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AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit
Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V., Bonn
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Sektenberatung: Entstehung und Entwicklung


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Impressum

3.3.97

Ingo Heinemann:

Entstehung und Entwicklung der Betroffenen-lnitiativen und Beratungsstellen im Bereich Sekten

Grund für das Entstehen von "Eltern"-lnitiativen war letztlich, daß junge Leute nach Abbruch aller Verbindungen verschwunden sind. Nur noch Eltern haben sich dann für deren Verbleib interessiert. Im Zentrum stand stets der Austausch von Informationen. Religiöse Belange wurden - wenn überhaupt - allenfalls am Rande berücksichtigt (so etwa, wenn Produkte erst aufgrund behaupteter Eigenschaften verkehrsfähig werden). Die AGPF hat den Begriff "Sekte" deshalb auch nicht in einem religiösen Sinne verwendet, sondern als einen unverzichtbaren Begriff der Umgangssprache, einen Sammelbegriff (1), mit dem organisierte Eiferer bezeichnet werden.

Bis 1974 war das Volljährigkeitsalter 21. Die Sekten waren im Aufbau begriffen, suchten Mitarbeiter. Dafür kamen fast nur junge Leute in Frage. Deshalb entstand der Eindruck, daß die "Jugend"-Religionen (Haack, 1974) sich nur an junge Leute wenden. Tatsächlich hat es schon immer auch ältere Anhänger gegeben.

Die erste Elterninitiative wurde 1975 nach dem Vorbild der französischen ADFI in München gegründet. Damals gab es praktisch keine Literatur und nur sehr wenig Berichterstattung in der Presse. Auch Kopiergeräte waren noch eher eine Seltenheit. Dem persönlichen Austausch von Informationen kam deshalb eine sehr große Bedeutung zu.

1975 erhob die ABI - Aktion Bildungsinformation e.V. (gegründet etwa 1968) Klagen gegen die Scientology-Organisation wegen unzulässigem Ansprechen von Passanten zu Werbezwecken.

1978 wurde die AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit - Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen gegründet. Bei der Gründungsversammlung - die ganz unter dem Eindruck des Massenmordes von Guyana mit fast 1.000 Toten stand - waren praktisch alle anwesend, die sich auf diesem Gebiet betätigt haben. Sektenbeauftragte der Kirchen sind jedoch nur sehr vereinzelt Mitglied geworden. Die Elterninitiative München wurde nie Mitglied der AGPF. Nicht allen Anträgen auf Aufnahme wurde später entsprochen.

1978 wurde der Ökumenisch-kommunale Arbeitskreis Essen gegründet, aus dem 1984 das Sekten-Info Essen hervorging.

1978 hat die noch in Gründung befindliche AGPF den ersten Kongress durchgeführt. Bei diesem wie bei den nachfolgenden Kongressen stand die Meinungsbildung in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen im Vordergrund. Das wurde auch bei den daraus entstandenen Publikationen berücksichtigt.

Ab 1980 wurde die AGPF vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert. Mit Ausnahme der El München wurden in der Folgezeit alle Vereine Mitglied bei der AGPF. Bis 1982 lag der Schwerpunkt der Tätigkeit auf dem Gebiet der Fortbildung der (ehrenamtlichen) Berater. Es wurde eine große Zahl von Seminaren durchgeführt. Ab 1982 war Ingo Heinemann Geschäftsführer. Der Schwerpunkt der Tätigkeit verlagerte sich hin zur Information, zumal mittlerweile der Bedarf an Fortbildung weitgehend gedeckt schien. Dennoch wurden weitere Seminare durchgeführt.

Alle Initiativen wurden von Anfang an sowohl von Betroffenen als Beratungsstellen akzeptiert, als auch von öffentlichen und halböffentlichen Einrichtungen für die Aufklarung eingesetzt und von der Presse als Informanten geschätzt. Von der Presse stammte dann auch der Begriff des "Sektenexperten". Wohl wegen der öffentlichen Aufklärung wachst allmählich auch die Zahl derjenigen, die sich als Interessenten vorab informieren wollen.

Mittlerwelle war auch einiges an Literatur erschienen so z B über die neuen Sekten insgesamt (Haack, Jugendreligionen, 1979, 435 Seiten) und die Scientology Organisation (Heinemann 1979, Stamm 1982, Haack 1982). Der Austausch von Informationen war vergleichsweise einfach, weil sich diese bei wenigen Personen sammelten.

Beklagt wurde unisono das Vollzugsdefizit des Staates. Es bestand damals die überwiegende - wenn nicht einhellige - Meinung, daß die Überwindung dieses Vollzugsdefizits wenn nicht die Probleme beseitigen so doch ein weiteres Anwachsen verhindern würde. Beklagt wurde ebenfalls unisono das Desinteresse der Wissenschaften. Es wurden große Anstrengungen unternommen, die Basis für Beratung und Information zu verbreitern. So wurde 1984 ein Kongress durchgeführt der sich ausdrücklich an die Beratungsstellen und die einschlägigen Wissenschaften wandte. Ein anhaltendes Interesse blieb aus.

Es bestanden damals unterschiedliche Meinungen dazu, ob man zu fragen habe warum jemand in eine Sekte geraten sei (2), ob man lediglich Informationen anbieten solle oder aber ob Betreuung nötig sei und wer die zu leisten habe. So wurde die Meinung vertreten, ursächlich sei meist oft oder nicht selten "die Familie", die sich deshalb in eine Familientherapie zu begeben habe. Andere lehnten dies als "Schuldzuweisung" ab (3). Der amerikanische Psychiater Louis West sprach 1981 in Bonn von "merkwürdigen Bundesgenossen der Kulte" (4). 1984 trat die APG - Aktion Psychokultgefahren e.V. (Düsseldorf) infolge dieser unterschiedlichen Meinungen aus der AGPF aus und im Gefolge auch die Initiativen aus Berlin und Schleswig Holstein.

Bis 1984 war die wohl einheilige Meinung, daß es keiner neuen Gesetze bedürfe, wenn das Vollzugsdefizit beseitigt werde. Allerdings wurde dabei davon ausgegangen, daß das geplante Psychotherapeutengesetz eine Regelung gegen die mißbräuchliche Anwendung von Psychotherapien enthalten werde. 1984 hat die AGPF ein Gesetz gegen den Mißbrauch persönlichkeitsverändernder Verfahren vorgeschlagen, welches eine Pflicht zur Aufklärung über Qualifikation, die Art und Weise der Anwendung von Verfahren sowie deren voraussichtliche Dauer und Kosten enthalten und mit entsprechenden Sanktionen versehen sein sollte.

Seit 1982 hatte die AGPF ihr Archiv inhaltlich und technisch derart aufgebaut, daß vorhandene Informationen schnell kopiert und weitergegeben werden konnten. Dabei war insbesondere auch ein Interesse der Wissenschaften vermutet worden. Dieses blieb jedoch gering. Groß war jedoch stets das Interesse derer, die Informationen als "Ausstiegshilfe" verwendet haben oder als Hilfe zum Verständnis der Gruppen und ihrer Anhänger sowie zur Verständigung mit Angehörigen. Es war und ist einhellige Meinung, daß möglichst genaue Kenntnis der jeweiligen Gruppe, ihrer Strukturen und Interna und ihrer Sprache unerläßliche Grundlage für die Verständigung mit deren Anhängern ist. Daraus ergab sich das Erfordernis der ständigen Aktualisierung des Archivs. Aktuelle Informationen waren damals und sind bis heute fast nur aus Kreisen der Betroffenen zu bekommen.

Neben den Vereinen hat die AGPF auch Einzelmitglieder. Dies war anfangs wegen der geringen Zahl der Vereine wohl auch notwendig. 1985 wurde begonnen, den Verein zu einem reinen Dachverband umzugestalten, indem das Stimmgewicht der Vereine derart vergrößert wurde, daß diese nicht mehr von den Einzelmitgliedern überstimmt werden können.

Die meisten Mitgliedsvereine der AGPF sind auf bestimmte Sekten spezialisiert (was aber nicht bedeutet, daß sie nur auf diesen Spezialgebieten tätig sind). Das Sekten Info Essen ist derzeit die einzige umfassend tätige Beratungsstelle, die für alle Sekten in Frage kommt. Im Sekten Info Essen wurden 1996 weit über 3000 Erstanfragen zu über 300 Gruppen und Bewegungen bearbeitet, über 300 Informationsveranstaltungen und an 1000 Beratungen durchgeführt. Daneben hat sich eine Spezialisierung auf bestimmte Problemfelder herausgebildet. So hat der Verein KIDS e.V. (Leverkusen) 1996 etwa 100 Sorgerechtsfälle betreut.
 
 
 
 
 
1 Zur   Verwendung   des   Begriffes   Sekte   als   Sammelbegriff   vgl. Verwaltungsgerichtshof    Baden-Württemberg    10    S    2160/87    u. Bundesverwaltungsgericht 7 C 2/87 = BVerwGE 82,76 = NJW 1989,2272
2 "Was habe ich bloß falsch gemacht" war damals meist die erste Frage, die Mütter am Telephon gestellt haben. Anrufe von Vätern waren eine Seltenheit.
3 Wissenschaftliche Belege für die These, daß familiäre oder persönliche Verhaltnisse in statistisch relevantem Umfang ursächlich für den Eintritt in eine Sekte seien, gab es nicht und gibt es bis heute nicht
4 West anläßlich eines Kongresses der AGPF 1981:
"An dieser Stelle wurde ich gerne etwas mehr über die merkwürdigen Bundesgenossen der Kulte in den Vereinigten Staaten sagen, weil diese die Voraussetzung dafür schaffen, daß dieses   Phänomen sich halten und weiterhin entwickeln kann Da sind zunächst die Psychiater und Verhaltensforscher Die meisten von ihnen wissen über Sekten probleme direkt sehr wenig Sie neigen dazu, anzunehmen, daß diejenigen, die in einen Kult eintreten, aus drei Gründen hineingeraten sein können um Schwierigkeiten einer problematischen Familie zu entgehen, um Hilfestellung bei der Bewältigung der eigenen psychopathologischen Störungen zu erhalten oder sogar um eine Oase des Friedens in einer von Streß und Gewalt heimgesuchten Gesellschaft zu finden Es ist leicht, solche Theorien aufzustellen, wenn man nicht durch die Kenntnis von Tatsachen belastet ist Einige Kollegen scheinen aufrichtig zu glauben, daß sogar die sonderbarsten Kulte irgend einem guten Zweck dienen können, etwa als therapeutische Gruppe oder als Zuflucht für neurotische oder schizoide junge Menschen  Wenn man diejenigen, die sich Kulten anschließen, so charakterisiert,   dann   betreibt   man   in   Wirklichkeit   etwas,   was "Die-Schuld-beim-Opfer-Suchen" genannt wird Wenn man für die Erklärung eines Verbrechens in erster Linie das Opfer heranzieht, braucht man denjenigen, der es verübt, nicht unter die Lupe zu nehmen" (Louis J West "Die Kulte als Problem der öffentlichen Gesundheit" (Cults A Public Health Approach)  Destruktive Kulte, 1983 West war Professor und Chairman der Abteilung für Psychiatrie und Verhaltensforschung, Direktor des Neuropsychiatnschen Instituts der Universität von Kalifornien, Los Angeles, http://www.AGPF.de/west81.htm).

 
 
 
 
 



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