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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/Dialog.htm  Zuletzt bearbeitet am 13.12.2002
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Dialog oder Abgrenzung?


Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Impressum

Dialog oder Abgrenzung? Die Frage eignet sich allenfalls als Überschrift. Eine Alternative ist das nicht.
Dahinter steckt aber auch ein altes Problem: Kommunikation statt Information.

Der Umgang mit einzelnen Anhängern oder Angehörigen einer Organisation kann Informationen über diese Organisation nicht ersetzen.

Gabriele Lademann-Priemer dazu (unten):

"Viele Menschen berufen sich für ihre Kenntnis des Islam auf Islamwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen, die "es wissen müssten“. Wir haben mit ihnen aber dieselbe Schwierigkeit, die Sektenbeauftragte mit Religionswissenschaftlern haben: Es gibt solche, die gruppeninternes Material und "Aussteigerberichte“ zur Kenntnis nehmen und auswerten, und solche, die das kategorisch ablehnen. ... Aus welchen Gründen zur Verfügung stehendes Material ausgeblendet wird, lässt sich nur vermuten.

 
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0,1872,2025789,00.html


ZDF "Aspekte" vom 6.12.2002 über interreligiösen Dialog und naive Toleranz

Wann immer die Kirchen oder staatliche Einrichtungen zum Dialog laden, sind sie da: Mitglieder von islamistischen Organisationen wie Milli Görüs. 

Blauäugigkeit?
     Inzwischen dominiert die Gruppe die Nahtstellen des interreligiösen Dialogs, wie der Amtsleiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Heino Vahldieck, sagt: "Es ist zu beobachten, dass seitens des Islam führende Repräsentanten der IGMG (Islamische Gemeinschaft Milli Görüs) den Dialog führen und den Eindruck zu erwecken versuchen, sie sprechen für den Islam." Rüdiger Hesse vom niedersächsischen Verfassungsschutz ergänzt: "Es ist verwunderlich festzustellen, dass im christlich-kirchlichen Bereich die wahren Positionen dieser Islamisten häufig nicht erkannt und gesehen werden."

Belege gibt es viele: Zum Beispiel am Hamburger "Tag der Weltreligionen" am 14. November oder der "Zweiten Bremer Islamwoche", die Anfang November stattfand, treten gleich mehrere "Milli Görüs"-Einrichtungen als Unterstützer auf. Schirmherr der Bremer Veranstaltung war Bürgermeister Henning Scherf. Auf der langen Unterstützerliste der Islamwoche finden sich Namen von Einrichtungen wie der "Fatih-Moschee" oder der "Kuba Moschee", die im Verfassungsschutzbericht Bremens der "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs" (IGMG)" zugerechnet werden. Und die ist, so heißt es weiter, die "größte extremistische Ausländerorganisation". 

Verfassungsloyale Islamisten?
     Henning Scherf verteidigt im Interview mit aspekte die Kooperation mit den hochproblematischen Islamisten: "So lange ich nicht konkret einen Vorwurf habe, der und der hat das konkret gemacht, will ich mich nicht anstecken lassen von einem alles vergiftenden großen pauschalen Vorurteil. Das ist nämlich das Ende vom Dialog und nicht der Anfang vom Dialog." Dazu verteidigt er die Bremer IGMG-Sektion als harmlos: "Die Tatsache, dass es Gründe gibt, in Köln oder irgendwo anders den Verfassungsschutz auf die aufmerksam zu machen, ist nicht identisch damit, dass wir hier vor Ort Leute haben, die in Praxis und dem, was sie machen, verfassungsloyal sind."

Experten und Innenbehörden bezweifeln eine plurale Struktur der Gruppe, vor der auch das Bundesinnenministerium seit Jahren warnt. Der Sprecher des niedersächsischen Verfassungsschutzes Rüdiger Hesse sieht in der IGMG eine "zentralistisch sehr straff von oben nach unten geführte Organisation", die "gefährlich" sei: "Gefährlich für die Demokratie deswegen, weil sie versucht Parallelgesellschaften auf- und auszubauen."

Verfassungsschutz warnt
      In den öffentlich zugänglichen Verfassungsschutzberichten der Länder finden sich gleich stapelweise recht unangenehme Zitate der Organisation. So zitiert die bayerische Innenbehörde Milli Görüs: "Für uns gibt es drei Feinde. Der Feind Nummer 1 sind die Christen. Der zweite Feind sind ebenfalls die Christen. Der Feind Nummer 3 sind abermals die Christen." (VS Bericht Bayern 1996, Seite 27)

Und noch in aktuellen Berichten wird auf die Gewaltbereitschaft der Gruppe hingewiesen. Der bayerische Verfassungsschutz zitiert in seinem Jahresbericht die Sprechchöre mancher IGMG-Mitglieder auf einer Veranstaltung am 4. Juni 2001 in Neu-Ulm. Als Bilder des geistigen Führers der Islamisten, Professor Necmettin Erbakan, eingeblendet werden, skandiert die Gruppe: "Hoca, wenn Du sagst, wir sollen kämpfen, dann kämpfen wir, wenn Du sagst, wir sollen töten, werden wir töten." (Verfassungsschutzbericht des Landes Bayern 2001, Seite 144)

Die Huldigung
      Ungeachtet von derlei Ausfällen lobt der Bremer Bürgermeister noch in der November-Ausgabe der "Islamischen Zeitung" IGMG-Vertreter als "exzellente Leute". Gleichzeitig hinterfragt er in dem Interview die Beobachtung der Islamisten durch Verfassungsschützer. Man könne nie sicher sein, "ob die dies nicht um ihres eigenen Broterwerbs Willen machen."

Neben dem Inhalt des Interviews stößt besonders die "Islamistische Zeitung" selbst auf deutliche Kritik. Der Islamismus-Experte des Baden Württembergischen Verfassungsschutzes, Herbert Müller, sieht es "mit gemischten Gefühlen, dass man einem antidemokratischen Blatt ein Interview gewährt und denkt, man hätte etwas seriöses vor sich. Aus dem Umfeld dieser Zeitung kennen wir antisemitische und antidemokratische Texte, die Parallelwelten mit einer Totalabgrenzung der Frauen proklamieren." 

Wie umgehen mit Muslimen an der Schwelle zur Verfassungsfeindlichkeit? Ein steiniger Weg zwischen Blauäugigkeit und Ignoranz gegenüber einer fremden Religion. 

von Rainer Fromm, Rainer Nuebel


 
 
3Sat Kulturzeit vom 12.12.2002


Blinde Annäherung
Wie naiv ist der Dialog mit den Islamisten in Deutschland?
Die Bedrohungsängste der angegriffenen westlichen Welt nach den Terroranschlägen der letzten Zeit scheinen zu einer groben Verallgemeinerung geführt zu haben: Jeder Muslim könnte eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit sein. Einige staatliche wie kirchliche Organisationen versuchen dieser Verhärtung zu entgehen und suchen den Dialog mit islamischen Einrichtungen.

Eine Gruppe scheint allerdings den Dialog zwischen den Religionen auf islamischer Seite dominieren zu wollen: Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) reklamiert für sich, für den Islam zu sprechen. Vertreter des Verfassungsschutzes des Bundes und der Länder verdächtigen Milli Görüs dazu, Gesprächsbereitschaft nur vorzutäuschen. Auf ihrer Homepage predigen sie den Dialog: "Die Entwicklungen des vergangenen Jahres haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass Muslime und Nicht-Muslime sich in einer zwangfreien Atmosphäre treffen und miteinander reden. Dadurch wird das Verständnis für einander vertieft, bestehende Ängste und Vorurteile werden abgebaut." Dennoch registrieren die Verfassungsschützer demokratiefeindliche Aktivitäten seitens Milli Görüs. Ihre Organisation zeige hierarichische, zentralistische Strukturen, die in dem Versuch gründen, Parallelgesellschaften auf- und auszubauen. Eine Fülle von Zitaten führender Repräsentanten von Milli Görüs verfestigen beim Verfassungsschutz das Bild der Demokratiefeindlichkeit. 

Zweifelhafter Dialog
Diese Zweifel des Verfassungsschutzes teilt der Bremer Oberbürgermeister Henning Scherf nicht. Er hält am Dialog mit der Gruppierung fest. Solange es keine konkreten Beweise gegen gezielte Personen gebe, lasse er sich nicht von einem pauschalen Vorurteil beeindrucken. Die Tatsache, dass in Deutschland einige auffällige Islamisten bekannt seien, decke sich nicht mit seinem Eindruck vor Ort. Die Muslime in Bremen bezeichnet er als "verfassungsloyal". Wie soll man also umgehen mit Muslimen in Deutschland, unter denen sich - so der Verfassungsschutz - verfassungsfeindliche und gewaltbereite Anhänger befinden sollen? Sind Kirchen und Staat zu naiv, wenn sie sich auf einen Dialog mit Vertretern islamischer Organisationen einlassen? Oder bedarf es des Vertrauens, um über große Zweifel hinweg den schwierigen Weg des Dialogs zwischen den Religionen anzutreten. Kulturzeit spricht mit Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen.


 
Aus: Materialdienst der EZW 5/2001 Seite 174


Gabriele Lademann-Priemer, Hamburg:

Der interreligiöse Dialog und seine Fußangeln

Anlässlich eines "interreligiösen“ Gesprächs bei der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg brach zwischen zwei Muslimen eine Diskussion darüber aus, ob Afghanistan ein muslimischer Staat sei oder nicht. Der eine Vertreter bestand darauf, dass Afghanistan kein islamischer Staat sei, denn es handele sich dort nicht um den "wahren Islam“. Leider blieb ungeklärt, was man unter dem "wahren Islam“ zu verstehen hat, ebenso wurde eine zweifelhafte Politik im Namen des Islam wiederholt als "nicht dem wahren Islam entsprechend“, also als nicht-muslimisch bezeichnet. Gleichzeitig werden die USA aber von Muslimen ein "christlicher Staat“ genannt, obwohl die USA sich weder als "christlich“ deklarieren noch als ein christliches Staatswesen einzuschätzen sind. Sie sind ein säkularer Staat.

Es ist sicherlich nicht neu, dass man den Islam nicht messen sollte an den Greueltaten im Sudan oder am Bürgerkrieg in Indonesien. Der Islam ist mehr und anderes als das. Vor radikalen Ausprägungen im Namen des Islam die Augen zu verschließen und sie einfach als unmuslimisch wegzudefinieren, macht einen interreligiösen Dialog jedoch unmöglich, weil über Schwierigkeiten und Probleme nicht mehr zu sprechen ist. Wenn die USA jedoch schlichtweg als "christlicher Staat“ dargestellt werden, so drängt sich der Verdacht auf, Christentum, westliche Demokratie, Drogenkonsum und "Sexismus" werden in einen Topf geworfen: der verworfene Westen gegen den "reinen Isam“, der "Islam als Rettung für den Westen“. Für diese Interpretation gibt es vielfältige Belege auf Tonträgern und in gerlruckter Form - auch in deutscher Sprache.

Dasselbe gilt für Abspaltungen vom Islam. Wer sich abspalte, sei kein "wahrer Muslim“, also gebe es keine muslimischen Sekten. Darin unterscheide sich der "wahre Islam“ von der Kirche, die Abspaltungen, d.h. Sekten hat. Für die Ahmadiyya und andere Gruppen hat diese Sicht in ihren Heimatländern politische Konsequenzen: Sie werden verfolgt. Für uns als Kirche ist es eine Aufforderung, uns für den Schutz von Minderheiten einzusetzen.

Der "wahre Islam“ habe sich allein durch Händler ausgebreitet und sei immer in der Minderheit gewesen, daher haben Muslime ein Gefühl für Minderheiten. Der Islam kenne, anders als die Kirche, keine "Mission“. Das sind angesichts historischer Zusammenhänge kühne Falschbehauptungen, und sie sind die Folge einer ideologisierten Geschichtsbetrachtung, also von Geschichtsklitterung (Anm. 1). In diesem Zusammenhang werden außerdem missionsdidaktische Methoden genannt, etwa die Islamisierung der vorfindlichen Religion, wie sie z.B. in Teilen Afrikas stattgefunden hat. Die Behandlung derer, die Minderheitenstatus in islamischen Ländern hatten und haben, ist ein eigenes Kapitel und hat mancherlei trübe Züge.

Was aber ist der "wahre Islam“? Ist er so etwas wie die "unsichtbare Kirche“, eine Art himmlisches Urbild, dem die real existierende Religion niemals gerecht wird? - Oder ist er ein verschleiernder Ausdruck für ein bestimmtes Gruppeninteresse von Menschen, die für sich den "wahren Islam“ reklamieren? Diese Frage muss geklärt werden, ehe der interreligiöse Dialog offen und ehrlich beginnen kann.

Auf der Ebene von Gemeinden und Gruppen lässt sich oftmals ein gutes Miteinander erreichen, jedenfalls sofern die Bevölkerungsanteile in den Stadtteilen ausgeglichen sind. Das kann man leider in Hamburg von manchen Gebieten nicht sagen. In einigen Bereichen im südlichen Hamburg befindet sich die deutsche Bevölkerung seit einiger Zeit in der Minderheit. In der Grundschule auf der Veddel werden derzeit nur noch ausländische Kinder eingeschult. Hier wäre eine dringende Anfrage an jene Behörden und Stellen nötig, die für den Zuzug verantwortlich sind.

Es gibt jedoch auch die Ebene des abstrakten Dialogs, auf der sich manche Vertreter von Religionen meinen einigen zu können. Diese Einigung geschieht leider gelegentlich auf Kosten der Realität, manchmal aber auch der Begriffsklärung. Ein Beispiel: Der christliche Glaube ist auf die Trinität gegründet. Unbegreiflicherweise gibt es Theologen und Theologinnen, die meinen, sie müssten die Trinitätslehre und trinitarische Formeln Muslimen gegenüber weglassen - aus Harmoniebedürfnis. Dass solche Christen von Muslimen nicht mehr ernst genommen werden, liegt nahe. Muslime erkennen an, dass der christliche Glaube die Trinitätslehre in sich schließt, halten sie aber für eine "seltsame Interpretation des Monotheismus“. Was ist der theologische Preis für eine Einigung auf "höchster (abstrakter) Ebene“? Es wird schnell betont, dass "wir an denselben Gott glauben“. Allah sei das arabische Wort für Gott, das auch arabischsprachige Christen benutzen. Die theologische Gottesfrage bleibt bei schneller Harmonisierung jedoch ungelöst.

Beide Seiten betonen manchmal, dass die Auseinandersetzung mit der anderen Religion der eigenen Glaubensvergewisserung diene. Das mag vielleicht ganz schön sein, wirft aber doch die Frage auf, wieweit ich das Fremde brauche, um das Eigene zu finden, oder ob ich das Fremde damit für mich nutze. Das ist sicherlich nicht verwerflich, aber ich muss wissen, was ich tue. Dialog ist das nicht.

Ich befürchte, wir haben es verlernt, Differenzen auszuhalten. Wir neigen zur schnellen Einigung, um den anderen nur ja nicht zu verletzen. Dahinter steht jedoch der verdeckte Versuch, den anderen für sich selbst zu vereinnahmen, ohne dass wir uns darüber klar werden, dass wir auf diese Weise selbst vereinnahmt werden könnten. Freundschaften, die so entstehen, werden nicht halten, und wir geben uns der Lächerlichkeit preis. Ein Friedensschluss auf Kosten der Wahrhaftigkeit und Durchsichtigkeit lässt den Verdacht aufkeimen, dass die Gesprächspartner unzuverlässig sind. Vielleicht sollte man nicht so rasch vom "interreligiösen Dialog“ sprechen, sondern von "menschlichen Begegnungen“, die erst auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen sind.

Ich möchte eine weitere Befürchtung äußern: Uns fehlt ein gesundes Selbstbewusstsein und das dazugehörige gesunde Gottvertrauen. Kreuzzüge, Hexenverbrennung, Drittes Reich dienen argumentativ dazu, in uns ein schlechtes Gewissen auszulösen. Das ist meistens wirkungsvoll und schlägt uns jedes Gegenargument aus der Hand. Es gibt aber durchaus Gegenargumente.

Hitler berief sich auf den Völkermord an den Armeniern (1915-1923) und war der Überzeugung, so wie die Welt jenen Völkermord schon bald vergessen hatte, so würde sie auch über den Genozid an den Juden hinwegsehen (Anm. 2). In letzterem Punkt hat er sich getäuscht. Auch denjenigen, die den Völkermord an den Armeniern zu verantworten zu haben, abzusprechen "wahre Muslinie“ zu sein, macht die Tat nicht ungeschehen. Ich weiß, dass diese Sätze nicht der "political correctness“ entsprechen. Es ist zu unterstreichen, dass ideologisierte historische Argumente nicht der Versöhnung dienen, sondern entweder Versuche sind, den Gegner argumentativ zu beherrschen oder einen neuen Streit zu provozieren. Der Wahrheitsfindung und der Versöhnung, der Achtung vor dem anderen und der menschlichen Begegnung dient es aber auch nicht, so zu tun, als wäre nichts geschehen.

Ich empfinde es als Mangel, dass wir, die wir in der einen oder anderen Weise um den interreligiösen Dialog bemüht sind, kaum Kenntnis der fremden Sprachen haben. Wer kann schon Türkisch oder Arabisch lesen? Das heißt, wir sind auf deutsche Publikationen und Übersetzungen angewiesen, obwohl bekannt ist, dass manche Übersetzungen geschönt sind und manches gar nicht auf Deutsch zur Verfügung steht.

Ich wurde von verschiedenen Seiten auf die Bücher von Harun Yahya hingewiesen. Harun Yahya (alias Adnan Oktar) ist bekannt als Christengegner. Seine Bücher finden sich auf der Bücherliste der Moslemischen Revue, die das Zentralinstitut Islamarchiv in Soest herausgibt (Anm. 2). In dem Buch SOYKIRIM YALANI (Die Genozidlüge) bekennt sich Yahya zum Revisionismus unter Berufung auf europäische und amerikanische Revisionisten, unter anderem auf den zum Islam konvertierten Roger Garaudy. Das Buch ist in der "Milli Gazette“, dem Organ der IGMG (Islamische Gemeinschaft MilIi Görüs), vom 30.9.1999 positiv besprochen worden. Im Augenblick wird eine muslimische Übersetzerin für das Buch gesucht. Yahya streitet die Shoa ab. Die Juden werden in zwei Gruppen eingeteilt, Assimilierte und Zionisten; die Zionisten hätten im Grunde dasselbe Weltbild gehabt wie die Nazis und mit diesen zusammengearbeitet. Yad Vashem solle von der rassistischen Politik der Israeli ablenken. Ferner bekämpft Yahya die Evolutionstheorie, deren "Materialismus“ den Juden diene. Einiges davon ist im Internet abrufbar.

Die Bücher von Yahya sind auf Intervention von Ahmet Senyurt, einem Kölner Journalisten, vom Büchertisch des Pavillons des Zentralrats der Muslime in Deutschland auf der Expo verschwunden, das geschah im September 2000.

Der Bereich des Zentralrats der Muslime in Deutschland auf der Expo machte Reklame für den Islam. Mit einem Bild von Annemarie Schimmel ließ sich trefflich werben. Der Integration dienen, trotz der Entfernung der Bücher von Yahya, die Schriften, die man dort erwerben konnte, nicht. So findet sich darin u.a., dass eine muslimische Frau keinen Nichtmuslim heiraten soll, ferner wird auf die Trennung der Geschlechter geachtet.

In radikalen islamischen Gruppen gibt es unterhalb der nach außen betonten Dialog- und lntegrationsbereitschaft ein hohes Maß an Antisemitismus und Antizionismus. Man beruft sich u. a. auf die "Protokolle der Weisen von Zion“ (Anm. 3). Die antisemitischen und antizionistischen Äußerungen der IGMG sind bekannt, werden aber oft nicht zur Kenntnis genommen. Selbst lgnaz Bubis hat sich nicht warnen lassen. Dialog und Begegnung können jedoch nur gelingen, wenn Unterschiede und Polemik nicht schön geredet werden.

Viele Menschen berufen sich für ihre Kenntnis des Islam auf Islamwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen, die "es wissen müssten“. Wir haben mit ihnen aber dieselbe Schwierigkeit, die Sektenbeauftragte mit Religionswissenschaftlern haben: Es gibt solche, die gruppeninternes Material und "Aussteigerberichte“ zur Kenntnis nehmen und auswerten, und solche, die das kategorisch ablehnen. Auch aus der IGMG gibt es "Aussteiger/innen“, sie berichten Erlebnisse, die aufmerksam machen sollten. Aus welchen Gründen zur Verfügung stehendes Material ausgeblendet wird, lässt sich nur vermuten.

Für uns stellt sich die Frage, von wem lassen wir uns informieren. Wer sind unsere jeweiligen Ansprechpartner und -partnerinnen - sowohl aus der Islamwissenschaft wie auch unter Muslimen und Musliminnen. So wie wir uns über unsere eigenen Interessen im Klaren sein sollten, müssen wir auch ihre kennen. Einer der Maßstäbe sollte der Umgang mit Andersdenkenden und Minderheiten sein, sowohl hierzulande als auch in anderen Ländern. Es gibt eine religionswissenschaftliche Ethik, die berücksichtigt werden muss; es gibt islamische Gruppen, die sich in Deutschland integrativ geben, in anderen Ländern jedoch an der Machtpolitik teilhaben. (Wohin gehen z.B. Gelder, die hier in Deutschland auf vielfältige Weise erworben sind? Fallen wir etwa Minderheiten und Aussteigern hier und im Ausland mit unserer Gesprächsbereitschaft in den Rücken?)

Mit Erschrecken stelle ich fest, dass Menschen, die sowohl um Verständigung als auch um Wahrheit bemüht sind, sich deprimiert zurückziehen. Mancher und manche sagen, der "Zeitgeist“ stehe gegen sie; man werde nicht gehört, ja sogar diffamiert, im einzelnen auch mundtot gemacht. Selbst zu rowdyhaften Übergriffen kann es kommen.

Wenn Menschen mundtot gemacht werden sollen, ist es eine Aufforderung an uns zu reden. Friedrich Spee von Langenfeld (1591 -1635) hat die "Cautio Criminalis“ 1631 gegen die Hexenprozesse geschrieben. Darin heißt es: "Es gebührt mir nicht, unter denen zu sein, die der Prophet stumme Hunde heißt, die nicht zu bellen wissen“ (Jes 56,10f).

Anmerkungen
1 Vgl. U. Spuler-Stegemann, Muslime in Deutschland, Freiburg 1998, 288f.
2 "Muslernische Revue“, Juli - Sept. 2000.
3 Vgl. Beschluß des Verwaliungsgerichts Hamburg 7 VG 1689/95; Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 1998, 156ff.
 


 
 

Abgrenzung oder Dialog?
Statements zur Fachtagung der AJS/IDZ vom 19.9.2001
 
 
Ingo Heinemann, AGPF:

Statement zur Fachtagung der AJS/IDZ vom 19.9.2001 zum Thema
"Abgrenzung oder Dialog?
Zum Umgang mit sog. Sekten und Psychogruppen"

Das Thema ist keineswegs nur theoretisch. Bei einer Veranstaltung der Adenauer-Stiftung am 25.6.99 in Neustadt/Weinstraße ist von Seiten der Seminarleitung mehrfach betont worden, daß die Fähigkeit und die Bereitschaft zum Dialog Voraussetzung für jede finanzielle staatliche Förderung sei. Die gemeinte Bedeutung der Begriffe wurde nicht näher erläutert. Die AGPF hat daraufhin mehrfach deutlich gemacht, daß der sog. interreligiöse Dialog sich nach Auffassung der AGPF nicht mit der Neutralität vereinbaren läßt. Im April 2000 folgte ein Vortrag von Dr. Fritz Huth beim AJS/IDZ-Fachgespräch zum Thema interreligiöser Dialog. Es konnte der Eindruck entstehen, daß der "Dialog" eine neue und unerläßliche Form des Umgangs mit den Anbietern des Psychomarktes sei, die sich selbst als Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft verstehen bzw. darstellen..

Wegen dieser Vorgeschichte ist klarzustellen: Der Begriff Dialog ist vieldeutig und eignet sich deshalb nicht zur halbwegs genauen Definition irgendwelcher Aktivitäten oder Standpunkte. Es sollten präzisere Begriffe verwendet werden.

Was die Initiativen  tun, beruht auf der Vereinssatzung, insbesondere dem Zweck des Vereins. Deshalb ist auch keine Abgrenzung nötig. Die Satzung enthält die Standortbestimmung.

Keiner der AGPF-Mitgliedsvereine hat die Verständigung zwischen Religionen und Weltanschauungen in der Satzung verankert. Der interreligiöse Dialog gehört also nicht zum Vereinszweck der Initiativen.

Im übrigen: Wer eine Beurteilung religiöser Fragen wünscht, wird sich in aller Regel ohnehin an die Beauftragten der Kirchen wenden.

Die AGPF und ihre Mitgliedsvereine bieten nach ihren Satzungen Information und Beratung über Sekten an. Die Mitgliedsvereine bieten darüber hinaus Betreuung von Betroffenen an.

Information und Beratung (Anm. 1) setzen eine möglichst objektive Beurteilung der Anbieter, des Angebots und der Gefahren voraus. Für eine solche objektive Beurteilung gibt es genügend Kriterien, auch ohne Rückgriff auf die kulturellen und möglicherweise religiösen Inhalte des Angebots.

Ein Problem kann sich im Einzelfall bei der Beschaffung und Bewertung von Informationen ergeben. Es ist durchaus denkbar, daß zu diesem Zweck Gespräche geführt werden.

Institutionalisierte Gespräche mit denen, deren Angebote zu beurteilen sind, sind grundsätzlich mit Risiken für die Objektivität der Beurteilung behaftet. Das gilt für die Beurteilung von Waschmaschinen oder Computern ebenso, wie für die Beurteilung von Unterweisung und Kursen. Deshalb ist Vorsicht geboten. Das gilt auch dann, wenn der einzelne Gesprächspartner glaubwürdig erscheint.

Hinzu kommen Risiken für die Glaubwürdigkeit des Vereins: Es ist oft genug vorgekommen, daß allein schon die Tatsache eines solchen Gesprächs zu Werbezwecken ausgeschlachtet wurde. Das gefährdet die Glaubwürdigkeit des betreffenden Vereins und kann so langjährige Bemühungen um objektive Beurteilung zunichte machen.

Erfahrungsgemäß werden solche Gespräche gelegentlich dazu benutzt, Zweifler zu beruhigen. Das gilt umso mehr, wenn das Gespräch als Dialog bezeichnet wird, als institutionalisiertes Gespräch über den kulturellen Inhalt dessen, was die jeweilige Gruppe vertritt.

Betreuung (Anm. 2) dient dem Wohlergehen eines Einzelnen. Ob zu diesem Zweck Gespräche mit dem mutmaßlichen Problemverursacher geführt werden, kann nur im Einzelfall entschieden werden und hängt maßgeblich vom Auftrag des zu Betreuenden ab. Im übrigen ist kein Verein gezwungen, einen Auftrag anzunehmen.

Zu berücksichtigen ist, daß die Betreuung eine Vertretung der Interessen des zu Betreuenden beinhalten kann. Sie muß immer eine angemessene Berücksichtigung der Interessen des zu Betreuenden beinhalten. Ein Gespräch liegt keineswegs automatisch im Interesse des Klienten. Es kann durchaus sein, daß die Gegenseite lediglich versuchen will, den Klienten unglaubwürdig zu machen. Hier spielt die persönliche Erfahrung des Betreuers eine erhebliche Rolle.



1) "Beratung": Die AGPF verwendet folgende Definition: Beratung ist die Anwendung von Informationen für einen bestimmten Interessenten, für dessen Einzelfall aufbereitet unter Anwendung von Sachkenntnissen (z.B. über bestimmte Anbieter oder Sekten, deren Angebote, Methoden und Gefahren) oder Fachkenntnissen (z.B. Psychologie, Recht), vgl. http://www.AGPF.de/Beratung1.htm
2) "Betreuung" ist hier nicht als Fachbegriff gemeint.

 
 
Sekten-Info Essen e.V.
Heide-Marie Cammans

Statement zur Fachtagung der AJS/IDZ vom 19.9.2001 zum Thema
 „Abgrenzung oder Dialog ?
  zum Umgang mit sogenannten Sekten und Psychogruppen“

Der „Sekten-Info Essen e.V.“ arbeitet auf nicht konfessioneller Grundlage und ist daher der religiösen und weltanschaulichen Neutralität nach Art. 4 GG verpflichtet. Dieser Arbeitsansatz schließt einen interreligiösen Dialog, bei dem es um den Austausch bzw. die Bearbeitung von Glaubensinhalten geht, grundsätzlich aus. Somit sind meinungsbildende Maßnahmen, die etwa zur Annäherung oder Übernahme religiöser oder weltanschaulicher Positionen geeignet sind, kein Anliegen des „Sekten-Info Essen e.V.“

Das Dialog-Verständnis des „Sekten-Info Essen e.V.“ im Hinblick auf die sog. Sekten und Psychogruppen gründet wesentlich auf den im Grundgesetz verankerten Grundwerten, sowie auf der Vereinbarung unserer demokratischen Gesellschaftsform und die sich daraus ergebenden Rechte und Pflichten. Die Würde des Menschen, sein Recht auf freie Entfaltung, seine seelische, geistige und körperliche Unversehrtheit, der Schutz von Ehe und Familie, sowie die Übernahme der Verpflichtungen einer Solidargemeinschaft stellen somit die Basis der Gesprächsintention des „Sekten-Info-Essen e.V.“ mit den sog. Sekten und Psychokulten dar. Dabei ist der Verweis auf unsere demokratische Grundordnung unerläßlich. Ebenso sind die Erkenntnisse der Psychologie und Pädagogik für die Beratungsarbeit des „Sekten-Info Essen e.V.“ von grundlegender Bedeutung.

Daraus ergibt sich, dass in Gesprächen mit den Bewegungen Glaubensinhalte insoweit zu berühren sind, als sie ein Gefahrenpotential für die Mitglieder/Gläubigen/Anhänger darstellen (z.B. Blutfrage bei den Z.J. , etwaige Ernährungsvorschriften, etc.). Dabei wird die „Wahrheit“ an sich nicht diskutiert, vielmehr geht es um bedenkliche Auswirkungen des jeweiligen Glaubens.

Dialog - Gespräch

Unter Dialog wird allgemein die Begegnung zum Austausch von Positionen verstanden. Dabei assoziiert der Begriff Dialog ein relativ hohes und abstraktes Gesprächsnivaeu. Die Qualität eines Dialoges ist von gegenseitiger Bereitschaft und Offenheit abhängig. Wie die Erfahrung des „Sekten-Info Essen e. V.“ zeigt, handelt es sich in der Praxis kaum um Dialoge in diesem Sinn, sondern um Gespräche, die aus allgemeinem oder konkretem Anlaß begründet zustande kommen. Von wesentlicher Bedeutung stellt im Vorfeld die Klärung dar, mit welcher Intention ein Gespräch angenommen bzw. erbeten wird. Auch eine selbstkritische Prüfung der eigenen Motivation ist unerläßlich. Weiter muß realistisch ins Auge gefasst werden, wo unsere Möglichkeiten bzw. Grenzen liegen.

Unter o.g. Voraussetzungen bemüht sich der „Sekten-Info Essen e.V.“  immer wieder, die eine oder andere Bewegung zur Gesprächsbereitschaft zu motivieren bzw. Gesprächssituationen zu schaffen. Dabei sind gruppenintern oftmals propagierte und internalisierte Feindbilder (wie „Sektenjäger“ oder „Inquisition“...) hinderlich bzw. nicht auszuräumen. (z.B. beim „ Bruno-Gröning-Freundeskreis“, der „University-Bible-Fellowship, vor Jahren „The Way Inter-national“ o.a.).

Andererseits kommt es ab und an zu Gesprächsaufnahmen durch die sog. Sekten und Psychogruppen mit unserer Einrichtung, manchmal aggressiv, manchmal sehr entgegenkommend, die wir allemal gerne aufgreifen und  als Chance verstehen.
 
 

Gesprächsziele

Das Gesprächsinteresse des „Sekten-Info Essen“  hat im Blick:
 

  • Annäherung  mit dem Ziel der besseren Verständigung
  • Erhöhung der Transparenz innerkultischer Absichten und Vorgänge
  • Informationsbeschaffung aus erster Hand
  • Verständnis- und Einschätzungshilfen
  • die Krisenintervention im konkreten Beratungsfall (Versuche der Konfliktlösung bzw. verminderung)
  • Generelle Verdeutlichung bedenklicher Aspekte und die Einforderung von deren   ..Änderung
  • Klärung problematischer Veröffentlichungen oder Praktiken mit den Verantwortlichen einer    Gruppierung


Besonders in den beiden letztgenannten Punkten sehen wir eine Art „Kult-Hygiene“, d.h. wir versuchen, problematische Bereiche in den Gesprächen offenzulegen und innerkultisch Problembewußtsein zu erzielen.

Der „Sekten-Info Essen e.V.“ ist der Überzeugung, dass Gespräche mit den sog. Sekten und Psychokulten sinnvoll sind,
um

  • das Vakuum des sprachfreien  Raumes zu reduzieren
  • die Gruppen nicht gänzlich sich selbst zu überlassen sondern immer wieder in den      gesellschaftlichen Kontext zu holen
  • an den aufgebauten Grenzen zu arbeiten
  • letztlich, die uns oktroyierten  Feindbilder innerkultisch infrage zu stellen
Erfahrungen

Im Laufe der Jahre kam es meist auf Anregung des „Sekten-Info Essen e. V.“ zu  einer Reihe von Gesprächen mit sog. Sekten und Psychogruppen, entweder in unserer Einrichtung oder auch in den Räumlichkeiten der Bewegungen.
Dabei kam es durchaus zu Ergebnissen im vorgenannten Sinn, wobei die Früchte hauptsächlich in der Begegnung an sich, sowie im Informationstransfer und der daraus resultierenden  Einschätzungshilfe und Meinungsbildung bestehen.
 
 

Erschwernisse
 

  •  Einige Bewegungen lehnen Gespräche mit Kritikern oder Andersdenkenden grundsätzlich ab.
  • Aufgrund der einseitig ideologischen Ausrichtung neigen manche Gruppen zur      Verzerrung der Realität. In Einzelfällen muß ebenso mit bewußter Falschdarstellung gerechnet werden.
  • Versuche des „Schönredens“, d.h. sich gut darzustellen, was jedoch  nicht immer der Realität entspricht
  • „Scheindialoge“ d.h. die Gespräche werden geführt mit dem Ziel der Täuschung (z.B. „heavenly deceit“, (Mun) „weiße Lüge,“- Fiat Lux......)


Beobachtungen in dieser Hinsicht begegnen wir mit kritischer Nachfrage bzw. Aufdeckung.
 

Gefahren
 

  • Die Tatsache eines stattgefundenen Gesprächs kann innerkultisch verfremdet bzw. als    „Persilschein“ deklariert werden, daher ist es angebracht, Gespräche mit Vertretern der    Bewegungen mindestens zu  zweit zu führen und vor Gesprächsbeginn entsprechende      Vereinbarungen zu treffen.
  • Gefahr der Instrumentalisierung (z.B. Einladungen von Herbalife zu Round-Table-Gesprächen oder eine Einladung zu einem Bufett in ein Hotel lehnen wir aus diesem Grunde ab).
Resumee

Dialog und Gespräch mit den sog. Sekten und Psychogruppen unterliegen besonderen Bedingungen, die beachtet werden müssen.
Wir sehen in der Begegnung, im Gespräch, eine starke Kraft. Sie hilft, die Abkapselung der sog. Sekten und Kulte zu reduzieren, bedeutet Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, sowie die Bewegungen immer wieder auf den Boden des Grundgesetzes und unserer Verfassung zu verweisen.

Als Berater sehen wir im Gespräch eine Möglichkeit, dem ideologischen Mauerbau entgegenzuwirken und für Durchlässigkeit zu sorgen.

Für den „Sekten-Info Essen e.V.“ liegt die Frage des Gesprächs mit den Bewegungen nicht im Bereich des Könnens oder Wollens, sondern es stellt eine Not-Wendigkeit dar.


 
 
 
DER SPIEGEL 51/2001 - 17. Dezember 2001
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,173930,00.html


Religionen

Der verlogene Dialog

Das jäh entflammte Interesse am Islam hat die Zahl der "interreligiösen Dialoge" zwischen Christen und Muslimen emporschnellen lassen. Kritiker warnen: Durch Naivität und Beflissenheit deutscher Gutmenschen verkommt der Dialog zur "multireligiösen Schummelei". Von Jochen Bölsche

Die beiden Prediger kennen einander nicht. Gemeinsam ist Isaac Mudaki und Kay Kraack nur, dass sie Christen sind, die in einer zum Teil muslimisch geprägten Umwelt leben - und dass sie unlängst allen Anlass hatten, sich dem Thema Islam und Gewalt zu widmen.

Der katholische Pfarrer Mudaki amtiert im nordnigerianischen Kaduna, wo etwa gleich viele Christen und Muslime wohnen. Dennoch will dort die Obrigkeit dem Volk die Scharia oktroyieren, die grausame islamische Rechtsordnung, nach der dem Dieb die Hand abgehackt und eine Ehebrecherin gesteinigt werden kann. In Kaduna brachen Unruhen aus, Muslime und Christen massakrierten einander mit Äxten und Macheten, Kirchen und Moscheen gingen in Flammen auf - rund 2000 Tote.

Der evangelische Pastor Kraack predigt in der Dreieinigkeitskirche im bunten Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg, wo immerhin fast jeder Dritte muslimischen Glaubens ist. In seinem Stadtteil, in der al-Kuds-Moschee am Steindamm, haben sich der islamistische Todespilot Mohammed Atta und zwei seiner Mittäter mehrmals zum Gebet getroffen, bevor sie sich aufmachten, das größte Verbrechen der letzten Jahrzehnte zu begehen - mehr als 3000 Tote.

Zwischen Kaduna und St. Georg liegen Welten. Doch die Christenmenschen Mudaki und Kraack reagieren auf die Massaker, als lebten sie nicht nur in anderen Breiten, sondern auch in anderen Zeiten.

Der nigerianische Pfarrer, nach dessen Überzeugung die Gewalttätigkeiten in seiner Heimat vor allem von fanatisierten Islamisten ausgehen, appellierte an die katholischen Gläubigen, "bis zum Letzten" gegen die Einführung der Scharia zu kämpfen, und zitierte das Bibelwort "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Einem Reporter vertraute der Pater an, warum er von dem Gebot "Du sollst nicht töten" nichts wissen will: "Wenn wir uns daran halten würden, wären wir schnell ausgerottet."

Der Hamburger Kraack setzt angesichts der Attentate militanter Islamisten auf eine gänzlich andere Strategie. Wenige Tage nach dem Massenmord in den USA riefen er und sein Kollege Gunter Marwege zusammen mit dem örtlichen Imam Mustafa Özcan Günesdogdu zum christlich-muslimischen Gemeinschaftsgottesdienst in die St. Georger "Centrum-Moschee". Dort warnte Marwege die Christen vor "Selbstgerechtigkeit": "Liebet eure Feinde."

Ein St. Georger Muslim-Sprecher pflichtete ihm bei: "Was wir brauchen, ist der Dialog."

Dialog - das gilt in der deutschen Kirchenszene als ein "Allheilmittel", dem "nahezu Wunderkräfte" beigemessen werden, wie der Berliner "Tagesspiegel" beobachtete. Ob in Gemeindesälen oder Gebetsstuben, in Fernsehstudios oder kirchlichen Akademien: Überall ist "interreligiöser Dialog" angesagt, suchen Christen eifrig nach dem Guten im Glauben der anderen.

"Wir haben noch selten Dialoge mit Muslimen mit so viel öffentlicher Resonanz gehabt wie nach dem 11. September", sagt Wolfgang Huber, evangelischer Landesbischof in Berlin. Allerdings: Seit den Terrorattacken auf die USA werden die frommen Dialogbemühungen besonders misstrauisch beäugt, innerhalb wie außerhalb der Kirchen. Wenngleich keiner der Kritiker eine Alternative zur friedlichen Debatte kennt - die Zweifel mehren sich, ob der Dialog bisweilen nicht allzu nachgiebig, allzu naiv geführt worden ist.

Unsicherheit kommt auf, wenn etwa die Hamburger Dreieinigkeitsgemeinde Muslime in ihre Kirche lädt, um "zu unserem gemeinsamen Gott" zu beten. Nicht nur Sektierer fragen sich dann, ob denn der dreieinige Christengott tatsächlich identisch sei mit dem Allah jener Araber, die wenige hundert Meter weiter, vor der al-Kuds-Moschee, Lokalreportern in den Notizblock diktieren: "Atta ist im Himmel, aber ihr kommt in die Hölle."

Vor gut gemeinter "Religionsvermischung" warnen selbst progressive Würdenträger wie Margot Käßmann, lutherische Landesbischöfin in Hannover. Auf fundamentale Unterschiede im Gottesverständnis von Muslimen und Christen weist auch ein Papier hin, das im Auftrag der katholischen Bischöfe verfasst worden ist: Der Christenglaube an den dreieinigen Gott - samt des gekreuzigten und auferstandenen Jesus - gelte nach der Koran-Sure 5 als strafwürdige "Vielgötterei".

"Wir dürfen den Dialog nicht naiv führen, wir müssen ihn selbstbewusst führen", lässt sich der EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock vernehmen. Es gebe, weiß der Bischof, in der Kirche "eine Mentalität der Gutmeinenden", die wünschten, "dass wir uns auf das Gemeinsame der Religionen konzentrieren und das Trennende weglassen müssen, so als wäre unser Christuszeugnis ein entbehrliches Sahnehäubchen".

Geradezu unterwürfig reagiert manch ein Christenmensch, wenn die brutale Unterdrückung der Frau in nahezu allen muslimisch geprägten Gesellschaften angesprochen werden müsste. Warum es einer Muslima verboten ist, einen Christen zu heiraten; warum sogar interreligiöse Techtelmechtel beispielsweise in Iran mit Kerker oder Tod bestraft werden; warum Frauen in islamischen Ländern die Schul- und Berufsausbildung oft untersagt ist; warum Söhnen im Erbfall doppelt so viel wie Töchtern zusteht; warum weibliche Untreue nach der Scharia mit Tod durch Steinigung bedroht ist - das alles wird in den Höflichkeitsdialogen oft ausgespart.

Zweifel anderer Art kommen auf, wenn Christen, so unlängst etwa im baden-württembergischen Sindelfingen, als Dialogpartner ausgerechnet einen Vertreter von Milli Görüs auswählen, einer Gemeinschaft, die nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes zwar auf Unauffälligkeit und Salonfähigkeit bedacht ist, aber als Arm der verbotenen türkischen Wohlfahrtspartei gilt, die einen Gottesstaat errichten will.

Solche Beobachtungen haben offenbar den sozialdemokratischen Bundesinnenminister Otto Schily zu der Rüge veranlasst, die Kirchen schienen "nicht immer die Kraft zu haben, die geistige Auseinandersetzung mit dem Islam zu bestehen".

Noch härter nimmt der Göttinger Muslim und Politologie-Professor Bassam Tibi die Berufschristen ins Gebet. "Besonders die protestantische Kirche" habe oft "Islamisten für Vertreter des Islam gehalten, sie anerkannt und ihnen so jahrelang Deckung geboten". Radikale Muslime wiederum hätten lange Zeit "das deutsche Gutmenschentum ausgenutzt, um für sich Freiräume aufzubauen".

Die Verantwortlichen mögen kaum widersprechen. Selbstkritisch gestehen Kirchenobere wie Bischof Rolf Koppe, Ökumene-Beauftragter der EKD, neuerdings ein, dass die kirchlichen Islambeauftragten bei der Wahl ihrer muslimischen Dialogpartner hin und wieder zu "arglos" gewesen seien. Künftig müssten sie "die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes stärker nutzen als bisher".

Das A und O eines Dialogs ist die Auswahl des richtigen Partners. Doch weil es eine allseits akzeptierte Vertretung der deutschen Muslime nicht gibt, geraten Dialogwillige in einen Dschungel untereinander zerstrittener Verbände teils obskuren Charakters. Rheinland-pfälzische Muslime, so erinnert sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, hätten an ihn appelliert: "Helft uns, eine vierte Moschee in Mainz zu bauen, denn die drei existierenden sind alle fundamentalistisch."

Allmählich dämmert manchem Kirchenmenschen auch, dass er sich aus schierer Konfliktscheu - Friede, Freude, Inschallah - zu lange darauf beschränkt hat, christliche Missetaten wie die Kreuzzüge vergangener Jahrhunderte zu verdammen, den Islam hingegen als "im Grunde tolerant" zu preisen.

Als Hauptbeleg für diese immer wieder bei Tagungen und Symposien vertretene These wird stereotyp die kulturelle Blütezeit des Islam im mittelalterlichen Andalusien beschworen. Das sei pure "Nostalgie", urteilt der Hamburger Orientalistik-Professor Gernot Rotter; die westlichchristliche und die islamische Welt hätten sich in den seither vergangenen Jahrhunderten weit auseinander entwickelt.

Dass Amnesty International heute in sämtlichen islamischen Staaten die Menschenrechte massiv verletzt sieht; dass vielerorts mit religiöser Billigung kritische Intellektuelle ermordet, arme Sünder ausgepeitscht und Mädchen vom Schulunterricht fern gehalten werden - auch das wird häufig verschwiegen, um die Gefühle der Gesprächspartner nicht zu verletzen.

Auf eine grausame Nebenwirkung solcher Beflissenheit weist der Islamexperte und Buchautor Hans-Peter Raddatz ("Von Gott zu Allah?") hin: "Indem beispielsweise der katholische Dialog den Islam als tolerante Religion verkündet, unterstellt er sich islamischer Propaganda, die ihn zudem zwingt, die Christenverfolgungen in dessen Gebieten zu verschweigen."

Duckmäuserei müssen sich die deutschen Kirchenoberen vor allem von ihren verfolgten Glaubensbrüdern und -schwestern in Nigeria und im Sudan, in Ägypten und in Indonesien vorwerfen lassen. Auf den indonesischen Molukken sind bereits Tausende von Christen religiösen Säuberungen zum Opfer gefallen und "weit mehr als 700 Kirchen" zerstört worden, wie EKD-Auslandsbischof Koppe berichtet, der auch die Ursachen kennt: "Die gewalttätigen Konflikte haben fundamentalistische muslimische Gruppen begonnen."

Dennoch bleiben solche Exzesse im deutschen Dialog durchweg unerwähnt. Nur hin und wieder riskiert jemand wie der evangelische Leitende Bischof Hans Christian Knuth höflich formulierten Protest: "Es gibt leider islamische Länder, in denen Christen sich nicht so entfalten können wie die Muslime bei uns."

Rar waren lange Zeit beherzte Stellungnahmen wie die des EKD-Ratsvorsitzenden Kock, des höchsten geistlichen Repräsentanten der Protestanten. "Unerträglich", rügte Kock jüngst, sei es etwa, dass in Saudi-Arabien Frauen "misshandelt und bestraft" werden, nur weil sie eine Halskette mit Kreuz tragen.

Lieber schwärmen die Dialogbeflissenen davon, dass Islam "Frieden" bedeute (obgleich das Wort in Wahrheit für "Hingabe" steht) und eine von Grund auf friedfertige Religion sei. Doch die Dialogversion der Wahrheit stößt zunehmend auf Zweifel - bei Rechten wie bei Linken, in der "FAZ" wie in der "taz".

Alle Welt versichere nun "eilfertig", mit dem Terrorismus habe der Islam "nicht das Geringste zu tun - als beziehe sich Bin Laden auf den Buddhismus", mokiert sich die "Frankfurter Allgemeine". "Geradezu gebetsmühlenhaft" werde derzeit der Unterschied zwischen Islam und Islamismus betont, hat auch die linksalternative "Tageszeitung" beobachtet, die in ihrem Milieu ein "merkwürdiges Interesse" registriert, "den Islam gutzusprechen".

Tatsächlich zeigen zumindest viele links gestimmte Theologen ein gewisses Verständnis für die ausgeprägte Neigung fundamentalistischer Muslime, alle Übel der islamischen Welt, von der Frauenunterdrückung bis zum Flugzeugattentat, den USA anzulasten. Walter Laqueur, Direktor des Washingtoner Instituts für Strategische und Internationale Studien, glaubt sogar, dass sich Europas extreme Linke eines Tages "nicht länger auf Marx-Engels-Lenin beruft, sondern auf Marx-Engels-Laden".

Das Gerede vom "friedlichen" Islam, erklärt Fachautor Raddatz, sei zwar zum "festen Dogmenbestandteil des interreligiösen Dialogs" geworden. Es negiere jedoch "völlig das unerschütterliche Feindbild, das der Islam vom Westen und vom Christentum hat"; aus dieser Sicht müssen alle "Ungläubigen" bekämpft werden, bis der "Frieden", nämlich die "Weltherrschaft des Islam", gesichert sei.

Im Dialog vertreten Muslim-Lobbyisten ihre Position häufig überaus sanft im Ton, aber knallhart in der Sache. Wenn, selten genug, die unbequemen Fragen vom Dialogpartner nicht völlig ausgeklammert werden, hüllt sich der Aachener Gynäkologe Nadeem Elyas, Vorsitzender des Zentralrats der deutschen Muslime, bisweilen in beharrliches Schweigen - etwa wenn ihn die Feministin Alice Schwarzer bei einer TV-Diskussion zur Frauenun-terdrückung im Islam verhören will.

In solchen Situationen unterläuft Elyas schon mal, was ein Reporter der linksliberalen "Frankfurter Rundschau" so beschrieb: "Die dunkelbraunen Augen hinter seiner randlosen Brille verlieren alle Güte und lassen ahnen, dass er sich nun mit Sehnsucht der Gepflogenheiten seiner Heimat erinnern mag, die Frauen nicht ungestraft ein loses Mundwerk in aller Öffentlichkeit führen lassen."

Selbst oft nachgiebig bis zur "multireligiösen Schummelei" (so der Berliner Bischof Huber), zeigen sich die christlichen Dialogisten immer wieder verblüfft über den Absolutheitsanspruch ihrer Gegenüber, die selbst in Diskussionen um absurd anmutende Glaubenssätze keinen Millimeter preisgeben.

Als "befremdlich" empfindet der evangelische Bremer Islambeauftragte Heinrich Kahlert beispielsweise das "muslimische Überlegenheitsbewusstsein, den unverhohlenen Anspruch, die bessere Religion zu vertreten" - etwa wenn ihm "ein frommer Muslim auf den Kopf zusagt, er sehe für uns Christen keine Möglichkeit, ins Paradies zu gelangen".

Kritik am Konzept des islamischen Gottesstaates - in dem Ungläubige zwangsläufig Menschen zweiter Klasse sind - wimmeln dialogerfahrene Muslimvertreter gern mit rhetorischen Tricks ab.

"Die Verantwortlichen für den Staat sind andere als die Verantwortlichen für die Religion", argumentiert in solchen Fällen Ahmed al-Khalifa, Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft. Eine Trennung von Kirche und Staat, behaupten einige seiner Glaubensbrüder, könne schon deshalb nicht zur Debatte stehen, weil der Islam gar keine Kirche sei.

Ähnlich spitzfindig fallen die Antworten aus, wenn Dialogteilnehmer die heikle Frage nach dem Verhältnis der muslimischen Glaubenslehre zum Grundgesetz stellen und Umfragen zitieren, nach denen gerade mal 52 Prozent der Muslime in Deutschland Koran und Verfassung für vereinbar halten. Es gebe "keinen Widerspruch zum Grundgesetz, den man nicht juristisch lösen könnte", flüchtet sich al-Khalifa dann ins Nebulöse.

Andere Argumentationsmuster muslimischer Propagandisten zielen auf das notorisch schlechte Gewissen der Bundesbürger. Eine deutsche Muslima namens Anja, die jahrelang in Sachen Dialog durch die Bundesrepublik tourte, kontert Kritik an Gräueln, die heute im Namen Allahs begangen werden, nach derselben Methode, nach der Neonazis den NS-Völkermord an den Juden mit dem Hinweis auf britische Konzentrationslager im Burenkrieg zu entschuldigen versuchen.

Verständnisinnig nicken Christen, wenn sie zu hören bekommen: "Wurden nicht auch im Namen des Christentums jahrhundertelang Menschen verfolgt, gefoltert und hingerichtet? Wurden nicht reiche Beutezüge unternommen, Menschen versklavt und unterdrückt? Denken Sie an die Kreuzzüge, an die Kolonisatoren, an die Inquisition."

Im Prinzip, so versuchen die Apologeten ihren Gesprächspartnern weiszumachen, unterscheide sich der islamische Gottesstaat ja gar nicht von westlichen Demokratien. Wie Kopftuchträgerin Anja bei deutschen Dialogveranstaltungen argumentierte, lässt sich mittlerweile im Internet nachlesen.

In muslimisch geprägten Ländern, heißt es da, dürften Frauen sehr wohl "anziehen, was sie wollen": "Nur nicht in der Öffentlichkeit." Es sei "schließlich das gute Recht eines jeden Staates, die persönliche Freiheit seiner Bürger dort einzuschränken, wo das allgemeine Volksempfinden für Recht und Ordnung betroffen wird".

Im Übrigen, so die heute in Ägypten verheiratete Muslima, gebe es auch in Deutschland Bekleidungsvorschriften:

Versuchen Sie einmal, ohne jegliche Kleidung in Ihrer Hauptgeschäftsstraße einkaufen zu gehen ... Jedem Land steht es frei, die Grenzen zwischen erlaubt und unerlaubt entsprechend dem Volksempfinden zu ziehen.

Dass Dieben die Hand abgehackt wird, erscheint aus dieser Sicht geradezu als Musterbeispiel humanen Strafvollzugs:

Haben Sie einmal erlebt, was es heißt, im Gefängnis zu sitzen? Der Delinquent verbleibt (nach dem Handabhacken) bei seiner Familie in seiner gewohnten Umgebung und hat die Möglichkeit, sofort ein neues Leben zu beginnen.

Mit solcher Logik lässt sich auch rechtfertigen, dass die Scharia jeden mit dem Tode bedroht, der aus der islamischen Glaubensgemeinschaft austritt - klarer Widerspruch zur "negativen Religionsfreiheit", die das Grundgesetz garantiert. Die Tötung von Abtrünnigen sei nicht verwerflicher, so die Pro-Islam-Propaganda, als die anderswo nach wie vor existente Todesstrafe für Hochverräter:

Wenn in einem islamischen Staat der den Glauben Verlassende offen gegen den Islam rebelliert, der dort ja die vom Volk gewählte Verfassung ist, ist das je nach Sachlage zumindest verfassungsfeindlich, wenn nicht gar Hochverrat. Und darauf kann, falls keinerlei Reue gezeigt wird, ebenso wie in vielen anderen Staaten auch, die Todesstrafe stehen.

Der Islamist - der wahre Verfassungshüter. Selbst die Ermordung untreuer Ehefrauen per Steinigung lässt sich mit Geschick als grundgesetzkonform hinstellen:

Sie halten einige Strafen für überzogen und antiquiert? Was denn zum Beispiel? Die Todesstrafe auf Ehebruch? Die Todesstrafe gibt es in vielen Staaten, inklusive einiger Bundesstaaten der USA ... Und auch laut deutschem Grundgesetz dürfte theoretisch durch Gesetz in das Recht auf Leben eingegriffen werden ... Ehebruch zerstört Familien und bedroht damit die Basis des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. Nachzulesen u. a. wörtlich im deutschen Grundgesetz, Artikel 6, Absatz 1.

Und so weiter und so fort. So unerschütterlich stehen buchstabengläubige Muslime zu den mittelalterlichen Sittengesetzen, dass manch einer sich nicht scheut, sie seinen christlichen Dialogpartnern als mustergültig anzudienen.

Bei einem islamisch-christlichen Gipfel Anfang Oktober in Rom regten muslimische Geistliche an, beide Religionen sollten gemeinsam den Kampf gegen Ungläubige aufnehmen, speziell gegen die "Förderer der Pornografie" und der "Homosexualität". Der "peinliche Vorschlag", so notierten Zeitungskorrespondenten, habe bei den christlichen Gesprächspartnern "Verlegenheit" ausgelöst.

Dass der schwierige Dialog, bei dem Mittelalter und Postmoderne oft ungebremst aufeinander prallen, nur selten im offenen Eklat endet, liegt nicht allein an der Höflichkeit der christlichen Partner. Islamwissenschaftler Tibi hat muslimische Diskussionsteilnehmer beobachtet, die sich geschmeidig zum Grundgesetz und zur Integration bekennen - jedoch nur auf dem Dialogpodium. Tibi: "Kaum ist der deutsche Gutmensch gegangen, sagt der Fundamentalist: Das ist ein dreckiger Kreuzzügler."

Nur zögernd, so scheint es, folgen die deutschen Berufsseelsorger dem Appell des EKD-Auslandsbischofs Koppe, dem Dialog eine andere Wendung zu geben und Abschied zu nehmen von lieb gewonnenen Verschleierungsfloskeln. Zu den Aufgaben der Kirche gehöre es auch, fordert Koppe, "den Muslimen Menschenrechte, Minderheitenschutz und den säkularen Staat als Errungenschaften der Moderne zu vermitteln".

Während manch ein Seelsorger um des lieben Friedens willen noch immer dazu neigt, Kritik allenfalls auf Zehenspitzen zu üben, sehen sich Deutschlands Moscheegemeinden von unerwarteter Seite ungleich schärfer attackiert - von muslimischen Frauen und Schwulen, die das Internet als Medium entdeckt haben.

Online begehren Rebellinnen aus der Deutschen Muslim-Liga Bonn e. V. (http://members.aol.com/dmlbonn/welcome.html) dagegen auf, dass manch eine ihrer in Deutschland lebenden Glaubensschwestern "nicht an gemeinschaftlichen Gebeten in der Moschee teilnehmen" und selbst "am Tag das Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen" darf. Die Begründung, nur auf diese Weise seien Frauen in Deutschland vor männlichen Belästigungen geschützt, sei unaufrichtig, schreiben die Musliminnen:

Leider ist oft zu beobachten, dass Frauen in den so genannten muslimischen Ländern mehr Belästigungen ausgesetzt sind als in Europa - selbst wenn sie ihren Körper ganz bedecken. Es stellt sich daher die Frage, ob es ausreicht, Moral allein auf die Frau abzuwälzen.

Auch homosexuelle Muslime haben begonnen, wenn auch anonym, im Internet gegen die Schwulenverfolgung in islamisch geprägten Staaten anzugehen.

So belegt ein "Ismail", dass etliche frauen- und schwulenfeindliche Stellen islamischer Standardwerke in der deutschen Übersetzung nur "geschönt präsentiert", wenn nicht sogar ganz "unterschlagen" werden - wie etwa Passagen, in denen bestimmte homo- und heterosexuelle Praktiken bis auf den heutigen Tag mit Auspeitschung oder Tod durch Steinigung bedroht sind.

Von den bieder-korrekten Dialogchristen haben die wagemutigen Musliminnen und Muslime in ihrem Kampf um Menschenrechte vorerst wohl nicht allzu viel Beistand zu erwarten. Dabei kann der christlich-muslimische Dialog nur erfolgreich sein, wenn es den Teilnehmern gelingt, auch die dunklen Seiten des Islam zu thematisieren - und trotz alledem für Toleranz im täglichen Umgang mit den in Deutschland lebenden Muslimen zu werben.

Dass auch ein solcher Dialog, offen und ehrlich, möglich ist, beweisen Christen und Muslime im Hamburger Multikulti-Viertel St. Georg. Schon vor drei Jahren nahm ein Zirkel, dem auch Kirchenvertreter beitraten, das Gespräch über Themen auf, die anderswo tabuisiert werden.

Das Protokoll liest sich wie ein Katalog aller gängigen Urteile und Vorurteile: Dienen die vielen türkischen Gemüseläden im Viertel nur als "Fassade für dubiose Geschäfte"? Wie steht es um "antisemitische Tendenzen" in den zehn Moscheen und Gebetsräumen im Stadtteil? Warum müssen deutsche Frauen "vielfältige Anmache durch muslimische Männer" erdulden?

Und, anders herum: Was ist dran an dem muslimischen Pauschalurteil, alle Christen seien Ungläubige, "die nie genug vom Trinken, Schweinefleisch und Sex mit wechselnden Partnern" kriegen, sich "höchstens einmal im Monat waschen" und deren Kinder "keinen Respekt vor ihren Eltern haben - und", wie sich ein Moscheesprecher empörte, "sogar vor ihnen pupsen"?

Sosehr hat der offene Dialog die Luft gereinigt, dass die St. Georger Muslime bei Moschee-Bauprojekten heute mit der Unterstützung vieler ihrer christlichen Partner rechnen können. Solche Erfahrungen ermutigen auch Dialogkritiker, für eine Vertiefung der Gespräche zu plädieren.

Auch der skeptische Kardinal Lehmann setzt sich für die in Deutschland lebenden Muslime ein, obgleich er weiß: "Wenn ich in Saudi-Arabien einen Gottesdienst halten will, riskiere ich Gefängnis." Zwar hat der Vorsitzende der Bischofskonferenz bereits laut darüber nachgedacht, ob den Muslimen in Deutschland lediglich "Religionsfreiheit auf Gegenseitigkeit" gewährt werden sollte. Doch die meisten deutschen Kirchenoberen scheinen eine solche Politik, die mit der Verfassung kollidieren würde, abzulehnen.

Schon jetzt, klagt Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime, sei in Deutschland der Bau einer Moschee so schwierig "wie der Bau eines Atomkraftwerks".

Wer weitere Hürden errichten wolle und beispielsweise sage, in Deutschland dürfe es keine Moscheen geben, solange Christen beispielsweise in Saudi-Arabien der Kirchenbau verboten ist, der mache, so gibt das Kirchen-Magazin "Chrismon" zu bedenken, "die eigene Tradition der Offenheit klein".

Diese Offenheit zählt heute vielleicht zu den wichtigsten Unterschieden zwischen Christentum und Islam.

"Chrismon"-Chefredakteur Arnd Brummer bringt die Distanz zwischen den Religionen auf die Formel, Muslime und Christen glaubten ja "vielleicht an denselben Gott, mit Sicherheit jedoch nicht an den gleichen".

Oder sollte es umgekehrt sein?



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