www.AGPF.de
Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt
AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit
Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V., Bonn
Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/Cammans.htm  Zuletzt bearbeitet am 20.6.2002
Zur Homepage | Zur Inhaltsseite | Zum Begriff Sekte | AGPF-Spendenkonto


 

Heide-Marie Cammans über Beratung

Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Impressum

Die AGPF unterhält keine Beratungsstelle, sondern bietet präferenzfreie zentrale Vermittlung zu den jeweils geeigneten und qualifizierten Beratungsstellen und Informationsangeboten.
Dazu: Mitgliedsvereine



Beratung
Buchauszug, aus:

Cammans, Heide-Marie:
Betroffen durch Sekten?
Ein Ratgeber
ISBN 3-491-72377-9
1997 Patmos Verlag Düsseldorf

Seite 174
2. An wen kann ich mich wenden?
Elterninitiativen

Bald nach dem Auftreten der ersten "Jugendreligionen" haben sich zuerst in den USA, dann auch in den europäischen Ländern Eltern zusammengeschlossen, deren Kinder in eine der Gruppen geraten waren. Diese Elterninitiativen waren lange Zeit neben einzelnen ersten Sektenbeauftragten vor allem der Evangelischen Landeskirche die einzigen Anlaufstellen für Betroffene. Das Angebot von Elterninitiativen besteht vor allem in der Erfahrung der Solidarität sowie der Gewißheit, in der eigenen Betroffenheit verstanden zu werden. Sie bieten die Möglichkeit zum Austausch von Information und Erfahrung, sind zur Vernetzung Betroffener hilfreich und geben Begleitung durch regelmäßige Begegnung. Bei einigen der Elterninitiativen hat eine Spezialisierung auf bestimmte Kulte stattgefunden. Beispiele hierfür sind die "Elterninitiative zur Wahrung der geistigen Freiheit e.V." in Leverkusen (arbeitet schwerpunktmäßig zu "ISKCON"/"Hare Krishna") und die "Niedersächsische Elterninitiative gegen Mißbrauch der Religion" in Hannover ("Kinder Gottes" / "Die Familie").

In Elterninitiativen hat sich ein großer Wissensschatz über die destruktiven Auswirkungen der Kulte angesammelt. Auch die Archive der einzelnen Initiativen sind vor allem, wenn sie spezialisiert sind, beachtlich und werden von ministerieller oder juristischer Seite gern in Anspruch genommen.

Elterninitiativen haben sich mit ihrem Angebot zu keiner Zeit auf betroffene Angehörige beschränkt, sondern waren von Anfang an auch für Aussteiger offen. Wieviel Hilfestellung und ganz persönliches Engagement vor allem

Seite 175

durch die Initiatoren und Initiatorinnen dieser Initiativen geschehen ist und geschieht, ist unermeßlich. Lange Zeit wurde staatlicherseits die Problematik allein den EIterninitiativen überlassen, die auf ehrenamtlicher Basis die wichtige, politisch relevante Arbeit leisten. In ihrer gebündelten Not hatten sie lange die Funktion von Speerspitzen im Kampf gegen die destruktive Sektenszene inne. Durch die zwischenzeitlich entstandene politische Beachtung und Behandlung der Problematik können die Elterninitiativen sich besser als bisher auf ihre wichtigste Aufgabe konzentrieren: die Hilfe für Betroffene.

Wenden sich Hilfesuchende an eine Elterninitiative, ist allerdings zu bedenken, daß sie dort in der Regel massiv mit der Betroffenheit anderer Familien konfrontiert werden. Sie treffen dabei auf Menschen, deren eigene familiäre Sektenproblematik ebenfalls nicht gelöst ist, sie erleben verfestigte Situationen und sehen sich mit jahrelangem Leid konfrontiert. Neu Betroffene kann dies entmutigen und zu resignativer Haltung verleiten. Ein Vater drückte das so aus: "Meine Frau und ich sind in großer Hoffnung der Einladung zu dem Treffen einer Eltern-Initiative gefolgt. Wir sind sehr freundlich aufgenommen worden und endlich einmal auch in unserem Anliegen verstanden worden. Es tat uns gut zu sehen, daß wir nicht die einzigen sind, denen so etwas passiert ist. Doch hat uns die Begegnung regelrecht erschlagen. Reihum berichteten alle Teilnehmer ihre traurigen Geschichten, und bei uns prägte sich zunehmend die Einstellung, daß auch wir unser Kind nie wieder aus den Fängen der Sekte herausbekommen würden. Es brauchte einige Tage, bis wir unseren Schock überwunden hatten und wieder in der Lage waren, trotz der scheinbaren Ausweglosigkeit die nächsten Schritte zu probieren.

Wünschenswert wäre von daher, daß vermehrt

Seite 176

Familien, deren Sektenproblematik bewältigt wurde, den Initiativen mit Rat und Tat verbunden blieben. Für neu betroffene Familien sind diese positiven Erfahrungen außerordentlich ermutigend.

Weiter sollte bedacht werden, daß zuweilen aufgrund zu geringer Distanz zur eigenen Betroffenheit die. Hilfestellung zu wenig differenziert geschieht. Übertragungen der eigenen Leidensgeschichte auf die Hilfesuchenden schleichen sich leicht ein, und die sicherlich wohlmeinenden Ratschläge anderer Betroffener müssen der individuell vorliegenden Situation nicht immer angemessen sein. Sie können unter Umständen sogar nachteilig wirken.

Auch kann sehr leicht das durchaus verstehbare Anliegen der "Sektenbekämpfung" zu sehr in den Vordergrund rücken, während es vielleicht zunächst günstiger wäre, alle Energie und Phantasie zur Herauslösung des Angehörigen aus der Umklammerung durch das Sektensystem einzusetzen.

Ebenso erfordert die Frage der öffentlichen Darstellung der eigenen Betroffenheit eine äußerst sensibel und individuell zu treffende Entscheidung, bei der auch sektenspezifische Komponenten mit einzubeziehen sind.

Die Betroffenheit durch eine Sekte stellt eine äußerst komplexe Problematik dar Deshalb kann die Mitgliedschaft und Mitarbeit in einer Elterninitiative nicht die notwendige Einzelberatung und eventuell sogar erforderliche therapeutische Begleitung ersetzen.

Selbsthilfegruppen

Diese Initiativen bieten Aussteigern Gelegenheit zur Begegnung, zum Austausch der Erfahrungen und schaffen

Seite 177

gerade in der Zeit nach dem Ausstieg einen Raum für soziale Kontakte. Es gibt Selbsthilfegruppen, die sektenspezifisch arbeiten, z.B. in bezug auf die "Bruno-Gröning-Bewegung" oder die "Zeugen Jehovas". Andere wiederum sind offen für Aussteiger aus dem ganzen Kultbereich. Einige dieser Initiativen arbeiten lediglich regional, andere sind um den Aufbau weiterer Gruppen, deren Vernetzung und den Zusammenschluß z.B. auf nationaler Ebene bemüht.

Selbsthilfegruppen bieten regelmäßig Begegnung schaffen Querkontakte untereinander und sind stark an der Mitwirkung bei der Aufklärung interessiert Auch hier ist von einem enormen ehrenamtlichen Engagement zu sprechen.

Selbsthilfegruppenarbeit ersetzt für den Aussteiger jedoch nicht die begleitende Hilfe durch eine Beratung, da die Gefahr besteht, den individuellen Verarbeitungsprozeß zu versäumen und dadurch unter Umständen lebenslang in der Rolle des "armen Opfers" stecken zu bleiben. Der künftigen, freiheitlich orientierten Lebensgestaltung, losgelöst vom Image des ehemaligen Sektenmitglieds, wäre damit eine große Chance genommen.

Kirchliche Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte

Lange bevor staatlicherseits Handlungsbedarf erkannt wurde, haben die Kirchen auf die Sektenproblematik reagiert. Nach und nach sind in den Evangelischen Landeskirchen sowie den Bistümern der Katholischen Kirche Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte eingesetzt worden. Auch auf örtlicher Ebene ist bei jeder Stadtkirche eine Ansprechbarkeit gegeben. Sie ist über das Stadtkirchenamt, die konfessionellen Jugendämter oder die Telefonseelsorge zu erfragen.

Seite 178

Einige der kirchlichen Beauftragten haben sich von Anfang an sehr in der Arbeit mit Eltern- und Betroffeneninitiativen engagiert und dabei wesentliche Aufbauarbeit geleistet.

Das Angebot dieser konfessionellen Helfer ist unterschiedlich. Sie leisten weitgehend Informations- und Aufklärungsarbeit. Nicht alle stehen für Beratung zur Verfügung, werden jedoch sicher bei der Suche nach einer speziellen Beratung behilflich sein.

Bürger- und andere Initiativen

Neben den auf persönlicher oder familiärer Betroffenheit basierenden Hilfsangeboten und. den kirchlichen Beauftragten bilden sich zunehmend andere Anlauf- und Kontaktstellen, die sich meist aus einem konkreten Anlaß heraus entwickeln. Sie haben eine regional begrenzte und bürgernahe Funktion. Ihr Wirken beschränkt sich im wesentlichen auf Informations- und Öffentlichkeitsarbeit. Im Betroffenenfall können sie Erstinformation geben und bei der Suche nach weiterhelfender Beratung vermitteln.

Sekten-Beratung

Da die Sektenproblematik durch das Netz der Ehe- und Lebensberatung bisher so gut wie nicht angenommen wurde, zeigt sich auf diesem Gebiet mehr denn je die Notwendigkeit von spezialisierten Beratungsstellen. Sie verfügen neben der beraterischen Qualifikation über sektenspezifisches Wissen, um angemessen und verantwortlich, aber auch wirksam helfen zu können. Spezielles Beratungswissen ist vor allem im Hinblick auf die Lehre, die Werbe- und Vereinnahmungsmethoden sowie die Praktiken

Seite 179

der jeweiligen Sekte erforderlich. Von ganz besonderer Bedeutung ist die sekteninterne Veränderung der Sprache und somit des Inhalts des Denkens, wodurch bei Unkenntnis Barrieren in der Verständigung entstehen. Hinzu kommt, daß der Berater sich mit den vielfältigsten religiösen Ideen, Glaubensrichtungen, okkulten Strömungen, esoterischen Sichtweisen, mit den unterschiedlichsten Gottesbildern, Engelwesen, mit dem Glauben an gute und böse Geister konfrontiert sieht und sich damit auseinanderzusetzen hat, da diese Inhalte die Gespräche in unterschiedlichem Maße durchziehen. Nur so kann der Berater dem Klienten Hilfestellung zu dessen Wahrheits- und Entscheidungsfindung geben. Durch diese spezialisierte Beratung ist die erforderliche Begleitung des Resozialisierungs- und Reintegrationsprozesses von ehemaligen Kultmitgliedern gewährleistet.
 
 
 



Impressum:


1. Version dieser Seite installiert am 15.6.2000


Verantwortlich für Inhalt und Gestaltung:
Ingo Heinemann
D-53579 Erpel Grabenstrasse 1
Tel. 02644-98013-0
Fax 02644-98013-1
Email: Ingo.Heinemann@t-online.de

Diese Website wurde eröffnet im September 1998