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Jugendreligionen in der Bundesrepublik Deutschland. 
Bericht der Bundesregierung an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages 1979
 
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Jugendreligionen in der Bundesrepublik Deutschland 
Bericht der Bundesregierung an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages 

Herausgeber: Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit Postfach, 5300 Bonn 2 

Stand: Februar 1980, ISSN 0172-7575

 
 
 

Vorwort

Zahlreiche Bürger haben mich in den letzten Jahren um Hilfe gebeten, weil Kinder, Geschwister oder Freunde sich Jugendreligionen zugewendet haben. Sie fordern den Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit auf, zum Schutze der meist jungen, aber volljährigen Menschen einzugreifen und sie in die Familien zurückzuholen.

Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit hat nach dem Grundgesetz die Pflicht, auf Gefahren aufmerksam zu machen, die jungen Menschen drohen. Zweck dieses Berichtes der Bundesregierung ist nicht eine positive oder negative Bewertung von Überzeugungen. Es geht mir ausschließlich um den im Grundgesetz verankerten Schutz von Jugend und Familie. Viele der in den hier aufgeführten Vereinigungen aktiven jungen Menschen haben dort ernsthafte psychische Schädigungen erlitten. Daraus ergibt sich für mich eine Verpflichtung, auf diese bedenklichen Praktiken hinzuweisen, junge Menschen und ihre Angehörigen zu warnen.

Ein Wort an die Eltern: Wenn sich Ihr Kind einer Jugendreligion angeschlossen hat, machen Sie ihm deutlich, daß Sie diese Entscheidung bedauern und unter keinen Umständen bereit sind, finanzielle Unterstützungen zu gewähren. Die Flucht in die Jugendsekten Ist meist ein Indiz für ungelöste, manchmal verdeckte Probleme im bisherigen Leben der jungen Menschen. Geben Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter zu erkennen, daß Familien- und Freundeskreis auf eine baldige Rückkehr hoffen und bereit sind, sie wiederaufzunehmen. Ich weiß, daß das nicht immer leicht ist, und hoffe, daß Sie andere betroffene Eltern und Berater finden, mit denen Sie Ihre Sorgen und Erfahrungen austauschen können.

Antje Huber



Bericht der Bundesregierung 1979 über Jugendreligionen Seite 4

Vorbemerkung

Der Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages hat aufgrund seines Beschlusses vom 7. März 1979 (Prot. Nr. 8/52) die Bundesregierung gebeten, ,.die bislang gewonnenen und in zahlreichen Veröffentlichungen festgehaltenen Erkenntnisse dazu zu nützen, alsbald ein Gesamtkonzept zu erarbeiten, wie sie in geeigneter Weise nicht zu billigenden Bestrebungen der neuen Jugendreligionen begegnen und Betroffene wirksam schützen und unterstützen kann“.

In Beantwortung dieses Beschlusses hat die Bundesregierung den folgenden Bericht erstellt.
 



Bericht der Bundesregierung 1979 über Jugendreligionen Seite 5


 
 

Teil 1
Die Jugendreligionen In der Bundesrepublik Deutschland

1. Die Bundesregierung beobachtet, daß zahlreiche junge Menschen aus zum Teil sehr verschiedenen Gründen der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ausweichen und die Teilnahme am gesellschaftlichen Prozeß verweigern.

Die Bundesregierung sieht die Hinwendung zu Jugendreligionen als eine Form dieser Realitätsflucht an. Ähnlich wie bei anderen Fluchtformen kommen hier verschiedene subjektive und objektive Faktoren zusammen.

Der Jugendliche, im Begriff sich vom Elternhaus zu lösen, eine eigene Identität zu entwickeln und seine Rolle in der Weit der Erwachsenen zu bestimmen, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er sieht sich einer Vielzahl von Identifikationsmöglichkeiten und Sinnangeboten gegenüber und kann nicht in allen Fällen auf tragende Orientierungshilfen zurückgreifen.

Kommt es zu besonderen Krisensituationen, etwa bei Schwierigkeiten in der Ausbildung oder Arbeit oder nach einer mißglückten Beziehung, sind gleichzeitig die Konfliktverarbeitungsformen ungenügend entwickelt, und trifft der junge Mensch In dieser Situation auf eine geschlossene Gruppe, die Ihm die Erfüllung all seiner Wünsche verspricht, so kann es zu der Entscheidung kommen, "alle Brücken hinter sich abzubrechen“. Nach ersten beeindruckenden Erfahrungen schließt er sich einer Gruppe an, die in einem völlig anderen Weltbild kurzfristig die Lösung aller Probleme und Schwierigkeiten In Aussicht stellt. Einer solchen Entscheidung liegen wohl auch tiefgreifende emotionale Defizite zugrunde sowie ein Mangel an Gemeinschaftserfahrung.

Darüber hinaus verweist das Phänomen der Jugendreligionen auch auf Mängel in der Vermittlung von Werten. Familien, Schulen und die Kirchen sehen sich nicht immer In der Lage, ihre Wertwelt und Sinngebung so zu vermitteln, daß junge Menschen daraus einen tragenden Erklärungszusammenhang für ihre Alltagserfahrungen entwickeln können. Die Sprachlosigkeit bzw. Unterentwicklung Im Bereich der existentiellen Erfahrungen und Fragen aber bietet eine gute Angriffsfläche für simple Angebote, die über eine leicht verstehbare Antwort auf alle Fragen hinaus auch eine kurzfristige Befriedigung tiefster Sehnsüchte in Aussicht stellen und zunächst auch solche Erfahrungen vermitteln.

So sieht die Bundesregierung den Zulauf zu diesen Gruppen, ihre Auswirkungen auf Mitglieder und deren Umwelt nicht nur als ein individuelles Problem. U. a. liegt hier ein Hinweis auf die Schwierigkeiten, die in einer hochentwickelten Industriegesellschaft entstehen können, wenn es darum geht, emotionalen Bedürfnissen und elementaren religiösen Anliegen junger Menschen zu entsprechen.



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2. Mit dem Begriff "Jugendreligionen“ oder "Jugendsekten“ werden sehr verschiedenartige Gruppierungen angesprochen. Sie wenden sich nicht nur an Jugendliche, sondern insbesondere an junge Erwachsene, einige Gruppen auch an ältere Menschen. Der Anteil der unter 18 Jahre alten Mitglieder ist wohl infolge der öffentlichen Kritik im Gegensatz zum Anfang der siebziger Jahre heute minimal. Die Vereinigungen haben zwar gemeinsame Merkmale; es ist jedoch unerläßlich, sie nach Herkunft, Zielsetzung, Programmatik und Methodik zu unterscheiden.

Dieser Bericht geht über die in der Petition angesprochenen Gruppierungen hinaus auf weitere Jugendreligionen ein, die z. Z. in der Bundesrepublik besonders aktiv sind. Die Darstellung beschränkt sich auf die Aspekte, die für Maßnahmen der Bundesregierung von Bedeutung sind.

2.1 Die Vereinigungskirche knüpft an einige biblische Vorstellungen an und verbindet sie mit östlichen Naturphilosophien. Ihr Gründer und Leiter ist der Koreaner San Myung Mun, der sich als neuer Messias versteht. Er hat eine religiös verwurzelte, ideologisch politische Organisation aufgebaut, die dIe Welt aufgrund der "göttlichen Prinzipien“ neu gestalten will. Das Programm lebt von einer massiven Polarisierung zwischen Gut und Böse. Die Gruppe Ist sehr geschlossen und streng autoritär geführt. Der Tagesablauf der Mitglieder ist durchstrukturiert. Mitglieder wurden dazu gebracht, Ihren gesamten Besitz der Organisation zu übereignen. Dem Gründer Mun untersteht ein weitverzweigtes Wlrtschaftsimperium, das vom GinsengTee-Export bis zur Waffenproduktion reicht.

Die idealistische Wirklichkeitsdeutung, die Forderung der völligen Hingabe an die Gruppe und deren elitäres Bewußtsein faszinieren viele junge Menschen. Umso größer ist die Gefahr der Indoktrination und des destruktiven Gruppenzwangs auf den einzelnen.

Die dualistische Sicht teilt die Welt und die Menschen ein in Gut und Böse, Gerettete und Nichtgerettete, Antikommunisten und Kommunisten usw. und bewirkt so eine soziale Abkapselung bis hin zur Ablehnung aller Nichtsektenmitglieder. Die Kommunikationsfähigkeit mit Andersdenkenden wird herabgesetzt. Beim Ausscheiden bewirkt die vorherige polare Weitsicht starke Schuldgefühle.

2.2 Die Kinder Gottes nennen sich seit einiger Zelt auch Familie der Liebe. Die Lehre Ihres Gründers und Leiters, des Amerikaners David Berg, wird vornehmlich in den sogenannten "Mo-Briefen“ verbreitet. Rettung vor dem sicheren Untergang, so heißt es dort, könne nur die Revolution der Kinder Gottes bringen. Ihr besonderes Profil gewinnt die Gruppe durch das intensive religiös gefärbte Gemeinschaftserlebnis in deren Lebensgemeinschaft, den "Homes“ oder "Kolonien“, wie sie früher genannt wurden. Die Gruppe



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bietet dem einzelnen anfangs Liebe und Geborgenheit. Das integrierte Mitglied wird aber — nach Berichten Ehemaliger — bald ausgebeutet und hat sich den Strukturen der Gruppe unterzuordnen. Im Laufe der Entwicklung haben die Werbeschriften dieser Vereinigung zunehmend pornographische Züge angenommen.

Bei den Anhängern der "Familie der Liebe“ kommt es zu einer totalen Trennung von der bisherigen Umwelt. Im Zuge einer Umstrukturierung sind die "Homes“ aufgelöst worden. Es läßt sich bisher noch keine neue Strukturierung der Vereinigung erkennen. Ein Teil der Mitglieder ist In die frühere Umwelt zurückgekehrt. Bei anderen ist der jetzige Aufenthaltsort unbekannt. Solange deren Verbleib und jetzige Verfassung nicht geklärt sind, bleibt diese Gruppe nach wie vor von Bedeutung. Es ist auch nicht auszuschließen, daß sie nach einer Neuorganisation aus dem "Untergrund“ zurückkommt.

2.3 Eine strenge Einbindung des einzelnen In eine totale Lebensgemeinschaft läßt sich bei der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewußtsein beobachten, die ihre Mitglieder durch Gelübde und eine hierarchische Autoritätsstruktur ganz fordert. Der "Samkirtandienst“, religiös motiviertes Singen und Tanzen, soll zum Gottesbewußtsein führen, dient aber zugleich der Mission. Das dabei erbettelte Geld muß zum überwiegenden Teil in die Zentrale abgeführt werden. Vom einzelnen wird rückhaltlose Hingabe und der völlige Bruch mit seiner bisherigen Welt gefordert. Er tritt in eine andere Welt ein, die in Ihrem Empfinden und Denken, ihrem Lebensstil und ihrer Moral diametral der alten entgegengesetzt ist. Von seinem Beitritt an lebt der "Mönch“ in diesem antagonistischen Gegensatz. Nur wenige sind in der Lage, einen solch radikalen Gegensatz zu bewältigen. Dementsprechend groß sind die Gefahren, einer Fehlentscheidung zu erliegen oder an den aufgerissenen Gegensätzen innerlich zu zerbrechen.

Dies gilt Insbesondere, weil keine ausreichende Prüfungszeit in die Aufnahme eingeschaltet ist, die - vergleichbar dem Noviziat einer traditionellen Ordensgemeinschaft - eine solch radikale Lebensentscheidung verantwortet erscheinen läßt.

2.4 Die Divine-Light-Mission ist in ihrer religiösen Botschaft ganz auf Ihren "Guru“‘ den Inder Maharaj Ji, konzentriert. Ihre Organisationsformen sind eher locker und wenig verbindlich. Neben Mitgliedern, die in Ashrams (das sind geschlossene spirituell ausgerichtete Lebensgemeinschaften) und festen Wohngemeinschaften leben, gibt es andere Anhänger, die in ihren bisherigen Lebensverhältnissen, z. B. Ehe und Familie, Arbeit und ihrem Beruf verbleiben. Maharaj Ji wird als Meister und Gott verehrt. Frieden und vollkommene Ruhe bei ihm wird jedem zugesagt, der sich mit liebender



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Hingabe und ohne kritisches Vorurteil dem Meister nähert. Sowohl Lehre als auch Methode zeichnen sich durch besondere Naivität aus. Aus Spenden und den Erlösen von Basaren und Flohmärkten setzen sich die Einnahmen zusammen. Nach einer Phase der Zurückhaltung und offensichtlichen Umorganisation geht die Divine-Light-Mlssion nun wieder stärker an die Öffentlichkeit.
 

2.5 Die Scientology-Kirche versteht sich als Vermittlerin einer "religiösen Wissenschaft, die angewandt wird, um geistige Freiheit, Intelligenz und Fähigkeiten zu steigern und somit das Bewußtsein von Unsterblichkeit hervorzubringen“.

Ihrem Erscheinungsbild nach ist sie in erster Linie ein Geschäftsunternehmen mit einer Reihe kleinerer Organisationen in Ihrem Einflußbereich (z. B. "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e. V.“), das gegen hohe Bezahlung Techniken und Kurse zur Selbstbefreiung anbietet. Diese sollen dem einzelnen helfen, sich innerhalb der allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen umfassend zu verwirklichen. 1976 betrug der Stundensatz für das "Auditing“. eine Mischung aus beicht- und interviewähnlichen Kurselementen, 64‘— DM; 1979 ist er auf 350‘— DM angehoben worden mit einer monatlichen Steigerung von 5 oder 10 %. Das Rückgrat der gesamten vielschichtigen Organisation ist die "Sea-Org“ (d. h. See-Organisation). Die meist jungen Sea-Org-Mitglieder sind über Scientology-Kurse zu der Organisation gestoßen‘ haben dort "Karriere“ gemacht und schließlich einen Sea-Org-Vertrag unterzeichnet.

Die Organisation ist durch ein sehr starkes Selbstbewußtsein und mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik geprägt. Auf Angriffe von außen reagiert die Scientology-Kirche sehr empfindlich und ist in zahlreiche Prozesse gegen Ihre Kritiker verwickelt. Mit dem hohen Ideal der totalen Freiheit wird ein eher rücksichtsloser Umgang mit Menschen gerechtfertigt. Dies gilt für Mitglieder. die der gruppeneigenen Ethik nicht genügen. wie auch für Kritiker von außen.

Der Verkauf von Methoden zur "umfassenderen Bewußtwerdung und Selbstverwirklichung“ steht im Vordergrund. Um eine streng organisierte zahlenmäßig kleinere Kerngruppe breitet sich ein nach den Rändern immer mehr verschwimmender Kreis von zahlreichen Kursteilnehmern aus, die sich mit den inhaltlichen Zielen ihrer Organisation kaum identifizieren. Zwischen diesen beiden Gruppen muß bei allen Aussagen über die Auswirkung einer Mitgliedschaft unterschieden werden.



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2.6 In ihrer Herkunft verschieden, aber in Struktur und Methodik teilweise vergleichbar ist die Gesellschaft für Transzendentale Meditation. Auf der Basis der "Wissenschaft der kreativen Intelligenz“ verbreitet sie eine "Psychotechnik zur Entspannung und höheren Bewußtheit“, die sie in Kursen gegen Gebühren zwischen 400,— und 10000,— DM verkauft. Dabei macht die Gesellschaft für Transzendentale Meditation dem Anschein nach hohe Gewinne, die die relativ kostspieligen Investitionen zur Ausbreitung der Organisation ermöglichen. Bei der Transzendentalen Meditation (TM) handelt es sich um eine aus dem Hinduismus entwickelte Meditationspraxis, die der Guru Maharishi Mahesh Jogi wesentlich vereinfacht und damit auf westliche Bedürfnisse zugeschnitten hat. Transzendentale Meditation ist als eine religiöse Bewegung anzusehen, auch wenn sie sich einen betont wissenschaftlichen Anstrich gibt. Über die Vermittlung einer Entspannungstechnik hinaus versteht sie sich als "Initiative, die alle universalen Erwartungen der Menschheit in sich vereint“. Sie wirkt in die Gesellschaft hinein und ist auf öffentliche Anerkennung bedacht. Deshalb wehrt sie sich auch energisch gegen die Einstufung als Jugendreligion.

Nicht alle, die die Transzendentale Meditation als Entspannungsübung betreiben, identifizieren sich mit den religiösen und politischen Zielen der Gesellschaft für Transzendentale Meditation. Neben durchaus positiven Erfahrungsberichten über die entspannende Wirkung dieser Meditationstechnik Ist der Bundesregierung auch eine Reihe von Fällen bekanntgeworden, In denen die verstärkte Meditation und schrittweise Herauslösung aus der alten Umwelt vornehmlich bei jungen Menschen schwere seelische Schäden hervorgerufen haben.

Dazu ist aus der Sicht der Bundesregierung auf folgendes aufmerksam zu machen:
 



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In der Überprüfung der Meditation durch das standardisierte Checking-System wird bewußt nicht auf die persönlichen Probleme des Meditierenden eingegangen. Die Problemlösung soll ausschließlich in einem schematisierten Gang durch ein 30-Punkte-System und durch vermehrte Meditation geschehen. Das Nichtbearbeiten der aufgebrochenen Probleme aber ist bei einer Methode, die psychische Inhalte, darunter angsterregende und bedrohliche, aktiviert, bedenklich und kann zu verstärkten psychischen Schwierigkeiten führen.

So kann nach Aussagen von Ärzten die Anwendung der Transzendentalen Meditation eine entspannende und positive Wirkung haben, aber bei solchen Meditierenden, die entweder labil sind oder in einer Krise stehen, sehr negative Auswirkungen hervorrufen, auf die weder die Methode noch die Organisation eingehen kann und will. Dies aber stellt gerade für junge Menschen, die extensiv meditieren, eine Gefahr dar, die in einzelnen Fällen zu schweren psychischen Störungen führen kann.

Von Bedeutung ist auch, daß die TM während der Anwerbung lediglich als eine Entspannungstechnik angepriesen wird, obgleich die TM-Bewegung auf die Durchdringung des öffentlichen Lebens mit Macht und Einfluß ausgerichtet ist. Der Bundesregierung liegen Publikationen der sogenannten "Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung“ in Seelisberg/Schweiz vor, aus denen diese Absichten hervorgehen.

2.7 In Presse, Funk und Fernsehen hat in der letzten Zeit verstärkt die Gruppe um "Bhagwan“ (d.h. Gott) Shree Rajneesh Schlagzeilen gemacht. Der ehemalige indische Philosophieprofessor hat in der Verbindung von westlichen Psychotechniken, vor allem Methoden der "Humanistischen Psychologie“, und von Elementen der altindischen Tantra-Tradition einen religiös gefärbten neuen Lebensstil mit vielfältigen Therapieangeboten zusammengefügt. Sein Zentrum in Poona/Indien ist inzwischen zu einem Anziehungspunkt für Zivilisationsmüde und Erlebnishungrige geworden. Dort sollen Hemmungen und Blockaden abgebaut, Triebenergien freigesetzt und der Mensch von seinem Ego erlöst werden. Bhagwan will, wie er sagt, die Menschen nicht an sich binden, sondern sie "auf dem Marktplatz“ belassen. Aber ähnlich wie In anderen Psychobewegungen, in denen Entwicklungsdefizite in kurzer Zeit forciert nachgeholt werden sollen, Ist das Erleben der anderen Welt, der neuen Kommunikation in der Gruppe oder hier beim Meister so faszinierend, daß der Drang, die Gruppe wieder aufzusuchen bzw. in der Nähe des Meisters zu bleiben, groß ist. Dadurch entsteht die Gefahr, daß Ausbildung und Beruf etc. abgebrochen werden.



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Die Schüler Bhagwans, die orangegekleideten Sannyasin, haben u. a. hier In der Bundesrepublik eigene Meditations- und Selbsterfahrungszentren aufgebaut. Nach einigen Aussagen Inder Literatur scheint hier das religiöse Moment manchmal zugunsten des emotionalen in den Hintergrund zu treten, womit man der "Psychowelle“ entgegenkommt. Die Versuchung zur Kommerzialisierung ist angesichts des Zulaufs recht groß, aber hier wird man die weitere Entwicklung abwarten müssen.
 

2.8 Ananda Marga wurde 1955 in Indien gegründet von Prabhat Ranjan Sarkar, der sich seither Anandamurti nennt. Er verfolgte von Anfang an zwei Ziele:
individuelle Erneuerung durch spirituelle Praxis sowie Befreiung der Gesellschaft, und bot eine Synthese an von traditionellen Yoga- und Tantrapraktiken mit einem sozialreformerischen Konzept, was die Gruppe zeitweise mit fanatischer Radikalität durchzusetzen suchte.

Ananda Marga und seine Entwicklung in der westlichen Gesellschaft wird von den Beobachtern zwiespältig eingeschätzt. Auf der einen Seite zeigt sich die Gruppe jugendlich, religiös, "alternativ“, engagiert in sozialer Randgruppenarbeit. Auf der anderen Seite bedeutet die zunehmende Radikalisierung, die elitäre Selbsteinschätzung, der Glaube an die Machbarkeit einer idealen Gesellschaft verbunden mit der Bereitschaft, unter Hingabe des eigenen Lebens mit allen Mitteln dafür zu kämpfen, eine Gefährdung der betroffenen Anhänger und ihrer Umwelt. Zwei Mitglieder von Ananda Marga demonstrierten dieses 1978 in Berlin durch ihre Selbstverbrennung.
 
 
 



 
 
 

Anfang der siebziger Jahre haben sich diese relativ jungen Gruppierungen In der Bundesrepublik Deutschland niedergelassen. Bei einigen sind in der Auseinandersetzung mit der Kritik von außen erste Veränderungsprozesse zu beobachten, die sich zum Vorteil für die Mitglieder der Jugendreligionen auswirken. Dies ist zum großen Teil dem vehementen Druck der Elterninitiativen und der Öffentlichkeitsarbeit aller beteiligten Stellen (Aktivität von Beratungsstellen und Medien) einschließlich der Bundesregierung zu verdanken.

Ob und wieweit einige dieser Gruppen zu einer Veränderung ihrer Strukturen bereit und fähig sind, bleibt abzuwarten
 



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3. Ohne die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Gruppen aufheben zu wollen, sieht die Bundesregierung doch einige gemeinsame Grundzüge in der Anziehungskraft der Jugendreligionen und in den möglichen Auswirkungen einer Mitgliedschaft auf Jugendliche und junge Erwachsene.

Der Entwicklungspsychologe Erikson hat die Identitätssuche unter anderem charakterisiert mit der Frage "Alles oder Nichts“ und mit der radikalen Fragestellung eine Disposition für radikale Antworten angenommen. Wird dem jungen Menschen in dieser Phase eine ganze Antwort gegeben, so sei er bereit, alles zu investieren. Ist er in dieser psychischen Verfassung, greifen die Jugendreligionen wie ein Schlüssel ins Schloß.

Die alte spannungsreich erlebte Identität wird unter anderem aufgelöst durch

Gleichzeitig bietet die Gruppe eine neue Identität an mit zahlreichen "positiven Verstärkungen“ (oder befriedigenden Erfahrungen) wie z. B. So ist zum Problem der Freiwilligkeit festzustellen:
Die ersten Schritte werden wohl freiwillig getan, die radikalen Anforderungen begeistert angenommen. Allerdings versetzen die massiven psychischen Mechanismen den einzelnen oft in eine solche Verfassung, daß eine bewußte Entscheidung, die alle möglichen Konsequenzen bedenkt und verantwortet, sicher nicht getroffen werden kann. Den Gruppen, die den völligen Bruch mit der Vergangenheit fordern, ist vorzuwerfen, daß sie den Interessenten keine Möglichkeit geben, über einen längeren Zeitraum ihre Entscheidung zu überprüfen. Im Gegenteil zeigen die Erfahrungen, daß die Angeworbenen relativ schnell einer Intensivschulung unterzogen werden. Die vorzeitige Bindung an die Gruppe läßt für eine freie Entfaltung der Persönlichkeit keinen Raum mehr. Dies spricht für die Annahme, daß die Organisationen mehr an hohen Mitgliederzahlen, Arbeitskräften und Gewinn orientiert sind als an der sinnvollen Lebensgestaltung des einzelnen, die man bei der Anwerbung vorgetäuscht hat.



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Die Folgeerscheinungen bei den Mitgliedern sind mitbestimmt von den Inhalten der Jugendreligionen:
Danach werden rationale Urteilsfähigkeit und kritische Vernunft im allgemeinen minderwertig eingeschätzt; alle Kritik gegen die neue Religion ist vom Teufel, der Verstand der erstrebten Erleuchtung hinderlich. Die meisten der oben genannten Gruppierungen sprechen in ihren Schulungen und den zunächst vermittelten Erfahrungen vor allem die emotional sensitive Seite an, so daß es zu einer einseitigen Ausbildung psychischer Anlagen kommt und zur Rückbildung kognitiver Differenzierungsfähigkeit. Dies aber verhindert die für das Leben in unserer Kultur wichtige Integration verschiedener psychischer Funktionen. sowohl der kognitiven als auch der emotionalen.

Die Jugendreligionen setzen eine neue Bestimmung und Interpretation der Wirklichkeit, erklären die frühere Welt und Erlebnisweise ihres Mitglieds für minderwertig. Eine Selbstkritik bzw. Relativierung des eigenen Ansatzes findet meist nicht statt. Das erschwert die Kommunikation mit der "unerlösten“ Welt und führt in manchen Fällen im fortgeschrittenen Stadium zu ernsthaften Kommunikationsstörungen.

Dies aber bringt beim evtl. Ausscheiden ehemaliger Mitglieder große Schwierigkeiten mit sich. Alle mit großer Energie aufgebauten negativen Besetzungen und Feindbilder sollen zurückgenommen werden, ohne daß die faszinierenden Erlebnisse und "eindeutigen“ Lösungen, die der Betreffende beim Eintritt in die Gruppe erfahren hat, in Aussicht ständen. Diese Schwierigkeit wird dadurch verstärkt, daß einige der Sekten ihren ausgetretenen Mitgliedern mehr oder weniger offen Nachteile androhen bis hin zum Verlust des Seelenheils. Häufig kommt es zu massivem Schulderleben. Der Abbruch von Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis erschwert die gesellschaftliche Reintegration. In schweren Fällen treten die psychischen Probleme mit entsprechenden physischen Begleiterscheinungen auf.

Nach der Einschätzung von Fachleuten, die in der Therapie von "Sektengeschädigten“ arbeiten, gelingt es nur relativ "ich-starken“ Anhängern, sich ohne Schaden von der Gruppe zu lösen. Nicht wenige müssen psychotherapeutische, psychiatrische oder ärztliche Hilfe In Anspruch nehmen.

Die hier allgemein geschilderten Auswirkungen treffen nicht In gleichem Maße für alle oben genannten Jugendreligionen zu und erst recht nicht für alle aktiven Mitglieder. Es Ist jedoch bezeichnend, daß die Gruppen und Organisationen häufig nicht bereit sind, diese "Ausfälle“ aufzufangen und Ihre Theorie und Praxis an Hand der folgenschweren Fehlauswirkungen zu überprüfen.
 



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Leerseíte


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Teil II Stellungnahme der Bundesregierung

1.    Ein generelles Verbot der Jugendreligionen, wie es gelegentlich gefordert wird, kann nicht erwogen werden.

Die Jugendreligionen berufen sich auf das im Grundgesetz garantierte Recht auf Vereinigungsfreiheit (Art. 9(1) GG). Außerdem nehmen fast alle für sich auch das Grundrecht der Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit (Art. 4 GG) und die den Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen durch Artikel 140 GG gewährleisteten Rechte in Anspruch.

Der Schutz der Artikel 4 und 140 GG steht einer Vereinigung nur insoweit zu, als ihre Tätigkeit Im Bereich der Pflege und Förderung eines religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses liegt. Einige Jugendreligionen haben jedoch eine große Zahl von sich häufig verändernden, rechtlich selbständigen Teil- und Unterorganisationen gebildet, bei denen es vorrangig nicht um die Ausübung eines religiösen Bekenntnisses oder einer Weltanschauung zu gehen scheint, sondern um die Wahrnehmung kommerzieller Interessen. Diese können nicht den Schutz der Artikel 4 und 140 GG verlangen, soweit sie solche Interessen wahrnehmen. Im übrigen wirkt der verfassungsrechtliche Schutz nur insoweit, als sich die Aktivitäten dieser Gemeinschaften im Rahmen gewisser übereinstimmender sittlicher Grundanschauungen der heutigen Kulturvölker halten (BVerf. GE 24, 236, 246).

Für den Staat stellt sich die Frage, inwieweit er unter Beachtung der Grundrechte den einzelnen davor schützen kann, daß er unter dem Vorwand religiöser Zielsetzung psychisch oder materiell geschädigt wird.

2.   In Betracht kommt hier zunächst die Prüfung, inwieweit einzelne Aktivitäten der Jugendreligionen von bestehenden gesetzlichen Vorschriften erfaßt werden.

Die Bundesregierung untersucht zur Zeit im Zusammenwirken mit den Bundesländern und anderen Institutionen die Frage, ob die bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten ausreichen, um negative Aktivitäten der Jugendreligionen in bestimmten Bereichen zu unterbinden, oder ob und welche rechtlichen Maßnahmen über das geltende Recht hinaus zusätzlich erforderlich werden. Außerdem wurde Vorsorge getroffen, daß die zuständigen Behörden in Bund, Ländern und Kommunen die gegenwärtigen Möglichkeiten unserer Rechtsordnung ausschöpfen und erkennbare Verstöße gegen das geltende Recht mit dem gebotenen Nachdruck ahnden.

Nach Auffassung der Bundesregierung bietet das vorhandene Rechtsinstrumentarium bereits eine Reihe von Möglichkeiten, um gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen. Im Einzelfall sind zum Beispiel möglich:
 



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  Die Bundesregierung wird darauf hinwirken, daß den betroffenen Behörden Informationen über neuere Tendenzen der Jugendreligionen zukommen, damit sie bei Beratungen und Entscheidungen berücksichtigt werden können, wie beispielsweise bei Anträgen für Sammlungserlaubnisse, für die Bereitstellung von öffentlichen Gebäuden für Veranstaltungen, für die Anerkennung als gemeinnütziger Verein oder für die Erteilung der Erlaubnis als Heilpraktiker nach dem Heilpraktikergesetz, um die die Lehrer einiger Jugendreligionen in letzter Zeit nachgesucht haben sollen.

Die Information der Instanzen, die in Kontakt mit Jugendreligionen kommen, ist die Voraussetzung für die Ausschöpfung aller gesetzlichen Möglichkeiten zum Schutz der Mitglieder. Die Bundesregierung begrüßt daher die Maßnahmen verschiedener Bundesländer auf diesem Gebiet und ist bereit, diese durch Beratung und Information zu unterstützen.
 

3.   Da für fast alle Jugendreligionen finanzielle Aspekte sehr wichtig sind, ist ihnen auch bei der Beurteilung und Beobachtung der Jugendreligionen besondere Bedeutung beizumessen.

Die Jugendreligionen haben unterschiedliche Einnahmequellen entwickelt. Hierzu gehören vor allem:
 



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  Eine administrative Zuständigkeit des Bundes ist in allen diesen Fällen nicht gegeben. Es kann den Betroffenen nur anheimgestellt werden, eine Rückforderung nach den Bestimmungen des BGB zu versuchen. Die Bundesregierung weist in ihrer Aufklärungsarbeit jedoch auf das große Interesse der Jugendreligionen an den finanziellen Leistungen und die Gefahren für das Vermögen der Mitglieder hin.

So soll verhindert werden, daß die Jugendreligionen ungerechtfertigte steuerliche Vergünstigungen in Anspruch nehmen können. Die für die Beurteilung der Gemeinnützigkeit von Sekten relevanten Erkenntnisse und Materialien werden den obersten Finanzbehörden der Länder zur Verfügung gestellt, damit sie ggf. bei der Überprüfung der Satzung und der tatsächlichen Geschäftsführung der betreffenden Gemeinschaften verwertet werden können. Auf diese Weise ist gewährleistet, daß die örtlichen Finanzbehörden ihre Entscheidungen in Kenntnis aller relevanten Umstände des Sachverhalts treffen können.

Darüber hinaus soll in Zweifelsfällen eine Entscheidung erst nach vorheriger Abstimmung auf der Ebene der obersten Finanzbehörden des Bundes und der Länder getroffen werden.



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In einigen Fällen, in denen die Gemeinnützigkeit früher anerkannt wurde, werden regelmäßig Betriebsprüfungen durchgeführt, um festzustellen, ob die tatsächliche Arbeit auch dem gemeinnützigen Satzungszweck entspricht.

Die Gemeinnützigkeit aller Organisationen der Jugendreligionen kann nicht ohne weiteres allgemein verneint werden. Die Satzungen und die tatsächliche Geschäftsführung müssen vielmehr in jedem Einzelfall geprüft werden.

Es ist nicht auszuschließen, daß einige der Jugendreligionen wahrheitswidrig den Anschein der Gemeinnützigkeit zu erwecken versuchen. Dieses kann zwar weder für die Vereinigungen selbst noch für Spenden an diese Vereinigungen zu Steuervergünstigungen führen, wohl aber die Spendenbereitschaft der auf solche Weise getäuschten Bürger erhöhen. Um potentielle Spender zu warnen, können die Finanzbehörden für eine öffentliche Richtigstellung sorgen, sofern sie über eine öffentliche Spendenwerbung unter Vorspiegelung der Gemeinnützigkeit unterrichtet werden. Daneben können im Einzelfall zivil- bzw. strafrechtliche Schritte angebracht sein.

4. Zur Frage des Schutzes der Betroffenen muß festgestellt werden, daß die Mitglieder von Jugendreligionen In der Regel volljährig sind. Somit finden die Vorschriften des gesetzlichen Jugendschutzes und des Personensorgerechtes keine Anwendung mehr. Um der Einflußnahme der Eltern zu entgehen‘ achten die Jugendreligionen heute verstärkt darauf, daß ihre Mitglieder volljährig sind. Volljährige werden von unserer Rechtsordnung grundsätzlich nur in dem Umfang geschützt, in dem sie von dem Schutz selbst Gebrauch machen wollen. Daher kommt der sachlichen Aufklärung über dubiose Praktiken von Jugendreligionen besondere Bedeutung zu.

Mit einer pauschalisierenden Ablehnung wird man dem Phänomen nicht begegnen können. Es ist vielmehr notwendig, auf die Wege aufmerksam zu machen, die die einzelnen Jugendreligionen bei ihrer Werbung gehen. Die Angesprochenen müssen wissen, daß die Jugendreligionen bei der Anwerbung von Mitgliedern geschickt Methoden anwenden, die genau auf die Bedürfnisse des Angesprochenen abgestimmt sind.

In der Regel preisen sie Wege an für eine bessere Persönlichkeitsentwicklung, religiöse Motive oder Heilsversprechungen und bieten ein "alternatives“ Lebenskonzept an, verbunden mit einem neuen Gemeinschaftsgefühl sowie religiösen und pseudowissenschaftlichen Idealen und einem Anspruch auf elitäre Auserwähltheit.
Die Bundesregierung sieht es daher als ihre Aufgabe an, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, daß die Praktiken der Jugendreligionen häufig weit entfernt sind von den Aussagen bei der Werbung neuer Mitglieder.



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Die negativen Auswirkungen ihrer Arbeit werden von den Jugendreligionen selbst bewußt verdrängt und nicht diskutiert.

Ist der Angeworbene den Versprechungen der Jugendreligion gefolgt, und hat er erst einmal an einem der zahlreichen lntensivkurse teilgenommen, beginnt — wie oben bereits erwähnt — die systematische Persönlichkeitsveränderung entsprechend der Zielsetzung der jeweiligen Jugendreligion.

Es muß jeweils am Einzelfall geprüft werden, ob die Tätigkeit einer Jugendreligion destruktive Wirkung auf das Mitglied hatte. Der Nachweis, daß eine Jugendreligion allgemein gezielte Methoden und Techniken anwendet, die die Willens- und Entscheidungsfreiheit der Betroffenen einschränken oder gar völlig ausschalten, konnte bisher nicht erbracht werden. Da sich das Leben innerhalb der geschlossenen Gemeinschaften weitgehend der Beurteilung entzieht, ist die Beweismöglichkeit erschwert.

Es besteht aber aufgrund zahlreicher Berichte aus dem In- und Ausland der begründete Verdacht, daß die Mitglieder in vielen Fällen einem planmäßigen Indoktrinationsprozeß unterworfen werden, der zu tiefgreifenden gesundheitlichen Schäden führen kann.

Vertragliche Bindungen, bereits geleistete Investitionen, Verteufelung der Außenwelt und Stufenfolge der "Heilsversprechungen“ innerhalb der Vereinigung, verbunden mit Gruppendruck und Schuldgefühlen für den Fall der Austrittsabslcht erzeugen darüber hinaus eine Abhängigkeit, die dem Mitglied nur noch die Karriere in der Jugendreligion als einzige Perspektive übrig läßt. Das wiederum setzt die Anerkennung der übergeordneten Autoritäten und einen aufopfernden Einsatz des jungen Menschen zur Erreichung der Gruppenziele voraus.

Ein direktes Einwirken staatlicher Stellen in den Inneren Bereich der Jugendreligionen hinein ist kaum möglich. In der Vergangenheit hat sich jedoch gezeigt, daß sachliche Informationen über die Arbeit der Jugendreligionen bei diesen zu Verhaltensänderungen geführt haben und auch beitrittswillige junge Menschen warnten. Dieser Weg soll auch Inder Zukunft gegangen werden.

5. Einige Eltern und andere Betroffene fordern zu prüfen, ob der Prozeß der Persönlichkeltsveränderung in den Jugendreligionen eine Körperverletzung darstellt. Eine generelle Beantwortung dieser Frage im vorliegenden Rahmen durch die Bundesregierung ist nicht möglich. Vielmehr muß der Einzelfall durch die zuständigen Gerichte daraufhin überprüft werden.

Jede enge Bindung an eine religiöse Gemeinschaft wird in der Regel auch im psychischen Bereich wirksam. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Jugendreligionen evtl. mit Psychotechniken arbeiten, die so angelegt sind, daß sie die Selbstbestimmungsfähigkeit des Angeworbenen relativ schnell



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ausschalten oder zumindest schwerwiegend beeinträchtigen. Es gibt Hinweise, daß z.B. durch unkontrolliert angewandte meditative Praktiken unter anderem auch Angst auslösende psychische Inhalte freigesetzt werden, die, wenn sie in der Meditationsbegleitung nicht aufgefangen werden, schwere psychische Störungen verursachen können.

Häufig fragen Eltern nach einer vorläufigen Vormundschaft über ihre volljährigen Kinder, um sie dem Einfluß von Jugendreligionen zu entziehen. Solchen Anträgen ist bisher nur in wenigen Fällen entsprochen worden, da die Voraussetzungen nicht vorlagen oder Beweise nicht erbracht werden konnten. Außerdem muß berücksichtigt werden, daß eine vorläufige Vormundschaft, die nur dann angeordnet werden kann, wenn ein Antrag auf Entmündigung gestellt ist, (auch nach Ihrer späteren Aufhebung) die Zukunft des jungen Menschen stark belasten kann.

Die Anhänger von Jugendreligionen selbst sind zur Durchsetzung von Rechten gegen die Jugendreligionen in der Regel nur fähig, wenn sie sich aus ihrer inneren Bindung an die Gruppe gelöst haben und die Gruppe. ihre Ideologie oder ihre Autoritäten nicht mehr bejahen. Nicht zuletzt aufgrund der starken Forderungen der Elternverbände und der Öffentlichkeit haben einige Jugendreligionen jedoch in jüngerer Zelt den Eltern die Möglichkeit gegeben, die Kontakte mit ihren Kindern zu pflegen. Es bleibt zu hoffen, daß dieser zur Zelt weitgehend von den Jugendreligionen kontrollierte Eltern-Kind-Dialog bald in allen Jugendreligionen frei geführt werden kann.

6. Für die Mitglieder von Jugendreligionen ist der Sozialversicherungsschutz besonders wichtig. In der Regel verfügt jede Jugendreligion über eine Reihe rechtlich voneinander getrennter Organisationen für ihre verschiedenen Funktionen, z. B. für ihre kommerziellen und ihre religiösen Zwecke. Die Ortskrankenkassen werden in ihrer Eigenschaft als Einzugsstellen für Sozialversicherungsbeiträge immer dann tätig, wenn ein Beschäftigungsverhältnis der Mitglieder gegen Entgelt ausgeübt wird. Die Sozialversicherungsträger achten sehr darauf, daß die Jugendreligionen die sozialversicherungsrechtlichen Vorschriften einhalten, und schreiten gegen Verstöße gegen Auskunfts-, Melde- und Beitragspflichten ein, sobald sie ihnen bekanntwerden. Eltern und Verwandte sollten in solchen Fällen dem zuständigen Sozialversicherungsträger (AOK etc.) Hinweise geben und deren Arbeit unterstützen. Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung hat die Spitzenverbände der Sozialversicherungsträger auf diesen Problemkreis besonders aufmerksam gemacht.

Wenn die Mitglieder vollzeitlich unentgeltlich oder nur gegen freien Unterhalt für die In erster Linie auf die religiösen Funktionen konzentrierten Organisationen arbeiten, z. B. missionieren, sammeln oder Druckerzeugnisse verteilen, dürfte keine Versicherungspflicht bestehen, so daß häufig



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Sozialversicherungsschutz für diese Mitglieder nicht gegeben ist. Scheidet ein Jugendlicher, der in die neue religiöse Gemeinschaft eintritt, aus der Versicherungspflicht aus, so kann er unter den im Gesetz näher bezeichneten Voraussetzungen Mitglied bleiben. Dieses muß aber der gesetzlichen Krankenkasse binnen eines Monats nach Beendigung der Pflichtmitgliedschaft angezeigt werden. Die Mitglieder sollten daher auf die Organisation einwirken, daß diese durch eine freiwillige Versicherung ihrer Mitglieder einen Versicherungsschutz im Krankheitsfall sicherstellt.

Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung (Pflichtversicherte, freiwillig Versicherte) erhalten als Familienhilfe für ihre unterhaltsberechtigten Kinder, wenn diese sich in der Bundesrepublik Deutschland aufhalten, gegebenenfalls Leistungen — mit Ausnahme des Krankengeldes — unter den gleichen Voraussetzungen und im gleichen Umfang wie Versicherte.

Anspruch auf Familienhilfe besteht in der Regel für Kinder bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres. bei Schul- oder Berufsausbildung längstens bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres. Nach Wegfall des Anspruchs auf Familienhilfe kann der Familienangehörige Innerhalb eines Monats der Krankenkasse freiwillig beitreten und dadurch den Versicherungsschutz aufrechterhalten.
Im Rahmen ihrer Aufklärungsarbeit macht die Bundesregierung auf die Konsequenzen eines Beitritts zu einer Jugendreligion aufmerksam. Dazu gehört auch der Hinweis, daß nach Erkenntnissen der Bundesregierung einige dieser Vereinigungen versuchen, sich auf Kosten des sozialen Schutzes der Verantwortung für ihre Mitglieder zu entziehen.
Hierdurch entstehen oft Nachteile für die Mitglieder, die leider in vielen Fällen erst zu spät von den Betroffenen bemerkt werden.

Oft weisen Eltern auf die Ausbeutung der jungen Menschen in Jugendreligionen hin. Aufgrund einiger Beanstandungen wurden die Gewerbeaufsichtsbeamten der Länder auf evtl. Verstöße gegen Arbeitszeitvorschriften innerhalb der Organisationen der Jugendreligionen aufmerksam gemacht. Die Gewerbeaufsichtsämter können jedoch (von einzelnen Revisionen abgesehen) nur aktiv werden, wenn ihnen gesetzeswidrige Zustände bekanntwerden. In jedem Fall greifen sie zum Schutz der jeweiligen Personen sofort ein, wenn ihnen Beweismaterial vorliegt, das ihr Handeln rechtfertigt.

7.   Für den Schutz der Betroffenen wird im übrigen auf folgende Maßnahmen im Rahmen der Zuständigkeit des Bundes verwiesen:
 

1. Die Gründe von Realitätsflucht junger Menschen in Jugendreligionen und die Auswirkungen der Mitgliedschaft müssen untersucht werden. Daher wird die Bundesregierung weitere Forschungsprojekte in Auftrag geben, deren Ergebnisse oder Zwischenberichte für 1980 erwartet werden.


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2. Die Bundesregierung trägt durch vielfältige Aufklärungsmaßnahmen zur notwendigen geistigen und politischen Auseinandersetzung mit dem Problem der Jugendreligionen bei. Sie arbeitet dabei eng mit den öffentlichen und freien Trägern der Jugend- und Erwachsenenbildung. den Elterninitiativen und anderen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen zusammen. Zahlreiche Pressegespräche, Rundfunk- und Fernsehbeiträge des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit lösten eine Weile von Berichten in allen Medien sowie eine anhaltende Flut von Hilfeersuchen und Informationswünschen aus allen Teilen der Bevölkerung aus. Die Bundesregierung hat in der Vergangenheit zahlreiches Informationsmaterial angekauft und verbreitet und wird diese Aufklärungsarbeit fortführen.

Das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit hat allen zuständigen Stellen in Bund und Ländern, darunter auch den fachlich besonders berührten Ausschüssen des Deutschen Bundestages, eine Dokumentation über ein Symposium zum Problem der Jugendreligionen zur Verfügung gestellt, das mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung im vergangenen Jahr in der Medizinischen Hochschule Hannover durchgeführt wurde. Auf dieser Fachtagung referierten u. a. amerikanische Wissenschaftler über von ihnen beobachtete Auswirkungen der Zugehörigkeit zu Jugendreligionen auf Gesundheit und Sozialverhalten ihrer Anhänger.

8. Für die Unterstützung der Betroffenen wird auf folgende Maßnahmen aufmerksam gemacht:
 
1. Jugend-, Familien- und Erziehungsberatungsstellen und die Träger der Jugend- und Erwachsenenbildung sollen über die einzelnen Jugendreligionen und die Auswirkungen der Zugehörigkeit auf die Mitglieder informiert werden, damit sie in Notfällen helfen können. Es würde begrüßt, wenn die in einigen Bundesländern geführten Überlegungen realisiert werden könnten, auf diese Weise den Betroffenen und ihren Familien Hilfe flächendeckend anzubieten.

2. Die "Aktion für geistige und psychische Freiheit — Bundesarbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen —" wird ab 1980 durch finanzielle Hilfe des Bundes die Möglichkeit bekommen, ihre Arbeit zu intensivieren.

3. Darüber hinaus sollten Rehabilitationsmaßnahmen für ehemalige Mitglieder gefördert werden. Auf Initiative des Bundes wird inzwischen das bisher einzige in der Bundesrepublik bestehende Rehabilitations- und Beratungsmodell für ehemalige Angehörige von Jugendreligionen in Altenberg bei Köln (Träger: Bund der Deutschen Katholischen Jugend) aus Mitteln der Stiftung Deutsche Jugendmarke gefördert. Die Laufzeit des mit rd. 300 000,— DM bezuschußten Modells beträgt drei Jahre. Erste Erfahrungen deuten daraufhin, daß die Wiedereingliederung besonders



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gut mit Hilfe autonomer Selbsthilfegruppen erreicht werden kann, denen ein erfahrener und sachverständiger Supervisor zur Seite steht.

Die Förderung solcher oder ähnlicher Selbsthilfegruppen auch durch Länder und Kommunen würde bei entsprechendem Bedarf sehr begrüßt, um den volljährigen Mitgliedern von Jugendreligionen, die nicht mehr (oder noch nicht) in ihre Familie zurück können oder wollen, eine Möglichkeit der Ablösung anzubieten.

4. Durch das Problem der Jugendreligionen und andere Symptome der "Realitätsflucht“ werden grundsätzliche Fragen aufgeworfen, die die gesamte Gesellschaft und jeden einzelnen zu einer konstruktiven geistigen Auseinandersetzung mit den Ursachen und Wirkungen "gesellschaftlicher Verweigerung“ herausfordern. Dazu gehört auch, daß zeitgemäße Werte und Sinngebungen, Orientierungshilfen und lohnende Zukunftsperspektiven gemeinsam mit der jungen Generation in Toleranz entwickelt und überzeugend vermittelt werden; eine Aufgabe, an der neben der Familie u. a. Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, Schulen, Hochschulen und Träger der Jugend- und Erwachsenenbildung mitwirken müssen.

 
 
 
 
 
 

AGPF-Stellungnahme

Aktion für geistige und psychische Freiheit
-Arbeitsgemeinschaft der Elteminitiativen e.V. -
Graurheindorfer Straße 15
Postfach 1131
Telefon 0228/63 15 47
5300 Bonn 1

Bonn, 1980


Stellungnahme der "Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen e.V.“ zum Bericht der Bundesregierung vom 21. Dezember 1979

I.

Von den Betroffenen - für deren Anliegen die "Aktion für geistige und psychische Freiheit - Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiatiyen e.V., im folgenden "Arbeitsgemeinschaft“ genannt, eintritt - kann der Bericht der Bundesregierung über die sogenannten Jugendreligionen nur dankbar begrüßt werden. Er ist ebenso realistisch in der Beurteilung der Lage, in der sich zahlreiche junge Menschen unserer Gesellschaft befinden, wie in der Erkenntnis der Gefahren, die von den destruktiven Kulten ausgehen.

Mit Recht unterstreicht die Bundesregierung ihren Eindruck, daß die Gründer und meist autoritären Führer der destruktiven Kulte gar nicht daran interessiert sind, die Persönlichkeitsentfaltung ihrer Mitglieder zu respektieren und zu fördern, sondern sie als billige Arbeitskräfte für das Gewinnstreben ihrer Organisation zu benutzen. Ebenso deutlich sieht sie die fragwürdigen Anwerbungsmethoden der destruktiven Kulte, die darauf ausgehen, durch psychische Manipulationen eine innerlich freie und verantwortungsbewußte Entscheidung der Betroffenen zu verhindern und sie in einen beklagenswerten Zustand von Abhängigkeit zu versetzen.

Die Arbeitsgemeinschaft bedauert nur, daß der Bericht der Bundesregierung nicht noch deutlicher die Tatsache herausstellt, daß es sich bei den destruktiven Kulten um totalitäre Organisationen handelt, auch wenn nur einige davon, wie die Munsekte, mit eindeutig politischen Zielen hervortreten. Aber sie haben - bei wechselnden Heilsbotschaften - gemeinsam, daß ihre Führer unbedingte Autoriät für sich und von den Mitgliedern ebensolche Unterwerfung verlangen, daß eine demokratische Kontrolle unmöglich ist und die Rechtsstellung des Einzelnen völlig mißachtet wird. Ihre Fluktuation, ihre internationale Verflechtung, ihre Geschicklichkeit, sich in immer wieder neuen Organisationen und Organisationsformen zu verhüllen, sowie ihre Finanzkraft machen sie, ganz abseits ihrer freiwilligen Offenbarungen und Programme, zu einer Gefahr für unsere Gesellschaft.

II.

Ein generelles Verbot der Jugendsekten kommt nach dem Bericht der Bundesregierung nicht in Frage. Davon geht auch die Arbeitsgemeinschaft aus. Sie hätte es jedoch begrüßt, wenn der Bericht der Bundesregierung deutlich darauf hingewiesen hätte, daß die destruktiven Kulte, auch wenn sie als Religionsgemeinschaften firmieren, nicht außerhalb der Verfassung stehen. Sie haben die Würde und die freie Persönlichkeitsentfaltung gerade des jungen Menschen zu achten und die sittlichen Grundwerte unserer Kultur zu respektieren. Dazu gehören ganz konkret die Rechte Dritter sowie die Sicherheit und die Ordnung der Allgemeinheit. Die Toleranz des Grundgesetzes ist kein Freibrief für totalitäre Machenschaften, auch wenn sie religiös verbrämt werden. Es wäre insofern auch dankenswert gewesen, wenn die Bundesregierung die Veranstalter der destruktiven Kulte energisch darauf hingewiesen hätte, daß die Toleranz unserer Verfassung es keineswegs verbietet, sich kritisch und öffentlich sowohl mit ihren Praktiken wie mit dem Inhalt ihrer Lehren auseinanderzu setzen.

III.

Was die Aktivitäten der destruktiven Kulte im einzelnen betrifft, so bedarf es dazu einer umfassenden und auch wohl zielbewußteren lJberprüfung als bisher. Es ist dankenswert, daß der Bericht der Bundesregierung hierzu einen Anfang macht und eine abschließende und zusammenfassende Würdigung verspricht. Die Arbeitsgemeinschaft bittet sehr darum, dieses Versprechen möglichst rasch wahr zu machen.

Da es sich zum Teil um eine neuartige Problematik handelt, bietet sie sich mit ihren Erfahrungen und speziellen Kenntnissen bei der Beurteilung der verschiedenen Sachverhalte zur vorbereitenden Mitarbeit an.

Im einzelnen:

1. Bei der Aufzählung der im Bericht S. 16 genannten Maßnahmemöglichkeiten kommt es vor allem auf ein konzentriertes, zielbewußtes Handeln der Behörden an. Dabei besteht auch bei den Ländern das Problem aufgespaltener Ressortzuständigkeit. Hier sollte der Bericht ergänzend Vorschläge für ein in den Bundesländern identisches Ressort machen, das für die Gesamtinformation aller anderen Ressorts verantwortlich ist, und sollte darauf hinweisen, daß die so vorbereitete Materie den Ministerkonferenzen zugeleitet wird.
Dabei ist der Zusammenhang zwischen Vereinsrecht und Finanz-gebaren zu prüfen. Die Sektenangehörigen sind quasi Gefangene, nicht Mitglieder der als Verein eingetragenen Kulte, und sie üben keinerlei Kontrolle über deren Finanzgebaren, über die Wahl der Organe etc, aus: Ein als Verein eingetragener Kult, aus nur wenigen Mitgliedern bestehend, kann wohl kaum als Religionsgemeinschaft im Sinn des Grundgesetzes gelten.

2. Es gehört zu den Merkmalen destruktiver Kulte, daß sie bei der Anwerbung von Anhängern ihre Karten nicht voll auf den Tisch legen und daß sie mit unrealistischen Versprechungen werben, deren Charakter von jungen Menschen nicht durchschaut wird. Zwar gestattet es das Wettbewerbsrecht, unlauteren Werbemetho den auf privatrechtlicher Ebene entgegenzuwirken, bei einer Auseinandersetzung sind aber private Initiativen ohne finanzielle Abstützung durch die öffentliche Hand gegenüber den finanzkräftigen und teilweise rücksichtslos agierenden Kulten in der Hinterhand.

3. Das Problem der Gemeinnützigkeit sollte im Blick auf die Kulte durch Richtlinien der Finanzverwaltung geklärt werden. Dabei sind die gesamte Organisationsstruktur ebenso wie die Glaubhaftmachung tatsächlicher Gemeinnützigkeit sowie die entsprechende Ausgabenkontrolle durch die Verwaltung von besonderer Bedeutung. So ist z.B. bei der Munsekte zu prüfen, mit welchen auf die Ausübung eines Gewerbes spezialisierten Organisationen sie sich Mittel verschafft, deren Verwendung dann durch eine Organisation mit religiöser Zielsetzung verdeckt wird. Auch andere zweifelhafte Aktivitäten in Schwesternorganisationen des In- und Auslandes müßten bei der Prüfung, ob einem Kult mit Recht Gemeinnützigkeit gewährt werden darf, berücksichtigt werden.

4. Der Bericht schließt die Möglichkeit der Körperverletzung durch Psychotechniken nicht aus, scheint aber der Ansicht zu sein, daß Beeinträchtigungen im wesentlichen nur durch Meditation auftreten. Dies ist unzutreffend. Psychotechniken mit oftmals psychischen Beeinträchtigungen sind auch bei destruktiven Kulten zu beobachten, die andere als Meditationstechniken anwenden.

5. Der Bericht warnt davor, junge Menschen, die in Sekten geraten sind, zu entmündigen. Diese Warnung ist grundsätzlich berechtigt. Wenn aber andererseits die Zugehörigkeit zu destruktiven Kulten zu schweren psychischen Störungen führen kann, stellt sich drängend die Frage, wie man volljährige Jugendliche schützen soll. Nach Meinung der Arbeitsgemeinschaft ist dies nicht möglich ohne ein Verfahren, das die Sorge über die Person mindestens zeitweise auf Dritte überträgt. Aus diesen Gründen sind zahlreiche Gerichte in den USA dazu übergegangen, zeitlich befristete Aufenthaltspflegschaften zu gewähren, die es den Sorgeberechtigten erlauben, die Betroffenen dem Zugriff der Gruppe wenigstens für eine längere Bedenkzeit zu entziehen. Für die Bewilligung der Aufenthaltspflegschaften sehen die US-Gerichte es als ausreichend an, wenn ehemalige Kultmitglieder eidlich bestätigen, welche Art destruktiver Psychotechniken die Gruppe bei der Anwerbung und Einbindung ihrer Mitglieder anwendet. Eine solche Aufenthaltspflegschaft ist nach Auffassung der Arbeitsgemeinschaft auch nach dem geltenden Recht in der Bundesrepublik möglich.

6. Die Ausführungen in dem Bericht über den Sozialversicherungsschutz sind enttäuschend. Sie lassen erkennen, daß das für die Problematik zuständige Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung die mit den Jugendsekten zusammenhängenden Probleme noch nicht erkannt hat. Es ist geradezu charakteristisch für die destruktiven Kulte, daß sie soziale Solidarität - zum Beispiel im Fall von Krankheit und Alter - für die von ihnen total vereinnahmten Menschen ablehnen. Andererseits haben die Mitglieder, von allen Geldmitteln entblößt, keine freie Entscheidung mehr über ihre Vorsorge für sich selbst. Es ist daher eine Illusion, wenn die Bundesregierung glaubt, die von den Kulten in Abhängigkeit Gebrachten könnten Versicherungsverhältnisse, die vor dem Eintritt in die Sekte eingegangen worden sind, freiwillig fortführen oder könnten auf ihre Gruppe dahingehend Einfluß nehmen, daß neue Versicherungsverhältnisse begründet würden. Ebenso illusionär sind die Ausführungen über die Möglichkeit der Familien, für Kinder in den Sekten Familienhilfe in Krankheitsfällen in Anspruch zu nehmen. Die Voraussetzungen hierfür, z.B. Minderjährigkeit bzw. Schul- oder Berufsausbildung, liegen praktisch so gut wie nie vor.
 

Die Arbeitsgemeinschaft erwartet von der Bundesregierung die Prüfung, ob nicht Jugendsekten grundsätzlich gezwungen werden sollten, ihre unentgeltlich arbeitenden Mitglieder in der gesetzlichen Sozial- und Krankenversicherung zu versichern. Ihnen könnte gesetzlich dann Befreiung erteilt werden, wenn der Nachweis erbracht werden kann, daß die Mitglieder in anderer Weise durch die Gemeinschaft gegen Alter, Unfall und Krankheit abgesichert sind.
 

Die Arbeitsgemeinschaft möchte den Bericht der Bundesregierung noch durch die folgenden Überlegungen ergänzen:

Die Arbeitsgemeinschaft glaubt zu beobachten, daß Menschen heute mehr als früher Schwierigkeiten haben, sich psychisch ohne besondere Zuwendung Dritter oder professionelle Hilfe zu stabilisieren. Parallel damit wächst die Anfälligkeit, insbesondere jüngerer Menschen, für extreme Praktiken zur Lösung ihrer inneren Probleme. Die Arbeitsgemeinschaft ist der Meinung, daß die von ihr und der Bundesregierung in ihrem Bericht kritisierten Organisationen diese Situation bewußt ausbeuten. Einige von ihnen erwecken bei den Anfälligen den Eindruck, sie von ihren pathologisch empfundenen Zuständen befreien zu können, und wenden zweifelhafte, ja kurpfuscherisch anmutende "Heil“-Techniken an. Die Bundesregierung hat dieses Problem in ihrem Bericht nicht angesprochen und sich anscheinend keine Gedanken darüber gemacht, daß hier der Bürger vom Staat gegen mächtige, mit zweifelhaften Methoden arbeitende Organisationen geschützt werden muß und daß in diesem Bereich offenbar eine Lücke klafft, die es zu schließen gilt.

Die bisherigen Erfahrungen betroffener Familien lehren, daß die überwiegende Zahl junger Menschen in destruktiven Sekten eines Tages in ihrer Sozialfähigkeit und Lebenskraft geschädigt an die Ufer unserer Gesellschaft zurückgespült wird. Die Arbeitsgemeinschaft ist der Auffassung, daß der Staat sich gegenüber dieser Problematik widersprüchlich verhält. Auf der einen Seite trägt er nichts dazu bei, die Familie gegen übermächtige außerfamiliäre Einflüsse auf heranwachsende Kinder in einer Wohlstands- und Wohlfahrtsgesellschaft rechtlich zu stärken, auf der anderen Seite schiebt er den Familien die volle Last - auch in finanzieller, unterhaltsrechtlicher Hinsicht -zu, wenn die erwachsenen Kinder gescheitert sind. Unter solchen Umständen werden Eltern geradezu entmutigt, Kinder in die Welt zu setzen. Die Arbeitsgemeinschaft fordert eine staatliche Regelung, daß für Folgekosten aus Schädigungen, die erwachsene Kinder in destruktiven Kulten erleiden, nicht die Familien, sondern die Verursacher herangezogen werden.

 Von Jugendsekten Betroffene und ihre Familien haben die Erfahrung machen müssen, daß sie bei der Verfolgung ihrer Rechte gegenüber Jugendsekten meistens im Nachteil sind. Dies hängt einerseits damit zusammen, daß die Jugendsekten sich meisterhaft darauf verstehen, Sachverhalte zu verschleiern, zum anderen erwiesen sich die staatlichen Stellen als unzureichend informiert und unterschätzten die Bedeutung der Problematik. Solchen Situationen sind die betroffenen Familien, deren finanzielle Mittel im Gegensatz zu denen der Jugendsekten höchst begrenzt sind, nicht gewachsen. Die Arbeitsgemeinschaft bittet die Bundesregierung, aber auch andere Stellen in Staat und Gesellschaft, Betroffene und ihre Familien bei der Verfolgung ihrer Rechte gegenüber Jugendsekten zu unterstützen und ihnen insbesondere bei Unklarheit der Rechtslage in Musterprozessen Rechtsschutz zu gewähren.
 
 



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