Ingo Heinemann: Scientology-Kritik 
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Zuletzt bearbeitet am 7.10.2012 
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Scientology in den USA:
Kritisiert, wie auch in Europa.
Gemeinnützig, aber nicht als Religion anerkannt.
 

 
Inhalt dieser Seite: Zum Thema auch: In anderen Websites:
Englisch   
  • www.AGPF.de: Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt
 
 
US-Mehrheit: Scientology keine Religion

70 Prozent der Amerikaner sind der Meinung, dass Scientology keine echte Religion ist.
13 Prozent meinen, Scientology ist eine echte Religion.
18 Prozent wissen nicht oder kennen nicht.
So das Ergebnis einer Umfrage, die von der Presse durchgeführt wurde.
Berichte:

 
 

Scientology in USA nicht kritisiert?

Die Scientology-Kritik wird in den USA in der Presse kritisiert, wie in Europa auch. Es kann keine Rede davon sein, dass die Öffentlichkeit Scientology nicht kritisiere. In zahlreichen Website lassen sich solche Berichte  finden, etwa in  http://www.religionnewsblog.com/category/scientology-consumer-alert/. Grosse Berichte, aber auch kleine, wie zum Beispiel im Boston Herald vom 25.1.2007:

"Kein Tom Cruise in Sicht, aber eine Ansammlung seiner  Mit-Fanatiker, geblendet durch Scientology, hat gestern den Schmerz der Personen vertieft, die mit dem tragischen Tod eines 15-Jährigen Schülers zu tun hatten .... Mitglieder der Bürgerkommission für Menschenrechte, einem Zweig der Scientology-Kirche, zeigten in der Nähe der Schule ein Spruchband, um die die Praxis der Psychiatrie zu verurteilen und Informationen zu fordern über die medizinische Behandlung, die der Verdächtige bekommen haben könnte, ein autistischer 16-Jähriger. ...
Hier einige der wichtigsten grossen Berichte:  

Der Wollersheim-Prozess

Einzelheiten: Wollersheim.htm

Der Amerikaner Lawrence "Larry" Wollersheim war von 1969 bis 1980 Scientology-Mitglied und Scientology-Mitarbeiter. 1980 hat er Scientology wegen Entschädigung für vorsätzliche seelische Schädigung verklagt. 1989 wurde Scientology zur Zahlung von 2,5 Mllionen Dollar verurteilt. Mit weiteren Prozessen versuchte Scientology, die Zahlung zu vermeiden. Erst 2002 zahlte die Scientology-Organisation 8,6 Millionen Dollar.

Das Urteil zeigt, dass sich die US-amerikanische Rechtsauffassung von Religionsfreiheit in der Praxis nicht wesentlich von der deutschen unterscheidet,  vgl. Kommentar: Grenzen der Religionsfreiheit in USA.

Im Urteil spielt eine zentrale Rolle, ob die bei Wollersheim angewandten üblichen Scientology-Methoden um von der Verfassung geschützte religiöse Ausdrucksformen sind. Ob Scientology deshalb verfassungsmässige Immunität geniesse. Es ging um das "Auditing", "fair game" (die Erklärung zum "Freiwild"), den Trennungsbefehl (also das Abbrechen der Verbindung zu Angehörigen), eine "Freeloader"-Rechnung für "Schmarotzer-Schulden.

All das, so das Gericht, sei unter Zwang durchgeführt worden.  Es handele sich um "Strafen und die Androhung von Strafen, um einer Fortsetzung der Mitgliedschaft in der Kirche und der Einhaltung ihrer Praktiken Nachdruck zu verleihen". Deshalb könne Scientology sich nicht auf die Religionsfreiheit berufen.
 
 
 
 

Scientology in USA als Kirche anerkannt?

Immer wieder ist in der Presse zu lesen, die Scientology-Organisation habe in den USA den Status einer Kirche oder Rekigion. Diesen Status gibt es dort nicht.
Im Gegenteil: Die Verfassung würde es verbieten, einen solchen Status einzuführen.
In Wahrheit geht es also nur um eine Befreiung von der Steuer.

Jahrzehntelang hat auch die US-Regierung die Scientology-Organisation als Wirtschaftsunternehmen angesehen.
In zahlreichen Prozessen haben Gerichte diese Auffassung bestätigt.

1993 die Wende: Das Bundesfinanzamt IRS schloss mit der Scientology-Organisation einen Vertrag, http://www.xenu.net/archive/IRS/
Inhalt: Die Scientology-Organisation wurde als gemeinnützig anerkannt.

Dies hat die US-Steuerbehörde IRS auch der deutschen Bundesregierung mitgteilt, IRS-16-08-1994-an-BM-Familie-Merkel.pdf :
 
DEPARTMENT OF THE TREASURY  
INTERNAL REVENUE SERVICE 
WASHINGTON D.C. 
16. August 1994 

Bundesminister für Fauen und Jugend  
Frau Ministerin Dr. Angela Merkel  

Betr.: Scientology-Kirche  
Sehr geehrte(r) Herr oder Frau,  
nach einem Vertrag mit der Scientology-Kirche International verteilt das Fianzamt der Vereinigten Staaten (IRS) an bestimmte Büros die beigefügte "Beschreibung der Scientology- Religion". Dieses Dokument wurde von der Scientology-Kirche erstellt und ist Teil der öffentlichen Aufsichts-Unterlagen, die von der Finanzbehörde IRS unterhalten werden.  

Dieses Schreiben dient auch dazu, Sie darüber zu informieren, dass das IRS Schreiben verschickt hat, mit denen der Status der Steuerfreiheit für die Scientology-Kirche International und ihrer nachgeordneten und verbundenen Organisationen anerkannt wird unter Abschnitt 501(c)(3) des Steuergesetzes von 1986. ....

DEPARTMENT OF THE TREASURY  
INTERNAL REVENUE SERVICE 
WASHINGTON D.C. 
August 16, 1994 

Bundesminister fuer Frauen und Jugend  
Frau  Ministerin Dr. Angela Merkel  

RE: Church  of   Scientology  
Dear  Sir or Madam:  
Under  an  agreement  with  the  Church  of  Scientology, International,   the  United  States  Internal  Revenue  Service   (IRS) is  disseminating  to  certain  offices  the  enclosed   "Description  of the  Scientology  Religion".     This  document  was  prepared  by  the Church  of   Scientology  and  is  part  of  the  public   inspection  file maintained  by  the   Internal  Revenue  Service.  

This  letter  also  serves  to  inform  you  that  the  IRS  has issued  ruling  letters  recognizing  the  tax-exempt   status  of  the Church of Scientology International and its subordinate churches and  related organizations  under  section  501(c)(3)   of  the  Internal Revenue  Code  of   1986,   as  amended. ....

 

Fortan betrachtete die US-Regierung die Scientology-Organisation

Durch die Versendung der Selbstdarstellung der Scientology-Organisation bringt die Regierung offenbar zum Ausdruck, dass es entscheidend auf das Selbstverständnis ankomme.

Zu diesem Selbstverständnis das Bundesverfassungsgericht 1 BvR 632/92 Nichtannahmebeschluß vom 28.8.92 - Scientology - Bundesverfassungsgericht-1BvR632-92.htm:

Dazu eine Broschüre vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg 2004:  
 
 

 

US-Berichte über Religionsfreiheit in anderen Ländern

Kurz nach der Befreiung der Scientology-Organisation von der Steuer hat das US-Parlament die Regierung angewiesen, jährliche Berichte über den weltweiten Zustand der Religionsfreiheit abzugeben.
Diese Berichte bestehen weitgehend aus der Wiedergabe der Beschwerden von amerikanischen Organisationen.
Da die Scientology-Organisation bereits zuvor zahlreiche solcher Beschwerde-Berichte veröffentlicht hatte, konnte Scientology sofort reagieren.
Deshalb war es wohl unvermeidlich, dass Scientology in Bezug auf Deutschland eine zentrale Rolle spielte.

Eine Zusammenstellung von Links zu diesen Berichten ist zu finden bei

Offenbar sah es das Aussenministerium nicht immer als seine Aufgabe an, die Behauptungen der Beschwerdeführer zu überprüfen.
Die deutsche Regierung wiederum pflegt auf derartige Berichte nicht in Form öffentlicher Stellungnahmen zu reagieren.

International Religious Freedom Report 2008:

 
 
 

US-Aussenministerium am 27.1.1997
 
 
  
Embassy of the United States of Arnerica   
Bonn 16. April 1997   

Herrn   
Ingo Heinemann   
Geschäftsführer der AGPF   
Grabenstraße 1   
53579 Erpel   

Sehr geehrter Herr Heinemann,   
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 24. März 1997, in dem Sie fragen, welche US-Behörde Scientology den Status einer Religion gewährt habe.   
Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Behörde, die über die Anerkennung von Religionen als solche entscheidet. Allerdings hat die amerikanische Steuerbehörde, der Internal Revenue Service, Scientology auf Antrag genau wie andere Religionen von der Umsatzsteuer befreit. Die Befreiung wurde am 13. Oktober 1993 ausgesprochen. Das US-Außenministerium hat die Behandlung von Scientologen seit diesem Entscheid in seinen jährlichen Menschenrechtsberichten unter der Rubrik Religionsfreiheit berücksichtigt. Zu Ihrer allgemeinen Information füge ich meinem Schreiben die deutsche Übersetzung eines Pressegesprächs mit Nicholas Burns, dem Sprecher des US-Außenministeriums, vom 27. Januar 1997 bei, in dem er u.a. die Position seiner Dienststelle bezüglich des Status von Scientology darlegt.   
Für nähere Auskünfte über die Grundlagen von Steuerbefreiungen in den Vereinigten Staaten müßten Sie sich direkt an den Internal Revenue Service (Department of Treasury, 1111 Constitution Avenue N.W., Washington, D.C. 20536, U.S.A.) wenden.   
Mit freundlichen Grüßen   
Elroy J. Carlson   
Stellvertretender Presseattache   
Anlage    



   
US-AUSSENMINISTERIUM   
TÄGLICHES PRESSEGESPRÄCH   
Sprecher: Nicholas Burns   
MONTAG, 27. JANUAR 1997   
FRAGE: Werden die der Scientology-Kirche in Deutschland auferlegten Restriktionen das Hauptthema des Menschenrechtsberichts von diesem Jahr sein?   

MR. BURNS: Ich bezweifle, daß dies das Hauptthema unseres Menschenrechtsberichts sein wird. An diesem Donnerstag, dem 30. Januar wird das US Außenministerium unseren Bericht über die Menschenrechtssituation auf der Welt im Jahr 1996 vorlegen. Dieser Bericht befaßt sich mit den Ereignissen in über 130 Ländern, und daher wird dieses Thema sicherlich nicht das Wichtig des Berichts sein. Der Bericht ist länderspezifisch. Er behandelt Land für Land.   

Offensichtlich hat jemand in der US-Regierung etwas über den Inhalt des diesjährigen Berichts durchsickern lassen. Das ist höchst bedauerlich. Das hat die Geschichte wahrscheinlich viel zu sehr aufgebauscht. Es überrascht jedoch nicht, daß das Thema in dem Bericht angesprochen wird. Ich möchte nur sagen, daß wir 1996 in Deutschland Entwicklungen bezüglich der Behandlung von Scientologen festgestellt haben, wie den Aufruf von mindestens einer wichtigen politischen Gruppe, den Film “Mission lmpossible‘ zu boykottieren.   

Wir dachten alle, “Mission Impossible“ sei ein ziemlich guter Film. Es lohnt sich, ihn zu sehen. Wir ermutigen die Deutschen, Amerikaner und Russen, sich den Film anzusehen - es ist ein guter Film mit einem unserer berühmtesten amerikanischen Schauspieler, Tom Gruise - und hoch gelobt. In meiner Familie gibt es einige Frauen, die ihn vielleicht noch wärmer empfehlen als ich.   

Es gibt noch eine weitere Entwicklung. Eine der Parteien der Regierungskoalition in Deutschland hat eine Resolution eingebracht, in der die Regierung aufgefordert wurde, die Scientologen der Beobachtung durch die deutschen Sicherheitsbehörden zu unterstellen. Glücklicherweise hat die Bundesregierung nicht auf die Resolution reagiert. In der Tat hat das Bundesinnenministerium einen Bericht veröffentlicht, in dem festgestellt wird, daß es keine rechtliche Grundlage und keine Beweise gibt, die dem Ministerium die Beobachtung der Scientologen durch die deutschen Sicher heitsbehörden gestatten würden. Unserer Ansicht nach war das ein positiver Schrift der Bundesregierung als Reaktion auf eine Resolution von einer Partei der Regierungskoalition.   

Die Scientologen sind in unserem Menschenrechtsbericht unter der Rubrik Religion zu finden. Die Scientologen in Deutschland werden nur infolge ihrer Zugehörigkeit zu dieser Organisation diskriminiert, nicht aufgrund irgendwelcher Aktionen, die sie   

  
unternommen haben. Es steht außer Frage, daß es einige bedauerliche Reaktionen auf die Scientologen von Mitgliedern der Bundesregierung und von Angehörigen der Stadt- und Regionalverwaltungen in Deutschland gegeben hat. Seit vier Jahren sprechen die Vereinigten Staaten ihre Besorgnis über die Behandlung der Scientologen durch die Bundesregierung öffentlich aus.   

Nachdem ich all das gesagt habe, was hoffentlich eine Zusammenfassung unserer Position bezüglich der Scientologen in Deutschland ist, muß ich noch etwas hinzufügen, das wir zwar bereits erwähnt haben, aber festgestellt werden sollte: Die Scientologen hier in den Vereinigten Staaten und ihre Anhänger in Hollywood und andernorts haben in der Öffentlichkeit eine Kampagne gegen die Bundesregierung gestartet, die schlicht und einfach hirnverbrannt ist. Meines Erachtens kann man sie der historischen Amnesie bezichtigen.   

Bei allem Respekt für sie - weil sie in unserem Land frei sind, zu sagen was sie wollen - müssen wir uns mit dem auseinandersetzen, was sie sagen. Die Scientologen und ihre Anhänger in Hollywood sagen im Wesentlichen - sie sagen wörtlich, daß die Behandlung der Scientologen durch die Regierung Kohl der Behandlung der Juden durch Hitler zu Beginn von Hitlers Herrschaft in den Jahren 1933 und 1934 entspricht. Jeder, der etwas über die deutsche Geschichte weiß, muß sagen, daß die Scientologen und ihre Anhänger bezüglich der Fakten völlig Unrecht haben. Es ist zutiefst unfair, eine demokratische Regierung, einen Verbündeten der Vereinigten Staaten, mit dem Naziregime zu vergleichen, wenn die Bundesregierung seit den fünfziger Jahren - seit Adenauer - mehr als jede andere Regierung der Achsenmächte getan hat, um ihre Bevölkerung über die Übel des Nazismus aufzuklären; wenn wir uns daran erinnern, daß die Naziregierung im Frühjahr 1933 - wir erinnern uns aus unserer Geschichte - eine Reihe von Gesetzen erließ, die Menschen im Wesentlichen ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubten und die Naziregierung 1933 und 1934 Konzentrationslager - Dachau und andere - einrichtete.   

Die Behandlung der Juden durch die Nazis kann in keiner Weise mit dem verglichen werden, was mit den Scientologen heute in Deutschland geschieht. Es ist eine abscheuliche historische Behauptung, und offen gesagt fühlen wir in der US- Regierung eine Verantwortung, die Bundesregierung gegen diese Anschuldigungen zu verteidigen und werden dies auch weiterhin tun. Wir haben eine Menge Privatkorrespondenz von der Scientology-Kirche zu diesem Thema erhalten, auch von Hollywood-Mogulen, und wir stimmen nicht mit ihnen überein und haben ihnen das gesagt.   

FRAGE: Sie wissen, daß die Bundesregierung Scientology nicht als Kirche ansieht. Soweit ich weiß, wurde Scientology bis 1993 auch in unserem Land nicht als Kirche angesehen. Wer hat diese Entscheidung getroffen, und was sind die Kriterien, eine Religion als Kirche anzuerkennen?   

MR. BURNS: Ich weiß nicht, ob es ein Büro in der US-Regierung gibt, das solche Entscheidungen trifft. Sie könnten das Finanzamt fragen, welchen Steuer-   

  
befreiungsstatus es bestimmten Organisationen einräumt, der den Organisationen religiösen Status verleihen würde. Die Scientologen behaupten, sie hätten eine Religion.   

Für uns ist wichtig, daß Menschen, die einer Gruppe angehören, nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu der Gruppe diskriminiert werden. Wie ich bereits erwähnte, scheint uns, daß in diesem Fall viele der Probleme, mit denen sich die Scientologen in Deutschland konfrontiert sehen, mit der Tatsache zu tun haben, daß sie Angehörige einer Gruppe sind - nicht wegen der Aktionen, die sie unternommen haben und nicht, weil sie deutsche Gesetze verletzt oder eingehalten haben.   

Aber eben aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe kommen wir hier ins Spiel, weil Amerikaner, die Scientologen sind, in Deutschland diskriminiert wurden - vor allem Chick Corea, ein sehr berühmter Musiker - und wir müssen darüber besorgt sein und haben diese Besorgnis regelmäßig zum Ausdruck gebracht.   

Ich möchte jedoch ein gewisses Gleichgewicht in die Diskussion bringen. Die US- Regierung schließt sich einigen der von der Kirche der Scientologen und ihren Anhängern gemachten Behauptungen nicht an, wie ungeheuerlich diese Behandlung ist. Die Scientologen werden nicht nach einem Muster diskriminiert, das auch nur im entferntesten mit dem verglichen werden kann, was mit den Juden und anderen während der Naziära geschah.   

FRAGE: Aber haben die Deutschen Ihrer Ansicht nach das Recht zu entscheiden, ob Scientology eine Kirche ist? Und wenn sie zu einer anderen Meinung kommen als die Vereinigten Staaten, ist es dann nicht wahrscheinlich, daß sie sich ihnen gegenüber anders verhalten werden?   

MR. BURNS: Die Bundesregierung hat absolut das Recht, ihre eigenen Gesetze zu formulieren und diese Gesetze durchzuführen. Wir als Land befassen uns seit zwei Jahrhunderten mit den Menschen- und religiösen Rechten auf der Welt, und wir fühlen uns gezwungen - in der Tat schreibt es uns der Kongreß zwingend vor - uns in unserem Menschenrechtsbericht klar und deutlich gegen den Mißbrauch von religiösen und Menschenrechten auszusprechen, und aus diesem Grund gibt es diese Serie von Berichten, die am Donnerstag vorgelegt werden. Und aus diesem Grund haben wir vier aufeinander folgende Jahre unsere Besorgnis bezüglich der Behandlung der Scientologen durch die Bundesregierung festgestellt.   

Das ist die Grundlage, auf der die US-Regierung öffentlich zu diesen Fragen Stellung nimmt.   

FRAGE: Die Deutschen sehen Scientology als eine Sekte an und nicht als eine Religion. Sie vertreten die Ansicht, daß ihre bisherigen Erfahrungen mit Sekten ihrer Geschichte sehr geschadet haben - und das war der Fall.   

  
MR. BURNS: Das verstehen wir. Ich möchte nur sagen, daß wir großen Respekt für die Bundesregierung und ihre derzeitige Führung haben. Wir sind ein Verbündeter des Landes. Wir führen private Gespräche mit der Bundesregierung, die offen ist. Meines Erachtens enthält der Bericht in der Washington Post wenig Überraschungen für unsere Regierung oder die Bundesregierung. Es gibt keine Krise in unseren Beziehungen.   

Um es nochmals zu wiederholen - wir sehen es als eine positive Tatsache, daß das Bundesinnenministerium entschieden hat, es gäbe keine rechtliche Grundlage, die Scientologen einer rechtlichen oder Sicherheitsüberprüfung zu unterziehen, was einen wichtigen Schrift bedeutet und der teils überspitzten Rhetorik zu diesem Thema seitens der Anhänger der Scientologen in den Vereinigten Staaten widerspricht.   

FRAGE: Es gab Berichte von ehemaligen Scientology-Anhängern auf der ganzen Welt über Menschenrechtsverletzungen durch Scientology. Hat das bei der Vorbereitung dieses Berichts eine Rolle gespielt? Haben sie diese Beschuldigungen geprüft?   

MR. BURNS: Der Regierung der Vereinigten Staaten wird vom Kongreß zwingend vorgeschrieben, das Menschenrechtsverhalten oder die Menschenrechtsnormen zu prüfen, die die Länder auf der Welt einhalten. Wir analysieren nicht das Verhalten der Religionen selbst. Das ist kein Aspekt unserer Menschenrechtsberichte.   

Wir haben die Behauptungen derjenigen gehört, die Scientology verunglimpfen. Wir sind nicht in der Position, dazu Stellung zu nehmen. Wir können als Regierung nicht einzelne Religionen kritisieren. Ich habe jedoch, glaube ich, einige der Besorgnisse angesprochen, die wir bezüglich der Taktiken der Scientologen haben.   

FRAGE: Hat die Bundesregierung in den Gesprächen zu diesem Thema je gegen die Kritik des US-Außenministeriums protestiert?   

MR. BURNS: Ja. Man kann sagen, die Bundesregierung war beunruhigt über die von uns öffentlich zum Ausdruck gebrachte Besorgnis. Sie stimmt nicht mit unserer Charakterisierung des Problems überein. Sie haben heute morgen einige öffentliche Erklärungen aus Deutschland - nicht von der Regierung, sondern von einigen der politischen Parteien - dazu gesehen.   

Wir führen einen respektvollen Dialog mit der Bundesregierung. Wenn wir Differenzen haben, stellen wir diese Differenzen fest. Das bedeutet jedoch nicht, daß es ein grundlegendes Problem in den deutsch-amerikanischen Beziehungen gibt. Ganz im Gegenteil. Mit keiner Regierung auf der ganzen Welt unterhalten wir engere Beziehungen. Es gibt keine engere oder wichtigere Beziehung als die zwischen Präsident Clinton und Bundeskanzler Kohl. Wir haben großen Respekt für Kanzler Kohl und alle seine Kollegen. Wir finden, daß unser Dialog mit ihnen privat ziemlich konstruktiv ist.   

  
FRAGE: Einer Meldung von Reuters zufolge wurde den Vereinigten Staaten von der Bundesregierung über diplomatische Kanäle mitgeteilt, sich nicht in das Thema Scientology einzumischen. Haben Sie dazu etwas zu sagen?   

MR. BURNS: Ich möchte nur auf meine bisherigen Aussagen in diesem Pressegespräch verweisen. Da einige amerikanische Staatsbürger von einigen dieser Maßnahmen betroffen sind - Amerikaner, die Scientologen sind - fühlen wir uns verpflichtet, amerikanische Staatsbürger zu verteidigen.   

Wie Sie wissen, schreibt uns der Kongreß vor, daß wir zu Menschenrechtsfragen und religiösen Problemen auf der Welt Stellung nehmen. Kein Präsident oder Außenminister hat eine andere Wahl. Wir sind per Gesetz gezwungen, diese Berichte zu veröffentlichen, die Wahrheit zu sagen und unsere Meinung so objektiv wir können zum Ausdruck zu bringen. Das sind von der Regierung der Vereinigten Staaten gemachte objektive Erklärungen. Es ist kein böser Wille beabsichtigt.   

FRAGE: Die Bundesregierung hat gebeten, sich nicht einzumischen -   

MR. BURNS: Ich weiß nicht, ob die Bundesregierung je diesen Ton benutzt oder uns je gebeten hat, uns nicht einzumischen. Ich glaube, die Bundesregierung ist nicht glücklich über die Kritik. Aber nochmals - unsere Beziehungen halten das aus. Meiner Ansicht nach werden unsere Beziehungen sich weiterentwickeln und so stark sein wie immer.   

FRAGE: Gibt es eine einheitiche Definition im Außenministerium, was eine Religion und was ein Kult ist?   

MR. BURNS: Während seines 200-jährigen Bestehens hat das Außenministerium stets sorgfältig vermieden, dies zu definieren. Wir stellen jedoch fest, daß die Scientologen sagen, sie haben eine Religion, und wir behandeln sie in unserem Menschenrechtsbericht unter dem Kapitel Religion. Wir können jedoch nichts aktiv unternehmen, um den Scientologen den Status einer Religion in unserem Land zu übertragen. Das wird nicht vom Außenministerium gemacht. Wir behandeln sie wie eine Religion, weil sei eine ernsthafte, etablierte Institution sind, und sie sagen, sie sind eine Religion.   

FRAGE: Mit anderen Worten, wenn eine Organisation behauptet, eine Religion zu sein, ist sie aus der Sicht des Außenministeriums eine Religion.   

MR: BURNS: Im Rahmen einer vernüftigen Definition des Begriffs. Wenn die New York Yankees erklärten, sie seien eine Religion, würden wir sie wahrscheinlich schief anblicken. Das läßt sich nicht gut ins Deutsche übertragen. Tut mir leid. Wenn Bayern-München entscheiden würde, der Verein sei eine Religion, würden wir ihn auch schief anblicken.   

  
Wir wollen jedoch die Dinge beim Namen nennen. Die Scientologen sind eine Gruppe von Menschen, die sagen, sie gehören einem religiösen Glauben an, und das große Problem ist daß sie unseres Erachtens nicht wegen dem was sie tun diskriminiert werden, sondern vor allem aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, die wir für unseren Menschenrechtsbericht als Religion kategorisieren, obwohl wir diesen Status nicht in irgend einer offiziellen Weise übertragen können. Und das ist der Hauptpunkt. Sie werden diskriminiert wegen ihrer Mitgliedschaft und nicht wegen dem, was sie in Deutschland oder irgend einem anderen Land tun, in dem es Scientologen gibt.   
*****

 
 
 

Die Steuerbefreiung

Es war allerdings verblüffend genug, daß das US-Bundesfinanzamt IRS 1993 die Scientology-Organisationen von der Steuer befreit hat.
Denn vorangegangen waren 20 Jahre Auseinandersetzungen vor Gericht.
Die US-Regierung war stets der Meinung, daß es sich um wirtschaftliche Tätigkeit handelt und nicht um gemeinnützige Tätigkeiten.

Die Scientology-Organisation triumphierte (unten):

"Der Krieg ist vorüber".
In der Broschüre "Anerkennung für Scientology" (Scientology Kirche Hamburg e.V. 1994) heißt es:
"Die Scientology Kirche wurde als gemeinnützig, als steuerbefreit und damit vollständig als Religion anerkannt".
Diese Behauptung ist falsch.
Mit der Anerkennung der Gemeinnützigkeit ist keineswegs eine Anerkennung als Religion verbunden.
Die Broschüre enthält auch das entsprechende Schreiben des US-Bundesfinanzamtes IRS vom Oktober 93 samt deutscher Übersetzung. Auch dort ist mit keinem Wort von einer Anerkennung als Religion die Rede.
Hingegen enthält das Schreiben gleich zu Beginn einen Vorbehalt:
Die Anerkennung der Gemeinnützigkeit sei erfolgt
"davon ausgehend, daß Ihre Tätigkeiten so sind, wie in Ihrem Antrag auf Steuerbefreiung beschrieben".
Zur angeblichen Steuerbefreiung von amerikanischen Scientology-Organisationen in Deutschland:  
 
 

Exkurs: Der "Krieg"

1962 beschlagnahmte die amerikanische Lebensmittelbehörde FDA zahlreiche E-Meter.
Damals betrachtete die US-Regierung  die Scientology-Organisation also noch als Anbieter von möglicherweise gesundheitsschädlichen Geräten.
Daraus entstand ein langwieriges Gerichtsverfahren.
Das Urteil vom 30.7.71 ist nachzulesen (auf englisch) unter

Danach wurde dem E-Meter der heute noch gebräuchliche Aufkleber verpaßt, wonach das E-Meter von selbst nichts bewirkt und nur als Beichthilfe für den Gebrauch durch Scientology-Geistliche zulässig sei.

Danach folgten zahlreiche Prozesse, mit denen Scientology Steuerfreiheit erreichen wollte.
 
 
 

"Der Krieg ist vorüber"

So der Titel der Zeitschrift "Scientology News" in der deutschsprachigen Ausgabe 32/1993.
Auf der nächsten Seite geht es in großen Balkenlettern weiter:

"IRS: 'Scientology ist steuerfrei' "
Tatsächlich hatte die Scientology-Organisation die Auseinandersetzung mit durchaus kriegerischen Mitteln geführt. Insbesondere unter Einsatz des eigenen Geheimdienstes Guardian Office. Dessen Leitung war wegen zahlreicher krimineller Delikte zu Freiheitsstrafen verurteilt worden, so auch Hubbards Ehefrau Mary Sue Hubbard. Alle diese Delikte hatten eine gemeinsam: Die Organisation sollte mit allen Mitteln vor der Steuer geschützt werden und Hubbard vor einer Vorladung vor Gericht.
Vgl. dazu:  
 

Hintergründe der Steuerbefreiung unklar

Bis heute sind die Hintergründe der Steuerbefreiung unklar.
Zahlreiche Artikel in serösen Zeitungen und Zeitschriften haben sich damit befaßt.
Merkwürdig genug: Seither unterstützt die US-Regierung die Scientology-Organisation im Ausland.
 

 

Kriterien für Steuerbefreiung?

Selbstverständlich war die entscheidende Frage der Behörde geläufig:

Bis heute ist unklar, welches diese Kriterien sind.
In der Anklageschrift gegen Mary Sue Hubbard und andere, vgl. wird beschrieben, wie Scientology vor einer wichtigen IRS-Konferenz Abhörgeräte im Sitzungssaal installiert. Zu dieser Konferenz heißt es:  
Auszug aus: Anklageschrift gg. Mary Sue Hubbard u.a. Aktenzeichen 78-401   
II. III. B. Das Abhören des Konferenzraumes des obersten IRS-Leiters am 1.11.1974
Excerpt from: Criminal No. 78-401 vs. Mary Sue Hubbard et al. Stipulation of Evidence    
II.iii. B. The Bugging of the IRS Chief Counsel's Conference Room on November 1, 1974, page 30/31):
Am 1. November 1974 war Herr Lewis H. angestellt in der Dienststelle des obersten Leiters der Steuerbehörde in der Constitution Avenue Nr. 1111 im Nordwesten. An diesem Tag nahm er an einer Sitzung im Konferenzraum des obersten Leiters teil. Auch zahlreiche andere hohe Beamte der Steuerbehörde nahmen an dieser Sitzung teil. Herr H. sagt aus, daß die Steuerbehörde am 1. November 1974 die Konferenz abhielt, um schwebende Verfahren zu besprechen, in welche die zahlreichen Scientology-Kirchen verwickelt waren, und um allgemeine Richtlinien darüber zu erlassen, was zu den Kriterien einer "religiösen Institution“ gehöre, die nach dem Steuergesetz den Anspruch auf Steuerfreiheit erheben könne. Herr H. hat aus seinen Akten eine lange, konferenzvorbereitende Vorlage erstellt, die er auf Anforderung des obersten Leiters der Steuerbehörde erarbeitete, um alle Teilnehmer der Konferenz vom 1. Novmeber 1974 über die zu diskutierenden Tagesordnungspunkte zu instruieren (Beweisstück der Regierung Nr. 208). Er hat auch ein Protokoll nach der Konferenz erstellt, welches er gemäß dem Beschluß der Konferenz vom 1. November 1974 ausarbeitete und welches einen Überblick über die Besprechungspunkte dieser Konferenz gibt (Beweisstück der Regierung Nr. 209). On November 1, 1971, Mr. Lewis Hubbard, was employed by the Office of the Chief Counsel of the Internal Revenue Service at 1111 Constitution Avenue, Northwest, and on that date attended a meeting in the Chief Counsel's conference room. Numerous other high officials of the IRS attended this meeting. Mr. Hubbard states that the IRS held the November 1, 1974 conference to disscuss pending legal actions involving the various churches Of Scientology and to establish general guidelines for determination oh what constituted a "religious institution" entitled to exemption from taxation under the Internal Revenue Code. Mr. Hubbard has produced from his files a lengthy pre-conference memorandum which he prepared at the request of the Chief Counsel in order to brief all persons who were to attend the November 1, 1974 conference regarding the topics to be discussed (Government Exhibit No. 208). He has also produced a post-conference memorandum which he prepaired following the conclusion of the November 1, 1974 conference and which outlines the matters discussed at that conference (Government Exhibit No. 209).   
    

 


USA: Menschenrechtsbericht  Aus: AGPF-Info 2/97

Während diese Debatte noch geführt wurde, meldet die Washington Post am 27.1.97, daß die Kritik am Verhalten der deutschen Behörden gegenüber der Scientology-Organisation und ihren Anhängern auch im neuen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums enthalten sein wird. Der Artikel wurde am selben Tag per Internet verbreitet, die Nachrichtenagenturen setzten entsprechende Meldungen ab. Die Wiener Zeitung "Die Presse" am 28.1.97: "Transatlantischer Sekten-Krieg". Es konnte der Eindruck entstehen, als habe die Scientology-Organisation nur in Deutschland Probleme.

USA: Steuerbefreiung nicht durch Gericht

Immer wieder wurde berichtet, daß die Scientology- Organisation  in den USA als Religion anerkannt sei. So meldete die AFP am 14.1.97: "In den USA entschied der Oberste Gerichtshof 1993 ... daß Scientology eine religiöse Organisation und damit steuerfrei zu stellen sei". Diese Nachricht ist falsch. Tatsächlich war es lediglich eine Entscheidung des IRS, der Bundes- Steuerbehörde. Nach welchen Kriterien die Beurteilung erfolgte, ist in der deutschen Öffentlichkeit nicht bekannt.



USA: Steuerbefreiung  Aus: AGPF-Info 5/97

 (vgl. AGPF-info 2/97: Grundlage der US-Kritik ist die Steuerbefreiung). Die New York Times vom 9.3.97 berichtete, wie es zu der Steuerbefreiung in den USA gekommen ist. Der Spiegel 12/97 ( "Den Gegner ruinieren") faßt zusammen: "Noch 1992 befand der US Claims Court, daß der 'kommerzielle Charakter von Scientology' offensichtlich sei. .. Doch dann kam, wie aus heiterem Himmel, die Wende: Völlig überraschend erließ Amerikas Steuerbehörde, der Internal Revenue Service (IRS) am 13. Oktober 1993 fast 150 Scientology-Körperschaften die Umsatzsteuer. ... Schon vier Monate später erschien jedenfalls im Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums erstmals der Hinweis, der gerade erst im eigenen Land als Kirche anerkannte Psycho-Konzern werde in Deutschland diskriminiert. Während der gereizten Kontroverse zwischen Bonn und Washington zu Jahresanfang über die angemessene Behandlung von Scientology befand Außenamtssprecher Nicholas Burns kategorisch: 'Wir betrachten Scientology als Religion, weil sie durch die amerikanische Regierung von der Steuer befreit wurde' ".

Demnach betrachtet ein Teil der US-Regierung Scientology als Religion, weil ein anderer Teil eine Steuerbefreiung ausgesprochen hat. Unklar ist noch immer, auf welchen Kriterien diese Befreiung beruht, was sich gegenüber früher geändert hat und weshalb aus der Steuerbefreiung folgt, daß Scientology eine Religion sei.

Franz Riedl, damals Vizepräsident von Scientology Hamburg, hatte über diese Vorgänge in den USA schon 1993 der Wochenzeitung DIE WOCHE (45/93: "Kirche des Mammon") erzählt: "Wir haben die Verbrechen der IRS an Tageslicht gebracht. Diese Leute sammeln auch schon mal die Steuern mit dem Maschinengewehr ein oder verprügeln einen Familienvater. ... Die Behörden hassen es wie die Pest, wenn man die Wahrheit über sie veröffentlicht, deshalb haben sie sich dann mit uns an den Verhandlungstisch gesetzt".

Heber C. Jentzsch, Präsident von Scientology International in einem Leserbrief (Spiegel 14/97): "Der Vorwurf, daß Scientology die amerikanische Steuerbehörde (IRS) unter Druck gesetzt hat, ist lächerlich".
 
 
 
 

US-Regierung wirbt für Scientology

Das US-Steueramt IRS soll sich 1993 verpflichtet haben, ein Informationsblatt über Scientology zu verbreiten. Scientology-Chef Miscavidge: "Wir selbst haben es geschrieben, und der IRS wird es an jede Regierung der Welt schicken". Wie die "Frankfurter Rundschau" (15.03.1997: Seltsame Post aus Washington) berichtet, hat der baden-württembergische Innenminister ein Schreiben des US-Finanzministeriums vom 16.8.94 bekommen. In der Anlage eine Selbstdarstellung der Scientology-Organisation. Das Ministerium:  Dieses Dokument  sei "von der Church of Scientology verfaßt worden und ist Bestandteil der Akten des IRS".
 
 
 

Warum US-Kritik an Deutschland?
Aus: AGPF-Info 7/97

 1993 hat das US-Bundesfinanzamt IRS überraschend die  Scientology-Organisation von der Steuer befreit, nach 25 Jahren massiver Auseinandersetzungen. Scientology behauptete fortan, dadurch als Religion anerkannt worden zu sein. Kurz darauf begann das US-Außenministerium, Deutschland der religiösen Diskriminierung zu verdächtigen. Dazu das Wall Street Journal vom 25.3.97: "Wir fragen uns, warum das Außenministerium sich so sehr beunruhigt wegen deutscher Äußerungen, die nach amerikanischem Recht zulässig wären und  wegen eines  Standpunktes, welcher vor der gegenwärtigen Regierung auch der amerikanische Standpunkt war. "
 
 
 
 

Stephen Kent: Die europäisch-amerikanische Debatte

im Marburg Journal of Religio 1/2001

Zu Stephen Kent siehe auch:  
Stephen Kent:   
THE FRENCH AND GERMAN VERSUS AMERICAN DEBATE OVER 'NEW RELIGIONS', SCIENTOLOGY, AND HUMAN RIGHTS   

Abstract   

This article critically examines the allegations of religious intolerance that United States officials and governmental staff have leveled against France and Germany (along with other European countries) for their policies on, and actions toward, Scientology and other controversial groups. It argues that American officials appear to be poorly informed about the bases for the Europeans' critical positions, and that those officials have been the recipients of selective information provided by Scientology itself along with Scientology's supporters. It concludes by offering a preliminary analysis of this Euro-American debate in the context of 'international social movements' theory within the social sciences.   

 

Stephen Kent:    
Die -französisch-deutsch-amerikanische Debatte über "neue Religionen", Scientology und Menschenrechte   

Zusammenfassung    
(Übersetzung Ingo Heinemann)    
Dieser Artikel prüft kritisch die Behauptung religiöser Intoleranz, die von Behördenvertretern und Regierungsmitarbeitern der Vereinigten Staaten gegen Frankreich und Deutschland (und andere europäische Länder) wegen ihrer Politik und ihrer Maßnahmen gegenüber Scientology und anderen kontroversen Gruppen erhoben werden. Es wird die Ansicht vertreten, daß amerikanische Behördenvertreter kaum informiert zu sein scheinen über die Grundlage der kritischen Position der Europäer und daß diese Behördenvertreter Empfänger der selektiven Informationen waren, die von Scientology und Scientology-Unterstützern eingesetzt wurden. Der Artikel schliesst mit einer ersten Analyse dieser europäisch-amerikanischen Debatte im Kontext mit der Theorie der 'internationalen sozialen Bewegungen' in der Sozialwissenschaft

 
Berliner Morgenpost vom 12.2.00  
Nie zuvor bekam die umtriebige Sekte mehr Unterstützung, als derzeit vom US-Präsidenten  

Clinton als Scientology-Lobbyist  

Berlin - Die dubiosen Geschäfte von Scientology werden offenbar von US-Präsident Bill Clinton und dem Auswärtigen Amt in Washington unterstützt.   

Dies behauptete am Freitag in Berlin der renommierte Scientology-Experte Professr Steven Kent bei einem Treffen mit Sektenexperten auf Einladung der SPD-Fraktion. Der Kanadier bekam dabei Schützenhilfe von Ursula Caberta, der Hamburger Scientology-Beauftragten.   

Kent wies darauf hin, dass die sogenannte "Kirche" zunächst auch in den USA auf starken Widerstand der Behörden gestoßen sei. Das sei ab 1993 unter Clinton schlagartig anders geworden. Seither habe die Scientologen-Lobby für ihre weltweiten Aktivitäten volle Unterstützung aus dem Weißen Haus.   

Dabei träten als prominenteste Lobbyisten der Schauspieler John Travolta und der Jazzpianist Chick Corea auf. Clinton habe auf einer Veranstaltung Travolta öffentlich versprochen, die Verbeitung der Lehren von Sekten-Gründer L. Ron Hubbard auch in Deutschland zu unterstützen. Über die Folgen kann Caberta ein Lied singen.   

Nachdem die Hamburger Verwaltung den Scientologen für die Nutzung des Hauses in der Domstraße, das sie kürzlich für 20 Millionen Mark gekauft haben, die üblichen Auflagen für die Nutzung und die Bereitstellung von Parkplätzen gemacht hatte, habe bei ihr in der Innenbehörde ein Vertreter des US-Generalkonsulats angerufen und sich über die Behinderungen beschwert.   

Auf ihre Frage, in wessen Auftrag sich das Konsulat verwende, wurde ihr der Name der Hamburger Scientology-Chefin genannt - eine Deutsche, für die die US-Vertretung gar nicht zuständig ist.   

Scientology-Experte Kent hofft jetzt, dass Al Gore nächster US-Präsident wird. Dessen Frau ist Psychologin - nichts fürchten die Scientologen mehr. 

 

 
 
 

Clintons Neujahrsgrüsse 2000

Dazu auch:

 
[ABC News]: ABCNEWS.com : White House Wag: Clinton Column Draws Flak  
By Josh Gerstein  
W A S H I N G T O N, Jan. 7, 2000  

Here’s to Scientology!  

Among those receiving warm New Year’s wishes from President Clinton: the Church of Scientology. The controversial religious group celebrated its 50th anniversary on Dec. 28 at the Los Angeles Sports Arena. The thousands of members in attendance were told of Clinton’s salutations. A White House spokesman says the letter was essentially “boilerplate” and was not the product of any                  high-level decision. But the language in Clinton’s message clearly recognizes Scientology’s fears of persecution by government authorities. “It’s a fitting moment to reflect on the importance of religious freedom and the profound role that religion continues to play in the lives of people around the world,” Clinton wrote. He also thanked the church for its work to promote religious tolerance and to “build just communities.”  
It’s not the first time the White House has appeared to be cozying up to Scientology. In 1997, National Security Adviser Sandy Berger met with actor John Travolta and other Scientologists to discuss the German government’s concerted effort to shut down the group’s operations in that country. Several State Department reports have also taken issue with Germany’s heavy-handed approach. The German government says Scientology is a cult more akin to organized crime than organized religion.  

The Scientologists say the Clinton letter came with a warning not to reprint or misuse the message, but the White House says that is commonplace and reflects no skittishness regarding Scientology in particular. 

 
  
DER SPIEGEL 12/1997  
SEKTEN  
"Den Gegner ruinieren“  
Mit brutalen Methoden setzten Scientologen bei der Washingtoner Finanzbehörde ihre Anerkennung als Kirche durch - und verschafften so dem obskuren Kult Respekt.   

Bildunterschriften:   
Sektenchef Miseavige   
Spontaner Besuch beim Steueramt   
Celebrlty Center der Sclentologen In Los Angeles: Vollständiger Sieg   
    

Das Jahrzehnt des großen Durchbruchs begann schlecht für Amerikas Scientologen. Vom schicken Image eines Jungdynamiker-Kults mit Schwerpunkt bei den Schönen und Schönlingen von Hollywood war Anfang der Neunziger noch nicht viel zu spüren; kein Studiochef hätte es gewagt, für die bizarre Glaubensgemeinschaft einen Finger zu rühren, geschweige denn einen offenen Brief an Helmut Kohl zu unterzeichnen.   

Wenn irgendwo, fühlte die Sekte sich damals nicht in Deutschland verfolgt, sondern in dem Land, in dem der einstige Science-fiction-Autor L. Ron Hubbard seine Kirche 1954 gegründet hatte - in den USA. Selbst in der angeblichen Heimat der Frommen und Freien, wo wirklich ein jeder nach seiner Fasson selig werden kann, fielen die Jünger des wirren Sternenkriegers Hubbard unangenehm auf.   

Wie heute in Deutschland, galt Scientology anfangs auch in Amerika als gefährliche Organisation. Ein Report des Nachrichtenmagazins TIME beschrieb 1991 das Wirken der Sekte als "ungeheuer gewinnträchtige Gaunerei im Weltmaßstab, die am Leben gehalten wird durch eine mafiaartige Einschüchterung von Mitgliedern und Kritikern“.   

Hunderte von Aussteigern bezeugten Horrorgeschichten, jammerten über den Verlust ihrer Ersparnisse. Einige verklagten gar ihre mit viel Psycho-Schnickschnack operierende Kirche wegen geistigen und physischen Terrors. Cynthia Kisser, Direktorin des Cult Awareness Network, einer Gruppe, die sich um Sektenopfer kümmerte, bezeichnete Scientology damals als den "wohl rucksichtslosesten, terroristischsten, klagewütigsten und lukrativsten Kult, den dieses Land je gesehen hat“.   

In verschiedenen Urteilen geißelten US-Richter Scientology als "korrupt, verderblich und gefährlich“. Auch der Kampf um Anerkennung als Kirche und um die damit verbundene Steuerbefreiung blieb lange ohne Erfolg. Noch 1992 befand der US Claims Court, daß der "kommerzielle Charakter von Scientology“ offensichtlich sei.   

Doch dann kam, wie aus heiterem Himmel, die Wende: Völlig überraschend erließ Amerikas Steuerbehörde, der Internal Revenue Service (IRS), am 13. Oktober 1993 fast 150 Scientology-Körperschaften die Umsatzsteuer. "Der Krieg, der alle Kriege beendet“, war gewonnen, wie Sektenchef David Miscavige jubelte; die Abgabebefreiung galt hinfort als amtliches Gütesiegel.   

Schon vier Monate später erschien jedenfalls im Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums erstmals der Hinweis, der gerade erst im eigenen Land als Kirche anerkannte Psycho-Konzern werde in Deutschland diskriminiert. Während der gereizten Kontroverse zwischen Bonn und Washington zu Jahresanfang über die angemessene Behandlung von Scientology befand Außenamtssprecher Nicholas Burns kategorisch: "Wir betrachten Scientology als Religion, weil sie durch die amerikanische Regierung von der Steuer befreit wurde.“   

Wie diese Steuerbefreiung wirklich zustande kam, enthüllte jetzt die NEW YORK TIMES. Nach Dutzenden von Interviews und langem juristischem Gezerre um die Herausgabe von Dokumenten gelang es dem Reporter Douglas Frantz, die Tricks nachzuzeichnen, mit denen die HubbardAnhänger um ihre Anerkennung als Religionsgemeinschaft gekämpft hatten - Methoden, die ganz und gar nicht zum Mantel verfolgter Unschuld passen.   

Um Hubbards "Zivilisation ohne Wahn, ohne Kriminelle und ohne Krieg“ zu erreichen, müssen Interessenten in Beratungssitzungen, den sogenannten Auditings, von Problemen und Konflikten "gereinigt“ werden.   

[Zwischentitel]:   
"Operation Schneewittchen“ brachte die dritte Mrs. Hubbard ins Gefängnis   

Daß solche Seelenwäsche Geld kostet, hatte den IRS 1967 zu der Einschätzung bewogen, daß die Aktivitäten der Sekte vornehmlich zur Vermehrung von Mr. Hubbards persönlichem Reichtum dienten; eine schon gewährte Steuerbefreiung wurde wieder aufgehoben.   

Die Scientologen schlugen zurück: Mit der "Operation Schneewittchen“, angeführt von Hubbards dritter Frau Mary Sue, starteten sie 1973 einen Generalangriff auf die staatlichen Steuereintreiber. Scientologen ließen sich im Justizministerium und beim IRS anheuern, um herauszufinden, was die Behörden über Hubbard und seine Anhänger wußten. Sie brachen nachts in Büros ein und kopierten "bergeweise Dokumente“, so die NEW YORK TIMES.   

Selbst ein perfekter Lauschangriff gelang Hubbards Jüngern: Unmittelbar vor einer wichtigen Sitzung über die künftige Behandlung des Kults konnten die cleveren Schnüffier den Konferenzsaal verwanzen. Die Codenamen für einzelne Abschnitte der Operation hatte Hubbard sich selbst ausgedacht. Doch "Happy“, "Bashfull“, "Doc“ und die Namen der anderen vier Zwerge brachten kein Glück - Operation Schneewittchen flog auf. Zusammen mit zehn weiteren Scientology-Führern mußte Mrs. Hubbard wegen "Verabredung zu einer strafbaren Handlung“ ins Gefängnis.   

Der nächste Angriff auf die verhaßten Steuereintreiber verlief erfolgreicher. Sektenmitglieder gründeten 1984 eine Organisation, die sich vornahm, angebliche Willkürakte der Steuerbehörden aufzudecken. Die Gruppe, deren Verbindung zu Scientology sorgsam getarnt war, enthüllte in der Tat ein paar Korruptionsfälle.   

Die Scientology-Dissidentin Stacy Young, vor ihrem Ausstieg mit der Attacke auf die Steuerbehörde betraut, berichtet heute, daß gegenüber den Gegnern fast jedes Mittel recht gewesen sei: "Feinde verfolgt man, setzt ihnen zu, schüchtert sie ein und versucht, ihre Verbrechen aufzudecken, bis sie einlenken und kompromißbereit sind.“   

Um ans Ziel zu gelangen, heuerten die Scientologen Privatdetektive an, die sich an wichtige IRS-Beamte hängten. "Ich suchte nach wunden Punkten“, sagt Michael Shomers, der 18 Monate lang für Scientology danach geforscht hat, welcher IRS-Agent zuviel trank oder eine Affäre hatte. Ergebnisse seiner Recherchen, etwa der Bericht über eine spesenaufwendige IRS-Konferenz in den Pocono-Bergen von Pennsylvanien, wurden in seriöse Zeitungen lanciert.   

Zu der Schnüffelei bekannte sich Scientology stolz im sekteninternen Hausblatt: "Unser Angriff lähmt deutlich ihre Verteidigungskraft, und unsere Aufdeckung ihrer Verbrechen zeigt langsam politische Wirkung. Ein Grabenkrieg hat begonnen, und es gibt noch kein Anzeichen für einen Sieger.“   

Um das Blatt zu wenden, setzte Scientology auf ein weiteres erprobtes Mittel. Die Sekte überzog die Steuerbehörde mit insgesamt etwa 50 Klagen, die zum Teil   
von hochbezahlten Anwälten aus prominenten Kanzleien geführt wurden - getreu nach dem Motto des Kultgründers: "Der Zweck einer Klage ist die Störung und Entmutigung (eines Gegners). Natürlich, falls möglich, sollte sie ihn auch vollständig ruinieren.“   

Der juristische Druck war immerhin so groß, daß Sektenführer Miscavige ohne jede Anmeldung einen Termin beim damaligen IRS-Chef Fred Goldberg bekam. Der Scientologe, so jedenfalls läßt er heute verbreiten, wollte sehen, ob sich die Probleme mit der Steuerbehörde nicht auf höchster Ebene lösen ließen.   

Es klappte. Was Firmen oder Privatleuten, die sich die Feindschaft des IRS zugezogen haben, fast nie gelingt, schaffte ganz offenbar der Sektenführer: Der Fiskus richtete unabhängig vom üblichen Instanzenweg einen Ausschuß ein, in dem alle Schwierigkeiten unbürokratisch aus dem Weg geräumt wurden. Der Vorsitzende dieser Gruppe kann sich in 30 Jahren IRSTatigkeit nur an einen weiteren Fall erinnern, in dem ähnlich unkonventionell verfahren wurde.   

Nicht einmal die Gerichtsentscheidung des Claims Court von 1992, die Scientology als kommerziellen Konzern beschrieb, konnte den IRS aufhalten. Der zuständigen Abteilung für Steuerbefreiung wurde per Dienstanweisung auferlegt, sich nicht darum zu kümmern, ob sich die Kirche zu sehr als Unternehmen aufführe oder ob sich ihre leitenden Angestellten exorbitante Gehälter genehmigten.   

Der Sieg der rabiaten Kultanhänger war so vollständig, daß sich der IRS sogar verpflichtete, ein Informationsblatt über die Sekte und ihren Gründer zu verteilen, das "vollständig und äußerst akkurat“ war, wie Miscavige triumphierte.   

Vor 10 000 Anhängern in einem Stadion von Los Angeles, wo der smarte Kultführer den Durchbruch zur Respektabilität feierte, pries er das Infoblatt der Steuerbehörde: "Wir selbst haben es geschrieben, und der IRS wird es an jede Regierung der Welt schicken.“   

Die Botschaft kommt auch heute noch an. Daß der Report der NEW YORK TIMES dazu führen könne, die Sekte in den USA neu zu bewerten, hielt Außenamtssprecher Burns vorige Woche für wenig wahrscheinlich: "Der steuerfreie Status der Church of Scientology ist sicher, das Finanzministerium hat nicht die Absicht, daran etwas zu ändern.“   

DER SPIEGEL 14/1997   
Absurde Idee   
(Nr. 12/1997, Sekten: Scientalogy gegen die US-Finanzbebörde)   
Der Vorwurf, daß Scientology die amerikanische Steuerbehörde (IRS) unter Druck gesetzt hat, ist lächerlich. Um so mehr, wenn man in Betracht zieht, daß der IRS zwischen dem Beginn der Überprüfung im Jahre 1991 und ihrem erfolgreichen Abschluß 1993 drei verschiedene Leiter hatte. Die Idee, Fred Goldberg, der kurz nach Beginn der Untersuchungen sein Amt niederlegte, wäre vor der Kirche in die Knie gegangen, ist absurd. Wer behauptet, nicht nur er, sondern auch seine zwei Nachfolger hätten der Kirche die Anerkennung willfährig, ohne gründliche Überprüfung, zugesprochen, betritt das Reich der Phantasie. Der IRS läßt sich von niemandem zu etwas drängen, von keiner Körperschaft, keinem Anwalt, keinem Steuerzahler.   

München    
HEBER C. JENTZSCH   
PRESIDENT OF THE CHURCH OF SCIENTOLOGY INTERNATIONAL

 
Focus 52/1999  
Scientology -   
Großer Bruder hilft  
Das US-Außenministerium interveniert im Streit zwischen der Sekte und dem    
Hamburger Bauamt   

Jeder Hauseigentümer kennt das: Bauliche Veränderungen eines Gebäudes sind genehmigungspflichtig. Die neuen Nutzer eines Bürohauses in der Hamburger Domstraße 9, unweit des Rathauses, wussten davon offenbar nichts. Im November bezog die Scientology-Sekte das Domizil, nachdem sie ihre alte Bleibe in Folge einer Räumungsklage wegen Mietschulden in Millionenhöhe hatte aufgeben müssen.   

Derartiges Ungemach droht ihr nun nicht mehr. Nach Erkenntnissen Hamburger Sicherheitsbehörden soll sich der vermögende Scientology-Boss David Miscavige beim Hauskauf der Waterfront Grundstückverwaltungsgesellschaft persönlich engagiert haben.    

Bleibt für die Psycho-Sekte ein eigentlich kleines Problem - die Genehmigung der Umbauten. Da beim zuständigen Bauprüfamt Hamburg-Mitte kein Antrag eingereicht worden war, besuchte eine Mitarbeiterin des Amts die Scientology-Zentrale, um sich einen Überblick über die Baumaßnahmen zu verschaffen, und dem Scientology-Verein eine Frist zu nennen, die nötigen Papiere vorzulegen.   

Die Sekte reagierte promt. Nur 48 Stunden nach dem Besuch meldet sich Michael Budig bei der Scientology-Beauftragten des Hamburger Senats, Ursula Caberta, um sich über den Konflikt zu informieren. Budig hat nichts mit der Sekte zu tun, er arbeitet als Referent für Politik und Wirtschaft im amerikanischen Generalkonsulat in Hamburg. Die diplomatische Vertretung sei vom State Department in Washington angewiesen worden, sich um diesen Fall zu kümmern.   

Ein erstaunlicher Vorgang. Da hat ein deutscher Verein, die Scientology Kirche Hamburg e. V., Ärger mit einem örtlichen Bauamt, und es schaltet sich das amerikanische Außenministerium ein. Das Konsulat erklärt ausweichend, man sei der Verpflichtung nachgekommen, sich bei Problemen von US-Bürgern zu erkundigen. Allerdings hatte sich, so Budig zu Caberta, neben dem State Department nur die Präsidentin von Scientology Hamburg, Gisela Hackenjos, an ihn gewandt. Und die verfügt auch nach Kenntnis von Budig nicht über einen amerikanischen Pass. Inzwischen hat die Senatskanzlei in einem Brief an den Generalkonsul auf die deutsche Rechtslage hingewiesen.    

Nicht zum ersten Mal setzten sich die Vereinigten Staaten für Scientology ein. So sollte die OSZE Mitte der neunziger Jahre auf Antrag der USA eine Verurteilung Deutschlands wegen angeblicher Menschenrechtsverstöße aussprechen. Und in einem Bericht der Menschenrechtskommission des US-Kongresses wurde Deutschland wegen angeblicher Verfolgung von Scientologen gerügt. Die geschilderten Vorfälle allerdings waren auf die Propaganda der Sekte zurückzuführen.   
Axel Kintzinger

 
Aus: TAZ die tageszeitung 11.5.2001   
Le Monde diplomatique Nr. 6443 vom 11.5.2001
Bruno Fouchereau:   
USA UND SCIENTOLOGY   
Im Namen der Freiheit  
Ein Streit um die Religionsfreiheit vergiftet die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Europa. Im Namen der Individualrechte reklamieren die Vereinigten Staaten Straffreiheit für Gruppen, die sich als minoritäre Glaubensgemeinschaften ausgeben, deren Aktivitäten aber wiederholt von den Gerichten beanstandet wurden. Diese Sekten, die sich aus einem Gebräu von "neuer Rechter", Neokonservativismus und Antikommunismus entwickelt haben, versuchen die ultraliberale Ideologie und ihre Werte in die Köpfe der Menschen zu hämmern und als allgemein verbindliche Grundlage für alle Gesellschaften zu verkünden.   
Von BRUNO FOUCHEREAU *
* Journalist   

VOR einiger Zeit galt die Sektenfrage lediglich als ein "beunruhigendes Gesellschaftsphänomen", doch in den letzten Jahren hat sie sich zu einem "vordringlichen Problem der öffentlichen Sicherheit" entwickelt. Anlass zu dieser Neubewertung waren vor allem einige spektakuläre Ereignisse: die Massenselbstmorde der Sonnentempler 1994 und 1995, der Giftgasanschlag der Aum-Sekte in der U-Bahn von Tokio im März 1995 und der Kollektivselbstmord der Sekte Heavens Gate in Los Angeles 1999. Daraufhin verschärften Frankreich, Belgien, Spanien und Deutschland ihre Strafverfolgungsbestimmungen. In den meisten dieser Fälle stützte sich die Entscheidung des Gesetzgebers auf einen parlamentarischen Untersuchungsbericht über die Gefährlichkeit bestimmter Gruppen und die Methoden der Gehirnwäsche, denen ihre Anhänger ausgesetzt sind. Die Vorreiterrolle bei der härteren staatlichen Gangart gegenüber diesen Sekten spielten Frankreich und Deutschland.   

Doch fast überall in den europäischen Ländern wurden regierungsamtliche Arbeitsgruppen installiert, um die Sektenszene unter Beobachtung zu halten. Frankreich verabschiedete 1996 eine Reihe von Gesetzen zum verstärkten Schutz von psychisch anfälligen Personen. Die Regierung unter Ministerpräsident Lionel Jospin setzte eine "Interministerielle Mission zur Bekämpfung des Sektenwesens" (MILS) unter Leitung von Alain Vivien ein. In Deutschland richteten sich die Maßnahmen in erster Linie gegen die Scientology-Organisation. Im Anschluss an einen Bericht der Bund-Länder-Arbeitsgruppe Scientology der Verfassungsschutzämter warnte die Bundesregierung die Bevölkerung nachdrücklich vor dieser Sekte. Bayern verabschiedete sogar einen 15-Punkte-Maßnahmenkatalog, der unter anderem die Überprüfung von Mitarbeitern des öffentlichen Diensts vorsieht, die Beziehungen zu Scientology unterhalten.(1) Angesichts dieser härteren Gangart in Europa rechneten alle Beobachter der Szene mit einer Gegenoffensive der Sektenmultis, die allein in Frankreich Vermögenswerte in Höhe von mehreren hundert Millionen Francs besitzen. Die Attacke kam aus den Vereinigten Staaten.(2)   

Am 27. Januar 1997 verurteilte die Regierung in Washington hochoffiziell die Maßnahmen Deutschlands gegen die Scientology-Organisation. Einige Tage später veröffentlichte das dem US-Außenministerium angegliederte "Bureau for Democracy, Human Rights and Labor" (BDHRL)(3) seinen Jahresbericht zur Situation der Menschenrechte in der Welt. Darin wird Deutschland heftig angegriffen und in der Liste der Länder, welche die Religionsfreiheit missachten, gleich hinter China eingestuft. Der Bericht war so getimt, dass er die Öffentlichkeitskampagne der Scientology-Organisation unterstützte, die zum Beispiel in verschiedenen Ländern Demonstrationen organisierte, in der internationalen Presse mit Anzeigen protestierte und die EU-Menschenrechtskommission anrief. Um "die Gemüter zu beruhigen", ließ das US-Außenministerium im März 1997 verlauten: "Wir haben die Deutschen zwar kritisiert, aber wir unterstützen die Scientology-Kampagne gegen Deutschland nicht." Diese Äußerung war das Mindeste, was man von der US-Regierung erwarten konnte.   

Als der Kongress 1998 ein neues Gesetz zur Religionsfreiheit in der Welt verabschiedete, richtete das BDHRL eine neue Abteilung ein: das "Office of International Religious Freedom". Mit einem bevollmächtigten Botschafter an der Spitze, dem fünf Beamte des Außenministeriums zugeordnet sind, besitzt der neue Ausschuss in allen US-Botschaften einen Vertreter. Zum ersten Chef der Behörde wurde Robert A. Seiple ernannt, ein Ex-Marine, dessen Lieblingsspruch lautet: "Die individuellen Freiheitsrechte sind allgemein gültig, weil sie eine Gabe Gottes sind."(4 )Gegenüber der Naples Daily News(5) erklärte Seiple, wie sehr ihm sein Glaube bei allen persönlichen Prüfungen geholfen habe, namentlich bei seinen 300 Kampfeinsätzen im Vietnamkrieg, in dem er als Offizier der Marineinfanterie gedient hatte.   

Seiple erhielt sein Amt allerdings nicht wegen seiner Kriegserfahrung. Elf Jahre lang stand er an der Spitze der ultrakonservativen World Vision Inc., eines finanzstarken christlichen Hilfswerks mit Millionen Mitgliedern in aller Welt, das Entwicklungshilfeprojekte in Lateinamerika und Asien finanziert.(6 )Im September 1998 erschien der erste Bericht des neuen "Büros für internationale Religionsfreiheit"(7). Darin werden Frankreich, Deutschland, Österreich und Belgien schwer wiegende Verstöße gegen die Religionsfreiheit vorgeworfen. Der Bericht der französischen parlamentarischen Untersuchungskommission von 1995 wird sogar in die Nähe blinder Verfolgungswut gerückt. Den Abgeordneten wird vorgeworfen, sie betrieben eine Politik der religiösen Ausgrenzung, insofern die in dem Bericht genannten Organisationen nicht wegen rechtswidriger Aktivitäten verfolgt würden, sondern allein wegen ihres Glaubens.   

Auf Einladung der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veranstaltete die OSZE-Unterorganisation "Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte" (ODIHR)(8 )am 22. März 1999 in Wien ein Seminar, auf dem die französische Sektenpolitik heftig attackiert wurde. In Fortsetzung und Zuspitzung der Kritik des US-Außenministeriums schwangen sich die amerikanischen Diplomaten und Senatoren in die Rolle des Anklägers auf. Das hätte fast zu einem diplomatischen Eklat geführt. Dasselbe Szenario lag einer Anhörung der "Commission on Security and Cooperation in Europe" zugrunde, einer unabhängigen US-Bundesbehörde mit Sitz in Washington. Hier waren drei Zeugen geladen, die Schreckliches enthüllten: Frankreich sei auf dem Weg zu einem neuen Vichy-Staat, der französische Ministerpräsident stehe unter dem Einfluss religionsfeindlicher Organisationen, und Kinder würden ihren Eltern weggenommen. Der im Juni 1999 veröffentlichte Anhörungsbericht zeigt, welch gewaltige Sorgen sich die US-amerikanischen Senatoren um die Grundrechte in Europa machen.(9) So beschuldigen sie zum Beispiel die französische Regierung, das Steuerrecht zweckentfremdet als Instrument einer neuen Inquisition einzusetzen.   

Die französische Sektenbekämpfungsbehörde MILS und das Pariser Außenministerium haben anhand einer Analyse der Finanzstruktur und der Finanzströme der Scientology-Organisation dargelegt, dass es sich eindeutig um ein privatwirtschaftliches Unternehmen handelt, das kolossale Gewinne erwirtschaftet und deshalb völlig zu Recht der Steuerpflicht zu unterwerfen sei. Der parlamentarische Untersuchungsbericht, an dem Juristen, Sektenspezialisten der Polizei, gemeinnützige Vereine und Professoren mitgewirkt haben, listet 180 angeblich religiöse Organisationen auf, die nach eingehender Untersuchung als totalitär einzuschätzen seien, weil sie ihre Anhänger mit psychologischem Terror bei der Stange halten. Gegen die meisten dieser Organisationen liegen rechtskräftige Urteile vor. Darüber hinaus bemühte sich die französische Regierung, eine Reihe von Missverständnissen und Unwahrheiten auszuräumen. So wird Frankreich etwa vorgeworfen, es verweigere manchen minoritären Gruppen die Anerkennung als Religion. In Wirklichkeit ist es so, dass der französische Staat aufgrund des Gesetzes von 1905, das die Trennung von Kirche und Staat festschrieb, überhaupt keine Religion anerkennt.   

Aber trotz all dieser Bemühungen blieb der Dialog fruchtlos. Der am 9. September 1999 veröffentlichte Jahresbericht des US-Büros für internationale Religionsfreiheit griff die europäischen Länder schärfer an als je zuvor. Am 8. Dezember schrieb der französische Außenminister Hubert Védrine an seine amerikanische Amtskollegin Madeleine Albright: "Dass Ihre Regierung die Handlungsweise der französischen Behörden grundlos in Frage stellt, während hohe Beamte Ihrer und meiner Regierung den Dialog fortsetzen, wirft einen Schatten auf die viel versprechenden Ansätze ebendieser Gespräche." Kurz darauf wurde der diplomatische Dialog in dieser Frage abgebrochen und bis zum heutigen Tag nicht wieder aufgenommen. Der letzte Bericht des US-Außenministeriums, der am 2. März dieses Jahres veröffentlicht wurde, stellt zwar die französischen Gesetze von 1901 und 1905 in Rechnung und räumt die entsprechenden Irrtümer stillschweigend aus, erhebt aber nach wie vor die schärfsten Anschuldigungen.   

Schlüsselfiguren und konzertierte Aktionen

ALLEIN mit der Geschichte und der Verfassung der Vereinigten Staaten lässt sich nicht erklären, weshalb die US-Regierung die diversen Sekten so beharrlich unterstützt. Wie bereits erwähnt, ist das "Büro für internationale Religionsfreiheit", eine Unterabteilung des "Büros für Demokratie, Menschenrechte und Arbeit", beim US-Außenministerium angesiedelt. Zudem gibt es eine "Commission for Religious Freedom", die in Washington von Mitgliedern des US-Kongresses gegründet wurde. Hinzu kommt drittens die "United States Commission for Religious Freedom", die unmittelbar dem Weißen Haus untersteht. Nach Auskunft ihres Direktors Steven T. McFarland versteht sich diese Organisation als "Wachhund", insofern sie "die Arbeit der anderen Kommissionen überwacht, damit sie nicht vom rechten Weg abkommen."   

Die Frage, ob er den Bericht der französischen Nationalversammlung gelesen habe, muss Steve T. McFarland verneinen, da er der französischen Sprache nicht mächtig sei, wie er entschuldigend hinzufügt. Auch die Berichte der französischen Sektenbekämpfungsbehörde MILS, die Informationen des französischen Außenministeriums und die Noten der französischen Botschaft in Washington finden bei den zuständigen Stellen keine Leser. Sämtliche erreichbaren Beamten der drei genannten US-Kommissionen mussten zugeben, dass sie von diesen Texten weder das Original noch übersetzte Fassungen kennen. McFarland entschuldigt dies mit der Versicherung, er halte die Informationen, die ihm die amerikanischen Nachrichtendienste, die Pariser Botschaft, akademische Experten und die frankreichkritischen Nichtregierungsorganisationen übermitteln, für hinreichend glaubwürdig. Konfrontiert man ihn mit einer Reihe von Depeschen der amerikanischen Botschaft in Madrid(10), aus denen klar hervorgeht, dass das "Bureau for Democracy, Human Rights and Labor" in Spanien interveniert hat, um das Ermittlungsverfahren eines Untersuchungsrichters gegen die Scientology-Organisation zu verzögern, verweigert McFarland jeden Kommentar.   

Die Namen der Geheimdienstangehörigen, von denen die US-Kommissionen ihre Informationen beziehen, lassen sich aus nahe liegenden Gründen nicht ermitteln. Umso aufschlussreicher ist ein Blick auf die Internet-Seite der US-Botschaft in Paris. Dort werden zum Beispiel die Dienste von Rechtsanwalt Kay Gaejens empfohlen, der selbst ein bekanntes Mitglied der Scientology-Organisation ist. Und als die Nationalversammlung im Februar 2001 eine öffentliche Anhörung zur Problematik psychologischer Manipulationstechniken abhielt, entsandte die US-Botschaft, obwohl gar nicht geladen, zwei ihrer Mitarbeiter in Begleitung eines führenden Mitglieds der französischen Scientology-Organisation. Auch die Zeugenaussagen, auf die sich die US-Kommissionen stützen, werfen Fragen auf. Der Leiter des Wiener Seminars vom März 1999 war niemand anderer als der italienische Soziologe Massimo Introvigne, einer der Gründer des fundamentalkatholischen "Centro Studi sulle Nuove Religioni"(11),( )das enge Beziehungen zur neofaschistischen Sekte "Travail Famille Propriété" in Frankreich unterhält. Massimo Introvigne hat sich in zahlreichen Publikationen der Scientology-Organisation geäußert und ist in einem Prozess gegen die Organisation in Lyon als deren Zeuge aufgetreten.   

Eine weitere Schlüsselfigur ist Willy Fautre, seines Zeichens Vorsitzender der belgischen Organisation "Droit de lHomme sans Frontière" [= Human Rights Without Frontiers HRWF] , deren Name nicht zu der Annahme verleiten darf, sie sei von der "Internationalen Föderation der Menschenrechtsvereinigungen" anerkannt. Fautré war lange Zeit Korrespondent des "News Network International", einer US-amerikanischen Presseagentur, die für ihre Opposition gegen Abtreibung und für ihren militanten Antikommunismus bekannt ist. Darüber hinaus ist Fautré Mitglied der "Helsinki Federation for Human Rights" (HFHR), deren Publikationen in den Berichten der US-Kommissionen ausführlich zitiert werden.   

Als letzter Kronzeuge für die angeblich von der französischen Regierung orchestrierten Verstöße gegen die Religionsfreiheit sei Pastor Louis Démeo vom "Institut Théologique de Nîmes" erwähnt. Dieses Institut gehört zur Sekte "Greater Grace", die ihren Sitz in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland hat. Greater Grace gebietet über 3 000 Missionsfilialen in Lateinamerika, einige hundert in Afrika und eine Handvoll in Osteuropa. Dabei fungiert das Institut von Nîmes als Kaderschmiede für die osteuropäischen Länder. Greater Grace, dessen Methoden auch in den Vereinigten Staaten auf heftige Proteste stoßen, lässt sich durchaus als "Weggefährte" der Scientology-Organisation beschreiben.   

Stacy Brooks, Vorsitzende des "Lisa McPherson Trust"(12), der wichtigsten US-amerikanischen Hilfsorganisation für Scientology-Opfer, war selbst 15 Jahre lang Mitglied der Organisation. Sie arbeitete als Sekretärin von David Miscavidge, dem Erben Ron Hubbards und derzeitigen Scientology-Guru. An den Leiter von Greater Grace, George Robertson, erinnert sie sich genau: "Er steht in engem Kontakt mit den Leitern von Scientology. Wenn die Sekte bei bestimmten Fragen aus Imagegründen nicht selbst intervenieren kann, bittet sie Robertson um Hilfe. Er ist ihr wichtigster Verbindungsmann zur Evangelisten-Bewegung." Unter seiner Leitung gelang es Greater Grace und Scientology, die wichtigste Hilfsorganisation für Sektenopfer, das 1970 gegründete "Cult Awareness Network", in den Ruin zu prozessieren - und anschließend aufzukaufen.(13)   

Der Einfluss, den die Scientology-Bewegung und ihre Adepten in den USA ausüben können, erklärt sich auch aus einem ganz anderen Umstand. Seit 1993 ist die Sekte durch die Einkommensteuerabteilung des US-Finanzministeriums als Religionsgemeinschaft anerkannt und damit von der Steuerpflicht befreit. 25 Jahre lang hatte der Fiskus alle entsprechenden Anträge abgewiesen, was von sämtlichen US-Gerichten, einschließlich des Supreme Court, als rechtmäßig anerkannt wurde. Der Sinneswandel von 1993 ermöglichte der Scientology-Organisation den Zugriff auf Ersparnisse in Millionenhöhe und gab ihr ein hervorragendes PR-Instrument an die Hand, insofern es einen Zugang zur US-Regierung verschaffte.   

Die Einzelheiten dieser Kehrtwende enthüllte 1997 die New York Times. Demnach hat die Scientology-Organisation gegen die Steuerbehörde einen regelrechten Krieg eröffnet, und zwar auf juristischer Ebene, indem sie über fünfzig gerichtliche Verfahren anstrengte. Doch damit nicht genug. Sie heuerte auch Detektive an, die das Privatleben hoher Beamter der Steuerbehörde ausschnüffelten. Einer dieser Privatermittler erzählte der New York Times im März 1997, dass er zwischen 1990 und 1992 achtzehn Monate lang für Scientology gearbeitet habe. Von seinem Büro in Maryland aus sammelte er Informationen über Beamte, die Termine verpassten, übermäßig tranken und außereheliche Kontakte pflegten. Die Steuerbefreiung erfolgte auf ausdrückliche Anordnung des Direktors der Einkommensteuerabteilung, unter Umgehung der normalen Entscheidungsgremien.   

Jährliche Gewinne in Höhe von 300 Millionen Dollar, ausgefeilte Infiltrations- und Einschüchterungstechniken und schließlich die steuerrechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft verschaffen der Scientology-Organisation Einfluss auf die höchsten Entscheidungsinstanzen des US-amerikanischen Staats. Steven A. Kent vom soziologischen Institut der Universität Alberta (Kanada) hat die Lobby-Strategien diverser religiöser Gruppen und Sekten in Washington untersucht. Seine detaillierte Analyse zeigt, mit welchen Mitteln die Scientologen - wie vor ihnen schon die Mun-Sekte - auf Mitglieder des Kongresses, des Senats und des Weißen Hauses Einfluss nehmen. Die Scientology-Organisation hat zu diesem Zweck ein auf Lobbyarbeit spezialisiertes Public-Relations-Unternehmen angeheuert, das für seine Dienste in den Jahren 1997 und 1998 jeweils 725 000 bzw. 420 000 Dollar bekommen hat.   

Eine Reihe von Schauspielern, ausnahmslos Scientology-Mitglieder, spendierten Hillary Clinton für ihren Senatswahlkampf über 70 000 Dollar, Tom Cruise überreichte Albert Gore 5 000 Dollar, und John Travolta veranstaltete gemeinsam mit anderen Scientologen ein Gala-Diner zugunsten der Demokratischen Partei - Eintrittspreis: 25 000 Dollar. Ein Rechtsanwalt der Scientologen schließlich spendete für den demokratischen Wahlkampf 20 000 Dollar. Auch der Einfluss der Mun-Sekte ist bemerkenswert angewachsen. Seit neuestem darf die Demokratin Hillary Clinton in der auflagenstarken und sehr konservativen Washington Time, die der Mun-Sekte gehört, jede Woche eine Glosse schreiben.   

Allem Anschein nach haben sich die Mun-Sekte und die Scientology-Organisation seit langem arrangiert. Jedenfalls koordinieren beide Organisationen seit Mitte der Neunzigerjahre ihren Einsatz für Religionsfreiheit in den USA und in Europa. Ihr gemeinsames Vorgehen in Osteuropa wird durch einen im Internet veröffentlichter Briefwechsel zwischen der Führung der Mun-Sekte und der Scientology-Organisation dokumentiert. Dieser Partnerschaft haben sich zudem weitere Sekten mehr oder weniger formell angeschlossen, und auch bei den fundamentalistischen Protestanten der USA finden Mun und Scientology seit einiger Zeit Unterstützung. So engagieren sich in dem vom US-Außenministerium warm empfohlenen "Institute on Religion and Public Policy"(14) neben einigen ultrakonservativen Senatoren auch eine Reihe von Mun-Größen sowie Guru Sri Chinmoy von der gleichnamigen Sekte. Das Institut, dessen Zentrale in Washington gleich neben dem Weißen Haus liegt, huldigt nach eigenem Bekunden einem "integralistischen" Katholizismus und engagiert sich für die Achtung der Rechte der Scientology-Organisation, der Mun-Sekte und anderer so genannter Minderheitenreligionen in Europa.   

Schließlich sei noch das ultrakonservative, schwulen- und abtreibungsfeindliche "Institute on Religion and Democracy"( )(IRD)(15) erwähnt, das seit zwanzig Jahren für eine fundamentalistisch-protestantische Reform der demokratischen Institutionen in aller Welt eintritt. Deshalb wundert es nicht, dass sich IRD-Präsidentin Diane L. Knippers in den Chor der Frankreich-Verleumder einreiht: "Frankreich ist ein Modell für die anderen europäischen Demokratien. Es muss seine religionsfeindliche Politik unbedingt aufgeben und die Garantie für die Freiheit der Glaubensausübung wiederherstellen." Doch schon im nächsten Satz bekennt sie unfreiwillig, was diese auf den ersten Blick so unterschiedlichen Gruppen und Sekten verbindet: "Wir setzen uns heute aus demselben Grund für die Religionsfreiheit ein wie damals gegen den Kommunismus. Eine menschliche Gesellschaft kann sich nicht entfalten, wenn sie in der Lüge lebt. Atheismus und Kommunismus können nur Lügen hervorbringen. Spiritualität ist ein Garant der Zivilisation, denn Spiritualität und Glauben bringen ehrliche Menschen hervor. Ohne Ehrlichkeit kein Handel, und ohne Handel keine Zivilisation."   

Der Kampf für eine "Spiritualisierung der Welt" dient demselben Zweck wie jene Lobbygruppen, die auf dem Wege der Globalisierung versuchen, den amerikanischen Werten zu weltweiter Geltung zu verhelfen.(16) Die Globalisierung der Märkte und der amerikanischen Werte, so das "Institute on Religion and Democracy", sei den Vereinigten Staaten von der Bibel aufgetragen. Diese mystisch-imperiale Weltsicht teilen sämtliche fundamentalistischen Gruppen in den USA; sie sind der ideologische Rahmen all jener Kräfte, die sich zu Verfechtern der Religionsfreiheit berufen fühlen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: John R. Bolton, Mitglied der US-Kommission für Religionsfreiheit, war zuvor Vizepräsident des ultraliberalen "American Enterprise Institute for Policy Research". In der alten Bush-Regierung diente Bolton im Präsidentenamt als Berater für internationale Handelsfragen. Nina Shea, ebenfalls Mitglied dieser Kommission, verkündet: "Unser Hauptziel besteht in der weltweiten Durchsetzung der neuen liberalen Ordnung."   

Diese Herrschaftslogik, deren Anfänge auf die Reagan-Administration zu Beginn der Achtzigerjahre zurückgehen und die man fast schon als interaktiv bezeichnen könnte, wird auf die Spitze getrieben mit den derzeitigen Versuchen, universell gültige Rechtsnormen durchzusetzen. Damit soll die Globalisierung der Märkte zum Abschluss gebracht werden. Aber noch rührt sich dagegen Widerstand. Das gilt unter anderem für den Bildungsmarkt, wo den Sekten und Kommunikationskonzernen ein gemeinsamer Feind entgegentritt: die in Europa weit verbreitete ideologische Grundposition, die ihre historischen Wurzeln in Frankreich hat - das Prinzip der Laizität. Die Angriffe auf die französische Sektenpolitik zielen also auf etwas viel Prinzipielleres: auf den laizistischen Charakter der Französischen Republik.   

Was die Sekten mit diesem Kampf erreichen wollen, liegt auf der Hand. Wenn es ihnen gelingt, im europäischen Bildungswesen Fuß zu fassen, wenn sie das Recht erlangen, wie in den Vereinigten Staaten eigene Schulen zu betreiben, die jeder staatlichen Kontrolle entzogen sind, hätten sie sich eine umfassendere und stabilere Rekrutierungsbasis gesichert. Denn diese Institutionen wären dann unmittelbar an der kulturellen und psychologischen Prägung des Individuums beteiligt.   

Vor dem Hintergrund dieses kulturpolitischen Ziels kann man zwar nicht von einer regelrechten Einheitsfront mit den Konzernen der Kommunikationsindustrie sprechen, doch lassen sich eindeutig weit gehende Verflechtungen etwa mit den Geräteherstellern oder den Produzenten von Inhalten und Programmen, der Computer- oder der Filmindustrie nachweisen. Dass ABC, CNN und Konsorten enge Beziehungen zu den fundamentalistischen Lobbygruppen unterhalten, ist bekannt.   

Abschließend sei noch auf einige bemerkenswerte Zufälle verwiesen: Bill Gates erster Biograf David Ichbia ist Scientologe, dasselbe gilt für Guy Jensen, einen seiner engsten Mitarbeiter, und "Executive Software", ein Schlüsselunternehmen des Microsoft-Imperiums, bezeichnet sich offen als scientologisch orientiert. Wer weiß: Vielleicht kommt uns demnächst Big Brother via Bildschirm ins Haus.    

dt. Bodo Schulze   

Fußnoten:   
(1) Siehe www.innenministerium.bayern.de/scientology/  
(2) Dies ist insofern nicht verwunderlich, als 90 Prozent der Sekten aus den USA stammen und dort ihren Hauptsitz haben.   
(3) Die 1990 gegründete Behörde, die mit allen US-Geheimdiensten zusammenarbeitet, hat die Aufgabe, die Lage der Freiheitsrechte und der Demokratie in allen Ländern der Welt zu bewerten. Sie erstellt nach Themen und Ländern gegliederte Berichte an die Regierung und arbeitet darüber hinaus dem Kongress und dem Senat zu.   
(4) Im Gespräch mit dem Verfasser.   
(5) Naples Daily News vom 28. Januar 1999 (Naples, Florida), zitiert nach Stephen A. Kent, "Consultation on Religious Persecutions as a US Policy Issue", Trinity College, Hartford/Connecticut.   
(6) Dazu die Veröffentlichungen des "Interhemispheric Ressource Center und die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift World Vision von 1991. Siehe auch http://www.pir.org/gw/wv.txt  
(7) Die Berichte der "Commission of International Religious Freedom" stehen auf Seite www.state.gov/www/global/human_rights/drl_reports.html  
(8) Das "Office for Democratic Institutions and Human Rights" wurde 1990 in Anwendung der "Charta von Paris für ein neues Europa" als Unterorganisation der OSZE gegründet, um die Wahlen in Europa zu überwachen. Auf dem Budapester Gipfel 1994 wurde zusätzlich das Ziel der Verhütung von Konflikten in ihren Aufgabenkatalog aufgenommen. Unter dem Einfluss der ehemaligen US-Senatoren Dennis DeConcini und Alfonse dAmato beschäftigt sich das ODIHR nun auch mit Fragen der Religionsfreiheit (http://www.osce.org/odihr/index.php3).   
(9) Hearing zum Thema "Religious Freedom in Western Europe: Religious Minorities and Growing Government Intolerance", Commission on Security and Cooperation in Europe, June 8, 1999, http://www.csce.gov/hearings_briefings.cfm  
(10) Diese Telex-Kopien hat der Autor von einer Internet-Seite, die die US-Depeschen per anonymer Mails erhalten hat; siehe http://parishioner.org/spain.html  
(11) Siehe http://www.cesnur.org/  
(12) Siehe http://www.lisatrust.net/  
(13) Siehe die Los Angeles Times, 9. September 1999 (http://www.latimes.com/).   
(14) Siehe http://www.religionandpolicy.org/  
(15) Siehe http://www.ird-renew.org/  
(16) Stephen A. Kent, "The French and German versus American Debate over ,New Religions', Scientology, and Human Rights", Marburg Journal of Religion 6 (1), Januar 2001, http://www.uni-marburg.de/religionswissenschaft/journal/mjr/kent2.html  

Le Monde diplomatique Nr. 6443 vom 11.5.2001, Seite 1,20-21, 90 Dokumentation BRUNO FOUCHEREAU

 
 

Reform des Sozialsystem - zur Freude von Sekten und Heilsaposteln
 
Süddeutsche Zeitung  28.02.2001 Politik   
Reform des Sozialsystems in den Vereinigten Staaten  
Gottes Land sucht Gottes Hilfe  
Der neue US-Präsident George W. Bush will den Religionsgruppen mehr Aufgaben übertragen – zur Freude von Sekten und Heilsaposteln / Von Wolfgang Koydl  

Washington – Schon auf den ersten Blick erschien John DiIulio die Sache klar: Hier war ein Typ, den man gemeinhin als ein wenig verschroben bezeichnen würde – wenn man höflich ist. Ein pensionierter Polizist aus Washington, der auf seine alten Tage religiös geworden ist, noch einmal eine Hypothek auf sein Haus aufnimmt, um dann auf eigene Kosten in der Nachbarschaft Jugendarbeit zu machen; und das alles nur, weil ihn „Gott führt“.  

„Du hörst dir das an“, erinnert sich DiIulio, „und du sagst dir: Oh-oh, er wird von Gott geführt, sagt er. Zeit, das Programm zu wechseln.“ Aber dann blieb DiIulio doch dran, und sein Bild von Tom Lewis, dem Ex-Cop, änderte sich dramatisch: „Ich hörte, was er sagte, ich sah, was er tat, und es war, als ob man einem Apostel zusähe, live und in Farbe“, meint er.  

Erfahrungen wie diese haben den 42-jährigen Universitätsprofessor und Kriminalwissenschaftler geprägt und – nach eigenen Worten – auch verändert. Nun soll er im Auftrag von Präsident George Bush das Sozialsystem in den Vereinigten Staaten verändern. Wenn es nach dem neuen Herrn im Weißen Haus geht, sollen künftig religiöse Organisationen mehr als bisher sozial tätig werden. Der italienischstämmige Katholik DiIulio wird diese Bemühungen koordinieren. Letzte Woche übernahm er das neue Amt mit dem komplizierten Namen „Büro für glaubensgeleitete und Gemeinschafts-Initiativen“.  

Neue Heimat Heilsarmee  

Der Plan klingt einleuchtend: Warum sollen Kirchen und andere religiöse Institutionen nicht einen Teil der Sozialaufgaben übernehmen, welche der Staat in den USA ohnehin nur unzureichend erfüllt. Neu ist diese Art der Arbeitsteilung ohnehin nicht. Drei große kirchliche und religionsnahe Organisationen erhalten schon jetzt insgesamt 4,5 Milliarden Dollar im Jahr an staatlichen Zuschüssen: „Lutheran Services“, „Catholic Charities“ und die Heilsarmee. Ähnlich wie in Europa betreiben sie Kinderkrippen und Altersstätten, kümmern sich um die Integration neuer Einwanderer, aber sie bauen darüber hinaus auch erschwingliche Wohnungen und Häuser für arme Amerikaner. Unter Geldmangel leiden die drei Organisationen nicht: Die Lutheraner verfügen über ein Jahresbudget von sieben Milliarden Dollar, die Katholiken und die Heilsarmee von jeweils mehr als zwei Milliarden. Insgesamt 62 Prozent davon schießt der Staat zu.  

Was den Großen recht ist, kann den Kleinen nur billig sein. Aber hier liegt die Crux. „Ein Programm, das auf Glaubensgrundlagen beruht, wirft zwangsläufig die Frage auf, welche Glaubensrichtungen nicht akzeptiert werden können“, meint der Historiker und Religionswissenschaftler Philip Jenkins von der Universität von Pennsylvania. „Wie unterscheide ich zwischen einem Methodisten und einem Moonie? Die Antwort lautet: Man kann nicht unterscheiden.“ Jenkins Schlussfolgerung: „Entweder finanziere ich alle Glaubensgruppen, sogar jene, die ich radikal ablehne, oder ich finanziere gar keine.“  

Die Inbrunst der Ungläubigen  

Bush selbst hatte sich bei der Vorstellung seines Programmes mit einer bunten Auswahl von Klerikern umgeben: Christliche Pfarrer, Priester und Prediger verschiedenster Couleur, zwei Rabbiner, und ein islamischer Imam. Doch diese Gottesmänner – eine Frau war nicht darunter – stellen nur einen kleinen Teil der vielfältigen religiösen Szene in den Vereinigten Staaten dar. Genau genommen müsste Bush sogar die Gruppe der Atheisten finanziell fördern, die in den USA immer mehr Zulauf finden und ihren Unglauben mit einer Inbrunst pflegen, die selbst fromme Menschen vor Neid erblassen lässt.  

„Wir schreiben keine Religion vor“, erklärte Bush, „wir heißen alle Religionen willkommen.“ Erfreuliche Nachrichten für manche mehr oder weniger obskure Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Sekten. Sie offerieren sowieso schon in erster Linie Heilmethoden, Programme und Pläne in jenen Bereichen, die Bush nach eigenem Eingeständnis besonders am Herzen liegen: Alphabetisierung, sexuelle Enthaltsamkeit bei Heranwachsenden und Drogenmissbrauch.  

Die in Deutschland umstrittene Scientology-Bewegung beispielsweise empfiehlt sich mit ihrem Anti-Drogen-Programm „Narconon“ und mit einer Methode zur Rehabilitierung von Strafgefangenen, die auf den Namen „Criminon“ hört. Im Bundesstaat Oklahoma etwa erhalten die Scientologen öffentliche Mittel für ihr Programm zur Behandlung von Drogenabhängigen. Die Sekte bestreitet, dass Hilfsempfänger sich zu den ideologischen Grundlagen der Kirche bekennen müssen.   

Die Anhänger des koreanischen Sektenführers Sun Myung Moon wiederum empfehlen sich mit ihrer Methode zur Pflege und Förderung züchtigen Sexualverhaltens an Schulen. Die Moonies haben sich inzwischen umbenannt und heißen – unverfänglich, unerkennbar und umständlich – „Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung USA“. Einen neuen Namen tragen auch die Hare-Krishna-Jünger. Eines ihrer erfolgreichsten Hilfsprogramme nannte sich „Hare Krishna – Nahrung für das Leben“. Als sich Sponsoren beschwerten, blieb nur der zweite Teil des Titels erhalten. Hare Krishna ist ebenfalls schon Teil des staatlichen Sozialsystems: In Philadelphia betreiben sie seit 20 Jahren im Regierungsauftrag Sozialprogramme.  

Zum Credo des neuen US-Präsidenten gehört es, dass Konkurrenz gut ist für Amerika. Doch ob diese Weisheit auch auf seinen Sozialplan auf Glaubensbasis zutrifft, mag dahin gestellt bleiben. Kritiker erwarten eher Streit und Neid, Rivalität und Missgunst – wie immer und überall, wo Geld verteilt wird. Noch bevor das Glaubensamt öffnete, legte beispielsweise die jüdische „Anti-Diskriminierungsliga“ vorsorglich Protest ein. Sie verlangte – und erhielt – die Zusicherung, dass die radikal-islamische „Nation of Islam“ unter keinen Umständen an den Tropf staatlicher Gelder angeschlossen werden dürfe. Die von Louis Farrakhan geführte Schwarzen-Organisation gilt als notorisch antisemitisch.  

Andere Kritiker wiederum sehen ein Problem mit der verfassungsrechtlich verankerten Trennung von Religion und Staat. „Wir wollen uns unsere einzigartige Botschaft nicht durch die Abhängigkeit von der Regierung verwässern lassen“, meinte Fritz Ritsch, der eine evangelische Gemeinde in Washington leitet. Und Jane Dixon, die lutherische Bischöfin von Washington, verweist im Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf eine alte Weisheit: „Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.“  

Bedenken wegen einer Verquickung von Staat und Religion gibt es aber auch auf weltlicher Seite: Dort befürchtet man, dass die religiösen Organisationen in Versuchung geraten könnten, unter den ihnen anvertrauten Armen, Schwachen und Kranken ein wenig zu missionieren. Offiziell ist ihnen das zwar nicht gestattet; aber sie dürfen und sollen ihre religiöse Identität nicht verstecken, schließlich trägt diese – nach Überzeugung keines geringeren als des Präsidenten – maßgeblich zum Erfolg ihrer Bemühungen bei.  

Wer glaubt, lebt gesünder  

Dass es einen Zusammenhang zwischen Religiosität auf der einen und Kriminalität, Arbeitslosigkeit und anderen sozialen Übeln auf der anderen Seite geben könnte, darüber hat Bushs neuer Glaubenskoordinator DiIulio schon früher nachgedacht. Als Kriminalwissenschaftler stieß er 1995 auf Studien, wonach religiöse Menschen nicht nur seltener mit dem Staat in Konflikt geraten, sondern generell ein gesünderes und längeres Leben führen. Doch anstatt voreilige Schlüsse zu ziehen – „Was soll die Regierung tun? Leute bezahlen, damit sie in die Kirche gehen? –, betrieb DiIulio Feldforschung; etwa bei Leuten wie Ex-Polizist Tom Lewis, die aus religiösem Antrieb anderen helfen. Dabei hätten ihn, so DiIulio, gar nicht einmal die Resultate beeindruckt. „Aber ich war wie geblendet von diesen Menschen“, gibt er zu.  

Dennoch ist DiIulio nicht überzeugt, dass Kirchen besser oder rentabler helfen können als der Staat. In eine der üblichen politischen Schablonen passt er sowieso nicht, und das macht seine Berufung so pikant. Wo die Republikaner Selbsthilfe predigen, da setzt er des Staates Pflicht zur sozialen Gerechtigkeit entgegen; und wenn die Demokraten alles auf eine vage Form von kollektiver Verantwortung abschieben wollen, erinnert er daran, dass zunächst einmal der Einzelne, seine Familie und seine Nachbarschaft eine Anstrengung zur Verbesserung machen müssten. Und DiIulio hält sich die Option der Rückkehr an die Universität offen: Fürs erste hat er sich nur für sechs Monate in Washington verpflichtet.

 



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