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AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit e.V., Bonn

Der Berliner Senator Norbert Blüm 1981:
"Die Feinde der Freiheit sind es,
die heute selbst nach Freiheit und Toleranz rufen"




 
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Adresse dieser Seite: http://www.AGPF.de/Bluem81.htm Zuletzt bearbeitet am 11.6.2001

 
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Das Buch dokumentiert eine Tagung der AGPF im Herbst 1981.
Senator Blüm hat dort ein Grußwort gesprochen:

Sehr verehrte Frau Dr. Carstens,
meine verehrten Damen, meine Herren,

ich habe die Einladung Ihrer Elterninitiative, dieser Veranstaltung Worte der Begrüßung zu sagen, gern und mit Dank angenommen. Ich tue das sowohl als engagierter Sozialpolitiker der Christlich-Demokratischen Union wie als Vertreter des Landes Berlin, dessen Regierung ich angehöre. Und so schön und zweckmäßig es ist, hier in der Bundeshauptstadt zu tagen, will ich doch nicht verfehlen, darauf hinzuweisen, daß auch Berlin ein vorzüglicher Platz für spätere Konferenzen sein kann, eine Weltstadt voller Spannungen, aber auch seit langem berühmt wegen seiner trockenen und rationalen Luft.

Es ist darüber hinaus, meine Damen und Herren, sicher keine Anmaßung, wenn ich vermute, daß die meisten der Abgeordneten des Deutschen Bundestages - quer durch alle Fraktionen - meine Hoffnung teilen, daß dieser wissenschaftliche Erfahrungsaustausch uns allen helfen wird, Probleme zu klären, die uns wohl in wachsendem Maße Schwierigkeiten bereiten. Jenseits aller weltanschaulichen Auseinandersetzungen brauchen wir die Sachkompetenz der Psychologie und der Psychiatrie. Wir sind voller Sorgen um unsere Jugend.

Ganz gewiß einig sind wir uns dabei, was immer unser Werturteil über die neuen Kulte sein mag, keinerlei Abstriche an der Toleranzgarantie des Artikels 4 unserer Verfassung zuzulassen. Daran halten wir unverbrüchlich fest. Ich füge aber hinzu, daß jede Organisation, die diese Toleranz für sich in Anspruch nimmt, ihrerseits die ebenfalls im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen und die freie Entwicklung der Persönlichkeit zu respektieren hat. Das gilt bekanntlich nicht nur für den Staat. Es gibt auch eine Drittwirkung der Grundrechte. Das ist keine unverbindliche Klausel. Sie kann vom Bundesverfassungsgericht durchaus rechtswirksam durchgesetzt werden. Denn die Freiheit zum religiösen Bekenntnis gehört zur Basis unserer freiheitlichen Kultur. Wir wollen nicht, daß dieser Freiraum zum Dschungel wird.

Aber darum geht es hier nicht. Wenn, meine Damen und Herren, das Interesse dieses Kongresses weniger weltanschaulichen und religiösen Auseinandersetzungen als der Sorge um die psychische Gesundheit und Gesundung junger Menschen gelten wird, so möchte ich diese Perspektive von meinem politischen Standort aus gern verlängern - nämlich um die Sorge, die wir uns um die Familie, um ihre Stabilität und Leistungsfähigkeit machen sollten. Ich sage das nicht im Sinne einer romantisierenden Familienidylle. Die Familie - wir müssen heute sagen: die Kleinfamilie - steht in einem harten Kampf um ihre Selbstbehauptung in der industriellen Massengesellschaft. Machen wir uns keine Illusionen: in dieser Gesellschaft gibt es höchst wirksame Tendenzen, die weder kinder- noch familienfreundlich sind.

Nicht nur, daß uns, wie ich meine, eine Familienpolitik, die diesen Namen verdient, bisher kaum gelungen ist, wir sehen auch ziemlich tatenlos, hilflos fast, zu, wie die Familie gesellschaftlich-psychologische Konflikte verarbeiten muß, bei deren Lösung die Öffentlichkeit selbst versagt. Genießt die Familie wirklich noch in befriedigender Weise den Schutz des Staates?

Noch immer messen wir die Rolle der Frau und den Wert der Arbeit fast ausschließlich an ihrer beruflichen Tätigkeit, nicht an ihrer Verantwortlichkeit und ihrem Leistungspensum als Mutter und Mittelpunkt der Familie. Noch immer stößt der, der den erzieherischen Auftrag der Schule für ihre wichtigste Aufgabe hält, in deren Rahmen auch die schulische Leistung der Schüler gestellt werden muß, auf viel zu viel Widerstände. Noch allzu oft ist das Streben nach Entlastung der Familie durch den Staat mit der Praxis gekoppelt, sie sozialpolitisch auseinanderzudividieren. Dann treten anstelle der familiären Solidarität die Ansprüche der Generationen gegeneinander in den Vordergrund.

Ist es nicht schon fast selbstverständlich, daß man, wenn Jugendliche in Konflikte mit der Gesellschaft oder innerhalb einzelner Gruppen geraten, die Ursache zu allererst im Versagen und der Schwäche der Familie sucht, im Generationenkonflikt, im autoritären Gebaren des Vaters, dem Materialismus der Eltern?

Ich meine, es gibt keinen besseren Schutz der Jugendlichen als Liebe und Solidarität in der Familie. Sie anzuerkennen und zu fördern, heißt auch der Jugend helfen. Auch ohne, daß ich die Probleme, die sich hier zur Diskussion stellen, im Einzelnen übersehen kann: eins möchte ich trotzdem wagen, Ihnen zu sagen - ohne das Engagement, ohne Liebe und Solidarität der Familie wird es kaum befriedigende Lösungen geben.

Ich weiß, meine Damen und Herren, das klingt so, als meinte ich vor allem die Intimsphäre der Familie. Aber das ist nicht der Fall. Ich meine es auch gesellschaftspolitisch. Denn wo es keine Intimsphäre mehr gibt, wo wir alles und immer mehr der Öffentlichkeit ausliefern, sind auch der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Und wenn das so ist, dann bringt die Vernachlässigung der Familie und ihre Schutzlosigkeit gegenüber der Öffentlichkeit nicht nur einen Verlust sozialer Stabilität und einen durch sozialpolitische Maßnahmen gar nicht kompensationsfähigen Verlust an
sozialer Sicherheit. Dann haben wir auch eine fortschreitende Gefährdung unserer Freiheit zu befürchten.

Ich weiß wie Sie alle, daß das heute schon fast banal klingt. Ich füge eine weitere Banalität hinzu: die Feinde der Freiheit sind es, die heute selbst nach Freiheit und Toleranz rufen. Hitlers wirksamstes Schlagwort in der Krise der Weimarer Republik hieß bekanntlich Freiheit und Brot oder auch: die Straße frei den braunen Bataillonen. Solche Freiheitsmanifeste sind nur Masken von Sklaverei und Terror. Mich persönlich hat der große Massenselbstmord der sogenannten Volkstempelsekte in Guyana tief erschreckt. Ich will andere Gruppen nicht verdächtigen, daß sie ähnliche Tendenzen ausbilden. Unbestreitbar aber bleibt, daß dieses grauenhafte Ereignis sich im Namen der Religion und unter der bedingungslosen Autorität eines Führers abspielte. Auch religiöse Gruppen oder solche, die sich so nennen, können totalitär sein, und ich höre deshalb Botschaften von Weltregierungsambitionen und Welterlösungen mit Mißtrauen, vor allem, wenn sie sich mit dem Streben nach wirtschaftlicher Macht verbinden. Wir wollen eine freie Gesellschaft bleiben.
Vielleicht erlauben Sie mir zum Schluß, da Sie mich ja in Kenntnis der Tatsache eingeladen haben, daß ich ein engagiertes Mitglied der Christlich-Demokratischen Union bin, meine persönliche politische Meinung dazu zu sagen, daß für mich eine freie und tolerante, zugleich demokratische Gesellschaft durchaus kein Gegensatz zur Bejahung einer im Christentum verwurzelten Kultur ist. Ich bekenne mich dazu, diese Kultur zwar mit Toleranz aber auch mit meiner persönlichen Überzeugung zu verteidigen. Das hat mit Ketzerverfolgung und Diskreditierung Andersgläubiger nichts, aber auch gar nichts zu tun. Aber ist es nicht selbstverständlich, daß wir die Botschaft und das Auftreten neuer Kulte, Religionen und wie sie auch heißen mögen, an den Errungenschaften unserer Kultur, die so mühsam erkämpft sind, messen? In dieser Hinsicht wünsche ich mir eine lebendige, mutige und nicht bloß taktische Auseinandersetzung. Wer sollte dazu mehr befähigt sein als die christlichen Kirchen und die Wissenschaft!

Ich wünsche Ihnen sachlichen Erfolg für Ihre Veranstaltung und wiederhole meine Hoffnung, daß sie einen Beitrag leisten wird, um den Idealen unserer Gesellschaft den Rang zu geben, der für uns lebenswichtiger ist als materielle Erfolge.

Norbert Blüm
vormals Senator für Bundesangelegenheiten des Landes Berlin beim Bund, seit Herbst 1982 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung.



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