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Colonia Dignidad: Eine deutsches Sekten-Lager in Chile
Sexueller Missbrauch von Kindern, Entführung, Folter:
Paul Schäfer hat sich 40 Jahre erfolgreich der Justiz entzogen.
 
 
Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
 

Paul Schäfer (geboren 4.12.1921 in Troisdorf; gestorben 24.4.2010 in Santiago de Chile) ist während der Verbüssung einer Freiheitstrafe im Gefängnis gestorben.
Einzelheiten zu seiner Person bei Wikipedia.
 

 
Schäfer verhaftet 

Am 10.3.2005 wurde Schäfer in Argentinien verhaftet. 
Immer wieder wurde vermutet, dass er sich in Chile versteckt hält, in den Bunkern seiner "Colonia Dignidad" von der Grösse des  Saarlandes , die mehrfach mit grossem Polizeiaufgebot durchsucht wurde. 

Gefasst  wurde er in einer Luxussiedlung in Argentinien bei Buenos Aires, auf der anderen Seite des südamerikanischen Kontinents.

 

Weitere Artikel zur Verhaftung:

Hamburger Abendblatt vom 29.3.05 - http://www.abendblatt.de/daten/2005/03/29/414697.html

Vom Opfer zum Jäger
Colonia Dignidad: Ein Leben lang bekämpfte der Hamburger Wolfgang Kneese seinen Peiniger Schäfer. Jetzt will er den Chef der deutschen Sekte in Chile verurteilt sehen - und im Gefängnis besuchen.
General-Anzeiger Bonn 12.3.2005  http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/artikel.php?id=86664
"Bitte hilf uns hier raus"
Der jetzt gefasste Paul Schäfer gründete seine Sekte einst in Siegburg - Zahl deutscher Unterstützer der chilenischen Siedlung "Colonia Dignidad" schien lange übermächtig - Die Geschicht von 1954 bis heute, mit Abbildungen
 
Der Steckbrief 
Paul Schäfer ist ein Kinderschänder, der sich durch Gründung einer Sekte der Strafverfolgung entzog, in Chile einen Staat im Staate aufgebaut und dem Diktator Pinochet als Folterlager zur Verfügung gestellt hat.  
Schäfer wurde seit 1997 in Chile steckbrieflich  gesucht. Zahlreiche Razzien auf dem riesigen Gelände blieben erfolglos.
 
 

Die unendliche Geschichte in Kurzfassung

Paul Schäfer organisierte als junger Mann unmittelbar nach Kriegsende im Auftrag der evangelischen Kirche Jugendfreizeiten. Daraus wurden "Straflager für kleine Jungs" (Gemballa 1998). Ihm wurde der Missbrauch seiner Schutzbefohlenen vorgeworfen. 1950 wurde ihm gekündigt. Schäfer wurde Wanderprediger, gefördert von einigen Baptisten. In Siegburg bei Bonn gründete er ein "Waisenheim", intern als Missionshaus bezeichnet. Daraus wurde alsbald ein Sekten-Zentrum. Ein Verein und Firmen wurden gegründet, die bis in die neunziger Jahre als deutscher Stützpunkt für die Kolonie in Chile dienten. 1961 gab es das erste Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Schäfer hatte bereits den Aufbau seiner Kolonie in Chile begonnen und trat eine gut organisierte Flucht an. Die ihm anvertrauten Kinder entführte er, indem er Angehörige und Behörden täuschte. Bereits 1961 erfolgt die juristische Gründung der Colonia Dignidad, der die chilenische Regierung ein riesiges unwegsames Gelände mit wenigen Hütten inmitten der Wildnis übertrug. Ein Lager entstand, die Bewohner wurden kaserniert, das Gelände nach innen und außen hermetisch abgeriegelt. 1970 kam Allende an die Macht, der Schäfer als Neonazi und Faschisten ansah. Die Kolonie wurde "zum Ausgangspunkt des chilenischen Militärputsches, der ... 1973 die Diktatur Pinochets einleitete". (Gemballa 1998, S. 91). Schäfer beschaffte grosse Mengen an Waffen und Kriegsgerät, schenkte Pinochet einen Mercedes 600. Die Regierung revanchierte sich mit "Staatsbesuchen" und machte die Kolonie zum militärischen Sperrgebiet und deren Bewohner zu Mitarbeitern des Geheimdienstes. Aus der landwirtschaftlichen Kolonie war ein folterlager des Diktator geworden. Amnesty International deckte dies auf, der Stern publizierte die Berichte. Der in Deutschland noch vorhandene Verein erwirkte beim Landgericht Bonn eine einstweilige Verfügung, AI und Stern legten Rechtsmittel ein, Schäfer gelang es, den Prozess 20 Jahre bis 1997 zu verschleppen. Dann wurde der Verein gelöscht und das Verfahren ohne Ergebnis eingestellt. Der Journalist Gero Gemballa schrieb 1997: "Die Geschichte ist ohne Ende. Irgend ein großes Geheimnis ist noch dahinter". Das gilt auch heute noch. Das gilt auch für die Tatsache, dass Schäfer sich seit 1997 trotz inzwischen zahlreicher Razzien der Verhaftung und Bestrafung entziehen kann.

Deutsche und chilenische Politiker bemühen sich seit Jahren um Aufklärung, bisher mit wenig Erfolg. Schon 1988 hat der Bundestag eine Anhörung durchgeführt (vgl. Protokoll).
Dass die Sache immer wieder auf der Tagesordnung steht, ist hauptsächlich einem Mann zu verdanken:
 
 
 

Wolfgang Kneese

1957 schickten seine Eltern den 12jährigen Wolfgang Müller in die Sommerferien zu Schäfer. Er wurde von Schäfer missbraucht und nach Chile verschleppt und dort gefangen gehalten. Mehrfach flüchtete er, wurde von den Behörden wieder zurückgebracht. Schäfer verordnete absolutes Sprechverbot und setzt ihn unter Medikamente. Tags musste er rote Kleidung tragen, nachts weisse, damit er immer gut erkennbar war, wurde bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. 1966 gelang ihm mit einem Pferd die Flucht durch die Wildnis zur deutschen Botschaft. Er wurde von seinem Peiniger wegen Diebstahl des Pferdes und Homosexualität angeklagt und vier Monate in Untersuchungshaft gesteckt. Die Botschaft bezahlt Sozialhilfe. Er kaufte dafür ein Flugticket nach Deutschland. In Chile wurde er in Abwesenheit verurteilt. Das Urteil steht bis heute. Die Colonia startete eine PR-Kampagne, um ihn und seine Enthüllungen unglaubwürdig zu machen. Die Kampagne zeigte Wirkung, auch deutsche Politiker besuchten die Kolonie in Chile und unterstützen nicht nur damit Schäfer. Wolfgang Müller  stiess in Deutschland auf Unglauben, arbeitete schliesslich als Dokumentar im Stern. Das allerdings wussten dessen Reporter nicht, als diese 1977 auf der Suche nach Beweisen waren. Er heiratete und nahm den Namen seiner Ehefrau an. Beide gründeten einen Verein.
 
 
 

Informationen über die Colonia Dignidad bei:
 

Flügelschlag e.V.
(Der Verein wurde 2011 wegen Erreichung des Vereinszwecks aufgelöst)
23843 Bad Oldesloe
Am Poggensee 1
Vorsitzender: Wolfgang Kneese
Tel. 04531-8801893
Fax 04531-8801894
E-Mail: zebrakneese@t-online.de
http://www.AGPF.de/Fluegelschlag.htm
 
 

Gero Gemballa
 
 
Gero Gemballa, geboren 1961, gestorben 2002, 
hat 1987 mehrere Fernsehberichte über die Colonia Dignidad erstellt. Aus den dabei erworbenen Informationen entstand sein erstes Buch zu diesem Thema. Im letzten Kapitel berichte er über die Rolle der deutschen Politik in diesem "deutschen Skandal". "Die Botschaft habe ich in meiner Hand", soll Schäfer immer gesagt haben. Völlig abwegig war das nicht. Schäfer unterhielt gute Kontakte zur bayerischen Staatskanzlei des Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauss. Der langjährige Auslandsreferent der CSU später: "Strauss wusste, was da vorgeht". In der Colonia sei der begrüsst worden: "Alles, was wir hier machen, ist für Strauss". 
Der damals bekannteste deutsche Waffenhändler Gerhard Mertins (Firma: Merex) organisierte einen deutschen "Freundeskreis" für die Kolonie, dem auch etliche Politiker angehörten. Mertins selbst hatte fraglos Geheimdienst-Kontakte. Darüber und über seine Waffengeschäfte berichtete damals die Presse. Gemballa zeigt zahlreiche Querverbindungen auf. 

In seinem ersten Buch von 1988 (>>) schrieb Gero Gemballa : 

"Die Geschichte ist ohne Ende. Irgendein großes Geheimnis steckt noch dahinter. Der Grund, weshalb die Leiter der "Colonia Dignidad" bisher immer ungestraft davonkommen konnten, ja ihr Lager auch noch zu einem finanzkräftigen Wirtschaftsbetrieb ausbauen konnten, ist noch nicht gefunden".
Es ist keineswegs abwegig, hinter derartigen Geheimnissen Geheimdienste zu vermuten.
Dabei muss es sich keineswegs nur um den chilenischen Geheimdienst handeln.

Wohl deshalb lautet auch eine Frage der PDS-Fraktion an die Bundesregierung:

17. Haben sich Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes in der „Colonia Dignidad“ aufgehalten und wenn ja, wann und zu welchem Zweck?
Die Antwort (mehr dazu unten):
"Die Bundesregierung nimmt zu nachrichtendienstlichen Angelegenheiten ausschließlich gegenüber den für die nachrichtendienstliche Kontrolle zuständigen Gremien des Deutschen Bundestages Stellung".
 
 

Die deutsche Politk und die Colonia Dignidad

Die deutsche Politik hat die Colonia Dignidad noch nie ignoriert.
Erst gab es gute Kontakte. Gemballa schildert diese ausführlich.
1985 gab es ein Problem.
Das Ehepaar Packmor war geflüchtet.
Aber nicht etwa zur deutschen Botschaft. Denn die hatte Schäfer nach eigenen Aussagen "in der Hand".
Sondern in die kanadische Botschaft. Der kanadische Botschafter zitierte seinen deutschen Kollegen herbei.
Nur wenn der Botschafter verspreche, dass das Ehepaar nicht - wie vorher offenbar andere Flüchtlinge - zurück ins Lager expediert werde, sei man bereits, die beiden in die Obhut der Deutschen zu geben.
Der Botschafter berichtete nach Bonn (Aktenzeichen RK 543.00 Ber. Nr. 352/85), erhielt Weisung und gab das "peinliche Versprechen" (Gemballa) ab. Damit war das Problem als Problem der deutschen Regierung internationalisiert.

Seither wird das Problem bei allen Treffen zwischen deutschen und chilenischen Spitzenpolitikern angesprochen.
 
 
 

Pressebericht 2004: Angebliche Pläne der Regierungen Chiles und Deutschlands
 
La Nación Domingo (LND) 3.10.2004 


Der geleitete Übergang zum Ende der deutschen Enklave 
Der Niedergang der Colonia Dignidad 

Die Regierungen Chiles und Deutschlands entwerfen einen Plan zur Eindämmung der  unvermeidlichen Auflösung Colonia Dignidads. Dadurch soll verhindern werden, dass die „Staatsgründe“ durchsickern, die das Überleben der deutschen Enklave über 40 Jahre lang ermöglicht haben, welche aber einige der ehemaligen Führer schon zu enthüllen beginnen. 

Pascale Bonnefoy M. 

Die endgültige Lösung des Colonia Dignidad-Problems bestünde in lebenslangen Entschädigungszahlungen an die über 200 Kolonisten und ehemaligen Kolonisten, der Bewegungsfreiheit der Bewohner und der Zwangserneuerung der jetzigen Leitung nach dem bevorstehenden Urteilsspruch des Richters Hernán González am Berufungsgericht in Talca gegen die Führungsspitze der Kolonie, bestätigten regierungsnahe Quellen gegenüber LND.  
Das zwischen beiden Regierungen getroffene Abkommen hätte zur Folge, dass Deutschland für die Entschädigung der deutschen Koloniebewohner aufkommt, während der chilenische Staat ebenso mit der geringeren Anzahl an Chilenen verfährt. Beide Staaten entscheiden gerade über Höhe und Zahlungsmodalitäten der Entschädigungen. 
In der deutschen Botschaft Santiago hieß es, man sei nicht befugt, Informationen oder Erklärungen über Colonia Dignidad abzugeben: „Jedes andere Thema, nur nicht dieses“, erklärte ein Diplomat. Eine mit dem Thema vertraute Quelle aus dem chilenischen Innenministerium sagte, keine Kenntnis über irgendeinen Plan zu haben, „aber das bedeutet nicht, dass es keinen gibt“. 
Bisher wird der Auszug von etwa 30 Kolonisten vorbereitet, was den Öffnungsprozess der etwa 40 Kilometer von Parral entfernt gelegenen deutschen Gemeinde beschleunigt. Mittelfristig werden noch weitere Bewohner Dignidad verlassen, während andere freiwillig entschieden haben, innerhalb des Grundstücks zu bleiben. 
Seitdem der Führer der Colonia Paul Schäfer 1998 geflohen ist, um einem Haftbefehl zu entgehen, der 1997 wegen Kindesmissbrauchs gegen ihn ergangen ist, ist der innere Zusammenhalt stetig schwächer geworden und durch die unterschiedlichen Ansichten der Leiter über die Zukunft der Gemeinde, die sinkenden Einkünfte aufgrund der niedrigen Produktivität ihrer Hauptfirmen sowie den Druck und die hohen finanziellen Kosten ihrer rechtlichen Verteidigung im Zuge der Dutzenden von laufenden Gerichtsermittlungen aufgrund von Delikten, die von Steuerflucht bis Mord reichen, verschärft worden. 
Richter González, der seit 1996 die Anklagen wegen Entführung und Kindesmissbrauchs in Colonia Dignidad untersucht, wird bald das Urteil in erster Instanz gegen etwa 20 Führungsmitglieder sprechen aufgrund der Verbrechen der Entziehung und Verweigerung der Übergabe Minderjähriger und wegen der Mittäterschaft und Begünstigung bei den sexuellen Verbrechen ihres flüchtigen Oberhauptes. Es wird erwartet, dass sie zu Strafen zwischen 5 und 10 Jahren Gefängnis verurteilt werden, und prozessnahen Anwälten zufolge gibt es nur geringe Chancen auf Strafbefreiung. Der Fall Schäfer bleibt vorübergehend eingestellt, solange dieser nicht gefasst wird. 
Die Gerichtsurteile werden die deutsche Gemeinde enthaupten und die eiserne Kontrolle zersprengen, die ihre Führer jahrzehntelang durch Bestrafung, körperliche und psychische Konditionierung sowie unter Bedingungen der äußersten Isolation ausgeübt haben. Auf der anderen Seite hat die Leitung der Colonia nicht mehr die operativen Fähigkeiten von einst, auch nicht all ihre alten mächtigen Verbündeten in Politik, Wirtschaft, Militär und Polizei. Nicht nur Schäfer und drei seiner Helfer, die mit ihm verschwanden, sind weg, sondern auch andere Schwergewichte der Hierarchie. 
In diesem Zusammenhang fand der Besuch zweier deutscher Abgeordneter im vergangenen August in Chile statt. Am 17. August kündigte der Abgeordnete Wolfgang Börnsen (CDU) von Valparaíso aus an, dass in den nächsten Monaten eine Delegation der deutschen Regierung in die Colonia gehen würde. „Ich glaube, dass es jetzt richtig ist, dieses Problem mit der Unterstützung der chilenischen Regierung pragmatisch anzugehen und es allmählich zu überwinden. Wir wollen, dass alle dort angezeigten Entführungen aufgeklärt werden“, sagte er. 
Nicht ganz zwei Wochen später betrat eine Delegation von acht deutschen Diplomaten die Kolonie, um mit den ca. 200 überwiegend deutschen Bewohnern zu sprechen. Über die Hälfte äußerte, dass sie „in Freiheit leben“ möchte. 
Sowohl die deutsche als auch die chilenische Regierung sind darin übereingekommen, dass die jetzige Situation Colonia Dignidads unhaltbar ist und eine Lösung nicht vorschnell durchgesetzt werden sollte, es könnte beiden Staaten schaden. „Wir haben für die Chilenen viele Geheimnisse bewahrt. Wir haben mehr für Chile getan als die Chilenen selbst“, deutete eine hochrangige Quelle der Kolonie an. 
Einige dieser Geheimnisse, etwa dass zwei ausländische Touristen, die beide 1985 verschwanden, auf ihrem Gelände festgehalten wurden, sickern bereits durch. 

Kriegsfronten 

„Anfang 1974 sah ich Paul Schäfer eines Abends vor dem Gebäude Diego Portales in seinem blauem Mercedes ankommen. Er wurde mit dem größten Respekt empfangen. Da fiel die Maske der Diskretion über die Kollaboration der Colonia Dignidad mit dem Militär“, bestätigte der ehemalige Einsatzleiter der Frente Nacionalista Patria y Libertad (FNPL), Roberto Thieme, gegenüber LND. 
Nach dem Militärputsch von 1973, zu dem Colonia Dignidad durch logistische Unterstützung von Zivilisten und Militärs beitrug, kommt es zu einem beispiellosen „qualitativen Sprung“ der Zusammenarbeit mit der deutschen Gruppe, indem sie der neuen chilenischen Staatsgewalt an beiden „Kriegsfronten“ diente: der antisubversiven und der externen. 
Von dem DINA-Geheimdienst ab 1974 als Einsatzzentrum im Süden genutzt, bot Colonia Dignidad seine Räumlichkeiten an, um dort politische Gefangene zu halten, zu foltern und verschwinden zu lassen. Zahlreichen Aussagen zufolge haben deren Führungskräfte auch den Agenten der DINA in ihren Verhören und Foltermethoden Anweisungen gegeben und sogar dafür gesorgt, dass ausländische Agenten ihren chilenischen Kollegen in diese Techniken unterwiesen. Ehemalige Kolonisten behaupten, die Deutschen gingen selbst auf die Jagd nach Linksgerichteten der Gegend zusammen mit chilenischen Agenten. Nach Aussagen einiger ehemaliger politischer Gefangener war Schäfer selbst an ihren Folterungen beteiligt. 
Eine hochrangige Quelle innerhalb der Kolonie versichert, sie habe als Kind den Gefangenen gelegentlich Essen bringen müssen. Diese seien häufig einige Kilometer südöstlich der Kolonie verlegt worden, zum Cerro Maravilla in der Nähe der Grenze, wo er annimmt, dass sie vom Militär verhört wurden. Danach wurden sie nach Dignidad zurückgebracht. 
Trotzdem streitet sie ab, dass sie in der deutschen Enklave gefoltert wurden. 
Fest davon überzeugt, dass die Kolonie „patriotischer“ als die meisten Chilenen gehandelt habe, berichteten zwei hohe Führer von Dignidad unabhängig voneinander, die Kolonie habe angesichts eines bevorstehenden Kriegskonflikts mit Argentinien Ende der 70er Jahre mit der Armee vereinbart, bei der Sicherung und dem Schutz einiger für die Verteidigung des Landes strategischer Militärstützpunkte mitzuwirken. 
Diese Zusammenarbeit ging weit darüber hinaus, die Armee auf Bewegungen oder verdächtige Personen aufmerksam zu machen. Jeder Fremde in der Gegend „ohne Befugnis“, der ein Spion oder Untergrundkämpfer sein könnte, sollte der Colonia Dignidad überstellt werden, um dort „festgehalten“ zu werden. 
Colonia Dignidad und die Armee errichteten einen Sicherheitsgürtel in der Gegend vor den Anden, der weitaus mehr Gebiet umfasste, als es für den bloßen Schutz des deutschen Grundstücks notwendig gewesen wäre. Zur Verteidigung, fügen die Quellen hinzu, wurden „gefährliche Materialien“ in die Grenzübergänge gestreut. Zusätzlich sollte die Kolonie beim Schutz eines Gebiets in der Nähe der Thermen von Chillán sowie des Bereichs um den Vulkan Osorno helfen. 
Einer Quelle zufolge, die sich jahrelang mit der Kolonie befasst hat, wurde in Dignidad ein leistungsstarker Radar installiert, den das chilenische Militär gegen den potentiellen Feind jenseits der Anden verwendete. „Auch die Landebahn der Kolonie ist genutzt worden und von Dignidad aus wurden Agenten nach Argentinien geschleust, um Informationen zu erhalten und Sabotageaktionen zu planen. Gleichzeitig wurde in der Kolonie ein Vorrat an Saringas hergestellt, der gegen Argentinien eingesetzt werden sollte“. 
Zugleich sind die komplexen Überwachungs- und Sicherheitssysteme innerhalb der Kolonie und ihrer Umgebung verstärkt worden, indem hoch entwickelte Erkennungs- und Kommunikationsanlagen, Bunker, Tunnel, zwei unterschiedliche Kommunikationszentralen eingerichtet und eine große Menge an Sendern auf unterschiedlichen Frequenzen bedient wurden. Laut ehemaligen Koloniebewohnern stand die Führung in direkter Verbindung zu den verschiedenen Zweigen der Armee und der Carabineros-Polizei. 
Einige Quellen versichern, der Bundesnachrichtendienst (BND) habe über all diese Dinge Bescheid gewusst, da Schäfer und andere Führungsmitglieder über die Aktivitäten der DINA und der chilenischen Armee dort Bericht erstatteten. 
„Wir haben auch Deutschland sehr geholfen“, erklärte eine der Quellen in Dignidad. „Mit der deutschen Botschaft hatten wir eine sehr gute Beziehung“. Eine zweite Quelle sagte, die Botschaft habe sogar vor und nach dem Militärputsch Spezialisten auf das Gelände geschickt, um einige der Bewohner in Abwehrtechniken zu unterrichten. 
In der Tat war es die Führungsspitze Dignidads, die als Verbindungsglied zwischen der Auslandsabteilung der DINA und dem BND fungierte, so die Aussage des ehemaligen DINA-Agenten Michael Townley, aufgenommen von dem US-amerikanischen Journalisten John Dinges. Im Juli 1975, so Townley, stellte Colonia Dignidad den Kontakt zwischen dem Ex-Agenten der Auslandsabteilung, Major Cristoph Willeke, der sich im Auftrag der DINA in Frankfurt befand, mit dem BND her. Beide Geheimdienste tauschten Listen von subversiven Lateinamerikanern aus, die in Europa agierten, schreibt Dinges in seinem kürzlich erschienenen Buch „The Condor Years“. 
Nachdem das Kriegsrisiko vorüber war, dauerte die Kollaboration der Kolonie in den 80er Jahren an, angesichts einer möglichen heimlichen Einreise von chilenischen oder ausländischen Untergrundkämpfern über die Grenze. Beiden Quellen zufolge habe Schäfer angeboten, dem Militär zu helfen, verdächtige Personen „festzuhalten“. Dennoch versichern sie, nicht für deren Verhaftung verantwortlich gewesen zu sein, sondern sie von den Soldaten entgegengenommen zu haben, um sie auf dem Gelände als „gefangene Gäste“ zu halten. 
Ebenso betonen sie, dass die Gefangenen immer „lebend“ den chilenischen Militärs übergeben worden seien, und behaupten, nicht zu wissen, was danach mit ihnen geschehen sei. 
„Wir haben einem bedrohten Land geholfen. Wir haben Chile wie kein anderer verteidigt“, bemerkt eine der Quellen. 

Der „Amerikaner“ und der „Pirat“ 

Zwei der Verdächtigen, die in Colonia Dignidad „festgehalten“ wurden, waren der US-Amerikaner Boris Weisfeiler und der Holländer Maarten Visser. Beide verschwanden 1985, der Erste an der Kreuzung der Flüsse Los Sauces und Ñuble, wenige Kilometer vom Cerro Maravilla entfernt, und der Zweite beim Vulkan Osorno. 
Der „Amerikaner“, so eine der Quellen, wurde von chilenischen Militärs im Januar 1985 nach Dignidad gebracht. „Ich war einer der vereidigten Polizisten der Kolonie und unser Chef war Hartmut Hopp. Aber wir haben ihn nicht festgenommen“. 
Ebenso sei es in Bezug auf Visser, 18 Jahre alt, der im Dezember desselben Jahres verschwand. In der Colonia dachte man, bei dem jungen Touristen handele es sich um einen ausländischen Untergrundkämpfer in Zivil mit Verbindungen zur Mission San Juan de la Costa in Osorno, die aus holländischen Priestern bestand, welche die Führungsspitze der Kolonie als „subversiv“ ansah. 
Eine der Quellen erwähnt auch eine dritten Ausländer, der in der Colonia  „festgehalten“ wurde, den sie –ohne Namen zu nennen– als einen „Agenten des internationalen Kommunismus“ beschrieb, ein „Spion“ der DDR, der „für andere Interessen arbeitete“, und dass die deutsche Botschaft in Santiago davon wisse. Dieser deutsche Staatsbürger wurde laut besagter Quelle in der Gegend von Osorno 1984 festgenommen und war der Einzige der drei Ausländer, die in der Kolonie „festgehalten“ wurden, der tatsächlich in Spionageaktivitäten verwickelt gewesen sei. Die anderen beiden –Weisfeiler und Visser– „hatten damit gar nichts zu tun“. 
Obwohl das Datum nicht übereinstimmt, könnte sich dies auf den Diplomaten der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Santiago beziehen, Karl Heinz Buss, welcher am 19. Dezember 1989 beim Vulkan Casa Blanca verschwunden ist, östlich von Entrelagos und nicht weit von der Grenze. 
Gemäß der Recherchen des deutschen Journalisten Gero Gemballa war Buss ein konservativer und unbestechlicher Beamter, der für die Kommunikation zwischen der Botschaft und der Colonia zuständig war. Laut Gemballa hat ein katholischer Priester aus der Gegend der Familie Buss in einem Brief seinen Verdacht mitgeteilt, dass Dignidad an seinem Verschwinden beteiligt gewesen sei. 
Sowohl der „Amerikaner“ als auch der „Holländer“, den sie „Pirat“ nannten, waren in Colonia Dignidad, sollen aber dem Militär lebend zurückgegeben worden sein. „Einen von beiden habe ich in der Colonia gesehen. Ich weiß, dass sie hier waren und wieder gegangen sind. Die Soldaten haben sie zum Hügel gebracht. Aber hier sind sie lebend herausgekommen“. 
1987 informierte ein Unteroffizier der Armee, der für den Geheimdienst CNI arbeitete und sich „Daniel“ nannte, die Botschaft der USA darüber, dass er zur Militärpatrouille gehörte, die Weisfeiler festgenommen und dem Sicherheitschef der Kolonie übergeben hatte, weil er verdächtigt wurde, ein „jüdischer Spion“ zu sein. Zu jener Zeit, sagte der Informant, sei seine Patrouille sowie andere, die in der Gegend vor den Anden in der Nähe der Enklave tätig waren –ein militärisches Sperrgebiet– „dem Befehl des Vizekommandanten der Armee unterstellt gewesen und angewiesen worden, jeden Fremden in der Gegend festzunehmen und ihn Dignidad zu übergeben sowie das Kommen und Gehen der Bewohner der Kolonie zu ermöglichen“. 
Der damalige Vizekommandant der Armee war der General Julio Canessa, heute amtierender Senator, der sich weigerte, mit LND zu sprechen. 
In einem Memo über seine Kontakte mit „Daniel“ informiert die Botschaft der USA Washington: „Die einzige Erklärung, die ihm (dem Informanten) seitens seiner Vorgesetzten zu dieser ungewöhnlichen Verfahrensweise gegeben wurde, war, dass Colonia Dignidad ein guter Verbündeter ist“. 
LND 

Das Staatsministerium der USA bestätigte sowohl in mündlicher als auch schriftlicher Form der Familie des US-amerikanischen Mathematikers Boris Weisfeiler, Präsident George Bush habe das Verschwinden Weisfeilers bei seinem Treffen mit dem Präsidenten Ricardo Lagos in Washington am vergangenen 19 Juli zur Sprache gebracht. 
Regierungsbeamte versicherten der Familie Weisfeiler, dass das Weiße Haus „das Thema weiterhin mit der Regierung Chiles behandelt, sowohl in Santiago als auch in Washington“. 
Wochen vor dem Treffen der beiden Staatschefs hat Olga Weisfeiler in einem Brief an Präsident Bush beantragt, dass er das Verschwinden ihres Bruders in die Gesprächstagesordnung mit aufnehmen möge. Sie bat auch um die Unterstützung zweier Kongressabgeordneter ihres Staates, um ihm die gleiche Nachricht zu überbringen. Was diese auch taten. 
Der Senator Edward Kennedy bat den Außenminister Colin Powell in einem Brief, dass man Bush empfehlen möge, das Thema Weisfeiler mit Lagos anzuschneiden. „Ich stand deswegen schon häufig in Verbindung mit dem Staatsministerium und habe darum gebeten, man möge Schritte ergreifen, um diesen Fall aufzuklären [...] Es könnte einen großen Unterschied machen, wenn der Präsident Lagos von Präsident Bush hört, dass unser Land sehr an einer Aufklärung interessiert ist“, erklärte Kennedy. 
Kurz nach seiner Reise nach Washington verlangte Lagos vom Innenministerium einen Bericht über Weisfeiler und Colonia Dignidad. Quellen aus diesem Ministerium versicherten, keine Kenntnis über eine Präsidentenanfrage zu haben, „aber das bedeutet nicht, dass sie nicht gestellt wurde“. 

Der qualitative Sprung 

Noch vor dem Militärputsch von 1973, aus ideologischer Affinität, politischer Paranoia und mit einem weiten Netz an deutschen oder deutschstämmigen Nationalisten, diente Colonia Dignidad im Süden Chiles als Zentrum der logistischen Unterstützung für das putschende Militär, junge Nationalisten und paramilitärische Organisationen der extremen Rechten wie der FNPL, die 1971 von dem Anwalt Pablo Rodríguez Grez gegründet wurde. 
„Es hieß immer, dass fast alle Führer der Partido Nacional und Jaime Guzmán in der Colonia waren“, bestätigte Roberto Thieme, der Ex-Einsatzleiter der Organisation. 
Thieme berichtet, er sei inmitten des Streiks im Oktober 1972 mit dem entlassenen General Alfredo Canales in seinem Privatflugzeug nach Colonia Dignidad geflogen, um sich dort mit den Führern der FNPL zu versammeln. Bei jener Gelegenheit schlug die Spitze der Colonia Canales vor, sich auf ihrem Gelände einzurichten, um die „bürgerlich-militärische Bewegung“ anzuführen, die gegen die Regierung Salvador Allendes putschen würde. 
Canales lehnte das Angebot ab, aber Monate später, im Januar 1973, kehrte Thieme nach Colonia Dignidad zurück, um Fluganweisungen und Grundkenntnisse von „zwei ehemaligen Offizieren der deutschen Armee, die ihre Namen nicht nannten“ zu erhalten. Einen Monat später täuschte Thieme sein „Verschwinden“ durch einen angeblichen Flugzeugabsturz vor, um sich auf unbewohntem Gelände 150 Kilometer von der Grenze zu Chile in Malargue, Provinz Mendoza, niederzulassen, wo er vorhatte, ein paramilitärisches Trainingslager für etwa 500 Männer einzurichten. Nach dem Start in Concepción am 23. Februar 1973 stürzte Thieme angeblich ins Meer, flog aber weiter in die Colonia, wo die Deutschen das Flugzeug umspritzten, mit Proviant versorgten und ihm argentinische Papiere gaben. Am nächsten Tag startete Thieme von Colonia Dignidad aus und flog zu seinem zukünftigen Lager in Argentinien, wo er auf der Landebahn landete, die irgendwann den alten Einrichtungen einer Erdölfirma diente. 
Dort installierte Thieme eine Funkanlage, um mit der Colonia in Kontakt zu bleiben. Mit der materiellen Hilfe von Geheimdienst-Offizieren der argentinischen Armee, sollte Thieme auf dem Luftweg die zukünftigen Milizionäre transportieren, die in kleinen Gruppen an Bord einer Maschine aus dem Besitz der Deutschen von Colonia Dignidad aus reisen würden. Der ganze Plan wurde nie durchgeführt, dennoch kehrte Thieme im März 1973 in die Colonia zurück, um eine Waffenladung zu deponieren, welche er im August jenes Jahres, Wochen vor dem Putsch, wieder abholen würde. 
P.B.M. 

Abwesende 

Abgesehen von Paul Schäfer ist auch der Buchhalter der Enklave und der gesetzliche Vertreter der zur Colonia gehörenden Firma Abratec, S.A., Albert Schreiber, flüchtig, der zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn wegen der Verweigerung der Übergabe Minderjähriger, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Entziehung Minderjähriger angeklagt ist und zu einer Geldstrafe in Millionenhöhe wegen Steuerflucht verurteilt wurde. 
Ein weiterer treu Ergebener Schäfers, Willi Malessa, lebt auch nicht mehr in der Colonia. Mitte 2002 erhielt er etwa 90 Millionen Pesos und ließ sich in Los Angeles, VIII Región, nieder. Auch nicht auf dem Gelände der Kolonie befinden sich der ehemalige Sicherheitschef Erwin Fege und seine Frau Brigitte Malessa, die Colonia Dignidad 1998 verließen und die deutsche Regierung um Schutz baten. Nach einem Aufenthalt in Deutschland und Kanada kehrte Fege 2000 nach Chile zurück und ließ sich in Purranque, in der Nähe von Osorno, nieder, nachdem er eine größere Geldsumme erhalten hatte. Sowohl Fege als auch Malessa haben noch Verbindung zur jetzigen Führung der Colonia. 
Hans Jürgen Blanck, gesetzlicher Vertreter der Immobilien- und Anlagegesellschaft Cerro Florido Ltda., auch aus dem Besitz der Kolonie, starb Anfang August dieses Jahres an Krebs. 
Hans Jürgen Riesland, der von ehemaligen Kolonisten verdächtigt wird, Briefe an den flüchtigen Schäfer weitergeleitet zu haben, und außerdem 1998 kompromittierende Dokumente in der Colonia vernichtet hat, verließ kürzlich das Gelände. Er ist ausgereist und nicht zurückgekommen. 
Auf der anderen Seite gab es in den vergangenen Jahren einen konstanten Exodus von Kolonisten, die zu Opfern wurden. Im Juli flohen der Deutsche Tobias Müller und der Chilene Salo Luna. Im Dezember 2002 ging Efraín Vedder (ursprünglich Efraín Morales Norambuena, bevor er von der Colonia entführt wurde) eigenmächtig und ohne Bluthunde auf den Fersen. Vier Monate später verließen die Deutschen Mathilde Selent Ritz, Walter Johannes Szurgelies Hoyer, Ingrid Szurgelies Selent und der adoptierte Chilene Franz Baar, ursprünglich Francisco Morales und ein Bruder Vedders, die Gemeinde. 
Im April dieses Jahres reisten Dorothea Müller, Schwester des angeklagten Führungsmitglieds Wolfgang Müller Altevogt, ihr Ehemann, Reinhard Döring und ihr Adoptivsohn, Michael, nach Deutschland, um Familienangehörige zu besuchen, mit der vagen Idee, in dem Land zu bleiben, was sie auch taten. Den Recherchen des deutschen Journalisten Gero Gemballa zufolge war Reinhard Döring an den Trainingskursen für die DINA-Agenten in Colonia Dignidad beteiligt. 
Wenig später verließ auch der Kolonist Peter Rahl, der schwere physische und psychische Strafen während seiner Jugend in der Colonia erlitt, den Ort und reiste nach Deutschland, um einige Wochen später zurückzukehren. 
Im August dieses Jahres gingen zwei deutsche Ehepaare –die Geschwister Schmidtke Miottel (einer von ihnen ist ein Halbbruder von Dr. Hartmut Hopp) samt Ehepartnern–, um sich in Parral und Villarrica niederzulassen. Es gab weder Flucht noch Verfolgung noch Skandal.

 
 

Bundestag 2002

Der Bundestag hat am 16.5.2002 die Bundesregierung aufgefordert, genau beschriebene Massnahmen gegen die  "kriminelle Führungsgruppe der CD" zu ergreifen und bisherige Kolonie-Bewohner auf ein "selbstbestimmtes Leben in Freiheit vorzubereiten", auch durch das "Angebot zur Aufnahme von freiwilligen Gesprächen mit Sektenexperten und Psychotherapeuten".

Aus dem Protokoll der 236. Sitzung des Deutschen Bundestages:
 
Auszüge: 
Plenarprotokoll 14/236 
Deutscher Bundestag 
Stenographischer Bericht 
236. Sitzung 
Berlin, Donnerstag, den 16. Mai 2002 


Begrüßung der Präsidentin des Chilenischen Abgeordnetenhauses, Frau Muñoz, und ihrer Delegation  
23489 C 
Tagesordnungspunkt 4: 
a) Abgabe einer Regierungserklärung: Politik für Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung - Zukunftssicherung durch Nachhaltigkeit  


Zusatztagesordnungspunkt 18: 
Beschlussempfehlung und Bericht des Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der Abgeordneten Lothar Mark, Hans Büttner (Ingolstadt), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD, der Abgeordneten Christa Nickels, Kerstin Müller (Köln), Rezzo Schlauch und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie der Abgeordneten Dr. Helmut Haussmann, Walter Hirche, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Hilfe für die Opfer der Colonia Dignidad  
(Drucksachen 14/7444, 14/8511)  


18. Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeordneten Lothar Mark, Hans Büttner (Ingolstadt), Anke Hartnagel, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD, der Abgeordneten Christa Nickels, Kerstin Müller (Köln), Rezzo Schlauch und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie der Abgeordneten Dr. Helmut Haussmann, Walter Hirche, Dr. Werner Hoyer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Hilfe für die Opfer der Colonia  
Dignidad - Drucksachen 14/7444, 14/8511 - 
Berichterstattung: 
Abgeordnete Lothar Mark 
Clemens Schwalbe 
Dr. Helmut Lippelt 
Walter Hirche 
Wolfgang Gehrcke 


Ich rufe den Tagesordnungspunkt 16 sowie den Zusatzpunkt 18 auf: 
16. Beratung des Antrags der Abgeordneten Lothar Mark, Wolfgang Behrendt, Hans Büttner (Ingolstadt), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten Kerstin Müller (Köln), Rezzo Schlauch und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN 
Intensivierung der Beziehungen zwischen der Europäischen Union, Lateinamerika und der Karibik 
- Drucksache 14/9051 -  
ZP 18 Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeordneten Lothar Mark, Hans Büttner (Ingolstadt), Anke Hartnagel, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD, der Abgeordneten Christa Nickels, Kerstin Müller (Köln), Rezzo Schlauch und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie der Abgeordneten Dr. Helmut Haussmann, Walter Hirche, Dr. Werner Hoyer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP 
Hilfe für die Opfer der Colonia Dignidad 
- Drucksachen 14/7444, 14/8511 - 
Berichterstattung: 
Abgeordnete Lothar Mark 
Clemens Schwalbe 
Dr. Helmut Lippelt 
Walter Hirche 
Wolfgang Gehrcke 
Alle Redner haben ihre Reden zu Protokoll gegeben.1) 
Tagesordnungspunkt 16: Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf Drucksache 14/9051 an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. - Das Haus ist damit einverstanden. Dann ist die Überweisung so beschlossen.  
Zusatzpunkt 18: Wir kommen zur Abstimmung über die Beschlussempfehlung des Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der Fraktion von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP mit dem Titel "Hilfe für die Opfer der Colonia Dignidad". Der Ausschuss empfiehlt, den Antrag auf Drucksache 14/7444 anzunehmen. Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? - Gegenprobe! - Enthaltungen? -  
Die Beschlussempfehlung ist mit den Stimmen des Hauses bei Enthaltung der CDU/CSU-Fraktion angenommen.  



Anlage 10 
Zu Protokoll gegebene Reden 
zur Beratung der Anträge: 
- Intensivierung der Beziehungen zwischen der Europäischen Union, Latainamerika und der Karibik 
- Hilfe für die Opfer der Colonia Dignidad 
(Tagesordnungspunkt 16, Zusatztagesordnungspunkt 18) 
Lothar Mark (SPD): Unsere Beziehungen zu Latein amerika und der Karibik sind gut, so gut sogar, dass sie  
- wenig spektakulär und vergleichsweise geringen Konfliktstoff bergend - in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Lateinamerika steht somit aus nachvollziehbaren Gründen nicht im Mittelpunkt der deutschen Außenpolitik. Und trotzdem müssen wir unsere Aufmerksamkeit verstärkt und nachhaltig dem lateinamerikanischen Subkontinent zuwenden. 
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Abschließend noch wenige Worte zum ebenfalls zu beratenden Antrag "Hilfe für die Opfer der Colonia Dignidad". Es geht darum, die Menschenrechtsverletzungen in der südchilenischen Kolonie wirksam abzustellen und den Opfern der Sekte zu helfen. 
Der Antrag ist in erster Lesung im November des vergangen Jahres eingebracht worden. Diese Initiative wurde in der chilenischen Öffentlichkeit überwiegend sehr positiv aufgenommen. Die chilenische Regierung hat die darin gemachten Angebote als "deutsches Interesse, das die Zeit überdauert hat", gewürdigt. 
Im Rahmen seiner eingangs erwähnten Reise nach Chile Anfang dieses Jahres hat Bundesminister Fischer der chilenischen Regierung deutsche Hilfe bei der Strafverfolgung im Zusammenhang mit Colonia Dignidad zugesagt. Ich glaube, durch diesen Antrag sind bereits jetzt entscheidende Schritte angeregt worden. Daher bin ich sehr hoffnungsvoll. 
Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurden acht neue Klagen wegen Kindesmissbrauch gegen Mitglieder der Führungsclique eingereicht. Es sind insgesamt über 70 Prozesse gegen diese anhängig. 
Wir dürfen aber nicht vergessen, dass den Menschen in der Kolonie noch immer nicht wirkungsvoll geholfen werden konnte. Seit der ersten Lesung hat es weitere ungeklärte Todesfälle gegeben. Es spricht auch nichts dafür, dass sich die menschenunwürdigen Zustände in der Colonia Dignidad seitdem wesentlich gebessert hätten. 
Noch immer ist Schäfer nicht gefasst. Die gegen ihn anhängigen Verfahren sind von der chilenischen Justiz vor kurzem vorübergehend eingestellt worden, ohne allerdings den Haftbefehl gegen ihn aufzuheben. 
Hieran ist erkennbar, wie groß die Gefahr einer Verschleppung der Fälle ist. Das Erpressungspotenzial der Colonia Dignidad in der chilenischen Gesellschaft scheint noch immer bedeutend zu sein. Daher müssen politische Signale ausgesendet werden. Wir werden deshalb im Nachgang zum vorliegenden Antrag verstärkt die Zusammenarbeit mit der chilenischen Seite auf parlamentarischer Ebene suchen. 
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Bundestag 2001

Keine Anfrage der PDS-Fraktion vom 1.11.2002, Bundestagsdrucksache:

Antwort der Bundesregierung, Bundestagsdrucksache 14/7867: Beschlussantrag  vom 13.11.2001 der SPD-Fraktion, der Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Fraktion der FDP
an den Bundestag
Bundestagsdrucksache 14/7444  
Auszug aus der Bundestagsdrucksache 14/7444 


II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung daher auf, 

1. dem Fall CD, wie angekündigt, eine höhere Priorität einzuräumen. Der aktuelle politische Wandel in Chile sollte für eine verstärkte Zusammenarbeit beider Länder auf Regierungsebene zur Aufklärung der Vergehen und unverzüglichen Hilfe für die Bewohner der Kolonie genutzt werden. Die Bundesregierung sollte den vergangenheitsbezogenen Aufarbeitungsprozess in der chilenischen Gesellschaft ausdrücklich begrüßen und ihn unterstützen; 

2. sich für die Einrichtung einer Arbeitsgruppe in Chile (unabhängige bilaterale Expertenkommission mit deutscher Beteiligung) einzusetzen mit dem Ziel, in einem Zeitraum von 6 Monaten ein Strategiepapier zur Lösung des Problems zu erarbeiten. Folgende Ziele sollten dabei im Mittelpunkt stehen: 
Ermöglichung von Besuchen von Angehörigen, unzensierte Zustellung von Post, ungehinderter Kontakt zur Außenwelt sowie das Angebot zur Aufnahme von freiwilligen Gesprächen mit Sektenexperten und Psychotherapeuten, eine unverzügliche Isolierung der kriminellen Führungsgruppe der CD mit dem Ergebnis, die Abhängigkeit der Koloniebewohner zu beseitigen und ihnen psychologische Betreuung anzubieten. Es gilt, eine negative Integration der CD-Mitglieder zu verhindern und sie auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit vorzubereiten; 

3. im engen Dialog mit der chilenischen Seite Möglichkeiten der personellen und technologischen Unterstützung bei der Aufklärung des CD-Komplexes zu eruieren. Gedacht werden könnte an die zeitlich befristete Entsendung von Experten des Bundeskriminalamtes zur Unterstützung der chilenischen Behörden und Justiz; 

4. einen Fonds zur Finanzierung der notwendigen Hilfs- und Reintegrationsmaßnahmen einzurichten, aus dem ausreisewillige Koloniebewohner bei einer eventuellen Rückkehr nach Deutschland unterstützt und betreut werden können. Die Klärung der Eigentumsverhältnisse der CD sollte Entschädigungszahlungen aus diesem Vermögen – auch zu Existenzgründungen in Chile – erleichtern;

 
 

Deutscher Aussenminister in Chile 2002
 
Aus: Diario El Centro, 11.03.2002 


Deutsche Hilfe bei der Suche nach Paul Schäfer 

Der Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten des deutschen Parlaments hat einstimmig dem Votum zugestimmt, das im November des vergangenen Jahres 46 Abgeordnete verschiedener politischer Parteien vorgelegt haben, um eine bilaterale Kommission zwischen dem europäischen Land und dem chilenischen Staat einzuberufen. Ziel ist die Einleitung konkreter Maßnahmen zur Festnahme des Flüchtigen Paul Schäfers sowie Hilfestellung bei der sozialen Wiedereingliederung der Bewohner der Villa Baviera.  
In diesem Rahmen beinhaltet das Abkommen auch, dass Beamte des Bundeskriminalamtes zur Beratung der hiesigen Polizei in unser Land reisen, da in Chile Verfassungsbeschränkungen existieren, die eigenständige Ermittlungen ausländischer Beamten verhindern. Der Vorschlag der deutschen Abgeordneten baut auf die Hilfe der parlamentarischen Gruppen der Sozialdemokraten als führende Partei der derzeitigen Bundesregierung, zusammen mit der Unterstützung mit der Allianz aus den Grünen und den Kommunisten.  
In erster Instanz wurde das Votum in der Abgeordnetenkammer einer Analyse durch den parlamentarischen Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten unterzogen, bevor es im Bundestag diskutiert wird. Lothar Mark, der zu den stärksten Befürwortern des Projekts zählt und derzeit den deutschen Außenministers in Chile begleitet, hat in einer Pressemitteilung erläutert, dass die Zustimmung des Ausschusses eine wichtige Vorentscheidung darstellt. Auf diese Weise wird einer möglichen Ratifizierung der Kammer vorgegriffen und die deutsche Bundesregierung dazu anhalten, die von den Parlamentariern vorgeschlagen konkreten Maßnahmen zu genehmigen. 

Der deutsche Vorschlag 
Das Votum der 46 Abgeordneten präzisiert sechs Punkte, die von der chilenischen und der Deutschen Regierung eingeleitet werden sollen. Im Kern geht es um die Bildung einer Arbeitsgruppe bestehend aus einer bilateralen Expertenkommission unter Mitwirkung deutscher Berater, die während eines Zeitraums von sechs Monaten eine Strategie erarbeiten soll, um das Problem der Colonia Dignidad zu lösen.  
Das Abkommen fügt ausdrücklich hinzu, „in einem engen Dialog mit der chilenischen Seite die Möglichkeiten einer Unterstützung durch menschliche und technologische Hilfsmittel zu sondieren, um das Netzwerk der Colonia Dignidad aufzudecken. In diesem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit in Betracht gezogen, für einen bestimmten Zeitraum Experten des Bundeskriminalamtes mit der Aufgabe nach Chile zu senden, die chilenischen Behörden sowie die Justiz zu unterstützen.“ 
Auf der Tagesordnung dieses Ausschusses steht auch das Bestreben, eine Kooperation mit der Interamerikanischen Menschenrechtskommission sowie die Informationsweitergabe an den Ausschuss für die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen zu verwirklichen. Bezüglich der Koloniebewohner, die in der Villa Baviera leben, werden im Rahmen des Vorschlags auch die Möglichkeiten erwogen, uneingeschränkte Kommunikationswege mit den Angehörigen in Deutschland zu öffnen und eine unzensierte Korrespondenz zuzusichern, den Kontakt mit der Außenwelt zu erleichtern sowie die Beratung durch Psychotherapeuten anzubieten. Außerdem wird vorgeschlagen, „die Gruppe der kriminellen Anführer von der Colonia Dignidad unmittelbar zu isolieren, um die Abhängigkeitsbeziehung der Koloniebewohner zu beenden“. Das Ziel sei „eine negative Integration der Mitglieder der Colonia Dignidad zu vermeiden und sie auf ein selbständiges Leben in Freiheit vorzubereiten“. 

Es spricht der deutsche Bundeskanzler 
Der deutsche Außenminister, Joschka Fischer, hat die Notwendigkeit betont, Gerechtigkeit für die Opfer der Colonia Dignidad und ihres vor der Justiz geflohenen Anführers Paul Schäfer zu erwirken. Nach dem gestrigen Gespräch mit dem Präsidenten Ricardo Lagos in Santiago sagte der deutsche Kanzler, dass das Thema in der deutschen Öffentlichkeit sowie im Parlament nach wie vor von großer Bedeutung sei, und er mit dem Präsidenten der Republik darüber gesprochen habe. „Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um die strafrechtliche Verfolgung Seitens der chilenischen Behörden zu unterstützen, damit die begangenen Verbrechen mit rechtsstaatlichen Mitteln bestraft werden können“, sagte Schröder. Der deutsche Bundeskanzler wird in Chile von einer Kommission deutscher Parlamentsabgeordneter begleitet, um erste Schritte in verschiedenen bilateralen Bereichen ökonomischer und kultureller Art einzuleiten. 
 

 
 

Bundeskanzler im Gespräch mit dem chilenischen Präsidenten
 
Aus: El Sur, 24.02.2002 


30-minütiges Gespräch in Stockholm 
Lagos verhandelt mit Schröder den Trident-Plan  

Die Weltbank könnte ihre Kredite bis zu 20 Jahre verlängern, um das Projekt der Fregattenkonstruktion in Asmar zu ermöglichen, sagte Senator Hosain Sabag 
• Das Thema der Colonia Dignidad war ebenfalls Tagesordnungspunkt der Regierenden 

Der Trident-Plan (Dreizack-Plan) und die Colonia Dignidad, Thema dauernder Besorgnis in Deutschland, waren gestern Inhalt des halbstündigen Gesprächs, das Präsident Lagos mit Bundeskanzler Gerhard Schröder in Stockholm führte. Beide nehmen am Gipfel Fortschrittlicher Regierungsoberhäupter teil, der in der schwedischen Hauptstadt zusammen mit den Premierministern Frankreichs und Groß Britanniens stattfindet. 
Politische Informationsquellen aus Santiago, die gestern das Zusammentreffen bestätigten, wollten jedoch keine Einzelheiten des Gesprächs verlautbaren lassen, da sich die Materie „auf höchster Ebene“ bewege.  
Das Zitat belegt das große Interesse der deutschen Regierung, die Verhandlungen mit der chilenischen Kriegsflotte zu verwirklichen. In diesem Zusammenhang besuchte der Manager der Schiffswerft Blohm & Voss, Herbert von Nitsch, bereits vor Wochen für einen Tag unser Land und traf mit Juan Illanes, dem Direktor der Kriegsflotten-Projekte, sowie Vertretern der Exekutive aus Asmar zu Gesprächen zusammen. Bei dieser Gelegenheit brachte von Nitsch auch die Bereitschaft seines Unternehmens zum Ausdruck, neue Wege zur Realisierung des Projektes zu suchen. 
Die chilenische Regierung versucht derzeit, die Kosten zu senken und neue Unterstützung zu gewinnen, um den Trident-Plan, der die Konstruktion von vier Fregatten beinhaltet und Kosten von insgesamt 1.250 Millionen Dollar verursachen würde, umzusetzen. Dieses Programm benötigt Kupfer-Ressourcen, die Bewilligung wird jedoch durch die Verfassung gemäß des Verhältnisses von Zahlungsfristen und Verschuldung begrenzt. Der Grund hierfür ist, eine zusätzliche Verschuldung des Landes nur soweit zu erlauben, wie dies die Konjunkturperiode zuläßt, es sei denn, ein Gesetz würde diese Regelung aufheben. 
Der Schiffsplan ist für die Region von großem Interesse, da sie Asmar stärken und neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu einem Zeitpunkt in Aussicht stellen würde, zu dem die Region immer noch eine große Anzahl von Entlassungen aufweist. Der Senator und Vizepräsident der Christdemokraten, Hosain Sabag, nahm sogar vorweg, dass er die Unterstützung des Präsidiums einfordern werde, dem Adolfo Zaldívar vorsitzt, um eine Einigung mit Präsident Lagos zu erzielen. Mit ihm wird er in den ersten zwei Märzwochen zu einem Geschäftsessen zusammentreffen.  
Mit der Konstruktion von zwei U-Booten des Typs Scorpene durch einen Frankreich-Spanier für 400 Millionen Dollar beteiligt sich die Kriegsflotte ihrerseits mit den zugesagten Hilfsmitteln. „Wir bitten um einen weiteren Zahlungsaufschub während der kommenden Jahre, um den gesamten Trident-Plan abdecken zu können; die Banken und die internationalen Institutionen sind sich darüber einig, diesen zu bewilligen. Anstatt von acht oder neun Jahren könnte es 15 oder 20 Jahre dauern, aber dies alles passiert mit der Genehmigung der Exekutive“, sagte Senator Sabag.  
In Bezug auf die Colonia Dignidad wurde bekannt, dass Bundeskanzler Schröder sich über Einzelheiten im Fall Gerhard Mücke informiert hat. Der zweite Chef der Kolonie wurde vom Innenministerium ausgewiesen, hält sich aufgrund laufender Gerichtsprozesse jedoch noch im Land auf. 
Ebenso, behaupten Quellen, interessierte man sich für den Tod des Koloniebewohners Karl Stricker, der 1996 zahlreiche Fluchtversuche angeführt hatte. Wie die Colonia Dignidad mitteilt, starb Stricker (65) am 14. Februar an den Folgen eines Sturzes vom Dach einer Schule der Kolonie im Inneren von Parral, auf dem er mit Malerarbeiten beschäftigt war.

 
 

Chilenischer Abgeordneter fordert Hilfe von Bundesregierung
 
FAZ 21.4.2001 
"Colonia Dignidad" soll bekämpft werden 
Der Präsident der chilenischen Parlamentskommission für Menschenrechte, Jaime Naranjo Ortiz, hat am Freitag in Frankfurt von der deutschen Bundesregierung mehr Unterstützung bei der Zerschlagung der ehemaligen "Colonia Dignidad" gefordert. Die 1961 von Exildeutschen gegründete Siedlung im Süden Chiles soll Putschgeneral Pinochet gegen die Regierung von Salvador Allende unterstützt und politische Gegner des Regimes gefoltert haben. Der Führungsriege um die spirituellen Führer der Colonia Dignidad, dem heute wahrscheinlich 80 Jahre alten Paul Schäfer, wird außerdem Kindesmißbrauch vorgrworfen. Nach Angaben von Ortiz ist die Organisation zwar im juristischen Sinne aufgelöst, operiere jedoch unter dem Namen "Villa Baviera" nach wie vor weiter. Schäfer und zwei andere Mitglieder der Organisation werden seit 1997 steckbrieflich gesucht und sind seitdem untergetaucht. 

Ortiz war Mitglied einer parlamentarischen Untersuchungskommission, die einen Bericht über die Colonia Dignidad vorgelegt hat. Trotz vieler Vorwürfe gegen die Verantwortlichen wegen Kindesmißbrauchs aber auch wegen Verstößen gegen Waffengesetze seien die chilenischen Behörden bis Mitte der neunziger Jahre nicht gegen die Siedlung vorgegangen, erläuterte er. Die Organisation habe den Schutz einflußreicher Freunde in Politik, Wirtschaft und Justiz genossen, die zum Teil von Schäfer mit Dossiers über ihre sexuellen Vorlieben erpreßt worden seien. Nach Ansicht von Ortiz tragen frühere deutsche Regierungen Mitschuld daran, daß sich die Colonia Dignidad über Jahrzehnte als Staat im Staate halten konnte. So sei in den siebziger Jahren eine geplante Enteignung der Colonia Dignidad durch das Druckmittel deutscher Kredite verhindert worden. Neben politischen und juristischen Initiativen erhofft sich Ortiz von der Regierung Hilfe bei der Aufspürung versteckter Bunkersysteme auf dem Siedlungsgelände.

 
 

2001: ein weiterer Flüchtling
 
Diario El Centro, 11.03.2002 


Im Fall „Dignidad“ gibt es einen weiteren Flüchtigen 

PARRAL.- Der Koloniebewohner Ulrich Bohnau Seelbach, der vom Untersuchungsrichter Hernán González vorgeladen wurde, um seine Teilnahme an dem jüngst verübten schweren Verbrechen der Entführung eines chilenischen Jugendlichen, Opfer von Paul Schäfer und Sohn eines Helfers von Villa Baviera, zu erläutern, ist Mitte des Jahres 2001 von Chile aus ins Ausland entkommen. Mit ihm gibt es einen weiteren Justizflüchtigen im Fall der Colonia Dignidad. 
Der Name des Koloniebewohners Bohnau Seelbach wurde erstmals im Dezember des vergangenen Jahres öffentlich, als das Berufungsgericht in Talca die Wiederaufnahme von zwei Strafverfahren anordnete, die von Richter González untersucht werden. In den sich anhäufenden Rechtsfällen von Verbrechen gegen Jugendliche, unter ihnen auch der Fall der Entführung von Pedro Salvos Sohn, hat das höchste Regionalgericht den Untersuchungsrichter angewiesen, den Koloniebewohner Seelbach vorzuladen.  
Die Grundlagen, auf die sich das Gericht stützt, beziehen sich auf Dokumente im Anhang des Protokolls der ermittelnden Polizeibeamten. In diesen Dokumenten wurde nachgewiesen, dass der seit 1997 mittels richterlicher Verfügung gesuchte Koloniebewohner Seelbach direkt an der Überführung des jüngsten Sohnes von Pedro Salvo im Jahr 2000 von einem unbekannten Ort zur Residenz des Anwalts der Ex-Kolonie, Cirilio Guzmán, beteiligt war. Von diesem Ort aus übergab der Anwalt den Jugendlichen einem Gericht in Santiago. 

Außerhalb Chiles 
Nach der Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens auf Anordnung des Gerichts in Talca hat der Untersuchungsrichter die Vorladung des Koloniebewohners Seelbach verfügt. Dennoch ist der Vorgeladene in erster Instanz nicht erschienen, bei der zweiten Gelegenheit wurde ein Haftbefehl mit Befugnis zu einer Hausdurchsuchung an die ermittelnden Beamten weitergeleitet.  
Allerdings zeigen vertrauliche Aktenstücke, dass Interpol die Ausreise dieses Bewohners des deutschen Grundstücks aus Chile nach Peru verzeichnet hat. 
Der Vorfall wurde gestern dem Untersuchungsrichter González übergeben und bei dieser Gelegenheit das Resultat des Haftbefehls von der Zivilpolizei offiziell gemacht. Der Vorgang wurde auch vom Verteidiger der Villa Baviera, César Valero, bestätigt, der ratifizierte, dass der Koloniebewohner Seelbach die Villa Baviera verlassen habe und bereits im Juni oder Juli des vergangenen Jahres aus Chile ausgereist sei. „Ich habe nicht mehr Informationen, weil wir diese Person nicht kennen, obwohl wir wussten, dass er sich außerhalb des Landes befindet. Dies ist auf eigenen Willen und ohne jede Art von Zwang geschehen“, sagte Valero. Die Ausreise des Koloniebewohners Seelbach ins Ausland fügt der Liste deutscher Mitglieder der Villa Baviera einen weiteren Flüchtigen hinzu, der von Richter González und besonders im Rahmen der Aufklärung des Entführungsfalls von Pedro Salvos Sohn gesucht wird. Bei der Untersuchung dieses Entführungsfalls ist der deutsche Anführer Albert Schreiber der wichtigste Flüchtige. Er konnte zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn entkommen. Gemäß von Informationsquellen im Fall „Dignidad“ ist der Koloniebewohner Seelbach in direktem Zusammenhang mit Schreiber zu sehen, und wird als direkter Verantwortlicher für die Entführung des letzten Jugendlichen Opfer von Paul Schäfer betrachtet. 

Der parlamentarische Ausschuss 
Der Anwalt der Anklage im Fall „Dignidad“, Hernán Fernández, hat die Zustimmung des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten zu dem von 46 Abgeordneten im deutschen Parlament vorgeschlagenem Votum als eindeutig eingestuft. Ziel des Votums ist die von der Bundesregierung initiierten Einberufung einer bilateralen Kommission mit Chile mit dem Ziel einer Zusammenarbeit bei der Suche nach Paul Schäfer und der sozialen Wiedereingliederung der Bewohner der Villa Baviera. 
„Diese Entscheidung ist sehr vorteilhaft. Der chilenische Staat sollte die technische Zusammenarbeit akzeptieren. Das, was passieren wird, ist die Übermittlung von technischem Rat, was uns in der letzten Etappe, in der wir die Festnahme von Paul Schäfer erwarten, helfen wird. Dieses Abkommen ist auch ein Aufruf an die chilenische Regierung, der Polizei die technischen Mittel zu genehmigen, die in der vergangenen Zeit gefehlt haben“, sagte Fernández.

 
 

Bücher über die Colonia Dignidad

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Ulla Fröhling: Unser geraubtes Leben
Bastei Lübbe 2012  ISBN978-3-404-61660-2
www.unser-geraubtes-leben.de
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Buchrückseite:
"Missbrauch, Elektroschocks, Zwangsarbeit und Psychofolter - Alltag in der deutschen Auswanderersekte »Colonia Dignidad« in Chile. Sektenführer Paul Schäfer hatte unter dem Deckmantel bayrischer Idylle ein perfides Schreckensregime errichtet. Liebe war darin ein Fremdwort. Dennoch gab es sie. Heimlich. Gudrun und Wolfgang Müller, deren Liebesgeschichte dieses Buch erzählt, haben fast fünfzig Jahre Gehirnwäsche und Folter überlebt. Dann erfuhren sie die bittere Wahrheit über Paul Schäfer und zogen die einzige Konsequenz, die ihnen richtig schien: Sie verließen ihr mit Stacheldraht abgeriegeltes Gefängnis in Chile, das sie fast ihr ganzes Leben als Heimat betrachtet hatten ...
Eine ermutigende Geschichte über den Willen zu überleben und über die Hoffnung auf die Erfüllung einer lebenslangen Sehnsucht nach Liebe!"
 

 
Friedrich Paul Heller 
Lederhosen, Dutt und Giftgas 
Die Hintergründe der Colonia Dignidad 
Schmetterling Verlag 2006 ISBN 3-89657-093-5 
 

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Efrain Vedder mit Ingo Lenz 
Weg vom Leben 
35 Jahre Gefangenschaft in der deutschen Sekte Colonia Dignidad 
Ullstein 2005, ISBN 3-550-07613-4 

Klappentext: 
Nach außen scheint die deutsche Sekte Colonia Dignidad in Chile ein Musterbetrieb zu sein. Hier leben und arbeiten mehr als 250 Deutsche unter der Leitung von Sektenchef Paul Schäfer. Ein Blick über die Mauern mit Stacheldraht offenbart jedoch ein Arbeitslager, in dem die Bewohner Tag und Nacht arbeiten müssen und durch seelischen und körperlichen Terror in Abhängig keit gehalten werden. 
Schäfer, der wegen Pädophilievorwürfen seit über 40 Jahren von Interpol gesucht wird und seit 1997 untergetaucht ist, hat durch seine Kontakte zum chilenischen Regierungsapparat bis zum heutigen Tag alle Anklagen unbeschadet überstanden: 
Folterungen politischer Gefangener, ungeklärte Todesfälle auf dem Sektengelände und engste Verflechtungen zu (Ex-)Diktator Augusto Pinochet. 
Unter den Augen seiner politischen Freunde und der Sektenbewohner mißbraucht er minderjährige männliche Bewohner seiner Sekte. Einer dieser Jungen ist der Chilene Efrain Vedder, der als Baby seinen Eltern weggenommen und in der Kolonie zwangsadoptiert wurde. Er wurde von Schäfer über viele Jahre vergewaltigt und unter Drogen gesetzt. Obwohl auch Vedder im bigotten Zeitgeist der 1950er Jahre und in religiöser Abhängigkeit erzogen wurde, schaffte er es, nach 35 gestohlenen Lebensjahren die Sekte aus eigener Kraft zu verlassen und sich ein neues, eigenes Leben aufzubauen.

 
 

Friedrich Paul Heller

Dokumentation:
Colonia Dignidad - ein stabiles Zwangskollektiv
Ein Überblick über Entstehung, Bedeutung und aktuelle Lage
Evangelischer Pressedienst (epd)
Postfach 500 550, 60394 Frankfurt/M.
Tel.: 069 - 58098 - 135, Fax: 069 - 58098 - 272
E-Mail: epddoku@epd.de
Heller F. Paul:
Colonia Dignidad - Von der Psychosekte zum Folterlager
Schmetterling Stuttgart  1993, 3-926369-99-x
  
 
Friedrich Paul Heller 
Colonia Dignidad 
Von der Psychosekte zum Folterlager 
Schmetterling Verlag Stuttgart, 1993 
ISBN 3-926369-99-x 
Schmetterling Verlag 
GbR Jörg Hunger & Paul Sandner 
Rotebühlstr. 90 
70178 Stuttgart 
Titelbild:Mit einem Foto der Agentur Zeitenspiegel (Mitte); das Bild mit dem Chor 
zeigt den "Chor der Jünglinge" der Colonia Dignidad. 
Das Motiv der Teufelsaustreibung rechts unten stammt von der Colonia Dignidad. 
Satz und Reproduktionen: Schmetterling Verlag 

Inhalt 
Einleitung 
Was ist die Colonia Dignidad? 5 
TEIL I 10 
Die Sekte 10 
Vom Versager zum Führer 11 
Der zweite Mann 13 
Theologie des Terrors 17 

 Exkurs 1: Christentum und Folter 20 
 Exkurs 2: Protestantismus nach 1945, Gott und Teufel 22 
 Exkurs 3: «Die feindlichen Juden» 26
Die Ausreise 28 
Das Kolonisationsprojekt 31 
Täter als Opfer 37 
Die Unterdrückung der Sexualität als Herrschaftsmittel 42 
Das heillose Weib 47 
Der zweite Mann kapituliert und wird von der Colonia Dignidad verurteilt . 53 
Krankheit als Schuld 58 
Der Ständestaat und seine Sprache 64 
Das Waffenarsenal der Colonia Dignidad 69 
TEIL II 75 
Die Vorgeschichte des Militärputsches und die Colonia Dignidad 75 
Der Militärputsch 1973 78 
Manuel Contreras und die DINA 86 
«. ..um irgendwelche Einzelheiten zu besprechen» 90 
Die DINA steigert den Terror 93 
Die Folterschule 102 
Adriana in der Colonia Dignidad 108 
 Psychofolter und Gegenwehr 114 
Die Enthüllung 122 
Poncho und Flaca 123 
Chanfreaus Verhaftung 128 
Die «verschwundenen» politischen Gefangenen 131 
Die Terrorbotschaft 137 
Das Massaker 142 
Das Arbeitslager 147 
Die Prozesse der Colonia Dignidad 151 
 Der Bonner Prozeß von 91‘ 154 
Zweierlei Exil: die Familie Chanfreau und Romo 165 
Adnanas Spurensuche 168 
 Leben nach der Folter 175 
Ist die Colonia Dignidad eine Nazisiedlung? 177 
Die Auflösung der DINA 189 
Teil III 192 
«Es ist sehr schwierig, mit uns zu reden» 192 
Die Colonia Dignidad im Ubergang zur Demokratie 193 
Die Gegenkampagne der Colonia Dignidad 201 
Die interne Angstkarnpagne der Colonia Dignidad 205 
Deutsche Botschaft und Auswärtiges Amt 206 
Die CSU und die Coloma Dignidad 210 
Die Delegation 213 
Lebhaft, aber nicht zu schnell: aus alten Freunden werden Feinde 215 
Auswärtiges Amt und Deutsche Botschaft auf Konfrontationskurs . . . . 218 
Der Prozeß Chanfreau 223 
Arroganz und Bitterkeit 229 
Chronologie 230 
Literaturhinweise 233 
Abkürzungen 234 
Dokumente und Zeugenaussagen 235 
 Rundbrief Nr. 14 Paul Schäfers vom Mai 1956 235 
 Brief Hugo Baars vom 2 7.8.1979 236 
 Ihr fiessen Beiden 236 
 Protokoll der außerordentlichen Generalversammlung 237 
 Empfehlungen eines Militärarztes 250 
 Interview mit dem Vater eines Luftwaffenoffiziers 253 
 Erklärung des DINA-Agenten Ren~ Muiioz Alarc6n 255 
 Aussage des Soldaten N.N 257 
 Eidesstattliche Erklärung Pedro Mattas 260 
 Bericht der Privaten Sozialen Mission an die Colonia Dignidad 
   über den Bonner Prozeß von 1977 267 
 Verschwörungsdiagramm der Colonia Dignidad 276 
 Aufzeichnung des Auswärtigen Amtes vom 5.4.77 277 
 Auszug aus dem Bericht der Nationalen Kommission für 
   Wahrheit und Versöhnung von 1991 279
Anmerkungen 282 
Register 300
  

 

Gero Gemballa:
  

Gero Gemballa 1998: 

Colonia Dignidad - Ein Reporter auf den Spuren eines deutschen Skandals 
Campus Frankfurt 1998 ISBN 3-593-35922-7

  

  

Gero Gemballa 1988: 
Colonia Dignidad  - Ein deutsches Lager in Chile 
rororo aktuell 12415 Hamburg  1988. 980-ISBN 3 499 12415 7
  

 
 
Deutsche Rententräger müssen an Bewohner der Colonia Dignidad zahlen

http://www.fr-aktuell.de/fr/101/t101009.htm
Senioren der "Colonia Dignidad" siegen vor Gericht
Zustände in der Sekte in Chile berechtigen deutsche Kassen nicht, Renten
einzubehalten

Frankfurter Rundschau 6.4.2000

Von Anne Riedel

KASSEL, 5. April. Das Bundessozialgericht (BSG) hat am Mittwoch einen Bescheid, mit dem einem in der umstrittenen "Colonia Dignidad" lebenden Deutschen die Auszahlung seiner Rente verweigert wurde, aus formalen Gründen gekippt. Zwar ist auch nach Ansicht des BSG zu befürchten, dass die rund 50 deutschen Rentner in der terrorartig geführten deutschen Siedlung am Fuß der Anden ihr Geld gar nicht in die Hand bekommen. Die Voraussetzungen für den Entzug oder eine Versagung der Rente sahen die Richter aber im konkreten Fall nicht erfüllt (Az: B 5 RJ/38/99 R).
Der 5. Senat des Gerichts zeigte der unterlegenen Landesversicherungsanstalt freilich Möglichkeiten auf, ihr Ziel doch noch zu erreichen. So könne von den deutschen Rentnern aus der "Colonia Dignidad" zum Beispiel verlangt werden, dass sie ihr Geld persönlich in der chilenischen Botschaft abholen. Nach höchstrichterlicher Ansicht könnte zudem versucht werden, mit den chilenischen Behörden zusammen zu arbeiten.

Anlass für diese höchstrichterlichen Tipps waren mehrere Klagen von Senioren, die in der "Colonia Dignidad" leben, darunter ein Mann, der 1995 in Deutschland seine Rente beantragt und bewilligt bekommen hatte. Die Auszahlung war indes verweigert worden. Dies wurde mit den Verhältnissen in der Sekte und mit dem Verdacht begründet, dass er nicht frei über sein Geld verfügen können werde. Zudem war im Bescheid bezweifelt worden, dass der Senior noch Herr seiner Sinne und damit geschäftsfähig sei.

Schon in der mündlichen Verhandlung über die Klage des Mannes hatte das Bundessozialgericht signalisiert, dass es für die Versagung der Rente keine Rechtsgrundlage sehe. Diese hätte nach den Feststellungen der Richter allerdings wohl dann bestanden, wenn der Rentner seiner "Mitwirkungspflicht" nicht nachgekommen wäre und sich zum Beispiel trotz Aufforderung geweigert hätte, seinen Rentenscheck persönlich im Konsulat abzuholen.

Rüdiger Mey, Verwaltungsdirektor bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestelle (BfA), bezeichnete die "Colonia Dignidad" (flächenmäßig so groß wie das Land Bremen) als "Mini-Diktatur" und "KZ-ähnliches" System. Deren Mitglieder könnten nicht frei über ihr Leben bestimmen, sagte Mey.
Schon bei einer Mitte der 90er Jahre in Chile organisierten "Renten-Sprechstunde" seien Siedler "wie wandelnde Roboter" aufgetreten. Entflohende Mitglieder hätten im Übrigen bestätigt, dass in der "Colonia Dignidad" Kinder missbraucht würden. Gegen den Sektengründer Paul Schäfer haben die deutschen Behörden bereits vor geraumer Zeit Haftbefehl wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen erlassen.
 
 
 
 
Aus: AGPF AKTUELL I/88 vom 10.3.1988 Seite 2 

COLONIA DIGNIDAD VOR DEM BUNDESTAG 

Erstmals  in  der Geschichte der Bundesrepublik  hat  ein Ausschuß  des  Deutschen Bundestages eine  Anhörung  über eine  Sekte  abgehalten. Die Vorwürfe gegen  die  COLONIA sind  im  Kern seit 1977 bekannt. Aber erst 1984  und  85 wurden  sie durch die Aussagen von Ehemaligen mit einiger Sicherheit  beweisbar.  Am  21. u. 22.2.88  fand  darüber eine  Anhörung  vor dem Unterausschuß für  Menschenrechte statt.  Die   Ehemaligen   bekräftigten   ihre  Vorwürfe: Folter, Freiheitsbraubung und vieles mehr. 

Geladen  war auch der bei Bonn ansässige  "Träger"-Verein der  Colonia. Es erschien der Lagerarzt Hartmut Hopp  aus Chile,  von  den Zeugen als einer der Täter  beschuldigt. Er  bestritt  erwartungsgemäß alles, bot Erklärungen  an. 
Erstaunlich:  Die  Staatsanwaltschaft ließ  ihn  offenbar unbehelligt  wieder  ziehen.  Von  einer  Verhaftung  war bisher  nichts  zu  lesen, noch nicht  einmal  von  einer Vernehmung.  Ebensowenig  von einem Haftbefehl  oder  gar einem Auslieferungsantrag gegen den Haupttäter Schäfer. 

20  Jahre  lang  wurde   übrigens beharrlich  behauptet, dieser  sei längst gestorben. Schon vor Wochen zeigte der WDR  jedoch  einen Amateurfilm mit  einem  offensichtlich lebenden  Schäfer.  Hat die Staatsanwaltschaft  den  Film nicht  gesehen?  Wurde vergessen, die  Staatsanwaltschaft über    die    Anhörung   zu   informieren?    Für    die Staatsanwaltschaft  gilt  das Legalitätsprinzip. Sie  muß also  einschreiten,  wenn ihr Straftaten bekannt  werden. Bleibt  nur eine Schlußfolgerung: Anderweitige  Maßnahmen sind bereits eingeleitet. 

Inzwischen     wurden     neue     Informationen     über Waffenschmuggel  bekannt. Der STERN (18.2.88)  berichtete unter  dem  Titel "Munition für das Folterlager".  STERN-Autor  Gero  Gemballa schließt seinen Bericht  mit  einer Frage:  "Rüstet Paul Schäfer, Herr über 300 Menschen, die 'Colonia  Dignidad'  auf zum letzten Gefecht,  falls  die Chilenen  - etwa  auf  Bonner   Druck -  das  Lager  räumen wollen?" 

Presseberichte  zu  diesem  Vorgang können bei  der  AGPF angefordert    werden    unter   dem   Stichwort   AGPF-Materialdienst 3/88. 

Im  März 88 erscheint bei rororo-aktuell das  Taschenbuch "Colonia  Dignidad  - ein deutsches Lager in  Chile"  vom Gero Gemballa.

 
 
 
AGPF Aktuell III/88 vom 30.9.88 

Colonia Dignidad: Demonstration in Siegburg 

Die "Not- und Interessengemeinschaft für die Geschädigten der Colonia Dignidad" wird am 5.11.1988 ganztägig auf dem Marktplatz von Siegburg bei Bonn informieren und demonstrieren. Plakate werden in der ganzen Stadt darauf hinweisen. Siegburg ist der Sitz des deutschen Stützpunktes der Sekte, des Vereins "Private Sociale Mission", eingetragen beim Amtsgericht Siegburg unter VR 637. 
Die Demonstration gilt wohl dem CDU Bundestagsabgeordneten und Bürgermeister von Siegburg, Adolf Herkenrath. Buchautor Gero Gemballa ("Colonia Dignidad", rororo aktuell 12415) zählt ihn zu "den deutschen Freunden" der Sekte. 

Gero Gemballa: "Die Geschichte ist ohne Ende. Irgendein großes Geheimnis steckt noch dahinter. Der Grund, weshalb die Leiter der "Colonia Dignidad" bisher immer ungestraft 4avonkommen konnten, ja ihr Lager auch noch zu einem finanzkräftigen Wirtschaftsbetrieb ausbauen konnten, ist noch nicht gefunden 

IMPRESSUM Herausgeber: AGPF e.V. Eigendruck im Selbstverlag. Erscheinungsweise: Vierteljährlich. 
Verantwortlich und Verfasser soweit nicht anders gekennzeichnet: AGPF-Geschäftsführer Ingo Heinemann 
 

 
 
 
Aus: AGPF-Info 9/97 


Colonia Dignidad in Chile: Chef wegen Kindesmißbrauchs gesucht 

Paul Schäfer wird wegen sexuellen Kindesmißbrauchs per Haftbefehl gesucht. Das riesige Gelände wurde unter Einsatz von 1.000 Polizisten mehrfach vergeblich durchsucht. Ein Doppelgänger wurde wegen Behinderung der Justiz verhaftet.  
 1961 hat Schäfer Deutschland verlassen, nachdem  gegen ihn wegen des sexuellen Mißbrauchs von Jungen ermittelt wurde. Schon kurz darauf wurden dieselben Vorwürfe auch aus Chile bekannt. Unter der damaligen Militärdiktatur soll die "Colonia" als Folterlager gedient haben. 1988 hat der Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe des Deutschen Bundestages unter Vorsitz von MdB Friedrich Vogel (Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender des Vorstandes der AGPF) eine Anhörung durchgeführt. Ein umfangreiches Protokoll (Protokoll Nr. 10 der 10. Sitzung vom 22.2.88, 11. WP,- 712 -UA 2 - 2451 -) belegt die Vorwürfe. Das Auswärtige Amt am 3.6.97 an MdB Renate Rennebach: "Glaubwürdig". 1989 hat die Not- und Interessen-gemeinschaft für die Geschädigten der "Colonia Dignidad" (Karin Schaffrik  04121/91801) den umfangreichen Bericht eines Ehemaligen veröffentlicht.  
 Bücher über die Colonia Dignidad:  
Gero Gemballa: Colonia Dignidad  - Ein deutsches Lager in Chile. Rowohlt  1988. 980-ISBN 3 499 12415 7 
F. Paul Heller: Colonia Dignidad 
Von der Psychosekte zum Folterlager 
Schmetterling 1993, ISBN 3-926369-99-x 

 
 
 
Kölner Stadt-Anzeiger vom 6.5.02 


Keine Strafe für den Kinderschänder 

 VON ULRICH ACHERMANN 

Jahrelang hat die Sekte um den Deutschen Paul Schäfer durch Kindesmissbrauch und andere Untaten Schlagzeilen gemacht. Doch all die Verbrechen bleiben wohl ungesühnt.  

Santiago de Chile - In aller Welt pflegen Strafprozesse mit Schuld- oder Freisprüchen für den Angeklagten zu Ende zu gehen. Und dreht sich die Sache um Kindesmissbrauch, so ist die Toleranz verständlicherweise nicht allzu groß. Nur in Chile ticken die Uhren der Justiz anders: Sie schloss das Strafverfahren gegen den notorischen Pädophilen und mysteriösen deutschen Sektenchef Paul Schäfer (80). Fünf Jahre lang ermittelte Sonderstaatsanwalt Hernan Gonzalez gegen den Boss der mysteriösen deutschen Sekte "Colonia Dignidad" in Chile. Jahrelang hatte er sich auf dem streng abgeschirmten Sektengelände in Südchile allabendlich einen Jungen als Bettgenossen in seine Gemächer mitgenommen. Damit die Opfer nicht auf falsche Gedanken kamen, lag stets die Pistole auf dem Nacht¦tisch. In den Prozessakten lückenlos und bis zum letzten Detail dokumentiert ist der sexuelle Missbrauch von 27 Jungen - doch Schäfer geschieht nichts, das Verfahren wurde jetzt eingestellt.  

Der Grund ist simpel. Schäfer ist seit Prozessbeginn vor einem halben Jahrzehnt verschwunden. 18-mal durchsuchte die Kripo die Colonia Dignidad nach dem Deutschen. Zu finden war er auf dem weitläufigen Sektengelände nie, das dreimal so groß ist wie das Bundesland Bremen. Was für den Rechtsanwalt der vergewaltigten Opfer aber nicht mit der Ausdehnung des zur Sekte gehörenden Landwirtschaftskomplexes zu tun hat, sondern mit den seltsamen Verbindungen der deutschen Gemeinschaft zum Militär- und Sicherheitsapparat Chiles. "Die wussten durch Indiskretionen lange vor Beginn jeder Razzia, was auf sie zukam", berichtet Rechtsanwalt Hernan Fernandez. Innenminister José Miguel Insulza macht hingegen auf Schadensbegrenzung: "Alles nur halb so schlimm. Fasst die Polizei Schäfer doch noch, wird auch das Verfahren neu aufgerollt."  

Dabei ist sich Anwalt Fernandez sicher, dass der aus dem Raum Siegburg stammende Paul Schäfer die Colonia Dignidad zu keinem Zeitpunkt verlassen hat, sondern dort nur untergetaucht ist. Mehrfach sicherte die Kripo bei ihren Einsätzen frische Fingerabdruck-Spuren des Gesuchten. "Ein paar Mal war die Polizei mit so genannten Georadar-Geräten im Einsatz. Die in einem klassischen Bergbauland wie Chile selbstverständliche Top-Technologie förderte ein weit verzweigtes Tunnel- und Bunkersystem im Boden tief unter der Colonia Dignidad zu Tage." Aber auf die Erlaubnis aus dem Regierungspalast in Santiago, mit Ausgrabungen beginnen zu können, wartet Kripo-Chef Luis Henriquez vergeblich.  

Ganz offensichtlich ist Paul Schäfer, der sich an der Spitze von 300 deutschen, österreichischen und holländischen Mitläufern 1961 in Chile niederließ, ein unantastbarer Mann. Lange erklärte man sich das mit seiner Nähe zum Pinochet-Machtapparat, der auf dem Sektengelände nachweislich eine Folterkammer für Regimegegner unterhielt. Die These hält inzwischen nicht mehr stand, nicht nur, weil der Alt-Diktator im öffentlichen Leben nun keine Rolle mehr spielt: Das Bunkersystem, das Anwalt Fer- nandez "eine unterirdische Stadt" nennt, dürfte keine Luftschutz-Erfindung Paul Schäfers für sich und seine Schäfchen sein. Sondern eine Anlage der chilenischen Armee, gut getarnt mit einer darüber lebenden Sekte, deren Angehörige seit vielen Jahren in einem permanenten Zustand spiritueller und psychologischer Manipulation leben. Jedenfalls ist die Abschirmung des Geländes mit einem Kamera-, Infrarot- und Lauschsystem von einer technischen Aufwendigkeit und Raffinesse, wie sie sich Zivilisten nicht leisten können. Was genau sich da abspielte, das weiß wohl nur eine Hand voll Auserwählter in Chile. Schäfer dort rauszuholen, hätte das Militärgeheimnis platzen lassen. 

Die Jagd der Polizei auf den gerichtsnotorisch als pädophil bekannten Sektenboss, der sich als einschlägiger Angeklagter einst dem Zugriff der deutschen Staatsanwälte durch die Flucht nach Chile entzogen hatte, veränderte in seinem Dignidad-Reich trotzdem vieles. Das ursprüngliche, an ein KZ erinnernde Regime - Geschlechtertrennung, Briefzensur, Ausgehverbot und Züchtigung durch Schläge und Psychopharmaka - ist einem liberaleren Lebensstil gewichen: Eine von Schäfers ehemaligem Sicherheitschef Erwin Fege angeführte Gruppe von 20 Familien ist ausgezogen und siedelt fernab von Dignidad in der Nähe des Vulkans Osorno. Die Zurückgebliebenen erfreuen sich neuer Freiheiten. "In den letzten zwei Jahren gab es 20 Eheschließungen", berichtet Juvenal Pereira, der katholische Pfarrer von Parral, dem Nachbarstädtchen der Colonia Dignidad. Ein halbes Dutzend Jugendliche der Sekte, die früher keinen Fuß jenseits des mit Stacheldraht gesicherten Geländes setzen durften, gehen jetzt in Parral und in der Stadt Concepcion zur Schule oder erlernen einen Beruf außerhalb des Sektengeländes. Hernan Escobar, ein zu Schäfers Sekte gestoßener Chilene und Sprecher der Monsterkolonie, sonnt sich in der Siegerpose. Obschon Chiles Behörden seit Jahren versuchen, den angeblich baptistisch inspirierten Verein aufzulösen und das beachtliche ökonomische Geflecht um den Sektenkomplex auszuleuchten, ist dem Bollwerk Colonia Dignidad bis auf den heutigen Tag nicht beizukommen. Elf Jahre nach der per Präsidialdekret verfügten Auflösung der Kolonie als zuschussberechtigter chilenischer Wohlfahrtsbetrieb ist der Rechtsstreit darüber noch im Gang und die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass die Sekte ihren ursprünglichen Status zurückgewinnt - samt Entschädigung und Schmerzensgeld. Dignidad-Sprecher Escobar übt, mindestens vor den Mikrofonen, sogar leise Kritik an Gründer Schäfer: "Weil er sich seiner Verantwortung entzieht und verschwunden bleibt, hat er uns Dignidad-Mitgliedern jede Menge Ärger mit der Polizei eingebrockt." 

Das Abtauchen Schäfers beeinträchtigt allerdings den Gang der Geschäfte nicht. Jeden Donnerstag hält vor dem deutschen Kindergarten in Santiago ein von einem Dignidad-Mittelsmann gemanagter Verkaufswagen mit deutschem Landbrot, Schinken und Torten. Skrupel? Der Verkauf läuft gut 

 



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