Report
Mainz am 19. Februar 2001 im Ersten
Showhypnose - das gefährliche
Wochenendvergnügen
Die Spaßgeneration
ist süchtig nach immer neuen Kicks. Eine regelrechte Erlebnisindustrie
ist entstanden, ihre Angebote reichen von Abenteuersportarten und Überlebenstraining
bis zur Esoterik. Die neueste Mode: Showhypnose. In Diskotheken oder auf
Betriebsfesten versetzen zweifelhafte Hypnotiseure Freiwillige in Trance.
Das Publikum ist platt, doch der Partygag hat oftmals schlimme Folgen.
In England gab es bereits einen Todesfall, und auch in Deutschland häufen
sich Fälle, wo Opfer solcher Showhypnosen psychisch krank werden.
Tatjana Geßler und Jürgen Flettner berichten.
B E R I C H T:
Eine Hypnoseshow, eine
junge Frau in Trance. Der Höhepunkt: die kataleptische Brücke.
Der Hypnotiseur hat dem Mädchen Todesangst suggeriert, so versteifen
sich alle Muskeln. Auch wenn die Ärzte warnen, haben fast alle Hypnotiseure
"die Brücke" im Programm..
Frage: Machen sie die kataleptische
Brücke?.
O-Ton, "Sando Khan",
Showhypnotiseur: »Ja, ja. Dreifach.«
Frage: Was heißt dreifach?.
O-Ton, "Sando Khan",
Showhypnotiseur: »Na ja, zwei so längs, jemand so quer drüber
und dann noch jemanden drauf.«
O-Ton, Prof. Dirk Revenstorf,
Psychologe, Universität Tübingen:
»Die eine
Gefahr ist, dass sich Menschen zu Situationen hergeben, die sie nachträglich
bereuen, weil sie verletzt worden sind oder weil sie sich lächerlich
gemacht fühlen. Die zweite Gefahr ist eher medizinischer Art, dass
zum Beispiel bei der kataleptischen Brücke jemand, meinetwegen mit
einem Wirbelschaden oder mit einem anderen Schaden organischerweise, der
im Bauchbereich liegt, überstrapaziert wird und das nicht sofort merkt
vielleicht und dann später Beschwerden davon hat. Und die dritte Gefahr
ist, dass es eine Art psychische Retraumatisierung, also Wiederaktivierung
eines früheren Traumas, geben kann.«
Frage: Warum ist es in Ländern
wie Israel, Schweden verboten?.
O-Ton, "Kalli", Showhypnotiseur:
»Warum ist
dies oder warum ist jenes verboten! Es gibt eigentlich keinen Grund. Wenn
wie gesagt durch die Kollegen eine Vergewaltigung oder so etwas ist, die
ist so oder so strafbar, mit Hypnose oder ohne Hypnose. Also da gibt es
keine Unterschiede.«
Die Spaßgeneration und
ihr ganz besonderer Kick. Showhypnose liegt im Trend. Fast täglich
tingelt Mike Ascott durch Diskos. In nur wenigen Minuten versetzt er 17
Freiwillige in Trance. .
ATMO, Mike Ascott:
»Du kannst
und wirst sehr gut im Stehen schlafen, solange ich es möchte. Mit
jeder Berührung an dem Punkt wird dein Kopf sofort noch ein bisschen
schwerer. Sowie ich dich berühre an dem Punkt zwischen den Augen,
dort, wo die Nase beginnt, kippt der Kopf noch ein bisschen mehr nach vorne.«
Trance, ein schlafähnlicher
Zustand, das ist das Ziel, Hypnose - die Methode der Manipulation. Das
Bewusstsein schaltet die Außenwelt ab, nur noch die Stimme des Hypnotiseurs
zählt. .
ATMO, Mike Ascott:
»Du wirst
von jetzt an alles so sehen, so spüren und so empfinden, wie ich es
sage. Egal ob mit geöffneten oder mit geschlossenen Augen. Wenn ich
der Julia ans Ohr schnipse, schläft sie ein, ist auch nicht normal,
oder?«.
So manipuliert Ascott: Auf Fingerschnipp
wird geschlafen.
ATMO, Mike Ascott:
»Schläfst
du auch immer so ein?..«
München. Wissenschaftler
laufen Sturm gegen den scheinbar harmlosen Freizeitspaß. Auf dem
internationalen Hypnosekongress warnen sie vor unberechenbaren Gefahren..
O-Ton, Prof. John
Cruzelier, Hirnforscher, Imperial College, London:
»Viele meinen
ja, Showhypnose sei reiner Bluff, die Hypnotisierten spielten nur Theater.
Aber jeder, der einen Bekannten auf der Bühne erlebt hatte, wird bestätigen,
dass er plötzlich einen anderen Menschen vor sich hat. Unter Hypnose
verändert sich definitiv die Persönlichkeit.«
England. Hier wird Hypnose als
Bühnenklamauk schon lange kritisiert. Vor allem von Tracy O'Keefe.
Die Psychologin hat 25 Betroffene interviewt und die dramatischen Folgen
der Shows dokumentiert..
O-Ton, Tracy O'Keefe,
Psychologin und Buchautorin:
»Die Teilnehmer
leiden unter den unterschiedlichsten Symptomen, von Depression bis Schizophrenie.
Einigen wurde sogar suggeriert, sie wären Babies, und über Jahre
blieben sie dann in diesem zurückgeführten Alter.
Diese Shows müssen endlich
verboten werden, um unqualifizierten Bühnenhypnotiseuren das Handwerk
zu legen. Stellen Sie sich vor, Sie drücken jemandem Messer und Gabel
in die Hand und sagen: Du bist Chirurg. Jeder Fliesenleger kann von heute
auf morgen Hypnotiseur werden.«.
Preston bei Manchester.
Hier kam es bei einer Bühnenshow zu einem tragischen Zwischenfall.
Margret Harpers 24-jährige Tochter Sharon war vier Stunden lang in
den Händen eines Hypnotiseurs. Um sie aus der Trance zu wecken, suggerierte
ihr dieser Mann, dass ihr 10.000 Volt durch den Körper jagen. .
O-Ton, Margret Harper,
Mutter eines Hypnoseopfers:
»Nach der
Show klagte sie über fürchterliche Kopfschmerzen, ihr ging es
sehr schlecht. Sie war streitsüchtig, sonst gar nicht ihre Art. Als
sie heimkam, ging sie gleich ins Bett. Fünf Stunden später war
sie tot.«
Der Fall schlug Wellen. Wissenschaftler
haben keinen Zweifel, dass Sharon an den Folgen der Bühnenhypnose
starb..
O-Ton, Tracy O'Keefe,
Psychologin und Buchautorin:
»Sie hatte
eine Phobie, eine Todesangst vor Elektrizität, weil sie als Kind einmal
einen schlimmen Schlag bekommen hatte. Wie sie starb, zeigt, dass sie am
Ende der Show noch nicht wieder wach, noch in Trance war. Als sie sich
schlafen legte, durchlebte sie das Kindheitstrauma erneut. Sie geriet in
Panik, erbrach sich und erstickte, weil sie das Erbrochene in Trance nicht
abhusten konnte.«
O-Ton, Prof. John Cruzelier,
Hirnforscher, Imperial College, London:
»Während
sie schlief, kamen in Tracys Träumen die alten Ängste wieder
zu Vorschein. Das ist ganz offensichtlich. Der Zusammenhang zwischen Angstattacken
und Hypnose ist so auch in der Fachliteratur beschrieben.«
Margret Harper hat eine Organisation
gegen Showhypnose gegründet, kämpft für ein Verbot. In den
letzten sechs Jahren bekam sie über 3.000 Briefe und Anrufe von Hypnoseopfern.
.
Auch in Deutschland
sind mehr Menschen betroffen, als man glaubt. Sie haben Angst, über
ihr Trauma zu reden. So wie die Kollegin vom Psychologen Bernhard Trenkle,
die zu einem Selbstversuch an einer Show teilnahm. Sie litt danach unter
Depressionen, musste behandelt werden. Vor die Kamera wollte sie nicht..
O-Ton, Bernhard
Trenkle, Psychologe, Milton H. Erickson Gesellschaft für Klinische
Hypnose:
»Der Bühnenhypnotiseur
hat alle auf einen hellen Bühnenscheinwerfer fokussieren lassen. Diese
Frau hatte einen Autounfall, wo sie einen Zusammenstoß hatte, danach
auch in die Klinik kam, schwer verletzt. Ein entgegenkommendes Auto hatte
sie geblendet, und anscheinend hatte diese Situation dieses alte Geschehnis
wieder ausgelöst.«
Auch bei Alexander Cain,
selbst ernannter Saubermann der Szene, müssen sich in Trance wildfremde
Menschen betatschen. Solche Shows, wie hier in Fulda, sind eine tickende
Zeitbombe, denn die Hypnotiseure wissen nichts über ihre Opfer. Oft
spüren die erst nach Monaten die psychischen und körperlichen
Folgen. Damit aber nicht genug, sagt selbst Cain..
O-Ton, "Alexander
Cain" alias Wolfgang Künzel, Showhypnotiseur:
»Die Hauptgefahr
besteht aber darin, das man die Hypnose missbrauchen kann. Die Leute werden
hinterher eventuell von dem Hypnotiseur noch mal hypnotisiert nach der
Veranstaltung und dann zu Dingen, sagen wir mal getrieben, die sie eigentlich
gar nicht möchten, sprich zum Beispiel zum Bankschalter, um Geld abzuheben.«
Frage: Kann man die auch zu
dem Verbrechen verleiten?.
O-Ton, "Kalli",
Showhypnotiseur:
»Das wäre
möglich, ja.«
Frage: Zum Beispiel?.
O-Ton, "Kalli",
Showhypnotiseur:
»Zu allem,
was Sie möchten.«
O-Ton, "Alexander Cain" alias
Wolfgang Künzel, Showhypnotiseur:
»Durch Leute,
die auf mich zugekommen sind, weiß ich, dass es schon zu mehreren
Vergewaltigungen gekommen ist, Gruppensex und so weiter. Und was ich als
schlimm empfinde, ist, dass die Leute das eigentlich gar nicht wollten.
Das wurde mir definitiv gesagt, sie wurden vorher hypnotisiert und sie
haben das unter Trance gemacht.«
ATMO, "Alexander Cain" alias
Wolfgang Künzel, Showhypnotiseur:
»Schlaf tief
und fest...«
Menschen werden zu Marionetten.
Und nach der Show wissen sie nichts mehr. Mehrere Wochen oder ein ganzes
Leben - wie lang der Gedächtnisverlust anhält, weiß keiner..
Frage: Du warst jetzt
zwei Stunden hypnotisiert, kannst du dich dran erinnern?.
ATMO, Umfrage:
»Zwei Stunden?
Ne.«
»Nein, ich
war drüben im "Chicos", ich war nicht da.«
»Da bin jetzt
gerade selber erschrocken, dass es zwei Stunden waren.«
»Kann ich
jetzt nichts zu sagen hier.«
ATMO, "Alexander Cain" alias
Wolfgang Künzel, Showhypnotiseur:
»Sobald die
Dame, die hier strippen soll, auf der Tanzfläche erscheint, bist du
so richtig entsetzt, denn es ist deine eigene Mutter.«
Geschmacklosigkeiten und gleichzeitig
Gefahren für die Psyche, täglich in Deutschland. Warum es hierzulande
kein Verbot gibt? Das Bundesgesundheitsministerium sah sich auf Anfrage
von REPORT außerstande, dazu überhaupt Stellung zu nehmen..
Frage: Sind Sie der
Meinung, dass Bühnenhypnose verboten werden sollte?
O-Ton, Prof. Walter Bongartz,
Psychologe, Universität Konstanz:
»Ja. Denn
sehen Sie, man macht es ja auch nicht, dass man einen Blinddarm auf der
Bühne operiert zur Freude der Zuschauer. Wenn hier also ein Verfahren
angewendet wird, dass in der Therapie, in der Medizin ernsthaft hilft,
Patienten von ihren Leiden zu befreien, ist es nicht der Platz, ist die
Bühne nicht der Platz, um so was zum Ergötzen der Zuschauer darzustellen.«
Abmoderation Bernhard Nellessen:.
Und die Bundesregierung
bleibt übrigens auch unter der neuen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt
bei diesem Thema sprachlos. Zum wiederholten Male blieb auch heute unsere
Anfrage nach einer Stellungnahme ohne Antwort. .
Mehr zum Thema "Showhypnose"
in "REPORT nachgefragt" heute Abend 22.15 Uhr im Südwest Fernsehen.
Sie können mitdiskutieren. Mailen Sie uns oder rufen Sie uns an unter
der 01805 / 90 44 90.. |