. Burke, Botschafter der Vereinigten Staaten in Guyana, Nachforschungen über Jonestown in die Wege zu leiten und Angestellte der U.S. Botschaft zum Schutz der gesetzlichen Rechte von U.S. Bürgern dort in Jonestown zu stationieren.
3. Ersuchen Sie Premierminister Burnham offiziell im Namen der Regierung der Vereinigten Staaten, die von uns in der erwähnten Petition geforderten Maßnahmen zu ergreifen.
4. Ersuchen Sie offiziell alle internationalen Organisationen, die Vereinten Nationen, die Internationale Menschenrechtskommission, das Internationale Rote Kreuz, Amnesty International, die Internationale Juristenkommission, die sich um Menschenrechte bemühen über die Aktivitäten von Jim Jones, Nachforschungen anzustellen und die Siedlung zu überwachen.
5. Benachrichtigen Sie unseren Sprecher, Steven A. Katsaris, Trinity Schoor, 915 West Church Street, Ukiah, California 95482, Telefon 707-462-8721, über Ihre Bereitschaft, die erbetenen Maßnahmen zu ergreifen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Besorgte Verwandte
(Gesamtliste der Bittsteller folgt der beigelegten Petition an den Premierminister von Guyana, Forbes Burnham.)




EIDESSTATTLICHE AUSSAGE VON YOLANDA D.A. CRAWFORD ÜBER LEHREN UND PRAKTIKEN VON
REV. JAMES WARREN JONES IN GUYANA

Ich, Yolanda D.A. Crawford bestätige folgendes:

1. Ich war vom 1. April 1977 bis zum 29. Juni 1977 in Guyana, Südamerika, als ein Mitglied des Volkstempels. Rev. James Warren Jones («Jim Jones»), der Führer des Volkstempels, war den größten Teil des Monats April und Ende Juni in Guya-na. In dieser Zeit war ich Zeugin folgender Aussagen und Praktiken:

2. Jim Jones sagte, die Vereinigten Staaten seien die «bösartigste» Nation der Welt, wobei er von ihren politischen und industriellen Führern als von «Kapitalistenschweinen» sprach. Er sagte, er möchte lieber seine Leute tot sehen, als lebend in den Vereinigten Staaten.

3. Am Anfang sagte Jim Jones, die Leute kämen nur für eine begrenzte Zeit nach Guyana. Im Juni jedoch hieß es, die Leute, die er aus den Vereinigten Staaten herbringe, würden in Guyana «verbleiben».

4. Jim Jones verbot jedermann, Jonestown zu verlassen. Er wollte Wachen um Jonestown aufstellen, um eine Flucht zu verunmöglichen. Er drohte, er besitze Waffen, und würde jeden, der abzuhauen versuche, töten und seinen Leichnam im Dschungel liegen lassen; und niemand werde etwas davon wissen. Er sagte auch: «Ich kann einen Schützen für fünfzig Dollar dingen. Es ist für mich kein Problem, gedungene Schützen zu kriegen.»

5. Noch in den Vereinigten Staaten hatte Jim Jones die Tempel-Mitglieder aufgefordert, ihm alle Waffen auszuhändigen. Ich sah auch, wie Munition in Kisten verpackt und an den Volkstempel in San Francisco adressiert wurden. Ich hörte Jim Jones sagen: «Wenn jemand versucht, uns zu bedrohen, sind wir bereit, für unsere Sache zu sterben.»

6. Nach Berichten von Jim Jones würden die Schwarzen und ihre Sympathisanten in den Vereinigten Staaten ausgerottet werden. «Der. Ku-Klux-Klan wütet in den Straßen von San Francisco, Los Angeles und den Städten des Ostens. Es gibt Straßenkämpfe und eine so schlimme Dürre in Kalifornien, daß Los Angeles von der Bevölkerung verlassen worden ist.»

7. Jim Jones verlangte, daß ihm jedermann seinen Paß und alles Geld aushändige, daß niemand Einheimische in Guyana besuche ohne besonderen «Auftrag» und ohne Begleitung anderer Tempelmitglieder daß niemand an Verwandte telefoniere, und daß niemand irgendwelche Post in die Vereinigten Staaten schicken dürfe, bevor sie «geklärt» sei. Alle eingehende Post wurde zuerst von Tempel-Sekretären gelesen, bevor der Empfänger sie zu sehen bekam.

8. Jim Jones erklärte: «Ich will meinen Leib für diese Sache hingeben.»  Er bat seine Anhänger, das gleiche Versprechen abzulegen. Sie bezeugten dies durch Handaufheben. Jones verlangte von ihnen, jedermann zu töten, der ihm zu schädigen trachte.

9. Jim Jones befahl uns, alle Familienbande zu lösen. Unsere höchste und einzige Verpflichtung solle «der Sache» gelten, und der einzige Grund, um mit unseren Familien Kontakt aufrechtzuerhalten, sei das hoffentlich bald zu erwartende Erbe. Wir sollten sie beschwichtigen, «damit sie der Sache keinen Schaden zu fügen.»

10. Jim Jones befahl, daß wir uns gegenseitig zu bespitzeln hätten, um «Verrat» zu verhindern. Seine Methode bestand darin, daß man ihm (oder seinen zwei oder drei engsten Vertrauten) jegliches verdächtige Reden oder Handeln berichten mußte.

11. Jim Jones ließ solche, die seine Regeln mißachteten, bestrafen. Das bedeutete Essens- und Schlafentzug, harte Arbeit und das Kauen von südamerikanischen Pfefferschoten. Ich sah wie ein Teenager, Tommy Bogue, gezwungen wurde, bei einer öffentlichen Zusammenkunft scharfe Pfefferschoten zu essen.

12. So weit ich informiert bin, hat es nur noch einer (Leon Broseheard) von 850 oder mehr Bewohnern gewagt, Jonestown zu verlassen, seit meine Mutter, mein Mann und ich am 29. Juni 1977 wegzogen. Bevor mir Jim Jones die Erlaubnis erteilte wegzugehen, wurde ich zum Versprechen gezwungen, nie etwas gegen den Volkstempel zu sagen. Wenn ich es aber täte, würde ich seinen «Schutz» verlieren und «erdolcht» werden. Zudem verlangte Jim Jones, daß ich einige Selbstbeschuldigungen unterschrieb; u.a. eine Aussage, daß ich eine Gegnerin der Regierung Guyanas sei, und eine Verschwörung gegen diese Regierung geplant hätte. Ich mußte bestätigen, daß ich zur PPP (Peoples Progressiv Party Fortschrittliche Volkspartei) gehöre, welches die Oppositionspartei in Guyana ist, und daß ich nach Guyana gekommen sei, um die PPP zu unterstützen. Jim Jones forderte die Unterzeichnung dieser Papiere, um mich in Mißkredit zu bringen, wenn ich die Bewegung verlassen und «plaudern» würde. Zudem mußte ich, bevor ich Guyana verlassen durfte, eine Geschichte erfinden. Ich unterschrieb, daß ich jemanden umgebracht und den Leichnam in den Ozean ge-worfen hätte. Jones drohte, er würde diese Aussage sofort der Polizei überweisen, wenn ich ihm je Schwierigkeiten verursachen sollte. Er ließ mich und andere in der Gemeinschaft auch wissen, daß er Verbindungen zur Mafia habe, die ihn unterstützen würde.

13. Ich hörte, wie er zu seinen Anhängern in Guyana sagte, Marshall Kilduff, der den ersten enthüllenden Artikel über ihn schrieb, sei tot. Er erwähnte: «Die Engel haben mit ihm abgerechnet.» Wir alle wußten, daß die «Engel» seine Leute waren, mit denen man es zu tun bekam, wenn man Jim Jones in die Quere kam.

14. Jim Jones ordnete an, daß alle Telefongespräche mit Verwandten in den Vereinigten Staaten in Gegenwart von Tempel-Mitgliedern und nach genauen Anweisungen zu geschehen hätten. Als meine Mutter ihren Bruder in den Vereinigten Staaten anrief, um ihn zu bitten, seine Kritik am Volkstempel zu unterlassen, stand Jim Jones neben ihr und schrieb ihr alles vor, was sie zu sagen hatte. Nachher rügte er sie, weil sie sich nicht scharf genug ausgedrückt hätte. Er befahl uns, den Verwandten in den Vereinigten Staaten mitzuteilen, sie sollen aufhören, ihn zu kritisieren, ansonsten würden wir nicht mehr heimkeh-ren.

15. Wiederholt war ich in der versammelten Gemeinde anwesend, als er sagte: «Ich bin Gott», und «es gibt keinen anderen Gott. Religion ist das Opium des Volkes.» Er sagte, die Religion diene ihm nur dazu, die Massen zu erreichen.

16. Ich erinnere mich, wie Jim Jones wiederholt behauptete, er könne Kritiker oder Abtrünnige zum Schweigen bringen, indem er sie der Homosexualität, der Kindesmißhandlung, des Terrorismus oder sexueller Perversionen beschuldige.

Ich bestätige bei Strafe für Meineid, daß alles Gesagte wahr und korrekt ist. 

Ausgestellt in San Francisco, Calilfornien, den 10. April 1978

Yolanda D.A. Crawford



STEVEN A. KATSARIS EIDESSTATTLICHE AUSSAGE:
BERICHT ÜBER EINIGE ERFAHRUNGEN MIT LEUTEN DER VOLKS TEMPEL SEKTE, ALS ICH MEINE TOCHTER IN GUYANA BESUCHEN WOLLTE

Im Juli 1977 rief mich meine Tochter Maria aus San Francisco an, um mir mitzuteilen, daß sie zur landwirtschaftlichen Mission des Volkstempels in Guyana reisen würde. Sie wollte mehrere Wochen dort bleiben. Sie informierte mich auch über einen Artikel über die Volksternpel-Kirche, der bald im New West Magazin erscheinen sollte. Sie bat mich, ein Telegramm an den Herausgeber zu senden, da der Artikel voller Vorurteile sei. Ich habe das auch gemacht, und äußerte im Telegramm die Meinung, daß der Volkstempel mit Leuten arbeite, welche unsere Sozialfürsorge größtenteils vernachlässige. Kurz nach Erscheinen des ersten Artikels im New West Magazin rief mich meine Tochter aus Georgetown an, um mir zu sagen, daß der Artikel unwahr und politisch motiviert sei. Ich sollte mir keine Gedanken über ihre Mitarbeit in der Kirche machen. Sie meinte auch, sie werde etliche Wochen länger in Guyana bleiben, wenn ich einverstanden sei.

In dieser Zeit erschienen einige Zeitungsartikel über die Erfahrungen einiger Mitglieder der Kirche. Ich wurde in zunehmendem Maße über das Wohlergehen meiner Tochter besorgt, als ich las, daß Mitglieder verschiedenen psychischen und physischen Zwängen ausgesetzt worden waren. In mehreren Telefongesprächen versicherte mir meine Tochter jedoch, sie sei wohlauf. Ich kündigte ihr meinen Besuch in Guyana an, wenn ich in einigen Monaten in persönlicher Sache nach Washington D.C. fahren müsse. Sie schien von meinem Vorschlag begeistert. Die Briefe meiner Tochter waren weiterhin positiv. Sie schrieb, ich fehle ihr, und sie sorge sich um meine Gesundheit. Auch bat sie mich, ihr ein Moskitonetz und andere Dinge, die sie brauchte, zu schicken. Anfangs September 1977 meldete ich mich bei der Tempelverwaltung in San Francisco und bat sie, Maria über ihren Radiofunk mitzuteilen, daß ich am 26. September in Georgetown eintreffen würde. Nach mehreren Tagen erhielt ich einen Telefonanruf von der Volkstempelkirche; die Funkverbindung hätte nicht geklappt, so daß kein Kontakt mit meiner Tochter zustande gekommen wäre. Ich bat sie, weiter zu versuchen, die Verbindung herzustellen, da noch genügend Zeit bis zu meiner Abreise nach Südamerika bleibe. Mehrere Tage später erhielt ich um 3 Uhr morgens einen anonymen Telefonanruf. Eine weibliche Stimme berichtete, sie gehöre zu jener Gruppe, die den Volkstempel verlassen hätten. Sie rufe mich an, um mir von einer Reise nach Guyana abzuraten. Es würde meine Tochter in Schwierigkeiten bringen. Bevor ich irgendwelche Fragen stellen konnte, hängte sie auf. In der Nacht darauf erhielt ich wieder einen Anruf um etwa 3 Uhr. Erneut warnte man mich anonym davor, nach Guyana zu reisen. In noch deutlicherer Sprache wurde mir gesagt, daß ich mich in Gefahr begebe. Die Nacht darauf erhielt ich einen weiteren An-ruf um etwa 4 Uhr früh. Diesmal war es ein Mann, der mir sagte, ich solle es mir gut überlegen, ob ich nach Guyana fahren wolle. Er meinte, da ich allein auf einer abgelegenen Ranch wohne, könnte mein Haus in Brand gesteckt werden.

In der folgenden Nacht, es war der 14. September, erhielt ich via Radiofunk einen Anruf von meiner Tochter. Sie sagte, sie hätte von meinen Plänen, sie in Guyana zu besuchen, erfahren, und bat mich, meine Reise auf Dezember zu verschieben. Dann würde eine Gruppe prominenter Geistlicher das landwirtschaftliche Projekt besuchen. Der Anruf wurde durch viele Sprechpausen und Unterbrechungen gedehnt. Das ganze Gespräch drehte sich um eine Reihe von Hindernissen, die mir meine Tochter darlegte, um mich von einem Besuch abzuhalten. Ich erwiderte, ich wünschte nicht mit einer Gruppe Geistlicher im Dezember zu reisen. Als ich nach wie vor an meinem Besuch am 26. September festhielt, warf sie ein, die Regierung Guyanas rate von Besuchen der Kommune ab, da Jones ständigen Belästigungen ausgesetzt sei. Nach ihren Angaben war im Dschungel auf ihn geschossen worden. Ich sagte meiner Tochter, sowohl sie als auch Jim Jones wüßten, daß ich ihn nicht belästigen werde; ich hätte ihre Mitgliedschaft zur Kirche unterstützt und ich würde auf die Botschaft Guyanas in Washington gehen, um die Einreise zu klären. Nach einer Pause erklärte mir Maria, es sei ein Grundsatz der Kirche, keine Besucher zu empfangen. Das schien mir äußerst seltsam, hatte ich doch Briefe von meiner Tochter, in denen sie schrieb, sie hätten täglich Besucher, welche das Projekt besichtigen würden. Ich schlug Maria ein Treffen in Georgetown vor. Sie antwortete darauf, sie werde zur Zeit meines geplanten Besuches nicht in Guyana, sondern in Venezuela sein. Auf meinen Vorschlag, uns in Venezuela zu treffen, antwortete sie mir, das gehe auch nicht, da sie nur einige Tage dort sei, und die Zeit mit ihrem Verlobten verbringen wolle. Der Name des angeblichen Verlobten war Larry, welcher Chefarzt des landwirtschaftlichen Projekts war. Später erfuhr ich, daß einem anderen Familienvater, Sherwin Harns, gesagt wurde, seine Tochter in Guyana sei mit demselben Arzt verheiratet. Ich deute diesen Schwindel als einen plumpen Versuch, Eltern zu versichern, ihre Kinder seien in der Kirche wohlauf, und mit beruflich gutgestellten Männern verheiratet oder verlobt. Der Anruf meiner Tochter war äußerst seltsam und rief große Besorgnis in mir wach. Es schien mir, als ob meine Tochter nicht frei wäre, für sich selbst zu sprechen. Auf keinen Fall schien ihre Wortwahl natürlich. Die langen Sprechpausen ließen den Verdacht entstehen, daß man ihr vorschrieb, was sie zu sagen hätte. Als ich ihr schließlich bedeutete, ich sei verwirrt und erschreckt und werde zu jedem legalen und diplomatischen Mittel greifen um sie zu treffen, antwortete sie mir, sie wolle mich nicht treffen, selbst wenn ich nach Guyana kommen sollte.

Am Tag darauf sandte ich ein Telegramm an Rev. Jim Jones, in dem ich meiner Besorgnis Ausdruck gab, und bat um baldigen Bericht. Bis heute ist noch keine Antwort gekommen. (Kopie beigelegt)

Kurz darauf fuhr ich nach Washington D.C., wo ich mit John Matheny, Vizepräsident Mondales Militärratgeber, und Frank Tuminia vom Außenministerium Guyanas, Kontakt aufnahm. Ich legte ihnen meine Besorgnis dar und bat um ihre Hilfe. Auf der guyanischen Botschaft wurde mir zugesichert, ich könne nach Guyana reisen. Als ich in Georgetown eintraf, ging ich als erstes zur U.S.Botschaft und nahm mit Richard McCoy Kontakt auf. Er zeigte mir eine handgeschriebene Kopie, die durch das Volkstempel-Mitglied Paula Adams der Botschaft überreicht worden war. Die Nachricht stammte angeblich von meiner Tochter und war in Georgetown über Radiofunk empfangen worden. Sie besagte, Maria sei glücklich, 24 Jahre alt und verlobt. Sie hätte eine traumatische Kindheit erlebt und wünsche ihren Vater nicht zu sehen. Herr McCoy sagte, Paula Adams hätte freiwillig noch zusätzliche Informationen zu meiner Person weitergegeben, nämlich, daß ich Kinder mißhandle und meine Tochter sexuell mißbraucht hätte. Das sei der Grund, warum Maria mich nicht sehen wolle.

Nach einem erfolglosen Versuch, mit meiner Tochter Kontakt zu bekommen, kehrte ich zurück nach Washington D. C., wo ich meine Besorgnis dem Außenministerium und den Amtsstellen von Senator Hubert Humphrey, Senator Cranston, vom Kongreßabgeordneten Phillip Burton, vom Kongreßabgeordneten Lawson, den Vizepräsidenten und der Komission der internationalen Menschenrechte mitteilte.

Nach der Rückkehr aus Kalifornien suchte ich ehemalige Mitglieder der Volkstempel-Kirche auf und befragte alle, die mir Auskunft geben wollten. Zu meinem Schrecken erfuhr ich, daß meine Tochter in den innersten Leiterstab der Volkstempel-Sekte aufgenommen worden war und damit viel Einfluß und tiefen Einblick in die Geschäfte der Bewegung hatte. Durch ehemalige Mitglieder erfuhr ich ferner, daß sie für große Geldsummen verantwortlich war und in San Francisco gelegentlich über 200000 Dollar in bar und in Checks in ihrem Zimmer hatte.

Ich ließ mir von Leuten, die Informationen aus erster Hand besaßen, sagen, daß Maria eine Selbstmorderklärung ohne Datum unterzeichnen mußte, welche zur Verwendung komme, falls sie versuchen sollte, die Kirche zu verlassen. Dazu hatte sie Aussagen unterzeichnet, die sie und ihre Familie der sonderbarsten Verbrechen beschuldigten. Weiter eröffnete mir ein ehemaliges Mitglied, daß sie und Maria Aussagen unterzeichnen mußten, die behaupteten, die Kinderpflegeanstalt, die ich leite, betreibe massiven Betrug mit Wohlfahrtsgeldern, außerdem seien die Angestellten Knabenschänder und Homosexuelle. Ich selbst sei ein Kinderschänder, hätte ein Mädchen sexuell mißbraucht und mißhandle die uns anvertrauten Kinder. Man sagte mir auch, das Leben meiner Tochter sei in Gefahr, wenn die Leiter des Volkstempels den Eindruck hätten, sie wolle aussteigen. In Anbetracht der Drohungen, die ich am Telefon erhalten hatte, schien mir das durchaus denkbar. Nachdem ich mit Herrn Robert Chilamidos, staatlicher Ermittlungsbeamter Kaliforniens, mit Herrn James Hubert, Ermittlungsbeamter des Finanzdepartements der Vereinigten Staaten und mit Frau Jan Tespool, Ermittlungsbeamte des Polizeidepartements im Distrikt Mendocine, gesprochen hatte, lebte ich in ständiger Angst um die Sicherheit meiner Tochter. Ich kam zur Überzeugung, daß der Volkstempel seine humanitären Programme und sozialen Wohlfahrtsaktivitäten als Deckmantel benutzt, um sein eigentliches Ziel, die Aufrichtung des Weltsozialismus (—faschismus?), zu verbergen. Mit Jim Jones als Führer werden sie vor nichts zurückschrecken, um ihre Ziele zu erreichen; auch nicht vor Verleumdung, Rufmord, Bestechung, Drohung und Mord. Anfangs November fuhr ich erneut nach Washington D.C., wo ich den Botschafter Guyanas, Lawrence Mann, dazu brachte, für ein Treffen zwischen mir und meiner Tochter zu sorgen. Er fuhr nach Georgetown und rief mich von dort an, Rev. Jones sei einverstanden; er hätte sogar gesagt, der Volkstempel begrüße einen möglichst engen Kontakt der Mitglieder zu ihren Familien. Ich wurde nach Georgetown gebeten, wohin ich mich am nächsten Tag aufmachte. Botschafter Mann erwartete mich in meinem Hotel in Georgetown. Er sagte, Maria würde am folgenden Tag eintreffen. Er plante ein Abendessen, wozu er Maria, Herrn McCoy von der U.S. Botschaft und mich einladen möchte. Nach dem Essen hätte ich dann die Möglichkeit, mich mit Maria privat zu unterhalten. Maria traf nicht planmäßig ein. Der Botschafter rief mich an und berichtete, die Kirche hätte Schwierigkeiten, sie vom Landesinneren nach Georgetown zu bringen. Am Tag darauf servierte man mir die gleiche Geschichte. Schließlich telefonierte mir am Samstag derselben Woche der Botschafter und teilte mir mit, Maria würde um 16 Uhr eintreffen. Um 18 Uhr rief der Botschafter erneut an, schien etwas aufgebracht und erklärte, das Büro des Tempels in Georgetown hätte ihm mitgeteilt, Maria sei am Ort, aber sie fühle sich nicht wohl und könne nicht zum Essen kommen. Ich rief sofort an und verlangte ein Gespräch mit meiner Tochter. Man hieß mich warten und berichtete mir nach geraumer Zeit, Maria sei nicht mehr da, sie sei zum Essen gegangen. Ich bat, sie möchte mich anrufen, sobald sie zurück wäre. Man versicherte mir, das würde sie tun. An jenem Samstagabend erhielt ich keinen Anruf.

Um 7.15 Uhr am Sonntag morgen berichtete mir ein Vertreter des Volkstempels, Maria würde mich in 45 Minuten treffen. Botschafter Mann und Herr McCoy waren anwesend, als Maria mit vier weiteren Personen eintraf, zwei Männern und zwei Frauen. Einer stellte sich als Anwalt des Tempels vor. Maria schien aufgebracht, konnte mir nicht in die Augen schauen und erwiderte meine Umarmung nicht, was mir ungewöhnlich aber vielsagend erschien. Sie sah aus, als ob sie nicht gut geschlafen hätte oder über längere Zeit des Schlafes beraubt worden wäre. Ihre ganze Haltung war von Mißtrauen, Feindseligkeit und Verfolgungswahn gekennzeichnet. Sie beschuldigte mich, ich mache der Regierung Guyanas Schwierigkeiten; meiner Untersuchungen wegen sei Guyana auf die «Schwarze Liste» der Internationalen Menschenrechtskommission gekommen. Weiter behauptete sie, der Tempel sei durch die U.S.Regierung dar-über aufgeklärt worden, daß ich Mitglied einer Verschwörung gegen die Kirche sei und mich mit einem Kongreßabgeordneten aus dem rechten Flügel zusammengetan hätte, um den Volkstempel zu zerstören. Sie bezichtigte mich der Lüge betreffs meiner Gesundheit. Als ich auf Paula Adams, eine der begleitenden Frauen, zeigte und fragte, ob sie wisse, daß diese Frau Herr McCoy berichtet hätte, ich hätte meine Tochter vergewaltigt, weigerte sich Maria, über dieses Thema zu diskutieren. Als ich ihr von meinen Informationen über die Selbstmorderklärung berichtete, die sie unterzeichnet hatte, wollte sie meine Informationsquelle wissen. Ich antwortete, das sei nicht entscheidend. Meine Besorgnis werde sich dann verflüchtigen, wenn sie erkläre, es treffe nicht zu. Sie meinte darauf, daß sie das Thema nicht weiter diskutiere, wenn ich die Informationsquelle verschweige.

Im Verlauf unseres Gesprächs erzählte ich Maria, daß ich vor meiner Abreise nach Guyana mit Grace Stoen gesprochen hät-te, die ihrem Sohn John durch mich ihre Liebe und Besorgnis übermitteln wollte. Maria sagte mir, Grace sei eine unfähige Mutter, die ihr Kind mißbrauchte. Sie selbst, Maria, habe die Mutterrolle für John übernommen. In einem Ton, den ich bei meiner Tochter nicht für möglich gehalten hatte, sagte sie, es werde Grace noch einmal leid tun, wenn sie irgendwelche Anstrengungen unternehmen sollte, um ihr Kind zurückzubekommen. Der Affekt meiner Tochter und ihre Art zu sprechen, ließen mich eine ernste Drohung verspüren. Das ganze Zusammentreffen war für mich äußerst schmerzhaft und bedrückend. Ich konnte meiner Tochter noch sagen, daß ein Flugschein für sie auf der Botschaft bereitliegen würde, sollte sie je heimkehren wollen. Außerdem glaube ich, daß Gott, der Herr, sich der Sache annehmen würde. Daraufhin beeilte sie sich, zusammen mit einer Begleiterin, zu antworten, sie würde nicht an Gott glauben.

Nach dem Treffen fuhr ich zum Flughafen, um nach New York zurückzufliegen. Am Flughafen erhielt ich die Mitteilung, ich solle Herrn McCoy anrufen. In unserem Gespräch erklärte er mir, sowohl er als auch Botschafter Mann seien durch das Treffen befremdet. Sie waren der Meinung, die ganze Geschichte sei merkwürdig, da er keinen Grund sehen könne, warum die Kirche eine solche Haltung einnehme. Er versprach mir, er werde mir schreiben; aber bis heute habe ich von ihm noch keine Nachricht erhalten. Gleich nach der Ankunft in New York fuhr ich weiter nach Washington D.C. Dort verbrachte ich mehrere Tage damit, mit allen Regierungsbeamten Kontakt aufzunehmen, von denen ich Hilfe erhoffte. Die meisten zeigten Mitgefühl, wiesen aber schnell darauf hin, daß man wohl wenig unternehmen könne, da meine Tochter 24 Jahre alt sei, und es den Anschein habe, daß sie sich freiwillig in Guyana aufhalte.

Seit November habe ich von Maria keine Nachricht mehr bekommen. Ich habe auch nichts unternommen, um mit ihr in Kontakt zu kommen, denn ich befürchte, es könnte als Versuch gewertet werden, Maria aus der Kirche herauszukriegen. Oder auch als Zeichen, daß Maria verunsichert sei und in Gefahr stehe, auszusteigen, was ihr Leben empfindlich gefährden könnte.

Steven A. Katsaris
Trinity Schoolfor Children
Ukiah, Californien

4. April 1978


 

Buchauszug Johannes R. Gascard: Die Perversion der Erlösung
Es handelt sich bisher um eine unkorrigierte Version. Bei Bedarf werde ich das Buch vollständig scannen.
 

DIE PERVERSION DER ERLÖSUNG

Eine tiefen- und sozialpsychologische Untersuchung des Massenselbstmordes von Jonestown
JOHANNES R. GASCARD
 Verlag der Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen
C 1983 by Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Druck: Maro, Augsburg ISBN 3-921513-62-6
Johannes R. Gascard

DIE PERVERSION DER ERLÖSUNG

Der Autor

Johannes R. Gascard, Dr.jur., Dr.phil., geb. 1940 in Graz, war zunächst Geiger, dann Jurist, sowie als Entwicklungshelfer u.a. in Bangladesh. Nach seiner Rückkehr von dort studierte er Psychologie und ließ sich zum Psychoanalytiker ausbilden. Er ist mit einer Kunstwissenschaftlerin aus New York verheiratet, hat einen Sohn und ist seit kurzem als Psychotherapeut in Berlin tätig.

MATERIAL-EDITION 19
"... I still think, as an individual, I have a right to choose... And I think we all have a right to our own destiny as individuals.“ (Christine Miller, auf dem letzten Tonband in Jonestown)

Diese Arbeit ist Christine Miller gewidmet, einem 61-jährigen Mitglied des Peoples Temple, das in der letzten Stunde von Jonestown vergeblich versucht hat, das unvermeidlich Scheinende abzuwenden.

Das vorliegende Buch ist die umgearbeitete und erweiterte Fassung meiner im Jahre 1982 von der Universität Innsbruck angenommenen Dissertation.

Den Professoren Heinz Kohut, Igor A. Caruso und Eduard Grünewald sowie Father Robert Moynihan danke ich für vielfältige persönliche Anregungen; ebenso Frau Lauretta Devlin und Frau Mary Ann Haxthausen für die Beschaffung schwer zugänglichen Materials.

Berlin 1983 J.R.G.
  1
 

INHALTSVERZEICHNIS
 

EINLEITUNG - VON DER NORMALITÄT IN DIE KATASTROPHE 1
KAPITEL 1 - ERSTE ANNÄHERUNG 9
 Massenmord? 9
 Drogenkult? 10
 Gehirnwäsche? 11
 See 1 enwäsche? 15
 Paranoide Schizophrenie? 18
 Paranoia 22
 Psycho- bzw. Soziopathie 23
 Graphologie 25

KAPITEL II - JIM JONES - VOM TRAUM ZUM
 ALPTRAUM 29
 Der Traum der Mutter 30
 Die Falle des Ideal-Ichs 33
 Der entwertete Vater 37
 Die mißglückte Ablösung 41
 Die Wiederkehr des Verdrängten 43
 Die Dämonie des Wiederholungszwangs 46
 Der Fanatiker der Nächstenliebe 54
 Father Divine als Idol 59
 Der paranoide Messias 62
 Der göttliche Wunderheiler 65
 Drogen als Substanzersatz 70
 Sexualisierung und Aggressivierung
 der Grandiosität 76
 Integration des Perversen als per-
 verse Integration 82
 Projektive Abwehr 86
 II

KAPITEL III - DER PEOPLES TEMPLE - HEIL
 LOSE FASZINATION 88
 Die Struktur des Peoples Temple 88
 Wundersamer Aufschwung 90
 Jones als Kollektiv-Vater 95
 Faszination, Identifikation und
 kollektive Regression 98
 Jones als Faszinosum 102
 Identifizierung im Idealen 104
 Identifizierung im Triebhaften 110
 Der Sado-Masochismus der
 Cathartic Sessions 112
 Zunehmender Realitätsverlust 119
 Kein Weg zurück 120
 Der erste große "Verrat“ 124
 "Jetzt erst recht“ 133
 Verblassende Faszination
 und chronische narzißtische Wut 139
 Die "Black Pussy“-Szene 144
 Die Maske fällt 149
 Zweierlei Wirklichkeit 155
 Glaubenszwang und absolute
 Loyalität bis in den Tod 157
 Trügerischer Glanz 162
 Die Offentlichkeit wird hellhörig 168

KAPITEL IV - JONESTOWN - DAS GELOBTE
 LAND ALS VERLORENES PARADIES 171

Das "Gelobte Land“ als
 böse Überraschung 172
 Narzißtische Symbiose auf
 Gedeih und Verderb 174
 Der Mythos von der CIA-Verschwörung 180
 Masada-Wahn im Dschungel 183
 Jones‘ symbolischer Tod 186
 Ryan‘s Mission 189
 Der "Verrat des Jahrhunderts“ 193
 III
 Das Ende von Jonestown 194
 Alles oder Nichts 199
 Die Rache des Märtyrers 201
 "Those who do not remember the
 past are condemned to repeat it“ 203
 Endlösung als Perversion
 der Erlösung 206
 Der allerletzte Liebesbeweis 208
KAPITEL V - RÜCKBLICK UND AUSBLICK  214
 Jones als Dionysos-Darsteller 216
 Nie wieder im "Zeitalter
 des Narzißmus“? 218
ANNEX 1 - DAS TONBANDPROTOKOLL  222
ANNEX II - DEMOGRAPHIK DER IN JONESTOWN
  GESTORBENEN  244
ANMERKUNGEN  245
LITERATURVERZEICHNIS  257
SACHVERZEICHNIS  265
 EINLEITUNG

VON DER NORMALITÄT IN DIE KATASTROPHE
 

Mit seinem Lieblingsspruch: "Those who do not remember the past are condemned to repeat it“ 1) auf einer Holztafel über sich hängend, und mit den charakteristischen Worten "...the world was not ready for me...I was a man born out of due season just like all we are, and the best testimony we can make is to leave this goddamned world!“, schickte der Reverend Jim Jones im November 1978 über 900 seiner Anhänger im Dschungel von Guyana in den Tod.
Dieses Ereignis ist in der uns bisher bekannten Geschichte ohne Beispiel. Zwar drängt sich schon von der Größenordnung her ein Vergleich mit dem Massenselbstmord von Masada im Jahre 73 n.Ch. auf; auch damals fanden über 900 Menschen durch eigene Hand den Tod. Und auch, was die Vorgehensweise in den gemeinsamen Tod anlangt - erst die Kinder, dann die Frauen, dann die Männer - lassen sich zwischen Jonestown und Masada durchaus Parallelen ziehen (dazu insbesondere Singer 1980, 114f).

Mit diesen Äußerlichkeiten erscheint jedoch die Vergleichbarkeit auch schon erschöpft. Das Wesentliche sind nämlich die Unterschiede. Während sich die Verteidiger von Masada einer realen Bedrohung durch die
 2
Römer gegenübersahen, war die angebliche Bedrohung von Jonestown lediglich eingebildet. Darüberhinaus ist völlig neu, daß der Führer des "Peoples Temple“ bereits fünf Jahre vor dem schrecklichen Ende mit seinen Anhängern den gemeinsamen Tod ins Auge gefaßt, und bereits drei Jahre vorher ihn regelmäßig zu proben begonnen hat. Insofern erscheint also das Blutbad von Jonestown lediglich als letzter Akt einer Tragödie, die sich von langer Hand her vorbereitet haben muß.
Tatsächlich ist das Auffallendste und Erschreckendste am Drama von Jonestown die unheimlich anmutende Entwicklung des Peoples Temple von der relativen Normalität der 50-er Jahre in die Katastrophe von 1978. Wie konnte es passieren, daß eine Religionsgemeinschaft, die sich zunächst für Jahre nicht wesentlich von der allgemeinen religiösen Szene in den USA abhob, in einem beispiellosen Blutbad enden konnte? Denn so einmalig das Massaker von Jonestown bisher dasteht, so "normal“ waren die Anfänge von Jones und seinem Tempel im Kontext der amerikanischen Kirchenszene. Bis etwa 1968, als Jones zum ersten Mal seine eigene Pseudo-Ermordung inszenierte, war der Peoples Temple durchaus integrierter Teil des schillernden religiösen "freien Marktes“ in den USA, mit seiner völligen Trennung von Staat und Kirche und damit dem Fehlen jeglicher Kirchensteuer, mit seiner Fragmentierung in Hunderte Denominationen und Sekten, sowie daraus resultierend, mit der Notwendigkeit eines protestantischen "Ministers“, wie ja auch Jones einer war, sich ein charismatisches Image zuzulegen.

Auch Jones mußte also seiner Gemeinde etwas bieten können, um sie nicht an seinen
3
Konkurrenten von der Nachbargemeinde zu verlieren.2) In diesem Zusammenhang fielen selbst Jones‘ Wunderheilungs-Shows durchaus nicht aus dem Rahmen des insbesondere im fundamentalistischen "Bible Belt“ 3) der USA Alltäglichen.

Nur eine vorwiegend tiefenpsychologische Untersuchung wird die tieferen Gründe für diese unheimlich anmutende Verschlechterung der Zustände im Peoples Temple von etwa 1968 bis zum bitteren Ende im Jahre 1978 zu Tage fördern können. 4)

Zunächst erscheint jedoch eine kurze Fakten-Übersicht angebracht, um dem Leser diese Entwicklung von der Normalität in die Katastrophe in Erinnerung zu rufen.
1931: Geburt von Jim Jones in ärmlichen Verhältnissen in Lynn, Indiana. Seine Mutter war eine energische, mit ihrer Situation unzufriedene Fabrikarbeiterin, die in ihrem Sohn einen zukünftigen Messias sah, der Vater ein kränkelnder Senfgas-Invalide des Ersten Weltkrieges, an der Erziehung des Sohnes desinteressiert, und geheimes Mitglied des Ku-Klux-Klans. Jones‘ Kindheit war geprägt vom frühzeitig geweckten Interesse an der Religion, auffallender Tierliebe und ansonsten weitgehender Einsamkeit.
1948: Scheidung der Eltern und Übersiedlung von Mutter und Sohn nach Richmond zum Besuch der dortigen High School. Jones als Sonderling, der sich insbesondere mit Mädchen schwer tut. Nachmittags als Aushilfs-Krankenpfleger tätig, lernt Jones die vier Jahre ältere Krankenschwester Marceline kennen. 
1949: Heirat von Jim und Marceline. 
1950: Jones als Medizin-Student an der Indiana-
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University in Bloomington; erste Anzeichen von Hypochondrie.
1951: Aufgabe des Medizin-Studiums und Entschluß, Prediger in Indianapolis zu werden. Fünf Jahre Aushilfsprediger in verschiedenen Kirchen. Erste Anerkennung, aber auch Anfeindung als fanatischer Verfechter einer rassenintegrierten Kirchengemeinde. 
1956: Kauf einer eigenen Kirche. Jones nennt sie "Peoples Temple.“ Angeschlossen sind Armenküche, Second-Hand-Laden, Arbeitsvermittlungsbüro und Alters- heim. Erste Wunderheilungen; erste Ausnutzung seiner vorwiegend schwarzen Kirchenmitglieder. 1960/61: Jones besucht "Father Divine“ und richtet seine eigene Kirche ganz nach Divine's Vorbild aus. Zunehmend autoritärer Führungsstil und Bestehen auf strikter Disziplin. Beginnender Größenwahn und Mißtrauen gegenüber seinen Anhängern, zunehmende Hypochondrie, atomare Untergangsvisionen.
1962/63: Untertauchen in Brasilien und Interesse für spiritistische Wunderheilungen. 
1963: Rückkehr nach Indianapolis. Ausbau der eigenen Wunderheilungen. 
1964: Beginnende Verehrung als Messias; Jones behauptet erstmals, eine Reinkarnation von Jesus Christus zu sein. 
1965: Pressebeschuldigungen, ein Charlatan zu sein, sowie Schwierigkeiten mit den Finanzbehörden veranlassen Jones Indiana zu verlassen. Erneute atomare Untergangsvisionen. Mit etwa 100 Anhängern zieht Jones nach Redwood Valley in Nord-Kalifornien. Der anstrengende Neubeginn erschöpft Jones; er beginnt Amphetamine zu nehmen. 
1966-68: Jones baut einen "Inner Circle“ von jüngeren Angehörigen der weißen Mittelschicht um sich auf, dem insbesondere junge Frauen angehören, die ihm total ergeben sind. Deren geheime Aufklä-
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rungsarbeit ermöglicht Jones sog. "Revelationen“ zur Demonstration angeblich übernatürlicher Fähigkeiten; die Verwandlungskünste seiner "Girls“ ermöglichen immer raffiniertere Wunderheilungen.
1968: Verstärkte Verherrlichung von Jones seitens seiner Anhänger; verstärkter Größenwahn, Jones stellt sich endgültig über die Bibel; verstärkte Paranoia. Jones prahlt mit unverblümter, auch homosexueller, Promiskuität mit seinen engsten Vertrauten; seine Frau will sich scheiden lassen. Erste Inszenierung seiner eigenen scheinbaren Ermordung.
1970: Beginn von Anklagen, beicht-ähnlichen Selbst-Bezichtigungen und Bestrafungen der Tempel-Mitglieder untereinander in den sog. "Process Catharsis“-Sitzungen der Peoples Temple "Planning Gommission“, mit Jones in der Funktion eines Schiedsrichters. 
1971: Kauf von Kirchen in San Francisco und Los Angeles; erneut verstärkte Rekrutierung von schwarzen Anhängern. Angebliche Totenerweckungen in den Gottesdiensten. Abschließen der Tempel gegenüber Außenstehenden und der Presse. Erneute Inszenierung von Jones‘ eigener scheinbarer Ermordung. 
1972: Intensivierte Sexualisierung und Aggressivierung der Cathartic Sessions der Planning Commission in zunehmend sado-masochistischer Atmosphäre; Einführung von ritualisierten Züchtigungen. Jones bezeichnet sich als "God Almighty.“ Zunehmende Paranoia; Jones legt sich eine bewaffnete Leibwache zu. Erster Public Relations-Rückschlag durch abträgliche Presseberichte.
1973: Weiter zunehmende sexuelle Prahlerei von Jones bei offiziellem Verbot von Sexual-Beziehungen der Tempel-Mitglieder untereinander. Drängen auf erhöhte finanzielle Kontri-
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butionen und kommunale Lebensform innerhalb des Tempels. Erster empfindlicher "Verrat“ von acht aktiven schwarzen Mitgliedern; sie beschuldigen Jones und seinen weißen Inner Circle der sexuellen, finanziellen und rassistischen Ausbeutung. Zweifache Spontan-Reaktion:
Idee des gemeinsamen Selbstmordes der etwa 100 Mitglieder der Planning Commission sowie Tötung der "Verräter.“ Gleichzeitig Idee des gemeinsamen Exodus nach Guyana. Jones entwik- kelt bizarre Uriniergewohnheiten; bald darauf öffentlicher Exhibitionismus. Letzte Inszenierung seiner eigenen scheinbaren Ermordung.
1974: Zunehmende Amphetamin-Abhängigkeit von Jones; Intensivierung von sexueller Prahlerei, bizarren Uriniergewohnheiten und Paranoia gegenüber seinen eigenen Anhängern. Weitere Intensivierung der gemeinschaftlichen sexuell-aggressiven Perversionen, unter Einschluß der Tempel-Kinder, und zunehmend in allgemeinen Tempel-Sitzungen. Immer offener werdender Rassismus und schwarzer Gegen-Rassismus in ritualisierten Box-Kämpfen. Aufführung von sog. "Psychodramas“ mit gestellten Ku-Klux-Klan Lynch-Szenen. Jones bricht bei den Demütigungen und Bestrafungen seiner Anhänger untereinander immer häufiger in schallendes Gelächter aus.
1975: Jones gewinnt an politischem Einfluß und wird in die Liste der 100 führenden Geistlichen Amerikas aufgenommen. Hinter verschlossenen Türen weitere Verschärfung der Perversionen und Disziplinierungen, sowie Einführung von Leibesvisitationen am Tempeleingang. Ein erneuter "Verrat“ von wichtigeren Tempel-Mitgliedern führt zum ersten gemeinsamen Selbstmord-Test der Peoples Temple Planning Commission als "proof of loyalty.“
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1976: Endgültiger Umzug des Tempels nach San Francisco, wo Jones immer mehr an Ansehen und Einfluß gewinnt. Bekanntschaft mit Rosalynn Carter, Walter Mondale u.a. Weitere Verschärfung der Perversionen und Disziplinierungen unter Einbeziehung der Kinder in die Box-Kämpfe. Der mysteriöse Tod eines Mitglieds der Planning Commission, das den Tempel verlassen wollte, führt zur Einschaltung des Kongreßabgeordneten L. Ryan und zu Presse-Recherchen.
1977: Drohende Presse-Enthüllungen sowie eine Untersuchung der Finanzbehörden zwingen Jones zur Flucht nach Guyana. Ca. 1000 Anhänger folgen ihm freudig nach Jonestown nach. Die von der Außenwelt abgeschnittene Siedlung im "Gelobten Land“ erweist sich alsbald als ökonomisches Fiasko und wird einem Straflager immer ähnlicher. Tim Stoen, Jones‘ rechte Hand, springt ab und geht wegen der Herausgabe seines in Jonestown festgehaltenen Sohnes vor Gericht. Jones, der sich für den Vater des Kindes hält, verweigert die Herausgabe und läßt im September erstmals öffentlich mit dem Massenselbstmord seiner Anhänger drohen, falls das Gerichtsverfahren nicht eingestellt wird. Jones hält Stoen für das Haupt einer CIA-Verschwörung und versetzt Jonestown in ständige Alarmbereitschaft.
1978: Wiederholung der Massenselbstmord- Drohung im Januar und Februar. Die Regierung von Guyana beginnt Jones‘ überdrüssig zu werden. Jones nimmt zwecks Auswanderung des Tempels ans Schwarze Meer mit der sowjetischen Botschaft Kontakt auf. Nach ,dem Abspringen seiner Finanzsekretärin im Mai inszeniert Jones einen "White Night“-Massenselbstmord-Test, der ganz Jonestown in eine Mischung
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aus Größenwahn, Depression und Paranoia stürzt. In dieser "White Night“ kündigt Jones seinen symbolischen Tod an und macht seine Anhänger für sein Scheitern verantwortlich. Bald darauf beginnt Jones, systematisch auf das Ende hinzuarbeiten, äußerlich erkennbar durch Einstellung aller Entwicklungsarbeiten in Jonestown. Im September läßt Jones in der Hauptstadt ein Faß mit flüssigem Zyankali bestellen.
Im November besucht Ryan in Begleitung von Journalisten und Jonestown-Anverwandten die Siedlung. 15 Weiße und ein Schwarzer wollen mit Ryan Jonestown verlassen. Jones betrachtet dies als "Verrat des Jahrhunderts“ und hält die Stunde 0 für gekommen. In einer beispiellosen "Götterdämmerung“ werden Ryan und ein Großteil der Presseleute und "Verräter“ umgebracht, anschließend die endgültige "White Night“ von Jonestown eingeläutet und für die Nachwelt auf Tonband festgehalten (s. Annex 1). Das Massaker fordert 917 Menschenleben.
Am folgenden Tag ist der gescheiterte Messias Jones weltberühmt.
KAPITEL 1

ERSTE ANNÄHERUNG
 

Im Erschrecken über das Unfaßliche hat hat es nicht an Versuchen gefehlt, die Tragödie von Jonestown mit plausiblen Generalisie- rungen "wegzuerklären.“ 1)

Massenmord?

Zum Teil wurde 2) und wird die Meinung vertreten, bei der Tragödie von Jonestown habe es sich um einen Massenmord gehandelt erzwungen auf Befehl eines "Kriminellen“ und! oder "Verrückten.“ Die Atmosphäre der auf dem Tonband festgehaltenen letzten Stunde von Jonestown sowie die Berichte der Entkommenen (bei Krause 1978, 136 f; Kilduff/Javers 1978, 183 f; Feinsod 1981, 212) ergeben jedoch ein sehr viel differenzierteres Bild.
Zweifellos sind die entscheidungsunfähigen Babys und Kinder ermordet worden. Und auch die wenigen Erwachsenen, die mit Zyankali-Injektionen aufgefunden worden waren (dazu Näheres unten S. 198), dürften kaum freiwillig aus dem Leben geschieden sein. Ebenso weisen das halbstündige Wortgefecht der 61-jährigen Christine Miller mit Jones um die versprochene und vieldiskutierte Emigration nach Russland (Ann. 1, 5. 225 ff), sowie die Flucht von ca. 30 Siedlern kurz vor bzw. während des Massakers auf ungebrochenen Lebenswillen hin.
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Nicht zuletzt dürfte auch die demonstrative Entschlossenheit der bewaffneten Sicherheitskräfte ihr Teil zur "richtigen“ Entscheidungs- findung beigetragen haben.
Dies alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß eine breite Mehrheit der Siedler von Jonestown freiwillig aus dem Leben geschieden ist.~)
Diesen Willen der Mehrheit, mit Jones in den Tod zu gehen, tiefenpsychologisch zu durchleuchten, ist Hauptaufgabe und Ziel der vorliegenden Untersuchung.

Drogenkult?

Ein weiterer Erklärungsversuch der ersten Stunde basiert auf der Vermutung, beim Peoples Temple müsse es sich um einen Drogenkult gehandelt haben.~> Doch auch insofern sprechen die Fakten eine andere Sprache. Zwar hat Jones selbst ab 1965 Amphetamine und zuletzt verstärkt auch andere Psychopharmaka eingenommen (dazu Näheres unten S.70 ff). Bezüglich seiner Anhänger hat Jones jedoch von Anfang an mit Nachdruck auf Drogenfreiheit bestanden; Tempelmitglieder berichteten darüberhinaus auch immer wieder davon, daß Jones sie erfolgreich von ihrer Drogensucht geheilt habe (s. die Berichte bei Kerns 1979, 86 f; Nugent 1979, 145). Und die Tatsache, daß in den letzten Wochen von Jonestown rebellische Siedler im sog. "Extended Care Unit“ mit Sedativa ruhig gestellt wurden (Näheres dazu unten 5. 179), reicht nicht hin, um den Mehrheits- willen zum Tod insgesamt auf den Einfluß von Drogen zurückzuführen.
Mit Jones‘ eigenem Drogenmißbrauch werden wir uns allerdings noch eingehend zu beschäftigen haben.
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Gehirnwäsche?

Schließlich wird zur Erklärung des Dramas von Jonestown auf die asiatischen Zwangstakti- ken zur körperlich-seelischen Erschöpfung und Persönlichkeitsveränderung hingewiesen, die unter dem Schlagwort "Brainwashing“ bekannt geworden sind.~)
Seit den Forschungen von Sargant (1958) und Lifton (1961) hat eine aufgeschreckte westliche Welt zur Kenntnis nehmen müssen daß Pawlow‘s Experimente über den Einfluß von systematisch gesteigertem Streß auf das Nervensystem von Hunden auch beim Menschen zu entsprechenden Ergebnissen führen können. Pawlow fand heraus, daß das Nervensystem seiner Hunde bei zunehmend unerträglich werdender Streßbelastung in einen von ihm "transmargi- nale Hemmung“ genannten Zustand eines Selbstschutz-, letztlich Überlebensmechanismus verfiel, den er entsprechend der Schwere der Belastung und Hemmungsreaktion in drei Phasen einteilte, u.z. in die "äquivalente“ (das Gehirn reagiert auf starke wie auf schwache Reize gleichartig), die "paradoxe“ (das Gehirn reagiert aktiver auf schwache als auf starke Reize), und die "ultraparadoxe“ Phase (positive bedingte Reflexe und Verhaltensweisen schalten sich auf negative um und umgekehrt).
Wird nun beim Menschen die Belastung bis zur ultraparadoxen Hemmungsphase gesteigert, können bisherige Verhaltensweisen sowie Uberzeugungen "gelöscht“ und durch neue, u.U. diametral entgegengesetzte ersetzt werden. Bevorzugte Methoden, die zu diesem kritischen Punkt führen, bei dem der Mensch seinen Widerstand aufgibt und sich aus Überlebensgründen auch gegen seinen bewußten Willen "gehirnwa-
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schen“ und neuprogrammieren läßt, sind Isolierung, körperliche Bedrohung, Schlaf- und Es- sensentzug zur vorwiegend psychischen Erschöpfung, sowie das Schüren von Angst und Schuldgefühlen, die Erzwingung von Verrat und Geständnissen zur psychischen Erschöpfung, Erschütterung der Identität und letztlich Selbstverleugnung (Sargant 1958, 179 ff; Lifton 1961, 65 ff).

In der Tat gab es nun schon im Peoples Temple in Kalifornien Aspekte, die unter den Gesichtspunkt der Gehirnwäsche zu fallen scheinen; so insbesondere die Verhör-Praktiken des "Interrogation Committee“ in den 60-er Jahren, sowie der Geständniszwang der "Process Catharsis“-Sitzungen, die körperlichen Züchtigungen, die Induzierung von Furcht vor Atom- krieg, Rassenverfolgung, CIA etc, in den 70-er Jahren. In Jonestown kamen noch die dortige totale Isolierung von der Außenwelt, die allgemeine körperliche Erschöpfung durch zu wenig Schlaf, übermäßige Arbeit und ungenügende Diät sowie die stundenlangen programmatischen Reden und Lautsprecher-Berieselungen hinzu, und schließlich die "White Night“- Proben selbst. Als Ergebnis von Gehirnwäsche scheint auch Kongreßmann Ryan die Uniformität des Verhaltens der Bewohner von Jonestown bei seinem Empfang und der sich daran anschließenden Musikdarbietung empfunden zu haben (Krause 1978, 45; Kilduff/Javers 1978, 153).
Gleichwohl sprechen gewichtige Umstände gegen die Annahme, daß die Tempel-Mitglieder einer Gehirnwäsche im Sinne von Sargant und Lifton zum Opfer gefallen sein könnten. Wie Lifton betont (1961, 5), besteht Brainwashing aus den beiden Grundelementen "confession“
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und "reeducation“, also aus dem Element der Herabsetzung und Verleugnung vergangener und gegenwärtiger Uberzeugungen, sowie dem Element der Umerziehung im Sinne einer neuen, überper- sönlich-abstrakten Doktrin, beides durchgeführt in systematischer Folgerichtigkeit und, was das Entscheidende ist, erzwungen in einer vom Betroffenen als solcher empfundenen Situation absoluter willenbrechender Ausweglosig- keit.
Schon die Lifton‘sche Konfession und Reedukation waren im Peoples Temple wohl kaum zu finden. Das Element der "confession“, wie es insbesondere in den "Process Catharsis " -Sitzungen zum Ausdruck kam, war ganz auf Jo- nes‘ persönliche, je nach den Umständen wechselnde innere Notwendigkeiten zugeschnitten und diente im Grunde nur als Resonanzboden seiner Projektionen bzw. als Abfuhr seiner eigenen Perversionen. Hinzukommend fehlte es völlig an einer systematisierten und folgerichtigen Indoktrinierung mit einer auch über dem Indoktrinierer stehenden Ideologie (dazu
Lifton: Doctrine over Person; 1961, 430 f). Jones war einfach nicht der kühle "master- mmd“, der seinen Anhängern eine letztlich auch ihm heilige Doktrin aufzwingen wollte. Das einzige "Programm“ war vielmehr er selber und seine jeweiligen nur allzu menschlichen Bedürfnisse und Unzulänglichkeiten. So pflegte er etwa spontan eine "White Night“ anzusetzen, wenn er nicht schlafen konnte (Nugent 1979, 141; Reston 1981, 273).
Aber selbst wenn man Brainwashing insofern nicht so restriktiv verstehen will wie Lifton, läßt sich doch auf das Element der vom Opfer empfundenen willenbrechenden Ausweg- losigkeit nicht verzichten. Gegen seinen Wil-
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len läßt sich ein Mensch nur programmieren, wenn es ums Überleben geht: "...the ultimate availability of alternative life choices out- side the correct doctrine does distinguish it from thought reform“ (Lifton 1961, 445).
Von einer derartigen willenbrechenden Ausweglosigkeit, die die Kapitulation gegenüber einer Gehirnwäsche als einzige Überlebenschance erscheinen läßt, konnte aber jedenfalls im Peoples Temple in Kalifornien keine Rede sein. Schon die äußeren Lebensumstände hatten mit ausweglosem Zwang nichts zu tun. Nicht wenige Tempelmitglieder waren Schüler und Studenten in den umliegenden Golleges bzw. hatten auswärtige Jobs; sie hätten also den Tempel jederzeit verlassen können. Also vielleicht psychischer Zwang? Allerdings hat Jones seine Anhänger durch finanzielle Ausbeutung, durch die Abforderung von Blanko-Unterschriften und selbstinkriminierenden Erklärungen sowie durch die Induzierung von Furcht und Haß gegenüber der Außenwelt am Verlassen des Tempels zu hindern gesucht, und sogenannten "Verrätern“ alle möglichen Übel bis zur Ermordung angedroht. Im Grunde war jedoch all dies nur pseudo-potente Attitüde und Rhetorik und wurde weitgehend auch so verstanden. Tatsächlich haben Tempelmitglieder, selbst engste Vertraute, Jones immer wieder offen und ohne Weiterungen den Rücken gekehrt. Die Frage, ob man den Tempel verlassen solle, war unter Jones‘ Anhängern ständiges Gesprächsthema (Mills 1979, 156 f und 166 f). Daß so viele im Tempel verblieben, beruhte also sicher nicht auf ausweglosem Zwang, sondern auf innerer Uberzeugung.
In Jonestown selbst lagen die Dinge naturgemäß etwas anders. Hier gab es äußere
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Isolation und Ausweglosigkeit, physischen und psychischen Streß und allgemeine Erschöpfung. All dies mag letztlich zu der charakteristischen Indifferenz gegenüber Leben und Tod beigetragen haben, wie sie Deborah L. Blakey in ihrer eidesstattlichen Erklärung beschreibt,6) sowie zu einer allgemein erhöhten Suggestibilität und gegenseitigen Ansteck- barkeit~) in Bezug auf die von Jones vorgeschlagene "Endlösung.“ Die von Ryan beobachtete trance-artige Verhaltensuniformität sowie die bei aller Verzweiflung verblüffend freudige Einmütigkeit, mit der Jones‘ Anhänger in den gemeinsamen Tod gingen, lassen sich jedoch mit der These von der willenbrechenden Gehirnwäsche unmöglich begründen. Zu diesem Ergebnis kommt auch Reston (1981, 230): "Jonestown operated on the plane of belief and commit- ment, and brainwashing does not describe what was at work.“
Für das Phänomen des freiwillig gesuchten Todes bietet sich indes ein anderes Erklärungs- modell an.

Seelenwäsche?

Um das Phänomen der freiwilligen Persönlichkeitsveränderung zu charakterisieren, wie sie sich im Verlauf der Zugehörigkeit zu einer der radikaleren sog. "Jugendreligio- nen“ ergeben kann, hat Friedrich-W. Haack den Begriff "Seelenwäsche“ geprägt (1979, 42; 1980, 6 u. 26), als deren Folgen eine eigenartige "Psychomutation“ bzw. ein psy- chisches "Snapping“ (Conway/Siegelman 1978) erscheinen.
Als Psychomutation bzw. Snapping wird das oft plötzliche, freiwillige Aufgeben des
 



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