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John Clark: Vermont Statement, 1977
Untersuchung über die Auswirkungen einiger religiöser Sekten auf Gesundheit und Wohlergehen ihrer Anhänger


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Dezember 1977
INFORMATIONSBLÄTTER DER GESELLSCHAFT FÜR WISSENSCHAFTLICHE GESPRÄCHSPSYCHOTHERAPIE
SITZ: HAMBURG

Untersuchung über die Auswirkungen einiger religiöser Sekten auf Gesundheit und Wohlergehen ihrer Anhänger. John G. Clark ............... 11
 
 

Untersuchung über die Auswirkungen einiger religiöser Sekten auf Gesundheit und Wohlergehen ihrer Anhänger •*'

*

Wir veröffentlichen diesen Artikel, trotz seiner scheinbaren Feme zu den Problemen der klientenzentrierten Psychotherapie, an dieser Stelle, da er, weitgehend unabhängig von einer bestimmten psychotherapeutischen Schule, interessante Informationen für die Arbeit mit solchen Klienten (insbesondere Jugendlichen) gibt, deren Symbolisationen in destruktiver Weise durch metaphysische Ideologien verzerrt worden sind.
Beim Lesen ist es wichtig zu beachten, daß der Begriff ,,Schizophrenie" im amerikanischen Kutturraum eine andere Bedeutung hat als in unserer Terminologie. Die Red.


John G. Clark, Massachusetts
Ich beabsichtige in dieser Erklärung für den Regierungsausschuß von Vermont, die wesentlichen Ergebnisse aufzuzeigen, die nach zweieinhalbjährigen Untersuchungen über die Auswirkungen einer Mitgliedschaft in einigen religiösen Sekten auf die persönliche Gesundheit ihrer Anhänger festgestellt werden konnten. Meine Schußfolgerungen sind erschreckend: Die Gesundheitsrisiken sind extrem groß. Obwohl ich in erster Linie über die umfassenden Gefahren für die Psyche (mental health) und die persönliche Entwicklung sprechen möchte, muß ich als Arzt die Aufmerksamkeit auf die ebenso ernsten, lebensbedrohenden Gefahren für die physische Gesundheit lenken.
Ich stelle fest, daß „zwanghafte Einflußnahme" (coercive persuasion) und „Techniken zur Umwandlung der Denkungsart" (thought reform techniques) mit Erfolg bei naiven und uninformierten Personen angewandt werden und verhängnisvolle Folgen für ihre Gesundheit haben. Ich hoffe, es gelingt mir, hinreichend Informationen zu geben, die belegen, daß weitere Untersuchungen gemacht werden müssen und da auch die anwendbaren rechtlichen Möglichkeiten überprüft werden müssen.
Aufgrund gezielt gesammelter Einzelheiten (data) während meiner Untersuchungen kann nun eine verhältnismäßig genaue Entwicklung, die die „Verstrickung" (involvement) in Sekten mit sich bringt, beschrieben werden. Ich tue dies, weil ich glaube, daß ich hinreichend beweisen kann, daß die Aktivitäten dieser speziellen Sekten — wir versuchen das Zerstörende daran aufzuzeigen — große Gesundheitsrisiken wie auch viele andere Gesellschaftsprobleme (social concerns) mit sich bringen. Die „destruktiven" Sekten sind zahlreich. Die bekanntesten sind: „Hare Krishna", die „Vereinigungskirche oder Mun-Sekte", die „Scientologists" und die „Göttliche Heilsmission" (Divine Light Mission) und die „Kinder Gottes". Sie alle verwenden die gleichen Grundtechniken. Ich benütze bewußt das Wort „Techniken", d^ diese Untersuchungen eine Anzahl von technischen Gesichtspunkten zu diesen Problemen zeigen, die verstanden werden müssen und erklärt werden können. Jede der Gruppen, von der wir sprechen, hat einen existierenden Führer, der nachweislich wohlhabend ist. Der Glaube all dieser Sekten ist absolutistisch und anderen Glaubenssystemen gegenüber intolerant. Ihr Führungssystem ist totalitär. Eine der Bedingungen der Mitgliedschaft ist absoluter, unangezweifelter Gehorsam. Ihr Interesse, daß sich der einzelne innerhalb der Sekte zu einer individuellen, eigen-



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ständigen und reifen Persönlichkeit entfaltet, ist aufgrund ihrer Lehrmeinungen (doctnnes) nur sehr gering, man kann sagen „nicht existent". Es ist klar, daß fast alle von ihnen das Geldverdienen, m dieser oder jener Form, sehr hervorheben, einige jedoch scheinen m erniedrigenden oder beschämenden Tätigkeiten und Gebrauchen verstrickt zu sein (involved in demeaning or self denigrating activties and rituals).
Die meisten, die ich geprüft habe, besitzen ein beachtliches Vermögen und Geld, über das die einzelnen Führer unumschränkt verfügen. Die meisten Sekten, um die es geht, sehen sich selbst als rein religiöse Sekten an, andere wiederum scheinen mehr politisch ausgerichtet zu sein. Eine der wichtigsten, allgemein gültigen Besonderheiten solcher Sekten ist das Vorhandensein eines Führers, der auf die eine oder andere Weise besondere Machtbefugnisse für sich in Anspruch nimmt oder es auch zuläßt, daß man ihn als Messias ansieht Solche Führer haben besondere, persönliche Fähigkeiten, einschließlich einer einmaligen Weltanschauung (world view) und einer besonderen Neigung, drastische Veränderungen im Denken und Verhalten ihrer Anhänger zu bewirken.

Es scheint, daß die von diesen Sekten angewandten Techniken sich sehr ähneln obwohl jede ihre eigene, besondere Prägung hat. Es wäre naheliegend, daß alle diese Sekten, um auf jeden Fall zu überleben, Mittel und Wege ausgearbeitet haben, um Zugang zu „empfänglichen" Personen (susceptible individuals) zu bekommen. Diejenigen, die den Anwerbungsbemühungen unterliegen, sind wahrscheinlich zwei klar gegeneinander abzugrenzende Gruppen. Die erste besteht aus den „Suchenden", — wir kennen sie alle —, von denen allgemein, aber zu Unrecht angenommen wird, daß sie die Gesamtgruppe der Beeinflußbaren bilden. Sie sind schizophren, chronisch schizophren, oder Grenzfälle.

Es ist klar, daß Probleme des Gemüts oder der Persönlichkeit Gründe sind, um sich mit Sekten einzulassen, und auch, daß die meisten Fachleute für Geisteskrankheiten zur Zeit nur diesen Grund in Erwägung ziehen. Diese in Sekten „Eingeführten" (inductees) engagieren sich, um sich wohler zu fühlen, denn sie sind besonders unglücklich mit sich und ihrer Umwelt. Die so motivierten Bekehrungen sind wiederherstellend, sanierend (restitutive conversions), denn die Suchenden bemühen sich um ihre Wiederherstellung, indem sie scheinbaren Trost in einer neuen, wenn auch verfälschten Wirklichkeit suchen. Wir finden dieses Bemühen um Wiederherstellung (restitution) auch beim Entstehen der sogenannten Sekundär-Symptome der Schizophrenie oder anderen Formen von Geisteskrankheiten. Dies ist der Versuch eines verwirrten oder geschädigten Geistes (mind), um eine neue, vereinfachte Geisteswelt (mental world) oder Geistesführung aufzubauen und um das schreckliche Bewußtwerden (oder das aufkeimende Bewußtwerden) einer persönlichen Gefährdung zu kompensieren.

Nach meinen Untersuchungen gehören ungefähr 58% der Sektenanhänger zu dieser ersten Gruppe (der Schizophrenen).

Die restlichen 42% der untersuchten Fälle waren dagegen nicht krank oder geschädigt in dem Sinne, wie ich es vorher erwähnt habe. Das heißt, sie wurden offensichtlich als sich normal entwickelnde junge Menschen befunden, die die üblichen Entwicklungskrisen auf dem Weg zum Erwachsenwerden durchmachten, die jedoch, aus welchem Grund auch immer, in die von den Sekten aufgestellte Falle geraten waren, die dann zuschnappte.

Untersuchungen zufolge handelte es sich im Durchschnitt um hoch aufgeschossene Studenten, die die üblichen Trennungsschmerzen von ihren Familien durchmachten, daher die üblichen Depressionen hatten, die neue, klare, etwas hektische Erkenntnisse über die Vielfalt der Außenweltwirklichkeit erfuhren, wie es die erste Zeit



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des Universitätslebens mit sich bringt. Da sie der Sekte beitreten, halte ich sie für „anpassungsfähig", das heißt, sie werden durch die Sekte mit gewissen Problemen konfrontiert und passen sich diesen durch psychisches, soziales und physiologisches Verhalten an, das bei ihnen nicht so pathologisch ist wie in der Gruppe der sich „wiederherstellenden" Bekehrungen (restitutive conversions).

In gewisser Beziehung ist es diese gesundere, „anpassungsfähige" Gruppe, die für den Beobachter im besonderen Maße beunruhigend ist.

Vom Standpunkt eines Klinikers aus ist die erste oder sich „sanierende" Gruppe (restitutive group) durch den Einfluß der Sekten-Indoktrination und ihrer Methoden sehr gefährdet. Aus langer Erfahrung auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten kann auf viele Weise mühelos gezeigt werden, daß die Schädigung noch sehr viel größer werden kann, wenn ihnen ein Gedanken-Wirrwarr (thought disorder) von einer Gruppe vermittelt wird, die, sagen wir es kurz, zu logischen Denken unfähig ist (thinking disability). Ihre Aussichten, je eine gute Beziehung zur Außenrealität zu entwickeln und unabhängige Individuen zu werden, nimmt zwangsläufig im Laufe der Zeit ab. Dies erinnert mich an die chronisch Schizophrenen früherer Jahre, deren psychotische Denkungsart völlig etabliert wurde, wenn sie in die rückwärtigen Abteilungen der Krankenhäuser für eine genügend lange Zeit gebracht wurden, so daß sie schließlich überhaupt nicht mehr richtig denken konnten. Die gesundere zweite Gruppe, eigentlich theoretisch insgesamt weniger gefährdet, ist leichter zu verstehen, ihre Probleme sind besonders aufschlußreich, was ich versuchen werde naher zu erklären.

Diese Leute sind meistens aus intakten, idealistischen und gläubigen Familien mit gewissem religiösem Hintergrund. Oft haben sie noch nicht wirklich einen der entscheidenden Schritte zur Unabhängigkeit hin vollzogen, dann verlassen sie ihr Zuhause zu der allgemein üblichen Zeit in dem Glauben, daß sie für die „Freiheit" reif seien. Wenn dieser Glaube durch unsere „gute neue Welt" in Frage gestellt wurde durch zum ersten Mal erfahrene wahre Ruckschläge oder durch irgendeine richtige Krise, werden sie unterschwellig depressiv, und auf diese Weise wird ihre Empfänglichkeit für die Durchführung einer Bekehrung geschaffen. Um Personen m diesem Zustand der Ungeschütztheit (vulnerability) zu bekehren, müssen eine Reihe von Gegebenheiten, Verfahren und Ereignissen eintreten, um die totale Unterjochung des Menschen und seines Geistes (person and mind) zu erreichen. Ich will versuchen, dies zu beschreiben.

Der erste Schritt besteht darin, Zugang zu diesen etwaig zu Bekehrenden zu gewinnen Dies wird zu einer hohen Kunst von allen erfolgreichen Sekten erhoben. Einige haben sogar gedruckte Anweisungen mit der Beschreibung, wo man sich den Reflektanten zu nahern hat, welche Art von anfänglichem Druck auf jeden einzelnen auszuüben ist und welche Wahrscheinlichkeit besteht, eine gewisse Zahl von Konvertiten nach einem bestimmten Maß von richtig ausgeübtem Druck zu gewinnen. Die allgemeine Aufgeschlossenheit und Natürlichkeit der Gruppe tragt zum Erfolg der Anwerbung bei. Hat solch ein Reflektant sich bereit erklärt, die ziemlich einfachen Vorschläge, die von den Vertretern der Sekte gemacht werden, zu prüfen, wird er oder sie in die nächsten, hochgradig mysteriösen und raffinierten Praktiken des Bekehrungsvorganges hineingezogen. Von Anfang an wird mit intensiven Gruppenpressionen, Predigten, Lugen, Unterweisungen, Mißbrauch von Möglichkeiten, zwischenmenschlichem Druck - alles Dinge, die für den Betroffenen unerwartet kommen — gearbeitet Singen, Gebete herleiern und eine ständige Aussperrung des Geistes durch Reden, die die jungen, idealistischen Seelen gefangen nehmen, werden ständig ins Spiel gebracht Dies alles ist so intensiv, daß einige, die unter solchem Druck stehen und deren Gefühle leicht zu beeindrucken sind, dazu neigen,



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in einen Zustand von begrenzter Aufmerksamkeit zu geraten; dies um so mehr, wenn sie mehr und mehr ihren normalen Bezugsrahmen und ihren Schlaf entbehren müssen. Dieser Zustand muß als ein Trance-Zustand bezeichnet werden. Von dieser Zeit an setzt bei den Angeworbenen die Kontrolle über den eigenen Verstand und die eigenen Handlungen teilweise oder vollkommen aus; diese wird jetzt von der Gruppe oder von demjenigen, der den speziellen Kontakt zu dem Betroffenen hat, übernommen. Diese Einführungsperiode ist auch als „zwanghafte Einflußnahme" (coercive persuasion) bezeichnet worden.

Wenn dieser Zustand der passiven, eingeengten Aufmerksamkeit und Willfähigkeit, beeinflußt zu werden, erreicht ist, fängt die wahre Arbeit der Bekehrung (conversion) — man kann es auch Gedanken-Umerziehung (thought-reform) nennen — ernsthaft an. Dies ist immer ein Programm von unglaublicher Intensität. Während dieser Zeit erhöhen alle Sekten ihren ideologischen Umerziehungsdruck durch verstärkten Gruppendruck. Die Ernährung wird geändert. Elemente von Schuld und Terror werden eingeführt.

Erst vorsichtig, dann verstärkt, dann ganz konkret wird von übernatürlichen Belastungen (pressure) gesprochen, denen man in Zukunft ausgesetzt sein wird. Zahlreiche Verheißungen über Glück und Erlösung werden gegeben; es wird davon ausgegangen, daß die Welt bald untergeht und es ungeheuere Belohnungen oder schreckliche Strafen für Gläubige und Ungläubige geben wird. Unausgesprochene Drohungen sind manchmal in zunehmendem Maße körperliche oder ausgesprochen körperliche Drohungen. Predigen von allen Seiten; die Überwachung ist allgegenwärtig, eine private Sphäre wird weder für Geist noch Körper erlaubt; dies erstreckt sich auch auf den Gebrauch des Badezimmers. Alle Beziehungen zu anderen Menschen werden reglementiert und typisiert, und es wird kein Spielraum für persönliche Eigenheiten gewährt. Die „Opfer" werden veranlaßt, raschstens alle vertrauten und geliebten früheren Dinge — Eltern, Blutsverwandte, Zuhause, Stadt, etc. — aufzugeben, und ihr Körper und ihr Geist werden in eine so fremde Umgebung versetzt, daß man es sich kaum vorstellen kann. So wird es in zunehmendem Maße schwierig für sie, in ihrer Vorstellung zu rekonstruieren, was sie vor einiger Zeit erlebt haben. Das Gegenwärtige wird zur Realität und schließt alle Elemente des Übernatürlichen, Magischen, erschreckenden Denkens ein, das ständig, überall um einen herum ausgesprochen wird. Es wird kein Raum mehr gelassen, die Wirklichkeit zu erspüren und sich in ihr zu erproben.

Vielleicht ist ein ebenso wichtiger Faktor — wie alle anderen —, daß die Grundlage der Sprache des einzelnen, die ja von frühestem Alter an sein Bewußtsein und sein Menschsein prägten, langsam und vorsätzlich geändert wird. Alle Worte aus dem emotionalen Bereich werden irgendwie umgedeutet, übervereinfacht, die neue Begriffsbestimmung ist von besonderer Art. Für jeden gibt es mehr und mehr Aufgaben zu lernen, zu studieren, zu begreifen, und weniger Zeit, daran zu denken, daß es jemals eine Vergangenheit gab. Zu diesem Zeitpunkt bezeichnet die Indoktrination die Eltern als vom Teufel beeinflußt und die Elternschaft wird auf die Führer der Sekte übertragen. Anstelle des Wunsches, nach Hause zurückzukehren, schiebt sich die ausschließliche Autorität der Sekte und ihrer Führer; zur gleichen Zeit schwindet aus dem Bewußtsein Sinn und Wert einer Ausbildung und die Notwendigkeit, in die Schule zu gehen. Diese grundlegende Veränderung der Einstellung, der Loyalität und der Denkungsart vollzieht sich gewöhnlich innerhalb weniger Tage oder einiger Wochen.

Von diesem Zeitpunkt an ist die Aufrechterhaltung dieses Geisteszustandes offensichtlich ziemlich einfach. Wenn man den früheren, vertrauten Lebensraum zugunsten einer neuen Glaubensgemeinschaft verläßt, wenn die Anerkennung einer



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neuen Familie zusammen mit neuen Begriffsauslegungen über Liebe sich mit der Absage an die leiblichen Eltern verbindet, so verleitet all dies einen einzelnen zu der Annahme, daß alle Brücken zu der Vergangenheit abgebrochen sind und daß wirklich ein sehr tapferer Aufbruch in eine neue Welt gemacht worden ist. In einigen Sekten wird den Mitgliedern hingebungsvolles Singen und Meditationsübungen beigebracht, die im Falle irgendeines Angriffes auf ihren Glauben alle Gedanken und Zweifel zum Verstummen bringen. Andere können offensichtlich in einen Trance-Zustand zurückkehren, der von einem verminderten Realitätsbewußtsein begleitet ist; dies erfolgt in dem Augenblick, da jemand ihren Glauben herausfordert oder anzweifelt. Sie werden dann in ihrer Sekte auf die nächste Stufe oder Ebene gehoben, sei es als Bekehrer, Geldsammler oder Müllmänner.

Meiner Meinung nach wird wahrscheinlich das letzte Stadium dieser Entwicklung von beiden Gruppen, den angepaßten (adaptive) wie den wiederhergestellten (restitutive) nach 4 bis 7 Jahren erreicht. Dieses wäre „Rückentwicklung durch Sekteneinwirkung" (acculturation) und wäre unwiderruflich. Dieser Zustand kann mit dem eines unbehandelten Schizophrenen verglichen werden, der ohne entsprechende Hilfe in eine Art persönlicher Entartung (personal degradation) hineingleitet, die unangefochten und zu gegebener Zeit unbehandelt schließlich zum Dauerzustand wird. Jeder, der versucht, einen Menschen aus diesem angenommenen Zustand des Denkens und Verhaltens herauszuholen, wird sich, wie wir auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten wissen, wie der echte Feind seines Patienten fühlen. Meiner Meinung nach, ich möchte dies nochmals wiederholen, kann diese neue Denkungsart unwiderruflich werden.
 

Ehe dieser Endzustand eintritt, scheinen sich die Sektenmitglieder als zwei Persönlichkeiten zu empfinden, die ursprüngliche und die aufgezwungene. Die ursprüngliche ist vielschichtig, voll von Liebesbeziehungen, Erwartungen und Hoffnungen, und im besonderen mit einer aussagefähigen Sprache begabt.

Dieser reiche Wortschatz wird plötzlich von den Eltern vermißt, wenn sie zum ersten Mal ihre „umgewandelten" Kinder sehen. Ihre Reaktion darauf ist verständliches Entsetzen. Sie erkennen und stellen vollkommen richtig erschreckende, plötzlich entstandene und unannehmbare Veränderungen in der Sprachweise und in der Art des Erzählens fest. Auch eine Verengung und Verarmung der Denkvorgänge wird bemerkt. Wirklich intelligente, redegewandte und schöpferische junge Menschen verlieren jegliche sprachliche Differenzierungsmöglichkeit. Sie werden unfähig gemacht, in ihrer Sprache Ironie oder Sinnbilder zu verwenden. Sie sprechen mit einem kleineren, vorsätzlich beschränkten Vokabular voller Klischees und eingefahrener Gedankengänge. Sie scheinen auch große Schwierigkeiten zu haben, abstrakt zu denken oder zu argumentieren. Sie können nicht mehr lieben, es sei denn klischeehaft und in vorgezeichneten Formen. Fast alle Sprachsymbole, die in der emotionalen Sphäre liegen, werden umgedeutet. Eltern bemerken dies lange, bevor Fachleute es wahrnehmen, weil sie keine umständlichen und komplizierten Maßstäbe anwenden müssen, um das Sprachverhalten zu analysieren. Ihre Erinnerung und ihr Einfühlungsvermögen genügen.

Der Beweis für das, was ich Persönlichkeitsveränderung nenne — wir in der Psychiatrie bezeichnen es als „Entpersonifizierung" — stammt aus verschiedenen Beobachtungsmethoden. Als erstes ist zu sagen, daß trotz der offenkundigen und klassischen Schizophrenie bei den meisten „Bekehrten" der herbeigeführte Geisteszustand nicht auf die wirkungsvollsten antipsychotischen Medikamente oder irgendeine andere Art der Behandlung anspricht. Mit diesen Mitteln ist es den Psychologen nicht möglich, einen normalen Denkprozeß wiederherzustellen. Dies um so mehr als wir nach den zur Zeit geltenden Gesetzen den physischen Gewahrsam (physi-



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cal control) nicht lange genug aufrechterhalten können, um Konfrontationstherapien (confrontation therapies) einzuleiten; eine Therapie, die Erfolg bringen könnte, um das ursprüngliche Persönlichkeitsbild wiederherzustellen, wie dies bei den Kriegsgefangenen in Korea gemacht wurde.

Antipsychotische Medikamente sind immer noch wirksam bei der Behandlung von akuten Psychosen; sie haben aber keinen Einfluß auf die »geistige Umwandlung" dieser genannten Personen.

Der zweite und zwingende Beweis, daß es sich hier um eine »Entpersonifizierung" handelt, ist die Tatsache, daß dieser Bekehrungszustand (thought reform state) dramatisch geändert wird durch eine Deprogrammierung. Darüber weiß man bereits sehr viel. Ich kann diese Methode aber — aus rechtlichen Gründen — in den meisten Fällen nicht als Therapie empfehlen. Die Deprogrammierung, wie sie zur Zeit durchgeführt wird, bewirkt meistens eine rasche Rückkehr zu der ursprünglichen geistigen Verfassung (the old Organisation of the mind). Eine Wiederherstellung der Persönlichkeit erfolgt, die frühere Sprachgewandtheit stellt sich ein, Erinnerungen kehren wieder, die ursprünglichen persönlichen Bindungsformen — aber auch die alten Probleme — sind wieder da.

Weiterhin ist stets festgestellt worden, daß einige Zeit nach der Deprogrammierung die betroffenen Personen ungefähr während eines Jahres sehr gefährdet (vulnerable) sind. Besonders während der ersten Wochen, es können auch zwei Monate sein, leben sie in zwei verschiedenen geistigen Welten. Ihrem starken Drang, zur Sekte zurückzukehren, kann durch logisches Argumentieren und Debattieren entgegengearbeitet werden; Es kann auch die große Furcht von ihnen genommen werden, daß sich nochmals jemand von außen ihres Willens bemächtigt. Während dieser Zeit kann ein früher der Sekte Zugewandter rasch wieder eingefangen werden, sei es durch einen plötzlich auftauchenden Impuls oder indem er wieder in einen Trance-Zustand abgleitet. Dies kann durch ein besonderes Wort, ein Musikstück, durch Gesang oder durch eine Gruppe der Sekte herbeigeführt werden. Im allgemeinen aber, nach Rückkehr zu der Persönlichkeit ursprünglich entsprechenden Geistesverfassung, scheinen die Probleme des einzelnen jetzt normale Gesundheitsprobleme zu sein. Meistens sind es deprimierte, erschöpfte Menschen, die kürzlich eine akute Psychose durchgemacht haben und die spüren, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben das klare Gefühl für Realität verloren hatten und nicht mehr Herr ihrer selbst waren. Sie schämen sich dessen, was sie getan haben, und des Schmerzes, den sie anderen bereitet haben; sie werden sehr furchtsam und sind eine Zeitlang unfähig, ihr Leben erfolgreich in die Hand zu nehmen.

Für diejenigen, die psychotisch wurden oder Selbstmordversuche begangen haben, ist selbst ein kurzer Verbleib in der totalen Abgeschlossenheit der Geistes- und Gesellschaftswelt der Sekte von größtem Unglück. Eine längere Mitgliedschaft in der Sekte scheint, meiner Meinung nach, die Bereitschaft zu erhöhen, das eigene Bewußtsein unter Fremdüberwachung zu stellen (Überwachung durch die Sekte). Dies führt nach und nach zu verringerter Denkfähigkeit, die doch notwendig wäre, um mit den komplizierten und vielschichtigen Zukunftsproblemen des Lebens »draußen" fertig zu werden. In diesem Zustand scheint der Verstand eine ganze Anzahl von I. Q. zu verlieren. Die Fähigkeit, flexible menschliche Bindungen zu knüpfen oder gar sexuelle Bindungen einzugehen, ist beeinträchtigt. Es ist schwer, den Realitätsbezug herzustellen, das Urteilsvermögen ist schlecht. Ein Einzelwesen, ob männlich oder weiblich, selbst wenn es nur geringen Schaden an seiner Psyche genommen hat, wird voraussichtlich beträchtlich in der Gesamtentwicklung zurückgeworfen. Die Reifung zum Erwachsenen kann für immer behindert werden. Außer Frage steht, daß die Fähigkeiten, mit den Gegebenheiten des



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realen Lebens fertig zu werden, Schaden genommen haben. Der Mangel an Aus-bildungs- und Berufserfahrung erhöht und verstärkt das »Verlustbild". All dies gibt eine ungefähre Vorstellung von dem Phänomen der »Gedankenumformung" (thought reform), wie sie von den Sekten heute praktiziert wird. Die natürliche Entwicklung dieses Vorgangs und die Wirkungen auf die betroffenen Personen wurde aufgezeigt. Es wurden Untersuchungen an 27 Personen aller Grade der ,,Verstrickung" in sechs verschiedenen Sekten vorgenommen. Es wurden Interviews mit wesentlich mehr informierten und interessierten Beobachtern gemacht. Der Überblick, der sich ergab, ist wohl fundiert, wenn auch noch unvollständig. Die Tatsache der Persönlichkeitsveränderung ist, meiner Meinung nach, erwiesen. Ich bin sicher, daß wir es hier mit einem Phänomen zu tun haben, mit dem Fachleute für Geisteskrankheiten (mental health professionais) im Grund noch nicht vertraut sind. Die Tatsache, daß unsere gebräuchlichen Behandlungsmethoden nicht wirfctn, ist verständlich; ebenso verständlich sind die erschreckenden Gefahren, die für den persönlichen Reifungsprozeß und für die geistige Gesundheit bestehen. In diesem Schreiben habe ich versucht, das Phänomen der »Verstrickung" junger Menschen in zerstörerischen Sekten zu beschreiben. Die Probleme besonderer Empfänglichkeit für eine Bekehrung wurden beschrieben und zwei Hauptgruppen von Gefährdeten wurden aufgezeigt.

Die natürliche Entwicklung des Beitritts zur Sekte, der Beitritt durch pausenlose Suggestiv-Überredung, der Vorgang einer Umwandlung des Denkens und Handelns und die Aufrechterhaltung dieser Umwandlung wurden dargelegt. Es wurde die Vermutung ausgesprochen, daß man nach einer Anzahl von Jahren dem Sektierertum (acculteration) verfallen ist. Die sehr rasch sich vollziehende katastrophale Wesensveränderung wurde hervorgehoben wie auch viele der daraus resultierenden Begleiterscheinungen, die wiederum im Zusammenhang mit der geistigen Gesundheit und der Persönlichkeitsreifung zu sehen sind. Besonders wichtige Probleme wie Selbstmord, Depression, psychotische Reaktionen und psychosomatische Störungen sind sehr ernst zu nehmen, sie müssen eingehend untersucht und besprochen werden. Außer Frage steht, daß die vielfältigen, ernsten und oft wunderlichen Probleme der physischen Krankheit sorgfältiger Beachtung von Seiten der Behörden bedürfen. Die Probleme der psychischen und physischen Gesundheit — beide durch die Aktivitäten der Sekten geschaffen — sollten viel sorgfältiger im einzelnen von amtlichen Stellen untersucht und erforscht werden. Ich glaube, daß sie aktives Interesse von verfassungsgebenden Institutionen (constitutive authorities) verdienen, wie es bereits durch diesen Ausschuß geschieht, der, wie ich glaube, aus all dem hier Besprochenen und dem aus der Anhörung noch zu Enthüllenden die großen-wesentlichen Zusammenhänge verstanden hat.

Für Interessenten (To whom it may concern)

 Aus meiner psychiatrischen Praxis, nach vielen Konsultationen mit anderen und nach Durchsicht der entsprechenden Literatur bin ich zu der Ansicht gekommen, daß gewisse neue, religiöse Sekten sehr schädlich für die physische und psychische Gesundheit der Betroffenen sind und daher als potentielle Gefahr für Gesellschaft und Staat, in dem sie ihr Unwesen treiben, angesehen werden sollten. Als Beispiele für solche Sekten möchte ich die 'Kinder Gottes', Hare Krishna, die Mun-Sekte und die ,Scientology' erwähnen.
 

Seelischer Schaden der empfindsamen Bekehrten resultiert aus dem intensiven Gebrauch der bekannten Gesinnungskontroll-Techniken (mind-control), um sie zu verpflichten und sie als Passive zu halten, als Hilfesuchende, Gläubige, die nicht fähig sind, über ihr eigenes Schicksal zu entscheiden. Diese Techniken beinhalten intensiven und verfälschten Gebrauch von:



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1. der absoluten Trennung von der Familie,
2. sehr starkem Gruppenzwang,
3. Isolation von vertrauter Umgebung, Bindungen und Ideen,
4. Schlafentzug»
5. strengen Fastenregeln,
6. ständigem Singsang und merkwürdigen Riten,
7. häufigem Zwang und Terror,
8. übermäßigen Keuschheitsregeln, Armuts- und Gehorsamszwang,
9. anderen Mitteln, die bestimmt sind, eine Totalisierung der Sekte zu bewahren.

Jene Mitglieder, die erfolgreich in den Sekten eingeführt sind, geben sowohl ihr Recht auf Privatleben und freie Entscheidung auf als auch ihre individuelle Wirklichkeitserprobung (Neigung, sich der Wirklichkeit zu stellen) und sind der absoluten Autorität der Sekte hörig. Individuelle Gedanken oder unabhängiges Tun ist in keinem Fall gestattet.

Menschen, die sich von den Sekten angezogen fühlen, gehen oft durch sehr verzweifelte Perioden ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung oder haben ernste, irgendwie lähmende Persönlichkeitszerrüttungen. Gewöhnlich entscheiden sie plötzlich, daß eine Sekte ihre Probleme sofort lösen wird und sie - wie durch Zauber — der Angst vor dem Erwachsenwerden enthebt.

Solange sie in der Sekte sind, wirken viele Mitglieder „wie abwesend" (unreal) und tragen eine muntere Heiterkeit zur Schau, alle Gedankengänge sind einheitlich ausgerichtet und schablonenhaft.

Wenn sie die Sekte aus irgendeinem Grund verlassen, durchlebt eine verhältnismäßig große Anzahl der Anhänger „psychotische Symptome" (psychotic symptons) oder körperliche Krankheiten, gefolgt von sechs bis zwölf Monaten Depression oder relativer Passivität. Während dieser Zeit jedoch scheinen die emotionellen Reaktionen normaler, und die Neigung, sich der Wirklichkeit zu stellen, beginnt wieder. Jedoch werden noch lange starke und irrationale Impulse, zu der Sekte zurückzukehren, verspürt.

Es ist nicht schwierig, die gefährlichen Sekten von den bestehenden religiösen Orden zu unterscheiden, die die Sinne (minds) ihrer Mitglieder nicht versklaven mit solchen raffinierten Techniken oder durch vorsätzliche Isolation und Entfremdung von Familie, Gesetz, Land oder der Wirklichkeit.
Solche Taktiken sind direkte Angriffe auf die Gesundheit und können die künftige Entwicklung der Persönlichkeit ernstlich hemmen. Jede Organisation, die solche Methoden anwendet, kann als destruktiv angesehen werden, aber nicht nur von Psychiatern und anderen Ärzten, sondern auch von staatlichen und sozialen Stellen.
Anschrift des Autors:
gez. John G. Clark, Jr. M. D. Stellvertr. Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School und dem Massachusetts General Hospital Diplomate in Psychiatrie, American Board of Psychiatry and Neurology
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