Ingo Heinemann: Scientology-Kritik
   Adresse dieser Seite: titel01.htm  Zuletzt bearbeitet am 19.2.2003
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Wissenschaftler-Werbung: Yonan, Introvigne & Co.
Die Scientology-Organisation benutzt gern Wissenschaftler zu Zwecken der PR und damit der Werbung. Wissenschaftler gelten als neutral und besonders glaubwürdig.
Beispiel: Gabriele Yonan und Massimo Introvigne

Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Impressum

Gabriele Yonan und Massimo Introvigne gehören zu denen, die Louis J. West in seinem Vortrag über "Die Kulte als Problem der öffentlichen Gesundheit" 1981 in Bonn als "seltsame Bundesgenossen der Kulte" bezeichnet hat:

"Es ist leicht, solche Theorien aufzustellen, wenn man nicht durch die Kenntnis von Tatsachen belastet ist".
Bei Yonan und Introvigne läßt sich das leicht nachprüfen. Man suche in deren Äußerungen über die Scientology-Organisation nach Angeboten, Preisen, Gefahren und Schäden. Frau Yonan mag ein solches Vokabular fremd sein. Bei Introvigne gehört es zum Beruf.

  • Nicht gemeint sind hier diejenigen Universitäts-Professoren, die lediglich Gutachten zu Einzelfragen erstattet haben. Oft liegt das viele Jahre zurück und damals wußte kaum jemand, um was es sich bei der Scientology-Organisation handelt. Differenzierung ist also geboten.

  •  
    In ihrem 1997 in Heidelberg in deutscher Übersetzung erschienenen Buch "Sekten. Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können", schreibt Margaret Thaler Singer unter Bezugnahme auf den Fall Eillen Barker (Großbritannien): 

    "Unter den Sozialwissenschaftlerm gibt es eine kleine Gruppe von Claqueren, die zu Apologeten von Sekten geworden sind. Einige haben auf Kosten von großen und reichen Sekten an exotischen Plätzen Urlaub gemacht; andere fürchten sich davor, kritische Ergebnisse zu veröffentlichen, weil Sekten ihre Forschungsprojekte und Reisen zu Fachkonferenzen bezahlt haben."

    Zu Eileen Barker der Text über REMID, zu deren Beirat sie gehört:


     
     
     
     

    Die Scientology-Organisation benutzt gern Wissenschaftler zu Zwecken der PR und damit der Werbung. Wissenschaftler gelten als neutral und besonders glaubwürdig.
    Dabei ist allerdings zu berücksichtigen:
    Nicht jeder, den die Scientology-Organisation als Wissenschaftler bezeichnet, ist ein solcher.
    Nicht jeder Professor ist (noch) als Wissenschaftler tätig.
    Der Titel Professor hat sehr unterschiedliche Bedeutung.
    In vielen Ländern ist das eine Berufsbezeichnung für Lehrer.



    Zur Beurteilung eines akademischen Grades und zur wissenschaftlichen Qualifikation
    schreibt Prof. Wolfgang Michaelis (in Efler und Reile: VPM - Die Psychosekte, Seite 77) als wichtigstem Kriterium von der "... Ausrichtung des Handelns an wissenschaftlichen Ergebnissen".
    Das sei die "niedrigste Stufe", die es gestatten würde, jemanden "zwar nicht unter die Wissenschaftler, aber doch wenigstens unter die 'Akademiker" zu reihen.

    Prof. Michaelis zum Wahrheitsanspruch:

    "Der Wahrheitsanspruch hat sich aus der Wissenschaft längst verabschiedet und Hilfsbegriffen wie 'noch nicht widerlegt', 'durch Daten gestützt', 'derzeit nützlich', 'anregend zu weiteren Fragen' Platz gemacht. Nur ein einziges methodisches Prinzip steht (derzeit) noch unerschütterlich: Zweifel, Zweifel, Zweifel an jedem Ergebnis der Forschung, mit der praktischen Anweisung des immerwährenden Fragens".


    Wenn die Scientology-Organisation sich auf vermeintliche oder tatsächliche Wissenschaftler bezieht, geht es meist um den angeblichen Nachweis, daß Scientology eine Religion ist.
    Also um die Abwehr von Kritik.


     

    Yonan: Falscher Professorentitel

    In einer speziellen Internet-Seite (www.religioustolerance.net) berichtet eine angebliche "Stiftung für religiöse Toleranz" über angebliche Mißstände in Deutschland.
    Adresse der Stiftung: 6331 Hollywood Boulevard in Los Angeles. Dies ist auch der Sitz der Church of Scientology International, wie auch dem Verfassungsschutzbericht 1998  zu entnehmen ist (dort 1.1.1.6 Werbe- und Verkaufsaktivitäten).
    Berichtet wird insbesondere über eine 1998 durchgeführte Europa-Tournee mit dem Ziel Frankfurt, wo am 10.8.98 eine Demonstration stattfand.
    Noch am 29.4.99 war in der Internet-Seite über diese Demonstration auf englisch zu lesen:

    "Die Läufer mit der IAS-Fackel für religiöse Freiheit trafen nach ihrem 3000-Kilometer-Lauf in Frankfurt an und übergaben die Fackel offiziell an Professor Gabrielle Yonan, eine Wissenschaftlerin der Universität Berlin. Dr. Yonan hatte auch an den Märschen des vorigen Jahres teilgenommen und dort gesprochen".
    "Der erste Läufer übergab dann "Die Fackel der Freiheit" zeremoniell an Dr. Gabrielle Yonan von der Freien Universität Berlin. Flankiert von deutschen und  internationalen Würdenträgern ... begann sie  den Umzug zum Platz der alten Oper".
    Die solchermaßen wie eine prominente Wissenschaftlerin dargestellte Frau Yonan ist allerdings alles andere als eine solche. Ganz sicher ist sie keine Professorin der Universität Berlin. Auch ein anderer Lehrauftrag war nicht zu eruieren, noch viel weniger eine richtige Anstellung als Professorin. Noch nicht einmal der Doktortitel ist verifizierbar.

    Natürlich war dies nicht die erste Erwähnung dieser Art. Laut Scientology-Magazin "Freiheit" (C=97, Titel: "Zeit zu entscheiden", S. 9) hat sie an einer früheren Scientology-Demo in Frankfurt teilgenommen und wurde als "bekannte Religionswissenschaftlerin der Freien Universität Berlin" vorgestellt: "Sie marschierte mit an der Spitze des Zugs ..." ... "Während sie einen Gesetzesvorschlag für religionsbezogene Rechte vorstellte ..." ...

    Auf Antrag der Freien Universität Berlin hat das
    Landgericht Berlin 16 0 801/98 durch Beschluß vom 23.12.98
    eine Einstweilige Verfügung gegen Frau Yonan erlassen:

    "...wird im Wege der einstweiligen Verfügung, und zwar wegen Dringlichkeit ohne mündliche Verhandlung, gemäß §§ 935 if., 91 ZPO angeordnet
    1. Der Antragsgegnerin wird bei Vermeidung eines vom Gericht für jeden Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Ordnungsgeldes bis zu 500.000,00 DM, ersatzweise Ordnungshaft, oder einer Ordnungshaft bis zu sechs Monaten
    untersagt; sich als Mitglied der Antragstellerin auszugeben, in der Öffentlichkeit als ein solches bezeichnen zu lassen oder auf andere Weise den Eindruck zu erwecken, sie sei Mitglied der Antragstellerin. Sie hat es insbesondere zu unterlassen, sich als Professorin und/oder Religionswissenschaftlerin der Antragstellerin auszugeben, in der Öffentlichkeit als eine solche bezeichnen zu lassen oder auf andere Weise den Eindruck zu erwecken, sie habe eine solche Position inne.
    2. Die Kosten des Verfahrens trägt die Antragsgegnerin.
    3. Der Wert des Streitgegenstandes wird auf 50.000,00 DM festgesetzt."


    Was hat Frau Yonan dagegen unternommen? Nichts.
    Die Freie Universität Berlin, Schreiben vom 12.4.99:
    " ... teilen wir Ihnen mit, daß keine Rechtsmittel eingelegt wurden".


    Wer ist Frau Yonan?
    In ihrer Website www.numinos.de
    heißt es in der Eingangseite (dort entnommen am 10.5.99):
    Dieser Server soll Sie mit vielen interessanten Informationen über Religionen bekannt machen. Die Religionen werden aus ihrer eigenen Sicht dargestellt, ganz ohne schulmeisterliche Bewertung. Damit soll dem Recht auf freie Ausübung des Glaubens Rechnung getragen werden.
    Es ist unerfindlich, wieso mit dem Verzicht auf Bewertung dem Recht auf freie Ausübung des Glaubens Rechnung getragen werden soll.
    Verständlich wird das allenfalls, wenn Bewertung mit Kritik gleichgestellt und angenommen wird, daß Kritik unerwünscht ist.
    Allerdings bedeutet Verzicht auf Bewertung auch Verzicht auf wissenschaftliche Arbeit.
    Das ist in einer Website natürlich durchaus akzeptabel.
    Unverständlich ist jedoch, daß die angebliche Wissenschaftlerin Bewertung als "schulmeisterlich" einstuft.


    Gemessen an den oben zitierten Maßstäben des Prof. Dr. Michaelis
    ist Gabriele Yonan kaum als Wissenschaftlerin anzusehen.
    Denn zur "... Ausrichtung des Handelns an wissenschaftlichen Ergebnissen"
    gehört zun einmal auch die Bewertung.


    Yonan-Biographie 1993 hat Gabriele Yonan eine Broschüre für die Ausländerbeauftragte der Berliner Senats geschrieben. Titel: Einheit in der Vielheit - Weltreligionen in Berlin.
    In dieser Broschüre heißt es über die Autorin:
    ZUR AUTORIN
    Gabriele Yonan, geboren 1944, wuchs in Berlin (Ost) auf und studierte ab 1970 an der Freien Universität Berlin Iranistik, lslamistik, Arabistik, Semitistik und Religionsgeschichte.
    Seit 1978 veröffentlicht sie Bücher, Autsätze und Gutachten über
    religiöse und nationale Minderheiten und engagierte sich in der
    Menschenrechtsarbeit und Asylfragen.

    Von einem Dr.-Titel also keine Rede.



    Wer ist Frau Yonan?
    Dazu auch unten der Artikel: Die Brieffreundin des Unabombers
    Berliner Morgenpost 21. Januar 1998 

     
     

    Introvigne und CESNUR



    Andere Internet-Seiten zum Thema:
    Miguel Martinez befaßt sich in einer italienischen Website (in deutscher Sprache) mit Introvigne und CESNUR:
    Thomas Gandow (Berliner Dialog ) bezichtigt Introvigne: Die APA-Lüge - ein Wissenschaftsskandal


     
    Dr. Michael Fuss, Professor an der päpstlichen Universität Gregoriana und verantwortlicher Herausgeber des Sammelbandes "Rethinking New Religious Movements" (792 Seiten) hat zum Abschluß eines siebenjährigen Forschungsprojektes und Konsultationsprozesses der Römisch-Katholischen Weltkirche, einen Artikel "Neue Religiöse Bewegungen" verfaßt, der im Heft 3/4-1999 (Epiphanias 2000) der Zeitschrift "Berliner Dialog" veröffentlicht wurde. 
    In diesem Artikel schreibt er über CESNUR
    "In Zusammenarbeit mit akademischen Instituten in verschiedenen Ländern ist auf europäischer Ebene vor allem das weltweit operierende Institut CESNUR (Turin) als direkte Lobby einer undifferenzierten Gleichstellung aller sich selbst im weitesten Sinn als Religionen proklamierenden Gruppierungen hervorgetreten. Sein Sendungsanspruch einer rigorosen Wissenschaftlichkeit richtet sich in polemischer Frontstellung vor allem gegen die Dominanz der Kirche sowie gegen Organisationen von Elterninitiativen, deren kritische Beiträge zur Problematik schlichtweg als unwissenschaftlich disqualifiziert werden. Allerdings sind die Aktivitäten von CESNUR mittlerweile immer deutlicher in ihrer Parteilichkeit als massive Stellungnahmen zugunsten der konfliktträchtigen Orientierungen entlarvt."



    CESNUR

    CESNUR stellt sich als religionswissenschaftliche Einrichtung dar.
    Chef ist Massimo Introvigne, der folgerichtig oft für einen Religionswissenschaftler gehalten wird.



    Professor Dr. Hubert Seiwert, Religionswissenschaftler an der Universität Leipzig
    schreibt in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.9.96 unter dem Titel
    "Wie weit reicht die Religionsfreiheit? Der Guyard-Bericht und die Sektendebatte in Frankreich".
    (Der vollständige Artikel ist unten wiedergegeben).
    Seiwert war damals als Sachverständiger Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestages.
    Seiwert:
     "Die wissenschaftliche Kompetenz der Autoren ist über jeden Zweifel erhaben. es handelt sich um anerkannte Spezialisten auf dem Gebiet der Sektenforschung. Introvigne ist Direktor des Zentrums für das Studium neuer Religionen (Cesnur) in Turin, Melton Direktor des Instituts für die Erforschung amerikanischer Religionen (Isar) in Santa Barbara. In der Einleitung stellen beide Herausgeber fest, daß nach ihrer Kenntnis kein einziger auf diesem Forschungsgebiet ausgewiesener Wissenschaftler den Guyard-Bericht und seine Methoden positiv beurteilt habe. Jedoch gebe es Tausende von Spezialisten. Wenn, was statistisch zu erwarten sei, irgendwo auf der Welt ein Religionswissenschaftler oder Soziologe diesen Parlamentsbericht und seine Methoden unterstütze, sei er herzlich eingeladen, sich in einer der internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften an der Diskussion zu beteiligen.
    Durch diese für eine wissenschaftliche Publikation ungewohnte Provokation wurde der Guyard-Rapport endgültig von einer innenpolitischen zu einer internationalen Angelegenheit".
    Soweit Professor Seiwert, vgl. auch Der Guyard-Rapport: Echos


    Rat an die Enquete-Kommission des deutschen Bundestages
    Introvigne hat sich mit einem Fax vom 7.5.96 an "den Präsidenten des Bundestages und die Vorsitzenden der politischen Gruppierungen im Bundestag" ("to the President of the Bundestag in Germany and to the Chairpersons of the five political party groups in the Bundestag") gewandt. Überschrift: " 'Cults' in Germany: Discrimination or Tolerance?" Darin erteilt er der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages den Rat,
    "not to take any action on this extremely delicate subject without hearing the advice of experts recognized by the international academic community  .... CESNUR ... would be pleased to offer its assistance"
    (auf diesem extrem delikaten Gebiet nichts zu unternehmen, ohne den Rat von Experten zu hören, die durch die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft anerkannt sind ... CESNUR ... bietet gern Hilfe an).
    Das hatte Erfolg. Im Bericht der Enquete-Kommission (S. 267) ist "Prof. Dr. Massimo Introvigne" als Teilnehmer der Anhörung vom 5. Juni 1997 erwähnt.

    Introvignes Beruf
    Introvigne ist von Beruf Rechtsanwalt.
    Selbstverständlich ist nichts dagegen einzuwenden,
    daß ein Rechtsanwalt sich mit diesen Themen befaßt.
    Introvigne erweckt jedoch den Eindruck, als sei er Religionswissenschaftler.

    Das Anwaltsbüro, bei dem Introvigne in Turin tätig ist, hat seinen Lebenslauf  ins Internet gesetzt. Introvigne wurde 1955 geboren. Seinen Dr.jur. hat er an der Universität von Turin gemacht. Sein Spezialgebiet ist der gewerbliche Rechtsschutz. Er ist Repräsentant des OHIM (Community Trademarks Office). Er hat über den Schutz von Computer-Programmen geschrieben sowie über Handel und Werbung sowie über vorläufigen Rechtsschutz bei unlauterem Wettbewerb.
    Also ein Wirtschaftsanwalt.


    Introvigne Professor?
    Jeder berufliche Erfolg wird also in der Biographie akribisch aufgelistet.
    Es fehlt jedoch jeder Hinweis darauf, daß Introvigne Professor ist.
    Er sei Assistent an der Universität Turin gewesen, heißt es vielmehr.

    Ein Professorentitel ist für einen Rechtsanwalt die beste Werbung.
    Es ist kaum vorstellbar, daß jemand seine Spezialgebiete aufzählt,
    dann aber den Professorentitel vergißt.

    Die Eintragung wurde im Sommer 98 aus dem Internet geladen.
    Sollte er seither zum Professor geworden sein?

    Auch Tilman Hausherr war aufgefallen, daß Introvigne einen Professorentitel benutzte, ohne daß etwas über eine Tätigkeit an einer Universität bekannt war. Tilman Hausherr betreibt eines der umfangreichsten Internet-Angebote zum Thema Sekten.

    Hausherr schrieb an Introvigne.
    Introvigne antwortet:
    "Was den Titel 'Professor" betrifft, finden Sie mich im "Katalog der Professoren und Dozenten des Pontifici Atenei Romani", jüngste Ausgabe ..... Seite 207, aufgeführt unter dem Buchstaben I". Hausherr fragt nach: "... und was ist mit den Ausgaben 1997, 1998, und 1999? Sind sie dort nicht mehr aufgeführt?
    Introvigne empört: "Genug ist genug". Aber immerhin: "1996 war die letzte Ausgabe".

    Verwunderlich ist allerdings, daß er überhaupt auf einen Katalog verweist. Es wäre doch einfach gewesen, zu schreiben, wer ihn wann und wo zum Professor für was gemacht hat.

    Wenn jemand bezweifeln würde, daß ich Volljurist bin, dann würde ich die entsprechende Urkunde in den Scanner legen und nach wenigen Minuten hätte der Interessent eine elektronische Kopie in seinem Computer. Daraus geht hervor, welche Behörde die Urkunde ausgestellt hat und dort kann man sich dann ja vergewissern, daß diese nicht gefälscht ist.

    Eines jedenfalls ist damit klargestellt: 1998, als sein Lebenslauf nichts von einer Professur sagte, war er demnach schon jahrelang Professor.


    Artikel pro Scientology
    Warenzeichenrecht und Urheberrecht sind die Grundlage des Scientology-Konzerns. Auf diesen Gebieten ist Introvigne Spezialist. Da konnte es wohl kaum ausbleiben, daß die Scientology-Organisation auf ihn aufmerksam wurde.

    Ein Artikel ist im Internet an einer Stelle veröffentlicht, an der sonst nur Scientology-freundliche Gutachten aufgeführt werden.
    Dort findet sich ein Text von Introvigne:
    RELIGIOUS LIBERTY IN EUROPE,
    http://www.newreligion.emu.id.au/ENG/Introvigne/index.htm
    Prof.  Massimo Introvigne Center for Studies on New Religions (CESNUR), Turin, Italy December 1, 1997

    Bättert man den Text elektronisch durch,
    landet man am Ende
    http://www.newreligion.emu.id.au/ENG/Introvigne/book27.htm
    bei einer "FAQ"-Liste.
    Das sind "freqently asked questions", also oft gestellte Fragen und Antworten darauf.

    Frage 1: Wie kommen die Leute zu Scientology?
    Antwort: Oft durch Gespräche, manchmal durch das Lesen von Büchern ...
    Frage 2: Hat L. Ron Hubbard mit Scientology viel Geld verdient?
    Antwort: Wie andere Autoren auch hat er sein Geld mit den Tantiemen für seine Bücher verdient ....
    Tilman Hausherr hat Introvigne danach gefragt und ihn darauf hingewiesen, daß dieser Text identisch ist mit den FAQs, die in der Scientology-Website http://faq.scientology.org wiedergegeben sind.
    Introvignes Antwort vom 20.1.99:
    "Ich habe diese FAQs nicht geschrieben und es sind auch keine Zitate von mir. Ich glaube aber nicht, daß es ein Gesetz gibt, welches Scientology oder sonst jemanden daran hindert, "Introvigne" als Teil einer URL zu verwenden".
    Eine URL ist die Adresse einer Internet-Seite.
    Introvignes Äußerung ist unverständlich.
    Unter dieser Adresse
    http://www.newreligion.emu.id.au/ENG/Introvigne/index.htm
    ist Introvignes Artikel zu finden.
    Es ist also normal, daß diese Adresse seinen Namen enthält.

    Es geht natürlich nicht um seinen Namen in der URL.
    Es geht vielmehr darum,
    weshalb sich ein Scientology-Text am Ende eines Artikels findet, der von ihm stammt.

    Namensrechte und Persönlichkeitsrechte gibt es in allen Ländern.
    Er hätte die Inhaber dieser Website mindestens auffordern können,
    die Scientology-Werbung aus der Seite mit seinem Artikel herauszunehmen
    oder deutlich zu kennzeichnen, daß beides nicht zusammengehört.
    Oder er hätte die Wiedergabe seines Artikels in dieser Website verbeiten können.



    In einem weiteren Punkt hatte Tilman Hausherr Grund zur Verwunderung:
    Er hatte den Bericht der Enquete-Kommission des Bundestages
    für das Internet aufbereitet, also in den HTML-Standard umgearbeitet.
    Der Bericht selbst ist gem. § 5 des Urheberrechtsgesetzes als amtliches Dokument frei.
    Die Umsetzung in den HTML-Standard jedoch nicht.
    CESNUR hat diesen Text ohne jeden Hinweis kopiert
    und in die eigene Website übernommen.



    Wohl niemand produziert derzeit mehr Artikel, als Introvigne.
    Im Kern kritisert er allerdings lediglich die Sekten-Kritiker.
    Deren Arbeitsweise und deren Wortwahl.
    Besonders, wenn diese das Wort Sekte benutzen.

    CESNUR befaßt sich auch mit den Berichten von Regierungen und Parlamenten, die sich mit Sekten befassen ("cult reports").

    Cult reports werden in Typ I und Typ II unterteilt.
    Typ I ist beispielsweise Frankreich 1998: nicht akzeptabel.
    Typ II ist Deutschland 1998, Italien 1998, Schweden 1998.
    Typ II enthält keine Listen "gefährlicher Kulte" und berücksichtigt die wissenschaftliche Kritik des Anti-Kult-Paradigmas.
    (Quelle: www.cesnur.org/Ticino_Engl.htm).


    In einer Frage verhält Introvigne sich wie ein Prozeßjurist.
    Bei Thema psychische Beeinflussung, Gehirnwäsche, mentale Programmierung:
    Er bestreitet ganz einfach, daß es so etwas gibt.



     

    Die Brieffreundin des Unabombers
    Berliner Morgenpost 21. Januar 1998

    Warum eine Berliner Orientalistin
    dem einst meistgesuchten Mann der USA in die Zelle schreibt
    Von Peter Schubert
    -------------------
    Auf dem Boden ihres Arbeitszimmers hat Dr. Gabriele Yonan acht dicke Aktenordner ausgebreitet. Aus dem zweiten Leitzhefter fingert die 53jährige Orientalistin und Religionswissenschaftlerin ganz behutsam - fast so, als hantiere sie mit Sprengstoff - eine Klarsichtfolie. Darin steckt ein mit Bleistift verfaßter Brief aus dem Main-County-Jail von Sacramento. Laut Poststempel der US-Mail wurde das Schreiben an Dr. Yonan am 6. August 1996 aufgegeben. Absender ist Häftling "X-REF 3 165 854" - Theodore John Kaczynski, Amerikas mutmaßlicher Unabomber.

    Kein ungefährliches Dokument. Denn 17 Jahre soll Kaczynski die USA mit Briefbomben terrorisiert haben. Adressaten seiner tödlichen Post waren zumeist Universitäten und Airlines, weshalb das FBI Kaczynski, auch den Spitznamen "Unabomber" verpaßte. Drei Menschen wurden bei seinen 16 Anschlägen getötet, 23 schwer verletzt. Jetzt wird "dem meistgesuchten Mann der USA" in Kalifornien der "Prozeß des Jahrhunderts" gemacht. Ihm droht die Todesstrafe.

    Unvorstellbar, daß der "verrückte Professor", der jahrelang wie ein Eremit in einer Holzhütte in den Bergen Montanas hauste, nun ausgerechnet zu einer Wissenschaftlerin in Berlin Vertrauen faßte. Dr. Yonan, die einzige "Brieffreundin" des Unabombers auf der Welt?

    "Um eines gleich unmißverständlich klarzustellen", insistiert die Wilmersdorferin, "ich gehöre keineswegs zu den einsamen Frauen, die Mördern Liebesbriefe in die Todeszelle schicken." Es waren die Berichte über die spektakuläre Festnahme Kaczynskis vom 3. April 1996, die die Mitarbeiterin der "Gesellschaft für bedrohte Völker" aufhorchen ließen.

    "Mein Vater hat 1919 auch in Montana gelebt, bevor er sich für die Rückkehr nach Deutschland entschied", erklärt Dr. Yonan. "Ich war sofort angestachelt, fing an, nächtelang im Internet alle Berichte über den Unabomber zu studieren." Dabei störte sie, daß "immer nur der Kriminalfall im Vordergrund" stand. Die Öffentlichkeit habe Kaczynski, der Ende der 60er Jahre in Berkeley/Kalifornien noch spröde Vorlesungen über "Grenz- und Raumfunktionen" gehalten hatte und damals von Kollegen bereits als ein künftiger Anwärter auf den Nobelpreis für Mathematik gehandelt wurde, voreilig "als schizophren und wahnsinnig abgestempelt" und seine "technologiefeindlichen Beweggründe und Gesellschaftskritik bewußt ausgeblendet". 1971 hatte sich der weltfremde Wissenschaftler für den Ausstieg entschieden und wie ein Einsiedler im Wald verkrochen.

    "Mich erinnert Kaczynskis Geschichte an Dostojewskis Romanfigur Raskolnikow, der zuerst seinen Aufsatz ,Über das Verbrechen' verfaßt und veröffentlicht, um dann seine Theorie in die Praxis umzusetzen", sagt sie. Im Juni 1996 jedenfalls, einen Tag nachdem Kaczynski aus Montana in eine Hochsicherheitszelle des Hauptgefängnisses von Sacramento überstellt wird, verfaßt Dr. Yonan einen Essay mit dem Titel "Der Unabomber oder Amerikas Gerechtigkeit" und schickt ihm das deutsche Manuskript zur Lektüre. Der Unabomber kann deutsch.

    Kaczynski, von dem seit seiner Verhaftung kein einziges Dokument in die Öffentlichkeit gelangte, antwortet Frau Yonan am 30. Juli 1996. Das knappe Schreiben hat es in sich: "Ich bin dankbar für Ihre Briefe - bitte schreiben Sie weiter. Ich werde gegenwärtig nicht mehr sagen als dies, da ich unter dem Druck meiner Anwälte stehe, die Kommunikation mit der Außenwelt auf ein Minimum zu beschränken. Ich bin sicher, sie würden es nicht wollen, daß ich Besuch von Ihnen bekomme.
    Mit Dank für Ihre Unterstützung,
    Ted Kaczynski."

    Wie brisant der Brief ist, wird Dr. Yonan spätestens deutlich, als sich wenig später Quin Denvir, einer der beiden Pflichtverteidiger Kaczynskis, an sie wendet. Denvir fordert sie auf, "nichts mehr über den Fall von Theodore Kaczynski zu veröffentlichen", weil das "seine Schwierigkeiten mit dem Gesetz nur noch verschlimmern" würde.

    Offenkundig, so vermutet Gabriele Yonan, ist der Brief den Anwälten beim Versuch, Kaczynski völlig abzuschirmen, einfach durchgerutscht. Nachdem wohl keinerlei Zweifel mehr daran besteht, daß Kaczynski wirklich der Unabomber ist, kann die Strategie der Verteidiger nur noch darin bestehen, auf Unzurechnungsfähigkeit und somit verminderte Schuldfähigkeit ihres Mandanten zu plädieren. Jegliches Schriftstück, jede noch so unbedachte Aussage könnte der Staatsanwaltschaft deshalb als Gegenbeweis dienen. Bisher lehnt es Kaczynski strikt ab, sich psychiatrisch untersuchen zu lassen.

    Um nicht die Verteidigungsstrategie zu durchkreuzen, schwieg Dr. Yonan bislang darüber, wohl als einzige von Kaczynski Post erhalten zu haben, schrieb ihm aber weiter.

    Nun aber glaubt sie, darüber sprechen zu können, da Kaczynski aus Sicht der amerikanischen Zeitungen ziemlich unerwartet, aber pünktlich zum Prozeßbeginn "eine neue Bombe gezündet" hat. Dem verdutzten Richter erklärt der geniale Mathematiker (mit dem Intelligenzquotienten 170), daß er "kein Vertrauen zu seinen Anwälten" habe, und er "alles andere als verrückt" sei. Tony Serra, berühmter Strafverteidiger aus San Francisco, so fordert Kaczynski, solle ihn verteidigen. Dr. Yonan hatte Kaczynski in einem ihrer Briefe auf den linken Staranwalt aufmerksam gemacht. Bundesrichter Garland Burrel lehnt dieses Manöver zwar als verspätet ab, will aber am nächsten Verhandlungstag, am 22. Januar, verkünden, ob Kaczynski kompetent ist, sich selbst zu vertreten.

    Dr. Yonan, die wohl wie kein anderer in Deutschland mit dem Unabomber-Verfahren vertraut ist, "zweifelt kaum daran, daß Kaczynski ein Gerichtsspektakel veranstalten wird". "Der will lieber agitieren, als am Leben bleiben", glaubt sie, "er wird nichts abstreiten, sondern aus seinem Manifest von 1995 zitieren und publikumswirksam die industrielle Gesellschaft als Bedrohung der Menschheit anprangern".

    Die "New York Times" hatte sich auf Verlangen Kaczynskis durchgerungen, dieses Manifest "Industriegesellschaft und ihre Zukunft" am 19.September 1995 zu veröffentlichen, um weitere Bombenanschläge zu verhindern. Einer der vielen Millionen Leser war David Kaczynski, der Bruder des mutmaßlichen Unabombers. Er gab den Behörden den entscheidenden Tip, der schließlich nach wochenlanger Beobachtung zur Festnahme des Unabombers führte.

    Gabriele Yonan hat das Manifest 1997 übersetzt und im Internet erstmals auf Deutsch veröffentlicht. "In seinen Worten spricht Kaczynski darin nichts anderes aus als vor ihm bereits Joseph Weizenbaum, Stanislaw Lem, Rudolf Bahro oder gar der Club of Rome", urteilt Dr. Yonan, "auch sie warnten vor den Gefahren der Hochtechnologie und dem unbegrenzte Wachstum, griffen anders als K. allerdings nie zu Sprengstoff."

    Aus Dr. Yonans Sicht ist Kaczynski "zweifelsohne schwer gestört". Daß der "mad genius", das verrückte Genie, für seine Anschläge strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden muß, steht auch für sie "außer Frage". "Unvorstellbar" für sie ist hingegen, daß Kaczynski zum Tode verurteilt werden könnte. Sie verweist auf jüngste Meldungen, wonach in den USA Forscher ernsthaft das Klonen von Menschen erwägen und sagt: "Wer weiß, ob Kaczynski mit seiner radikalen Ablehnung der Technologie nicht in 50 oder 100 Jahren als Widerstandskämpfer verehrt wird."





    Zum nachfolgen Artikel vgl. auch das Buch:
    Introvigne, Massimo: Schluß mit den Sekten!: Die Kontroverse über "Sekten" und neue religiöse Bewegungen in Europa.
    Herausgegeben und eingeleitet von Hubert Seiwert
    Diagonal-Verlag 1998 ISBN 3-927165-50-6

    Zum Thema auch Ingo Heinemann:  Der Guyard-Rapport: Echos


    FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.9.96

    Wie weit reicht die Religionsfreiheit?
    Der Guyard-Bericht und die Sektendebatte in Frankreich
    Von Professor Dr. Hubert Seiwert

    Die immer wieder aufflammende Diskussion über Sekten im allgemeinen und Scientology im besonderen scheint in Deutschland in diesem Jahr eine neue Qualität zu erhalten. Die Einsetzung einer Enquete-Kommission über "Sogenannte Sekten und Psychokulte" durch den Bundestag ist ein Signal, daß sich die Politik mit Nachdruck des "Sektenproblems" annehmen will. Das amerikanische Repräsentantenhaus hat festgestellt, in Deutschland werde durch öffentliche und auch staatlich gebilligte Diskriminierung von Mitgliedern der Scientology-Kirche gegen das Prinzip der freien Religionsausübung und damit gegen die Menschenrechte verstoßen. Das "Sektenproblem" hat damit auch eine außenpolitische Dimension gewonnen.

    Welche Debatten dazu in Deutschland möglicherweise noch bevorstehen, kann ein Blick auf die Diskussion in Frankreich zeigen. Die französischen Parlamentarier sind den deutschen um Jahre voraus. Während mit dem Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages erst in zwei Jahren zu rechnen ist, hat eine vergleichbare Kommission der französischen Nationalversammlung ihren Bericht schon im Dezember letzten Jahres vorgelegt. Der nach dem  Berichterstatter als "Guyard-Rapport"  bekanntgewordene Untersuchungsbericht kommt zwar zu dem Ergebnis, daß es nicht angezeigt sei, neue Gesetze zu schaffen, weil dadurch die Gefahr bestehe, daß in allgemeine Freiheitsrechte eingegriffen werde. Das bestehende rechtliche Instrumentarium biete genügend Möglichkeiten, mit den von Sekten ausgehenden Gefahren umzugehen. Gleichwohl hat der Guyard-Bericht die auch in Frankreich schon seit Jahren andauernde Diskussion neu entfacht. Anders als in der Vergangenheit wurden dieses Mal jedoch Stimmen laut, die heftig Kritik sowohl am Guyard-Bericht als auch an der Behandlung des Sektenproblems durch die Medien und Politiker übten.

    Die Kritik kommt aus zwei verschiedenen Richtungen. Einerseits wurden die juristischen Implikationen des Reports und die politischen Schlußfolgerungen des Justizministeriums kritisiert und erhebliche verfassungsrechtlich Bedenken geäußert. Andererseits meldeten sich Soziologen und Religionswissenschaftler zu Wort, die den Bericht als wissenschaftlich nicht fundiert, inkompetent und parteiisch kritisierten.

    Man wird den Guyard-Bericht schwerlich als ein Werk ansehen können, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Das ist offensichtlich auch nicht der Anspruch der Kommission. Bei der schwierigen, aber fast alles entscheidenden Frage, was überhaupt als "Sekte" anzusehen sei, wählt die Kommission keinen wissenschaftlichen, sondern einen "ethischen" Ansatz. Sie sieht eine Bewegung, "die sich als religiös darstellt", dann als "Sekte" an, wenn eines oder mehrere von zehn Kriterien erfüllt sind, darunter die "mentale Destabilisation" der Mitglieder und der Versuch, die öffentlichen Instanzen zu infiltrieren. Der Begriff der Sekte wird damit zu einer rein wertenden Kategorie: Als "Sekte" wird jede religiöse Gruppierung bezeichnet, von der (vermeintlich oder tatsächlich) Gefahren für Individuen oder die Gesellschaft ausgehen.

    Offenbar auf der Basis dieser Kriterien wird eine Liste von 172 Sekten vorgelegt, die zur Zeit in Frankreich aktiv seien, allerdings haben nur zehn davon mehr als zweitausend Mitglieder. Als die bei weitem mitgliederstärkste Gruppe werden die Zeugen Jehovas angeführt, die als einzige mehr als zehntausend Mitglieder haben. Der Bericht verzichtet darauf, in jedem Einzelfall die Anwendbarkeit der selbst aufgestellten Kriterien zu belegen. Es kann deshalb nicht nachvollzogen werden, weshalb einzelne Gruppen  - wie etwa die der Anthroposophie nahestehende Christengemeinschaft oder einige evangelikale Gruppen - in diese Liste der gefährlichen Sekten aufgenommen wurden.

    Die französische Öffentlichkeit reagierte leicht irritiert, als noch vor der Behandlung des Guyard-Berichts in der Nationalversammlung die Französische Vereinigung für Religionssoziologie Anfang Februar in Paris ein internationales Kolloquium veranstaltete und mit heftiger Kritik an dem Kommissionsbericht an die Öffentlichkeit trat. Jean Bauberot, ein angesehener Soziologe am Centre National de Recherche Scientifique, warf der Kommission vor, bei ihrer Arbeit keinen einzigen mit der Thematik befaßten Soziologen oder Religionswissenschaftler gehört zu haben. Der Bericht behandele in falscher und simplifizierender Weise ein höchst komplexes Phänomen, wobei sich die Kommission auf falsche, überholte und unvollständige Informationen stütze. Auf dieser Basis sei eine "schwarze Liste" von Bewegungen erstellt worden, von denen zum großen Teil keinerlei Gefahr ausgehe. Zwar werde nicht bestritten, daß eine kleine Zahl von religiöser Gruppen gegen bestehende Gesetze verstoße. Damit lasse sich jedoch nicht rechtfertigen, daß der Guyard-Bericht Hunderte vor religiösen Gruppierungen kriminalisiere.

    Wenn die Wissenschaftler erwartet haben sollten, mit ihrer Kritik auf breite Zustimmung zu stoßen, so hatten sie sich geirrt. Die Zeitungen berichteten zwar ausführlich darüber, aber mit spürbarer Distanz. Der Beitrag in "Le Monde" schloß mit der Bemerkung, daß angesichts der von einigen Sekten ausgehenden Bedrohung jetzt sicher noch nicht der Zeitpunkt gekommen sei, die Wachsamkeit gegenüber dem wachsenden Einfluß der Sekten zu verringern. Damit wurde sicher die Meinung der Mehrheit ausgedrückt. Ende Februar ließ der Justizminister ein Rundschreiben an die Staatsanwaltschaften versenden, in dem diese im Sinne des Berichts angewiesen wurde, mit Entschiedenheit gegen Sekten vorzugehen.

    Im April veröffentlichte Alain Garay, Jurist am Pariser Appellationsgericht, in der angesehenen juristischen Wochenzeitschrift "La Semaine Juridique" eine Kritik am Erlaß des Justizministers. Er warf ihm fehlende juristische Präzision vor. Es gebe keine juristische Definition von "Sekte" und das französische Recht unterscheide nicht zwischen verschiedenen Arten von Religionen. Aufgabe der Staatsanwaltschaften sei es, Verstöße gegen bestehende Gesetze zu verfolgen, gleichgültig, von wem sie begangen würden.

    Der Jurist Garay beließ es jedoch nicht bei dieser formalen Kritik am Erlaß des Justizministers, sondern wandte sich in einer ausführlichen Analyse dem grundsätzlichen Problem des Verhältnisses von Sekten, Staat und privaten Interessengruppen zu. In der "Gazette du Palais", einer vielgelesenen juristischen Monatszeitschrift, stellt er fest, daß die Politik bei der Behandlung dcs Sektenproblems versagt habe, indem sie sich dem Druck und dem öffentlichen Informationsmonopol von privaten Interessengruppen ausgeliefert habe. Verschiedene Interessengruppen von Sektengegnern, insbesondere die Union national des Associations de defence des Familles et de I'individu (Nationale Union der Vereinigungen zur Verteidigung der Familien und des Individuums) und das Centre contre les Manipulations Mentales (Zentrum gegen mentale Manipulationen), sei es gelungen, sich als in der Öffentlichkeit anerkannte "Experten" zu etablieren. Garay sieht eine Gefahr darin, daß auch der Staat diesen Experten, die in keiner Weise legitimiert seien, die Definitionsmacht darüber überlasse, welche religiösen Gruppierungen als "Sekte" und damit als gefährlich anzusehen sei. Die Antisekten-Bewegung maße sich an, die Methoden der Justiz zu kopieren und gleichsam Urteile über religiöse Gruppen zu fällen, freilich ohne daß dabei auch nur die elementarsten juristischen Regeln eingehalten würden. So würden beispielsweise grundsätzlich nur belastende, niemals aber entlastende Tatsachen angeführt, und den Beschuldigten werde keine Gelegenheit zur Verteidigung gegeben. Eine solche Privatisierung der Rechtsetzung stelle eine ernste Bedrohung des rechtsstaatlichen Charakters der Republik dar. Der Staat dürfe nicht zulassen, daß bei einem so kontroversen gesellschaftlichen Problem wie den Sekten die Definitionsmacht über die Legitimität einzelner religiöser Gruppen in der Hand privater Interessenvereinigungen liege. Als wichtigste Maßnahme zum Schutze des Rechtsstaates forderte Garay deshalb die Einrichtung einer staatlichen Beobachtungs- und Konsultationsstelle, die mit den entsprechenden  Forschungseinrichtungen an Universitäten zusammenarbeiten müsse.

    Mit der Forderung nach einer staatlichen Beobachtungsstelle griff Garay einen Vorschlag des Monsignore Vernette auf, des Sektenbeauftragten des französischen Episkopats. Sie war jedoch zuvor auch schon im Guyard-Bericht erhoben worden. Es war deshalb sicher keine Reaktion auf Garays Beitrag, als Anfang Mai Premierminister Juppe eine interministerielle Sektenbeobachtungsstelle einrichtete. Allerdings war wenige Tage zuvor bereits auf private Initiative eine Nationale Beobachtungsstelle zum Studium von Sekten gegründet worden, die sich hauptsächlich aus Juristen zusammensetzt. Damit wurde die Auseinandersetzung um eine neue Dimension erweitert, eine Dimension, die nur vor dem Hintergrund des traditionellen Antiklerikalismus großer Teile der französischen Intellektuellen verständlich ist.

    Verschiedene Journalisten glaubten, die Nationale Beobachtungsstelle, die sich offensichtlich nicht die Position militanter Sektengegner zu eigen gemacht hat, als eine Fünfte Kolonne des Vatikans enttarnen zu können. In der Tat ist der Vorsitzende Jean-Marc Florand ein bekannter katholischer Jurist. Freilich dürfte die Tatsache, daß er, wie der Publizist Serge Faubert in seiner Kritik bemerkt, als "eifriger Verteidiger von Homosexuellen" aufgetreten ist und regelmäßig die Zeugen Jehovas verteidigt, kaum geeignet sein, ihn als Sprachrohr des Papstes zu identifizieren.

    Gleichwohl ist unverkennbar. daß im französischen Episkopat erhebliche Bedenken gegen die in Frankreich übliche undifferenzierte Kritik an Sekten und religiösen Minderheiten bestehen. Ob dahinter der Einfluß des Opus Dei zu suchen ist, wie die antiklerikale Kritik behauptet, sei dahingestellt. Möglicherweise besteht bei französischen Katholiken auch nur eine ausgeprägte Sensibilität dafür, daß die öffentlichen Angriffe gegen religiöse Gruppen sich von rechtsstaatlichen Beschränkungen weitgehend frei gemacht haben und so unversehens auch zur Bedrohung für die katholische Kirche werden könnten. Ein Artikel in der Wochenzeitschrift "Charlie Hebdo", der sich gegen die "papistische" Nationale Beobachtungsstelle wendet, trägt den Titel "Wenn die katholische Sekte ihre kleinen Konkurrenten beobachtet" und signalisiert damit eine Stoßrichtung, in der alle Religionen letztlich nicht anders als Sekten bewertet werden.

    Es besteht so die für deutsche Beobachter ungewohnte Konstellation, daß sich katholische Juristen zusammen mit Soziologen und Religionswissenschaltlern gegen die in der Offentlichkeit vorherrschenden pauschalen Anschuldigungen gegen religiöse Minderheiten wenden. Den Sektengegnern wird vorgeworfen, mit ihrer undifferenzierten und deshalb sachlich in vielen Fällen ungerechtfertigten Kritik ein Klima der "Hexenjagd" geschaffen zu haben und dabei ein Maß an Aggressivität und Intoleranz an den Tag zu legen, das dem entspreche, was zu bekämpfen sie vorgäben. Die Sektengegner revanchieren sich auf ihre Art für diese Kritik und unterstellen nicht nur den katholischen Juristen, sondern auch den Wissenschaftlern, das Geschäft des Vatikans zu betreiben.

    Anlaß für die jüngsten Vorwürfe dieser Art ist ein von Massimo Introvigne und Gordon Melton herausgegebener Sammelband, der im Juni erschien und in dem sich insgesamt 22 Wissenschaftler aus verschiedenen  Staaten sehr kritisch  mit dem Guyard-Bericht auseinandersetzen (Pour en finir avec es sectes. Le debat sur le rapport de la commission parlementaire). Die wissenschaftliche Kompetenz der Autoren ist über jeden Zweifel erhaben, es handelt sich um anerkannte Spezialisten auf dem Gebiet der Sektenforschung. Introvigne ist Direktor des Zentrums für das Studium neuer Religionen (Cesnur) in Turin, Melton Direktor des Instituts für die Erforschung amerikanischer Religionen (Isar) in Santa Barbara. In der Einleitung stellen beide Herausgeber fest, daß nach ihrer Kenntnis kein einziger auf diesem Forschungsgebiet ausgewiesener Wissenschaftler den Guvard-Bericht und seine Methoden positiv beurteilt habe. Jedoch gebe es Tausende von Spezialisten. Wenn, was statistisch zu erwarten sei, irgendwo auf der Welt ein Religionswissenschaftler oder Soziologe diesen Parlamentsbericht und seine Methoden unterstütze, sei er herzlich eingeladen, sich in einer der internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften an der Diskussion zu beteiligen.

    Durch diese für eine wissenschaftliche Publikation ungewohnte Provokation wurde der Guyard-Rapport endgültig von einer innenpolitischen zu einer internationalen Angelegenheit. Es ist gegenwärtig nicht absehbar, welchen Einfluß dies auf die inner-französische  Diskussion  nehmen  wird. Nicht zu erwarten ist, daß die Sektengegner die Herausforderung auf wissenschaftlichem Gebiet annehmen werden. Erste Reaktionen deuten vielmehr darauf hin, daß die Diskussion nicht mit wissenschaftlichen Methoden, sondern nach den Regeln der political correctness geführt werden wird. Hier dürften die Wissenschaftler einstweilen die schlechteren Karten haben.
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    Der Autor ist Religionswissenschaftler an der Universität Leipzig.
     
     



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