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Gerhard Besier,
Ex-Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung,
lobte die Scientology-Organisation,
die wegen totalitärer Tendenzen vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
 
 

 
Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:

 

 
 
 

Die Entlassung

Im April 2007 beschloss das Kuratorium des Hannah-Arendt-Instituts HAIT, den Vertrag mit Besier nach dessen Auslaufen 2008 nicht zu verlängern.

Pressestimmen dazu:

Am 3.5.2007 veröffentliche "Die Welt" ein Interview mit Besier. Titel: "Unserem Land fehlt eine gelassene Diskussionskultur". Das ist ein Zitat aus dem letzten Absatz.  Alan Posener fragte, ob Besier in Deutschland einen Demokratiemangel sieht. Besiers Antwort: "Unserem Land fehlt eine gelassene Diskussionskultur. Man arbeitet lieber mit Totschlagsargumenten. Dass weder die FAZ noch die "Süddeutsche" vor Veröffentlichung ihrer kritischen Beiträge mit mir sprachen, ist ein Symptom für diese fehlende Kultur." Seine eigenen Formulierungen klingen allerdings nicht gerade gelassen, etwa wenn er Kritik als "Rufmordkampagne" bezeichnet >>.

Aktueller Anlass für den "Direktorensturz" waren nicht die damaligen Vorkommnisse. Die FAZ vom 10.4.2007 (Andreas Platthaus: "Sympathie für Scientology gehört nicht zu den Aufgaben eines Direktors: Das Hannah-Arendt-Institut trennt sich von Gerhard Besier") berichtete über eine 7-seitige "Stellungnahme, die eine Dreiviertelmehrheit der Mitarbeiter des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung zur Amtsführung ihres Direktors Gerhard Besier abgegeben hat." Am 11.4.2007 berichtete dann Reiner Burger in der FAZ über Besiers "entgrenzten Glaubensbegriff", Besiers Veröffentlichung der "drei von der Scientology-Organisation in Auftrag gegebenen Gutachten( >>) und den "Zeitdignosen"-Band  "Religionsfreiheit und Konformismus" (>>) von 2004, der auch einen Artikel von Derek Davis über "Die Scientology-Kirche: Im Kampf um gesetzliche Anerkennung" enthält. Über Davis schreibt die FAZ:

"Davis gehört seit Jahren zu Besiers Netzwerk - oder anders formuliert: Davis und Besier gehören zum selben Netzwerk. Der Amerikaner war 2004 zu Gast bei einer Tagung des HAIT und wurde damit auch Autor im Tagungsband des Instituts. Eine direkte Kooperation mit Davis sollte laut HAIT-Jahresbericht 2006 in diesem Jahr zustande kommen: Mitarbeiter des Dresdner Instituts sollten als Gastwissenschaftler in Texas tätig werden, um internationale Erfahrung zu gewinnen. Doch offensichtlich wollen die Mitarbeiter, die nun den Brief verfasst haben, auf jeden Fall vermeiden, auch nur im Ansatz in den Ruch zu geraten, zu den Scientology-Verharmlosern zu zählen oder gar daran zu arbeiten, aus dem HAIT eine Missionsstation der Organisation zu machen."
Auch in Besiers Buch Die neuen Inquisitoren - Religionsfreiheit und Glaubensneid (>>) ist ein Artikel von Derek Davis veröffentlicht: "Fortschritt des Wahnsinns: Die erneuerte Verfolgung unpopulärer Religionen durch Deutschland in historischer Perspektive". Der erste Satz des Davis-Artikels lautet:
"Im September 1941 wurde im damaligen Nazi-Deutschland ein Gesetz erlassen, das allen Juden auferlegte, einen großen gelben Stern sichtbar zu tragen, der sie laut Daniel Goldhagen als "sozial Tote" brandmarkte. 55 Jahre später, im Jahre 1996, wurde im Auftrag des deutschen Ministers für Arbeit und Soziales im Rahmen einer Kampagne, die Scientologen bestimmte wirtschaftliche Rechte verwehren sollte, eine Arbeitsanweisung verfaßt, die heute noch Gültigkeit hat und durch welche die Arbeitsämter angewiesen werden, Firmen, die Scientologen gehören, mit einem "S" zu kennzeichnen.(2)"
In der Anmerkung 2 (im Buch auf Seite 531) heisst es:
(2) Der Menschenrechtsvertreter der Scientology-Kirche in Deutschland bezeichnete das "S" als "elektronischen Davidsstern" . ...
Offenbar hat Davis nicht erkannt, dass die Kennzeichnung von Firmen dem Schutz von Arbeitslosen diente, die Kennzeichnung von Personen unter der Nazi-Diktatur hingegen letztlich tödlich war.

Über Besiers Zukunft schreibt die FAZ am 11.4.2007: "Um seine eigene Zukunft braucht sich Besier übrigens keine Sorgen zu machen. Er bekommt (spätestens mit Ende seines Vertrags 2008, vermutlich aber deutlich früher) einen gut ausgestatteten Lehrstuhl an der TU Dresden."

Dagegen wehren sich allerdings die Professoren des Instituts, in dem Besier untergebracht werden sollte.Die FAZ vom 28.4.2007 (Rainer Blasius: "Die Professoren proben den Aufstand. Das Institut für Geschichte der TU Dresden lehnt eine Zusammenarbeit mit Gerhard Besier ab") berichtet, die Professoren stünden aus strukturellen Überlegungen "der Übernahme einer vollen Professur durch Herrn Besier" ablehnend gegenüber. Ausserdem würden jüngere Publikationen und Kontakte mit einschlägigen Personen angeführt, um die weiter bestehende Nähe von Herrn Besier zur Scientology-Organisation zu belegen. Man sehe sich nicht in der Lage, diese Belege im Einzelnen zu bewerten. Ausdrücklich erwähnt wird das Besier-Buch "Die neuen Inquisitoren". Das enthalte einen "äußerst bedenklichen, den Holocaust für die Scientology-Kampagne instrumentalisierenden" Beitrag von Derek Davis. Gemeint sein dürfte insbesondere das obige Zitat.
Ausserdem weise der HAIT-Jahresbericht 2006 Davis als offiziellen Kooperationspartner aus: "Gerade als Historiker müssen wir sehr sensibel eine ideologische Instrumentalisierung der Geschichtswissenschaft bekämpfen."
Wiederum spielt Davis eine besondere Rolle. Besier, so schreiben die Professoren,

"hat sich in letzter Zeit intensiv darum bemüht, Mitarbeiter zu einem Aufenthalt als Gastwissenschaftler bei Professor Davis zu gewinnen. Nach Bekanntwerden der Nähe von Davis zu Scientology sowie seiner diesbezüglichen Aktivitäten ist niemand von uns gewillt, Besiers nachdrücklichem Ersuchen nachzukommen. Als besonders schwerwiegend empfinden wir es, dass Herr Besier auch auf ausdrückliche Nachfrage jede Verbindung von Davis zu Scientology geleugnet hat. Zu fragen ist, ob der Direktor seine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitern nicht gröblichst verletzt hat."
In der Scientology-Website http://www.humanrightsareality.de/pg009.html mit dem Titel "Scientology Antworten und Lösungen" wird Davis zitiert und zusätzlich ist das Zitat im Kopf der Seite in Laufschrift zu lesen (geladen zuletzt am 1.5.2007):
"Nachdem er bei einigen Menschenrechtsaktionen mit Vertretern der Scientology Kirche in Kontakt gekommen war, meinte Professor Derek Davis, Direktor des J. M. Dawson Institute of Church-State Studies an der Baylor University in Texas: "Es gibt heute keine Gruppe auf der Welt, die mehr dafür tut, die Prinzipien der Religionsfreiheit bekannt zu machen und zu fördern, als die Scientology Kirche."
In der Scientology-Website http://www.menschenrechtsbuero.de/pdf/fdm0500.pdf ist eine Ausgabe der Scientology-Zeitschrift "Freiheit" aus 2000 zu laden. Titel: "Beckstein in der Sackgasse" mit dem Bayerischen Innenminister auf dem Titelbild. In einem Bericht über "Marathons in Hamburg - Beginn einer neuen Ära für Menschenrechte" wurde auch über "Internationale Unterstützung " berichtet:
"Zu jenen, die als Redner den Demonstranten die Bedeutung von Religionsfreiheit und Menschenrechten vor Augen führten, gehörten unter anderem die Religionswissenschaftlerin Gabriele Yonan aus Berlin, Erzbischof Ungerer von der Freikatholischen Kirche in Deutschland, die bekannte amerikanische Schauspielerin Anne Archer, Ehrwürden Pamela Appeltand aus dem kanadischen Toronto, Irving Sarnoff, Gründer der international tätigen Vereinigung Friends of the United Nations (Freunde der Vereinten Nationen), Reverend Alfreddie Johnson, Gründer des World Literacy Crusade (Weltbewegung gegen Analphabetentum), und Dr. Derek Davis von der Universität Baylor (USA)."
In der Website www.religioustolerance.net wurde über den ersten Tag dieses Marathons berichtet, Derek Davis sei in Sportkleidung gekommen: "Andrik [Schapers] introduced religious and human rights leaders present, some of whom had come in running gear, including the head of the World Literacy Crusade Rev. Alfreddie Johnson and Dr. Derek Davis of the J.M. Dawson Institute for Church-State Studies at Baylor University, Texas. The Director of the Church of Scientology's European Human Rights Offfice, Martin Weightman, also spoke prior to joining the runners.
Am zweitens Tag sei mit Hilfe von Derek Davis eine Konferenz in Athen abgehalten worden: "In Athens, the International Commission  for Freedom of Conscience, with the support of Dr. Derek Davis of the J.M. Dawson Institute for Church-State Studies at Baylor University and Pastor Robert Hostetter of the Council for Human Rights and Religious Freedom, held a conference  on the issues of religious freedom and pluralism."

Peter Widmer berichtet unter http://www.pewid.ch/SCI/lerma3.htmlüber eine Pressekonferenz der US-Politiker Michael B. Enzi, Benjamin A. Gilman (vgl.  Archiv/Gilman-Gesetze.htm) und Matt Salmon zwecks Vorlage einer Resolution an den Senat/Kongress bezüglich religiöser Diskriminierung in Deutschland. Dort wurde Derek Davis als einer der Experten benannt, aber auch dort ohne Professoren-Titel.
 
 
 
 

Wer ist Gerhard Besier?

Prof. Dr. theol. Dr. phil. Dipl.-Psych. Gerhard Besier war Professor für Historische Theologie und Konfessionskunde an der Universität Heidelberg. Seit 2003 besetzt er den Lehrstuhl für Totalitarismusforschung an der TU Dresden und ist Direktor des dortigen Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. Dieses wurde nach der Wiedervereinigung gegründet. Besier empfahl sich durch das dreibändige Buch "Der SED-Staat und die Kirche" sowie das Buch "Die Kirchen und das Dritte Reich".

Bei seiner Berufung war offenbar übersehen worden, dass Besier sich mit diversen Schriften bereits als Verteidiger der Scientology-Organisation hervorgetan hatte, die nicht zuletzt wegen totalitäter Tendenzen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht.
Besier in seinem Buch "Die Rufmordkampagne. Kirchen & Co. vor Gericht" 2002 (>>):

"Die Diabolisierung der 'Church of Scientology' ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass Satan nach Überzeugung der kirchlich besoldeten Teufelsaustreiber heute eigentlich 'Scientology' heißen müsste"  (>>).
Bereits der Titel "Rufmordkampagne" (>>) weist das Buch als Polemik aus. Bei der angeblichen Rufmordkampagne handelt es sich um Kritik an Psychomarkt-Anbietern. Man mag diese Kritik für überzogen oder berechtigt halten. Der Begriff "Rufmordkampagne" ist jedenfalls weit entfernt von jeder Realität. Ebenso der Untertiltel des Buches "Kirchen vor Gericht". Besier berichtet im Wesentlichen über zwei Prozesse, die beide von Martin Kriele betreut wurden. Zu Kriele: Kriele & Kriele: Psychomarkt-Anbieter, Interessenvertreter und Staatsrechtsprofessor
Kriele war auf die Idee verfallen, die Äusserungen von kirchlichen Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten nicht mit den üblichen Unterlassungsklagen anzugreifen, sondern mit Schadensersatzprozessen in Millionenhöhe.
Der Kläger hat letztlich in einem Vergleich allenfalls 3,5 % des ursprünglich geltend gemachten Betrages ausgehandelt, http://www.AGPF.de/Bundesgerichtshof-IIIZR224-01.htm
 
 
 
 

Besier bei Eröffnung des Scientology-Büros in Brüssel
 
Besier hat am 17.9.2003 an der Eröffnung eines Scientology-Büros in Brüssel teilgenommen. Und zwar nicht nur als einer der Redner. Sondern - wie das Bild rechts zeigt - als Ehrengast. Besier steht ganz links.    

Bildunterschrift: "Das Band ist durchschnitten bei der grossen Eröffnung des Scientology Kirche International Europäisches Büro für Öffentliche Angelegenheiten und Menschenrechte ..."

 
 
Vor Besier steht die Scientology-Prominenz: Chris Brightmore, Kurt Weiland und der Chef des Brüsseler Büros. Sie beklatschen gemeinsam Julia Migenes, die soeben zur Eröffnung ein Band durchgeschnitten hat und die Schere nach oben reckt. Die Bildunterschrift ordnet Besier ausdrücklich dem Hannah-Arendt-Institut der Universität Dresden zu.

Besier hat damit die geschützte Position des Wissenschaftlers verlassen und sich als einer der "merkwürdigen Bundesgenossen der Kulte" positioniert.
 
 
 

Besiers angebliche Rede

"In der Sache habe ich nichts zurückzunehmen", so Besier zur WELT vom 26.9.2003.

Gegenüber der TAZ  (25.9.03) sagte Besier, ein "autorisiertes Manuskript" seiner Ansprache existiere nicht. Er sei "privat" in Brüssel gewesen und dort "von Kollegen" um ein Grußwort gebeten worden.
Ob die nachfolgenden Zitate wirklich von Besier geschrieben oder gesagt wurden, liess sich nicht feststellen.
 
Zitate aus: Rundbrief des DZB - Dialog Zentrum Berlin, Hg. Thomas Gandow, vom 13.10.2003.    
Die Rede wurde von der Scientology-Organisation als Besiers Rede auf englisch verbreitet.    
Die Übersetzung ins Deutsche hat Peter Widmer für das Dialog Zentrum Berlin besorgt.    

PROFESSOR GERHARD BESIER    
TECHNISCHE UNIVERSITÄT DRESDEN    

Es bereitet mir beträchtliches Vergnügen, heute hier anlässlich der Eröffnung des neuen und sehr eindrucksvollen Büros der Church of Scientology International zu sprechen.    
Es wird eine Schlacht geführt für die Glaubensfreiheit und die Freiheit des Gottesdienstes. Sie findet statt in Deutschland und quer durch Europa, wo der Konflikt zwischen der nach dem Gesetz garantierten Glaubensfreiheit und der tagtäglichen Wirklichkeit religiöser Diskriminierung oft aufbricht.    
....   
Ist Deutschland - in der Tat ganz Europa - eine Gesellschaft, in der die Rechte aller Glaubensrichtungen wirklich respektiert werden?    
Die Verfassungen der einzelnen Nationen sagen ja. Die europäischen Gesetze sagt ja. ...  In der Praxis jedoch erfahren die Mitglieder religiöser Minderheiten Diskriminierung und Schikanierung. Deutschland  ist nicht der einzige Ort wo dies geschieht. Es ereignet sich in aufgeklärten Ländern in ganz Europa.    
....   
Was die Umstände schlimmer macht, ist das Fehlen einer allgemein geltenden Definition von Religion, weit genug um alle Glaubensrichtungen zu umfassen.    
....   
Deshalb bin ich wirklich erfreut in der Lage zu sein, zusammen mit mehreren meiner Kollegen dieses Definitionsproblem aus der Perspektive der Scientology Religion zu studieren.    
Von allen neuen religiösen Bewegungen in Deutschland ist Scientology bei weitem die sichtbarste und überstand viele Angriffe. Die Schlacht ist noch nicht vorüber. Aber schon jetzt hat die Scientology Kirche einige beachtenswerte und sich als Präzedenzfälle erweisende juristische Siege vor den Gerichten gewonnen.    
Immer wieder haben die Gerichte erklärt, dass Scientology eine religiöse Gemeinschaft ist, die durch die deutsche Verfassung geschützt ist. Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass die "staff member" (Mitglieder des Personals - d.Ü.) der Scientology Kirchen durch idealistisches Engagement und nicht durch Geldverdienst motiviert werden. Und in diesem Jahr zwangen die Gerichte das deutsche Bundesfinanzministerium, anzuerkennen, dass  die Mutterkirche, die Church of Scientology International, eine wohltätige steuerbefreite religiöse Organisation ist. In der Schlacht für Religionsfreiheit in Deutschland wendet sich das Blatt.    
Die Scientology Kirche steht in der ersten Reihe derjenigen, die für die Akzeptanz von religiösem Pluralismus kämpfen. Scientologen geben nicht auf. Sie sind entschlossen. Sie halten durch. Sie zeigen Mut angesichts von Hindernissen. Ich bin davon überzeugt, nur ein aufrichtiger Glaube an ihre Religion kann diesen Grad an Engagement und Hingabe hervorbringen. Und das ist es, warum die Scientology Kirche einen Kampf für Toleranz führt der jedem zugute kommen wird.  Und ihr Beispiel gibt Hoffnung für andere.    
Herzlichen Dank

 
 

Zu Besiers Behauptung über eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts:

Es ging eben gerade nicht um "die" Scientology-Mitarbeiter, sondern um jemanden, der offenbar lange Jahre Funktionsträger war. Die von Besier vorgenommene Verallgemeinerung unter Verschweigung eines gegenteiligen Urteils desselben Gerichts ist somit sachlich falsch.

Zu Besiers Behauptung über das Bundesfinanzministerium:

Erstens geht es nicht um das Bundesfinanzministerium, sondern um das Bundesamt für Finanzen. Zweitens ging es lediglich um die Anwendung eines Doppelbesteuerungabkommens auf die berüchtigte Lizenzgebühr in Höhe von 10% vom Umsatz, die deutsche Scientology-Filialen an die US-Zentrale abzuführen haben. Auch diese Besier-Behauptung ist somit sachlich unzutreffend.
 
 
 

Stellungnahmen
 
 
Evangelischer Arbeitskreis der CDU/CSU   
Der Bundesvorsitzende    
Pressemitteilung vom 19.9.2003   

Gegen einen unkritischen Umgang mit "Scientology";   

Der Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK), Thomas Rachel MdB, erklärt:   

"Es ist zutiefst befremdlich und unverantwortlich, in welch unkritischer Weise der evangelische Kirchenhistoriker und Leiter des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, Gerhard Besier, in seiner Rede bei der Eröffnung des neuen Europa-Büros von "Scientology"; diese Organisation als Vorkämpfer für den religiösen Pluralismus würdigt. Eine äußerst umstrittene Organisation wird hier von einem Evangelischen Theologen als beispielhaftes Vorbild für religiöse Toleranz hingestellt. "Scientology", sich selbst "Kirche" nennend und als religiöse Vereinigung ausgebend, ist in der öffentlichen Diskussion vorwiegend durch zweideutige, finanzielle Machenschaften und Expansionsgelüste und als Anbieter von manipulativen Psychotechniken bekannt geworden und hat mit dem christlichen Glauben nicht das Geringste zu tun. Es ist geradezu absurd, wenn eine solche Organisation, die selbst unter dem Verdacht totalitärer Anschauungen steht, von einem Totalitarismusforscher wie Besier hofiert und als Vorbild einer konsequenten Glaubenshaltung dargestellt wird. Die Grenze dessen, was unter Gesichtspunkten von Toleranz und faktischer Pluralität religiös bzw. weltanschaulich noch akzeptabel ist, ist aus Sicht des EAK hier überschritten. Einschlägig bekannte Sätze wie: "Da Scientology jetzt totale Freiheit bringt, muss sie auch die Macht und Autorität haben, totale Disziplin zu fordern () und "Der Starke soll herrschen, der Schwache soll dienen und untergehen" sprechen hierbei für sich.    

Der EAK der CDU/CSU wird auch weiterhin solch unchristliches und in seinen Augen menschenverachtendes Gedankengut bekämpfen und sich stattdessen für einen kritischen Umgang mit dubiosen Organisationen und Weltanschauungen einsetzen. Wer die Eröffnungsrede im Büro von "Scientology" hält, verlässt den Raum unserer gemeinsamen evangelischen Grundlage!"

 
Meldung des KNA-Basisdienstes vom 18.09.2003    


Besier: Scientology kämpft für religiöse Vielfalt   

Brüssel (KNA) Der evangelische Kirchenhistoriker Gerhard Besier hat die Scientology-Organisation als Vorkämpfer für den religiösen Pluralismus bezeichnet. Scientology stehe "in der ersten Reihe derjenigen, die für die Akzeptanz von religiöser Vielfalt kämpfen", sagte der Leiter des Dresdener Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismus-Forschung laut einem von der Organisation veröffentlichten Redemanuskript. Er sei überzeugt, dass nur ein ernsthafter Glaube in die Religion ein solches Maß an Hingabe erzeugen könne. "Deshalb führt die Scientology-Kirche einen Kampf für Toleranz, der jedem nutzt", heißt es in dem Manuskript.   

 Besier äußerte sich bei der Eröffnung des neuen Europa-Büros der Scientologen am Mittwochabend in Brüssel. Von dem Büro in unmittelbarer Nachbarschaft der EU-Institutionen aus sollen die "Öffentlichkeits- und Menschenrechtsaktivitäten" koordiniert und Führern aus ganz Europa Einblicke in die Arbeit der Organisation gegeben werden, wie Scientology-Direktor Fabio Amicarelli am Donnerstag vor Journalisten in Brüssel mitteilte.   

 Umstrittener Historiker   

 Der Dresdener Historiker ist wegen seines Eintretens für Psychogruppen und gegen die damalige Sekten-Enquetekommission des Bundestages sehr umstritten. Besier, der früher in Heidelberg lehrte, wurde vor allem durch seine Untersuchungen zur Rolle der Kirche in der DDR bekannt. Bei der Brüsseler Eröffnung sagte er laut Manuskript, Scientologen gäben nicht auf, seien entschlossen und zeigten Mut gegenüber Hindernissen.   

 Mit Blick auf die Scientology-Organisation in Deutschland erinnerte er daran, dass Scientology die "bei weitem sichtbarste" neue religiöse Bewegung und oftmals angegriffen worden sei. Diese Schlacht sei noch nicht vorbei. Allerdings habe Scientology bislang einige beachtliche und Präzedenzen schaffende juristische Siege vor Gericht errungen. Besier war bislang nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.   

 Universität Dresden verlangt Stellungnahme von Besier   

 Die Universität Dresden verlangt eine Stellungnahme Besiers zu dessen Scientology-Einschätzung. Falls sich Besier so geäußert haben solle, könne sich die die Hochschule damit "in keiner Weise identifizieren", sagte die Pro-Rektorin für Bildung, Monika Medick-Krakau, auf Anfrage. Das weitere Vorgehen könne allerdings erst nach einem Gespräch mit Besier beraten werden.   



Meldung des KNA-Basisdienstes vom 18.09.2003    


 Scientology eröffnet neues EU-Büro in Brüssel =   
 Brüssel (KNA) Die Scientology-Organisation hat ein neues  Europa-Büro in unmittelbarer Nachbarschaft der Brüsseler  EU-Institutionen eröffnet. Von dort aus sollten die  "Öffentlichkeits- und Menschenrechtsaktivitäten" koordiniert und  Führern aus ganz Europa Einblicke in die Arbeit der Organisation  gegeben werden, sagte Scientology-Direktor Fabio Amicarelli am  Donnerstag vor Journalisten in Brüssel. Bei der Einweihungsfeier  am Vorabend sprach nach Scientology-Angaben auch der  niederländische liberale Europaabgeordnete Bob van den Bos.   

 Besier: Scientology kämpft für religiöse Vielfalt   

 Der Kirchenhistoriker Gerhard Besier sagte laut einem von der  Scientology-Organisation veröffentlichten Redemanuskript bei der  Eröffnung der neuen Räume, Scientology stehe "in der ersten Reihe  derjenigen, die für die Akzeptanz von religiöser Vielfalt  kämpfen". Die Organisation zitiert den Leiter des Dresdener  Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismus-Forschung, Scientologen gäben nicht auf, seien entschlossen und zeigten Mut  gegenüber Hindernissen. Er sei überzeugt, dass nur ein ernsthafter Glaube in die Religion ein solches Maß an Hingabe  erzeugen könne. "Deshalb führt die Scientology-Kirche einen Kampf  für Toleranz, der jedem nutzt", heißt es in dem Manuskript. Der  evangelische Historiker ist wegen seines Eintretens für  Psychogruppen und gegen die damalige Sekten-Enquetekommission des  Bundestages sehr umstritten.   

 Mit Blick auf die Scientology-Organisation in Deutschland erinnerte der Kirchenhistoriker daran, dass Scientology die "bei weitem sichtbarste" neue religiöse Bewegung und oftmals angegriffen worden sei. Diese Schlacht sei noch nicht vorbei. Allerdings habe Scientology bislang einige beachtliche und Präzedenzen schaffende juristische Siege vor Gericht errungen. Besier war bislang nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Der früher in Heidelberg lehrende Besier ist vor allem durch seine umstrittenen Untersuchungen zur Rolle der Kirche in der DDR bekannt geworden.

 
 

Besier und das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität Dresden

Fünf Monate nach Amtsantritt und noch im selben Jahr 2003 hielt Besier eine Rede zur Eröffnung eines Scientology-Büros in Brüssel.
Diesen Skandal überstand er nach Presseberichten nur deshalb, weil das staatlich finanzierte Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung es sich wegen vorheriger Probleme nicht leisten konnte, den Chef erneut auszuwechseln, ohne seine Existenz zu riskieren. Während seine Zukunft noch diskutiert wurde, stellte sich heraus, dass Besier bereits an einem grösseren Werk über Scientology arbeitete, bestehend angeblich aus einem "theoretischen Teil" und einer "empirischen Studie", für die Scientology ihm angeblich ihre Adressendatei geöffnet hatte. Besier ruderte ein wenig zurück, betonte aber, dass er die Kritik an seiner Teilnahme an der Scientology-Veranstaltung für unangebracht halte.

"Erschüttert" sei er über den Vorfall, sagte Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) gegenüber Leipziger Volkszeitung (25.9.2003, "Neues Kapitel im Krach um Hannah Arendts Erben"). Die Zeitung:  "Eine ungewohnt heftige Reaktion auf einen ungewohnten Vorgang. Ausgerechnet Institutschef Gerhard Besier hatte zur Eröffnung eines Scientology-Büros in Brüssel die Organisation dafür gelobt, dass sie offensiv vor Gerichten darum streite, das Verständnis der Religions- und Weltanschauungsfreiheit juristisch einwandfrei zu klären."
 

Damals muss Besier bereits an seinem nächsten Coup gearbeitet haben.
Im April 2004 wurde eine Zeitschrift veröffentlicht, die Gutachten zur Scientology-Verteidigung enthält. Herausgeber: Besier.
Diese Zeitschrift ist nach deren eigenem Impressum im Institut für Totalitarismusforschung erstellt worden. Denn als "Redaktion" ist angegeben: "Francesca Piombo Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden Momsenstraße 13  01062 Dresden". Das Institut hat sogar den "Satz" gefertigt, also die Umsetzung des Textes für den Druck.
 

Alexander Kissler schreibt dazu in der Süddeutschen Zeitung vom 28.5.2004:

"Scientology ruft zum Kampf gegen die Demokratie auf, doch am Hannah-Arendt-Institut verteidigt dessen Direktor die Organisation
Es könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt: Seit elf Monaten leitet der Kirchenhistoriker Gerhard Besier das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT); in dieser Zeit hat er dreimal als Apologet von Scientology für Aufsehen gesorgt. Er hielt bei der Eröffnung des Brüssler Scientology-Büros eine befürwortende Rede, er plante mit Unterstützung von Scientology ein Buch gegen deren "religionspolitische Ausgrenzung", und nun hat er die Ressourcen des HAIT zweckentfremdet, um in der Zeitschrift Religion - Staat - Gesellschaft den Verteidigern von Scientology ein Podium zu bieten. Demnächst dürfte sich das Kuratorium des HAIT mit dem Vertrauensbruch beschäftigen."
Das Kuratorium des HAIT werde sich mit dem Vertrauensbruch beschäftigen, wenn sich heraustellen sollte, dass die Zeitschrift dank der personellen und strukturellen Mittel des Instituts entstanden sein sollte. Das kündigte der Politologe Heinrich Oberreuter an, Mitglied im Kuratorium des Instituts.
Besier legt inzwischen Wert auf die Feststellung, dass die Herstellung der Zeitschrift und das Honorar für die Redakteurin nicht vom Institut bezahlt wurde, sondern auch "Drittmitteln" (>>). Allerdings: Wichtigste Ressource einer solchen Einrichtung ist ihr Ruf und ihr Name.
 
 
 
 

Träger des Hannah-Arendt-Preises fordern Distanzierung von Besier

Die Süddeutsche Zeitung vom 23.6.2004 drückt sich in einem Bericht über die Erklärung der Preisträger deutlich aus:

"Skandalös, verharmlosend, unerträglich. Das Hannah-Arendt-Institut soll seinen Direktor entlassen oder sich umbenennen. ... Der endlose Streit, in dem auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse auf Klärung dringt (SZ vom 14. Juni), wurde vom sächsischen Wissenschaftsministerium und dem Kuratorium des HAIT bislang ausgesessen. Verbale Empörung und behauptete Machtlosigkeit angesichts des Rechts Besiers auf Forschungsfreiheit gingen Hand in Hand. Diese Doppelstrategie dürfte nun endgültig gescheitert sein."
 
Rechts eine Abbildung der Pressemitteilung. Wortlaut unten.   
Hier ein Zitat:   

"Der Direktor des Hannah-Arendt-Instituts Dresden, Gerhard Besier, hat bei verschiedenen Gelegenheiten ungeschminkt Public Relation für die Scientology-Sekte betrieben und deren Wirken verteidigt. Er tut dies, obwohl ausreichend dokumentiert ist, dass es Hunderte von Opfern der sich religiös gebenden Finanzgruppe Scientology gibt, die all ihr Vermögen verloren haben ... Die skandalöse Verharmlosung der Methoden der Scientologen durch Gerhard Besier ist unerträglich für das Erbe einer Denkerin, die von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurde und Zeit ihres Lebens eine scharfe Kritikerin totalitärer Strukturen war."

 
Presseerklärung   
Hannah-Arendt-Institut in Dresden muss klaren Trennungsstrich zu seinem Leiter ziehen   
Die jüngsten unerfreulichen Ereignisse am Hannah Arendt-Institut in Dresden veranlassen uns, die wir uns dem Erbe der deutschamerikanischen Denkerin Hannah Arendt verpflichtet fühlen, zu folgender Erklärung:    
Der Direktor des Hannah-Arendt-Instituts Dresden, Gerhard Besier, hat bei verschiedenen Gelegenheiten ungeschminkt Public Relation für die Scientology-Sekte betrieben und deren Wirken verteidigt. Er tut dies, obwohl ausreichend dokumentiert ist, dass es Hunderte von Opfern der sich religiös gebenden Finanzgruppe Scientology gibt, die all ihr Vermögen verloren haben und die in lagerähnlichen Einrichtungen festgehalten wurden. Die skandalöse Verharmlosung der Methoden der Scientologen durch Gerhard Besier ist unerträglich für das Erbe einer Denkerin, die von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurde und Zeit ihres Lebens eine scharfe Kritikerin totalitärer Strukturen war. Das Bemühen, das politische Denken Hannah Arendts für die heutige Zeit fruchtbar zu machen, wird durch das Verhalten von Gerhard Besier auf das Schwerste beschädigt. Wir sind der Meinung, dass das Hannah-Arendt-Institut in Dresden sich klar und deutlich von seinem Direktor distanzieren muss oder aber den Namen "Hannah Arendt" zurückgeben sollte.   

Freimut Duve, Hamburg, Träger des Hannah Arendt-Preises für politisches Denken 1997    
Daniel Cohn-Bendit, Frankfurt/M., Träger des Hannah Arendt-Preises für politisches Denken 2001    
Antonia Grunenberg, Oldenburg und Berlin, Leiterin des Hannah Arendt-Zentrums an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Vorstandsmitglied des Vereins "Hannah Arendt-Preis für politisches Denken"    
Jerome Kohn, New York City, Direktor des Hannah Arendt-Center an der New School University in New York und Vertreter des "Hannah Arendt Literary Trust"    
Lotte Köhler, New York City, Vertreterin des "Hannah Arendt Literary Trust"    
Gerhard Kraiker, Oldenburg, Mitglied des Kuratoriums des Hannah Arendt-Zentrums an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg    
Christian Meier, München, Mitglied des Kuratoriums des Hannah Arendt-Zentrums an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg    
Lothar Probst, Bremen, Vorstandsmitglied des Vereins "Hannah Arendt-Preis für politisches Denken"    
Marie Luise Knott, Berlin, Herausgeberin von Werken Hannah Arendts    
Juni 2004    
CARL VON OSSIETZKY UNIVERSITÄT OLDENBURG · 26111 OLDENBURG INSTITUT FÜR POLITIKWISSENSCHAFT HANNAH ARENDT-ZENTRUM    
TELEFONDURCHWAHL (0441) 798 - 2258 FAX (0441) 798-5863 EMAIL arendt-zentrum@uni-oldenburg.de    
23.06.2004    
POSTANSCHRIFT Hannah Arendt Zentrum (BIS) Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Postfach 2541  26015 Oldenburg

 

Besier "wertet die jüngste Kritik einer Reihe prominenter Vertreter aus Politik und Wissenschaft als Kampagne gegen seine Person. Die öffentlichen Vorwürfe, wonach er PR-Arbeit für Scientology betrieben habe, seien "unglaublich", sagte Besier am Freitag auf ddp-Anfrage in Dresden. Die Anschuldigungen stammten von einem Personenkreis, der ihn offenbar "um jeden Preis» aus seinem derzeitigen Amt "rauskicken" wolle", so ddp-lsc 25.6.04.

Die Frankfurter Rundschau vom 24.06.2004 titelt  "Der Bock als Gärtner".

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.06.2004: "Das krisengeschüttelte Dresdner Institut für Totalitarismus-Forschung, das den Namen der Philosophin Hannah Arendt trägt, ist unter dem Direktorat Gerhard Besiers vom Regen in die Traufe geraten. Nun scheint sich auch das Ende der Ära Besier abzuzeichnen".
 
 
 

Freiheit der Wissenschaft?

Besier: "Hier geht es um die Wissenschaftsfreiheit" (DNN - Dresdner Neueste Nachrichten 18.5.2004). Er sagte der Zeitung aber auch, er selbst habe kein Wort in der fraglichen Ausgabe der Fachzeitschrift geschrieben, seine Zusage zur Zurückhaltung also auch nicht gebrochen.

Die DNN - Dresdner Neueste Nachrichten 18.5.2004:

"Wissenschaftsminister Matthias Rößler als Dienstherr kennt das fragliche Heft noch nicht persönlich und will sich zunächst mit dem Kuratorium des HAIT abstimmen. Dort ist man bereits in der Diskussion. Dienstrechtliche Konsequenzen gegen Besier sind schlechterdings aber nicht möglich, weil er sich auf die Wissenschaftsfreiheit berufen kann. Auf dieses Dilemma weist auch Roland Wöller, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion hin. Das Dilemma besteht auch darin, dass ein erneuter Führungswechsel am HAIT den endgültigen Verlust seiner Reputation, wenn nicht gar das Ende des 1993 gegründeten Instituts zur Folge hätte. Wöller wird in der Sache überaus deutlich: Besier habe seine Zusage gebrochen, seine ganze Kraft der Totalitarismusforschung zu widmen und stattdessen das Institut erneut in Misskredit gebracht. Er werde damit seiner Verantwortung nicht gerecht. Das sei aber leider nichts Neues bei Besier, der sich als "nicht lernfähig" erwiesen habe."
Sicher ist: Die Wissenschaftsfreiheit berechtigt nicht zum Missbrauch des Namens eines Instituts und der weltweit bekannten Hannah Arendt.
 
 
 

Reagieren nun die Politiker?

Diese Frage stellte die Süddeutsche Zeitung am 14.6.2004: "Ein großer Zorn. Der Fall Besier und Scientology - reagieren nun die Politiker?"
"Der Fall Besier hat die regionale Ebene endgültig verlassen und die Höhen der Bundespolitik erreicht".  Bundestagspräsident Wolfgang Thierse habe sich an den sächsischen Wissenschaftsminister Matthias Rößler gewandt, dieser habe "Sachverhaltsaufklärung" versprochen. Kurz darauf - so die SZ - habe Besier dem Ministerium erklärt, keine "Institutsmittel"  für die Zeitschrift verwendet zu haben. Die werde mit "Drittmitteln" finanziert.

Bleibt abzuwarten, was sich hinter dem Begriff Drittmittel versteckt und ob die Öffentlichkeit das erfährt.
Dazu gehört dann auch eine Abrechnung über den Verkauf.
Denn wenn ein massgeblicher Teil der Auflage an einen Käufer oder eine Gruppe von Käufern abgegeben wurde, dann liegt der Verdacht nahe, dass dies verabredet war und dass hinter den "Drittmitteln" eine Vorfinanzierung durch den oder die Käufer stand.

Die Süddeutsche Zeitung: "Der ehemalige Kuratoriumsvorsitzende des HAIT, Uwe Grüning (CDU), glaubt nicht an Besiers Lernfähigkeit. ... Angesichts der abermaligen Entgleisung empfindet Grüning "einen großen Zorn". Dass der Name Hannah Arendts und die vom Verfassungsschutz beobachtete "Church of Scientology" immer öfter in einem Atemzug genannt würden, sei "ganz entsetzlich". Das fragliche Heft von Religion - Staat - Gesellschaft nennt er "auch wissenschaftlich ungeheuer schwach."

Zur Frage, wie Besier in das Amt gelangt ist, die Süddeutsche Zeitung:

"Je länger die Krise schwelt, desto unbegreiflicher wird die Nonchalance, mit der im Frühjahr 2003 die Findungskommission, bestehend aus Professoren der TU Dresden und Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats des HAIT, für Besier votierte. Schon damals wäre es ein Leichtes gewesen, den fast missionarischen Einsatz Besiers für Scientology anhand der Publikationsliste nachzuzeichnen. Angeblich wusste niemand von dieser fragwürdigen Leidenschaft. Vielleicht aber zählte auch der Eindruck stärker, den Besiers Buch über "Die Kirchen und das Dritte Reich" hinterließ. Es wurde am 26. September 2001 rühmend vorgestellt von Altbundeskanzler Helmut Kohl."
Auch ohne Publikationsliste hätte man per Internet mühelos herausfinden können, welche Bücher Besier sonst noch so veröffentlicht hatte: "Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid", 1999 und "Die Rufmordkampagne. Kirchen & Co. vor Gericht", 2002  (>>). Beide Bücher waren nicht enthalten in einer Publikationsliste in http://www.tu-dresden.de/hait/LITERATURLISTE-BESIER.pdf (geladen am 13.7.06). Diese Liste enthält "Veröffentlichungen von Gerhard Besier", unterteilt in I. Aufsätze, II. Monographien, III. Editionen, Quellenveröffentlichungen, Sammelarbeiten, IV. Lexika-Artikel. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es ausserdem noch weitere Veröffentlichungen gibt.

Diese Liste besagt natürlich nichts über den Inhalt der Liste, die Besier bei seiner Bewerbung vorgelegt hat.
 
 
 

Besiers "Traktate"

Thomas Gandow hat Besier in einer Talkshow auf seine Veröffentlichungen angesprochen, die er bei seiner Bewerbung vorgelegt hat:
 
"Menschen bei Maischberger"   
ARD 3.1.2006   
"Sekten - Glücksrezept oder Gehirnwäsche?"   

Links: Gandow, Besier

Gandow:    

"Sie haben bei Ihrer Bewerbung beim Hannah-Arendt-Institut ihr Buch "Die neuen Inquisitoren" und dieses andere, das Glaubensverfolgungsbuch in der Literatur garnicht angegeben ...."

Besier:    

"Das sind Traktate".

 
 

Besier hat also nicht bestritten, dass er diese Bücher bei seiner Bewerbung beim HAIT nicht angegeben hat.
Die "Traktate": Das sind drei Bücher im Umfang von zusammen 1312 Seiten.
Traktat kommt von tractare, erörtern, besprechen, behandeln.
Ein Traktat ist 1. eine "Abhandlung" und 2. eine religiöse oder politische Flugschrift. Umfangreiche Bücher werden üblicherweise nicht als "Traktat" bezeichnet.

Mehr zum Inhalt dieser "Traktate" >>
 
 
 
 
 
Der Spiegel "Professor auf Abwegen"  

"Es waren nur drei Minuten. Eine Ansprache, einfach so dahingeredet, sagt Gerhard Besier. Aber diese drei Minuten könnten den bekannten Dresdner Kirchenwissenschaftler nun womöglich den guten Ruf kosten. Oder gar die Karriere. Denn Besier sprach bei der Eröffnung des neuen Scientology Büros in September in Brüssel." (Der Spiegel Nr. 44/2003)

 

Der Spiegel weiter:

"Fest steht: Erstmals ist es Scientology gelungen, einen prominenten deutschen Kopf zu gewinnen, der sich in die Nähe der umstrittenen Gruppierung begibt. Und was den Verdacht der Kumpanei verstärkt: Besier arbeitete gerade mit seiner Frau an einem Buch über Scientology. Die sonst so geheimniskrämerische Organisation gewährte ihm Zugang zu angeblich 11000 Adressen von Mitgliedern in Deutschland."
Der Verfassungsschutz ging zu diesem Zeitpunkt von 5000 bis 6000 Mitgliedern in Deutschland aus. Mehr dazu unter  
 
 

Die Gutachten zur Scientology-Verteidigung
 
Im April 2004 verschickte die Scientology-Organisation die offenbar soeben erst erschienene Ausgabe Nr. 2/2003 der Fachzeitschrift "Religion, Staat, Gesellschaft" aus dem Verlag Duncker & Humblot.    
  Das Gutachten war von der Bayerischen Regierung in Auftrag gegeben worden.   
Besier hatte sich in der Welt vom 5.8.2003 kritisch über das Gutachten geäussert.   
Daraufhin hatte - ungewöhnlich genug - das Bayerische Staatsministerium des Innern mit einem Leserbrief (>>) geantwortet.
 
 
Leserbrief des Bayerischen Staatsministerium des Innern   

Der Leserbrief wurde - bis auf den letzten Absatz - abgedruckt in Die Welt vom 9.8.2003    


Bayerisches Staatsministerium des Innern    
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit    
München, 6. August 2003   

Redaktion Die Welt   

Zum Artikel "Kampf ums Religionsmonopol" von Prof. Gerhard Besier in Die Welt vom Dienstag, 05.08.2003   

Sehr geehrte Damen und Herren,    
im oben genannten Namensartikel kritisiert Prof. Gerhard Besier Positionen der Bayerischen Staatsregierung zum Thema Scientology. Der Autor übernimmt dabei kritiklos Positionen der Scientology-Organisation (SO) und stellt überdies mehrere falsche Behauptungen auf. Wir bitten daher dringend um Veröffentlichung des nachfolgenden Leserbriefs.   

In seinem Beitrag "Kampf ums Religionsmonopol" in Die Welt vom Dienstag, 05.08.2003 übernimmt Prof. Gerhard Besier kritiklos Positionen der Scientology-Organisation (SO) und stellt falsche Behauptungen auf. Im einzelnen sei auf folgende Punkte hingewiesen:   

1. Zunächst missdeutet Prof. Besier das von der Bayerischen Staatsregierung im Bundesrat eingebrachte Lebensbewältigungshilfegesetz als Maßnahme "zur Verdrängung der Konkurrenz vom Markt der Seelsorge". Dabei verkennt er, dass der Gesetzentwurf dem Verbraucherschutz im Bereich der gewerblich angebotenen sog. Lebensbewäitigungshilfe und Persönlichkeitsentwicklung dienen soll. Dieser Markt ist von den Verbrauchern nur schwer zu durchschauen. Entsprechend hoch ist das Schutzbedürfnis der Menschen vor gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gefahren. Die bereits aus anderen Veröffentlichungen Besier's bekannte Position zu Gunsten eines unbeschränkten "freien Spiels der Kräfte" auf diesem Markt gerät zur Freiheit der Starken und zur Unfreiheit der Schwachen und Hilfsbedürftigen.   

2. Prof. Besiers Vorwurf an die Bayerische Staatsregierung, ein Gutachten in Auftrag gegeben zu haben, das wissenschaftlichen Standards nicht genüge, übernimmt offensichtlich ungeprüft - zum Teil nahezu wörtlich - die hierzu verbreitete Scientology-Propaganda, wie sie z.B. in der Ausgabe des SO-Blattes "Freiheit aktuell" vom Mai 2003 zu finden ist. Es fragt sich, aufgrund welcher Fakten sich Herr Prof. Besier ein derartiges Urteil über die im In- und Ausland hoch angesehene Arbeit seiner Münchner Kollegen anmaßt. Besiers Ausführungen legen vielmehr den Schluss nahe, dass er sich mit dem Inhalt des Gutachtens überhaupt nicht auseinander gesetzt hat. Wenn er überdies schreibt, das Gutachten sei "heftiger Kritik" ausgesetzt, so handelt es sich um heftige Kritik seitens SO, was nicht weiter verwundert.   

3. Die Behauptung, "inzwischen stelle ein Landesgeheimdienst nach dem anderen seine Bemühungen ein, weil das tatsächliche Verhalten der Scientologen keine konkreten Hinweise auf verfassungsfeindliche Bestrebungen hergebe", ist falsch. Prof. Besier verwechselt offensichtlich die Erhebung von einzelnen Klagen seitens der Scientology-Organisation gegen die Beobachtung durch die Verfassungsschutzbehörden mit der Einstellung der Beobachtung. Als Inhaber eines Lehrstuhls für Totalitarismusforschung müsste Prof. Besier auch wissen, dass die Frage der "Deliktswürdigkeit" von Texten für die Beobachtung durch die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder irrelevant ist. Eine Organisation wird von den Verfassungsschutzbehörden beobachtet, wenn unter anderem Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung bestehen, jedoch nicht, wenn ihre "Texte deliktswürdig" sind. Dies wäre nämlich dann bereits ein Fall für Staatsanwaltschaft und Polizei. Nur in Bayern, Hessen, Saarland und Thüringen ist darüber hinaus der Aufgabenbereich des Verfassungsschutzes auch bei Bestrebungen und Tätigkeiten der 'Organisierten Kriminalität im Geltungsbereich des Grundgesetzes eröffnet. Dementsprechend beobachtet das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz die Scientology-Organisation auch unter diesem Gesichtspunkt.   

4. Die Passagen des Artikels über den "Erhalt der demokratischen Grundordnung in den USA" und die jährlichen Berichte des US-Außenministeriums über die Einhaltung der Religionsfreiheit lesen sich wiederum wie aus der Feder der SO-Propagandaabteilung. Sie informieren die Leser in keiner Weise darüber, dass die US-Regierung bis zum Beginn der Clinton-Administration wegen massiver Straftaten von Verantwortlichen der Scientology-Organisation unter anderem gegen die Regierung selbst zu den schärfsten Gegnern der Scientology-Organisation gehörte. Über die Umstände des Meinungsumschwungs innerhalb der US-Regierung hat das Bayerische Staatsministerium des Innern mit der Publikation "Das System Scientology" informiert, die auch im Internet unter http://www.innenministerium.bayern.de/infothek/scientology nachlesbar ist.   

Als Fazit ist festzuhalten, dass der Totalitarismusforscher Besier offenbar der totalitären Ideologie der Scientology-Organisation auf den Leim gegangen ist. Statt die totalitären Methoden und Mechanismen der Scientology-Organisation zu erforschen und kritisch zu durchleuchten - was wichtig wäre -, macht er sich deren Positionen zu eigen. Hannah Arendt, deren Namen das von Prof. Besier geleitete Institut der TU Dresden trägt, wäre darüber wohl entsetzt.    
Mit freundlichen Grüßen    
Michael Ziegler    
Stellv. Pressesprecher des Bayer. Staatsministerium des Innern    
 

 
 

Offener Brief der Bundestagsabgeordneten Antje Blumenthal an Besier
 
Antje Blumenthal, MdB    
Deutscher Bundestag    
Platz der Republik 1    
11011 Berlin   

Tel: 030 - 227-70183    
Fax: 030 - 227-76183    
www.antje-blumenthal.de   

Antje Blumenthal    
Mitglied des Deutschen Bundestages    
Deutscher Bundestag, 11011 Berlin    
(030) 227 - 70183    
(030) 227 - 76183    
antje.blumenthal@bundestag.de   

PRESSEMITTEILUNG    
Scientology keine Plattform bieten    
Anlässlich der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Religion, Staat, Gesellschaft", die sich ausschließlich mit der vom bayerischen Innenministerium in Auftrag gegebenen "Scientology-Studie" befasst, hat Antje Blumenthal, CDU-Bundestagsabgeordnete und Berichterstatterin der CDU/CSU-Fraktion zum Thema Sekten und Psychogruppen, heute einen offenen Brief an einen der Herausgeber der Zeitschrift, den Leiter des Dresdener Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Herrn Prof. Dr. Dr. Gerhard Besier, geschrieben:   

Offener Brief Berlin, 5. Mai 2004    
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Dr. Besier,    
das aktuelle, erst kürzlich erschienene Heft 2/2003 der Fachzeitschrift "Religion, Staat, Gesellschaft" befasst sich ausschließlich mit einem Thema: der vom bayerischen Innenministerium in Auftrag und von den Autoren Küfner/Nedopil/Schöch herausgegebenen Studie "Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology. Eine Untersuchung sychologischer Beeinflussungstechniken bei Scientology, Landmark und bei der Behandlung von Drogenabhängigen".   

"Religion, Staat, Gesellschaft" wird u.a. von Ihnen, Herr Professor Besier, herausgegeben und gilt als seriöse Fachzeitschrift. Um so mehr erstaunt und befremdet es, dass ausgerechnet in einigen Beiträgen der Ausgabe die wissenschaftliche Sachlichkeit und die Herrschaft des Arguments zugunsten von unausgewogener Polemik an den Rand gedrängt werden.   

Bezeichnenderweise hält es deshalb auch der renommierte Berliner Verlag Duncker & Humblot, der die Zeitschrift verlegt, für nötig, die polemische Dimension einiger Beiträge zu beklagen und sich damit teilweise vom Inhalt der Zeitschrift zu distanzieren: "Der Verlag ist aber durchaus und ganz generell der Meinung, dass der wissenschaftliche Charakter der Zeitschrift eine nüchtern-sachliche Form der Darlegungen unter Verzicht auf Polemik verlangt", und weiter "Dass nicht alle Autoren der in diesem Heft abgedruckten Beiträge sich von diesem Grundsatz leiten ließen, nimmt der Verlag mit Bedauern zur Kenntnis."   

Bereits die einleitenden Worte von Johannes Neumann, emeritierter Professor für Religions- und Rechtssoziologie, enthalten Passagen, die auch mit gutem Willen nur als polemisch bezeichnet werden können. Neumanns Beitrag zeichnet sich durch einen besonders verständnisvollen Umgang mit Scientology aus, der in deutlichem Gegensatz zur Kritik steht, die Küfner/Nedopil/Schöch in ihrer Studie äußern.   

Kennzeichnend hierfür ist besonders die Bezeichnung der Scientology-Organisation als Kirche - eine nicht nur in Fachkreisen höchst umstrittene Praxis.   

Der bayerischen Studie von Küfner/Nedopil/Schöch wird ferner vorgeworfen, eine Zusammenarbeit mit Scientology habe nicht stattgefunden. Berichte von zum Teil psychisch labilen Scientology-Aussteigern sieht Neumann als nicht aussagekräftig an. In die Bewertung von Scientology mischt sich auch dadurch ein positiver Aspekt, wenn beispielsweise die ablehnende Haltung der Aussteiger begründet wird: "Denn anders als der Austritt aus einer der einem längst gleichgültig gewordenen Amtskirchen, vollzieht sich das Ausscheiden aus einer der neuen Religionen oft mit erheblichen Begleiterscheinungen  [].   

Diese Wertungen werden durch unbewiesene Behauptungen ergänzt: Nicht die Scientologen würden den Kontakt zur Familie abbrechen, sondern die Familienmitglieder, die eine Zugehörigkeit zu Scientology nicht akzeptierten. In diesem Zusammenhang wird eine Scientology-Broschüre lobend erwähnt und ausgiebig zitiert.   

Das Gewinnstreben der Scientologen revidiert Neumann mit dem Satz, dass alle kirchlichen Angebote Geld kosteten. Die etablierten Kirchen würden im Gegensatz zu Scientology mit öffentlichen Mitteln alimentiert: "Insofern finanzieren die Mitglieder kleiner Religionsgemeinschaften über ihre allgemeinen Steuern die Amtskirchen, von deren Sektenbeauftragten sie diffamiert werden, auch noch mit." Neumann schließt daraus: "Nur unverfrorener Machtwille lässt es angesichts dieser Situation zu, kleinen Religionsgemeinschaften wie Scientology Geldgier vorzuwerfen."   

Durch diese Gleichsetzung der Amtskirchen mit Scientology - ohne jegliche Auseinandersetzung mit deren jeweiligen Zielen und Methoden - hat Neumann eine Grenze überschritten: Er relativiert sowohl die psychische Beeinflussung der Mitglieder als auch das Gewinnstreben von Scientology. Entsprechend liest sich der Text wie eine Polemik gegen Scientology-Kritiker.   

Bleibt die Frage, warum in einer seriösen Fachzeitschrift eines renommierten Verlages Artikel von solch fragwürdiger Qualität erscheinen? Für den Inhalt des Heftes sind ausnahmslos die Herausgeber verantwortlich - einer davon sind Sie, Herr Professor Besier.   

Sie haben in der jüngsten Vergangenheit mehrfach durch unreflektierte, Scientology verharmlosende Äußerungen von sich reden gemacht, u.a. aufgrund Ihres Grusswortes zur Eröffnung des Scientology-Europabüros in Brüssel. Die massive Kritik der Öffentlichkeit an Ihrer Haltung zu Scientology, die bis hin zur Rücktrittsforderung reicht, hatte Sie Ende vergangenen Jahres dazu bewogen, auf die Veröffentlichung Ihrer Studie "Feindbild Scientology? Eine amerikanische Religion in Deutschland" zu verzichten.   

Dass Sie sich nunmehr für eine ausgesprochen Scientology freundliche Ausgabe von "Religion, Staat, Gesellschaft" mitverantwortlich zeigen, dürfte somit kein Zufall sein. Die Vermutung liegt nahe, dass Sie sich die Zeitschrift "Religion, Staat, Gesellschaft" als Forum für Ihre Scientology freundliche Polemik zu Eigen machen, um den Tenor Ihrer zurückgehaltenen Studie auf anderem Wege publik zu machen.   

Dieses Vorgehen zugunsten von Scientology, sehr geehrter Herr Professor Besier, schadet nicht nur der Reputation des Hannah-Arendt-Instituts und widerspricht dem Gebot sachlicher und gründlicher wissenschaftlicher Arbeit, sondern verharmlost vor allem eine der gefährlichsten Sekten unserer Zeit.   

Ich erwarte mit großem Interesse Ihre Antwort und verbleibe    
mit freundlichen Grüßen    
Antje Blumenthal 

 
 
 

Distanzierung des Verlages
 
Vorbemerkung des Verlages   

Erstmals wird von den Herausgebern der RSG ein Heft vorgelegt, das sich einem einzigen Gegenstand widmet, nämlich einer Auseinandersetzung verschiedener Autoren unterschiedlichen wissenschaftlichen und beruflichen Hintergrunds mit der Publikation Heinrich Küfner/Norbert Nedopil/Heinz Schoch (eds), Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology. Eine Untersuchung psychologischer Beeinflussungstechniken bei Scientology Landmark und bei der Behandlung von Drogenabhängigen, Lengerich u.a. 2002.   

Das ist ungewöhnlich aber ganz ohne Zweifel liegt die Auswahl dieses Gegenstandes in der freien Entscheidung der Herausgeber. Daß eine Zeitschrift, die sich dem Themenkomplex "Religion - Staat - Gesellschaft" verschrieben hat, eine Thematik aufgreift, wie sie den Gegenstand der Publikation bildet, mit der sich die Verfasser auseinandersetzen, ist naheliegend, ja man kann sagen zwingend: Wenn nicht diese Zeitschrift, welche dann? Daß die Thematik in der Öffentlichkeit überaus kontrovers diskutiert wird darf dabei kein Hinderungsgrund sein. Zu welchen Ergebnissen die Verfasser der Beitrage dieses Heftes gelangen, unterliegt selbstverständlich ihrer wissenschaftlichen Freiheit. Für den Verlag ist es dabei gänzlich unerheblich, ob er die vertretenen Meinungen teilt. Er will ja mit der Zeitschrift gerade ein Forum für einen offenen und freimütigen Diskurs bieten, und das schließt ein, daß dabei Meinungen vertreten werden, die er teilen kann oder eben auch nicht   

Der Verlag ist aber durchaus und ganz generell der Meinung, daß der wissenschaftliche Charakter der Zeitschrift eine nüchtern sachliche Form der Darlegungen unter Verzicht auf Polemik verlangt. Dies liegt nach seiner Meinung auch im wohlverstandenen Interesse der Verfasser, gewinnen ihre Beiträge letztlich doch dadurch an Überzeugungskraft. Daß nicht alle Autoren der in diesem Heft abgedruckten Beitrage sich von diesem Grundsatz leiten ließen, nimmt der Verlag mit Bedauern zur Kenntnis   

DUNCKER & HUMBLOT GMBH

 
 
 

Die Zeitschrift "Religion, Staat, Gesellschaft"
 
  
Die Herausgeber  

Die Ausgabe Nr.2/2003 enthält auf der Titelseite die Angabe "Herausgegeben von Gerhard Besier und Hubert Seiwert". Aussderdem gibt es aber noch eine Impressums-Seite, Abbildung rechts, zum Vergrössern anklicken. Dort heisst es:   

"Herausgegeben von Gerhard Besier, Dresden / Hubert Seiwert, Leipzig, in Zusammenarbeit mit James A. Beckford, Warwick / Massimo Introvigne, Torino / James T. Richardson, Reno / Richard Singelenberg, Utrecht / Bassam Tibi, Göttingen und St. Gallen / Hermann Weber, Frankfurt am Main".
Diese haben überwiegend mit dem Thema Sekten zu tun (gehabt). Nur darum geht es in den nachfolgenden Ausführungen.   

Prof. Dr. Hubert Seiwert kritisierte in der FAZ vom 10.9.96 massiv den Bericht "Sekten in Frankreich" einer Enquete-Kommission des französischen Parlaments  (http://www.AGPF.de/Guyard-Rapport.htm) und bezeichnete dort Massimo Introvigne (http://www.AGPF.de/CESNUR+Introvigne.htm) als Autor, dessen "wissenschaftliche Kompetenz ... über jeden Zweifel erhaben" sei. Im zweiten Enquete-Bericht des französischen Parlaments von 1999 wurde Introvignes Verein CESNUR als "Tribüne für die Verteidigung des Sektenwesens" bezeichnet.    

Thomas Gandow berichtete in der Zeitschrift "Berliner Dialog"  (http://www.religio.de/dialog/497/497s27.html) Nr. 4/97 unter dem Titel "Kultlobby" über die Kooperation zwischen CESNUR und dem deutschen Verein REMID (http://www.AGPF.de/REMID.htm), dessen Internet-Vereinsseiten auf dem  Institutsrechner von Prof. Hubert Seiwert lägen.    
James A.Beckford ist Autor des Artikels  "Scientology, Social Science and the Definition of Religion", im Internet zu finden unter http://www.neuereligion.de/ENG/Beckford/1.htm. Inhaber der Domain ist Michael Meyer, Hainer Weg 58, D-63303 Dreieich, der auch Inhaber der Domain www.KVPM.de ist (vgl. Archiv/Psychiatrie.htm#Runge). Die Website http://german.acceptedscientology.com/Page13.htm schreibt unter dem Titel "Scientology - eine echte Religion":    

"James A. Beckford, Soziologieprofessor an der University of Warwick (England), wies darauf hin, daß die sich entwickelnden modernen Religionen normalerweise "nicht im Genuß der Vorteile sind, die sich aus ererbtem Grundstücksvermögen, Stiftungsgeldern, Patronat und einer 'Geburtsrechts'-Mitgliedschaft ergeben", jedoch seien dies nicht Merkmale einer Religion als solcher. Es gebe zwar verschiedene wissenschaftliche Meinungen, wie "Religion" genau zu definieren sei, aber es spiele keine Rolle, welchen Ansatz man zur näheren Betrachtung von Scientology auswähle, denn sie erfülle "sämtliche Kriterien, die von Wissenschaftlern üblicherweise angelegt werden", egal an welcher Definition man sich orientiert."
Bassam Tibi ist einer der Autoren des Besier-Buches "Die neuen Inquisitoren - Religionsfreiheit und Glaubensneid", 1999 (dazu unten). Sein Thema fällt allerdings aus dessen Rahmen: "Organisierte Religion wie in der katholischen oder protestantischen Kirche: Ein Vorbild für die Islam-Diaspora?"   

James T. Richardson "spricht sich dafür aus, den Begriff in Rechtsfällen zu verbieten, denn "der Begriff trägt einfach zuviel Ballast mit sich herum, um die beiläufige Verwendung in Fällen zu gestatten, die dazu dienen sollen, eine rationale Beurteilung wichtiger Fragen vorzunehmen. ... " (http://de.wikipedia.org/wiki/Sekte). Als Referent einer REMID-Tagung  sagte er: "Besonders möchte ich den europäischen Gesellschaften nahelegen, aus dem amerikanischen Umgang mit der Anti-Sekten-Bewegung zu lernen und dieser Bewegung nicht länger Gehör zu schenken, da sie klar ersichtliche eigennützige Interessen verfolgt und Verbindungen mit den Großkirchen und Regierungen eingegangen ist, um eine umfassende Kontrolle über religiöse Minderheiten zu gewinnen" (http://www.religionsfreiheit.at/remid_streitfall_re_dt.htm).   

Richard Singelenberg befasst sich offenbar hauptsächlich mit den Zeugen Jehovas.    
Hermann Weber hat die Zeugen Jehovas vor dem Bundesverfassungsgericht vertreten, http://www.infolink-net.de/rubriken/rubrik-prozesse.htm   
 

 

Redaktion und Website
 

Als "Redaktion" ist angegeben: "Francesca Piombo und Carsten Schmidt, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität Dresden Mommsenstraße 13,  01062 Dresden (Tel. 03511-463-32802, Fax 0351-463-36079, E-Mail: redaktion@religion-staat-gesellschaft.de)".
Das Institut hat sogar den "Satz" gefertigt, also die Umsetzung des Textes für den Druck.
In der Liste der Publikationen (www.tu-dresden.de/hait/publ.htm) ist die Zeitschrift allerdings nicht enthalten.

In Heft 2/2002 lautete die Redaktionsadresse: "Francesca Piombo, Kisselgasse 1, 69117 Heidelberg (Tel. 06221/543394, Fax 06221/543395)". Telefonnummer und Adresse gehören zur Universität Heidelberg, die allerdings mit keinem Wort erwähnt wird.

Auch eine Internet-Adresse ist angegeben: "Internet: www.religion-staat-gesellschaft.de (Sponsored by [Firmenname bekannt], Heidelberg)". Was es da zu sponsern gibt, ist unklar. Eine solche Domain kostet maximal 6 oder 7 Euro im Monat. Eingetragen ist die Domain auch nicht etwa auf die genannte Firma, sondern auf Daniel Besier. Derselbe wird in der Website benannt für "Internetrealisation: Daniel Besier".
Die in der Website unter "Kontakt" angegebene Telefonnummer für die Redaktion 0351-463 32 802 ist eingetragen für "Technische Universität Dresden, Mommsenstr. 13, 01069 Dresden".
 
 
 

Die Autoren

Der Verlag hat der Zeitschrift eine "Vorbemerkung des Verlages" (>>) vorangestellt. Er sei "ganz generell der Meinung, daß der wissenschaftliche Charakter der Zeitschrift eine nüchtern-sachliche Form der Darlegungen unter Verzicht auf Polemik verlangt. ... Daß nicht alle Autoren der in diesem Heft abgedruckten Beiträge sich von diesem Grundsatz leiten ließen, nimmt der Verlag mit Bedauern zur Kenntnis".

Im übrigen handelt es sich offenbar bei mindestens zwei dieser Arbeiten um Auftragsarbeiten für die Scientology-Organisation: "Komplett abgedruckt werden ein rechtliches und ein psychologisches Gutachten von November 2001 und Mai 2003, beides Auftragswerke von Scientology",  so die Süddeutsche Zeitung vom 28.5.2004.
 

Johannes Neumann

Einleitung/Editorial stammt von Prof. Johannes Neumann. "Der Emeritus teilt mit breiter Kelle aus", so Alexander Kissler in der bereits zitierten Süddeutschen Zeitung vom 28.5.2004: "Der 'unverfrorene Machtwille' der großen Kirchen führe dazu, 'kleinen Religionsgemeinschaften wie Scientology Geldgier vorzuwerfen'. Der Skandal sei eher, dass die Kirchen 'ihre staatlich alimentierten Einrichtungen zu Indoktrination' nutzten."

Neumann: "Im Vergleich zur Römisch-katholischen Kirche und der dortigen Stellung des Papstes als Stellvertreter Christi auf Erden sind die meisten sog. 'Neureligionen' übrigens weit weniger auf 'Führer', sondern mehr auf die religiöse Sache selbst orientiert."

Heinrich Scholler
Prof. Heinrich Scholler (http://www.heinrich-scholler.de) steuert bei ein "Rechtsgutachten zur verfassungsrechtlichen Stellung der Scientology Kirche Deutschland e.V." bei. Es scheint sich um eine Auftragsarbeit für Scientology zu handeln.
Georg Sieber
Der Psychologe Georg Sieber hatte bereits 1981 eine Studie zur angeblichen Ermittlung der Beratungskapazitäten und des Beratungsbedarfs für ehemalige Sektenangehörige erstellt. Friedrich-Wilhelm Haaack damals: "Papiertiger kam aus wissenschaftlichem Flohzirkus", vgl. http://www.AGPF.de/Sieber.htm. Ingo Heinemann 1981: "Die von Sieber benutzten Methoden muten an wie Taschenspieler-Tricks, denn während Sieber die ehemaligen Sektenangehörigen verschwinden läßt, zaubert er Beratungskapazitäten herbei".

Beim jetzigen Text handelt sich um eine "gutachterliche Stellungnahme des Psychologen Georg Sieber, der im direkten Auftrag des Münchner Scientology-Anwaltes Wilhelm Blümel arbeitet" (DNN - Dresdner Neueste Nachrichten 18.5.2004).

Marco Frenschkowski
Marco Frenschkowski hat, wie er in seinem jetzigen Text schreibt, bereits früher ein "Gutachten über den religiösen Chrakter der Scientology Kirche" verfasst und zwar "aus Anlaß der Verwaltungsstreitsache Scientology Kirche Berlin e.V. gegen das Land Berlin (Az.: VG A 260.98)". Das Urteil in dieser Sache befindet sich unter Archiv/VG-Berlin-27A260-98.htm. Frenschkowski erwähnt allerdings einen entscheidenden Punkt nicht, nämlich in wessen Auftrag er dieses Gutachten erstellt hat, aus dem er Formulierungen auch für seinen jetzigen Text übernommen hat. Soweit hier bekannt, hat es sich damals um ein Parteigutachten gehandelt, also eine Arbeit im Auftrag der Scientology-Organisation.
Frenschkowski schreibt (S. 326): "Ich bin kein Anhänger und auch kein Sympathisant von Scientology ...". In Fussnote 6 erklärt er, er würde sich "mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln gegen jede Qualifikation als "cult apologist" o.ä. wehren". Dieser Begriff sei "zum Zweck der Diffamierung religionswissenschaftlicher Arbeit in amerikanischen 'anti-cult movements' entstanden". Apologist bedeutet Verteidiger.
Ob er will oder nicht, Frenschkowski verteidigt Scientology, indem er "die Scientology Kirche als Religionsgemeinschaft im vollen Sinne des Wortes" bezeichnet und diese seine Meinung als zwingendes Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit darstellt.
Als Begründung für diese Einschätzung schreibt er: "Es ist mittlerweile so oft von religionswissenschaftlicher Seite herausgearbeitet worden, daß Scientology alle gängigen Definition einer Religionsgemeinschaft vollinhaltlich erfüllt, daß ich dies hier nicht wiederholen muß". Dazu bezieht er sich in Fussnote 9 auf sein eigenes, oben erwähntes Gutachten. Zu diesem heisst es auf Seite 324: "Es wird voraussichtlich in Kürze auch als Publikation zugänglich sein, und kann jederzeit von mir zum Selbstkostenpreis angefordert werden". Für jeden, den diese wissenschaftliche Argumentation noch nicht überzeugt hat, verweist er auf einen Sammelband von Scientology, der "auch diverse Gutachten von Religionswissenschaftlern etc. in diesem Sinne" enthalte. Namen nennt er nicht.
Im übrigen wendet Frenschkowski sich ohnehin nur an Vielleser, denn "eine vollständige Lektüre der Arbeit Küfner/Nedopil/Schöch wird vorausgesetzt". Das sind ja auch nur 647 eng bedruckte Seiten.
Frenschkowski vertritt eine Aussenseitermeinung.
Und zu dieser kommt er auch nur, indem er sich auf die Religionswissenschaft beschränkt. Selbst die Theologie grenzt er aus. So die Fussnote 7: "Gesichtspunkte theologischer ... Kritik an Scientology sind nicht Gegenstand dieses Gutachtens".
 
 
 

Besier-Studie über Scientology
   
Süddeutsche Zeitung vom 28.10.03    
http://www.sueddeutsche.de/sz/feuilleton/red-artikel1967/    

Rolle rückwärts in die Zukunft    
Gerhard Besier zieht sein Scientology-Buch zurück, hält aber die Kritik für unangebracht   
Absurd sei es, ihn in die Nähe von Scientology zu rücken, schließlich sei er ein gläubiger Protestant: So sprach Gerhard Besier am Freitag vergangener Woche. Er werde deshalb sein Buch über die umstrittene Organisation nicht veröffentlichen. Tags zuvor hatte der Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts noch erklärt, am "theoretischen Teil" des Projektes festzuhalten, die empirische Studie aber, für welche Scientology Deutschland die interne Mitgliederdatei öffnete (SZ vom 21.10.), ruhen zu lassen. Der Sinneswandel vom Teil- zum Totalverzicht sei dem "wachsenden gesellschaftlichen Druck" geschuldet. Die Sorge um das Ansehen des Instituts und die Sicherheit seiner Familie habe ihm keine Wahl gelassen. Scientology aber wirbt noch immer mit dem Foto eines lachenden Gerhard Besier, der sich gemeinsam mit führenden Scientologen über die Eröffnung der Brüsseler Filiale freut.   

Der belgische Ortstermin am 17. September löste die Affäre aus. Das Foto schmückt an prominenter Stelle die Scientology-Webseite. Über 300 Teilnehmer sollen der Zeremonie beigewohnt haben. Besier zählt zu den fünf Hauptrednern, die namentlich genannt werden. Sie alle haben laut Scientology referiert über ihre "Erfahrungen mit dem Einsatz der Kirche für Menschenrechte und Religionsfreiheit". Solange das Foto für PR-Arbeit in dubioser Sache verwendet wird, könnte es ein Stachel sein im Bemühen des Instituts, sich aus der Dauerkrise freizuschwimmen. Auch spricht Besiers trotziges Statement, er werde nun während seines Direktorats über keine "religiösen Minoritäten" mehr forschen, nicht unbedingt für höhere Einsicht.    

Das 1993 gegründete Institut für Totalitarismusforschung soll vor allem "historische DDR-Forschung" betreiben. Als Autor zweier Standardwerke über die Kirchen im Dritten Reich und in der DDR schien Besier hierfür prädestiniert. Das von der CDU dominierte Kuratorium, das den neuen Leiter im Februar bestellte, hat jedoch den zentralen Aspekt des öffentlichen Wirkens von Gerhard Besier übersehen. Der Kirchenhistoriker streitet seit langem gegen die staatliche "Sektenhysterie", kritisiert die "religiöse Versorgung durch die Etablierten" und befürwortet eine schrankenlose Religionsfreiheit nach amerikanischem Muster. Seine Bücher über die "neuen Inquisitoren" und die "Rufmordkampagne" des Staates fehlen übrigens in Besiers "ausführlicher Bibliographie", die das Institut verbreitet.    
ALEXANDER KISSLER

 
 

Alexander Kissler berichtet in der Süddeutschen Zeitung vom 21.10.2003:

Die Ehre von Scientology Gerhard Besier will sie mit einer großen Studie retten
http://www.sueddeutsche.de/sz/feuilleton/red-artikel814/
Die Süddeutsche Zeitung weiter:
"Als Hauptargument für sein Projekt dienen ihm [Besier] die in der Tat bisher "völlig fehlenden empirischen Untersuchungen unter den aktiven Mitgliedern". Dieser Mangel ist jedoch keineswegs einem fehlenden Interesse seitens der Forschung geschuldet. Vielmehr beklagen die Autoren der Münchner Studie ausdrücklich, ihr Versuch, aktive Scientologen zu befragen, sei "komplett gescheitert". Für Besier und seine Co-Autorin, Ehefrau Renate-Maria, eine Psychotherapeutin, öffnete Scientology jetzt bereitwillig die Datenbank: Mit der Befragung von 500 bis 800 Personen hat das Ehepaar bereits begonnen."
Die Süddeutsche Zeitung geht davon aus, dass Besiers Buch sich gegen das Bayerische Gutachten richten soll. Verfasser dieses Gutachtens ist unter anderen Prof. Dr. Nedopil, den der Spiegel (43/2003 vom 20.10.03: "Die meisten Täter sind frei") als den "Papst der forensischen Psychiatrie" bezeichnet hat. Nedopil hat sich schon 1984 als Gutachter über Scientology geäussert und festgestellt, dass die Scientology-Techniken geeignet sind, psychische Störungen hervorzurufen: Scientology führt seit Jahrzehnten einen Feldzug zur Abschaffung der Psychiatrie: Besier hatte sich bereits  in der Welt vom 5.8.2003 kritisch über das Gutachten geäussert.
Daraufhin hatte - ungewöhnlich genug - das Bayerische Staatsministerium des Innern mit einem Leserbrief (>>) geantwortet.
 
 
 
 

Besiers frühere Veröffentlichungen
 

Der "Professoren-Appell" von 1998

In diesem Appell in Form einer Pressemitteilung vom 28. 5.1998 ging es um den Bericht der Enquete-Kommission "Sog. Sekten und Psychogruppen" des Bundestages. Die Kommission hat u.a. ein Verbraucherschutz-Gesetz empfohlen. Der damals dem Bundestag vorliegende Gesetzentwurf konnte wegen Ablaufs der Legislaturperiode nicht mehr behandelt werden.
2003 hat Bayern einen ähnlichen Gesetzentwurf vorgelegt.
Zu den Unterzeichnern des Professoren-Appells von 1998 gehörte auch Prof. Dr. Erwin Scheuch, inzwischen emeritiert, also pensioniert.
Scheuch behauptete in einem Leserbrief zu dieser Stellungnahme des Ministeriums (Die Welt 14.8.2003): "Die Mehrzahl der Bundesländer hat inzwischen die einseitige Beurteilung von Scientology als verfassungsgefährdend und/oder bedenklich für Verbraucher korrigiert."
Das ist falsch.
Die Beobachtung der Scientology-Organisation durch den Verfassungsschutz wurde von der grossen Mehrzahl der Bundesländer fortgesetzt, vgl. Archiv/Verfassungsschutz.htm.
Kein einziges Bundesland hat Scientology als unbedenklich für Verbraucher eingestuft.

Kein Wort in diesem Appell davon, dass mindestens Besier bereits zuvor als Gutachter tätig war.
Das wurde erst 2002 bekannt, als Besier dieses Gutachten in seinem Buch "Die Rufmordkampagne" veröffentlich hat, nächstes Kapitel.
 
 
 
 
Besiers Buch "Die Rufmordkampagne"   

2002 hat Gerhard Besier das Buch "Die Rufmordkampagne. Kirchen & Co. vor Gericht" veröffentlicht, zusammen mit Dipl. Psych. Dipl. Renate-Maria Besier.    

Besier hat auch dieses Buch 2006 als "Traktat" bezeichnet um zu begründen, weshalb er dieses bei seiner Bewerbung beim HAIT offenbar nicht angegeben hat (>> 

 
 

Hauptpersonen des Buches sind

und dessen Kritiker Die These: Hemminger und sein Arbeitgeber, die evangelische Kirche, habe gegen Wolfgang und die Fortbildungsbranche eine Rufmordkampagne geführt.
 

 
Auch in diesem Buch wird wieder die Wissenschaft betont: 
Aus: Besier: Die Rufmordkampagne. Kirchen & Co. vor Gericht. Rückseite des Paperback-Umschlages    


Zu den Autoren:     
Dr. theol., Dr. phil., Dipl.-Psych. Gerhard Besier ist ordentlicher Professor für Historische Theologie und Konfessionskunde an der Universität Heidelberg, 1997 erschien bei Editions La Colombe sein Beitrag zum Thema Kirchen und Wiedervereinigung im Sammelband Evangelische Kirche - Demokratie -Stasi-Aufarbeitung. Renate-Maria Besier, Dipl.-Psych., Dipl.-Päd., ist freiberuflich als psychologische Psychotherapeutin tätig. 
Hier einige der Kapitel-Überschriften: 
  • Pfarrer und Bürgermeister schüren Pogromstimmung
  • Die öffentlich-rechtlichen Sozial-Agenten im Kampf gegen gewerbliche Lebenshilfe
  • Die Genese einer Rufmordkampagne
  • Die Angst der Fortbildungsbranche vor den Sektenbeauftragten und ihren Helfershelfern
  • Die Funktion der Enquete-Kommission zu "Sog. Sekten und Psychogruppen": Objektivierung und Unterstützung der Verfolger
  • Der Musterprozess Wolfgang gegen die Evangelische Kirche
 
 

Dem "Musterprozess" des Karlheinz "Wolfgang gegen die Evangelische Kirche" widmet Besier 27 Buchseiten. Hinzu kommen 90 Seiten "Dokumente", darunter ein "Gutachten Besier & Besier vom 28.8.1997" mit der "Aufgabenstellung: Klärung der weltanschaulichen Grundlagen, Arbeitsweisen, Arbeitsfelder und psychologischen Arbeitsformen (Therapie, Beratung oder Fortbildung) der im Berufsverband Individualpsychologischer Berater e.V. (BIB) organisierten Institute". Auftraggeber des Gutachtens: Das BIB (Seite 221). Besier bezeichnet (Seite 83) zutreffend den BIB als Karlheinz "Wolfgangs Berufsverband Individualpsychologischer Berater (BIB)". Mitglied des BIB waren laut Besier-Gutachten (Seite 222) zwei Firmen: "Die Sprache" GmbH und das IIP Institut für berufsfördernde Individualpsychologie. "Die Sprache" war von Wolfgang gegründet worden, der Anfangs auch der Geschäftsführer war.  Das IIP gehörte Karlheinz Wolfgang persönlich.
 

Auch mit der Enquete-Komission des Bundestages [>>] befasst Besier sich in diesem Buch ausführlich, wiederum unter namentlicher Erwähnung des Karlheinz Wolfgang:
 
Besier, Die Rufmordkampagne, Seite 97, Kapitel "Die Funktion der Enquete-Kommission zu 'Sog. Sekten und Psychogruppen'; Objektivierung und Unterstützung der Verfolger"   


"Ohne die betroffenen Fortbildner Wolfgang u. a. auch nur anzuhören und ohne dass diesen bekannt wurde, wer in der Kommission in nichtöffentlicher Sitzung was über sie sagte und ohne zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen Stellung nehmen zu können, fand das IIP im Abschlußbericht der Enquete-Kommission unter der Aufzählung  "Aussteiger aus folgenden Gruppen bzw. Kursteilnehmer [...]" Erwähnung.[Fussnote 285] Damit hatte ein offizieller Bericht des deutschen Parlaments die unqualifizierte Einschätzung eines kirchlichen Sektenbeauftragten sanktioniert und dem IIP implizit den Stempel "sektiererisch" aufgedrückt, denn "Aussteiger" aus psychologischen Fortbildungsseminaren kann es in dem sonst üblichen Wortgebrauch natürlich gar nicht geben. Zu den "Materialien", die bisher verschickt wurden, kam jetzt die Erwähnung im Enquete-Bericht als krönender Abschluss, ohne dass irgendeine inhaltliche Beanstandung vorgenommen wurde.   
Künftig bedurfte es nur noch des diskreten Hinweises auf "Seite 24" des Endberichts."   

Fussnote 285: Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen". Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1998, 24.

 

Besier erwähnt, dass der "betroffene Fortbildner" Karlheinz Wolfgang nicht angehört worden sei.
In Karlheinz Wolfgangs Buch "Der Fall Schwertfeger" von 2003 heisst es über Besier (S. 112):

Bärbel Schwertfeger konnte dies nicht unterschlagen, denn Besier hat nicht vor der Enquete-Kommission gesprochen. Eine Sitzung vom 27.11.1998 gab es nicht, da hatte die Kommission längst ihre Arbeit abgeschlossen.

Allerdings gibt es ein Schreiben von Besier an Karlheinz Wolfgang vom 28.4.98: "Sie haben mich heute gefragt, ob es möglich sein könne, daß die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Sog. Sekten und Psychogruppen" auch Teilnehmer aus Ihren Fortbildungsseminaren angehört habe."

Besier erinnert Karlheinz Wolfgang daran, dass "mich die Arbeitsgruppe der Koalitionsfraktion in der Enquete-Kommission am 14. November 1997 eingeladen, am 27. November d.J. vor ihr zu sprechen."

Besier hat also nicht vor der Kommission gesprochen, sondern vor einer Arbeitsgruppe der CDU/CSU. Aus dieser Gruppe wurde dann bei der Komission beantragt, Besier zu hören. Kommissions-Sachverständiger Hemmiger bat darum, auf Besiers Anhörung zu verzichten, denn "Professor Gerhard Besier fungiert derzeit als Parteigutachter für Herrn Karl-Heinz Wolfgang (Neuss) bzw. dessen Institut IIP in einem anhängigen Rechtsstreit, in dem dieser Schadensersatzansprüche gelten macht." Es handelt sich um das bereits erwähnte Gutachten im Auftrag des BIB, abgedruckt im Besier-Buch.

Am Am 4.12.1997 wurde der Antrag auf Anhörung Besiers daraufhin zurückgezogen.
 
 
 

Besier-Buch: Die neuen Inquisitoren - Religionsfreiheit und Glaubensneid

Gerhard Besier und Erwin K. Scheuch (Herausgeber): Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid, 1999
Inhaltsangabe unten >>.
Besier hat dieses Buch 2006 als "Traktat" bezeichnet um zu begründen, weshalb er dieses bei seiner Bewerbung beim HAIT offenbar nicht angegeben hat (>>).

Von den Autoren werden einige and anderer Stelle dieser Website erwähnt, etwa Massimo Introvigne www.AGPF.de/CESNUR+Introvigne.htm
Der in Band II abgedruckte "Professoren-Appell" wird behandelt in www.AGPF.de/Professoren-Appell-1998.htm
 
 
 
Aus: Gerhard Besier und Erwin K. Scheuch (Herausgeber): Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid, 1999   


Inhalt    
Teil 1: Aufsätze, Essays und Polemiken   
Einführung 9    
Kulturelle Selbstorganisationskraft in Freiheit   
  • HERMANN LÜBBE: Der Staat und das Seelenheil 28
  • HERMANN LÜBBE: Religionskulturelle Trends in Modernisierungsprozessen 35
  • BASSAM TIBI: Organisierte Religion wie in der katholischen und protestantischen Kirche: Ein Vorbild für die Islam-Diaspora? 53
  • MASSIMO INTROVIGNE: Religiöse Minderheiten und "moral panics“ 78
  • H. NEWTON MALONY: Bewußtseinskontrolle aus psychosozialer Perspektive 100
Das Recht kennt keine Häresie. Religionsfreiheit und Minderheitenreligionen   
  • JAMES E. WOOD, JR.: Religiöse Gleichheit versus religiöse Diskriminierung 134
  • HEINRICH SCHOLLER: Toleranz und Fairneß als objektiver Schutzgehalt der Religionsfreiheit 156
  • HERMANN WEBER: Minderheitenreligionen in der staatlichen Rechtsordnung 174
  • HEINRICH WILMS: Staatliche Freiheitsbeschränkungen gegen Minderheitskirchen 211
  • JOHANNES NEUMANN: Wenn Juristen "Schutzengel" spielen, ist die Religionsfreiheit in Gefahr 228
  • KONRAD LÖW: "Auf, auf zum fröhlichen Jagen". Erfahrungen mit Manichäern 255
"Keine Gefahr für Staat und Gesellschaft“. Auseinandersetzungen mit dem Endbericht der Enquete-Kommission   
  • HANS APEL: Kein "Glaubens-TÜV"; 270
  • ERWIN K. SCHEUCH: Staatliche "Schutzengel" sind unnötig 281
  • MARTIN KRIELE: Die rechtspolitischen Empfehlungen der Sektenkommission 306
  • HUBERT SEIWERT: Der Staat als religiöser Parteigänger? Zu den Widersprüchlichkeiten des Mehrheitsberichtes der deutschen Enquete-Kommission 340 
  • GERHARD BESIER: Ist ein "Lebensbewältigungshilfe-Gesetz" (LBewHG) nötig? 360
  • HEINER BARZ: Doctor Jekyll und Mr. Hyde beraten das Sektenproblem 372
Befangene "Experten"? Zur Rolle kirchlicher Sektenbeauftragter   
  • MARTIN KRIELE: Der Fundamentalismus der Moderne 382
  • MARTIN KRIELE: Die faschistischen Züge der Sektenjagd 394
  • JÜRGEN REDHARDT: Der permanent paranoische Blickwinkel der Sektenexperten, dargestellt am Beispiel der negativen Beurteilung der Vereinigungskirche 404
  • HUBERTUS MYNAREK: Neun "goldene" Regeln für die neuen Inquisitoren 421
"Deutschland hat eine Verantwortung". Religiöse Minderheiten und Vorurteilsbildung   
  • KENNETH B. FRADKIN: Religionsfreiheit aus der Sicht eines Rabbiners 440
  • DEREK H. DAVIS: Fortschritt des Wahnsinns: Die erneuerte Verfolgung unpopulärer Religionen durch Deutschland in historischer Perspektive 453
  • GABRIELE YONAN: Die Zeugen Jehovas in Deutschland: Bemühungen einer Religionsgemeinschaft um Anerkennung 486
Inhalt Teil II: Dokumentation   
Einführung 9    
  • HANS APEL/GERHARD BESIER/NIELS BIRBAUMER/MARTIN KRIELE/HERMANN LÜBBE/ERWIN K. SCHEUCH: Beteiligt sich der deutsche Staat an der Diffamierung und Diskriminierung von religiösen und weltanschaulichen Minderheiten? Eine Offene Gesellschaft braucht keine Weltanschauungskontrolle (28. Mai 1998) 26
  • MARTIN KRIELE: Gutachtliche Stellungnahme im Verfahren Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis gegen die Bundesrepublik Deutschland (4. 11. 1993) 35
  • GERHARD BESTER/RENATE-MARIA BESIER: Zeugen Jehovas/Wachtturrn-Gesellschaft: Eine "vormoderne" religiöse Gemeinschaft in der "modernen" Gesellschaft? Gutachtliche Stellungnahme 95
  • ARMIN PIKL/GAJUS GLOCKENTIN: Jehovas Zeugen als Körperschaft des öffentlichen Rechts 211
  • RAINER ROTHE: Petition der Vereine zur Förderung der Menschenkenntnis e.V. Köln (u. a.) für Schutz vor Diskriminierung, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Verletzung geistiger Freiheit (25. 8. 1998) 280
  • RAINER ROTHE: Pressemitteilung: Petition der Vereine zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) zum Schutz der Menschenrechte an den Deutschen Bundestag übergeben (25. 8. 1998) 335
  • VEREINIGUNGSKIRCHE E. V.: Petition der Vereinigungskirche Deutschland e.V. zur Beendigung der Diskriminierung einer religiösen Minderheit (24. 8. 1998) 342
  • CHRISTIAN SAILER/GERT-JOACHIM HETZEL: Petition der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben zum Schutz vor Diskriminierung und gesellschaftlicher Ausgrenzung (24. 8. 1998) 377
  • DOROTHEE OSTERHAGEN: Der Abschlußbericht der Enquete Kommission "Sog. Sekten und Psychogruppen" des Deutschen Bundestages. Eine Ergänzung zu: Kriele, Sektenjagd 439
 
 
 

Besiers BIB-Gutachten

Besiers Buch "Die Rufmordkampagne" enthält im Anhang (Seiten 221 bis 254) auch ein Gutachten, welches er unter dem Datum 28.8.97 zusammen mit Dipl. Psych. Dipl. Päd. Renate-Maria Besier erstellt hat:

GUTACHTEN
1. Aufgabenstellung:
Klärung der weltanschaulichen Grundlagen, Arbeitsweisen, Arbeitsfelder und psychologischen Arbeitsformen (Therapie, Beratung oder Fortbildung) der im Berufsverband Individualpsychologischer Berater e.V. (BIB) organisierten Institute
Auftraggeber: BIB.  Gutachten Seite 222:
"Im BIB sind gegenwärtig zwei Institute organisiert: Das in Neuss ansässige "Institut für berufsfördernde Individualpsychologie" (IIP) und das ... Institut "Die Sprache. Lehr- und Forschungsgesellschaft mbH" in Neuss und München."
Inhaber des IIP war damals Karlheinz Wolfgang, der auch Die Sprache GmbH gegründet hat.

Als Ergebnis wurde im ersten "BIB-Info" vom April 1998 der letzte Satz des Gutachtens zitiert:

"Nimmt man die genannten positiven Aspekte zusammen, kann man geradezu von einer Vorbildfunktion der BIB-Institute für den psychohygienischen Markt reden."
Wie war der Professor für Historische Theologie und Konfessionskunde für diese Beurteilung qualifiziert?

Da Besier das Psychotherapeutengesetz mit einem Psychotherapiegesetz verwechselt, bestehen Zweifel an dieser Qualifikation.

Unter der Überschrift "Die Situation auf dem freien psychohygienischen Markt" (S. 243) schreiben Besier und Besier:

"Die Diskussion auf dem engeren Psycho-Markt fokussiert sich seit 20 Jahren auf ein sog. Psychotherapiegesetz".
Psychotherapiegesetz? Man denkt an einen Tippfehler und liest weiter.
Auf Seite 244 heist es:
"Im Sommer 1997 lagen zum Gesamtkomplex folgende Berichte bzw. Gesetzentwürfe vor:
...
a) Die im Mai 1996 eingesetzte Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Sogenannten Sekten und Psychogruppen"; ....
b) Das seit 20 Jahren diskutierte und jetzt neu vorgelegte Psychotherapiegesetz. [503]
c) der von der Freien und Hansestadt Hamburg vorgelegte "Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der Rechtsbeziehungen zwischen Anbieterinnen und Anbietern und Hilfesuchenden auf dem Gebiet der gewerblichen Lebensbewältigungshilfe."
Da ist es wieder, das "Psychotherapiegesetz".
Die Fussnote 503 gibt als Quelle an: "Bundestags-Drucksache 13/8035 vom 24.6.1997".
Der Titel dieser Drucksache lautet:
"Entwurf eines Gesetzes über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, zur Änderung des Fünften Buches Sozialgesetzbuch und anderer Gesetze".
Das ist das Psychotherapeutengesetz, welches in der Tat seit etwa 20 Jahren diskutiert wurde. Es wurde am 16.6.1998 als "Gesetz über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten" verabschiedet und ist am 1.1.1999 in Kraft getreten. Gesetzestext unter  http://bundesrecht.juris.de/psychthg/BJNR131110998.html

Es handelt sich um ein Berufsrecht, welches u.a. den Begriff des Psychotherapeuten schützt und den Zugang zum Beruf regelt. Etwas anderes war mit diesem Gesetz auch nie geplant gewesen.

Ein Psychotherapiegesetz hingegen würde regeln, was eine Psychotherapie ist und unter welchen Voraussetzungen diese zuzulassen wäre. Also vergleichbar etwa dem Arzneimittelgesetz. Diskutiert wurde ein solches Gesetz bisher allerdings kaum. Zur Notwendigkeit eines solchen Gesetzes:

 
 
 

Besier über Hemmingers Artikel über Scientology als Realsymbol

Zum Beispiel den Artikel von
Hansjörg Hemminger: Scientology ist überall: Eine “Sekte" wird zum Realsymbol für Systemkritik
Besier handelt diesen Artikel unter der Überschrift "Die Droge Macht" ab.
Besier beginnt dieses Kapitel:
 
Aus: Besier "Die Rufmordkampagne. Kirchen & Co. vor Gericht", Seite 25   


Was Kritiker des Motivations- und Sinnmarktes den Trainern und Gurus manchmal zu Recht vorwerfen, ist ihnen oft selbst nicht fremd. Neben Geld spielt in der Verfolgerszene die Droge Macht, oft verbunden mit einem unbändigen Geltungswillen, eine große Rolle. Und die Macht der Anti-Kult-Bewegung ist tatsächlich gewaltig. Mancher regionale Sektenbeauftragte, faktisch arbeitslose Diplompsychologen, schlecht bezahlte Journalisten und andere Kombattanten geraten plötzlich ins Rampenlicht, kommen zu Erfolg und gutem Auskommen. Sie bringen Anwälten, Wissenschaftlern, ja sogar Ministern das Fürchten bei. 
 
 

Nachprüfbar ist in dieser Polemik nur die Behauptung, bei den regionalen Sektenbeauftragten handele es sich faktisch um Diplompsychologen. Tatsächlich gibt es allenfalls einige wenige Psychologen darunter.
 
Aus: Besier "Die Rufmordkampagne. Kirchen & Co. vor Gericht", Seite 30   


"Die Diabolisierung der "Church of Scientology" ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass Satan nach Überzeugung der kirchlich besoldeten Teufelsaustreiber heute eigentlich "Scientology" heißen müsste.    
In dem Maße, wie Scientology in Deutschland zum bloßen Phantom wird, funktionieren Sektenbeauftragte die aus Amerika kommende Organisation flugs zum "Realsymbol" für den bösen Kapitalismus um - und kehren damit zu ihren Wurzeln zurück. Der Sektenbeauftragte der Württembergischen Landeskirche, Hansjörg Hemminger, schreibt: "In einer Zeit, in der es öffentliche Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem und an der Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse kaum mehr gibt, fehlt den Menschen, die dabei zu Opfern werden, eine Sprache, um ihre bitteren Erfahrungen auszudrücken." Die Sektenjäger haben diesen "Sprachlosen" ein "Realsymbol" für das Böse schlechthin gegeben: Scientology. Doch mit den Sozialträumen der 68er Generation ist es selbst unter der Sozialdemokratischen Regierung vorbei. Gleichzeitig mit Hemmingers Kapitalismus-Schelte im Anti-Sektenblatt der EKD heißt es in der "Wirtschaftwoche":
 
 

Mit dem "Anti-Sektenblatt der EKD" ist der Materialdienst der EZW gemeint, der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche Deutschlands. Die Bezeichnung der Monatszeitschrift als Anti-Sektenblatt ist eine massive Irreführung der Leser und der Öffentlichkeit. Davon kann sich jeder an Hand der Inhaltsverzeichnisse überzeugen, vgl. www.EZW-Berlin.de .

Hemminger ist seinem Artikel Scientology ist überall: Eine "Sekte" wird zum Realsymbol für Systemkritik

der Frage nachgegangen, warum eine zunehmende Zahl von Anrufen firmeninterne Probleme betrifft:
"Anrufe wie dieser gehören zum Alltag jeder so genannten Sektenberatungsstelle: "Seit die amerikanische Firma XY unseren Betrieb übernommen hat, werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter massiv unter Druck gesetzt. Ist XY eine Scientology-Firma?" Der Berater weiß nichts davon. Seine Rückfrage, ob es konkrete Anhaltspunkte gebe, ob das Personal in Hubbard-Kurse geschickt würde, ob scientologische Begriffe benutzt würden, ergibt nichts. Trotzdem bleibt der Anrufer mehr oder weniger überzeugt, dass unmenschliche Management-Methoden auf Scientology hindeuten."
Auch bei der AGPF laufen täglich solche Anfragen ein, mindestens 500 pro Jahr. Insgesamt müssen das also einige Tausend pro Jahr sein. Hemminger geht als erster dem Phänomen nach, warum sich Leute, die in ihrer Firma unter Druck geraten, dies der Scientology-Organisation zuschreiben und sich an Sektenberater wenden. Hemminger hat darüber eine Glosse geschrieben, einen Kurzkommentar.

Hemminger hat über die Nebenfolgen der "ebenso nötige wie wirksame Aufklärung über die Machenschaften der Scientology-Organisation" reflektiert. Das ist keineswegs ein Zeichen für Machtmissbrauch. Öffentliches Nachdenken über die Nebenfolgen von Kritik ist vielmehr ein Zeichen für verantwortungsvollen Umgang mit dieser "Macht", die wirkungsvolle Kritik immer auch beinhaltet.
Hemminger über eine solche Nebenfolge der Kritik:
 

"In einer Zeit, in der es öffentliche Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem und an der Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse kaum mehr gibt, fehlt den Menschen, die dabei zu Opfern werden, eine Sprache, um ihre bitteren Erfahrungen auszudrücken. Langjährige Firmenangehörige werden rüde wegrationalisiert, weil eine globale Firmenstrategie sie nicht mehr benötigt. Es wird ihnen Böses angetan, aber niemand benennt es so. Daher bringen sie das Übel selbst auf den Begriff “Scientology". Andere glauben den kapitalistischen Propheten, dass beruflicher Erfolg gleich Lebensglück sei, und opfern ihre Familie dafür. Die Angehörigen bleiben zutiefst verletzt zurück. Auch ihnen spricht niemand Worte vor, die auf den Punkt bringen, was ihnen angetan wurde. Deshalb greifen auch sie nach dem Realsymbol “Scientology". "
 
 
 

Besier verteidigt Scientologen-Firma "ARC Musikvertrieb"

Unter dem Zwischentitel "Die Droge Macht" schildert Besier Fälle von vermeintlich unberechtigter Machtausübung durch Sektenbeauftragte:
 
Aus: Besier: Die Rufmordkampagne. Kirchen & Co. vor Gericht, 2002. Seite 26   


Vergeblich wehrte sich auch die Firma ARC-Musikvertriebs-GmbH vor Gericht gegen die Anschwärzungen des damaligen Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche im Rheinland, Joachim Keden, bei der Firma Bertelsmann. Keden hatte dem Bertelsmann-Club mitgeteilt, zwischen den von diesem beworbenen Kompakt-Disks des ARC-Musikvertriebs und Scientology "bestehe ein Zusammenhang", denn "einem Teil dieser CDs lagen Adressen bei, die im Umfeld von Scientology bekannt seien".77 Der ARC-Musikvertrieb hatte die Adressen seiner gleichnamigen Schwesterfirmen in den USA und Großbritannien genannt. Diese befinden sich an Orten, in denen es auch Scientology-Niederlassungen gibt. Das Gericht befand, dass Keden das Recht habe, seiner Sorge Ausdruck zu verleihen. Es handele sich um nichts anderes, "als die Wahrnehmung des Rechts der Teilnahme an der allgemeinen Willensbildung, die auch umfasst, die Sorge über gesellschaftliche Veränderungen ausdrücken zu können."78   


Fussnoten 77 und 78: "Zit. nach Matenaldienst der EZW 10/2000, 370"
 
 

In dem erwähnten Kontext muss man annehmen, dass die "Anschwärzung" unberechtigt war, dass also die Firma ARC in Wahrheit nichts mit Scientology zu tun hat. Tatsächlich handelt es sich zweifelsfrei um eine Firma, die Scientology zuzuordnen ist. Dies ist spätestens bekannt, seitdem sich ein Urteil des Amtsgerichts Düsseldorf (52 C 9864/98  Urteil vom 17.6.99) unter  Archiv/arcmusi1.htm im Netz befindet, also seit Ende 1999.

Das Gericht:

"Es ist inzwischen allgemein bekannt, daß sich Scientology nicht auf die Verbreitung ihrer Lehre beschränkt, sondern sich unterstützend dazu im allgemeinen Wirtschaftsleben betätigt und hierzu ein weitverzweigtes Netzwerk unterhält, um durch ihr zugehörige oder nahestehende Unternehmen Einfluß zu erhalten und auch hierdurch gesellschaftliche Veränderungen in Ihrem Sinne anstrebt".
Besier beruft sich in seinen Fussnoten auf die EZW, die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungfragen. Wer sehr genau hinsieht, bemerkt, dass dies nur die Zitate aus dem Urteil betrifft. Dem kann man aber auch entnehmen, dass Besier den dazugehörigien Artikel auf dem EZW-Materialdienst 10/2002 gekannt hat, Archiv/arcmusi1.htm#EZW. Diesem Artikel ist zu entnehmen, dass sich keineswegs um ein "Anschwärzen" gehandelt hatte, also um ein blosses Verdächtigen.

Dass es Keden vielmehr um die Verbreitung von Scientology-Produkten gegangen war und darum dass Käufer dieser Produkte mit dem Erwerb dieser Ware Scientology unterstützen würden. Denn immerhin wurde hier mit dem Namen der renommierten Firma Bertelsmann Werbung für Scientology-Produkte betrieben. Und bei den Käufern von Musik handelt es sich zu einem grossen Teil um junge Menschen.
 
 
 

Besier-Buch "Religionsfreiheit und Konformismus"

Religionsfreiheit und Konformismus. Über Minderheiten und die Macht der Mehrheit.
Mit Aufsätzen und Essays von Gerhard Besier, Hermann Lübbe, Johannes Neumann, Hubert Seiwert und anderen. LIT Verlag Münster 2004, ISBN 3-8258-7654-3

Im Buch ist kein Herausgeber genannt. Im Handel wird Besier als Autor/Herausgeber angegeben.
Inhalt:
 

Der Artikel von Martin Kriele (zu diesem: www.AGPF.de/Kriele.htm) "Religiöse Diskriminierung in Deutschland" enthält eine überarbeitetet Version seines Artikel in ZRP 2001, 495 - dazu auch: http://www.AGPF.de/Kriele-ZRP2001.htm. Zum Artikel über das vermeintliche "Lehrstück" mehr unter www.AGPF.de/Bundesgerichtshof-IIIZR224-01.htm
 
 
 
 



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