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Der Bericht der Enquete-Kommission
"Sogenannte Sekten und Psychogruppen" des Deutschen Bundestages von 1998
existiert in drei Druck-Versionen.
Die Seitenzahlen stimmen
nicht überein. Deshalb muss jeweils geprüft werden, aus welcher
Version zitiert wird.
Der Bericht wurde (anders
als andere Berichte insbesondere im Ausland) nicht von einer Einzelperson
verfaßt, sondern von einer Gruppe von Personen, nämlich der
Kommission selbst, den Sachverständigen und den Bundestags-Mitarbeitern.
Man kann also nicht erwarten, daß ein solcher Bericht "aus einem
Guß" ist.
Nach der Geschäftsordnung des Bundestages hat eine Enquete-Kommission einen Bericht zu erstatten:
§ 56 GO-BT (Geschäftsordnung des Bundestages)
(1) Zur Vorbereitung von Entscheidungen über umfangreiche und bedeutsame Sachkomplexe kann der Bundestag eine Enquete-Kommission einsetzen.
(4) Die Enquete-Kommission hat ihren Bericht bis zum Ende der Wahlperiode vorzulegen. ...
Der Enquete-Bericht besteht aus zwei Teilen:
Der Sachbericht enthält Formulierungen
von sehr unterschiedlicher Aussagekraft.
Teilweise handelt es sich um Meinungen,
die nicht begründet werden.
Offenbar sind auch ganze Passagen von
Gutachten in den Bericht in leicht redigierter Form übernommen worden,
ohne daß dieser Text als Zitat gekennzeichnet worden ist.
Der Enquete-Bericht ist teilweise in der
Form einer wissenschaftlichen Arbeit abgefaßt und enthält dann
auch reichlich Fußnoten. In den von mir untersuchten Seiten waren
auch diese Fußnoten aus den Gutachten übernommen worden. Dort
aber waren es keine Fußnoten, sondern Hinweise auf andere Autoren,
im Text selbst in Klammern angeführt und ohne Seitenangaben.
Der Leser des Berichts erfährt nicht,
warum welche Sätze übernommen wurden und ob über diese einzeln
abgestimmt wurde.
Es wäre sicher zum Verständnis
der Gedankengänge besser gewesen, wenn ausdrücklich auf das jeweilige
Gutachten Bezug genommen worden wäre.
Es geht hier weder um Kritik am Bericht
noch um Kritik an den jeweiligen Aussagen.
Der Bericht enthält Aussagen, die
mir gefallen und andere, die mir nicht gefallen.
Wie gesagt, darum geht es hier nicht.
Es soll lediglich verdeutlicht werden, daß manchen Aussagen im Bericht mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen ist.
Beispiel:
| Enquete-Bericht Buchausgabe Seite 109 | Gutachten-Buch Seite 26/27: |
| Sie verstehen die werdenden Mitglieder
”destruktiver Kulte” (Fußnote 104) als ”Opfer” verschiedener
Manipulationsmethoden z.T. verbunden mit betrügerischen Verschleierungsversuchen
seitens einer Gruppe. Allen Theorien gemeinsam ist, daß sie
das Schwergewicht der Erklärung auf die Beeinflußungstechniken
und die totalitäre Struktur der Gruppe legen. Die oftmals unter dem
Stichwort ”Gehirnwäschetheorie” zusammengefaßten Ergebnisse
dieser Arbeiten werden in der wissenschaftlichen Diskussion sowohl methodisch
als auch inhaltlich kritisiert und z.T. widerlegt. Die Übertragung
des ursprünglich aus der Untersuchung von Kriegsgefangenen entwickelten
Modells auf ”sogenannte Sekten- und Psychogruppen” erscheint grundsätzlich
fragwürdig. Die beschriebenen Folgen lassen sich empirisch kaum nachweisen
bzw. in eindeutig kausalen Zusammenhang mit der Mitgliedschaft deuten.
Die Untersuchungen, die in diese Richtung deuten, weisen grundlegende methodische
Mängel auf. Die Gefahren wirken angesichts der absoluten Zahlen der
Mitglieder sowie der Stagnation der Mitgliederzuwächse und der hohen
Austrittsraten (Fußnote 105) letztlich wenig überzeugend.(Fußnote
106)
Fußnote 104 Vgl. Clark, J.: Der künstlich gesteuerte Wahnsinn, in: Müller-Küppers, M./Specht, F.(Hg.): Neue Jugendreligionen, Göttingen 1979; Singer, M. T.: Coercive Persuasion und die Probleme der Ex-Cult Members, in: Müller-Küppers, M./Specht, F. (Hg.): Neue Jugendreligionen, Göttingen 1979. Fußnote 105 Vgl. Levine, S.: Radical Depatures: Desparate Detours to Growing Up, San Diego 1984; Wright, S. A.: Leaving Cults: The Dynamics of Defection, Washington 1987. Fußnote 106 Vgl. zusammenfassend Barker 1984, a.a.O.; Barker, E.: New Religious Movements. A Practical Introduction, London 1992; Wiesberger, F.: Bausteine zu einer soziologischen Theorie der Konversion. Soziokulturelle, interaktive und biographische Determinanten religiöser Konversionsprozesse, Berlin 1990, S. 49-61. |
Sie verstehen die werdenden Mitglieder
"destruktiver Kulte" (u.a. CLARK 1979, 1983; GROSS 1996; KARBE/MÜLLER-KÜPPERS
1983; SINGER 1979) als "Opfer" verschiedener Manipulationsmethoden verbunden
mit betrügerischen Verschleierungsversuchen seitens der Gruppierung.
Allen Theorien gemeinsam ist, daß sie das Schwergewicht der Erklärung
auf die Beeinflussungstechniken und die totalitäre Struktur der Gruppe
legen.
[Auslassung, weiter im nächsten Absatz]: Die oftmals unter dem Stichwort "Brainwashing“-These zusammengefaßten Ergebnisse dieser Arbeiten werden in der wissenschaftlichen Debatte sowohl methodisch als auch inhaltlich kritisiert und z.T. widerlegt. Die Übertragung des ursprünglich aus der Untersuchung von Kriegsgefangenen entwickelten Modells auf "sogenannte Sekten und Psychogruppen" erscheint grundsätzlich fragwürdig. Die medienwirksame Etikettierung einzelner Gruppierungen dient der sachlichen Aufklärung wenig (USARSKI 1988). Die beschriebenen Folgen lassen sich empirisch kaum nachweisen bzw. in eindeutig kausalem Zusammenhang mit der Mitgliedschaft deuten, die Untersuchungen weisen grundlegende methodische Mängel auf, und die beschworenen Gefahren wirken angesichts der absoluten Zahlen der Mitglieder, der Stagnation der Zuwächse und der hohen Austrittsraten (u.a. LEvINE 1984, WRIGHT 1987) wenig überzeugend (vgl. zusammenfassend BARKER 1984, 1992; WIESBERGER 1990: 49-61). BARKER (1992) setzt sich in differenziert kritischer Weise mit den Angeboten der Gruppierungen und den möglichen positiven und negativen Folgen für das Individuum und seine soziale Umwelt auseinander. Der weit verbreitete Begriff "psychische Abhängigkeit" in extremen religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften wurde von HEMMINGER (1997) kritisch untersucht. Eine Verknüpfung von lebenszyklischen und dispositionellen Faktoren einerseits und den Beeinflussungsmethoden der Gruppen andererseits zum Zwecke der Analyse der Ursachen und Hintergründe des Beitritts zu "neuen religiös-charismatischen Gruppierungen" versuchen HUPFER und OBRIST-MÜLLER (1995). |
Der Leser eines Gutachtens wird im allgemeinen keine Probleme haben, derartige Äußerungen einzuordnen und insbesondere mit den eruierten Tatbeständen zu vergleichen. Die Zitierweise im Gutachten bedeutet im übrigen wohl auch nicht viel mehr, als daß die erwähnten Autoren diese Begriffe benutzen.
Derselbe Satz im Enquete-Bericht allerdings beinhaltet eine unzulässige Verallgemeinerung. Denn hier fehlt der Hintergrund des Gutachtens. Bei den genannten Autoren handelt es sich um Wissenschaftler mit jahrzehntelanger Erfahrung. Es kann der Eindruck entstehen, daß diese nicht in der Lage sind, die notwendigen Differenzierungen vorzunehmen. Dadurch wird ihre Arbeit generell abgewertet.
Zusatzproblem: Einige der Bücher oder Artikel, auf die in Klammern oder Fußnoten hingeweisen wird, sind nur mit größten Schwierigkeiten greifbar. Nirgendwo sind die Orginal-Zitate insbesondere aus den englischsprachigen Büchern auffindbar. Das gilt zum Beispiel für die "hohen Austrittsraten". Überall wird diese Behauptung von den hohen Dropout-Quoten zitiert, nirgendwo ist zu finden, worauf sie sich stützt. Es kommt nämlich entscheidend darauf an, ob die Betreffenden überhaupt schon "drin" waren, also entweder Mitglied oder wenigstens Anhänger, oder ob die sich noch in der Schnupperphase befunden haben. Es kommt weiter darauf an, ob man zwischen Kunden, Mitarbeitern und Managern unterscheidet, oder ob dabei keinen Unterschied macht. Fast alle Organisationen benötigen zur Finanzierung Kunden, deren Zahl, Zusammensetzung und Bindung erheblichem Wechsel unterliegt.
Der Enquete-Bericht wendet sich nicht in
erster Linie an Wissenschaftler.
Er richtet sich an den Bundestag.
In Anbetracht des bekanntermaßen
engen Terminplans von Abgeordneten bezweifle ich sehr, daß Abgeordnete
derartigen Fragen nachgehen können.
Grundsätzlich besteht die Gefahr, daß nur die kurzen und allgemeinverständlichen Sätze aus derartigen Arbeiten zitiert werden.
So ist es dann wohl auch zu verstehen, es es in einer Presseerklärung des Deutschen Bundestages (vom 19.6.98) heißt:
Bundestag hält Sekten und Psychogruppen für ungefährlich
Einsteiger keine willenlosen Opfer einer Gehirnwäsche ....
Die Enquete-Kommission war keine Untersuchungskommission.
Wenn also von "Untersuchung" die Rede
ist, dann darf das nicht im technischen Sinne verstanden werden.