Ingo Heinemann: Scientology-Kritik
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Zuletzt bearbeitet am 4.7.2007
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Ausgebeutet und betrogen von Scientology
Die Karriere einer Angestellten der Scientology-Sekte


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Ingo Heinemann:

AUSGEBEUTET UND BETROGEN

DIE KARRIERE EINER ANGESTELLTEN
DER SCIENTOLOGY-SEKTE



(Erstveröffentlichung als Manuskript 1983)

Vorwort

Seit 1976 habe ich der Scientology-Sekte Betrug vorgeworfen (ABI-Info Nr. 59). Damals ging es um das E-Meter, ein primitives Psychogalvanometer, welches bei einem geschätzten Herstellungspreis von damals ca. 50.- DM für 700.- DM verkauft wurde. Der Preis dieses Gerätes vervielfachte sich noch und ein Nachfolgegerät kostete schließlich sagenhafte 5.000.- DM. Dem Betrug ist hier noch ein weiterer Vorwurf hinzuzufügen: Wucher.

Aber nicht nur die Kunden der Scientology-Sekte werden ausgebeutet, sondern in einem noch größeren Maße ihre Angestellten. Geködert werden diese mit dem Angebot, neben der Arbeit kostenlos "studieren" und so die Persönlichkeit weiterzubilden und zugleich die Welt retten zu können. Dafür nehmen sie in Kauf, mit einem Monatsgehalt von ca. 300.- DM zurechtkommen zu müssen und wenn überhaupt, dann merken sie erst recht spät, daß es sich bei dem angeblichen Studium um nichts anderes handelt, als um Mitarbeiter-Fortbildung.

Schlimm wirds, wenn der Mitarbeiter von seinem gesetzlichen Kündigungsrecht Gebrauch machen willl: dann wird - der Rechtslage zuwider - behauptet, er habe den Vertrag gebrochen und müsse nun nachträglich die Kosten für das "Studium" tragen: 16.000.- DM Vertragsstrafe sollte eine junge Münchnerin bezahlen, nachdem sie in den 27 Monaten zuvor sechs Tage die Woche je zwölf Stunden arbeiten mußte und dafür kaum 260.- DM monatlich erhielt.

Eine Ex-Scientologin verschickte an ihre ehemaligen Kollegen einen Fragebogen u.a. mit der Frage, ab man "durchgehend mehr als zwischen DM 50.- bis DM 100.- wöchentlich bei einer 50 bis 70 Stundenwoche" verdient habe.

Scientology-"Kirche": Arbeitsverträge sittenwidrig und wucherisch

Nach meinen Schätzungen macht die Scientology-Sekte in der Bundesrepublik einen Jahresumsatz von über 50 Millionen DM und weltweit über 1 Milliarde DM. Die Gewinnspanne zwischen wucherischen Preisen bis 3.400.- DM pro Stunde und wucherischen Löhnen in Form des sog. Lohnwuchers von ca. 250.- DM pro Monat beruht auf der Ausbeutung der Mitarbeiter, die glauben daß Scientology die Welt verbessern könne und wolle. Diese Mitarbeiter werden sehr schnell Opfer eines internationalen Konzerns, dessen gewaltige Gewinne dem Clan des Gründers zufließen.

DOKUMENTATION EINES SCIENTOLOGY-ARBEITSLEBENS

Helga M. hat von Juni 1978 bis September 1980 bei der Scientology-Zentrale in München gearbietet. Sie war eine von dort ca. 160 Angestellten, die als Staff Members bezeichnet werden. Ihr Fall dürfte exemplarisch sein. Sie hat in dieser Zeit insgesamt 6.900.- DM verdient, also ca. 250.- DM pro Monat. Nachdem sie gekündigt hatte, wurde ihr wegen angeblichen Vertragsbruchs eine Rechnung über 16.800.- DM geschickt, als Freeloaderbill bezeichnet, als Schnorrerrechnung (Dokument 1: Freeloaderbill).

Als Sekretärin hätte Helga M. in dieser Zeit ca. 65.000.- DM verdient. Bei der Scientology-Sekte hat sie ca. 10.000.- DM draufbezahlt: eine gewaltige Differenz, bei der noch nicht berücksichtigt ist, daß Helga M. in dieser Zeit 6 Tage in der Woche je 12 Stunden gearbeitet hat.

Helga M. war anfangs nur neugierig. Sie wollte wissen, ob und wie Scientology funktioniert. Der Scientology-Kommunikationskurs steigerte die Erwartungen und die Neugierde, aber die gerade erst volljährig gewordene Helga M. hatte kein Geld.

Also wurde ihr angeboten, auf Staff zu gehen,  also Angestellte zu werden. Dabei könne sie dann kostenlos studieren. Helga M. glaubte, daß es sich dabei um eine Berufsausbildung handele und unterschrieb einen Zeitvertrag über zweieinhalb Jahre (Dokument 2: "Rechtsgültiger Standard Mitarbeiter Vertrag", 5 Seiten).
 Helga M. verrichtete die unterschiedlichsten Arbeiten. So schrieb sie beispielsweise innerhalb von rund zwei Monaten 5.572 handschriftliche Werbebriefe. Nach 9 Stunden Arbeit durfte sie endlich studieren. Sie bemerkte zunächst nicht, daß dieses angebliche Studium nichts anderes war, als eine Art von innerbetrieblicher Fortbildung: so mußte sie beispielsweise das Buch BIG LEAGUE SALES studieren, also eine Art Kurs für Verkäufer.

Für ihre anscheinend erfolgreiche Arbeit wurde Helga M. mehrfach hoch belobigt (Dokumente 3.1 und 3.2: Belobigungsschreiben) und schließlich war sie sogar für die die Scientology-Elite Sea Organisation vorgesehen, Anstelllungsdauer für die nächsten Milliarden Jahre. (Dokument 4: Vertrag).

Nur die versprochene positive Entwicklung der Persönlichkeit, die Gewinne wollten sich nicht einstellen und schließlich glaubte Helga M. zu bemerken, daß diese Gewinne nur derjenige hat, der an sie glaubt. Sie begann zu zweifeln. Und sie sprach mit ihrem Verlobten über diese Zweifel, der ebenfalls Staff Member war.

Wie bei der Scientology-Sekte üblich, folgte auf den Zweifel die Strafe: Helga M. und ihrem Verlobten wurde eine Separation Order übergeben, ein Trennungsbefehl (Dokument 5).

Auf Anordnung ihres Arbeitgebers mußte Helga M. die gemeinsam mit ihrem Verlobten bewohnte Wohnung verlassen. Diese Strafe zeigte Wirkung: Helga M. stürzte sich voll in die Arbeit und erhielt wieder eine Reihe von Belobigungen, wurde sogar mit der Ehrung Super Power ausgezeichnet (Dokument 6). Das zahlte sich auch finanziell aus: in dieser Woche verdiente sie 139.07 DM und bezahlte davon sogar 3.28 DM Steuern (Dokument 8: Auszahlungsschein für Mitarbeiter-Bezahlung). Dadurch beflügelt, steigerte sie ihre Leistungen so weit, daß sie zum Yellow Star Bookseller befördert wurde (Dokument 8) und schließlich erhielt sie auch noch einen Brief vom Scientology-Gründer L. Ron Hubbard (Dokument 9).

Dennoch blieben Zweifel und in der Folgezeit wurde Helga M. mal belobigt und mal bestraft. Da sie von 250.- DM monatlich nicht leben konnte, mußte sie neben ihrem 12-stündigen Arbeitstag noch Nebenarbeit leisten. Das wirkte sich auf ihre Gesundheit aus und schließlich wurde sie länger als die laut Vertrag zulässigen zwei Tage pro Monat krank. Prompt wurde ihr eine Ethicsorder zugestellt, eine Art Vertragsstrafe (Dokument 10: "Ethicsorder"). Dann wurde ein Verfahren vor dem Committee of Evidence eingeleitet, einer Art von Disziplinargericht, und ihr zahlreiche Verbrechen und Crimes vorgeworfen.

Das war Helga M. zu viel: sie kündigte. Auch jetzt folgte Strafe auf dem Fuße: Durch eine hektographierte Ethicsorder (Dokument 11) wurde ihr vorgeworfen, den Mitarbeitervertrag gebrochen zu haben. Deshalb wurde sie als Freeloader erklärt und von der Scientology Kirche Deutschland ausgeschlossen. Helga M. war zwar geschockt, aber sie glaubte, jetzt wenigstens ihre Ruhe zu haben.

Nach einigen Monaten, im Frühjahr 1981, war es aus mit der Ruhe: Helga M. erhielt besagte Freeloaderbill (Dokument 1). Jetzt erst wurde es Helga M. klar, was es mit dem Zeitvertrag über zweieinhalb Jahre auf sich hatte: sie hatte kurz vor Ablauf dieser Frist gekündigt, deshalb wurde ihr Vertragsbruch vorgeworfen und darauf beruhte diese Rückforderung, die ja im übrigen auch in dem letzten Absatz des Vertrages (Dokument 2) erwähnt wird. Helga M. hielt diese Forderung für rechtmäßig, obwohl derartige Zeitverträge nach dem Arbeitsrecht unzulässig sind und diese Forderung gegen eine ganze Reihe von Rechtsgrundsätzen verstößt und deshalb sittenwidrig ist.

Helga M. hatte kein Geld und schon garnicht diese riesige Summe. Also begann sie zu verhandeln. Schließlich hatte sie dabei einen Erfolg: Die Freeloaderbill wurde auf die Hälfte reduziert. Helga M. lieh sich ca. 8000.- DM und bezahlte.

Damit war der erste Schritt getan der nach der Ethicsorder (Dokument 11) für ihre Rückkehr erforderlich war. Dann begann sie, Selbstbeschuldigungen zu schreiben und Strafarbeiten abzuleisten. Handschriftlich berichtete sie, daß sie einen effektiven Schlag gegen die Feinde der Gruppe dadurch geliefert habe, daß sie 530 Exemplare der Scientology-Zeitung Freiheit verteilt habe (Dokument 12).

Im September 1981 gab sie schließlich eine eidesstattliche Versicherung ab, in der sie sich selbst des Drogenkonsums bezichtigt. Ebenfalls zur Wiedergutmachung hatte sie inzwischen weitere 8.000.- DM Kredite aufgenommen und als Anzahlung auf Kurse eingezahlt, welche das angebliche Drogenproblem - die angebliche Ursache für die Probleme mit Scientology - beseitigen sollten.

Wenige Tage darauf wurde ihr schriftlich die Genehmigung für weiteres Scientology Training und Auditing erteilt. Von dieser Genehmigung hat Helga M. allerdings keinen Gebrauch gemacht, da sie wegen ihrer Schulden von 16.000.- DM Geld verdienen mußte. Dabei wurde ihr das Ausmaß ihrer Schulden erst richtig bewußt.

Im März 1982 nahm Helga M. Kontakt mit mir auf. Aus Zeit- und Geldmangel konnte sie nicht anreisen. Deshalb erfolgt eine erste Beratung in München.

8.4.83 Ingo Heinemann
 
 
 
 
 



1. Version dieser Seite installiert am 31.10.1998


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