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Dalai Lama


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Titelbild der Zeitschrift
Berliner Dialog 2/95

Der Dalai Lama 
mit dem AUM-Guru Asahara

Artikel dazu von Thomas Gandow:


 
 
 

Buchbesprechung zu Goldner: Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs

Aus: Junge Welt 30.09.2000

Peter Nowak:
Der Eso-Chef
Eine Biographie des Dalai Lama, die seinen Fanclub in Wallung brachte

    * Colin Goldner: Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs. Alibri Verlag, Aschaffenburg 1999, 455
    Seiten, DM 39

Auch ein Rupert Murdoch kann mal Recht haben. Selbst wenn es hauptsächlich geschäftliche Gründe gewesen sein mögen, die dem englischen Pressemogul letzten Herbst veranlaßt haben, kritischen Meinungen über den Dalai-Lama-Kult in seinen Blättern Raum zu geben. Der internationale Dalai- Lama-Fanclub reagierte wie immer, wenn ihr Guru kritisiert wird, mit Empörung und Denunziation. Daß es nicht ungefährlich ist, sich mit den Freunden des Herrn Tentzin Gyatsu, wie der Mönchname des Dalai Lama heißt, anzulegen, bekam auch der in München lebende Wissenschaftsjournalist Colin Goldner zu spüren. Seine Biographie über den Dalai Lama war kaum auf dem Markt, da gingen bei dem Verfasser schon Morddrohungen ein.

Die international organisierte Lama-Fan-Gemeinde betrachtet die leiseste Kritik an ihrem Idol als Sakrileg und reagiert mit Empörung und Denunziation. Wer Goldners Buch liest, kann den Ärger des Dalai-Lama-Fan-Clubs verstehen, räumt doch der Verfasser konsequent mit allen Mystifizierungen auf, die sich um den Vorsteher des Gelbmützen-Ordens gebildet haben. So bezeichnet er die feudale Herrschaft unter den Klosterbrüdern in Tibet als eine der brutalsten Ausbeutergesellschaften. Menschenrechte, Demokratie oder gar Gleichberechtigung waren dort unbekannt.

Für den weltweiten Lama-Fan-Club sind solche Einwände schlicht Propaganda aus Peking, mit der man sich nicht auseinander setzen will. Zu denen, die auf ihrer lebenslangen Suche nach dem Erlöser bei dem tibetanischen Guru angedockt haben, gehört auch die Schriftstellerin Luise Rinser. Daß auch Franz Alt, der Trendsetter der Esoterik-Szene und Autor des Bestsellers »Jesus - der erste neue Mann«, zu den Anhängern des Lama gehört, verwundert nicht. Bemerkenswerter findet es Goldner schon, daß eine exponierte Verfechterin grüner Basisdemokratie wie Petra Kelly den Exponenten des Feudalsystems so vorbehaltlos verehrte. »Das persönliche Verhältnis Petra Kellys zum Häuptling der Gelbmützen war geprägt von nachgerade religiöser Inbrunst und Hingabe, selbst letzte Reste kritischer Distanz dem führenden Vertreter einer feudalen und theokratischen Gesellschaftsordnung gegenüber waren ihr schon nach kurzer Zeit abhanden gekommen.« Kellys unermüdliche Fan-Aktivitäten zahlten sich für den Dalai Lama aus. Sie verhalf ihm nicht nur in Europas Alternativ-Kreisen zu Popularität, sondern leistete auch publizistische Vorarbeit für die Verleihung des Friedensnobelpreises, der ihm 1989 zuerkannt wurde.

 Aber auch den schwarzen Schafen in seiner Fangemeinde bleibt das Gelbmützen-Oberhaupt freundschaftlich verbunden. Dazu gehört Shoko Asahara, der Guru der japanischen Aum- Sekte und Verantwortliche für die Giftgasanschläge auf die Tokioter U-Bahn im Jahre 1994. Shoko Asahara verdankt seine rasche Karriere in Japans Esoterik-Szene den persönlich gezeichneten Empfehlungsschreiben des Dalai Lama. In einem von Goldner zitierten Brief des Dalai Lama heißt es: »Meister Asahara ist ein kompetenter religiöser Lehrer und Yoga- Lehrer und ein erfahrener Meditationsausübender.« Und auch noch nachdem die Mordanschläge Asaharas weltweit für Entsetzen sorgten, bezeichnete der Tibeter Asahara als seinen, wenn auch unvollkommenen Freund.

Daß der Guru alte Freunde nicht im Stich läßt, bewies er auch im Fall Heinrich Harrers. Der auch in der hiesigen Free- Tibet-Szene hochgeschätzte ehemalige Bergsteiger nennt sich selber den Lehrer und langjährigen Vertrauten des Dalai Lama. Schon zwanzig Jahre, bevor Kelly und Co. Tibet in der Alternativ-Bewegung zum Thema machten, löste Harrer mit seinem Buch »Sieben Jahre in Tibet« in Deutschland einen Tibet-Boom aus. Wenn es um die Geschichte der chinesischen Greuel in Tibet geht, ist Harrer immer an vorderster Front mit dabei.

Über seine eigene Vergangenheit mochte er allerdings nicht so gerne sprechen, und die hiesige Tibet-Fangemeinde wollte es auch nicht so recht wissen. In den USA gab es so viel Zurückhaltung nicht. Als »Sieben Jahre in Tibet« in Hollywood verfilmt wurde, avancierte Harrers Nazi-Vergangenheit zum Gesprächsthema. Bereits 1933 sei der Österreicher Harrer in die damals in seinem Heimatland noch illegale SA eingetreten, in die NSDAP gleich nach dem Anschluß 1938. Harrer und sein Begleiter wurden während ihrer Tibet-Tour von den Engländern gefangen genommen, konnten fliehen und schlugen sich bis in die tibetanische Hauptstadt Lhasa durch, wo Harrers Erfolgsstory begann. Die bot genau den Stoff, den die Mehrheit in Deutschland in den fünfziger Jahren hören wollte. Wen sollten da die Nazi-Verstrickungen schon interessieren? Kein Wunder, daß Harrer auf die Kritik aus den USA unwirsch reagierte und sie prompt als perfides Spiel der Pekinger Kommunisten abtat.

Sekundiert wurde ihm von der Lama-Dynastie. »Die Naziherrschaft ist 60 Jahre her, Heinrich war weit weg und konnte nichts über die Verbrechen wissen. Aber einen Holocaust gibt es auch heute, und das ist der Völkermord der Chinesen an unserem Volk«, erklärte der Bruder des Dalai Lama. Der Meister selbst ging noch weiter: »Natürlich wußte ich, daß Heinrich Harrer deutscher Abstammung war - und zwar zu einer Zeit, als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkriegs weltweit als Buhmänner dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb auch, daß die Deutschen gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genügend bestraft und gedemütigt worden waren. Wir fanden, wir sollten sie in Ruhe lassen und ihnen helfen«, erklärte er 1998 in einem Playboy-Interview.

Ob er wußte, daß es die Nazis waren, die schon in den dreißiger Jahren für die erste Tibet-Begeisterung in Deutschland sorgten? Die Kinos zeigten Tibet-Filme, insbesondere Bergsteiger-Filme, es gab zahllose Ausstellungen und Veröffentlichungen zum Thema, so Goldner. Der Höhepunkt des NS-Engagements am Dach der Welt war eine von Heinrich Himmler ausgerüstete Expedition, die sich in Tibet auf die Suche nach der Wiege der Arier machte. Bei Himmlers Projekt spielten neben strategischen Erwägungen auch esoterische Hirngespinste eine Rolle, die auch heute noch durch Teile der Tibet-Soliszene wabern.

So war der Runenforscher und SS-Mann Karl-Maria Willigut der Überzeugung, in Tibet hätten Überlebende des sagenhaften untergegangenen Kontinents Atlantis Reiche aufgebaut und dort all ihr Wissen aufbewahrt. Auch die theosophischen Wahn-Ideen der russischen Spiritistin Helena Petrovna Blavatsky haben sich aus den dreißiger Jahren bis heute erhalten und stehen bei einem nicht geringen Teil der Tibet-Soliszene hoch im Kurs. Blavatsky geht von höheren und niederen Rassen aus. Die Juden sind nach Blavatsky als »abnormes und unnatürliches Bindeglied zwischen der vierten und der fünften Wurzelrasse« anzusehen, während die Arier zur höchsten Rasse gehören. Es versteht sich fast von selbst, daß diese krude Esoterik bei Teilen der Naziszene wohlgelitten war.

Die Blavatsky-Jüngerin Alice Ann Bailey, glühende Hitler- Verehrerin und Propagandistin des Dritten Reiches, behauptete, spiritistische Weisungen direkt von der »Großen Weißen Bruderschaft« zu empfangen, zu der nur besonders Erleuchtete Zugang hätten, darunter Napoleon, Mussolini, Hitler und Franco. Auch Bailey ist eine der Vordenkerinnen der heutigen New-Age- und Esoterik-Szene, wo ihre Bücher zur Grundlagenliteratur zählen.

Goldners materialreicher Recherche fällt das Verdienst zu, die braune Vergangenheit der deutschen Tibet-Begeisterung ausgeleuchtet zu haben. Daß gerade das Alternativmilieu den Lama vergöttert, hätte er noch stärker herausarbeiten können. Auch die Rolle des Dalai Lamas als Dissident gegenüber China wäre es Wert, genauer betrachtet zu werden. Schließlich waren es ja in den 70er Jahren alternative Linke, die Solschenizyn und Co. hofierten. Ein wichtiges, lustig geschriebenes Buch, aber sicher harte Kost für alle Esoteriker.

Peter Nowak



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