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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/Erhard-Kult.htm  Zuletzt bearbeitet am 17.3.2010 

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Der Werner-Erhard-Kult:

"Erhard Seminar Training", EST, The Centers Network, Forum, Landmark

 
 

Inhalt dieser Seite:

Zum Thema auch:

In anderen Websites:


Ingo Heinemann: Scientology-Kritik


John "Jack" Rosenberg alias Werner Erhard hat nach Erfahrungen mit diversen Psychogruppen - so auch mit Scientology - das "Erhard Seminar Training" (EST), FORUM und The Centers Network gegründet, aus denen später der Psychomarkt-Anbieter Landmark hervorging. Ausserdem hat Erhard das Hunger-Projekt gegründet.
1991 hat Erhard angeblich seine Firmen verkauft.
Landmark und das Hunger Projekt legen grossen Wert auf die Feststellung, dass beide nicht mehr miteinander zu tun haben.

In der Website der deutschen Landmark-Firma heisst es dazu (landmarkeducation.de, Stand Ende Juli 2003):

"Die Programme von Landmark Education beruhen auf der Forschung und einer Technologie, die ursprünglich von Werner Erhard entwickelt wurde. Herr Erhard ist weder Firmeneigner noch hat er eine Führungsfunktion bei Landmark Education. ... Da Landmark Education Herrn Erhards Bildungsmethode gekauft hat, wird er von Zeit zu Zeit von Landmark Education gebeten, das Entwicklungs- und Design Team zu beraten."



Landmark war 2002 Gegenstand einer umfangreichen Untersuchung der Professoren Küfner, Nedopil und Schöch, die in erster Linie der Scientology-Organisation galt. Die Untersuchung wurde als Buch veröffentlicht. Einzelheiten:

 

Die "Technologie"

Landmark ist Anbieter auf dem Psychomarkt.
Die Firma Landmark bezeichnet ihren Verkaufsgegenstand als "Technologie" und verwahrt sich gegen die Bezeichnung als Psychologie oder Psychotherapie:

Am liebsten sieht Landmark Erhards Erkenntnisse offenbar als Philosophie und hat auch einen Gutachter gefunden, der dies bestätigt:

"Ein anerkannter Amerikanischer Psychologe, renommiert für seine Objektivität und seine Professionalität, schloss unlängst eine Studie über das Landmark Forum (PDF) ab. In seinem Bericht legte er dar, dass das Landmark Forum in seiner Natur philosophisch ist und auf verschiedene Weise von Nutzen."

Ähnliche terminologische Probleme hatte zuvor schon die Scientology-Organisation und ist zu verblüffend ähnlichen Ergebnissen gekommen. Auch Scientology bezeichnet sich als Philosophie und Technologie.

Tatsächlich dienen beide Methoden letztlich der Beeinflussung.
 
 
 
 

Keine Sekte?

Die Landmark GmbH verwahrt sich gegen die Bezeichung als Sekte:

"Andererseits, trotzdem es eigentlich klar ist, dass das Landmark Forum nicht im Entferntesten einer Sekte gleicht, wurde das Forum von einigen Gruppen mit spezifischen Interessen als „sekten-ähnlich“ bezeichnet. Diese Bezeichnung findet sich immer mal wieder im öffentlichen Gespräch. Die Behauptung, dass die Arbeit von Landmark Education sekten-ähnlich ist, hat sich in jeder Hinsicht als nicht zutreffend erwiesen." (www.landmarkeducation.de)

"Die Arbeit von Landmark Education" besteht in der Vermittlung von Methoden der Beeinflussung.
Die Verwendung unlauterer Methoden der Beeinflussung ist der Kern des kulturellen Sektenbegriffs. Dazu auch:

Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass die von Werner Erhard gegründeten Organisationen und angewandten Methoden immer wieder als sektenähnlich bezeichnet werden.
 
 

Erhards Werdegang

Werner Erhard wurde 1935 als John Rosenberg geboren, genannt Jack. 1953 beendete Rosenberg die Highschool, eine weitere anerkannte Ausbildung hat er nie begonnen. 1959-60 war er als Autoverkäufer tätig. Bis heute empören sich seine Anhänger, aber auch die deutsche Landmark-Firma darüber, dass Erhard immer wieder als ehemaliger Gebrauchtwagenhändler bezeichnet wird. Nach deren Meinung wird das seiner späteren Bedeutung nicht gerecht und dient vor allem der Herabsetzung. Nach unserer Auffassung dient dies vor allem der Hervorhebung seines frühen Interesses für den Verkauf und des Fehlens einer besonderen Qualifikation.

1960 nimmt Rosenberg den Namen Werner Hans Erhard an, zusammengesetzt aus den Namen des Physikers Werner Heisenberg und dem damaligen deutschen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard.
Danach arbeitete er u.a. als als Vertreter und Verkaufstrainer der Encyclopedia Brittanica.
1963 nimmt Erhard an Esalen-Seminaren teil. Er trifft Fritz Perls und ist in mehreren Selbsterfahrungs- und Bewußtseins-Gruppen (Encounter Training). 1967 absolviert er ein Verkaufstraining bei Dale Carnegie und einige andere Kurse in Gestalt-Therapie und Transaktionsanalyse.
Erhard bei Scientology: 1968 absolviert Erhard 5 Stufen und 70 Stunden "Auditing". Nach Steven Pressman verwendet später Auditing-Methoden und den E-Meter um die Loyalität seiner Mitarbeiter sicherzustellen.
Erhard bei Mind Dynamics: Ab 1970 nimmt Erhard an Training bei Mind Dynamics teil und wird im Januar 1971 selbst Trainer. Hier übernimmt er schnell ein Rekrutierungsverfahren: Teilnehmer an Mind Dynamics Kursen werden eingeladen, Gäste mitzubringen die zuhörten, wie die Absolventen die Kurse anpriesen. Danach werden sie in einem Nebenraum von anderen Absolventen gedrängt, sich in die Kurse einzuschreiben.

1977 gründet Erhard das "Hunger Project".
1983 tritt Werner Erhard in Deutschland vor 2000 Zuschauern in der fast ausverkauften Bayernhalle auf (Münchner Rundschau >>).
1984: Neue Konzeption des Trainings und Umbenennung in Forum
In Deutschland wird eine Firma  in das Handelsregister München eingetragen unter HRB 73251 als "The Centers Network Gesellschaft für kontextuelle Studienseminare GmbH" (9.4.84).
1991 wird Erhard in der amerikanischen Fernsehsendung "60 Minutes" massiv kritisiert.
Vermutlich war das der aktuelle Anlass für den angeblichen Ausverkauf, den Bärbel Schwertfeger (Vorwort zu Lell, S. 8) wie folgt beschreibt:

"Am 31.1.91 verkaufte Erhard seine Anteile für drei Millionen Dollar an seine Mitarbeiter, die die Organisation in Landmark Education umbenannten. Landmark verpflichtete sich zudem, in den folgenden achtzehn Jahren bis zu fünfzehn Millionen Dollar Lizenzgebühren an Erhard zu zahlen. Die Position des neuen Landmark-Chefs wurde kurz vor dem Verkauf mit Erhards Bruder und langjährigen EST-Begleiter Harry Rosenberg besetzt."

In Deutschland wird  der Firmenname von The Centers Network GmbH am 5.11.91 in Landmark Education GmbH geändert.
Die Firma bleibt unter HRB 73251 im Handelsregister München eingetragen.
 
 
 
 

Bücher
 

Martin Lell:
Das Forum. Protokoll einer Gehirnwäsche.
Der Psycho-Konzern Landmark-Education.
Vorwort: Bärbel Schwertfeger
DTV  1997 ISBN 3-423-36021-6
W. W. Bartley:
Werner Erhard, The Transformation of a Man
Potter 1978
Steven Pressman:
Outrageous Betrayal, The Dark Journey of Werner Erhard from est to Exile
St. Martin's Press, 1993

 

Handelsregister

The Centers Network Gesellschaft für kontextuelle Studienseminare mbH wurde am 9.5.1984 in das Handelsregister München eingetragen unter HRB 73251.
Gegenstand des Unternehmens: "Durchführung von Veranstaltungen ... soweit sie im Zusammenhang mit dem Werk Werner Erhard's stehen oder dieser daran in irgend einer Weise beteiligt ist ...".
1991 wurde die Firma umbenannt in Landmark Education GmbH.
1999 wurde der Sitz nach Frankfurt verlegt.
Eintragung jetzt im Handelsregister Frankfurt unter HRB 48973.
 

Unten Abbildungen aus dem Handelsregister München.
Rechts die Abbildung einer Liste der Gesellschafter der Firma "Werner Erhard Studienzentrum GmbH" in München mit Stand vom 20.9.1983.
Gesellschafter: Werner Erhard mit 47.500 DM und Firma Werner Erhard Educational Associates Ltd., Vancouver, British Columbia mit 2.500 DM.
Vergrössern: Abbildungen anklicken
 

 
 

Firmengeflecht

In einer Abmahnung vom 14.11.1994, die an eine Sektenberatungsstelle gerichtet war, heisst es:

"... bitte nehmen Sie zur Kenntnis, daß wir die Fa. Landmark Education GmbH vertreten. ...
Unsere Mandanten stehen in keiner organisatorischen Verflechtung mit einem "EST-Konzem", Center's Network oder dem Hunger Projekt:
Die Organisationen Centers Network und "est" bestehen seit geraumer Zeit nicht mehr: "Est, an Educational Corp." wurde bereits im Mai 1981 aufgelöst, einen "EST-Konzem" gab es im übrigen zu keiner Zeit.
Werner Erhard, der 1971 das est-Training einführte, hat keine Teilhaberrechte an der Landmark Education GmbH und nimmt auch inhaltlich auf diese keinerlei Einfluß.
Zwischen dem Hunger Projekt und der Landmark Education GmbH besteht kein Zusammenhang. Landmark Education beschränkt sich alleine auf die Veranstaltung von Kursen und Seminaren."

Selbstverstänbdlich gibt es keine organisatorische Verflechtung zwischen der Landmark GmbH und "Centers Network", da Landmark lediglich der neue Name der alten Firma ist. Sollte das den Anwälten entgangen oder entfallen sein? Allerdings ist es falsch, zu behaupten, Centers Network bestehe seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Firma har sich eben einfach unbenannt.
Dass es den EST-Konzern nicht gibt, ist klar. Der Begriff Konzern wird dann benutzt, wenn die Verhältnisse unübersichtlich werden und man anders die Zugehörigkeit in presseüblicher Kürze nicht mehr darstellen kann.
Ein solcher Fall liegt hier vor.
Offenbar werden auch die Kritiker systematisch in die Irre geführt, wie man wohl der Behauptung entnehmen muss, Werner Erhard habe "keine Teilhaberrechte an der Landmark Education GmbH". Im Handelsregister München HRB 73251 Centers Network GmbH hat sich jedenfalls die oben abgebildete Gesellschafterliste der Firma "Werner Erhard Studienzentrum GmbH" befunden, an der der Erhard höchst persönlich mit fast 100 % beteiligt war. Es mag also durchaus sein, dass Erhard nicht an der Centers Network = Landmark GmbH persönlich beteiligt war, sondern die ihm gehörige "Werner Erhard Studienzentrum GmbH". Es ist aufwendig und führt in der Regel nicht weiter, solchen Verflechtungen nachzugehen.
Genau deshalb verwendet man in solchen Fällen eben den Begriff Konzern.
Falsch ist auch die Behauptung, "Zwischen dem Hunger Projekt und der Landmark Education GmbH besteht kein Zusammenhang".
Der Zusammenhang ist ganz einfach:
Beide basieren auf Ideen von Werner Erhard und beide haben diese Erhard-Ideen vermarktet.
Darüber hinaus dürfte es allerdings zumindest derzeit keine Verbindungen zwischen beiden geben.
 
 

AGPF-Info von 1997
Soweit ersichtlich, wurde in diesem Text erstmals über Erhards Rolle im deutschen Hunger-Projekt berichtet.
Deshalb wird der Text hier wiedergegeben.
 

Das Hunger Projekt  
EST - Network - Forum - Landmark 

"Das Hunger Projekt" Deutschland wurde 1982 gegründet und 1983 beim Amtsgericht Rheinbach bei Bonn unter VR 243 in  das Vereinsregister eingetragen. 1983 wurde auch ein Büro in München eingerichtet. In der Broschüre "Das Ende des Hungers" (Copyright 1982) wird Erhard als "Mitbegründer" bezeichnet. Demnach hat Erhard 1977 "die fundamentalen Gesetze, die das Fortbestehen des Hungers auf unserer Erde lenken und bestimmen" und "die Prinzipien zur Beendigung von Hunger und Hungertod auf der Erde" entdeckt: "Das Hunger-Projekt wurde von Anfang an von diesen Prinzipien und Abstraktionen  geleitet". 

Zweck des Vereins laut Satzung : "... die Beendigung des Hungers auf der Welt bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu verwirklichen. Dieser Satzungszweck wird erreicht durch die Bekämpfung und Beendigung des Hungers, und zwar a) ideell mittels Lehr- und Informationsveranstaltungen, Seminaren, Broschüren und sonstiger Maßnahmen, b) durch Beschaffung von Mitteln für andere steuerbegünstigte Organisationen, die ebenfalls an der Beendigung des Hungers arbeiten (z.B. deutsche Welthungerhilfe, Misereor, Brot für die Welt etc.)". 

Das "Erhard Seminar Training" ("EST") wurde in einem Buch ("Das Buch EST" mit Vorwort von Werner Erhard, deutsch 1983) als das "gegenwärtig schnellstwachsende und bedeutendste, neuartige und umstrittene 'Erleuchtungs'-Programm" bezeichnet. In Deutschland berichtete erstmals der Spiegel (22.3.76: Psychotraining - Wie Zombies") über den "Sektengründer Erhard", der zunächst Autoverkäufer gewesen sei, dann Vertreter für Enzyklopädien:  "Als Jack Rosenberg in Philadelphia geboren", habe er sich "nach Werner Heisenberg und dem Bundeskanzler Erhard" umgetauft. Über seine Veranstaltungen in den USA wird dort berichtet:  "Wie in kollektiver Tobsucht wälzen sich rund 300 Menschen, aufschreiend in inneren Qualen, schluchzend, wimmernd, dann wieder geschüttelt von irrem Gelächter. Ohnmachtsanfälle, der Geruch von Urin mischt sich mit dem von Erbrochenem, mit unbeteiligten Gesichtern verteilen junge Helfer Papiertaschentücher und Spucktüten". 

Die "Münchner Rundschau" (28.10.83) berichtete über den Beginn in Deutschland: Werner Erhard in der fast ausverkauften Bayernhalle vor 2000 Zuschauern. Anschließend wird das "Training" angeboten, zu beenden mit "Graduation". 1983 wurde in Deutschland eine Firma gegründet: Werner Erhard Studienzentrum GmbH, München. Gesellschafter: Werner Erhard, Kaufmann, Sausalito, Kalifornien,USA, mit  47.500.- DM Kapital und Firma Werner Erhard Educational Associates Ltd, Vancouver, British Columbia mit 2.500.- DM Kapital. Die Eintragung im Handelsregister München erfolgte am 9.4.84 unter HRB 73251 als The Centers Network Gesellschaft für kontextuelle Studienseminare GmbH.  

Am 5.11.91 wurde der Name der Firma geändert in Landmark Education GmbH. 

Am 18.12.96 hat ein Rechtsanwaltsbüro aus München unaufgefordert eine umfangreiche Dokumentation verschickt (RA Tremmel, Martiusstr. 5 - 80802 München, Fax 089-337293). Inhalt u.a.: Gutachten von Prof. Dipl. Psych. Jürgen Hentze, Frankfurt und Prof. Dr. med. Norbert Nedopil, München, sowie Empfehlungsschreiben, z.B. von Lowell Streiker, Kalifornien. Die Gutachten waren offenbar für ein Gerichtsverfahren bestimmt. Auf die Frage nach Aktenzeichen, Stand und Gegenstand des Verfahrens:  " ... ist noch nicht entschieden". Keine Antwort auf die Fragen. Auch enthalten in der Dokumentation: ein Formular für eine von den Landmark-Mitarbeitern zu unterzeichnende Erklärung, wonach die Methoden der Scientology-Organisation und ihres Gründers Hubbard nicht angewandt, vielmehr abgelehnt werden. 

Buchhinweis: Lell, Martin:  Das Forum. Protokoll einer Gehirnwäsche.  
Der Psycho-Konzern Landmark-Education.  
DTV Mai 1997 ISBN 3-423-36021-6 DM 14.90 

Ingo Heinemann 16.4.97

 
 
 

 
Bildunterschrift: Sektengründer Erhard Vorgeschmack auf 1984 

DER SPIEGEL  22.3.76 
PSYCHOTRAINING 
Wie Zombies 
Eine neue Form der Seelenmassage - das „Erhard-Seminar-Training" - grassiert in den USA. 
Samstags, spät in der Nacht, wenn-die meisten Amerikaner vor ihren Fernsehern dösen, bricht in den Ballsälen amerikanischer Großstädte ein Inferno aus, vor dem Visionen von Dante bis Kubrick zu farblosen Kunstprodukten verblassen. 

Hotel Barbazon Plaza, New York, am vorletzten Wochenende: Auf dem abgewetzten, staubigen Teppich unter blätterndem Putz wälzen sich wie in kollektiver Tobsucht rund 300 Menschen,  aufschreiend in inneren Qualen, schluchzend, wimmernd, dann wieder geschüttelt von irrem Gelächter. Ohnmachtsanfälle, der Geruch von Urin mischt sich mit dem von Erbrochenem, mit unbeteiligten Gesichtern verteilen junge Helfer Papiertaschentücher und Spucktüten. 

Dann ein Kommando vom Podium Wie Zombies erheben sich die noch eben Geschüttelten, holen sich Stühle, die zu dicht geschlossenen Reihen formiert werden; apathische Stille. 

Der Trainer, lässig an einen hochbeinigen Stuhl gelehnt, nippt an einem Becher aus Edelstahl; dann, plötzlich, mit hochgeschraubter Stimme, attackiert er die Menge in verbalem Stakkato, mit monoton wiederholten Beschimpfungen: „Arschlöcher, Trottel, Idioten." 

Stunden später, manchmal erst im Morgengrauen, werden die Gequälten für ein paar Stunden nach Hause entlassen. Früh um acht, wehe dem, der zu spät kommt, geht der Hexensabbat weiter, rund sechzig Stunden insgesamt. Niemand darf während der Sitzungen den Raum verlassen. Rauchen ist ver-' boten, zum Austreten gibt es im Lauf von 16 bis 18 Stunden zwei Pausen, gegessen wird einmal. 

Zu der makabren Tortur drängen sich in den USA inzwischen Tausende. Monatelang müssen sie nach der Anmeldung auf einen freien Platz warten. 250 Dollar kostet die Teilnahme: Die Wochenend-Sitzungen sind therapeutisches Kernstück einer neuen amerikanischen Psycho-Kur, des "Erhard-Seminar-Training" (EST). 

EST nennt sich nach seinem Erfinder Werner Erhard, 40. Als Jack Rosenberg in Philadelphia geboren, überkam ihn bei einem Flug über Land, als er in einem „Esquire"-Artikel über berühmte Deutsche blätterte, die Idee, sich nach Werner Heisenberg und dem Bundeskanzler Erhard umzutaufen. 

Der Umstand, daß ihm die neue Identität bei der Flucht vor seiner Frau und den vier Kindern, die er sitzengelassen hatte, zustatten käme, mag eine Rolle dabei gespielt haben. 

Erhard war ursprünglich Autoverkäufer, dann Vertreter für Enzyklopädien, ehe er sich schließlich zum Verkäufer von Seelenheil hocharbeitete. EST verkauft Erhard seit 1971. 

Anfangs ein eher mäßig erfolgreicher Insider-Tip, hat sich das Training vor allem in den letzten beiden Jahren wie ein Steppenbrand über die USA verbreitet. 

35 000 EST-Absolventen gab es 1974, darunter die Schauspielerinnen Joanne Woodward und Valerie Harper, der Pop-Sänger John Denver und Yoko Ono. 40 000 Bekehrte kamen im vorigen Jahr dazu, und nach den bisher vorliegenden Anmeldungen soll die Masse der Mitglieder des Werner-Erhard-Kults im nächsten Jahr um 125 000 anwachsen. 

Prominente Mediziner und Psychologen gaben EST mit öffentlicher Fürsprache die akademischen Weihen. In Washington konnten EST-Anhänger Bundesmittel für das Training von Getto-Kindem und Gefangenen in Kalifornien lockermachen - und das, obwohl EST, in Erhards eigenen Worten, „den Leuten nichts anderes vermittelt als das, was sie schon wissen". 

Bildunterschrift: Erhard-Anhänger: "Alles so machen, wie Werner will" 

Höhepunkt  der Sechzig-Stunden-Seelen-Massage ist nach zwei strapaziösen Wochenenden nämlich der Moment, in dem der Trainer seinen erschöpften Klienten die Einsicht vermitlelt, daß sie „mechanische Ärsche, Maschinen" seien. 

Wer das so richtig „mitgekriegt" hat („got it"), der kann oder muß sich dann dazu entschließen, aus freier Entscheidung Maschine zu sein, was ihn, dialektische Kehrtwendung, dazu befähigt, sein maschinenhaftes, immer das gleiche Schema wiederholendes Verhalten aufzugeben - so einfach ist das. 

Der derart Erleuchtete kann nunmehr die volle, absolute Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen. Er sieht, jedenfalls wenn die EST-Gchimwäsche funktioniert hat, daß sich jeder seine Erfahrungen selber „erschafft" - auch dann, wenn sie wie direkt vom Himmel gesandt erscheinen: Lotteriegewinn oder plötzliche Entlassung, Brustkrebs oder Verkehrsunfall. 

Also keine Entschuldigungen mehr: Wer sich gefesselt auf den Schienen findet, wenn der Fünfuhrzwanzig-Zug vorbeikommt, ist, so der EST-Trainer in seiner unverblümten Art, „das Arschloch, das sich selbst da hingepackt hat". 

Die    EST-Regeln sind von Werner Erhard gesetzt, und sie sind, wie sie sind, „weil Werner das so will". Teilnehmer am Seminar dürfen in den zehn Tagen, auf die sich  die Exerzitien insgesamt verteilen, keinen Alkohol, keine Tabletten, keine Drogen zu sich nehmen, nicht meditieren oder sich sonstigen Bewußtseinsveränderungen hingeben. Sie müssen, einmal registriert, zu den Sitzungen erscheinen, und zwar auf die Sekunde pünktlich. Wer trotzdem wegbleibt, wird gnadenlos von der EST-Gestapo per Telephon verfolgt. 

Pünktlich auf den Bruchteil einer Sekunde wird nach dem Ende der vereinbarten Pause die Tür des Ballsaals abgeriegelt, und davor steht ein grimmiger Zerberus, der Zuspätkommer eisig dafür abkanzelt, daß sie den Druck auf die Blase erleichtert haben, statt ihn für weitere sechs bis acht Stunden auszuhalten oder sich, wenn es denn sein muß, in die Hosen zu machen. 

Eine Generation von Amerikanern, die zum Prinzip erhob, daß jeder machen soll, was er will („to do one's own thing"), erlebt den EST-Drill als Schocktherapie, der tatsächlich Verhaltensänderungen bewirken kann. 

Ein meisterhaftes Amalgam sämtlicher bewußtseinsverändemder Techniken" nennt das Fachblatt „Psychology Today" die EST-Mixtur, und ihre Wirkung auf Unaufgeklärte sei ein „seltenes Spektakel". 

Wenn den frisch Bekehrten nach dem Marathon die Augen leuchten und ihnen der noch rechtzeitig erwischte Bus wie ein von ihnen selbst inszeniertes Wunder vorkommt, wird ihnen von der Organisation eingehämmert, daß sie ihr mühsam erworbenes Heil nur behalten würden, wenn sie es weitergäben („to share"): wenn sie also ihre eigene Bekehrung weiterverscheuerten. 

Mit blindem Eifer gehen die frisch Erleuchteten daran, Verwandten und Bekannten das 250-Dollar-Training aufzuschwatzen. Ohne einen Cent für Werbung auszugeben, hat Werner Erhard mit dieser Methode ein Multimillionen-Dollar-Imperium aufgebaut. 

Die Büros seiner Organisation, die Zentrale in San Francisco und ein Dutzend Zweigstellen in anderen amerikanischen Städten vibrieren von der Geschäftigkeit der Erhard-Mitarbeiter, die (so „Psychology Today") „schuften wie die Ameisen, gegen niedrige Bezahlung oder umsonst". 

Vor ihrer Einstellung müssen die Novizen die „Vereinbarung" treffen (und das ist im EST-Orden praktisch ein Schwur), „alles haargenau so zu machen, wie Werner es will". Einzig und allein der Wille, „Werner zu dienen", sei für ESTianer der Zweck ihrer Mitarbeit in der Organisation, so formulierte es der gläubige Präsident der EST Inc., Don Cox, der für diesen Job seinen Posten als Direktor von Coca-Cola in Kalifornien aufgab. 

Die Jünger haben sich, so eine EST-Mitarbeiterin zu einer Reporterin der New Yorker Zeitung „Village Voice", als seine „Mönche", als seine „Soldaten" zu verstehen. Entsprechend uniformiert, „wie Blaupapier-Durchschläge" von Werner („Psychology Today"), verhalten sie sich und sehen sie aus. 

Sie kleiden sich wie er - in messerscharf gebügelte Hosen und sportliche Sakkos mit übergeschlagenen offenen Hemdkragen, sie bewegen sich, sie gestikulieren wie er, und sie reden ein EST-spezifisches  Kauderwelsch, für das es inzwischen (in dem Pro-EST-Buch der Psychologin Adelaide Bry) ein von Werner festgelegtes Vokabularium gibt: 
 

  • Jemandem etwas erzählen" ist die Chiffre für einen pompösen Vorgang, in dem „Erfahrungen geteilt" werden, feierlich, als gelte es, das Brot Christi zu brechen.

  • Liebe: „Die Bereitschaft, den ändern so sein zu lassen, wie er oder sie ist oder nicht ist."

  • Das Wort „und" wird benutzt, um keine „unnötigen Gegensätze zu „schaffen", es ersetzt das Wort „oder".

  • Arschloch: „Was jeder ist, bevor sie oder er weiß, was er wirklich ist."

Für seine Kriegerkaste hat Werner strenge Vorschriften ausgearbeitet. Sogar ihre persönlichen Beziehungen müssen die EST-Jünger rapportieren: „Halte Werner informiert, was deine Freundschaften angeht, ob Sex dabei ist oder nicht." Im Prinzip dürfen sie ins Bett gehen, mit wem sie wollen, „außer mit ihren unmittelbaren Mitarbeitern - es sei denn, Wemer wüßte das schon". 

Die „Village Voice"-Reporterin Terri Schulz, die das Training mitgemacht hat, fand: „EST bringt uns bei, in einem totalitären System zu leben und zu funktionieren", und summierte ihre Inside-Eindrücke so: „Wie 1984." 
 

 
 

Münchner Rundschau 28.10.1983 
Für den besonderen Geschmack 
est-Gründer in der Bayemhalle 
Der Abend beginnt mit einem freundlichen Spießrutenlauf: an den Zugängen zur Bayernhalle im Münchner Messegelände sind in lockeren Abständen Damen und Herren postiert, die auf handgemalten Schildchen ihren Namen auf der Brust und ein sympathisches Lächeln auf den Lippen tragen. Der Besucher darf sich willkommen fühlen, hat er doch für seine Eintrittskarte 60 (mit Studentenermäßigung 40) DM an das frisch etablierte „Münchner Center" von „est" gesandt. 

Die beachtliche Summe berechtigt zur Teilnahme an einem schlichten Vortrag. Werner Erhard. est-Gründer und -Boß, ist gekommen, um seinem in den USA. Kanada und Indien bereits erfolgreichen (über 360 000 Teilnehmer) Rsycho-Training auch in der für Neuigkeiten auf dem defizitären Ego-Sektor immer empfänglichen Bundesrepublik Starthilfe zu geben. Daß est mehr ist als ein Geheimtip, zeigt ein Blick auf den mit knapp 2000 Teilnehmern fast ausverkauften Saal. Auf der Buhne befindet sich bereits das Set, in dem Werner Erhard drei Stunden lang agieren wird: zwei Tafeln, dazwischen ein Barocksessel, ein ebensolcher Tisch, ein Pult. Pünktlich um 19.30 Uhr flammen auf den Emporen Scheinwerfer auf und Werner tritt zwischen die Tafeln. Dunkler Anzug, dunkle Krawatte, weißes Hemd: ein Manager, kein Guru. Ein Mann, der nicht ohne Grund auf der Suche nach einem Pseudonym die Namen der in den 60er Jahren in den USA populärsten Deutschen kombinierte Wernher von Braun und Ludwig Erhard. 

Werner begrüßt die Teilnehmer „von ganzem Herzen". Er hat von den am selben Tag stattfindenden Friedensdemonstrationen gehört („Irgendwie gehe ich gern zu solchen Veranstaltungen, das ist ein gutes Zeichen") und er entschuldigt sich für seinen dicken Philadelphia-Akzent - simple rhetorische Tricks, die jeder gute Redner beherrscht. Werner doziert (ausschließlich in Englisch) sehr gekonnt, mit genau choreographierten Handbewegungen, zwei mittleren Luftsprüngen, packt auch einmal seinen Sessel und hebt ihn in die Luft. Doch das sind seltene Höhepunkte. Die erstaunlichste Erfahrung dieses Abends ist, daß Werner Erhard kein nennenswertes Charisma besitzt. 
Werner zelebriert das hohe Lied der Tautologie. „Das Geheimnis", sagt er, „ist, daß es kein Geheimnis gibt - das ist das Geheimnis." Der eingeweihte Teil des Auditoriums kichert wissend. In der Tat: die Schlüssigkeit der Gleichung a = a = a ist auch bezüglich der Möglichkeit, sein Leben zu verändern, unwiderlegbar: „Den Standpunkt einzunehmen", erklärt Werner, „daß man einen Standpunkt im Leben hat, schafft die Möglichkeit, einen Standpunkt einzunehmen." Das wiederholt er zweimal, damit alle begreifen („ein gutes Training lebt von Wiederholungen"). 

Und so wiederholt Werner drei Stunden lang dieselben Analogien und Grundbegriffe, um mit hohem Pathos zu der Verheißung zu gelangen: „Sie und ich könnten die Öffnung sein, in der sich das Leben als Lebendigsein zeigt." Nun, am Ende seines Vertrags, hat er sich endlich in den hohen dunklen Barocksessel gesetzt, das Jackett über den Knien, die Beine übereinandergeschlagen. Und nun, in dieser scheinbar lässigen Pose, legt sich eine Aura um den Mann zwischen den zwei mit sich kreuzenden Linien und Kreisen bedeckten Tafeln. Während Werner mit seinen Zuhörern das Gefühl teilen will, ein „Mensch" sei an diesem Abend mit anderen „Menschen" zusammengewesen, während er von „Partnerschaft" spricht und die rührende Geschichte des indischen Professors erzählt, der in ihm keinen Guru, sondern einen Freund gefunden hatte, während er seine „Freundschaft" für seine Zuhörer "erklärt", verliert seine Persönlichkeit an Konturen. Werner Erhard wird est. 

n der Vorhalle verteilen freundliche Geschäftsmenschen Informationen über das est-Training (4 Tage plus ein Abend Mid-Training für 950 DM). Am Ende des Trainings, an dem über 250 Menschen in einem großen Saal teilnehmen werden, wird eine „Graduation" stattfinden. Aber keine Angst, • auch für est-Graduierte bietet das Center Seminare und „Sharing Meetings". 
Peter, Münchner Kleinunternehmer, war vor Werners Vortrag noch skeptisch. Nun meint er, das spräche doch jeden an. Ein Freund, Bhagwan-Jünger, hat ihn mitgebracht: „Was die einen nicht haben, haben die andern. Bhagwan ist nur der Einstieg für est." Peter, gewiß nicht wohlhabend, will das- Training, unbedingt mitmachen: „Das ist so gut, da denkt man gar nicht. mehr ans Geld. Außerdem brauchen die Geld, weil sie alles erst aufbauen müssen."  

Während sich auch der Portier der Bayernhalle seine Meinung gebildet hat („Wenn ich gewußt hätte, daß diese Bekloppten hier sind, wäre ich heute nicht gekommen") und Pfarrer Haack, vielzitierter Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche, sein dezidiertes Urteil parat hat („Volksverdummung für gehobene Stände"), scheint der neue Psychokult auf dem besten Wege zu sein, seine ökonomische Nische zu finden. Werner Erhard („Die Menschen hier sind bereit, den Preis für sich selbst zu zahlen") kann auf sein privates deutsches Wirtschaftswunder hoffen. 
Bernhard Schreiber 
 



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