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Bernhard Brünjes:
Guruismus, Yoga, Meditation
In der „östlichen“ Religion, dem Hinduismus, ist die Welt „Maya“ (Täuschung), das Leben wie die ganze Schöpfung etwas, das überwunden werden muss. Immer wieder in dieses Leben zurückmüssen, gilt als schwere Qual, aus der man erlöst werden muss, um endlich in das unpersönliche „Nirvana“ einzugehen und so „Moksa“ –Erlösung, und zwar von diesem persönlichen Dasein- zu erlangen.
Was diesen fürchterlichen Kreislauf endlos in Gang hält, ist das sog. „Karma“.
Was kann dagegen getan werden?
Ersteinmal wird der Rat gegeben, alle eigenen Wünsche und persönlichen
Absichten aufzugeben und nichts mehr um seiner selbst willen zu tun, völlig
selbstlos zu werden. Für denjenigen der den Weg zur Vollkommenheit
beschreitet, kann dann dieser Weg hinaus aus dem Kreislauf von Geburt und
Wiederverkörperung führen.
Um diese Transzendenz zu erreichen, bietet sich für den Karma-Gläubigen
die Hinwendung zu einem Guru.
Der Begriff „Guru“ wird in der Guru-gita, der „heiligen Schrift des Guruismus“ wie folgt erklärt:
„Die Silbe „Gu“ bedeutet Dunkelheit; die zweite „Ru“
Licht. Der Guru ist Brahma, der alle Finsternis vertreibt.“
Eine einfachere Erklärung wäre wohl spiritueller Lehrer:
Manchmal wird der Begriff Guru auch auf gewöhnliche Lehrer angewandt,
die Lehrer-Guru, die das Wissen der weltlichen Künste lehren.
Der Initiations-Guru weist seinem Jünger den „Pfad der
Verwirklichung“.
Die Sekten-Gurus leiten ihre Vollmacht oft von einer Gründer-Gottheit
ab.
Zu nennen ist auch jener Guru-Typ, der durch Zaubertricks und angebliche
übersinnliche Fähigkeiten zu Guru-Ruhm kommt.
Als letztes ist nicht zu vergessen, dass jeder Heilige jemanden als
Schüler annehmen kann und so zu einem Guru wird.
Die meisten Gurus lehren bestimmte Meditations- oder Yogatechniken.
Das Wort Yoga kann in etwa übersetzt werden mit „anbinden,
anjochen“, d.h. Körper und Geist soll an das Absolute, dem Göttlichen,
angebunden werden.
Der Dienst, den der Guru seinem Schüler leistet, ist in allen
Fällen eine Erlösungshilfe; und zwar aus dem Kreislauf von Karma
und Wiederverkörperung erlöst zu werden.
Was den klassischen Yoga charakterisiert und was dieser als Ziel erreichen
will, kann beschrieben werden mit:“Yoga ist der innere Zustand, in dem
die seelisch-geistigen Vorgänge nicht unterdrückt werden, sondern
zur Ruhe kommen.“ Der Weg dorthin umfasst acht Stufen, Teile oder Blütenblätter
einer Knospe, die erblüht ihre Ganzheit erkennen lässt.
Der achtblättrige Yoga umfasst:
Äussere und Innere Disziplin, Körperhaltung, Atemregelung,
Zurückhalten der Sinne, Konzentration, Meditation und Versenkung.
Äussere Disziplin
Beachtung von sittlichen Geboten gegenüber der Umwelt, Gewaltlosigkeit,
Wahrhaftigkeit, reiner Lebenswandel, Nicht-Besitzergreifen
Innere Disziplin
Physische und psychische Reinheit, Zufriedenheit, Askese, eigenes Studium
der heiligen Schriften, Verehrung des Göttlichen
Körperhaltung
Die Sitzhaltung soll „fest und angenehm sein“, um Meditation zu erleichtern
Atemregelung
Innehalten im Rhythmus von ein- und ausatmen, Verlangsamung des Atems.
Durch die Atemregelung soll die Lebenskraft, die den Kosmos erfüllt,
konzentriert durch den Atem im Körper aufgenommen werden
Zurückhalten der Sinne
Abwenden der Sinne von den äusseren Objekten; Zurückziehen
„in das Eigenwesen des Geistes“
Konzentration
Ausrichtung des Denkens auf einen Punkt. „Verbundenheit des Bewusstseins
mit dem Betrachtungsgegenstand“
Meditation
Vertiefte Konzentration; Beginn der Aufhebung des Gegensatzes zwischen
Meditierendem und Objekt der Meditation
Versenkung
Einheitserfahrung; der Gegensatz zwischen Schauendem und Geschautem
wird aufgehoben. Die Meditation, die den Gegenstand zum Leuchten bringt
und der eigenen Identität entblösst ist, ist Versenkung.
Dieser klassische Yoga-Weg wird als Raja-Yoga als königlicher Yoga, der den ewigen Geist des Menschen aus den Verwicklungen in die weltlich-irdischen Dinge befreit, bezeichnet.
Der Kriya-Yoga bezeichnet die „Vereinigung“ mit dem Unendlichen
durch die Vermittlung einer bestimmten Handlung oder eines bestimmten Ritus.
Kriya-Yoga ist eine einfache leiblich-seelische Methode, die dem menschlichen
Blut Kohlenstoff entzieht und neuen Sauerstoff zuführt. Diese Sauerstoffatome
werden in einen Lebensstrom verwandelt, der die Gehirn- und Rückenmarkzentren
neu belebt. Der Verfall der Gewebe kann verlangsamt oder vermieden werden,
indem die Ansammlung des venösen Blutes gehemmt wird. Fortgeschrittene
Yogis verwandeln ihre Zellen in reine Energie.
Wer diese Technik sorgfältig übt, wird schrittweise von der
Macht des Karmas oder der gesetzlichen Folge von Ursache und Wirkung befreit.
Bhakti-Yoga ist der Weg der „liebenden“, emotional bestimmten
Hingabe an einen „persönlichen Gott“, konkretisiert durch ständiges
Chanten des Gottesnamens. Dieser „Frömmigkeits-Yoga“ wird in
Indien sehr geschätzt, da er keine vorgeschriebenen Regeln oder intellektuellen
Voraussetzungen kennt und von den Angehörigen unterschiedlicher religiöser
Traditionen ausgeübt werden kann.
Jeder Bhakti-Yogi wählt seinen „persönlichen Gott“ selbst
aus, mit dem er sich auf diesem Yoga-Wege vereinen und so die Erlösung
erreichen möchte.
Der Jnana-Yoga erfordert eine strenge geistige und asketische
Disziplin, mit deren Hilfe er den Praktizierenden zu der Erkenntnis führen
will, dass seine Individualseele atman, mit der kosmischen Weltenseele
brahman, der letzten Realität allen Seins identisch ist.
Die wichtigste Voraussetzung für den Beginn dieses Yoga-Weges
ist ein übergrosses Verlangen nach Befreiung. Der Weg selbst kann
jedoch nicht ohne Hilfe eines Gurus und die notwendige Einweihung in die
mit Jnana-Yoga verbundene Meditation gegangen werden.
Karma-Yoga beschreibt den Weg zu Gott durch „gute heilige Werke“,
die nicht getan werden, um selbst ihre Früchte zu ernten, sondern
diese als Opfer der Gottheit darzubringen. Das kann im Tempel, in der Familie
oder im Büro geschehen, wobei alle Handlungen, besonders die kultischen,
äusserst pünktlich und gewissenhaft zu vollziehen sind.
Jedes normale Tun und Lassen erzeugt Karma und bindet an das
Gesetz der Reinkarnation. Innerhalb dieses Yoga-Weges mit der rechten Gesinnung
und auf die Gottheit ausgerichtet, lösen gute Werke und religiöse
Zeremonien allmählich die Bindung an den Kreislauf der Wiederverkörperung
und verhelfen schliesslich zur Vereinigung mit dem Göttlichen.
Abweichend von yogischer Theorie und Praxis muss der Hatha-Yoga
genannt werden, weil er sich in der Zielangabe wesentlich von anderen Methoden
unterscheidet. Hier spielt der Körper mit seinen physischen und esoterischen
Funktionen eine zentrale Rolle. Wenn die Begriffe Tantra-Yoga oder
Kundalini-Yoga gebraucht werden, handelt es sich ebenfalls um Hatha-Yoga.
Während im klassischen Yoga die Überzeugung vorherrscht,
alles Materielle, so auch der Körper und das irdische Leben (einschliesslich
Tod und Reinkarnation) sind als ursächliches Leid verantwortlich und
deswegen negativ zu beurteilen und möglichst schnell zu überwinden,
kommt der Hatha-Yoga zu einer positiven Meinung über den Körper.
Dieser kann als Instrument gebraucht werden, die Angst vor Leben und
Tod abzubauen. Man versucht, die Leid verursachenden Körperprozesse
zu verlangsamen oder gar zu stoppen und so eventuell Unsterblichkeit bzw.
Vergöttlichung zu erreichen.
Hatha-Yogis konzentrieren sich deshalb sehr auf den Körper und
die Beherrschung seiner Funktionen.
Immer mehr Menschen im Westen fühlen sich vom Yoga angezogen, weil sie hoffen, durch körperliche und geistige Übungen zu sich selbst zu kommen oder einfach zur Entspannung vom Alltagsstress zu finden. Streng genommen dürften manche gymnastische Angebote nicht als Yoga bezeichnet werden oder als solcher präsentiert werden.
Die neueste Variante in dieser Angebotspalette ist „Yogarobic“! Yogarobic ist weder Tai-chi noch Aerobic oder Yoga, hat aber doch von jedem etwas. Angeblich wird einTraining mit Bewusstsein verlangt. Eine Trainingseinheit beginnt mit Tai-chi-Bewegungen und dem vereinfachten Sonnengruss aus dem Yoga. Im aerobischen Teil wird eine Bewegung getanzt und der Schlussteil besteht aus Yoga-Stretches im Stehen und im Liegen, dazu kommen Übungen wie man sie aus dem Autogenen Training kennt.
Handelt es sich aber wirklich um Yoga, muss darauf hingewiesen werden, dass diese Übungen in eine vom Hinduismus geprägte Lebensweise hineinführen, auch wenn dies nicht immer gleich erkennbar ist.
Viele praktizierende Yoga-Schüler werden einwenden, dass ihnen
„all der Unsinn“ egal sei, weil sie gute Erfahrungen mit dem Yoga gemacht
hätten. Sie seien dadurch gesünder geworden.
Das sollte man respektieren, aber auch richtig verstehen.
Zum Vergleich:
Es gibt viele junge Menschen, denen die Militärzeit gut getan
hat. Sie sind körperlich trainiert worden und haben eine gewisse Selbstkontrolle
erlernt. Beides hat ihre Gesundheit gefördert. Das hebt jedoch nicht
die Tatsache auf, dass das Militär eigentlich ganz andere Zwecke verfolgt,
nämlich Menschen im Töten zu unterrichten.
Das Ziel des Yoga ist in gleicher Weise nicht identisch mit den festgestellten positiven Folgewirkungen. In Wirklichkeit ist es so, dass viele Meditierende nach einer Periode von positiven Auswirkungen äusserst alarmierende schädliche Wirkungen erleben. Sie werden als schädliche Wirkungen bezeichnet, aber es handelt sich im Grunde um die beabsichtigten Wirkungen. Schritt für Schritt verliert man die Fähigkeit, ein aktives und nach aussen gerichtetes Leben zu führen. Der Yoga isoliert den Menschen, so dass er für andere nicht mehr zu erreichen ist.
YOGA-PRAXIS SCHAFFT YOGA-THEORIE!
Die beschriebenen Yoga-Traditionen sind so spezifisch auf die Bedürfnisse und Vorstellungen hinduistischer Religiosität zugeschnitten, dass sie aus diesem Kontext nicht herauszulösen sind.
Yoga im eigentlichen Sinne ist Selbsterlösung, oder er ist kein Yoga.
Zum Abschluss sei der aus Wien stammende und zum Hinduismus konvertierte Agehananda Bharati zitiert:
„Ein Abgrund klafft zwischen dem wirklichen indischen Yoga-Training, seiner Durchführung und Tradition und dem, was man westlichen Konvertiten vormacht, das es sei: ein leichtes, aufregendes, humanistisches, tolerantes Unternehmen. Es ist nichts davon. Yogisches Training in Indien ist stumpfsinnig und hart. Es ist eine Sieben-Tage-in-der Woche-Angelegenheit, und Ausrutscher werden bestraft...“.