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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/Clark78.htm  Zuletzt bearbeitet am 7.3.2006
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John Clark: Der künstlich gesteuerte Wahnsinn, 1978

Der Psychiater Dr. John G. Clark ist am 7.10.99 gestorben.
Hier ein Vortrag, den Clark im Februar 1978 in Hannover gehalten hat.


Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Impressum

Auf dem Foto:

John Clark und
Louis West

bei einem Kongress
in Bonn
im November 1981
 
 

Diese Seite enthält einen Buchauszug aus:
 

"Neue Jugendreligionen“
Vorträge und Berichte einer Fachtagung über "Probleme im Zusammenhang mit den 
sogenannten Jugendreligionen“ am 23./24. Februar 1978 in der Medizinischen Hochschule Hannover 
Herausgegeben von 
Manfred Müller-Küppers und Friedrich Specht 
Verlag für Medizinische Psychologie 
im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen 
1979, 179 Seiten, ISBN 3-525-45224-1

Inhalt
Hans Löffelmann: Neue Sekten: Problem und Aufgabe für den  Jugendschutz 
Klaus Karbe: Jugendsekten: Eine Herausforderung für Wissenschaft und Gesellschaft 
H.-Diether Reimer: Die sogenannten "neuen Jugendreligionen“ aus der Sicht der "Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“‘ Stuttgart 
Wanda von Baeyer-Katte: Konstante Reaktionsmuster im Aufbau moderner Kulte 
Robert J. Lifton: Religiöse Kulte und Totalitarismus  [siehe auch Lifton 1963]
John G. Clark: Der künstlich gesteuerte Wahnsinn 
Margaret Singer: Coercive Persuasion und die Probleme der "Ex-Cult Members“ 
Dokumentation über die Auswirkung der Jugendreligionen auf Jugendliche in Einzelfällen 
Gerd Wartenberg: Probleme im Zusammenhang mit den sogenannten Jugendreligionen 
Anhang:
I. Überblick über die wesentlichen Gruppierungen, die sich besonders an Jugendliche wenden 
II. Anschriften von Beratungs- und Informationsstellen 
III. Literaturempfehlungen - Anschauungsmaterial - Arbeitshilfen



Inhalt:
Das Problem
Die Untersuchung
Die Entdeckungen
Die Analyse
Implikationen
Tabelle Verhaltensänderung bei der Vorderlappen-Epilepsie - Übersicht: Festgestellte Verhaltensmerkmale


Clark: Der künstlich gesteuerte Wahnsinn Buchauszug Seite 85


John G. Clark

Der künstlich gesteuerte Wahnsinn

Das Problem

Um eine ernsthafte Untersuchung über das Phänomen der erzwungenen und fortdauernden Bekehrung (vollkommene Sinnesumwandlung) zu gewährleisten, ist in der Tat eine umfassende Studie über den Menschen, seine Biologie und Kultur nötig. Hier darf nicht engstirnig vorgegangen werden, andernfalls würde die Möglichkeit versäumt werden, Einblick in bedeutende, wenn auch verwirrende Zeitströmungen zu erhalten. Darüber hinaus müssen wir uns mit dem Begriff des Wahnsinns auseinandersetzen, der immer einen Teil des Menschseins ausmacht.
Es ist dieser Wahnsinn, der akzeptiert und schließlich verstanden werden muß, damit man ihn gefahrlos ertragen kann. Keiner von uns ist zu jeder Zeit vollkommen normal, aber meist werden wir mit unseren kleinen Stürzen in die "Verrücktheit“ fertig. Es gibt keinen Dauerzustand der Normalität. Hier interessiert uns nun die negative Steuerung und Ausbeutung des in uns "schlummernden“ Wahnsinns durch entschlossene, gut organisierte und geschickt arbeitende Gruppen.

Die Untersuchung

Diese klinische Untersuchung, wurde unter schwierigen Bedingungen in einem Zeitraum von vier Jahren vorgenommen. Von mir selber wurden 50 Einzelpersonen und über 75 Elternpaare untersucht. Sie umfaßt außerdem Material von über 150 anderen Personen, das von meiner Mitarbeiterin Jean Merritt, psychiatrische Sozialarbeiterin, und Dr. Bijan Etamed, Psychiater an der Horsham Klinik, Pennsylvania, überprüft wurde. Dr. Margaret Singer, Psychologin an der University of California, Berkeley, hat auch viel Unterstützung und Information gegeben. Diese Quellen waren von unschätzbarem Wert für diese Untersuchung, um so mehr, da viele Meinungsverschiedenheiten auftauchten und sowohl rechtliche als auch physische Gefahren den Ablauf der Beobachtungen



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zu behindern drohten. Ich hoffe, daß einige dieser Beobachtungen und Folgerungen weitere genau kontrollierte Laborstudien und eine erneute Beurteilung der weitverbreiteten Ansichten über Persönlichkeitsstrukturen und Gruppeneinfluß nach sich ziehen werden.

Alle von mir untersuchten Personen und die betroffenen Angehörigen wurden jeweils unter den bestmöglichen klinischen und fachlichen Bedingungen behandelt. Jedes einzelne Stadium der Kult-Zugehörigkeit wurde studiert, vom oberflächlichen Interesse bis zur dauernden Mitgliedschaft. Mein vordringlichstes medizinisches Interesse richtete sich neben allem anderen auf folgende Punkte: Schädigung, Krankheit, Gesundung und Rehabilitation, sowie Wachstum und Entwicklung. Ich selbst habe keine Deprogrammierung oder Rückbekehrung verfolgt, aber es lagen viele Informationen darüber vor. Meine Arbeitsdefinition der seelischen Erkrankung war: Eine Funktionsstörung des Zentralnervensystems (ZNS), die eine die Substanz angreifende Schädigung verursacht, in deren Folge eine Veränderung des Bewußtseins, der Stimmungslage, des Erinnerungs- und Wahrnehmungsvermögens, der Orientierung oder der Fähigkeit, die Wirklichkeit richtig einzuschätzen (capacity to test reality), auftritt. Die große Mehrheit meiner Patienten kam aus der mittleren oder oberen Mittelschicht. Sie waren 15 bis 31 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag zwischen 19 und 20. Es wurde eine Beurteilung der vergangenen Entwicklung und der Kulturerfahrung, sowie des gegenwärtigen Geisteszustandes und der physischen Gesundheit angestrebt.

Durch diese Untersuchung kennen wir acht moderne Kulte sehr genau. Jeder von ihnen behauptet, eine Religion zu sein. Außerdem wurden im Laufe dieser Arbeit viele Informationen über andere Organisationen - einige religiöser, andere politischer oder terroristischer Natur und viele Kommunen - bekannt. Sehr häufig war es möglich, Einblick in ihr planvolles Vorgehen zu gewinnen und es auszuwerten. Dieses gesamte Material brachte die endgültige Bestätigung, daß das bedeutendste Phänomen, das untersucht werden mußte, das des schwerwiegenden Zerfalls der Bewußtseinszusammenhänge war sowie deren systematische Aufrechterhaltung und pathologische Folgen. Diese Schlußfolgerung bestätigte die vom gesunden Menschenverstand hergeleitete Vermutung erschreckter Angehöriger.

Im Laufe der sich entwickelnden und fortschreitenden Untersuchungen wurde es nötig, eine Anzahl theoretischer Modelle gleichzeitig zu überprüfen, um festzustellen, welche Fragestellungen und Beobachtungen von entscheidender Bedeutung waren. Nicht nur Kenntnisse der Psychiatrie,



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sondern auch der Soziologie, der Inneren Medizin, der Neurologie, der Psychologie, der Neurophysiologie, der Neuroanatomie, der Politologie und der Geschichte schienen hier erforderlich zu sein. Sogar die Psychophysik des Signal-Geräusch-Verhältnisses (signal-to-noise ratios), wie wir es von der Informationstheorie kennen, wurde herangezogen, um Einsichten zu gewinnen. Aber das Wichtigste für einen Arzt war in der abschließenden Form die Übertragung jeder dieser Betrachtungsarten - Beobachtung und Hypothese - in die Betrachtungsweise der Biologie (matrix of biology).
Keines der üblichen Denkmodelle, die von Experten in Einzeldisziplinen vorgeschlagen wurden, schien die beobachteten Phänomene zu erklären. Die psychoanalytischen Ansichten konzentrierten sich rund um die Dynamik von Hysterie und traumatischer Neurose, und viele Analytiker hielten vorschnell an der Konzeption von Übertragung, Übergangsstadium, Bindung an charismatische Führer und frühen Kindheitserfahrungen fest. Dieses horizontale (eindimensionale) Modell der Persönlichkeit bot keine befriedigende Erklärung für die totale Veränderung des folgerichtigen Denkens und Fühlens (discontinuities), die sich bei Personen, die noch im Bann der Bekehrung lebten, zeigte, Veränderungen, die sich auf alle Aspekte des persönlichen wie auch des physiologischen Erscheinungsbildes und des Verhaltens erstreckten. Ihre Denkmodelle ließen tatsächlich die wertvollsten Informationsquellen unberücksichtigt, die sich auf die mangelnde Folgerichtigkeit des Denkens (discontinuities) in der Persönlichkeit bezogen. Dafür schoben sie diskret die Schuld auf die Opfer und deren Eltern, denen sie bewußte Entstellung bei der Darstellung ihres Falles unterstellten. Meine klinischen Auswertungen unterstützten nicht die Vorstellung einer Festlegung auf die orale Phase. Die Analytiker waren aber der Meinung, das Problem liege ausschließlich bei dem Bekehrten und seiner Familie. Die soziologische Studie von John Lofland (Anm. 1) in seinem Buch "Doomsday Cult“ befaßte sich weder mit Veränderungen in den Funktionen des zentralen Nervensystems noch mit Persönlichkeitsdiagnosen, war aber sehr nützlich durch die Beschreibung der Taktiken der Kulte, sich Zugang zu Bekehrungswilligen zu verschaffen. Darüber hinaus informiert sie über ihre Einstellung zur Gesellschaft und ihre Techniken, Anhänger anzuwerben. Die häufig geäußerten soziologischen Theorien, daß Fernsehen, Familienzerfall oder die Überflußgesellschaft ursächlich dafür seien, sind nicht genügend begründet, denn - wenn auch teilweise richtig - sind



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sie meist ideologisch oder politisch überbaut und daher zu simplifizierend.

Ein einfaches psychophysiologisches Modell erschien ungeeignet, denn wenn auch wirkliche Anzeichen von unzulänglicher Ernährung, chronischem Schlafentzug und Alpträumen vorlagen, so ließ sich dies doch nicht schlüssig durch die üblichen physikalischen und psychometrischen Tests beweisen; außerdem konnte hierbei weder der ideologische noch der Gruppendruck mit einbezogen werden.

Die Folgerungen der klinischen Psychologen waren aus mehreren interessanten Gründen widersprüchlich und verwirrend, obwohl einige von ihnen die verdrehten Denkprozesse dieser Personen sowie die bezeichnende Ähnlichkeit zwischen Bekehrung und hypnotischem Trancezustand erkannten. Mit den üblichen Methoden ließ sich das Phänomen des Zusammenhangsverlustes (dissociative phenomena) weder messen noch annähernd aufklären.

Außerdem schien es, daß die beobachteten Veränderungen und die darauf folgenden Schäden sich nicht ohne weiteres einem der bekannten medizinischen Syndrome zuordnen ließen, trotz vieler festgestellter körperlicher Veränderungen: Der veränderten Menstruation, Fettleibigkeit, Kachexie oder verändertem Bartwuchs.

Die erstaunliche Tatsache, daß die radikalen Bekehrungen anscheinend leicht zu bewerkstelligen waren und daß der intellektuelle Inhalt dieses Vorgangs oft gering und irreführend war, ist faszinierend. Margaret Singer (Anm. 2) nennt diese Fähigkeit eine "Volkskunst“ (von jedermann zu erlernen). Gerade Neubekehrte schienen ihrerseits nach nur ganz kurzer Schulung fähig zu sein, andere zu bekehren, einerlei um welchen Kult es sich dabei handelte. Es wurde auch ersichtlich, daß die Persönlichkeiten und die vorausgegangenen Verwundbarkeiten große Unterschiede aufwiesen und daß mehrere Personen akute Psychosen während der Bekehrung oder der Deprogrammierung durchmachten. (Es handelte sich um Psychosen von kurzer Dauer, die mit den üblichen Medikamenten und durch kurzen Klinikaufenthalt behandelt werden konnten.) Andere Beobachter berichteten über mehrere erstaunliche "Entbekehrungen“ oder auch über unvollständig bekehrte Personen, die mehr klassisch schizophren waren. Einige der Bekehrten, die isoliert in einem kleinen Geld sammelnden Team mit einem verhältnismäßig starken Führer lebten, machten eine Durchgangsbekehrung zu diesem Führer durch und trennten sich dann kurz danach ganz von dem Kult. Wie von vielen Beobachtern



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aktiver "Entbekehrungsbemühungen“ berichtet wird, kann eine schnelle Persönlichkeitsveränderung am leichtesten durch sanftes, aber beharrliches Diskutieren der vergangenen Wirklichkeit (der Zeit vor dem Sekteneintritt) bewirkt werden, und zwar sogar in Gegenwart von überzeugten und begeisterten Mitgliedern des Kults.

Im Verlauf dieser Untersuchung wurde langsam erdrückend deutlich, daß nicht so sehr der Inhalt, sondern die Eigenart der Erlebnisse der entscheidende Faktor war. Es war einerlei, ob der Kult religiös, terroristisch-politisch, rechts oder links, reichhaltig oder beschränkt in der geistigen oder dogmatischen Ideologie war. Es schien klar, daß alle bereits erwähnten Modelle der Analyse und dazu noch andere gleichzeitig angewandt werden konnten, um Verständnis zu erlangen.
 

Die Entdeckungen

Die soziologische Untersuchung, die John Lofland in seinem Buch "Doomsday Cult“ (1976) über die Vereinigungskirche (Moonies) während ihrer frühen Periode in den USA sorgfältig beschreibt, definiert einen Kult, den ich für gefährlich halte. Lofland ist zu dem Schluß gekommen, daß Bekehrungen mehr in Beziehung zu äußeren Umständen als zu einer psychologischen Verwundbarkeit stehen, und konzentriert seine Aufmerksamkeit richtigerweise auf den Stil des Kultverhaltens und nicht so sehr auf sein Glaubenssystem.

Die gefährlichen Gruppen haben zunächst viele Eigenschaften gemeinsam, in Kleinigkeiten aber gibt es feine Unterschiede. Die Qualität ihrer Aktivitäten jedoch scheint sehr ähnlich zu sein, einerlei, auf welche Ideologien sie sich festlegen. Das Ziel ihrer Bemühungen ist der unumschränkte Einfluß über jede Einzelheit des Lebens ihrer ergebenen Anhänger.

Die beherrschende Macht in diesem Kult liegt fast in jedem Fall - bei einem lebenden und wohlhabenden Führer. Die Glaubenssysteme sind absolut und intolerant gegenüber anderen Systemen oder Außenseitern. Die Beherrschung ist totalitär; durch eine ausgewählte Hierarchie fordern sie bedingungslosen Gehorsam. Diese Kulte stellen sich über alles weltliche Recht, das sie mißachten und hemmungslos brechen. Menschenrechte oder persönliche Eigenständigkeit haben für sie wenig oder gar keine Bedeutung. Urteilskraft und das Erwerben geistiger Fähigkeiten wird verachtet. Alle Intimität und Sexualität ist kontrolliert und ritualisiert, so daß Liebe zu einer anderen Person fast unmöglich ist. Gemeinschaftsdienst,



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abgesehen von der Anwerbung von Anhängern, gibt es praktisch nicht. Der Wert des einzelnen wird ausnahmslos durch die "heiligen Lehren“ bestimmt, die auch jeden Gedanken, jede Einstellung und Haltung vorschreiben. Da dies eine Entwertung des eigenen Ichs darstellt, sollte es nicht erstaunen, wenn Frauen und bestimmte Rassen als minderwertig angesehen werden.

Die Kulte verweigern sogar manchen Individuen die Lebensberechtigung. Morde und Selbstmorde sind nur zu häufig. Ihre Daseinsberechtigung ("raison d‘etre“) sehen sie in einem heiligen Krieg gegen alle anderen Denk- und Glaubenssysteme.

Fast alle diese Gruppen legen großes Gewicht auf das Geldsammeln, hauptsächlich durch Bettelei. Einige betreiben Farmen mit der unbezahlten Arbeit der Bekehrten, während viele Abfälle sammeln und sie essen. Anscheinend berauben andere Banken oder legen Bomben. Die meisten, die ich untersucht habe, verfügen über wertvollen Besitz.
Die Führer mögen an alle ihre Lehren glauben oder nicht, aber alle behaupten, besondere, einzigartige magische Macht und Verantwortung zu haben. Häufig lassen sie sich als Prophet oder Messias verehren. Zweifellos haben diese Führer durch ihre einzigartigen Weltanschauungen, ihr Fixiertsein auf eine Idee und ihre Machtgier eine große Fähigkeit, andere zu beeinflussen.

Jede Gruppe hat, mit ihren absoluten Ideologien als Basis für die Methoden ihrer genau organisierten Aktivitäten, technisch folgerichtige Taktiken für die Bekehrung und deren Erhaltung entwickelt. Diese sind grundsätzlich überall die gleichen und leicht erlernbar. Es gibt verschiedene gedruckte Handbücher über diese Taktiken, die in Stil und Qualität ähnlich sind, wie die, die zur Ausbildung von Verkaufspersonal im Geschäftsleben benutzt werden.

Wie zu erwarten, ist ihr vordringliches Anliegen, Zugang zu Bekehrungswilligen zu finden, was jede Gruppe sehr erfolgreich gelernt hat, da sie sonst wegschrumpfen würde. Die Moonies haben sich zum Beispiel auf Studenten an Orten wie Boston oder San Francisco spezialisiert. Sie werden gelehrt, einen jungen Ankömmling mit Rucksack und Gitarre zu erspähen. Diese sind oft hungrig und befinden sich aller Wahrscheinlichkeit nach in irgend einer Lebenskrise. Andere Kulte ziehen die Aufmerksamkeit auf sich durch bizarre Schaustellungen an unerwarteten Orten: Die Krishnas mit ihrem endlosen Singsang, ihrem Tanzen und Beckenschlagen in der Straße vor der Stadtbibliothek in Boston, die Anhänger des "vollkommen lebenden Meisters“, die zur Divine Light Mission gehören, werfen sich in für amerikanische Studenten recht uncharakteristischer



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Art vor einem großen Abbild ihres Führers in einem Raum des Massachusetts Institute of Technology zu Boden. Meist werden Bekehrungswillige von Angehörigen des anderen Geschlechts angesprochen.

Wenn die Aufmerksamkeit erregt worden ist und der Kandidat die recht einfachen Angebote oder die "Liebe“, die von den Vertretern des Kults ausgesprochen wird, näher untersuchen will, wird er oder sie in die folgenden raffiniert ausgearbeiteten Methoden des Bekehrungsprozesses eingeführt: Vorsätzlicher, eklatanter Betrug und Verzerrung der Wirklichkeit charakterisieren diese Stufe. Intensiver Gruppendruck, endlose Vorlesungen, Lügen, Mißbrauch von kirchlichen und erzieherischen Methoden und andere zwischenmenschliche Zwänge werden bei dem ahnungslosen Individuum angewandt und wirken auf es ein. Singsang und ein Schwall von Phrasen, gerade das "Richtige“ um junge, idealistische Köpfe gefangen zu nehmen, werden ständig ins Spiel gebracht. Das ist so intensiv, daß die einzelnen, die unter solchem Druck stehen und für so etwas empfänglich sind, in einen Zustand eingeengter Aufmerksamkeit und hochgradiger Suggestibilität geraten. Dieser Zustand wird durch systematischen Entzug von der gewohnten Wirklichkeit und von Schlaf intensiviert und aufrecht erhalten. Dieser neue Geisteszustand, völlig ohne Bewußtseinszusammenhänge, ist eine Trance oder ein Bewußtseinszerfall. Das Subjekt hat in jeder Beziehung seine beunruhigende Selbständigkeit aufgegeben und Körper und Seele in die Hände der Gruppe oder eines bestimmten Menschen überantwortet. Diese Einführungsperiode ist auch als "zwanghafte Überredung“ (coercive persuasion) bezeichnet worden und ist von Schein (Anm. 3) und Lifton (Anm. 3) in anderen geschichtlichen Zusammenhängen treffend beschrieben worden.

Wenn dieser Zustand der passiven, eingeengten Aufmerksamkeit und der Bereitschaft, sich beeinflussen zu lassen, erreicht ist, beginnt die schädigende Arbeit der Bekehrung erst richtig. Man könnte es auch gedankliche Umerziehung nennen. Das ist immer ein Programm von ungeheurer Intensität, das in der Abgeschiedenheit, fern von vertrauter Umgebung, durchgeführt wird. Alle Kulte erreichen während dieser Zeit durch verstärkten Gruppendruck, Nahrungsänderung und Einführung von Schuld und Terror sehr rasch eine ideologische Bewußtseinsänderung und Indoktrination. Die Fragen des übernatürlichen Druckes, mit dem man in Zukunft zu rechnen hat, werden immer bestimmter und



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konkreter vor Augen geführt. Zahlreiche Verheißungen von Sicherheit und Erlösung werden gegeben, davon ausgehend, daß die Welt bald untergeht und es ungeheure Belohnungen oder schreckliche Strafen für Gläubige oder Ungläubige geben wird. Es mögen versteckte Drohungen sein, sie können aber manchmal auch ganz offen und physisch werden: Unaufhörliches Predigen und Belehren von allen Seiten, pausenlose Überwachung sowie über Tage oder auch Wochen andauernde Verweigerung jeglicher Intimsphäre für Geist und Körper, sogar bei der Benutzung des Badezimmers. Alle Beziehungen zu anderen Menschen werden reglementiert und schablonenhaft, es gibt keine individuelle Ausdrucksweise mehr. Die Opfer werden ganz schnell dazu gebracht, ihre Einstellung zu allen vertrauten und geliebten früheren Objekten, Eltern, Geschwistern, Zuhause, Stadt etc. schnellstens zu ändern und werden körperlich und/oder seelisch in eine so fremde Umgebung versetzt, wie man es sich kaum vorstellen kann. Auf diese Weise wird es immer schwieriger für sie, sich die Vergangenheit überhaupt noch vorzustellen. Das Gegenwärtige wird zur Realität und schließt alle Elemente der übernatürlichen, magischen und erschreckenden Gedankenwelt ein, die andauernd von der Gruppe zum Ausdruck gebracht wird. Man glaubt, daß Sicherheit und Gesundheit ausschließlich innerhalb der Gruppe erlangt werden können. Es wird kein Raum mehr gelassen zu selbständiger Erprobung der Wirklichkeit.

Vielleicht ist es ein allen anderen an Wichtigkeit gleichgestellter Faktor; daß das Fundament der Sprache des einzelnen, die ja von frühester Jugend an sein Bewußtsein und seine geistigen und körperlichen Funktionen prägte, schnell und vorsätzlich verändert wird. Alle Worte mit emotionaler Bedeutung wie "Liebe“ oder "Familie“ erhalten eine Verschiebung in ihrer Bedeutung, übermäßig vereinfacht und nur in besonderer Weise sinnverwandt. Bekannte Lieder werden mit neuem Text gesungen, Lexika mit Wortneubildungen und veränderten Bedeutungen sind herausgegeben worden. Ein jeder erhält mehr Aufgaben zu lernen, zu studieren, zu verstehen und hat immer weniger Zeit, daran zu glauben, daß die Vergangenheit je existierte. Die Indoktrination ist jetzt auch soweit gediehen, daß die Eltern als vom Teufel oder vom politisch-wirtschaftlichen System "befallen“ bezeichnet werden. So wird die Elternschaft auf die Führer des Kults übertragen. Der Drang, nach Hause zu gehen, wird jetzt durch das eigene Verlangen ersetzt, den Kult und seine Führer als ausschließliche Autorität anzuerkennen, gleichzeitig entschwindet oft die Wertvorstellung für Schulbesuch und Weiterbildung aus dem Bewußtsein. Eine immerwährende Prüfung des Ichs in einer



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ewigen Suche nach Reinheit hat begonnen. Vereinfachte, magische, festgefügte Ideologien haben die Gemüter geformt, die jetzt davon nicht mehr loskommen. Solche radikalen Veränderungen der Gewohnheiten, der Loyalität und der Denkweise können innerhalb weniger Tage oder Wochen stattfinden und tun es auch regelmäßig.

In dem Maße, in dem die Arbeit Fortschritte machte und die Beobachtungen immer zahlreicher wurden, zeigte sich, daß die acht Thesen von Lifton, von ihm so klar formuliert, um die Frage zu beantworten: "Ist dies nicht wie Gehirnwäsche?“ in den verschiedenen Kulten, Gestalt anzunehmen schienen. Wie auf ein Signal geschah dies innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Zeit. Was diese Aufsätze auszeichnete, war die Abgrenzung reifer, geprägter Vorstellungen der Wirklichkeit und der Beziehungen im Gegensatz zur Aufprägung eines seltsamen, fremdartigen Klimas von folgerichtigen, vereinfachten und geschlossenen Ideologien. Gruppendruck und Hoffnung, zusammen mit ideologischen Belehrungen bilden ein klares Analogon zur frühen Elternbeziehung, haben aber keinen Bezug zu den realen Problemen des Lebens von Erwachsenen. Die Lügen der auserwählten Machthaber, durch Gruppenzustimmung noch unterstützt, erzwingen die Aufgabe eigener Urteilskraft und machen so einen neuen Glauben möglich. Durch alle diese Überlegungen fangen wir an zu verstehen, welche katastrophalen Veränderungen der Denkprozesse diese oft hochbegabten Bekehrten durchmachen müssen. Wenn erst einmal dieser sich vordrängende Zerfall der Fähigkeit, folgerichtig zu denken und zu fühlen (Dissoziation) eingetreten ist und für kurze Zeit andauert, scheint die Aufrechterhaltung dieses neuen Geisteszustandes ziemlich einfach zu sein. Ein dramatischer, offenkundiger Glaubensbeweis wird in Kürze von den Bekehrten gefordert: Von der früheren, gewohnten Lebensweise muß man sich lossagen und sich einer neuen theologisch/ideologischen Gemeinschaft "verschreiben“. Die neue Familie und neue Begriffsauslegungen von Liebe müssen angenommen werden, von den leiblichen Eltern und ihren Symbolen in der Gesellschaft muß man sich abwenden. Es kann auch verlangt werden, eine bizarre Handlung zu begehen, wie einen Bankraub oder einen Geschlechtsakt in der ~15ffentlichkeit, als Beweis der Bindung an den Glauben. Die Brücken zur Vergangenheit sind jetzt abgebrochen.

In einigen Kulten wird den Mitgliedern ein intensives Gesangs- und Meditationsverhalten beigebracht, so daß sie im Falle eines Angriffs auf ihren Glauben alle nur möglichen Gedanken und Zweifel durch Eingehen in einen Trancezustand mit verengtem Realitätsbewußtsein verdrängen können und sich so gegen alle Fragen und Herausforderungen abschirmen.



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Jetzt sind sie würdig in die nächsten Stufen, in eine höhere Ebene des Kults gehoben zu werden; meist als Bekehrer, Geldsammler, Abfallsammler oder möglicherweise als Terrorist.

Es scheint im wesentlichen drei Gruppen von Bekehrten zu geben, von denen zwei mehr oder weniger in ihren dissoziierten Zustand "hineingezwungen“ werden. Bei beiden scheint, wie schon in der Literatur angedeutet, ein starker und unwiderstehlicher Zustand emotionaler Erregung zu bestehen, der von solcher Stärke und Tiefe ist, daß er die Denkfähigkeit beeinträchtigt und die Vorbedingungen zu erfolgreicher Anwerbung schafft. Panik, Depression, Manie, psychotische Episoden oder sexuelle Erregung sind Beispiele für solche Zustände.

Von den Untersuchungen fielen etwa 40% in die erste Gruppe. Sie hatten keine Vorgeschichte mit Entwicklungsproblemen. Sie machten den Eindruck von normalen, sich zufriedenstellend entwickelnden jungen Menschen, die deprimiert und verängstigt waren, wie es bei solchen Menschen eben ist, wenn zum ersten Mal eine wirkliche Trennung von der Familie stattfindet. Solche Depressionen sind oft überdeckt und drücken sich in einer veränderten Denkweise aus. Enttäuschung und Bitterkeit über die wahrgenommene Welt und ein Gefühl der Ernüchterung erfüllt sie. Ein uncharakteristisches Ausagieren mag die Folge sein, so daß ein Werbeteam sich ihnen leicht nähern kann. Die schnelle Bekehrung oder Einführung als Resultat des organisierten Drucks des Teams hat einen Anpassungscharakter, ist also nicht in sich selbst pathologisch, wie in den anderen noch zu erwähnenden Fällen. Sie bedeutet eine Anpassung eines vorübergehend geschwächten Ichs an einen intensiven psychischen, sozialen und physischen, auf Veränderung gerichteten Druck. Der dann folgende Zusammenbruch des selbständigen Ichs wird sogleich als eine große Befreiung von dem vorherrschenden Unbehagen empfunden. Ein Trancezustand ist für diese Gruppe am Anfang der Einführung charakteristisch.

Die zweite Kategorie der Angeworbenen besteht aus einer sehr viel problematischeren Gruppe. Ihre Vorgeschichte enthält erhebliche Beweise für Entwicklungsschwierigkeiten und seelische Probleme während eines großen Teiles ihres Lebens - in der Schule, zu Hause und mit ihren Gefährten. Persönliches Unbehagen hat sie für lange Zeit begleitet, und die Welt ist ihnen niemals sehr zufriedenstellend erschienen. Sie werden oft "Sucher“ genannt, die viele erfolglose Wege zu persönlichem Wohlbefinden versucht haben, wie Drogen. andere Kulte, Gruppentherapien etc. Viele hatten dauernd mit psychotischem Denken zu kämpfen, während andere bereits verschiedene Zusammenbrüche hinter sich hatten,



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wie persönliche, soziale und schulische Katastrophen. Manche waren bereits formell als Schizophrene, Grenzfälle oder Persönlichkeitsgestörte diagnostiziert worden. Sie halfen mit und suchten selbst die Anwerbung, um Entlastung von ihrem chronischen Leidensdruck zu finden. So motivierte Bekehrungen waren wiederherstellend (restitutive) und gesucht, um in die Sicherheit eines neuen Ichs zu kommen, das in Fröhlichkeit, in einer neuen Wirklichkeit leben würde. Das alte Ich wurde aggressiv abgelegt. Während der Einführung macht diese Gruppe auch Trancezustände durch. Für manche stellt dies eine oft praktizierte Ego-Technik dar, die von sogenannten "Als-ob-Persönlichkeiten“ angewandt wird, von denen einige bereits eine schizophrene Vorgeschichte hatten. Sie haben eine sehr wenig ausgeprägte Eigen-Identität und wollen diese verstärken, indem sie auf jede nur mögliche Weise versuchen, eine "andere Person“ zu werden.

Die dritte Gruppe scheint aus straffälligen oder soziopathischen Persönlichkeiten zu bestehen, die in der Mitgliedschaft Möglichkeiten sehen, abwegiges Verhalten unter dem Deckmantel der Religion zu legitimieren. Einige davon bringen es sogar zum Führer und sind dadurch für die sadistischen und erniedrigenden Gebräuche einzelner Kulte verantwortlich. Es kann sein, daß sie eine neue Identität oder eine neue Lebensweise gesucht haben; sie haben aber bei der Bekehrung keinen Zerfall ihrer Bewußtseinszusammenhänge (Dissoziation) durchgemacht. Ihre Machtstellung in den Kulten mag bei ihnen sogar in einem gewissen persönlichen Gefühl von Allwissenheit und absoluter Verstrickung bestehen, was die folgerichtige Verderbnis durch totale Macht über andere ist. Ihre Aufgabe ist häufig die Öffentlichkeitsarbeit.

Die Beschreibung des typisch Bekehrten nach der Bekehrung, die für diese Untersuchung so wichtig ist, stellt natürlich eine grobe Verallgemeinerung dar. Im einzelnen gibt es zahlreiche Unterschiede unter denen, die ich gesehen habe und von denen mir berichtet wurde, insgesamt ist jedoch das Ausmaß der Gleichartigkeit dieser Menschen zutiefst beunruhigend. Über denen, die den Kult verlassen haben und die sich dem Streß des alltäglichen Lebens wieder stellen müssen, liegt eine beklemmende Dunstwolke trüber Gleichförmigkeit und Banalität. Sie können gar nicht anders, als sich ständig mit dem Kult zu befassen und daran zu denken; immer wieder versuchen sie das Gespräch auf den Kult zu lenken oder gar jemanden zu bekehren. Wenn sie nicht in irgend einer Weise für den Kult handeln oder denken, wirken sie ziellos und passiv; sie können aber unter Druck plötzlich gestört erscheinen, sogar bis zum Punkt mörderischer Gewalttätigkeit. Der Zustand der Ekstase oder der



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transzendentalen Verzückung, die Belohnung für den Zustand der "Dissoziation“ ist, beschäftigt sie unaufhörlich, aber auch die Furcht vor Bestrafung, wenn sie eigenen Gedanken nachgehen.

Die beobachteten Personen wurden von ihren betroffenen und erschreckten Eltern häufig als völlig "umgewandelt“ beschrieben. Es wurde gesagt, daß das Persönlichkeitsbild vollständig verfälscht und nur noch eine Verstümmelung des Originals sei; durch Armut an Erinnerungen und Hoffnung und den Verlust der reichen und ausdrucksvollen Sprachfähigkeit. Besonders der Reichtum der Sprache ist es, den die Eltern plötzlich vermissen, wenn sie zum ersten Mal ihre Kinder sehen, die "eine Umwandlung ihrer Denkungsart“ (thought reform) durchgemacht haben. Ihre Gefühlsreaktion ist so, als wären sie Zeugen einer Verstümmelung. Sie bemerken mit Entsetzen plötzlich unerträgliche Veränderungen in der Art des Sprechens und des Erzählens sowie eine Verengung und Schwächung des Denkprozesses. Menschen, die vorher klug und schöpferisch waren, zeigten sich jetzt unfähig, Ironie und Metaphern anzuwenden, und sprachen mit einem beschränkten, sorgfältig begrenzten Vokabular voller Klischees und stereotyper Gedankengänge. Ihre Briefe an die Familie bestätigten das. Es fiel ihnen scheinbar auch sehr schwer, Abstraktionen in ihrer Sprache und in den Diskussionen zu verwenden, und sie lehnten jegliche Sprach-Differenzierung bei der Darlegung ihrer Erlebnisse ab. Ihre Logik diente nur ihren starren Systemen der Ideologie und Realität, die Bestätigung in sich selbst zu finden. Symbole wurden in einfache, konkrete Wirklichkeit verwandelt:
Vereinfacht als Tatsachen. Es war für die Beobachter besorgniserregend (und später auch für die früheren Kultangehörigen), daß die Funktionen des Gedächtnisses verändert waren und außerhalb der Sphäre ihrer Indoktrination sehr schwerfällig arbeiteten. Manche sprachen von Halluzinationen, und die meisten schienen unfähig zu lieben, außer in Klischees und vorgeschriebenen Formen. Fast alle gefühlsbetonten Sprachsymbole hatten eine neue Bedeutung erhalten. (Eltern bemerken so etwas viel eher als die Fachleute, da sie kein kompliziertes Instrumentarium benötigen, um Sprachverhalten zu analysieren. Für sie genügen ihre Erinnerung und ihre Intuition.)

Diese alarmierenden Veränderungen der geistigen Substanz, der Art des Denkens und sogar der Körperfunktionen, sind auch die Symptome bekannter klinischer Befunde von unterschiedlicher Entstehungsweise. Bei einigen hatte sich eine wirkliche Denkstörung entwickelt, die nicht sofort von der einer Schizophrenie unterschieden werden konnte. Stimmungsschwankungen, manchmal mit auffallendem Affektwechsel, waren



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nicht ungewöhnlich, ebenso wie ganz uncharakteristisches soziopathisches (dissoziales) und kriminelles Verhalten. Stolze, begabte Individuen waren zu Knechtschaft und zu Abfallessern reduziert, nicht viel anders als schizophrene Erkrankte in früheren Zeiten. Andererseits schienen sich viele, die man als Grenzfälle bezeichnen konnte, auffallend schnell zu erholen, jedenfalls vorübergehend, indem sie plötzlich von ihren störendsten und selbstzerstörenden Gewohnheiten und Verhaltensweisen abließen. Die extremen "Hochs“ und mystischen Erlebnisse mit Halluzinationen, von denen zuweilen berichtet wurde, erinnerten an Temporallappen-Epilepsie, während dagegen die ungeheuren Schwankungen des Gewichts, des Appetits, des Antriebs und der Sexualfunktionen auf die zentralen Schaltmechanismen des Körpers (basic regulating mechanism of body) mit Sitz im Mittelhirn (mid brain) hinwiesen. (Junge Frauen hatten z. B. für lange Zeit keine Menstruation.)

All dies erfordert bessere Erklärungen als sie bisher vorliegen. Irgendwie scheint es mir, als ob vor meinen Augen ein drakonisches Experiment mit dem gesamten Regulierungsmechanismus (regulating system) des Menschen vor sich ginge; ein Experiment, das kein ethisch denkender Wissenschaftler auch nur in Erwägung ziehen würde. Psychosen wurden aufgezwungen, sozioneuroendokrine Zusammenhänge (Beziehung von Umwelt und Innenwelt) wurden aufgezeigt. Die Kluft zwischen Körper und Geist wurde "kurzgeschlossen“.

All diese zahlreichen Veränderungen in den Funktionen von Körper und Geist können - in verschiedenen Kombinationen - von organischen Störungen des Gehirns ausgehen; aus vielen erklärbaren Gründen können sie aber genau so gut von funktional mentalen Krankheiten, wie der Schizophrenie oder der endogenen Depression herrühren. Sie entsprechen den Kriterien der Geisteskrankheit, die schon erwähnt wurden, und basieren auf dem grundsätzlichen Schaltmuster des ZNS für Streß und Schädigung. Die biologischen Muster entsprechen dann nicht der optimalen ZNS-Leistung.
 

Die Analyse

Dissoziation, ein von Janet (Anm. 5) eingeführter Begriff, stammt aus der Untersuchung der Hysterie, ist aber noch nicht ausreichend als ein fundamentales, psychophysiologisches Phänomen der Anpassung, sondern viel



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eher als ein Aspekt der Psychopatologie studiert worden. Wahrscheinlich ist sie Bestandteil eines jeden komplexen Mechanismus des Zuordnens und Einordnens von Informationen im Zentralnervensystem (ZNS). Im menschlichen Sein scheint sie der Schlüssel zu dem Mechanismus des Wahnsinns, aber auch die entsprechende Überleitung zum schöpferischen Genius zu sein.

Es besteht eine lange Liste von für Psychiater wichtigen klinischen Angaben, die Louis Jolyon West (Anm. 6) sorgfältig nach einem psychophysiologischen Modell der ZNS-Funktionen geordnet hat. Es veranschaulicht auf dramatische Weise, daß dissoziative Phänomene Teile aller geistigen Aktivitäten sind, einerlei ob pathologisch oder nicht. Bewußt möchte ich seiner Aufzählung noch das Phänomen des "Sich-Verliebens“ hinzufügen.

Die Schwierigkeiten in der genauen Beobachtung der verschiedenen Aspekte der Dissoziation liegen teilweise in der intuitiven, wohlwollenden Toleranz der Menschen gegenüber solchen "Zusammenhanglosigkeiten“ (discontinuities) und auch in dem Mangel an Erkenntnisschulung der meisten Fachleute. Dazu kommt, daß bedeutsame dissoziative Vorgänge häufig nur von denen erkannt werden, die eine langandauernde Bekanntschaft mit dem betroffenen Individuum hatten. So kommt es, daß der Psychiater oder Psychologe, wenn er in dem besonderen Fall keine langjährige, sorgfältig erarbeitete Anamnese hat, hier blind ist. Patienten, die sich ihrer "multiplen Persönlichkeit“ (Persönlichkeit, in der Erlebnis- und Verhaltenssysteme mehrfach vorhanden sind) bewußt sind, haben oft Angst, sogar in der Therapie, ihr Geheimnis zu offenbaren. Ein Psychologe, der solch einen Zustand kennt, mag andererseits vielleicht völlig verschiedene Testresultate von jeder dieser Persönlichkeiten erhalten.

Für die Diagnose eines wesentlichen Problems der Dissoziation muß man wissen, ob die Diskontinuität der Persönlichkeitsfunktionen entweder sich wiederholend oder von Dauer ist (function is repetitive or continuous) und in einem gewissen Ausmaß die Funktionen "lahmlegt“ (disabling). Höchstwahrscheinlich wird die Normalfunktion dieses "Umschaltens“ oder "Scharf-Einstellens“ (switching or focussing) des Bewußtseins (of the mind) kurz dauern, so daß jegliche neue Information schnell mit der alten integriert werden kann und so die grundle



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gende Unversehrtheit des geistigen Lebens erhalten bleibt, neue Ideen und Bilder aufzunehmen.

Da das Gehirn in erster Linie als regulierendes und ausführendes System mit Informationen befaßt ist, muß man wissen, daß dies für alle biologischen Systeme, die grundlegende Bestandteile in einem sich selbst erhaltenden Universum sind, zutrifft. Es ist das oberste Gesetz des Überlebens, nur einen kleinen Teil mehr oder weniger zufälliger Veränderungen in der Umwelt wahrzunehmen und zu verwerten. Von der Vielzahl der unzusammenhängenden, mehrdeutigen oder unwichtigen Variationen von Impulsen und chemischen und physikalischen Angaben brauchen nur wenige wichtige sorgfältig beachtet und berücksichtigt werden. Diese Variationen können als "Information“ angesehen werden, und die Teile der Information, die von Interesse für den Organismus sind, sind "Signale“ vor einem Hintergrund von "Geräuschen“. Da alle Signale gewissermaßen selbst "geräuschvoll“ sind, ist es folgerichtig, daß es die zentrale Aufgabe aller lebenden Materie ist, zwischen Signal und Geräusch zu unterscheiden, um am Leben zu bleiben. Dies ist die höchste Aufgabe des ZNS, das selbst "geräuschvoll“ ist, wie es alle komplizierten Systeme sind, in einem "rauschenden“ Körper existiert und mit einer Umwelt voller Geräusche zu tun hat. Es ist seine Aufgabe, die Wahrnehmungen in einfachere Signale zu filtern, die, wenn sie einmal entschlüsselt sind, zu einem lebenserhaltenden Verhaltensmuster führen. Aber diese Funktion ist durch biologische Schwellen und Toleranzen kompliziert; es gibt jederzeit einen Grenzwert für die Anzahl von unreinen, unklaren, übertriebenen, vermischten oder nicht übereinstimmenden Signalen, die verarbeitet werden können, ohne eine Verengung der Aufmerksamkeit oder eine Bewußtseinsveränderung zu bewirken. Diese Schwellen können sich auf physiologische oder Umweltfaktoren beziehen und können manipuliert und konditioniert werden. Wie in allen biologischen Systemen, am leichtesten an neuralen Organen zu demonstrieren, kann andauernder Druck in Kürze eine dauernde Veränderung zur Folge haben. So wird eine gewisse Belastung durch Geräusche, einerlei ob von dem Innern des Gehirns (wie bei der Stirnlappenepilepsie) oder von außerhalb, in gleicher Weise zentralnervlich verarbeitet. Wenn die Beanspruchung andauernd und signifikant ist, kann sie permanente Veränderungen in den Gehirnfunktionen zur Folge haben, genauso wie exzessive Spannung eines Organs zu einem Schaden führen kann. Ein Schaden führt aber wiederum zur "Reparatur“ zwecks Wiedererlangung der Funktion, was eine Verbesserung oder auch ein trauriger Kompromiß sein kann.



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Wenn wir diesen Gedanken weiter verfolgen, scheint eine Studie all der Faktoren, die die geistigen Funktionen verändern, zu zeigen, daß einerseits Inspiration und schöpferischer Genius, Liebe, Humor, Trauer und Musik die natürlichen und segensreichen Ergebnisse dieses Systems sind, während andererseits Wahnsinn, Mobs und Gemetzel sein Fluch sind.

Unter den beobachteten Veränderungen an Personen, die durch aufrechterhaltene Bekehrung (maintained conversion) ständiger Dissoziation unterworfen waren, schienen die Veränderungen in den Gehirnfunktionen, der Ausdrucksfähigkeit und des allgemeinen Verhaltens recht stereotyp zu sein. Sie hatten große Ähnlichkeit mit solchen, die bei anderen Krankheiten gesehen worden waren, von denen eine das Syndrom der chronischen Stirnlappenepilepsie ist (vgl. Tabelle S.103). Bear und Fedio (Anm. 7) haben in einer sehr wichtigen und kritischen Studie eine Gruppe Epileptiker untersucht und eine zuverlässige Liste solcher Persönlichkeitsveränderungen - als regelmäßige Folge dieses Zustandes - zusammengestellt. In fast jeder Hinsicht besteht hier auch die Ähnlichkeit mit dem Zustand der Bekehrten - die wir gesehen haben und von denen uns berichtet wurde - wie auch mit dem der chronisch Schizophrenen. Diese Beobachtungen scheinen dafür zu sprechen, daß eine anatomische Lokalisierung dieser zentralen Funktion der Informationsverarbeitung in der Region des Limbischen Systems und des Mittelhirns zu suchen ist (Limbic and midbrain structures). Diese sind anatomisch mit allen anderen Teilen des ZNS verbunden.

Es besteht die verbreitete Meinung, daß das Phänomen "Bewußtsein“ oder "Wahrnehmung“ auch in dieser Region entsteht. Die Kontrolle von Wahrnehmung und die resultierenden Arten der Wahrnehmung sind das zentrale Anliegen dieser Untersuchung, wenn auch andere Beziehungen dieses wichtigen Teiles der ZNS-Aktivität zur autonomen und neureoendokrinen Kontrolle stets bedacht werden müssen.

Dissoziation, sei sie nun ein normales oder ein anomales Phänomen, muß dem Bereich der Wahrnehmungskontrolle zugeordnet werden und ist ein notwendiger Mechanismus der Informationsverarbeitung. Als biologischer Prozeß muß dies vom ZNS geleistet werden, entsprechend seiner Robustheit, dem Ausmaß und der Qualität der Verarbeitungsfähigkeit. Diese erweist sich als ein Einengen der Aufmerksamkeit, manchmal bis zu einem extremen Ausmaß, um das zu erreichen, was Wundt (Anm. 8) kreative Synthese nannte, die in gewisser Weise zu einem stabilisierenden



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Verhalten führt. Blumenthal (Anm. 9) sagt über die Evolutionsprinzipien der Wahrnehmungszustände:

"Das Leben ist ein Kampf um Stabilität und Dauer. Schwankungen und Wechsel sind eine primäre Lebensbedingung, aber eine weitere unerläßliche Bedingung muß die Synthese oder Integration sein, so daß der Mensch von der willkürlichen Kontrolle seiner unmittelbaren Umgebung befreit werden und so einige Beständigkeit und Stabilität in dem sonst so schonungslosen Lebensstrom finden kann.“

Weil die Zustände von Dissoziation dem Wesen nach Ausnahmezustände sind, während derer eine Anzahl von ZNS-Funktionen, wie etwa die des autonomen Nervensystems, verändert oder ausgesetzt sind, und weil diese Zustände "kreative Synthesen“ hervorrufen, sind sie also sowohl Perioden von Gefahr als auch von großen Möglichkeiten. Die zufälligen Produkte der limbischen Strukturen, z. B. in der Intimität der mitternächtlichen Studierstube eines Autors oder Komponisten, mögen ein Kunstwerk entstehen lassen, da er kurz nach seiner Inspiration den gesamten Reichtum seiner Erinnerung zur Verfügung haben wird, um die "kreative Synthese“ zu erarbeiten, anzureichern und zu ordnen. Andererseits können diese Zustände von induzierter und aufrechterhaltener Dissoziation - entweder durch Umweltsteuerung oder krankhafte ZNS-Veränderung bedingt - zu pathologischen Synthesen führen: Abhängigkeit und Rückentwicklung entstehen, weil viele reichhaltige Erinnerungen und Assoziationen eines langen Lebens nicht erreichbar werden. Was erreichbar ist, um die Synthese zu formen, ist das "Rauschen“ selbst und der älteste, nicht verformbare Baustoff, der von den frühesten Lernerfahrungen der Kindheit übrig blieb. Diese Erfahrungen sind mit den ursprünglichen Bausteinen der Natur eng verschmolzen zum Beispiel das paranoide Wahnsystem, das Temporallappensyndrom oder die multiplen Persönlichkeiten und viele andere Maladaptionssymptome (Fehlanpassung).

Natürlich legt nicht nur die Untersuchung der Kultmitgliedschaft die obige Analyse nahe. Die offensichtlichen Ähnlichkeiten der Veränderungen geistiger Funktionen und Verhaltensweisen zwischen Bekehrten und an psychischen Krankheiten leidenden Patienten machen eine solche Arbeit notwendig. Solch eine Analyse bietet Möglichkeiten, die vielen akademischen und theoretischen Disziplinen in einer fruchtbaren Gemeinschaft von begabten und produktiven Denkern zu vereinen, um hier mehr Wissenschaft und weniger Rhetorik im Studium des Menschen und des biologisch begründeten Wahnsinns anwenden zu können. Das



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sollte ein besseres Verständnis der Funktionen psychischer Symptome wie Phobien und multipler Persönlichkeiten möglich machen. Ebenso sollte es die Basismechanismen ganzer Syndrome wie Hysterie und Schizophrenie klären. Es besteht kein Zweifel, daß die Erforschung der Anatomie, der Chemie und Physiologie des Gehirns sich rasch auf ein Zusammenspiel hinbewegt um gewonnene Erkenntnisse über Gedanken-vorgänge, Kreativität und komplexes soziales Verhalten miteinzubeziehen. Ich glaube tatsächlich, der Dualismus in unseren Untersuchungen des Gehirns und seiner Funktionen wird de facfo bald ein Monismus (einheitliche Lehre) sein.
 

Implikationen

Der Arzt als Wissenschaftler oder Therapeut darf nicht neutral sein gegenüber sozialen und politischen Vorgängen, die die Gesundheit anderer Menschen betreffen. Neutralität angesichts von Krankheit und augenfälligem Übel ist unmoralisch. Ver-rücktheit (madness), wie ich sie definiere, ist nicht notwendigerweise eine Krankheit oder etwas Schlechtes, genauso wenig wie religiöse oder mystische Erfahrungen. Terrorismus und Verbrechen mögen ein Übel sein, sind aber keine Krankheitsbezeichnungen. Wenn man Krankheit im Rahmen der oben erwähnten Kriterien als eine allgemeine Antwort des ZNS auf Verletzungen der Art, wie ich sie besprochen habe, definiert, kann sie zu solchen Veränderungen in den Denkprozessen führen, daß verwerfliche Handlungen durch andere Personen oder Gruppen oder durch inneren Druck veranlaßt werden. Die Defekte im Gedächtnis sowie regressives Denken und der daraus folgende Verlust der Kontrolle von Gefühlen macht zielbewußtes Denken und das Voraussagen der Folgen einer Handlung sehr schwierig.

Freundschaft, Liebe und Toleranz erfordern einen offenen Geist und die Fähigkeit, Vielseitigkeit zu erfassen. Dasselbe gilt für eine offene Gesellschaft und für eine Wissenschaft, die dazu bestimmt ist, die Grenzen zwischen Glauben und Wissen zu verteidigen, solange es Freiheit gibt.

Wir als Ärzte und Wissenschaftler müssen erkennen, daß durch diese Kulterfahrung "die Katze aus dem Sack“ ist. "Die Volkskunst der Verführung“ (the folk art of seduction) und der zwanghaften Überredung (coercive persuasion) benutzt viele unserer Entdeckungen. Die Kulte sind äußerst erfolgreich und werden daher kaum von ihren Aktivitäten ablassen. Ihre Bekehrungs- und Indoktrinationsmethoden führen zu
 



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Veränderungen, die zurückwirken sowohl auf die Gesellschaft als auch -auf lange Sicht gesehen - auf die Gesundheit ihrer Opfer. Ihre Methoden müssen studiert werden, bevor eine Serie politischer Katastrophen unvermeidbar wird.


Tabelle
Verhaltensänderung bei der Vorderlappen-Epilepsie
Übersicht: Festgestellte Verhaltensmerkmale*
Merkmal Klinische Beobachtungen
Emotion Vertiefung aller Emotionen, ständiger intensiver Affekt
Elation, Euphorie Großspurig, Hochstimmung; Diagnose: manisch-depressiv
Traurigkeit Entmutigung, weinerlich, Selbstverachtung; Diagnose: Depression, Selbstmordabsichten
Wut  Mißgestimmt, Reizbarkeit
Aggression  Offene Feindseligkeit, Wutausbrüche, Gewalttätigkeiten, Mord
Andersartige sexuelle Neigungen Libidoverlust, geringer Sexualtrieb; Fetischismus, Transvestitismus, Exhibitionismus, hypersexuelle Episoden
Schuldgefühle  Ständige Selbstprüfung und Selbstdiskriminierung
Überbetriebene Moralbegriffe Ausgeprägtes Rechtsbewußtsein mit der Unfähigkeit wichtige von unwichtigen Rechtsverletzungen zu unterscheiden; Verlangen, Rechtsbrecher zu bestrafen
Zwangsvorstellung Ritualismus, Regelmäßigkeit; zwanghafte Hinwendung auf Nebensächliches
Umständlichkeit  Geschwätzigkeit, Pedanterie, Weitschweifigkeit
Viskosität  Trägheit, Neigung, sich zu wiederholen
Empfindung eines persönlichen Schicksals Ereignissen eine überbewertete, persönlichkeitsbezogene Bewertung geben; viele Geschehen im Leben des Patienten werden göttlicher Führung zugeschrieben
Hypergraphie Ausführlichste Tagebuchführung, detaillierte Aufzeichnungen; Schreiben von Autobiographie oder Novellen
Religiosität Tiefe religiöse Gläubigkeit, oft idiosynkratisch; zahlreiche Bekehrungen, mystische Zustände
Philosophisches Interesse Aufkeimende metaphysische oder moralische Grübelei, kosmologische Theorien
Abhängigkeit, Passivität Kosmische Hilflosigkeit, "dem Schicksal ergeben“; Beteuerung der Hilflosigkeit
Humorlosigkeit, Nüchternheit Generalisierende nachdenkliche Betroffenheit; fehlender oder idiosynkratischer Humor
Paranoia Mißtrauische, überinterpretierende Reaktion auf Motive und Ereignisse; Diagnose: paranoide Schizophrenie

* Aus Bear und Fedio: Quantitative analysis of interactal behaviour in temporal lobe epilepsy. Archives of Neurology 34: 454—467 (1977).


Anmerkungen:

1 John Lofland: Doomsday CuIt. Prentice Hall 1976.
2 Margaret Singer: Personal Communication. Berkeley, Kalifornien.
3 Edgar H. Schein: Coercive-Communication. New York 1961.
4 Robert Jay Lifton: Thought Reform and the Psychology of Totalism. New York 1963.
5 P. Janet: The Major Symptoms of Hysteria. New York 1929.
6 Louis Jolyon West: Dissociative reaction. In: Freedman und Kaplan (Eds.), Textbook of Psychiatry. New York 1967.
7 Bear und Fedio: Quantitative analysis of interactal behavior in temporal lobe epilepsy.
Archives of Neurology 34: 454-467 (1977).
8 Wilhelm Wundt: Outlines of Psychology (English translation).
9 Arthur Blwnenthal: The Process of Cognition. New York 1977, 5. 21.
 
 



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